Die Hexen von Kamen Roswitha Koert Gab es Hexen, gibt es sie heute noch? Dieses Buch wirft eine alte Frage auf, und doch ist alles anders, alles neu. Da ist Anton Praetorius, der im 16. Jahrhundert einen vehementen Kampf gegen die Hexenverfolgungen führt. Doch ist er nicht selbst ein Opfer von Hexerei und Magie? Welche Erkenntnisse nimmt er mit ins Grab? Hat er sich geirrt? Und die Hexen unserer heutigen Zeit? Wir lernen Regina kennen, der die eigenen magischen Kräfte nicht geheuer sind. Ist sie verantwortlich für Unheil, Krankheit und Tod ihrer Mitmenschen? Oder sind die seltsamen Geschehnisse um sie herum nur Schicksal? Über dieses Buch Dieses Buch wirft eine alte Frage auf, und doch ist alles anders, alles neu. Da ist Anton Praetorius, der im 16. Jahrhundert einen vehementen Kampf gegen die Hexenverfolgungen führt. Doch ist er nicht selbst ein Opfer von Hexerei und Magie? Welche Erkenntnisse nimmt er mit ins Grab? Hat er sich geirrt? Und die Hexen unserer heutigen Zeit? Wir lernen Regina kennen, der die eigenen magischen Kräfte nicht geheuer sind. Ist sie verantwortlich für Unheil, Krankheit und Tod ihrer Mitmenschen? Oder sind die seltsamen Geschehnisse um sie herum nur Schicksal? Roswitha Koert Die Hexen von Kamen © 2014 2. Auflage Januar 2011 ©2014 OCM GmbH, Dortmund Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM GmbH, Dortmund Verlag: OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de (http://ocm-verlag.de) Printed in Germany ISBN 978-3-942672-00-9 (Print) ISBN 978-3-942672-31-3 (eBook) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de (http://dnb.d-nb.de). Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt auch für die fotomechanische Vervielfältigung (Fotokopie/Mikrokopie) und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Inhalt Lebensdaten von Anton Praetorius (#uf1e94751-2b57-523a-98df-1ee3a0965abb) Lebensdaten von Regina Mohl (#u1d81c5b9-74e5-5f5c-9fa3-e4683474c36d) Kapitel 1 (#uc7509933-20a0-5c72-b8de-fb9187e8aa22) Kapitel 2 (#u7c6693b1-0066-52e7-94e1-d8dcef5c4c61) Kapitel 3 (#ue469ea2c-9489-59d6-ad03-214111b4139e) Kapitel 4 (#u93511811-6f02-53d8-a8aa-6f1bfbb98968) Kapitel 5 (#ub57485b9-c170-5482-9dd0-19aefc9de909) Kapitel 6 (#ua3db5b24-1d2f-5d6f-8fdb-9389792d448e) Kapitel 7 (#u3a8ac6f4-bf6d-533b-8c45-3bdfe5df1c53) Kapitel 8 (#uefa360f4-f70c-54bc-9d61-85a0d92fa985) Kapitel 9 (#u1ff38e18-4442-5556-b011-5a44bb80a5fd) Kapitel 10 (#u39786297-2904-51e3-8c57-0d5616004195) Kapitel 11 (#u6fea1a71-8e17-564f-95bc-8a3898582934) Kapitel 12 (#u03cfe7dc-eecd-5fc9-87b3-ba57cf486d4e) Kapitel 13 (#ufee50258-9fe9-5335-a3a5-8fa198352a95) Kapitel 14 (#uf792f6e6-5d44-5f70-8aa5-fc879e269e2b) Kapitel 15 (#u478d31b6-4b1d-5229-8e59-91fb0faa5e2f) Kapitel 16 (#u0447c2be-e34a-5334-ba91-f275db56b3a7) Kapitel 17 (#u11c5e514-ba88-57cb-a120-c5aa23cddfdd) Kapitel 18 (#u461adb3f-2088-53b4-ba8f-6dd6cd29f846) Kapitel 19 (#uf08f8c49-a015-5511-9fcf-e24e29f6ee32) Kapitel 20 (#u4c95caee-dfeb-52c9-8791-84e6826004fc) Kapitel 21 (#u34d56e3b-12ef-5700-b3ee-695e669960b3) Kapitel 22 (#u8785c66d-b6bb-550e-8b61-5ff5728224da) Kapitel 23 (#u7a702990-2431-56e0-a8af-e6ede170194f) Kapitel 24 (#u71138ff9-9e36-5c52-aa32-f770cc0c7959) Kapitel 25 (#ue176bc66-de67-5497-9c3f-7a8e9b0437b5) Kapitel 26 (#ud0dfeef9-76e3-5aad-b2c0-77082e1ddc7b) Kapitel 27 (#uf14b65ec-49d6-53f1-b76a-d8fe7d8a5b2b) Kapitel 1 Der Verdacht, dass ich Menschen umbringe, wurde an einem regnerischen Vormittag im März des Jahres 2008 zur Gewissheit. Ich schlug die Zeitung auf, überflog die Schlagzeilen und den politischen Teil um dann, eine Angewohnheit, die ich von meiner Mutter übernommen hatte, die Seite mit den Todesanzeigen aufzuschlagen. Und da stand sie, Tommis Todesanzeige: Ich wusste nicht, woran Tommi gestorben war, ob er einen Unfall gehabt hatte, ob es ein Herzinfarkt war oder eine Krebserkrankung. Manchmal ging so etwas ja ganz schnell, innerhalb weniger Tage … Nur eins wusste ich ganz genau: Ich hatte damit zu tun, ganz sicher! Irgendwie hatten mich diese Zufälle mein ganzes Leben lang begleitet. Es fing in der Schule an, vielleicht sogar schon im Kindergarten, aber daran konnte ich mich nicht mehr so ganz genau erinnern. Aber an das erste Zeugnis umso besser. In der Größe eines Schulheftes, mit einer gelben Kunststoffschutzhülle, gespendet von der Sparkasse der Stadt Kamen. Mein Herz klopfte laut, als es vor mir auf dem Tisch lag. Lesen konnte ich damals noch nicht. Nach dem ersten Halbjahr in der Schule war das auch nicht üblich. „Kurz muss das Wort sein“, hatte meine Mutter gesagt, „dann ist es gut.“ „Kurz muss das Wort sein“, hatte meine Mutter gesagt, „dann ist es gut.“ Das Wort war nicht kurz, im Gegenteil, es war so lang, dass die gestrichelte Linie gar nicht ausreichte. Das Wort war oberhalb der Linie noch weiter geschrieben worden. Als ich meine Mutter am Zaun des Schulhofes erblickte, brach ich in Tränen aus. Heulend drückte ich ihr das gelbe Heft in die Hand. Sie las und schüttelte den Kopf. Da wusste ich, dass ich eine Versagerin war. Erst zu Hause las Mutti mir den Satz vor. Meine Welt brach zusammen. Dass ich nur einen teilweise guten, überwiegend aber wohl nur einen befriedigenden Anfang gemacht haben sollte, war eine Katastrophe. Ich hasste Inge Goll, meine Banknachbarin. Die Angeberin hatte mir das kurze Wort in ihrem Zeugnisheft gezeigt. Die Welt war ungerecht, denn ich war viel fleißiger als die doofe Inge, passte besser auf, meldete mich öfter. Mein Kummer war auch nach den Kartoffelferien noch da. So schnell konnte ich ein Unrecht nicht vergessen. Wer nicht mehr da war, war Inge Goll, meine Nachbarin. „Inge ist krank“, verkündigte Frau Meisig. „Sie wird wohl lange Zeit nicht in die Schule kommen können, deshalb setzt sich Annegret nun mal nach vorne neben Regina.“ Mir war es recht. Annegret hatte auch einen befriedigenden Anfang gemacht, fand das aber nicht so schlimm. Inge sah ich erst viel später wieder. Sie hatte Tuberkulose bekommen, Monate in einer Klinik verbracht und musste das erste Schuljahr wiederholen. Ich habe nie wieder mit ihr gesprochen. Kapitel 2 Anton Praetorius erhob sich, als es zu später Stunde an seine Tür klopfte. „Wer dort?“, rief er verärgert durch den Türspalt, den er vorsorglich mit seinem rechten Fuß verschlossen hielt. Die Zeiten waren im Jahre 1586 nicht so, dass man jedermann hereinlassen sollte. „Mach die Tür auf, Praetorius. Ich bin’s, Johann Bodde!“ Anton ließ den Richter herein und bat ihn, auf dem Holzschemel Platz zu nehmen. Er wollte sich seinen Ärger über die späte Störung nicht anmerken lassen, denn schließlich war Bodde einer der 14 Bürger der Stadt Kamen, die eine Stiftung für die Errichtung einer Lateinschule begründet hatten. Praetorius sollte Rektor dieser Schule werden und „45 Taler pro anno“ bekommen. „Sollte Kamen durch die Obrigkeit oder von selbst zum leidigen Papsttum und dessen verführerischer abgöttischer Lehre zurückkehren, so sollen die Spender oder deren Erben alles zurücknehmen können“ stand in der Stiftungsschrift, die Praetorius erst vor zwei Tagen unterzeichnet hatte. „Was willst du von mir?“, eröffnete Anton das Gespräch, nachdem der Richter keine Anstalten gemacht hatte, den Grund seines Besuches zu nennen. „Meine Frau hat schon wieder ihr Kind verloren, Praetorius.“ Aus Richter Boddes Stimme klang mehr Wut als Trauer. „Und sie ist schuld. Sie hat ihr den Besen in den Weg gestellt, so dass Gesine zu Boden stürzen musste.“ „Redest du von eurer Magd, der Agnes?“ „Sprich ihren Namen nicht aus, Anton. Schon das kann auch für uns den Tod bedeuten. Sie ist eine Hexe, bestimmt, ich weiß es. Ich habe sie gesehen auf dem Werver Feld vor dem Unwetter. Sie hat dort getanzt und seltsame Verrenkungen gemacht. Am Hals hat sie ein scheußliches Feuermal und dünn ist sie wie eine Bohnenstange. Sie hat meine Frau verhext, hat ihren Leib unfruchtbar gemacht.“ „Das redest du dir ein, Johann. Deine Frau hat einen schwachen Unterleib. Das ist der Grund, warum sie keins eurer Kinder austragen kann.“ „Du hast gut lachen. Gerade hat deine Frau dir einen Sohn geschenkt und sicher kommt bald der nächste und noch eine Tochter und so weiter, und so weiter.“ „Versündige dich nicht, Johann. Du weißt genau, dass unser Sohn kränkelnd ist und meine Frau sich gar nicht recht erholen will von den Strapazen der Geburt. Du brauchst auf uns nicht neidisch zu sein.“ „Hast ja Recht, Praetorius. Aber dieser Hexe muss das Handwerk gelegt werden. Als Pfarrer hast du doch Einfluss auf die Kirche, Anton. Sie muss Klage erheben.“ „Du bist doch selbst Richter, Johann. Für eine Anklage brauchst du die Kirche nicht. Oder möchtest du deine Hände in Unschuld waschen? Soll niemand wissen, dass du hinter der Sache steckst? Weil deine Frau ihre Magd so sehr liebt, Johann? Ist es so?“ Anton Praetorius hatte sich ereifert und beugte sich drohend über den zusammengesunkenen Richter. „Ich habe sie brennen sehen, Johann. Halbe Kinder noch, unschuldig wie ein Lamm. Gefoltert mit Daumenschrauben, Peitschen und Stöcken, eingetaucht in eiskaltes Wasser, verbrannt mit in Schwefel getauchten Federn, gebadet in siedendem Kalkwasser haben sie schließlich alles gestanden, was man ihnen vorwarf. Besonders gnädige Richter bewilligten diesen armseligen Kreaturen die Erdrosselung vor dem Tod auf dem Scheiterhaufen. Ich war dabei, Johann.“ Richter Bodde erhob sich. „Also gut, Anton. Du willst mir nicht helfen. Wenn du dabei bleibst, wird Kamen einen anderen Rektor an seiner Lateinschule bekommen. Dafür werde ich sorgen.“ Ohne Gruß verließ Johann Bodde die Behausung des Pfarrers. Kapitel 3 Die kleine Leichenhalle von Prüm war bis auf den letzten Platz besetzt. Auch draußen, vor der Halle, standen noch viele Trauergäste und lauschten den Worten des Pfarrers. Thomas Bergental war ein guter Mensch gewesen, hatte sich aufgeopfert für seine Familie und seine Freunde. Er hatte Gottes Gebote geachtet, war konfirmiert worden, hatte sich kirchlich trauen und seine Kinder taufen lassen. Er war klug und besonnen, hilfsbereit und großmütig gewesen. Eine Mischung aus Albert Einstein und Mutter Teresa. An manchen Stellen der Trauerrede hätte ich beinahe laut aufgelacht. Der Sarg war mit blauen Iris und weißen Gerbera geschmückt. Die Zusammenstellung gefiel mir und ich starrte fasziniert auf das riesige Sarggesteck. „Er hat Blumen so geliebt“, flüsterte mir meine Banknachbarin zu, die sich als „Cousine des Verstorbenen“ vorgestellt hatte. Einen Moment lang dachte ich, dass ich vielleicht auf der falschen Beerdigung sei. Da ich aber Marion und ihre Kinder in der ersten Reihe sitzen sah, hielt ich das für sehr unwahrscheinlich. Endlich beendete der Pastor seine Rede und erhob die Arme, um den Segen zu spenden. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen!“ Die Sargträger eilten herbei, hoben den schweren Sarg mit dem noch schwereren Thomas auf eine Art überdimensionalen Servierwagen und rollten ihn hinaus. Brav in Zweierreihen trottete die Trauergemeinde hinterher bis zur letzten Ruhestätte des lieben Verstorbenen. Der Pastor ließ es sich nicht nehmen, auch hier am offenen Grab noch einige passende Worte zu verkünden. „Asche zu Asche, Staub zu Staub“ hallte es über den Friedhof und ich dachte darüber nach, wie viel Zeit wohl noch vergehen würde, bis ich zu Staub und Asche verfallen würde. Ich warf die weißen Röschen ins Grab, gab Marion und den Kindern die Hand und lächelte höflich, als Marion mir zuraunte: „Du kommst doch auch zum Kaffeetrinken in den Dorfkrug?!“ Ich hatte keine Kaffeekarte, nicht einmal einen Totenbrief bekommen, sondern gehörte zu dem Personenkreis, „der aus Versehen keine Benachrichtigung erhalten hatte“ und von der Todesanzeige in der Zeitung in Kenntnis gesetzt worden war. Ich hasste Beerdigungskaffeetrinken. Und Thomas hatte ich auch gehasst. Kapitel 4 Thomas war an einer Fischgräte erstickt. Ich erfuhr es von Helga, die es von einer Freundin gehört hatte. Dass Thomas Fisch liebte, wusste ich nur zu gut. Ich lächelte, als ich den holprigen Friedhofsweg zurück zum Parkplatz ging. Damals, als wir auf Sylt waren, aß Tommi jeden Tag Fisch. „Nirgends ist er so frisch wie hier“, schwärmte er und versuchte wieder einmal, mich ebenfalls zu einer „Scholle Finkenwerder Art“ zu überreden. Ich war stur geblieben und bestellte ein Rumpsteak medium. Eigentlich hätte ich gern die Scholle oder etwas anderes aus dem Meer probiert, aber schon der Gedanke an Thomas Reaktion „Siehst du, habe ich dir doch gleich gesagt!“, weckte meinen Trotz. Ich wollte ich bleiben, kein „Tommi-Wackel-Dackel-Hündchen“ werden, das gab es schon. Wir wohnten damals in einem kleinen Hotel in Westerland, schön zentral gelegen, nicht ganz so vornehm, denn das hasste ich. Wir waren zum Biikebrennen hergekommen, einem Spektakel, das jedes Jahr im Februar auf Sylt stattfand. Am Morgen des 21. Februars machten wir eine lange Wanderung um den Ellenbogen. Es nieselte etwas, aber wir waren warm angezogen, dicke Pullover und darüber Regenjacken, meine in rot, Tommis in grün. „Du musst es ihr endlich sagen.“ Tommi nickte, aber ich kannte dieses Nicken. Wütend stapfte ich weiter, sammelte ein paar Muscheln auf und einen Stein, den ich für einen Bernstein hielt. Mit Thomas sprach ich nicht mehr. Erst am Abend, als wir uns in alten Jacken auf dem Weg zum Feuer machten, hielt ich das Schweigen nicht mehr aus. „Heute Abend musst du Grünkohl mit Schweinebacke essen, das ist Tradition beim Biikefeuer.“ „Ja, ja, ich weiß, der Gott Wotan soll gnädig gestimmt werden und den Winter vertreiben. Gut, dass ich nicht Wotan bin. Mit Grünkohl könntest du mich nämlich vertreiben, aber nicht gnädig stimmen. Willst du mich vertreiben?“ Thomas zog mich an sich und versuchte, mich zu küssen. „Nein, das will ich nicht. Aber wenn du nicht machst, was ich sage, stoße ich dich ins Biikefeuer und lass dich verbrennen.“ „Du, Hexe!“, schrie Tommi, fasste mich grob beim Nacken und drückte meinen Kopf herunter. In dieser Haltung liefen wir kreischend weiter, immer in Richtung des Feuers, das bereits hoch in den Himmel loderte und ringsum Rauch und Funken versprühte. „Ihr müsst zusammen über das Feuer springen“, riet uns ein vorbeilaufender Seebär, „das schweißt für immer zusammen.“ „Dann wähle ich doch lieber den Feuertod“, rief Tommi und ich lachte eine Spur zu laut. Und dann, in unmittelbarer Nähe des Feuers, spürte ich wieder diese seltsame Aura, ein Gefühl von Angst und Schmerz, das ich kannte. Kannte aus einer anderen, fernen Zeit. Zitternd hielt ich mich an Thomas fest. Einige Tage nach unserer Reise rief Thomas mich an und sagte mit fremder Stimme, dass er es für besser hielte, wenn wir uns eine Weile nicht bla, bla, bla, bla … Da bereute ich zum ersten Mal, ihn nicht ins Biikefeuer gestoßen zu haben. Kapitel 5 Anton Praetorius stieg mit kräftigen Schritten die schmalen Stufen zum Glockenturm hinauf. Hin und wieder stieß er schnaubend die Luft aus seinem Mund. Nicht wegen der Anstrengung, die ihm das Treppensteigen bereitete, sondern wegen der Wut, die in seiner Brust rumorte. Warum waren sie alle so verbohrt? Richter Bodde war ein ehrenwerter Mann, ein überzeugter Protestant, klug und belesen. Wieso glaubte auch er, wie viele andere Kamener Bürger, an Hexen und Zauberer? Für alles wurden diese bedauernswerten Geschöpfe verantwortlich gemacht: für schlechte Ernten, Unwetter, Feuersbrünste, Epidemien und so weiter, und so weiter … Praetorius wusste, dass selbst Luther und Calvin an die Macht von Hexen geglaubt hatten. „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen!“ So zitierten sie das 2. Buch Moses im Alten Testament. „Aber ihr irrt Euch!“, schrie Anton Praetorius laut herunter vom Glockenturm der Pauluskirche zu Kamen. Ein paar Tauben flogen erschrocken davon und Praetorius begann wütend an den Glockensträngen zu ziehen. Hexerei und Zauberei waren Werke des Teufels, nur Gott konnte dies strafen, nicht die Menschen. Gleich würden sie hineinströmen, in die Kirche, würden beten und singen und sich gegenseitig in ihrer Grausamkeit bestärken. Sie würden die Kälte bejammern, die immer mehr zunahm, die das Korn verfaulen ließ, in die Häuser kroch, sie feucht und muffig machte, so dass kein Feuer ihrer Herr wurde. „Merkt ihr nicht, dass die Kälte aus euren Herzen kommt?“ Praetorius schrie sich immer mehr in Wut. Die richtige Stimmung für die Predigt, die er gleich halten würde. Er würde ihnen einheizen, den braven Bürgern Kamens, allesamt grausame Folterknechte, Mörder. Kein Blatt würde er vor den Mund nehmen, auch wenn er nicht Rektor der Lateinschule werden würde, wenn sie ihn verjagen würden aus Kamen. Er würde ihnen den Hexenwahn austreiben und wenn es ihm nicht gelang, würde er weiter ziehen. In einen anderen Ort, wo die Menschen vernünftiger waren, klüger, wo man die Bibel richtig verstand. Während er die Stufen wieder hinab stapfte, tauchte ein Bild aus seiner Kindheit vor seinen Augen auf. Ein niedergebrannter Holzhaufen, aus dem immer noch leichter Rauch aufstieg. In der Mitte ein verkohlter Pfahl, an dem ein unförmiger Klumpen hing, schwarz, stinkend. Erst in der Kontur erkannte man schwach so etwas wie einen Kopf, verkohlt, aufgeplatzt, ein weit aufgerissenes Maul, gelbe Zähne einer Totenfratze. Er hatte sie gekannt, ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Mit lustigen roten Zöpfen, das gern hüpfend durch die Gassen sprang. Das Essen war knapp in ihrem Elternhaus, so war sie leicht gewesen wie eine Feder oder … dünn wie eine Hexe. Kapitel 6 Ich war fünfunddreißig, als ich meiner ganz großen Liebe begegnete. Damals frisch geschieden, mit einem zehnjährigen Sohn, dessen Erziehung mir nicht gerade leicht fiel. Mein Mann war ein Nachbarsjunge gewesen, mit dem ich praktisch aufgewachsen war. Irgendwann hatten wir beide das Gefühl, etwas verpasst zu haben und so beschlossen wir, auseinander zu gehen. Im Guten, ohne das berühmte „Schmutzige-Wäsche-Waschen“. Unsere Anwälte sorgten dafür, dass das nicht ganz so ablief, schließlich wollten sie ja beide etwas an uns verdienen. Aber nach monatelangem Gerangel und Gezerre kam endlich der Gerichtstermin und wir waren wieder frei. Frei für ein anderes Leben, für Abenteuer, für neue Lieben. Wir beeilten uns beide damit. Mein Mann war schon nach einem Vierteljahr wieder verheiratet und ich, wie schon erwähnt, traf meine große Liebe. Dirk war Student, ewiger Student nennt man so etwas wohl. Er studierte Geografie und Tourismus, eine gelungene Kombination, fand ich. Irgendwie klappte es allerdings mit dem Diplom nicht so recht. Ihm fehlte einfach die Zeit, weil er neben dem Studium als Kellner jobben musste. Also zogen wir zusammen. Er sparte dadurch die Miete und ich bestritt unseren gesamten Lebensunterhalt, so dass er die Kellnerei an den Nagel hängen und sich endlich voll und ganz seinem Studium widmen konnte. Es dauerte dann nur noch knapp drei Jahre, bis er seinen Abschluss in der Tasche hatte. Euphorisch von so viel beruflichem Erfolg machte er hochtrabende Zukunftspläne. Er wollte ganz groß ins Touristikgeschäft einsteigen. „Bei meinem akademischen Background bietet sich das an“, erklärte er mir. Als unser Reisebüro allerdings schon nach einem halben Jahr wegen Überschuldung wieder geschlossen werden musste, begann ich, an dem Vorteil eines akademischen Backgrounds zu zweifeln. Aber Dirk hatte bereits neue Pläne geschmiedet. Wir zogen um an die Nordsee und eröffneten in der gesunden Seeluft eine kleine Pension. „Haus Regina“ strahlte es von einem beleuchteten Schild herab und das machte mich richtig stolz. Natürlich musste ich meinen Job als Sekretärin an den Nagel hängen, denn nun hieß es, Frühstück für die Gäste zuzubereiten, Betten zu machen, Zimmer zu putzen und … und … und … Aber es machte mir Spaß. Dirk wirkte als Maître Domo hinreißend und ich kam mit der neuen beruflichen Erfahrung ganz gut klar. Was mir weniger Spaß machte, war die Erkenntnis, dass es viele alleinreisende Damen gab, die es ausgerechnet in unser kleines Nordseedorf zog. Dabei war mir völlig schleierhaft, wie man brennend vor Reise-, Lebens- und Abenteuerlust Norddeich als Urlaubsort wählen konnte, wo doch Mallorca oder Ibiza viel verlockender klangen. An unseren Preisen konnte es jedenfalls nicht liegen, die waren gesalzen genug. Dirk war da ganz anderer Meinung als ich. Er genoss es, weibliche Gäste zu bewirten (was allerdings eher meine Aufgabe war) und zu unterhalten (was er wesentlich besser konnte als ich). „Haus Regina“ florierte. Dirks Gesichtsfarbe nahm eine gesunde Bräune an, während ich zunehmend blasser wurde. Vor Arbeit und vor Eifersucht. Als Dirk sich eines Abends wieder besonders rührend um eine junge Dame aus dem Ruhrgebiet gekümmert hatte, ging ich wütend ins Bett, ohne im Gästeraum die Tische für das Frühstück einzudecken. Heulend zog ich die Bettdecke über meinen Kopf und verfluchte die Schnepfe aus Essen. Wilde Träume verfolgten mich dann, grell geschminkt tanzte ich um ein Feuer herum, immer schneller und schneller wirbelte ich herum, schreiend, stampfend, tobend … War es nur ein Traum oder hatte ich das schon einmal erlebt? „Los, werd wach, du musst Frühstück machen!“ Dirks Stimme weckte mich am frühen Morgen. „Inge muss abreisen, ihre Mutter hatte einen Unfall. Sie hat sich an einem Heizkissen verbrannt, musste in die Klinik. Nun mach schon, ich muss Inge um 9.00 Uhr zum Bahnhof bringen.“ Während Dirk sich Sorgen um Inge und die verbrannte Mutter machte, spürte ich eine wohlige Genugtuung. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, dachte ich. Oder war es schon eine große Sünde gewesen? Egal, jetzt war sie weg. Und falls sie es wagen sollte, sich noch einmal anzumelden, würde sie einen äußerst bedauernden Brief bekommen, dass unsere Pension leider ausgebucht sei. Doch Inge war kein Einzelfall. Ich hatte noch andere Damen zu vertreiben, junge und auch schon etwas ältere, Dirk legte sich da nicht so fest. Meist waren es harmlose Dinge, die die Damen schließlich zur Abreise veranlassten. Mal eine starke Angina, mal ein Angehöriger, der plötzlich in der Heimat dringend Hilfe brauchte. Bei einer Boutique-Besitzerin aus Gelsenkirchen tauchte unerwartet ein Steuerprüfer auf. Da musste sie natürlich sofort heim und nach dem Rechten sehen. Dirk bedauerte das sehr. Nur einmal ging es tragisch aus. Ich habe mich nachher oft gefragt, ob es wirklich so kommen musste. Ich hatte Angelika aus Emmerich gemocht. Normalerweise ging ich nie mit zum Gästeabend, das überließ ich lieber Dirk. Doch diesmal fiel er auf unseren Jubiläumstag, den wir immer für uns allein reserviert hatten. „Ich muss Angelika begleiten zum Gästeabend. Sie ist frisch geschieden, da kann ich sie nicht mutterseelenallein unter fremde Menschen lassen.“ Dirk fiel dabei überhaupt nicht auf, dass er selbst Angelika auch erst vor fünf Tagen kennen gelernt hatte. War er schon kein Fremder mehr? „Okay. Dann geh ich eben mit!“ Ich hatte Dirks Augen gesehen, dieses Feuer kannte ich, ich wollte auf Nummer sicher gehen. „Prima!“, rief Dirk so laut aus, dass ich zusammen-zuckte. „Mach dich aber schick, damit du mit Angelika konkurrieren kannst.“ Es sollte ein Scherz sein, aber dieser Satz traf mich tief. Der Gästeabend war gut besucht. Der Große Saal im Haus des Gastes war bunt geschmückt. „Tanz in den Mai“ hieß das Motto und die Wände waren mit frischen grünen Birkenzweigen dekoriert. Dazwischen leuchteten rote Krepprosen und von den Decken strahlten riesige gelbe Sonnen herunter. Die Band mutete eher bayrisch als ostfriesisch an. Sie spielten nicht besonders gut, dafür aber laut. Ihr Repertoire umfasste die gesamte NDR-1-Hitparade und kam bei den Gästen gut an. Ich fand es von Dirk sehr nett, dass er mich gleich beim ersten Tanz aufforderte. „Weißt du noch, damals, als wir uns kennen gelernt haben?“ „Wie könnte ich das vergessen“, säuselte Dirk. „Du hattest ein blaues Kleid an mit einem tiefen Ausschnitt. Außerdem warst du blond damals.“ Ich verkniff mir eine Korrektur. Das Kleid war grün, die Haare rot. Aber es waren ja viele Männer farbenblind! Trotz der schrägen Töne der Band genoss ich den Tanz mit Dirk. Und das war gut so, denn es sollte der einzige des Abends bleiben. Nach dem Anstandstanz mit seiner Partnerin widmete sich Dirk für den Rest des Abends der einsamen, frisch geschiedenen Angelika. Ich sah, wie er sein Knie unter dem Tisch gegen ihres drückte, als er ihr zuprostete. Der Wein schmeckte mir plötzlich sauer, mit jedem Schluck vermehrte sich meine Magensäure. Sie verätzte nicht nur meinen Magen, sie stieg hoch, sauer, brennend in meine Speiseröhre, verursachte einen bitteren Geschmack in meinem Mund. Ich schluckte, schluckte, schluckte, um zu verhindern, dass Galle aus meinen Mundwinkeln lief. Als Dirk und Angelika auf der Tanzfläche ihren Flirt fortsetzten, bestellte ich mir den ersten Schnaps. „Schluck“ hieß so etwas in Ostfriesland und obwohl ich es nicht gewohnt war, schluckte ich eine ganze Menge davon. Da die beiden meine Anwesenheit offensichtlich völlig vergessen hatten, bemerkten sie meinen Zustand nicht. Erst als ich „nimm dich in Acht, ich bin nämlich eine Hexe“ lallte und Angelika meinen drohenden Zeigefinger unter die Nase hielt, brachte Dirk mich nach Hause. „Wie kannst du dich so betrinken? Was soll Angelika von dir denken?“, schimpfte er mich aus. „Ist mir total egal, die denkt bald gar nichts mehr“, nuschelte ich, während Dirk mir die Treppe zu unserem Schlafzimmer hoch half. Trotz meines Alkoholpegels konnte ich nicht einschlafen, hörte die Tür zuschlagen, als Dirk wieder ging und wollte heulen. Aber es ging nicht. Die Säure in meinem Magen hatte alle Flüssigkeit meines Körpers in sich aufgesogen, für Tränen war nichts mehr da. Ich steckte mir den Finger in den Hals, wollte die Galle und all das Elend in mir herauskotzen. Es funktionierte nicht. Nur ein trockenes Würgen war die Folge und ein grässliches Brennen im Hals. Am nächsten Morgen erwachte ich von einem Martinshorn, dass unbarmherzig in meinen Ohren dröhnte. „Steh auf“, herrschte Dirk mich an. „Mach Frühstück für die anderen Gäste. Ich muss weg. Angelika suchen. Sie ist nicht in ihrem Zimmer. Mein Gott, hoffentlich ist sie nicht ins Watt gelaufen!“ Ich befand mich in einem schrecklichen Zustand. Zu dem galleartigen Geschmack war jetzt auch noch Trockenheit in meinem Mund entstanden. Meine Zunge klebte dick an meinem Gaumen. Mein Kopf dröhnte, ein Schmerz kroch vom Nacken hinauf bis zur Stirn und machte mir das Denken unmöglich. „Wieso Watt. Was macht sie denn im Watt?“ Dirk konnte mich schon nicht mehr hören, er war längst davon gestürmt. Ich ging ins Bad, stellte die Dusche an und ließ mir kaltes Wasser über Kopf und Körper laufen. Vor meinen geschlossenen Augen entstand das Bild einer jungen Frau, die durch knietiefes Wasser watete. Schon bald gingen ihr die Fluten bis zu den Hüften, sie ruderte mit Händen und Füßen und geriet immer mehr in Panik. Sie trieb genau auf ein Priel zu, warf die Arme hoch und schrie und schrie und schrie. Ich stellte die Dusche aus, trocknete mich ab, zog mich an und bereitete das Frühstück für die Gäste. Dirk kam gegen Mittag mit unserem Dorfpolizisten zurück. „Ich muss noch ein Protokoll aufnehmen, Dirk“, hörte ich den Beamten sagen. Ich blieb im Flur stehen, damit die beiden mich nicht sehen konnten. Ich wollte hören, was Dirk zu berichten hatte. „Du bist also um ca. 1.00 Uhr mit ihr nach Hause gegangen, Dirk?“ „Ja, die Band hat bis 0.30 Uhr gespielt, danach haben wir noch etwas getrunken, dann sind wir aufgebrochen.“ „Direkt nach Hause?“ „Nein, wir sind noch etwas spazieren gegangen. Die Luft war ja schon so mild. Gar nicht kalt. Wir sind bis zum Wattenmeer gelaufen. Ich habe es ihr gezeigt, habe auch erklärt, wie gefährlich es ist, dort allein herumzulaufen, wenn die Flut kommt.“ „Wann wart ihr zu Hause?“ „Gegen 2.00 Uhr, genau weiß ich das nicht mehr. Sie ist sofort auf ihr Zimmer gegangen.“ „Vielleicht hat sie sich nur von dir verabschiedet und ist noch einmal allein losgegangen. Vielleicht, weil der Abend so mild war.“ „Nein, sie ist auf ihr Zimmer gegangen. Ich weiß es genau.“ „Du weißt es genau? Warst du dabei?“ „Ehhm, ja, ich war dabei. Aber bitte halt die Klappe. Regina braucht das nicht mitzubekommen.“ „Schon klar, Dirk, mach dir keine Sorgen. Aber irgendwann ist Angelika noch einmal herausgegangen. Hattet ihr vielleicht Streit?“ „Na, ja, sie machte gleich einen auf große Liebe und so. Ich habe ’ne Weile mitgespielt, aber dann wurde es mir zu viel. Ich hab ihr deutlich gesagt, dass nach dem Urlaub alles zu Ende sein muss. Und das Regina nichts erfahren darf.“ „Könntest du dir vorstellen, dass sie absichtlich ins Wattenmeer gelaufen ist, Dirk?“ „Ich weiß es nicht. Sie war eigentlich nicht der Typ für so etwas. Aber man weiß ja nie …“ Ich schlich leise aus dem Flur in die Küche. Dort stand das Frühstücksgeschirr noch herum. Ich begann, es in die Spülmaschine zu räumen und blickte erstaunt auf eine Träne, die aus meinen Augen in eine Kaffeetasse gefallen war. Um wen weinte ich? Um Angelika, um Dirk, um mich? Ich wusste es nicht, aber ich wollte es auch nicht wissen. Angelikas Leiche wurde zwei Tage später auf Norderney angespült. Eine Woche später, als alle gerichtsmedizinischen Untersuchungen und die Obduktion abgeschlossen waren, wurde sie in ihre Heimatstadt Emmerich überführt. Ein Bruder war angereist und begleitete seine tote Schwester im Leichenwagen. Torsten, mein Sohn, war heilfroh, als wir nach Kamen zurückzogen. Er hatte sich in Ostfriesland nie einleben können. Und Dirk hatte er sowieso nicht gemocht. Kapitel 7 „So eine Schweinerei!“ Anton Praetorius stand mit einem Eimer Wasser und einem Putzlumpen vor seinem Haus und betrachtete die Haustür. „Teufelsbuhle“ hatte jemand mit schwarzem Ruß an die Tür geschmiert. Energisch begann der Pfarrer, die Schmiererei mit einem Lappen und Wasser zu bearbeiten. „Warte, ich bringe dir Seife. Nur mit Wasser kannst du dem Ruß nicht zu Leibe rücken.“ Maria reichte ihrem Mann ein großes Stück Seife und nickte ihm zu. „Die ist doch viel zu kostbar, um sie für so eine Schweinerei zu vergeuden.“ „Kostbar oder nicht, Anton, du wirst es anders nicht abbekommen. Und ich will es weg haben. Schon viel zu viele Leute aus Kamen haben es gelesen.“ „Sollen sie es lesen! Ich werde meine Meinung nicht ändern. Und ich werde sie jeden Sonntag laut von der Kanzel aus verkünden. Solange man mich lässt!“ „Anton, ich habe Angst. ,Teufelsbuhle‘ bedeutet, dass du ein Freund der Hexen bist. Sie werden dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen.“ „Das werden sie nicht wagen, Maria. Ich habe einflussreiche Freunde in Kamen. Und wenn es zu gefährlich wird, gehen wir weg von hier, Maria. In Worms hat man mir eine Stelle als lutherischer Diakon angeboten.“ „Dann lass uns nicht zu lange warten. Ein Umzug ist eine große Anstrengung für eine schwangere Frau.“ Anton nahm Maria in die Arme. Er wusste, dass sie Angst um ihr zweites Kind hatte, das im Herbst geboren werden würde. Es ging Maria nicht gut. Häufig hatte sie Blutungen und viel zu früh hatten sich erste Senkwehen eingestellt. „Wir machen es anders, Maria. Wir warten, bis das Kind geboren ist und ziehen nach Worms, sobald es dir und dem Kind wieder gut geht.“ „Hoffentlich ist es dann nicht zu spät, Anton.“ Praetorius stellte scheppernd den Eimer zur Seite und ging ins Haus, ohne seine Arbeit zu beenden. Er mochte die Schwarzmalerei seiner Frau nicht. Immer sah sie von allen Seiten her Unheil nahen. Er war ein Kämpfer und das erwartete er auch von seiner Frau. Wie sollte er gegen Hexenwahn und Zauberei ankämpfen, wenn seine Frau vor Angst fast verging? Heimlich hegte er den Verdacht, dass auch sie an die Existenz der Hexen glaubte. Als kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes sich nicht gleich wieder eine Schwangerschaft einstellte, hatte sie Agnes, die Magd von Richter Bodde, sofort in Verdacht. „Sie hat mich auf dem Markt so seltsam angesehen, Anton, ich habe Angst vor ihr.“ „Unsinn!“, hatte er sie gescholten. Aber Maria mied von dem Tag an die Marktstände, an denen sie Agnes begegnen konnte. Anton war immer noch ganz in Gedanken, als seine Frau hereinkam und in der Holzkiste neben dem Herd zu wühlen begann. „Was suchst du?“, herrschte er sie unfreundlich an. „Die Wurzelbürste. Mit dem Lappen ist es dir ja nicht gelungen, deinen Namen von der Tür zu entfernen.“ Mit der Bürste in der Hand lief sie wieder nach draußen. „Maria“, rief Anton ihr hinterher, „du versündigst dich nicht nur an deinem Mann, sondern auch an Gott, wenn du so etwas sagst.“ Aber Maria schien ihren Mann nicht zu hören. Mit heftigen Bewegungen begann sie, die Rußschmierereien mit der Bürste zu bearbeiten. Anton setzte sich derweil an den großen Holztisch und begann, die Predigt für den kommenden Sonntag vorzubereiten. Allein anhand der Bibel würde er alle Vorwürfe gegen Zauberei und Hexerei widerlegen können. Das Vergebungshandeln Christi musste auch für Angeklagte in Hexenprozessen gelten. Anton blätterte in der Bibel, um nach geeigneten Stellen für seine Thesen zu suchen, als er ein lautes Krachen und gleich darauf einen schrillen Schrei seiner Frau hörte. Er rannte nach draußen und fand Maria wimmernd auf dem Boden vor, beide Hände auf den Bauch gepresst. „Ich bin über den Eimer gestolpert“, heulte sie, als Anton ihr vorsichtig hoch half. Einen Augenblick später erblickte Maria das schmale, dünne Blutrinnsal, das unter ihrem Rock auf den Boden lief. „Nein!“, schrie sie gellend und krallte ihre Finger in Antons Arme. Anton brachte seine Frau ins Haus, legte sie auf das Bett und nahm Mantel und Hut vom Haken. „Ich hole die Hebamme, Maria. Vielleicht kann sie dir helfen.“ Er wartete nicht auf das Kopfschütteln seiner Frau, sondern eilte hinaus. Als er nach kurzer Zeit mit der alten Wilma zurückkehrte, lag seine Frau wimmernd auf dem Bett. Sie hatte sich Kissen und Decken, die in erreichbarer Nähe waren, zwischen die Beine gestopft. Doch alles war bereits mit Blut durchtränkt. „Raus“, herrschte die Hebamme ihn an und er eilte erschrocken zur Tür, um das Weite zu suchen. Hier hatte er nichts mehr verloren. Das ging nur noch die Frauen an. Erst am Abend traute Anton sich wieder nach Hause. Seine Frau lag weiß wie eine Tote im Bett. Alles war wieder sauber und ordentlich. Wilma hatte die Schmutzwäsche bereits in einem großen Zuber eingeweicht. „Sie schläft jetzt. Es geht ihr gut. Sie wird es schaffen. Und ihr beide seid noch jung. Ihr könnt noch viele Kinder haben.“ „Wirklich?“, Anton drückte der alten Wilma die Hand. „Ja, sie kann wieder Kinder bekommen. Aber nicht sofort, hörst du. Lass sie in Ruhe in den nächsten Wochen, sie muss sich erst erholen.“ Anton liefen die Tränen über’s Gesicht, als er sich von Wilma verabschiedete. Wilma schien das nicht sonderlich zu beeindrucken, eher schon der Silbertaler, den Anton ihr für ihre Hilfe gab. Maria wachte erst mitten in der Nacht wieder auf. Anton saß seit Stunden an ihrem Bett und betrachtete das weiße, schmale Gesicht seiner schlafenden Frau. „Es ist tot, Anton. Unser Kind ist tot. Es war ein Mädchen.“ Anton streichelte seine weinende Frau sacht. „Du kannst noch viele Kinder haben, Maria. Wilma hat es mir gesagt. Du brauchst nur etwas Ruhe und Schonung.“ Bei Antons Worten war das Wimmern von Maria wieder lauter geworden. „Die Hexe“, stammelte sie jetzt. „Sie hat mich verhext. Sie ist vorbeigekommen, als ich die Tür abgeschrubbt habe. Ihr böser Blick hat mich getroffen. Deshalb bin ich über den Eimer gestürzt.“ „Du fantasierst Maria. Da war niemand, als ich dich gefunden habe. Du warst ganz allein.“ „Nein, Anton, sie war da. Du musst mir glauben. Agnes war da, sie hat mich verhext.“ „Wir gehen weg von hier, Maria. Sobald du wieder kräftig bist, gehen wir weg von Kamen.“ Anton schüttelte resigniert den Kopf, als seine Frau seine Hand drückte, den Kopf zur Seite legte und gleich darauf wieder eingeschlafen war. Kapitel 8 Gibt es Menschen, die über ihre fünf Sinne hinaus noch etwas anderes wahrnehmen können? Die Gedanken lesen oder in die Zukunft blicken können, die Zugang zu anderen Zeiten oder anderen Welten haben? Ich habe mich oft mit solchen Fragen beschäftigt. Vielleicht deshalb, weil ich etwas in mir spürte, das mit den uns bekannten Sinnen nicht zu erklären war. Ich wusste häufig, was als Nächstes passieren würde. Ich wusste, wer anrief, noch bevor ich den Hörer in die Hand nahm. Nicht immer. Aber oft. Manchmal hatte ich Déjà-vu-Erlebnisse. Da waren diese Momente, die ich schon einmal erlebt hatte. Ein altes Haus, seit Jahren unbewohnt. Ich bin niemals darin gewesen, aber ich wusste, wie die Zimmer aufgeteilt waren. Aus einer anderen Zeit? Aus der Vergangenheit? Ich betrat das Haus mit meinem Vater, der Polier bei einer Baufirma war. Es sollte abgerissen werden, mein Vater sollte den Zustand begutachten. Er nahm mich nur widerwillig mit, aber ich bettelte so lange, bis er ja sagte. „Das ist nicht ungefährlich“, brummte er. „Vielleicht stürzt die Decke ein, da ist jahrelang nichts mehr gemacht worden.“ Stirn runzelnd betrachtete er das rote Backsteingebäude, das auf mich eher anziehend als Furcht einflößend wirkte. Ein Geisterhaus, über dessen Eingangsstufen jahrzehntelang kein Mensch mehr gegangen war – gab es ein größeres Abenteuer? Die Fenster im Untergeschoss waren mit grünen Rollläden verschlossen, im Obergeschoss waren alle mit Holztafeln zugenagelt worden. Unterhalb der Eingangstreppe entdeckte ich eine kleine Tür, die keine Klinke besaß. Der Steinplattenweg, der rund um das Haus verlief, war uneben und buckelig geworden. Baumwurzeln drückten die Platten hoch, Löwenzahn wuchs aus den Ritzen hervor und Efeu schlängelte sich überall entlang bis zur Eingangstreppe. Eine alte Dame übergab uns die Schlüssel. Sie war verwandt mit den Erben, die weder für eine Renovierung noch für den Abbruch Geld locker machen wollten. Wir gingen die Moos bewachsene Steintreppe zur Eingangstür hinauf. Das rostige Eisengeländer an beiden Seiten der Treppe hinterließ eine braune Spur in meinen Handflächen. Das Schloss klemmte und mein Vater musste seine ganze Kraft einsetzen, bis die Tür krachend nachgab. Der muffige Geruch, der uns entgegen schlug, nahm uns fast den Atem. Wir standen in einer alten Diele, dicke Spinnweben waberten durch die Luft, alte Tapeten hingen in Fetzen von den Wänden. Der Holzfußboden war völlig morsch und knirschte bei jedem Schritt. „Um Gottes Willen, geh nur ganz außen“, schrie mein Vater und grabschte nach meiner Hand. „Rechts geht es zur Küche, dahinter liegt die Speisekammer, geradeaus ist das Wohnzimmer, die Schlaf- und Kinderzimmer sind oben“, erklärte ich monoton, ohne zu wissen, woher ich diese Erkenntnisse hatte. Mein Vater geriet in Wut. „Lass diesen Blödsinn“, schrie er mich an, packte mich und stürmte aus dem Haus heraus. Die alte Dame erwartete uns an der Straße und nahm den Schlüssel wieder entgegen. „Ich habe ihre Tochter gehört“, flüsterte sie. „Es ist alles so, wie sie es sagt. Woher kennt das Kind das alte Haus?“ Mein Vater ließ die Frage unbeantwortet. Später erfuhr ich, dass er sich geweigert hat, das Haus noch einmal zu betreten. Der Abrissauftrag ging dann an eine andere Baufirma. Doch die Erben konnten sich nicht einigen, so steht das Geisterhaus heute noch. Auch Menschen, denen ich zum ersten Mal in meinem Leben begegnete, kamen mir seltsam bekannt vor. Woher wusste ich, dass der beleibte Mann, den mein Vater mir als seinen Kollegen vorstellte, am Bein eine Narbe hatte, bevor er sie mir zeigte? „Wilddieb“, beschimpfte ich ihn. Ich wusste, dass er in seine eigene Falle geraten war, auch wenn er eine ganz andere Geschichte über sein entstelltes Bein erzählte. Waren er und ich uns in einer anderen Welt begegnet, einer Parallelwelt? Als Kind lebte ich in vielen Welten. Und alles vermischte sich irgendwie in meinem Kopf. „Du lügst!“, schrie meine Mutter mich an. Doch ich konnte nicht unterscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, Fantasie und Realität, Traum und Wirklichkeit. „Aber ich habe es doch erlebt“, jammerte ich, wenn man mir meine Geschichten nicht glauben wollte. Ich hatte es ja wirklich erlebt, aber vielleicht nicht in diesem Leben, vielleicht nicht in dieser Welt, wer konnte das schon wissen. Mit zunehmendem Alter gelang es mir besser, meine Welten zu ordnen. „Im Mittelalter wärst du als Hexe verbrannt worden“. Mit ihren Warnungen erreichte meine Mutter, dass ich vorsichtig wurde mit Äußerungen und Erzählungen über meine Fähigkeiten, die mir manchmal Angst einjagten. „Du kannst bestimmt hellsehen“, glaubte meine beste Freundin. Sie verlor aber schnell das Interesse an meinen übernatürlichen Kräften, als es mir nicht gelang, das Thema der nächsten Klassenarbeit vorauszusagen. Also fing ich an, meinen Mund zu halten über all die Dinge, die ich spürte und erlebte und die anderen Menschen offensichtlich nicht zugänglich waren. Ich begann, meine Kräfte zu ordnen, zu steuern, für meine Zwecke einzusetzen. Nicht immer gelang es mir. Fast nie konnte ich konkret vorhersehen, wie mein Einfluss sich auswirken würde. Es war mir, als gäbe es eine höhere Instanz, die über mein Anliegen zu entscheiden hatte. Ich stellte den Antrag, ein hohes Gericht entschied. Die Exekutive wurde dann in Form des „normalen“ und „natürlichen“ Schicksals auf Erden tätig. Ich entwickelte selten ein Schuldgefühl. Schließlich hatte ich nur den Antrag gestellt, jemanden auszuschalten oder zu bestrafen. Das Urteil hatte ein anderer gefällt. Doch dann hatte ich Mitte der neunziger Jahre plötzlich den Eindruck, dass alles Übernatürliche aus meinem Leben verschwunden war. Ich lebte allein, mein Sohn war nach dem Abitur ausgezogen und ich hatte meine Arbeit als Sekretärin wieder aufgenommen. Mein Leben lief in geordneten Bahnen, für Übernatürliches gab es irgendwie keinen Platz, auch keinen Anlass mehr. Eine Zeit lang genoss ich diese Ruhe, war glücklich und zufrieden. Doch Einsamkeit und Langeweile sind Feinde von Glück und Zufriedenheit. Und nach einiger Zeit siegten sie über die positiven Gefühle. Ich spürte, dass ich etwas ändern musste in meinem Leben. Ich wollte wieder einen Partner haben. Ich musste wieder einen Partner haben. Das Alleinsein brachte mich um. „Jemand wird dir begegnen“, prophezeite ich mir selbst, aber der Zauber wollte nicht gelingen. Meine Fähigkeiten, Dinge und Geschehnisse zu beeinflussen, waren verschwunden. In meiner Not suchte ich nach Hilfe von außen. Längst waren Parapsychologie und Co. keine verpönte Hexerei mehr wie in meiner Kindheit, sondern ernst zu nehmende Wissenschaften. Auf meiner Arbeitsstelle hatte ich einen Internetzugang. Obwohl privates Surfen streng verboten war, wagte ich den Zugriff auf ein Hexenportal. Hexe Helga versprach mir, durch ein Ritual meine Fähigkeiten wieder zu erwecken. Wir vereinbarten ein Treffen und ich opferte zwei Tage Urlaub, um in die Eifel nach Prüm zu fahren. Das kleine Waldstädtchen mit der schönen alten Basilika aus dem 18. Jahrhundert begrüßte mich mit strahlendem Sonnenschein. Fast 1300 Jahre war es her, dass Pippin der Bucklige, ältester Sohn Karls des Großen nach einer Verschwörung gegen seine Familie in die Abtei Prüm verbannt worden war. Für eine Hexe schien mir dieser Ort wie geschaffen zu sein. Obwohl im zweiten Weltkrieg 80 Prozent der Häuser in Prüm zerstört wurden, war es der Stadt gelungen, ihr historisches, mystisches Flair zu erhalten. Ein hohes steinernes Gedenkkreuz auf dem Kalvarienberg erinnerte an eine Katastrophe vom 15. 07. 1949, als ein unterirdischer Munitionsbunker mit 500 Tonnen Sprengstoff in die Luft flog und zwölf Menschen das Leben kostete, viele Verletzte und Obdachlose hinterließ. Sattgrüne Wälder umrahmten die Stadt, die zum deutsch-belgischen Naturpark gehörte. Helga zeigte mir im Ortsteil Dausfeld ein Jugendlager, das aus zehn beheizbaren Köhlerhütten mit Schlafstellen, Waschräumen, Duschen und Toiletten bestand. „Hier werde ich nächsten Monat ein Hexensabbat veranstalten“, berichtete sie stolz. Helga war mir auf Anhieb sympathisch. Weltoffen, freundlich und attraktiv stand sie mir gegenüber. „Eine Hexe hast du dir wohl anders vorgestellt“, flüsterte sie mir zur Begrüßung zu. „Du kannst Gedanken lesen“, antwortete ich und sie meinte gutgelaunt „Na, klar doch.“ So gab es von Anfang an keine peinlichen Momente zwischen uns. Ich brauchte auch gar nicht viel zu erklären, Helga schien wirklich das meiste zu wissen, zu ahnen oder zu spüren. „Deine Fähigkeiten sind nicht verschwunden, sie schlafen nur etwas“, sagte sie mir am ersten Abend unserer Begegnung. „Wir machen ein Kristall-Ritual“, entschied sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Helga stand auf, ging zu ihrem Fenster und zog schwere dunkelrote Vorhänge zu. Im Dämmerlicht konnte ich sie sehen, ihre Handlungen beobachten. Sie zündete eine Kerze an und stellte sie auf dem niedrigen Tisch ab. Dann nahm sie ein dickes Buch zur Hand, schlug es auf und legte es nach einigem Blättern offen auf den Tisch. Die linke Seite des Buches war mit schwarzer Tinte beschrieben, die rechte Seite zeigte die Abbildung eines alten Mannes, der mit geschlossenen Augen meditierte. Nun legte Helga ein Bild, auf dem ein Pentagramm abgebildet war, direkt neben die Kerze. „Du kennst die Bedeutung?“, fragte sie mich und deutete auf den fünfzackigen Stern. „Feuer, Wasser, Erde, Luft und Äther“, antwortete ich leise. „Ja, das ist die westliche Erklärung der Elemente. Aber bei diesem Stern zeigt eine Zacke nach oben. Er symbolisiert die Verbundenheit des Menschen mit dem Kosmos“, erklärte sie mir. Schließlich stand Helga noch einmal auf, verließ den Raum und kam etwas später mit einem Gegenstand in der Hand wieder, den ich wegen der Dunkelheit im Zimmer zunächst nicht erkennen konnte. Langsam, fast feierlich legte sie ihn auf den Tisch. Jetzt erkannte ich einen Kristallstein, weißgelblich, unscheinbar, wie ein Zuckerkristall unter einem Vergrößerungsglas. „Beantworte alle meine nachfolgenden Fragen wahrheitsgemäß“, ertönte Helgas Stimme dunkel und geheimnisvoll, wie ich sie bisher noch nicht gehört hatte. „Was möchtest du mit diesem Ritual erreichen, Regina?“ Helgas veränderte Stimme verursachte mir eine Gänsehaut. „Ich möchte meine Einsamkeit beenden. Ich möchte wieder einen Partner kennen lernen.“ „Warum kommst du mit diesem Wunsch zu mir, Regina?“ „Meine Fähigkeit, ein solches Treffen herbeizuführen, ist erloschen.“ „Du irrst dich.“ Helga sprach diese Worte langsam und mit Nachdruck aus. Dann verstummte sie für eine ganze Zeit. Ich versuchte, Reaktionen in ihrem Gesicht zu lesen. Doch sie saß bewegungslos mit geschlossenen Augen vor mir und schien völlig in Trance zu sein. Plötzlich ertönte ihre tiefe Stimme wieder. „Ich konzentriere mich auf die positiven Kräfte des Universums und leite meine Gedanken in den Kristall.“ Wie in Zeitlupe nahm Helga den Stein in beide Hände. „Ich spüre, wie die magische Energie in den Kristall hineinströmt. Wenn dein inneres Auge das Leuchten des Steins sehen kann, haben meine Schwingungen den richtigen Weg zu dir gefunden.“ Ich starrte auf Helgas Hände und plötzlich sah ich es. Ein Leuchten, ein wunderbares Licht, nicht grell, sondern warm, sanft, tröstend. „Es ist soweit“, hörte ich Helgas Stimme. „Meine Schwingungen haben dich erreicht. Nun kannst du die Botschaft des Rituals, deine Wünsche, deine Erwartungen, deine Gedanken weiter tragen. Du brauchst Konzentration dazu und es wird dich viel Kraft kosten. Doch dann wirst du ein leichtes Kribbeln spüren und eine wohlige Wärme. Deine Botschaft ist angekommen, deine Wünsche werden sich erfüllen.“ Alles, was Helga ankündigte, traf ein. Am Ende des Rituals waren wir beide so erschöpft, das wir minutenlang schweigend und in uns gesunken im Sessel verharrten. Schließlich stand Helga auf, öffnete die Vorhänge, löschte die Kerze. Für den Rest des Abends und auch am nächsten Tag sprachen wir nicht mehr über das Ritual. „Moderne Hexen leben leider nicht von Luft und Liebe“, erklärte Helga mir bei der Verabschiedung, jetzt wieder mit ihrer fröhlichen, lauten Stimme. Obwohl 500 DM die Haushaltsplanung bei einem Sekretärinnengehalt sprengten, bereute ich die Ausgabe nicht einen Tag. Helga hatte mir meine übersinnlichen Fähigkeiten wieder gegeben. Das war unbezahlbar! Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/roswitha-koert/die-hexen-von-kamen/) на ЛитРес. 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