Was macht das Stinktier im Kofferraum?
Phil Callaway


Gewohnt selbstironisch erzählt Phil Callaway heitere und berührende Geschichten aus dem Alltag mit seinen drei heranwachsenden Kindern und aus seiner eigenen Kindheit, ergänzt durch Begebenheiten aus dem Leben anderer Christen.







PHIL CALLAWAY

Was macht das Stinktier

im Kofferraum?

Wie man lacht, auch wenn einem das Leben

gerade gewaltig stinkt

Aus dem Amerikanischen

von Elke Wiemer







Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de (http://www.d-nb.de) abrufbar.



eISBN 9783865064417

© der deutschsprachigen Ausgabe 2011 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Originally published in English under the title: Laughing Matters by Phil Callaway.

Copyright © 1995, 2005 by Phil Callaway

Published by Multnomah Books,

an imprint of The Crown Publishing Group,

a division of Random House, Inc.

12265 Oracle Boulevard, Suite 200,

Colorado Springs, Colorado 80921 USA



International rights contracted through:

P.O. Box 4060, Ontario, California 91761-1003 USA

This translation is published by arrangement with

Multnomah Books, an imprint of The Crown Publishing Group,

a division of Random House, Inc.

Übersetzt von Elke Wiemer

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelillustration: iStockphoto/Fotolia

Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg

www.brendow-verlag.de (http://www.brendow-verlag.de)


Für Ramona

Eigentlich wollte ich nicht witzig sein.

Ich wollte gut aussehend und stark sein.

Du hast mich so geliebt, wie ich war.

Wenn ich gewusst hätte, dass es so schön wird …

hätte ich dich schon in der dritten Klasse gefragt,

ob du mich heiratest.


Alle Bibelzitate sind, wenn nicht ausdrücklich anders erwähnt, der Übersetzung Hoffnung für alle entnommen, © 1986, 1996, 2002 International Bible Society. Übersetzung, Herausgeber und Verlag: Brunnen Verlag, Basel und Gießen.



Weitere verwendete Bibelübersetzungen:

Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984. Durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.

© 1984 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.




Inhalt


Inhalt

Cover (#ud023d7bd-779f-5a18-8bd8-67d82bdd5b8e)

Titel (#u940e3232-e7bf-581f-84b6-4a3d2b609983)

Copyright (#u67aa46fb-47d7-5d09-9c2a-c81edd6c1c3d)

Eine schwere Geburt (#ua7d1af9b-dd2b-518d-928c-b550f9a57387)

Einleitung (#uc7765f7e-e781-53b8-ba09-ab19ff1ca6a7)

Teil 1 (#ulink_351d1447-7961-5dcb-b4f5-94b2d2e4e240)

Die Welt ist voller Kakteen … Aber wir müssen uns ja nicht draufsetzen (#ulink_772135ee-6dec-5ed4-b9c8-0602ab740b5e)

1 Wer hat das Stinktier in den Kofferraum gesteckt? (#ulink_b85a223a-26f0-57df-92f1-0096f15f677b)

2 Das passiert eben (#ulink_f8dea48a-f414-53d6-858d-201554bc3907)

3 Und Bob? (#ulink_1de0280a-08fe-5b71-8c70-41641e85fddf)

4 Lektionen auf dem Eis (#ulink_452b05f8-5e04-5f72-9650-2015f7732b76)

5 Die Entscheidung (#ulink_a042201b-3e68-51c5-96d1-f1230013dfef)

6 Thanksgiving im finsteren Tal (#ulink_43f7822b-027c-54a3-a395-c59edf377de7)

7 Den Umschlag, bitte (#ulink_474c2463-4190-5f2d-a7ce-b9978f7b4cef)

      Stinktier-Vertreiber 

      Teil 2 

      Wenn die Gelegenheit anklopft, beklagen Sie sich nicht über die Störung 

      8 Hilfe! Die Kinder schießen wie Pilze aus dem Boden! 

      9 Held wider Willen 

      10 Der letzte Schuhkarton 

      11 Langer Abschied 

      12 Träume auf Eis gelegt 

      13 Lachen im finsteren Tal 

      Stinktier-Vertreiber 

      Teil 3 

      Mut ist Angst, die gelernt hat zu beten 

      14 Papa ist wach 

      15 Reise ins Vertrauen 

      16 Wetten, dass? 

      17 Die Geschichte zweier Könige 

      18 Schau mal, wer die Tretmühle am schnellsten drehen kann! 

      19 Der stotternde Diener 

      20 Für Stephen zum Schulabschluss 

      Stinktier-Vertreiber 

      Teil 4 

      Die Frucht des Geistes sind nicht Zitronen 

      21 Grundkurs Lachen 

      22 Wer hat den Frosch in meine Erbsen getan? 

      23 Der Brief in der Brotdose 

      24 Tor zur Freude 

      Stinktier-Vertreiber 

      Teil 5 

      Lachen ist besser als Antidepressiva, aber nichts ist so wirkungsvoll wie Hoffnung 

      25 Unfug 

      26 Das Evangelium nach Matt 

      27 Warum Metuschelach so lange lebte 

      28 Die letzte Zuflucht 

      29 Hoffnung auf Weihnachten 

      30 Familientreffen 

      Stinktier-Vertreiber 

      Schlusswort 


Eine schwere Geburt



Nachdem ich drei Kinder großgezogen und ein Dutzend Bücher geschrieben habe, fühle ich mich qualifiziert, eine tiefe Erkenntnis weiterzugeben. Ich glaube, ein Buch zu schreiben, ist für einen Mann so ähnlich, wie für eine Frau ein Kind zu bekommen. Neun Monate habe ich dieses Kind mit mir herumgetragen. Ich habe nicht immer vernünftig reagiert. Manchmal habe ich mitten in der Nacht genascht. Am liebsten Eis und Essiggurken. Wenn ich beides durcheinander gegessen habe, war mir morgens übel. Wie jedes Projekt von solchem Umfang wäre es nicht möglich gewesen ohne die Fürsorge, Pflege und Unterstützung durch den Pizzamann.

Ich möchte auch meiner Frau, Ramona, danken, die immer wieder zu mir gesagt hat: »Tief durchatmen, Schatz, so wie du es zu mir gesagt hast bei der Geburt, bevor du ohnmächtig geworden bist.« Auch Jeffrey, Rachael und Stephen bin ich sehr dankbar. Sie sind drei wunderbare Teenager, die mich so sehr lieben, dass sie sogar ihre Musik leiser drehen, wenn ich schreiben will (Musik, die sich anhört, als bearbeite jemand eine Katze mit dem Staubsauger).

Einen herzlichen Dank an die fleißigen Beter auf meiner Liste und an meine Eltern, die mehr auf den Knien von mir gesprochen haben als irgendwo sonst. Ich ziehe den Hut vor meinen Freunden am Prairie Bibel Institut, ganz besonders vor Dan und Lynn, Tim und Ruth, Vance und Sherri und Ahab und Isebel, den beiden Labrador Retrievern, an denen ich jeden Tag vorbeigehe. Sie sorgen dafür, dass ich rechtzeitig zur Arbeit komme.

Wenn Sie schon einmal eine Schildkröte auf einem Zaunpfahl gesehen haben, dann wissen Sie, dass sie da nicht alleine hingekommen ist, deshalb möchte ich mich bei den Leuten von Multnomah bedanken. Sie haben das Kind vom ersten Tag an umsorgt, haben regelmäßig Ultraschallaufnahmen gemacht und oft gesagt: »He, ich glaube, das da ist ein neues Kapitel. Es bewegt sich.« Don Jacobson glaubte, dass die Welt diese Botschaft hören muss, und dass ein Humorist sie am besten rüberbringen kann. Danke, Don. Cliff Boersma stand mir mit wertvollem Rat und einem netten Vorschuss zur Seite. Jennifer hielt in ihrer sanften Hand einen großen Radiergummi. Euch allen danke ich, dass ihr mir auf den Zaunpfahl geholfen habt.

Vor allem aber möchte ich Gott danken, der mir die Gabe der Freude geschenkt hat. Hätte er mir nicht diese Gabe gegeben, würde ich jetzt in einem Heim für geistig Verwirrte sitzen und Vogelhäuschen basteln. Es ist einfach unglaublich, dass ich jetzt meinen Lebensunterhalt mit etwas verdiene, das mich während meiner ganzen Grundschulzeit nur in Schwierigkeiten gebracht hat (nämlich andere zum Lachen zu bringen). Danke, Herr, dass du einen eingefleischten Heuchler komplett auf den Kopf gestellt hast und mich jetzt gebrauchen kannst. Ich hoffe, dass ich mit allem, was ich schreibe, meine Dankbarkeit zeigen kann.


Einleitung



Alles ist witzig, solange es jemand anderem passiert.

WILL ROGERS



Es war der schönste Tag meines Lebens. Es war der schlimmste Tag meines Lebens. Freitag, der 28. August. Unser zehnter Hochzeitstag. Eine Woche zuvor hatte ich im Delta Bow Valley Hotel angerufen und Zimmer 1716 reserviert. Der Manager fragte mich, warum ich ausgerechnet dieses Zimmer haben wolle, und so erklärte ich ihm: »Unser Irish Setter brachte auf dem Bett einen hübschen Wurf zur Welt. Diesmal bringen wir unseren Bernhardiner mit.«

Zum Glück konnte er darüber lachen.

»Ehrlich gesagt«, sagte ich mit einem Lächeln in der Stimme, »hat unsere Ehe in diesem Zimmer einen großartigen Anfang genommen, und wir würden gerne etwa alle zehn Jahre einmal wiederkommen, wenn wir dürfen.« Er versicherte mir, dass wir das durften, und dass auch ein paar kleine Überraschungen auf uns warten würden. Die erste Überraschung war, dass das Zimmer jetzt 119 Dollar kostete statt der 39 Dollar, die wir vor zehn Jahren bezahlt hatten. Ich legte auf und bestellte als nächstes Karten für die Oper Les Misérables, die schon Millionen gesehen haben, die aber niemand richtig aussprechen kann.

»Ich brauche Ihre Kreditkartennummer«, sagte der Kartenverkäufer.

»Wie viel kostet das?«, fragte ich und zog eine abgenutzte Visa-Karte aus dem Geldbeutel.

»70 Dollar.«

Instinktiv klammerte ich mich an meine Brieftasche.

»Äh … pro Reihe?« »Nein, pro Platz, Sir«, erwiderte er humorlos.

259 Dollar später hatte ich das perfekte romantische Wochenende geplant. Eine 24-Stunden-Feier für eine Liebe, die vor 15 Jahren begonnen hatte, als eine schüchterne Blonde aus einem tausend Meilen entfernten Ort ins Nachbarhaus gezogen war, und ich daraufhin Galater 5,14 zu meinem Motto während meiner High-School-Zeit erklärte:



Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.



Fünf Jahre lang waren wir mal zusammen und mal nicht (immer dann nicht, wenn sie es beschloss), bis wir an einem wunderbaren verregneten Augusttag die Sache fest machten. Zehn Jahre später hatten wir drei wunderbare Kinder und mehr Freude in unserer Ehe erlebt, als wir uns je hätten vorstellen können. Aber als ich an jenem Tag meine Visa-Karte wieder einsteckte, merkte ich, dass viel von dieser Freude verflogen war.

Ob uns dieses Wochenende wohl helfen würde, die dunklen Wolken zu vergessen, die sich in den letzten fünf Monaten über uns zusammengezogen hatten?

Ich bezweifelte es.

Es ist seltsam, ein Komiker zu sein und zuzusehen, wie die Leute bei den Geschichten und Witzen, die man erzählt, vor Lachen vom Stuhl fallen, während man sich fragt: Wann wird es mir einmal so gehen? Wann werde ich wieder lachen? Wann werden die Raubvögel über meinem Kopf verschwinden, und wann wird die Freude zurückkehren?

In jenem Jahr im März waren Ereignisse eingetreten, die weder wir noch ein Dutzend Ärzte erklären konnten. Ereignisse, die uns in die Knie gezwungen und manchmal auch in die Verzweiflung getrieben hatten. In meinem Buch Making Life Rich Without Any Money (Reich sein ohne Geld) erzähle ich, wie ich an einem winterlichen Tag nach Hause kam und unsere Kinder in der Küche gerade dabei waren, sich ganz alleine in einer Schüssel etwas zu Essen zu machen. Unser Ältester, Stephen, sah mit angsterfülltem Blick zu mir auf und fragte: »Wird Mama sterben?«

Im Wohnzimmer lag Ramona bewusstlos in einer Blutlache, die aus einem langen Riss an ihrem Bein kam. Sie hatte gerade zum ersten Mal in ihrem Leben einen Anfall gehabt. Den ersten von Hunderten, die noch kommen sollten.

Auf der langen Fahrt mit dem Krankenwagen in die nächste Stadt fragte ich mich, wie wohl die Zukunft aussehen würde. Bis jetzt war in meinem Leben so ziemlich alles glattgegangen. Schmerz kannte ich nur aus dem Leben anderer. Auf ihre Fragen hatte ich schnelle Antworten und auch noch die passenden Weisheiten parat. Aber als ich auf das einzige Mädchen sah, das ich je geliebt hatte, wusste ich, dass meine Welt nicht mehr dieselbe sein würde. Gestern war Ramona noch so voller Leben gewesen und hatte mir mit einem fröhlichen Lachen auf dem Gesicht einen Willkommenskuss aufgedrückt. Jetzt lag sie reglos da, mit blauen Lippen, und ihr hübsches Gesicht war aschfahl. Ich hielt ihre leblose Hand, starrte aus dem Fenster, und die Tränen liefen mir übers Gesicht.

»Oh Gott«, betete ich, »bitte tu etwas.«

Aber Gott schien mich nicht zu hören.

In den darauf folgenden Monaten gab es eine endlose Reihe von Untersuchungen bei Ärzten und Spezialisten, Krankenhausaufenthalte und das frustrierende Gefühl, mit einem Damoklesschwert über unseren Köpfen zu leben. Ramona hatte nicht nur mit diesen Anfällen zu kämpfen, sondern eine Krankheit, von der ich Ihnen in Kapitel 1 noch näher erzählen werde, war über ihre Familie hereingebrochen.

Eines Tages saß ich in meinem Arbeitszimmer und wurde gerade von einem nationalen Radiosender interviewt. Eine Frage des Moderators erregte meine Aufmerksamkeit: »Wie schaffen wir es, in schweren Zeiten unseren Humor nicht zu verlieren?« Ich kam ein wenig ins Stottern, brachte dann aber doch eine befriedigende Antwort zustande. Als das Interview vorüber war, kam ich aus meinem Arbeitszimmer und fand Ramona wieder einmal auf dem Boden im Wohnzimmer.

Die Anfälle wurden schlimmer. Als es August war, hatten wir uns damit abgefunden, dass das einzig Beständige in unserem neuen Leben die Unsicherheit war. Sorgenvolle Tage und schlaflose Nächte raubten unserer Familie allmählich das Lachen, und ich begann, mich mit einem neuen und unangenehmen Gast anzufreunden. Nach außen wirkte ich standhaft, stark, ja sogar fröhlich. Aber innerlich breitete sich die Bitterkeit in unserem Leben aus wie der kalte, nasse Regen an der Ostküste.

Das Wochenende unseres Hochzeitstages war das erste Wochenende seit März, an dem wir für uns waren, und darauf hatte ich mich schon seit Wochen gefreut. Vielleicht würde der Regen in unserem Leben für ein paar Tage nachlassen. Vielleicht würde sogar die Sonne durchkommen.

Als wir auf den Parkplatz fuhren, starrten wir zu einem riesigen Plakat am Theater hinauf, auf dem Les Misérables stand. »Das sollten wir daheim an die Hauswand hängen«, sagte ich zu Ramona. »Genauso fühle ich mich zurzeit. Vielleicht geht es in dem Stück um uns.« Sie lachte.

Nachdem ich schon drei verschiedene Filmversionen gesehen und Victor Hugos dicken Klassiker zum größten Teil auch gelesen hatte, war ich jetzt neugierig auf die Bühnenfassung.

Ich hatte keine Ahnung, wie sehr mich das Stück treffen würde.

Und wie sehr es auf unsere jetzige Situation zutraf.

Les Misérables erzählt die Lebensgeschichte von Jean Valjean, der in ein französisches Gefängnis geworfen wird, weil er einen Laib Brot gestohlen hat. Als er nach 19 Jahren auf Bewährung freigelassen wird, muss er feststellen, dass er durch seine Vergangenheit zu einem Leben als Ausgestoßener verdammt ist. Der einzige Mensch, der sich mit ihm anfreundet, ist ein bescheidener Bischof. Aber verbittert durch die langen Jahre im Gefängnis vergilt Valjean dem Bischof seine Freundschaft eines Nachts damit, dass er ihm sein Tafelsilber stiehlt. Die Polizei fängt ihn und bringt ihn zurück. Mit gesenktem Kopf steht er vor dem Bischof, dazu verdammt, den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen.

»Wir haben bei diesem Mann einen Silberteller gefunden«, sagt einer der Polizisten. »Den hat er wohl bei Ihnen gestohlen, oder nicht?«

Der Bischof hält einen Moment inne. Er kennt Valjeans Vergangenheit und fragt sich, wie seine Zukunft wohl aussehen wird. Dann sagt er etwas, was niemand erwartet hatte. »Nein, ich habe ihm die Sachen geschenkt. Aber ich bin froh, dass Sie ihn noch einmal hergebracht haben, denn er hat vergessen, die silbernen Kerzenständer mitzunehmen.«

Als die Polizisten gegangen sind, fällt Valjean dem Bischof zu Füßen. Er bringt kein Wort heraus. Sein Gesicht ist tränenüberströmt. Überwältigt von so viel Gnade schwört Valjean, dass er von nun an ein anderer Mensch sein will.

Schon bald wird er ein erfolgreicher Fabrikbesitzer und wird an seinem neuen Wohnort hoch geehrt. Aber eines Tages kommt Inspektor Javert in die Stadt, Valjeans Erzfeind aus seiner Zeit im Gefängnis. Javert, der selbst vor seiner Vergangenheit davonläuft, hat noch eine alte Rechnung zu begleichen. Von da an verfolgt er seinen Feind, Valjean, und ist wild entschlossen, seine Schuld zu beweisen und dafür zu sorgen, dass er wieder im Gefängnis landet. Aber Valjean hält sich an sein Gelübde. Er rächt sich nicht an Javert, was diesen nur noch wütender macht. Voller Liebe adoptiert Valjean ein Kind und setzt später sein eigenes Leben für den Verlobten seiner Tochter aufs Spiel. Während der ganzen Geschichte überwindet er das Böse immer wieder mit dem Guten, entscheidet sich für die Freude, statt bitter zu werden, und überwindet schließlich sogar seinen Erzfeind Javert mit der Liebe Gottes.

Als schließlich der Vorhang zufiel, saß ich weinend da, so sehr hatte mich diese Geschichte von Gnade und Vergebung berührt. Sie müssen wissen, dass ich normalerweise nicht nah am Wasser gebaut bin. Das letzte Mal habe ich geweint, als ich in der vierten Klasse war und der Hund in meiner Lieblingsserie, Old Yeller, eines Samstagnachmittags starb. Aber jetzt stellte ich mir zum ersten Mal eine Frage, die mein ganzes Leben verändern sollte: Wie wollte ich werden? Wie Valjean oder wie Javert?

An diesem Abend saßen wir in unserem 119 Dollar teuren Hotelzimmer, aßen Erdbeeren mit Schokoüberzug (ein Geschenk des Hauses), sprachen über die Hauptdarsteller und fragten uns: Was unterscheidet die, die auferstehen, von denen, die untergehen? Was unterscheidet die, die aufgeben, von denen, die triumphieren?

Sieben Jahre lang war ich jetzt auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage.

In dieser Zeit habe ich viel über Menschen und Geschichten, die ich kenne, nachgedacht. Ich habe über biblische Wahrheiten nachgedacht, die mir auf dem Weg zur Freude helfen könnten. Das Buch, das Sie jetzt in den Händen halten, erzählt meine eigene Geschichte, aber auch die von vielen anderen, die durch noch schwierigere Zeiten gehen als ich und entdeckt haben, dass Lachen lebensnotwendig ist und dass es immer einen Grund zur Freude geben wird. Während meiner Recherchen für dieses Buch wurde mir klar, dass diese Menschen fünf wichtige Eigenschaften haben, die man unbedingt braucht, um ein Leben voller Freude zu leben. Wenn Sie unerwartetes Unglück getroffen hat, so können diese Eigenschaften wieder Lachen in Ihr Leben bringen und Ihnen helfen, so durchs Leben zu gehen, wie Valjean es tat.

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass diese fünf Eigenschaften mein eigenes Leben von Grund auf verändert haben. Sie haben mir Freude, Frieden und Hoffnung gegeben.

Ich kann es kaum erwarten, Ihnen zu erzählen, welche fünf Eigenschaften das sind.


Teil 1



Die Welt ist voller Kakteen …

Aber wir müssen uns ja nicht draufsetzen



Lache viel, dann hast du im Alter die Falten am richtigen Fleck.



Die Schwierigkeiten bedrängen uns von allen Seiten,

und doch werden wir nicht von ihnen überwältigt.

Wir sind oft ratlos, aber nie verzweifelt. Von Menschen

werden wir verfolgt, aber bei Gott finden wir Zuflucht.

Wir werden zu Boden geschlagen, aber wir kommen

dabei nicht um.

2. KORINTHER 4,8-9



Man muss nicht erst in die Wüste gehen, um zu entdecken, dass die Welt voller Kakteen ist. Als ich etwa zehn Jahre alt war, verlor mein Gokart die Räder, als ich gerade einen steilen Hang hinunterraste. Je älter wir werden, desto schlimmer kann es kommen. In dieser kaputten Welt überkommen uns schmerzhafte Erlebnisse. Eine schockierende Arztdiagnose, der Tod eines geliebten Menschen, die Bankenkrise. Wir sind von unserem eigenen Versagen oder von anderen enttäuscht oder stecken in widrigen Umständen.

Eines Nachts, als ich versucht war, mich meinem Elend hinzugeben, schrieb ich folgende Zeilen in ein Tagebuch:

In letzter Zeit scheint Gott das Wasser, durch das ich gehe, einen Zentimeter höher steigen zu lassen, als ich groß bin. Aber ich habe eine überraschende Entdeckung gemacht. Der Sturm, der über mich hinwegfegt, kann mich auch aus dem Wasser, ans andere Ufer treiben, auf Neuland. Er kann mir all meine Sicherheit nehmen, meine schönsten Pläne zunichtemachen und meine kleine Nussschale zum Kentern bringen. Der Fels, an den ich mich klammere, rührt sich bei all dem Wind kein bisschen. Und ich danke Gott, dass ich meinen Blickwinkel immer noch selbst bestimmen kann. Mein Blickwinkel bestimmt, ob das hier eine schmerzhafte oder eine nützliche Erfahrung wird. Meine Einstellung kann mir helfen zu erkennen, dass mein Problem gar nicht das eigentliche Problem ist. Das eigentliche Problem ist, wie ich das Problem sehe. Muss ich vielleicht lernen, die Dinge loszulassen, die ich ohnehin nicht ändern kann, und mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich ändern kann?

Aber was bedeutet das im täglichen Leben?


1 Wer hat das Stinktier in den Kofferraum gesteckt?



Als Gott die Welt erschuf, erschuf er Mann und Frau.

Und damit das Ganze dann nicht zusammenbrach,

erschuf er noch den Humor.

GUILLERMO MORDILLO



Das Leben warnt uns selten rechtzeitig vor den Überraschungen, die es bereithält. Fragen Sie einmal Patricia und Christopher Smith. Als das Ehepaar kürzlich mit seinen beiden Söhnen ein Zimmer in einem Maryland Comfort Inn nahm, freuten sie sich auf ein warmes Bett, ein heißes Bad und vielleicht ein paar extra Shampoofläschchen, die sie mit nach Hause nehmen konnten.

Aber sie bekamen weit mehr, als sie bezahlt hatten.

Um halb zwei nachts wachte Christopher auf und wollte den Fernseher ausschalten. Da entdeckte er, dass der Teppich sich bewegte. Wenn Sie gelegentlich mal in einem Hotel übernachten, dann wissen Sie, dass das kein gutes Zeichen ist. Es stellte sich heraus, dass der Teppich eine lebendige, drei Meter lange Königsboa war, die, soweit Christopher wusste, nicht in der Werbebroschüre des Hotels aufgeführt war.

Er hatte drei Möglichkeiten:



1. Er konnte seine Frau aufwecken und sie bitten, ihm seine Hausschuhe zu holen, die im Bad waren.

2. Er konnte versuchen, wieder einzuschlafen.

3. Er konnte das Hotelzimmer früher als geplant verlassen.



Die Familie entschied sich für die dritte Möglichkeit, ohne dabei noch einmal unter dem Bett nachzusehen, ob sie auch nichts vergessen hatten. Dann riefen sie die Polizei. Die Schlange konnte in die Enge getrieben und in einen großen Mülleimer bugsiert werden. Aber erst nachdem die Smiths, ebenfalls in die Enge getrieben, die Nacht im nächsten Seven-Eleven-Laden verbracht hatten. Sie beschrieben es als »grausame Qual« (was ich nicht bestreiten will), gingen in therapeutische Behandlung und verklagten den Mutterkonzern des Hotels auf 1,5 Millionen Dollar wegen »Fahrlässigkeit und vorsätzlicher seelischer Grausamkeit«.

Ich muss zugeben, dass ich genauso wenig von Reptilien begeistert bin wie die Smiths. In der dritten Klasse habe ich einmal zugesehen, wie ein Freund Mrs. Hill einen Salamander in die Bluse gesteckt hat. (Wenn Sie das lesen, Mrs. Hill, dann hoffe ich, dass Sie sich auch an meine besseren Seiten erinnern und keine rechtlichen Schritte einleiten werden.) Aber anfassen wollte ich den Salamander nicht. Ich war nur der Anstifter. Aber der beste Streich, an dem ich je beteiligt war, war, als mein Freund Bobby und ich es schafften, ein Stinktier in den Kofferraum des Autos von unserem Nachbarn zu stecken.

Wenn Sie vorhaben, sich selbst einmal dieses Vergnügen zu gönnen, sind drei Dinge äußerst wichtig:



1. Ein Stinktier (am besten ein totes),

2. die Autoschlüssel, die im Zündschloss des Autos stecken sollten,

3. und völlige Dunkelheit.



Damals, in der dritten Klasse, war Mr. Finney unser Sonntagsschullehrer, und er war der schreckhafteste Mensch, an den ich mich je von hinten angeschlichen und laut geniest habe. Er konnte auch sehr gut Akkordeon spielen, und er hatte einen Piepser – was ich für etwas übertrieben hielt bei einem Akkordeonspieler.

Samstags polierte Mr. Finney immer seinen alten Ford Fairlane, bis man die Initialen, die die Nachbarskinder auf die Motorhaube geritzt hatten, kaum noch sehen konnte. Mr. Finney war ein seltsamer Mensch. Er polierte so ziemlich alles, was ihm wichtig war, und er war so korrekt gekleidet, dass man nicht einmal einen verrutschten Manschettenknopf an ihm finden konnte.

Was wir nicht wussten, war, dass die Familie Finney am nächsten Tag in Urlaub fahren wollte. Mr. und Mrs. Finney mit ihren Kindern Joshua und Josiah hatten alles sorgfältig vorbereitet und gepackt, was sie für einen friedlichen Urlaub, weit weg von allen Sorgen unserer Kleinstadt, brauchen würden.

Als sie schliefen, legten Bobby und ich das Stinktier an seine letzte Ruhestätte, schlossen vorsichtig wieder den Kofferraumdeckel, steckten die Autoschlüssel wieder ins Zündschloss und schlichen uns auf Zehenspitzen wieder nach Hause mit Ausreden, um den Gestank zu erklären.

Wenn man jung ist, fängt der Tag noch früh an, und so waren wir rechtzeitig hellwach, um uns zu den Finneys zu schleichen und hinter einer Fichte zu verstecken. Es dauerte nicht lange, da kamen die ahnungslosen Finneys mit erwartungsvollen Gesichtern heraus, gingen zum Gartentor und stiegen in ihren Fairlane.

Was dann geschah, werde ich niemals vergessen.

Mr. Finney drehte den Zündschlüssel um und ließ den Motor aufheulen. Dann legte er den Rückwärtsgang ein. Nachdem er scharf gewendet hatte und etwa zehn Meter auf dem Schotter gefahren war, brachte er das Auto mit quietschenden Reifen zum Stehen, sodass die Steine in alle Richtungen spritzten. Im Wagen starrte Mr. Finney seine Frau mit gerunzelter Stirn an. Dann drehte er sich um und starrte seine Kinder vorwurfsvoll an. Schließlich stieß er die Autotür auf und schnüffelte herum. Als er den Autoschlüssel in das Kofferraumschloss steckte, hatte er einen Verdacht. Als er den Kofferraum öffnete, bestätigte er sich. Wie auch immer er es bisher geschafft hatte, nie die Fassung zu verlieren – jetzt funktionierte es nicht mehr. Er knallte den Kofferraum zu, stand mit geballten Fäusten da, trat gegen die Stoßstange, und die Ausdrücke, die er gebrauchte, waren so intensiv wie das Blau seines Autos. Bobby und ich beobachteten das Ganze von unserem Versteck hinter der Fichte und wussten nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Oder ob wir es unseren Müttern gestehen sollten.

Einige Zeit später erfuhr ich, dass die Finneys umzogen, aber niemand wusste so recht, warum.

Niemand außer Bobby und mir.

Was Mr. Finney, Mrs. Hill und die Smiths in diesen unvergesslichen Augenblicken entdeckten, das erfährt jeder Mensch auf seinem Lebensweg früher oder später. Manchmal kann man dem Zimmerservice nicht trauen, manchmal wird das Leben schlüpfrig, und manchmal stinkt es uns.

In den darauf folgenden Jahren habe ich gelernt, dass jeder Einzelne einmal an einen Punkt im Leben kommt, wo er ein Stinktier im Kofferraum entdeckt – irgendetwas kommt in unser Leben, das wir uns definitiv nicht ausgesucht hätten.

Aber warum knallen die einen den Kofferraum zu, treten gegen die Stoßstange und fluchen, während die anderen irgendwie doch noch etwas Lustiges daran entdecken können – wenn auch vielleicht erst Jahre später?

Der erste Schritt ist ganz bestimmt die bewusste Entscheidung für die richtige Einstellung. Zur richtigen Einstellung gehören auch immer die richtigen moralischen Entscheidungen.



Knapp ein Jahr, nachdem Ramonas Anfälle begonnen hatten, nahm ich eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit die Zeitung mit. Sofort rief ich zu Hause an und las ihr von der Titelseite vor: »Nach einem Jahrzehnt Forschung wurde jetzt das Chorea-Huntington-Gen entdeckt. Die Hoffnungen auf eine Therapie für die tödlich verlaufende neurologische Erkrankung steigen.« Ramona hielt den Atem an.

Chorea Huntington tritt in einer von mehreren Tausend Familien auf. Wir sind eine davon.

Mit 39 Jahren kam Ramonas ältester Bruder, Dennis, in ein Pflegeheim. Sein gewinnendes Lächeln und sein herzlicher Humor waren nur noch Erinnerungen aus früheren Tagen. Zwei ihrer Schwestern hatten nun ebenfalls diese gefürchtete Krankheit. Obwohl die Krankheit bei Ramona noch nicht diagnostiziert worden war, war sie sich sicher, dass sie die Nächste sein würde.

Als die Krampfanfälle sich häuften, standen wir vor der schwierigen Frage, ob sie den Test machen lassen sollte oder nicht. Eines Tages saß mir ein weiser Arzt gegenüber, der mir von seinen eigenen Problemen erzählte. Seine Frau wurde vom Krebs zerfressen. Er hatte die Diagnose selbst gestellt. »Phil«, sagte er, und hatte Tränen in den Augen, »als meine schlimmsten Befürchtungen sich bestätigten, stand ich vor einer ganz einfachen aber sehr weitreichenden Entscheidung. Weglaufen – oder es durchstehen. Diese Entscheidung musst du auch treffen. Ich habe schon viele Menschen beraten, die Ähnliches durchgemacht haben wie du. Für die meisten heißt das Ende ›Scheidung‹ und dann Depression und Untergang. Phil … mach das nicht.«

»Einen Baum kann man am besten beurteilen, wenn er gefällt ist«, meinte er. Das waren kluge Worte.

Am nächsten Tag saß ich mit einem Freund in einem Café, und wir machten Witze. Als die Sonne durch die Wolken drang und auf unseren Tisch schien, fragte mein Freund: »Dass du bei all dem noch lachen kannst. Wie machst du das?«

Ich nippte nachdenklich an meiner Cola. »Ich weiß auch nicht recht«, erwiderte ich. »Vielleicht sind das die Medikamente.«

Er lachte.

»Ich glaube, ich begreife allmählich, dass ich den Wind nicht bestimmen kann, aber ich kann meine Segel richtig setzen«, sagte ich. »Manche Menschen leben so, als hätten sie Limburger Käse an den Lippen – ihnen stinkt alles. Ich lerne gerade, den Käse von den Lippen zu wischen. Ich gewöhne mir eine andere Einstellung an.«

Als ich später darüber nachdachte, wurde mir klar, dass wir die Tatsache, dass wir nach all den Jahren noch lachen können, nicht uns selbst zuzuschreiben haben. Sie beweist nicht unseren Mut, sondern liegt zum großen Teil an einer einfachen Entscheidung, die wir im Sprechzimmer eines Arztes getroffen haben. Ich werde meiner Frau und meinen Kindern treu bleiben. Und ich werde mich fest an Gott klammern. Ich verstehe seine Wege nicht immer, aber ich glaube, dass er mich niemals eine Straße führen wird, die er nicht schon selbst gegangen ist. In der Bibel verspricht er uns seinen Frieden, ein Ziel und Hoffnung – ja sogar Freude – mitten in der finstersten Nacht. Dann wollen wir mal schauen, wo uns dieses Abenteuer hinführt.

Tom sieht die Dinge folgendermaßen: Mit 55 hat er bei einem Bootsunfall beide Beine verloren und musste dann zusehen, wie seine Millionen-Firma den Bach hinunterging. Eines Tages schaute Tom mich von seinem Rollstuhl im hinteren Teil der Kirche an und meinte: »Ich habe jetzt mehr Fragen an Gott, als bevor das alles passierte, aber ich weiß auch, dass die Bibel für mich noch nie so real war.« Seine Augen wurden feucht und er sah weg. Seine Frau stand hinter ihm mit den Händen am Rollstuhl.

»Tom hängt am liebsten irgendwelche Bibelverse an den Kühlschrank«, meinte sie lächelnd. »Da hängt dieses große Foto aus glücklicheren Tagen von unserer Familie vor dem Firmensitz. Gestern hat Tom einige Verse aufgeschrieben und sie unter das Bild gehängt.« Sie schlug Habakuk 3,17-18 auf und las vor:

Noch trägt der Feigenbaum keine Blüten, und der Weinstock bringt keinen Ertrag, noch kann man keine Oliven ernten, und auf unseren Feldern wächst kein Getreide; noch fehlen Schafe und Ziegen auf den Weiden, und auch die Viehställe stehen leer. Und doch will ich jubeln, weil Gott mir hilft, der Herr selbst ist der Grund meiner Freude!

»Er hat auch einen Magneten darunter gehängt, auf dem steht: ›Am dunkelsten ist es immer, kurz bevor die Kühlschranktür aufgeht‹«, meinte sie lachend.

Was Tom und seine Frau begriffen zu haben scheinen, das fange ich gerade an zu lernen. Ob wir angesichts der Überraschungen, die das Leben für uns bereithält, noch lachen können, hängt nicht davon ab, ob wir die Gegenwart verstehen oder die Zukunft kennen, sondern von einer Entscheidung, die wir treffen müssen. Wir müssen uns entscheiden zu sagen: »Ganz gleich, was gut läuft im Leben, und ganz gleich, was schief läuft, Gott hat alles im Griff. Und eines Tages – vielleicht nicht morgen und vielleicht auch nicht nächste Woche – werde ich die Dinge so sehen wie er. Also kann ich genauso gut den Kopf heben und lachen.«

Aber wie kommt man an diesen Punkt?

Vielleicht kann uns ein Erlebnis weiterhelfen, das ich einmal an einem Wintertag in der neunten Klasse hatte.

Aber bevor ich Ihnen davon erzähle, muss ich Sie warnen: Wenn Sie dieses Buch spät abends in einem fremden Hotel lesen, sollten Sie vielleicht erst den Boden kontrollieren, bevor Sie weiterlesen.


2 Das passiert eben



Was meinen die Leute, die sagen, »Ich habe keine Angst vor Gott, weil ich weiß, dass er gut zu mir ist«?

Waren sie noch nie beim Zahnarzt?

C. S. LEWIS



Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mochte Schmerzen noch nie. Als ich in der neunten Klasse war, wog ich knapp 37 Kilo, wenn ich die Taschen voller Münzen hatte, und so beschloss ich, ein bisschen zuzulegen, indem ich doppelt so viel Sellerie aß und ein recht strenges Trainingsprogramm absolvierte, zu dem auch Gewichtheben gehörte. Mein großer Bruder, Dan, erklärte mir, dass man Gehirnzellen abtötete, wenn man die Gewichte über den Kopf hob, was ich mir seiner Ansicht nach nicht erlauben konnte. Also beschloss ich, mich auf den Rücken zu legen und die Gewichte in die Luft zu stemmen.

An guten Tagen schaffte ich 15 Kilo.

Eines Samstags, als ich gerade beim Gewichtestemmen war, entfernten sich die 15 Kilo aus meinen Händen. Ich sehe die Szene immer noch in leuchtenden Farben vor mir – manchmal sogar in Zeitlupe mitten in der Nacht.

Hilflos sah ich zu, wie die Stange mit den Gewichten auf meine Nase zukam. Ich fing an zu schielen, meine Nase knackte laut, und mir kamen die Tränen. Das war das dritte Mal, dass ich mir die Nase gebrochen hatte, obwohl ich sie noch gar nicht so lange hatte. Wenn ich heute meine Nase mit dem Finger bewege, klingt es immer noch, als knacke jemand Erdnüsse.

»Dad«, sagte mein Sohn vor Kurzem. Den Kopf schräg gelegt schaute er dabei auf meine Nase. »Wenigstens steht sie nicht nach oben, sonst würdest du bei einem Regenguss ertrinken.«

Lachen hilft. Aber trotzdem mag ich Schmerzen nicht.

Deshalb erstaunt es mich immer, wenn ich von Menschen höre, die gar nicht genug davon bekommen. Zum Beispiel Jean Luc Antoni. Für Jean gibt es nichts Schöneres, als Ski zu fahren ohne Schnee. Ja, er hat den Weltrekord aufgestellt im Ski fahren auf Felsen. Jean Luc kam ins Buch der Rekorde, als er mit fast 100 Sachen auf einem Monoski in Frankreich einen felsigen Hang hinunterschoss. Das Schwierigste war, so gab Jean Luc zu, unten anzuhalten, ohne gleichzeitig seine Karriere zu beenden. Also errichtete der erfinderische Franzose unten eine Wand aus Pappe, in die er hineinfahren konnte.

Ich glaube, Jean hat als Junge zu viele Gewichte über den Kopf gehoben.

Aber seine Heldentaten sind noch gar nichts im Vergleich zu Reg Mellor.

Im zarten Alter von 72 Jahren ist Reg der amtierende Weltmeister im »Frettchen-Hosen-Wettbewerb«. Die meisten seiner Mitstreiter würden ihren Enkeln nur zu gerne von einer solchen Ehre erzählen – wenn sie denn lange genug lebten. Wahrscheinlich haben Sie noch nie etwas von einem »Frettchen-Hosen-Wettbewerb« gehört, und für den Fall, dass Sie es selbst einmal ausprobieren möchten, erkläre ich ihnen kurz die Regeln. Bei diesem Wettbewerb werden (und das ist mein voller Ernst) dem Teilnehmer die Hosenbeine an den Knöcheln zugebunden. Dann führt man von oben in jedes Bein einen bissigen, etwa 30 Zentimeter langen, Fell tragenden Fleischfresser, auch Frettchen genannt, ein.

Sind die Frettchen in den Hosenbeinen, schnürt der Schiedsrichter oben den Gürtel zu. Jetzt geht es darum, so lange wie möglich regungslos dazustehen, während diese kleinen, wieselähnlichen Biester mit ihren nadelspitzen Krallen und den rasiermesserscharfen Zähnen versuchen, sich aus der Hose zu befreien.

Reg Mellor ist stolzer Halter des Weltrekordes. Fünf Stunden und 26 Minuten lang konnte er es sich verkneifen zu rufen: »He, wer hat mir die Frettchen in die Hose gesteckt?« Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Reg an einem kalten Winterabend mit seinen Enkeln vor einem lodernden Kaminfeuer sitzt und ihnen die Geschichte erzählt.

Großvater Reg: So war das damals, Kinder. Und die Geschichte ist so echt wie die Zehen an euren Füßen. Keiner ist auch nur annähernd in die Nähe meines Rekordes gekommen.

Enkelkinder: Wow, Großvater, du bist wirklich klasse! Zeigst du uns noch mal deine Holzbeine?

Es gibt da eine ganz einfache Sache, die die meisten von uns von einem Reg Mellor oder einem Jean Luc Antoni unterscheidet: Wir suchen den Schmerz nicht mit Absicht. Wir suchen vielleicht nach Abenteuern, aber nicht nach Schmerzen. Wir sind sogar mit einem gottgegebenen Schmerz-Abwehr-System ausgestattet, das sich schon in ganz jungen Jahren einschaltet und Sätze aus uns hervorbringt wie: »Mama! Kratz mich vom Herd ab!«

Aber eines Tages wachen wir dann auf und stellen fest, dass Mama nicht mehr in der Küche ist, und dass niemand mehr da ist, der uns hilft. Und was noch schlimmer ist: Wir mussten nicht erst nach Schmerzen suchen, sie kamen von ganz alleine. Vielleicht war es das Klingeln an der Tür, der Anruf oder jemand, der uns auf die Schulter getippt hat. Und schon waren wir schnüffelnd auf unserem Lebensweg unterwegs und haben uns gefragt, was da so grauenvoll stinkt und warum es ausgerechnet in unserem Kofferraum landen musste.

Ich weiß auch nicht, wie ich auf den Gedanken gekommen bin, das Leben sei wie Slalom fahren auf einer weichen Pulverschneepiste. Bestimmt habe ich das nicht im Kindergarten gelernt. Erinnern Sie sich noch an einige der Verse und Lieder, die wir dort gelernt haben? Als ich etwa zwei oder drei Jahre alt war, schaukelte meine Mutter mich sanft auf ihren Knien und summte dabei das traurigste Lied, das ich kenne. Jetzt, wo sie Enkelkinder hat, fügt sie ihren sanften Gemütern nur allzu gerne die gleiche Grausamkeit zu. »Oma«, betteln die Kinder, »sing uns das Lied von der Katze. Das Lied, das du Papa immer vorgesungen hast, als ihr in der Arche wart.«

Und so gibt sie das folgende kleine Familienerbstück an sie weiter:

Wo ist mein Kätzchen mit den weißen Tätzchen?

Ich suchte im Haus von oben bis unten,

doch hab ich es auch unterm Bett nicht gefunden.

Mein treuer Hund, Moritz, der liebste von allen,

der tat mir einen großen Gefallen.

Er half mir suchen, draußen, unter den Buchen.

Wo war nur mein Kätzchen geblieben?

Zu guter Letzt suchten am Bach wir dort unten

Und siehe da war mein Kätzchen – ertrunken!

Es ist ein Wunder, dass ich bei diesem Gute-Nacht-Lied überhaupt schlafen konnte.

Als unsere Kinder noch klein waren, versuchte ich, einige dieser bedrückenden Texte umzudichten, um sie für empfindsame Kinderseelen angemessener zu machen. Ich sang ihnen Verse vor, in denen Humpty Dumpty wieder zusammengeflickt werden konnte, die alte Mutter Hubbart Chips zu essen fand und die alte Frau, die im Schuh lebte, genau wusste, was zu tun war. Die Kinder hörten aufmerksam zu und sagten dann: »Ach nein, Papa. Sing das Lied vom Kätzchen.«

Wahrscheinlich hat es auch seine Vorteile, wenn man schon früh lernt, dass das Leben nicht immer nach Wunsch verläuft. Diejenigen, die bei den Kinderliedern gut zugehört haben, wissen vielleicht, dass das Leben eine bunte Mischung aus banalen Dingen und großen Abenteuern ist, aus erhabenen und lächerlichen Momenten. Dass uns Menschen enttäuschen und Freunde uns im Stich lassen, und dass Stürme kommen. Diese Feststellung mag im ersten Moment missmutig klingen, aber sie ist immens wichtig, um Freude ins Leben zu bringen. Das ideale Leben ist nicht Hakuna Matata, jene von allen Problemen freie Philosophie, die Timon und Pumba dem jungen Simba in Der König der Löwen beibringen. Das wäre zwar schön, aber es dürfte schwer sein, auch nur einen einzigen Menschen auf der Welt zu entdecken, für den das Leben ein Kinderspiel war.

Uns von der Vorstellung frei zu machen, dass das Leben fair sei, ist eine wichtige Voraussetzung, um unseren Humor wiederzufinden. Sich dem Unbekannten auszusetzen und es mit Gottes Hilfe zu überwinden, gehört sogar dazu, wenn man echte Lebensfreude finden will. Deshalb fasziniert mich die Bibel schon mein ganzes Leben lang. Sie hält nichts zurück. Ihre Helden stolpern, ihre Geschichten entsetzen uns manchmal oder machen uns traurig. Im Schaukelstuhl erfuhr ich von Abrahams Lügen und Davids Betrug, von den Hunden, die Isebel fraßen, und von Herodes‘ Verrat. Und mitten in alledem entdeckte ich den Einen, der uns niemals im Stich lassen wird. Bibelverse, die man als Kind lernt, bleiben hängen, nicht wahr?

Vielleicht weiß ich jetzt, warum ich trotz dieser Gute-Nacht-Geschichten im Schaukelstuhl so gut schlief. Wahrscheinlich war mir klar, dass die Zukunft unberechenbar war, aber sich Sorgen zu machen war, wie im Schaukelstuhl zu sitzen: Man ist ständig in Bewegung, aber kommt nirgends an.

Ich glaube, ich habe noch aus einem anderen Grund so tief geschlafen. Meine Mutter sang zum Abschluss des Tages immer ein altes Kirchenlied. Ich kann heute noch hören, wie sie sang, während der Wind den Regen gegen die Fensterscheibe prasseln ließ.

Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt,

ob Stürme auch drohen von fern,

mein Herze im Glauben doch allezeit singt:

»Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn.«

Damals hatte ich nicht die geringste Ahnung, was die Worte bedeuteten, aber heute weiß ich es. Wenn Ihre Nase krumm ist, wenn es im Leben nur bergab geht oder wenn Sie ein Stinktier im Kofferraum finden, dann verändert eine solche Perspektive alles.


3 Und Bob?



Man kann nicht gut ankommen,

wenn man ständig schlecht drauf ist.

NACH JOHN MAXWELL



Ich lernte Bob und Audrey kennen, als sie mich nach einer Fernsehsendung, zu der ich in Winnipeg in Manitoba, Kanada, gewesen war, zu sich in die Küche einluden. Wenn Sie noch nie in Winnipeg waren, nun ja … gehen Sie nicht wegen der Landschaft hin, gehen Sie wegen der Menschen hin. In Winnipeg gibt es nur zwei Jahreszeiten: Winter und Schnaken. Während wir die besten Spaghetti mit Hackfleischbällchen aßen, die es außerhalb Italiens gibt, erzählten sie mir eine der lustigsten Geschichten, die ich seit langem gehört habe. Die Geschichte wurde oft von Audreys ansteckendem Lachen (das durch ihre drei kleinen Kinder nur noch verstärkt wurde) und Bobs sanftem Glucksen unterstrichen. Audrey liebt dieses Glucksen. »Wenn Bob nicht so glucksen würde«, meinte sie, »dann wäre ich so sehr in Schwierigkeiten wie … nun ja, wie jemand, der in großen Schwierigkeiten steckt.«

Nach den ersten paar Minuten ihrer Geschichte begann ich zu verstehen, warum sie das sagte.

Das Thanksgiving-Wochenende fing so an, wie die Meisners es geplant hatten. Sie stopften ihren Kleinbus mit Matratzen, Schlafsäcken und Kindern voll und fuhren 1000 Meilen durch das Flachland von Manitoba bis zu ihren Verwandten in Michigan. Es war eine schöne Reise. Bis zum Horizont erstreckte sich eine Landschaft aus Wiesen, durchsetzt mit Seen, wie ein grüner Flickenteppich. Die Pappeln reckten ihre kahlen Zweige in den Himmel, als wollten sie sich dem Winter ergeben. Die Kinder zählten die V-förmigen Formationen der Wildgänse, die ihre Heimat verließen und nach Florida zogen. Weder Bob noch Audrey ahnten, dass die Schönheit dieses ersten Teils ihrer Reise im krassen Gegensatz zu ihrer Heimfahrt stehen sollte.

Am Wochenende gab es jede Menge Truthahn und Verwandte. Und viel zu lachen. Am Sonntagabend verabschiedeten sie sich und machten sich auf den Heimweg. Sie fuhren abends um elf Uhr los, fuhren die ganze Nacht hindurch und kamen am nächsten Morgen um halb neun in Minneapolis an. Obwohl Vater und Mutter müde waren, schrie die größte Einkaufsmeile Amerikas geradezu nach einem Besuch. Und so ging schon die Sonne unter, als sie die Skyline der Metropole im Rückspiegel verschwinden sahen.

Als Audrey anbot, das Lenkrad zu übernehmen, kletterte Bob nach hinten, verschwand hinter einigen Schlafsäcken und schlief ein.

Eineinhalb Stunden später fuhr Audrey so leise, wie sie konnte, auf einen Rastplatz, in der Hoffnung, die Familie nicht zu wecken. Sie ließ den Motor im Leerlauf laufen und bemerkte, dass ein Zylinder nicht richtig lief. Das erinnerte sie an Bobs Schnarchen, das vom Rücksitz zu hören war.

Nachdem sie auf die Toilette gegangen war, stieg Audrey wieder ins Auto, rührte ihren Kaffee um, nahm einen großen Schluck und fuhr wieder auf die Autobahn. Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Flug, während sie mit den Fingern den Rhythmus der Country-Songs mittrommelte und in verschiedene Talksendungen hineinhörte. Als sie in Fargo, in North Dakota, ankam, wachten die Kinder allmählich auf. Aber Bob nicht. Der muss wirklich müde sein, dachte Audrey. Gott sei Dank, dass es hier starken, kolumbianischen Kaffee gibt. Ihr siebenjähriger Sohn tauchte im Rückspiegel auf und rieb sich die Augen. »Schlaf noch ein bisschen, mein Schatz«, sagte seine Mutter.

Und plötzlich war die friedliche Ruhe des frühen Morgens dahin. »Wo ist Papa?«

»Machst du Witze?«, meinte Audrey und verstellte den Rückspiegel, um nach hinten zu sehen. »Er liegt doch da hinten und schläft … oder nicht?«

Die Kinder fingen an, die Kissen zur Seite zu schieben und nach ihrem Vater zu suchen. »Nein«, sagte ihr Siebenjähriger, »er ist nicht hier.«

»Meinst du, er ist vielleicht entrückt worden? Weißt du, so wie du gesagt hast, Mama, wenn Jesus wiederkommt, um uns zu holen?«

Aber Audrey lachte nicht. Während sie nach der nächsten Ausfahrt Ausschau hielt, überkam sie Angst und Sorge. Sollte sie umdrehen und zurückfahren? Sie hatte keine Ahnung, wo der Rastplatz gewesen war. Hatte sie vor zwei Stunden dort gehalten? Oder vor drei? »Bleib ganz ruhig, Audrey«, sagte sie sich selbst. »Oh Herr«, betete sie, »hilf mir, Bob zu finden. Und bitte beschütze ihn, wo auch immer er ist.«

Sie fuhr zu einem Rasthof, ging zum Telefon und rief die Polizei an. »Äh … ich … äh … habe meinen Mann in Minnesota vergessen«, erklärte sie dem Polizeibeamten. »Auf einem … äh … einem Rastplatz.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen in der Leitung. »Entschuldigung, könnten Sie das noch einmal wiederholen?«

Nach einigen verzweifelten Minuten gelang es Audrey, den Beamten davon zu überzeugen, dass das kein Scherz war, sondern dass sie ihren Mann tatsächlich, wenn auch unabsichtlich, zurückgelassen hatte, obwohl er vielleicht denken mochte, es sei Absicht gewesen.

»Wissen Sie was«, meinte der Polizeibeamte, »bleiben Sie dran. Ich gebe Ihnen die Telefonnummern von allen Rastplätzen in dieser Gegend. Laufen Sie nicht weg, verstanden?«

Audrey lief nicht weg.

Nachdem sie sich bei dem Polizisten für seine Hilfe bedankt hatte, fing sie an, die Liste abzutelefonieren, eine Nummer nach der anderen. Bei jedem Anruf erntete sie Überraschung, hatte aber keinen Erfolg. Sie hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, als sie die letzte Nummer auf ihrer Liste wählte. »Ist bei Ihnen vielleicht ein Mann, der …?«

»Allerdings«, erwiderte jemand mit starkem norwegischem Akzent.

Kurz darauf war Bob am Telefon. »Schatz … es tut mir so leid«, sagte Audrey. »Ich wollte dich nicht …« Sie fing an zu weinen. Und Bob fing an zu lachen.

Vor zwei Stunden war er aus dem Wagen gestiegen, um auf die Toilette zu gehen. Aber als er zurückkam, war das Auto nicht mehr da. »Haha«, sagte Bob laut. »Sehr witzig.« Er ging dreimal um die Tankstelle und rechnete fest damit, dass sie jeden Moment grinsend um die Ecke kämen. Aber er konnte sie nirgends finden. »Sie würde mich nicht einfach so verlassen«, sagte Bob noch lauter. »Oder etwa doch?«

Um sich die Zeit zu vertreiben, wusch Bob den Kunden die Windschutzscheiben und betete, dass Gott ganz deutlich zu seiner Frau sprechen oder vielleicht dafür sorgen möge, dass sie einen Platten hatte. Er stieg sogar zu einem Fernfahrer in den Lastwagen, der gerade etwas Ermutigung brauchte. »Wissen Sie«, sagte der Fahrer zu Bob, »dass ich Sie hier getroffen habe, das war wirklich Gottes Wirken. Ich brauchte das ganz dringend.«

»Oh Herr«, betete Bob, »es reicht für heute mit deinem Wirken.«

Früh am nächsten Morgen sah Bob die Scheinwerfer eines vertrauten Kleinbusses auf die Raststätte zukommen. Er hörte auf, den Kunden die Windschutzscheiben zu waschen und seufzte erleichtert auf. Für Audrey war es eine Rundreise gewesen. Aber diesmal hupte sie laut, und es war ihr egal, wen sie damit aufweckte. »Das war das erste Mal, dass ich meinen Mann verlassen habe«, meint sie und kann inzwischen darüber lachen. »Und Sie können mir glauben, es war auch das letzte Mal.«

»Wir haben schon viel über diese Geschichte gelacht«, meint Bob mit einem breiten Grinsen. »Manchmal ist meine Perspektive, meine Reaktion auf Dinge das Einzige, worauf ich noch Einfluss habe. Das war jedenfalls einer dieser Momente.«

Auch Audrey hat etwas daraus gelernt. »Anscheinend lerne ich nur dann wirklich etwas, wenn mir nichts mehr anderes übrig bleibt, als mich an Gott zu wenden«, gesteht sie. »In dieser Nacht lernte ich, wie wichtig es ist, alle meine Sorgen auf Gott zu werfen. Sie gehören ihm, und ihm kann ich absolut vertrauen. Und natürlich habe ich auch gelernt, dass man immer erst durchzählen sollte, bevor man wieder weiterfährt.«


4 Lektionen auf dem Eis



Neulich ging ich zu einem Boxkampf, und dann wurde plötzlich ein Eishockeyspiel daraus.

RODNEY DANGERFIELD



Als kleiner Junge war ich fest davon überzeugt, dass die Erwachsenen mich tot sehen wollten. Zum einen haben sie mich in die Welt des Eishockeys eingeführt (ein Spiel für steif gefrorene Menschen, die bereit sind, alles zu tun, um wieder warm zu werden). Sie haben uns scharf geschliffene Kufen an die Füße geschnallt, uns Stöcke und ein hartes Gummigeschoss, auch Puck genannt, in die Hand gedrückt, und uns dann auf glattes Eis gestellt. Und was haben sie dann gemacht? Sie haben sich hinter einem Schutzzaun versteckt, um zu beobachten, was dann passiert. Über die Jahre brach ich mir beim Eishockey zweimal die Nase (der kleine Trainingsunfall aus Kapitel 2 nicht mitgerechnet). Im Laufe der Zeit hatte ich mir jede einzelne Rippe irgendwann einmal gebrochen. Aber ich begann, dieses Spiel wirklich zu lieben.

Seit ich dem Schiedsrichter bis zum Knie reichte, war ich schon sportbegeistert.

In Kanada, wo ich aufgewachsen bin, ist Eishockey Staatsreligion. Kinder und Erwachsene gehen gleichermaßen einmal in der Woche, manchmal sogar jeden Tag zum Gottesdienst in die örtliche Eishalle und beklagen sich nie, dass die Predigt zu lang ist. Im Winter zog ich mir jeden Morgen die Schlittschuhe an, stolperte die Straße hinunter, dass die Funken in alle Richtungen sprühten, bis ich zu unserer Freiluft-Eisfläche kam. Dort lernte ich schon mit drei Jahren, mit den Großen Hockey zu spielen. Ich lernte, mich mit dem Puck zwischen den besten Spielern hindurchzuschlängeln und mit größter Präzision zu schießen. Ich lernte auch, wie man mühelos über eine Eisfläche gleitet, manchmal auch auf dem Po, oder ich krachte Kopf voraus in die Bande und wachte erst am nächsten Mittwoch verwirrt wieder auf.

Vielleicht liegt es daran, dass ich den Puck ein paar Mal zu oft abbekommen habe, aber ich vermisse diese Zeiten.

Damals war Samstag Badetag. Vom Ältesten bis zum Jüngsten stiegen wir der Reihe nach in die Badewanne, um uns den Dreck der ganzen Woche vom Leib zu schrubben. Das war eine der Gelegenheiten, bei denen es nicht von Vorteil war, der Jüngste zu sein. Bis ich an der Reihe war, war das Wasser, vorsichtig ausgedrückt, schon ziemlich trüb, und ich konnte es kaum erwarten, mich im Wohnzimmer mit den anderen ums Radio zu setzen und den kanadischen Eishockeyspielen zu lauschen. Oh, wie ich das Grölen der Menge liebte. Und die Spannung in der Nachspielzeit. Wenn die Namen der Spieler genannt wurden, weckte das Träume von Ehre und Ruhm: Gordie Howe, Frank Mahovlich, Bobby Orr, Phil Callaway. Ich stellte mir tatsächlich vor, wie der Kommentator mit aufgeregter Stimme hastig rief: »Es ist Callaway, der da übers Eis saust … er durchbricht die Verteidigung … er schießt … Toooooor! Oh Mann, so etwas Aufregendes habe ich nicht mehr gesehen, seit die Alliierten in der Normandie einmarschiert sind!«

Ich war mir ganz sicher, dass das meine Bestimmung war, und verfolgte meinen Traum mit vollem Einsatz.

Schon bald spielte ich in einer echten Mannschaft, in einem echten Eisstadion, mit echten Helmen, um unsere echt harten Schädel zu schützen. Während der Rest der Welt noch schlief, gingen wir jeden Samstagmorgen in eine leere Eishalle, um zu spielen. Manchmal schaute ich dann zu der leeren Zuschauertribüne auf und stellte fest, dass sie gar nicht so leer war. Mein Vater war da. Irgendwie hatte er nach einer anstrengenden Arbeitswoche noch die Kraft aufgebracht, sich aus dem Bett zu wälzen, um mir zuzuschauen. Mein Vater schien zu glauben, dass ich mehr Talent hatte als die Toronto Maple Leafs und die New York Rangers zusammen, und das ließ er auch alle wissen, indem er laut schrie, wenn ich ein Tor schoss (was in jenem Jahr zweimal vorkam) und mit seinen großen Lederhandschuhen klatschte.

Ich sehnte mich so sehr danach, seine Handschuhe zu hören, und konnte es kaum erwarten, als Profi zu spielen. Dann würde ich Mama und Papa zu den Spielen fliegen lassen, ihnen Karten in der ersten Reihe kaufen, direkt hinter den Spielerbänken. Sie könnten dem Trainer bei schwierigen Entscheidungen helfen.

In jenem Jahr gewannen wir nur ein Spiel (weil der Torwart der gegnerischen Mannschaft nicht kam), aber mein Vater hat mir immer Mut gemacht.

»Mein Sohn«, sagte er immer auf dem Heimweg vom Eisstadion, während er meine schwere Ausrüstung trug und ich den Hockeyschläger, »du bist nicht der Erste, der gegen eine Wand rennt.« Dann zählte er alle möglichen Menschen aus der Geschichte auf, die zunächst versagt hatten: Thomas Edison machte zweitausend vergebliche Versuche, bevor er die Glühbirne erfand. Henry Ford ging fünf Mal pleite, bevor es ihm gelang, ein Auto zu bauen.

»Aber Papa«, widersprach ich, »unser Ford Meteor springt nicht an. Deshalb gehen wir ja zu Fuß.«

»Mein Sohn«, sagte er unbeirrt, »mach dir darüber keinen Kopf. Du musst es nur machen wie die Briefmarke: Du musst einfach dranbleiben, bis du am Ziel bist.«

In der zehnten Klasse blieben wir dran, hatten unsere erste siegreiche Saison und gewannen die Bewunderung von ein paar Hundert Teenager-Mädchen. Dieses Jahr war ein Meilenstein für mich. Es geschah etwas, das meine Zukunftsträume für immer veränderte.

Das war so.

Ende März. Das Endspiel. Es war ein Ereignis von solcher Bedeutung für unsere kleine Stadt, dass unser Eisstadion mit Millionen, oder zumindest einigen Hundert Zuschauern gefüllt war, die ihre Stars sehen wollten. Als ich durch den Türspalt der Umkleidekabine nach draußen spähte, hatte ich das sichere Gefühl, dass das mein ganz großer Abend würde. Das jahrelange Training würde sich jetzt auszahlen. All die Zuschauer, die auf dem Schwarzmarkt ihre 25 Cent für die Karte bezahlt hatten, würden nicht enttäuscht werden.

Aber im Verlauf des Spiels schmolzen meine Träume immer mehr dahin. Als die Uhr die letzte Spielminute anzeigte, verwandelte sich mein Traum sogar immer mehr in einen Albtraum. Wir lagen 3:2 zurück, als ich aufs Spielfeld ging. Jeden Moment würde die Schlussglocke ertönen und das Spiel zu Ende sein. Wir brauchten ein Wunder. Wir brauchten Phil Callaway.

Und so nahm ich einen Pass aus der Ecke an und schoss den Puck geschickt am Torwart vorbei, der sich der Länge nach aufs Eis warf. Das rote Licht leuchtete auf und die Mädchen drehten durch. Es stand unentschieden, und ich war der Held. Ich hatte das Tor meines Lebens geschossen.

Nur ein Tor konnte noch schöner sein: das Siegtor in der Nachspielzeit.

Während ich in der Umkleidekabine saß und darauf wartete, dass das Eis präpariert wurde, spähte ich durch den Türspalt in die Zuschauermenge. Macht euch bereit, ihr Glücklichen. Heute ist mir das Schicksal wohlgesonnen. Heute ist mein Tag. Ihr werdet noch Jahre an mich denken. Als ich letzte Woche das leere Tor nicht getroffen habe, habt ihr mir Mut gemacht und zugerufen:

Ist schon recht. Ist okay.

Wir lieben dich trotzdem, Callaway.

Aber heute Abend wird das nicht vorkommen. Heute brauche ich euer Mitleid nicht. Heute will ich nur euren Beifall. Donnernden, überschwänglichen, bewundernden Beifall.

Und tatsächlich erzielte ich nach etwa fünf Minuten Nachspielzeit das Siegtor. Dieser Moment ist in meiner Erinnerung jederzeit abrufbar, manchmal sogar in Zeitlupe. Der Puck rutschte auf das Tor zu, ich hechtete vorwärts und versuchte verzweifelt, sein Ziel zu besiegeln. Die Zuschauer sprangen auf, als ich den Puck über die Torlinie schob.

Die rote Lampe leuchtete auf.

Die Zuschauermenge grölte.

Die Mädchen schrien.

Aber sie jubelten nicht wegen mir.

Ich hatte nämlich soeben ein Eigentor geschossen.

An die nächsten sechs oder sieben Jahre meines Lebens kann ich mich kaum noch erinnern. Ich weiß noch, dass ich schnurstracks in die Umkleidekabine geflüchtet bin und mir ein weißes Handtuch über den Kopf geworfen habe. Und ich kann mich noch an die Kommentare erinnern: »Mach dir keinen Kopf, okay? Das hätte jedem passieren können … wenn er so unkoordiniert ist.«

Ich zog mir das Handtuch über die Ohren, um das Gelächter nicht zu hören. Dann zog ich meine Schlittschuhe aus und hängte sie an den Nagel – für immer.

Ich konnte nicht wissen, dass Basketball-Star Michael Jordan aus seiner Schulmannschaft fliegen würde, dass Louis L’Amours erster Western von 350 Verlegern abgelehnt wurde, oder dass Albert Einstein einfache mathematische Gleichungen nicht lösen konnte (seine Frau half ihm bei der Steuererklärung). Es hätte mir vielleicht geholfen zu wissen, dass der Manager der Radioshow Grand Ole Opry zwölf Jahre zuvor einen Nachwuchssänger nach einer Vorstellung rausgeschmissen und ihm geraten hatte, wieder Lastwagenfahrer zu werden. Aber Elvis Presley wurde trotzdem Sänger.

Doch in jener Nacht dachte ich nicht an Elvis.

Ich verließ nur vollkommen erschüttert das Eisstadion.

Als ich nach Hause kam, ging ich geradewegs in mein Zimmer. Mein Vater hatte wegen einer heftigen Grippe nicht zum Spiel kommen können.

»Wie war es?«, fragte er, als er in der Tür zu meinem Zimmer stand. Er studierte mein blasses Gesicht und ahnte die Antwort schon.

»Ach, Papa«, sagte ich mit gesenktem Kopf. »Das kann ich dir nicht sagen. Du bist ohnehin schon krank.«

Ich ließ mich aufs Bett fallen, verschränkte die Hände hinterm Kopf und starrte an die Decke. Mein Vater kam herein, setzte sich neben mich aufs Bett und sagte nichts.

»Hast du schon mal was so Dummes gemacht, dass du dir sehnlichst gewünscht hast, die Zeit um 24 Stunden zurückdrehen zu können und den Tag noch mal von vorne anzufangen?«, sagte ich.

»Na ja«, meinte mein Vater, »ich habe einmal mit einer 22er den Scheinwerfer des alten Mr. Henderson zerschossen … und dann habe ich …«

Zum ersten Mal seit Jahren unterbrach ich meinen Vater mitten im Satz. Dann setzte ich mich auf, vergrub das Gesicht in den Händen und erzählte ihm alles: wie schockiert die Zuschauer waren, wie peinlich es in der Umkleidekabine war, mein Spiel, an das man sich zu meiner Schande für immer erinnern würde. Ich wagte nicht, ihm ins Gesicht zu schauen. Das Gesicht eines stolzen Vaters, der große Träume für seinen jüngsten Sohn gehabt hatte.

Eine Minute lang herrschte Schweigen. Dann legte mein Vater mir die Hand aufs Knie und tat das Letzte, was ich in diesem Moment erwartet hätte: Er fing an zu lachen.

Und ich konnte kaum glauben, was ich dann tat … Ich lachte mit ihm.

Es war das Letzte, mit dem wir beide gerechnet hätten, aber es war das Beste, was wir tun konnten.

Inzwischen sind mehr als 20 Jahre vergangen, seit Vater und ich auf meiner Bettkante gesessen und zusammen gelacht haben. In meiner Erinnerung ist es der Abend, an dem ich beschloss, wieder Eishockey zu spielen. Ich spiele selbst heute noch Eishockey. Mit den Jahren ist es mir sogar gelungen, ein paar Tore zu schießen – und zwar ins richtige Tor. Aber keines dieser Tore war je so denkwürdig wie jenes Tor in der Nachspielzeit. Es wird mich mein Leben lang daran erinnern, dass die größten Siege im Leben oft in unseren Niederlagen errungen werden.

Noch Jahre danach wachte ich manchmal nachts schweißgebadet auf, weil ich von jenem Tor in der Nachspielzeit geträumt hatte, aber sobald ich mich dann an die Hand meines Vaters auf meinem Knie erinnerte, musste ich von einem Ohr bis zum anderen grinsen. An jenem Abend habe ich etwas entdeckt, das selbst die schwersten Lasten leichter erscheinen lässt.

Es ist die einfache Tatsache, dass ich einen Vater habe, der mich liebt, ganz gleich, was ich getan habe, ganz gleich, wo ich war, ganz gleich, wie schlimm es gerade steht. Jesaja hat das sehr schön ausgedrückt:

Berge mögen einstürzen und Hügel wanken,

aber meine Liebe zu dir wird nie erschüttert …

Das verspreche ich, der Herr, der dich liebt!

JESAJA 54,10

Ich habe es schon tausendfach erlebt. Diejenigen, die wissen, wo man sie findet, entdecken auch angesichts überwältigender Tragödien oder unüberwindlicher Hindernisse Freude. Mein Vater war sich dessen vielleicht nicht bewusst, aber an jenem Abend hat er mir einen Einblick in das Wesen meines himmlischen Vaters gegeben, der von unschätzbarem Wert ist. Er hat mir sein Mitgefühl, seine Vergebungsbereitschaft und seine Gnade gezeigt. Er hat mir einen himmlischen Vater gezeigt, der verrückt ist nach seinen Kindern, und der gerne lacht.


5 Die Entscheidung



Der Unterschied zwischen den Menschen ist gering,

aber dieser kleine Unterschied macht den großen

Unterschied. Der kleine Unterschied ist ihre Einstellung.

Der große Unterschied ist, ob sie positiv ist oder negativ.

CLEMENT STONE



Wenn Sie mich einmal sonntagnachmittags zu sich nach Hause einladen, werden Sie ganz schnell eine meiner störendsten Angewohnheiten kennenlernen. Nein, ich esse nicht zu viel (es sei denn, es gibt Pizza). Ich kaue auch nicht an meinen Fingernägeln (es sei denn, wir schauen uns zusammen ein Baseball-Meisterschaftsspiel an). Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass wir gerade zusammen bei Ihnen im Wohnzimmer sitzen und Tee trinken, wenn mein Kopf sich plötzlich zur Seite neigt und meine Augen die Wand hinter Ihnen anstarren. Nicht, dass ich Sie ignoriere oder am Einschlafen bin. Ich betrachte einfach nur Ihr Bücherregal.

Dieses problematische Verhalten habe ich schon in frühester Kindheit entwickelt. Wahrscheinlich könnte mir ein guter Psychologe helfen, aber ich weiß, dass mein Vater daran schuld ist. Mein Vater hatte damals einen Buchladen, und bei uns daheim waren die Wände voll mit Büchern. Wir hatten im Flur Bücher, in der Küche, in meinem Zimmer. Manchmal landeten sie sogar in der Badewanne oder auf dem Dach. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass mein Hals rechts kürzer ist als links, weil ich jeden Abend mit verdrehtem Kopf im Bett lag und die Buchtitel las, bis das Licht ausging. Die Schatzinsel. Charles Spurgeons Predigtnotizen. Alice im Wunderland. Foxes Buch der Märtyrer. Als ich fünf war, habe ich einmal fünf blau eingebundene Hardy-Bücher in einen Heizlüfter gestopft. Ich weiß heute noch nicht, warum ich das getan habe. Aber niemand hat sie vermisst. Bei den Callaways gab es nie viel Geld, aber dafür jede Menge Bücher.

Die Bücher mit Kurzgeschichten hatte ich am liebsten. Vielleicht lag es daran, dass ich das Musterbeispiel für ein ADS-Kind war (fragen Sie nur mal Mrs. Dolson, meine Lehrerin in der dritten Klasse). Aber auch heute noch mag ich kaum etwas lieber, als an einem Winterabend mit einer Tasse heißer Schokolade vor einem knisternden Kaminfeuer zu sitzen und Kurzgeschichten zu lesen. Ganz gleich ob Science-Fiction, Krimi, Abenteuergeschichte – es hat etwas ungeheuer Befriedigendes, wenn man in nur vier oder fünf Minuten unterhalten, überrascht und herausgefordert wird.

Kurz nach meinem Les Misérables-Wochenende mit Ramona gab mir ein Freund eine Geschichte, die das alles sehr schön fertigbrachte. Es war die Geschichte von Jerry.

Jerry ist die Art von Mensch, der man gerne beim Einkaufen begegnet. Er hat immer ein freundliches Wort, einen Witz oder zumindest ein Lächeln bereit. Es braucht nicht viel, um ihn zum Lächeln zu bringen. Jerry freut sich schon, wenn alle Räder seines Einkaufswagens in die gleiche Richtung laufen. Wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, dann antwortet er höchstwahrscheinlich: »Wenn es mir noch besser ginge, müssten aus mir Zwillinge werden!«

Es kommt selten vor, dass die Mitarbeiter ihrem Chef folgen, wenn er den Arbeitsplatz wechselt, aber bei Jerry war das der Fall. Sie liebten seine Einstellung. Jerry ist ein Ermutiger und merkt sofort, wenn jemand einen schlechten Tag hat. »Sehen Sie es einmal positiv«, sagt er. »Wenn Ihnen die Sonne ins Gesicht scheint, müssen Sie öfter niesen. Das ist gut für Sie.«

Eines Tages fragte ihn einmal ein Freund: »Ich verstehe das nicht, Jerry. Du kannst doch nicht immer nur gut drauf sein. Wie machst du das?«

Jerry erwiderte: »Jeden Morgen, wenn ich aufwache, sage ich zu mir selbst: ›Jerry, du hast heute die Wahl: Du kannst gute Laune haben, oder du kannst schlechte Laune haben.‹ Dann entscheide ich mich für die gute Laune. Jedes Mal, wenn etwas Schlimmes passiert, habe ich die Wahl, das Opfer zu sein, oder etwas aus der Situation zu lernen. Ich entscheide mich dafür, etwas daraus zu lernen. Jedes Mal, wenn jemand sich bei mir beklagt, habe ich die Wahl, mitzujammern, oder auf die positiven Dinge des Lebens hinzuweisen. Ich entscheide mich für das Positive.«

»Ja schon«, wandte sein Freund ein, »aber ganz so einfach ist es auch nicht.«

»Oh doch, ist es«, sagte Jerry. »Im Leben geht es immer um Entscheidungen. Wenn man mal alles andere außen vor lässt, ist jede Situation eine Entscheidung. Wir haben die Wahl, wie wir auf eine bestimmte Situation reagieren wollen. Wir haben die Wahl, welchen Einfluss andere Menschen auf unsere Stimmung haben. Wir haben die Wahl, gute oder schlechte Laune zu haben. Du hast die Wahl, wie du dein Leben leben willst.«

Eines Tages ließ Jerry die Hintertür seines Restaurants offen stehen, ohne zu ahnen, dass seine Theorie gleich aufs Äußerste auf die Probe gestellt werden würde.

An diesem Tag kamen drei Einbrecher herein und bedrohten Jerry mit einer Pistole. Als er versuchte, den Safe zu öffnen, rutschte Jerrys Hand vor Nervosität vom Zahlenschloss ab.

Die Einbrecher gerieten in Panik.

Und schossen auf ihn.

Jerry kam sofort in die nächste Unfallklinik. Nach einer 18-stündigen Operation und mehreren Wochen auf der Intensivstation wurde er schließlich aus dem Krankenhaus entlassen. Splitter der Kugeln steckten immer noch in seinem Körper. Später einmal fragte ihn sein Freund, wie es ihm gehe. Jerry erwiderte: »Wenn es mir noch besser ginge, müssten aus mir Zwillinge werden … willst du mal meine Narben sehen?«

Sein Freund lehnte dankend ab, fragte aber: »Was ist dir durch den Kopf gegangen, als die Einbrecher vor dir standen?«

»Als Erstes habe ich daran gedacht, dass ich die Tür nicht abgeschlossen hatte«, erwiderte Jerry. »Als ich dann am Boden lag, musste ich daran denken, dass ich zwei Möglichkeiten hatte: Ich hatte die Wahl zu leben oder zu sterben. Also habe ich mich entschieden zu leben.«

»Hattest du keine Angst?«, fragte sein Freund.

Oh doch, Jerry hatte Angst. »Aber die Rettungssanitäter waren super«, erzählte er seinem Freund. »Sie sagten mir immer wieder, dass alles gut werden würde. Aber als sie mich in die Notaufnahme schoben, und ich den Ausdruck auf den Gesichtern der Ärzte und Schwestern sah, bekam ich wirklich Angst. In ihren Augen war zu lesen: ›Der Mann ist so gut wie tot.‹ Da wusste ich, dass ich etwas unternehmen musste.«

»Was hast du getan?«

»Nun, eine große, kräftige Schwester rief mir Fragen zu. Sie fragte, ob ich gegen irgendetwas allergisch sei, und ich antwortete: ›Ja!‹«

Die Ärzte und Schwestern hielten inne und sahen ihn mit sorgenvollen Gesichtern an.

Jerry holte tief Luft und sagte laut: »Ich bin allergisch gegen Kugeln!«

In ihr Gelächter hinein sagte Jerry: »Operieren Sie mich so, als sei ich lebendig, und nicht so, als sei ich tot.« Und das taten sie.

Heute arbeitet Jerry immer noch in der Gastronomie. Seine Mitarbeiter folgen ihm immer noch von einem Arbeitsplatz zum nächsten, genießen seine ermutigende Art und lernen von seinen positiven Ratschlägen. Jerry würde Ihnen heute ohne zu zögern sagen, dass er nur durch das Geschick einiger Ärzte, Schwestern und Rettungssanitäter noch am Leben ist. Aber wenn Sie sich eine Weile mit ihm unterhalten haben, merken Sie, dass er auch wegen seiner bewundernswerten Einstellung noch am Leben ist.

Joni Eareckson Tada, die seit einem Badeunfall querschnittsgelähmt ist, würde Jerrys Einstellung befürworten. Ich hatte das Vorrecht, mich schon mehrmals mit Joni zu unterhalten, und dabei sagte sie mir einmal: »Leid hat ein ungeheuer positives Potenzial, aber es kann auch zerstören. Durch Leid können Familien zusammenwachsen und vereint werden, aber es kann Familien auch durch Selbstsucht und Bitterkeit zerstören … Es kommt ganz darauf an – auf uns und darauf, wie wir reagieren.«

Ich bin genau wie Jerry – genauso allergisch gegen Kugeln (der Fachausdruck dafür ist Ballistophobie). Und ich kann mir genauso wenig wie Jerry aussuchen, wann und wo sie mich treffen. Ich wünschte, ich könnte es. Aber ich kann es nicht. Das Einzige, was ich bestimmen kann, ist meine Reaktion, meine Einstellung und wie ich damit umgehe.

Wie ist das bei Ihnen? Wie reagieren Sie auf die Kugeln, die Sie im Leben treffen? Oder auf die Kakteen?

In Sprüche 17,22 heißt es: »Ein fröhliches Herz ist die beste Medizin, ein verzweifelter Geist aber schwächt die Kraft eines Menschen.«

Wofür entscheiden Sie sich heute? Für ein fröhliches Herz? Oder für einen verzweifelten Geist, der Sie schwächt?

Eines Abends an Thanksgiving konfrontierte mich mein Sohn Jeffrey direkt mit dieser Frage.


6 Thanksgiving im finsteren Tal



Wir haben jeden Moment im Leben die Möglichkeit,

uns für ein dankbares Herz, eine gnädige Einstellung

und eine freudige Haltung zu entscheiden.

TIM HANSEL



In Alberta wird es früh Herbst. Die Apfelbäume sind voller kleiner Äpfel, so rot wie die Abendsonne, und die Zweige hängen bis zum Boden. Die ehemals grünen Felder liegen kahl da und erinnern mit ihren goldenen Stoppeln an wärmere Tage. Ein paar Stunden nach dem traditionellen Truthahnessen lag ich mit drei Kindern auf mir auf dem Sofa und las ihnen die Geschichte vom barmherzigen Samariter vor. Ramona kam herein, rief mich, bekam wieder einen Anfall und stürzte zu Boden. Sie war bewusstlos, und ich trug sie ins Schlafzimmer, um den Kindern den schlimmen Anblick zu ersparen. Später, als sie schlief, nahm ich die Kinder in den Arm, weinte mit ihnen und versuchte so gut wie möglich, ihre Fragen zu beantworten.

»Wird Mama sterben?«, fragte Jeffrey, unser Jüngster.

»Das weiß ich nicht, mein Schatz«, gab ich zu. »Aber eines weiß ich: Gott wird immer da sein, und ich werde auch bei euch sein.«

»Was hat sie?«, fragte Stephen.

»Das wissen wir nicht genau. Aber die Ärzte versuchen, es herauszufinden.«

Später, nachdem ich ihre Fragen beantwortet hatte, lag ich mit meinen eigenen Fragen im Kopf wach. Ich bin zwar Humorist, aber manchmal finde ich das Leben gar nicht zum Lachen. Warum lässt Gott uns durch so viele Täler gehen? Und wie sollen wir dankbar sein, wenn die Berggipfel im Nebel verschwinden?

Um halb eins stand eine kleine Gestalt in der Tür. Durch die Nachtbeleuchtung im Flur erkannte ich nur Jeffreys Umrisse. »Ich kann nicht schlafen, Papa«, sagte er. Da ich in sechs Stunden ohnehin wieder aufstehen musste, taumelte ich verschlafen aus meinem schönen warmen Bett und ließ meine schöne warme Frau zurück, um ihn wieder ins Bett zu bringen, an dem ich mir den Zeh anstieß. Dann sagte ich mit einer Stimme, die drei Oktaven zu hoch war, zu ihm: »Jeffrey, denk mal an 100 Dinge, für die du dankbar bist.« Dieses Spiel hatten wir schon öfter gespielt.

Er sah mich verschlafen an, kratzte sich den Kopf und fragte: »Was denn, Papa?«

Ich dachte einen Moment lang nach. »Na ja, mich zum Beispiel. Bist du dankbar für deinen Papa?«

»Ja«, sagte er. »Außer jetzt, da bist du nicht gut drauf.«

Ich vergrub mein Gesicht an seiner Brust, drückte ihn an mich und hörte ihn lachen.

»Tut mir leid, mein Sohn.«

Jeffrey streichelte mir über meine beginnende Glatze. »Ist schon in Ordnung.«

»Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.«

Ich legte mich neben ihn und flüsterte: »Du fängst an mit der Danke-Liste, ja?«

Jeffrey sah mich an und meinte: »Nein, Papa, du fängst an.«

Eigentlich konnte ich gar nicht dankbar sein. Ja, natürlich sagt uns die Bibel, wir sollen dankbar sein. Allein in den Psalmen heißt es 20 Mal, dass wir dankbar sein sollen. In Psalm 136,1 heißt es zum Beispiel: »Dankt dem Herrn, denn er ist gut! Denn seine Gnade bleibt ewig bestehen.«

Aber wie sollte ich eine Liste mit Dingen aufzählen, für die ich dankbar war, wo ich gerade zum hundertsten Mal zusehen musste, wie meine Frau noch einmal mit dem Leben davongekommen war, und ich mir Sorgen machte um morgen und darum, was aus den Kindern werden würde?

100 Dinge, für die ich dankbar bin? Hmm.

Wenn wir ehrlich sind, ist uns nicht immer danach, dankbar zu sein, oder? Wir setzen uns hin, um eine Danke-Liste zu schreiben, aber alles, was uns einfällt, ist: Ich bin dankbar für meinen Job. Nein, stopp, durchstreichen. Meine Kollegen wollen immer Teamarbeit machen: Sie sind das Team und ich arbeite. Mein Chef behandelt mich wie den letzten Dummkopf, und ich würde alles darum geben, wenn ich morgen angeln gehen könnte. Ich bin dankbar für meine Frau. Aber um ehrlich zu sein, das Essen, das sie heute gekocht hat, hätte sie besser gleich auf den Kompost getan. In letzter Zeit läuft es nicht so gut. Und die Kinder? Na ja, mein Sohn hat Marmelade in den DVD-Spieler geschmiert, und am Donnerstag hat meine Tochter das Auto in die Garage gefahren … ohne das Garagentor aufzumachen. Wenn ich es mir so überlege, sollte ich diese Danke-Liste vielleicht noch mal überarbeiten.

Und dann lesen wir eines Tages 1. Thessalonicher 5,16-18, Verse, die der Apostel Paulus geschrieben hat, der so oft geschlagen wurde, Schiffbruch erlitt und ins Gefängnis geworfen wurde, dass er damit auf die Titelseite vom Guinnessbuch der Rekorde kommen könnte, und sind von seinen Worten überrascht:

Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.

Als ich anfing, über diese Verse nachzudenken, wurde mir plötzlich klar, dass es schön ist, wenn Dankbarkeit aus Wohlstand heraus kommt. Ich mag Wohlstand. Ich warte noch auf den Tag, an dem ich einen Scheck, der auf mich ausgestellt ist, dankend ablehne. Aber was würde ich tun, wenn dieser Wohlstand nicht mehr wäre? Es ist ein wunderbares Geschenk, wenn man Gott für seine Gesundheit danken kann. Aber was würde ich tun, wenn Krankheitszeiten kämen und ich bettlägerig wäre? Würde ich dann verbittert und unglücklich werden? Vielleicht. Aber wenn ich jeden Tag dankbar dafür sein könnte, dass Jesus mich liebt? Dafür, dass er starb, um mich zu erlösen? Dafür, dass seine Liebe nie aufhört und seine Gnade jeden Morgen neu ist? Dann bin ich nicht auf Gedeih und Verderb meinem Bankkonto ausgeliefert, und mein Glück hängt auch nicht von der Diagnose meines Arztes ab. Selbst wenn ich all das verliere, kann ich Gott immer noch danken.

Als ich so neben Jeffrey lag, war mir gar nicht nach Danken zumute. Und dennoch wusste ich, dass das der beste Weg war, um die Dinge zu ändern. Ich wusste, dass wahre Freude am besten auf dem Boden der Dankbarkeit wächst. Ich wusste, dass der erste Riesenschritt hin zu einer veränderten Einstellung ist, ein dankbarer Mensch zu werden. Und weil Dankbarkeit eine Entscheidung, eine innere Haltung und unsere Wahl ist, zählte ich an jenem Abend meinem Jüngsten, der allmählich den Kampf mit seinen Augenlidern verlor, einige der Dinge auf, für die ich dankbar bin:

Ich bin dankbar für Thanksgiving, Jeffrey.

Ich bin dankbar, dass wir nicht jeden Tag Truthahn essen. Sonst würden wir bis Weihnachten wie das Michelin-Männchen aussehen.

Ich bin dankbar für die Erinnerung daran, wie wir früher den ganzen Nachmittag lang Touch Football gespielt haben, das jährliche Callaway-Thanksgiving-Spiel, und uns dann verschwitzt und hungrig an den Tisch gesetzt haben und ich darauf vorbereitet war, dem Löffel voll Kartoffelbrei auszuweichen, den mein Bruder nach mir schoss und den ich im Jahr davor mitten auf die Stirn bekommen hatte. Obwohl wir alle nicht mehr so schnell rennen können wie damals, genießen wir dieses Spiel immer noch. Und obwohl die Schlachten am Tisch der Vergangenheit angehören, bin ich immer noch kindisch genug, um mir einen Löffel vom Salbeidressing meiner Frau zurechtzulegen, die Entfernung bis zu Opas Glatze abzuschätzen und mich wenigstens einen Augenblick lang zu fragen, wie es wohl wäre, die Ladung tatsächlich abzuschießen.

Ich bin dankbar dafür, dass ich Brot backen kann, jetzt, wo wir einen Brotbackautomaten haben. Durch Ramonas gesundheitliche Probleme bin ich gezwungen, öfter einmal meine Kochmuskeln in der Küche zu trainieren. Während sie schläft, essen die Kinder und ich hin und wieder Kuchen und Eis zum Frühstück – Delikatessen, in denen die vier wichtigsten Nahrungsmittel enthalten sind, sage ich mir immer wieder: Milch, Eier, künstliche Aromastoffe und Cholesterin.

Ich bin dankbar dafür, dass ich noch nie Hunger leiden musste. Außer, wenn ich abnehmen wollte.

Ich bin dankbar dafür, dass ich mir dreimal die Nase gebrochen habe. Immerhin war es nicht mein Genick.

Die Dinge laufen zwar nicht so, wie ich es gerne hätte, aber ich bin dankbar, dass sie nicht so schlimm sind, wie sie sein könnten. Ich bin dankbar für eine Frau, die mich liebt und die, als es wirklich hart auf hart kam, treu, liebevoll und sanftmütig war.

Ich bin dankbar für den Sturm, der nach unserem Thanksgiving-Essen über uns hinwegfegte, denn er hat mich daran erinnert, dass wir in der Kälte enger zusammenrücken und uns gegenseitig brauchen.

Ich bin dankbar für die tiefen Täler, denn auf den Berggipfeln wächst nichts. Grün ist es nur unten im Tal, wo der Dreck ist.

Ich bin dankbar für die Dunkelheit. Nur dann kann ich die Sterne sehen.

Ich bin dankbar dafür, dass sich meine Hoffnung nicht auf die Dinge dieser Welt richtet und dass ich mehr habe, worauf ich mich freuen kann, als nur den nächsten Tag. Ich kann mich auf die Ewigkeit freuen.

Ich bin dankbar, dass ich jemanden habe, dem ich Danke sagen kann.

Und ich bin dankbar für drei wunderbare Kinder, die Gottes Geschenk an mich sind. Sie füllen unser Leben mit Lachen, Energie, Unfug und Liebe. Ich bin dankbar, dass sie jetzt endlich alle eingeschlafen sind.

Ich glaube, das werde ich jetzt auch tun.




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