Beatrice – Rückkehr ins Buchland
Markus Walther


Buchland #2
&quot;Sie wusste um das mächtige Eigenleben des geschriebenen Wortes, wusste um die Magie, die die Realität um die Fiktion krümmte wie das Weltall den Raum um die Masse."

<br/>

Eigentlich müsste Beatrice zufrieden sein. Sie hat das Antiquariat von Herrn Plana übernommen, ihr Mann ist wieder gesund und der Verlag wünscht sich ein neues Manuskript. Alles scheint in geordneten Bahnen zu laufen. Doch dann taucht der kuriose Ladenbesitzer Quirinus auf, der ihr ein Angebot macht, das sie einfach nicht ablehnen kann. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zurück in die tiefsten Regionen des Buchlands.







Markus Walther












Walther, Markus: Beatrice. Rückkehr ins Buchland. Hamburg, Lindwurm Verlag 2021

Neuausgabe 2021

PDF-E-Book: ISBN 978-3-948695-65-1

Epub-E-Book: ISBN 978-3-948695-64-4

Hardcover-Ausgabe: ISBN 978-3-86282-401-4

Paperback: ISBN 978-3-948695-63-7

Lektorat und Satz: ds, acabus Verlag

Umschlaggestaltung: © Petra Rudolf

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Für Horst †


Dann aber kamen drei Punkte …


Gedanken aus Papier

Die Welt legte wieder ihr Gewand aus Buchstaben an. Schwarze Lettern, die auf weißem Papier die Geschicke der Menschen formten. Nicht greifbar und doch fühlbar sangen die Worte im Konzert der Gefühle, entfalteten ihre spezielle, lautlose Magie.

Und schon ließ Beatrice ihre Realität hinter sich zurück, vergaß das kleine Zimmer, die staubigen Möbel und das Bett, auf dem sie lag. Sie folgte den Zeilen, ließ sich führen und verführen, trieb selbstverloren in den fast vergessenen Gedanken einer Träumerin, die einst zu Stift und Papier gegriffen hatte.

Es war, als würde sie nach Hause kommen, denn sie kannte den Text, hatte ihn wieder und wieder gelesen, ihn in sich aufgenommen, bis ins letzte Detail zu begreifen versucht. Ja, versucht. Aber nie hatte sie es geschafft.

Auf dem Cover stand Buchland. Einen treffenderen Titel hätte es nicht haben können, denn diese Geschichte, die zwischen dem Einband gefangen war, handelte von einem Land voller Bücher. Aber genauso gut hätte das Buch auch Beatrice heißen können, denn diese Geschichte, die manchmal aus dem hellbraunen Einband entfliehen wollte, handelte ebenso von Bea. Das war schwer zu begreifen. Insbesondere, weil sie selbst jene Träumerin gewesen war, die das Buch nach einer wahren Begebenheit geschrieben hatte. Eine wahre Begebenheit, die erst durch dieses Buch wahr geworden war.

Darüber nachzugrübeln war, als ob man sich das eigene Hirn verknotete. Es kam ihr vor wie diese Bilder, in denen die Perspektive dem Betrachter einen Streich spielte: eine Treppe, die rechteckig verlief und nicht an Höhe gewann, weil sie in sich geschlossen war. Vielleicht war es aber auch nur eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss.

Auf dem Nachttisch lag ein Brief. Der Briefkopf war schlicht gehalten: Adressat, Absender, Betreff. Darunter ein paar freundliche, auffordernde Zeilen der Verlegerin. Nach zwei Jahren dürfe man doch endlich mit der erhofften Fortsetzung rechnen.

Nein, durfte man nicht. Beatrice war sich sicher, dass sie keine Fortsetzung von Buchland schreiben wollte. Diese Geschichte war abgeschlossen. Es war alles erzählt. Und nur des bisschen Geldes wegen, würde sie sich nichts aus den Fingern saugen. Außerdem …

Außerdem fiel ihr diesbezüglich auch gar nichts ein.

Also schrieb sie keine neuen Kapitel in das Buchland. Sie schlug nur die alten wieder und immer wieder auf, ließ auf diese Weise abermals die vergangenen Geschehnisse Revue passieren. Sie durchwanderte nochmals die endlosen Gänge zwischen den Bücherregalen, ritt auf Pegasos, parlierte mit Goethe und besuchte die Kammer der ungeschriebenen Bücher.

Manche dieser gedruckten Erinnerungen lasteten schwer. Sie drückten auf ihren Brustkorb, schnürten ihr die Luft ab. Es war, als würde ein Gewicht …

„Bea“, flüsterte jemand, „Bea. Du bist schon wieder beim Lesen eingeschlafen.“

Benommen blinzelte Beatrice, strampelte und zappelte dabei ein wenig. Mit einem leisen Rascheln und einem anschließenden plumpsenden Geräusch fiel das Buch von ihrem Oberkörper. „Was’n?“ Ach ja, sie lag im Bett.

Die Matratze knarzte etwas, als sie sich schlaftrunken aufrichtete. Traumwelt, Buchwelt und das wirkliche Leben reichten einander gerade die Hände, grüßten sich höflich, nur um nach ein paar Minuten wieder getrennte Wege zu gehen.

Beatrice stand auf, ging die zwei Schritte zum Fenster, öffnete es weit und sog die kühle Luft des Morgens ein. Auf der dunklen Innenseite ihrer geschlossenen Augenlider tanzten bunte Flecken im Takt der Sonnenstrahlen.

Ingo stand auch auf, kam ihr nach, schmiegte sich an sie und hauchte ihr sachte einen Kuss hinter das Ohr. „Träumerle, Morpheus Arme haben dich noch nicht richtig losgelassen, was?“

Sie ließ die Augen für ein paar weitere kostbare Sekunden geschlossen und reckte ihr Gesicht dem Tag entgegen. „Ich habe bis heute nicht begriffen, warum man mit dem Träumen aufhören soll, wenn man wach geworden ist.“

„Du hast wieder die halbe Nacht gelesen“, stellte Ingo fest. Es lag ein winziger Vorwurf darin. „Kennst du die Story nicht langsam in- und auswendig? Findest du es nicht ein wenig eitel, ständig im eigenen Werk zu schmökern?“

„Ich lese ja auch noch anderes“, rechtfertigte sich Bea. Was hatte es mit Eitelkeit zu tun, wenn man die rätselhaftesten Ereignisse des eigenen Lebens zu ergründen versuchte? Sie löste sich aus Ingos Umarmung, um das Buch aufzuheben und sorgsam, fast liebevoll, zuzuschlagen. „Ich habe in der letzten Woche fünf Bücher gelesen.“

Ingo brummte daraufhin etwas. Es war nicht eindeutig zu verstehen, ob es Worte waren oder nur ein unartikuliertes Grunzen. Als sich Bea nicht die Mühe machte nachzufragen, sagte er leise aber deutlich: „Suchtverhalten. Das ist Suchtverhalten. Du bist ein Bücherjunkie.“ Das war nicht scherzhaft gemeint. Über das Thema Sucht würde Ingo niemals auch nur eine lustige Bemerkung über die Lippen kommen.

„Halb so wild“, sagte Bea. „Wäre ich Floristin, hätte ich jeden Tag mit Blumen zu tun. In der Vase auf unserem Esstisch stünde trotzdem ein Strauß. Ich bin nun halt eine Buchhändlerin in einem Antiquariat. Da gehört das Lesen einfach zum Beruf.“

„Wie du meinst.“ Ingo strich sich mit leidlichem Erfolg über die struppigen Haare. „Ich geh’ unter die Dusche. Wird Zeit, dass wir in die Puschen kommen. Heut’ ist noch viel zu tun.“

Viel zu tun. Ja, das stimmte. Sie wollten sich endlich dazu aufraffen, ihren Keller auszumisten, um einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu setzen.

„Fangen wir direkt nach dem Frühstück an?“ Bea fragte so emotionslos, wie es ihr nur möglich war. Trotzdem hatte sie dieses leichte Zittern in der Stimme. „Oder fangen wir damit heut’ Nachmittag nach der Arbeit an? Wir haben eh nur noch zwei Stunden, bis wir los müssen. Wir könnten stattdessen etwas gemütlicher Kaffee trinken.“

Ingo stand schon im Bad, drehte sich langsam zu ihr um. Seine Augen verrieten diese Traurigkeit, die Bea so sehr fürchtete. Es war jene Art der Traurigkeit, die einem das Herz zerspringen lassen wollte; jene Art der Traurigkeit, die alles wie ein Malstrom mitreißen konnte. „Sollen wir’s noch länger aufschieben? Du siehst nicht so aus, als würde dir das gut tun.“

„Mir?“

„Dir. Ja. Dir und mir … Uns.“ Ingo zog etwas verlegen den Mundwinkel hoch. „Wir haben endlich alles im Griff. Du weißt, was ich meine. Ich bin nicht mehr krank, steh’ in Lohn und Brot. Und du hast die Arbeit, die du schon immer wolltest. Du hast Erfolg mit deinem Laden und auch mit diesem Buch. Nur unser Keller … Er ist wie ein blinder Fleck. Wir müssen endlich mit der Vergangenheit abschließen.“

Selbstverständlich hatte Ingo recht, Bea wusste das. Es war ganz leicht zu erkennen, denn sie beide sprachen nur von dem Wort „Keller“. Aber was da im Keller war, blieb unaussprechlich.

Bea ging zu Ingo, griff nach seinen Händen, umfasste sie ganz zart. Dabei vermied sie es, in seine Augen zu schauen. „Also, nach der Arbeit, ja? … Bitte.“

Ingo gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Es ist nur eine Galgenfrist. Wir müssen das irgendwie hinter uns bringen.“

Bea nickte. „Eine Galgenfrist“, wiederholte sie, kämpfte dabei tapfer gegen ihre Tränen an und versuchte verzweifelt, diesen Kloß im Hals herunterzuschlucken.

Bea erreichte das Antiquariat pünktlich um neun Uhr. Es war ein wundervoller Morgen. Die Sonne schien durch die Blätter der neu gepflanzten Bäume, Vögel zwitscherten verliebt und auf der Straße flanierten Leute aller Couleur. Die Szenerie verlangte mit aller Macht nach der Bezeichnung „idyllisch“. Hier, rund um Beas Laden, zeigte sich ein Stückchen heile Welt. Nicht nur für Bea. Alle, die hier lebten und arbeiteten, spürten es in gewisser Weise: Diesem Ort wohnte ein besonderer Zauber inne. In jeder Hinsicht. Außerdem waren die Geschäfte zu einer Art Touristenattraktion geworden. Nirgendwo sonst gab es so viel Kunst und Kunst handwerk auf einem Fleck. Hier fand man Geigenbauer, Glasbläser und Porzellanmaler neben Korbflechtern und Goldschmieden. Straßenmusiker und Pantomime unterhielten die Passanten und in der Galerie rechts vom Antiquariat standen manchmal die Leute Schlange bis hinaus auf die Straße, nur um die Werke junger, bis dato unbekannter Künstler zu entdecken. Auch all die anderen Geschäfte, sei es Friseur, Florist, der Spielzeughändler mit selbstgemachten Teddys oder der Töpfer mit seinen extravaganten Vasen, konnten sich vor Kunden kaum retten.

Sogar das neue kleine Kino hatte sich zu einem Publikumsmagneten gemausert, obwohl dort nur selten aktuelle Filme gezeigt wurden. Die Besucher schätzten das nostalgische Flair mit Vorhang und Barockdekor.

Das Lichtspieltheater war schräg gegenüber vom Antiquariat, und als Bea die Markise vor dem Schaufenster herauskurbelte, winkte ihr Arno Davids, der Eigentümer, freundlich zu.

„Guten Morgen, Arno“, rief Bea. „So früh schon bei der Arbeit?“

„Natürlich! Es ist Donnerstag. Ich häng’ die neuen Plakate in die Kästen.“

Der Begriff „neu“ war in Bezug auf die Plakate eine herzliche Übertreibung, stellte Bea amüsiert fest, als sie beobachtete, dass er die Plakate von Charlie Chaplin sorgsam einrollte und gegen Werbung für Schwarzeneggers Last Action Hero austauschte. Um das zu bewerkstelligen, musste Arno mehrmals auf einer zweistufigen Trittleiter auf und ab klettern, denn der ältere Mann mit dem grauen Haarkranz kam wegen seiner geringen Statur nicht mal ansatzweise an den oberen Rand des Rahmens.

Bea hing die Kurbel ab und lehnte sie an die Ladentür. Dann eilte sie über die Straße zu Arno. Kurzentschlossen nahm sie ihm die Stecknadeln aus der Hand und befestigte das letzte Plakat für ihn. „Denken Sie, dass sich das noch jemand anschauen will? Der Streifen lief doch bereits zig Mal im Fernsehen.“

„Ach, ich glaub’ schon, dass er sein Publikum finden wird. Ich habe eine Schwäche für diesen Film. Es ist lustig, wenn Klischees so schön durch den Kakao gezogen werden, nicht wahr? Die besten Geschichten sind doch immer noch die, die sich selbst nicht zu ernst nehmen, nicht wahr?“ Arno klappte den Schaukasten zu und schloss ihn sorgsam ab. „Charlie war letzte Woche auch ausverkauft. Ich präsentiere nur Filme, die ich mag. Und was ich mag, scheint auch anderen zu gefallen, nicht wahr? Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich hier aufführen kann, was ich will: Die Leute mögen es … es ist eine Art Magie.“

„Wollen Sie in nächster Zeit Highlander zeigen?“

Arno zog erstaunt eine seiner grauen, buschigen Augenbrauen hoch. „Woher wissen Sie?“

Bea lachte. „Ach, nur so eine Ahnung.“

Ein Blick über die Schulter verriet Bea, dass die ersten Kunden das Antiquariat betraten. Also verabschiedete sie sich von Arno und eilte dahin, wo sie für den Augenblick hingehörte: hinter die Verkaufstheke. Der Morgen verlief im Großen und Ganzen ereignislos. Es wurden einige Bestellungen abgeholt und einige Bestellungen aufgegeben. Es waren keine besonders anspruchsvollen Titel. Nichts davon musste aufwendig recherchiert werden. Da blieb mehr Gelegenheit für die Nachmittagsvorbereitungen.

Seit kurzem veranstaltete sie einmal die Woche einen Lesenachmittag für Kinder und Jugendliche. Meistens kamen bis zu zehn junge Zuhörer, die es sich auf weichen Sitzkissen auf dem Boden hinter dem Schaufenster bequem machten.

„In welche Geschichte wollen wir denn heute tauchen?“, fragte Bea in den Raum, nachdem ihr Besuch gegen drei Uhr nach und nach eingetrudelt war. Dabei strich sie sanft mit den Fingerspitzen über die Buchrücken, die sich in überfüllten Regalen aneinander drängten. Einer stand etwas hervor und Bea nahm dies zum Anlass, ihn herauszuziehen. Sie las den Titel und nickte zufrieden, als habe sie eine Abmachung mit jemandem getroffen, den nur sie sehen konnte. Die Kinder kannten jenes spezielle Gehabe ihrer Gastgeberin. Trotzdem stupsten sie einander unauffällig an, tuschelten ein wenig und unterdrückten ein Kichern.

„Was haltet ihr davon, wenn wir mal in Die Geschichte von Peter Hase reinlesen? Das wurde von Beatrix Potter geschrieben.“

„Von dir, Bea!“ Das war die jüngste in der Runde: Anne. Sie lächelte wissend und drückte stolz ihren schmächtigen Oberkörper vor.

„Nein“, lachte Bea. „Ich heiße zwar auch Beatrice, aber mein Name schreibt sich anders. Außerdem lautet mein Nachname Liber. Frau Potter hat dieses Büchlein hier schon vor langer, langer Zeit geschrieben.“

„Potter? Ist das die mit den Hexen und Zauberern?“ Diese Frage stammte von Ronald, dem zwei Jahre älteren Bruder von Anne.

Kevin, einer der Älteren, stöhnte entnervt und knuffte Ronald in die Seite. „Mann, Ron. Wo bist du die letzten Jahre gewesen? Frag mal deine Eltern, wie sie auf deinen Namen gekommen sind. Dann stellst du auch nicht mehr so dumme Fragen.“

Ronald verstand zwar nicht, was Kevin meinte, trotzdem konterte er trotzig auf die einzig richtige Weise: „Ich kann mir denken, wie deine Eltern auf deinen Namen gekommen sind. Sie mussten dafür nich’ lange überlegen und waren dabei allein zu Haus.“

Es war das übliche Geplänkel von Kindern, die sich gegenseitig zeigen wollten, wer der Reifere oder Klügere war. Bea kannte dieses Vorspiel zu Genüge und meisterte es für gewöhnlich, indem sie nicht darauf ein- sondern lieber in medias res ging. Sie schlug vorsichtig das sehr alte, dünne, braune Büchlein auf und las laut vor. Obwohl es eigentlich kaum den Geschmack der Älteren traf – immerhin war die Geschichte für Kinder im Vorschulalter gedacht –, bekam Bea ziemlich schnell auch deren volle Aufmerksamkeit.

Als sie fertig gelesen hatte, saßen die Großen noch immer andächtig auf ihren Kissen, während Anne und Georgina sich irgendwann auf Beas Schoß platziert hatten, um besser die liebevoll gestalteten Bilder betrachten zu können.

„Lesen wir jetzt noch im Kompass weiter?“, schlug Philip, ein hochgeschossener, blonder Teenager mit Streberbrille vor. Der Goldene Kompass war sein absolutes Lieblingsbuch. Obwohl er es inzwischen, nach eigenen Angaben, schon vier Mal gelesen hatte, mochte er es ganz besonders, wenn Bea ihm daraus einzelne Szenen vorlas.

„Na, wie gut, dass ich das Buch eben schon bereitgelegt habe“, sagte Bea. Ohne aufzustehen, ohne sich auch nur umzudrehen, griff sie blind in das Regal hinter sich.

„Wow“, entfuhr es Kevin, der kurz den Eindruck hatte, dass sich die Bücher im Regal bewegten. Die Buchrücken schienen kurz zu flimmern und im nächsten Moment hatte Bea den Kompass zwischen den Fingern. „Habt ihr das gesehen?“

„Was?“, fragte Bea scheinheilig, zwinkerte ihm aber verschwörerisch zu.

Kevin schluckte atemlos. Seine Antwort blieb aber aus, da die Türglocke lautstark bimmelte und die Tür heftig aufschwang. Ein Luftzug fuhr durch den Raum, wirbelte an den Regalen vorbei, um ihnen dann in die Gesichter zu blasen. Instinktiv kniffen die Kinder die Augen zu.

Gleißendes Tageslicht umspülte eine schwarze Silhouette, die breitbeinig wie ein Italowestern-Cowboy im Türrahmen stand. Allerdings passten weder das nachtschwarze Kapuzenshirt noch die durchhängende Blue-jeans zum Look eines einsamen Rächers. Den gerade noch vornüber gebeugten Kopf hebend, schlug der Fremde die Kapuze zurück. Fast gleichzeitig schob sich draußen eine Wolke vor die Sonne und der theatralisch eingeleitete Auftritt endete in der Erscheinung eines etwa vierzig Jahre alten Mannes, der in die Kleidung eines Rappers reingeschossen worden war. Die Augen wurden von den dunklen Gläsern einer Ray Ban verdeckt. Doch die blasse, beinahe weiße Haut und ebenso die wasserstoffblonden Haare des Mannes, ließen darauf schließen, dass die Iris der versteckten Augen leicht weißlich oder sogar rötlich sein musste.

Er schaute sich kurz im Raum um. Dass Kinder und eine erwachsene Frau auf dem Boden hockten, schien ihn nicht zu überraschen. Beim Anblick der überfüllten Regale des Verkaufsraums entfuhr ihm allerdings ein überraschtes „Oh, Bücher.“ Damit war in einem Buchantiquariat für ihn vermutlich nicht zu rechnen gewesen.

Bea schob die beiden Kinder sanft zur Seite, entfaltete ihre Beine aus dem Schneidersitz und erhob sich, um den Neuankömmling zu begrüßen. „Guten Tag. Kann ich Ihnen helfen?“

Ein nicht unsympathisches Lächeln erleuchtete das Gesicht des Mannes, der nun Bea die Hand entgegenstreckte, um sich vorzustellen. „Quirinus. Mein Name ist Quirinus.“

Bea ergriff die Hand. Sie war außergewöhnlich kalt, doch seine Finger drückten angenehm fest zu. „Guten Tag, Herr Quirinus. Ich bin …“

„Oh! Nein. Quirinus ist mein Vorname. Ich halte mich nie mit meinem Nachnamen auf. Eine persönliche Basis ist immer ein guter Anfang für eine gute Nachbarschaft.“ Mit einer unbestimmten Geste winkte er in Richtung der Straße. „Ich habe am Ende der Straße jetzt auch einen Laden.“

„Ich wusste gar nicht, dass noch ein Geschäft leer gestanden hatte“, sagte Bea leicht erstaunt.

Quirinus lachte herzlich. Weshalb, konnte Bea nicht so recht ausmachen. Etwas umständlich kramte Quirinus in seiner Hosentasche. Bei diesem Manöver verschwand fast sein ganzer Unterarm darin. Es klimperte und raschelte dabei. Die Geräusche ließen darauf schließen, dass allerhand Zeugs an seinen Hosenbeinen mitreiste, obwohl man dies von außen nicht sehen konnte. Kurz darauf zog er eine Visitenkarte hervor und überreichte sie ihr mit den Worten: „Quirinus’ Kuriosum. Der Laden, in dem Sie alles finden, was Sie nicht zu suchen glaubten.“

„Ein ungewöhnlicher Name für einen …“

„… Mann“, unterbrach Quirinus gut gelaunt. „Aber ein besseres Aushängezeichen als Nachnamen wie Schmitz und Meier.“

„Eigentlich meinte ich Ihren Laden.“

„Der Laden, der ja auch meinen Namen trägt.“

Bea verzichtete darauf, die Augen zu verdrehen. Dass ihre Kundschaft manchmal etwas speziell sein konnte, war sie inzwischen gewohnt. Bibliophile und Sammler hatten mitunter recht anstrengende Eigenheiten. „Was kann ich für Sie tun?“

„Oh, was Sie für mich tun können? Streng genommen erst mal gar nichts. Aber allgemein betrachtet schon sehr viel. Wie man es nimmt.“ Quirinus plapperte einfach drauf los, während er förmlich durch den Raum zu tanzen schien. Bea erinnerte dieses Gehabe an eine Figur aus ihren Büchern, ohne, dass sie genau festmachen konnte, an welche. Erst sehr viel später würde ihr bewusst werden, welche Saite ihres Unterbewusstseins hier zum Schwingen gebracht worden war. „Zunächst einmal möchte ich nur vorstellig werden. Da wir ja hier im Viertel das gleiche Klientel bedienen, ist es doch sicher angenehm für Sie zu wissen, mit wem Sie es hier zu tun bekommen. Um es vorwegzunehmen: Ich werde Ihnen keine Konkurrenz machen. Sie dürfen weiter unbelästigt Ihre Bücher verkaufen und ich verkaufe die Meinen. Dabei werde ich sorgsam darauf achten, dass es nicht zu viele werden, die ich an den Mann oder die Frau bringe. Oder den geneigten Leser, wie man zu sagen pflegt.“ Die Formulierung, dass Bea seiner Meinung nach weiterhin Bücher verkaufen darf, war vielleicht nur halb so herablassend gemeint, wie sie klang, aber trotzdem blieb es eine ziemliche Unverschämtheit. Sich dessen vollkommen bewusst, schaltete Quirinus umgehend wieder auf sympathisch um. „Ich verkaufe eigentlich kaum Bücher. Aber allerhand Raritäten gibt es bei mir. Schallplatten, die man rückwärts abspielen muss, Chronomaten und Zeitstopper. Pendelbatterien und eine Internettaschenmaschine mit Multichrom-Monitor. Sie sollten mal bei mir reinschauen. Ich bin mir sicher, dass ich auch das Richtige für Sie finden werde.“ Nun machte er einen Satz in die Mitte der Kinder, wuschelte verspielt durch Annes Haare, nur um danach sogleich den Kreis wieder zu verlassen. „Aber wo ich schon mal hier bin, sollte ich mir vielleicht ein Buch aussuchen. Ich sollte mir eins kaufen. Ja! Das wäre eine tolle Idee.“ Er beugte sich hinter Kevin herunter, raunte in sein Ohr, als würden sie sich gemeinsam gegen Bea verschwören: „Das wäre voll krass!“

Dann ließ er seinen Blick über die Auslage schweifen. Auf einem Büchertisch, an höchster Stelle, fischte er nach einem braunen Paperback. Mit salopper Geste tat er plötzlich so, als würde er in einer nichtvorhandenen Brusttasche nach einem Monokel greifen und es sich vor sein Auge klemmen. „Hmm. Tja. Das hier kenne ich schon. War nicht so meins. Buchgeschichten! Ich bevorzuge in diesem Fall doch lieber einen Jasper Fforde oder – wenn es sprachlich etwas hochtrabender sein soll – einen Zafón. Außerdem: Man kann ein dickes Buch über den Tod lesen oder schreiben und trotzdem weiß man nichts vom Leben. Nicht wahr?“ Mit dem Finger tippte Quirinus auf den Namen ganz oben. „Beatrice Liber! Ich schätze mal, dass dieser Name ein Pseudonym ist. Vielleicht hat diese Story sogar ein Mann verfasst. Wer weiß? Aber der Zuname Liber … Das ist zu offensichtlich. Liber heißt unter anderem Buch. Das hier wäre somit ein Buch über Bücher, das von einem Buch geschrieben worden ist. Wie absurd.“

„Ich wusste gar nicht, dass ich das Buch hier im Laden stehen habe“, warf Bea ein. Inzwischen machte sich ein Gefühl der Unruhe in ihrer Bauchgegend breit. Diese hyperaktive Gestalt hatte etwas Unbestimmbares, etwas Unechtes an sich. Und wieso war ihr Buch hier im Antiquariat? Sie hatte sich doch ganz bewusst dazu entschieden, ihr eigenes Werk nicht selbst zu verkaufen. Es wäre ihr vorgekommen, als würde sie versuchen, Sauerbier unter die Leute zu bringen. Solche Autoren, die zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit darauf hinwiesen, dass sie ein Buch anzubieten hätten, gab es genug. Sie wollte keinesfalls dazu zählen.

Quirinus überging ihren Einwurf gänzlich. Dennoch hielt er kurz inne, legte den Kopf schief, als ob er lauschen würde. „Manchmal, wenn ich in Räumen mit so viel Literatur stehe, kommt es mir vor, als ob die Bücher wispern würden.“ In einem verschwörerischen Tonfall wandte er sich an Anne und ihre Sitznachbarin: „Hört ihr das auch?“

Bea kniff misstrauisch die Augen zusammen. Wispernde Bücher. Was für ein Spiel wurde hier gespielt? „Sind Sie ein Auktoral?“, entfuhr es Bea.

„Was?“ Quirinus war mit zwei langen Schritten bei ihr. „Was haben Sie gesagt? Auktoral? Nein, das bin ich nicht. Ich bin Quirinus. Hab’ mich doch eben vorgestellt … Wie war nochmal Ihr werter Name?“

„Beatrice“, sagte Bea. Ihr Hals wurde plötzlich ganz trocken. Sie krächzte fast, als sie ihren Namen ganz aussprach. „Beatrice Liber.“

„Ja ups! Da habe ich ja ein kleines Fettnäpfchen erwischt.“ Quirinus warf noch einen kurzen Blick auf das Buch in seiner Hand, gluckste vergnügt und legte es dann auf eine englische Originalausgabe von Peter und Wendy.

Der Tanz durch das Antiquariat endete jäh. Der ungewöhnliche Besucher schien sich seines Outfits zu erinnern. Die Körperhaltung ähnelte unvermittelt einem Fragezeichen und die eben noch wild gestikulierenden Hände verschwanden in der Bauchtasche des Kapuzenshirts. „Leserunde mit Kindern, was?“

„Ja. Einmal die Woche immer um die gleiche Zeit“, erklärte Bea mechanisch. Sie hatte plötzlich den unbestimmten Drang, ihn möglichst schnell loszuwerden. „Aber ich vermute, dass Sie nicht in diese Altersgruppe passen werden.“

„Ich?“ Quirinus lachte erneut. „Nein. Beileibe nicht. Andererseits … Vielleicht darf ich meine … ähm …“ Egal, wen er gerade anmelden wollte: Er war sich über seine verwandtschaftlichen Beziehungen dazu nicht sicher. Hier improvisierte jemand ganz eindeutig, mehr schlecht als recht, seine Rolle in einer billigen Komödie. „… ähm … meine … meine Cousine bei Ihnen unterbringen?“

„Cousine“, wiederholte Bea und zog unmissverständlich eine Augenbraue hoch. „Sie sind also hier, um Ihre Cousine für die Leserunde bei mir anzumelden. Wollten Sie sich nicht eben erst nur als neuer Nachbar vorstellen?“

„Scharfsinnig beobachtet! Die Idee mit meiner … Cousine kam mir gerade. Vielleicht darf ich sie Ihnen kurz vorstellen?“

Beas Augenbraue wanderte wieder nach unten, weil sie die Stirn krauszog. „Sie haben Ihre Cousine mit dabei?“

In Quirinus’ Körper zeigte sich erneut Leben. Allerdings ohne die für andere unhörbare Musik in den Knochen. Er schlurfte zur Tür, ließ den Hals dabei nach vorne wippen und parodierte auf diese Weise perfekt eine Comicfigur. ‚Goofy geht nach Entenhausen‘, durchfuhr es Bea bei diesem Anblick.

Die Ladentür öffnete sich. Die Ladentür schloss sich. Dann war Bea mit den Kindern wieder allein.

„Was war das denn für ein Affe?“, fragte Kevin.

„Affe?“ Anne reckte ihren Hals, um den Fremden durch das Schaufenster zu beobachten. „Mir kam er mehr wie eine Ziege vor. Er springt und hüpft die ganze Zeit über.“

Ronald schüttelte den Kopf. „Er hat doch nicht gemeckert.“

„Hab’ ich ja auch nicht behauptet.“ Anne knuffte Ronald in den Oberarm. „Aber er bewegt sich so.“

„Wo ist er hin?“, fragte Kevin. Er war inzwischen aufgestanden und blickte über die Auslage hinweg auf die Straße. Weder zur einen noch zur anderen Seite konnte er Quirinus entdecken. „Wie vom Erdboden verschluckt“, stellte der Junge verblüfft fest. Jedoch just in dem Augenblick, als er sich zu Bea umwandte, öffnete sich die Tür und Quirinus war wieder da.

Neben ihm stand unscheinbar ein Menschlein. Anders hätte es auf den ersten Blick niemand bezeichnen können. Bei genauerer Betrachtung erkannte man, dass es sich um ein kleines, unproportioniertes Mädchen handelte. Die winzig kleinen Füße steckten in schwarzen Ballerinas. Darüber streckten sich spindeldürre Beinchen in die Höhe. Doch sie endeten viel zu früh in einem knabenhaften Leib, der von einem schlichten, an einen grauen Sack erinnerndes Kleidchen bedeckt wurde. Der etwas zu große Kopf, getragen von einem dünnen, kurzen Hals, war bewachsen von schwarzem Gestrüpp, das mehr einem Reisighaufen ähnelte als Haaren. Riesige Augen, so blau wie der Himmel, schauten in einer beinahe ausdruckslosen Melancholie aus dem Gesicht. Nur die überaus süße Stupsnase verdiente irgendwie das Wort hübsch.

Da niemand ein Wort sprach, entstand eine peinliche Stille. Bea beschloss, dass sie diese Lücke schließen musste. Sie ging behutsam in die Hocke und fragte das Kleine: „Na, wie heißt du denn?“

Das Mädchen antwortete nicht, wich aber einen Schritt zurück. Bea fiel allerdings sofort auf, dass das Mädchen keinen Schutz hinter Quirinus suchte. Ganz im Gegenteil: Es hielt reichlich Abstand.

„Fremdelt ein wenig“, erläuterte Quirinus fröhlich und zog das Kind zu sich heran. Väterlich legte er die Hand auf dessen Schulter. Diese Geste wirkte ziemlich aufgesetzt. Ohne Gegenwehr, aber auch ohne jegliche Emotion, ließ sich das Kleine an sein Bein heranziehen, schmiegte nun sogar seinen Kopf an Quirinus’ Oberschenkel. „Aber vermutlich wird sie nach der ersten Lesestunde auftauen.“ Quirinus strich etwas unbeholfen über ihre Haare. Dann, fast wie zufällig, schaute er auf seine Armbanduhr und rief: „Ach, schon so spät? Ich muss doch ins Geschäft. Ich erwarte eine wichtige Lieferung. Hermeias – äh – Herr Meier bringt mir heute einige Kisten Rucksackgrammophone. Sehr nützlich! Sie sollten sich unbedingt auch eins zulegen, Frau Liber! Immerhin kann man damit, egal wo man gerade ist, die eigene Musiksammlung anhören. Jedem Käufer spendiere ich gratis ein paar weiße Lautsprecher dazu. Ein Angebot, das man kaum ausschlagen kann. Schauen Sie mal vorbei.“

Während er sprach, hatte er bereits den Rückwärtsgang eingelegt. Mit dem letzten Wort hatte er die Tür erreicht und mit dem Punkt am Ende des Satzes war er schon auf die Straße entschwunden. Einsam zurückgelassen stand einzig noch das Mädchen.

„Herr Quirinus! Die Leserunde ist doch …“, rief Bea ihm nach. Als ihr bewusst wurde, dass der Mann schon außer Hörweite war, brachte sie ihre Rede leiser zu einem Ende: „… fast vorbei.“

Es blieb nur eine Viertelstunde, die sie gemeinsam mit Lyra und Pantalaimon im Oxford einer fremden Welt verbrachten. Während Bea vorlas, schaute sie manchmal verstohlen über den Rand der aufgeschlagenen Seiten. Das Kind, das Quirinus bei ihr buchstäblich geparkt hatte, saß still und stumm zwischen den anderen im Schneidersitz. Vollkommen reglos, die Hände im Schoß gebettet, ließ sie sich von der Geschichte berieseln.

Sie schafften ein Kapitel, dann kamen die Eltern, um ihre Kinder abzuholen. Dabei schwatzten sie ein oder zwei Sätze mit Bea und kauften sogar ein paar Bücher. Das geschah mehr aus Höflichkeit, denn Bea nahm nichts fürs Vorlesen. Es war so eine Art indirekte Bezahlung für ihre Mühen.

Schließlich blieben nur das Mädchen und Bea zurück. „Tja, Liebes. Jetzt wüsste ich schon gerne, wann dein … Cousin …“ Mann, was hörte sich das falsch an! „… vorhat, dich abzuholen. Ich weiß nicht mal, wie du heißt.“

Rachel, durchfuhr es Bea. Rachel wäre jetzt ungefähr im Alter von diesem Kind. Wie kam sie denn jetzt da drauf? Dieser Gedanke war wie eingepflanzt. Ein fremdes, namenloses Mädchen würde sie bestimmt nicht automatisch wie ihre verstorbene Tochter nennen. „Wie heißt du?“

Eine Antwort blieb das Mädchen schuldig. Es schaute an Bea vorbei in den benachbarten Raum.

„Das ist das Arbeitszimmer“, erklärte Bea.

Das Mädchen ging nach nebenan, ohne um Erlaubnis zu fragen, und Bea blieb keine andere Wahl, als ihr zu folgen. „Das ist das Arbeitszimmer“, sagte Bea noch einmal. Sie kam sich etwas hilflos vor. Was sollte sie mit einem Kind reden, das ihr nicht antworten wollte?

Das Arbeitszimmer war das Herzstück des Antiquariats und Beas Allerheiligstes. Nie ließ sie Kundschaft in diesen Raum kommen. Na ja, eigentlich auch sonst niemanden. Der Einzige, der hier vielleicht hineingedurft hätte, wäre Ingo gewesen. Doch ihr Mann mied das Antiquariat. Er überquerte nicht mal die Türschwelle des Ladens. Irgendwie konnte sie es ihm nicht verübeln. Denn die vergangenen Ereignisse in diesen Räumen waren für ihn in einen Nebel des Unbegreiflichen gehüllt. Was damals mit ihm, mit ihr, mit Herrn Plana und dem Buchland geschehen war, war für ihn vermutlich am leichtesten zu ertragen, indem er es ignorierte oder sogar vergaß. Fakt war, dass sie nun wieder mit beiden Beinen fest auf dem Boden standen. Fakt war allerdings auch, dass sie dies diesem besonderen Antiquariat zu verdanken hatten.

Seit Herrn Planas Tod war hier fast alles unverändert geblieben. Links von Bea stand der Ohrensessel. Geradeaus von ihr war eine Tür, die zum Keller führte, daneben die Tür, die die Stiege ins Obergeschoss verbarg. Überdies gab es einen Sekretär, dazu einen Bürostuhl und ansonsten nur Bücher. Übervolle Regale verbargen alle Wände und erhoben sich bis unter die Decke. Und zwischen den beiden Türen befand sich ein großer runder Drehschalter, der verblüffende Ähnlichkeit mit einem Schiffstelegraphen aufwies.

Das Mädchen ging zu diesem Apparat und legte sachte die Hand auf den Hebel.

„Es wäre mir lieber, wenn du nicht damit rumspielst“, sagte Bea nervös. Warum war sie nur so angespannt? „Das ist nichts für Kinder.“

Als es plötzlich klingelte, schrak Bea gehörig zusammen. Sie fuhr herum und eilte zum Sekretär, auf dem das uralte Telefon lautstark ein akustisches Inferno anzettelte. Sie hob den Hörer von der Gabel, während ihr das Herz bis in den Hals hämmerte. „Buchantiquariat Liber, guten Tag.“

Ein Klackern am anderen Ende des Raumes erklang.

„Hallo Frau Sechtig“, sagte Bea freundlich.

Eine Mechanik wurde ratternd in Gang gesetzt.

„Das freut mich“, erwiderte Bea ziemlich gehetzt. Sie spürte, dass hinter ihrem Rücken etwas geschah, das nach ihrer Beachtung verlangte.

„Ja, das mag sein. Aber ich habe doch schon in meinem Schreiben darauf aufmerksam gemacht, dass …“

Ein dumpfes „Klonk“ ertönte. In einer Apparatur rasteten Zahnräder ein.

„Nein, wie ich bereits sagte: Eine Fortsetzung des Buches hatte ich nie geplant. Fantasy muss doch nicht immer in Serie produziert werden. Ich finde Fortsetzungen blöd.“

Die nachfolgende Stille war alles andere als beruhigend.

„Nein, über dieses Setting gibt es nichts mehr zu berichten.“

Bea drehte sich, während sie sprach, langsam um.

„Sobald ich wieder etwas schreiben sollte, werde ich es Ihnen mitteilen.“

Der Hebel des Maschinentelegraphen stand ganz vorne. Die Tür zum Keller war offen. Das Mädchen war verschwunden.

„Nein, in die Buchland-Story werde ich bestimmt nicht nochmal eintauchen“, stöhnte Bea, verabschiedete sich eilig, warf den Hörer scheppernd auf die Gabel und rannte dann, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter.


Kuriose Ereignisse

Der Keller empfing Bea mit muffiger Dunkelheit. Es roch nach trockenem, sehr altem Papier. Sie sog das eigenwillige Parfum des Buchlandes tief in sich ein. Es war jedes Mal wie Heimkommen. Sie war ein Teil hiervon, untrennbar verbunden mit diesen Regalen, Gedanken, Ideen, Phantasien. Hier gab es Literatur, die sich bis in die Unendlichkeit erstreckte und Gefühle, die sich selbst über diese Unendlichkeit hinwegsetzten.

Sie drehte den Lichtschalter und die Glühbirnen traten alsdann leidlich ihren Dienst an. „Mädchen? Wo bist du?“ Bea bekam keine Antwort. Ihr Echo wurde von Holz, Leder und Kartonagen verschluckt. Im Labyrinth der unzähligen Gänge hatte Bea kaum eine Chance die Ausreißerin zu finden. „Mädchen?“ Ihr Ruf verhallte.

Bea hatte vor einiger Zeit einen altmodischen Kleiderständer neben dem Treppenaufgang platziert. An dessen Haken hingen ein olivgrüner Armeerucksack, eine graue Strickjacke und ein Jutebeutel. Aus diesem fischte sie eine besonders dicke Garnrolle und eine Taschenlampe, die so groß und leuchtstark war, dass man damit den Weihnachtsmann im Landeanflug hätte einlotsen können – und zwar im dichtesten Nebel ohne Rudolph im Gespann.

Routiniert verknotete Bea nun ein Garnende mit dem Kleiderständer, warf sich den Jutebeutel über die Schulter und machte sich aufs Geratewohl auf ins vorerst Ungewisse.

„Habt ihr eine Ahnung, wo die Kleine steckt?“ Ein unbedarfter Beobachter hätte sich gefragt, warum Bea anscheinend mit sich selbst sprach. Allerdings hätte dieser unbedarfte Beobachter auch nicht gesehen, dass am vorausliegenden Kopfende des ersten Ganges auf der rechten Seite ein Oktav-Band aus seiner Reihe hervorstand. Im Vorbeigehen drückte Bea ihn wieder zurück an seinen Platz und bog dann rechts ab. Dabei achtete sie sorgsam darauf, dass sich das Garn in ihrer Hand weiter entrollte. „Wo will das Kind nur hin?“, fragte sie in die Stille hinein. Kurz danach hörte sie ein dumpfes Pochen. Im Strahl der Taschenlampe, die sie eben eingeschaltet hatte, erkannte sie ein Buch, das in einiger Entfernung auf dem Boden lag. Als sie bei ihm ankam, las sie die blasse Überschrift: „Mors porta vitae“. Beas Knie wurden weich und in ihrem Magen befanden sich plötzlich Steine, denn sie wusste nun, wohin sie zu gehen hatte.

In die Wand eingelassen, am Ende einer der vielen Gänge, war eine eiserne Tür. Ornamente zogen sich am Rand entlang und kunstvolle Symbole füllten die Fläche dazwischen. Darüber prangten wuchtig die mittelalterlichen Zeichen „Vita“ und „Mors“.

Das Mädchen stand vor der Tür, legte den Kopf weit in den Nacken, um den oberen Bogen zu betrachten. Dann machte es aus seiner kleinen Hand eine Faust und klopfte so fest es konnte an. Dabei entstand kein hörbares Geräusch. Das Metall war zu alt, zu stumpf, zu schwer und zu anders, als dass es von dieser unschuldigen Kinderhand zum Klingen gebracht werden konnte.

Dennoch vergingen kaum fünf Sekunden und ein Türflügel öffnete sich. Es war nur ein kleiner Spalt. Den Kopf im Dunkel einer schwarzen Kapuze verborgen, beugte sich jemand heraus und schaute kurz in alle Richtungen. Dann, als die Gestalt das kleine Mädchen sah, kniete sie sich hin.

Sie fragte: „Es?“

Das Mädchen antwortete: „Ich.“

„Du?“

Das Mädchen nickte.

Eine Knochenhand tauchte unter der Kutte hervor. Darin befand sich ein in Leder gebundenes Buch. Wortlos nahm das Mädchen es entgegen.

„Du“, sagte die Gestalt. Das klang sehr, sehr nachdenklich.

Auf dem Boden lag ein halbes Dutzend dicker, schwerer Bücher wild verstreut. Das unterste Brett des angrenzenden Regals war leer. In diese Leere hatte sich das Mädchen hineingequetscht und wartete im Halbdunkel auf das Licht, das unstet hin und her raste und sich dabei rasch näherte. Als der Strahl der Taschenlampe das Mädchen fand, heftete er sich auf sie, bis Bea völlig außer Atem ankam. „Verdammt, was tust du mir an? Du kannst doch nicht einfach allein in den Keller gehen. Hier unten kannst du dich verlaufen.“

Bea ließ den Lichtkegel zum Tor gleiten. Verschlossen. „Puh“, machte sie erleichtert. „Und ich dachte schon, dass …“ Sie unterbrach sich, brachte ein mühsames Lächeln zustande. „Da hätte ich deinem Cousin ganz schön was zu erklären gehabt.“

Zaghaft hauchte das Mädchen: „Er ist nicht mein Cousin.“

Bea riss verblüfft die Augen auf. „Du kannst ja doch sprechen.“

Auf diese Feststellung bekam sie allerdings keine Antwort. „Vielleicht magst du mir verraten, wie du heißt, kleine Prinzessin.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

Bea stemmte kurz die Hände in die Hüften, seufzte theatralisch, griff dann dem Kind unter die Arme und zog es aus dem Regal. Wie eine Spielzeugpuppe ließ die Kleine es geschehen. Die Arme und Beine baumelten dabei, als ob sie keine Knochen hätten. Erst als die Füßchen den Boden berührten, straffte sich der Körper wieder.

„Was hältst du davon, wenn ich uns auf den Schrecken ein Eis spendiere? Und dann bringe ich dich zum Kuriositätenladen. Du kannst ja nicht den ganzen Tag bei mir bleiben. Als Gegenleistung fände ich es ziemlich toll, wenn unser Ausflug nach hier unten unser kleines Geheimnis bliebe.“

Bea hatte es nicht anders erwartet: Der Rückweg ins Antiquariat verlief schweigend. Das namenlose kleine Etwas hatte ihr die Hand gereicht und folgte ihr widerstandslos durch das Wirrwarr der Gänge; immer entlang der Garnschnur. Dabei machte sich Bea nicht die Mühe die Schnur wieder aufzurollen. Sie hatte insgeheim beschlossen, zu einem späteren Zeitpunkt nochmals zur Pforte zurückzukehren. Dem Buchhalter, den sie dahinter antreffen könnte, wollte sie zwar – wenn es sich vermeiden ließ – nicht begegnen, aber es konnte nicht schaden, sich dort umzuschauen. Manchmal verraten Bücher Geheimnisse, die man gar nicht zu ergründen versucht.

Dann kam die Treppe und schließlich das Antiquariat. Im Vorbeigehen griff Bea nach ihrer Jacke und schon schlenderten sie und das Mädchen Richtung Eisdiele, nachdem das Schildchen „vorübergehend geschlossen“ in der Tür platziert worden war.

„Was magst du? Schokolade? Erdbeere? Vanille?“ Es gab nur ein unbestimmtes Schulterzucken von dem Mädchen. Also bestellte Bea einfach zwei Mal alle drei Sorten, drückte dem Kind das eine Hörnchen in die Hand und widmete sich dem anderen. Der freundliche Eisverkäufer bekam zu seinem Geld auch ein freundliches Lächeln. Dieser hätte vermutlich genauso herzlich zurückgelächelt, wäre er nicht so sehr damit beschäftigt gewesen, das Kind anzustarren. Irritiert folgte Bea seinem Blick.

„Lutschen“, erklärte Bea, „meinetwegen auch lecken. Aber nimm bitte die Finger raus.“

„Stimmt was nicht mit Ihrer Tochter?“, fragte der Eisverkäufer. Etwas Mitleidiges lag in seiner Stimme.

„Oh“, machte Bea, „das ist nicht meine Tochter. Sie ist nur zu Gast.“ Sie hatte es kaum ausgesprochen, da fühlte sie sich leicht verlegen. Selbst in ihren Ohren hörte es sich abwiegelnd und entschuldigend an. Leider machten ihre nächsten Worte die Situation nicht besser. „Aber wir verstehen uns gut. Fast so wie dicke Freunde, obwohl ich nicht mal weiß, wie sie heißt.“ Das angefügte „Hi, hi“ wurde dann erst recht peinlich. Deshalb zog sie es vor, das Kind rasch weiterzuschieben. Der Eisverkäufer schüttelte verständnislos den Kopf.

„Chaya“, sagte das Mädchen unvermittelt. Danach tastete sie vorsichtig mit der Zungenspitze das oberste, rosafarbene Eisbällchen ab.

Bea wäre beinahe ihr Hörnchen aus der Hand gefallen. „Was hast du gesagt?“

„Chaya.“ Erdbeergeschmack zauberte einen überraschten Gesichtsausdruck in das ansonsten so leblose Gesicht des Mädchens.

„Schaia?“, fragte Bea nach. Langsam dämmerte es ihr.

„Dann brauchst du mich nicht mehr Das zu nennen. Chaya bedeutet unter anderem lebendig.“ Chaya fand ganz offensichtlich Gefallen an dieser speziellen Bedeutung. Sie nickte sich selbst zu, als sie ihr Spiegelbild in einem Schaufenster erkannte. „Chaya!“ Es klang geradezu wie ein Schlachtruf. In einem Anflug von Übermut nahm sie daraufhin das gesamte Erdbeereisbällchen mit einem Happen in den Mund. Die nächste Reaktion war ein schmerzerfülltes Zusammenzucken, weil sie feststellte, dass das Schlucken zu großer Mengen kalter Lebensmittel recht unangenehm sein kann.

„Mädchen, hast du noch nie Eis gegessen?“, fragte Bea erstaunt.

„Chaya“, wiederholte Chaya keuchend, „das Mädchen heißt Chaya.“

Als sie den Kuriositätenladen am unteren Ende der Straße erreichten, versuchte Bea mit einem Taschentuch und mäßigem Erfolg, das Gesicht der Kleinen vom Eis zu befreien. „Chaya, ich denke, dass das mit dem Eis vielleicht keine so gute Idee gewesen ist. Dein … Quirinus … wird nicht begeistert sein, dich so verklebt zu sehen.“

Etwas bang betrachtete sie das Geschäft, mit der rot-weiß gestreiften Markise. In dem eigenwillig dekorierten Schaufenster fanden sich Baseballkarten, Blechspielzeuge und Dampfmaschinen neben einer alten Wurlitzer und einigen vergilbten Briefmarkenalben, in deren aufgeschlagenen Seiten ebenso vergilbte Briefmarken eingesteckt waren. Zylinder und Zauberstäbe, ein Strauß mit ziemlich lädierten Strohblumen und Uhren. Unzählige Uhren! Taschenuhren, Armbanduhren, Wecker, Tischuhren und, und, und.

Das Innere des Ladens präsentierte sich wie erwartet: Muffig und schlecht beleuchtet. Bea fragte sich, wie es möglich war, dass bereits über allen Exponaten eine dünne Staubschicht lag, obwohl die Sachen erst seit zwei Tagen in den Regalen liegen konnten.

„Kann ich Ihnen weiterhelfen?“ Ein Verkäufer – nicht Quirinus – trat ihnen entgegen. Seine Erscheinung passte nicht ganz in das Gesamtbild. Er war jung, freundlich und gut gekleidet. Bea hätte als Einstellungsbedingung eigentlich das absolute Gegenteil erwartet. Zwischen ausgestopften Eberköpfen, etwas, das nach einem ausrangierten Blasebalg für eine gigantische Mundharmonika aussah, einem Hochrad und zahlreichen anderen Exponaten wirkte der Mann so deplatziert wie Kaviar auf Sauerkraut mit Schokoladensoße. „Schauen Sie nach etwas Speziellem oder stöbern Sie nur? Ich könnte Ihnen ein paar Raritäten aus dem Ersten Weltkrieg zeigen. Oder lieber Antiquitäten aus der Renaissance?“

„Chaya“, sagte Bea etwas überrumpelt.

Der Verkäufer blinzelte verwirrt. „Wie bitte?“

Bea schob das Mädchen sachte vor sich. „Ich bringe Chaya heim. Herr Quirinus hat vergessen, sie bei mir abzuholen.“

Der Verkäufer nickte wie ein Butler, warf die Hände hinter den Rücken und eilte durch eine Seitentür davon. Irgendwo rumpelte es laut, stampften schwere Schritte eine Metalltreppe hinab. Um einiges leichtfüßiger erstiegen Schritte wieder jene Treppe zurück nach oben. Kurz darauf öffnete sich die Tür und Quirinus stand vor ihnen.

Nein, er stand nicht wirklich. Er tänzelte auf der Stelle. Irgendwie war immer mindestens ein Bein oder ein Fuß in Bewegung. Sein Körper vibrierte förmlich zu den Melodien einer unhörbaren Musik. Es wirkte auf groteske Art elegant und verspielt zugleich. Doch schließlich pendelte das Bewegungsmoment in ihm aus und sein Körper kam zur Ruhe.

„Cousinchen!“, rief er und breitete dann wie ein schlechter Theaterdarsteller die Arme aus um eine andere Schauspielerin, die er vermutlich nur von der Bühne her kannte, gespielt herzlich in die Arme zu nehmen. „Chaya hat noch ein Eis mit mir gegessen“, sagte Bea.

„Chaya?“

„Chaya.“

„Ach. Chaya!“ Er legte den Kopf schief und betrachtete das Kind eingehend von oben bis unten. „Ein schöner Name, nicht wahr? Es ist ein indischer Name, oder?“

Für Beas Geschmack waren in den letzten Aussagen ihres Gegenübers eindeutig zu viele Fragezeichen. Ihr Misstrauen bezüglich dieses seltsamen Kauzes wuchs von Minute zu Minute. Vielleicht würde es nicht schaden, mal die tatsächliche Bedeutung des Namens Chaya zu recherchieren.

Quirinus schien in ihren Augen zu lesen und beschloss daraufhin eilig das Thema zu wechseln. „Wo Sie gerade hier sind: Möchten Sie sich mal in meinem Reich umsehen? Es gibt hier bestimmt einige spezielle Schaustücke, die auch Ihr Interesse wecken könnten.“

Bea bedachte den ausgestopften Eberkopf mit ungeschminkter Geringschätzung. Ihre Ironie konnte sie auch kaum verbergen. „Ich bin schon ganz neugierig. Aber …“ Sie schob demonstrativ den Ärmel hoch und deutete auf ihre Armbanduhr. „Ich muss zurück in meinen Laden.“

„Ach, kommen Sie!“ Quirinus drückte Chaya zur Seite und packte Bea bei der Hand. Wie ein Verliebter, der mit seiner Angebeteten in den Siebten Himmel flüchten wollte, zog er sie durch eine Tür in einen angrenzenden Raum. „Photos“, rief er. Bea hatte keine Ahnung, wie er es schaffte, dass man das „Ph“ so deutlich hören konnte. Doch der Unterschied zum folgenden Satz war eindeutig. „Und Fotos gibt es hier auch. Zusätzlich gibt es hier auch noch Fotografien.“ Er lachte.

Das Licht war um ein Vielfaches trüber. Die Luft selbst atmete einen Hauch von Sepia. Aber Quirinus hatte nicht übertrieben: Beas Interesse war geweckt. Dieser Raum präsentierte sich als eine Hommage an die Ikonographie. Die Regale, die sich wie in ihrem Bücher-Antiquariat bis unter die Decke hoben, waren überfüllt mit Rahmen und kartonierten Bildern. Alben und Kartons drängten sich dazwischen. Außerdem gab es allerhand Tische, auf denen Kameras, Projektoren und Entwickler mehr oder minder dekorativ angeordnet waren. Die Geräte stammten aus allen möglichen und unmöglichen Epochen. Ein Fotoapparat schien Herrn Feuerstein gestohlen worden zu sein.

„Ich finde, dass Fotos etwas ganz Besonderes sind. Diese alten Papierzeugen sind ebenso kostbar wie Ihre alten Bücher. Sie sind nicht zu vergleichen mit der digitalen Welt, die heutzutage von jedem Billighandy abgelichtet wird.“

Bea bewies sich als gehorsamer Stichwortgeber. „Warum?“

Quirinus lächelte. „Schauen Sie sich dieses alte Foto an. Es ist ungefähr 100 Jahre alt. Schwarz und weiß. Von dieser Familie mit dem gestrengen Patriarchen gibt es nur noch diese eine Abbildung. Ich möchte wetten: Jeder Angehörige der Sippe hat weit mehr als nur einmal einen Blick darauf geworfen. Unzählige Male hat es sich in die Gedächtnisse eingebrannt. Es ist zu einem Stück Familiengeschichte geworden. Wenn heute jemand ein entsprechendes Foto macht und es im Internet teilt, wird es für den Augenblick vielleicht tausendfach wahrgenommen. Aber in einer Stunde haben es bereits alle wieder vergessen. Was ist schon ein Foto, wenn jeder Depp täglich zwanzig Bilder macht? Mancher teilt sogar seine Portion Pommes mit Majo im Web.“

„Sie erinnern mich an einen alten Herrn, den ich mal kannte“, merkte Bea an. „Er hatte eine sehr ähnliche Meinung. Jedoch in Bezug auf Bücher.“

Quirinus lächelte hinterlistig. Wie dieser Ausdruck zu deuten war, verriet er allerdings nicht. Stattdessen dozierte er weiter. „Bücher! Ja. Ich habe auch einen Verkaufsraum für Bücher.“ Er stellte das Foto halbwegs sorgsam zurück an seinen Platz im Regal. „Kommen Sie!“ Er führte Bea in den benachbarten Raum. Der war ebenso groß, ebenso angeordnet und ebenso chaotisch bestückt. Doch die Thematik der Ausstellungsstücke hatte nichts mehr mit Fotografie zu tun. Es waren ausnahmslos …

„… Bücher!“, rief Quirinus. „Ich habe zwar noch lange kein lückenloses Sortiment, so wie Sie. Aber das gedruckte Wort wird bestimmt irgendwann zu einem Kuriosum. Dann gehört es gänzlich in meine Lokalität. Alles, was mit Kultur zu tun hat, erlebt in diesen Tagen eine wahre Inflation, denke ich.“ Eine kurze Pause folgte. „Wie hieß denn der weise Mann, den Sie vorhin erwähnten?“

„Das war Herr Plana.“

„Herr Plana?“ Quirinus kicherte spitzbübisch. „Ich kannte ihn. Nicht gerade ein Sympathieträger, der Gute. Aber ich mochte ihn trotzdem. Er war ein bisschen wie ich. Aber alles in allem war er mir zu – wie sagt man? – moralin. Philosophie ist was für Leute, die zu viel Zeit haben. Ich habe nie Zeit.“

„Sie kannten ihn? Sie meinen bestimmt, Sie kennen ihn aus meinem Buch, oder?“

„Aus Ihrem Buchland?“ Quirinus begann wieder damit, auf der Stelle zu tänzeln. Irgendetwas erheiterte ihn auf das Heftigste.

„Ja“, sagte Bea ungeduldig, „ich bin die Schriftstellerin.“

„Oh, Sie dürfen sich schon Schriftstellerin nennen? Oder sind Sie vielmehr noch eine Autorin? Ein Buch allein macht per Definition doch noch keinen Schöngeist.“

Beinahe hätte Bea ein unartikuliertes „Häh?“ von sich gegeben. Es geriet zu einem unterdrückten Schnauben.

Quirinus kratzte sich am Hinterkopf. „Wie soll ich es erklären? Vielleicht so: Sie atmen. Das kommt von ganz allein. Sie müssen es zwar tun, aber Sie denken für gewöhnlich nicht darüber nach. Eine unbewusste Handlung Ihres Körpers.

Eines Tages – und ich will nicht behaupten, dass dies ein Glückstag für Sie sein wird – werden Sie genau so unbewusst Literatur im Kopf haben. Alles, was um Sie herum passiert, werden Sie dann im Geiste mit Worten ausformulieren. Sie werden bei jedem Gespräch, das Sie führen, überlegen, wie diese Szene Ihres Lebens in einem Buch lauten würde. Dann beschreiben Sie wortgewandt, was Ihr Gegenüber tut, wie es aussieht, obwohl Sie es direkt vor sich stehen sehen. Und jedem Moment, jeder Situation, der Sie sich stellen, begegnen Sie mit der Frage: Was wäre wenn?

Das wird geschehen. Nicht, weil Sie es so wollen. Nicht, weil Sie es können. Nicht, weil Sie es müssen. Sie werden es einfach tun. Genauso wie Sie gerade atmen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.

Wenn es so weit ist, dann kennen Sie den Unterschied zwischen einem Autor und einem Schriftsteller.“

Beatrice zuckte mit den Schultern. Aus Prinzip wollte sie auf diese kleine polemische Rede nicht eingehen. Bei Herrn Plana hätte sie diese Belehrung vielleicht ernst genommen. Doch dieser Typ hier vor ihr … Nein, das war ihr zu aufgesetzt. Mit aller zur Verfügung stehenden Ignoranz ging sie an Quirinus vorbei, griff nach einem zerfledderten Buch auf einem Tisch und blätterte demonstrativ lustlos darin herum. Als sie es wieder zuschlug, ohne tatsächlich ein Wort gelesen zu haben, blieb ihr Blick auf dem Titel kleben. Überrascht las sie den angeblichen Autor.

Vorsichtig, als könne der Einband plötzlich explodieren, legte sie Romeo und Julia von Edward de Vere zurück an seinen Platz. Daneben entdeckte sie Sir Francis Bacons Don Quichote.

„Sind das Scherzartikel?“

Quirinus hüpfte an ihre Seite und lachte. Dann erkämpfte er sich ein ernstes Gesicht und sagte mit dunkler Stimme: „Sehe ich aus wie ein Komödiant?“

„Aber Romeo und Julia wurde von William Shakespeare geschrieben!“

„Wirklich?“ Quirinus legte den Zeigefinger auf den eingeprägten Namensschriftzug. „Aber hier steht doch deutlich ein anderer Name gedruckt. Wie könnte Gedrucktes lügen?“

„Was ist denn das für eine Begründung? In meinem Antiquariat gibt es unzählige Ausgaben von Romeo und Julia, wo Shakespeare als Urheber verzeichnet ist.“

„Tja, die Sache mit der Wahrheit. Mit Herrn Plana hätte man da stundenlang drüber diskutieren können. Vorausgesetzt er ließe eine Meinung neben der eigenen zu.“ Quirinus ging einige Schritte tiefer in den Raum. „Möchten Sie sich nicht noch etwas mehr umschauen? Vielleicht finden Sie ein paar gut erhaltene Stücke für den Weiterverkauf in Ihrem Hause.“

Widerstrebend wagte sich Bea zum nächsten Tisch. Dort fiel ihr ein blaues Buch in die Hände. Das Cover zeigte eine Hand mit emporgerecktem Daumen. „Gesichtsbuch?“

„Das ist so eine Art anonymes Poesie-Album. Man stellt sich damit auf die Straße und bittet Passanten, sich darin einzutragen. Man kann auch Fotos einkleben oder lustige Sprüche reinschreiben. Gefällt mir, diese nette Idee. Sie konnte sich leider nicht durchsetzen.“

Bea sparte sich einen Kommentar und schaute schon nach dem nächsten Stapel mit Büchern. „Anonymus?“

„Ein begnadeter Schriftsteller“, behauptete Quirinus, „hat schon in den verschiedensten Genres etwas geschrieben. Ich bin ihm mal persönlich begegnet und hab’ mir einige seiner Werke signieren lassen.“

Mit wachsendem Erstaunen nahm Bea ein weiteres Taschenbuch. Es war gelb und in schwarzer, fetter Druckschrift stand dort: „Was-willst-Dudenn-Verlag?“

„Dieses Haus hat Sachbücher produziert“, erläuterte Quirinus süffisant, „konnte sich aber auf dem Markt nicht behaupten.“

„Warum?“

„Schauen Sie sich die Überschrift genauer an.“

Bea las laut: „Rechtschreibung for Anfängers“

„Das passiert, wenn man das Outsourcing zu weit treibt. Im Impressum steht irgendwo klein printed in Korea.“ Quirinus tippte sich seitlich an die Nase. „Ich habe fast die komplette Auflage aufgekauft. In einem Kuriositätenladen geht so was ganz gut. Dafür habe ich einen Riecher.“

„Das sind nicht unbedingt Bücher, die es in meinem Antiquariat gibt“, stellte Bea fest. Ein Schmunzeln konnte sie sich nun doch nicht verkneifen. Da sich ihre Laune sichtlich verbessert hatte, änderte auch Quirinus sein Gehabe. Er wurde ruhiger, weniger überdreht und seine Gesichtszüge bekamen einen Schuss mehr Ernsthaftigkeit.

„Och, ich kann mir schon vorstellen, dass es diese Werke tief vergraben in Ihrem Fundus gibt. Was ich hier anbiete, ist doch nur ein winziger Ausschnitt aus dem großen Land der Bücher.“ Während Bea sich fragte, ob der Kuriositätenhändler vielleicht mehr über sie und ihren Keller wusste, als er preisgab, fasste er sie sanft unter dem Arm und führte sie in die hinterste Ecke des Raumes. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Raum eine ungewöhnliche Form hatte: Es gab nicht nur vier, sondern fünf Wände. Sie bewegten sich durch eine architektonische Wabe. Jede gemauerte Wand hatte mittig eine Tür. Instinktiv ahnte Bea, dass dahinter eine weitere Wabe zu finden war. „Das Haus sah von außen gar nicht so groß aus.“

„Meinen Sie?“ Quirinus machte einen winzigen Hüpfer, den man auch als kurzes Stolpern deuten konnte. Im nächsten Augenblick hatte Bea ein beklemmendes Gefühl. Es kam ihr vor, als würde sich die Perspektive verändern. Alles rückte auf sie zu, ohne dass da wirklich Bewegung war. Die Distanzen blieben gleich und verkürzten sich gleichzeitig. Ein Meter ist ein Meter, bleibt ein Meter, redete sich Bea innerlich ein. Und doch …

„Ist Ihnen nicht gut? Sie wirken etwas bleich.“

„Ich glaube, es wird Zeit, dass ich gehe.“

„Einen klitzekleinen Moment noch! Verraten Sie mir, was Sie hier sehen?“ Mit ausgestrecktem Arm deutete Quirinus in eine Nische zwischen zwei Regalen. Dort war ganz eindeutig …

„Nichts“, antwortete Bea wahrheitsgemäß.

„Genau! Das sollte aber eigentlich nicht so sein. Mir fehlt hier ein ganz wichtiges Exponat, das ich mir beschaffen möchte. Ich bin mir sicher, es zu einem guten Preis weiterverkaufen zu können.“

„Ja?“ Bea stöhnte. Warum wurde ihr so schwindelig? Mit klaustrophobischen Anwandlungen hatte sie doch noch nie zu tun gehabt.

Quirinus packte sie fester. Vielleicht stützte er sie. Vielleicht verhinderte er aber auch nur, dass sie flüchtete. „Es ist ein ganz besonderes Werk. Einfach göttlich! Könnten Sie es mir besorgen?“

„Welche ISBN-Nummer hat es?“ Ihre Stimme hörte sich so fern an.

„Oh, nein. Das gute Stück hat keine ISBN-Nummer. Es stammt aus Zeiten weit vor dem Buchdruck.“

„Interessant“, keuchte Bea. Irgendwie schaffte sie es, sich aus dem Griff des Kuriositätenhändlers zu winden, wankte zurück, fort von ihm, zur Tür, durch die sie gekommen war. Um ein Haar wäre sie gefallen. Ihren Tunnelblick richtete sie mühsam und gegen eine Ohnmacht ankämpfend auf das Schaufenster. Tageslicht! Sie musste raus.

Frische Luft.

Offener Himmel.

Asphalt.

Ein Auto hupte. Jemand schimpfte lautstark. Eine Stoßstange hatte sich unangenehm nahe vor ihrer Stirn platziert. Bea schöpfte tief Atem und stellte fest, dass sie auf dem Mittelstreifen der Straße kniete. Sie richtete sich auf und torkelte benommen auf den Bürgersteig. Auf der gegenüberliegenden Seite sah sie den Kuriositätenladen. Durch das Fenster erkannte sie Quirinus und seinen Gehilfen. Irgendwo dahinter stand Chaya, die man nur noch als Schatten erahnen konnte.

Die Drei schauten Bea nach, als sie ihren Weg Richtung Antiquariat fortsetzte.


Wenn sie nicht gestorben sind

Auf dem Brett vor dem Schaufenster des Antiquariats saß Ingo. Die Beine weit ausgestreckt und mit dem Kinn auf der Brust vermittelte er den Eindruck eines Passanten, der ein Päuschen für ein Nickerchen eingelegt hatte.

Bea kannte diese Pose besser. Ihr Mann dachte nach.

Und außerdem war er sauer. Stinksauer.

„Hi“, sagte Bea leise, als sie zu ihm herantrat.

Ingo blieb regungslos. „Kannst du mir bitte verraten, wo du gewesen bist? Ein Zettel in der Ladentür ist ja wohl nicht die richtige Methode, um mal eben früher Feierabend zu machen. Ich wollte dich eigentlich abholen, damit wir zeitig loslegen können. Ich habe hier zwei Stunden auf dich gewartet.“

„Loslegen?“ Bea war mit den Gedanken noch halb in Quirinus’ Laden. Zwei Stunden hatte dies doch gar nicht gedauert … Ihr Puls raste zwar nicht mehr so, aber dafür hatte sich ein unangenehmer Kopfschmerz hinter den Schläfen breitgemacht.

„Wir wollten in den Keller“, erinnerte Ingo sie genervt.

„Du wolltest mit mir ins Buchland?“, fragte Bea endgültig perplex. Sie fühlte sich vollkommen ausgepowert.

„Nein“, sagte Ingo gedehnt. „Ich meine den Keller unserer Wohnung. Wir wollten heute ausmisten.“ Endlich hob er den Kopf und schaute sie an. „Du bist ja total durch den Wind. Was ist passiert?“ Das klang jetzt ehrlich besorgt.

„Ich wollte nur Chaya noch schnell ein Eis spendieren und dann nach Hause bringen. Quirinus hat sie nicht abgeholt.“

„Wer ist Chaya? Und wer ist Quirinus?“ Ingo stand auf, um Bea sanft zu umarmen. „Du bist ja nassgeschwitzt!“

„Ich hatte eben so was, was man wohl einen Anfall nennt. Platzangst oder so.“

„Du zitterst.“

„Jetzt, wo du es sagst, fällt es mir auch …“ Ihre Beine gaben nach und wäre Ingo nicht da gewesen, um sie aufzufangen, hätte sie gleich ein zweites Mal Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht.

Ingo hatte Bea nach Hause gebracht und sie irgendwie die Treppe hoch geschafft. Sie lag nun auf der alten Couch im Wohnzimmer und schlürfte einen Beruhigungstee, den ihr Mann ihr gemacht hatte.

Sie fühlte sich immer noch leicht fiebrig, doch langsam aber sicher kam das Leben zurück in ihre Glieder.

„Tja“, sagte Ingo zögerlich. Er hatte sich ans Fußende gesetzt und massierte ihr die Waden. „Wie es aussieht, müssen wir unsere Aufräumaktion noch um einen Tag verschieben.“

„Prokrastinieren“, murmelte Bea.

„Pro kastrieren? Was redest du?“

Bea brachte ein dünnes Grinsen zustande. „Prokrastinieren. Das sagt man, wenn man unangenehme Dinge aufschiebt.“

„Ich sag’s ja: Du liest zu viel. Auf solche Worte kommt man nur, wenn der Sprachschatz aus der Truhe hüpft.“

„Bist du mir böse?“

„Wegen des Kastrierens?“

Bea schüttelte den Kopf. „Dummerchen. Wenn wir das Aufräumen verschieben, bist du mir dann böse?“

„Nur, wenn du mir nicht erzählst, was denn eigentlich passiert ist. Es scheint für dich ein ereignisreicher Tag gewesen zu sein.“

Der Abend kam schnell, die Nacht folgte rasch. Während die Sterne am Himmel hochkrochen, erzählte Bea Ingo alles der Reihe nach, überging aber weitestgehend ihren Ausflug in den Keller. Sie wusste, dass sie ihn damit nur verstören würde. Ingo hörte aufmerksam zu, nickte hin und wieder, blieb aber schweigsam bis zum Schluss. Schließlich endete ihre Erzählung.

„Hört sich an, als ob die Buchland-Geschichte doch noch weitergeht“, sagte Ingo. Er klang auf eine unbestimmte Art traurig. „Bist du dir sicher, dass du nicht schreibst?“

Ein Hauch von Empörung lag in Beas Stimme: „Was? Ja!“ Als ob sie ihm so was nicht erzählt hätte.

Ingo rieb sich nachdenklich den Nacken. „Ich weiß nicht. Ich kann mich an damals kaum noch erinnern. Unsere Zeit im Buchland, weißt du? Für mich verschwimmt das alles in einem Nebel. Mir kommt es manchmal vor, als wäre es nicht wirklich passiert.“

„Vielleicht ist es nicht wirklich passiert“, sagte Bea, die sich diesbezüglich selbst nie vollkommen sicher war. Das war auch der Grund, warum sie ihr eigenes Buch immer und immer wieder las. „Ich bin die Protagonistin in meiner eigenen Geschichte gewesen. Das geht doch nicht.“

„Irgendwie muss es ja passiert sein. Sonst würde uns jetzt nicht Planas Antiquariat gehören.“ Ingo zögerte. Doch da er sonst immer das Thema mied, wartete Bea ab, ob er noch mehr sagen wollte. Ein Seufzen leitete seinen nächsten Satz ein: „Das, was du geschrieben hast, wurde zur Realität. Deine Phantasie … Ähm. Nein …“ Er lächelte hilflos. Entweder konnte er es nicht in Worte fassen oder er wagte es nicht. „Bevor ich mich mit der Fortsetzung deines Romans auseinandersetze, sollte ich mich eventuell mit dem Original noch mal ins stille Kämmerlein begeben.“

„Du willst mein Buch lesen?“

„Wie sollen wir sonst vernünftig darüber reden?“

„Gar nicht. Nicht, wenn es dir um eine Fortsetzung geht. Ich werde keine Fortsetzung schreiben. Fortsetzungen sind meistens kacke. Nur weil Buchland ein Fantasyroman geworden ist, muss das Teil ja nicht gleich in Serie gehen. Nicht jeder Mist muss eine Trilogie werden.“

„Und was ist, wenn dir das Buchland gerade mitzuteilen versucht, dass du um das Schreiben der Geschichte nicht herumkommst?“

„Schon klar. Ich mache einen simplen Abklatsch vom ersten Teil. Aber halt! Geht ja nicht. Herr Plana ist ja aus dem Reigen der Figuren ausgeschieden.“

„Dafür hast du jetzt diesen Quirinus. Der könnte das Klugscheißen übernehmen.“

„Sorry, dem fehlt es eindeutig an Klasse.“

„Wenn es nicht um eine Fortsetzung geht, worum dann?“

„Es wird einfach Zufall sein. Mir ist bestimmt nur der Kreislauf abgesackt, nachdem ich im Kuriosum etwas zu viel nachgedacht habe. Neue Abenteuer brauche ich nicht. Mir reicht es, Bücher zu verkaufen.“

„Reicht das auch deinem Buchland? Und reicht es deinem Herrn Plana? Und reicht es dir wirklich? Ich nehme dir nicht ab, dass du nur Bücher verkaufen willst. Ich kenne dich dafür zu gut. Was willst du wirklich?“

Bea verstand zunächst nicht, worauf Ingo hinauswollte, doch dann fiel der Groschen. „Herr Plana hätte gewollt, dass ich seinen Platz einnehme.“

„Als Auktoral?“

„Als Auktoral.“

„Die eigentliche Frage war, was du willst.“

„Ich weiß nicht. Kennst du das Gefühl, dass man etwas mit aller Macht haben oder machen will, aber man weiß nicht, was es ist?“

Ingo blickte zum Kühlschrank, in dem früher allerhand Flaschen gestanden hatten. Er trank nicht mehr. – Nicht, weil er es nicht wollte, sondern weil er es nicht durfte. Doch das Verlangen nagte stetig an ihm. Manchmal zerfraß es ihn sogar. Er wusste also ganz genau, wonach es still in ihm schrie. Noch hatte er es im Griff, trotzdem war es da. Immer. „Ich kenne das Gefühl. So ungefähr.“

Bea bezweifelte es. Wie sollte sie das, was ihr unbewusst seit Monaten durch den Kopf ging, in Worte fassen? Sie konnte es ja nicht mal für sich selbst benennen. „Ich kann dir nicht sagen, was fehlt. Etwas fehlt. Etwas, was man vermisst, obwohl man es nicht zwingend braucht. So wie draußen am Himmel gerade der Regenbogen fehlt.“

„Es ist finsterste Nacht“, stellte Ingo irritiert fest.

„Ja.“

„Da kann gar kein Regenbogen sein.“

Bea verdrehte die Augen. Wenn sie nicht in der Horizontalen gewesen wäre, hätte sie vermutlich sogar trotzig aufgestampft. „Ich hab doch auch keine Ahnung, wie ich es anders beschreiben soll. Vergiss es! Vielleicht ist es, weil … weil … Manchmal kommt es mir halt vor, als würde die Tapete an der Wand die Buchstaben der Welt verdecken. Die Realität versteckt nur die Phantasie.“

„Und du denkst, du könntest diese Wirklichkeit mit der Schreibmaschine einfangen und verändern. Ist es nicht so? In deinem Roman hast du es damals so gemacht. Du könntest uns jetzt, wenn du dich an die Schreibmaschine setzen würdest, einen Porsche vor die Tür schreiben. Oder ein paar Millionen aufs Konto.“ Ingo schien dieser Gedanke tatsächlich zu gefallen.

Ein Hauch von Ärger streifte Beas Züge. „Ich glaube nicht, dass das so funktionieren würde. Was ich schreibe, ist kein gewollter, bewusster Vorgang. Ich konstruiere nicht … Zuerst ist die Geschichte da. Erst dann kommen die Worte, die ihr die Gestalt geben. Herr Plana würde sagen, dass man nicht schreiben soll, weil man es will. Man soll schreiben, wenn man es muss.“ Quirinus hat es auch so formuliert, durchfuhr es Bea.

„Würde Herr Plana das?“ Ingo zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Doch dann wanderte auch ein Mundwinkel in die Höhe und nahm dem Ganzen die Schärfe.

„Zieh mich jetzt bloß nicht damit auf!“, warnte Bea. Aber auch ihr ging der Ernst verloren. Mit einem Lachen sollte man solche Gespräche immer beenden. Sie taten es.

So wurde dies eine jener Nächte, in denen Bea die Realität mit ihren Träumen zudeckte und in den Schlaf schickte. Ihre Begegnung mit Morpheus und den Oneiroi blieb ihr nicht im Gedächtnis haften. Als sie jedoch am folgenden Morgen erwachte, fühlte sie sich nicht mehr so ausgelaugt und leer.

Sie lag noch immer auf dem Sofa. Ingo hatte sie gestern offenbar noch unter die alte Steppdecke gepackt und war dann selbst leise ins Schlafzimmer gegangen.

Jetzt stieg Bea der aromatische Duft eines guten Kaffees in die Nase. Auf dem Wohnzimmertisch stand ein Becher, aus dem eine dünne Dampffahne emporwehte. Auf der Tischplatte lag einer dieser kleinen gelben Klebezettel. Darauf geschrieben waren drei Buchstaben: „HDL“. Außerdem platzierte sich ein Semikolon mit einer Klammer dahinter. Viele Worte machte Ingo in den wichtigen Dingen des Lebens wirklich nicht.

Nachdem sie sich aufgerichtet hatte und während ihr Körper innerlich seine Checkliste abspulte, nippte sie an der kostbaren Ambrosia.

„Wie geht es dir?“ Ingo trat zur Wohnungstür herein. In der Hand hielt er eine Papiertüte vom Bäcker. Bea wusste nicht, wann er zum letzten Mal frische Brötchen für sie gekauft hatte.

„Besser.“

„Das ist schön. Du hast auch wieder ein bisschen Farbe im Gesicht. Trotzdem solltest du es heute langsam angehen lassen.“

„Und was ist dann mit dem Keller?“

Ingo grinste schief. „Den können wir kastrieren.“

Der Tag meinte es gut mit Bea. Das Wetter zeigte sich von seiner sommerlichen Seite und das Gemüt der Kunden im Antiquariat erwies sich ebenfalls als sonnig. Natürlich gab es auch die Speziellen, die mitunter anstrengend, meistens aber amüsant waren. Da war zum Beispiel der Herr im Nadelstreifenanzug, der unbedingt dieses eine, bestimmte Buch für sein Kind haben wollte.

„Wie heißt es denn?“, fragte Bea freundlich.

„Wozu brauchen Sie denn den Namen meiner Tochter?“

„Nein“, erklärte Bea geduldig, „den Namen Ihrer Tochter möchte ich nicht wissen. Aber wie das Buch heißt, müssen Sie mir schon verraten.“

„Pfft“, machte der Herr. „Keine Ahnung. Es ist blau.“

Solche Gespräche brachten die besondere Würze in den Arbeitstag. Und zwischendurch blieb Bea immer genug Zeit, um selbst in einem Buch zu schmökern.

Gegen Abend flatterte eine Abwechslung anderer Art mit dem Wind herein. Schmal, klein, unproportioniert erschien Chaya in der Tür. Gekleidet in eine grau gestreifte Strumpfhose, ein schwarzes Röckchen und ein ebenso schwarzes Shirt, ging sie mit geneigtem Kopf auf Bea zu. Die Haare umwehten sie dabei, gaben ihr eine finstere Aura, während ihre Augen Bea auf unheimliche Art und Weise fixierten. Es hätte Bea vermutlich nicht gewundert, wenn die Pupillen plötzlich rot aufgeblitzt hätten. Instinktiv wich sie hinter den Verkaufstresen zurück, obwohl das Mädchen ihr gerade mal bis zum Gürtel reichte. „Was zum …“

Chaya blieb vor der Kasse stehen und legte die vermeintliche Boshaftigkeit wie einen alten, schweren Mantel ab. Die Schatten aus ihren Zügen verschwanden. „Hallo Frau Liber.“

„Hallo … Chaya.“ Bea schluckte. „Kann ich was für dich tun?“

„Lesen“, antwortete Chaya. Ihre Körperhaltung änderte sich subtil. Leicht x-beinig drückte sie die Knie zusammen, ein Fuß drehte sich so weit, dass nur noch die Schuhspitze den Boden berührte. Eine Schulter hob sich um ein paar Millimeter, die andere senkte sich ebenso. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Sie können so schön vorlesen“, erklärte sie mit schüchternem Augenaufschlag.

„Ähm. Weiß denn dein Cous- dein … Quirinus, dass du hier bist?“

„Er hat mich hergeschickt.“

Na, dachte Bea, der macht es sich ja einfach. „Ich weiß nicht, ob ich Zeit dafür habe.“ Chaya deutete auf das Buch, in dem Bea gerade noch gelesen hatte und was jetzt neben der alten Anker-Kasse stand. Ertappt! „Was möchtest du denn vorgelesen bekommen?“

Das Mädchen setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Genau dort und genau so, wie die Kinder es gestern bei der Leserunde getan hatten. „Suchen Sie etwas aus.“

„Okay“, sagte Bea und ging zu den Kinderbüchern. Sie streckte wieder mal einen Arm aus, ließ wieder die Hand an den Buchrücken vorbeistreifen. Zumindest wollte sie es so tun. Doch sie griff zunächst ins Leere. Es war, als wären alle Bücher kollektiv einen Schritt zurückgetreten. Allerdings konnten Bücher eigentlich keine Schritte gehen, weder vor noch zurück. Verblüfft schaute Bea genauer hin. Vor den Büchern war ein Zentimeter mehr Platz als sonst. Sie konnte deutlich einen kleinen staubfreien Bereich vor ihnen erkennen. Nur ganz links stand noch ein mutiges Buch auf seinem angestammten Platz. Astrid Lindgren? Ja, warum nicht?

„Was hältst du von einem Ausflug mit Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf ins Taka-Tuka-Land? Wir könnten den Neg- äh- Südseekönig besuchen. Das ist ein Buch, das ein Kind in deinem Alter einfach kennen muss. Ich würde dir gerne daraus vorlesen.“

Chayas Miene blieb unverändert ruhig.

„Du musst nicht gleich eine Laola-Welle starten. Aber etwas mehr Begeisterung hätte ich schon erwartet. Soll ich was anderes vorlesen?“

Chaya drückte den Rücken durch und saß nun stocksteif und aufrecht wie eine Yoga-Schülerin. „Taka-Tuka Langstrumpf wäre toll. Ich freue mich darauf.“ Eine Tonbandansage klang enthusiastischer.

„Nicht so überschwänglich“, sagte Bea ein wenig argwöhnisch, schnappte für sich und das Kind jeweils ein Sitzkissen und hockte sich neben sie auf den Boden. Das angenehme Knistern und Rascheln erfüllte leise und doch unüberhörbar den Raum, als sie das Buch aufschlug und die ersten Seiten umblätterte. Dann begann sie gefühlvoll von der Villa Kunterbunt, der kleinen, kleinen Stadt mit ihren hübschen und gemütlichen Straßen, den niedrigen Häusern und den Gärten mit den Blumenbeeten zu erzählen.

Um sie herum setzte sanftes Wispern ein. Es war kaum hörbar, klang beschwörend und machtvoll, zugleich aber auch kindlich und aufgeregt. Die Bücher, es waren die Bücher! Sie flüsterten wieder. Ja, sie flüsterten wieder. Erst dadurch fiel Bea auf, dass sie irgendwann vorher offenbar verstummt sein mussten.

Bis Feierabend blieben sie ungestört und schafften es, drei der kurzen Kapitel zu lesen. Als Ingo eintraf, um sie abzuholen, sprang Chaya wie eine aufgezogene Feder auf. Sie lachte, hüpfte, tanzte. Nicht wie Quirinus, nein, es war die fröhliche, kindliche Art, wie man es bei Grundschülern sieht, die zuvor etwas zu lange still bleiben mussten. Chaya warf singend ihren Kopf hin und her. Das diffuse Licht der Abenddämmerung zauberte dabei einen rötlichen Schimmer in ihre fliegenden Haare. Vielleicht waren die Haare auch tatsächlich leicht rot; Bea vermochte es nicht recht zu erkennen. „Darf ich mir das Buch bis morgen ausleihen?“, fragte Chaya, nahm es Bea aber schon aus der Hand, ohne die Antwort abzuwarten.

„Klar“, sagte Bea perplex und fragte sich insgeheim, wer die Kleine ausgewechselt hatte. Wie ein Wirbelwind stürmte Chaya nach draußen, an Ingo vorbei, der ihr ebenso erstaunt wie Bea hinterherblickte.

Er steckte den Kopf zur Tür herein, ohne jedoch seinen Füßen zu gestatten, ins Antiquariat zu schreiten. „War das diese Chaya?“, fragte er.

„Ja.“

„Hast du mir nicht erzählt, dass sie sehr passiv und vielleicht ein bisschen gaga ist?“

Bea schnappte sich ihre Jacke und den Ladenschlüssel. „Von gaga war nie die Rede“, sagte sie und schloss beim Hinausgehen sorgsam die Ladentür hinter sich ab. „Sie ist etwas … merkwürdig.“

„Ja, so hast du mir sie gestern beschrieben. Merkwürdig.“ Ingo gab ihr herausfordernd einen leichten Klaps auf den Po. „Das heißt mit anderen Worten gaga.“

„Für gaga bist du der Spezialist.“

„Oh, dieses Kompliment gebe ich gerne an dich zurück. Wie war es heute auf der Arbeit?“ Ingo reichte Bea den Arm und sie hakte sich bei ihm unter.

„Nichts Besonderes“, antwortete sie, „nur dass ich eine kleine Lesesession für Chaya gemacht habe. Sie scheint die Geschichte regelrecht aufzufressen. Ich kenne nur einen, der mir so konzentriert zugehört hat.“

„Lass mich raten.“ Ingos Stimmung wurde eine Nuance schlechter. „Herr Plana?“

„Warum sagst du das so komisch?“

Ingo seufzte. „Keine Ahnung. Vielleicht, weil Plana dir immer noch auf eine Art und Weise nahe ist, die ich nicht …“

Bea wartete kurz, ob Ingo den Satz beenden würde. Er tat es nicht. Offenbar war es ihm unangenehm. „Bist du eifersüchtig auf den alten Mann?“

„Nein“, beeilte sich Ingo zu sagen, „wie könnte ich eifersüchtig auf einen Toten sein?“

„Ja“, sagte Bea nachdenklich, „das frage ich mich gerade auch.“

„Was hältst du davon“, fragte Ingo, um möglichst schnell das Thema zu wechseln, „wenn wir uns das Kuriosum mal gemeinsam anschauen? Ich bin neugierig, was das für ein Laden ist. Als ich eben daran vorbeigekommen bin, war der Laden noch offen. Diesem Quirinus möchte ich gerne mal auf den Zahn fühlen.“

Bea blickte nach vorn. Chaya war schon außer Sicht. Ob sie Quirinus mit einer Umarmung begrüßen würde, um ihm dann voller Enthusiasmus von Pippi Langstrumpfs Abenteuern zu berichten? Wie würde Quirinus darauf reagieren? Bea stellte fest, dass sie das wirklich brennend interessierte. Vor allem, weil sie sich eine entsprechende Szenerie so überhaupt nicht ausmalen konnte. „Quirinus auf den Zahn fühlen? Das ist eine gute Idee.“

„Ich habe nur gute Ideen!“ Ingo schnalzte mit der Zunge und ließ die Augenbrauen bedeutungsvoll wippen. Dann ging er im Stechschritt los und zog Bea neben sich her.

Das letzte Licht des Tages mogelte sich an den Streifen der Markise vorbei ins Schaufenster. Die Auslage hatte sich innerhalb eines Tages komplett gewandelt. Auf rotem Samt standen nun unzählige Telefone. Die meisten davon waren uralt, hatten Wählscheiben, Kurbeln oder sogar beides. Der Apparat aus dem Antiquariat hätte sich hier problemlos einreihen können. Auch ein scheinbar prähistorisches Handy, groß wie ein Koffer und mit einer langen, langen Antenne lag dort. Um dem Anblick etwas Abwechslung zu verleihen, waren im Hintergrund einige Computer, Lochstreifen-Apparaturen und Magnetband-Lesegeräte installiert. Ganz in der Mitte, auf einem mit Samt ausgelegten Podest, stand ein modernes E-Book-Lesegerät. Ein kleines Verkaufsschild wies es als iRead aus. Der angegebene Preis war exorbitant.

Vor dem Laden gab es ebenfalls eine Neuerung: Eine weiße Parkbank war vor dem Fensterbrett platziert worden. Darauf saß, in äußerst männlicher Pose, Quirinus. Mit gespreizten, weit ausgestreckten Beinen, nach links und rechts über die Rückenlehne gelegten Armen, schaute er Bea und Ingo durch eine schwarze Ray Ban Sonnenbrille entgegen. Breit grinsend rief er: „Wie herrlich, dass so kurz vor Ladenschluss noch so zwei liebreizende Kunden den Weg zu mir finden. Je später der Abend, umso schöner die Gäste! Da ist was Wahres dran. Ich sehe Ihnen an, lieber Ingo, dass Sie heute ein grandioses Geschäft bei mir tätigen werden. Treten Sie nur heran. Mein fachkundiges Personal wird Ihnen Dinge zeigen, von denen Sie gar nicht wussten, dass Sie sie brauchen.“ Auch wenn die Worte mit Quirinus’ Mund gesprochen wurden; sie klangen nicht, als wären sie seine eigenen. Aufgesetzt und gespielt kam es rüber, als ob ein Prolet die Sprache feiner Herrschaften verwenden wollte.

„Woher weiß er meinen Vornamen?“, fragte Ingo leise, doch bevor Bea auch nur mit den Schultern zucken konnte, öffnete sich die Tür und der Verkäufer eilte auf die Straße. „Ah!“, machte dieser, löste Ingo aus Beas Arm, um ihn dann eilends in den Laden zu führen. „Ich vermute, ich habe genau das Richtige für Sie.“ Das Manöver geschah so schnell, dass an Gegenwehr nicht mal im Ansatz zu denken war.

„Setzen Sie sich an meine grüne Seite, Frau Liber. Genießen wir die Sonne, solange sie für uns noch scheint.“ Quirinus reckte den Hals, damit das letzte Sonnenlicht des Tages die Gelegenheit bekam, möglichst viel von seiner Person zu erwischen. Da er nicht gewillt war, etwas zur Seite zu rutschen und auch die Arme auf der Rückenlehne beließ, platzierte sich Bea soweit es ging nach außen. Deshalb saß sie recht unbequem auf einer Pobacke und stützte sich mit einem Bein ab.

„Kommen Sie ruhig etwas näher. Ich beiße nicht“, sagte Quirinus. Widerwillig gehorchte Bea den Gesetzen der Höflichkeit. Doch da der Kuriositätenhändler immer noch keine Anstalten machte, seinen Komfortbereich zu verkleinern, hatte Bea nun seine Hand fast im eigenen Nacken, was ihr äußerst unangenehm war.

Nachdem sie ein Weilchen schweigend dagesessen hatten, nahm Quirinus endlich die Hand fort und deutete vergnügt auf die andere Seite der Straße. Dort lag eine leere, rote Getränkedose. „Gesehen?“, fragte er lakonisch.

„Ja.“

„Ein Kuriosum, so eine Dose.“ Quirinus nahm die Hand runter und legte sie auf seinen Bauch, den er beiläufig zu streicheln begann. „Es hat lange gebraucht, bis erkannt wurde, dass es nichts Dämlicheres als diese Art der Verpackung gibt. Aluminium ist ein Umweltsünder hoch drei. Der Abbau ist eine Vergewaltigung der Natur. Und obwohl man das Metall wunderbar wiederverwenden könnte, ist es viele, viele Jahre in der Müllverbrennung gelandet. Ein Kuriosum. Weißblech ist übrigens kaum besser.“

„Ich wusste gar nicht, dass es Cola in Dosen noch zu kaufen gibt“, warf Bea ein.

„Vom Markt sind sie nicht. Auch ich habe immer ein paar Paletten im Sortiment“, merkte Quirinus an. „Direkt neben den Einwegplastikflaschen.“

„Die sind doch nicht selten“, stellte Bea verblüfft fest.

Quirinus grunzte belustigt. „Aber sie sind ein Kuriosum. – Ein Kuriosum, wenn man den gleichen Maßstab wie bei der Dose ansetzt. Wussten Sie, dass die Einwegflasche die Glaspfandflasche fast vollständig aus den Läden verdrängt hat? So knapp kann das Erdöl dann wohl nicht sein. Plastik hier. Plastik da.“

Ein Teenager näherte sich der Dose. „Jetzt kommt der spaßige Teil des Tages“, kommentierte Quirinus. Er beugte sich interessiert vor. „Eine Dose auf dem Bürgersteig plus ein Halbstarker auf dem Weg nach Hause. Was glauben Sie, Frau Liber, wird passieren?“

Bea verstand, was Quirinus meinte. Bevor sie antworten konnte, holte der junge Mann mit dem rechten Bein weit aus, um der Dose einen kräftigen Tritt zu versetzen.

„Das wird guuuut“, freute sich Quirinus.

Als der Fuß die Dose traf, hätte es eigentlich ein lautes Scheppern geben sollen. Es machte allerdings nur stumpf „Klack“. Das Behältnis, offensichtlich gar nicht so leer und so leicht, wie es äußerlich den Anschein erweckte, kullerte knirschend knapp einen Meter weit. Der junge Mann brach mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen. Mit beiden Händen umklammerte er den Fuß und wälzte sich wie ein Mittelfeldspieler nach einem groben Foulspiel über den Boden.

„Blei“, erklärte Quirinus lakonisch. „Ich hatte noch etwas übrig. Hab gestern die Dose damit ausgegossen. … es gibt Geschichten, die folgen zwangsläufig unsichtbaren Regeln. Man kann sie prima ins reale Leben übertragen. Die Ich-trete-eine-Dose-Story ist der allerbeste Beweis. Ein herrliches Klischee, das durch meine winzige Abwandlung sogar eine Pointe bekommt.

Wir sollten hineingehen, bevor der Hauptdarsteller dieser kleinen Anekdote nachfragen kann, von wem die Dose stammt. Ich bin außerdem neugierig, ob Ihr Mann in meinem Fundus fündig geworden ist.“

Das Innere des Kuriositätenladens hatte sich auch geändert. Zwar waren die Wände, die sich um das Schaufenster bogen, noch immer voller Regale. Doch die Exponate waren komplett ausgetauscht worden. Da waren Spieluhren, Plastikroboter und Handys, Schneidebrettchen mit Brotmesser, Tablet-PCs und leere Konservendosen, die mit einer Schnur verbunden waren. Neben der Tür, die zum Bücherraum führte, stand nun eine englische Telefonzelle. Auf unterschiedlich hohen Podesten in der Mitte des Raumes hatte jemand verschiedenste Schreibutensilien platziert. Gänsefedern, Kugelschreiber, Füllfederhalter und Stempel in allen Größen.

„Na, mein Lieber“, sprach Quirinus Ingo gönnerhaft an, „haben Sie etwas in meinen Schätzen gefunden?“

Überrascht stellte Bea fest, dass ihr Mann tatsächlich einen kleinen Drahtkorb in der Hand hielt. Der Verkäufer legte gerade einen in Leder eingebunden E-Book-Reader hinein. Dabei strahlte er, als hätte er den Rockefellers einen Trabanten zum Preis eines Lamborghinis aufgeschwatzt. „Das ist doch jetzt nicht dein Ernst“, entfuhr es Bea.

Ingo lächelte verlegen. „Wenn man ihn zuklappt, sieht er aus wie eines deiner Bücher.“

„Wenn man ihn aufklappt“, sagte Bea mit aller ihr zur Verfügung stehenden Ironie, „kannst du sogar darin lesen.“

„Ja, aber es passen 3500 Titel drauf. Ist doch nett.“

„Wie viele Bücher hast du in diesem Jahr gelesen?“

„Äh. Vier.“ Ingos Blick huschte hilfesuchend zum Verkäufer. Der nickte ihm auffordernd zu. „Ich kann sogar die Schrifthöhe variieren.“

„Siehst du schlecht?“

Ingo suchte die Flucht im Angriff: „Was hast du bloß gegen E-Books?“

„Herr Plana hätte gesagt …“, begann Bea.

„Du bist nicht Herr Plana“, unterbrach Ingo. Es klang grober, als es gemeint war.

Eine besonders scharfe Antwort lag Bea bereits auf der Zunge, doch Quirinus, der sich offenbar gerade köstlich amüsierte, sagte: „Ah! E-Book-Lesegeräte. Die Cola-Dosen unserer Zeit. Hier sieht man Blech, Kunststoff, Aluminium, ein Sondermüll-Akku und etwas Silikon. Auf der anderen Seite zeigt sich ein Produkt aus nachwachsenden Rohstoffen, das biologisch abbaubar ist.“ Er drehte sich zu Bea: „Man soll sich dem Neuen nicht verschließen, sage ich immer.“ Jetzt wandte er sich Ingo zu. „Aber man darf es hoffentlich hinterfragen, ohne dass jemand böse wird.“

„Sie mögen auch keine E-Books?“, fragte Ingo irritiert.

„Doch! Doch!“ Quirinus legte einen Arm um Ingos Schulter und führte ihn in Richtung Kasse. „Ich bin der Inhaber eines Ladens voller Kuriositäten. Ich bestreite meinen Unterhalt mit so was.“ Ohne Punkt und Komma plapperte Quirinus einfach weiter, während er mit rascher Feder eine Quittung vorbereitete. „Sie haben eine gute Wahl getroffen! Egal, aus welchen Tiefen des Antiquariats Ihre Frau ein Buch hervorholt, Sie werden es sich schon vorher – vielleicht sogar kostenlos – aus dem Internet besorgen können. Irgendwann ist das Internet die wahre babylonische Bibliothek. Fitzek, Flemming oder Follett sind nur einen Klick entfernt. Ich kenne da ein paar Plattformen, auf denen Sie ganz umsonst … Ach, das kriegen Sie noch raus. Aber selbst wenn Sie Ihre Bücher kaufen möchten, sind Sie billiger dran. Buchhändler! Wer braucht die schon?“ Das alles klang nicht so, als würde er sich über Ingo lustig machen. Nein. Es hörte sich wie eine halbwegs sachliche Beschreibung der gegebenen Tatsachen an … wenn sie von einem fleißigen Versicherungsvertreter vorgetragen wurden. „Alles in allem – wenn Sie drei Jahre lang so richtig, richtig viel lesen – sieht die Umweltbilanz auch viel besser aus; besser als die beim althergebrachten Buch.“ Nun, zum Schluss seiner Ausführungen zwinkerte Quirinus Beatrice zu. Verschwörerisch. Hinterlistig. Teuflisch. „Im Allgemeinen habe ich natürlich nichts gegen Buchhändler.“


Blindbuch

Da Ingo ziemlich verschnupft auf Beas Reaktion reagiert hatte, sprachen sie den Rest des Abends nur noch das Allernötigste miteinander. Die Aufräumaktion im Keller wurde nicht mal in Erwägung gezogen. Ingo fläzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer und probierte demonstrativ die diversen Funktionen des Lesegerätes aus. Immerhin gab es auch zahlreiche „Apps“, die über das reine Lesevergnügen hinausgingen. Das Wort „Kuriosum“ durchfuhr Beatrice. Nachdem Ingo sich über eine Stunde mit dem ergänzenden Computerprogramm für seinen PC und den dazugehörigen Updates beschäftigt hatte, widmete er sich eine weitere Stunde einigen Minispielen. Schließlich blieb er bei einem Enhanced E-Book hängen. Ob er es tatsächlich las, konnte Bea nicht feststellen. Der mitgelieferte Soundtrack quäkte allerdings blechern und lautstark aus einer kleinen Öffnung an der Unterseite des Geräts und passte sich seinem angeblichen Lesefortschritt an. Mal blieb die Musik leise und unauffällig, mal schwang sie sich zu epischen Höhen auf.

Da sie sich nicht wirklich gestritten hatten, bemühte sich Bea in keinster Weise um eine Versöhnung. Sollte ihr Mann noch ein bisschen im eigenen Saft schmoren und mit dem Teil glücklich werden. Ausgerechnet ein E-Book-Reader! Sie kam sich verraten vor. Und seine Aussage, dass sie nicht Herr Plana sei, machte sie tatsächlich wütend. Als ob sie es nicht wüsste. Sie war kein Auktoral. Das hatte sie auch nie von sich behauptet.

Andererseits … Plana war der Protagonist ihrer Geschichte. Durch diese Geschichte war das Buchland erst möglich geworden. Und das Buchland war nun real. Herr Plana war auch real gewesen. Seine Gedanken waren irgendwie aus ihrem Kopf gekommen und hatten seine Person erschaffen. Oder hatte sie alles falsch verstanden? Wieder stand sie auf dieser Treppe, die sich spiralförmig in den Himmel streckte und beim Beschreiten doch nicht nach oben führte.

Dem Tag war endgültig die Farbe vergangen. Das bläuliche Schwarz der Nacht kroch durch die Straßen. Ingo war auf dem Sofa eingeschlafen. Der Reader lag noch eingeschaltet in seiner erschlafften Hand.

Beatrice nahm das Gerät und suchte nach der kleinen Taste, die einen nach oben offenen Kreis mit einem senkrechten Strich zeigte. Sie fand stattdessen einen winzigen Hebel an der Seite. Darin eingraviert, so klein, dass es kaum lesbar war, standen die Worte: „Hiermit sollest du den Apparath ausschaltigen.“

Natürlich: Wenn man sich ein solches Gerät in einem Kuriosum zulegte, musste man mit Überraschungen dieser Art rechnen. Also tat Beatrice wie ihr geheißen und sortierte alsdann den Reader im Bücherbord zwischen den Werken von Bruce Sterling und H.G. Wells ein.

Aus dem Schlafzimmer holte sie Ingos Plumeau und deckte ihn damit vorsichtig zu. Ein zaghafter Kuss auf die Stirn (die er sofort angestrengt zusammenzog), ein leises „Ich liebe dich“. Danach ging sie zur Garderobe, zog sich eine Jacke über und machte sich auf, um ein paar Gedanken zu sortieren, denn an Schlaf war für sie gerade nicht zu denken.

Die Straße war menschenleer, das Schaufenster des Antiquariats dunkel wie ein Loch in der Zeit. Auch die anderen Läden waren unbeleuchtet. Warum ihre Füße sie gerade hierhin getragen hatten, wusste Beatrice nicht. Schon hatte sie den Schlüssel in der Hand, schloss auf und stand im nächsten Augenblick zwischen den geliebten Büchern.

Sie wisperten wieder!

Aufgeregt.

Fordernd.

Wissend.

„Was wollt ihr mir sagen?“ Beas Stimme war nur ein Hauchen. Sie wagte es nicht, laut zu sprechen, weil sie Angst hatte, ihre Freunde mit ihren Worten zu verschrecken. Die Antwort, die sie erhielt, war so vielstimmig, dass sie nichts verstand.

Was blieb, war das Gefühl, dass etwas Neues und Wichtiges sich ankündigte. Doch bevor sie nachfragen konnte, was genau das sein könnte, läutete hinter ihr die Ladentür. „Wir haben geschlossen“, sagte Bea mechanisch, noch ehe sie sich überhaupt darüber wundern konnte, dass um diese nachtschlafende Zeit jemand das Antiquariat betrat. Sie drehte sich um und sah …

„Chaya, was machst du denn hier?“

Da Beatrice das Licht nicht eingeschaltet hatte, blieben die Gesichtszüge des Mädchens im Halbdunkel verborgen. Dennoch hatte sich das Kind auf subtile Art verändert. Irgendwie wirkte sie nicht mehr so zerbrechlich. Der Kopf hatte sich den restlichen Proportionen des Körpers ein klein wenig angepasst. Er schien nicht mehr viel zu groß im Vergleich zum dünnen Hals. War das möglich? Oder spielte Beatrice’ Wahrnehmung ihr einen Streich?

„Ich wollte das Buch zurückbringen.“ Aus einer kleinen Umhängetasche zog sie Pippi Langstrumpf heraus. „Ich habe es leer gelesen.“

Leer gelesen? Beatrice hatte natürlich schon öfters diese Formulierung zu hören bekommen. Die Leute sagten so was. „Ausgelesen“, „zu Ende gelesen“ oder eben „leer gelesen“. Doch aus Chayas Mund klang es, als würde sie es nicht im übertragenen Sinne meinen. Als sie einen Schritt nach vorne tat und das hereinfallende Mondlicht ihre Wangen streichelte, sah Bea diesen Gesichtsausdruck, der ehrliches Bedauern und eine unausgesprochene Bitte um Entschuldigung widerspiegelte.

Bea nahm das Buch entgegen. Selbst für ein Kinderbuch lag Pippi ungewöhnlich leicht in der Hand. Es erinnerte an ein Stück Pappmaché in Form eines Buches, wie es in Möbelhäusern verwendet wurde, damit die ausgestellten Schränke nicht so leer aussahen.

Eigentlich hätte Bea fragen können, warum Chaya gerade mitten in der Nacht das Buch zurückbringen wollte oder woher sie wusste, dass Bea hier war. Stattdessen fragte sie: „Was hast du mit dem Buch gemacht?“

Denn als sie das Buch aufschlug und die Blätter zwischen ihren Fingern hindurchgleiten ließ, … rieselte zarter Papierstaub auf den Boden. Die Seiten waren grau und ungewöhnlich dünn. Sie erinnerten an ein Gebetsbuch. Die Schwärze der gedruckten Buchstaben zeigte haarfeine Risse. „Was hast du mit dem Buch gemacht?“ Beatrice wiederholte die Frage. Es gelang ihr kaum, den Blick von Pippi zu lösen.

Chaya war einen Schritt zurückgewichen. Eine Antwort war ihr jedoch nicht über die Lippen gekommen. Verstört und ängstlich schaute sie zu Beatrice auf. Aber sie sagte nichts.

Als Beatrice ungeschickterweise ihre Frage ein drittes Mal wiederholte, flog die Ladentür auf und Chaya verlor sich auf der Straße wie ein Schatten in der Dunkelheit.

„Hier geht’s nicht mit rechten Dingen zu“, flüsterte Bea verwundert und benutzte damit eine Floskel, die auf abertausenden Klappentexten ein Zuhause hatte. „Das hätte Herrn Plana irgendwie gefallen.“ Es hätte ihm sogar ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert.

Der brüchige Einband zerfaserte zusehends zwischen Beatrice Fingern. In wenigen Minuten würde das Buch wahrscheinlich endgültig aus dem Leim fallen. Nie hatte sie ein Buch als so leblos empfunden. Vielleicht war es Zeit für etwas Buchland-Zauber. Eine Nacht inmitten der Artgenossen würde der gedruckten Version von Pippi Langstrumpf bestimmt gut tun. Beatrice schob das Buch zurück an seinen ursprünglichen Platz im Regal und beschloss, herzhaft gähnend, diesen merkwürdigen Tag enden zu lassen. Morgen würde wieder alles beim Alten sein.

Beatrice stellte fest, dass nichts wieder beim Alten war. Während die ersten Kunden im Laden stöberten und die üppig beladenen Auslagen betrachteten, klebte Beas Blick immer wieder entgeistert an dem schwarzen Strich fest, der durch die Lücke in den ansonsten geschlossenen Reihen im Bücherregal entstanden war. Dort, wo sie gestern das Kinderbuch eingeschoben hatte, lag ein klägliches Häuflein Staub. Wie konnte das sein? Wie konnte ein Buch innerhalb so kurzer Zeit zerfallen? Das hatte Beatrice noch nie erlebt. Schon gar nicht hier im Antiquariat. Hier starben keine Bücher! Hier lebten sie auf. Egal, was es zu bedeuten hatte: Es konnte nichts Gutes sein. Aber wenn sie Antworten finden wollte, gab es nur einen Ort, an dem sie danach suchen konnte. Während der Zeiger langsam über das Zifferblatt ihrer Armbanduhr kroch, überkam sie mehr und mehr ein Gefühl der Unruhe. Die Angst, dass etwas ihre Bücher bedrohte, machte sich schmerzhaft spürbar in ihren Knochen breit. Da war noch immer das Wispern um sie herum. Doch entgegen aller Erfahrungen, die sie bislang zwischen den Büchern gemacht hatte, klang es nun kläglich, geradezu krank.

Kurz vor Mittag entschied sie kurzerhand, den Laden zu schließen. Wenn in ihrem Antiquariat Bücher verschwanden, duldete es keinen Aufschub. Dass sie einer ihrer besten Kundinnen, Frau Richter, dabei die Tür quasi vor der Nase zusperrte, nahm sie in Kauf.

Sie eilte zum Maschinentelegraphen, ließ den Hebel an der richtigen Stelle einrasten und riss die Tür zur Kellertreppe auf. Sie war schon die ersten Stufen hinuntergerannt, bis sie abrupt stehen blieb.

„Was zum …“

Die in Stein geschlagenen Stufen wanden sich wie ehedem hinab. Die Finsternis wurde von den Glühbirnen in die Fugen zwischen den Steinen verbannt, doch ihr Licht wurde feucht glitzernd zurückgeworfen. Von der halbrunden Decke hingen kleine, schleimig grüne Stalaktiten herab. In der Luft schwebte ein unangenehmer Geruch, der an faulende Eier erinnerte.

„Es wäre schön, wenn ich jetzt meinen Herrn Plana an meiner Seite hätte“, flüsterte Bea in die Kälte, die ihren Atem in weiße Dunstschwaden verwandelte. „Ein Auktoral wüsste, was das zu bedeuten hat.“

Weitaus langsamer setzte sie ihren Weg hinunter fort. Dabei musste sie aufpassen, dass sie nicht ausglitt, denn mit jedem Schritt wurden die Stufen glitschiger. Moos, Schimmel und Schwamm hatten sich ausgebreitet, machten den Abstieg zu einem gefährlichen Unterfangen.

Unten angekommen nahm sie sich die Taschenlampe. Die Beleuchtung reichte zwar bis in die Abteilung mit den aktuellen Kinderbüchern, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass etwas zusätzliches Licht nicht schaden konnte. Die Regale mit den Grüffelos und Elfen waren nicht weit entfernt und im Vergleich zu den restlichen Themengebieten relativ überschaubar. In einer Viertelstunde konnte sie da sein, sich ein neues Exemplar von Pippi nehmen und schleunigst wieder …

Entsetzt hinderte sie sich daran, den Gedanken zu Ende zu spinnen. Sie liebte das Buchland! Es war doch kein Ort, von dem sie fliehen wollte. Beatrice hob die Schultern, reckte das Kinn vor und wagte endlich, ihren Weg mutig fortzusetzen. Immerhin war hier unten alles in Ordnung. Was auch immer da im Treppenabgang passierte: Es passierte nur dort.

Alles in Ordnung!

Irgendwo knackte es.

Etwas Anderes trippelte über den steinernen Boden.

Kicherte da etwas? Oder jemand?

Bea drehte sich langsam um. Der Gang hinter ihr war genauso leer wie der Gang voraus. „Buh!“ Nein, das hatte niemand gesagt. Es lag nur unausgesprochen in der Luft.

Beatrice schluckte trocken. Der Kloß im Hals blieb davon unbeeindruckt. Er ließ ein zaghaftes „Hallo?“ der Kehle entweichen. Ein Echo, das unnatürlich laut zurückhallte, kam einer Antwort gleich. „Hallo!“

„Ist da jemand?“

Das Echo zerhackte ihren Satz. Aus allen Richtungen drangen ihre Worte zu ihr zurück. „Ist da jemand … da jemand … jemand … ist … da … jemand … da ist jemand.“

Herr Plana, dachte Bea, hätte jetzt gesagt: „Das Echo, welches Bücher erzeugen, ist nicht akustischer Natur.“ Nein, hier unten konnte es nicht so einen Widerhall geben. Sie hielt sich doch nicht in einer Schlucht aus Kalk und Granit auf. Hier gab es nur Holz und Papier.

Das Licht über ihr flackerte. Noch bevor sie nach oben blicken konnte, machte es über ihr leise „patsch“. Dann rieselten kleine Glasscherben herunter. Schützend hob sie die Arme über ihren Kopf, spürte, wie warme Splitter von ihr abprallten und mit leisem Klirren auf dem Boden aufschlugen. „Patsch, patsch, patsch.“ Überall um sie herum wiederholte sich das Geschehen und ließ sie schließlich in absoluter Finsternis zurück.

Vorsichtig ließ Beatrice die Arme sinken, schüttelte sich, um das Glas vom Körper zu bekommen. Ein paar kleine Schnitte brannten in der Haut, doch alles in allem war sie wohl unverletzt. Sie erlaubte sich, wieder zu atmen, und rang die aufkommende Panik nieder. Das Zittern ihrer Finger bekam sie auch in den Griff. Sie schaffte es, die Taschenlampe einzuschalten.

Wahrscheinlich wäre es nun das Vernünftigste gewesen, so schnell wie möglich den Rückweg anzutreten. Aber Beatrice spürte in sich eine ungekannte Art von Trotz, die allerdings nicht mit Mut zu verwechseln war. „Hey Pippi Langstrumpf. Trallali“, flüsterte sie. Das entsprechende Regal war ja nicht mehr weit.

Als sie es erreichte, entfuhr ihr ein erstauntes Pfeifen. Ein imposanter Anblick. Sie schätzte das Gesamtwerk Astrid Lindgrens auf knapp 100 Titel. Dazu kamen zig Spezialeditionen, Neuauflagen, illustrierte Fassungen und allerhand Drehbücher, bei denen Frau Lindgren als Co-Autorin mitgewirkt hatte. Darüber türmten sich die unzähligen Übersetzungen in die Höhe. Das spärliche Licht in ihrer Hand erlaubte Beatrice nur eine begrenzte Sicht. Von hier unten sah das Regal deshalb aus, als würde es sich bis unter das ferne Deckengewölbe recken. Oder weiter. „Das wird ein Weilchen dauern.“

Sie zog eine Leiter auf Rollen vom Nachbarregal heran und machte sich forsch an den Aufstieg. Die Taschenlampe klemmte sie dabei zwischen die Zähne, um mit beiden Händen sicheren Halt zu haben.

Etwa drei Meter über dem Boden fand sie das Brett mit den deutschsprachigen Titeln. Da standen sie: Pippi Langstrumpf, Pippi geht an Bord und dann … eine Lücke, die, gefüllt mit leuchtend blauem Nebel, den Umriss eines Buches formte. Vorsichtig griff Beatrice in die Lücke. Das Gefühl eines Déjà-vu stellte sich ein. Sie tastete nach dem Dunst, der aber körperlos ihrem Griff entfloh. Stattdessen spürte sie ein Stück Karton, das am angrenzenden Buch lehnte. Sie zog es hervor.

„Eine Postkarte“, entfuhr es ihr erstaunt. Dann las sie: „Vergriffen. Regalplatz 09081979. Die Geschichte eines mutigen Mädchens auf einer Südseeinsel. Lesen Sie die Abenteuer der kleinen Pippi und ihrer treuen Freunde. Tauchen Sie ein in eine anarchische Erzählung für Kinder. ISBN 978-3789116322. Weitergehende Informationen erhalten Sie in der Buchbinderei.“


Ein alter Bekannter

Beatrice hätte nie gedacht, dass sie das Schicksal nochmal so tief ins Buchland führen würde. Seitdem sie das Antiquariat geerbt hatte, hatte sie sich nicht mehr so weit in die Gänge hineingewagt. Sie wusste um das mächtige Eigenleben des geschriebenen Wortes, wusste um die Magie, die die Realität um die Fiktion krümmte wie das Weltall den Raum um die Masse. Es gab hier Gänge, die sich verschoben, Bücher, die sich bewegten, und Wesen, denen sie nie wieder begegnen wollte. Ja, sie liebte das Buchland. Aber sie hatte auch einen höllischen Respekt vor dem, was im Buchland zu finden war.

Jetzt, nur bewaffnet mit einer Taschenlampe, konnte niemand von ihr erwarten, dass sie sich zum Blinden Buchmacher aufmachen würde. „Nein, meine Lieben“, flüsterte sie den Büchern zu, „das Spiel mache ich nicht mit. Ich bin nicht eure Marionette.“

Entschlossen schob sie die Karte zurück an ihren Platz, stieg die Sprossen hinab und …

Die Taschenlampe flackerte. Ihr Licht färbte sich von hellem Gelb zu schwachem Orange. Just als Beas Füße den sicheren Boden berührten, erlosch das kleine Birnchen hinter der Scheibe gänzlich.

„Scheiße“, stellte Bea aus tiefstem Herzen fest. Dabei drehte sie sich zwei oder drei Mal um die eigene Achse, um zu sehen, ob es vielleicht irgendwo ein Funken Helligkeit in ihrer Nähe gab. Ein fataler Fehler! Jetzt hatte sie endgültig ihre Orientierung verloren.

Sie streckte vorsichtig die Arme in beide Richtungen aus. Die Leiter musste ja noch neben ihr stehen. Die Leiter lehnte doch am Regal, das vorhin, als sie gekommen war, rechter Hand gewesen war. Wenn sie die Leiter fände, diese dann links zurücklassen würde, musste der Gang sie zurück zum Ausgang führen. Soweit die Theorie …

Fast gleichzeitig fanden ihre Fingerspitzen den Holm einer Leiter; auf beiden Seiten des Ganges, sich genau gegenüberstehend. „Das ist ein ziemlich schlechter Scherz“, beschwerte sich Bea beim Schicksal.

Das war es nicht. Nach Lachen war ihr eigentlich auch gar nicht mehr zumute, denn sie hatte nun keine Ahnung, wie sie wieder herausfinden sollte. Und zu ihrem Verdruss musste sie feststellen, dass sie einen der elementarsten Patzer gemacht hatte, die man hier unten machen konnte: Sie war aufs Geratewohl in die Gänge gelaufen. Weil sie den Weg zu den Kinderbüchern auswendig kannte, hatte sie auf die Kordel verzichtet.

„Ruhig bleiben“, befahl sie sich. Das Zittern in ihrer Stimme trug nicht dazu bei. Sie atmete tief durch, schloss die Augen (was in Sachen Sicht keinen Unterschied machte) und lauschte. Jetzt, wo sie sich darauf konzentrierte, konnte sie die Bücher wieder hören. Ihr Flüstern war kaum wahrnehmbar. Es war mehr ein Tuscheln. „So“, sagte Bea etwas aufgeräumter, „jetzt seid ihr dran. Ein bisschen Hilfe könnte nicht schaden. Wie komme ich hier wieder raus?“ Im nächsten Augenblick gesellte sich zu der absoluten Schwärze auch noch eine absolute Stille.

„Was soll das?“ Bea wollte wütend klingen. Sie tat es nicht.

Ein hohes Fiepen, irgendwo in einem entfernten Gang, entlockte ihr ein verzweifeltes Stöhnen. Von all den Wesen, die ihr in der Vergangenheit hier im Buchland begegnet waren, fürchtete sie am meisten die Ratten.

Doch anstelle des leisen Trippelns kleiner Füßchen vernahm Beatrice kurz darauf das schwere Pochen, das festes Schuhwerk auf Steinboden erzeugte. Sie war nicht allein!

„Wer … Wer ist da?“

Obwohl das Klangmuster auf einen langsamen, gemächlichen Schritt schließen ließ, näherte sich die Geräuschquelle rasch.

Abstruse Gedanken blitzten in Bea auf: Mors. Vitae. Wie weit war sie von der Tür zu den Großen Büchern entfernt? Hatte sie sich geöffnet? Würde sie gleich dem Buchhalter gegenüberstehen?

Ihre Beine hatten – ohne ihren Kopf – eine längst überfällige Entscheidung getroffen: Sie rannten blindlings drauflos. Die Arme nach vorne gestreckt wie ein Zombie, der in aller Dringlichkeit eine Toilette suchte, stolperte und strauchelte sie durch die Finsternis. Sie kam keine zwanzig Meter weit. Ein Bibliothekswagen stand aus unerfindlichen Gründen mitten im Weg.

„Das hat weh getan“, stellte jemand fest. „Darf ich dir aufhelfen?“

Eine Hand griff unter Beas Achseln, zog sie sanft nach oben.

„Wer ist da?“, fragte sie etwas lahm, während sie sich den schmerzenden Ellenboden rieb.

Der Fremde richtete den Wagen auf und schob ihn an den Rand des Ganges. Dann hörte Bea, wie er wieder zu ihr zurückkam. „Noch alles heil?“

„Wer sind Sie?“

„Du kennst mich“, sagte die Stimme.

Ja, sie kannte die Person. Aber für den Moment ließ sich für Beatrice die Stimme nicht einordnen. Doch ihr Unterbewusstsein schaufelte nach und nach einige Assoziationen nach oben. Eine Holzhütte, eine Werkbank, Bucheckenzangen, Zwingen, Falzbeine, Winkel und Schienen. Das ganze Zeugs, das man brauchte, als ein …

„… Buchbinder“, sagte Beatrice überrascht.

„Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg kommen.“ Ein leiser Vorwurf lag in den amüsiert vorgetragenen Worten. „Eigentlich hatte ich gehofft, dass du den Weg zu mir finden würdest. Aber so ist es auch gut.“

„Ich finde gerade gar nichts“, gab Bea kleinlaut zu.

„Warum?“

„Es ist stockfinster.“

„Ach, halb so wild. Das ist es für mich hier unten immer. Ich habe nur eine ungefähre Ahnung von der Gegend um uns herum. Den Rest malt mein Kopf.“ Stimmt, dachte Beatrice. Die hervorstechendste Eigenschaft, wenn man in diesem Fall von Eigenschaft sprechen konnte, war die Blindheit des Buchbinders. Ein ganzes Kapitel hatte Beatrice ihm in ihrem Buch gewidmet. „Der Blinde Buchbinder“, entfleuchten die Gedanken ihrem Munde.

„Nenn mich Markus“, sagte der Buchbinder in aller Vertraulichkeit.

„Markus“, wiederholte Beatrice. Sie schien diesen Namen abzuschmecken, seinen Klang mit der Person in Verbindung zu bringen, an die sie sich noch erinnerte. Schlank, eine ziemlich hohe Stirn, im besten Alter und in seiner süffisanten Art ebenso arrogant wie Herr Plana. Ja, so hatte sie ihn einst beschrieben. Trotzdem fiel es ihr schwer, ihn sich richtig ins Gedächtnis zu rufen, denn ihre Begegnung mit ihm in seiner Hütte war jetzt ungefähr zwei Jahre her. „Markus?“ Irgendwie passte der Namen nicht.

„Hört sich nur halb so geheimnisvoll an wie der Blinde Buchbinder. Ich weiß. Aber eine kleine Plauderei ist doch bei Weitem angenehmer, wenn man sich freundschaftlich ansprechen kann“, erklärte der Buchbinder. „Sollen wir uns nicht setzen?“

„Eigentlich möchte ich bloß so schnell wie möglich hier raus“, sagte Bea ehrlich. Ihr schlug das Herz immer noch bis zum Hals. Und auch wenn sie die Tatsache tröstete, dass sie nun nicht mehr allein war, so war die gesamte Situation, in der sie sich befand, doch extrem verstörend.

„Angst vor der Dunkelheit?“ Markus schmunzelte. „Habe ich mir abgewöhnt.“ Dann wurde seine Stimme eine Spur ernsthafter. „Aber ich kann dich verstehen. Das Ambiente ist leicht unheimlich geworden. Die Freunde deines Herrn Plana sind im Moment auch nicht mehr so freundlich zu dir, wie sie es einst ihm gegenüber gewesen sind. Was glaubst du, woran das liegt?“

Beatrice zuckte mit den Schultern und wurde sich erst dann der Tatsache bewusst, dass Markus es nicht sehen konnte. „Keinen Schimmer. Ich habe nach einem Buch gesucht, das verschwunden ist, habe aber nur einen Vermerk vorgefunden. Wissen Sie etwas über …“

„… Pippi?“ Markus seufzte schwer. „Ja. Ich weiß, dass ein Buch von ihr fehlt.“

„Wie kann das sein? In diesem Keller gibt es alle Bücher.“

Markus Stimme kam nun von unten. Er hatte sich offensichtlich auf den Boden gesetzt. „Erinnerst du dich noch, was dein Herr Plana über die Seelen der Bücher erklärt hat? Es steckt Seele in ihnen. Die Seelen der Figuren und auch sehr viel Seele von den Autoren. Plana hat sich in gewisser Weise davon genährt. Sie haben ihm Substanz verliehen.“

„Ja. Deshalb musste ich ihm immer vorlesen, ich erinnere mich. Aber was hat das mit dem verschwundenen Buch zu tun?“ Beatrice ließ sich im Schneidersitz neben Markus nieder.

„Hmm. Da musst du selbst drauf kommen“, sagte er bedächtig. „Eine Geschichte verrät nie ihre Geheimnisse zu Beginn. Oder wie Carlyle gesagt hat: Kein gutes Buch oder irgendetwas Gutes zeigt seine gute Seite zuerst.“ Eine kleine Pause folgte, dann wechselte er scheinbar das Thema. „Es wäre ein herber Verlust, wenn ein bedeutsames Buch aus dem Buchland einfach so verschwinden würde. Ein Auktoral würde alle Hebel in Bewegung setzen, um die Lücke zu schließen.“

„Ich bin kein Auktoral“, erwiderte Bea leise. Irgendwie wurde sie schon wieder zu diesem Punkt gelenkt. „Ich habe nur das Buchland-Buch geschrieben. … wie es von mir verlangt wurde.“

Markus schnaubte. „Verlangt? Ich glaube, du hättest es so oder so geschrieben. Aber da kann ich mich irren.“

„Du bist der Buchbinder! Warum machst du nicht einfach ein neues Pippi-Buch?“

„Wie sollte ich? Denkst du, ich kenne alle Manuskripte auswendig? Nein. Bücher hierher bringen, das können nur die Autoren.“

„Tja, dann weiß ich auch nicht, wie ich helfen soll.“

„Hmm. Vielleicht solltest du, wenn du oben an Herrn Planas Sekretär sitzt, nochmals darüber nachdenken. Vielleicht fällt dir dann ein, wie du helfen kannst. Vielleicht beweist du so, ob du irgendwann mal das Zeug zum Auktoral hast.“

Beatrice verdrehte die Augen und ärgerte sich sofort, dass ihre Geste des Unmuts abermals unbemerkt blieb. „Ich will doch gar nicht Auktoral werden.“

„Genauso wie du keine Schriftstellerin werden wolltest“, stellte Markus fest. Die Worte trieften vor Ironie.

„Ich soll mich also gleich an den Sekretär setzen? Toller Tipp.“ Beatrice hatte inzwischen einen ihrer jähen Stimmungswechsel vollbracht. Ihre Stimme klang nicht mehr ängstlich oder verunsichert. Sie klang schnippisch. „Ich mache mich gleich mal auf den Weg. Wo geht es lang?“

„Zur Treppe geht es da lang“, sagte Markus. Offensichtlich deutete er mit dem Zeigefinger in eine Richtung.

Beatrice vergaß ihren Kloß im Hals. Sie wurde jetzt richtig sauer. „Am lustigen Stein gelutscht, oder was?“

Die Geräusche neben Beatrice ließen darauf schließen, dass sich der Buchbinder erhob. Kurz danach griff er ihr zielsicher unter den Arm und zog sie auf die Beine.

„Pssst! Sei ganz leise.“

Bea war ganz leise.

„Hör genau hin!“

Sie hörte genau hin.

„Da ist etwas.“

Da war etwas.

„Vor dir.“ Zwei bernsteinfarbene Punkte glommen in undefinierbarer Ferne auf. Kaum zu sehen. Aber sie waren eindeutig da. „Da kennt sich jemand besser aus als du“, sagte Markus. „Lauf einfach hinterher. Die Treppe wartet auf dich.“

Die Treppe! Beatrice dachte an das Horror-Outfit, dass sich die Stufen und die Wände angelegt hatten. „Wissen Sie, was mit der Treppe passiert ist?“

„Ja.“

Beatrice starrte weiter in die Richtung, in der sie die blassen Lichter sah. Sie wollte sie nicht aus den Augen verlieren. Erwartungsvolle Stille. Dann: „Und … was ist mit der Treppe passiert?“

„Das, was mit allem hier unten geschieht.“ Der Blinde Buchbinder flüsterte. Seine Lippen berührten fast Beas Ohr. „Das Buchland verändert sich. Es passt sich an. So wie ein Buch sich seinem Leser anpasst, passt sich das Buchland seinen Besuchern an. Jeder bringt was Anderes mit herein. Deshalb nimmt auch jeder etwas Anderes mit heraus.“

„Warum passt sich das Buchland an?“

„Es ist ein Konstrukt der Phantasie. Jeder Mensch begegnet einer Geschichte anders. Eine Geschichte ist das, was man in sie hineindenkt. Nicht der Schreiber vollendet die Geschichte. Der Leser gibt ihr die endgültige Gestalt. Seine Erfahrungen, Sehnsüchte, Erwartungen färben, formen, kneten erst das geschriebene Wort des Schreibenden.“ Markus holte tief Luft. „Mit Plana an deiner Seite war das Buchland geheimnisvoll und gleichzeitig faszinierend. Als der Buchhalter es durchschritt, war es kalt und bedrohlich für dich. Als du mich besuchtest, war es wandelbar und kreativ. Erinnerst du dich? Für Plana gab es Treppen. Für mich gab es eine Rutsche. Und der Buchhalter benötigte weder das eine noch brauchte er das andere.

Da Plana ein Teil von dir war, siehst du das Buchland heute noch immer so, wie es sich damals auf ihn eingestellt hatte. Aber nun ändert sich etwas. Du spürst es, oder?“

Der Atem des Buchbinders streifte kalt ihren Nacken. Eine Gänsehaut ließ sie schaudern. „Alles wird angsteinflößend und gefährlich.“ Ja, alles. Sogar dieser Mann hinter ihr.

„Das ist ein eindeutiges Zeichen, dass ein neuer Besucher das Buchland durchstreift.“ Markus’ leise Stimme wurde langsam zu einem Zischen.

Beatrice kniff die Augen zusammen. Die beiden Punkte, die ihr den Weg zum Ausgang versprachen, verschwammen zusehends mit dem undurchdringlichen Schwarz. „Wer?“

„Eine Macht, die beinahe so groß ist wie der Tod. Sie ist so alt wie die erste Geschichte, die einst in einer Höhle erzählt worden ist. Sie ist allgegenwärtig.“

„Scheint kein angenehmer Mensch zu sein“, sagte Beatrice unsicher.

Markus’ Stimme bewegte sich fort. „Habe ich von einem Menschen gesprochen?“

„Wovon“, stieß Beatrice hervor, „sprechen Sie denn sonst?“ Keine Antwort. „Theatralischer Auftritt. Theatralischer Abgang. Wie passend.“

Beatrice ging ein paar Schritte. Die leuchtenden Punkte, die sie immer noch anvisierte, verschwanden kurz, nur um dann etwas weiter entfernt wieder aufzutauchen. Dabei konnte Beatrice das leise Schwingen von Flügeln vernehmen.

Beatrice verfolgte, so schnell es eben in dieser Finsternis möglich war, die Punkte, die mal hier, mal da vor ihr aufleuchteten, um dabei von Zeit zu Zeit regungslos wartend zu verharren, mal ungeduldig auf und ab zu wippen. „Nicht so schnell“, keuchte Bea manchmal. Die Punkte schienen sie dann zu verstehen, verlangsamten ihr Tempo. Doch wenn die Bibliothekarin zu nahekam, gab es ein kraftvolles Flattern, gefolgt von einem Rauschen und ein gutes Stück weiter vorne leuchteten jäh wieder braune Flämmchen, die geduldig warteten.

„Was bist du?“, fragte Bea.

Die Erwiderung war unverständlich, aber überaus aussagekräftig: „Schuhuhu.“

Irgendwann empfing sie das matte Licht der Treppe. Die Büchereule setzte sich auf das Bord der aktuellen Charts. Dort begann sie damit, sich ausgiebig zu putzen. Ein paar beigefarbene Federn schwebten sanft zu Boden.

Beatrice ging vorsichtig zu ihr hin, strich sachte mit dem Daumen über den Rücken. „Danke.“ Die Bernsteinaugen, umrahmt von kreisrunden kleinen Tellern, begegneten Beas Blick, zwinkerten weise und ruckten dann wieder hin und her.

„Ohne dich wäre ich echt aufgeschmissen gewesen. Kann ich dir etwas Gutes tun? So als Bezahlung für deine Mühen?“

Der große Eulenkopf nickte eifrig. Ein Satz mit angelegten Flügeln beförderte sie an den Anfang des Regalbretts. Dort griffen die Vogelkrallen sich Platz eins und Platz zwei der Belletristik-Hitparade.

„Die willst du haben?“

Kopf hoch. Kopf runter.

„Nur zu.“

Die Schwingen des Nachtvogels breiteten sich aus, schlugen in ihrer ganzen imposanten Spannbreite majestätisch ein paar Mal und dann … war Bea wieder allein.




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