Krampenfieber – Im Fangarm der Pimperbrille
Tobie Schmack


BANG! WOOOMP! ZACK! Das Leben hat einen Plan. Blöd nur, dass Henry den nicht kennt. Seine Delia – über den Wolken weggecastet, die Altbau-Bude komplett blankgezogen, die Call-Center-Tristesse ein Sahnehäubchen für die alltägliche Frust-Suppe. Der perfekte Moment, sich hinter die Bahn zu werfen. Wäre da nicht sein bester Kumpel, der ihn hemmungslos in die Fänge eines drohenden Ehemaligentreffens peitscht. Quer durch Spinning-Wahn, Speed Dates, Total-Rasur und Kneipen-Prügel. Und plötzlich genießt Henry Berühmtheit – zweifelhaft, nachhaltig gewaltig – zwischen One Night Stand und Gossenpfütze. Warum ein Rasierer zur Elektroratte mutiert, weshalb für einen Morgen-Latte immer Zeit ist und verdammt noch mal jeder nur noch postet, um etwas zu sein … Ja, das muss man schon selber lesen … im knackigrasanten Comedy-Debüt von Tobie Schmack. Ruhe war gestern, it’s Tacko-Time!







TOBIE SCHMACK






COMEDY

ROMAN


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Für DMC




INHALT


Cover (#u2c876ca9-54af-5893-ab35-780410d3f402)

Titel (#u1a76c1ad-022d-5d32-9664-ba4426e3d000)

Impressum (#u2cf71e88-27cc-5dfd-b93e-d93aa3994650)

KNOCK OUT (#u83a45ecf-8830-5f50-9ca5-cc44c84bc5cb)

CHICKEN OR BASTA (#u8c75dce6-1691-5abd-87e5-3efa0843a916)

BLANKGEZOGEN (#u739ecd0d-9a23-50d5-8c84-3105713b0678)

GROUND ZERO (#ua58d2907-c4f4-5c02-9f8c-26b5c5aee287)

RING, RING (#ucd925e8c-4c7b-540f-aec0-c8564dab305e)

»MUSSTE DEFINIEREN« (#ud9e16f7e-39c6-5b31-8509-ba3974012838)

KASTRIERT IM SUPERMARKT (#ub5c68a49-3b49-5b11-a429-9505715c0231)

KAHLSCHLAG (#u29a092d7-6d72-556f-9d3c-100f2ac1a17f)

DER PFERDEBISS-COCKTAIL (#u606cc90c-3327-5515-993f-6cfe2832eced)

BEZIEHUNG WIDER WILLEN (#u8754dbba-5b6c-5daf-b955-f7c81163d8be)

ABGESTÜRZT IN DEN OLYMP (#uce25f7a0-3c55-599d-8010-abdf5cbc4423)

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH (#u60348362-235c-5d17-afe0-13c23b61fd6d)

WIR WAREN WIR (#u0154b198-1fc4-512e-af71-f6aae17515af)

AN DER LEINE (#ud6103a6c-aa8f-5e0b-b06a-59bfe4765d69)

IT’S ALL ABOUT BUSINESS (#ub461ea4c-35f2-5587-a4cc-8cd418b2f5cc)

AUSERKOREN & ABGEFROREN (#u3422b4fb-ec8e-5ca3-b416-6953b7c23316)

OHRWURM (#u5f243008-1e4a-5c2a-b6b1-5ac572dfa77d)

FEMME FATALE (#u2adce181-99a4-5331-883d-227b9823398c)

BACK ON STAGE (#ucea44109-5499-5c1d-85ca-89c01f0fa217)

KOMPROMISSLOS VERFAHREN (#u0472961a-3f80-5cab-9118-115cfa28c74b)

AFFENZIRKUS (#udb39decb-f75d-5d88-91b3-c8bbfeade08e)

TISCHLEIN DECK MICH (#ueebb7186-95fc-53bf-809b-648305994b9c)

JACKPOT (#uc0237046-126c-5292-8f0d-de8387e51c2b)

GANZ ENTSPANNT (#ueed146b6-294d-5b69-9a7c-bcd778775215)




KNOCK OUT


BANG! Fünf Fleischfinger geballt zu einer Faust! WOOOM! Fünf Griffel eingelegt in einen Schmierfilm aus Kippe und altbackenen Fritten. DENG! Meine Nase knirscht. TRONK! Mit dem Kinn schlage ich hart auf dem gewienerten Bartresen auf, wobei mein spärlicher Zickenbart kaum etwas abfedern kann. Noch im Flug fangen meine Augen ein mannshohes Hähnchenkostüm vom Nebentisch ein und nehmen das Bild im Zwischenspeicher meiner dröhnenden Hirnrinde mit nach unten. Der Gockel genießt das Spektakel, das um mich herum geschieht, dankbar und prostet mir zu, lenkt es wohl doch von der Peinlichkeit ab, dass er sich gerade von seinen Kumpels mit rohen Eiern beschmeißen lässt. Kein Thema! Ich helf doch gern! RUMMMS!

»OOOaaaahhhrrrrr!«

Als ich meinen Kopf hebe, spüre ich, wie der rote Saft aus meiner Lippe tropft. Der Boden unter mir, der eben noch so streifenfrei glänzte, ist rötlich verschmiert mit einer Suppe aus Blut und Schleim. Während ich versuche herauszufinden, warum, wieso und weshalb ich nicht mehr gemütlich da oben an der Bar sitze und das perfekt gekühlte Krefelder vor mir habe, bauen sich zwei schwere Stiefel vor mir auf. BAMM! BAMM! BAMM! Schlammstiefel! Okay, wir sind ja auch auf dem Dorf. Mehr kann ich im Moment nicht erkennen, will ich auch nicht. Und der Kerl über mir hat sicherlich ganz anderes im Sinn als Glückwünsche zu seinem Kauf äußerst bequem erscheinender Schuhe. Mann! Welcher blöde Arsch hat mir da gerade seine mächtige Pranke auf die Schulter gepackt? Ein Bier, ich wollte doch nur mal feiern … Scheiße!

»Ey, sag mal, meine Nase! Ey, ist die gebrochen? Du Vollarsch, die ist gebrochen.«

Oh, Mann! Und wo ist Tacko? Alles ist verschwommen. Wer ist dieser Typ in der Tarnfleckhose? Moment! Tarnfleck? Plötzlich schwant mir was. Mit respekterfüllter Vorahnung schaue ich langsam nach oben, wissend, dass mit jedem zu sehenden Zentimeter seines Körpers meine aufkeimende Angst mehr und mehr begründet ist. Auch aus dieser Erdkrötenperspektive gibt es keinen Zweifel. Für ihn übrigens da oben auch nicht, was er gern unterstreicht. Schwungvoll klatschen seine feuchten Fleischerfinger an meine zarte Ohrmuschel, die sichtlich bemüht ist, den Schwung abzufangen. Wo ein Körper ist, kann ein anderer nicht sein, schießt es mir neben der Druckluft durch den Gehörgang des rechten Lauschers. Plötzlich ist es wahnsinnig still. Ich schüttele mich kurz und fühle mich, als wäre es schon halb zwölf und meine Bilanz bereits bei einer gekillten Palette Southern Comfort Ginger Ale. Alles dreht sich. Selbst die Beine um mich herum tanzen. Da kann ich mich schütteln, wie ich will. Besser wird’s nicht. Nee, wirklich nicht! Obwohl ich hier unten nun wirklich einiges zu tun hätte, um meine Situation zu stabilisieren, kotze ich meinem möglichen Endgegner des Abends direkt auf die Schnürsenkel. Unschön! Ja, das ist jetzt wirklich unschön. Deeskalation ist nicht unbedingt meine Schlüsselqualifikation. Während ich angewidert mein Eigenblut betrachte, wird mir klar, dass Einknicken jetzt gar nichts bringt. Die frisch bebrochenen Lederschuhe würden aber ohne Frage einen herrlichen Opener für einen fulminanten Bühnengag abgeben. Mein mühsamer Versuch aufzustehen scheitert. Als ich versuche, mich mit der linken Hand aufzustützen, rutscht mir die auf der Bierlache weg. ZACK! Ich schlage leicht mit der rechten Schläfe auf. Verdammt, kann mir denn mal einer helfen! Plötzlich packt mich jemand und stellt mich so schwungvoll wieder auf, dass mit einem Mal mein vor Stunden frisch erstandenes Checkerhemd um einige Blutsprenkel reicher ist. Okay, jetzt hab ich ein Unikat, aber noch immer keinen erlösend scharfen Blick für meinen Angreifer. Zwei wütend strahlende Augen durchstoßen meine Ahnungslosigkeit und drücken die Erkenntnis eiskalt zutage. Ja, in die Performance, die hier gerade mit mir abgeht, hatte ich mich durch eine erfolgreich platzierte Nummer selbst geplaudert. Direkt vor mir überlegt niemand Geringeres als der 3D-Troll himself, der Depp vom Dienst aus Deppelsdorf, wie er sich für die kostenlose Publicity im Lokalkanal eindrucksvoll revanchieren könnte. Und trotzdem, das kann doch einfach alles nicht wahr sein. Sowas passiert hier nicht. Da wird einer wie ich nicht hinterrücks zusammengelegt und endet in der Sammeltonne in einer schmuddeligen Seitenstraße. Nein, solche Geschichten passieren in L.A., von mir aus in einem neudeutschen Blockbuster in Berlin-Mitte, aber ums Verrecken nicht hier, mitten in dieser popeligen Provinzstadt, deren markanteste Eigenheiten ein gefühltes Einwohner-Durchschnittsalter von achtundachtzig, eine Schwemme an Kosmetikstudios und die Wiederentdeckung des persönliches Freiraums der humanoiden Restposten nach erfolgtem Abriss des in Zonenzeiten kredenzten Stadtbildes sind. In dieser Oase hinterwäldlerischer Eintönigkeit wollte ich nichts mehr, als nur mal ein Bierchen mit Tacko ziehen, mich im Rennen Richtung Firmenspitze bei COMICALL selbst feiern und, wer weiß, vielleicht als Sahnehäubchen noch die Kleine hinterm Zapfhahn klarmachen. Heute, heute sollte mir alles gelingen. Egal, dass mir das Landei sicher gleich die vor lauter Karrierestolz geschwellte Brust zerlegen würde. Mach doch! Da sind Heerscharen an Brusthaaren, die mir vor gefühlten fünf Sekunden in einer Suppe aus Stolz spontan im Office gewachsen waren, als ich meine Antrittsrede in die erstaunten Gesichter meines Teams geschleudert hatte. Keine Frage, da war ich der King im Ring. Ja, das war ich … nein, ich bin’s, ganz plötzlich auf der Gewinnerstraße und sowas von bereit, auf der Überholspur über »LOS« zu donnern. Dummerweise hatte ich das Spiel nicht im silbernen Rennwagen, sondern im nicht sonderlich attraktiven Wanderschuh begonnen. Und so bin ich noch immer unbeweibt. Das Dilemma leuchtet in strahlenden Lettern deutlich auf der Stirn und wird hilfreich verstärkend von tiefen Sorgenfalten unterstrichen. Ich brauche so dringend ein Date. Verdammte Hacke! Ich kann doch da unmöglich allein auftauchen. Nicht nur wegen Dörte, wegen allen.

»Nun glotz doch nicht so blöde«, schreie ich den Nerd am Dartkasten an, der mich die ganze Zeit über runterfilmt und allem Anschein nach damit Karriere bei YouTube machen will.

Aber dieser dickliche Zwerg ist nun wirklich nicht mein schwerstes Problem. Nein, gegen den Hieb, der gleich auf meiner Brust einschlagen würde, ist das Kinderfernsehen. Warum laufen solche Impacts immer in Zeitlupe ab? Ich denke: »Nee, nicht?!« und weiß: »Scheiße! Doch!« Mann, warum gucke ich bloß Freak-TV! Eine Folge von diesem Weiberaustausch und etwas gelebte Verzweiflung weniger, und das alles hier würde jetzt gar nicht passieren.

»Pass ma’ auf, du Spacko«, schlägt es mir mit einem groben Spuckeflatschen ins Gesicht, »das ist für die Grütze in der Glotze. Und das für die Mäusekacke in der Zeitung!«

BANG! Wie ein Abonnent sieht er nun wirklich nicht aus, geschweige denn wie ein regionaler Literaturkritiker. Irgendeiner muss es ihm also gesteckt haben. Aber was kann ich dafür, dass der für dreifünfzig in einer Dokusoap seine Ehre verhökert, nur um mal in jener trashigen Eigenproduktion mitzumischen. Nein, ich hab nicht angefangen. Den ersten Schritt ins vernichtende Scheinwerferlicht hat der Hüne über mir gänzlich freiwillig gemacht, was mir für eine Hundertstel etwas Dialogfleisch entlockt, das ich dem Dorfköter zugleich in die gefletschte Fresse werfe.

»Haste jemanden gefunden, der lesen kann?«

Die Frage hätte ich sein lassen sollen, aber auch wenn meine Schlachtbanklage jetzt nicht danach aussieht, ich muss das sofort wissen. Die Nummer gefällt dem Fleischberg überhaupt gar nicht. Nein, dafür muss ich nicht erst auf den Schlag in die Rippen warten. Wenn die Faustmassage einen anhaltenden Fitnesseffekt hätte und meine nicht zu leugnenden Speckröllchen zertrümmern könnte, ich wäre vielleicht sogar mittelfristig sowas wie dankbar. In der Hoffnung, dass Rippenknochen grundsätzlich nicht so leicht brechen, setze ich nach.

»Scheiße gelaufen, was! Konntest ja nicht ahnen, dass du deine Frau zurückkriegst, ’ne! Sag mal, wer war eigentlich der Fetti in der Kittelschürze? Der mit den drei Zahnpfosten!«

Er stutzt kurz, gibt sich aber bedröppelt kooperativ in meinem kleinen Frage-Antwort-Spiel.

»Hä? Des is meene Olle!«

Wow, schießt es mir durch den Kopf und ich versuche krampfhaft, nicht lachend loszubrüllen, nicht zuletzt, weil das überall am Körper schon äußerst wehtut.

»Deine Alte? Ich dachte, das wäre dein Bruder. Ich mein, Hängetitten hat bei euch ja jeder. Seht euch ganz schön ähnlich. – Na ja, bleibt ja in der Familie, was!«, füge ich kurz hinzu und lege meine Hände vorsichtshalber schützend auf den Brustkorb, als ich im schönsten Slogan-Sprech abrundend ergänze: »Unwucht wegen Unzucht, ne!«

Jemand neben mir findet das irre komisch, fängt sich dafür aber eine ein, die ihn krachend vom Barhocker fegt. Gut, der Druck ist also schon mal raus, der Prügelakku wohl aber noch nicht hinreichend entladen. Während ich den Unbekannten am Boden kurz mustere, kann ich es doch nicht sein lassen, noch einen draufzupacken.

»Tschuldigung für den Gag. Ich kann ja nicht riechen, dass bei euch in der Hauptschule ganze vier Buchtstaben auf dem Plan stehen. Ich dachte, euer ABC endet da auch.«

Mit einem kräftigen Schub sause ich jetzt gegen die getäfelte Wand hinter mir. Die daran aufgereihten Partybilder weichen mit etwas Widerstand und gehen klirrend zu Boden. Nach kultivierter Konversation sieht das für die Umstehenden sicher nicht aus. Unterhaltsam scheint es aber allemal zu sein, wenn ich die zufriedenen Gesichter und die auf mich gerichteten Handys richtig deute. Als ich bemerke, dass ich mit meiner Jeans mitten in einem Teppich aus Glasscherben bade, wünsche ich mir, ich könnte spontan die Stellung wechseln und mit dem Aufreißer-Würstchen am Snookertisch tauschen. Der hat den ganzen Abend schon so blöd gegrinst, dem würde etwas Gesichtskorrektur definitiv nicht schaden. Der Hammermann, der mich momentan gern weiter bearbeiten möchte, hat andere Pläne, grunzt konsequent die zwei wasserstoffgezeichneten Tussis zur Seite und legt mich im hohen Bogen auf dem Billardtisch ab. Fertigmachen zur OP! Meine Hoffnung, dass meine gratis Intensivbehandlung damit ein knappes Ende gefunden haben könnte, zerschellt, als ich sehe, dass sich der Hulk an den sauber an der Wand drapierten Queues bedient. Seine Auswahl ist dabei eher spontan, ganz intuitiv, und nicht auf Qualität in Verarbeitung und Führung ausgelegt. Das Leben ist, wie Omma es unermüdlich bei jeder großen Woche in den Hauseingang sabbelte, manchmal hart, aber so hart wie Billardholz mag ich es dann doch nicht. WUSCH! Der glänzend polierte, filigrane Stab streicht wie ein Laserschwert unerbittlich elegant durch die versiffte Luft des Clubs. ZOOM-ZOOM. Um das garantiert gleich hochschnellende Brennen nicht auch noch sehenden Auges zu greifen, sondern es schlicht zu erahnen, kneife ich meine leicht ängstlich zitternden Lider so fest wie möglich zusammen, dass mir Millionen kleinster Glasbausteine in allen erdenklichen Farben erscheinen, und bete mir innerlich einen ab. Keine Ahnung, ob das Vaterunser der Prüfung durch einen Geistlichen standhalten würde, aber ich nehme jetzt wirklich jeden Strohhalm, nur eben keinen erbarmungslosen Billardqueue. Ich wäre ja durchaus bereit gewesen wegzurennen, aber die behaarte Tatze ist flinker als gedacht, sodass er mich eindrucksvoll auf dem Grün fixiert und mir – leider etwas unverständlich zum Mitschreiben – was in die Nasenhöhle sabbert. Ja, Geben ist seliger denn Nehmen. Amen! Es gibt Momente, die gehen zack vorbei. Dieser dauert ewig. Und dauert. Und dauert! Für eine Millisekunde fühle ich mich fast schon gelangweilt, aber die Urangst vor dem Schmerz ist, zugegeben, weitaus größer, und so zieht sich an mir zusammen, was sich zusammenziehen kann.

Eigentlich stehe ich nicht auf Billardclubs. Aber es gibt garantiert unwirtlichere Orte, an denen man abends herumlungern kann. Der Kaffee war hier schon immer umsonst und die örtlichen Bushaltestellen nicht wirklich sonderlich einladend für einen gepflegten Männerplausch. Und wann immer hier drinnen eine bis dahin für den Großteil der Publikums unterhaltsame Schlägerei zu eskalieren drohte, gab es Manni, der sich darum kümmerte, jene Balance wieder einzurichten, die, zumindest bis die Wetten platziert waren, für ihn eine Chance auf einen guten Schnitt sicherten. Wir sind alle ein Teil eines großen Ganzen. Bei Manni hatte das irgendwann jeder kapiert. Immerhin ist das seine Hütte. Es ist kein Geheimnis, dass Redseligkeit bereits drei Generationen vor ihm familiär als Ladenhüter gegolten haben muss. So ist das Respekt einflößende Muskelkleid wohl durchaus im Bausteingewirr seiner ganz persönlichen DNA manifestiert. Daher war kein Dauergast jemals so leichtsinnig, mit Mannis Fäusten ins Zwiegespräch zu eilen. Das hätte auch der hochgewachsene Stoppelbartfettsack wissen sollen, dessen geführter Holzstab immer noch in der Luft hängt und gleich meine von mir so sorgsam gehüteten Hodensäcke zerlegen wird, scheibenweise – nett angerichtet. Ja, gleich ist das Buffet eröffnet. Wenn es einen Moment gibt, an dem ich freiwillig nach der bereits seit geraumer Zeit abgelegten Mutterbrust schreien dürfte, ja sollte, dann jetzt.

»MAAAAAAAMAAAAAA!«

Aber dann! ROMMP! Alles geht plötzlich verdammt schnell. Manni springt in meinen Angreifer hinein und fängt sich dabei einen der Billardstäbe am Oberarm ein. In einem Western würde das Holz nun vollkommen zersplittern und der Rest der Glotzerbande schlagkräftig ins Geschehen eingreifen. In Mannis Bude lässt man ihm aber seine Ein-Mann-Show. Ist einfach besser, gerade für die eigenen Zähne. So billig kommt man mit Zurückhaltung davon. Die Wand entledigt sich weiterer Fotorahmen, als das Duo dagegenkracht. Mannis Vorteil ist ganz klar das Überraschungsmoment. Und so endet das gefeierte Gerangel, kaum dass es begonnen hat. Wie bei einem über Monate gehypten Mega-Box-Event fällt die Anspannung nach nur zwei Minuten glanzlos in Schockstarre zu Boden und hinterlässt ein enttäuschtes Publikum, das wie ein verzweifelter Penis nach stundenlangem Hoch-und-Runter nach einem phänomenalen Höhepunkt schreit und daher nach einem saftigen Nachschlag verlangt und völlig verständlich »Zugabe« skandiert. Ein Wunsch, der mir in den schlottrigen Knien abstirbt. Überaus erleichtert rolle ich mich seitlich vom Tisch. Während Manni den Fremdkörper unter Verwendung diverser reich ausgeschmückter Nettigkeiten über dessen Muttertier aus dem Laden jagt, suche ich mir einen mich stabilisierenden Barhocker als neuen Kurzzeit-Kumpel und sacke, an die bilderlose Wand gelehnt, nach und nach zusammen.

Irgendwie scheint die Musik wieder lauter zu sein. »Summer of ’69«! Der Bass aus den Lautsprechern über mir füllt mich bestens aus. Neunundsechzig!?! Ja, ’ne Neunundsechzig, das wär jetzt was, grinse ich still in mich hinein und erblicke mich selbst in einem der noch an der Wand baumelnden Spiegelsplitter.

»Mann, Henry …«, reiße ich mich wieder zurück. »Neunundsechzig! Dieses ganze Kopfgeficke! Du willst doch nur …«

Egal! Aber ehrlich, eigentlich habe ich von diesem ganzen Mist genug. Ich will mal endlich runterkommen, aber ich kann nicht. Mir bleibt einfach nicht genug Zeit.

»Auf dich, du alte Scheiße!«, proste ich erschöpft dem herzerweichend blassen Henry im Spiegelbild zu.

Was trinke ich da eigentlich, beginne ich mich zu fragen, als ich an meinem zerrissenen Hemdärmel herunterblicke und das gut gekühlte Glas in meiner Rechten sehe, an dem ein einsamer Tropfen Kondenswasser abwärts schlurft. Sieht nach Caipirinha aus, schmeckt aber nach Seife. Bestens, das Glas war also vorher sauber. Ich nippe zufrieden und kümmere mich nicht weiter darum, wer den Drink spendiert hat. Und ehe ich das teuer bezahlte Zeugs verkommen lasse!

Ich starre in die Leuchte über dem Billardtisch und verliere mich kurz im grellen Licht der Energiesparlampe. Plötzlich muss ich an sie denken. Delia. Ja, Delia. Weißer Strand. Alles ist so fern und doch so unvergessen. Ihr Lächeln, ihre Anwesenheit, sie war immer da, aber nie hier bei mir. Sie würde allein bei der bloßen Idee schon Panik-Herpes bekommen. Eine schmerzhaft verkrustete Patzlawwe von der nässenden Unterlippe bis zum Zehennagel des großen Onkels, und das nur, weil ja hinter jeder Ecke ein präzise organisiertes Mordkommando wartet, das mittels herrenloser Cocktails ahnungslose Provinzloser auslöscht. Qualvoll langsam, mit einer perversen Faszination am menschlichen Verfall. Ich bin nicht der Kopf einer ukrainischen Revolution und der russische Geheimdienst schleicht sicher momentan um spannendere Krisenherde herum. Ach Delia! Du kannst mir sowieso mal gepflegt am … was auch immer. Ich habe keine Lust, an sie auch nur einen weiteren Gedankensplitter zu verschwenden. Vom leichten Windzug der Lüftung angetrieben schwingt die Leuchte über dem Billardtisch hin und her. Während ich mit der Zunge um meine sich aufbäumend angeschwollene Unterlippe fahre, um kurz auszuschließen, dass die Herpeswelle nicht doch im Anmarsch ist, schaue ich erwartungsvoll zum Eingang herüber. Tacko ist noch immer nicht da und ich bin mir langsam nicht mehr sicher, ob er überhaupt noch auftauchen wird. Tacko! Bester Freund, mein Mentor, das Tor zur Hölle, das Chaos als Widerspruch in sich selbst, ein Kerl, den es geben muss, weil es gut so ist, oder schlicht mein Coach. Ja, Coach würde gut passen, denke ich und schütte mir noch etwas unübersehbar schäumende Soap-Pirinha in den kratzig-trockenen Schlund. Unnachgiebig wummert der Bass auf meiner Brust. »Summer of ’69« aus der Konserve ist schon Geschichte und jetzt schreit sich der Typ von Kings of Leon seine Lyrics aus dem Hals. Billardkugeln schlagen an dem verblassten Tischteppich aneinander. Klack, klack-klack.

»Mann, der Club ist immer noch irgendwie … so voll Dorf!«, lästert nüchtern die Stimme eines übermäßig mit Haargel gelackten Motoradjackenträgers, der sich gerade neben mir aufgebaut hat.

»Mann, Tacko! Da bist du ja endlich«, entgegne ich erleichtert und doch zugleich sichtlich angepisst.

»Gehst du hier immer so her?«, fragt er mich grienend und zottelt an meinem zerrissenen Checker-Hemd herum. »Also, so kriegste die Chicks nicht. Und mit ’ner nassen Hose wird das sowieso nix mit den Mädels. Oder ist Messie-Look angesagt? Übrigens, Blutspende ist erst morgen, hier im Gemeindesaal, steht draußen dran, aber du kannst ja den Fetzen bei denen in den Briefkasten stopfen«, drückt er sich genüsslich zwischen den Beißerchen durch, begleitet von diesem unnachahmlich widerlichen und selbstüberschätzten Gewinnerlächeln. Mein Anblick des fleischgewordenen Jammers muss einfach zu verlockend sein.

»Danke, Tacko, mir geht’s blendend, wenn man mal davon absieht …«, mein Ton wird spürbar eindringlicher, »... dass ich hier grade voll auf die Fresse gekriegt habe. Und alles nur wegen deiner Scheißidee.«

Am Nebentisch lässt die Junggesellenabschiedsfeier den Broiler noch immer nicht aus der Mangel. Nein, jetzt gibt’s für alle im Club Wolle Petri, wie immer extended und gebrüllt. Wahnsinn! Sicher! Wahnsinn im Kochtopf. Und das zukünftige Ehe-Opfer im noch immer stilsicher sitzenden Hähnchenkostüm schwimmt mittendrin. Überall Farbflecken. Paintball! Sieht ganz schön bunt aus.

»Auf dich, Matze!«, feiert die Gerstensaft gesteuerte Testosteronhorde den bald Verheiraten, zur Treue Verdammten und damit offiziell zum Abschuss Freigegebenen am Nebentisch und stimmt dann mit ihm zusammen rülpsend ein.

»AUF JEDEN!«

Mein Lippenkostüm ist in dem aktuellen Schlauchbootformat noch immer preisverdächtig voluminös, was sich einfach völlig behindert anfühlt. »Blitz-Botox durch Fausteinschlag«. Schöne Schlagzeile! Wenn ich mich nicht gerade so anstrengen müsste, Fassung zu bewahren, ich würde auf der Stelle den Stift zücken und mich selbst zum nächsten Gaghöhenfeuerwerk ausweiden. Auf solche Stories hat die Bühne doch gewartet. Statt mich in der schriftstellerischen Produktionshalle vors Fließband zu schnallen, übt sich mein Gegner in unerreichter Motivation.

»Deine Deckung ist einfach miserabel, Henry!«, stochert Tacko in meinem Bottich aus definitiv verletztem Männerstolz herum und stupst meinen Oberarm mit seiner Bierflasche an. »Prost, du alte Hütte!«

Flasche gegen Flasche!

»Du mich auch!«, grinse ich so gut es geht zurück.

In diesem Moment bin ich dankbar, dass Clubs dieser Sorte nicht standardisiert mit Tageslichtlampen ausgestattet sind. Kaum jemand nimmt mehr Notiz von mir. Und der von mir eben noch als Behandlungsunterlage belegte Billardtisch wird von drei blutigen Anfängern mit Flaumbart beackert. Die sind vermutlich gerade mal fünfzehn und halten sich mit ihren Smartphones für schweinegeil. Dass die Dinger beim Spielen stören, ignorieren die gänzlich. Die suchen sicher eine App für die Spielregeln. Was’n Stress! Ich hatte in deren Alter lediglich einen gratis Flächenbrand an Pubertätspickeln – ein verdrängtes, unfreiwilliges Upgrade. Aber an jene Abende an der Sechs-Loch-Arena kann ich mich bestens erinnern. Da ist noch immer ein Gefühl, zwar schwach und leicht traurig, weil nur wir beide es sind, die noch nicht in die strahlende Zukunft jenseits der als touristisch idyllisch vermarkteten Landmasse an Mulde und Elbe geflohen sind. Während ich melancholisch ersaufe, begatten zwei der Irokesen den Tisch. Würde ich das nicht selbst mit meinen eigenen Augen sehen, ich würde es für vollkommen abwegig halten, dass so eine Aktion auch nur ansatzweise den Weg in ein Hirn findet. Der Dritte im Bund gibt mit seinem Smartphone den Starfotografen und lädt das soeben geschossene Billardtisch-Kamasutra hoch ins Netz. Dass beim Upload das Niveau so tief fallen kann! Das tut einfach weh! Prost!

Ein merkwürdig flaues Ziehen wandert plötzlich durch meinen Oberschenkel, versickert knapp unter meinen Schultern und hält gerade direkt über dem Halswirbel in meine Schädeldecke Einzug. Jetzt ist sie wieder ganz wach, die Kälte nach dem verräucherten Nachtsuff, dem Notlager auf Tackos Parkettboden und meinem Gang in Tackos Fitnesscenter am nächsten Tag. Mir blieben gerade mal jämmerliche sieben Tage und noch immer stiert mich der wichtigste Anstrich meiner inneren To-do-Liste eiskalt an: Freundin (wahlweise auch heißes Date; von mir aus auch Passantin von der Straße oder gar handgeschriebene Bleistift-Offerte vom Biete-Suche-Brett meiner Stammkaufhalle; Hauptsache: nicht allein!).

»Mann, Alter!«, reißt mich Tacko aus der Expedition ins Teenie-Reich von den Halbstarken in die muffige Kneipenaura am Tresen zurück. »Da biste einmal in der Muckibude weggekracht und machst jetzt ewig auf Memme.«

In seiner unnachahmlich unsensiblen Art steht mir Tacko bei.

»Keine Ahnung, was die dir da in den Shake gehauen haben, aber für so ’nen Trip muss ich in der Disse ordentlich was abdrücken.«

Mein »Ey, ich hatte ’nen Kreislaufkollaps, ich hätte abkacken können!« weckt kein Interesse mehr bei ihm. Gut, das hat er nun schon oft genug gehört. Und Klagelieder in Schiss-Moll werden durch Wiederholung einfach nicht chartverdächtiger. Leider sieht das mancher Radiosender mit den besten Hits der Achtziger, Neunziger und der bassverseuchten Discojaule heute anders. Aber was soll mein Gute-Laune-Kumpel auch anderes denken. Einer, der seit Jahren den höllischen Kern von Delia ausgemacht haben will und nun im Triumph seiner Prophezeiung noch der Exklusiv-Zeuge der Henry-Thomas-Home-alone-Story ist, einer Geschichte, nach der weder er und noch nicht mal ich gefragt hatte. Aber ich, Henry, bin nun mal die schillernde Hauptfigur. Ja, es ist meine Geschichte … ohne Besetzungscouch, in die ich völlig blind hineingeschlittert war. Eine Fußnote im Treiben meiner kleinen Welt, die rein gar nicht so gedacht war und irgendwie mit dem Rückflug aus Punta Cana ihren eisgekühlten Kamikazekurs genommen hat, um mich bis hierher auf den Erdboden zu schleudern. Es gibt Leute, bei denen passiert über Jahrzehnte rein gar nichts, die vegetieren einfach so nasebohrend und Bier vernichtend vor sich hin, bis mal das Schicksal freudig anklopft, worauf selbiges aber nur ein dumpfes »Wir koofen nüschts« kassiert. Ich dagegen habe wohl vor knappen zwei Wochen im Delia-Delirium mal zu heftig »Hier!« geschrien und werde seitdem von einem mittleren Fiasko zum nächsten Magentritt gescheucht. Und ich ahne, dass es das sicher noch nicht gewesen ist. Zwei Wochen, die ich hätte einfach versiffen sollen, die ich hätte gemütlich in Selbstmitleid ertrinken können, in meiner Altbaukammer – gut, ohne Möbel, aber das … oh, Mann, was hab ich mir hier nur eingefangen? Ach Kacke! Das fing alles schon so exzellent scheiße an, so scheiße wie der unbekannte Drink in meiner Hand.




CHICKEN OR BASTA


Zwei Wochen zuvor … in 10.000 Metern Höhe.

Die Sonne sticht sich mühsam durch den winzigen Schlitz am Fenster. Unter uns liegt ein flauschig weicher Wolkenteppich. Die Motoren brummen, das ohrenbetäubende Rauschen im Kabinenraum ist mittlerweile akzeptiert und ich widme mich dem Bord-Journal. Nein, ich will nichts kaufen. Obwohl ich mir den Swarovski besetzten Kerzenständer mit dem Logo der Airline drauf super auf meinem Kaminsims vorstellen könnte, wenn ich einen Kamin hätte oder zumindest die günstig anmutenden fünfhundertfünfundneunzig Euro, die das Schmuckstück auf Seite vier rechts unten kosten soll. Da, wo die Freiheit angeblich so grenzenlos ist, düsen wir Richtung Heimat und mit jeder zurückgelassenen Wolkenherde drückt sich die Gewissheit eines gnadenlos kühl grinsenden Kontoauszuges in mein Bewusstsein. Hinter uns liegen unvergessliche Tage unter karibischer Sonne. Und ich bin müde, einfach nur todmüde.

* * *

All inclusive, nichts als all inclusive. Die Piña Colada auf den Shorts, Sand in der Kauleiste und der Zoff vom Frühstück im Genick. »Das Paradies ist nur das Paradies, wenn man das Zuhause daheim lässt«, hat schon mein Opa Walther gewusst, und der war nur in Stalingrad. Alles war lange bis ins letzte Detail geplant. Vier Wochen Jahresurlaub, unzählige Überstunden für den perfekten Ausgleich zum kleinkarierten Kleinstadtmief. Der Dispo war mit dem Segen der Sparkassen-Filiale Nord bis zur Schmerzgrenze ausgequetscht. Alles nur dafür, mit Delia allein zu sein. Ganz allein! Zu allein! Der Höhepunkt des Frühstücks, gleich am ersten Tag nach der Ankunft, war die Reklamation ihres Rühreis, das schlichtweg nicht deutsch genug schmeckte. Der Bacon war zu fettig, der Kaffee zu schwach und der einheimische Kellner offenkundig zu hässlich, um Trinkgeld zu ernten. Kein Wunder, dass sich die Tische um uns herum schnell leerten und auch trotz intensiver Aufbauarbeit meinerseits nicht wieder zufriedenstellend füllten. Schlechtes Karma! Sicher, der Hinflug war lang und die Hütte bei der Ankunft unter Wasser. Karibisches Wetter macht nun mal nicht vor den Behausungen deutscher Touristen Halt. Wetter kennt keine nationalen Macken. Die Luft in der Bude stand und der Schweiß lag triumphierend auf unserer Haut. Eigentlich hätten die Moskitos darin ertrinken müssen. An Schlaf war für mich ohnehin nicht zu denken – bei Delias Geschnarche, über das sie jede weitere Diskussion verbot. Aber auch so lag die ganze Zeit ein komisches Gefühl in mir hellwach. So nah beieinander unsere clubeigenen Strandliegen in den kommenden Tagen auch stehen würden, es lagen Welten zwischen uns, und kein Ufer würde sich aufmachen, eine allen Gewalten trotzende Brücke über das sich bewegende Meer an Lustlosigkeit zu legen.

Die Sonne brennt, die Wellen mühen sich, die Stille zwischen uns zu brechen. »Sonnencreme!« Zärtlich streichle ich Delias Nacken und fahre mit den Fingerspitzen um den rosinengroßen Leberfleck unter ihrer Schulter. Wunderschön!

»Wenn du weiter so langsam machst, hab ich Sonnenbrand am Po.« Schön! Das ist also der Hintern, den ich den Rest meines Lebens einschmieren werde. Ich Arsch! Langsam werde ich müde, lasse mich zur Seite sacken und strecke mich auf meiner Liege aus. Von schwermütigen Palmen umgeben blicke ich auf den traumhaft hellblauen Ozean. Jetskis peitschen gleich einem Höllenritt übers Wasser, eine monströse Banane schleppt Urlauber über den Wellenacker, um sie wenig später ins aufgebrachte Nass zu entsorgen.

Zwischen uns steht noch immer dieses ungebuchte, trostlose Schweigen, unterbrochen von vorbeiziehenden Einheimischen. Kaufen beschäftigt. Stimmt. Was ich mit der sogenannten Holzkunst, die sich mit jeder glattgehobelten Faser eindrucksvoll männlich gibt, jemals anfangen soll, falls das bei diesem Ausmaß an Eindeutigkeit überhaupt durch den Zoll fährt, ist für den Augenblick nebensächlich. Die Perlenkette – für etwas gebilligten Urlaubssex? Eher pimpert die Sonne den Mond, als dass ich mich vielleicht doch noch in Delias weichbraunen Schenkeln finde. Wenn ich nur daran denke …

Eine Mischung aus Medikamenten, Altherrenschweiß und Bier zieht an uns vorbei. Die Duftfahne verschwindet wenig später im sauber abgesteckten Nachbarstrand unter mecklenburgischer Flagge. Delia wagt noch immer keinen Mucks. Nichts! Nicht mal ein zaghaftes Aufbegehren gegen diese gleißende Mörderhitze. Wenn es mit uns so weitergeht, liege ich in dreißig Jahren emotional ausgedörrt dort drüben und feiere mich selbst. Wie peinlich es sein kann, ein Deutscher zu sein, wird mir immer im Ausland deutlich.

Delia stöhnt nun doch unerwartet, jedoch nicht ungeahnt klagend, auf.

»Können wir langsam zum Club zurück? Heute ist italienischer Abend.«

Natürlich! Deswegen bin ich auch vierzehn Stunden geflogen! Um in der Karibik Nudeln zu fressen.

»Was ist jetzt? Können wir?«

Mehr ist an Gesprächsentwicklung einfach nicht drin. Wir haben im Schutz der bewachten Clubanlage vermutlich die gesamte Welt kulinarisch abgegrast, stundenlang anderen Leute beim Urlauben zugesehen und uns vorgemacht, dass unsere Freunde uns ganz sicher darum beneiden würden. Um da auf Nummer sicher zu gehen, hatte Delia ganz feste Arbeitszeiten zur Pflege ihrer virtuellen Personality. »Alles total supi hier. Wohooo!« Und ich spiele täglich neu mit. Delia fand das alles total crazy und postete jede noch so nebensächliche Info gleich in ihrem heißgeliebten Profil. »Das Meer hier ist voll salzig! Äh!« oder »Mädels, das ist Roberto, mein privater Zimmerservice, wenn ihr versteht, was ich meine, hä! ;-)«. Dabei grinste sie gierig mit der tänzelnden Zungenspitze an der Oberlippe in sich hinein und vergoss eine Freudenträne der aufkeimenden Geilheit. Vielleicht hatte sie einfach auch nur Sand im Auge. Möglich, ja bestimmt. Ich wünschte, ich hätte ihr den ins Gesicht geworfen. Nach einer Stunde hatte sie für diese Statusmeldung zweiundvierzig »Gefälltmir« eingesammelt. Verdammte Hacke!

Wo zum Henker ist der »Find-ich-zum-Kotzen«-Button, wenn man ihn braucht?

* * *

»Chicken or Pasta?«

Aus der Traum! Das Airline-Versorgungskommando bahnt sich den Weg durch den prall gestopften Touristenbomber und zerrt mich aus meiner Rückblende. Mit zittriger Stimme sagt die ältere Frau sechs Reihen vor mir artig »Danke« und nimmt die dampfende Aluschale entgegen. Meine Augen sind vom Schlaf verklebt. Im Nacken spüre ich die aufgebaute Urlaubsanspannung und, als ob das noch nicht genug wäre, wummert der kleine Kerl hinter mir seit dem Start mit heftigen Tritten an meine Rückenlehne. Wieso hab ich dem geholfen mit seinem Spielzeugkoffer? Sogar die Stifte hab ich mit eingesammelt, es kann ja mal was runterfallen. RUMMS! Massagestühle gehen definitiv anders. Sag mal, wieso macht denn seine Mutter nix? Na ja, irgendwann muss der doch mal einschlafen. RUMMS! Mit ein wenig Glück gibt es beim zollfreien Einkauf eine Familienpackung Koma-Pillen, die ich ihm schon irgendwie in die Diät-Cola rühre. RUMMS! Noch einmal …! Noch einmal und ich dreh der ADHS-Kröte … Als ich meinen Kopf ein wenig in den Gang halte, um kurz zu prüfen, ob ich ihn in einem Überraschungsangriff in den Würgegriff bekomme, sehe ich zwei elfenhafte, in glänzende Strumpfhosen verpackte, unendlich lang scheinende Beine, die nach oben in einen absolut faltenfreien und rund gewölbten Rock münden.

»Henry, reiß dich zusammen«, weise ich mich zurecht, spüre aber, dass mein Schlüpper-Insasse aus dem Urlaubskoma erwacht und diese Ansage gekonnt ignoriert. Toll, jetzt mischt der auch noch mit.

Ich brauch unbedingt wieder Sex, aber die Bordtoilette ist dafür alles andere als geeignet. Und allein? Das ist doch jetzt wirklich armselig! Gut, das sagen auch nur die, die es kategorisch ausschließen. Ich meine, mir ist mittlerweile vollkommen egal, wie es passiert, aber Karibikurlaub mit Freundin gänzlich ohne Höhepunkt! Nö! Die Fütterung schreitet voran und so sind es nur noch Minuten, bis ich endlich was Erfreuliches vor mir haben werde. »Essen ist der Sex im Alter«, meinte Oma immer. Es gibt also noch Hoffnung für mich, für Delia, für uns. Ich streiche ihr sanft über die zum Zopf gezwungene Lockenmähne. Ungeschminkt wirkt sie so wahnsinnig sexy. Wie Delia so links neben mir gekrümmt in ihrem Sitz hängt, sieht das schon sehr ungemütlich aus. Aber die Option, sich langzumachen, ihre ein Meter neunundsiebzig auszustrecken und sich bei dem Kerl am Fenster anzulehnen, dessen Schweißgeruch vielleicht durch das Assiettenfutter endlich übertüncht würde, ist einfach keine. Wenn ich es schon nicht bin, der Delia hier lustvoll berühren darf, ja einfach mal urlaubsgerecht über sie herfallen kann, soll ein anderer nicht so billig an sie, an ihre umwerfend zarte Haut herankommen, bloß weil er zufällig den dafür besten Sitz gebucht hat.

»Toll, so komm ich bestimmt nicht runter«, nehm ich mich eindringlich ins Gebet und schaue, ob die Toilettenleuchte gerade gnädigerweise »frei« anzeigt. Ein deutliches Rot beantwortet meine Frage. Und meine Blase tanzt Samba. Nein, ich bin mir nicht sicher, wer gewinnt. Wenn die sich nur endlich mal auskacken, Mann!

Das Schöne am Fliegen ist die übersichtliche Speisekarte in der Economy Class, mündlich jederzeit vorbildlich und in sauberstem Englisch vorgetragen von Kelly. Keine Ahnung, ob die Frau in Uniform, die mich irgendwie allmählich anmacht, in Wirklichkeit so heißt, aber in meiner Pornophantasie ist es … schlüssig. Außerdem gefällt es mir besser, mein liebevoll in der Großküche zusammengekochtes, steril verpacktes und geschmacksneutrales Menü von jemandem mit einem Namen serviert zu bekommen. In der Enge des Fliegers kommt mir Anonymität scheinheilig vor. Hier ist niemand vor anderen oder vor sich selbst geschützt. So wusste ich bereits Minuten nach dem Abheben von der Startbahn, dass der Mensch vor mir leidenschaftlich gern Rezensionen bei Amazon verfasst, einen silbergrauen Skoda Octavia fährt – natürlich mit Automatik –, jedes Jahr Tausende von Wanderlurchen vor dem Landstraßentod rettet und auf den Namen Dietmar Heribert Thomas Heinrich hört. Letzteren Namen habe er von seinem vor Kurzem verstorbenen Großvater, der unter den Nazis ein ganz hohes Tier gewesen sei, was man ja heutzutage ruhig wieder sagen könne. Das sei ja schließlich alles Schnee von gestern. Der HSV habe bei ihm nie eine Chance und Fliegen müsse er aus Grundüberzeugung ablehnen, könne es aber mangels Alternative nicht. Natürlich müsse er auch beruflich jetten und kenne alle Flughafentoiletten aus dem Effeff. Danke für diesen ungefragt ausgekippten Infobeutel, der Herr! Ich wage nicht zu ahnen, welches Basiswissen für dieses Datensammlungshighlight weichen durfte. Hoffentlich nicht meine Grundfunktionen. Wer bitte macht den Macker mit Pissbecken-Stories vom JFK? Apropos Toilette! Das ist mein Stichwort. Hey, die Lampe zeigt Grün. Nichts wie los. Vorsichtig ziehe ich meinen dem Dämmerschlaf verfallenen Arm unter Delias Rücken hervor und löse meinen Gurt. Es klickt, ganz leise, im Grunde völlig überhörbar.

»Och, kannst du mich nicht mal eine Minute schlafen lassen. Und hör endlich auf mit dem Gefummel«, murmelt sie mich mürrisch an.

»Hä? Wer fummelt denn?«

Blitzschnell schaue ich zum Fenstersitzer herüber. Nee, der schläft und hat seine Finger eindeutig auf seinem Schritt. Und was er vielleicht gerade träumt, möchte ich nun wirklich nicht wissen in Anbetracht der Wölbung seiner Cordhose unter seinen Händen. Wieder wandert mein verwunderter Blick zu Delia. Selbst im Traumland kann ich es ihr nicht recht machen. Klasse! Da ich aber momentan keinen Selbstversuch der Eigenurinbehandlung im Sinn habe und ich nicht will, dass meine Blase auf dem Sitz Vollzug meldet, ignoriere ich das Schlafgebrabbel und verziehe mich in Richtung Örtchen. Frei!

Als ich sichtlich erleichtert wieder auf meine Sitzreihe zulaufe, entdecke ich den Servierwagen, der genau in diesem Moment bei Delia angekommen ist. Von den deutlich erkennbaren Schmollmundlippen kann ich die Worte lesen, für die ich gerade eben in meinem Verdauungstrakt Platz gemacht hatte. Chicken or Pasta? Was für eine Frage. Chicken! Alles, nur nicht schon wieder Nudeln! Voller Vorfreude sammelt sich in meinem Mund das Wasser. Und als wäre ich Nachbars Waldi, der sehnsüchtig den ganzen Tag auf Herrchen gewartet hat, nehme ich die Beine in die Hand, presche wie ein jamaikanischer Sprinter-Blitz durch den Zieleinlauf und werfe breit lächelnd »Zweimal Chicken, bitte!« in den Bestellungsring. Go for Gold and Hühnchen für Henry! Während ich mich gemütlich auf den Sitz bette und mich schon dabei sehe, wie ich die zartrosafarbenen Filets vorsichtig aus dem grell schimmernden Alupapier befreie, holt mich Delia in einen offen auszutragenden Zweikampf zurück.

»Ich kann auch allein entscheiden, Henry.«

Na klar, kann sie, ohne Frage.

»Aber ich dachte, Schatz …«, versuche ich sie für mich einzunehmen, was ihr überhaupt nicht gefällt.

»Dein Denken kannste dir schenken! Henry, es ist echt gut, halt einfach die Klappe, ja. Ich will Pasta! Basta! Und das mit dem ›Schatz‹. Also, das … also …«

Mit überaus zwangsfreundlicher Stimme wendet sich Delia der Essenfrau zu und ordert, für alle im Flieger zu vernehmen, was sie wünscht. Danach wird’s still und die gefühlten Temperaturen begeben sich merklich unter null. Zum Hauptgericht serviert mir meine nissige Hälfte als Nachtisch mürrisches Schweigen garniert mit peinlicher Stille. Die klösterliche Ruhe triumphiert, bis der Wagen mit den Getränken vor uns anhält. An der Lenkstange ruhen zwei perfekt gepflegte Hände, an deren feinen Enden zartblau verzierte Fingernägel liegen. Unter der makellosen Haut des Handmodels sind in vornehmer Blässe kaum Adern zu erkennen. Wenn das nur die Hände sind, was wird mich erwarten, wenn ich ihr direkt ins Gesicht schaue. Die grazile Halsführung, die wohlgeformten Ohrläppchen, das wohlumrundete Kinn. Ihre leuchtend blauen Augen haben einen leichten Grünstich. Ja, ich bin verdammt bereit für einen heißen Tagtraum, aber neben mir hockt Delia. Liebe auf den ersten Blick ist ein dummes Klischee. Absolute Überwältigung bei einem solchen Anblick von vollkommener, zerbrechlicher Weiblichkeit – ein Hochgenuss. Ich würde alles von ihr nehmen. Für den Moment reicht mir ein Tomatensaft. Als ich nach der winzigen Saftdose greife, berühren ihre langen, feinen Fingerspitzen meine völlig zerknaupelten Stümpfe.

Völlig desinteressiert an dem Geschehen rund um den Servierwagen reißt meine Freundin die Fensterblende hoch und hält den Saft im Plastikbecher kritisch ins Licht. »Ist der eigentlich Bio?«

Der von mir entdeckte Stewardessenengel antwortet in korrektestem Servicesprech. »Selbstverständlich! All unsere Säfte sind natürlich biologisch einwandfrei.«

»Aha, und aus welchem Land?«, fragt Delia intensiver nach.

Der Serviceengel kommt etwas ins Straucheln und lässt sichtbar die Flügel hängen.

»Also, das wird sicher auf der Dose …«, gibt sie mit sanfter Stimme zu verstehen, was Delia umgehend hämisch grinsend quittiert.

Doch nun ist Schluss mit lustig. Der Engel setzt Hörner auf.

»Würden Sie jetzt bitte die Blende wieder senken. Der Mann neben Ihnen möchte sicher noch schlafen. Danke!«

Damit hat Delia nicht gerechnet, was jedoch nicht heißt, dass sie sich das vom Dienstpersonal bieten lässt. »Der Herr hat ja wohl die gleiche Kohle für den Platz hingelegt wie ich«, schießt sie forsch und stutenbissig zurück.

Um mal ganz korrekt zu bleiben, eigentlich war ich es, der uns den ganzen Urlaub als bestmögliches Bett für den perfekten Antrag geschenkt hatte, aber Delia denkt in diesem Moment schon wieder separat und haut der Stewardess auf die Hand, als diese versucht, die Sicht wieder abzudunkeln. »Hey, du Tussi! Ich werd ja wohl den Saft prüfen dürfen, bevor ich den trinke. Ich hab schon ganz andere Dinger im meinem Mund gehabt, und da hieß es auch ›völlig unbedenklich‹.«

Moment, ging das grad gegen mich? Die Dame im blauen Kostüm beschließt – sagen wir schlicht »angepisst« – den Zug weiterrollen zu lassen und die Reihen hinter uns zu bestücken. Dort würde man den Service sicherlich zu schätzen wissen. Auch von hinten sieht sie verdammt attraktiv aus, aber gegen ihre blühend leuchtenden Augen ist das kein echter Ersatz.

Mein Sitz liegt wieder im Dunkeln und merklich zieht die Gefühlskälte von links weiter an. Ich bin mir sicher, es hätte nicht viel gefehlt und Delia hätte den Manager verlangt, der tollkühn in einem Privatjet herangedüst käme und im Auftrag ewiger Kundenglückseligkeit in einem halsbrecherischen Manöver über die Dachluke in die 747 eingedrungen wäre. Was für eine Dramatik. Ford, Harrison Ford, dem würde ich das abkaufen. Leider würde ich nicht so überzeugend wirken, hätte ich mich in die Schusslinie zwischen die beiden geworfen.

Delia interessiert sowieso bei jeder Reise nur, wie sie schnellstmöglich wieder aus dem Flieger kommen würde. Es ist einfach nicht ihr Ding. Gewöhnlich betäubt sie ihre Angst vor dem möglichen Absturz in Verbindung mit einer satten Portion Klaustrophobie mit einer Mixtur aus Brandy, Kaffee und wieder Brandy. Dummerweise habe ich gerade ganz schlechte Karten, mit diesem Sonderwunsch von meiner Lieblings-Stewardess erhört zu werden. So bleibt mir bis zur nächsten Fütterung nur das Backgroundgeräusch aus klimpernden Dosen und knackenden Plastikbechern. Jedoch fühle ich weiterhin ihre Nähe. Die noch immer sichtlich erregte Diva namens Delia, die spürbar bemüht ist, bloß keinen übermäßigen Körperkontakt zu mir herzustellen, meckert engagiert weiter. Wenn sie es könnte, sie würde kleine Feuerpfeile spucken. Irgendwie muss ich jetzt wohl einfach da durch und ihrer Laune ein Podium schenken. Natürlich behaupte ich, dass der Tomatensaft widerlich geschmeckt hat und die Saftschubse definitiv rausgeschmissen gehört, am besten jetzt gleich direkt durch den Notausstieg. Dass wir dann gleich alle mit abkacken würden, lasse ich lieber unerwähnt. Argumente dieser beschwichtigenden Art bringen uns leider nicht weiter. Was auch immer ich sage, ich kriege keine Ruhe rein. Glücklicherweise sind die anderen Passagiere in unserem Dunstkreis mit Futtern und Filmschauen beschäftigt. Das Bordrauschen macht auch für mich Delias Genuschel in einem Mindestmaß erträglich, bis sie es sich anders überlegt und mal wieder instruiert, mich natürlich.

»Aspirin!«

Delia benimmt sich, als wäre ich ihr wohldefiniert degradierter Handlanger zur tumben Befriedigung ihrer Gelüste. Da ich jetzt keinen Bock habe, den vorhin so gut verstauten Rucksack aus der Gepäckablage rechts oben zu zerren, tue ich so, als hätte ich sie nicht verstanden.

»Henry! Jetzt tu nicht so, als hättest du mich nicht verstanden. Die Nummer kauf ich dir nicht ab.«

Ja, richtig, ich könnte ganz sicher auf hundert Meter Entfernung in einem Wald ein sich entleerendes Eichhörnchen mit Magen-Darm-Infekt ausmachen. Ja, ich höre einfach alles. Verdammt! Warum muss ich auch immer damit prahlen.

»Ja, Delia, welchen Stern darf ich dir denn nun vom Himmelszelt pflücken?«, wechsele ich mein Verhaltensmuster, das mir momentan nicht stehen will, und lächele sie gequält an.

»Ich krieg grad Kopfschmerzen von der ganzen Nummer hier. Also, komm schon, die Aspirin sind im vordersten Reißverschlussfach.«

Ich schnaufe im Aufrappeln kurz durch, was auch nicht unkommentiert bleibt, und klappe die Abdeckung der Ablage langsam hoch. Da liegt er, mein aschgrauer Wildlife-Rucksack. Ich hatte ihn irgendwann mal von Delia zum Geburtstag bekommen, nein, zum ersten Jahrestag, der sollte ewig halten, eben was fürs Surviven. Zwischen den davor hineingestopften Bambushüten und einem tonnenförmigen Musikinstrument mit sowas wie einem Eingeborenenmuster lugt der Trageriemen hervor. Während ich mit der einen Hand das Musikungetüm zu fixieren suche, ziehe ich bestimmt an dem Riemen, doch da bewegt sich nichts. Als ich kurz über meine Schulter sehe, merke ich, dass die nächste Stewardess mit dem Müllwägelchen anrückt. Hinter mir spüre ich Delias So-wird-das-schon-mal-gar-nichts-Vorwürfe, die nun an meinen Nacken klatschen und mir langsam den Rücken hinunterfließen. So sehr ich auch ziehe, da löst sich nichts. Ein wenig schieben, nach links drücken, dann leicht drehen und seitlich zurückpressen. Den Kopf zwischen meinen langsam schwerer werdenden Oberarmen eingepfercht tänzele ich auf meinen Zehenspitzen. Meine Finger zittern sich über das fremde Gepäck hinweg bis ganz nach hinten. Im Ungewissen fingern … das hatte ich mir für den Urlaub ganz anders vorgestellt. »Klappe, du blöde Geilheit! Jetzt brauchst du auch nicht mehr anzuklingeln.« Mit den Kuppen angele ich mir den still ruhenden Rucksack. Scheu, aber fühlbar huscht mir etwas Befriedigung aus der Brust. Leider merke ich nicht, dass sich der übrige Trageriemen im Restgepäck in einer kleinen Gehäuseschraube verfangen hat. Ich krieg allmählich auch Kopfwummern und habe nun ein ganz eigenes Interesse, an die Pillen zu kommen. Jetzt reicht’s, denke ich und kralle mich im Gepäck fest. Der Müllwagen rollt langsam, aber unaufhaltsam in meine Richtung. Nun komm schon, du Mistding! Delia gibt auf Platz 19 b schon die Schlussvorstellung der Kameliendame, als ich mich mit meiner ganzen Schwungmasse reinhänge und unbeholfen wie fünfundneunzig Kilo Mischhack laienhaft die Abrissbirne im Impro-Theater mime.

»DAS – MUSS – DOCH – HIER – RAUS – GEH’N!«

Sechsmal kräftig geruckt und mein Gesicht macht einen auf knallig lackierte Tomate, während sich der Rest meines Ichs auf »bedauernswerte Gurke« transformiert. Und nun? Irgendwas hat gerade geknackt. Nee, oder? Bitte nicht die Bandscheibe! Ein kurzes Rückspüren versichert mir, dass da alles in Ordnung ist, was mich motiviert, meine verinnerlichte Mission fortzusetzen.

»Na bitte!«, ploppt es erleichtert aus mir heraus.

Leider bleibt mir lediglich ein klitzekleiner Moment der Glückseligkeit, denn nun ist die Ladung in Bewegung und kommt wie eine Lawine eiskalt über mich. Okay, Zeit für das – von Zugreisenden so hochgeschätzte – sich leicht verspätende Frühwarnsystem, das leider für den Höchstgefährdeten ungehört bleibt.

»Kacke, der Typ unter mir pennt!«

Mit einem imposanten Ausfallschritt, der mir die Hosennaht entjungfert, bemühe ich mich um Stabilität, die sich in diesen Tagen nicht nur die Anleger diverser Börsenunternehmen so sehnlich wünschen. Wie auch bei denen ist hier nichts mehr kalkulierbar, aber ich nehme gern noch Wetten an. Und so kann ich nur zuschauen, wie die Lasche reißt und mir einer der Hüte mit den feinen Blätterfasern ins offene Auge fährt und mir jegliche Sicht nimmt. Der andere sticht mir unter der Last des Instruments in den Unterarm, weshalb ich diesen wegziehe und damit dem gesamten Packen freie Fahrt nach unten gebe. Während Hüte, Trommel und eine plötzlich zum Vorschein kommende Kameratasche auf den Boden prallen, springt mich nun mein Rucksack an, den ich, als ich auf den Müllwagen knalle, am Riemen zu greifen versuche. Dummerweise drückt sich die bisher als unproblematisch betrachtete Fechtermuschel mit fröhlichen drei Kilo Kampfgewicht durch den Reißverschluss und landet unsanft auf der Glatze von 19 d. Guten Morgen! Der ist nun wach, aber sowas von. Blutüberströmt schreit der nun alles zusammen. Ich wäre ihm echt dankbar, wenn er sich eine Minute genommen hätte, die Situation mal nüchtern zu analysieren. Hat er aber nicht, obgleich er so schlaftrunken nun wirklich nicht objektiv sein kann. Ob es klug von ihm ist, die Worte »Blut«, »Attacke« und Hilfe« jetzt so direkt, unmissverständlich bis tief in das Champagnersprudeln der ersten Klasse hinein fühlbar, in den Raum zu drücken, darüber lässt sich vortrefflich streiten, was auch dessen Frau meint, die sich nun wild gestikulierend in unseren Disput einklinkt. Macht die gerade Gebärdensprache? Okay, er hat ein Loch im Kopf und sie beschimpft mich mit gefingerten Untertiteln. Mein vermittelndes »Das bisschen Blut …« beruhigt sie keineswegs. Gut, was soll sie auch antworten. Überdeutlich verlangt sie nach Hilfe und winkt mit theatralischer Geste das Flugpersonal heran. Kurz darauf baut sich hinter mir ein Sixpack aus blauen Kostümchen und straff gelegten Stoffhalsbändchen auf, deren Chef-Schlumpfine ich über die sprachlose Gattin der Platzwunde aufkläre und zeitsparend mit »Stewardess« anquatsche. Sie wiederum nutzt die Gelegenheit, ihren Beruf ins rechte Licht zu rücken.

»Also, erstens heißt das Flugbegleiterin, Sie Machoschwein. Und zweitens sagen Sie mir kurz, wie Sie heißen?«, rattert sie bestimmt, aber noch im Grundsatz freundlich Seite eins des Störfallprotokolls herunter.

Guck mal an, das Kostüm kann deutsch! Dumm nur, dass in dieser Situation mein selbst diagnostizierter Sexmangel in einer launisch-riskanten Diskussionsfreudigkeit mündet. Immerhin habe auch ich meine klaffenden Wunden soeben um Haaresbreite überlebt.

»Ja, dürfen Sie, aber ich denke, die Blutung wird dadurch nicht ins Stocken geraten. Falls Sie also gerade nichts anderes vorhaben, könnten Sie einen Arzt ranholen. Oder kleben Sie das hier gewöhnlich mit Mutti-Spucke, Miss Poppins?«

In welchem Seminar sie gelernt hat, dass Konfliktmanagement am besten mit einer saftigen Beleidigung gereicht wird, werde ich sicher nie erfahren. Dafür aber, wie lange sie schon bei der Airline ist. Ja, es lässt sich deutlich an ihren feurig schimmernden Pupillen erkennen, dass sich da einiges angestaut hat. Was das jetzt mit der von mir verursachten Muschelattacke und dem scheinbar nun verblutenden Mittfünfziger zu tun hat, bleibt mir vorerst schleierhaft. Ich lenke die Aufmerksamkeit auf das jaulende Anschlagsopfer. »Tschuldigung, der Mann bricht uns hier gleich weg. Der schaut doch schon aus wie Sichtbeton. Der hat hier schon alles eingesaut. Selbst in Reihe fünfzehn sind Spritzer.«

Nur um sicherzugehen, beuge ich mich zu ihm hinunter.

»Aids haben Sie nicht, oder?«

Nein, hat er nicht, aber museumsreifen Karies und Mundgeruch im fortgeschrittenen Stadium sowie nicht zu leugnenden steigenden Blutdruck. Wenn Blicke töten könnten! Da die Stewardess nun wieder ansetzt, mir bunt bebildert ihren Lebenslauf zu schildern und mit propagandaartig wiederholtem »Wir werden hier alle maßlos unterschätzt« aufzuspritzen, schreite ich selbst zur Tat und frage Reihe für Reihe nach, ob sich in die Maschine vielleicht auch ein Arzt verirrt hat. Es soll ja auch Mediziner geben, die in die Dom-Rep fliegen. Und bei über zweihundert Passagieren ist die Chance statistisch nicht gering. Irgendwie will keiner so recht bei der Rettung des Verletzten mitmachen, denn das Fress-Beschäftigungsprogramm läuft auf vollen Touren und bindet alle Kapazitäten der mampfenden Bordinsassen. Egal ob Pasta oder Hühnchen, kalt schmeckt’s auch nicht besser. Möglicherweise sind ein paar Leute tendenziell etwas angeekelt von meinem blutgetränkten Ärmel.

Ganz vorn meldet sich doch noch jemand. Endlich! Hätte mich auch sehr gewundert, wenn … Nachdem ich mich durchgekämpft habe, entpuppt sich die bisher gehobene Hand als Körperteil eines Sonnenbrandjunkies. Hört, hört! Man sei Physiotherapeut, erfahre ich und ich versuche klarzumachen, wen ich dringend suche. Zeit, etwas zu klären.

»Hey, ich sagte ›Arzt‹. Der Mann hat keine Verspannung, der hat ’ne Eins-a-Platzwunde und kleckert meine Freundin voll. Das sieht echt nicht schön aus. Also, meine Freundin schon, aber der Rest nicht. Was also soll ich mit ’nem Massage-Fuzzi?«

Neben den Blutfleck am Ärmel gesellt sich nun etwas Pastabelag, als der Herr sich der Überbleibsel seines Nudelgerichts an meinem stressgebügelten Hemd entledigt. Ich folge dem freundlich vorgebrachten Vorschlag und sehe zu, dass ich Land gewinne. Zurück am Platz finde ich mich als Zuschauer wieder, weil bereits ein echter Arzt an der Wunde herumdoktert und sich dabei mit merkwürdig intensivem Einsatz mit Delia unterhält, deren bestialische Kopfschmerzen wie von Wunderhand schlagartig verflogen sein müssen. Schön, wenn man vermisst wird. Da war ich mal kurz auf dem Schlachtfeld der Ehre unterwegs, um ein Leben zu retten, und die Zurückgelassene vergnügt sich mit dem Sanitäter. Zu meinem Pech muss ich zugeben, dass der Typ echt sympathisch wirkt und sein Verband beeindruckend professionell daherkommt. Um sowas wie ein Gespräch zu entwickeln, frage ich ihn, ob ich helfen kann.

»Nein danke! Ich hab alles im Blick«, ertönt es mit basslastiger Stimme.

Ja, das merke ich. Und dass man beim Verbinden einer aufgerissenen Glatze gierig in den Ausschnitt der nächstbesten Unfallzeugin stiert, das nennt mal wohl qualitätsgesichert, wie? Das gefällt mir alles nicht. Ich stehe dumm im Gang herum, die Stewardess organisiert den nächsten Streik, der Doc baggert Delia an und die Drohungen der Blutglatze, dass das alle noch ziemlich teuer für mich werden wird, sind für meine wachsende Eifersucht nicht gerade hilfreich. »Nein, ich habe auch keinen Anwalt, und schon gar keinen Billig-Rechtsschutz-Fallschirm, aber danke für den Tipp!«, kontere ich leicht genervt.

»Könnten Sie bitte mal hier kurz Ihren Ringfinger aufdrücken.«

Delia kommt der Bitte gern nach und gibt freie Sicht auf ihren Beziehungsstatus. Nein, ich habe in den letzten Tagen keinen perfekten Moment gefunden, ihr meinen so lang geplanten und völlig makellos einstudierten Antrag zu machen. Wir waren ja immer viel zu sehr damit beschäftigt, ihren Sonderwünschen nachzukommen. Mal war der Drink zu schwach, mal das Poolwasser zu kalt. Ich kann ihn immer noch vor mir sehen, Pedros Gesichtsausdruck, als ich ihn bat, die Poolheizung hochzuschrauben. Die Mit-mir-nicht-Verlobte presst ihren Finger auf das Ende des Verbands.

»Mach ich das richtig so, Conrad?«, haucht Delia zum Doc, der überaus charmant auf ihre Blicke reagiert.

Ach, man ist bereits beim Vornamen und er sicher schon beim Sprung in ihren Vorbau, der wohl noch immer mir zusteht. Hallo!

»Ich wünschte, ich würde das immer so sanft erleben. Wissen Sie, Heilung beginnt mit Mitgefühl«, säuselt der Medizinmann in seinem Armani-Sweater zurück.

Hätte ich mein Hühnchen schon gegessen, es würde mir unerbittlich wieder hochschnellen. Was auch immer das hier vor meinen Augen ist, diese Soap muss ich umtexten. Zeit für einen eiskalten Stimmungsbruch.

»Und wo fliegen Sie hin?«, plauzt es überfallartig aus mir heraus.

»Zum Flughafen«, schallt es nüchtern zurück.

Das Lachen in Reihe neunzehn schwappt gleichmäßig bis zu den Lauschenden in zwölf und vierundzwanzig hinüber. Haha, ein echter Komiker! Heute halten sich wohl alle Weißkittel für Spaßgranaten. Gut, was frage ich auch so blöd. Um jede Fortführung einer gepflegten Verlegenheitskonversation meinerseits abzukürzen, legt der Herr generös Verbal-Holz nach.

»Passen Sie auf, wir landen alle in Frankfurt. So viel haben wir gerade noch gemeinsam. Danach geht’s nach Schönefeld. Mit ein bisschen Glück fährt die Bahn pünktlich. Wenn alles gut läuft, bin ich noch heute in meiner allein bewohnten Doppelhaushälfte.«

Bei »allein« meine ich ein leichtes Aufleuchten in Delias Gesicht zu sehen, während die Umsitzenden im engeren Kreis eifrig zischend ihre geschüttelten Mitleidsdosen aufreißen.

»Ooooohhh!«

Als er dann noch erwähnt, gerade mal zwanzig Autominuten von mir entfernt in unserem Kochstedt zu leben, dreht mein Kopfkino richtig auf. Das macht es für mich definitiv nicht besser. Was geht hier ab, Leute! Womöglich würde meine Herzdame gleich noch den Pik-König hier in unseren Shuttle einladen. Mann, das wird ja ’ne lustige Heimfahrt über die A 9. Ich mach doch hier nicht den Pflaume! So muss sich ein Winterreifen fühlen, wenn der Frühling naht. Huhu! Hier steht noch einer. Und der heißt Henry. Und der wird hier nicht treuhänderisch abgewickelt. Und schon gar nicht von diesem Schmalspur-Landarzt. Doppelhaushälfte!

»Für ein ganzes Haus hat die Praxisgebühr wohl nicht gereicht, hä!«, schießt es aus mir heraus.

Stille. Er schaut mich kurz an und widmet sich dann wieder dem bereits stattlich angewachsenen Verband des Anschlagsopfers. Also, ich fand’s lustig. Leider der Rest der Bordinsassen nicht, was mir neben dem Vortrag über die von den Kassen unterdrückten Provinzmediziner zusätzlich das verständnislose Kopfschütteln der glotzenden Passagiere einbringt. Wie lange braucht man eigentlich für ’ne Platzwunde! Keine Ahnung, aber die Sitzung hier dauert und dauert. Wenn alle Ärzte so bummeln, muss ich mich nicht wundern, warum die Warteräume aus allen Nähten platzen. Nach einer gefühlten Ewigkeit verzieht sich der Medizinmann wieder in die First-Class-Zone hinter dem tiefblauen Vorhang. Ein bitterer Beigeschmack bleibt mir als Andenken auf der Zunge zurück.

Das Flugzeug nimmt auf dem Anflug nach Frankfurt noch ein paar unterhaltsame Luftlöcher mit. Der Umstieg in den Luftshuttle nach Berlin bleibt zwischen mir und Delia dagegen äußerst ereignisarm. Wir sitzen wieder am Fenster, zusammen und doch auf dem Weg in verschiedene Welten.

Berlin gibt sich nassgrau und regnerisch. Willkommen in der Hauptstadt, da wo die Merkel lacht und das Volk arm, aber sexy logiert. Das Gepäckband in der Ankunftshalle wirkt trostlos. Einsam zieht ein bunter Koffer aus Thailand seine Bahnen. Durch eine Lautsprecheransage piepst eine Frauenstimme furchtbar freundlich, dass nun die Koffer unserer Maschine durch die kleine, mit Gummilamellen dekorierte Öffnung einmarschieren. Die Glatzwunde schnappt sich zwei mausgraue Schalenkoffer, seine Frau eine mattbraune Rolltasche. Als sie gehen, nehmen sie wenigstens auch ihre verächtlichen Blicke mit, mit denen sie mich die ganze Zeit dankbar bedacht haben. Völlig entnervt diskutiert Delia mit dem Rollband. Und als ob sie einen besonderen Draht zu ihm hätte, erscheint zu meinem Erstaunen Sekunden später ihr knallroter Koffer, der sich dem mir gewidmeten hingebungsvollen Ignoranzgehabe entsprechend genauso hartschalig gibt. Gerade als ich ihr gentlemanlike zur Hand gehen will, drückt sie mich seitlich weg und zieht ihr Gepäck herunter. Sie klappt den Griff aus, würdigt mich dabei keines Blickes und … geht. Ja, sie geht. Das macht sie doch nicht wirklich, oder?

»Delia! Jetzt komm schon. Wo willst du denn hin? Ich mein, du kannst uns doch nicht einfach so …!«

Ja, was eigentlich? Wegwerfen? Aufgeben? Abschreiben? Quatsch, Henry, locker bleiben! Die ist sicher nur sauer wegen der Nummer im Flieger. Ein Blick von ihr lässt mich erschauern und meine Gelassenheit direkt in die Luft jagen. Mann, das wird jetzt aber echt nicht nett. Die wird doch nicht …! Spinnt die jetzt? Junge, wenn du nicht gleich was tust, dann ist das die längste Zeit ein »Wir« gewesen. Ich muss sie rumkriegen. Natürlich muss ich das! Okay, was war das Highlight am Strand? Mach schon, Henry! Hier geht’s doch um Delia, dein Schnuckelschnäuzchen … einfach die bestimmt größte Liebe deines Lebens. Hey, was heißt bestimmt, ganz sicher. Na klar! Wir sind das Paar, für immer und ewig, wie man das eben so ist. Mann, wie billig und abgedroschen das alles klingt. Nein, das will und kann ich ihr so nicht servieren. Das muss krachen, ganz tief drinnen. Ich schließe meine Augen. Junge, mir muss doch was einfallen, bevor sie sich ihre Koffer schnappt und einfach auf und davon ist. Also! Komm schon! Und? Jetzt! Ein verzweifelter Schrei entweicht durch meine weit auseinandergerissenen Lippen.

»Was uns nicht umbringt, macht uns härter.«

Autsch! Das … war … nix! Japp! Blödester Spruch ever zum definitiv falschesten Moment. Langsam öffne ich meine Lider und starre direkt auf ihre Hand. Ihr Mittelfinger prangt deutlich vor meiner Nase und zeigt keine erwähnenswerte Regung. Willkommen zurück in Deutschland, wo das klare Wort triumphiert und der unattraktive Dödel ohne Tamtam aus dem Beziehungsamt gejagt werden kann. Der Copy-and-Paste-Minister, der hatte wenigstens noch seinen ganz öffentlichen Zapfenstreich, aber ich fürchte, dass ich das bald selbst wieder aber sowas von allein für mich feiern darf.

»Hey, Delia, was wird das denn jetzt? Hier? Mit uns?«, frage ich mitleiderregend, nicht ganz ohne provoziert jämmerliche Moll-Note, und muss mich dabei völlig bedeppert anhören.

Sie neigt ihren schmalen Kopf und schaut mir noch immer regungslos in die Augen, als sie sich anschickt, die Eiszeit über uns auszubreiten. »Schau auf meinen Status bei F...!«

»Was?«, falle ich ihr komplett orientierungslos ins Wort und bemerke dabei nicht, dass Sie weitergeht, während ich unter der Kälteglocke zu bibbern beginne.

Was soll ich machen? Das ist doch alles ein bekloppter Scherz. Kein »Komm schon, Henry, wir fahren heim«? Keine Umarmung? Kein »So, und nun sind wir alle mal wieder normal«? Ich soll mich an den Rechner schmeißen und nachlesen, woran ich bei ihr bin? Sag mal, geht’s noch! Scheiß auf das Fratzenbuch! Was haben bloß alle damit? Kann denn keine Sau mehr was sagen, wenn es angebracht ist? Direkt, ungepimpt, einfach analog, ohne dass die halbe Welt mitliest! Das Kofferband leert sich, doch mein Gepäck kann ich einfach nicht entdecken. Delia taucht gerade in eine Menschentraube ein, als ich ihr nochmals nachrufe.

»Delia!«

Es bringt nichts. Ein paar Passanten schauen mich blöd an, als hätte ich ihnen frisch verkündet, dass das Ende aller Tage sowas von nah wäre. Da geht sie, meine … was auch immer … zum Taxistand und hebt ihren Arm. Sie winkt. Und winkt. Nur nicht nach mir.

Das Gepäckrollband bleibt leer und steht nun still. Langsam sacke ich auf der Metallkante ab und rutsche zu Boden. Ich habe doch immer gewusst, was ich wollte. Ich wollte sie, irgendwie bei mir, das musste doch so sein. Das war doch schon immer so. Sie kann jetzt nicht einfach hinschmeißen, sich selbst auf den Markt werfen und mich als Ladenhüter zurücklassen. Das ist sie mir schuldig. Ich meine, alles war klar und wir beide … zusammen und glücklich … aber sowas von zusammen glücklich … mit all unseren Träumen von Haus, Kind und … na eben Pipapo. Glücklich. Glücklich? – Natürlich … glücklich! Na ja, eben was man so erträumt. Mit jeder stummen Wiederholung auf meinen trockenen Lippen wird es blasser, unwirklicher, kälter. Aber es ist doch das, was ich will. Was jeder will. Natürlich nach und nach und wohlüberlegt, nicht überstürzt. All das soll jetzt nicht mehr sein wegen einer lächerlichen Frage nach Chicken or Pasta? Wegen eines blassen Karibikurlaubs und einer klaffenden Platzwunde. Sie hat sich entschieden – allein entschieden. Ich bot ihr blass durchgekochtes Chicken, aber sie verlangte wohl nach unbekannter Pasta. Basta! Mit einem Spontananfall an verletztem Stolz blicke ich ihr verächtlich hinterher. Soll sie doch glücklich werden. Mit mir war sie es wohl nicht. Und ich? War ich es je gewesen? Mein Gepäck hockt in diesem Augenblick, so soll ich später erfahren, übrigens noch in Amsterdam. Meine Klamotten sind also noch kiffen und mich beschleicht ein beschissenes Gefühl, dass nicht nur meine dreckige Wäsche völlig vom Kurs abgekommen ist, sondern auch ich mich gründlich verflogen habe.

Ich könnte jetzt also gehen und Delia wäre mein persönlicher Hans-Dietrich Genscher, der heute nun zu mir gekommen ist, um mir mitzuteilen, dass meine Ausreise – bei mir will kein frenetischer Jubel einsetzen – aus ihrem Leben bewilligt ist. Da stehe ich also, am Flughafen, ohne Koffer, ohne Freundin und ohne eine Ahnung, was ich eigentlich verloren habe. Mein altes Ich ist noch immer in Punta Cana und schlürft Piña Colada. Mein altes Ich hatte einen klar durchdachten Lebensplan, der wie ein Bordcracker im Nichts zerkrümelt ist.




BLANKGEZOGEN


Die Fahrt von Schönefeld nach Hause vergeht wie in Trance. Es ist völlig egal, wann ich daheim ankommen werde. Delia hat wohl schon beim Passieren des Ortschildes unserer in sich selbst zerrissenen Doppelstadt den Landarzt im Social Net gesucht, gefunden und sicherlich zehn Minuten später durchgedated. Und ich würde die Reste aus meinem übersichtlich bestückten Kühlschrank vernichten wollen, nur mager fündig werden und bei bestellter Pizza und Bier vor der inhaltsarmen Glotze versacken. Nein, ich habe es wahrlich nicht eilig und der Shuttle-Chauffeur sicherlich auch nicht. Immerhin habe ich ihm fünfzig Euro extra in die Hand versprochen, wenn er die Klappe halten und einfach über die Autobahn juckeln würde.

»Willkommen im Land der Frühaufsteher! Ja, ihr mich auch, Leute! Ihr mich auch.«

Ja, wir in Sachsen-Anhalt stehen früher auf, weil die guten Tage einfach kürzer sind. Allein für diesen Slogan lohnte sich schon die Flucht in den Westen. Noch immer sind es siebenundvierzig Kilometer bis Dessau. Siebenundvierzig Kilometer Abstand vom Heute ohne sie.

Als ich die Wohnungstür – bepackt mit fälligen Rechnungen und Werbeblättern – mit leisem Knarren öffne, kommt mir nicht der erwartete Duft von verfaulten Zimmerpflanzen und Partymief entgegen. Wann immer ich für längere Zeit nicht zuhause bin, gebe ich Tacko die Schlüssel, damit er sich ums Grün kümmert. Und bisher hatte er nicht den Hauch einer Ahnung, dass jene im Baumarkt günstig erkämpften Fauna-Trophäen auch jämmerlich ersaufen, wenn man es darauf anlegt. Vielleicht ist es ihm auch einfach egal.

»Hey, guck mal an, DSL wird billiger«, murmele ich vor mich hin, als ich nebenbei einen der Umschläge sichte und plötzlich eine Einladung in die Vergangenheit in der Hand halte: Ehemaligentreffen Abschlussjahrgang ’97? Schon Anfang September, am Ersten!

»Na super! Was soll ich denn da? Und ausgerechnet jetzt. Feiern? Weltkriegsbeginn sicher nicht, obwohl ich ja gerade genug frische Trümmer ins Haus schleppe. Danke, Dörte!«, reiße ich gedanklich an und komme nicht umhin, mit der Nase hastig umherzuschnüffeln.

Komisch! Hier riecht’s so merkwürdig neutral? Hat Tacko etwa gelüftet? Nee, das wäre zu abwegig. Hausfrauenarbeit lehnt er kategorisch ab, irgendeine im Internet gefundene Religion würde ihm das streng verbieten. Bestimmt die gleiche, nach der sich gebrauchte Kondome auch in der Wohnung des besten Freundes als Innenraumdeko drapieren lassen. Als Gegenleistung, als ob man sich für die Vernichtung von Zimmerbegrünung noch erkenntlich zeigen müsste, kann er während meiner Abwesenheit hier tun und lassen, was er will. In seiner Welt heißt das, bei Dates, die später nerven könnten, ist das die ideale Alibi-Absteige. Reinkommen, flachlegen und abschieben. Na ja, bisher hat er seinen …

Ich zucke zusammen, als hätte ich einen Geist gesehen. Der Schreck fährt mir in die Tennisschuhe, prallt in den schweißgefluteten Einlagen zurück, schnellt mir unter mein straßenköterblondes Haupthaar und hinterlässt ein geschocktes Stechen in der Brust. Für einen Moment glaube ich, freien Blick auf die total weiß gehaltene Flurwand zu haben, als ich meinen Blick von der Ladung Post in meiner Hand abwende. Nein, ich glaub das nicht! Muss ich auch nicht, denn ich sehe es. Ich meine, ich sehe da nichts, gar nichts, nicht mal die Ahnung von einem Etwas. Nichts, was steht, hängt oder liegt. Alles leer!

»Wo ist mein Schuhschrank?«, entfährt es mir. Ja, ich atme es aus, als trete eine neue Eiszeit mit ganzer Macht aus meinen Hirnwindungen hinab in meine Glieder, die sich allesamt zusammenziehen, als müssten sie in der Stunde der nackten Not zusammenhalten. Meine Stimmbänder möchten versagen, aber das Herz gibt sich kämpferisch. »Wo ist das ganze Zeug hin?« Mein Bauhaus-Kunstdruck-Triple, der Wandteppich aus Pamukale und der original Star-Wars-Film-Schnipsel von 1977?

Und die sauer erstandenen Monster-Movie-Filmplakate, auf denen elegante Sci-Fi-Türme, Panzerkreuzer und ganze Luftwaffenverbände unter gigantischem Geschrei geschlachtet werden? Was habe ich bei Ebay ausgeharrt für jene Frankensteins meiner Kindheit, heimlich aufgesaugt durch das Schlüsselloch zum fernsehgefüllten Wohnzimmer. Poster samt Original-Autogramm aller bereits sicher abgelebten Hauptdarsteller, wenn ich auch zugeben muss, bei Frankenstein selbst immer einen gewissen Zweifel gespürt zu haben, dass so etwas je real existierte. Egal, das waren Erinnerungsstücke. Meine, meine, meine! Allein die Rahmen haben so viel gekostet wie ein halbes Jahr genussvolle Zigarettensucht, der ich als Finanzierungskompromiss danach gänzlich entsagte. Und wo ist meine Vitrine mit der Jahrzehnte aufgebauten und gehüteten Sammlung originaler Ford-Modelle, die Matchbox je rausgebracht hat.

»Mann, wo sind meine Matchis?«, stammele ich völlig perplex gegen die Raufasertapete und suche weiter nach einem Hauch von eingerichtetem Ich.

Die Gästehausschuhe, das abgenutzte Schlüsselbrett, die Willkommen-Matte – alles Geschichte. Ich stürze durch den kahlen Flur. Der Schall meiner Schritte bis zur Wohnzimmertür ist das Einzige, was neben mir hier zu finden ist. Ich reiße die abgerundete Klinke nach unten und starre in die gleiche Leere, als hätte ich heute hier den Besichtigungstermin zur Unterzeichnung des Mietvertrages. Vier Wände und kein Halleluja! Ich komme mir vor wie beim Ausverkauf. Selbst die abgrundtief hässlichste Sammeltasse, die ich nur aus falscher Sentimentalität meiner Uroma zuliebe geduldet habe, ist wie vom Erdboden verschluckt. Letzterer auch. Besser gesagt das von mir in mühevoller Kleinstarbeit gesetzte Parkett. War nicht perfekt gelegt, aber meins. Und nun? Ich bin allein, allein … allein … im Zwiegespräch mit dem nackten Estrich, der sich devot vor mir ausbreitet. Fassungslos sacke ich zusammen und der Stress des Rückfluges scheint dagegen so harmlos wie ein Schulwandertag in der ersten Klasse auf den Gipfel des Spitzbergs mit gekochtem Ei und einem fröhlichen Pionierlied auf den Lippen. »SCHEEEIIIISSSEEE!!!«

»Mensch, Herr Thomas, sinn ja noch da! Dachte schon, Sie sinn schon wech«, brummt eine tiefe Altherrenstimme in die Stille meines ausgeweideten Zuhauses.

Meine Nase ist schneller als die müden Augen. Und so erkenne ich an der aufdringlichen Zigarrenwolke, dass das nur einer sein kann. Der Meier aus dem Erdgeschoss, nebenbei Hausmeister für die ganze Wohnanlage und Security für die Restmülltonen, sieht viel zu blendend aus in Anbetracht der Situation, in der ich mich befinde. Während er mir freundschaftlich auf die Schulter klopft, zieht er mit der anderen Hand einen Schlüsselbund aus dem von ihm prall ausgefüllten Blaumann.

»Ich wechsele nur mal ehm de Schlösser. Wissen Se! Is Vorschrift, zur Absicherung für Ihre Nachmieter. Übrijens, Sie hamm echt dolle Kumpels. Machen den janzen Umzuch für Sie. Mann, warn die schnelle. Sollte ’ne Überraschung wer’n, woah! Sauber, nich!«

»Hä!«, stottere ich und überlege, wo ich mein Handy hingesteckt habe, als würde ich da ein Wörterbuch »Hausmeister – Ich/Ich–Hausmeister« finden.

Ich verstehe rein gar nichts. Neue Mieter? Überraschung? Und was für Freunde?

»Ich war doch nur zwei Wochen in der Karibik, hab den Pelz in die Sonne gestreckt und …«

Meier unterbricht mich mit sanftem Ton, als ich ihm gerade klarmachen will, dass ich nur noch ’ne kalte Dusche will.

»Und? Wars scheen?«

»Ja … äh … nein! Das weiß ich noch nicht … Mann, wo sind meine Sachen hin?«, gebe ich mit steigender Unruhe zurück.

»Keene Ahnung! Sicher in de neue Wohnung. De Jungs hamm den janzen Lkw volljepackt. Also, ich weeß ja nich, wo Sie de Polen herhatten, aber faul warn die Brüder nich. Sacht mer doch so, woah. Mein lieber Scholli, ’ne Fünf-Raum-Wohnung in ’ner Dreiviertelstunde! Respekt, mein Lieber! Kannste echt nicht meckern.«

Ich hab keine Ahnung, welche verdammte Kamera-Verarsche hier abläuft, aber mir ist absolut nicht danach, hier noch zusätzlich einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde für die schnellste Zwangsräumung meines Lebens zu feiern und wiederhole mich: »Wo sind meine Sachen?«

Meier mit seinen sportlichen hundertzwanzig Kilo ist mittlerweile damit beschäftigt, die Schrauben der Türklinken zu lösen, als ich mich fasse und bestimmt auf ihn zugehe.

»Äh, das können Sie lassen. Ich ziehe nicht aus. Haben Sie vielleicht mal nur einen kurzen Gedanken daran verschwendet, dass die mir hier alles geklaut haben!«

Meier guckt mich ungläubig von unten aus der Hocke an.

»Nee! Wieso? Die war’n doch total nett!«

Stimmt! Nette Leute klauen nicht. Denn Typen, die Wohnungen ausrauben, tragen ja alle rote Pullover mit ’ner Nummernkombi auf der Brust, Dreitagebart und das fieseste »Hehehe« aller Zeiten im Gesicht. Mensch Meier!

»Wir sind doch hier nicht in Entenhausen, Mann!«

Meier, der nun gar nichts mehr versteht und seinen letzten Satz nochmals liebevoll ernüchtert, aber leiser wiederholt, lässt von der aufatmend hochschnellenden Klinke ab. Und als bräuchte ich jetzt noch einen Nachruf für meine tote Wohnung, stammelt der Haus-Hobbit verwirrt in sich hinein. »Na ja, sinn ja nur Sach’n. Kam’mer ja willer koofen, woah! Des Lehm jeht weiter. Hauptsache jesund, wie! Besser de Couch is weg als deene langbeenige Matratze fürs Schlafzimmer.«

»Was? Meine Matratze ist noch da?«

Meine Alterherrenwitzsensoren laufen nicht mal mehr auf Standby und so fühlt sich der Meier genötigt, mir den Witz auch noch mit reichlich Nachschlag zu erklären. »Ich meente eigentlich nur, na ja … de hübsche Freundin?«

Aha! Ja, haha! Köstlich! Ich könnte kotzen vor Freude. Mein gezwungenes Lächeln ist ohne Frage kein Kick-off für eine legendäre Männerfreundschaft, was Meier auch nicht ignorieren kann. »Kam’mer nüschts mach’n. Aber seh’n Ses ma so, in Afrika hamm de Leute nich mal was, was ihnen eener klauen kann.«

Richtig! Da geht’s mir ja hier eindeutig besser. Danke Meier, du hast Eier! Die Motivationsansprache war ja wohl voll ein Schuss in die Omma! Okay Henry, jetzt mal ganz ruhig. Mit meinen angespannt zuckenden Händen fahre ich über mein ebenso angespanntes und hochrot angelaufenes Gesicht. 1-1-2 anrufen, keine Frage. Nein, erst Tacko, danach die Bullen. Mit drei kräftigen Hieben schlage ich mir mit der flachen Hand in den Nacken in der Hoffnung, aus einem ganz bekloppten Traum aufzuwachen. Nein, ich sitze nicht in einer Traumebene fest. Das hier ist vollkommen real und verfickt noch mal richtig scheiße. Nachdem ich mit voller Wucht die Fingerknöchel meiner Rechten an die massive Mittelwand meiner Null-Komma-Nichts-Galerie geschlagen habe, krame ich nach meinem Handy, das sich alle Mühe zu geben scheint, in meiner Tasche unentdeckt zu bleiben. Schwarze Gehäuseschale in schwarzer Tasche. Wer denkt sich sowas aus? Mode! Gut, dann eben auskippen.

»Macht meene bessere Häfte och immer so, Herr Thomas«, bestätigt mir das Hausmeisterchen engagiert und stochert mit seinen zugekniffenen faltigen Guckerchen durch das bunt bestellte Beet an Fundstücken. »Was issn des? Va-gi-nal-pilz-cre-me?«

»Wie? Vagi... was?«

Na klar! Reviermarkieren 2.0 – danke, Delia! Ich probiere es erst gar nicht zu erklären, was einer wie Meier, der sich seine Hanni Kittelschürze wohl noch vor Erfindung des Faustkeils direkt aus der Bärenhöhle gerissen haben würde, mit der Tube anstellen könnte. Und das muss ich auch nicht, denn ich habe gefunden, wonach ich noch eben völlig entnervt gesucht habe. Blitzschnell fahre ich übers Telefon.

»Tacko, komm schon, geh ran! Bitte!«

Durch die weit offen stehende Eingangstür vernehme ich einen prolligen Klingelton. Die Schritte sind bestimmt und in unangenehm gut gelauntem Grundrhythmus. Noch bevor ich auch nur einen Körperteil erahnen kann, baut sich vor mir ein fantastisch durchgestylter Typ in hautenger Jeans, Kapuzenjacke und voll verspiegelter Magnum-Brille auf. Unbelievable! It’s him! Tacko!

»Na Alter! Geil, oder?«

Achtung, mein Lieber, das wird doch nicht wieder so eine Film-Quiz-Scheiße, bei der ich am Zitat den Titel reißen soll.

»Geil!?«

Geil ist jetzt ja wohl überhaupt nicht das, was ich als ersten Kommentar erwartet hätte, aber in Anbetracht der aktuellen Leere in meinem Kopf und in Kenntnis seiner exzessiv gelebten Selbstliebe ist mir klar, dass er mit »geil« wohl nur mal wieder sich selbst hypen mochte.

»Japp, siehst gut aus, Tacko! Na ja, wie immer eben, ne!«

Sein postwendend abgeschicktes, überzogen verlachtes »Du aber auch, Schmucker! Du auch!« als willkommen heißendes Wiedersehens-Hallo nehme ich sofort dankbar an. Etwas Gutes, das die nunmehr geräumige Wohnung mit ein wenig Gefühl auffüllt. Hey, ich nehm jetzt echt, was ich kriegen kann, und wir umarmen uns herzlich. Die Schläge auf den Rücken sind wie Balsam. Der feste Männergriff von meinem besten Kumpel wird von meiner Verwirrung aufgesaugt wie Penicillin von einem Schwerstkranken. Tacko nimmt die Brille commerciallike mit dramatischem Seitengriff von der einen Schläfe zur anderen ab und lässt diesen »Ich würd mich am liebsten selbst bespringen«-Blick auf mich niederregnen.

»Hab doch gesagt, auf mich kannste dich verlassen. Sauber! Echt gründlich! Ach hier, der neue IKEA!«

Ich muss mich kurz schütteln und versacke in einem komplett wirren Gedankensalat. Was? IKEA? Was soll ich denn mit ’nem Katalog? Irgendwelche bis dato ungenutzten Hirnregionen machen plötzlich einen auf Teambildung und kotzen lustig kleinere Erkenntnisbrocken aus, die sich über mir zu einer gewaltigen, übel stinkenden Gewissheitswolke zusammenpappen.

»Nee nicht, oder!«

Der will mir doch …! Moment, so lange war ich nun nicht weg, dass hier ein fetter Aprilscherz in der Luft liegt. Wir haben Sommer!

Mit einem nüchternen Handschlag haut Tacko mir einen knittrigen Hunni in die Linke. »Hier, die Auslöse, war weniger wert, als ich dachte, aber du hättest das ja eh alles weggekloppt.«

Völlig bedeppert betrachte ich den Schein, als wäre er mein lang ersehntes Begrüßungsgeld. Ich weiß nicht, ob ich mich nun hier wie ein naiver Ossi nach der Maueröffnung freuen oder eher wie ein von Schulden zerfressener Grieche komplett austicken soll.

»Tacko, du bist doch mein Freund …?«, frage ich mit preisverdächtiger Zurückhaltung, dabei aber überdeutlich artikuliert, als wäre er gerade im Integrationskurs »Deutsch für Anfänger« – Basislevel, versteht sich.

»Auf jeden, Henry. Auf jeden!«

»Gut! Dann … schauen wir uns doch mal hier um? Und was fällt uns da ein klitzekleines bisschen auf, was nicht so ganz normal sein könnte?«

»Ähm, na ja, wenn du so fragst. Ich hätte als dein Freund ja nix gesagt, aber … du riechst aus’m Schritt. Musst ja ordentlich gedödelt haben, wenn die Dusche das Einzige ist, was du nicht benutzt hast. Könnte wetten, Delia läuft nur noch Gangnam Style, was?«

Keine Ahnung, ab wann Blut kocht, aber über diesen Punkt bin ich mehr als hinaus.

»JA, MIR STINKT’S! UND ICH HAB SEIT MONATEN NICHTS ›GEDÖDELT‹, HERR TACKO! Was, verdammte Scheiße, ist hier los? Du solltest Blumen gießen? Meine bekloppten Blumen gießen! BLUMEN … verstehste! Und ›gießen‹ … nur ›gießen‹! Nicht umtopfen, nicht beschneiden, nicht besudeln und schon gar nicht weghauen … wie alles andere hier. WO IST MEINE WOHNUNG? Wieso sieht’s hier aus, als hätte ich im Wahn die ganze Hütte entkernt?«

»Na, weil du das so wolltest. Hey, wenn einer extra aus dem Urlaub den Obama macht, dann schmeiß ich mich rein.« Mit einem in Dessau nur vom Zaziki-Tempel an den Sieben Säulen bekannten Service-Grienen setzt er nach: »Aber nur für meine guten Freunde.«

»O-B-A-M-A?«

»Na hier, ›Change is coming‹. Und ich bin dabei. FREEDOM FOR HENRY! Keine Ursache!«

Nein, mir ist jetzt nicht nach Freundschaft feiern und einer lockeren Ouzo-Ziehung mit meinem selbst ernannten Heiland, obwohl hier kein Zweifel besteht, dass TACKOBAMA wie Katrina-Wirbelsturm über meinem bis dato liebevoll eingerichteten Lebensraum gewütet hat. Nennen wir es einfach Schockstarre, aus der ich mich ganz im Sinne von Tackos Gesundheit besser noch nicht lösen sollte.

»Was hab ich! Was? Hör mal, mein Gepäck ist in Amsterdam, ich habe meine Beziehung mit Delia im Bordklo versenkt und nun noch selbst meine Bude blankgezogen? Erklär’s mir, Tacko. Egal wie! Aber erklär’s mir! Und hör auf zu grinsen, als würdest du den Lemuren im Tierpark beim Ficken zuschauen.« Was ich gerade tue, ist kein Schreien mehr, es ist kurz vor dem finalen Klick, ganz nah an der feierlichen Verleihung der goldenen Dauerkarte für den Aufenthalt in Uchtstpringe. Schwester, die Pillen für Herrn Thomas, bitte!

»Wieso? Koffer? Delia? Hey, Henry, ganz locker, ja! Du hast mich angerufen, aus der Karibik. Völlig wirre Kacke! Alles durcheinander.«

Richtig, ich hatte angerufen. Einfach mal Hallo sagen, nur um … na ja, … um Hallo zu sagen.

»Aber was für ein Hallo!«, steigt Tacko energisch begeistert ein. »›Beschissen‹ und ›endlich raus aus dem Mief‹. Das haste gesagt. Ey, komm! Und dann haste was von ›innerer Leere‹ gefaselt oder so. Ja, du wolltest dich jetzt endgültig ›freimachen‹, von allem … irgendwie. Da war auch ›Wohnung‹ dabei. Sei froh, dass ich überhaupt rangegangen bin? Weißte, an wem ich da grad dranhing? Nein, da bin ich mal Kumpel wie Sau und lass die Mädels auf dem Kneipenklo abkühlen, weil Herr Henry sich halt mal auskotzen will. Da musste nicht Danke sagen. So bin ich!«

Als wären wir mitten in einer dieser mit Coolness gestopften Gangster-Rapper-Schmonzetten, bumpert er sich mit geballter Faust auf die aufgepumpte Männerbrust, um mir sein Herz zu Füßen zu legen.

»Da drin, da biste! Ich spür alles. Dein Gesabbel, das klang auch alles irgendwie okay, also, das zwischen dem Knacken und Rauschen. Komm schon, Dicki?«

»Hey, jetzt ist nicht die Stimmung für neue Spitznamen, ja! Provozier mich nicht, Eddi!«

Aus offenkundiger Angst, seinen zweiten, zu seinem Übel verhassten Vornamen nun möglicherweise öfter zu hören, flüchtet er sich in die Fortsetzung seiner Version der Geschichte. »Warum soll ich dir das nicht abkaufen? Pack den Ochsen am Schwanz! Ach übrigens, ich sag mal Glückwunsch, dass du Delia abgeschossen hast. Das nenn ich echt mal korrekt. Keinen Sex haben kannste auch allein. Oder willste jetzt doch behaupten, dass die am sonnigen Arsch der Welt mal ihr Bermudadreieck gelüftet hat, oder was? Komm, klatsch ab, Alter!«

Ja, echt toll! Tacko hat sich innerhalb von Millisekunden wieder gefangen, was ich von mir gar nicht behaupten kann.

»Hey, und keinen Depri schieben. Ich besorg dir ’ne Neue. Weiß schon, was jetzt passt. Also, unten rum. Vertrau mir.«

Wie auch immer er sich den Umschlag geangelt hat, plötzlich fuchtelt er mit Dörtes Einladung vor meiner Nase herum und garantiert mir in bestem Versicherungssprech, dass er sich bis zur Deadline um alles kümmern werde und dass dieser Event mein ganz großer Triumph werden könne.

»Das ist alles ein Zeichen. Easy!«

»Tacko, halt die Fresse. Halt einfach mal die Fresse!«

Was er auch tut.

Er würde mir das nicht nachtragen, auch wenn es mir im Moment vollkommen egal ist. Und so ergießt sich eine Tsunamiwelle nach der nächsten über ihn, in denen meine gute Erziehung qualvoll ersäuft, wobei ich durchaus erstaunt bin, welch buntes Beleidigungsarsenal in meinem Gedächtnis eingelagert ist. Als ich seine Mutter bildhaft ausgeschmückt den Bordstein vorm Bahnhof lecken lasse, fange ich eine ein. Der Schrecken verzieht sich langsam, während ich mich an der Raufaserwand hinuntergleiten lasse und auf meinen Hausschlüssel starre. Ohne einen Blick an Tacko zu verschwenden, werfe ich ihm meinen Schlüssel hin.

»Hier, das ist noch da.«

Ein schwacher Hauch von Reue zieht in ihm auf. »Verdammte Kacke, Henry … dann poste halt das nächste Mal wie jeder … an alle … da gibt’s keine Netzschwankung.«

»Entschuldige, Herr Tackoschisski! Stimmt, wie konnte ich das übersehen. Ich bin ja selbst schuld.«

Den Startknopf hatte ich per Fernsteuerung also selbst aktiviert. Ich hatte einfach mal die Freiheit des Funknetzes genutzt, das für sich allein entschied, welche Kommunikationsfetzen übers Wasser gingen, und ursprünglich nur jene Botschaft, die auch ohne Umschweife auf einer belanglosen Postkarte hätte Platz finden können, nach Deutschland geplappert:

»Hi Tacko, der Flug war beschissen, hier alles super, endlich mal aus dem Mief raus. Deutschland im Februar ist was für Suizidjunkies. Ich werd mal richtig frei machen, keine Arbeit, also ich check auch keine Mails. Übrigens hab ich was Schönes für die Wohnung gefunden.«

So banal, wie das alles klingt, aber das war alles, was ich ihm morsen wollte. Dem, der mich vorbehaltlich nimmt, wie ich bin, habe ich genau das zu verdanken und werfe es ihm sogleich vor. Und – wie überraschend – das bringt mich kein Stück weiter.

»Tacko …? Ach Mann, Tacko!«

Gut, fassen wir also zusammen. Die Bude ist ausgeräumt, der Nachbar hat Polen ausgemacht und das Schloss wurde von selbigem ausgiebig befummelt. Wenigstens etwas, das hier befriedigt ist. Mein Dispo hat nicht nur Kammerflimmern. Nein, der ist schon längst im Walhalla.

»Also, was tun und nicht klauen?«, sinniere ich laut in die Kühle des Wohnzimmers.

Und dann? Es gibt Momente, da schaut man sich an und weiß eine Hundertstel später, was zu tun ist. Wir wissen und wir tun. Mein Vater wäre in diesem Augenblick ohne Zweifel stolz auf mich, einfach nur, weil die Entscheidung steht.




GROUND ZERO


»Prost, du alter Sack. Auf dich!«, sage ich adrenalinbesoffen zu Tacko.

»Auf jeden!«, grölt er – sanft wie ein großer Bruder, den ich niemals hatte – zurück.

Mit festem Griff hebt sich das Bier und fließt erwartungsvoll erfrischend in meinen Rachen. Nein, das Hausbräu hier im Spikes kann erleichternder nicht schmecken. Kaum zu glauben, aber es ist gerade einmal schlappe zwei Stunden her, dass Meier nach erfolgreicher Wiederinstallation des Türschlosses mit ’nem Hunni im Blaumann die Abreise angetreten hat. Gemäß unseres Plans wurde die Tür anschließend von Tacko CSI-gesichert, fachmännisch eingetreten, die Polizei verständigt und natürlich die Versicherung informiert. Die Dame am anderen Ende der Leitung war sichtlich bemüht, mich in der von mir – wie ich meine – vortrefflich vorgegaukelten Verzweiflung zu trösten. Drei Jahre Schultheater waren eben doch nicht umsonst. Danke, Frau Mehlich! Zugegeben, dass ich auch die abgelaufene Bio-Milch mit satten drei Komma acht Prozent Fett auf die Verlustliste setzen wollte, war übertrieben. Aber hey, gestohlen ist gestohlen und lässt sich wieder holen. Da wird auch nicht geschludert. Sagen wir es so, ich war die ganze Zeit neben der Spur und Zuschauer eines merkwürdigen Films, an dessen Ende hoffentlich die Zusage leuchtet, dass der entstandene Schaden irgendwie übernommen wird.

»Alter! Keen Kopp! Die Brüder zahlen immer! Immer!«

Woher Tacko seine Zuversicht nimmt, ist mir schleierhaft. Und so wandert mein schweigender Blick vom sich allmählich leerenden Bierhumpen über Tackos überwältigendes Grinsen nach oben und ich spüre, wie der Alkohol den Stress aus dem Nacken spült.

Die Partyleuchten an der Decke haben sicher schon bessere Zeiten gesehen. Alles wirkt auch jetzt noch wie kurz nach ’89 renoviert und dann gründlich durch Zigarettenrauch konserviert. Die Scheiben waren schon immer mit schwarzer Folie abgedunkelt. Und das ist auch gut so! Wer wollte schon rausgucken? Immerhin, hier drin ging’s ab. Jeden Freitag gab’s hier NDW auf die Ohren und die Wodka-Cola, die nur palettenweise verhökert wurde, für neunundneunzig Cent in die Backen. So auch hier und jetzt. Mit Blick auf eine Truppe sich motiviert abfüllender Kerle in Tarnfleckmontur gebe ich mir gerade die erbärmliche Bierpfütze aus dem mittlerweile widerwärtig ausgelebten Glas. Die Hütte ist voll. Kein Wunder! Das Konzept »Billiger Alkohol plus Achtziger-Jahre-Mucke« geht für die Masse der Unter-Dreißigjährigen auf. Ü30 hat hier Seltenheitswert, was uns garantiert, dass uns alle für die Typen vom Ordnungsamt halten. Neues Bier kriegt man dadurch aber auch nicht schneller.

Ich habe Mandy schon gewinkt. Und doch steht mein Glas, immer noch leer, so trostlos vor mir, mit einer klebrigen Erinnerung daran, dass mal etwas Feierabendsaft in ihm gewesen ist. Die aus den einsam heruntergelaufenen Gerstentropfen gesammelte Restsuppe schlummert deprimiert am Glasboden und wartet auf einen Ortswechsel. So wie ich, obgleich ich nicht gierig geschluckt oder in der Kneipenspüle versenkt werden wollte. Als Tacko was von Steckdose faselt und rumpelnd unter dem Tisch verschwindet, frage ich mich, wie man nur so schwanzgesteuert sein kann. Dass er wirklich nur einen Stromanschluss sucht, um sein Netbook anzuschließen, muss ich nach den mir im Vertrauen erzählten Stories kategorisch ausschließen. Plötzlich taucht Mandy, die selbst nach einer Zwanzig-Stunden-Schicht rotzig heiß wirkt, vor mir auf, schiebt die Gläser auf dem Tablett zurecht und fragt lässig: »Noch mal das Gleiche, Jungs?«

»Ja, Schnucki!«, ertönt Tackos Stimme hinter dem flackernden Spielautomaten, der mit rotierenden Nummernscheiben und elektronisch verzerrtem Gedudel was von neuer Chance klimpert.

»Japp!«, nicke auch ich, mich selbst belügend.

Nein, ich will nicht das Gleiche, ich will was anderes. In meinem Schädel drehen sich die Gedankenfetzen und verschwimmen wie die Ziffern vor mir.

»Mandy!«, rufe ich ihrer noch sichtbaren Kellnerschürze hinterher. »Nein, nicht wie immer, ich nehm … ich nehm …«

Meine Fragezeichen tanzen kurz in der pommesschwangeren Kneipenaura, um nun klirrend am Boden zu zerschellen. Sie dreht sich wieder weg und schlägt dem neben ihr aufgetauchten Suffi eiskalt auf die Grabschgriffel, die ihr gewünschtes Ziel nicht mehr erreichen. Ich hocke gänzlich neben mir. Ich muss hier raus, die ganze Nummer macht einfach keinen Sinn mehr. Das ist doch krank. Warum harren wir hier aus … hier im Osten? Seit gefühlten hundert Jahren. Aber … was will ich denn eigentlich? Hab ich mich das überhaupt schon mal gefragt? Okay, mit Delia wär alles klar. Wir würden in ein paar Jahren das Grundstück in Meckelfeld übernehmen, mit dem Haus, in dem Onkel Freddy seit dem Tod meiner Tante allein sein Dasein fristet. Leider. Leben kann man das echt nicht mehr nennen. Meckelfeld! Das war der Plan. Gut, es hat ewig gedauert, bis ich Delia auch nur ein halbes Ja zum Umzug entlocken konnte. Wenn’s nach ihrer Familie ginge, müsste sie gar nichts tun. Toll, wenn der greise Herr Papa ’ne Spedition führt und die Prinzessin einzig zu repräsentativen Zwecken mal das Firmengelände betreten soll. Aus irgendeinem Grund hat der seit ihrem vierzehnten Geburtstag, was auch immer da gelaufen ist, tierische Panik, dass sie mit einem seinem Trucker durchbrennen würde, was alles andere als dem Stand entspräche, zu dem er sich selbst zählt. Er, der aus dem Nichts kam und alles mit seiner Hände Arbeit und ein paar stadtbekannten Winkelzügen zu einem bis ins hinterste Sibirien agierende Kipperlädchen gebracht hatte. Nicht schwer zu glauben, dass ich fürs Erste, als ich auf seiner Bildfläche erschien, als beziehungstechnische Übergangslösung und bessere Notstandsbegleitung offiziell geduldet wurde. Wann immer es passte, rückte er meine familiäre Position in seinem erlesenen Dunstkreis ins einzig von korrekt interpretierte Licht. Jedes noch so belanglose Zusammentreffen mutierte binnen Sekunden zum alles entscheidenden Bewerbungsgespräch, jedes sonntägliche Kaffee-und-Kuchen-Stelldichein zum Tribunal, dem ein standesrechtliches Erschießungskommando folgen müsste. Was immer ich vorher zu sein glaubte, danach wusste ich, dass ich nichts wusste. Würde mich heute jemand aus dem Schlaf reißen, ich könnte Unmengen Bibelpsalme aus meinem Unterbewusstsein leiern, als gäb’s kein Morgen, und in jeder drittklassigen Popelprovinz den Stadtführer mitsamt allerlei übernützlichen Anekdoten mimen. Hauptsache, man hat immer was zu babbeln und zu präsentieren. Es hätte manches Mal nicht viel gefehlt und ich wäre an Übermissionierung verreckt. Er konnte alles, er kannte alles und hatte alles, sogar für jeden Anlass das passende Parteibuch. Matrosen, wechselt die Fahne, der Wind hat gedreht! Mit jedem Bissen, mit jedem Schluck Kaffee schrie es in mir nach Flucht. Auf ins gelobte Land ohne Vaterbrust. Ja, selbst diese stillende Rolle riss ihr werter Herr erzählerisch irgendwann an sich, auch wenn ich mir das nicht vorstellen mochte. Nein, nein, nein! Delia und ich, wir beide in Meckelfeld. Wir hätten eine Chance auf eine eigene Zukunft. Das ganz sichere Ding für uns im Hamburger Speckgürtel. Hätten, hätten, hätten! Tja! Aber warum eigentlich nur zu zweit? Nieder mit der Pärchenkacke! Mann, das ginge doch auch ohne sie. Dort könnte ich locker einen Job in Freddys Firma bekommen, obwohl ich mit Fliesenlegen – geschweige denn handwerklicher Schaffenskraft – nun wirklich noch nie etwas am Hut hatte. Und wenn schon! Dann steige ich bei der Windkraftbude von Dietmar, seinem Schwager, ein. Marketing. Sicher, Marketing geht immer. Das würde schon klappen. Wenn man will. Und ich würde wollen, diesem ausgelebten Kaff hier endlich den Rücken kehren und zusehen, dass mich nicht alle für einen Versager hielten, bloß weil ich den Absprung nicht geschafft und einfach nicht genug Mut gehabt hätte, die vergilbten Sicherungen rauszudrehen. Als stünde das Ende meiner Welt unmittelbar bevor, beschließe ich, eine Mayday-SMS an Dietmar abzusetzen, dessen Nummer sicherlich noch irgendwo im hintersten Winkel meines Handys herumvegetiert. Gedacht, getan! Da sag noch einer, ich sei nicht spontan. Entscheidungen. Genau! Ich hätte das Bier bestellen sollen – das Gleiche wie immer. Mann, ist mir schwindelig.

»Sag mal, ist die Luft hier immer so dünn?«, brülle ich zu meinem Kumpel, der gerade den femininen Neuzugang mustert und mich bestens ignoriert.

Was bitte fesselt ihn eigentlich an seine poppend abgegraste Heimat? Er müsste doch wirklich schon jede dunkle Ecke gesichtet haben. Allein bei dem Bild will ich weg aus meinem Kopf. Mann, wir waren uns doch so einig. Wann immer wir nachts zur Tanke liefen, weil uns der Wodka ausgegangen war, waren wir wie zwei einsame Wölfe auf der Suche nach Menschenfleisch. Nicht zum Fressen, versteht sich. Wir fühlten uns so häufig – unausgesprochen – einfach allein in dieser Provinzklitsche, von deren höchstem Punkt, einer längst geschlossenen Müllkippe, jeder Tourist eindrucksvoll die zerrissene Kultur nachwendezeitlicher Stadtplanung erblicken kann. Die leergewohnten Ratio-Bauten, zwischen denen wir als Kinder bis weit nach Sonnenuntergang unbesorgt herumtoben konnten, weichen Grünflächen, die niemand pflegen wird. Wer auch immer noch etwas auf sich hält, flüchtet halbherzig, an den Rand der Stadt oder pfercht sich in das hippe Wohnviertel im Norden. Wenn es die oberste Bürgermeisterpflicht ist, ein neues Tankstellenklo einzuweihen, ansonsten dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr den frisch gebackenen Hundertjährigen den selbst gezauberten Streuselkuchen wegzufressen und die Sahne vom Törtchen zu lutschen, dann ist dieses Glück nicht von Dauer. Noch aber brennen die Lichter der Stadt, auch wenn es vielleicht selbst gelegte Brände sind, aus Angst, im Dunkel der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Lichter, Leuchten, Blinken. Blink, Blink, Blink.

Der Automat verspricht bei bestem Diodentheater schon wieder die große Chance. Mit einem kurzen Knall gehen schlagartig die Lichter aus. Bumms – aus – Nikolaus! Das Gedudel versiegt und wir hören nur noch die sich selbst feiernde Menge.

»Na bitte, geht doch!«, stellt Tacko johlend fest.

Der soeben verstummte Kasten hat ausgespielt. Eigentlich logisch, immerhin ist mein bester Kumpel unter diesen Voraussetzungen klar im Vorteil und hat seine Fähigkeiten, auch in der dunkelsten Ecke erfolgreich herumzufingern, schamlos eingesetzt. Tacko beendet seinen Tauchgang und hockt sich neben mich, wobei er der Maschine einen Blick völliger Missbilligung zuwirft.

»Ich konnte die Dinger noch nie leiden. Wenn ich was brauche, wo ich Geld reinstecke und nichts rauskriege, kann ich auch heiraten, was!«, brüllt er mir schallend ins Ohr.

Intakte Trommelfelle werden eben echt überschätzt! Da ich mir leider nicht sicher bin, ob die meinigen gerade einen ungünstig irreparablen Dauerschaden genommen haben, versuche ich mit aller Kraft das Lüftungssurren seines Computers einzufangen. Natürlich muss Mandy genau jetzt was frisch Gezapftes auf der Tischplatte abstellen. Rumsen würde ich noch mitkriegen, aber mir geht’s um die feinen Töne.

Mit ordentlichem Schwung haut sich Tacko das Bier rein. »Echt lecker!«

Unnötig zu fragen, wen er meint und wovon seine gierigen Augen sprechen.

»Mann, Henry! Weißte …«, will er jetzt galant einleiten, dass die gerade entflohene Bar-Maus, eine ganz besondere Nummer im Bett und vielleicht auch in seinem vor lauter One-Night-Stand ausgewaschenen Herzen haben könnte. Aber das wäre nicht drin, weil er sich ja nicht aufheben könne, weil ihn alle verdienen, und dass er sie fast alle schon hatte, die Brünetten, die Blondchens, die mit oder ohne Hängebrust, Selbstwertgefühl, Vaterkomplex und Wohlfahrts-Tattoo, ja auch mal einen Dreier mit zwei verwarzten Zwergen, gefesselt, mit Ketten und Wachs … Bondage! Hauptsache, immer was mit Bondage. Und jetzt, da mir diese ganzen Protzmärchen der Gebrüder Knick & Knack aus meinen zum Teil tauben Ohrmuscheln rausquellen, fällt mir ein, was ich ganz unbedingt will.

»Tacko, ich brauch einen Freund, was ganz Normales. Einen, der einfach mal stino bleibt, der genauso langweilig sein kann wie ich.«

Mit versöhnlich einlullendem Blick drückt er seinen Kopf an mich heran. »Aber Henry! Okay, alles, was du willst! Kein Thema. Und auch wenn du das nicht glauben kannst, wenn du frühmorgens an dir runterschaust, aber auch du … bist ein Mann.«

Während er nun meinen Kopf abtätschelt und nach zerrissenen Wortbrocken immerzu meinen Namen einbindet, beginnt eine Reise durch die Menschheitsgeschichte à la Tacko, wobei die Fakten sehr großzügig kombiniert werden. Ich bin mir streckenweise nicht sicher, ob ich aus diesem Monolog lebend herauskomme, als Tacko unerwartet die Biege macht und mich mit einem deftigen Ruck gegen die Schulter zurück in die Realität holt.

»So, Schmucker! Ta-ta! Dein neues Profil, willkommen in der Welt der Beischläfer. Schau’s dir an und dann feiere mich!«

Tackos Bescheidenheit kann mich noch immer überrumpeln.

»Profil? Neu? Wusste gar nicht, dass ich überhaupt eines habe!«

Eingehüllt in die schummerige Muschebubu-Beleuchtung bemühe ich mich, meinen Blick gespielt dankbar interessiert auf den grell leuchtenden Netbookmonitor zu richten.

»Nee, nett ist das nicht«, schießt es mir durch den Kopf, in dem Bewusstsein, dass »nett« jene berühmte kleine Schwester von »große Scheiße« ist.

Mein neues Ich, das definitiv schon seit Stunden online ist, geht mir überhaupt nicht leicht runter. An meinen echten Namen hat sich ein beeindruckendes Profilbild angeheftet. Fragt sich nur von wem. Da thront ein James-Bond-Body-Double mit makellos enthaarter Brust in einem roten Sportflitzer. Ein Torso, der ganz zufällig mein Haupt samt Krater-Grübchen und gezupften Brauen auf den in der Sonne glänzenden, eingeölten Schultern trägt. Ich muss echt aufpassen, dass diese Version von mir mich nicht selbst anmacht. Würde sich Tacko mal gepflegt seine Pimperbrille runterreißen, er würde endlich den lieben Bubi aus dem Briefmarken-Kaupel-Club erkennen, den ich mir trotz des mühsam wachsenden Drei-Tage-Barts optisch nur schwerlich abstreifen kann.

»Tacko, echt lieb! Verstehe ja, du willst mir helfen. Aber das hier ist absolut ›emotionaler Pflegefall in der Endstufe‹. Hier, das Bild! Echt jetzt! F40 und Hostessen? Zugepiercte Pobacken? Tacko, dir haben sie doch echt ins Hirn … Das kauft mir doch keiner ab! Und seit wann habe ich Tribals am Oberarm?«

»Ab Mittwoch! Und mach dir mal keine Platte. So genau nimmt das im Netz eh keiner. Ey, das ist jetzt schon seit ’ner Woche online. Und bis jetzt kommt’s an. Allein gestern haben dich vierzehn Chicks geliked.«

»Vierzehn!«

Tackos Sinn für welche Realität auch immer muss im virtuellen Nirwana elendig abgekratzt sein. Ich habe also nun offiziell ein Tattoo, das ich jetzt sehen müsste. Immerhin geht es bis zur Kragenkante und müsste seine leuchtende Speerspitze blutgierend in meine Halsschlagader bohren. Tacko sieht das alles äußerst locker.

»Hey, am Computer war das ganz schnell gezogen.«

Das glaub ich gern. Was er sich möglicherweise sonst so reinzieht, weiß ich wohl weniger.

»Ja, ja«, lenkt er ein und zieht mit seiner Masche galant aus der Spielstraße wieder direkt auf die Autobahn. »Alles schick, Großer! Also, die Maus hier legt keinen Wert auf Einzelheiten, die ist an Primärem interessiert.«

Bei »primär« legt sich ein gieriges Lächeln um seine vor Sabber tropfenden Zähne. »Henry, locker! Die will dich gleich abchecken und danach bestimmt nur knallen, mit oder ohne Waschbrettbauch. Und da hat der Tacko keinen Pfennig dazubezahlt, verstehste?«, versucht er mich appetitanregend auf etwas einzustimmen, wobei die Worte »die« und »gleich« in meiner Hose das völlige Gegenteil auslösen.

»Lass gut sein, Alter! Du, ehrlich, ich hatte echt schon genug Stress.«

In mir brodelt der vierzehnköpfige Hexenkessel und angesichts Tackos aktuellen Kreativitätswahns schwant mir nichts Erlösendes. Was hat Tacko für gleich klargemacht? Power-Panik kommt in mir hoch und ich beschließe, die in meinen Händen zerrinnende Zeit für etwas CSI zu opfern, bis jener unbestimmte Moment »gleich« eintreten wird. Nein! Spontan stelle ich die Ermittlungen zurück und presse ein unmissverständliches »Hast du sie noch alle!« aus meiner Kehle. Hu! Das tut gut. Gleich noch mal. Leider bleibt der gewünschte Effekt bei ihm aus.

»Sag mal, drehst du langsam ab? Tribal am Mittwoch! Und von wem redest du hier eigentlich?«, platzt es aus mir heraus.

Die Recherche läuft. Ja, bezüglich des Tribals hat er es tatsächlich ernst gemeint und mit »in zwei Tagen«, das gerade eben neu eröffnete Tattoostudio am Theaterbrunnen neben Schmidts Elektrohandel. Bleibt noch Frage zwei. Das Publikum in der Bar würde sicher keine Antwort erahnen können, der Anruf ist hinfällig, und was bitte nützt ein Fifty-Fifty, wenn nicht minimal zwei mögliche Lösungen in Aussicht stehen. In mir dröhnt der Buzzer: TIME IS OUT! GLMPF! Ich steh wirklich auf Thüringer Klöße, aber nicht, wenn sie im Hals kleben.

Tacko wendet sich zu mir, zieht meinen Kopf zu sich heran und flüstert so intensiv in mich hinein, als würde die Inquisition hinter mir warten. »Die da … die ist dein Premium-Date für heute! Aber edel.«

Bullshit! Hat der gerade »Date« gesagt?

»Für heute?«

Ich muss hier dringend was klären.

Zu spät. Als ich mich umdrehe, kann ich lediglich eine schwache Silhouette ausmachen, die im Takt des Discobeats mal auftaucht und wieder im Dunkel verschwindet, sodass ich lediglich etwas Schlankes, circa einsfünfundsechzig Großes erkenne. In mein Gemurmel mischt sich eine Extraportion Angst, dass hier hoffentlich keine Nummer mit Piephahn in der Buchse droht. Kurz bevor sich die ersten Schweißperlen zur Furcht-und-Panik-Demo auf meiner Stirn zusammenrotten, erkenne ich das bisher befürchtete »Es« zweifelsfrei als eine eindeutig überschminkte »Sie«.

»Danke, Gott! Das ist ’ne Tussi.«

Mit kurzem Bobschnitt. Gut, so wählerisch will ich mal jetzt nicht sein, erde ich mich selbst, als ich merke, dass das Flackern vorüber ist und einer der Spots wieder genüsslich klemmt und damit direkt meine Visage faltenfrei ausleuchtet. Das Discolicht will auch nach Sekunden peinlicher Stille einfach nicht abblenden. Danke auch! Dem Laden spendiere ich irgendwann mal ’ne richtige Anlage. Glücklicherweise ist sie keine Puppe aus dem Wachsfigurenkabinett, sodass sie sich selbst dazu einlädt, sich an unseren Tisch zu setzen. Das heißt, unser Tisch ist eigentlich nur noch meiner, da Tacko die Kunstpause nutzt, mitsamt seiner Präsentation abzudampfen, vermutlich zu Mandy. Aber das ist wohl mein kleinstes Problem.

Wenn Opa mal was vom Krieg erzählt hat, ging’s immer um die Angst, den Feind im Nacken. In jeder Sekunde tödlich verletzt zu werden. Feuerstöße, ratatat … ratatat … ratatatat! Nein, hier sitzt keine Heckenschützin vor mir. Ich schaue direkt in das Mündungsrohr, an dessen anderem Ende der Finger lauernd am Abzug liegt. Die Schlacht beginnt und ich mache gar nicht erst den Versuch, mit der weißen Fahne ergeben zu wedeln. Stattdessen schleudern mich ihre Fragen wild umher, ohne mich dabei vom Stuhl zu fegen. Ja, man kann Leute besoffen quatschen. Was sonst passiert hier gerade mit mir! Ich sehe schon die Schlagzeile im Lokalteil von morgen: »MORD IN DER BAUHAUSSTADT! Single erliegt Ohrenbluten beim Speed Dating.« Nee, so geh ich ganz bestimmt nicht von dieser Welt, wenn ich auch zugeben muss, dass meine Rettungsversuche äußerst kläglich daherkommen. Ich höre mir selbst gebannt zu, wie ich in Hilfslosigkeit zu ertrinken drohe.

»Ja! – Nein! – Doch! – Nee, warte mal! – Ähm, Single. – Jaja! – Hm! – Ja! Dreier? Wieso? – Also! Deine Haare? Nee, schick! Haare halt! – Bestimmt! Ja – Ja. Bisschen. Russisch? Sieben Jahre, eben Schule! – Ja! – Wie? – Nee, echt! – Was? Fuffi pro Stunde? – Nein! – Ja! – Hab ich ›pummelig‹ gesagt? – Ähm, ja! – Zu mir? Was? – Ja! – Wie? Halb elf? – Äh! – Stopp mal! – Wer? – Standesamt? Morgen! – TACKOOO!«

Und plötzlich – aus! Stille! Keine Ahnung, ob mich ihre blitzenden Schüsse getroffen haben, aber die Ruhe nach diesem Quasselsturm ist gespenstisch. Wenn mir jetzt einer aus dem Nichts ungeschützt in den Rücken springen würde, meine Blase würde sich platzend freigeben. Hat da nicht eben noch die Frau gesessen, die zu jenem attraktivem Schattenspiel gehörte? Wo ist sie hin? Und worum ging’s hier wirklich, grübele ich, als mir Mandy ungefragt ein Bier vor die Nase setzt.

»Die Kleine ist weg. War ganz schön angepisst. Aber glaub mir, die wär eh nichts für dich. Das Bier ist von Tacko. Der hockt drüben an der Bar und glotzt mir ständig in den Ausschnitt«, beschwert sie sich nüchtern, wobei ich zu gern erwidern würde: »Wenn die Bar geöffnet ist, muss man sich nicht wundern, wenn einer was trinken will.«

Dabei versuche ich so unauffällig wie möglich in ihre Auslage zu schauen. Mandy dreht weiter ihre Runden. Hat die Schattenmaus eigentlich gesagt, wie sie heißt. Nee, oder? Speed Dating! Ja, genau! Ich wurde offiziell gespeeddated. Man trifft sich und nichts bleibt. Aber warum sollte man sowas wollen? Und was habe ich ihr so völlig überfahren bloß geantwortet? Panikartig taste ich meine Hemdtaschen ab. Gott sei Dank, meine Kohle ist noch da. Alles gut! Puh! Wie auch immer, damit könnte ich leben, auch wenn ich schleunigst das Foto mit dem Arschbackenring von meinem virtuellen Ich killen muss.

Ich proste Tacko gereizt zu: »Auf dich!«, was er mit einem stolzen »AUF JEDEN!« quittiert.

Richtig, auf jeden … auf jeden kommt das Schicksal aus einer völlig unerwarteten Richtung zu und manchmal klaut es ohne ein vermittelndes Zögern deine Zeit. Und alles fühlt sich an wie eine Thaimassage ohne Happy End. Ein glückliches Ende, das gibt’s wohl doch nur in Schnulzen.

»Und im Five-Step-Check der MenPlanet«, wirft Tacko galant von der Seite ein.

Es gibt in unserer Welt ein paar nette Gesetze. Einige davon sind so alt, dass wir die Urheber maximal aus dem Physikunterricht kennen. Andere lauern auf uns, um uns mit ihrer ganzen Stärke hinterrücks eiskalt den Alltag zu versüßen. So wie das: Im Winter fressen wir uns die Hucke voll, und sobald im Januar mal über null Grad erreicht sind, gibt sich die Damenwelt bauchfrei und frisch gedruckte Lebensretter schütten ihre »Fit in den Frühling«-Tipps aus. »Fett in den Lenz« wäre so viel entspannender. Mit dem Schnee kommt die Nahtoderfahrung für die Natur, mit einer frischen Trennung das schwarze Loch der Einsamkeit, das einen magisch ansaugt, um einen mit Haut und Haaren zu verschlingen. Und für all diese Momente gibt es findige Redaktionen, die uns nett verpackt in Hochglanz das gesellschaftliche Soll unter die Hirnlappen reiben. »Pimpt euch, findet euch und f**** euch«, damit auch noch morgen kraftvoll Magazine gelesen werden. MenPlanet, Tackos Lifestyle-Bibel, liegt nun ausgebreitet im Schummerlicht vor mir.

»Ey Henry, das geht auf. Kennste mich, kennste den Weg zu den Chicks. Und damit meine ich nicht den Hähnchengrill, he!«

Was ich da sehe, ist ein Adamskostüm, für das ich auf der Stelle eine Ode an die Männlichkeit hätte schreiben können, aber das wäre nun wirklich nicht hetero. Als ich Tacko dabei beobachte, wie er förmlich in den gedruckten Typen reinkriecht, frage ich mich, wer hier wirklich stationäre Betreuung braucht. Zugegeben, der Kerl sieht einfach makellos aus, sein leichter Bartansatz in der verschwitzten Wangenhaut kommt gut rüber. Dazu die Pose, als wolle er gleich jetzt und hier jede Maus in seinen heiligen Schoß legen. So viel Überzeugungskraft kennt man ja sonst nur als Ministrant in Bayern. Nein, da ist rein gar nichts, was mich mit ihm auch nur im Ansatz vergleichbar macht. Was Tacko nicht im Geringsten stört, nein, ihn sogar beflügelt, mich ganz offiziell zu seinem neuen Projekt zu küren: »Der Henry 2.0«.

Was auch immer er vorhat, ich hab keinen USB-Slot, okay? Die völlig haarbefreite Brustzone vom Cover-Dödel wird einzig und allein von einer fetten »5« bedeckt, die von seinen Brustwarzen eingefasst ist. Gerade als mir auffällt, dass der linke Nippel leicht nach links unten abdriftet, während sein rechtsliegendes Gegenstück geradezu frontal in meine Augen sticht, schiebt mir Tacko einen Gutschein in beißendem Rot mit ebenso beißend lächelnden Menschen herüber.

»Pass mal auf, hier und heute, das ist Ground Zero.«

Ich warte ab, was das jetzt wieder wird und hoffe inständig, nun nicht gleich noch »New York«, »Al Kaida« und Flugzeuge« zu hören. Ich habe keine Lust, von einem Moment auf den nächsten in einem staubigen Loch auszuharren und als einzig zugestandene Tagesration den Koran verschlingen zu müssen. Alles, was ich will, ist … tja, was denn? Meine Ruhe, ’ne Mütze Schlaf sowie eine bescheidene Portion Zuversicht, nach all dem, was nun vor gefühlten zwei Minuten über mich hereingebrochen ist und das Tacko als seine Großbaustelle ausmacht, für deren einzigen Neuentwurf er einen gigantischen, schattenwerfenden Wolkenkratzer ersonnen hat, ein Monument, das jeden mir gegenüber erblassen lassen soll. Mein Baumeister hat sich das Einladungsschreiben für das große Wiedersehen aller Schulabgänger meines Jahrgangs wie einen verbindlichen Auftrag in die Jacke geschoben. Eine Mission, die im heiligen Krieg um das Ansehen seines Seelenverwandten unter allen Umständen zu erfüllen sei. Und wie immer ist seine Bruderliebe trotz fehlender DNA-Beziehung kein Garant, dass ich aus so einer Nummer, in der er den Chefkoch gibt, herauskomme, ohne fein gehackt im Kochtopf zu landen. Ich kann schon glücklich sein, wenn jener ominöse Henry reloaded nicht als billige Baumarkthundehütte endet und ich somit bei diesem bekloppten Ehemaligentreffen nicht das bemitleidenswerte, gebuchte Opfer geben muss. Trotz aller Erschöpfung und aller Eindrücke aus Bier und Speed Date sammle ich mich und gebe mir alle Mühe, dankbar zu erscheinen. Und wenn die nette Begleitung allem Anschein nach am Ende tatsächlich eine Edelnutte mit russischem Unidiplom in Atomphysik sein würde, es wäre ein Diamant, dem ich zur Not noch Kohle und ein Drehbuch aufdrücke, nur um nicht gänzlich allein dazustehen, vor Mickey, vor Delia und vor allem vor mir selbst, wenn alle ihre Vita abgleichen. Nein, ich will einer sein, der es geschafft hat. Also verpasse ich Tacko keine vor den Latz, was ihm als Provision bereits locker zustünde. Noch ist nicht Zahltag. Der Zugriff durch den CIA bleibt aus. Die Attacke durch Tacko und das sich in meine Hand einschneidende Gutscheinpapier nicht.

»Schmucker, das ist die Eintrittskarte ins Bermuda-Dreieck.«

Wie immer grinst er bei diesem ausgelutschten Gag. Ja, es ist schon lange vor der öffentlichen Zurschaustellung Einzelner im Netz Stadtgespräch, dass er sich gern zwischen den Schenkeln knusprig gebräunter Fitnessclub-Tussis verliert. Beständige Zugriffszahlen seinerseits auf die regionale Tussilandschaft sprechen ihre eigene Sprache. Never change a fucking system! Und verdammt noch mal, ihm geht’s bestens damit. Während ich mich mental fein säuberlich filetiere, wie ich Delia zu kompensieren gedenke, hat der Drecksack einfach Spaß, ohne Reue, ohne einen Gedanken an ein seelenloses »Mann, war ich geil!« in ein fremdes Gesicht nach einer durchgepoppten Nacht.

»Hey Henry, du bist echt ein netter Typ, also optisch … irgendwie. Aber ›nett‹ trägt Omas den Einkauf nach Hause und gibt in der Musikschule Blockflötenunterricht. Nee, ich mach aus dir einen ganzen Kerl, was!«

Aha! Schön. Warum muss ich eigentlich gerade an Hundefutter denken. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich mit glänzendem Haar über eine Wiese jagen, meine zartrosa Zunge hängt vornehm sabbernd lässig heraus. Und ich bin glücklich, frei und entwurmt. Tackos Fünf-Punkte-Plan soll also mein Chappi sein. Auch nach einem kräftigen Schluck Bier schmeckt mir dieser Gedanke nicht so wirklich.

»Alles Gute zum Purzeltag, Alter!«

»Danke, für den letzten biste vier Monate drüber.« Also danke für den Vorschuss, denke ich misstrauisch, als ich den Gutschein nun endlich, aber zögerlich an mich nehme und skeptisch beäuge. »FITNESSCENTER! Wirklich? Klingt nach Arbeitslager!«

Nein, ich fange nicht an zu maulen. Besser! Um Tacko keinen Grund für den nächsten bekloppten Nickname für die kommenden drei Jahrzehnte zu liefern, verstumme ich und ziehe mich etwas zurück. Ja, ich tue sogar so, als würde ich ihm bereitwillig in jedes Abenteuer folgen, was mir den kümmerlichen Rest an Ehre aus dem Leib brennen würde. Kein Zweifel, er ist sich vollkommen sicher, geradezu fasziniert von seinem Vorhaben. Ich muss geformt werden. Und ja, da kennt er keine Gnade. Bleibt nur die Frage, ob ich mit einem edel eingeölten Sixpack oder einem abtörnend chronischen Bandscheibenschaden aus der Sache herauskäme. Für den Abschluss einer Zusatzversicherung ist es jetzt wohl zu spät. Mit gefühlvollem Zuspruch musste ich bei ihm ohnehin noch nie rechnen. Dafür gibt’s jetzt reichlich Rum-Cola an Southern Comfort Ginger Ale gefolgt von Mannis hausgemachtem Obstler. Würde ich den nicht mindestens einmal pro Abend hier ordern, ich hätte ohne Frage lebenslang Hausverbot. Da kennt Manni keinen Spaß. Unter dem steten Fluss agitiert Tacko sein Einmaleins der Frauenwelt an mir herunter, Stunde um Stunde. Und das sieht so aus: »Biste was, kriegste was!«

Soll heißen, Marketing ist alles. Sein Blick hat langsam was von Landvermessung, wie er mich so abstarrt. Als wäre ich eine gut abgehangene Schweinehälfte, patscht er mir mal rechts, mal links an die sich allmählich rötenden Wangen und lallt mich in väterlichem Ton voll. »Wird schonn ’enny, krie’ ’mer hin. Jenug jelabert, ab morjen kann dich Delüah mal jepfleeeeecht am Hobel blasen«, spricht er und kippt dabei ein, zwei, ja drei jungfräuliche Wodka-Cola nach.

Mandy setzt uns Pommes Schranke mit optischen drei Kilo Majo vor, die Tacko als meine Henkersmahlzeit tituliert. Ob ich es glaube oder nicht: Ich bin im Begriff, Tackos Lehrling zu werden und sehe mich ihm schon Bierkästen auf seine Baustellen tragen. Wobei Bier eher Kondome sind und die Baustellen weibliche Dauermitglieder in seiner Pumperhütte. Während Tacko die pappigen Kartoffelsticks als Gleichnis für meine Oberarme missbraucht und ich den Gutschein hoch konzentriert, mit tastendender Zungenspitze an der Oberlippe, zum Flieger verbastele, fällt mir plötzlich eine seiner Eroberungen ein. Nicky! Was, wenn er recht hat und alle durchtrainierten Girls lediglich dort gefunden, gefangen und eingeholt werden müssten, ja abgefischt werden wollten. Dank Tacko hätte ich wohl die besten Connections, an sie heranzukommen, und das alles bezahlt. Ja, allein eine von ihnen wäre sicher schon perfekt. Die ideale Begleitung, ein optischer Bringer. Ich schaue Tacko tief in die Augen.

»Danke nochmals, mein Bester! Ich glaub, ich hab’s jetzt.«

Die schwerfällige, herumfuchtelnde Masse, die sich mein Kumpel nennt, reagiert jedoch nur noch eingeschränkt und gibt sich mit aller Restaufmerksamkeit der Neugestaltung meines Hemdes hin. Auf dem könnte gut lesbar stehen: »Kann Spuren von Erdnüssen enthalten«, denn Tacko hat seit einer Viertelstunde nichts Besseres im Sinn, als mich mit jenen zu bewerfen. Aber weder heiße ich neuerdings Dumbo, noch … ach egal. Auf solche Nummern, die man Viertklässlern heute als Ausdruck spielerischer Kreativität auslegen würde, muss ich nun wirklich keinen Elefanten machen. Wieso um alles in der Welt interessiert mich das jetzt überhaupt? Ja, sicher, mit Essen spielt man nicht, aber … hey, bin ich schon wieder nüchtern? Ich checke kurz meine Beweglichkeit, indem ich einmal um den Tisch flitze – oder das, was man so »flitzen« nennen könnte. Mist! Ich kann gar nicht so viel saufen, wie ich möchte, um so besoffen zu sein, wie ich sollte. Und das, obwohl ein flüchtiger Blick nach vorn ein bereits beachtliches Schlachtfeld offenbart. Die akkurat gekillten Gläser auf dem Wodka-Cola-Tablett liegen gequält auf der Seite und lechzen nach Zuwendung. Neben ihnen schlummern ihre Leidensgenossen, deren flüssige Whiskey- und Obstlerreste einen kleinen, klaren See auf der Tischplatte bilden. Tacko ist sichtlich bemüht, nichts verkommen zu lassen und mutiert zu einem menschlichen Staubsauger. Mit abgestützten Armen beugt er sich vornüber und senkt seinen karpfenmaulgleichen Mund hinab. Ein Bild, ein Moment! Anmutig wie zwei Pfund Hack! Als hätte ich Tacko in seiner Philosophievorlesung unterbrochen, lallt er mich fürsorglich voll, als ich ihm den Mund mit seinem Ärmel abwische und ihn Richtung Ausgang hieve.

»’enny, Mann! Jetzt schnapp dir de Welld. Füff Sachen … musste mach’n. Hihi, des reimd sich. Krass, ne!«

Ich hab genug intus, um ein paar Minuten mitzukichern. Mit letzter Kraft reißt sich Tacko zusammen, schüttelt sich kurz, packt mit beiden Händen meinen Kopf und diktiert mir direkt ins Gesicht: »Korrekter Body, schicke Bude, bisschen Arschloch, Vision und Macke. So machste die Mädels klar. Aber nicht so, guck dich mal an.«

Tja, würd ich gern, aber an mir hängt einer, der für sich genommen alle Kriterien erfüllt und nun hundertprozentig geschmeidig wie eine Python zu Boden gleitet. Mein soeben selbst ernannter Heilsbringer, meine ganz persönliche Task Force, die mich aus dem dunklen Tal der Einsamkeit emporheben will, braucht mich scheinbar gerade mehr als ich ihn. Mann, der sieht doch gar nicht so schwer aus? Deutschland wird am Hindukusch verteidigt und meine Rest-Ehre von Tacko. Okay, nun bin ich also in seiner Hand.

»Tacko? Taaaacko?«

Nichts zu machen, sein Sabber läuft gerade schillernd glänzend an meiner Knopfleiste herunter. In dieser Pose des innigen Zusammenhalts, wie er nur unter Männern existiert, geben wir wirklich ein süßes Paar ab, wie ein Arbeiterdenkmal im Dauerregen. Super, er hat sich mal wieder königlich selbst abgeschossen. READY FOR TAKE OFF!




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