Draußen rauchen ist Mord am ungeborenen Baum
Fritz Eckenga


Eckenga dringt in Problemzonen vor, die außer ihm niemand je betreten hat und wird. Kein Wunder, dass er dort von Phänomenalem überrascht wird und ein ums andere Mal wie einst der elefantenohrige Vulkanier feststellen muss: «Ja, es ist Leben, aber nicht, wie wir es kennen.»

Eckenga entdeckt hirnähnliche Strukturen in den Knien von Fußballern, kommuniziert mit Smartphone-gestützten, schreibfähigen Vormagensystemen, sogenannten «Posting-Pansen». Er berichtet feinfühlig von menopausenresistenten Trümmerfrauen, die in nordhessischen Wäldern noch mal ganz von vorne anfangen und zum Nichtrauchen nach draußen gehen. Seine Expeditionen führen ihn zu Blind-Dates in lappländische Tattoo-Dark-rooms und hinter deutsche Elektroherde, wo sich die feuchte Bratfettkakerlake und der klebrige Kochschwadenfadennacktwurm zusammen mit dem feinschuppigen Rigips-Schimmelmolch aus jahrzehntealten Teigwarenskulpturen ein lecker&apos; Nachtmahl zubereiten.

Der Autor reist von den Ötztaler Alpen, in denen ledrige Ureinwohner abgebaut und als Wurzen an deutsche Touristen verfüttert werden, bis in den westfälischen Hintergarten, wo ein demütiger Rasenhalm sein Herrchen um Kürzung anwinselt.







Fritz Eckenga

Draußen rauchen ist Mord am ungeborenen Baum

Neue Texte und Gedichte

FUEGO


- Über dieses Buch -

Eckenga dringt in Problemzonen vor, die außer ihm niemand je betreten hat und wird. Kein Wunder, dass er dort von Phänomenalem überrascht wird und ein ums andere Mal wie einst der elefantenohrige Vulkanier feststellen muss: »Ja, es ist Leben, aber nicht, wie wir es kennen.«

Eckenga entdeckt hirnähnliche Strukturen in den Knien von Fußballern, kommuniziert mit Smartphone-gestützten, schreibfähigen Vormagensystemen, sogenannten »Posting-Pansen«. Er berichtet feinfühlig von menopausenresistenten Trümmerfrauen, die in nordhessischen Wäldern noch mal ganz von vorne anfangen und zum Nichtrauchen nach draußen gehen. Seine Expeditionen führen ihn zu Blind-Dates in lappländische Tattoo-Darkrooms und hinter deutsche Elektroherde, wo sich die feuchte Bratfettkakerlake und der klebrige Kochschwadenfadenacktwurm zusammen mit dem feinschuppigen Rigips-Schimmelmolch aus jahrzehntealten Teigwarenskulpturen ein lecker’ Nachtmahl zubereiten. Der Autor reist von den Ötztaler Alpen, in denen ledrige Ureinwohner abgebaut und als Wurzen an deutsche Touristen verfüttert werden, bis in den westfälischen Hintergarten, wo ein demütiger Rasenhalm sein Herrchen um Kürzung anwinselt.



»Ironie, natürlich. Mal böse, mal sanft. Eckenga beherrscht die Gefühlslagen wie die Reimformen. Und bei ihm kann alles Dichtung werden: Das Volksfest und der Einkauf, ein U-Boot-Zusammenstoß und der Hornhauthobel.«

Westfalenpost



»Fritz Eckenga ist ein wahrer Meister des lakonisch-skurrilen Humors und der überraschenden Pointe. Er ist jetzt schon als Dichter in einem Atemzug zu nennen mit Morgenstern, Busch, Roth und Gernhardt.«

WDR 5 Bücher


INHALT



Vorwort (#uc3789ff5-31b6-55e3-be43-dd53bb199257)

Äpfelpressen in Nordhessen (#u497c708c-35cb-5931-9747-24fa46ee3632)

Aschermittwochsbrief aus Westfalen (#u063755bf-5a89-5a29-a482-b1631ee7bd40)

Rund fünf Millionen Humoristen (#ud59f6f2f-acc3-5a40-b169-7f2d103481fa)

Heimatloses Osterei (auf Norderney) (#u6cb97139-ff4c-5da6-a61b-ccfe2e516edb)

Obenrum runtergekommen (#u62382dee-6757-5127-a4e2-34180bfd488c)



Elektropost I  (#u03fce4b7-3332-55f0-842c-fb10bf57ddf3)

Veronika Merkel – Ich und Gauck – Witzlose Grüße



Mit dem Zweithirn aus dem Pansen posten (#ud230f497-5b20-52be-bda0-168074366dde)

Länderkunde Österreich (#u2455198b-9bb0-5fc4-ad8a-aaeadc784633)

Ö (#u7179907b-f984-5f85-9674-8418a4a0c2d4)

Länderkunde Schweiz (#u283298bb-2635-516b-b0ef-573d299c520f)



Elektropost II (#u4be71840-cc95-5440-bf99-3e1007cedacc)

Trés Grand Virus – Pommes mit Ethik – Superwichtig – Große Ferien



Mørden im Nørden (#u933d4f6f-1f9a-56c8-912d-80ffe632de86)

Das Gedicht kreißt (#u97871726-9ba9-5fcf-ae11-f499c7319528)

Migrationsvorder-, -hinter- und –nebengründe (#u80f552c3-7de3-5601-9eaa-6ea616b2e8a6)

Irgendwas mit Schimpansen (#ue693ea32-93be-5c3c-bf87-bfe98be96aa4)

Goodbye and Good Luck. Made in Germany (#ued48b479-5cfc-55c6-b752-3b6724313d97)

Endlich: Verpflichtende Deutschkurse für Inländer (#uf5a704c6-fe32-5d4f-87bc-e202f17261e7)

Bargeld kommt weg (#ubf089652-035d-5272-98e0-b38887cae83c)

Es war nicht alles schlecht (#u4963fa6d-4434-5c24-b10b-bea008becf68)

Neues aus der Welt der Nachrichtenwelt (#ub6dd7681-860e-59d7-ba1b-d7ef0d0a2d15)



Elektropost III  (#u759c629d-0ac0-52ed-a99f-f8828d5ca78c)

Bad News – Nachrichtenlage – Lügenpresse – Werwolf Schäuble



Unterm Turm (#u1143b3ca-86b6-5778-a6be-ff7a097b6a47)

Der Name des Hundes (#udbfd7c8d-b14b-548e-b558-3067a5a32158)

Le Foot am Ende der Welt (#ue8909c77-f21d-5e77-9a62-7b00d8cf98df)

Compris? Fußball-Sprachkurs Französisch-Deutsch (#u1adc5a52-6d48-5e7f-b386-28ad68764c49)

Johan Cruyff. König der Niederlagen (#u48dd3bfb-8123-536d-8ae3-58111a70c11b)

Kannitverstan? Fußball-Sprachkurs Holländisch-Deutsch (#u8d26bbee-34be-58aa-ac4f-fe269b68a28c)

Männer in Meeren aus Tränen (#ua8b54a8a-4358-5fca-80cd-a9eda39c7c80)

Auch mal an was glauben (#u09dc4273-c12c-59ee-99cc-d0001724af67)

Immer eine Option (#uee2c0e5b-f786-5955-8fd3-41fafe3fb38d)

Von wegen VW (#u833b0572-344c-57e8-9c13-5b48dfb7875f)

Totilas. Der Nachruf (#u7f8db7d1-5808-566c-8657-d19cedf244a1)

Koks schießt keine Tore (#ucd5135ba-7238-552d-a30b-ca32bd348060)

Dichtung und Wahrheit (#u69271f92-4b29-51e1-a96f-f5afa603b553)



Elektropost IV (#u555ce4a8-9030-512b-b1a5-08dfbb539284)

Ostern – Pfingsten ­– Gift im Teddy – Angestellten-Doping



Brief aus dem Dachgeschoss der Alterspyramide (#ub44bb3f2-7f24-59c8-8878-31f2d768a596)

Einige grundsätzliche Anmerkungen zu jahreszeitlich bedingten Lärmbelästigungen (#uf488261c-3b00-5a7b-9898-b4e71720015f)

Einige grundsätzliche Anmerkungen zum Herbst (#u4fb1775f-f22e-5c79-b609-14d4b244bd5b)

Kleiner Gruß vom Berch (#udc466b93-5def-5aa3-a8e0-85329ed4c2a6)

Einige Anmerkungen zum Problem der vielerorts zu besichtigenden Wanderbaustelle (#u74da4df7-78fd-5076-bcbf-1d23fecc5d78)

Sommerloch. Ein Nachruf (#ue052f4e1-537b-532c-8962-0a5b9094b8fd)



Elektropost V (#uacf9e5f3-ac85-58dc-a282-fe773e816e45)

Panama Papers – Rekord-Buchmesse – Liebe und Toleranz



Die Eiligen Drei Torschützenkönige (#ue3ae898a-761d-5678-ad84-d7299ab26fe9)

Weihnachtsmarkt (#ucb235cec-fc7f-533d-b9e8-0a83c28d6356)



Über den Autor (#ufd54aced-0543-5014-b96a-25b8ad09922d)

Über den Verlag (#u8df6f392-2b22-5d20-9dbb-dc41964bb58b)

Impressum (#u82568d35-5566-50ca-9d6a-bc64a8a3fef0)




Vorwort


Sie, liebe Leser, haben alles richtig gemacht. Sie sitzen nicht vor dem laufenden Fernseher. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand gleichzeitig ins Fernsehen kuckt und ein Buch liest, ist doch wohl ziemlich gering. Falls Sie das aber aus mir unerfindlichen Gründen doch tun, machen Sie bitte sofort die Glotze aus. Sie könnten nämlich davon totgehen. Das Buch aber lassen Sie bitte unbedingt an, Sie wollen ja wohl wissen, wie’s ausgeht – oder? Gut so.

Ich fasse zusammen: Der Fernseher ist aus – das Buch läuft. Das erhöht Ihre Überlebens­chancen um ein Vielfaches. Nicht, weil Sie lesen, was hier steht, sondern einzig und allein wegen der Tatsache, dass Sie nicht vor dem beleuchteten Flachschirm sitzen. Wenn Sie das nämlich täten – und das auch noch stundenlang – und das auch noch täglich – und nächtlich – dann, liebe Risikofaktoren, können Sie auch gleich wieder Kette rauchen. Oder schwanger werden. Oder die Anti-Baby-Pille nehmen. Oder alles gleichzeitig. Und wenn Sie dabei dann noch vor dem angeschalteten Fernseher sitzen, dann sind Sie praktisch schneller tot, als Sie einschlafen können.

Sie müssen mir das nicht glauben, glauben Sie’s mir. Sondern dem japanischen Kardiologen Dr. Shirakawa von der Universität Osaka. Der hat’s nämlich herausgeforscht: Menschen, die täglich fünf Stunden oder mehr vor dem TV-Gerät veröden, haben ein doppelt so hohes Risiko, eine tödliche Lungenembolie zu bekommen, wie Menschen, die sich nur weniger als zwei Stunden von dem Gerät beim Davorsitzen beobachten lassen.

Unverbesserliche Couch-Potatoes haben im Grun­de genommen nur eine Chance, dem plötzlichen Glotzentod zu entgehen. Zwischendurch ab und zu aufstehen, immer mal was trinken und Thrombosestrümpfe tragen. Die Wissenschaftler dementierten in diesem Zusammenhang die Meldung, dass fünfstündige, von Johannes B. Kerner moderierte Spendengalas überhaupt nur in Ganz­körperthromboseanzügen zu überleben seien. Das sei eine unseriöse Pointe, die sich wahrscheinlich ein oberflächlicher Humorist ausgedacht habe. Stimmt.




Äpfelpressen in Nordhessen


Es war ein zauberhafter Oktober. Einer, der nicht von der Willkür der Weltmeere und von den Launen des Luftdrucks gezeugt schien, sondern vielmehr wie entworfen von der zarten Feder einer Rosamunde Pilcher, am silbrig schimmernden Tisch im Garten eines südenglischen Landhauses leichthin auf blassgelbes Bütten getupft. Ein idealer, ein Idyll-Oktober, wie nach dem Einfältigkeitsgebot zusammengebraut in der Hirnschale des grinsenden Glücksdiscounters Eckart von Hirschhausen.

Gelbgoldig strahlte die Sonne ohne Unterlass vom wolkenlosen Himmel, gerade so, als wollte sie ihre nur sporadische Anwesenheit in den Sommermonaten nun durch eine umso prächtigere Präsenz vergessen machen. Und wie ihr das gelang. In den Morgenstunden schien es, als könne sie es gar nicht abwarten, den Tau von den nachtfeuchten Blechen der schlaftrunkenen Fahr­zeuge zu lecken. Heiter blinzelte die Frühaufgeherin über Giebel und Baumspitzen, wärmte Gefieder der emsigen Meise wie Fell des fleißigen Eichhorns, das wohl noch selten in solch zeitigem Licht die Frucht des Haselnussbaumes aus zartem Schalengrün gezutzelt und die Abfälle vor den Hauseingang geworfen hatte. KLOCK. ZCK. ZCK. Und noch eine Frucht. KLOCK. ZCK. Und noch eine. KLOCK. ZCK. ZCK.

Faszinierend und enervierend zugleich, diese niemals versiegende Energie. Genauso wie damals bei unseren hyperaktiven Kindern. Die hochnäsige Psychologin behandelte uns wie den letzten Abschaum. Geschlagene sechs Monate hatte es gedauert, bis wir bei der arroganten Schnepfe endlich die ADHS-Diagnose für die beiden Zappelphilippe durchgeboxt hatten. Im Apotheken-Alibert wurden wir fündig. Doch alle Versuche, auch das Eichhörnchen mit Ritalin zu füttern, schlugen fehl.

Was also blieb uns übrig, als es dem durchgeknallten Vieh nachzumachen und ihm zuzurufen: »KLOCK. ZCK.« Keine Reaktion. Wir wählten die Übersetzung in die Menschensprache: »Verpiss Dich!«

Das Eichhörnchen zeigte sich unbeeindruckt. Es KLOCKTE und ZCKTE weiter, ohne sich einen Deut um uns zu scheren. Voll konzentriert. So, als hätte es immer gut zugehört, wenn Oliver Kahn in Katrin Müller-Hohenstein hineingenüsselt hatte: »Im Herbst hast du als Eichhörnchen natürlich immer diesen wahnsinnigen Druck. Da musst du als Eichhörnchen natürlich immer wahn­sinnig konzentriert bleiben. Da bist du als Eichhörnchen natürlich im Tunnel.«

Wir brüllten das Tier an. So wie der frühe Oliver Kahn gegnerische Mittelstürmer angebrüllt hatte, kurz bevor er ihnen die Ohren abbiss. »Ist es nicht ein zauberhafter Oktober!?« Das Eichhörnchen war voll im Tunnel. Unablässig fuhr es fort, Haselnussschalen aufzuzutzeln. KLOCK. ZCK. Sollten wir ihm die Ohren abbeißen? Wahrscheinlich hatte es sich Nüsse hineingesteckt, um nicht am Eigenlärm zugrunde zu gehen.

Uns fiel der Anfang eines Herbstgedichtes ein. »Das Eichhorn knackt die Haselnuss / und wir bekommen Tinnitus.« Nein, so ging das nicht. Daran würden wir später weiterarbeiten, wenn wir die zum Verfassen nachhaltig gültiger Lyrik erforderliche Ruhe gefunden hätten. Doch wie? Und vor allem wo? Wo könnten wir diesen Oktober genießen. Diesen herrlichen, zauberhaften Oktober?



* * *



Bestimmt wusste Gieseking Rat. Genauer: Dr. Gieseking. Dr. Bernd Gieseking ist Universalgelehrter. Eines seiner zahlreichen Spezialgebiete ist das Erforschen menschenfeindlicher Gegenden. Er promovierte 1992 an der ostwestfälischen Eliteuniversität Kutenhausen über das Thema »Ver­­nachlässigenswerte Primärvegetation in post­­kommunistischen Todesstreifen«.

Wir erreichten Gieseking auf seinem icePhone 1. Das icePhone 1 ist, wie die Produktbezeichnung schon andeutet, ein Einzelstück. Zum icePhone 2 ist es nie gekommen. Giesekings selbst entwickelte, nie lizensierte und deswegen auch nie in Serie gegangene Spezialversion des berühmten Apple-Smartphones hat eine Diesel-App, funktioniert aber auch mit Handkurbelstrom, und zwar ausschließlich in Gegenden, in denen kein Netzempfang möglich ist. Wir erreichten Gieseking im nördlichsten Finnland, in Lappland. Er saß am Rande eines mit linksdrehendem Eigenurin hergestellten Eislochs und verspeiste, wie er sagte, »die erste warme Mahlzeit seit Tagen«, eine Handvoll frisch geernteter Robbenleber. Wir schilderten unser Problem. Dr. Gieseking, der als Halbwüchsiger ein zweimonatiges Berufspraktikum als Fischtreppenhausmeister in den Katakomben der Edertalsperre absolviert hatte, riet zu einem Aufenthalt im Bundesland Hessen.

»Ist von euch aus schnell zu erreichen. Wenn ihr Ruhe wollt, ist das das Sicherste. In der Nähe von Fulda gibt’s einen Ort, der ist wie für Euch gemacht, ›Sterbfritz‹. Total tote Hose. Aber nee, Moment, besser nicht, im Oktober sind da immer Theater-Festspiele auf der Freilichtbühne. Dieses Jahr inszeniert Guido Knopp die Biographie von Günter Grass, ›Ich war dabei‹. Nee, nee, bleibt mal lieber da weg. Fahrt lieber nach Nordhessen. Das ist noch näher. Und da ist echt nix. Gar nix. Noch nicht mal Guido Knopp. Absolute Ruhe. Alle Eichhörnchen sind wegen des Kulturangebotes schon lange nach Kassel oder ins Ruhrgebiet ausgewandert. Auch die Wälder sind so gut wie leer. Die nordhessische Natur hat Burnout. Nordhessen hat die deutschlandweit höchste Selbstmord­rate bei Rotwild. Die letzten verbliebenen Jäger dezimieren sich gegenseitig. In Nordhessen gibt es mehr Bäume als in Lappland, aber weniger Menschen. Die Grundstückspreise sind total im Keller. Die einzigen, die da noch siedeln, sind geschäftstüchtige Grüne. Ziehen die letzten Einheimischen über den Tisch, kaufen sie aus den alten Höfen raus, machen tiptop biologisch-ökologische Luxussanierung und stellen Schilder auf: ›Draußen rauchen ist Mord am ungeborenen Baum.‹«

Gieseking hatte es jetzt eilig. Er müsse Schluss machen, das Husky-Taxi sei grad vorgefahren. Er habe gleich ein Blind-Date mit einer Läppin, die Tätowierungen mache. Sie werde ihm ein traditionelles samländisches Motiv stechen, einen Arsch ohne Geweih. »Oh, klingt interessant«, ant­worteten wir, aber ob ein Blind-Date für so eine Tätowierung nicht etwas unpraktisch sei. »Nein, das ist nichts Ungewöhnliches«, verabschiedete sich Gieseking, »hier am Polarkreis ist eigentlich jede Verabredung ein Blind-Date, die Sonne geht ja praktisch erst März/April wieder richtig auf. Ganz anders als in Nordhessen. Hähä, obwohl es umgekehrt ja viel gerechter wär’. Hähä, naja, egal. Wünsch’ euch viel Spaß da.«



* * *



So kamen wir nach Nordhessen. Gieseking behielt in allem recht. Hier gab es tatsächlich nichts. Nichts als Bäume. Geräuschlose Bäume. Die Kronen getupft wie von Rosamunde Pilchers Aquarellpinseln. Jedes Blatt einzeln. Ganz langsam. Tagelang. Wochen-, monate-, jahrelang. Ein Blatt nach dem anderen. Hellrot, Rostrot, Karminrot, Blutrot – äh, nein – das war kein Blattlaub, das waren die eingetrockneten Überreste eines Jägers, der die Konsequenzen gezogen hatte. In seiner Mundhöhle steckte der Lauf seiner Flinte, in seinem Hut ein Zettel. Aufschrift: »Wer das liest, ist doof. Wie kann man hier nur spazieren gehen, echt ey.« Ganz schön frech, aber wo er recht hatte, hatte er recht. Wir nickten Zustimmung und zogen weiter. Schon nach 30 Minuten Wanderung entfuhr uns ein hilfeschreiähnliches »Ist es nicht ein zauberhafter Oktober?« Doch niemand antwortete. Niemand. Nicht einmal eine Fliege. Nicht einmal der Wind. Was hätten wir jetzt für ein einziges »KLOCK ZCK«, für ein komplett rammdösiges, was hätten wir jetzt für ein Eichhörnchen im ADHS-Endstadium gegeben.

Wir wanderten weiter durch das nordhessische Vakuum. Keine Abwechslung. Immer nur nichts. In unserer Not riefen wir Gieseking an. Die Bedingungen waren gut. Es gab kein Netz. Aber er nahm nicht ab. Wahrscheinlich war der Arsch noch nicht fertig.



* * *



Nach Stunden erreichten wir eine Siedlung. Welch eine Überraschung. Lebten hier tatsächlich Menschen? Wenn ja, müssten es besserverdienende Menschen sein. Die Häuser frisch gestrichen, das Fachwerk gepflegt, die Dächer neu gedeckt. Namensschilder an den Eingängen. Schilder, wie wir sie schon lange nicht mehr gesehen hatten, handgefertigt aus einem Material wie aus einer fernen Zeit: Salzteig. Was war das hier? Ein Manufactum-Musterdorf? Oder ein Film­set der Degeto, der TV-Produktionsfirma, die für das greise ARD-Publikum immer diese Seifen-Streifen dreht, in denen menopausenresistente Trümmerfrauen noch mal ganz von vorne anfangen? In Afrika, in Mallorca, jetzt auch in Nordhessen? Würde gleich Christine Neubauer in Hunter-Carnaby-Gummistiefeln um die Ecke biegen und eine Schicksalsprüfung bestehen? Am Landrover einen Reifen wechseln, der Milchkuh den entzündeten Euter eincremen, in ein selbstgeschmiertes Butterbrot beißen und nicht zunehmen?

Wir warteten und warteten. Doch nichts geschah. Niemand kam. Keine Neubauer, keine Kuh, kein Butterbrot.

Dies wäre jetzt haargenau die passende Stelle für den klassischen Überbrückungssatz: »Und irgendwo bellte ein Hund.« Aber es bellte kein Hund. Es KLOCKTE noch nicht mal ein Eichhörnchen. Etwas anderes passierte. Irgendwo vibrierte ein Handy. In unserem Rucksack. Eine SMS aus Lappland: »Der Arsch ist fertig. Gleich gibt’s Essen. Mett-Igel aus Rentierhack. Wodka bis zum Augenstillstand. Hier ist gut was los. Bei Euch möcht’ ich echt nicht tot überm Zaun hängen. Bei Euch möchte’ ich noch nicht mal der Zaun sein.«

Wir simsten Gieseking einen Salmonellenvirus aufs icePhone und gingen vorsichtig weiter, Schritt für Schritt durch das leblose Geisterdorf. Dann, an einer Wegekreuzung, eine Hinweistafel: »Dorfcafé, gleich rechts um die Ecke.«Konnte das wahr sein? Sollte es hier tatsächlich eine Einkehrmöglichkeit geben?

Jawohl, gleich rechts um die Ecke ein gepflasteter kleiner Hof, darauf Tische, Stühle. Im Fachwerkhaus dahinter eine offene Tür. Das Dorfcafé. Darin ein großer, für 12 Personen eingedeckter Holztisch, an einer Wand eine Leinwand, an den anderen Wänden Regale mit Saftflaschen, fair gehandeltem Kaffee, fair gehandeltem Tee, fair geschleudertem Honig und eine Theke mit frischgebackenem Apfelkuchen. Für wen war der? Erwartete man lebendige Gäste? Außer uns lebte hier nichts. Noch nicht mal ein Wirt oder eine Wirtin. Wir setzten uns an den Tisch und lasen die Aufschrift der Speisekarte:

»Global denken – lokal handeln. Herzlich willkommen zu den Apfelpresstagen in Altenlotheim. Mit kostenlosem Beamervortrag.«

Apfelpresstage in Altenlotheim. Sollte es nicht besser Altentotheim heißen? Wo waren wir nur gelandet? Wir verwünschten und beneideten Gieseking gleichzeitig. Ein Königreich für einen Rentier-Mett-Igel. Ein Himmelreich für eine Handvoll Robbenleber. Jede heidnische Polarkreis-Saue­rei in einem samländischen Darkroom würden wir jetzt diesem evangelischen Regionalsaft­event vor­ziehen. Hier musste man ja jeden Augenblick da­mit rechnen, dass Antje Vollmer um die Ecke schlappt und Marmelade für den Adventsmarkt der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel kocht.



* * *



Die ersten Teilnehmer erschienen zum kostenlosen Beamervortrag. Immerhin, Antje Vollmer war nicht dabei, aber einige sahen aus wie sehr nahe Verwandte von Fritz Kuhn und Renate Künast, also so, als würden sie regelmäßig an Presstagen teilnehmen. Als Obst.

Bevor man uns in die Gemeinde aufnehmen konnte, ergriffen wir Gegenmaßnahmen. Neinnein, die Apfelpresstage interessierten uns überhaupt nicht. Obstsäfte nähmen wir nur in gebrannter Form zu uns. Wir zündeten uns Fluppen an und quarzten in die Kuchentheke.

Wir seien Immobilienspekulanten und hätten hier ein paar Resteinheimische davon überzeugt, nach Sterbfritz umzusiedeln. Jetzt würden wir uns ein paar Tage freinehmen, um den zauberhaften Herbst zu genießen. Neinnein, nicht hier. In Frankreich, im Département Vendée. Da fänden jetzt, wie immer im Oktober, die traditionellen Entenpresstage statt. Jaja, Entenpresse, ganz recht. Eine formidable Maschine. Darin würden nach Garvorgang und Zerlegen die Entenkarkasse und das Restfleisch ausgepresst, um aus dem abfließenden Saft eine exzellente Sauce zu machen. Der berühmte ostwestfälische Universalgourmet Dr. Gieseking habe uns im vergangenen Herbst dorthin mitgenommen. Er nähme seit Jahrzehnten am Entenpressen teil und gehöre mittlerweile zum inneren Zirkel der »Lukullischen Loge«. Nun hätten auch wir eine Einladung zum feierlichen Höhepunkt des Festes erhalten. Am Reformationstag halte man sozusagen die Entenpresse-Krönungsmesse ab. Sie gipfele in der Zubereitung eines seit Epochen von Generation zu Generation weitervererbten Gerichtes, der »Blut­ente«. Selbstverständlich verwende man für diese Spezialität ausschließlich regionale Produkte, die berühmten Challans-Enten, streng biologisch er­nährt und in Freilandhaltung aufgezogen. Die Blutente werde nicht geschlachtet, sondern erwürgt. Das habe den Vorteil, dass alles Blut in der Ente verbleibt. Nach dem anschließenden kurzen Garen werde das Tier dann zerlegt und Knochen und Fleischreste sofort in der Entenpresse ausgequetscht. Da es praktisch keinen Blutverlust erlitten habe, erhalte man so eine besonders fleischsaftige und blutige Sauce. Das alles sei natürlich nicht ganz billig. Getränke gingen exklusive. Leider kein kostenloser

Beamer-Vortrag, dafür aber sauteurer Champagner satt. Die ganze Sause pro Nase um die 3.000 Ocken. Tja, Qualität koste halt, aber das müssten wir aufgeklärten und bewussten Verbrauchern wie den Anwesenden hier ja nicht erklären.

Von allen Plätzen des Tisches schauten uns die Geschwister Ekel und Abscheu an. Wir drückten unsere Kippen auf dem geölten Vollholzboden aus, warfen ein paar 50-Euro-Scheine auf den Tisch, riefen »Spende« und wünschten allen noch einen schönen Apfelpresstag.



* * *



Die Sonne stand tief über den schweigenden Wäldern Nordhessens. Das Abendrot wies uns den Weg in die Heimat. Westwärts. Als wir unser Zuhause erreichten, leuchtete ein fahler Vollmond über den Dachfirst und warf ein fast künstliches, neonartiges Licht in den Garten. Der Haselnussbaum war komplett skelettiert. Im Mondschein stand er da wie ein Requisit aus Francis Ford Coppolas Apocalypse Now. Fehlte nur noch der Walkürenritt und Robert Duvall: »I love the smell of napalm in the morning.« Wir schauten auf die Uhr. Noch fünf Minuten bis Allerheiligen. Ein hartes KLOCK. ZCK. Das Eichhörnchen hatte damit begonnen, den Carport des Nachbarn zu demontieren. Das Handy vibrierte. SMS von Gieseking. »Habe die finnische Staatsbürgerschaft beantragt. Werde heiraten. Tattoo etwas entzündet. Morgen will sie mir Ohren dranmachen.«

Es war wirklich ein zauberhafter Oktober. Die Kirchturmuhr schlug zwölfmal.

Endlich November.




Aschermittwochsbrief aus Westfalen


Liebe Rheinländer!



Ich weiß, Ihr singt lieber andere Lieder. Ich aber mag Musik und deswegen lasst es mich mit dem Urvater des US-amerikanischen Straßenkarnevals, lasst es mich mit Bob Dylan sagen: It’s all over now, Baby Blue.

Manche nennen es Kater, manche sagen Melancholie, die einen liegen in Essig, die anderen gehen in Asche und die meisten eint das Gefühl, dass an diesem traurigen Mittwoch nicht nur der Nubbel, sondern mit ihm auch der letzte Witz gestorben ist. Liebe Rheinländer, es ist mir vollkommen klar: Was Ihr jetzt am dringendsten braucht, ist erstens ein Kopfschmerzpulver aus Leverkusen, zweitens etwas sauer Eingelegtes auf der Zunge und drittens, falls Ihr heute durch Eure Innenstädte gehen müsst, eine Nasenklammer. Und natürlich: Das wenigste, was Euch jetzt trösten kann, ist ein fröhlicher Gruß aus Westfalen. Deswegen schicke ich Euch einen Eurer Verfassung angemessenen, einen verhaltenen, einen leisen grauen Gruß aus der Karnevals-Diaspora westliches Westfalen, also östliches Ruhrgebiet, was im übrigen aufs selbe rauskommt.

Liebe Rheinländer, ich kann mir lebhaft vorstellen, wie vielen von Euch heute zumute ist. Und zwar nicht obwohl, sondern weil ich Westfale bin. Schwermut und Blues sind für uns keine Unbekannten. Hier bei uns kommen die beiden nämlich wesentlich häufiger vorbei als bei Euch. Wir brauchen keine tollen Tage, um aschermittwochs traurig zu sein. Wir sind da nicht so kalenderhörig, wir haben das auch schon mal dienstags oder donnerstags und wenn’s sein muss, auch im August bei 28 Grad im Schatten in der Eisdiele.

Ihr merkt hoffentlich, dass ich an Eurem heutigen höchsten Trauertag nicht die Gegensätze, sondern unsere Gemeinsamkeiten betonen will. Außerdem will ich als Westfale nicht verhehlen, dass ich Euch manchmal bewundere. Ja schon – auch ich kann mit Alkohol lustig sein. Und ja: Auch ich kann mich schon mal freuen, manchmal sogar verhältnismäßig begeistern. Das Doofe ist nur: Ich brauch’ dafür ‘n Grund.

Mit neidischen Grüßen

F.E.




Rund fünf Millionen Humoristen

Eine Annäherung


Was wäre die Ruhr-Region ohne ihren Humor? Sie wäre vor allem menschenleer. Der Mensch kann Humor haben, eine Region nicht. Wie denn bitte? Region besteht doch vor allem aus Gegend, also aus unbebauten, dafür aber bebaumten Flächen, aus Wäldern und, in für Normalwüchsige überschaubarer Ausfertigung, aus Asphaltrandbestrauchung, die je nach Hundeausscheidungsaufkommen ebenso dem baldigen Dahinscheiden geweiht ist wie die jede Normbestrauchung gemeinhin umrandende Berasung. Schön ist jedenfalls anders. Es sei denn, es ist Winter und die Laterne ist kaputt. Dann geht’s.

Solchermaßen ausgestatteter Region kann man sicherlich einiges zusprechen, zum Beispiel Gewöhnlichkeit, nicht aber Humor. Hat man denn je eine Lärche, einen Liguster oder eine Laterne lachen hören? Na siehste. Und wenn es sich doch mal ein klein wenig so anhörte wie, dann war es wohl doch nur wieder das vom strammen Südwest verursachte Quietschen im Wind, ganz bestimmt aber nicht das den wahren Humor kennzeichnende »Lachen über sich selbst«.

Ergo: Gegend hat keinen Humor. Weder das erwähnte Inventar, noch die die Gegend vervollständigenden, also in ihr herumstehenden umbauten Räume. Obwohl gerade die ihn am nötigs­ten hätten.

Hier geht es aber nicht um »Wohnbebauung« genannten Zynismus, also um Architektur, sondern um Menschlichkeit. Denn wenn es in einer Region Humor gibt, dann nur, weil sie bewohnt, vor allem aber beseelt ist. Im Falle des Ruhrgebietes von derzeit rund fünf Millionen Humoris­ten.

Denn wahrlich, ich sage euch: Die Menschen im Ruhrgebiet haben das Herz auf dem rechten Fleck. Ausnahmslos alle. Diese also durch und durch unkomplizierten, aufgeschlossenen, sympathischen, uneitlen, von harter körperlicher Arbeit geprägten, sich durch die Unbilden des Lebens nicht aus der Bahn werfen lassenden, also nach dem Hinfallen immer wieder aufstehenden, wie gesagt zu einhundert Prozent mit lebensbe-jahender Herzensbildung ausgestatteten und deswegen so liebenswerten Ruhries sind ja vor allem deswegen so liebenswert, weil sie ein so außerordentlich unkomplizierter, aufgeschlossener, uneitler, von harter Arbeit geprägter Menschenschlag sind, der durch die Bank das Herz auf dem rechten Fleck hat und sich nicht unterkriegen lässt.

Es sind vor allem solche von keinem weitergehenden Gedanken befeuerten Zuschreibungen, die die in der Ruhrregion ansässigen Menschen seit einigen Epochen über sich ergehen lassen, ohne erkennbar unter der Belastung zusammenzubrechen. Nicht wenige haben es sogar geschafft, die Vorurteile über sich so anzunehmen, dass sie nun selber glauben, wer, was und wie sie angeblich sind. Ahnungslose Schlaumeier halten das für einen psychischen Defekt. Dass wir es aber hier mit unabweisbaren Indizien für tief in den Menschen verwurzeltem Humor zu tun haben, erkennen die wirklichen Fachleute.

So etwa der große amerikanische Volksschriftsteller Mark Twain. Er wusste: »Die verborgene Quelle des Humors ist nicht Freude, sondern Kummer.«




Heimatloses Osterei

(auf Norderney)


Im Januar wurd ich gesichtet

als selten schickes Einzelstück,

wer mich bekäme, wurd berichtet,

hätt fast schon unverschämtes Glück.



Im Februar war ich verschwunden,

»verzogen«, wurde kolportiert,

nach »unbekannt«, nach »falsch verbunden«,

nach »weißderteufel« emigriert.



Bereits im März war ich vergessen,

kein Schwein fragt seither, wo ich bin,

als Thema sowas von gegessen,

aus dem Sichtfeld, aus dem Sinn.



So kam ich im April zu dir,

in schäbbig braunem Packpapier,

als blinder Nordseepassagier

frierend auf der Frisia IV.



Als heimatloses Osterei

stelle ich auf Norderney

die hoffnungsvollste aller Fragen:

Willst du mich nach Hause tragen?




Obenrum runtergekommen


Der Personenkreis, bei dem ich mir einigermaßen sicher bin, wenigstens ungefähr zu wissen, mit welchen Vorstellungen, Erwartungen und Hoffnungen er durchs Dasein strunkelt, ist sehr überschaubar. Doch selbst von dieser kleinen Gesellschaft würde ich mich derzeit nicht zum Vorstandssprecher ernennen lassen. Bedenkenlos könnte ich nur verkünden, dass in einer guten und gerechten Welt selbstverständlich immer »wir«, also »nur der BVB«, Deutscher Fußballmeister sein muss. Für allgemeingültige Aussagen zu Themen von vergleichbarer gesellschaftlicher Re­le­vanz fehlt mir momentan die Traute.

Ein vollmundiges »wir« kann ich also guten Gewissens nicht anbieten. Dazu mangelt es mir zu sehr an Selbstgewissheit. Der inter­ne Diskus­sionsbedarf ist groß, von einer klaren Beschluss­lage kann nicht die Rede sein. Es scheint mir, dass mein Koordinatensystem gehörig aus den Fugen geraten ist. Ich will mich nicht verallgemeinern, doch wenn mich nicht alles täuscht, bin ich nicht der einzige, der sich gerade öfter mal siezt, weil er sich selbst etwas fremd ist.

Ich sollte vielleicht nicht jeden Quatsch mitmachen. Ich sitze ja auch dauernd an diesem unseligen Newsticker und drück’ die Maus. Habe schon überlegt, meine diversen Monitore mit Warnhinweisen zu verdunkeln: »Aktualisieren gefährdet Ihre seelische Gesundheit. Fangen Sie erst gar nicht damit an!« Ist aber naiv. Ich hänge schon zu sehr in der Suchtschleife.

Und hastenichtgesehn erwische ich mich dabei, dass ich auf einmal erschüttert bin oder sogar empört und ungewohnte Gedanken denke. Gedanken, die mich überrumpeln, aber doch offensichtlich meine eigenen sind. Plötzlich und unerwartet entfährt mir ein zu lautes »Hallo? Das wird man ja wohl nochmal denken dürfen!« In klareren Momenten reiße ich mich dann zusammen und denke: »Na gut, denken kannst du es ja, aber du musst ja nicht alles auch sofort sagen, was du so denkst. Kannst ja erstmal drüber nachdenken.«

Doch hier kann ich es ruhig mal wagen, es zu sagen. Es verlässt ja nicht das Buch. Nur mal so als Beispiel: Ich habe mich eine Zeitlang mehrfach dabei ertappt, dass ich das Bedürfnis hatte, Angela Merkel in Schutz zu nehmen. Vor den zu vielen anderen von diesem öffentlichen Personal. Diesen Reflex hatte ich früher nie. Was ist passiert? Ich hatte doch mal ganz andere Ansprüche. Sind das noch Gedanken oder ist das schon Gefühl? Ich will es nicht geistige Verwahrlosung nennen, aber ich bin obenrum doch ziemlich runtergekommen. Ich freue mich heute schon darüber, dass es mit dieser Kanzlerin wenigstens eine Person in leitender Funktion gibt, die hin und wieder relativ gelassen ein paar Selbstverständlichkeiten von sich gibt. Etwa, dass man Menschen, denen es dreckig geht, gefälligst zu helfen hat.

Ich hoffe, dass es in diesem Land noch eine Mehrheit dafür gibt, das als zivilisatorischen Min­deststandard festzulegen. Und zwar auch, nachdem Frau Merkel ihre Rhetorik aufgrund der sinkenden Umfragewerte aktualisiert hat.




angelaminusmerkel@SAT1.de


Betr.: Hauptrolle



Herzlichen Glückwunsch, Frau Merkel.



Seitdem der TV-Sender SAT 1 die Filmrechte an Ihnen erworben hat, lassen Sie sich von Veronika Ferres doubeln. Eine ausgezeichnete Wahl. Nicht nur wegen der frappierenden äußerlichen Ähnlichkeit. Es lag nahe, dass die Rolle der mächtigsten deutschen Frau der Welt nur von der besten deutschen Schauspielerin der Welt übernommen werden konnte. Die Verfilmung Ihrer leidenschaftlichen Affäre mit dem französischen Staatspräsidenten Monsieur Hollande alias Monsieur Dupont überzeugte vor allem durch die realistische Zeichnung Ihres Charakters und wegen der frappierenden äußerlichen Ähnlichkeit, nicht nur, aber auch im Unterwäschebereich. Da konnte das französische Double jedenfalls für keine zwei Croissants mithalten.

Sollte es zu einer Fortsetzung kommen, Frau Ferres, äh pardon, Frau Merkel, würde ich an Ihrer Stelle darauf bestehen, dass Monsieur le Président François Hollande auf jeden Fall von Monsieur »Le Vin Rouge« Gérard Depardieu gespielt wird. Erstens wegen der frappierenden äußerlichen Ähnlichkeit und zweitens, weil Veronika Ferres einen Gegendarsteller braucht, der ihr schauspielerisch einigermaßen ebenbürtig ist. Sollte Monsieur Depardieu aus politischen Gründen derzeit nicht infrage kommen, immerhin ist er ein Kumpel Ihres russischen Widersachers Wladimir Putin, wäre selbstverständlich auch Til Schweiger eine Option, vor allem wegen seines typischen unverständlichen Akzentes. Andererseits wäre Schweiger auch die Idealbesetzung für die Rolle Ihres russischen Widersachers Puschkin, pardon, Putin, beziehungsweise Ihrer innerparteilichen Widersacherin Ursula von der Leyen. Schweiger hat ja wie von der Leyen Fronterfahrung. Allerdings müsste er für den deutschsprachigen Raum wegen seines unverständlichen Akzentes synchronisiert werden, vielleicht von Frau von der Leyen, oder von Ronald Pofalla. Und mit der Frisur müsste man natürlich auch was machen.

Wünschenswert wäre im übrigen, Frau Merkel, wenn zukünftige Streifen der weltpolitischen Bedeutung der mächtigsten Frau der Welt angemessener wären. Frau Ferres muss ja nicht immer was mit dem französischen Präsidenten haben. Denken Sie doch mal transatlantisch. Wie wär’s mit Clint Eastwood als Barack Obama? Schon wegen der frappierenden äußerlichen Ähnlichkeit.



Mit einem dreifach-kräftigen »make my day«

fritz@eckenga.de




joachimminusgauck@bundespraesidialamt.de


Betr.: Uns



Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck, und ich, wir zwei beiden also haben ganz viel gemeinsam: Zum Beispiel das CK in unseren Nachnamen. Sie am Ende, ich weiter vorne. Außerdem haben wir die gleiche Staatsangehörigkeit und dieses ganz große Verantwortungsgefühl fürs Großeundganze. Sie können das nicht wissen, weil Sie von mir ja nicht so viel mitbekommen wie umgekehrt ich von Ihnen. Deswegen schreib’ ich Ihnen ja. Ich bin schließlich ein Bürger dieses Landes und Sie, das haben Sie oft genug gesagt, Sie sind ja ein Bürgerpräsident. Es wird Sie also hoffentlich freuen, wenn ein Bürger seinem Präsidenten so ähnlich ist, dass man praktisch keinen Unterschied mehr erkennen kann.

Genau wie Sie, mein Präsident, bin ich ein großer Anhänger der Freiheit. Ich sag’ das auch mindestens so oft wie Sie. »Die Freiheit«, sagte ich letztens noch in geselliger Runde, wir haben abends gegrillt und dann Fußball gekuckt, da sagte ich noch, »die Freiheit, Jungs, die ist ja durch nix anderes zu ersetzen. Also wenn wir die Freiheit nicht hätten, puh, da hätten wir aber bestimmt viel weniger Spaß.«

Und genau so, Herr Bundespräsident, genau so ist es mit der Verantwortung. Die ist mir auch mindestens so wichtig wie Ihnen. Sie sagen ja immer: »Wir haben eine große Verantwortung, der wir uns stellen müssen!« Sie werden’s nicht glauben: Genau meine Worte! Dieser Tage noch sag’ ich zu meinem Nachbarn, wir kärchern immer zusammen die Garageneinfahrt, sag’ ich noch zu dem: »Eins will ich dir mal sagen: Wir haben eine große Verantwortung, und der müssen wir uns aber auch stellen, sonst hat’s ja gar keinen Zweck.«

Solche Beispiele könnt’ ich Ihnen noch Dutzende nennen, Herr Gauck. Um nur mal zwei zu nennen: »Auslandseinsätze der Bundeswehr dürfen kein Tabu sein!« Als wär’s ein Text von mir. Sagte ich noch neulich zu meiner Frau: »Sobald Herr Gauck sich zu den Waffen meldet, tu ich’s auch. Da steh’ ich in der Verantwortung!«

Und neulich, wurd’ ja überall drüber berichtet, neulich haben Sie gesagt: »Wir nehmen viel zu wenig Flüchtlinge bei uns auf!« Also Herr Gauck, ich hätt’s wirklich nicht besser ausdrücken können.

Deswegen: Sollten Sie Platzprobleme im Schloss Bellevue bekommen, weil Sie da jetzt noch mehr Flüchtlinge als sowieso schon bei sich wohnen lassen, sagen Sie einfach Bescheid. Dann stelle ich Ihnen mein Arbeitszimmer zur Verfügung. Irgendwo müssen Sie ja auch die Freiheit haben, um Ihre Reden zu schreiben. Nicht, dass das eines Tages so ’n x-beliebiges Geschwafel wird.



Immer für Sie da!

fritz@eckenga.de




karsten-muehlenfeld@großflughafen-berlin.de


Betr.: Kein Witz!



Dieser E-Mail, sehr geehrter Herr Mühlenfeld, liegt ein Irrtum zugrunde. Ich hatte nämlich gedacht, dass ich in der Angelegenheit Großflughafen Berlin-Brandenburg nie jemals wieder irgendjemandem eine Mitteilung schreiben müsste, weil ich nicht gedacht habe, dass das Projekt Berliner Großflughafen überhaupt noch existiert.

Deswegen hatten wir beide, sehr geehrter Herr Mühlenfeld, bis vor kurzem sogar eine Gemeinsamkeit. Wir wussten gar nicht, dass es uns gibt. Das hat sich aber jetzt einseitig geändert, denn nun weiß ich, wer Sie sind. Sie sind tatsächlich der Geschäftsführer einer gewissen »Flughafen GmbH Berlin-Brandenburg«. Und das ist, ich betone das in aller Form ausdrücklich in dieser auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglichen E-Mail: Das ist kein Witz! Erstens ist die Information seriös recherchiert und zweitens werde ich den Teufel tun und mich dieser Angelegenheit noch ein einziges Mal in scherzhafter Absicht nähern. In meiner Branche wird das Witzeerzählen über Berliner Großflughafen­projekte bereits seit einigen Epochen mit Berliner-Großkomiker-Vergleichen nicht unter drei

»pass­aufpassaufjetztkommts weesteweestewees­te« geahndet.

Es wäre sehr hilfreich, sehr geehrter Herr Mühlenfeld, wenn Sie sich als verantwortlicher Geschäftsführer der beschränkt haftenden Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg in Zukunft ebenfalls bemühten, das Thema so humorlos wie möglich zu behandeln. Wenn Sie also nochmal eine Pressekonferenz geben, dann unterlassen Sie doch bitte Aussagen wie: »Wir halten am Eröffnungstermin 2017 fest.« Das ist nicht lustig, sehr geehrter Herr Mühlenfeld. Sämtliche in dieser Angelegenheit jemals abgesetzten Pointen wurden bereits vor langer Zeit beerdigt. Respektieren Sie bitte die Totenruhe.



Witzlose Grüße

fritz@eckenga.de




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/fritz-eckenga/draussen-rauchen-ist-mord-am-ungeborenen-baum/) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


