Beyoncé - Crazy in Love
Anna Pointer


Beyoncé – Die exklusive Biografie erzählt die außergewöhnlichste Lebensgeschichte einer der schillerndsten Popsängerinnen der letzten Jahre: Beyoncé Knowles. Sie sang schon mit neun Jahren in ihrer ersten Popgruppe, und mit Destiny&apos;s Child führte sie die erfolgreichste weibliche Band der Welt an. Den letzten Schritt zum großen Ruhm tat sie dann allein – 2003 schlug Beyoncé eine Solokarriere ein und wurde endgültig zum Weltstar. Seitdem konnte sie nicht nur für ihre Solowerke 17 Grammys einheimsen, sie wurde auch für ihre Leistung als Schauspielerin mehrfach für die Golden Globes nominiert. «Beyoncé» ist die derzeit einzige deutschsprachige Biografie der Sängerin, und sie zeichnet nicht nur ihre beruflichen Erfolge nach, sondern bietet einen intimen Einblick in ihr Privatleben und erzählt ausführlich, wie sie und ihr Ehemann, der Rapper Jay-Z, zum einflussreichsten Power-Paar der Welt aufstiegen. Nachdem kürzlich Gerüchte über eine bevorstehende Trennung die Runde machten, wird hier unter die Lupe genommen, wie die beiden damit unter den Augen der Weltöffentlichkeit umzugehen wussten. Das Buch analysiert außerdem Beyoncés Rolle als Mutter ihrer jungen Tochter Blue Ivy und dokumentiert wenig bekannte Krisen aus vergangenen Tagen, wie z.B. ihre fehlgeschlagene Schwangerschaft, ihren langen Kampf gegen Depressionen und ihren schmerzhaften Konflikt mit ihrem Manager und Vater Mathew. «Beyoncé – Die exklusive Biografie» wirft ein Licht auf ihre größten Erfolge und enthüllt, wer «Queen Bey» wirklich ist …












Aus dem Englischen übersetzt

von Paul Fleischmann






www.hannibal-verlag.de (http://www.hannibal-verlag.de)


Impressum

Die Autorin: Anna Pointer

Deutsche Erstausgabe 2015

Englische Originalausgabe by Coronet, einem Imprint von Hodder & Stoughton, a Hachette UK Company, mit dem Titel

„Beyoncé – Running The World – The Biography“

ISBN 978-1-473-60733-0

© 2014 by Anna Pointer

Coverfoto: © REX/Kristin Callahan

Lektorat: Verena Zankl

Übersetzung: Paul Fleischmann

Layout und Satz: Thomas Auer, www.buchsatz.com (http://www.buchsatz.com)

© 2015 by Hannibal

Hannibal Verlag, ein Imprint der KOCH International GmbH, A-6604 Höfen

www.hannibal-verlag.de (http://www.hannibal-verlag.de)

ISBN 978-3-85445-469-4

Auch als Paperback erhältlich mit der ISBN 978-3-85445-468-7

Hinweis für den Leser:

Kein Teil dieses Buchs darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, digitale Kopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden. Der Autor hat sich mit größter Sorgfalt darum bemüht, nur zutreffende Informationen in dieses Buch aufzunehmen. Es kann jedoch keinerlei Gewähr dafür übernommen werden, dass die Informationen in diesem Buch vollständig, wirksam und zutreffend sind. Der Verlag und der Autor übernehmen weder die Garantie noch die juristische Verantwortung oder irgendeine Haftung für Schäden jeglicher Art, die durch den Gebrauch von in diesem Buch enthaltenen Informationen verursacht werden können. Alle durch dieses Buch berührten Urheberrechte, sonstigen Schutzrechte und in diesem Buch erwähnten oder in Bezug genommenen Rechte hinsichtlich Eigennamen oder der Bezeichnung von Produkten und handelnden Personen stehen deren jeweiligen Inhabern zu.


Zitat

„Ich weiß, dass ich sehr stark bin … Ich bin sogar stärker,

als es mein Verstand verarbeiten und verstehen kann.“

Beyoncé


Inhalt

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2 (#u332d3f92-3741-5abf-bdcd-bd4e87bd4bfd)

3 (#u2bcb44a5-89b4-5109-9717-d13fdab9b073)

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Während der donnernde Applaus langsam abebbt, begibt sich das kleine Mädchen zur Mitte der Bühne und grinst in die gierigen Gesichter, die den Theatersaal füllen. Obwohl es gerade einmal sieben Jahre alt ist und kaum über das hölzerne Rednerpult ragt, um ins Mikrophon zu sprechen, weiß es genau, was es sagen will. Es wirkt, als ob es genau dorthin gehöre. Es trägt ein buntes Partykleidchen, die Haare sind sorgfältig angeordnet und es hat sich gerade die Seele aus dem Leib gesungen, um einen großen nationalen Talentwettbewerb zu gewinnen. Das Mädchen holt tief Luft und beginnt zu sprechen. Sein Dank gilt den Eltern und den Juroren, die es als Siegerin auserkoren haben. Und dann – als ob es schon seit Jahren im Scheinwerferlicht stehen würde – führt es die Hand zum Mund und schickt dem Publikum ein Küsschen. Die Geste steckt voller Charme und jugendlichem Showbiz-Flair und demonstriert eine natürliche Verbundenheit mit dem Publikum, das sich nun von den Sitzen erhebt und es dem Mädchen mit noch mehr ohrenbetäubendem Jubel und Applaus dankt. Die Fähigkeit, einen ganzen Konzertsaal zu fesseln, ist ihm sein ganzes Leben lang nicht mehr abhandengekommen und zu einem Markenzeichen seines Erfolgs geworden.

Gehen wir ein Jahr weiter. Das kleine Mädchen ist zu einer echten Performerin erblüht. Jede Bewegung sitzt und wirkt ausbalanciert. Die junge Sängerin strahlt totales Selbstvertrauen aus, während sie jede einzelne Note trifft. Sie nimmt zwar nicht mehr am Wettbewerb teil, aber sie ist noch einmal in die Konzerthalle zurückgekehrt, um dieselbe Talentshow, die sie im Jahr zuvor so überzeugend gewinnen konnte, mit einem Gastauftritt zu beehren. Als sie nun erneut hier auf der Bühne steht, liefert sie so einen umwerfenden Auftritt ab, dass gar kein Zweifel an ihrer strahlenden Zukunft aufkommen kann. Beyoncé Knowles ist auf einem guten Weg, die größte Sängerin der Welt zu werden.

Musik ist Beyoncé seit jeher im Blut gelegen. „Mein Dad erzählte mir, dass ich als Baby immer durchgedreht bin, wenn ich Musik hörte, und zu tanzen versucht habe, noch bevor ich überhaupt gehen konnte“, enthüllte sie in Soul Survivors, der Autobiografie ihrer Band Destiny’s Child. „Er hat ein paar peinliche Videos, um es zu beweisen!“ Ihr Vater, Mathew Knowles, würde diese Videos weniger als peinlich denn vielmehr als eines seiner wertvollsten Besitztümer bezeichnen. Er ist seit jeher stolz auf seine ältere Tochter gewesen – genauer gesagt seit dem 4. September 1981, als Beyoncé Giselle Knowles im Park Plaza Hospital in Houston die große Bühne des Lebens betrat. „Meine Mom behauptet, dass es eine einfache und relativ schmerzfreie Geburt gewesen sei – anders als ein paar meiner anderen Auftritte“, schrieb Beyoncé in Soul Survivors. „Meine Eltern einigten sich vor meiner Geburt darauf, dass mein Dad meinen zweiten Vornamen und meine Mutter den ersten aussuchen dürfe. Also stammt ‚Beyoncé‘ von ihr – eigentlich war das ihr Mädchenname.“

Um genau zu sein, ist es eine Ableitung des Mädchennamens ihrer Mutter. Tina hatte als Celestine Ann Beyincé das Licht der Welt erblickt. Um den Namen auch nach ihrer Heirat am Leben zu erhalten, kam sie auf Beyoncé – was bei ihrem eigenen Vater, Lumiz Beyincé, nicht unbedingt gut ankam. „Meine Familie war nicht glücklich darüber“, gestand Tina gegenüber dem Rolling Stone. „Mein Dad sagte, dass sie sauer auf mich sein würde, da sich der Name vom Nachnamen meiner Familie ableitete.“ Lumiz sollte Recht behalten: Als junges Mädchen hasste Beyoncé ihren Namen. „Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, ihn zu lieben, aber als ich klein war, war das für die anderen Kinder einfach nur ein weiterer Grund, mich zu hänseln“, erörterte sie in Soul Survivors. „Jeden Morgen, wenn der Lehrer die Anwesenheit überprüfte, hätte ich mich am liebsten unter meinem Pult verkrochen.“

Aber bevor Beyoncé in die Schule kam, war ihr natürlich nicht bewusst gewesen, dass ihr Name irgendwie ungewöhnlich wäre, und es hatte nichts gegeben, was einen Schatten auf ihre ersten Lebensjahre geworfen hätte. Zuhause wurde sie „Bey“ oder einfach nur „B“ gerufen und beide Koseformen hielten sich bis in ihr Erwachsenenalter. Frühe Fotos zeigen sie als lächelndes, unbeschwertes Kleinkind mit einem süßen runden Gesicht und einem dunkel gelockten Haarschopf. Sobald sie gehen konnte, begann sie, zur Musik im Radio und den Schallplatten ihrer Eltern – etwa von Michael Jackson, Luther Vandross und Prince – zu tanzen. Mathew und Tina hatten es ebenfalls bereits als Kinder geliebt zu singen und auch selbst schon an Talentshows teilgenommen. Tina hatte außerdem in einer Gruppe namens Beltones gesungen. Die Gruppe war nach dem Vorbild von Diana Ross und den Supremes konzipiert gewesen und ihre Kostüme waren von ihr selbst entworfen worfen. Im Haus lief stets Musik und Beyoncé erinnert sich gerne daran, wie sie Lieder mit ihrem Dad, der sie am Keyboard begleitete, sang. Eine ihrer frühesten Erinnerungen ist, wie sie ihrer Mutter einen Song, den sie in der Schule gelernt hatte, vortrug. „Ich war in der ersten Klasse, als mich meine Mom fragte, was ich heute in der Schule gelernt hätte, und ich ihr antwortete: ‚Einen Song.‘ Sie stand am Spülbecken und kümmerte sich um das Geschirr, trocknete sich die Hände an ihrer Schürze ab, drehte sich zu mir und sah mich an. ‚Nun, das ist ja nett‘, sagte sie, ‚dann lass mal hören.‘ Ich saß am Küchentisch, stand aber auf, um ihr vorzusingen, wie es der Lehrer mir gezeigt hatte. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen“, erklärte sie in Soul Survivors. „Ich liebte es, für meine Mutter einen Auftritt hinzulegen – es war wie ein Rausch.“ Obwohl Musik seit jeher im Leben von Mathew und Tina eine Rolle gespielt hatte, verfügten sie auch über eine natürliche Begabung für Geschäftliches und waren entschlossen, gegen alle Widrigkeiten finanziell erfolgreich zu sein.

Der mittlerweile 64-jährige Mathew Knowles war 1951 in Gadsden, Alabama, geboren worden, als noch strikte Rassentrennung zwischen Weißen und Schwarzen geherrscht hatte. Seine Familie war arm und lebte in einem winzigen, baufälligen Haus, das kein eigenes Badezimmer hatte. Aber seine Eltern waren fleißige und erfinderische Menschen. Sein Vater, auch er hieß Mathew, war Lastwagenfahrer und überredete die Besitzer seines Trucks, ihm zu erlauben, das Fahrzeug in der Nacht dafür zu verwenden, um das Altmetall, das er von alten Autos und Häusern gesammelt hatte, zu verkaufen. Mathews Mutter arbeitete als Dienstmädchen und verkaufte in ihrer Freizeit Steppdecken und Lebensmittelkonserven. Sein Großvater, der zur Hälfte Cherokee-Indianer war, besaß 300 Morgen Land, die er an eine Papiermühle vermietete. Das Beispiel, das ihm seine Eltern und sein Großvater gaben, inspirierte Mathew dazu, ein Geschäftsmann zu werden. Bereits in der Schule unternahm er erste Schritte als Unternehmer, indem er billig Süßigkeiten einkaufte und sie mit Gewinn an seine Kameraden weiterverkaufte. „Ich wollte schon immer ein Geschäftsmann sein. Ich ging los und kaufte mir für einen Dollar Süßigkeiten und machte damit aus dem einen Dollar in Folge drei Dollar“, erzählte er gegenüber dem Magazin Empower. „Ich hatte zwar eigentlich keine Ahnung von dem, was ich da tat, aber es funktionierte.“

Seine Eltern förderten nicht nur seine unternehmerischen Ambitionen, sondern auch seine schulische Bildung – und seine Liebe zur Musik. Mathew erinnert sich etwa daran, dass er nach dem sonntäglichen Abendessen im Familienkreis regelmäßig als DJ fungierte, während seine Mom und sein Dad im Wohnzimmer tanzten. „Mein Dad war über einen Meter neunzig groß und wog fast 140 Kilo, konnte für so einen großen Kerl aber echt gut tanzen. Ich habe Musik immer schon geliebt“, sagte er. In der Schule sang er im Chor und hatte gemeinsam mit anderen Jungs eine Band, aber er enthüllte später, dass seine heranwachsende Tochter Beyoncé ihren Daddy stets darum bat, bloß nicht zu singen.

Mathew erhielt ein Basketball-Stipendium der University of Tennessee, wechselte aber schließlich an die Fisk University in Nashville, um dort Volks- und Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Als Student an der Fisk begann er darüber nachzudenken, musikalische Talente mit der Hilfe eines lokalen Radiosenders zu fördern. Nachdem er 1974 seinen Abschluss gemacht hatte, legte er dieses Interesse erst einmal auf Eis, um eine Karriere im Verkauf einzuschlagen und für Firmen zu arbeiten, die ihren Kunden etwa Lebensversicherungen oder medizinische Ausrüstung anboten. Schließlich landete er in der Abteilung für bildgebende Diagnostik der Firma Xerox und war dort so erfolgreich, dass er, als 1981 seine erste Tochter zur Welt kam, auf ein sechsstelliges Jahresgehalt verweisen konnte und gemeinsam mit Tina ein komfortables Heim im texanischen Houston bewohnte.

Auch Tina, mittlerweile 60 Jahre alt, stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Als jüngstes von sieben Kindern louisianisch-kreolischer sowie außerdem noch afrikanischer, indianischer, französischer und irischer Abstammung wuchs Tina in Galveston, Texas, auf. Ihre Mutter Agnèz ermöglichte ihr den kostenpflichtigen Besuch von katholischen Privatschulen, indem sie für Herrschaften der gehobenen Gesellschaft Kleidung schneiderte. „Meine Mutter zahlte einen Teil der Schulgebühren auch damit, indem sie Roben für Ministranten, Umhänge für Priester und Messgewänder anfertigte“, erzählte sie dem Magazin Ebony. „Sie war wirklich sehr begabt. Leute kamen zu ihr, damit sie ihnen Kleider für den Schulball und schicke Abendkleider schneiderte.“

Mitte der Siebzigerjahre arbeitete Tina in einer Bank und lernte Mathew auf einer Party kennen. Allerdings sollte zuerst noch ein Jahr vergehen, bevor sie anfingen, fest miteinander zu gehen. 1979 heirateten sie schließlich. Sie waren ein erfolgreiches und glamouröses junges Ehepaar, das sich dank des Gehalts, das Mathew bei Xerox verdiente, einen beneidenswerten Lebensstil leisten konnte. Sie hatten ein schönes Haus, Autos und Geld. Da war es nur logisch, dass sie darüber nachdachten, Kinder zu haben, und zu Weihnachten 1980 war Tina schließlich schwanger mit ihrem ersten Baby.

Als Beyoncé dann auf der Welt war, kündigte Tina ihren Job bei der Bank und eröffnete mithilfe ihrer Ersparnisse einen Frisörsalon namens Headliners. Er wurde die angesagteste Adresse für betuchte Afroamerikaner in Houston und oftmals wurden während der Blütezeiten des Salons gar 24 Kunden gleichzeitig betreut. Tatsächlich lief das Geschäft so gut, dass es sich die Familie leisten konnte, in ein Haus mit sechs Schlafzimmern in einer grünen Straße namens Parkway Drive im vornehmlich von Afroamerikanern bewohnten Viertel Third Ward zu ziehen. Beyoncés Erinnerungen an ihre Kindheit würden stets von fundamentaler Bedeutung für sie sein. Das würde immerhin so weit gehen, dass sie ihr späteres Management-Team Parkwood taufte.

1986 gebar Tina eine zweite Tochter – Solange. Zwischen den beiden Schwestern lagen fünf Jahre, was sie allerdings nicht davon abhielt, eine sehr enge Bindung zueinander zu entwickeln. Als ältere Schwester behandelte Beyoncé Solange besonders fürsorglich und liebte es, sie zu umhegen, zu bemuttern, sie als Baby zu halten und dabei zu helfen, sie zu baden, zu füttern oder ihr die Windeln zu wechseln. Sie war ihrer Mutter eine große Unterstützung. Tina sagt außerdem, dass auch später, als die beiden heranwuchsen, Streitereien Seltenheitswert besaßen. „Es gab mal eine Phase, in der Solange Beyoncé auf die Nerven ging, weil sie sich dauernd Klamotten ausborgte, ganz typisches Verhalten eben. Aber sie passten schon immer aufeinander auf und stehen sich sehr nahe“, erzählte sie gegenüber Access Hollywood. „Da gab es nie die Art von Rivalität, die die Leute manchmal gerne zu sehen glauben. Sie sind einfach Schwestern so wie andere Schwestern auch und sie lieben und unterstützen einander.“

Der Frieden wurde in erster Linie dadurch bewahrt, dass Solange, wie sie sagt, sich weigerte, Vergleiche zwischen sich und ihrer großen Schwester zu ziehen. „Für meine Familie war ich immer die Rebellin“, erzählte sie in Texas Monthly. „Ich zog mich immer ganz anders an. Ich habe mich nie über meine Schwester definiert.“

Tina beschrieb sich selbst stets als überaus familienorientiert und ihre Töchter genossen all die üblichen Vorzüge der Kindheit. Weihnachten war immer eine besonders fröhliche Zeit. Es wurden Weihnachtslieder angestimmt, ein glitzernd dekorierter Baum wurde aufgestellt und es gab Truthahn mit allem Drum und Dran. Ein weiterer besonderer Termin im Kalender der Familie war die Houston Livestock Show inklusive Rodeo. Die Mädchen freuten sich jedes Jahr darauf. „Es war wie ein riesiges Familien-Picknick. Wir aßen frittierte Snickers-Riegel“, erinnerte sich Beyoncé später im Magazin Essence.

Heute, als Mutter, blickt Solange voller Zuneigung auf ihre gemeinsame Kindheit zurück und besteht gleichzeitig darauf, dass diese sich nicht besonders von jener anderer Leute unterschied. „Meine Schwester und ich bekamen keine teuren Klamotten. Als Kinder wollten wir unbedingt diese Fila-Sneakers, aber meine Mutter nahm uns stattdessen mit zum Flohmarkt, wo sie uns Imitate kaufte“, erzählte sie im Guardian. „Schaut euch nur die frühen Videos von Destiny’s Child an, da könnt ihr sie sehen!“

Auch wenn der innige Wunsch nach den Markenturnschuhen unerfüllt blieb, waren die beiden Schwestern immer die reizendsten Kinder, wobei Beyoncés Schüchternheit von Solanges Unverblümtheit ausbalanciert wurde. Ein frühes Foto zeigt sie in zueinander passenden Schottenröcken: Beyoncé blickt gelassen in die Kamera, wohingegen Solange die Zunge herausstreckt und mit beiden Händen winkt.

Um etwas Taschengeld dazuzuverdienen, kehrte Beyoncé den Fußboden und sang für ein kleines Trinkgeld in Tinas Salon, womit sie sich in der Regel ihre Saisonkarte für den Themenpark Six Flags AstroWorld finanzierte. Die Attraktion hatte zwar mit Thunder River einen künstlichen Wasserlauf mitsamt Stromschnellen sowie mit Greezed Lightin’ eine Achterbahn, die Beyoncé liebte, im Programm, der Park musste aber 2005 dennoch die Pforten schließen. Die beiden Schwestern besserten ihr Budget außerdem auf, indem sie kleine Shows bei sich zuhause organisierten und Eintrittskarten dafür verkauften. „Niemand wollte zu uns nach Hause kommen, weil wir buchstäblich aus allem, was wir fanden, eine Bühne machten“, erzählte Beyoncé NBC. „Wir stapelten Zeug übereinander, rissen die Einrichtung nieder und der Kassettenrekorder ragte über allem … Und wir verkauften Eintrittskarten. Die kosteten so um die fünf Dollar, was einigermaßen gewagt war.“

Im Bewusstsein, dass ihre beiden Töchter nichts mehr liebten, als vor anderen aufzutreten, ließen Tina und Mathew hinter dem Haus eine Konstruktion bestehend aus mehreren Ebenen errichten, um den Mädchen eine ansehnliche Bühne bieten zu können. Sie versuchten, jeden Tag eine Show auf die Beine zu stellen. Tina sagt: „Das machte einen großen Teil ihres Lebens aus und das war, was sie am liebsten taten. Sie versuchten, Shows zu organisieren.“ Solange erinnert sich auch noch daran, wie ihre Schwester ununterbrochen vor dem Spiegel übte. „Ich habe ganz, ganz frühe Erinnerungen daran, wie sie alleine in ihrem Zimmer probt“, erzählte sie GQ. „Ich kann mich ganz genau daran erinnern, dass sie sich eine Textzeile aus einem Song oder einer Nummer vornahm und immer und immer wieder wiederholte, bis sie perfekt saß und stark rüberkam … Wenn jeder sonst längst gesagt hätte, dass er müde sei und eine Pause benötige, machte sie noch weiter, um die Sache zu meistern.“

Als Beyoncé fünf war, nahmen sie ihre Eltern zu einem Event mit, der ihr Leben verändern sollte – einem Konzert von Michael Jackson. „Ich war fünf Jahre alt und es war mein erstes Konzert“, sollte sie später in der australischen TV-Show Sunday Night erzählen. „An diesem Abend wurde mein Lebenssinn entschieden. Er ist der Grund, warum ich tue, was ich tue. Ohne ihn hätte ich diese Magie nie zu spüren bekommen.“

Ungefähr zur selben Zeit entstand ein Heimvideo, das Beyoncé mit Zahnlücken dabei zeigt, wie sie einen Rap über sich selbst vorführt und dabei ein Selbstvertrauen an den Tag legt, das den meisten Kindern dieses Alters fremd sein dürfte. Sie schnippte mit den Fingern und bewegte sich geschickt zu ihrem Reim:

I think I’m bad

Beyoncé’s my name

Love is my game

So take a sip of my potion

and do it in slow motion

She thinks she’s bad

Baby, baby don’t make me mad.

Mathew und Tina waren tiefreligiös und der Besuch in der Kirche ein sonntäglicher Fixtermin. Als Beyoncé sieben war, sang sie dort auch im Kirchenchor. Ursprünglich besuchte die Familie einen katholischen Gottesdienst, wechselte aber später in die St. John’s United Methodist Church, wo sie regelmäßig die Messe besuchte. Die junge Beyoncé liebte es, Gospel zu singen, und erzählte VH1: „Er ist in der Lage, einen zu berühren und Emotionen zu behandeln, wie gesprochene Worte das nicht können. Es ist die schönste Musik, die es gibt.“

Sobald das Schuljahr zu Ende war, besuchten die beiden Schwestern ihre Cousine Angie Beyincé, mit der sie sehr eng befreundet waren. „Am letzten Schultag holte mich Tante Tina ab“, sagte Angie dem Observer. „Ich verbrachte den ganzen Sommer bei ihnen zuhause. Am Abend vor dem ersten Schultag wurde ich dann wieder zurückgebracht. Beyoncé und Solange liebten Janet Jackson“, erinnerte sie sich. „Wir quatschten die ganze Nacht und guckten Showtime at the Apollo. Meine Schlange Fendi kroch über den Fußboden. Sie saß auf unseren Köpfen, während wir fernsahen.“ Angie sollte eine essenzielle Rolle in Beyoncés Zukunft spielen, als sie schließlich Vizepräsidentin des 400 Mitarbeiter umfassenden Teams bei Parkwood wurde und ihr außerdem dabei half, viele ihrer Songs zu schreiben.

Eine weitere von Beyoncés Lieblingsshows war die Verfilmung von A Star Is Born – später würde sie sich sogar um eine Rolle im Remake bewerben. „So wurde ich zu einem Barbra-Streisand-Fan. Dann sah ich schließlich Judy Garlands Version von A Star Is Born und realisierte, dass alle 20 bis 30 Jahre ein neuer Star geboren wird, der als neues Talent eine ganze Generation und Ära repräsentiert. Ich dachte nicht, dass ich jemals die Gelegenheit bekommen würde, dieser Star zu sein“, sagte sie.

Während Beyoncé zuhause glücklich war und sich geborgen fühlte, erschwerte ihre intensive Schüchternheit ihr Schulleben an der St. Mary’s Elementary in Fredericksburg, Texas. Die Hänseleien, die ihr Name provozierte, entfachten Unsicherheiten bezüglich ihres Erscheinungsbildes und sie wurde zu einem stillen, in sich gekehrten Kind, das sich nicht traute, im Unterricht die Hand zu heben. „Ich war so ein Kind, das es nicht ertrug, wenn es jemand nicht mochte“, erzählte sie einmal MTV. „Typischerweise musste ich dann darüber nachgrübeln und die Sache in Ordnung bringen.“

Beyoncé war durchaus bewusst, dass sie ein paar der Mädchen ablehnten, weil die Jungs sie süß fanden, obwohl sie vermied, mit ihnen zu sprechen. Sie war so schüchtern, dass sie lieber das Weite suchte, als eine direkte Unterhaltung zu riskieren. Im Unterricht war sie besonders still und nervös und hatte in vielen Fächern zu kämpfen. „Manche Kinder müssen nicht viel büffeln. Aber ich musste mich für die Schule definitiv ins Zeug legen“, schrieb sie in Soul Survivors. Mathe erwies sich als besonders beschwerlich: „Ich hatte Angst vor den Zahlen, sie schüchterten mich ein – genauso wie der Junge neben mir. Er nannte mich dumm und hässlich. Ich war ja ohnehin schon so unsicher, also glaubte ich ihm. Ich trug ständig Jungsklamotten, weil ich so stämmig war, und er verunsicherte mich noch mehr.“

Beyoncé hatte zu dieser Zeit noch keine Ahnung, wie umwerfend sie in Wirklichkeit war. Sie hielt sich nicht nur für übergewichtig, sondern war auch davon überzeugt, dass sie mit ihren Ohren Dumbo Konkurrenz machen könnte. Sie versuchte, sich so gut wie möglich im Hintergrund zu halten, und wählte Kleidung, die ihr dabei half, sich unsichtbar zu machen. Auf einem Schnappschuss aus ihrer Schulzeit trägt sie etwa einen Kleiderrock mit einem langärmeligen weißen Pullover darunter – kein Vergleich zu den rassigen Kostümen, die sie heute auf der Bühne trägt. „Ich tat alles, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Die Leute bilden sich ihre Meinung über dich, egal, was du tust oder wie du aussiehst“, sagte sie. „Man hielt mich für eingebildet … manche Leute missinterpretieren Schüchternheit und denken, du wärst einfach nur arrogant. Die geben dir dann nicht einmal eine Chance.“

Um das Selbstvertrauen ihrer Tochter aufzupolieren, engagierten Tina und Mathew einen Nachhilfelehrer, der ihr mit ihren schulischen Verpflichtungen helfen sollte, und ermutigten sie außerdem, an der Schule Tanzstunden zu nehmen. Diese Stunden waren schließlich der erste Schritt auf ihrem Weg zum Superstar, da ihre Lehrerin, Darlette Johnson, ihr Potenzial erkannte. Beyoncé kann sich noch genau an den Tag erinnern, als Darlette sie singen hörte. In einem Fernsehinterview sagte sie: „Sie meinte bloß: ‚Baby, sing für mich. Ich habe dich da drüben zu diesem Song singen gehört. Also sing mal für mich.‘ Das tat ich dann auch und sie sagte: ‚Du kannst ja richtig gut singen.‘ Sie sagte, ich solle bei einer Talentshow auftreten, und ich verliebte mich in die Bühne. Ich verdanke ihr sehr viel.“ Darlette erinnert sich so: „Ich wusste, dass sie ein Star war. Ich wusste es einfach. Sie war noch im Tanzstudio und war die letzte im Raum. Ich sang einen Song ziemlich falsch und sie beendete ihn für mich – und traf dabei genau den Ton. Deshalb sagte ich: ‚Sing ihn noch einmal.‘ Sie war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Ihre Eltern kamen, um sie abzuholen. Ich sagte ihnen: ‚Sie kann singen! Sie kann richtig gut singen!‘ Ich ließ sie bei ein paar Tanz- und Gesangswettbewerben antreten, und der Rest ist Geschichte. Als ich sie zum ersten Mal singen hörte, wusste ich bereits, dass sie etwas Besonderes war.“

Es war auch Darlette, die Beyoncé ermutigte, an einer Schulaufführung teilzunehmen und dabei John Lennons „Imagine“ zu singen. Sie war gerade erst sieben Jahre alt und so eingeschüchtert von dem Gedanken, vor einem Publikum zu singen, dass sie vor Angst fast erstarrte. Sie fürchtete sich davor, dass sie nicht in der Lage sein würde zu sprechen – geschweige denn zu singen! Aber sobald die Musik einsetzte, entspannten sich ihre Nerven wie von Zauberhand. „Ich hatte eine Heidenangst und wollte es nicht mehr tun, aber Darlette sagte: ‚Komm schon, Baby, raus mit dir.‘ Ich erinnere mich, wie ich rausging und mich fürchtete, bis die Musik einsetzte. Ich weiß nicht, was da vor sich ging. Auf einmal war ich anders.“

Beyoncé hatte ganz einfach ihre Stimme gefunden, und sie war so süß wie Honig. Neben ihr verblassten alle anderen teilnehmenden Kinder, die mitunter schon 15, 16 Jahre alt waren. Das Publikum würdigte sie mit stehenden Ovationen. „Ich beschloss, dass die ganze Welt meine Bühne sein würde“, sagte sie. „Ich fühlte mich nur wohl, wenn ich sang oder tanzte. Ich wollte Performerin werden. Bis ich zu performen begann, war ich ein schüchternes Mädchen gewesen.“

Als ihre Eltern sie bei der Talentshow mit so viel Inbrunst und Selbstvertrauen „Imagine“ singen hörten, wurde auch ihnen klar, über was für ein außergewöhnliches Talent ihre Tochter verfügte. Mathew sagte gegenüber dem Magazin Billboard: „Ihre Mutter und ich sahen uns an: ‚Das kann doch nicht unsere Beyoncé sein, denn die ist schüchtern und still.‘ Wir kannten uns nicht mehr aus. Wir waren gekommen, um sie zu unterstützen, aber auf der Bühne war sie plötzlich eine ganz andere Person als die Beyoncé, die wir als ihre Eltern kannten.“ Tina meinte dazu auf CBS: „Auf der Bühne wurde sie lebendig und hatte Selbstvertrauen. Ich dachte mir: ‚Wer ist das denn?‘ Das war eigentlich der Anfang von allem. Wir ermutigten sie dabei, weil dadurch ihre Persönlichkeit zur Geltung kam.“ Beyoncé selbst erklärte in Billboard, wie sehr sich ihre Welt veränderte, als sie ihre Stimme entdeckte: „Ich ließ mich fallen, wenn ich auf der Bühne war. Es war die angenehmste Zeit für mich. Die Bühne war ein Ort, an dem ich nicht scheu sein konnte.“

Sie hatte ihre Berufung gefunden, und ihre ganze Familie wurde davon mitgerissen. Mathew und Tina meldeten sie für ungefähr 30 Talentwettbewerbe an. Ein paar dieser Veranstaltungen waren zum Teil Talentshow und zum Teil Schönheitswettbewerb – ein Aspekt, der ihr nicht sonderlich behagte, da sie sich von Natur aus eher burschikos gab. Allerdings kam sie mittlerweile mit ihrem Selbstbild zurecht und gewann jeden dieser Wettbewerbe. Die Ablagen in ihrem Zimmer ächzten nun unter der Last der glänzenden Trophäen. „Sie wurde nie Zweite, immer nur Erste“, erinnerte sich Mathew voller Stolz. Wie sie später so eloquent in der Tageszeitung USA Today zu Protokoll gab, musste sie sich nicht einmal anstrengen: „Alles, was ich je gemacht habe, ist ganz natürlich gekommen. An meiner ersten Talentshow nahm ich mit fünf Jahren teil. Songs schrieb ich dann mit neun … Es steckte einfach in mir drin. Ich denke, wenn man für gewisse Dinge wie geboren ist und man die Dinge einfach im Herzen hat, warum sollte man das dann nicht so stark wie möglich ausleben?“







Der elektrifizierende Augenblick, als sie ihren ersten landesweit ausgetragenen Wettbewerb in einem Houstoner Veranstaltungssaal für sich entscheiden konnte, kam schließlich 1988. Er lieferte die Initialzündung zu ihrem weiteren Leben. Veranstalter des Wettbewerbs war People’s Family Workshop, eine prominente Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Kunst in Houston zu fördern. In der Kategorie „Baby Junior Talent“ – die Altersklasse für Siebenjährige und noch Jüngere – zu gewinnen, war eine enorme Leistung, doch Beyoncé nahm das gelassen zur Kenntnis. Die alten Videoaufnahmen ihrer Dankesrede zeigen, wie ihr kleines Gesicht gerade so über das Podium ragt. Sie spricht mit ihrem starken texanischen Akzent: „Ich möchte mich bei den Juroren dafür bedanken, dass sie sich für mich entschieden haben, und bei meinen Eltern, die ich sehr liebhabe. Ich liebe euch, Houston!“ Diese finalen Worte wurden begleitet vom bereits erwähnten Kusshändchen, das sie wie ein routinierter Profi ins Auditorium warf.

Als sie im Jahr darauf für den Gastauftritt zum selben Wettbewerb zurückkehrte, berichtete die Präsentatorin der Show dem Publikum von der beeindruckenden Leistung, die Beyoncé im Vorjahr abgeliefert hatte. „Jedes Mal, wenn ich ihren Namen sagte, brandete Applaus auf“, sagte sie. Als Beyoncé schließlich die Bühne betrat, war sie kaum mehr als das Kind, das zwölf Monate zuvor auf der Bühne gestanden hat, zu erkennen. Sie sang „Home“, eine alles andere als leichte Nummer aus dem Musical The Wiz, und trug ein von der Hauptfigur Dorothy beeinflusstes Outfit bestehend aus einem blauen Trägerrock über einer weißen Bluse mit Puffärmeln. Sie war geschminkt, trug glitzernde Ohrringe und ihre Haare waren glänzend und gelockt. Ihr Look und ihr Gesang ließen sie wie einen jungen Star erscheinen. Sie wirbelte über die Bühne, ohne dabei auch nur eine Note nicht zu treffen.

Obwohl ihr Talent für sich selbst sprach, hielten Mathew und Tina es für eine gute Idee, für ihre Tochter einen professionellen Gesangslehrer anzuheuern, um sicherzustellen, dass ihre Stimme richtig geschult würde. 1989 wandten sie sich also an einen Mann namens David Lee Brewer, einen international auftretenden Operntenor, der mit der Houston Ebony Opera zusammenarbeitete und nun auch Privatstunden gab. Wenig überraschend versetzte Beyoncé, deren Stimme als Mezzosopran – eine mittlere Stimmlage und die herkömmliche bei Frauen – eingestuft wurde, ihren neuen Gesangslehrer in Erstaunen. „Beyoncé war ein achtjähriger Engel, als wir uns zum ersten Mal trafen“, vermerkt David auf seiner Website. Tina bat ihn, ihrer Tochter beim Singen zuzuhören. Dieser Bitte kam David ein paar Tage später gerne nach. „Dieses kleine Mädchen in einem Rüschenkleid und dazu passenden Söckchen holte langsam Luft und öffnete dann den Mund, um loszulegen. Was sie nun entfesselte, war einer der beeindruckendsten Klänge, den ich je von einem Kind zu hören bekommen hatte. Irgendetwas dabei ergriff mich und ließ mich nicht mehr los. Der Sound erinnerte an geschmolzenes Gold, sie hatte ein ganz besonderes Timbre. Außerdem besaß Beyoncé anscheinend eine angeborene körperliche Verbindung zur Musik. Das hier war mehr als nur eine Stimme, dachte ich, es war eine Seele.“

Irgendwann zog David sogar in das Apartment über der Garage der Familie und mit seiner Unterstützung erhielt Beyoncés Stimme noch einen zusätzlichen Schliff. Ihre Eltern kauften ihr eine Karaoke-Maschine, mit deren Hilfe sie nun versuchte, die Leistungen ihrer Vorbilder aus dem R&B-Genre zu toppen. „Karaoke machte mir viel Spaß“, erzählte sie dem Guardian. „Ich verbrachte den ganzen Tag damit, nahm mich zu den Songs anderer auf und schrieb gelegentlich die Texte ein wenig um.“

Aber als sie schließlich regelmäßiger bei Talentshows aufzutreten begann, benötigte sie etwas, das ihr dabei half, mit ihrem Lampenfieber, das sie seit jeher vor jedem Auftritt plagte, umzugehen. Und so entstand ihr Alter Ego – Sasha Fierce. Dabei handelt es sich um eine imaginäre Figur, die das Kommando übernahm, wann immer Beyoncé in der Öffentlichkeit sang. Sasha war eine mutige, unbeirrbare Persönlichkeit mit einer kräftigen Stimme, die auch gegen die herbste Kritik immun war. Ihre Cousine Angie ließ sich den Namen einfallen und Beyoncé bekannte in einem TV-Interview mit ABC, dass diese Taktik sie vor dem intensiven Druck, mit dem sie sich als Kind auseinandersetzen musste, beschützte. „Sasha ist so selbstbewusst und furchtlos und hat eine Menge Dinge drauf, die ich nicht draufhabe“, erklärte sie. „Sie beschützt mich. In meinem Kopf sage ich: ‚Okay, jetzt übernimm bitte, bitte, bitte. Ich bin Sasha, ich bin Sasha.‘ Ich muss mich selbst in diesen Zustand versetzen, wenn ich Angst habe.“ Im Grunde genommen wurde Sasha ein allgegenwärtiger Bestandteil von Beyoncés Leben – bis zum Jahr 2010, als sie die große Entscheidung fällen würde, Sasha in den Ruhestand zu schicken.

Beyoncé schlug sich in der Schule weiterhin durch. Eine ihrer wichtigsten Rollen war es außerdem, ebendort auch ein Auge auf ihre Schwester Solange, die ein paar Klassen unter ihr war, zu haben. „Ich kann gar nicht sagen, wie viele Jungs und Mädchen davon berichten können, dass Beyoncé ihnen eine Tracht Prügel androhte, wenn sie mich nicht in Ruhe ließen“, vertraute Solange GQ an. Solch eine Bindung mag selten sein, und auch Beyoncé selbst betonte regelmäßig öffentlich ihre Gefühle gegenüber ihrer Schwester, wie etwa gegenüber Harper’s Bazaar: „Ich war immer die große Schwester. Ich bin fünf Jahre älter als Solange und hatte einfach immer das Bedürfnis, sie zu lieben und zu beschützen. Ich hatte nie den Wunsch, mit meiner Schwester zu streiten. Wir sind beide sehr verschieden in Bezug auf die Dinge, die uns gefallen oder wie wir Dinge angehen, aber diese Unterschiede tragen zu unserer Freundschaft nur noch bei. Die Liebe, die ich für sie empfinde, ist unbeschreiblich.“

„Sie ist schon immer – seit ich ein Baby war – so fürsorglich und protektiv in Bezug auf mich gewesen“, sagte Solange. „Wenn du dich meiner Schwester gegenüber respektlos zeigst, werde ich dir gegenüber komplett durchdrehen“, bestätigt Beyoncé diese Aussage.

1990 kam die neunjährige Beyoncé an die Parker Elementary School in Houston, die dafür berühmt war, das musikalische Talent ihrer Schüler zu fördern. Während es den meisten ihrer Mitschüler jedoch in erster Linie darum ging, ihre Hausübungen rechtzeitig abzugeben, als eine Musikkarriere zu planen, war Beyoncé vollkommen anders gestrickt. Ihr Ziel war es, eine berühmte Sängerin zu werden. Es genügte ihr nicht länger, in der überschaubaren Szene lokaler Talent- und Schönheitswettbewerbe zu bleiben, und ihre Ambitionen wuchsen rapide, als sie auf ihre Klassenkameradin LaTavia Roberson traf. „Wir lernten uns in der Grundschule kennen und wuchsen praktisch miteinander auf“, erzählte LaTavia der Zeitschrift Black Beat.

Das Duo liebte es, gemeinsam zu singen. Als Mathew und Tina von einem Vorsingen für eine Girlband in der Stadt hörten, nahmen sie die beiden dorthin mit. Nachdem sie die Jury mit ihren ansteckenden Harmonien verblüfft hatten, wurden Beyoncé und LaTavia mit drei anderen Mädchen auch prompt in die neue Gruppe Girls Tyme aufgenommen. LaTavia erzählte viele Jahre später auf MTV: „Da waren richtig viele Mädchen, ich meine, richtig viele. Aber von den 65 Mädchen schafften es Beyoncé und ich in die Band.“ Auch LaTavias Cousinen, die Schwestern Nikki und Nina Taylor, sowie ein Mädchen namens Ashley Támar Davis gehörten zum Line-up. Zwar wurde die Besetzung in den kommenden Monaten regelmäßig verändert, doch war es wohl unvermeidbar, dass Beyoncé die Rolle der Leadsängerin zufiel.

Als die Gruppe zusammengestellt wurde, entschloss sich die Geschäftsfrau Andretta Tillman dazu, etwas Geld in die Mädchen zu investieren und im Gegenzug auch den Posten der Managerin zu übernehmen. Nur wenig später wurde die Formel von Girls Tyme um eine weitere Variable erweitert: Kelly Rowland, eine von LaTavias Freundinnen. Sie sollte nicht nur zu einem wichtigen Mitglied der Band, sondern überhaupt zu einer Schlüsselfigur in Beyoncés Leben werden. LaTavia und Beyoncé hatten begonnen, sich regelmäßig mit Kelly zu verabreden. Die Mädchen trafen sich im örtlichen Schwimmbad, spielten gemeinsam mit ihren Barbies oder stellten Zelte im Freien auf. Kelly war ein großer Fan von Whitney Houston und stimmte jedes Mal, wenn sie miteinander spielten, eines ihrer Lieder an. LaTavia schlug Kelly nach einer dieser Demonstrationen ihrer harmonischen Stimme vor, Beyoncés Eltern vorzusingen. Nachdem sie das getan hatte, wurde sie schließlich umgehend ebenfalls ein Mitglied von Girls Tyme.

Kelly, deren eigentlicher Name Kelendria lautete, war erst unlängst mit ihrer Mutter von Atlanta nach Houston gezogen. Sie war sieben Monate älter als Beyoncé und legte, seit sie mit vier im Kirchenchor zu singen begonnen hatte, eine ähnliche stimmliche Begabung wie sie an den Tag. Und genau wie Beyoncé träumte auch sie davon, berühmt zu werden – so wie ihr Idol Whitney Houston. Allerdings hatte Kelly einen schwierigeren Background: Ihre Mutter Doris hatte ihren Vater Christopher, einen Trinker, verlassen, da er ein unberechenbares Gemüt hatte. Das Geld war immer knapp und Doris mühte sich als Kindermädchen ab, um über die Runden zu kommen. Nachdem sie nach Houston übersiedelt waren, sah Kelly ihren Vater nur noch selten. Später sprach sie darüber, dass sie die Trennung sehr traurig gemacht habe: „Ich sah die anderen Kids in der Schule und wie sie von ihren Dads abgeholt wurden. Das war etwas, das mir abging. Jedes kleine Mädchen braucht ihren Papa“, erzählte sie der Daily Mail. „Musik war meine Flucht. Das ist sie immer noch. Ich fühlte wahrscheinlich, dass ich etwas verpasste, weil mein Vater nicht da war.“

Allerdings wurde Kelly stets warmherzig beim Knowles-Clan willkommen geheißen und es dauerte nicht lange, bis sie mehrere Male die Woche dort übernachtete. Sie und Beyoncé blieben bis spät in die Nacht wach, kicherten und erzählten sich Geschichten. Außerdem sangen sie regelmäßig gemeinsam mit Mathew und Tina. Viele Jahre später erinnerte sich Kelly in der Autobiografie von Destiny’s Child daran, dass es wie eine allabendliche Pyjama-Party gewesen sei – und eine ziemlich lautstarke dazu.

Mit Kelly an Bord und Andrettas Unterstützung begannen Girls Tyme in jeder freien Minute, das heißt, so oft es ihre Stundenpläne gestatteten, zu proben. Während sie Pop- und R&B-Nummern sangen und rappten, gingen einige von Mathews und Tinas wertvollen Gegenständen, darunter sogar eine gläserne Kastentür, zu Bruch, da sie bei den Proben im Vorraum der Familie Knowles gerne wild herumsprangen. Die Girls testeten ihre energiegeladenen Performances außerdem gerne an Tinas Kundinnen im Haarsalon aus, wobei sie mitunter für ihren Aufwand mit großzügigen Geldspenden belohnt wurden. Während Tina Haare schnitt, choreografierte Mathew die Moves der Mädchen und bat danach um ehrliches Feedback. „Manchmal wollten die Leute auch gar nicht zuhören“, vertraute Tina dem Texas Monthly an. „Die Mädchen schrien, dass sie mitklatschen sollten, und die Kundinnen verdrehten die Augen. Das war ein zähes Publikum.“

Stets lerneifrig in Bezug auf neue Tanzschritte, sahen sich die Mädchen in ihrer Freizeit alte Musikvideos an, um von Gruppen wie den Jackson Five und den Supremes zu lernen. Da klar war, dass auch das Image eine Rolle dabei spielen würde, die Aufmerksamkeit der Vertreter der Musikbranche auf sich zu ziehen, erklärte sich Tina bereit, die Mädchen in ihrem Salon zu stylen. Darüber hinaus entwarf sie noch ihre farbenfrohen Kostüme. Sie entwickelten sich langsam zu einem perfekten kleinen Pop-Paket.

Obwohl es harte Arbeit war, betonte Beyoncé stets, dass der Fokus trotz allem darauf lag, eine gute Zeit zu verbringen. Sie bestand darauf, dass ihre Eltern sie zu nichts drängten, wie es manchmal unterstellt wurde. „Ich empfand die Proben als Vergnügen“, schrieb sie in Soul Survivors. „Es war die Zeit, in der ich mir Tanzeinlagen und Gesangsarrangements ausdachte. Das war wie eine Spielstunde.“

1991 zog Kelly bei den Knowles ein und begann damit, Tina „Tante“ und Mathew „Onkel“ zu nennen. Ein Arrangement, das allen entgegenkam. „Meine Mom wohnte als Kindermädchen bei einer Familie“, erzählte sie später dem Magazin Interview. „Wir probten jeden Tag und wegen ihrer Arbeitszeiten konnte meine Mom mich nicht ständig zu den Proben hinbringen und dann wieder abholen. Deshalb erkundigte sich meine Mom bei Tina: ‚Kann Kelly den Sommer über bei euch wohnen?‘ Und aus dem einen Sommer wurde … wie lange noch mal? Aber es war wie eine große Familie, weil Mom jeden Abend vorbeikam, um mir einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Ich sage gerne, dass ich drei Elternteile habe – Tina und Mathew und meine Mom – drei weise Menschen, die mich unterstützen.“ Beyoncés Eltern liebten sie jedenfalls wie eine eigene Tochter. Tina bekannte später: „Kelly bringt große Freude in mein Leben. Ich werde sehr traurig sein, wenn der Tag kommt, an dem sie bei uns auszieht.“ Obwohl es hartnäckige Gerüchte gab, denen zufolge sie und Mathew Kelly adoptiert oder die rechtliche Vormundschaft für sie übernommen hätten, verneinte Tina dies stets. „All diese Gerüchte sind verrückt“, ärgerte sie sich im Magazin Ebony. „Kellys Mom hatte Schlüssel zu unserem Haus und zu unserem Auto. An den meisten Wochenenden wohnte sie bei uns. Sie nahm jeden Tag an Kellys Leben teil.“

Beyoncé war ihrer besten Freundin nun näher als je zuvor. „Wir schliefen im selben Bett, wachten jeden Morgen gemeinsam auf, sangen den ganzen Tag und liebten jede einzelne Minute“, erklärte sie der Zeitschrift Blender. Außerdem waren sie für jede Menge Chaos verantwortlich, wie sie Jahre später bei einem Besuch in Graham Nortons Show kichernd gestand: „Wir waren böse kleine Bälger, aber wir hatten Spaß … Wir schafften etwa alle Matratzen aus dem Haus und bauten uns Rutschen. Aus Vorhängen bastelten wir Schaukeln. Wir versuchten, kleine Kätzchen in unser Haus zu locken – meine Mom kam nach Hause und da waren bereits so um die 20 Katzen, die durchs Haus rannten!“

Die Mädchen unterhielten sich auch über ihre Hoffnungen. Ungefähr zu dieser Zeit hielt Beyoncé ihre Ziele für die Zukunft akribisch auf einem Videoband fest. Anstatt nur zu verkünden, dass sie ein Popstar werden wolle, erklärte sie auf für ihr Alter überraschend detaillierte Weise, dass es ihr Ziel sei, ein Album aufzunehmen, das eine Goldene Schallplatte gewinnen würde. Das nächste Album solle dann schon Platin einfahren und das dritte wolle sie gänzlich selbst schreiben und produzieren. Niemand – nicht einmal Mathew und Tina – hätten je vorhersehen können, dass sie all diese Ziele noch vor ihrem 21. Geburtstag erreichen würde.

Ihre Mitschüler hatten jedenfalls keine Ahnung von ihren geheimen Plänen, weil Beyoncé es vorzog, ihre Talente für sich zu behalten. Als Schülerin der Welch Middle School war sie genauso scheu wie eh und je und mühte sich mit den Fächern ab, sogar wenn sie ihren Verstand nicht herausforderten. Sie achtete darauf, nicht aufzufallen, nachdem ihre Cousine sie eingehend gewarnt hatte, dass sich andere Mädchen durch sie bedroht fühlen würden und ihr sogar ihre langen Haare abschneiden könnten, wenn sie von ihren gesanglichen Ambitionen erfahren würden. Das wirkte sich so stark auf Beyoncé aus, dass sie ihre Haare für die ersten sechs Monate an der neuen Schule in einem Dutt zusammengebunden trug. Erst nachdem der Unterricht beendet war und sie zu den Proben mit Girls Tyme davongeeilt war, kam ihre wahre Persönlichkeit wieder zum Vorschein.

Abseits der Schule fand die fromme Beyoncé immer noch Zeit, um wöchentlich die St. John’s United Methodist Church zu besuchen. Das war auch der Ort, an dem ihr Kelly 1993 einen hübschen Jungen namens Lyndall Locke vorstellte. Mit seinen 13 Jahren war er ein Jahr älter als sie, aber die beiden verstanden sich auf Anhieb und begannen, sich so oft wie möglich nach der Schule zu treffen – solange es ihre Proben zuließen. Beinahe jeden Abend unterhielten sie sich am Telefon – oft sogar so lange, dass einer der beiden mit dem Hörer in der Hand vor Müdigkeit einschlummerte. An den Wochenenden liebten sie es, ins Kino zu gehen oder einfach bei ihr zuhause abzuhängen, Musikvideos anzusehen und „Vier gewinnt“ zu spielen. Nachdem sie ein Jahr befreundet gewesen waren, fragte Lyndall Beyoncé offiziell, ob sie seine feste Freundin sein wolle. Sie willigte ein. Trotzdem änderte sich nur wenig, da ihre kleinen „Dates“ weiterhin sehr unschuldig blieben. Letzten Endes blieben sie sieben Jahre lang ein Paar. Beyoncé meinte später: „In diesem Alter ist das eine lange Zeit. Ich war ein bisschen reifer als er und ihm gegenüber immer sehr treu.“ Lyndall erzählte der Sun, wie verknallt er gewesen sei, und verglich sie mit einem Engel. Für ihn war sie das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte.

Im frühen Stadium ihrer Beziehung verbarg Beyoncé allerdings noch ihr Doppelleben als Sängerin, da sie fürchtete, er würde sie für arrogant oder lächerlich halten. „Sie war einfach so schüchtern und in der Schule ein bisschen eine Außenseiterin. Sie sang nicht einmal im Chor. Zwei Jahre lang wusste ich nicht, dass sie überhaupt singen konnte“, sagte er. Immerhin war ihm nicht entgangen, dass sie eine gute Tänzerin war, da er sie und Solange endlose Nummern bei ihnen zuhause aufführen gesehen hatte.

Obwohl sie damals vielleicht wie ein Traumpaar gewirkt haben mochten, spielte Beyoncé in späteren Jahren ihre Beziehung herunter, indem sie etwa sagte, dass ihr erster gemeinsamer Kuss „ätzend“ gewesen sei. Gegenüber Elle enthüllte sie: „Es war schrecklich. Ich biss die Zähne zusammen, damit er mir nicht seine Zunge in den Hals stecken konnte … Ich erzählte Kelly, dass es das Schlimmste auf der Welt sei.“

Lyndall erinnerte sich an diesen Kuss ganz anders. Er erzählte später in der Sun, dass er Beyoncé zu einem Konzert mitgenommen habe und ihm ein Eimer mit Popcorn auf den Boden gefallen sei. „Als wir uns beide bückten, um ihn aufzuheben, stießen wir mit den Köpfen zusammen und küssten uns zum ersten Mal. Wir hatten uns beide einfach angesehen und hatten begriffen, dass die Funken zwischen uns beiden nur so sprühten. Es war ein märchenhafter Kuss, wie man ihn sonst nur aus Filmen kennt. Das war der erste Moment wahrer Liebe zwischen mir und Beyoncé. Bis heute habe ich nie mehr einen so leidenschaftlichen Kuss wie diesen erlebt.“

Beyoncé äußerte sich in einem Interview mit COSMOgirl wiederum weniger schmeichelhaft über Lyndall: „Mein erster Freund war echt zum Vergessen. Er passte einfach nicht zu mir. Wir unterhielten uns am Telefon und es lief ungefähr so: ‚Hallo?‘ ‚Hallo.‘ ‚Was machst du so?‘ ‚Nichts.‘ Das war echt nervig. Er war öde und hatte null Ehrgeiz.“

Obwohl sie Lyndall in den frühen Jahren gemocht hatte, ließ sie es nicht zu, dass er ihrem größeren Plan im Weg stehen würde. Während ihre Eltern der Beziehung mit ihrem Freund ziemlich entspannt gegenüberstanden, waren sie doch rigoros bezüglich dessen, was sich unter ihrem Dach abspielte. Seitdem ihre Mädchen auf der Welt waren, hatten sie Beyoncé und Solange Sinn für Moral eingetrichtert, was sich auch in ihren musikalischen Projekten widerspiegelte. In diesen frühen Tagen war Tina unerbittlich in Bezug auf Schimpfwörter oder sexuelle Inhalte in den Liedern, die die Mädchen sangen.

Nach vielen weiteren Monaten intensiven Übens und einem Level an Hingabe, das über ihr Alter hinwegtäuschte, gelang es Girls Tyme, eine Reihe von kleineren Auftritten, darunter etwa bei einem Schönheitswettbewerb zur Miss Black Houston, an Land zu ziehen. Zu dieser Zeit begannen sie auch generell, auf sich aufmerksam zu machen. So flog etwa ein R&B-Produzent namens Arne Frager ein, um sie zu sehen, und war höchst beeindruckt vom Engagement der Mädchen. Auch ihr Gesang und ihre raffinierten Dance-Moves hinterließen bei ihm einen bleibenden Eindruck. Vor allem war er von Beyoncés Stimme und ihrer Persönlichkeit begeistert.

Nachdem die Gruppe seiner Einladung nach Kalifornien gefolgt war, entschied er, dass sie im großen Stil der Öffentlichkeit vorgestellt werden müsse, wenn sie einen Plattenvertrag einheimsen wolle, weshalb er sie bei einer großen, landesweit im Fernsehen übertragenen TV-Talentshow namens Star Search anmeldete. Dieser Vorläufer von Shows wie etwa The X Factor und American Idol wurde während der Achtziger und Neunziger ausgestrahlt und präsentierte miteinander konkurrierende Acts, die von vier Juroren mit Sternen ausgezeichnet wurden. Neben Beyoncé und ihren Bandkolleginnen bei Girls Tyme traten im Laufe der Jahre zahllose aufstrebende Auftrittskünstler sowie künftige Weltstars, wie etwa die noch sehr jungen Alanis Morissette, Britney Spears, Justin Timberlake und Jessica Simpson, in der Show auf.

Girls Tyme trugen bunte Regenmäntel, dazu passende Shorts und glänzende, handgefertigte Stiefel, in denen sie über die Bühne tanzten und rappten. Jedoch lief es für sie nicht ganz so wie gewünscht und sie landeten mit nur einem Stern weniger als die schroffe Heavy-Metal-Combo Skeleton Crew, die den Sieg davontrug, auf dem zweiten Platz. Natürlich waren die Mädchen am Boden zerstört und Beyoncé erinnert sich an den Schmerz, den die Mädchen angesichts ihrer Konkurrenz empfanden: „Wir verkniffen uns unsere Tränen und rangen uns ein geheucheltes Lächeln ab.“ Nachdem die Show vorüber war, wurde es zu viel und die Mädchen rannten hinter die Bühne, wo schließlich alle Dämme brachen und sie in bittere Tränen ausbrachen. Doch rückblickend waren sie alle der Meinung: „Wir haben es verhaut.“ LaTavia stellte in den Raum, dass womöglich die Wahl des Songs ihren jungen Stimmen nicht sonderlich entgegengekommen war. „Sie ließen uns einen Rap-Song performen, obwohl wir lieber etwas gesungen hätten“, sagte sie. „Sie installierten für uns sogar eine neue Hip-Hop-Kategorie. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, halte ich es aber dennoch für eine wichtige Lernerfahrung, die wir nie vergessen werden.“

Beyoncé äußerte sich viel später in einem Video, das 2013 zeitgleich mit ihrem Album Beyoncé erschien, folgendermaßen über diesen Schlüsselmoment: „Es war ein absolut prägendes Erlebnis meiner Kindheit. Ich hatte mir ausgemalt, dass wir bei Star Search auftreten, gewinnen und einen Plattenvertrag bekommen würden. Das war damals mein Traum. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Möglichkeit bestünde, nicht zu gewinnen. Ich war erst neun Jahre alt, weshalb ich damals nicht begriff, dass man für etwas superhart arbeiten, alles geben und trotzdem verlieren konnte. Das war für mich die wichtigste Erkenntnis.“ Sie fügte noch hinzu: „Die Realität sieht so aus, dass man manchmal eben verliert. Man ist nie zu gut, um nicht auch mal verlieren zu können. Man ist nie zu groß, um zu verlieren. Man ist auch nie zu clever dafür. Es passiert einfach. Und es passiert dann, wenn es eben passieren muss. Man muss das auch zu schätzen wissen.“

Im Anschluss an diese Niederlage hätte man den Mädchen durchaus verzeihen können, wenn sie gedacht hatten, ihr Traum sei vorüber, bevor es überhaupt richtig losgegangen war. Aber dem stets optimistischen Mathew schwebten ganz andere Dinge vor. Er hatte einen flüchtigen Blick auf die blendende Zukunft seiner Tochter werfen dürfen und war nun nicht bereit, kampflos die Segel zu streichen. Während eines Vortrags an der Thornton School of Music, die zur University of Southern California gehört, sagte er 2011: „Aus irgendeinem Grund raffen sich diejenigen, die bei Star Search unterliegen, erneut auf, um schließlich Erfolg zu haben.“ Um diesen Erfolg einfahren zu können, beschloss er, sich mehr einzubringen, und bat Andretta, als Co-Manager einsteigen zu dürfen. Es heißt, dass Mathew sogar damit gedroht habe, Beyoncé aus der Gruppe zu nehmen, nachdem sie dieser Idee anfänglich ablehnend gegenübergestanden war, was dazu führte, dass sie schließlich einwilligte. Nachdem Andretta nach jahrelangem Leiden an ihrer Lupus-Erkrankung, einer seltenen Autoimmunerkrankung, verstorben war, sagte ihr Bruder Lornonda Brown, dass ihr gar keine Wahl geblieben sei als zuzustimmen: „Sie wusste, dass sie musste. Mathews Tochter war seine Trumpfkarte.“

Nun, da er am Steuer saß, wusste Mathew, dass er mit der Band noch einmal ganz von vorne beginnen müsse, vor allem, da die Mädchen noch einmal Zuwachs in Form eines neuen Mitglieds bekommen hatten. Es handelte sich mit LeToya Luckett dabei um ein talentiertes Mädchen, das mit Beyoncé in der Grundschule in dieselbe Klasse gegangen war. In einem Interview mit dem Independent meinte LeToya: „Beyoncé fand heraus, dass ich singen konnte, als wir beide für Pinocchio vorsangen. Wir teilten uns die Hauptrolle in dieser Schulaufführung und lernten dafür gemeinsam die Songs und Tanzschritte.“

Durch das neue Mitglied erhielt die Band eine neue Dimension und Mathew und Andretta entschieden daraufhin, die Originalbesetzung der Band drastisch zu dezimieren. Nachdem die Anzahl der Bandmitglieder von sieben auf nur mehr vier verringert worden war, bestand die Gruppe nun aus Beyoncé, LeToya, Kelly und LeTavia. Jedes der Mädchen brachte eine andere Qualität mit und so deckten sie endlich die gesamte gesangliche Bandbreite ab. Kelly verfügte über ein breites Spektrum, was sich gut für die schnelleren Nummern eignete, sie konnte auch die tiefen Töne noch singen. LeToya erreichte mit ihrer Sopranstimme luftige Höhen. Und was Beyoncé betraf, so vermochte sie es mit ihrem nunmehr kultivierten, souligen Gesang, einem jeden in Hörweite befindlichen Individuum eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen.

Von nun an als Vierergespann unterwegs, begann die richtig harte Arbeit. Mathew war von Anfang an hundertprozentig fokussiert: Das war nun nicht länger eine Gruppe von Mädchen, die einfach nur ihren Spaß haben wollten. Im Verlauf der folgenden 18 Monate schleifte er sie in eine Art „Mini-Bootcamp“, indem er sie vor der Schule durch die Parks von Houston hetzte und sie während des Joggens zusätzlich auch noch singen ließ, damit sie lernten, auch bei körperlicher Anstrengung nicht aus der Puste zu kommen. Sie fingen an, einen fettreduzierten Speiseplan einzuhalten. Beyoncé aß nun üblicherweise kalorienarme Tiefkühlmahlzeiten sowie zuckerfreie Götterspeise zum Abendessen und verzichtete auf die herzhaften, frittierten Gerichte, die sie so liebte. Die Mädchen wurden außerdem darin unterwiesen, ihre energiegeladenen Tanznummern in High-Heels zu proben, was ein paar verdrehte Knöchel zur Folge hatte. „Jedes Mal, wenn er mich pushte, wurde ich noch stärker“, sagte Beyoncé später über Mathews Führungsstil. Sie berichtete auch davon, dass sie viele Opfer bringen mussten, wie etwa das Cheerleading aufzugeben. Für gesellschaftliche Ereignisse im Kreise der Schulfreunde gab es nur mehr wenig Platz. „Mein Leben bestand aus Arbeit. Ich ging also nicht einmal wirklich auf einen Schulball“, erzählte sie dem Daily Telegraph. „Nun, ich ging auf den Ball meines Freundes als sein Date, aber dort kannte ich nicht wirklich jemanden und musste früh zu Hause sein!“

Teil von Mathews großem Plan war, dass er mit den Mädchen an eigenen Songs, die sie zusätzlich zu den Nummern anderer Künstler performen sollten, arbeiten würde. Die Hauptinspiration für die Texte ihrer Songs fand Beyoncé in Tinas Haarsalon, in dem sie die Unterhaltungen, die die Kundinnen über ihre missratenen Männer führten, belauschte. „Frauen sind beim Frisör viel offener als Männer“, verriet sie Elle. „Sie blättern in Modezeitschriften, hören Anita Baker und plaudern über ihre untreuen Männer. Da geht es viel pikanter zu als bei den Männern.“

Mathew schrieb den Mädchen auch vor, dass sie mindestens einmal in der Woche ein lokales Konzert – in der Schule, der Kirche oder bei einer Modenschau – zu absolvieren hätten. Und in den Schulferien sogar noch öfter. „Nichts war zu klein oder zu groß“, meinte er im Gespräch mit Forbes. „Üben, üben. Beyoncé war schon immer so leidenschaftlich bezüglich ihrer Musik gewesen, dass sie sich nie über die vielen Wiederholungen beschwert hätte.“

Sie traten sogar zu verschiedenen Anlässen in Beyoncés liebstem Themenpark, Six Flags AstroWorld, auf – allerdings musste sie dort auch eine der schlimmsten Erfahrungen ihres Bühnenlebens über sich ergehen lassen. Dem Fernsehmoderator Graham Norton erzählte sie von dem peinlichen Auftritt: „Meine Freunde waren im Publikum und es war eiskalt. Mein Gesicht war taub. Bevor ich mich versah, bemerkte ich, dass sich vor mir etwas aufblähte. Meine Nase war echt rot … und da ist plötzlich eine riesige Schnodderblase. Es war mitten während unserer Performance und ich rannte von der Bühne, um die Sache in Ordnung zu bringen, aber alle meine Freunde konnten es sehen. Es war schrecklich peinlich.“

Aber obwohl viele behaupteten, dass Mathew die Mädchen zu hart rannahm, besteht Beyoncé darauf, dass stets alles in ihrem Sinne gewesen sei, wie sie auch gegenüber dem Magazin Scholastic Action bestätigte: „Als ich jünger war, gingen die meisten Leute auf Partys. Ich konzentrierte mich auf die Proben. Während andere Kinder draußen spielten, wollte ich drinnen sein, um Songs zu schreiben und Tänze zu trainieren.“

Indem er seine ständig zunehmenden Kontakte spielen ließ, gelang es Mathew, eine höchst einflussreiche A&R-Managerin bei Columbia Records namens Teresa LaBarbera Whites davon zu überzeugen, von New York nach Houston zu fliegen, um sich einen Auftritt der Mädchen in einem jüdischen Gemeindezentrum anzuhören. Allerdings lief es nicht wie gewünscht: Die Mädchen waren am Vortag gemeinsam beim Schwimmen gewesen und hatten deshalb nasale Stimmen. Während eines Videos, das den Auftritt zeigt, kann man einen erzürnten Mathew hören, wie er inmitten eines Songs ruft: „Es ist mir egal, ob Teresa da ist. Merkt ihr, was der Preis dafür ist, dass ihr schwimmen wart?“

Ein paar Jahre später gestand LeToya, wie hart der Drill für sie gewesen sei. „Es war sehr anstrengend, schon so jung Mitglied einer ernsthaft arbeitenden Band zu sein“, erklärte sie dem Independent. „Wir mussten um sechs Uhr früh zu Gesangsstunden erscheinen und opferten einen Teil unserer Kindheit. In der sechsten Klasse wurden wir aus dem Schulleben gerissen, weshalb wir nichts mit dem ganzen Abschlussball- oder Ballköniginnen-Kram zu tun bekamen. Es war aber schon aufregend. Wir waren sehr brav und konzentriert für einen Haufen Kids.“

Da sie alle im selben Maße fromm waren, beteten die Mädchen zu Gott, dass er ihnen einen Plattendeal bescheren solle. Die Situation der Mädchen erinnerte an die ähnlich strikt geregelten Anfänge der Jackson Five. „Wir nannten Mathew ‚Joe Jackson‘“, gab LaTavia zu. „Er war sehr streng. Beyoncé war die einzige, die mutig genug war, sich gegen ihn zu stellen.“ LaTavia, die Mathews Ansatz gegenüber vermutlich am kritischsten eingestellt war, meinte außerdem: „Wir arbeiteten echt hart. Immer nur proben, proben, proben. Es gab da uns vier Mädchen, und er war unser Drill-Sergeant. Als es Sommer war, holte er uns in ein Camp bei sich zuhause in Houston. Er weckte uns früh am Morgen auf und fuhr uns in den Herman Park. Da gab es eine dreieinhalb Meilen [5,6 km] lange Laufstrecke. Wir mussten singen, während wir liefen. Dann fuhren wir zurück zum Haus und probten. So sahen unsere Tage aus, sieben Tage die Woche. Rückblickend hat uns diese harte Arbeit unsere Kindheit gekostet. Aber damals konzentrierten wir uns darauf, unseren Traum zu leben.“







Im Alter von 13 kam Beyoncé an die angesehene Houston School for the Performing and Visual Arts. Die Fotos aus ihrem Jahrbuch zeigen sie, wie sie zu einer natürlich schönen, jungen Frau erblüht ist. Mit ihrer makellosen Haut, dem strahlenden weißen Lächeln und den geflochtenen Haaren wäre sie auch leicht als Model durchgegangen. Jedoch war ihr die Musik stets wichtiger gewesen als ihr Aussehen, und während sie und die anderen Mädchen ihre Schulkarriere fortsetzten, setzte Mathew alles daran, ihnen Auftritte als Vorgruppe vor etablierteren R&B-Gruppen zu besorgen.

Endlich begann sich sein Aufwand auszuzahlen: Sie wurden zu mehreren Vorsingen von Plattenfirmen eingeladen, unter anderem auch bei Elektra Records, wo sie Darryl Simmons kennenlernten. Grobkörnige Videoaufnahmen von dieser Vorführung zeigen die vier Mädchen in beigen Jeans und schwarzen Trägerhemdchen, wie sie eine hübsch choreografierte Tanznummer zu ihrem Song „Wide Open“ performen. Alles in allem klang ihr Gesang nun um einiges tighter, wodurch sie geschliffener und erwachsener wirkten.

Nachdem sie sich jahrelang hatten abrackern müssen, waren die Girls und Mathew absolut begeistert, als Darryl eine Schlüsselfigur bei Elektra, Sylvia Rhone, die bereits die extrem erfolgreichen En Vogue unter Vertrag genommen hatte, hinzuzog. So wie die meisten, die die Gruppe hörten, fand auch sie, dass Beyoncés Stimme hervorstach, und beauftragte Darryl, den Mädchen einen Vertrag zu geben – und Beyoncé ins Zentrum zu rücken.

Nur kurze Zeit später wurde die Band nach Atlanta geflogen, von wo aus Darryl arbeitete, und ins Studio geschickt, wo sie an den Gesangsspuren für ein Album arbeiten sollten. Sie waren gemeinsam mit Darryls Assistenten in einem kleinen Haus untergebracht. Der Trip verströmte das Flair eines Ferienlagers, allerdings verpassten die Mädchen auch viele Schultage. Da dies die Eltern beunruhigte, wurden Privatlehrer engagiert. Nach ein paar Monaten zeichnete sich jedoch eine Katastrophe ab. Es war noch kein Datum für die Veröffentlichung besprochen worden und es schien, als würde Elektra die Entscheidung auf die lange Bank schieben wollen. Schließlich flatterte ein Brief von einem hohen Tier beim Label ins Haus, der die Gruppe davon unterrichtete, dass man die Band fallen lassen würde. Das Magazin Essence berichtete, dass die Entscheidungsträger einen dramatischen Sinneswandel durchlaufen hätten und nun denken würden, dass die Mädchen „zu jung“ und „zu ungeschliffen“ seien, um den nächsten Schritt setzen zu können. Die Frustration darüber, vorzeitig abgesägt zu werden, saß tief, wie Beyoncé Jahre später der Zeitschrift Q anvertraute: „Wir dachten, dass die Welt untergehen würde.“ 2002, auf dem Zenit ihres globalen Erfolgslaufs angelangt, blickte Kelly augenzwinkernd zurück: „Ich hoffe, dass derjenige bei Elektra, der entschieden hat, uns in die Wüste zu schicken, die Grammy-Preisverleihung von 2000 mitverfolgt hat.“

Zurück in Houston motivierten die enttäuschenden Neuigkeiten Mathew zu einem drastischen Schritt. Er kündigte seinen hochdotierten Job, um sich als Manager nun ausschließlich um die Belange der Band kümmern zu können. „Der ausschlaggebende Moment war, als sie von Elektra fallen gelassen wurden“, sagte er. „Ich kündigte meinen Job, und alle dachten, ich hätte sie nicht mehr alle.“ Mathews Hingabe an seinen Beruf war bereits seit längerer Zeit dahingeschwunden. „Ich war 20 Jahre im Geschäftsleben gewesen und 18 davon waren phänomenal gewesen“, erzählte er in Empower. „Aber die letzten beiden Jahre fehlte mir die Leidenschaft und ich spürte, wie ich einen Wandel durchlief.“ Sein Beschluss, diese Welt hinter sich zu lassen, wurde ihm erleichtert, als bekannt wurde, dass seine Co-Managerin Andretta zusehends von ihrer Lupus-Erkrankung geschwächt wurde.

Er traf auch noch eine weitere einschneidende, für die Zukunft der Gruppe wegweisende Entscheidung. Da er fand, dass der Name „Girls Tyme“ zu jung klang, war es an der Zeit, die Band mithilfe eines anderen Namens neu zu erfinden. Unter den Vorschlägen fanden sich „Somethin’ Fresh“ und „Borderline“, aber nichts passte so recht – ebenso wenig wie „Cliché“ oder „Da Dolls“. Schließlich wurde „Destiny“ in die Runde geworfen, doch der Name war bereits vergeben. Letztlich einigte man sich auf „Destiny’s Child“. Beyoncé erklärte im Magazin Interview, wie es dazu gekommen sei: „Immer, wenn ich wegen etwas verwirrt bin, frage ich Gott, mir die Antworten auf meine Fragen zu schenken – und er tut es. So fanden wir unseren Namen – wir schlugen die Bibel auf und da stand das Wort ‚Destiny‘.“ LaTavia führte weiter aus: „Eines Tages wollte Beyoncés Mom gerade in der Bibel lesen und schlug sie auf, um eine Stelle im Buch Jesaja zu lesen. Da fiel ihr ein Foto von uns hinunter und an der Stelle, an der es landete, stand in fetten Lettern das Wort ‚Destiny‘. Wir spürten, dass Gott uns diesen Namen schickte, fanden aber heraus, dass bereits viele Gruppen so hießen, deswegen ergänzten wir noch ‚Child‘, um eine Art Wiedergeburt von ‚Destiny‘ anzudeuten.“

Obwohl jeder von ihrer neuen Ausrichtung begeistert war, hatte Mathews abrupter Ausstieg aus seinem Beruf auch ernsthafte Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Familie Knowles. Seine Opferbereitschaft für Beyoncés Sache war jedoch so groß, dass er und Tina gemeinsam beschlossen, das Haus der Familie zu verkaufen, um die finanzielle Belastung zu senken. „Wir übersiedelten vom Haus in ein Apartment“, erzählte Beyoncé. „Statt drei Autos hatten wir nun zuerst noch zwei, dann nur mehr eines.“ Tina war der Meinung, dass die Strapazen für die Familie nur schwer zu ertragen gewesen seien, wie sie in einem ehrlichen Interview mit CBS enthüllte: „Es war sehr stressig, weil wir zuerst zwei echt gute Einkommen hatten und dann nur mehr eines. Wir mussten uns mit weniger Wohnfläche begnügen, unsere Autos verkaufen. Es war eine echt schwere Zeit für uns.“ Wenig überraschend stellten viele Freunde des Ehepaars ihre Entscheidung in Frage und Tina gab zu: „Die Leute hielten uns für durchgeknallt, sie dachten wirklich, wir wären verrückt geworden.“

Die Schwierigkeiten nahmen vorerst kein Ende, als sich die Familie plötzlich mit steuerlichen Problemen konfrontiert sah. „Irgendwie begann alles auseinanderzufallen“, berichtete Tina im Rolling Stone. „Wir mussten unser Haus für viel weniger als das, was wir mit ausreichend Zeit dafür bekommen hätten, verkaufen. Es war sehr emotional, weil meine Kinder in diesem Haus aufgewachsen waren und sie nun überhaupt nicht glücklich waren.“ Als Mathew herausfand, dass der Vormieter ihres neuen Apartments im Badezimmer Selbstmord begangen hatte, machte das die chaotische Lage nicht gerade besser. LaTavia erinnerte sich später an die neuen Lebensumstände der Knowles: „Mathew und Tina teilten sich ein Zimmer und Beyoncé, ihre Schwester Solange und Kelly teilten sich das andere. Sie hatten zwei Einzelbetten mit einem Ausziehbett darunter. Rückblickend war das alles sicher sehr stressig für die Familie.“

Um zu etwas mehr Geld zu kommen, ließ Tina ihren Haarsalon länger offen, während Mathew sich für ein paar Monate verabschiedete, um eine Fortbildung in puncto Künstler-Management zu machen – womit er den Grundstein für seine eigene Multi-Millionen-Dollar-Firma, Music World Entertainment, legte. Mathews Entscheidung, seine Tochter und ihre Freundinnen als Manager zu betreuen, war inspiriert gewesen von einer Geschichte, die er über Berry Gordon, den Präsidenten von Motown Records, gehört hatte. Berry hatte unvorstellbaren Erfolg, indem er praktisch alle Geschäfte von seinem eigenen Studio in Detroit aus abwickelte – er managte seine Acts, nahm sie auf und veröffentlichte und vermarktete sie selbst. Er behielt die Fäden in der Hand. Er bemühte sich außerdem, seinen Künstlern zu zeigen, wie sie sich benehmen, kleiden und bewegen sollten. Tatsächlich erklärte er ihnen, wie sie Superstars werden würden.

Der Kampf, Beyoncés Karriere in Gang zu kriegen, war höchst beschwerlich und hatte zur Folge, dass Mathew und Tina sich eine Zeit lang trennten. Tina erzählte CBS: „Wir gingen damals auseinander, weil mir vorkam, dass er ein wenig zu besessen war. Ich hatte nie Zweifel daran, dass sich der Erfolg einstellen würde, aber ich sagte ihm, dass er nicht einfach so die Welt auf den Kopf stellen könnte, sich auf diese Sache stürzen und sich nicht länger um seine Familie kümmern könnte.“ Als sie im Rolling Stone noch detaillierter auf die damalige Situation einging, fügte sie noch hinzu: „Zum damaligen Zeitpunkt kamen wir einfach nicht miteinander aus. Ich hatte das Gefühl, dass Mathew besessen war und sich besser einen Job hätte suchen sollen … Es ging uns einfach elend.“

So wie für jedes Kind war auch für Beyoncé die Trennung ihrer Eltern ein traumatisches Erlebnis. Später sagte sie dazu: „Es war eine so schmerzhafte Zeit, dass ich viele Erinnerungen daran aus meinem Kopf gelöscht habe.“ Sie suchte Halt bei ihrer Kirchengemeinschaft und man sah sie oft in der St. John’s Kirche, wie sie weinend ins Gebet versunken war. Als ihr alles zu viel wurde, legte sie sich ein Mantra zu, das sie immer und immer wiederholte, um mit ihrer Situation zurechtzukommen: „Gott hat einen Plan und Gott hat alles unter Kontrolle.“ Es half ihr, sich zu beruhigen, und wurde zu einem Motto, das sie seitdem durch ihr Leben begleitet.

Ihr christlicher Glaube half ihr auch dabei, die gelegentlichen Höhen und Tiefen ihrer Band zu verarbeiten. COSMOgirl erzählte sie vom ersten Mal, als sie die Gegenwart Gottes gespürt habe: „Ich war innerhalb der Gruppe so etwas wie die ‚Mutti‘ – wenn es Spannungen gab, jemand log oder jemandes Gefühle verletzt wurden, ging mir das sehr zu Herzen. Ich stand unter Stress, weil ich wusste, dass die Band durchdrehte. Ich konnte nicht mehr schlafen und ich bekam einen Ausschlag im Gesicht. Eines Tages in der Kirche weinte ich und mit einem Mal ließ ich einfach alles los. Es war, als würde Gott sagen: ‚Überlasse es einfach mir.‘ Der ganze Druck fiel von mir ab … Nachher war ich 20 Minuten lang im Reinen mit allem. Als würde ich schweben.“

Obwohl sie die Trennung ihrer Eltern sehr bekümmerte, wurde sie dadurch nur noch entschlossener, für Destiny’s Child die Anerkennung, nach der sie sich so sehnten, zu erringen. Ein Trip nach San Francisco, wo sie 1996 ein paar Demos aufnehmen wollten, läutete schließlich ihren finalen Durchbruch ein. Nachdem sie die Tapes an Dutzende einflussreiche Personen verschickt hatten, meldete sich bei ihnen ein Musiker namens D’wayne Wiggins aus Oakland, Kalifornien, dem das Gehörte zusagte, was ihn schließlich dazu veranlasste, die Band im Handumdrehen für seine Firma, Grass Roots Entertainment, unter Vertrag zu nehmen. In einem späteren Interview mit der Website von Soul Train sprach er über die so wichtige Entscheidung, der Band eine Chance zu geben: „Die größte Erfahrung meines Lebens in Bezug auf das Geschäft war es, Destiny’s Child unter Vertrag zu nehmen und sie zu entwickeln. Diese jungen Ladys waren ein paar erwachsene Damen in den Körpern von jungen Mädchen. Sie waren fokussiert und hatten Weitblick.“

Als Teil seines Investments in die Band ließ D’wayne sie in ein Haus mit sechs Schlafzimmern in Oakland in der Nähe seines Studios einziehen, um ihnen damit zu ermöglichen, ihre Musik zu schreiben und aufzunehmen. Erneut war Schule kein Thema und Privatlehrer kamen ins Spiel, damit sie ihren Stundenplan um die Musik herum arrangieren konnten.

Beyoncé blühte in dieser Umgebung auf und es gelang ihr, D’wayne schwer zu beeindrucken. „Ich kann mich daran erinnern, dass ich gerade den Gesang arrangierte und Beyoncé hinterm Mikro stand. Ich schlug ihr eine Harmonie vor und sie antwortete darauf mit einer Vielzahl von Harmonien und Melodien, die mich umhauten. Sie tanzte und warf ihre Haare herum, als würde sie gerade ein Konzert geben.“ Er fügte hinzu: „Ich war für die Produktion zuständig und ich war ein Fan. Es war eine wunderbare Erfahrung, die Familie kennenzulernen – Tina, Mathew und Solange –, und ich spürte das Vertrauen und den Respekt. Ich dachte mir stets: ‚Wow, sie vertrauen mir ihre Kinder an, damit ich nach ihnen sehe und sie produziere und mich außerdem darum kümmere, dass ihr Unterricht nicht auf der Strecke bleibt.‘“

Obwohl D’wayne sich darum kümmerte, dass Beyoncé brav lernte, hat sie nie ihren Highschool-Abschluss gemacht, da die Band ihr Leben beherrschte. Dennoch war das nur ein geringer Preis für das, was ihr noch bevorstand. Da das Interesse, das D’wayne der Gruppe entgegenbrachte, ihnen noch mehr Credibility verlieh, flogen Destiny’s Child 1997 nach New York, um erneut für Terese LaBarbera Whites vorzusingen, die immer noch für Columbia Records, wo auch Bruce Springsteen, Michael Jackson und Mariah Carey unter Vertrag standen, tätig war. Wie Beyoncé später in Soul Survivors, der Autobiografie von Destiny’s Child, zugab, war das ihre letzte Chance, und sie konnten es sich einfach nicht leisten, sie noch einmal ungenutzt zu lassen.

Es verhieß eigentlich nichts Gutes, dass der Konferenzraum, der für das Vorsingen zur Verfügung gestellt wurde, nicht groß genug für die Begleitmusiker und ihre Instrumente war, was zur Folge hatte, dass die vier Mädchen sich auf die einschüchternde Herausforderung einlassen mussten, a cappella zu singen. Es gelang ihnen jedoch zum Glück, perfekte Versionen von Bill Withers’ „Ain’t No Sunshine“ sowie ihres eigenen Tracks „Are You Ready?“ abzuliefern. Allerdings ließ Teresa die Mädchen in puncto Feedback erst einmal im Dunkeln. Sie reisten zurück nach Houston und hatten keinen Schimmer, wie es nun weitergehen würde. In Wahrheit aber war Teresa ganz hin und weg, wie sie viele Jahre später betonte: „Beyoncé ist eine unglaubliche Künstlerin, Songschreiberin, Produzentin und Performerin – sie hat einfach alles drauf. Ich kenne sie bereits seit ihrer Kindheit und habe ihr dabei zugesehen, wie sie zu der legendären musikalischen Urgewalt, die sie heute ist, heranreifte. Ich weiß nicht, ob es irgendetwas Cooleres gibt.“

Die quälend langen Wochen des Wartens hatten zur Folge, dass Beyoncé und die Mädchen an nicht viel anderes denken konnten. Die Nachricht, dass ihnen Columbia einen Vertrag anbieten wollte, ereilte die Mädchen nicht ganz unpassenderweise in Tinas Haarsalon. Tina hatte den Brief der Plattenfirma neckisch in einen Umschlag mit dem Logo eines lokalen Diners namens Luby’s gesteckt. Als Beyoncé ihn nun in die Hand gedrückt bekam, ging sie davon aus, dass es sich bloß um einen Essensgutschein handeln würde. Als sie den Inhalt des Umschlags durchlas, verschlug es ihr beinahe den Atem und erst recht die Sprache. „Wir fingen an, zu schreien und zu weinen, mitten im Salon“, erinnerte sie sich in Soul Survivors. Die Damen unter den Trockenhauben sahen uns an, als ob wir verrückt wären, weil sie nicht hören konnten, warum wir so schrien. Wir liefen durch den Laden, sprangen auf und ab, hielten den Vertrag in die Luft, damit ihn alle Kundinnen sehen konnten.“

Ganz anders als damals mit Elektra sollte es von dem Moment an, in dem sie auf der gepunkteten Linie unterschrieben, so richtig losgehen. Da sie nach so vielen Tagen in diversen Studios schon etliche Songs geschrieben hatten, konnte sich die Band sofort an die Arbeit an ihrer ersten Veröffentlichung machen. „Killing Time“ war eine Ballade, die schließlich auf dem Soundtrack des Films Men in Black landete und im Juli 1997 herauskam.

Mit Yvette Noel-Schure wurde der Gruppe von Columbia auch ihre erste Presseagentin zugeteilt. Sie sollte vor allem später eine wichtige Rolle im Team um Beyoncé spielen. Yvette erinnerte sich gegenüber Out an ihr erstes Treffen mit der Sängerin: „Ich sah eine sehr akribische 14-Jährige. In diesem Alter schon so abgeklärt zu sein … ich erinnere mich, dass ich sagte, dass das genau mein Projekt sei und ich mit diesen Mädchen die beste Zeit meines Lebens haben würde.“ Sie sagte außerdem: „Das ist es, an das ich mich für immer bezüglich Beyoncé erinnern werde: Sie hört einem genau zu. Sie sieht dir in die Augen, wenn sie mit dir spricht … Damals sagte sie noch andauernd ‚Ja, Ma’am, ja, Ma’am‘ zu mir, aber sie sah mir dabei immer geradewegs in die Augen. Es schien, als würde sie dabei nie zwinkern. Sie hörte einem zu … ich erkannte ihren Mut. Bis heute ist es dasselbe, wenn man mit ihr spricht. Ich sage immer zu ihr: ‚Wow, du machst das immer noch.‘“

Sie begannen mit der Arbeit an ihrem Debütalbum, das unter dem Namen Destiny’s Child herauskommen sollte, und ein Datum für die Veröffentlichung wurde ins Auge gefasst. Im Wissen, dass Image alles war, instruierte Teresa ihr Team, sich auf die Suche nach geeigneten Tracks zu machen, die die Band nicht zu „girliehaft“ oder infantil rüberkommen lassen würden. Auch Mathew war es ein Anliegen, dass die Girls nicht als Teenager-Band wahrgenommen würden, weshalb sie monatelang vortäuschten, zwei Jahre älter zu sein. Als sie von Black Beat 1998 nach ihrem Alter gefragt wurde, antwortete Beyoncé: „Wir wissen es nicht! Ich scherze nur. Eigentlich sind wir Teenager. Der einzige Grund, weshalb wir es nicht sagen, ist, dass sich ältere Leute nicht so für uns interessieren würden, wenn sie herausfänden, wie alt wir sind. Unsere Musik ist abwechslungsreich und älteren Menschen könnte sie auch gefallen, weshalb wir uns lieber nicht in eine Schublade stecken lassen möchten.“

Eine der ersten Nummern, die sie aufnahmen, „No, No, No“, war ursprünglich als erste Single vorgesehen, wurde aber schließlich als zu langsam befunden. Der angesehene Rapper Wyclef Jean von den Fugees wurde daraufhin damit beauftragt, einen schneidigeren Sound zu garantieren, was dazu führte, dass der mittlerweile in „No, No, No Part 2“ umbenannte Song Anfang 1998 Platz drei in den amerikanischen Charts sowie Platin erreichte. In Großbritannien landete der Song auf Nummer fünf und in Kanada auf Platz sieben. Ganz schön beeindruckend für eine brandneue Gruppe, die sich in einem heiß umkämpften Genre betätigte. Beyoncé erzählte später eine heitere Anekdote davon, wie sie die Single zum ersten Mal im Radio hörte, als sie gerade mit Kelly und ihrer Schwester Solange im Auto unterwegs war. Nachdem sie angehalten hatten, sprangen die beiden Bandmitglieder aus dem Wagen und fingen an, um das Fahrzeug herumzulaufen, während sie ihren Song mitsangen. Solange war zuerst ganz verwirrt, wie sich Beyoncé erinnerte: „Aber dann ließ sie ihre Tasche und ihre Bücher fallen und schloss sich uns an. Es war ein echt cooles Erlebnis.“

Gleichzeitig bedeutete der lang herbeigesehnte Umschwung auch, dass der Druck, der auf Beyoncés Eltern lastete, nachließ. Dies führte dazu, dass sie sich versöhnten und Mathew wieder zurück in das enge Apartment zog. Tina war begeistert vom Durchbruch der Mädchen und war von nun an durchgehend mit dem Styling der Gruppe beschäftigt, die praktisch im Wochentakt neue Outfits benötigte. In puncto Auftreten gab es allerdings Meinungsverschiedenheiten zwischen Tina und dem Label. „Ich wollte immer, dass die Mädchen glamourös aussehen“, erzählte Tina Texas Monthly. „Aber die längste Weile verstand uns niemand bei Columbia. Sie sagten: ‚Tina, diese Mädchen sehen so nach Texas aus. Kannst du nicht beim Make-up, den auffälligen Frisuren und den High-Heels einen Gang zurückschalten?‘ Aber ich liebe diese Frisuren und das Make-up. Wir sind hier anders als irgendwo sonst auf der Welt. Die Frauen hier sind so gut ausgestattet.“

Abgesehen von Styling-Fragen war es Tina auch wichtig zu verhindern, dass der aufkeimende Erfolg ihrer Tochter zu sehr zu Kopfe stieg. Diese mütterliche Besorgnis führte zu einer amüsanten öffentlichen Episode, die von da an im Knowles-Clan als „die Backpfeife“ bekannt sein würde. Es passierte, als die Familie einen Ausflug in einen Musikladen unternahm, wo „No, No, No Part 2“ im Radio gespielt wurde. Tina versuchte, ihrer Tochter etwas mitzuteilen, worauf­hin diese lauthals mit dem Radio mitsang, um sie effektiv übertönen zu können. Beyoncés Mutter wurde stinksauer. Später erinnerte sich die Sängerin in Piers Morgans Show auf CNN an diesen Vorfall: „Sie scheuerte mir ein paar, sodass mir Hören und Sehen verging, und schickte mich zurück ins Auto.“ Tina machte ihr eindringlich klar: „Mir ist es egal, ob einer deiner Songs im Radio läuft. Du bist mein Kind und du hast mich mit Respekt zu behandeln.“ Tina erzählte in der Elle, was danach passiert war: „Mein Mann kam zu mir und sagte: ‚Tina! Sie hat einen Song an der Spitze der Charts!‘ Ich sagte daraufhin: ‚Das ist mir schnuppe!‘“ Ihre eigene Mutter hatte ihr bereits einzutrichtern versucht, dass es die inneren Werte seien, auf die es ankam. Beyoncé erzählte dem Daily Telegraph in Bezug auf diesen Zwischenfall: „Es war das Beste, das sie tun konnte, da mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich aus den Augen verlor, was wirklich wichtig war.“

Nachdem Beyoncé ihre Lektion auf die harte Tour hatte lernen müssen, kam im Februar 1998 schließlich das Album Destiny’s Child in die Läden – 36 Monate nachdem sie begonnen hatten, am Material für ihr Debütalbum zu arbeiten. Und trotz all des schweißtreibenden Aufwands, der hinter diesem Meilenstein steckte, war Beyoncé gerade erst einmal 16 Jahre alt. Black Beat erzählte sie: „Es dauerte zweieinhalb Jahre, das Album fertigzustellen. Wir nahmen 33 Tracks auf, von denen letztlich 13 auf dem Album landeten.“ Sie fügte noch hinzu: „Früher hatten wir uns noch gewundert, warum alles so lang zu dauern schien, aber dann realisierten wir, dass Gott einen Plan für uns hatte. Anders als andere Gruppen sind wir zusammen aufgewachsen und lieben einander. Im Herzen sind wir Schwestern.“

Obwohl die Rezensionen gemischt ausfielen, schienen die Kritiker den neuesten Zuwachs der R&B-Szene willkommen zu heißen, und das Album verkaufte sich vorerst eine halbe Million Mal. Zwar keine Zahl, die die Welt aus den Angeln hob, aber durchaus genug, um das Label bei der Stange zu halten.

Die nächsten paar Monate verliefen turbulent für die Band. Die Mädchen gingen nicht nur mit Wyclef Jean auf Tour und spielten Shows mit Dru Hill, LL Cool J und Run-DMC, sondern reisten auch international, stiegen in Luxushotels ab und trafen auf Fans, die sie anhimmelten und sie schon bald mit dem Kürzel „DC“ bedachten. Aber der größte Beweis für ihren wachsenden Status war, dass die mittlerweile leider verstorbene Whitney Houston sie einlud, auf ihrer Party zu ihrem 35. Geburtstag im August 1998 in New York aufzutreten. Sie kratzten ihr ganzes Geld zusammen, um sich neue, aufeinander abgestimmte Outfits zu kaufen, und als sie auf der Feier aufkreuzten, fühlten sich viele der Gäste an die Supremes erinnert – ein großes Kompliment für die Girls.

Weitere Aufeinandertreffen mit Megastars sollten folgen, darunter etwa mit der ultimativen Diva des R&B, Mariah Carey – eine Begegnung, die sie alle, wie Kelly meinte, „erstarren“ ließ. Für die Mädchen war Mariah ein Idol. Beyoncé konkretisierte das auf VH1: „Es fühlt sich für mich an, als würde Mariah Careys Stimme von Gott kommen.“ Einer der Smash-Hits der Sängerin, „Vision Of Love“, hatte Beyoncé, die bei der Veröffentlichung des Songs 1990 gerade einmal acht Jahre alt gewesen war, zutiefst beeindruckt. „Ich hörte all diese Gesangsmotive und dachte mir: ‚Wie macht sie das bloß?‘ Die Anzahl der Noten, die sie in einen kleinen Takt packen konnte, faszinierte mich, weshalb ich ebenfalls anfing, das zu versuchen. Sie hat mich total inspiriert.“

„Get On The Bus“, ein Song, bei dem Destiny’s Child vom Rapper Timbaland unterstützt wurden und der auch im Film Why Do Fools Fall In Love mit Halle Berry zu hören war, wurde 1998 ihre nächste Hit-Single. Dann luden die phänomenal erfolgreichen Boyz II Men die Gruppe um Beyoncé ein, sie auf dem ersten Abschnitt ihrer ausverkauften Evolution-Tour als Support-Band zu begleiten. LaTavia erinnerte sich daran: „Auf Tour zu sein, war ein sehr intensives Gefühl. Wir waren Mädchen, die gerade die Pubertät durchmachten. Unsere Hormone spielten verrückt. Den Terminplan einzuhalten, war sehr anstrengend … spät ins Bett und früh wieder auf.“

Die Mädchen, die sich erst gerade daran gewöhnten, länger von zu Hause weg zu sein, teilten sich die Hotelzimmer je nach jeweiliger Stimmung und Laune. „Eine Woche schlief ich bei Beyoncé, die nächste dann bei Kelly, dann wieder bei LeToya“, sagte LaTavia. Über die unterschiedlichen Temperamente der Mädchen meinte sie: „LeToya war der Spaßvogel, ich war der Frechdachs, Beyoncé die Mama und Kelly das Sensibelchen. Wenn wir einen Film anguckten, war sie die erste, die weinte.“ Tatsächlich war Kelly so ein sanftes Gemüt, dass sie die erste war, die unter dem Druck an der Spitze zu leiden begann – vor allem dann, wenn es ihr nicht gelang, den hohen Ansprüchen Mathews zu genügen. Nach einem sehr früh angesetzten Gig in Atlanta, bei dem sie eine Reihe von Tanzschritten versemmelt hatte, soll er ihr eine epische Standpauke gehalten haben: „Wo warst du heute Abend, Kelly? Ich habe gesehen, wie du zwölf Schritte verhaut hast.“ Kelly war am Boden zerstört. LaTavia erzählte im Daily Mirror: „Mathew nahm sich kein Blatt vor den Mund, und eine solche Kritik kann hart sein, wenn man ein kleines Mädchen ist. Wir gaben uns Mühe, nicht daran zu zerbrechen. Aber Kelly war so sensibel und manchmal lief sie auf ihr Zimmer, um zu weinen.“ Und doch hatte sein oftmals brutaler Management-Stil keinen negativen Einfluss auf ihre Loyalität ihm gegenüber. Der Zeitschrift Vibe teilte sie etwa mit: „Er ist mein Held. Mathew hat so viel für uns geopfert. Er hätte mich nicht in die Band aufnehmen müssen. Auch hätte er nicht sein Haus und seine Autos für uns verkaufen müssen. Er hätte nicht sein Leben für Destiny’s Child aufgeben müssen.“

Da das Label spürte, dass der große Megaseller sich demnächst einstellen würde, ließ Columbia die Band ihr nächstes Album, The Writing’s On the Wall, in gerade einmal zwei Monaten aufnehmen. In ihrer Rolle als Glücksbringerin der Band und als jemand, der unter enormem Druck aufblüht, schrieb und co-produzierte Beyoncé 17 Tracks und ließ sich dabei von Künstlern wie She’kspere, Timbaland und Missy Elliott unterstützen. Die Songs – beinahe alle stammten zumindest teilweise von ihr – repräsentierten zunehmend reifere Sichtweisen, wobei sich viele der Songs der Thematik der Gleichberechtigung annahmen, was auch in Zukunft eines ihrer Schlüsselthemen bleiben würde. Nachdem sie im Song „Hey Ladies“ die Frage gestellt hatte: „Why is it that men can go do us wrong?“, betonte sie in einem Interview: „Dieses Album zeigt auf, was in einer Beziehung passiert, wenn sich Leute auf eine gewisse Weise behandeln. Es zeigt wirklich, was da vor sich geht.“ Im Interview mit der Zeitschrift Texas Music reflektierte sie über die Veränderung der Girls zwischen ihren beiden Alben: „Zwischen 16 und 18, also in der Zeit, in der wir unsere beiden Alben aufgenommen haben, entwickelt man sich enorm. In diesem Zeitraum wächst man vom Mädchen zu einer jungen Frau heran. Es war ganz natürlich für uns, reifer zu werden – und das hört man auch an unserer Musik.“

Interessanterweise stand Beyoncé auf dem Cover des Debütalbums noch am äußeren Rand der Fotografie und wirkte leicht unsicher, während die anderen drei breit in die Kamera grinsten. Für das Artwork von The Writing’s On the Wall posierte sie nun an vorderster Front, dominierte dadurch das Porträt und wirkte um einiges selbstbewusster.

Die im Juli 1999 veröffentlichte neue CD sprühte vor R&B-Beats und ehrgeiziger Harmonien, was ihnen Vergleiche mit En Vogue eintrug – einer Gruppe, die sie immer schon geliebt hatten. „Man vergleicht uns mit ihnen, was wunderbar ist“, schwärmte Beyoncé in der Washington Post. „Sie haben großartige Songs und Tanzeinlagen. Wir sahen ihnen zu und taten so, als wären wir sie.“

Erfreulicherweise für Destiny’s Child wurde The Writing’s On the Wall zu einem globalen Triumph. In die Billboard-Charts stieg das Album gleich auf Position sechs ein und verkaufte sich in der ersten Woche nach der Veröffentlichung gleich 132.000 Mal. Bevor das Jahr 1999 vorüber war, hatte es sich noch eineinhalb Millionen Mal verkauft und den Mädchen außerdem gleich sechs Grammy-Nominierungen eingebracht – sie sollten in immerhin zwei Kategorien, „Best R&B Performance by a Group with Vocals“ und „Best R&B Song“, auch tatsächlich die Trophäe mit nach Hause nehmen. Zusätzlich platzierte Billboard das Album noch im Countdown seiner Top 200 des gesamten Jahrzehnts auf Platz 39. Im Jahr 2000 verkaufte sich das Album 3,8 Millionen Mal und brachte vier Hits hervor – darunter „Say My Name“ und „Bills, Bills, Bills“, eine Kritik an Männern, die ihre Frauen finanziell ausnützen, indem sie ihre Kreditkarten überzogen und das Benzin in ihren Autos aufbrauchten.

Obwohl alles so fabelhaft lief, war die Annahme, dass sich ihr Erfolg praktisch „über Nacht“ eingestellt hatte, ein Ärgernis für die Mädchen. Beyoncé rückte damals in einem Interview bereitwillig die Fakten gerade: „Die meisten Leute kapieren nicht, dass wir wirklich unser Leben dieser Sache verschrieben haben. Ein paar Leute in Houston sagten gerne, dass wir verrückt wären zu versuchen, einen Plattendeal zu bekommen, weil es von dort noch nie irgendwer wirklich geschafft hätte. Aber wir sind der Beweis, dass man alles, was man sich vornimmt, auch erreichen kann. Das ist erst der Anfang für uns, das könnt ihr mir glauben.“

Damals, als Beyoncé und die Girls so auf der Erfolgswelle dahin­glitten, wäre es schwer gewesen vorherzusagen, dass sich in Kürze massive Schwierigkeiten anbahnen würden. The Writing’s On the Wall würde für die Gruppe, die gerade erst in diese Sphären vorgedrungen war, die letzte gemeinsame Leistung in dieser Größenordnung sein.







Die Stimmung im Lager von DC kippte schließlich Ende 1999, Anfang 2000 – während einer Phase, die Beyoncé als „den Wandel“ bezeichnet. Alles begann zwei Wochen vor einem anberaumten Videodreh für den Song „Say My Name“, der sich ironischerweise als größter Hit von Destiny’s Child herausstellen sollte. Komplett unerwartet schrieben LeToya und LaTavia – beide waren unlängst 18 geworden – am 14. Dezember jeweils einen Brief an Mathew, in dem sie ihm mitteilten, dass sie in Zukunft auf seine Dienste als Manager verzichten wollten. Es wurde weithin kolportiert, dass sie ihm vorwarfen, er hätte es verabsäumt, ihnen gleich große Anteile an den Profiten der Band zukommen zu lassen. Sie hatten schlicht und einfach das Gefühl, gegenüber Beyoncé und Kelly benachteiligt zu werden. Somit kam es zu einem Bruch zwischen den beiden Mädchen, die im Haushalt der Familie Knowles lebten, und den anderen zwei Mitgliedern der Band. Versuche, den Disput einvernehmlich zu klären, schlugen fehl, wie Beyoncé später in Q erzählte: „Wir versuchten alles. Beratungsgespräche mit unserem Jugendpastor etwa. Zimmertausch. Aber wir waren in zwei Lager zerbrochen. Unsere Vorstellung von der Band war eine andere als ihre.“ Beyoncé bestand stets darauf, dass jedes Mitglied seine fairen 25 Prozent des Kuchens bekommen habe, und letztlich schien auch LaTavia einzuräumen, dass dem so gewesen sei. „Ich sage nicht, dass die Lohnschecks sich unterschieden hätten“, diktierte sie schließlich dem Daily Mirror, „aber die Dinge wirkten einfach unfair. Beyoncé und Kelly hatten Autos … Und Mathew redete viel verrücktes Zeug, Sachen wie: ‚Ihr solltet alle froh sein, dass ich euch überhaupt Geld gebe.‘“

Nachdem das Tuch zwischen den Parteien erst einmal zerrissen war, wurde entschieden, dass LeToya und LaTavia die Band verlassen würden – obwohl Mathew darauf beharrt, dass er sie nicht gefeuert habe, sondern dass sich aus ihrer Bitte, den Manager zu verlassen, auch der Wunsch, Destiny’s Child zu verlassen, abgeleitet hätte. Diese schockierende Entwicklung traf die 18-jährige Beyoncé zweifellos sehr hart. „Es war eine sehr aufreibende Zeit für Kelly und mich“, gestand sie Q. „Wir waren deprimiert und gekränkt.“ Beyoncé, die in der Gruppe stets liebevoll „Mom“ genannt worden war und sich immer um den Frieden zwischen den Girls gekümmert hatte, gab zu, dass sie so wütend darüber war, ihre Kindheitsfreundinnen zu verlieren, dass es ihr das Herz brach. „Ich blieb buchstäblich zwei Wochen lang in meinem Zimmer und bewegte mich nicht. Es fühlte sich an, als ob ich nicht atmen könnte“, erzählte sie im Gespräch mit Vibe im Jahr darauf. „Ich hatte einen Nervenzusammenbruch, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Es tat so schrecklich weh.“

Allerdings durfte keine Zeit verschwendet werden, da ja schließlich schon bald eine neue Single veröffentlicht und ein neues Video abgedreht werden sollte. Die ehemalige Hintergrundsängerin Michelle Williams, 19, Farrah Franklin, 18 Jahre alt und eine der Tänzerinnen aus dem Video zu „Bills, Bills, Bills“, wurden rasch als Ersatz für LaTavia und LeToya rekrutiert. Die neu formierte Gruppe nahm also das Video „Say My Name“ auf. Aber das war noch lange nicht das Ende der Affäre. LeToya und LaTavia sagten nämlich, erst begriffen zu haben, dass sie aus der Band geflogen seien, als sie fünf Wochen später das fertige Video zu Gesicht bekommen hätten. In weiterer Folge reichten die beiden eine Klage gegen Beyoncé, Kelly und Mathew ein und warfen ihnen vor, den Partnerschaftsvertrag verletzt zu haben.

Als LeToya ein paar Wochen nach ihrem Abschied von der Gruppe mit MTV sprach, sagte sie: „Es ist einfach ein sehr seltsames Gefühl, wenn man mit jemandem seit seinem neunten oder zehnten Lebensjahr zusammen ist, und dann so plötzlich auseinandergeht.“ LaTavia deutete an, dass sich die Probleme bereits über einen längeren Zeitraum gezogen hätten: „Es war etwas, dass sich abgezeichnet hatte. Da waren Dinge, die uns auffielen … Dinge gingen vor sich, die wir bemerkten und ansprachen, und wir meinten: ‚Das ist so nicht richtig.‘ Wir sagten etwa: ‚So sollte es nicht sein, wir sollten nicht das Gefühl haben, es mit einem Interessenkonflikt zu tun zu haben.‘“ Sie erzählte dem Musiksender auch von ihrer Enttäuschung, die sie fühlte, als sie sah, wie schnell sie bei Destiny’s Child ersetzt worden waren. „Ich war gerade im Auto und ich war total perplex … Uns wurde gesagt, dass alles erst einmal auf Eis gelegt würde, bis alles geregelt sei. Und als Nächstes, ehe man sich versieht … Oh, mein Gott, da sind ja zwei neue Mädchen in der Band.“

Obwohl sich Beyoncé und Kelly anfangs wenig zu den Vorfällen äußerten, kam es im Verlauf der nächsten paar Monate doch noch zu einer Schlammschlacht. In einem erstaunlich offenen Interview mit Vibe im folgenden Februar erhob Beyoncé schwere Vorwürfe: „LeToya war, nun, sie hatte kein musikalisches Gehör.“ Kelly unterstrich dies, indem sie behauptete, dass ihre ehemalige Bandkollegin eine Rapperin, aber keine Sängerin sei. Das war aber noch nicht das Ende der Sticheleien – Beyoncé sagte sogar, dass sich die Mädchen bereits seit zwei Jahren nicht mehr wirklich gut verstanden hätten. „Als wir bekannt wurden, waren wir tatsächlich wie Schwestern. Wir standen uns sehr, sehr nahe. Allerdings kamen wir schon fast zwei Jahre vor dem Bruch nicht mehr miteinander klar. Und in Interviews konnten wir nicht sagen, dass wir unglücklich waren, weil wir unsere Fans nicht im Stich lassen wollten, da sie bei uns oberste Priorität genießen. Also vereinbarten wir, so zu tun, als ob alles okay wäre, obwohl dem nicht so war … Es war wie in einer schlechten Ehe, in der man Kinder hat und so tut, als wäre man happy.“ Beyoncé offenbarte gegenüber Vibe außerdem, dass sie inmitten des Zerwürfnisses mit LeToya und LaTavia einen Brief geschrieben habe, in dem sie ihnen mitteilte: „Ich habe einige meiner besten Momente meines Lebens mit euch beiden an meiner Seite verbracht. Ich habe auch ein paar meiner schlimmsten Erlebnisse mit euch geteilt … Ich habe mich nie beklagt, wenn ihr auf zahlreichen Songs auf einem Album nicht auch nur eine Note gesungen habt. Nie habe ich mich beschwert, wenn ich mir meinen Hintern im Studio abgearbeitet habe – wie das auch beim letzten Album der Fall gewesen ist –, dass ihr entweder geschlafen oder ungefähr 80 Prozent eurer Zeit am Telefon verbracht habt.“ Aber es ging noch weiter: „Ungefähr alle drei Wochen (oder noch öfter) gibt es irgendein Drama, das eine von euch oder ihr beide gemeinsam verursacht habt. So war es jetzt schon die letzten zwei Jahre und ich habe das nicht verdient!“ LeToya war außer sich, dass man sie müßig nannte und konterte: „Wir waren nicht faul. Wenn es Zeit war zu schreiben, wenn es Zeit war zu singen, waren wir startklar. Ich würde gerne sehen, wie jemand auf die Bibel schwört, dass wir nicht gearbeitet hätten.“

Nun da fleißig Beleidigungen zwischen den jungen Frauen ausgetauscht wurden, vertraute Kelly Q an: „Sie waren sehr negativ und eifersüchtig … Sie waren unfähig, alleine eine Leadstimme einzusingen. Wir gingen zu Gesangsstunden, weil wir starke Stimmen haben wollten. Aber sie taten das nicht.“ Im selben Interview wies auch Tina Knowles die Schuld LaTavia und LeToya zu. Sie behauptete: „Sie verspäteten sich zu Interviews und Fotosessions. Das ist aber nicht die Philosophie von Destiny’s Child. Die Gruppe ist mit Ernst bei der Sache. Nichts kommt vor DC – außer Gott.“

Ein unangenehmer Rechtsstreit hing Monate lang über der Familie wie eine schwarze Wolke. LaTavia und LeToya ließen schließlich ihre Klage gegen Beyoncé und Kelly fallen, erhielten aber ihre Vorwürfe und Ansprüche gegenüber Mathew aufrecht. Letztlich einigte man sich außergerichtlich. Die beiden ehemaligen Bandmitglieder erhielten Berichten zufolge jeweils 850.000 US-Dollar und traten dafür alle Rechte an Destiny’s Child ab.

Beyoncé versuchte das Positive an der ganzen leidigen Posse zu sehen. Newsweek erzählte sie, dass ihre CD-Verkäufe merklich zugenommen hätten. „Destiny’s Child waren immer schon sehr talentiert“, sagte sie. „Aber die Sache war die, dass wir nicht ausreichend Kontroversen boten. Ich denke, wenn du willst, dass deine Gruppe Erfolg hat, muss auch deine Story interessant rüberkommen. Unsere Story war schon sehr sauber und glatt, also bin ich Gott für diese Kontroverse dankbar. Ich bin glücklich, weil es dabei hilft, Platten zu verkaufen.“

Abseits der Turbulenzen hinter den Kulissen ergab sich für die Mädchen ein sensationelles Angebot, als Christina Aguilera sie einlud, sie im Frühjahr 2000 als Vorgruppe auf ihrer ersten Headliner-Tour zu supporten. Sie sagten zwar zu, doch brach sich Kelly während einer ihrer Auftritte mehrere Zehen. Zum Glück war Solange in der Lage, vorübergehend einzuspringen. Beyoncé erinnerte sich daran im Magazin Teen: „Unsere Umkleide war so weit von der Bühne entfernt, dass es schon recht abenteuerlich war. Kelly rannte in vollem Tempo, es war dunkel und sie krachte mitten in unserem Set gegen eine Rampe. Wir hörten sie schreien und weinen und wir dachten nur: ‚Oh, mein Gott, sie scheint sich wirklich weh getan zu haben!‘“

Nach einer kurzen Verschnaufpause im Anschluss an den Skandal folgten prompt noch mehr Turbulenzen für die Gruppe, als das neue Mitglied Farrah sich im August 2000, nur fünf Monate nachdem sie eingestiegen war, wieder verabschiedete. Die Klatschspalten berichteten, dass es ihr schlicht zu viel geworden sei, ein Mitglied einer Popgruppe solchen Ausmaßes zu sein. Als sie einer MTV-Show in Sacramento fernblieb und die Grippe als Grund angab, wurde rasch verkündet, dass sie die Band hinter sich gelassen habe. Enttäuscht sprach Beyoncé mit Q: „Das war eine große Sache für uns. Es hatte neun Jahre gedauert, bis wir es zu MTV geschafft hatten. Wir hatten so hart gearbeitet, um dorthin zu kommen.“

So wie LeToya und LaTavia legte auch Farrah ihre Sicht der Dinge gerne dar und enthüllte, dass sie unglücklich gewesen sei, da Beyoncés Mutter ihr nahegelegt habe, ihr Image zu verändern. „Ich hätte mir die Haare rot färben sollen, als ich sie gerade hellbraun mit blonden Strähnen hatte“, erzählte sie dem Magazin Sister 2 Sister. „Ich hasste das.“ Farrah behauptete auch, dass ihr vorgeschrieben worden sei, ihren Namen zu ändern – ironischerweise wurde sie nämlich ursprünglich Destiny gerufen. „Mein zweiter Vorname lautet Destiny und so kennt man mich schon mein ganzes Leben. Niemand nannte mich Farrah. Ich musste mich also Farrah nennen, um bei DC mitmachen zu dürfen.“ Demselben Magazin verriet sie auch, dass ihr Bräunungsbäder verordnet worden seien, um einen dunkleren Hautton zu bekommen. Tina habe angeblich zu ihr gesagt: „Du siehst besser aus, wenn du dunkler bist.“ Außerdem untermauerte sie LaTavia und LeToyas Aussagen, dass die Gewichtung der Gruppe stets zu Beyoncé und Kellys Gunsten ausgelegt worden sei: „Nie waren wir gleich. Egal, wie oft jemand behauptet, dass es keine Bevorzugung gegeben hätte. Wenn deine Familie die Show am Laufen hält, wird es einfach keine Gleichberechtigung geben.“

Michelle, das andere neue Mitglied, kommentierte Farrahs Äußerungen kurze Zeit später: „Absolut verzichtbarer Bockmist. Vollkommen lächerlich.“ Auch in puncto Imagewandel ätzte sie im Gespräch mit Vibe gegenüber Farrah: „Du bist jeden Tag auf Reisen, fliegst erste Klasse, wohnst in den besten Hotels und dann regst du dich über deine Haarfarbe und deinen Namen auf?“

Beyoncé war extrem dankbar dafür, dass sich mit Michelle endlich jemand unerschütterlich loyal gegenüber Destiny’s Child zeigte. Sie und Kelly bauten eine sehr enge und lang bestehende Freundschaft zu ihr auf. Es war durchaus hilfreich, dass Michelle schon Erfahrung in der Musikbranche gesammelt hatte: Sie war bereits Hintergrundsängerin bei der in Amerika moderat erfolgreichen R&B-Künstlerin Monica gewesen. Als sie aufwuchs, war Michelles Familie im Gesundheitssektor tätig gewesen, und eigentlich wollte sie ursprünglich Geburtshelferin werden. Sie beschrieb sich im Magazin Cross Rhythms selbst als „nerdiges“ Kind: „Als ich heranwuchs, erfuhr ich viel Schmerz. Wenn man sich so anstrengt, akzeptiert zu werden, ist man, bevor man sich versieht, jemand anderer, und das ist verrückt. Ich wurde veralbert und drangsaliert, weil ich eine gute Schülerin und eine nette Person war. Die anderen Kinder waren echt grausam. Ich war dürr und eine Spätentwicklerin.“

Als Michelle später an der University of Illinois studierte, begann die Musik ihr Leben zu bestimmen, was dazu führte, dass sie die Uni abbrach. Sie ging zu einem Vorsingen für Destiny’s Child, die sie zuvor auf einer gemeinsamen Tour, als sie mit Monica unterwegs war, kennengelernt hatte. „Wir sahen uns in erster Linie nach einer Persönlichkeit um. Als Michelle eintrat, war sie schon perfekt“, wurde Beyoncé in Texas Music zitiert. „Sie war schön, ging in die Kirche und konnte vor allem singen.“

Von Anfang an war Michelle willkommen gewesen im Haus der Familie Knowles und teilte sich sogar das Bett mit Beyoncé und Kelly. Dann ging es unter Tinas Anleitung daran, ihr den Look eines Popstars zu verpassen. „Mir wurde zum ersten Mal meine Oberlippe gewachst“, erinnerte sie sich im Observer. „Beyoncés Mom war da, um mir die Hand zu halten, da ich nicht wusste, was mit mir geschah.“

Wie vorherzusehen war, musste sich Michelle am Anfang jedoch mit Feindseligkeit ihr gegenüber herumschlagen, da sie nun das neue Gesicht in einer bereits etablierten Band war. „Als ich einstieg, bekam ich das ganze Gerede und die Negativität mit. Die Leute sagten: ‚Wer denkt sie eigentlich, dass sie ist?‘“, erklärte sie. „Aber eigentlich war es ein sehr einfacher Übergang, was ich Beyoncé und Kelly zu verdanken hatte. Für sie war es keine große Sache … Wir machten einfach mit den Shows weiter und sagten keinen der Auftritte ab, was eine gute Sache war.“ Beyoncé schwärmte von der neuen Besetzung der Band in der Zeitschrift Teen: „Gesanglich sind Destiny’s Child nun so gut wie nie zuvor. Und nicht nur gesanglich. Die Gruppe ist so harmonisch, so talentiert und bietet so viel Rückhalt.“

Nach den traumatischen Monaten gab es für das nunmehrige Trio viel Arbeit zu erledigen und alle wussten, dass es überlebenswichtig war, wieder Stabilität in die Sache zu bringen. Aber egal, wie sehr sie sich bemühte, gute Miene zu machen und in die Kameras zu strahlen: Es blieb schwierig für Beyoncé weiterzumachen, nachdem sie wiederholt zum Opfer weitreichender Schuldzuweisungen geworden war. Sie wurde in den Medien und in Blogs schonungslos ins Visier genommen und für das Chaos, das die Band unlängst zu verfolgen schien, verantwortlich gemacht. Es war klar, dass die Kritik sie zutiefst verstörte. Dem Magazin Vibe erzählte sie verbittert: „Manchmal wünschte ich, mein Vater wäre nicht mein Manager, damit die Leute aufhören würden, mich zu attackieren. Immer, wenn irgendetwas in der Gruppe schiefläuft, ist es meine Schuld. Schiebt es einfach auf Beyoncé.“

Dem Guardian teilte sie außerdem mit: „Es gab Hass-Websites über mich, ich stand unter großem Druck und die Leute schoben mir für alles die Schuld in die Schuhe. Ich war 17, 18 Jahre alt, eine unschuldige Person, ein Kind. Das war eine harte Zeit für mich. Mein Vater ist mein Manager und meine Mutter die Stylistin. Mein ganzes Leben bestand aus ihnen und wenn Leute diese schrecklichen Dinge sagten, fühlte es sich für mich so an, als ob mein ganzes Leben zerstört würde.“ Wenig überraschend nannte sie diese Zeit später die dunkelsten Tage ihrer Karriere und sagte, dass sie zwei Jahre unter Depressionen gelitten habe. „Ich aß nichts und verkroch mich in meinem Zimmer“, erzählte sie Parade. „Es war eine richtig schlechte Zeit in meinem Leben, durch diese einsame Phase durch zu müssen. ‚Wer bin ich? Wer sind meine Freunde?‘ Mein Leben veränderte sich.“

Beyoncé spürte auch zum ersten Mal, dass die Öffentlichkeit an ihrem Leben teilnahm, was ihren Ruhm auf einen ganz neuen Level beförderte. „Es war zäh. Bis dahin hatten die Medien sich nicht wirklich für mich persönlich interessiert. Es ging nur um unsere Musik. Dann fühlte es sich aber an, als würde ich selbst angegriffen. Die Art, wie die Leute reagierten, änderte sich. Meine Privatsphäre war vorüber.“ Dass außerdem ihre Romanze mit ihrem langjährigen Freund Lyndall endete, machte alles nur noch schlimmer. Obwohl sie nie veröffentlichte, warum es tatsächlich vorbei war, beichtete Lyndall Jahre später, dass er sie betrogen habe, weil er sich selbst nicht gut genug für sie fand. „Eines Nachts, als sie gerade nicht in der Stadt war, ging ich mit ein paar Freunden in eine Bar und landete schließlich im Bett mit einer anderen Frau … Beyoncé ist die Liebe meines Lebens. Sie zu verlieren, bereue ich immer noch mehr als alles andere“, klagte er der Sun. „Wer betrügt bitte eine Frau, die so schön ist wie Beyoncé? Gut, derjenige bin wohl ich und das ist etwas, das mich für immer verfolgen wird.“

Obwohl sie sich deswegen wohl kaum Sorgen zu machen brauchte, verunsicherte sie die Trennung: „Es war schwer, mich von ihm zu trennen“, sagte sie in einem Interview mit Parade. „Jetzt, da ich berühmt war, hatte ich Angst, dass ich nie mehr jemanden finden würde, der mich liebt. Ich fürchtete mich davor, neue Freunde zu suchen.“ Zum Glück rückte Tina ihrer Tochter den Kopf wieder gerade, indem sie ihrer Tochter versicherte, dass sie mit ihrer Schönheit, ihrem Talent und ihrem Temperament keine Probleme haben würde, wahre Liebe zu finden. Trotzdem empfand auch Tina die schmerzliche Lage, in der sich Beyoncé befand, als schrecklich. „Das war wahrscheinlich eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens“, vertraute sie CBS an, „weil alles so unwahr war und sie für alles die Schuld zugewiesen bekam.“ Mithilfe der Liebe ihrer Familie und deren schier endlosen Unterstützung gelang es Beyoncé, diese triste Periode zu überstehen und sich ihr „Mojo“ zurückzuholen. Auch die Erfolge, die Destiny’s Child 2000 verbuchen konnten, spielten dabei keine unerhebliche Rolle. Dazu gehörten unter anderem auch der prestigeträchtige „Artists of the Year“-Award der Szenebibel Billboard, den die Band in Las Vegas erhielt, sowie zwei weitere Auszeichnungen bei den Soul Train Lady of Soul Awards.

Auch Beyoncés Talent als Songschreiberin wurde zunehmend anerkannt und eine Firma namens Hitco Music Publishing nahm sie unter Vertrag, um sie zu fördern. Hitco befand sich in Atlanta und war vom äußerst einflussreichen L. A. Reid – er sollte später zusammen mit Simon Cowell bei X Factor in der Jury sitzen – gegründet worden. Er war schon immer ein großer Fan von Beyoncé gewesen und nannte sie „die talentierteste Performerin der Welt“.

Im Oktober 2000 veröffentlichte die Band eine neue Single, „Independent Women Part I“, die ausgewählt wurde, um den Soundtrack zu Charlie’s Angels mit Cameron Diaz, Drew Barrymore und Lucy Liu zu eröffnen. Der Song schoss förmlich durch die Decke und belegte Platz eins in den Hot 100 von Billboard, wo er sich für elf Wochen einnisten durfte, was ihm einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde einbrachte. Die Nummer debütierte außerdem in Großbritannien auf Chartposition eins und erreichte auch in Kanada und Neuseeland die Spitze der Hitparade. Die frechen Lyrics über Frauen, die sich nicht auf Männer, die ihnen schöne Dinge kaufen, verlassen wollten, waren laut Beyoncé, die für sie verantwortlich zeichnete, eine direkte Antwort an alle, die „Bills, Bills, Bills“ nicht richtig verstanden hatten. „Viele Leute haben die Botschaft nicht kapiert“, erzählte sie gegenüber Teen. „Sie dachten, wir wären hinter dem Geld von Männern her, aber bei Destiny’s Child geht es definitiv nicht um so etwas. Wir sind unabhängige Frauen und können gut für uns selbst sorgen.“

Anfang 2001 ergab sich ein weiterer Meilenstein für die Band. Sie wurden gefragt, bei der Vereidigung George W. Bushs in ­Washington aufzutreten. Mit ihren perfekt choreografierten Versionen von „Independent Women Part 1“ und „Jumpin’, Jumpin’“ gelang es ihnen, die Menschenmenge in einen wahren Rausch zu befördern. Beyoncé feuerte die republikanische Anhängerschaft an: „Ich will euch alle ‚Bush‘ rufen hören!“ Als sie nach ihren eigenen politischen Ansichten befragt wurde, gab sie sich merklich zurückhaltend, sagte aber später: „Ich trat bei der Vereidigung auf, da im Publikum viele Kids waren, die ich erreichen wollte, das ist alles. Vielleicht werde ich eines Tages über meine politischen Überzeugungen sprechen, aber erst dann, wenn ich weiß, wovon ich spreche.“ Als sie weiter dazu gelöchert wurde, schien es ihr einigermaßen unangenehm zu sein, mit der Bush-Regierung in Zusammenhang gebracht zu werden. Gegenüber der Zeitschrift Interview sagte sie: „Sie wollten unbedingt, dass wir auftraten, und er ist unser Präsident. Er meinte, wir hätten mehr Einfluss auf die Kids, als er das zumeist hätte, und er fände es gut, dass wir als positive Vorbilder in Erscheinung treten würden.“ Auch Tina war es wichtig, dass die Girls nicht als Verfechter der Republikaner wahrgenommen würden: „Es war nicht politisch. Die Abmachung bestand darin, dass die Organisatoren alle Schilder und alles, was politisch war, abbauen würden, und die Mädchen einfach nur für die Kids performen würden.“ Rückblickend wirkte die Performance jedenfalls ziemlich ironisch, da Beyoncé sich inzwischen als entschiedene Unterstützerin der Demokraten und eine der lautesten Befürworterinnen Obamas zu erkennen gab.

Im Februar wurden sie zum ersten Mal eingeladen, bei den Grammy-Awards zu singen. „Wir waren total eingeschüchtert“, erinnerte sich Beyoncé im Magazin Faze. „Madonna saß in der ersten Reihe und wir mussten mit Stiletto-Absätzen diese Treppe runtergehen und dachten uns: ‚Um Himmels Willen, hoffentlich fallen wir nicht hin. Hoffentlich treffen wir die hohen Töne!‘ Wir waren so nervös, sahen uns gegenseitig an, hielten einander die Hände, atmeten tief ein und aus und beteten, mitten auf der Bühne, 30 Sekunden vor unserem Auftritt – und dann legten wir eine Killer-Performance hin.“ In blauen Hotpants und knappen Oberteilen, die ihre durchtrainierten Bäuche zeigten, war ihre Präsentation eines Medleys bestehend aus „Independent Women Part 1“ und „Say My Name“ genau das: eine Killer-Performance.

Bei der Preisverleihung heimsten sie auch ihre ersten Grammys ein: Für „Say My Name“ gab es die Auszeichnung für den besten R&B-Song und als Band wurden sie für die beste R&B-Performance einer Gruppe geadelt. Während der Dankesrede hielt eine emotionale Beyoncé Kelly und Michelle bei den Händen und sagte, nach Atem ringend: „Vielen, vielen Dank. Wir sind so aufgeregt … Meine Güte, ich kann es nicht glauben, dass wir einen Grammy gewonnen haben, Ladys!“

Im selben Monat veröffentlichten sie den Titeltrack ihres dritten Albums, das sich als einer ihrer größten Triumphe erweisen sollte. Der Song „Survivor“ behandelte die Veränderungen, mit denen sich die Band in jüngerer Vergangenheit hatte auseinandersetzen müssen – und sie gaben zu, dass die Aufnahmesessions für sie eine emotionale Achterbahnfahrt gewesen waren. „Im Studio war so viel Energie – wir wussten, sobald wir den Song im Kasten hatten, dass er sehr kraftvoll war. Wir fühlten uns durch ihn wie Kriegerinnen“, erzählte Beyoncé in einem TV-Interview. Und Michelle meinte in Billboard: „Wir beteten vor dieser Session und das Energielevel war so hoch – der Raum war richtig heiß.“ Sie fügte noch hinzu: „Wörter können gar nicht beschreiben, wie wir uns fühlten. Wir weinten, wir sprangen auf und ab.“ Während der Song ein großer weltweiter Hit wurde, verursachte er gleichzeitig noch mehr Kontroversen um die Gruppe, da sich die Lyrics direkt auf die vorangegangene Trennung von LaTavia und LeToya bezogen:

You thought that I’d be weak without you

But I’m stronger

You thought that I’d be broke without you

But I’m richer

You thought that I’d be sad without you

I laugh harder

You thought I wouldn’t grow without you

Now I’m wiser

Thought that I’d be helpless without you

But I’m smarter

You thought that I’d be stressed without you

But I’m chillin’

You thought I wouldn’t sell without you

Sold nine million.

Obwohl der Track nur als ironische Anspielung auf das unlängst überwundene Drama gedacht war, behaupteten LeToya und LaTavia, dass der Text sie verunglimpfen und somit gegen eine vorab getroffene Vereinbarung verstoßen würde. Im Februar 2002 reichten sie schließlich eine Entschädigungsklage ein. Destiny’s Childs Anwalt, Tom Fulkerson, bezeichnete ihre Forderungen als „lächerlich“ und ließ ihnen via Houston Chronicle weiters ausrichten: „Es ist schade, dass die Ankläger mit ihrer Zeit nichts Besseres anfangen können, als sich neue Klagen auszudenken. Wir haben eine Abmachung getroffen, von der wir wissen, dass durch sie alles geregelt wird – und doch geht es jetzt wieder los.“ Bei Beyoncé brachen alte Wunden auf. Im Magazin W meinte sie: „Es ist einfach nur traurig. Ich will kein Drama, ich will keine Feinde. Alles, was ich will, ist, ins Studio zu gehen, meine Musik zu schreiben, in Filmen aufzutreten und zu performen. Ich versuche nicht, jemandem weh zu tun oder ihn zu beleidigen. Ich bin einfach nur froh, dass ich hier bin. Und es ist einfach nur traurig, dass dieser ganze andere Kram dazuzugehören scheint.“ Doch Warren M. Fitzgerald, der LeToya und LaTavia als Anwalt vertrat, insistierte: „Wir wollen eine einstweilige Verfügung und ein Unterlassungsurteil, um weitere Stellungnahmen, die die Abmachung verletzen, und weitere Aufführungen dieses Songs zu verhindern.“ Schließlich wurde der Disput im Juli 2002 außergerichtlich beigelegt. Ein offizielles Statement, das alle Parteien unterzeichnet hatten, besagte: „Die ehemaligen Mitglieder von Destiny’s Child, LeToya Luckett und LaTavia Roberson, sowie Music World Entertainment, Mathew Knowles, Beyoncé Knowles, Kelendria Rowland und T. Michelle Williams … haben sich bezüglich ihrer Differenzen einvernehmlich geeinigt … LeToya und LaTavia sind zufriedengestellt und der Gerechtigkeit wurde Genüge getan.“

Abgesehen davon, dass die Single einen Rechtsstreit losgetreten hatte, brachte sie der Band auch ihren zweiten Grammy in Folge – in der Kategorie „Best R&B Group Performance“ – und das Video zum Song rückte außerdem Tinas Fähigkeiten als Stylistin ins verdiente Rampenlicht. Die Girls waren für die Dreharbeiten nach Mexiko geflogen. Allerdings waren irgendwo auf der Reise ihre Outfits verloren gegangen. Die stets erfinderische Tina verfiel aber nicht in Panik und begab sich stattdessen in einen nahegelegenen Army-Store, wo sie ein paar militärisch bedruckte Westen, bauchfreie Tops und Bandanas kaufte. Aus diesen Utensilien schneiderte sie einen einzigartigen, sexy Look für die Girls, der ideal zum angriffigen Grundtenor des Videos und der Dschungellandschaft passte. Rapper Wyclef Jean erkundigte sich später, wer sie für das Video gestylt habe. Als Beyoncé wahrheitsgetreu „meine Mom“ antwortete, riet er ihr: „Sie sollte euch immer stylen.“ Tina, die die Mädchen am Anfang ihrer Karriere noch aus reinen Kostengründen gestylt hatte, hatte nun bewiesen, dass sie mehr als würdig war, auch auf professionellem Level für sie tätig zu sein. Zwei Jahre später, als Beyoncé bei einem Konzert im südafrikanischen Kapstadt, mit dem auf die AIDS-Problematik hingewiesen werden sollte, auftreten würde, befand Tina das Outfit ihrer Tochter für unpassend und eilte zum nächsten Stoffhändler. Sie schneiderte prompt und freihändig ein neues Kleid, das Beyoncé mit einem Haarband kombinierte. „Es sah toll aus“, erzählte Tina gegenüber Ebony. „Wir behielten das Kleid als Souvenir. Wir haben auch ein Foto von Beyoncé mit Mr. Mandela, auf dem sie es trägt. Dieses eine Mal war ich von mir selbst überrascht.“

Auch das Album Survivor stellte sich als weltweiter Smash-Hit heraus. Es erreichte die Nummer eins in den Albumcharts nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien, den Niederlanden, in Belgien, Deutschland und Kanada. In Amerika allein erlangte das Album vierfachen Platin-Status, was bedeutete, dass es insgesamt über vier Millionen Mal über die Ladentische gegangen war. Ein weiterer Rekord, der gebrochen wurde, war jener für das meistverkaufte Album einer weiblichen Gruppe in der ersten Woche nach der Veröffentlichung. In Großbritannien war Destiny’s Child seit Diana Ross und ihren Supremes 24 Jahre zuvor die erste weibliche Gruppe, die ein Album auf der Spitzenposition der Charts platzieren konnte. Daraus ergaben sich unvermeidbar Vergleiche zwischen Beyoncé und dem Idol ihrer Kindheit, Diana Ross, was aber durchaus auch Nachteile hatte. „Das hört sich schon cool an, weil sie wunderbar und glamourös ist“, erzählte Beyoncé in COSMOgirl, „aber die Leute meinen es nicht auf eine nette Art und Weise. Sie sagen das, weil ich die Leadsängerin bin, weshalb sie mich für eine Diva halten, die herumstolziert und Leute aus der Band kickt.“

Nicht unwitzig war, dass gemunkelt wurde, der Titel des Albums sei durch einen DJ inspiriert worden, der die Band mit Teilnehmern der Fernsehserie Survivor verglichen hatte, bei der sich die Kandidaten nacheinander aus der Show wählten.

Die Girls, die zum ersten Mal im Studio als Trio arbeiteten, waren darauf erpicht, dass sie ihre neuen Sounds gut rüberbrachten. Kelly gab etwa zu: „Wir kamen rein und beteten, dann gaben wir unser Bestes und erhielten Survivor.“ Beyoncé schrieb und produzierte beinahe jeden Track des Albums – obwohl das, wie sie bekannte, so gar nicht vorgesehen gewesen war. „Ich wollte eigentlich nur so um die drei Songs machen“, verriet sie MTV. „Das Label sagte aber dauernd: ‚Mach noch einen, mach noch einen, mach noch einen.‘ Das war nicht geplant gewesen. Es war nicht, als ob ich gesagt hätte: ‚Okay, ich übernehme das Kommando.‘“

Alles in allem zeigte das 15 Songs umfassende Album einen großen Reifeprozess. Es behandelte Themen wie häusliche Gewalt und Missbrauch, wodurch die feministische Grundhaltung der Band auf einen neuen Level gehoben wurde. Mathew betonte, dass dies alles Teil eines größeren Plans sei. „Als wir die Gruppe zusammenstellten, hatten wir einen Plan“, erklärte er gegenüber Texas Monthly. „Wir stellten uns unsere demografische Zielgruppe vor, unsere Kunden, wie wir rüberkämen und was für eine Art von Songs wir singen würden. Es ist kein Zufall, dass wir Songs haben wie ‚Independent Women‘ und ‚Survivor‘ – feministisch orientierte Nummern. Das ist unser Kundenstamm.“

Die nächste Single, die aus Survivor ausgekoppelt wurde, war im Mai 2001 „Bootylicious“ und entpuppte sich als weiterer Hit epischen Ausmaßes. Beyoncé hatte den Song mit dem griffigen Titel im Flugzeug geschrieben, wie sie im Gespräch mit MTV erörterte: „Wir langweilten uns auf diesem langen Flug nach London und ich dachte mir: ‚Weißt du was? Ich muss irgendetwas tun.‘ Ich hatte gerade diesen Track von Stevie Nicks gehört und dachte: ‚Der ist ja heiß!‘ Und das Wort ‚Bootylicious‘ schoss mir einfach so durch den Kopf. Mir war es peinlich, ihn Kelly und Michelle mitzuteilen, da ich nicht wusste, was sie davon halten würden.“ Aber die anderen Bandmitglieder liebten ihre Idee. Im Studio ergänzten sie noch das Gitarrenriff jenes Songs, der als Inspiration Pate gestanden hatte, „Edge Of Seventeen“ von Stevie Nicks – die Solokünstlerin und Sängerin von Fleetwood Mac trat sogar im zugehörigen Video auf, genauso wie Beyoncés Schwester Solange, die ebenfalls kurz zu sehen war. Der laszive Clip zeigte die Mitglieder der Band, wie sie dreieinhalb Minuten lang knapp bekleidet mit dem Hintern wackelten – was in den kommenden Jahren zu einem Markenzeichen von Beyoncé werden sollte. Aber auch in einem Zeitalter, in dem die Grenzen der weiblichen Sexualität stets ausgeweitet werden, provozierten der Song und seine unterschwellige Botschaft einige Diskussionen. Beyoncé selbst wurde nicht müde zu betonen, dass sich dahinter keine verborgene Botschaft versteckte: „In dem Song geht es einfach nur um Selbstvertrauen. ‚Bootylicious‘ heißt nicht unbedingt, dass man einen großen Hintern haben muss. Es geht um die Einstellung und darum, sich in seiner Haut wohlzufühlen und nicht wie die Leute im Fernsehen aussehen zu müssen. Man muss nicht mager sein – man darf schon auch ein bisschen mehr in der Hose haben.“ Sie enthüllte außerdem, dass der Song als eine Art Antwort an die Leute gedacht war, die ihr unterstellten, sie hätte Gewicht zugelegt, was sie mit dem Track nicht nur veräppeln, sondern sogar zelebrieren wollte. Unabhängig davon, was man von „Bootylicious“ denken mochte, so ließ es sich nicht von der Hand weisen, dass der Song kulturelle Auswirkungen hatte: Das Wort ging schrittweise in den allgemeinen Sprachgebrauch über und wurde in Folge 2008 ins Oxford English Dictionary aufgenommen. Die Beschreibung des Wortes lässt sich folgendermaßen übersetzen: „attraktiv, sexy, kurvig“. Allerdings begann Beyoncé sich selbst bald vom Wort sattzuhören. Einige Zeit später meinte sie: „Es ist so richtig doof … Um ehrlich zu sein, ich hasse das Wort.“ Auch gab sie zu: „Egal, wo ich auch hingehe, alle sagen ‚booty-dies‘ und ‚booty-das‘, und das ist echt nervig.“







Sie arbeitete zwar mittlerweile härter als je zuvor, aber dennoch schaute Beyoncé so oft wie möglich – zumindest für ein paar Tage im Monat – im heimatlichen Houston vorbei. Während sie dort Zeit verbrachte, genoss sie die Möglichkeit, „normale“ Dinge tun zu können, etwa einfach nur in die Stadt zu fahren, um Zahnpasta und Schokoriegel zu kaufen. Wie sie den Leserinnen der Elle anvertraute: „Ich gehe ungeschminkt zu Walmart, in Jeans und T-Shirt, und laufe im Laden meiner Mom ohne Schuhe herum.“ Zuhause zu sein, bedeutete für sie, die Gelegenheit zu haben, mit ihrer viel zu kurzen Kindheit in Kontakt treten zu können: „Ich liebe nach wie vor Achterbahnen, am Telefon zu quatschen und Blödsinn zu machen“, erzählte sie in Film Monthly. Trotz all des Ruhms und ihres Reichtums hatte sie auf eine herkömmliche Kindheit verzichten müssen, was sie offensichtlich mitunter belastete. „Ich hatte einen Privatlehrer, was eine sehr ernste und langweilige Angelegenheit war. Ich war weder eine Cheerleaderin, noch ging ich zu den Spielen, oder machte sonst etwas in der Art“, sagte sie. „Wenn ich also die Möglichkeit dazu habe, möchte ich Dinge tun, die Spaß machen. Ich habe seit meinem 15. Lebensjahr die Verantwortung von jemandem, der bereits 25 oder 30 ist, übernehmen und mit sehr viel Druck umgehen müssen. Ich habe viele Leute, die für mich arbeiten, treffe eine Menge Erwachsenen-Entscheidungen, wodurch ich eben ein wenig schneller erwachsen werden musste.“

Wenn sie gerade in Houston war, um zu „chillen“, liebte sie es, Tinas Kochkünste in vollen Zügen zu genießen. „Meine Mutter ist die beste Köchin der Welt“, verkündete sie oftmals. „Sie macht das beste kreolische Essen – Gumbo, Jambalaya, Soul Food … Wenn ich nachhause komme, möchte ich mich bemuttern lassen, ich will, dass meine Mutter für mich kocht.“

Ein weiteres Highlight ihrer Heimatbesuche ist es, sich mit alten Freunden zum Abendessen in ihrem Lieblingsrestaurant This Is It zu verabreden. Sie, die sich regelmäßig als „hoffnungslosen Fall“ in der Küche bezeichnet, erlaubt sich hier gelegentliche Schlemmereien wie Maisbrot, Makkaroni mit Käse und frittiertes Huhn.

Nachdem Beyoncé ihre Vorliebe für Fast-Food-Hühnchen der Schnellimbisskette Popeyes in der Show von Oprah Winfrey publik gemacht hatte, wurde ihr – obwohl sie sich dank ihres ständig zunehmenden Vermögens alles auf der Speisekarte locker leisten konnte – eine besondere Ehre zuteil: „Irgendwann begannen die Leute mir, egal, wo ich hinging, Essen von Popeyes zu kaufen. Dort hörte man davon und man verlieh mir die lebenslange Mitgliedschaft … Ich kann die Karte zücken und so viel haben, wie ich will. Aber ich habe das noch nie getan, weil es mir peinlich wäre.“ Aber ihre notorische Leidenschaft für Popeyes’ Chicken ist so groß, dass sie es sogar den Gästen auf ihrer Hochzeit anbot.

Beyoncé war uneingeschränkt stolz auf ihre texanischen Wurzeln und Houston blieb immer der Ort, an dem sie sich am wohlsten fühlte und an dem sie entspannen konnte. „Wenn sich die Gelegenheit bietet, dann chille ich üblicherweise zuhause“, erklärte sie. Während ihrer Heimaturlaube bereite es ihr und Kelly große Freude, wie Jugendliche Ausflüge ins nahegelegene Einkaufszentrum mit seinen mehr als 300 Shops zu unternehmen: „Manchmal kann das schon ein wenig ausarten, weil die Leute einen wiedererkennen, aber üblicherweise lassen sie uns in Ruhe“, erklärte Kelly in Texas Monthly. „Eigentlich werde ich lieber erkannt.“

Jede Rückkehr zu den Wurzeln war auch deshalb überlebenswichtig für Destiny’s Child, da es ihnen auch die Möglichkeit gab, ihrer geliebten Kirche, St. John’s, einen Besuch abzustatten. Die Mädchen waren bekannt dafür, mitunter spät am Sonnabend in Houston zu landen, nur um den sonntäglichen Gottesdienst besuchen zu können und sich im Anschluss wieder zu verabschieden. „St. John’s ist mein Zuhause“, sagte Kelly einmal. „Ich liebe St. John’s. Ich weiß, dass ich meinen Weg nicht alleine bestimmen kann, also überlasse ich das Gott.“ Auch Beyoncé brachte stets einen Besuch beim Gottesdienst unter, wenn sie ein wenig Freizeit hatte. Sie behauptete, dass es sie bei Verstand halten würde. Der damalige Pastor der Mädchen, Rudy Rasmus, erörterte gegenüber dem Observer: „Es ist ein sehr spezieller Ort. Wir begannen vor neun Jahren als eine Gemeinde mit neun Menschen. Mittlerweile sind es 4.600. Obwohl es eine sehr große Kirchengemeinde ist, fühlt es sich eher kleinstädtisch an.“ Er fügte noch hinzu: „Die Mädchen sind hier aufgewachsen … Hier stehen sie nicht im Rampenlicht. Die Leute lassen sie in Ruhe.“ Als ein Interviewer vom Magazin Vibe Beyoncé im Jahr 2001 in der Kirche traf, bemerkte er, dass sie leise in einer der Kirchenbänke schluchzte und auch Kelly ein paar Reihen vor ihr Tränen vergoss. Ein wenig später erklärte Beyoncé, dass ihre Tränen kein Zeichen von Trauer gewesen seien. Sie würde sich nur besonders gesegnet fühlen. Die Kirche spielte jedenfalls eine so große Rolle in ihrem Leben, dass Beyoncé Berichten zufolge im Laufe der Jahre St. John’s eine halbe Million Dollar gespendet haben soll.

Wochenlang unterwegs zu sein und aus dem Koffer zu leben, hatte desaströse Auswirkungen auf das Liebesleben der Girls. Sie gaben an, wenig Glück beim anderen Geschlecht zu haben, selbst wenn der seltene Fall eintrat und sie am Abend ausgehen konnten. „Wir sitzen nur herum und schauen deprimiert aus der Wäsche“, kommentierte Beyoncé trocken im Magazin W. „Wir sehen so unglücklich und gelangweilt drein und nie spricht uns jemand an. Wegen der Sicherheitsleute kommt ohnehin keiner zu uns durch.“ Obwohl sie sich selbst darüber lustig machte: Es gab einfach keinen Platz für soziale Kontakte in ihrem Terminkalender. „Ich bin für einen Tag in einer Stadt, erledige meinen Job, dann geht es schon weiter in die nächste Stadt, deshalb kann ich nicht wirklich Leute kennenlernen“, vertraute sie dem Telegraph Magazine an. Als sie kurz davor stand, ihre Teenager-Jahre hinter sich zu lassen, wäre das wohl der ideale Zeitpunkt gewesen, sich auf eine dauerhafte Erwachsenenbeziehung einzulassen, doch standen die Chancen dafür gleich null. „Ich hätte so gerne einen Freund“, meinte sie. „Wenn ich einen finden könnte, der mit dieser Art Leben zurechtkäme, wäre das toll, aber jetzt im Moment hat das hier eben Priorität.“ Auch gab sie an, dass die Versuche der Jungs, sie zu bezirzen, in der Regel hoffnungslos und mit hochnotpeinlichen Anmachsprüchen gespickt seien. „Ich bin sehr wählerisch. Viele Typen sind mit Konversation echt überfordert. Viele kommen mit Sachen daher, die sich auf unsere Songs beziehen. Das ist so abgedroschen.“ Auf die Frage von COSMOgirl, auf was sie bei einem potenziellen Freund Wert legen würde, antwortete sie: „Ich bin auf der Suche nach jemandem, der seinen eigenen beruflichen Weg bestreitet, Karriere macht. Er muss nicht viel Geld haben – jemand, der aufs College geht, wäre cool.“ Vielleicht forderte sie mit diesen Worten das Schicksal heraus, denn Beyoncé standen plötzliche und sehr einschneidende Veränderungen bezüglich ihres Liebesglücks ins Haus.

Es begann völlig unerwartet bei einer Fotosession für eine spezielle „Musikausgabe“ von Vanity Fair im Spätsommer 2001. Außer ihr war neben Kalibern wie David Bowie, Gwen Stefani, Stevie Wonder und Joni Mitchell auch ein gewisser Hip-Hop-Künstler und Produzent namens Jay-Z vor Ort. Der Rapper und gebürtige New Yorker hörte auf den Geburtsnamen Shawn Corey Carter, obwohl nur wenige ihn unter diesem Namen kannten. Beyoncé hatte Jay-Z im Sommer zuvor kennengelernt, als sie mit der Rapperin Amil zusammenarbeitete, die bei seiner Plattenfirma Roc-A-Fella unter Vertrag stand. Beyoncé, damals 18 Jahre alt, sang auf Amils Single „I Got That“, die Jay-Z mitverfasst hatte und für die er auch das dazugehörige Video als Regisseur betreute. Bei ihrem neuerlichen Aufeinandertreffen bei der Fotosession von Vanity Fair flogen jedenfalls die Funken zwischen Jay-Z und Beyoncé. Zwischen den beiden bestand eine Verbindung, die sie so nicht erwartet hätte. Sie war einverstanden damit, Telefonnummern auszutauschen, dachte aber tief in ihrem Inneren, dass eine Beziehung unwahrscheinlich sein würde, da beide durch ihre randvollen Terminpläne eingeschränkt waren. Abgesehen davon lebte Jay-Z zirka 2.400 Kilometer von Houston entfernt in Fort Lee, New Jersey. Und trotzdem war sie aufrichtig begeistert von diesem Mann, der sie zu „kapieren“ schien, und sie begann, wenn es ihnen beiden zeitlich möglich war, sich mit ihm am Telefon zu unterhalten – bald sogar schon jeden Tag.

Im Endeffekt beruhte ihre ganze Beziehung auf diesen Ferngesprächen. Jahre später erzählte Beyoncé Oprah Winfrey: „Wir waren zuerst bloß Freunde, ungefähr eineinhalb Jahre lang, bevor wir uns zu einem Rendezvous verabredeten. Eineinhalb Jahre hingen wir am Telefon. Solch eine Grundlage ist so wichtig in einer Beziehung.“ Dem Magazin Glamour verriet sie außerdem: „Ich war 18, als wir uns zum ersten Mal trafen, beziehungsweise 19, als wir anfingen zu daten. Es gab keine Eile. Niemand erwartete von mir, dass ich durchbrennen und heiraten würde.“

Schließlich begannen Beyoncé und Jay-Z, sich so oft es eben ging zu treffen. Sie genossen ruhige Abendessen, Besuche im Kino oder hingen einfach nur in Jay-Zs Apartment ab, um Musik zu hören. In puncto Liebeswerben lief also alles ziemlich unschuldig ab, obwohl Jay-Z gestand, dass er sein Bestes gab, sie für sich einzunehmen. „Nun, ihr wisst schon, du musst es eben versuchen“, erzählte er Vanity Fair Jahre später. „Du musst dich reinhängen … gediegen Essen gehen und so.“

Es hieß außerdem, dass Beyoncé immer noch Jungfrau war, als sie mit Jay-Z zusammenkam. In einem Interview im Jahr 2008 mit dem Daily Telegraph deutete sie an, dass ihre bis dahin einzige Beziehung – jene mit Lyndall – nicht auf diese Art und Weise intim geworden sei. „Ich war noch zu jung, um einen echten Freund zu haben – wir lebten ja nicht zusammen, wir haben nicht, ihr wisst schon …“, sagte sie. „Das war meine einzige Erfahrung mit einem Typen und seither hatte ich auch nur einen anderen Freund in meinem Leben, nämlich Jay.“ Lyndall untermauerte diese Aussage, indem auch er angab, dass er und Beyoncé nie miteinander geschlafen hätten. Der Sun erklärte er, dass er sie nie unter Druck hatte setzen wollen, da sie so einen tiefreligiösen Background hatte. „Das war hart, weil die Chemie zwischen uns so stimmte, aber ich respektierte Beyoncé und wusste, dass es ihr wichtig war zu warten“, meinte er.

Glücklicherweise zahlte sich Jay-Zs Bemühen um ritterliches Benehmen letztlich aus: Beyoncé hatte sich bis über beide Ohren in ihn verliebt. Jedoch zog es das Paar vor, seine knospende Romanze geheim zu halten, und war erpicht darauf, sich nicht gemeinsam fotografieren zu lassen. Beyoncé hatte in den düstersten Stunden von Destiny’s Child schmerzlich erfahren müssen, wie zerstörerisch sich endlose mediale Spekulationen auswirken konnten, und weigerte sich, ihr Privatleben der Öffentlichkeit preiszugeben. Zusätzlich hatte sie sich bereits auch mit einigen Kommentaren zum Single-Dasein böse die Finger verbrannt, wozu sie sich später in der MTV-Show Genuinely In Love äußerte: „Man wollte mich als das verzweifeltste arme Ding auf der Welt darstellen. Überall stand auf den Titel­blättern: ‚Beyoncé ist einsam. Wir müssen ihr einen Freund suchen.‘ Deshalb beschloss ich, nicht über mein Privatleben zu sprechen, weil es das einfach viel leichter macht. Und ich weiß, dass die Leute über einen spekulieren und nachgrübeln, wofür ich Verständnis habe, weil ich ja auch so eine bin.“ Sie fügte noch hinzu: „Ich habe nur gerne das Gefühl, etwas für mich behalten zu dürfen.“

Jay-Z war ähnlich auf der Hut vor großem Medien-Getöse, vermutlich da er wusste, dass sein unstetes Vorleben ihn zu einem einfachen Ziel machen würde. Immerhin stammte er aus den Marcy Projects, einer harten Siedlung im heruntergekommenen Brooklyner Viertel Bedford-Stuyvesant, in dem Gewaltverbrechen an der Tagesordnung standen. Er war im Dezember 1969 auf die Welt gekommen und somit ganze zwölf Jahre älter als Beyoncé. Als eines von vier Geschwistern wuchs Jay-Z bei seiner Mutter Gloria Carter auf, nachdem sich sein Vater – ein gewisser Adnes Reeves – aus dem Staub gemacht hatte, als er gerade einmal elf Jahre alt war. Es fehlte an allem, aber Gloria arbeitete hart, um ihre Familie über Wasser zu halten. „Meine Mutter regelte alles, sie musste die Dinge jonglieren“, erzählte er der Vanity Fair. „Manchmal bezahlten wir die Lichtrechnung, manchmal bezahlten wir das Telefon, manchmal drehten sie uns das Gas ab. Wir mussten nicht hungern – wir hatten zu essen, es ging uns okay. Aber man wollte sich für solche Dinge in der Schule nicht genieren müssen. Du wolltest keine dreckigen Turnschuhe oder immer dieselben Sachen tragen.“

Dass ihn sein Vater im Stich gelassen hatte, stellte sich als schwerer Ballast im Leben von Jay-Z heraus. In einem bewegenden Interview mit Oprah Winfreys Magazin O sagte er 2009: „Wenn du aufwächst, ist dein Dad dein Superheld. Wenn du jemandem erst einmal so viel Liebe entgegenbringst und er dich dann enttäuscht, willst du diesen Schmerz nie mehr erleben müssen.“ Aufgrund der Trennung landete er auf der schiefen Bahn und fügte seinem Bruder Eric sogar eine Schussverletzung an der Schulter zu, da er ihn verdächtigte, ihm einen Ring gestohlen zu haben. Über den Schock, der ihn durchfuhr, als er den Abzug drückte, rappte er später im Song „You Must Love Me“: „Saw the devil in your eyes, high off more than weed, confused, I just closed my young eyes and squeezed.“ („Sah den Teufel in deinen Augen, nicht nur high vom Gras, verwirrt, ich schloss meine jungen Augen und zog ab.“)

Obwohl sein Bruder überlebte, sollte es beinahe 30 Jahre dauern, bis Jay-Z sich bereit fühlte, öffentlich über seine Erfahrung zu sprechen. Er versuchte, seine Tat Oprah Winfrey zu erklären: „Er nahm eine Menge Drogen. Er klaute Sachen von unserer Familie. Ich war der Jüngste, aber ich dachte, ich müsse alle beschützen.“ Es sei ihm bewusst, dass er das Falsche getan hatte, wie er den Guardian wissen ließ: „Es war entsetzlich. Ich war ein Junge, ein Kind. Ich hatte schreckliche Angst.“ Er war überzeugt davon, ins Gefängnis zu müssen. „Ich dachte mein Leben wäre vorbei. Ich glaubte, ich müsste für immer in den Knast.“ Im selben Interview lieferte er noch einen eindringlichen Einblick in das Leben in seiner Siedlung: „Überall gab es Knarren. Sie waren jeden Tag um einen herum. Es gab Schießereien.“ Er wurde selbst drei Mal unter Feuer genommen, blieb jedoch unverletzt. „So als würde ein abtrünniger Engel auf uns achtgeben.“

Nachdem er in die Welt von Waffen und Gewalt eingeführt worden war, startete Jay-Z erste Gehversuche im nicht weniger anrüchigen Milieu der harten Drogen. „Ich war ein Crack-Dealer – das war unausweichlich“, gestand er der Vanity Fair. „Es gab keinen Ort, an dem man davon eine Auszeit hätte nehmen können. Wenn du auf den Gang rausgingst, waren da Crack-Junkies. Wenn man in die Pfützen am Rinnstein sah, schwammen darin Crack-Ampullen. Man konnte es am Flur riechen, diesen ekelhaften Geruch. Ich kann es nicht erklären, aber ich habe ihn immer noch im Kopf, wenn ich daran denke.“ Obwohl er zugab, als 13-Jähriger mit Crack gedealt zu haben, bestand er darauf, es selbst nie genommen zu haben – enthüllte jedoch, dass seine Mutter von seiner Dealerei gewusst habe. „Alle Mütter wussten Bescheid. Man möchte meinen: Wie kann man seinen Sohn bloß so etwas machen lassen, aber ich sag’s euch, es war normal.“

Nachdem ihn Gloria dazu ermutigt hatte, versöhnte sich Jay-Z 2003 mit seinem Vater und kaufte ihm ein möbliertes Apartment: „Ich konnte ihm endlich alles sagen, was ich wollte“, erzählte Jay-Z dem Rolling Stone. „Ich sagte ihm einfach, was ich fühlte. Weder schrie noch weinte ich. Nichts Drastisches oder Dramatisches. Es war sehr erwachsen, aber es war auch sehr hart. Ich ließ ihn nicht vom Haken. Ich ging mit ihm sehr hart ins Gericht.“ Vater und Sohn gelang der Brückenschlag, aber es verging nicht viel Zeit und er trank sich selbst zu Tode. Er verstarb in derselben Nacht, in der Jay-Z in New York einen Nachtclub namens 40/40 eröffnete. „Er ist gegangen“, erklärte er in GQ. „Er war nicht bei sich.“ Obwohl sie keine einfache Beziehung zueinander gehabt hatten, war der Tod des Vaters doch eine schmerzhafte Angelegenheit. „Diese Verbindung aufzubauen, nur um sie dann wieder zu verlieren, war am schlimmsten.“

Trotz seines schwierigen Starts ins Leben gelang es Jay-Z zum Glück, den Willen aufzubringen, sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Seine Rettung war der Hip-Hop – eine Leidenschaft, die seine Mutter zu entfachen half, indem sie ihrem Sohn einen tragbaren Ghettoblaster kaufte, nachdem sie es satt gehabt hatte, dass ihr Junge bis spät in die Nacht Beats auf dem Küchentisch trommelte. Nachdem er sich eine Art Stegreif-Rap namens Freestyle, bei dem die Texte in der Regel spontan entstehen, beigebracht hatte, begann er bald ganze Tracks zu schreiben. Binnen kurzer Zeit wurde er in seiner Nachbarschaft unter dem Namen Jazzy bekannt – ein Spitzname, der sich vom Pseudonym seines Mentors, einem angesehenen Rapper namens Jaz-O, ableitete. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus schließlich Jay-Z. Ein weiterer seiner Spitznamen ist Hova, abgeleitet von Jehova, nachdem er als „Gott des Raps“ bezeichnet worden war.

Jay-Z, der genauso geschäftstüchtig wie musikalisch talentiert war, unternahm seine ersten Schritte hin zu seinem Geschäftsimperium, indem er CDs aus dem Kofferraum seines Autos verkaufte. 1995 gründete er zusammen mit Damon Dash und Kareem Burke seine Plattenfirma Roc-A-Fella. Nachdem er sein erstes Album mit dem Titel Reasonable Doubt veröffentlicht hatte, arbeitete er mit Rap-Stars wie etwa seinem alten Schulfreund The Notorious B.I.G., der tragischerweise 1997 in Los Angeles erschossen werden sollte, zusammen. Jay-Z war am Boden zerstört, als er von seinem Tod erfuhr, wie er gegenüber Vibe betonte: „Ich kann gar nicht beschreiben, was dieser Verlust für mich bedeutete. Es war schlimmer, als jemanden durch das Drogengeschäft zu verlieren, weil du über die Risiken auf der Straße Bescheid weißt – Tod oder Knast. Aber hier ging es doch eigentlich um Musik.“ Obwohl der bis heute ungelöste Mord ihn in Erwägung ziehen ließ, sich aus der Rap-Szene zurückzuziehen, entschied er, dass es „eigennützig“ wäre, diesem Impuls nachzugeben, und er schon aus Respekt für B.I.G. am Ball bleiben müsse.

Nachdem er sich ein paar Jahre lang abrackern hatte müssen, gelang ihm schließlich mit dem Album Vol 2 … Hard Knock Life und der Single „Hard Knock Life (Ghetto Theme)“ – mitsamt Samples aus dem Musical Annie – der Durchbruch zum Status eines Superstars. Der Song, der im Jahr 1998 erschien, war sein erster transatlantischer Hit und stieß in den UK-Charts bis auf Platz zwei vor. 1999 gründete Jay-Z zusammen mit seinem Partner Damon Dash außerdem die Modelinie Rocawear, die schon bald bis zu 700 Millionen Dollar jährlich abwerfen sollte.

Als Jay-Zs musikalisches Meisterwerk gilt weithin sein Album The Blueprint aus dem Jahr 2001, das sein Freund Kanye West half zu produzieren. Das Album kam am Tag der Terroranschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York in den Handel und ging trotz der Umstände immerhin eine halbe Million Mal über die Ladentische und schaffte den Sprung an die Spitze der Albumcharts. Allerdings war es für Jay-Z persönlich eine schwere Zeit: Auf ihn warteten zwei Strafprozesse – im einen ging es um illegalen Waffenbesitz, im anderen um Körperverletzung. Er beteuerte stets seine Unschuld bezüglich der Waffen-Geschichte und die Anklage wurde später fallengelassen, doch wurde er im Oktober zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt, nachdem er sich schuldig bekannt hatte, den Musikmanager Lance Rivera auf einer Party niedergestochen zu haben. In seinem Buch von 2010, Decoded, beschrieb er, was ihn so in Rage gebracht hatte: Ein Bootleg seiner jüngsten Aufnahmen war bereits einen Monat vor dem geplanten Release an die Öffentlichkeit gekommen. Da er in Lance Rivera den Schuldigen gefunden zu haben glaubte, suchte er auf einer Party im New Yorker Kit Kat Klub die Konfrontation mit ihm. „Rivera wurde mitten im Club richtig laut mit mir“, schrieb Jay-Z. „Es war seltsam. Wir gingen auseinander und ich begab mich an die Bar … Ich stand … unter einer Art Schock … Ich ging zu ihm zurück, aber dieses Mal verlor ich vor lauter Wut total die Besinnung.“ Er fügte hinzu, dass er beschloss, sich schuldig zu bekennen, nachdem er den Prozess gegen seinen Freund Puff Daddy wegen eines Waffenvergehens, bei dem er freigesprochen worden war, verfolgt hatte. Seine Schilderung des Vorfalls beendete Jay-Z mit einer überraschend positiven Anekdote: „Das Witzige daran – wenn man irgendetwas an der Sache als witzig bezeichnen will – war, dass sich die gefütterte Jacke von Rocawear, die ich trug, als man mich den Kameras vorführte, in den letzten drei Wochen vor Weihnachten wie warme Semmeln verkaufte.“

Jay-Zs Liebesleben war – ähnlich dem von Beyoncé – nicht uneingeschränkt glücklich. Im Verlauf der Jahre war er mit einer Reihe von Damen locker verbandelt gewesen – man sagte ihm etwa Techtelmechtel mit der Schauspielerin Rosario Dawson, den Sängerinnen Missy Elliott, Lil’ Kim und der mittlerweile verstorbenen Aaliyah sowie dem R&B-Star Blu Cantrell nach. Dem Rolling Stone beichtete er, dass der Umstand, dass sein Vater seine Mutter sitzen gelassen hatte, seine eigene Beziehung zu Frauen beeinflusst habe. „Sogar wenn ich mit Frauen zusammen war, war ich nicht wirklich bei ihnen. Im Hinterkopf dachte ich mir immer, dass ich, ihr wisst schon, wenn dieser Shit auseinanderbricht, was auch immer … Deshalb ließ ich mich nie wirklich auf etwas ein. Ich ließ nie die Deckung sinken. War immer misstrauisch, konnte mich nie fallenlassen.“ Infolgedessen, so gab er zu Protokoll, hatte er wegen einer Frau noch nie unter einem gebrochenen Herzen leiden müssen.

Aber seine Geduld wurde belohnt: Kurze Zeit nachdem er Beyoncé kennengelernt hatte, wusste er bereits, dass sie die Frau seiner Träume war. Als sie gerade frisch ein Paar waren, wussten nur ihr Familie und seine engsten Freunde Bescheid. In der öffentlichen Wahrnehmung war sie immer noch Single und lebte ein extrem behütetes Leben bei ihren Eltern, was zu Gerüchten führte, dass sie es ihr sogar ausdrücklich verboten hätten, sich mit jemandem zu treffen. Tina wies solche Anschuldigungen aber zurück. „Welche Mutter würde nicht wollen, dass ihre Tochter einen Freund hat?“, sagte sie verächtlich gegenüber Ebony. „Ich bin nicht anders als andere Mütter. Ich will, dass meine Kinder glücklich und nicht einsam sind.“ Sie ergänzte: „Es ist dämlich, wenn jemand glaubt, dass Beyoncés Dad so viel Kontrolle über sie hätte, dass er ihr einen Freund verbieten könnte.“ Ebenso satt hatten sie und Mathew die seit Jahren kursierenden Gerüchte, sie wären „Sklaventreiber“, die Destiny’s Child an ihre Grenzen pushten und ihnen jeglichen sozialen Anschluss untersagten. „Nun da sie 18 beziehungsweise 19 Jahre alt sind, können wir sie nicht aufhalten, auf Partys zu gehen“, gab Tina zu verstehen. „Sie können machen und lassen, was sie wollen. Wir können sie nicht wie ‚Sklavinnen‘ behandeln. Warum sie dann so hart arbeiten? Weil sie eben verstehen, was nötig ist, um erfolgreich zu sein.“

Destiny’s Child wurden im September 2001 eingeladen, ein besonderes Konzert für ihr größtes Idol, Michael Jackson, zu geben. Diese Gala, die in New York veranstaltet wurde und anlässlich Jacksons 30-jährigem „Thronjubliäum“ als „King of Pop“ stattfand, sollte ihm eine passende Bühne für seine erste Performance auf amerikanischem Boden seit über zehn Jahren bieten. Außerdem sollten auch Whitney Houston, Britney Spears, Liza Minelli und Ray Charles auftreten. Beyoncé berichtete vom Moment, als sie ihren Helden traf: „Ich blickte nach rechts und da stand er auf der Seite der Bühne. Ich musste das Mikro ablegen und begann zu kreischen – das Publikum war total verwirrt!




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