Bildung gegen den Strich - eBook Sara Sierra Jaramillo Hartwig Weber Aus der Begegnung mit Jungen und Mädchen, die auf den Straßen einer südamerikanischen Millionenstadt (Medellín in Kolumbien) leben und Erzählungen darüber, wie es dort zugeht, werden die Themen dieses Buches entwickelt: Kinder in gesellschaftlichen Risikosituationen; aktuelle und historische Hintergründe des weltweiten Phänomens wie Armut, Exklusion und Globalisierung; Menschenrechte und Kinderrechte. Vor allem aber geht es um Kinder und Jugendliche, die in der Prostitution ein Auskommen suchen, sowie um minderjährige Mütter. Angesichts der Frage, was Abhilfe zu schaffen vermag, wird nicht auf karitative Maßnahmen, sondern auf Bildung gesetzt. Im Mittelpunkt des Buches steht die Entwicklung der Konzeption einer Straßenpädagogik, ihrer Intentionen und Methoden. Durch Bildung können Lebenssituation und Zukunftsaussichten von «Straßenkindern» verbessert werden. Ebook. Hartwig Weber · Sor Sara Sierra Jaramillo Bildung gegen den Strich Lebensort Straße als pädagogische Herausforderung Inhalt Vorwort (#ulink_ceff234d-9fdf-5bfc-9eb4-7c0925dbda4c) 1 Verschenkt, missbraucht, vergessen: Mädchen im Straßenmilieu (#ulink_6f81a7c3-5444-5178-967d-740511ce5946) 2 Babystrich – Kinderprostitution (#ulink_c1d64442-a31b-5fc2-8306-469bece56edd) Ein kleiner Platz im Zentrum der Stadt Ausgegrenzte Zonen, unsichtbare Grenzen (#ulink_05c2dc02-8e29-5b11-bd7e-6c83a31733a4) Prostitution, stigmatisierter Raum (#ulink_b698f631-fd80-5a9d-83f9-05b2beb6ffb8) Kinderprostitution, tabuisiert (#ulink_eed8a60e-74f7-579f-899e-86e953676362) 3 Kindermütter: Kinder, die Kinder bekommen (#ulink_77a99e39-1830-5eaf-81a5-37cdb6540315) Immer mehr schwangere Mädchen Gründe und Folgen (#ulink_cf2946ca-0df3-5449-a0a9-21c769e1143c) 4 Flüchtlingskinder (#ulink_ed428949-ac8a-52e6-8e53-9cd287d2806c) 5 Kriegskinder – Kindersoldaten (#ulink_036d81aa-6033-5e30-a12b-e44f3d731e00) 6 Was ist das – ein »Straßenkind«? (#ulink_ae723e22-ab05-5071-8541-2fbf3c5f598f) Lebensmittelpunkt Straße: Kolumbianische Verhältnisse »Kind« und »Straße«. Definitionsversuche (#ulink_5eff7d36-ec8c-57a6-89c4-dfec3befbbd3) Straßenjugendliche in Deutschland (#ulink_35245ef4-6194-5124-b3f0-59dc41408c51) »Malunde« in Südafrika (#ulink_8d5ae581-eb87-5c65-90db-3f7f74175e58) Mädchen in Indien, an den Rand gedrängt (#ulink_5f4228cc-bcfa-5aa5-8a29-21eb7c9d6516) 7 Verstoßene Kinder: Historische Streiflichter (#ulink_6cf83de2-b736-5f20-8b6d-c2b0f6681b35) Geschichte der Kindheit, ein Alptraum Bettelkinder, Vorläufer der Straßenkinder (#ulink_4f3d33d2-a4a7-5dd7-841d-ae4c91fafb93) Rettung durch Zucht: Sorge um verlassene Kinder (#ulink_cf5dc1aa-cc08-56eb-92db-9db85087470e) »Bastarde von geringem menschlichem Wert«: Kolumbianische Straßenkinder in der Geschichte (#ulink_8129b8ba-b05f-54dc-b409-d315daf36cb9) 8 Hintergründe (#ulink_3b79de71-b6d1-5fe2-b334-18f17033900f) Armut, Exklusion Globalisierter Kapitalismus (#ulink_e0ca2222-dd20-566e-a5a9-4b539492e4f9) 9 Kinderrechte – Bildung als Weg in die Zukunft (#ulink_6e14abd5-cc13-582f-8d13-e61bb652eb74) 10 Patio 13 –Schule für Straßenkinder (#ulink_44639ff1-b196-5a4f-b562-adef6d040286) 11 Straßenpädagogik (#ulink_727c3bcb-94ca-539e-8d5d-e395edd90694) Selbstvertrauen, persönliche Ressourcen Verwirklichungschancen (#ulink_adbb4087-a482-54a3-b1a0-c92469274e4b) Was charakterisiert Straßenpädagogik? (#ulink_5efa7b53-4211-562e-afc9-95b78fd61549) Menschliche Wesensmerkmale (#ulink_cf1fb9f2-7beb-5d5d-a789-242547a685b6) Wozu befähigt Straßenpädagogik? (#ulink_9a24cdd6-89c4-5f58-873a-e4b2bdbfca6d) 12 Straßenpädagogische Methoden (#ulink_fdcb0026-10fd-538b-9234-815343c71009) Alltag, Erfahrungsraum, Lerninhalt Ethnographische Haltung (#ulink_7cba1d5b-0489-58cb-a0d2-bface30cce0b) Lebensgeschichten erkunden (#ulink_16212df9-c4df-5330-af78-67602aa71fbd) Fragen richtig stellen (#ulink_cbee51c2-6128-5bba-88a0-7485693f8761) Straßenprojekte: Lebensdienliche Bildungsangebote (#ulink_358a5178-713c-558a-b3ae-bd58d72d8ee7) Orientierung an Tun und Handeln (#ulink_7c8ab1e6-a02c-517e-9c60-97b780c82b9b) 13 Erkunden, festhalten, weitergeben: Die Methode der Fotoethnographie (#ulink_b7c8bbcf-7f1e-563b-8ea3-9b05e71baa43) 14 Wer bin ich? Wohin gehe ich? Ein Straßenprojekt mit schwangeren Teenagern und Kindermüttern (#ulink_ca64f407-b8a2-5f28-a1e2-a489aeb30642) Die Problemlage Peer Education: Jugendliche begegnen Jugendlichen (#ulink_7f5470ee-474d-5fa5-8a59-3936272da55d) Das Projekt »Mein Lebensbuch« (#ulink_0009667a-d907-555a-ae35-3b3ff947299b) Die Projektphasen (#ulink_839cb667-0f8b-5905-8612-6f54d5040a4f) 15 Postscriptum (#ulink_b35e0627-9c03-586c-8c59-13ebec99903b) Textnachweis (#ulink_43d4e048-c688-5f85-ab86-cf5c071d75c7) Vorwort Ein kleiner Platz, mitten in einer lateinamerikanischen Millionenstadt. Tagsüber und bis in die Nacht hinein sieht man dort Scharen von Kindern, Mädchen, viele junge Erwachsene. Sie schlafen im Freien. Wenn sie genug verdient haben, 10 000 Pesos (etwa drei Euro), 30 000 Pesos (neun Euro) pro Freier, leisten sie sich ein Bett in einem heruntergekommenen Stundenhotel, wo sie sonst nur arbeiten. Manche Mädchen sind Mütter. Einige haben zwei, drei oder mehr Kinder. Meist werden ihnen die Kleinen weggenommen und irgendwo untergebracht, wenn sie Glück haben, bei der Großmutter oder bei einer Tante, meist aber in einem Waisen­haus. Fehlgeburten und Abtreibungen haben fast alle Mädchen hinter sich, und sie konsumieren unablässig Drogen. Kindermütter auf dem Babystrich. Trotz enger Kleidchen, kurzer Röcke, kleiner Blüschen fallen sie neben den anderen Menschen auf der Straße kaum auf. Eine bunt zusammengewürfelte Schar. Schwangere Teenager, arbeitende Kinder, Flüchtlingskinder, ehemalige Kindersoldaten, Ausreißer aus paramilitärischen Gruppen und Guerillagruppen, geflohen vor Milizen und Jugendbanden. »Straßenkinder« trifft man an vielen Orten der Welt, nicht nur in den Metropolen Südamerikas, auch in Afrika, Asien, in Europa. Die Zahl der Mädchen im Kindesalter, die Kinder bekommen, nimmt weltweit zu. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene auf der Straße leben innerhalb ihrer Gesellschaften, dennoch von ihnen getrennt, ausgeschlossen, weggeschoben, vergessen. Wer in diese nahe und doch so fremde Welt vordringen will, braucht Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen. Am Ende sieht er Schicksale und bekommt Lebensgeschichten zu hören, die ihm ein anderes, unbekanntes, befremdliches Dasein erschließen. Beim Lesen dieses Buches folgen Sie einer Gruppe von Studenten, Jungen und Mädchen im Teenager-Alter, auf dem Weg durch die Straßen einer lateinamerikanischen Metropole, hinein in den Dschungel einer Millionenstadt, wo sie jungen Prostituierten, Schwangeren, Kindermüttern begegnen, Menschen im gleichen Alter wie sie selbst. Deren Alltag und Lebenslagen wollen sie kennenlernen. Was die Studenten antreibt, ist die Vorstellung, dass Kindern und Jugendlichen auf der Straße auf Dauer nur eines helfen kann: Bildung. Bildung als Chance, das ­eigene Leben, die eigenen Zukunftsperspektiven zu verändern. Aber bevor Pädagogik greifen kann, müssen Verständnis und Empathie für Lebenssituationen der Menschen auf der Straße, ihren Alltag, ihre Erfahrungen und Perspektiven wachsen. Das erste Kapitel dieses Buches will Ihnen diese Welt erschließen: Sie können die Annäherung der Studenten nachvollziehen und so einen Einblick in das Schicksal und den Alltag junger Menschen auf der Straße, insbesondere von Kinder­müttern, gewinnen. Mit authentischen Dokumenten beleuchten die Kapitel 2 und 3 die Themen Kinderhandel, Kinderprostitution und Minderjährigenschwangerschaften – Phänomene, die sich in jüngster Zeit nicht nur in Lateinamerika, sondern weltweit ausbreiten. Kinder und Jugendliche der Straße sind häufig Vertriebene, viele stammen aus Flüchtlingsfamilien (davon handelt das vierte Kapitel). Wie in afri­kanischen oder asiatischen Ländern, so trifft man auch in Südamerika obdach­lose Jugend­liche, die jahrelang als »Kindersoldaten« in paramilitärischen Gruppen oder Guerilla­gruppen, aggressiven Jugendcliquen oder Selbstverteidigungsbanden gelebt, gekämpft und dabei selbst getötet haben. Zahllose verlassene Kinder und Straßenjugendliche melden sich freiwillig bei illegalen Milizen, weil sie sich dort Auskommen, Ansehen und Macht versprechen. Davon ist im fünften Kapitel die Rede. Im Anschluss wird das weltweite Phänomen der obdachlosen Kinder behandelt, eine Erscheinung, die nicht nur für die Gegenwart typisch ist (Kapitel 6), sondern auch in vergangenen Jahrhunderten verbreitet war (Kapitel 7). Das achte Kapitel rundet das Gesamtbild durch Hintergrundinformationen zu den Themen Globalisierung, Armut und Exklusion ab. Wer von Armen, Arbeitslosen, Flüchtlingen, Kindersoldaten oder Straßenkindern berichtet, kommt um Zahlen nicht herum. Auch in diesem Buch sind wir (hoffentlich nicht häufiger als nötig) der Versuchung erlegen, mit besonders großen Zahlen auf besonders gravierende Probleme aufmerksam zu machen. Dabei weiß jede/r, dass unsere Vorstellungskraft mit dem Anwachsen der Zahl von Fällen nicht Schritt hält. Erst recht gilt dies für unsere Empathiefähigkeit. Was uns bewegt, ist das einzelne Schicksal. Das Elend von Tausenden Ausgestoßener, Benachteiligter und Chancenloser hingegen überfordert uns leicht und macht uns ratlos. Diesem Umstand versuchen wir in diesem Buch dadurch gerecht zu werden, dass der Blick dort, wo das Lupensymbol auftaucht, immer wieder auf Ausschnitte gelenkt wird, auf einzelne Orte, einzelne Personen, einzelne Lebensgeschichten. Unterschiedliche Texte, Situationsschilderungen, Biographisches, Interviews, Tage­buchaufzeichnungen und vor allem auch zahlreiche Fotos laden dazu ein, sich konkreten Alltagssituationen auf der Straße zu nähern. Wo ohne nähere Spezifizierung von jungen Menschen im Straßenmilieu die Rede ist, haben die Verfasser südamerikanische Verhältnisse vor Augen. Der Leser, dem vergleichbare Lebenslagen in anderen Weltgegenden vertraut sind, wird seine eigenen Kenntnisse und Erfahrungen aus anderen Kulturen und Kontexte zu diesen Schilderungen ins Verhältnis setzen. Vielleicht kann die Begegnung mit einzelnen südamerikanischen Straßenbewohnern Verständnis, Empathie und Bewusstsein für das Problem als Ganzes – das sich weltweit ausbreitende Phänomen randständiger, vom Leben ­ihrer Gesellschaft ausgeschlossener junger Menschen – wecken und vertiefen. Eigentlich dürfte es Kinder und Jugendliche, die ihr Leben auf der Straße fristen müssen, überhaupt nicht geben. Denn die Regierungen der Länder der Welt haben sich mit der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte und der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass alle Menschen, zumal Minderjährige, ein menschenwürdiges Leben führen können. Das neunte Kapitel informiert über die allgemeinen Kinderrechte, insbesondere das Recht auf Bildung, das jungen Menschen den Weg in eine bessere Zukunft ebnen soll. Dieses Buch ist auf der Straße entstanden. Seit über zehn Jahren machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts Patio 13 – Schule für Straßenkinder – hauptsächlich Pädagogikstudentinnen kolumbianischer und deutscher Lehrer­bildungseinrichtungen und Universitäten – jungen Menschen, Mädchen auf dem Babystrich, schwangeren Teenagern und Kindermüttern auf den Straßen der Stadt Medellín Bildungsangebote, die auf die Verbesserung ihrer Lebenssituation und ihrer Zukunftsaussichten abzielen. Aus der Arbeit von Patio 13, die in Kapitel 10 vorgestellt wird, ist 2003 das Buch »Narben auf meiner Haut« entstanden, das Zugangswege zu Straßenkindern beschreibt. 2006 folgte »Das blutende Herz – Religion der Straße«, eine Publikation über Lebensorientierung und Alltagsphilosophie von jungen Obdachlosen. Seit 2009 gibt es zudem das Internetportal »Der Straßenkinder-Weltreport« (www.strassenkinderreport.de), aus dem hier mehrere Texte zitiert werden. Kapitel 11 und 12 führen die Inhalte dieser Publikationen weiter und vertiefen sie, indem sie Grundlegung, Intentionen und Methoden einer »Pädagogik der Straße« entwerfen, die sich an einem humanistischen Menschenbild, den Bedingungen menschenwürdigen Lebens und der Verwirklichung von Gerechtigkeit orientieren. Die abschließenden Kapitel setzen praktische Impulse. Für die Straßenpädagogik sind handlungsorientierte Methoden und Projekte besonders geeignet. Fotoethnographische Verfahren können die straßenpädagogische Lebensweltorientierung intensivieren. Am Ende greifen wir auf den Ausgangspunkt des Buches – die dramatische Lebenssituation von schwangeren Mädchen und Kindermüttern auf der Straße – zurück und zeigen an einem Beispiel praktische Möglichkeiten straßenpädagogischer Bildungsarbeit auf: mi proyecto de vida. Hartwig Weber und Sor Sara Sierra Jaramillo, OFM Gleisweiler und Medellín, im Sommer 2013 1 Verschenkt, missbraucht, vergessen: Mädchen im Straßenmilieu Flor Als Säugling von knapp sechs Monaten verschenkte sie ihre Mutter. So wuchs sie bei einem älteren Ehepaar auf, armen Leuten auf dem Land. Mit elf Jahren floh sie in die Stadt und landete auf der Straße. Mit vierzehn wurde sie zum ersten Mal schwanger. Damals verdiente sie ihren Lebensunterhalt längst als Prostituierte. Das Kind konnte sie nicht austragen. Von dem Geld, das sie heute verdient, bezahlt sie ein Bett hinter einem Verschlag im fünften Stock eines Stundenhotels. Marina Sie war vierzehn, als ihr Halbbruder sie zum ersten Mal vergewaltigte. Seine Freunde hatten zu ihm gesagt: »Du musst mit einem Mädchen schlafen, das noch Jungfrau ist. Dann wirst du geheilt.« Statt gesund zu werden, steckte er seine Schwester mit dem HI-Virus an. Von dem Augenblick an wollte ihr Vater nichts mehr von ihr wissen. »Du bist schuld. Du hast ihn aufgegeilt.« Von ihrer Mutter besitzt Marina lediglich ein Foto; sie weiß nicht, weshalb sie verschwunden ist. Eines Tages wird sie zurückkommen, davon ist Marina felsenfest überzeugt. Marina lebt auf der Straße. Sie lernte Alex kennen. Als sie spürte, dass sie schwanger war, versuchte sie, das Kind »wegzumachen«, mit beiden Fäusten boxte sie gegen ihren Bauch. Kurz vor der Geburt ging sie zu einer Tante. Eng war es dort – fünf Erwachsene, sieben Kinder in zwei Räumen. Abends kam Marinas Vetter von der Arbeit, betrunken. Er schlug auf die Kinder ein und bedrohte die Frauen mit einem Messer. An einem frühen Morgen im August kam das Kind zur Welt. Es war winzig klein und schrie unablässig. Eines Nachts schüttete der Betrunkene kochendes Wasser über das Kind. Wieder auf der Straße, schlug sich Marina als Prostituierte durch. Sie lernte Marvin kennen, wurde erneut schwanger. Zum Glück fand sie Arbeit in einem Kindergarten. Von dem Virus in ihr spürt sie nichts, sie denkt einfach nicht daran. Jetzt kommt das zweite Kind zur Welt. Ein Mädchen soll es werden, und es soll gesund sein. Azucena Sie hat ein hübsches Gesicht, ist kokett und humorvoll. Ihre Zähne leuchten wie Perlen, kontrastierend zur schwarzen Haut, die wie Ebenholz schimmert. In ihre krausen Löckchen sind bunte Perlen geflochten. Die Haare werden an der Stirn von einem himmelblauen Band gehalten. Azucenas Körper ist zierlich und muskulös. Der schwere Bauch quillt aus Bluse und Hose heraus. Sie ist im siebten Monat. In der Gegend, aus der sie kommt, wohnen nur Schwarze. Ihre Eltern sind tot. Sie hat nie mit ihnen zusammengelebt. Azucena hat drei Kinder: Juan Steban (»Stiven«), Kevin und Laura. Sie übernachtet stets auf der Straße, nie in einem Haus. Neben ihr schläft ihr Freund. Er bringt ihr zu essen und zu trinken. Zurzeit braucht sie nicht auf den Strich zu gehen. Ein Junge schlendert vorbei: »Hallo Negrita«, ruft er, »schenk mir doch wenigstens einen Blick!« Azucena: »Nun schau dir mal diesen Typ an! So sind sie alle – stinkfreundlich. Bis sie einen eingewickelt und rumgekriegt haben. Dann machen sie sich aus dem Staub.« Junge: »Mir kannst du so nicht kommen. Ich bin schon Vater, hab selbst eine Tochter. Die ist acht Jahre.« Azucena: »Stell dir vor, von dem Typ war ich mal schwanger. Das Kind hab ich verloren, damals, als sie mich fast massakrierten. (Sie zieht die Bluse hoch und zeigt ihre nackte Brust mit tiefen Narben.) Im Nachhinein bin ich froh. Wie, wenn ich noch mehr Kinder hätte? Kinder sind eine Plage. Wenn sie schreien, macht mich das ganz verrückt.« Junge: »Das sagt sie, die drei Kinder hat. Und jetzt erwartet sie das vierte.« Azucena: »Ich habe sehr früh mit dem Kinderkriegen angefangen. Hab nicht darüber nachgedacht. Dass ich schwanger werden könnte, kam mir nicht in den Sinn. Tja, mit 13 Jahren macht man alles wie im Spiel. Ein kurzes Abenteuer im Versteck, und schon bekam ich Stiven. Dann Kevin. Und Laura, die wird bald vier.« Junge: »Obwohl sie drei Kinder hat, passt sie nicht auf. Sie benutzt keine Verhütungsmittel. Sie isst, was sie gerade kriegen kann. Und sie nimmt weiter Drogen. Sie denkt nicht dran, zum Arzt zu gehen, obwohl sie das nichts kosten würde.« Azucena: »Was sollte ich dort? Ich gehöre nicht zu denen, die dauernd krank sind. Ich muss auch nicht fortwährend kotzen und hab nicht die absonderlichen Lüste der Schwangeren. Wenn es mit der Geburt einmal so weit ist, gehe ich zu meiner Großmutter.« Junge: »Ha, so macht sie es: Sie lässt andere für ihre Kinder sorgen!« Azucena: »Ich hab‘ immer gesagt, dass ich keine von denen bin, die Kinder großziehen. Wenn sie anfangen, nach Milch zu schreien, dann geht mir das auf die Nerven. Deshalb gehe ich rechtzeitig zu meiner Oma und bringe die Kinder bei ihr unter. Nach ein paar Tagen mache ich mich aus dem Staub und gehe wieder in die Stadt.« Junge: »Diese schwarze Schlampe, der ist alles egal, sie kümmert sich um nichts!« María-Isabel Sie ist siebzehn Jahre alt, klein, hat fein geschnittene Gesichtszüge. Ihre honigfarbenen Augen schlägt sie selten auf. Ihre Fingernägel sind lang, kunstvoll geformt und metallic-blau gefärbt. Die Ohrläppchen sind mehrfach durchstochen, daran baumeln lange Gehänge. Sie passen gut zu dem Schmuck, den sie an Hals und Handgelenken trägt. Ihr Körper ist so schmächtig wie der eines Kindes. Ihre Hände zittern ein bisschen, wenn sie gerade nicht an der Kleberflasche schnüffelt. Mit fünf ist María-Isabel von zu Hause weggelaufen. Ihr Stiefvater schlug sie oft. Sie kam in eine Einrichtung von Ordensschwestern. Dann landete sie auf der Straße. Sie wohnt jetzt, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Cindy, im selben Zimmer eines Stundenhotels. Regelmäßig trifft sie ihre Mutter. Die steht tagsüber in der Straße zwischen El Prado und der Kathedrale. Alle drei konsumieren Drogen. Wenn María-Isabel mehr verdient als ihre Mutter, gibt sie ihr etwas ab. María-Isabel hat einen Sohn, Miguel Ángel, drei Jahre alt. Die Großmutter kümmert sich um ihn. María-Isabel ist wieder schwanger geworden, sie ist jetzt im vierten Monat. Kinder sind für sie wie ein Gottesgeschenk. Schwanger sein und ein Kind gebären – das ist das Schönste auf der Welt, sagt sie. Sie mag es, wenn ihre Kunden ihren anschwellenden Bauch bewundern. María-Isabel: Was mir panische Angst macht, ist die Nacht auf der Straße. Um das Zimmer bezahlen zu können, muss ich arbeiten. Auch jetzt empfange ich Männer. Auf der Straße überleben, ist nicht leicht. Die Leute, die Drogen nehmen und stehlen, können einen im Handumdrehen umbringen. Frage: Wenn es so schlimm ist, warum gehst du nicht nach Hause, wenigstens so lange, bis das Kind geboren ist? María-Isabel: Die Gegend, wo meine Familie herstammt, ist sehr gefährlich. Die Jugendbanden drangsalieren die Leute. Dauernd wird jemand erschossen. Die Jungen haben nichts zu tun, hängen auf der Straße herum, handeln mit Drogen und vergewaltigen die Mädchen. Frage: Kennst du Einrichtungen für schwangere Mädchen und junge Mütter hier in der Stadt? María-Isabel: Wenn man 17 ist, ist es schwierig, reinzukommen. Als ich kleiner war, war das leichter. Mit fünf war ich bei Schwestern. Mit 14 haben sie mich vor die Tür gesetzt. Frage: Und jetzt bist du wieder schwanger. María-Isabel: Kinder sind ein Geschenk. Die kleinen Püppchen muss man einfach liebhaben, versorgen und schützen. Ich bete zum lieben Gott, dass er mein Kind gesund auf die Welt kommen lässt und dass nichts an ihm fehlt. Die größte Freude bei der Geburt ist der Moment, wenn man das Kind zum ersten Mal schreien hört und wenn sie es einem zeigen. Zu wissen, dass es gesund ist – das macht mich glücklich. Leydi Sie hat einen Freund. Der ist aber nicht der Vater des Kindes, das sie nächsten Monat zur Welt bringen wird. Sie hat zwei Jahre bei den Guerilleros der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) gelebt. Mit elf Jahren schickte sie ihre Mutter zum Arbeiten aufs Land, wo ihr Vater Koka anbaute. Dort lernte sie die Jungs in den flotten Uniformen kennen. Eines Tages brannte sie mit einem von ihnen durch. Er brachte sie in ein Lager im Urwald. Das Geld, das ihr die Leute von den FARC versprachen, sah sie nie. Sie war das kleinste unter den Mädchen, musste dennoch dieselben Arbeiten verrichten wie die anderen: kochen, spülen, aufräumen. Sie lernte, mit Waffen umzugehen, und sie sah, wie geschossen und getötet wurde. Mit zwölf wurde sie schwanger. Aber die FARC dulden das nicht. Das Kind musste abgetrieben werden. Sie war dreizehn, als sie zusammen mit ihrem Freund floh. Ihre Mutter schickte sie zu einem Onkel in die Stadt, der handelte mit Drogen. Er versuchte, sie zu vergewaltigen. Als sie sich wehrte, zeigte er sie bei der Polizei an und denunzierte sie als Ex-Guerillera. Seit sieben Monaten lebt Leydi nun mit einem neuen Freund zusammen. Er behandelt sie gut und will für das Kind sorgen, auch wenn er nicht der Vater ist. Leydi achtet auf ihr Äußeres: Bloß nicht dick werden, lieber hungern. Später einmal möchte sie zur Schule gehen, einen Abschluss machen, einen richtigen Beruf ergreifen und eine gute Mutter werden. 2 Babystrich – Kinderprostitution Ein kleiner Platz im Zentrum der Stadt Die Plazoleta Rojas Pinilla ist ein kleiner Platz im Zentrum der lateinamerikanischen Millionenmetropole Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. In Form eines spitzen Dreiecks geschnitten, misst er an der Breitseite etwa vierzig, in der Länge wohl sechzig Meter. Man erfasst den Ort mit einem Blick: Um die ­Statue des ehemaligen kolumbianischen Präsidenten Rojas Pinilla herum findet eine wilde Jagd statt. Ein kleiner Junge hat einem Mädchen die Kleberflasche entrissen, und während er mit der einen Hand die empörte Verfolgerin abwehrt, versucht er mit der anderen, an der Flasche zu schnüffeln, vergebens. Unter einem der niedrigen Bäume mit ihren tellergroßen, schattenspendenden Blättern liegt eine Frau wie tot. Ein Junge wirft sich auf sie und küsst die Schlafende. Sie wacht auf, schreit und schlägt nach ihm. Vor einer Bar hält sich eine kleine Gruppe von Menschen auf, Erwachsene und Kinder. Zwei Polizisten, die ihr Motorrad am Straßenrand abgestellt haben, tasten jeden nach Waffen und Rauschgift ab, der wie ein Straßenbewohner aussieht. Ein junger Mann von dunkler Hautfarbe, dessen Beine bis auf zwei Stümpfe amputiert sind, ist, abgesehen von einer zerschlissenen Plastiktüte, die er wie eine Unterhose trägt, unbekleidet. So rutscht er erstaunlich schnell über den Platz, indem er sich mit den Armen voranrobbt. Dort, wo das Pflaster des Platzes aufgebrochen ist, verrichtet er seine Notdurft. Die Düfte des Marktes mischen sich mit denen von Kot, verfaultem Obst und Urin. Der Rojas-Pinilla-Platz und seine Umgebung ist der Ort, wo sich Flor, Marina, María-Isabel und die anderen meistens aufhalten, wo sie arbeiten und wohnen. Es scheint so, als drängten sich dort auf wenigen Quadratmetern die grundlegenden Probleme, Widersprüche und Konflikte zusammen, die die Menschen dieses Landes und seiner Städte bedrängen – Vertreibung und Flucht, Armut und Obdachlosigkeit, Kampf um Lebensraum, aggressive Auseinandersetzung zwischen Paramilitarismus und Guerilla, Drogenkonsum, Prostitution und Kriminalität. Neben den fliegenden Händlern, Arbeitern, Verkäufern der umliegenden Geschäfte, Prostituierten, Polizisten, Ordnungskräften und Müllsammlern trifft man hier obdachlose Straßenbewohner, ältere Frauen und Männer, viele Jugendliche, Jungen wie Mädchen, und Kinder, von denen die kleinsten acht, zehn und zwölf Jahre alt sind. Die Mädchen bekleiden sich meist nur spärlich, selbst bei kühlem Regen. Mehrere von ihnen sind schwanger. Die Zwölf- und Dreizehnjährigen sehen aus wie Achtjährige, klein, unterernährt und retardiert. Ein etwa fünfzigjähriger Mann erzählt, dass er hier auf dem Platz aufgewachsen sei, als Waisenkind. Seine Eltern hat er nie kennengelernt. Irgendwann setzten sie ihn aus, und mitleidige Leute haben das Kleinkind aufgepäppelt. Fast alle, Erwachsene wie Kinder, schnüffeln Kleber, einige konsumieren Alkohol, Marihuana oder Basuco, ein Zwischenprodukt aus der Kokainherstellung. Sie schwanken beim Gehen, Stehen und Sitzen, sprechen lallend und erwachen nur gelegentlich zu vollem Bewusstsein aus dem Rausch. Flor, Marina und María-Isabel sind Mädchen, die früh aus dem Schutz ihrer Familien herausgefallen sind, wahrscheinlich haben sie auch sonst in ihrem Leben wenig Wärme, Verständnis und Zuwendung erfahren. Wie die meisten Mädchen auf dem Platz haben sie der Missachtung und Ausbeutung zu Hause die Ungewissheit der Straße vorgezogen. Die Freiheit habe sie gelockt, sagen sie. Auf der Suche nach Freundschaft, Orientierung und Halt haben sie sich mit anderen zusammengetan, sie sind schwanger geworden. Selbst noch im Kindesalter, haben sie Kinder bekommen. Flor und Marina reihen sich in die Gruppe der »Kindermütter« ein, die die Region um den Rojas-Pinilla-Platz bevölkern – in wachsender Zahl. Auch Luis, vor ein, zwei Jahren noch einer der kleinsten Straßenjungen in der Gegend, treibt sich auf der Plazoleta herum. Fast immer ist er mit seinem älteren Bruder Felipe zusammen. Früher präsentierten sie sich gerne in liebevoller Eintracht: Felipe, am Boden sitzend, hielt den Kleinen behutsam im Arm wie die heilige Jungfrau das göttliche Kind. Das rührte die Passanten und brachte den beiden so manche milde Gabe ein. Heute ist Luis kein Kind mehr, er musste sich andere Geldquellen erschließen. An Größe hat er kaum zugelegt; aber seine Züge sind die eines jungen Mannes, der kräftig, flink und zupackend das Leben meistert und auszuteilen weiß, wenn es denn sein muss. Jetzt wirkt er meist abweisend und mürrisch, und er ist jederzeit bereit, Hiebe auszuteilen, wenn ihm einer ungelegen kommt. Mit Flor, Marina, María-Isabel und mit Xiomara ist er befreundet. Die Besitzerin eines der Stundenhotels in der Nähe des Platzes hat ihn als Wächter engagiert. Nun steht er Tag und Nacht hinter dem Eisengitter, das den Eingang versperrt, und lässt die Mädchen und ihre Freier ein und aus. Ausgegrenzte Zonen, unsichtbare Grenzen Zwischen der Plazoleta und der Metrostation El Prado ist eine der bekanntesten Zonen der Prostitution in der Stadt. Es gibt viele Bars. Im grellen Licht der Deckenleuchten und vom Höllenlärm der obertönigen Lautsprecher zugedröhnt, sitzen dort die Prostituierten, stützen die Arme schwer auf die Tische und blicken in Erwartung der Kundschaft mit trübem Blick auf den Platz hinaus. Kleine Mädchen wie Flor und Margaretha haben dort nichts zu suchen. Sie laufen durch die Straßen und warten, bis sie angesprochen werden. Meist kommen sie erst abends aus ihrem Unterschlupf, spätestens gegen 18 Uhr, wenn die Dämmerung unvermittelt hereinbricht. Unter der Hochbahn finden sie Schutz, wenn es regnet. Bis zum Platz vor dem Museum von Antioquia mit den Plastiken des weltberühmten Künstlers Jaime Botero, dicken Frauen, dicken Männern, dicken Tieren, die die spärlichen Touristen der Stadt entzücken, trauen sie sich nicht, weil sie wissen, dass der espacio público (Ordnungskräfte) sie vertreiben würde. In den Gassen zwischen der Metrostation und der riesigen Kathedrale stehen Prostituierte an ihren angestammten Plätzen. Dazwischen behaupten herausgeputzte Transvestiten ihr eigenes Quadrat, sie machen das beste Geschäft. An einer Ecke der Kathedrale lungern die Straßenjungen herum, die, wie Luis und Felipe, mit sexuellen Diensten ihren Lebensunterhalt durchaus zufriedenstellend bestreiten. »Sol y luna« Vor einigen Jahren regte die Verwaltung der Stadt Medellín (Secretaría General, Dependencia pública adscrita a la Alcaldía) ein Projekt mit dem Titel »Sol y Luna« (»Sonne und Mond«) an, dessen Ziel es war, die Schwangerschaften jugendlicher Mütter in der Stadt zu reduzieren (prevención del embarazo adolescente), und zwar innerhalb von zwei Jahren um 25 Prozent. Gleichzeitig sollten die Gesundheitsfürsorge und die Informationspolitik zum Thema Aids verbessert werden (promoción de conductas de autocuidado para el control del VIH SIDA en adolescentes). Zur Zeit des Bürgermeisters Fajardo um das Jahr 2004 war die Sozialpolitik der Stadt außer auf die Problemlage früher Schwangerschaften auch auf Verbesserung in anderen Bereichen ausgerichtet, die junge Menschen auf der Straße betreffen: Drogenkonsum, Geschlechtskrankheiten, Schulverweigerung, typische Jugendkrankheiten wie Bulimie und Anorexie. Um das Projektziel zu erreichen, wurde ein Netzwerk einschlägiger Institutionen ins Leben gerufen (Red de Prevención del Embarazo Adolescente), das Jugendlichen ein effektiveres Beratungsangebot (servicios de salud sexual y reproductiva) offerieren sollte. Die Liste der Beteiligungen zeigt, dass es in Medellín mehr als genug Einrichtungen gibt, die sich um schwangere Mädchen – auch unter denen, die der Prostitution nachgehen, sowie um Kindermütter auf der Straße – kümmern: Asociación Antioqueña para el Estudio y la Investigación de la Sexualidad (ASANSEX) Centro Pedagógico Integrado (C. E. P. I.) Centro Interdisciplinario de Estudios en Género Universidad de Antioquia Centro de Recursos Integrales para la Familia Universidad de Antioquia, Fundación para la Educación Especializada Fundación Universitaria Luis Amigó Instituto Colombiano de Bienestar Familiar Mujeres Unidas Zona NorOccidental Profamilia Red Colombiana de Mujeres por los Derechos Sexuales y Reproductivos. Für das Projekt wurden viele Millionen Dollar investiert. Interessant sind die Daten, die von den Projektverantwortlichen zusammengetragen wurden: Im Jahr 2004 hatte die Stadt 2 071 500 Einwohner. Davon waren 17 Prozent, das heißt 353 000, Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 19 Jahren. In Medellín waren 12,5 Prozent aller Mütter erst zwischen 15 und 19 Jahre alt, die meisten zwischen 15 und 24. Schwangerschaften Minderjähriger häufen sich in den Slums (insbesondere in den Comunas Aranjuez, Villa Hermosa, Popular usw.), die wenigsten gibt es in den wohlhabenden Vierteln (Laureles, El Poblado usw.). Die meisten minderjährigen Schwangeren sind arm und haben wenig schulische Bildung genossen. Meist gehen Jugendschwangerschaften mit folgenden Phänomenen einher: städtische und ländliche Marginalität, kriegsähnliche Konflikte auf dem Land, bewaffnete Auseinandersetzungen und Gewalt in den Städten, gewaltsame Vertreibungen, soziale Exklusion, Schulabbrüche, fehlender Zugang zum Gesundheitswesen, Arbeitslosigkeit, Kinder- und Jugendarbeit, Kinderprostitution, sexuelle Ausbeutung. Was die Wirksamkeit des Projekts »Sol y luna« betrifft, so konnte es sein Ziel, die Anzahl der Minderjährigenschwangerschaften zu vermindern, nicht erreichen. Im Gegenteil: Von Jahr zu Jahr gibt es mehr schwangere Mädchen und Kindermütter in Medellín. Das Straßenbild im Umfeld des Rojas-Pinilla-Platzes unterstreicht diesen Befund. Einige Zahlen: Zwischen Januar und August 2004 bekamen in Medellín 4448 junge Mädchen Kinder. Das waren 22 Prozent aller Geburten. Im selben Zeitraum wurden in öffentlichen Einrichtungen 345 Abtreibungen registriert. Die Dunkelziffer lag gewiss viel höher. Von 2004 auf 2005 fiel die Anzahl der Schwangerschaften Jugendlicher im Alter zwischen zehn und 19 Jahren zwar von 7021 auf 5266. Aber dieser Trend hielt nicht an. Anschließend gab es wieder mehr Minder­jährigenschwangerschaften. Allein zwischen 2007 und 2008 kletterte die Zahl der jungen Mütter unter 19 Jahren erneut um fünf Prozent auf 8556. Und die neuesten Zahlen? Im Jahr 2011 wurden über 19 000 Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren Mutter. In den ersten vier Monaten des Jahres 2012 wurden bereits 9365 Geburten in dieser Altersgruppe registriert. »Das Problem der Minderjährigenschwangerschaften hat sich in Kolumbien zu einem gravierenden sozialen Problem entwickelt«, schreibt die Tageszeitung El Espectador. Es betrifft 19 Prozent der unter 19-Jährigen, aber 35 Prozent der Mädchen in den ärmsten Wohngegenden (estrato 1 y 2) (vgl. http://www.elespectador.com/noticias/bogota/articulo-367968-9365-nacimientos-jovenes-entre-los-15-y-19-anos). Nach Angaben von Dane (Departamento Administrativo Nacional Estadistica) wurden in der Hauptstadt Bogotá im Jahr 2011 456 Geburten von Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren gezählt, im ersten Semester 2012 waren es bereits 250. Frühzeitige Schwangerschaften, so El Espectador, sind meist mit anderen Problemen verbunden – mit Misshandlung, sexuellem Missbrauch, Geschlechtskrankheiten, Abtreibung und Kindestod. Eine konsequente Fortsetzung des Programms »Sol y luna« gibt es in Medellín nicht. Die Stadt hat sich das Vorhaben des Projekts nicht zu eigen gemacht und verfolgt die formulierten Ziele keineswegs mit Nachdruck. Die Mädchen, die zwischen El Prado und der Kathedrale der Prostitution nachgehen und schwanger werden, kennen weder ihre Rechte noch irgendwelche Institutionen, deren Aufgabe es ist, ihnen in ihrer Not zur Seite zu stehen. Die Mädchen finden den Weg dorthin nicht, und die Institutionen und Projekte denken offenbar nicht daran, sie dort aufzusuchen, wo sie sich aufhalten – auf der Straße. Weitere Informationen über »Sol y luna«: http://www.medellin.gov.co/irj/portal/ciudadanos?NavigationTarget= navurl://8d3b03c0e1c61a17a4c49c6c6254e4cd http://www.medellin.gov.co/irj/go/km/docs/ wpccontent/Sites/Subportal%20del%20Ciudadano/Salud/Secciones/Plantillas%20Gen%C3%A9ricas/Documentos/2012/Revista%20Salud/Revista%20Vol.%205,%20suplemento%201/3.%20PROYECTO%20SOL%20Y%20LUNA.pdf (http://www.medellin.gov.co/irj/go/km/docs/wpccontent/Sites/Subportal%20del%20Ciudadano/Salud/Secciones/Plantillas%20Gen%C3%A9ricas/Documentos/2012/Revista%20Salud/Revista%20Vol.%205,%20suplemento%201/3.%20PROYECTO%20SOL%20Y%20LUNA.pdf) Die Gegend zwischen der Plazoleta Rojas Pinilla, El Prado und der großen Kirche ist ein quirliges Viertel. Unzählige gelbe Taxis, bunte Busse, klapprige Kleinlastwagen verstopfen die Straßen. Menschen hasten durch die engen Gassen, und auf der Avenida entlang der Metro stehen gegen Abend die fliegenden Händler mit Obst, Fisch, Fleisch und allen cachivaches (Kleinkram) der Welt dicht an dicht. Der Verkehrslärm bricht nie ab. Dieser Teil des Stadtzentrums scheint sich, äußerlich betrachtet, von den benachbarten Vierteln nicht zu unterscheiden. Und dennoch liegt zwischen der Plaza Botero und der Zone der Prostitution eine unsichtbare Grenze. Man sieht keinen Schlagbaum, keine Wächter, aber man fühlt den Übergang von einer in die andere Welt, von der Normalität in die Verwerflichkeit. Man spürt es auf der Haut. Das Gebiet gilt als gefährlich, besonders nach Einbruch der Dunkelheit. Wer von der Metrostation zur Fußgängerzone, zur Plaza Cisneros oder zum Junín gehen muss, beschleunigt den Schritt. Die Menschen, die im Süden wohnen, in El Poblado mit den grünen Hängen, Parks und Schwimmbädern, werden – wenn irgend möglich – das Zentrum meiden. Hier schlendert man nicht, es locken keine Schaufenster mit Auslagen. Auf der Avenida rasen die Busse, als hätten sie es auf die Passanten abgesehen, die ängstlich versuchen, die Straßenseite zu wechseln. Was die Gegend abstoßend macht, ist ihre Armut, das erbärmliche Aussehen der Menschen, die hier wohnen, ihre Verkommenheit. Auf den Bürgersteigen sammelt sich Schmutz, die Gebäude überbieten einander an Hässlichkeit. Der Gestank nach Urin und Menschenkot, aufgeweicht von tropischen Regengüssen, verschlägt einem den Atem. Das wachsende Unbehagen beim Überqueren der unsichtbaren Grenze speist sich jedoch weniger aus der sichtbaren Realität als aus den Vorstellungen, die man sich davon macht, was hier vor sich gehen mag. Alle Stadtbewohner haben Geschichten parat von Diebstählen, gewaltsamen Überfällen und Morden in diesem Viertel, obgleich nur wenige etwas Derartiges persönlich erlebt haben. Phantasien steigern die reale Gefahr ins Unermessliche. Das ist wohl typisch für alle Gegenden der Welt, in denen die Gesellschaften ihre Prostituierten angesiedelt haben. Prostitution, stigmatisierter Raum Prostitution ist heikel. Umstritten kann man sie indes nicht nennen, denn es wird darüber ja nicht gesprochen. Jedes Kind in der Stadt weiß, dass man dorthin nicht geht, aber keiner fragt, warum nicht. Blicke ins unbekannte Terrain erlaubt man sich bestenfalls verstohlen und im Vorübergehen, aus dem Bus oder der Metro heraus, gesenkte Blicke. Jeder Anflug von Interesse wird durch Scham unterdrückt. Man meidet das Risiko, durch das, was man zu sehen bekommen könnte, angesteckt, infiziert, verunreinigt zu werden. Die vermeintliche Kenntnis über das tatsächlich Unbekannte ist der sprachlosen Haltung abgerungen, die die Allgemeinheit diesem Thema gegenüber einnimmt. Ohne Worte zu machen, hat die Gesellschaft die ganze Zone zum Tabu erklärt. Die Angst vor dem Ort und das Unbehagen, darüber zu sprechen, lassen tatsächlich nur eine vage, pauschale Vorstellung zu, ein stigmatisiertes Wissen davon, wie es dort aussieht und was hinter den Fassaden der tristen Gebäude geschieht. Es ist das Verborgene, was die Phantasie reizt, die den Akteuren des verfemten Geschehens durch enge, dunkle Hausflure und über steile Treppen in hohe Stockwerke, Hinterhäuser und Holzverschläge folgt, wo das Unsagbare stattfindet. Das Unsichtbare und Geheime ist abstoßend, schmutzig, verwerflich und gerade deshalb aufreizend. Es ist der greifbare Erfolg der Stigmatisierung, dass man von den Menschen, die ihr Leben in diesen Straßen und Häusern zubringen, nichts weiß und wohl auch in Zukunft nichts erfahren wird. Man kennt sie nicht, und man darf und will sie auch nicht kennenlernen. Wer hat jemals mit einer Prostituierten, mit einem Bordellbetreiber, mit dem Besitzer eines Stundenhotels über ihr Leben gesprochen, wer würde das tun wollen? Die unsichtbare Grenze überschreiten nur die Freier. Inkognito dringen sie in die fremde Gegend vor, sie schleichen gleichsam hinein und verlassen so bald wie möglich raschen Schrittes und mit eingezogenen Schultern das anrüchige Terrain. Dann sind ihre Gedanken über das Jenseits der Grenze mindestens so abschätzig wie die Vorstellungen jener, die höchstens in der Phantasie dort verkehren. Die Straßen zwischen der Avenida Prado und der Kathedrale sind von allen Seiten offen und zugänglich. In Wirklichkeit jedoch hat sie die Öffentlichkeit längst ausgegrenzt und in sich abgeschlossen. Es ist ein emotional aufgeladener Raum, geschützt von einer aus Gefühlen der Angst, Scheu, Abscheu, Unsicherheit und Gefahr hochgezogenen Mauer. Als Bewohner eines fremden anormalen Landes sind die Menschen, die dort leben, stigmatisiert. So weit wie möglich werden sie Außenstehenden gegenüber verbergen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Straßenverhältnisse Die Mädchen, die hübsch sind und gepflegt aussehen, können von ihren Freiern mehr verlangen als andere. Luisa und Valentina gehören zu den besonders ansehnlichen Mädchen an der Avenida Prado. Sie sind immer sauber, haben rot geschminkte Lippen und gefärbte Augenlider. Man könnte daran zweifeln, dass sie richtige Straßenmädchen sind. Tagsüber halten sie sich mit den andern auf der Straße auf, scherzen viel, lachen, schnüffeln hin und wieder an Kleberflaschen und versorgen, wenn sie nicht gerade arbeiten, liebevoll ihre Kinder. Valentina und Luisa sind Cousinen. Beide haben feste Partner. Sie wohnen im selben Hotel wie die anderen Straßenmädchen, haben aber auch die Möglichkeit, bei ihren Familien unterzukommen, die weit oben über Santo Domingo ihr Häuschen haben. Luisas Tochter heißt Valeria und ist vier, Valentinas Tochter Lina ist sieben Jahre alt. Die beiden Kinder spielen auf dem Bürgersteig vor dem Hotel­eingang, auf der Straße und an der Metrostation. Meist sind sie mit Fernanda zusammen, die etwa so alt ist wie sie. Fernanda ist die Tochter von Luisas Mutter Katherine, die im selben Hotel wie ihre Tochter, ihre Enkelin und ihre Nichte wohnt, nur in einem anderen Zimmer. Luisa hat ihren Vater nie kennengelernt. Sie sagt, ihre Mutter habe außer ihr und Fernanda zehn weitere Kinder, also mindestens zwölf, Fernanda ist das jüngste von ihnen. Für die Kinder hat das Gewerbe ihrer Mutter, Tante und Großmutter, in das sie nach und nach hineinwachsen, nichts Außer­gewöhnliches an sich. Die Stigmatisierung des Raums und seiner Bewohner, der erwachsenen und der minderjährigen Prostituierten, ist der Grund für den unüberwindbaren Graben, der das Andere, Unordentliche und Verwerfliche von der eigenen Welt trennt – man weiß darüber tatsächlich so gut wie nichts und füllt das Vakuum mit Phantastischem auf. Der Frauen-, Kinder- und Transvestitenstrich im Zentrum Medellíns ist nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für das wissenschaftliche Interesse bis heute eine Grauzone geblieben, ein unbekanntes, fremdes Terrain. Wer die Nebel lichten, die Schleier beiseiteschieben wollte, weckte Erstaunen, machte sich selbst verdächtig. Prostitution ist in der Forschung ein anrüchiges Unter­suchungsgebiet. Kein junger Soziologe an einer der Universitäten der Stadt, der Karriere machen will, könnte es sich leisten, die Gegend zwischen El Prado und der Kathedrale als Forschungsgebiet zu wählen. Wer es dennoch wagte, würde wahrscheinlich im Handumdrehen auf akademische Hindernisse, administrative Widerstände und kollegiale Abwehr stoßen. Bei der vorbereitenden Datenanalyse könnte er auf nur wenige Texte und Außenbetrachtungen zurückgreifen. Da ethnographische Beobachtung Zugang und persönliche Anwesenheit im »Feld« voraussetzt, würde er sich selbst in Gefahr bringen. Der Zugang zum Forschungsgebiet ist aber nicht nur durch gesellschaftliches Unverständnis und eigene Hemmnisse, sondern vor allem durch die Abwehr der Objekte der Beobachtung verstellt, zumindest erschwert. Die Personen und das Geschehen entziehen sich mit Bedacht. Der Wunsch, mit Betroffenen zu sprechen, stößt in der Regel und zumindest anfangs auf Skepsis. Wer auf Anonymität Wert legen muss, hat kein Interesse, sich zu offenbaren. Forschung aber ist ihrem Wesen nach Offenlegung. Sie muss in einem Feld, in dem Diskretion unabdingbar ist, auf entschiedenen Widerstand und an fast unüberwindbare Grenzen stoßen. Das abgegrenzte Gebiet der Prostitution verbirgt, was zu wissen Voraussetzung wäre, um die betroffenen Menschen zu verstehen. Welches Schicksal hat sie in dieses Gewerbe, an diesen Ort und in dieses Leben verschlagen? Wie sieht ihr Alltag aus? Wie geht es ihnen? Wie steht es um ihre Gefühle angesichts der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Verfemung? Was bedeuten ihnen Sexualität und Liebe? Welche Beziehungen haben sie zu Familie, Freunden, Nachbarn und Klienten? Wie bewältigen sie ihren Alltag? Welches Leben führen sie außerhalb ihrer Arbeit? Wie ertragen sie ihre Existenz in gesellschaftlicher Ausgrenzung? Welches sind ihre Lebensperspektiven? Unbeantwortete Fragen. Die Welt der Prostituierten gibt Einzelheiten über die dort lebenden Personen nur schwer preis. Selbst grundlegende Daten fehlen. Niemand kennt die Zahl der Frauen, der Minderjährigen, der Jungen in der Prostitution an der Avenida El ­Prado, geschweige denn in der ganzen Stadt. Nicht die Zahl der Freier, die hier bedient werden, nicht einmal die Anzahl der zur Verfügung stehenden Stundenhotels ist bekannt. Kinderprostitution, tabuisiert Untersuchungen über Motive und Befinden der Betroffenen stehen aus. Wahrscheinlich wird, wie überall auf der Welt, ihre hauptsächliche Motivation darin bestehen, Geld zu verdienen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Keiner weiß, wie viel Geld in diesen Straßen umgesetzt wird. Niemand kennt die Schicksale der Frauen und Kinder. Unbekannt ist, woher sie kommen und welcher Umstand sie auf die Straße verbannt hat. Es fehlen Informationen über ihr Alter, ihren gesundheitlichen Zustand, über Drogenabhängigkeit und Begleitkriminalität. Wir wissen nicht, wie sie sich fühlen, welche Zukunftsvorstellungen oder Ideen sie haben, um rechtliche und soziale Anerkennung zu finden. Und was die Freier betrifft, so sind sie eine anonyme, konturlose Männermasse, die natürlich alle Anstrengungen der Welt aufbringen wird, um unerkannt zu bleiben. Gefährdete Mädchen, weltweit »Die Verhütungsrate von verheirateten Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren ist in Industrie- und Entwicklungsländern von fast null Anfang der 1960er-Jahre auf 47 Prozent im Jahr 1990 und 55 Prozent im Jahr 2000 angestiegen. Seitdem gab es eine weitgehende Stagnation. Das ist dramatisch für die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt, wo etwa ein Drittel des Bevölkerungswachstums auf ungewollte Schwangerschaften zurückgeht. (…) Das rasante Bevölkerungswachstum übt zusätzlichen Druck auf Bildungs- und Gesundheitssysteme sowie auf die ohnehin knappen Ressourcen aus. Bei der Linderung von Hunger und Armut wäre viel erreicht, wenn alle, die verhüten wollen, dies auch könnten.«1 (#ulink_dc1da5cd-3862-53ec-94d1-ca41919f3dfa) Für die Zukunft der Weltgesellschaft ist das Ergehen der Jugend von grundlegender Bedeutung. Mehr als eine Milliarde Menschen sind Jugendliche. Von ihnen leben 85 Prozent in Entwicklungsländern. Nie gab es so viele Heranwachsende wie heute.2 (#ulink_2ecd6111-ec32-5495-bce9-4c82fa2a47d5) Ihre Bildung und ihre Gesundheit werden über das Ergehen der Menschheit entscheiden. 1 (#ulink_550ff27f-0862-5ad7-88f2-d01c6783342b) Siehe Weltbevölkerungsbericht 2012; http://www.presseportal.de/pm/24571/2363233/unfpa -weltbevoelkerungsbericht-2012-jede-vierte-frau-kann-schwangerschaft-nicht-verhueten 2 (#ulink_550ff27f-0862-5ad7-88f2-d01c6783342b) Vgl. Weltbevölkerungsbericht 2003: Junge Menschen – Schlüssel zur Entwicklung, http://www.weltbevoelkerung.de Die meisten Kinder und Jugendlichen leben in Entwicklungsländern. Sie stellen das größte Potenzial ihrer Gesellschaften dar. Aufgrund ihrer Lebensbedingungen sind sie unverschuldet Risiken, Gefahren und Beeinträchtigungen ausgesetzt. Armut und fehlende Bildung sind besonders ungünstig für die persönliche, auch die sexuelle Entwicklung von Mädchen. Eingeschränkter Zugang zu Informationen, Beratungen und zum Gesundheitswesen sowie sexuelle Gewalt und Ausbeutung beeinträchtigen ihr Leben und ihre Entfaltung. Einige Schlaglichter: Zehn Millionen Jugendliche haben HIV/Aids. Täglich infizieren sich weitere 6000 Minderjährige. In Afrika südlich der Sahara sind zwei Drittel der Betroffenen weiblich. Mit sexuell übertragbaren Krankheiten, die eigentlich geheilt werden könnten, infizieren sich jährlich über 333 Millionen junge Menschen unter 25 Jahren. Jedes Jahr bekommen 15 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren ein Kind. Das Risiko, während der Schwangerschaft oder bei der Geburt zu sterben, ist für sie doppelt so hoch wie bei über 20-Jährigen. Ist ein schwangeres Mädchen weniger als 15 Jahre alt, so ist die Gefahr, bei der Geburt ihres Kindes zu sterben, sogar 25-mal so hoch. Bei verfrühten ungewollten Schwangerschaften kommt es besonders häufig zu Schwangerschaftsabbrüchen und Totgeburten. Ein Viertel aller nicht sachgemäß durchgeführten Abtreibungen wird bei Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren vorgenommen. Häufig bleiben chronische Infektionen und Unfruchtbarkeit zurück. Angeblich werden an jedem Tag 16 000 Mädchen sexuell missbraucht. Mehr als die Hälfte von ihnen soll jünger als 15 Jahre alt sein. Dass die Gefährdung junger Mädchen ein weltweites Problem ist, wurde in zahlreichen internationalen Übereinkommen und Konferenzen thematisiert: Das Aktionsprogramm der Internationalen Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung (ICPD) hat in Kairo im Jahr 1994 auf die Bedürfnisse, Rechte und die besondere Schutzbedürftigkeit Jugendlicher hingewiesen. Die Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals/MDGs) beinhalten die Forderung nach Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frauen, nach Maßnahmen zur Verbesserung der Müttergesundheit und zur Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und anderen Krankheiten.3 (#ulink_7a8af0ea-7e9c-521a-83f5-1e305a149809) 3 (#ulink_59e9ede9-c7c6-527f-ab20-44e7397bd8b0) Nach: http://www.gtz.de/de/themen/soziale-entwicklung/gesundheit-bevoelkerung/7824.htm Mitten in der Gesellschaft, mitten im Zentrum der Stadt Medellín leben und arbeiten, doppelt ausgegrenzt und tabuisiert, die Minderjährigen unter den Prostituierten. An der Avenida Prado sind tagtäglich dreißig bis vierzig Jungen und Mädchen zu beobachten, die dort herumstreunen. Die Jungen überleben durch Diebstahl und Verkauf von Drogen, die Mädchen schaffen an. Jeder weiß, was sie hier tun. Die Bewohner der Gegend, die Händler in den Geschäften und auf der Straße, die Passanten, die Polizei, die Ordnungskräfte in ihren Uniformen mit der Aufschrift espacio público – alle wissen Bescheid. Man sieht es an den Blicken der Mädchen in ihren kurzen Röcken und engen Blüschen, was sie wollen. Wenn sie einen Freier gefunden haben – es sind Männer jeden Alters, die hier bedient werden –, gehen sie voran, erkunden, wo gerade ein Zimmer frei ist, im Hotel, in dem sie wohnen, oder nebenan, der Freier folgt in gebührendem Abstand, und hinter ihnen fällt das eiserne Gitter ins Schloss. Wenn man von den erwachsenen Prostituierten nichts weiß, nichts von ihrem Alltag, ihrem Geschick, ihren Gefühlen und Wünschen, so weiß man erst recht nichts von den Mädchen, die demselben Gewerbe nachgehen. Das Tabu der Erwachsenenprostitution wird um ein Vielfaches überboten vom Geheimnis der Kinderprostitution. Der Umgang mit Prostituierten ist nicht jedermanns Sache, Geschlechtsverkehr mit Kindern aber ist ein Verbrechen. Die kolumbianischen Medien berichten, dass sich die Zahl der Kinderprostituierten in Medellín in den letzten Jahren vervielfacht habe. Dasselbe gelte für die Hauptstadt Bogotá, im Übrigen auch für die anderen großen Städte des Landes. Die attraktivsten Länder Lateinamerikas werden von Sextouristen aus den USA und Europa überschwemmt. Dort wo der Fremdenverkehr blüht, bestreiten unzählige junge Frauen und Kinder ihren Lebensunterhalt, indem sie Fremden nicht nur sich selbst, sondern auch Rauschgift verkaufen. In der Dominikanischen Republik soll es 60 000 minderjährige Mädchen im Alter ab sieben Jahren geben, die in der Prostitution und für pornographische Zwecke ausgebeutet werden. In Brasilien, wo angeblich zwischen 500 000 und zwei Millionen Kinderprostituierte tätig sind, bieten Scharen von Mädchen ihre Dienste in Massageclubs an. In Rio de Janeiro wird das touristische Sexgeschäft von Kartellen organisiert, die über Scharen von Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren verfügen. Im bitterarmen Haiti stehen junge Mädchen in unbegrenzter Anzahl für sexuelle Dienstleistungen an Ausländern zur Verfügung. Auch an der kolumbianischen Atlantikküste soll es genau so zugehen: »Sextourismus ist in Cartagena eine regelrechte Industrie.«1 (#ulink_1e16e509-75f4-5fca-8807-82e931a9cb7b) Kinderprostitution ist aber kein exklusiv lateinamerikanisches Phänomen. Sie ist weltweit auf dem Vormarsch. 1 (#ulink_e6eb63c5-540f-58bf-895c-124cab3f9e9b) Siehe http://tdh.ch/de/news/15-jahre-gefangnis-erstmals-auslandischer-padophiler-sex -tourist-verurteilt Weitere Informationen zum Thema Kinderprostitution: in Kolumbien: Alianza por la Niñez Colombiana: http://es.wikipedia.org/wiki/Alianza_por_la_Ni%C3%B1ez_Colombianaution; (http://es.wikipedia.org/wiki/Alianza_por_la_Ni%C3%B1ez_Colombianaution) Abuso sexual: http://www.monografias.com/trabajos14/explosexinf/explosexinf.shtml; (http://www.monografias.com/trabajos14/explosexinf/explosexinf.shtml;) La niñez colombiana en cifras. Unicef Fondo de las Naciones Unidas para la infancia. Oficina de Area para Colombia y Venezuela, Noviembre de 2002 William Mejía Ochoa: La utilización de niños, niñas y adolescentes en la prostitución en el departamento de Risaralda. Avances de un estudio sobre la Explotación Sexual Comercial de Niños, Niñas y Adolescentes – ESCNNA – y la trata de menores en Colombia, Risaralda 2006 weltweit: ECPAT: http://www.ecpat.net/EI/index.asp Kinderprostitution, Kinderpornografie, Kinderhandel: http://www.unicef.de/fileadmin/mediathek/download/I_0082.pdf UNICEF: www.unicef.org; http://www.voicesofyouth.org/ BMGFJ-Kinderrechte-Website: http://www.kinderrechte.gv.at/ Tipps für Kinder, Jugendliche, Lehrer und Eltern: http://www.saferinternet.at/ Verhaltenskodex: www.thecode.org Welttourismusorganisation: www.unwto.org/protect_children/ Bibliographie: http://www.dji.de/izkk/IzKK_Literaturliste_Kinderhandel.pdf Nach Schätzungen von UNICEF sind jährlich Millionen Mädchen und Jungen betroffen. In Südafrika sollen es 30 000 Minderjährige sein, die sich prostituieren, die Hälfte von ihnen Kinder unter 14 Jahren. In Mosambik haben sich Soldaten der UN-Friedenstruppen der sexuellen Ausbeutung von Kindern schuldig gemacht. In Gambia stehen junge Männer europäischen Frauen für sexuelle Dienste zur Verfügung. Auf dem afrikanischen Kontinent ist der Glaube verbreitet, dass der Geschlechtsverkehr mit Kindern vor der Ansteckung mit dem HI-Virus schütze. Deshalb machen sich Männer auf die Suche nach minderjährigen Geschlechtspartnerinnen. In Wirklichkeit infizieren sich Kinder besonders leicht. Stark gefährdet sind Aidswaisen, denen als einzige Verdienstmöglichkeit zum Überleben die Prostitution bleibt. Netzwerke der Ausbeutung Sexuelle Ausbeutung von Kindern ist ein sich immer weiter ausdehnendes Phänomen, und es steht in einem direkten Zusammenhang mit der nationalen Entwicklung eines Landes und der globalen Veränderung unserer Welt. In einigen Teilen der Welt brechen die Familien und die sozialen Netzwerke aufgrund zunehmender Armut, aber auch wegen des Zusammenbruchs gesellschaftlicher Strukturen infolge bewaffneter Konflikte, sozialer Unruhen, Naturkatastrophen oder der Auswirkungen von HIV und Aids immer öfter auseinander (…) Es hat den Anschein, als wäre die sexuelle Ausbeutung von Kindern einem dauernden geographischen Wandel innerhalb der Länder, aber auch über die Landesgrenzen hinweg und zwischen den Weltregionen unterworfen (…) Die Auflösung sozialer Schutzmechanismen verstärkt auch das Risiko für Kinder und Jugendliche, innerhalb der eigenen Familie oder Gemeinschaft Opfer von sexuellem Missbrauch und Ausbeutung zu werden (…) Die steigende Mobilität und der vereinfachte Zugriff für die Täter erhöhen das Missbrauchsrisiko für Kinder durch Kinderprostitution, Kinderhandel und Kinderpornographie. UNICEF-Report 20091 (#ulink_89dbc153-ae4a-5005-a413-fe208d52b05c) 1 (#ulink_b29d11a3-c323-5a5f-94e9-bdd8cfb044bf) Quelle: UNICEF-Report 2009, Frankfurt a. M. 2009, S. 79ff. Aktuelle Schätzungen: In Asien soll es mehr als eine Million Personen geben, darunter junge Frauen, Kinder und Jugendliche, die ihr Auskommen in der Prostitution suchen. Auf den Philippinen sind angeblich 60 000 bis 100 000 Kinder in der Sexindustrie tätig. Berüchtigt sind die südasiatischen Länder Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan und Sri Lanka, wo religiöse Traditionen die Prostitution Tausender Kinder legitimieren. Armut, Diskriminierung und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern gehen in Indonesien, China, Vietnam, Kambodscha, Laos, Taiwan und Birma Hand in Hand. Der lebhafteste Handel mit Kinderprostituierten findet im Süden und Südosten Asiens statt. In Osteuropa sieht es in dieser Hinsicht nicht viel besser aus als in Afrika und Lateinamerika. In Russland, der Tschechischen Republik, Polen und Rumänien werden Frauen und Minderjährige von ausländischen Sextouristen ­ausgebeutet. Zwischen Surinam und Holland soll ein reger Frauen- und Mädchenhandel stattfinden, der für den Nachschub von Prostituierten nach Europa sorgt. Dabei sind Netzwerke aktiv, die die Verbindung zwischen Uruguay (Montevideo) und Ita­lien (Mailand) aufrechterhalten. In Italien leben angeblich 18 000, vielleicht sogar 25 000 minderjährige Prostituierte ohne Aufenthaltsgenehmigung. In Rom hat man angeblich 3000, in Mailand 2000 ausländische Prostituierte gezählt. Die meisten jungen Prostituierten in Rom, Mailand und Neapel kommen aus Alba­nien, dem ehemaligen Jugoslawien und aus Nigeria. Unter sie mischen sich junge Peruanerinnen, Polinnen und Kolumbianerinnen. Auch in Deutschland expandiert der Markt für die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Kinderprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze Die Mädchen und Jungen halten sich an Tankstellen, Bushaltestellen oder Raststätten auf. Innerhalb der Ortschaften findet man sie auch in Parks, vor Supermärkten und Eingängen von Spielhallen, am Bahnhof oder in Hauseinfahrten. In einer Kleinstadt wurde beobachtet, wie sich Kinder an den Fenstern bordellähnlicher Einrichtungen präsentierten. In manchen Straßenvierteln warten die Kinder in Autos oder am Fenster von Wohnhäusern auf die Sextouristen. Auch Frauen mit Kleinkindern oder sogar Säuglingen auf dem Arm halten hier Ausschau nach Sextouristen. Säuglinge und Kinder bis zum Alter von etwa sechs Jahren werden den Sextouristen meist von Frauen angeboten. Kinder ab etwa sieben ­Jahre werden oft von männlichen Jugendlichen oder Erwachsenen begleitet. Auf Parkplätzen oder vor Supermärkten fallen immer wieder kleine Kinder auf, die nur deutsche Männer ansprechen: (»Kannst du mich ein bisschen mitnehmen?«) und um Geld oder Essen betteln (»Kannst du mir ein Eis kaufen?«). Viele steigen bei deutschen Sextouristen ins Auto und fahren mit ihnen weg. Die größeren Kinder ab etwa acht Jahren verhandeln oft wie selbstverständlich über Preise und Sexualpraktiken. Sie bieten sich an mit Fragen wie »Willst du Sex? Willst du blasen? Willst du ficken?« Die Männer fahren mit ihren Opfern fast immer allein im Auto zu Orten, die sie »Strichplätze« nennen, damit sie die Kinder dort unbeobachtet missbrauchen können. Diese Plätze befinden sich an Stadträndern, in nahe gelegenen Waldstücken, in der Nähe von Parkanlagen und abgelegenen Garagen oder in unbelebten Seitenstraßen. Oder die Peiniger gehen mit ihren ­Opfern – manchmal in Begleitung des Zuhälters – in eine Wohnung in der Nähe des Standplatzes. (…) Als Bezahlung erhalten die Kinder meist fünf bis 25 Euro. Manchmal gibt es auch nur Süßigkeiten. Einige Sextouristen gehen mit den Kindern auch zum Essen oder unterstützen die Familien materiell. »Der K. schläft manchmal bei uns, und dann geht der mit meiner Mutter einkaufen«, berichtet Petr, 13. (…) Der elfjährige Antonin erzählt im Interview: »Ein Deutscher hat mich im Auto gefesselt und mir den Mund zugeklebt.« (…) Die beobachteten Zuhälter kommen aus Tschechien oder der Slowakei, vereinzelt gab es männliche vietnamesische Zuhälter. (…) Oft sind die Zuhälter Verwandte der Opfer: Mütter, Großmütter, andere Familienangehörige oder auch Bekannte der Familie. Einige der Mütter arbeiten auch selbst als Prostituierte. »Meine Mama hat mir gesagt, wie ich das machen muss«, erklärt die zehnjährige Iveta im Interview. Auch ältere Kinder, die schon länger in der Prostitution arbeiten, werden oft als Aufpasser eingesetzt, oder sie müssen die Jüngeren anlernen. Schon 13-Jährige vermitteln jüngere Kinder. (…) Die Täter sind vorwiegend deutsche Sextouristen aus den angrenzenden Regionen der Bundesländer Bayern und Sachsen – erkennbar an den Autokennzeichen. Immer häufiger kommen aber auch Wagen aus ganz Deutschland, aus Österreich und Italien. Auch US-amerikanische Kennzeichen wurden beobachtet. Die Sextouristen reisen fast immer alleine an – meist mit Mittel- und Oberklassewagen, manchmal auch in Kleinbussen mit verdunkelten Scheiben. Ihr Alter liegt zwischen 18 und 80 Jahren (…). Kinder aus anderen Regionen der Tschechischen Republik und aus mittel- und osteuropäischen Staaten werden in die Grenzregionen oder von dort aus nach Deutschland verkauft, um sie sexuell auszubeuten. So wurden in der Grenzregion Kinder aus entfernten Regionen Tschechiens, aus der Slowakei und weiteren Ländern, zum Beispiel Moldawien, Ukraine, Litauen und Weißrussland, beobachtet und befragt. Ihre Aussagen sowie insbesondere die Interviews mit erwachsenen Prostituierten machen deutlich, dass Zuhälterbanden systematisch Minderjährige in die deutsch-tschechische Grenzregion verschleppen und zur Prostitution zwingen. Cathrin Schauer1 (#ulink_a776e8a8-8ad7-5142-bda3-91642a3bc920) 1 (#ulink_680db2db-b5a1-5316-82c4-ba8b8cdf749b) Cathrin Schauer: Kinder auf dem Strich – Bericht von der deutsch-tschechischen Grenze, hg: UNICEF Deutschland, ECPAT Deutschland, Bad Honnef 2003. Naturgemäß sind Kinderprostitution, Pornographie und Menschenhandel aufs lukrativste miteinander verbunden. Nach einer UN-Studie aus dem Jahr 2006 werden im Jahr weltweit 1,2 Millionen Kinder Opfer von Menschenhändlern, die sie wie eine Ware verkaufen und als Arbeitssklaven schuften lassen. Allein in West- und Zentralafrika sollen nach Angaben von UNICEF jährlich 200 000 Kinder zu Opfern von Menschenhändlern werden. Nach ECPAT2 (#ulink_485fc40b-8be3-5566-9f1c-5b0685b934a8) bringt das Geschäft mit Kinderprostitution und Kinderpornographie jährlich zwölf Milliarden US-Dollar, der Menschenhandel sieben bis zehn Milliarden US-Dollar ein.3 (#ulink_de33e784-1362-5736-a928-1b71a91a87f6) Die Internationale Organisation für Migration (http://www.iom.int/germany/) schätzt, dass die sexuelle Ausbeutung von Kindern mehr Gewinn abwirft als das Geschäft mit Drogen. 2 (#ulink_d91d83eb-af3a-5671-ab69-3122e2b88822) Vgl. http://www.ecpat.net/EI/index.asp 3 (#ulink_d91d83eb-af3a-5671-ab69-3122e2b88822) Vgl. http://www.ecpat.de/index.php?id=15 Prostitution ist der Verkauf oder Kauf von sexuellen Handlungen, insbesondere von Geschlechtsverkehr. Bei diesem Tauschgeschäft sind neben der Prostituierten und dem Freier weitere Personen beteiligt: Zuhälter, Bordellbesitzer und die Sexindustrie. Sexuelle Ausbeutung hat viele Gesichter – Pornographie, Menschenhandel, Straßenstrich, Sextourismus. Prostitution und Menschenhandel hängen mit der Armut zusammen. Die Straßenkinder der Plazoleta Rojas Pinilla kommen aus armen Familien. Meist stehen die Mütter dem Haushalt alleine vor. Zerrüttete Familien, alkoholabhängige Eltern, Väter, die sich aus dem Staub gemacht haben: In dieser Situation bleibt mancher Mutter nichts übrig, als eines oder zwei ihrer Kinder wegzuschicken, damit sie auf der Straße für ihren Unterhalt selbst sorgen, wohl wissend, wo der Nachwuchs enden wird. Es sind oft die Kinder, die die aufgelaufenen Schulden ihrer Eltern abtragen müssen. Die Prostitution von Erwachsenen berührt die Frage der Menschenrechte und der Diskriminierung von Frauen. Prostitution Minderjähriger, Kinderhandel und Kinderpornographie hingegen sind eindeutig und immer illegal. Sie brechen die allgemeinen Rechte von Kindern. Kinderrechte und sexuelle Ausbeutung Kinderhandel und kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern waren Thema von drei Weltkonferenzen – 1996 in Stockholm, 2001 in Yokohama und 2008 in Rio de Janeiro. Zahlreiche internationale Übereinkommen und Protokolle ächten die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger. Die UN-Kinderrechtskonvention verlangt, dass Kinder, die in die Hand von Menschenhändlern gefallen sind, besonders geschützt werden. Die Konvention 182 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 1999 bezeichnet sexuelle Ausbeutung als schlimmste Form der Kinderarbeit. Im Jahr 2000 forderte eine in Palermo beschlossene Vereinbarung die Strafverfolgung des Frauen- und Kinderhandels. In einem Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention, das im Januar 2002 in Kraft trat, verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten, Kinder wirksamer vor Kinderhandel, Prostitution und Pornographie zu schützen. 2003 fasste die Europäische Union einen Rahmenbeschluss zur Bekämpfung des Menschenhandels, der sexuellen Ausbeutung von Kindern und der Kinderpornographie. Im Jahr 2007 verabschiedete der Europarat das Abkommen zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung. Aus dem Fakultativprogramm zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend den Verkauf von Kindern, die Kinderprostitution und die Kinderpornographie1 (#ulink_5a63f4e1-abc3-5bff-bde6-9b4d9eeae398): 1 (#ulink_34a249e6-b245-5493-901f-144e60011aed) Quelle: http://eeas.europa.eu/human_rights/docs/report08_de.pdf; http://www.un.org/Depts/german/uebereinkommen/ar54263anlage2-oebgbl.pdf Artikel 1 Die Vertragsstaaten verbieten den Verkauf von Kindern, die Kinderprostitution und die Kinderpornographie nach Maßgabe dieses Protokolls. Artikel 2 Im Sinne dieses Protokolls bedeutet a) »Verkauf von Kindern« jede Handlung oder jedes Geschäft, mit denen ein Kind gegen Bezahlung oder für eine andere Gegenleistung von einer Person oder Personengruppe an eine andere übergeben wird; b) »Kinderprostitution« die Benutzung eines Kindes bei sexuellen Handlungen gegen Bezahlung oder jede andere Art der Gegenleistung; c) »Kinderpornographie« jede Darstellung eines Kindes, gleichviel durch welches Mittel, bei wirklichen oder simulierten eindeutigen sexuellen Handlungen oder jede Darstellung der Geschlechtsteile eines Kindes zu vorwiegend sexuellen Zwecken. Der sexuelle Missbrauch fügt Minderjährigen oft einen lebenslangen traumatischen Schaden zu. Wenn Kinderprostituierte in ihre Familien und in die Gesellschaft zurückkehren wollen, müssen sie feststellen, dass sie dort nicht willkommen sind. Wegen ihrer »schmutzigen Vergangenheit« werden sie lebenslang diskriminiert, ausgeschlossen und zurückgewiesen. Viele verzweifeln, werden depressiv oder neigen zur Selbsttötung. 3 Kindermütter: Kinder, die Kinder bekommen Immer mehr schwangere Mädchen Seit einiger Zeit gibt es am Rojas-Pinilla-Platz und auf der Avenida El Prado immer mehr schwangere Mädchen. Dieselbe Beobachtung kann man auch in anderen Städten Kolumbiens machen, mehr noch, sie trifft offenbar für den ganzen Kontinent zu. Obgleich das Bevölkerungswachstum zurückgeht, steigt die Anzahl der Schwangerschaften Minderjähriger und der Kindermütter. Dasselbe Phänomen wird auch aus anderen Ländern und Kontinenten berichtet. Die Zunahme der Zahl schwangerer Minderjähriger und jugendlicher Mütter ist besonders in armen Bevölkerungsschichten zu beobachten. Die betroffenen Jugendlichen, die aus unterprivilegierten Familien stammen, haben oft eine geringere Schulbildung als ihre Altersgenossinnen, die erst später Nachwuchs bekommen. Diese Zusammenhänge treffen bis zu einem gewissen Grad auch auf die Industriestaaten, selbst auf Deutschland zu. Überall ist das Bevölkerungswachstum rückläufig, aber die Abnahme der Geburten Minderjähriger fällt weniger stark aus.4 (#ulink_04580b73-0fe3-55ef-bc9c-ea36665a82d9) Bei den ganz jungen Müttern unter 17 Jahren steigt die Zahl der Schwangeren in letzter Zeit sogar an. Jährlich sind in Deutschland etwa 20 000 Jugendliche betroffen. Das sind drei Prozent aller Mädchen unter 18 Jahren. Der Anstieg der Geburten im Jugendalter, der der allgemeinen Tendenz der rückläufigen Geburtenzahlen entgegensteht, betrifft also hauptsächlich die Gruppe der minderjährigen Jugendlichen bis ins Alter von einschließlich 17 Jahren. 4 (#ulink_2d251856-ea99-5017-9c44-4c21f98780a9) Vgl. Sabine Biel: Schwangerschaft im Jugendalter, o. O. (VDM Verlag), 2007. Aus Europa und Lateinamerika liegen inzwischen Forschungsergebnisse vor, die diese Situation näher beleuchten: Offenbar erleben Minderjährige den ersten Geschlechtsverkehr häufig »völlig ungeplant und überraschend«. Das praktische Verhütungsverhalten hat sich demnach in den letzten Jahren nicht verbessert, sondern eher verschlechtert. Bis zu 20 Prozent der 14- bis 15-Jährigen benutzen bei der ersten sexuellen Begegnung überhaupt keine Verhütungsmittel. Mehr Informationen zum Thema Schwangerschaften Minderjähriger: Literatur: Isabell Louis: Teenagerschwangerschaften – Ursachen, Problematik und Hilfe, München/Ravensburg 2008 Sigrid Weiser u.a. (Hg.): Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch bei minderjährigen Frauen. Teilstudie I. Soziale Situation, Umstände der Konzeption, Schwangerschaftsausgang. Ergebnisse einer Erhebung an 1801 schwangeren Frauen unter 18 Jahren, Hamburg und Frankfurt a. M., November 2006 Elka Thoss u. a.: Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch bei minderjährigen Frauen. Teilstudie I. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, ebenda Anke Spies: Frühe Mutterschaft. Die Bandbreite der Perspektiven und Aufgaben angesichts einer ungewöhnlichen Lebenssituation, Hohengehren 2010 Carmen Elisa Flórez et al.: Fecunidad adolescente y desigualdad en Colombia y la Región de América Latina y el Caribe, Santiago de Chile 2006 Organismo regional andino de salud (ed.): El embarazo en adolescentes en la subregión andina, 2008 José Manuel Guzmán et al. (ed.): Diagnóstico sobre salud sexual y reproductiva de adolescentes en América Latina y el Caribe, México 2001 Links: Mutterschaft Minderjähriger: http://de.wikipedia.org/wiki/Mutterschaft_Minderj%C3%A4hriger (http://de.wikipedia.org/wiki/Mutterschaft_Minderj%C3%A4hriger) http://www.eundc.de/pdf/40008.pdf (http://www.eundc.de/pdf/40008.pdf) Teenager-Schwangerschaften in Berlin und Brandenburg: http://www.sexualaufklaerung.de/cgi-sub/fetch.php?id=529 (http://www.sexualaufklaerung.de/cgi-sub/fetch.php?id=529) http://www.isp-dortmund.de/downloadfiles/Doku_Vortrag_Teenagerschwangerschaften_-_M._Gnielka.pdf (http://www.isp-dortmund.de/downloadfiles/Doku_Vortrag_Teenagerschwangerschaften_-_M._Gnielka.pdf) Schwangerschaften Minderjähriger. Hintergründe: http://forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=500 (http://forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=500) Je jünger die Schwangeren sind, umso häufiger kommt es zu Abtreibungen. Die Wahrscheinlichkeit einer Totgeburt ist bei Schwangeren in jungen Jahren größer als bei erwachsenen Frauen. Ihr Anteil beträgt bei Volljährigen durchschnittlich etwa 0,4 Prozent. Bei 17- bis 19-Jährigen nimmt die Rate leicht, bei noch jüngeren Müttern stark zu. Totgeburten machen bei Mädchen im Alter von 14 Jahren sogar bis zu 0,9 Prozent aus. Hauptschülerinnen werden häufiger schwanger als Gymnasiastinnen. ­Letztere entscheiden sich allerdings öfter für einen Schwangerschaftsabbruch, während Haupt- und Realschülerinnen ihr Kind eher austragen. Möglicherweise erhoffen sich die jungen Frauen mit niedrigerem Schul- und Ausbildungsabschluss durch die Mutterschaft einen Zuwachs an gesellschaftlicher Anerkennung. Oft stammen minderjährige Mütter aus Familien, in denen sie Vernachlässigung, Scheidung der Eltern und Alkoholismus erfahren haben. Mädchen, deren eigene Mütter bei der Geburt noch sehr jung waren, neigen überproportional häufig dazu, selbst bereits als Jugendliche Kinder zu bekommen. Der tendenzielle Rückgang des Bevölkerungswachstums ist ein weltweites Phänomen. Mit durchschnittlich 1,4 Kindern je Frau steht Deutschland mit an der Spitze dieser Entwicklung. In Asien ging die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von 5,1 auf 2,6, in Lateinamerika von 5 auf 2,7 Kinder zurück. In den andinen Ländern Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Peru und Venezuela nahm das Bevölkerungswachstum zwischen 1975 und 2005 um ein Drittel ab. Gleichzeitig (insbesondere seit 1990) wächst die Anzahl der Schwangerschaften junger Mädchen, und zwar in städtischen wie in ländlichen Gebieten. In den sechs genannten Andenländern leben zurzeit 28,8 Millionen Menschen im Kindes- und Jugendalter. Über 20 Prozent der Bevölkerung sind Kinder, weitere 20 Prozent Jugendliche. Von sieben Millionen weiblichen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren sind über eine Million (18 bis 20 Prozent) schwanger oder bereits Mütter. Die meisten schwangeren Mädchen gibt es in Vene­zuela, Kolumbien und Ecuador. (In einigen Gebieten gehören junge Mutterschaften zur herrschenden Kultur, so unter der indianischen Bevölkerung in Bolivien und Ecua­dor. Diese Thematik bleibt hier unberücksichtigt.) Die Fruchtbarkeit Jugendlicher betrifft stärker Mädchen als Jungen. Die meisten Kinder von minderjährigen Müttern haben erwachsene Väter. In Peru zum Beispiel ist eine von zehn Müttern minderjährig, aber auf 50 Vaterschaften kommt nur eine einzige eines Jugendlichen. In Bolivien, Kolumbien und Peru schätzt man, dass 70 Prozent der Schwangerschaften Minderjähriger ungeplant sind. Die Gründe dafür sind vor allem fehlendes Wissen um Sexualität und Fruchtbarkeit, mangelnde Information über Empfängnisverhütung und fehlender Zugang zu Verhütungsmitteln. Das Bewusstsein von den möglichen Folgen des Geschlechtsverkehrs ist bei Jugendlichen oft nur spärlich entwickelt, und die Kommunikation über dieses Thema scheint zwischen jungen Partnern extrem reduziert zu sein. Nicht selten gehen Schwangerschaften allerdings auch auf sexuellen Missbrauch und Inzest zurück. In Kolumbien werden Jahr für Jahr durchschnittlich 6000 bis 7000 Kinder geboren, deren Mütter noch Kinder sind – die Tendenz ist ansteigend. Allein in der Hauptstadt Bogotá sind es jährlich zwischen 600 und 700. Die Zahl der Geburten junger Mütter hat sich während der letzten 15 Jahre um 60 Prozent, die der Schwangerschaften um 70 Prozent erhöht. Vor 30 Jahren machten die Geburten Minderjähriger kaum sieben Prozent aller Geburten aus. 1990 waren es zwölf Prozent, 2005 bereits 19 Prozent. Rechnet man Totgeburten und Abtreibungen hinzu, so kommt man leicht auf über 20 Prozent Minderjährigengeburten.5 (#ulink_32f1d352-702d-595a-a2a7-b3ee9f0c57be) 5 (#ulink_d1902c5e-21ac-556e-b6e1-72b80b7471d7) Vgl. Carmen Elisa Flórez et al.: Fecunidad adolescente y desigualdad en Colombia y la Región de América Latina y el Caribe, Santiago de Chile 2006. Gründe und Folgen Verschiedene Untersuchungen in lateinamerikanischen Ländern zeigen, dass das Phänomen der minderjährigen Mütter häufig mit drei Merkmalen einhergeht: Erstens leben die meisten Kindermütter auf dem Land. Sie sind – zweitens– nur wenige Jahre oder überhaupt nicht zur Schule gegangen. Und drittens: Ihr Dasein ist von Armut geprägt. Fallen alle drei Charakteristika zusammen, so potenziert sich das Risiko beträchtlich. Am höchsten ist die Schwangerschaftsrate Minderjähriger in ländlichen Gebieten. Fern von der Stadt ist es besonders schwierig, an Verhütungsmittel zu kommen. Minderjährige Mädchen werden dort doppelt so häufig schwanger wie Gleichaltrige in den Städten. Der Unterschied steigt auf das Siebenfache, wenn die Jugendlichen obendrein keine oder nur eine geringe Schulbildung genossen haben. Der Anteil der Schwangerschaften Minderjähriger ist unter Mädchen ohne oder mit nur geringer Schulbildung viermal so hoch wie unter Absolventinnen einer Sekundarschule. Die Schwangerschaft fällt gewöhnlich in die Zeit, in der die Jugendliche die Abschlussklasse einer weiterführenden Schule besucht. Kommt es zu einem Abbruch der Schullaufbahn, so bedeutet dies, dass die Betroffene den Ausbildungsgrad nicht erreicht, der sie für eine aussichtsreiche Berufslaufbahn qualifizieren könnte. Auf das Fünfzehnfache wächst die statistische Wahrscheinlichkeit einer verfrühten Schwangerschaft, wenn zur ländlichen Lebenssituation und mangelnder Schulbildung Armut hinzukommt. Armut erhöht im Übrigen auch die Sterblichkeitsrate von Mutter und Kind. Einige Beobachter neigen zu der Auffassung, dass Schulabbrüche oft Folge von Schwangerschaften seien. Tatsächlich ist es eher umgekehrt: Vorzeitiger Schulabbruch führt häufig zu früher Schwangerschaft. Viele Mädchen, die bereits in jugendlichem Alter Mutter geworden sind, haben die Schule verlassen, ehe sie schwanger wurden. Schulabbruch ist demnach eher eine Bedingung, seltener die Konsequenz einer Schwangerschaft. Schwangerschaften Minderjähriger haben Folgen, die die Mütter, ihre Familien, ihre Umgebung und auch den Staat belasten. Minderjährigen Schwangeren droht die soziale Isolation und Stigmatisierung. Ohne Schulabschluss gelingt es ihnen kaum, die Voraussetzungen für ein gelingendes Leben zu schaffen. Eine ­frühe Schwangerschaft erhöht insbesondere in armen Ländern für die Mutter und ihre Familie das Risiko zu verelenden. Alleinstehende junge Mütter haben selten, und dann nur eingeschränkt, die Möglichkeit zu arbeiten und Geld für den ­eigenen Unterhalt wie für den ihrer Kinder zu verdienen. Da junge Mütter samt Nachwuchs häufig bei ihren Eltern Unterschlupf suchen, die ohnedies in beengten und ärmlichen Verhältnissen leben, werden wiederum deren Einkommen und die Überlebenschancen noch stärker belastet. Unter den negativen Folgen verfrühter Mutterschaft leiden besonders die betroffenen jungen Frauen, zumal die Väter häufig jegliche Verantwortung abstreiten und ihre Pflichten nicht wahrnehmen. Über sie, über ihre Einstellungen und Meinungen gibt es übrigens bis heute keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Junge Schwangere und Kinder in prekären Lebenslagen laufen Gefahr, krank zu werden oder bei der Geburt zu sterben. Die Sterblichkeitsrate, die bei Müttern mit steigendem Alter (bis zu 34 Jahren) abfällt, ist bei den Jüngsten am höchsten. Bei Mädchen, die im Alter zwischen 15 und 19 Jahren ein Kind bekommen, ist die Gefährdung doppelt so hoch wie bei Müttern zwischen 20 und 30 Jahren. Mit der frühen Mutterschaft ist auch für das Neugeborene ein großes Mortalitätsrisiko verbunden. Häufiger als Kinder älterer Mütter sterben Kinder von Minderjährigen, ehe sie ein Jahr alt werden. Naturgemäß ist die Gefahr dann am größten, wenn ein schwangeres Mädchen in Armut lebt. Kinder jugendlicher Mütter werden häufig mit Untergewicht, d.h. mit weniger als 2500 Gramm, geboren, und dieses Manko können sie im weiteren Wachstumsprozess kaum ausgleichen. Da frühzeitige Schwangerschaften meist ungeplant sind, ist das erwartete Kind oft nicht erwünscht – entsprechend unfreundlich wird es empfangen und nur nachlässig versorgt. Selten lebt die minderjährige Mutter in einer festen Beziehung. Die ungesicherte Lebenslage birgt die Gefahr, dass sich die in der Familie ohnehin herrschende Armut verschlimmert und es deshalb zu Konflikten kommt. Die schwangeren Mädchen werden von ihren Verwandten nicht selten zurückgewiesen oder verstoßen. Schnell geraten sie in emotionale Bedrängnis und eine finanziell aussichtslose Lage. Oft sind Schwangerschaften Minderjähriger eine Folge kritischer Lebensereignisse. Sie hängen bisweilen mit der Scheidung oder Trennung der Eltern, mit Schwierigkeiten in der Familie, mit dem Tod naher Verwandter oder mit wirtschaftlichen Schicksalsschlägen zusammen. Der Alltag der Betroffenen ist mitunter von Gewalt, Alkoholmissbrauch und Vernachlässigung geprägt. In solchen Krisen regt sich bei Jugendlichen der Wunsch, selbst ein Kind zu haben, das die eigene Befindlichkeit aufbessert. Schwangerschaft und Mutterschaft erscheinen dann als Ausweg aus Konflikten und Notlagen, ungeachtet der Tatsache, dass sie in verschärfte Problemsituationen hineinführen. Jugendliche haben mitunter die Hoffnung, dass sie als Schwangere ihr Leben besser bewältigen können. Sie glauben, dass sie auf diesem Weg einen unterstützenden Partner oder fürsorgenden Ehemann finden. Gleichzeitig wollen sie mehr Akzeptanz und Ansehen erreichen. Die Gründung einer »richtigen Familie«, so glauben manche, werde ihren emotio­nalen, ökonomischen und sozialen Status aufbessern. Überall dort, wo die Zahl der minderjährigen Schwangeren und der Kindermütter ansteigt, nehmen auch die Schwangerschaftsabbrüche zu. Allein in den oben genannten sechs andinen Ländern soll es Jahr für Jahr 70 000 Abtreibungen geben. Gegen Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurden in Kolumbien weit über 80 Prozent der ungewollten Schwangerschaften Minderjähriger abgetrieben – und zwar zu einem großen Teil von unqualifiziertem Personal, mit beträchtlichen gesundheitlichen Risiken. Auf die Mädchen, die sich im Zentrum Medellíns herumtreiben, treffen sämt­liche Merkmale zu, die das Risiko und die Gefahr einer frühen und problematischen Schwangerschaft erhöhen – Armut, Gewalt, mangelnde Schulbildung, Lebenskrisen, Missbrauch, fehlende Aufklärung und unzureichende Gesundheitsfürsorge. Für Flor, María-Isabel und Azucena gilt, was für alle Straßenmädchen zutrifft: Sie leiden permanent unter Mangel an Zuwendung. Kaum jemals hatten sie die Möglichkeit, sich zu behaupten und ihr Leben selbst zu bestimmen. Schwangere Mädchen und Kindermütter, die zusammen mit ihrem Nachwuchs auf den Straßen in Medellín wie auch in den anderen Metropolen der Entwicklungsländer leben, stellen eine extreme Risikogruppe dar. Sie, die so gut wie immer aus unterprivilegierten Familien stammen, sind meist selbst in misslichen Situa­tionen gezeugt und unter erschwerten Bedingungen von mangelernährten Müttern mit Bangen erwartet und ausgetragen worden. So setzt sich das Elend von Generation zu Generation fort. Chor der jungen Straßenmütter1 (#ulink_77b13332-3bd3-523c-9d2d-cac4d8941043) 1 (#ulink_0f848e15-de5e-5fca-92a5-87c5a6f1c272) Quelle: Carlos Fuentes, Chor der jungen Straßenmütter, aus: ders., Alle glücklichen Familien. © 2006 Carlos Fuentes. © 2006 bei Santillana Ediciones Generales, S. A. de C. V., México. Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a. M. 2008. Equisita gebar auf der Straße Die Hälfte der Mädchen auf der Straße ist schwanger Sie sind zwischen zwölf und fünfzehn Ihre Babys sind zwischen null und sechs Viele haben das Glück einer Fehlgeburt weil sie geprügelt werden Bis der Fötus vor Angst schreiend herauskommt Ist es besser drinnen oder draußen zu sein? Ich will hier nicht sein Mamacita Wirf mich lieber in den Müll Mutter Ich will nicht geboren werden und jeden Tag mehr verdummen Ohne Bad Madrecita ohne Essen Mutter Ohne andere Nahrung als den Alkohol Mutter Marihuana Mutter Lösungsmittel Mutter Resistol Mutter Toluol Mutter Kokain Mutter Benzin Mutter Deine Brüste prall gefüllt mit Benzin Mutter Ich spucke Feuer Mutter Für ein paar Centavos Mutter An den Straßenecken Mutter Den Mund voller Benzin das ich aufsog Mutter Der brennende Mund versengt Die Lippen mit zehn Jahren zu Asche verkohlt Wie soll ich mich lieben Mutter? Ich hasse dich nicht Ich hasse mich Ich bin keinen Dreck wert Ich bin nur wert was meine Fäuste hergeben Prügelnde Fäuste raubende Fäuste messerscharfe Fäuste Mutter Falls du noch lebst Mutter Falls du mich noch ein kleines bißchen liebst Befiehl mir bitte daß ich mich selbst ein kleines bißchen liebe Ich hasse mich wirklich Ich bin weniger wert als Hundekotze Eselscheiße ein Haar am Arsch ein verlorener Schuh ein verfaulter Pfirsich eine schwarze Bananenschale Weniger als der Rülps eines Säufers Weniger als ein Polizistenfurz Weniger als ein kopfloses Huhn Weniger als der welke Schwanz eines Greises Weniger als die schlaffen Arschbacken einer kleinen Schlampe weniger als der Auswurf eines Dealers weniger als der nackte Arsch eines Pavians weniger als wenig Mamacita laß nicht zu daß ich mich selbst umbringe sag etwas damit ich mich großartig fühle supergroßartig superbombastisch Mutter reich mir nur eine Hand um hier rauszukommen bin ich für immer zu dem hier verdammt Mutter? sieh nur meine tiefschwarzen Fingernägel sieh nur meine verklebten triefenden Augen sieh nur meine aufgesprungenen Lippen sieh den schwarzen Schaum auf meiner Zunge sieh das gelbe Schmalz in meinen Ohren sieh meinen grünen aufgequollenen Bauchnabel Mutter hol mich hier raus was hab ich verbrochen um hier zu enden? Grabend nagend kratzend weinend was habe ich verbrochen um hier zu enden? Xxxxxquisita Flor, Azucena und Marina haben in ihrem kurzen Leben eine Katastrophe nach der anderen erlebt. Sie haben ihre Familien verloren, haben freiwillig oder unter Zwang ihr Zuhause verlassen. Nun schlagen sie sich notdürftig durch und mühen sich täglich ab, um nur irgendwie zu überleben. Sie sind körperlich und psychisch retardiert, fühlen sich einsam, verlassen und haben bedrängende Minderwertigkeitsgefühle. Kein Straßenbewohner in Medellín kommt ohne Drogen aus. Wenn ein Mädchen feststellt, dass es schwanger ist, spürt es zwar eine starke Motivation, sein ­Leben zu ändern – um des Kindes willen. Aber es gelingt selten, dauerhaft abstinent zu bleiben und sich der Prostitution zu entziehen. Das Kleinkind, das schon als Embryo am Rauschgiftkonsum seiner Mutter teilhat, ist von Geburt an drogenabhängig. Es ist fortwährend unruhig, schreit Tag und Nacht und ist für Krank­heiten besonders anfällig. Seine körperlichen und psychischen Entwicklungschancen sind eingeschränkt. Nicht wenige Kinder kommen behindert zur Welt. »Du fühlst dich wie im Himmel« Der Kleber (sacol) in dieser Flasche – das ist eine Droge, die konsumieren wir, um zu entspannen. Du fühlst dich dann wie im Himmel. Eigentlich kann man niemandem raten, daran zu schnüffeln. Der Kleber macht die Lunge kaputt. Die Jugendlichen auf der Straße schnüffeln Kleber, weil er ihnen zusagt. Diese Droge zu nehmen, das ist kein Verbrechen. Mit dem Kleber werden Schuhe repariert. Wir konsumieren Drogen, um über die Runden zu kommen. Pepa (Amphetamin) ist für außen, Kleber für innen. Er trocknet den Körper aus. Auf einmal kannst du nicht einmal mehr husten. Du spürst keinen Hunger mehr: Du wirst schwindelig wie ein Verrückter. Was ich zum Thema Drogen noch sagen wollte: Marihuana raucht man wie eine Zigarette. Du bekommst davon rote Augen. Es ist so, als würdest du rennen und plötzlich hinfallen, ein starker Effekt. Perico, durch die Nase geraucht, beruhigt dich, und du fühlst dich glücklich. Wenn dir einer dumm kommt, hast du Lust, zuzuschlagen und ihn umzubringen. Du willst keinen mehr sehen. Man versteckt die Flasche in einer Plastiktüte, damit sie die Leute nicht sehen. Auf der Straße herumzutorkeln, das gefällt den Leuten nicht. Hier im Zentrum werden sacol, basuco und perico konsumiert. Man sieht hier auch Heroin. Drogen zu konsumieren, kann man niemandem empfehlen. Wir nehmen sie, weil sie uns beruhigen. Sie helfen uns über den Stress hinweg. Wir denken nicht mehr an die schlimmen Dinge. Zum Beispiel, wie wir in der Familie behandelt und geschlagen wurden. Wir hauen von zu Hause ab, um an Drogen zu kommen. Wir probieren alle aus, um die verschiedenen Wirkungen kennenzulernen. Marihuana zum Beispiel schmeckt süßlich. Die Lippen werden weich, so, wie wenn man einen Lollipop lutscht. Perico ist bitter wie ein saures Bonbon. In basuco verliebt man sich sofort, weil es so schön süß schmeckt. Jede Droge hat ihren besonderen Geschmack, der dich begeistert und nicht mehr loslässt. Wir sammeln Müll, um Geld für Drogen zu verdienen. Wenn man Geld fürs Essen ausgibt, fehlt es fürs Übernachten. Gibt man es für ein Zimmer aus, bleibt nichts fürs Essen übrig. Wichtig sind drei Dinge: Zimmer, Essen, Drogen. Schlafen ist am wichtigsten. Wenn du mal nicht zum Schlafen kommst, fühlst du dich gleich, als hättest du drei oder vier Nächte durchgemacht. Schlimmer als Drogen ist die Hitze hier in Medellín. Sie macht einen fertig, man magert ab, und schließlich stirbt man. Elkin, ca. 18 Jahre Die Mädchen konsumieren Drogen vor, während und nach der Schwangerschaft. Die jungen Mütter, selbst noch bedürftige Kinder, sind durch die Geburt und ihre Folgen ganz und gar überfordert, zumal sich die Väter meist aus dem Staub gemacht haben. Die bei den Schwangeren in der Vorfreude auf das Kind vorherrschende Euphorie kippt spätestens nach der Geburt in Enttäuschung, Gefühllosigkeit und Depression um. Häufig sind die jungen Mütter ihrem Nachwuchs gegenüber zu Zuwendung und liebevoller Sorge überhaupt nicht fähig. Sie reagieren wechselweise überschwänglich, gleichgültig, abwehrend oder aggressiv. Sind die Kleinen erst einmal bei den Großmüttern untergebracht, so kehren die Mütter auf die Straße zurück, nehmen Prostitution und Drogenkonsum wieder auf und versuchen zur Beschwichtigung ihrer Schuldgefühle so viel Geld zu verdienen, dass sie wenigstens einen gewissen Beitrag zum Lebensunterhalt ihres Kindes beisteuern können. Wenn der Großmutter das Geld ausgeht, erscheint sie mit dem Kleinen auf der Straße und kassiert einen Teil des Verdienstes der zurückliegenden Tage ab. 4 Flüchtlingskinder Azucena stammt aus Urabá. Dort im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Panama leben fast nur Schwarze. Es ist die Region des Bananenanbaus, der Guerilla, der Paramilitärs und des Drogenschmuggels in Richtung USA. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts starben dort die meisten Menschen in Kolumbien durch blutige Gewalt in unzähligen Massakern. Urabá war die Hochburg der 1985 gegründeten linken Bewegung UP (Unión Patriótica), in der sich Gewerkschafter, Campesinos (Bauern) und Sympathisanten legaler, gewaltfreier Gruppen zusammenfanden. Ende der 80er-Jahre ermordeten staatliche Sicherheitskräfte und Para­militärs mehr als 3000 UP-Mitglieder, darunter auch zwei Präsidentschaftskandidaten. Die Region sollte von Guerilleros, linksgerichteten Bauernorganisatio­nen und Gewerkschaften gesäubert werden. Seither haben die »Paras« das Sagen in Urabá. Die UP hat sich inzwischen aufgelöst. Flüchtlingsströme ergossen sich nach Süden. Vor allem in Medellín wuchern seither die Slums noch rascher als üblich die Berge hinauf.6 (#ulink_e06f2443-cac3-5551-816e-113aad60ccb7) 6 (#ulink_6796dac9-2217-5558-860b-33acf66ed87d) Vgl. Secretariado Nacional de Pastoral Social. Sección de Movilidad Humana (ed.): Desplazamiento forzado en Antióquia 1985–1998. Aproximaciones teóricas y metodológicas, Bogotá 2001, insbes. Band 0 und Band 9. Nicht nur Azucena, auch die anderen Straßenkinder und -jugendlichen des Rojas-Pinilla-Platzes sind Flüchtlinge und Vertriebene. Sie wurden von ihren Familien verstoßen oder flohen aus unzumutbaren Verhältnissen. Ihre Eltern wohnen (vorausgesetzt sie leben noch) in einem der Slums, die sich wie ein Würgegürtel um die Metropole herumlegen. Früher waren sie Campesinos. Sie mussten Grund und Boden, Hab und Gut von einem auf den anderen Tag zurücklassen. In der Stadt suchten sie Schutz und eine bessere Zukunft. Carlos Mário: Leben mit den Gangs1 (#ulink_40556a68-27d6-50b3-966e-45e072463b0c) 1 (#ulink_9777f825-4806-5f9a-afbd-24254fd5b4b3) Nach: www.strassenkinderreport.de Carlos sagt: Die Autodefensas (Selbstverteidigungsgruppen) halten sich in meinem Viertel meistens raus. Die Leute, die hier das Sagen haben, sind die Chefs der Gangs. Die lassen sich von niemandem auf der Nase herumtanzen. Carlos sagt, er sei immer in einer Gang gewesen, sein ganzes Leben lang. Wenn du in so einem Viertel aufwächst, dann gehörst du automatisch dazu. So einfach ist das, sagt Carlos. Carlos sagt, er sei eines Tages aus der Gang ausgestiegen. Mein Mädchen ist schwanger geworden. Ich habe eine kleine Tochter, und für die muss ich sorgen. Wir wohnen bei der Schwiegermutter. Carlos sagt: Ich hab dem Chef meiner Gang gesagt, dass ich draußen bin. Und ich hab dem Chef der Gang, mit der wir verfeindet sind, gesagt, dass ich draußen bin. In der Gang habe ich einfach zu wenig verdient. Hier auf dem Platz verdiene ich mehr. Und warum soll ich mich für weniger Geld erschießen lassen? Ich bin draußen, basta. So einfach ist das, sagt Carlos. Carlos sagt: Es ist schwer, heutzutage noch Geld in einer Gang zu verdienen. Die Milizen der Paramilitärs haben das Monopol des Drogenhandels an sich gerissen. Also haben die Gangs die Milizen umgebracht. Oder die Milizen haben die Arbeit der Regierung gemacht und die Gangs umgebracht. So einfach ist das, sagt Carlos. Carlos sagt, dass in den Vierteln, die die Paracos kontrollieren, keiner mehr Drogen anfasst. Wer beim Kiffen erwischt wird, wird in einen dunklen Raum gesperrt und bekommt eine »Therapie«. Der Raum ist so dunkel, dass der arme Hurensohn nicht mal sieht, von wem er die ganzen Schläge und Tritte abbekommt. So einfach ist das, sagt Carlos. Carlos sagt: Hier auf der Plazoleta Rojas Pinilla gibt es nicht weniger Konflikte als in meinem Viertel. Es ist nicht so einfach hier, sagt er. Er hat keinen festen Verkaufsstand. Er schiebt seinen Wagen mit den großen grünen Avocados dorthin, wo gerade Platz ist. Straßenkinder sind Flüchtlinge,Vertriebene vom Land, aus Randbezirken der Stadt, aus ihren Familien Geflüchtete. Straßenkinderschicksale sind Flüchtlingskinderschicksale. So ist das in Kolumbien. Dasselbe gilt für einen Großteil der obdachlosen Kinder und Jugendlichen in anderen Weltgegenden. Die kolumbianischen Flüchtlingskinder reihen sich ein in die unermesslich große Zahl der Vertriebenen der Welt. Von ihnen ist die Hälfte minderjährig. 12,5 Mil­lionen Kinder und Jugendliche sind weltweit auf der Flucht. Viele haben unterwegs ihre Eltern verloren, sie müssen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. ­Kolumbien ist ein besonders drastisches Beispiel für das Flüchtlingselend der Welt. Menschlicher Abfall Flüchtlinge sind menschlicher Abfall, der dort, wo er eintrifft und sich ­vorübergehend aufhält, keine nützliche Rolle einzunehmen und in der ­neuen sozialen Umgebung weder die Absicht noch die realistische Aussicht auf Assimilation oder Eingliederung hat; es gibt keine Aussicht auf Rückkehr oder ein Fortkommen vom Müllplatz, ihrem derzeitigen Aufenthaltsort (…). Das Hauptkriterium der Standortwahl für auf Dauer angelegte provisorische Lager ist eine Distanz, die groß genug ist, um den giftigen Ausfluss sozialer Zersetzung von den Wohnorten der einheimischen Bevölkerung fernzuhalten. Außerhalb des Lagers sind Flüchtlinge ein Hindernis und ein Ärgernis, innerhalb dessen sind sie vergessen. Indem sie dort festgehalten und alle Schlupflöcher verstopft werden, indem die Trennung endgültig und irreversibel gemacht wird, wirken »das Mitleid einiger und der Hass anderer« zusammen und erzeugen den gleichen Effekt: Abstand gewinnen und Abstand halten. Zygmunt Bauman1 (#ulink_f196191d-96a8-599e-9b3c-ff83043dc8a5) 1 (#ulink_942daf3e-029e-55b3-97ec-735c569cccd5) Zygmunt Bauman: Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne (a. d. Englischen von Werner Roller), Hamburg 2005, S. 110f. Die Zahl der Vertriebenen in Kolumbien wird auf 4,9 bis 5,5 Millionen Personen geschätzt. Damit ist es das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen der Welt.7 (#ulink_7d32b5b6-87dc-5390-a278-9ee70d75199f) Mehr als eine Million sind Minderjährige,8 (#ulink_5583ac61-62ca-5f44-a3e5-d5b9642228f3) die zusammen mit ihren Familien aus ihrer Heimat vertrieben wurden. 90 Prozent des bewohnten Territoriums Kolumbiens ist aktuelles oder historisches Flüchtlingsland, Vertreibungsland. Die sozialen Folgen der Vertreibungen kann man in den Metropolen, die individuellen Auswirkungen auf der Plazoleta Rojas Pinilla und der Avenida Prado beobachten. 7 (#ulink_e752d889-ea59-586a-ba6b-14343f5f4d88) El Tiempo, 29. April 2013. 8 (#ulink_e752d889-ea59-586a-ba6b-14343f5f4d88) Vgl. Consultoría para los Derechos Humanos y el Desplazamiento, CODHES. Die gewaltsamen Vertreibungen, ausgelöst durch Drohungen, Entführungen und Massaker von Guerilleros, Paramilitärs und Drogenhändlern, dauern in Kolumbien seit Jahrzehnten an. Alles dreht sich um den Besitz von Grund und Boden, die ökonomische Ressource, die die Kontrolle über Drogenanbau und Waffenschmuggel ermöglicht. Opfer der blutigen Auseinandersetzungen sind vor allem Bauern und Kolonisten, aber auch Angehörige der ethnischen Minderheiten, indigene (comunidades indígenas) und afrokolumbianische Gemeinschaften (comunidades afrocolombianas). Einzelne, Familien und ganze Clans fliehen in die Städte oder über die Grenzen des Landes und suchen in Ecuador, Venezuela oder Panama Schutz. Für die betroffenen Kinder ist die Erfahrung von Vertreibung, Heimatlosigkeit und Kulturverlust traumatisch. Die Flucht bricht ihre Schullaufbahn unversehens ab, viele können später keine neue Schule finden. Den Flüchtlingsfamilien fehlt es in der Stadt meist an angemessenem Wohnraum, ausreichender Nahrung, Bekleidung und medizinischer Versorgung. Den Erwachsenen droht dauerhaft Arbeitslosigkeit. Mit staatlicher Unterstützung können die wenigsten rechnen. Unter der Last von Armut, Entbehrung und Aussichtslosigkeit zerbrechen ­viele Familien. Die Kinder und Jugendlichen, die zum Überleben selbst beitragen müssen, suchen ein Auskommen auf den Straßen, wo viele dann früher oder später für immer bleiben und den Kontakt zu ihren Familien nach und nach verlieren. Im Unterschied zu den Kindern und Jugendlichen der Straße in früheren Epochen, die vor den Schlägen, der Ausbeutung und dem Missbrauch durch ihre eigenen Verwandten von zu Hause geflohen sind, tragen heute viele der Jungen und Mädchen der Straße, die aus Flüchtlingsfamilien stammen, ein tiefes Verlangen nach der verlorenen Heimat in sich und sind begierig, wieder in eine Schule aufgenommen zu werden, um sich weiterzubilden. Weitere Informationen über Vertreibung und Flüchtlinge in Kolumbien: http://www.radiosantafe.com/2008/04/16/alarmante-cifra-de-desplazados-en -colombia-revela-acnur/ (http://www.radiosantafe.com/2008/04/16/alarmante-cifra-de-desplazados-en-colombia-revela-acnur/) http://news.bbc.co.uk/hi/spanish/specials/2005/colombia_desplazados/ newsid_4237000/4237043.stm (http://news.bbc.co.uk/hi/spanish/specials/2005/colombia_desplazados/%20newsid_4237000/4237043.stm) http://www.elpregon.org/elmundo/84-americalatina/374-desplazados-en-colombia -los-mas-altos-en-los-ultimos-veinte-anos- (http://www.elpregon.org/elmundo/84-americalatina/374-desplazados-en-colombia-los-mas-altos-en-los-ultimos-veinte-anos-) http://www.ub.es/geocrit/sn-94-37.htm (http://www.ub.es/geocrit/sn-94-37.htm) http://www.acnur.org/biblioteca/pdf/3822.pdf (http://www.acnur.org/biblioteca/pdf/3822.pdf) http://www.derechos.org/nizkor/colombia/doc/desplazmsf.html (http://www.derechos.org/nizkor/colombia/doc/desplazmsf.html) Конец ознакомительного фрагмента. 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