Hitze, Matsch und Hirsekloß
Hanna Pusch


Ole und Jakob sind Freunde. Aber leider können sie sich nicht sehr oft sehen. Denn Ole wohnt in Deutschland und Jakob als Missionarskind in Kamerun. Was für eine Aufregung, als Ole und seine Familie in den Weihnachtsferien nach Kamerun reisen, um Jakob mit seiner Familie zu besuchen! Hier taucht Ole in eine Welt ein, die ihm völlig fremd ist.

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Es ist ein Urlaub voller Abenteuer – manche sind spannend, andere stimmen Ole eher nachdenklich. Ob er am Ende wieder Lust hat, nach Hause zu fliegen? Das müsst Ihr schon selber lesen!

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Ein Kinderbuch für das Lesealter von 9-12 Jahren








Hanna Pusch




Hitze, Matsch und Hirsekloß


Oles Abenteuer in Kamerun









Zu diesem Buch


Ole und Jakob sind Freunde. Aber leider können sie sich nicht sehr oft sehen. Denn Ole wohnt in Deutschland und Jakob als Missionarskind in Kamerun. Was für eine Aufregung, als Ole und seine Familie in den Weihnachtsferien nach Kamerun reisen, um Jakob mit seiner Familie zu besuchen! Hier taucht Ole in eine Welt ein, die ihm völlig fremd ist.

Es ist ein Urlaub voller Abenteuer – manche sind spannend, andere stimmen Ole eher nachdenklich. Ob er am Ende wieder Lust hat, nach Hause zu fliegen? Das müsst Ihr schon selber lesen!




Über die Autorin


Hanna Pusch ist verheiratet und hat 4 Kinder. Mit EBMinternational waren sie als Familie 10 Jahre lang in Kamerun im Missionsdienst unterwegs. „Oles Abenteuer“ beruhen daher auf wahren Begebenheiten.


Impressum

Dieses Buch als E-Book:

ISBN 978-3-943362-12-1

Dieses Buch in gedruckter Form:

ISBN 978-3-943362-11-4, Bestell-Nummer 588 826

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über www.d-nb.de (http://www.d-nb.de) abrufbar

Lektorat: Marcella Zapp Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagabbildungen: Privat; Andere Andrea Petrlik/Shutterstock.com (http://Petrlik/Shutterstock.com)Satz: Edition Wortschatz, Schwarzenfeld

© 2014 Hanna Pusch

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin

Edition Wortschatz im Neufeld Verlag Schwarzenfeld

www.edition-wortzschatz.de (http://www.edition-wortzschatz.de)


Für Dirk, Matthis, Jannis, Andris und Silas – meine fünf „Herzens-Afrikaner“.

Ohne euch würde es dieses Buch nicht geben!




Inhalt


Zu diesem Buch (#uffa3065c-e3f8-5484-8023-61bf5d7dfe70)

Über die Autorin (#u72c69926-2d25-5cc5-b942-283dc4c3e4ea)

Impressum (#u9c245dac-a41a-55ca-bc9a-6db898d7fc54)

Saanu! (#u3ad875b9-94ac-5c28-a9c7-c53bf3fecba8)

1. Im Flugzeug … (#uc60987c5-89d0-5cf0-943c-dc437b515559)

2. Mein Freund Jakob (#u970dc470-a7ce-5597-b1bc-8949c2beed4d)

3. Es geht los! (#u500393fd-42cc-5737-b443-aa4212fdc39d)

4. Endlich angekommen (#uea807ffb-1fd9-55fc-8366-f132eb59cb3c)

5. Die Baustelle (#u90d85777-f3f8-5e70-b29d-13f3e169c8f3)

6. Ein Schultag im Boukarou (#u660e4350-8b42-55bf-8888-fd2a2d1be17c)

7. Auf dem Markt (#u3dc8b8b9-6096-5d9e-9871-a1521ee2fa2b)

8. Der meisterhafte Schneider (#u6af39185-c3d3-5cb0-8918-1014b080aeeb)

9. Auf ins Dorf (#u7fa920e6-6997-5674-8ae2-4b28e5300b02)

10. Von Schafen und Krokodilen (#u0af4f217-3b64-5316-9b01-2a199b8d111b)

11. Die Graskirche (#ue22f7930-1725-5ef5-b4d7-b966d89231f2)

12. Beim Dorfchef (#u184b0d31-fb18-58c6-a83f-822cf05dd611)

13. Die Mäusejagd (#u2c1c4b58-8d53-5998-be42-e124d2dcf65b)

14. Das Festessen (#u82c6fb8d-282e-5c5e-873d-7781d025080d)

15. Matschfeuer und Knusperstündchen (#uaf19bf5d-bbfd-5b64-9480-e3807a7bd487)

16. Weihnachtsbesuche (#ud837afea-0bd1-5741-9561-e30711fddb95)

17. Ein trauriger Vormittag (#u019096bf-19ea-544d-a9ba-f02ed025f68b)

18. Ein außergewöhnlicher Heiligabend (#u5b172e27-e5e8-5991-b76d-9f6eb4e88488)

19. Es wird gefeiert (#u3ee93c55-fa92-572e-8f93-5d4e238fccc7)

20. Malaria (#u0e3caf49-0a64-5af0-a971-eef6c304a5cf)

21. Wilde Tiere (#u2ccfe7ac-a69e-50a9-a25d-543787cc5cc3)

22. Die unheimliche Tonfigur (#ueef0ed6a-c54f-533b-8bb4-5ba9b94155ca)

23. Abschied (#uf9f52c3b-aee2-54b1-b915-706d2055a4f4)

Rezept für Bouillie (#udc59ef58-f397-53e5-bbe0-5de949e339fc)

Wissenswertes über Kamerun (#uddf498f3-1108-4a62-8e10-50d9e42f380f)







Quelle:http://d-maps.com (http://d-maps.com)




Saanu!





Würdest du gerne einmal nach Afrika fliegen? Möchtest du wissen, wie die Menschen dort leben, was für Tiere es gibt und wie Missionare dort arbeiten?

Dann ist dieses Buch genau das Richtige für dich! Begleite Ole auf eine spannende Reise nach Kamerun, wo er mit seinen Eltern und seiner Schwester eine befreundete Missionarsfamilie besucht. Die Orte, an denen ihr unterwegs sein werdet, gibt es wirklich. Und die Abenteuer, die ihr erleben werdet, sind tatsächlich so oder so ähnlich passiert.

Vielleicht fragst du dich, woher ich das alles so genau weiß?

Mit meinem Mann und unseren vier Jungs habe ich über 10 Jahre in Kamerun gelebt. Wir haben dort eine ganz besondere Zeit verbracht und wir haben so viel Aufregendes erlebt, dass daraus dieses Buch entstanden ist.

Somit wünsche ich dir: „Yotta jam“ – Gute Reise!

Hanna Pusch

1 (#u3ad875b9-94ac-5c28-a9c7-c53bf3fecba8)Das ist Fulfulde und heißt: Grüß dich!




1. Im Flugzeug …


Der Flugzeugmotor dröhnt gleichmäßig. Im Gang zwischen den Sitzen höre ich einen Müllsack rascheln. Von Zeit zu Zeit klappert es, wenn die Stewardess einen Stapel benutzter Plastikbecher hineinwirft. Neben mir bewegt sich Leonie, meine große Schwester. Sie lehnt sich über meinen Sitz herüber und schiebt mich ein bisschen zur Seite. „Ole, lass mich auch mal rausgucken!“, fordert sie mich auf und nun starren wir gemeinsam angestrengt aus dem kleinen Fenster neben mir. Unsere Augen halten Ausschau nach einem Flughafen und einer Landebahn. Doch außer weiten Ebenen, ein paar Hügeln, brauner Erde und dürren Bäumen ist weit und breit nichts zu erkennen.

In der Reihe vor uns sitzen Papa und Mama. Mama ist sehr still. Sie verträgt das Fliegen nicht so gut. Ihr wird immer schlecht. Aber um nichts in der Welt hätte sie zu Hause bleiben wollen.

Dafür redet Papa umso mehr. An seiner Stimme merke ich, dass er ganz schön aufgeregt ist. „Schaut doch mal da unten“, höre ich ihn sagen, „immer wieder kommen so kleine Flecken, die aussehen, als würden dort Leute wohnen. Wie kommen die wohl da hin? Ich kann gar keine richtigen Straßen erkennen.“

„Keine Ahnung“, murmle ich und drücke mir die Nase an der kühlen Scheibe platt.




2. Mein Freund Jakob


Meine Gedanken kehren zurück nach Hause, nach Deutschland. In meinem Zimmer über dem Schreibtisch hängt ein Foto. Ich habe es im letzten Frühjahr von meinem Freund Jakob geschenkt bekommen. Auf dem Bild erkennt man im Hintergrund ein wenig trockene Landschaft. Sie sieht genauso aus wie die Ebene, über die wir gerade mit dem Flugzeug fliegen.

In der Mitte des Fotos liegt ein großer Felsen. Darauf sitzt Jakob mit seiner ganzen Familie: Vorne in der Mitte ist er selber. Rechts daneben sitzt seine kleine Schwester Mia. Sie ist erst zwei Jahre alt und macht gerade ein unwilliges Gesicht. Offensichtlich hatte sie keine Lust, sich fotografieren zu lassen. Links neben Jakob hockt seine Schwester Ina. Sie ist neun, also nur ein Jahr jünger als Jakob. Hinter den drei Kindern sieht man ihre Eltern: Thomas und Kerstin. Am unteren Rand des Fotos steht: „Familie Bäumler, tätig in Maroua, Kamerun“.

Dieser kleine Satz verrät, weshalb ich meinen Freund Jakob nur sehr selten sehen kann. Seine Eltern arbeiten nämlich als Missionare in Kamerun. Kamerun liegt mitten in Afrika. Und weil Jakobs Eltern dort arbeiten, wohnen sie dort auch als ganze Familie.

Alle zwei Jahre reisen sie nach Deutschland, um ihre Verwandten und Freunde zu besuchen. Da meine Eltern schon lange mit Kerstin und Thomas befreundet sind, kamen die Bäumlers im letzten Frühjahr auch zu uns. Das fand ich sehr spannend!

Immer wenn Jakob und ich abends in unseren Betten lagen, fragte ich ihn über Kamerun aus: Welche Tiere es dort gibt und ob er auch zur Schule gehen müsse. Ich war neugierig, was man wohl in Kamerun isst und wie genau das Haus aussieht, in dem er wohnt. Jakob freute sich, mir von seinem Zuhause zu erzählen. Doch irgendwann meinte er: „Du musst uns einfach mal besuchen. Dann kann ich dir alles zeigen!“ Den Vorschlag fand ich wirklich genial! Allerdings hätte ich nie geglaubt, dass er Wirklichkeit werden könnte.

Am Abend, bevor Familie Bäumler weiterreisen wollte, um ihre Verwandten zu besuchen, saßen wir alle zusammen um unseren Esstisch. Papa blickte in die Runde. Dann holte er tief Luft, sah Leonie und mich ganz feierlich an und fragte: „Na ihr zwei, was würdet ihr davon halten, wenn wir die Bäumlers an Weihnachten in Maroua besuchen?“

Für einen Moment war kein Laut zu hören. Ich war einfach sprachlos. Aber dann durchbrach Ina die Stille: „Au ja! Ihr kommt uns besuchen!“ Jakob und ich fielen uns um den Hals und brachen in lautes Jubelgeschrei aus. Alle waren total begeistert! Selbst die kleine Mia lachte laut und hopste auf Kerstins Schoß herum.




3. Es geht los!


So kam es also, dass meine Familie und ich die letzten Monate damit verbrachten, unsere Reise nach Kamerun vorzubereiten. Ich hätte nie gedacht, dass man dafür so viel organisieren muss. Als erstes beantragte Mama einige Tage Schulbefreiung für Leonie und mich. Sie und Papa waren nämlich der Ansicht, dass zwei Wochen Weihnachtsferien viel zu kurz für eine Kamerunreise sind. Als nächstes mussten wir unsere Flüge buchen. Dann bekamen wir verschiedene Impfungen gegen Krankheiten, von denen wir bisher noch nie gehört hatten. Außerdem mussten wir bei der Kameruner Botschaft Visa für uns beantragen. Das ist die Erlaubnis, die wir brauchen, um in Kamerun einreisen zu dürfen.

Gestern Morgen war es dann endlich so weit: Um 5 Uhr machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Ich war ganz schön müde, denn vor lauter Aufregung hatte ich nachts kaum geschlafen. Da es keine direkten Flüge von Deutschland nach Maroua gibt, mussten wir zuerst einmal in die Hauptstadt Jaunde, nach Südkamerun, fliegen. Als wir abends dort ankamen, holten uns Freunde von Kerstin und Thomas ab. Bei ihnen konnten wir übernachten und heute Morgen haben sie uns wieder zum Flughafen gebracht, damit wir weiter nach Nordkamerun fliegen können.

Ich war überrascht, als wir die stickige Wartehalle betraten. Es waren fast nur Afrikaner, die mit uns zusammen nach Maroua reisen wollten. Dunkle Frauen mit weiten, bunten Gewändern fächelten sich mit ihren Flugtickets frische Luft zu. Männer in hellen Anzügen, auf denen Stickereien glänzten, unterhielten sich. Manche von ihnen schienen sich zu kennen und grüßten sich laut über die Köpfe der anderen hinweg. Immer wieder klingelte irgendwo ein Handy. Laut riefen die Besitzer hinein und manche von ihnen fuchtelten dabei wild mit den Händen. Dazwischen standen ein paar Kinder. Einige der Mädchen trugen Kopftücher, bei anderen konnte man kunstvoll geflochtene schwarze Haare sehen. Ein Junge, der einen Kopf größer als ich war, trug einen dunklen Anzug mit Jackett und blank polierten schwarzen Schuhen. Immer wieder musste ich ihn anschauen. Seine Haut war so dunkel!

Zusammen mit diesen vielen fremden Menschen bestiegen wir das Flugzeug, in dem wir jetzt gerade sitzen und das uns nach Maroua bringen soll. So ganz wohl fühle ich mich in ihrer Gegenwart nicht. Sie sind so anders als wir. Und weil sie Französisch sprechen, kann ich sie auch nicht verstehen. Das macht mir ein bisschen Angst.

Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken aufgeschreckt. Aus dem kleinen Lautsprecher über mir ertönt eine Durchsage. Wieder verstehe ich kein Wort. Doch kurz darauf kommt ein Afrikaner in blauer Uniform und kontrolliert mit strengem Blick, ob wir alle angeschnallt sind. Das heißt wohl, dass wir demnächst landen!

„Na, dann haben wir es ja bald geschafft“, seufzt Mama erleichtert.

Im selben Augenblick knufft Leonie mich in die Seite: „Da ist er!“, ruft sie aufgeregt. „Schau nur Ole, da ist der Flughafen!“

Tatsächlich! In weiter Entfernung kann ich die schmale Landebahn erkennen und dahinter ein kleines Gebäude mit einem Turm. „Wow! Wir sind da!“, juble ich. Allerdings wundere ich mich gleich darauf. Weit und breit um den Flughafen herum gibt es nur Gestrüpp und Sand. Müsste hier nicht Maroua sein? Nun ja, irgendwo wird sich die Stadt schon befinden. Das Flugzeug dreht eine große Schleife und setzt zur Landung an.

Ich bin so aufgeregt! Am liebsten würde ich aufspringen und meinen Rucksack aus dem Handgepäckfach holen. Aber das kleine Licht über meinem Sitz erinnert mich daran, dass ich angeschnallt bleiben muss. Mit einem Ruck setzen die Räder des Flugzeugs auf der Landebahn auf. Mein ganzer Körper kribbelt vor Spannung und in meinem Kopf wirbeln die Gedanken wild durcheinander. Unser Afrika-Urlaub beginnt! Ich kann es kaum noch erwarten, hier raus zu kommen.




4. Endlich angekommen


Als das Flugzeug stillsteht, dürfen wir uns abschnallen. Ich versuche mich zu gedulden, bis alle Fluggäste ihre Sachen zusammengesucht haben und in Richtung Ausgang gehen. Sie scheinen es nicht sehr eilig zu haben. Stattdessen unterhalten sie sich lachend über die Sitze hinweg. Dabei blitzen ihre weißen Zähne und ihre dunklen Augen funkeln. Am liebsten würde ich mich an ihnen vorbeidrängeln. Aber mit meinem dicken Rucksack würde ich in dem engen Gang wohl kaum an ihnen vorbeikommen.

Als wir endlich die Tür erreichen, schlägt mir ein heißer Wind entgegen. Es fühlt sich an, als würde mir jemand mit einem Föhn trockene Luft ins Gesicht pusten. Ich muss die Augen zusammenkneifen, weil mich die Sonne blendet. Vorsichtig taste ich nach dem heißen Metallgeländer und steige die Treppe hinunter aufs Rollfeld. Puh, wie warm das hier ist!

Zusammen mit allen anderen Reisenden laufen wir in Richtung Flughafengebäude, um unser Gepäck in Empfang zu nehmen. Wir kommen in einen Wartesaal, in dem sich mit viel Gerumpel ein Gepäckband dreht. Mein Blick fällt wieder auf den dunklen Jungen im schwarzen Anzug. „Der muss ganz schön schwitzen!“, schießt es mir durch den Kopf.

Auf dem Gepäckband poltert es. Ein paar Kartons tauchen auf. „He, da kommt ja schon was!“, rufe ich.

Mama sucht mit den Augen das Band ab: „Hoffentlich ist alles heil angekommen!“

Nach und nach kommt unser Gepäck angefahren. Papa zieht die Koffer vom Band herunter und stapelt sie auf zwei Wagen. Mama ist sichtlich erleichtert, als sie sieht, dass nichts fehlt. „So, nun werden wir mal sehen, ob Thomas schon da ist, um uns abzuholen“, sagt Papa. Er lenkt einen der Wagen in Richtung Ausgang. Ich schiebe die zweite Karre hinter ihm her.

Kaum haben wir eine große Glastür passiert, hören wir eine bekannte Stimme: „Hallo Stefan, Hallo Susanne!“ Mama und Papa drehen sich um. Vor ihnen steht Thomas. Ich habe ihn zuerst gar nicht erkannt. Er trägt eine Hose und ein Oberteil aus buntem afrikanischem Stoff. Um den Kragen herum glänzt eine wunderschöne Stickerei. Er umarmt meine Eltern. Dann wendet er sich an Leonie und mich. „He ihr zwei! Ich freu mich, dass ihr da seid. Und Jakob und Ina erst. Sie fanden es ziemlich doof, dass sie nicht mit zum Flughafen durften. Leider mussten sie heute in der Schule noch eine Klassenarbeit schreiben.“

Auch ich bin ein bisschen enttäuscht. Ich hatte mich so auf Jakob gefreut. Aber Thomas meint, dass die beiden mittlerweile schon auf dem Heimweg seien. Bis wir nach Hause kämen, würden sie sicher schon ganz ungeduldig auf uns warten.

Ein Mann in einer grünen Weste hilft uns, die Gepäckwagen zum Auto zu schieben. Als wir auf den Parkplatz vor dem Flughafen kommen, macht mein Herz einen Sprung. Da steht ein richtiger Geländewagen! Mit so etwas wollte ich schon immer mal fahren! Thomas schließt die hinteren Türen auf und der Mann mit der grünen Weste verstaut unser ganzes Gepäck im Kofferraum. Thomas bedankt sich freundlich und bezahlt ihn für seine Arbeit. Dann ruft er: „Alles einsteigen, bitte!“

Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht klettre ich auf die Rückbank. Der Wagen ist ganz schön hoch. Da muss man sich richtig anstrengen, um überhaupt reinzukommen. Stolz sitze ich auf meinem Platz und ziehe die Tür neben mir zu. Jetzt kann es losgehen!

Während sich die Erwachsenen über unsere weite Reise unterhalten, schauen Leonie und ich wie gebannt aus dem Fenster. Jetzt ist es noch viel interessanter als vom Flugzeug aus. Papa hat mir erklärt, dass in Nordkamerun schon seit drei Monaten Trockenzeit herrscht. Das heißt, dass es seit drei Monaten kein bisschen mehr geregnet hat und es noch sehr lange dauern wird, bevor der nächste Regen kommt. Tatsächlich wirkt alles sehr trocken, aber trotzdem ist die Landschaft unglaublich schön. Die Berge sehen aus, als hätte jemand einen riesigen Eimer mit Felsen ausgekippt. Manche liegen einzeln herum, andere wie Türme aufeinander. Als ich die knorrigen, blattlosen Bäume am Straßenrand sehe, überlege ich, was es wohl bedeutet, dass in den nächsten Monaten kein einziger Tropfen Regen fallen wird. Irgendwie kommt mir das genial vor. Man muss auf jeden Fall nie Angst haben, dass es einem die Grillparty oder die Fahrradtour verregnet. Aber macht man hier überhaupt Grillpartys? Radtouren offenbar schon eher. Unser Auto überholt immer wieder Männer und Frauen auf Fahrrädern. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass sie zum Vergnügen unterwegs sind. Im Gegenteil, manche haben ganz viel Holz auf den Gepäckträger gebunden, andere sind mit großen Kanistern beladen oder haben noch einen Beifahrer auf dem Gepäckträger sitzen.

Da taucht neben uns ein Junge auf. Er fährt ein riesengroßes Fahrrad. Es ist so groß, dass er beim Treten noch nicht mal auf dem Sattel sitzen kann. Wo er damit wohl hin will?

Nach einer Weile kommen wir an ein paar Hütten vorbei. Sie sind viereckig. Ihre Dächer sind mit Gras gedeckt und die Wände scheinen aus Lehm zu sein. Immer stehen einige Hütten etwas näher zusammen und sind durch Lehmmauern miteinander verbunden. Hier sind auch ein paar Leute. Sie sitzen im Schatten auf bunten Matten vor den Häusern. Die Frauen haben Tücher ausgebreitet und in kleinen Stapeln liegen Obst und Gemüse darauf. Thomas erklärt uns, dass das Lebensmittel sind, die sie an Reisende verkaufen.

Und dann ist es endlich so weit: An einer Kreuzung fahren wir an einigen anderen Händlern vorbei, die Obst verkaufen, und schon sehen wir die ersten Häuser von Maroua. Es sind richtige einstöckige Häuser, mit Wellblechen gedeckt, keine Lehmhütten. Ich wundere mich, wie viele Leute hier unterwegs sind! Männer, Frauen und sehr viele Kinder. Manche von ihnen tragen Teller oder Schüsseln mit Sachen auf dem Kopf. Einige von ihnen sind sogar kleiner als ich und gehen ganz allein in diesem Getümmel von Motorrädern, Fahrrädern und Autos über die Straße. Vor uns fährt ein Motorrad mit einer großen Holzkiste auf dem Gepäckträger. Ich merke, wie Leonie neben mir erschaudert. In der Kiste liegt – ich traue meinen Augen kaum – ein geschlachtetes Tier!

„Der fährt sicher zum Markt, um sein Rind zu verkaufen“, sagt Thomas, als er unser Erstaunen bemerkt.

Wenig später erreichen wir eine Brücke. Darunter befindet sich ein breites Flussbett. „Ole, kannst du dir vorstellen, dass der Fluss im August voller Wasser ist?“, fragt mich Thomas sichtlich belustigt. Ich schüttle den Kopf. Beim besten Willen, das kann ich mir absolut nicht vorstellen. Unter der Brücke ist nämlich weit und breit nur Sand zu sehen. Nicht das kleinste Rinnsal kann man erkennen. Stattdessen spielen ein paar Jugendliche dort Fußball.

Nachdem wir unzählige Motorräder überholt haben und an einem großen Markt vorbeigefahren sind, sagt Thomas: „So, jetzt haben wir es geschafft. Da vorne ist die Missionsstation! Dort wohnen wir.“

Er fährt langsamer und biegt schließlich ab. Wir halten vor einem Tor. Ein Mann in einer schwarz-roten Uniform öffnet eine Schranke. Er lacht und winkt uns freundlich zu. Thomas grüßt ihn durch das Fenster. Zu uns gewandt erklärt er: „Das ist unser Wächter! Er kontrolliert ein bisschen, wer hier auf die Station kommt.“

Einen Moment später hält unser Auto vor einem zweistöckigen Haus. Thomas meint schmunzelnd: „Passt auf, es kann sich nur um Sekunden handeln, bis euch das Begrüßungskomitee in Beschlag …“

Noch bevor er seinen Satz beenden kann, kommen Jakob und Ina um die Hausecke geflitzt. „Sie sind da!“, rufen sie und springen vor Begeisterung auf und ab. Allerdings hätte ich mir unter Begrüßungs-Komitee etwas anderes vorgestellt: Die beiden sind von oben bis unten mit Dreck verschmiert. Jakob reißt die Autotür auf und schwingt dabei eine Hacke. Ina wedelt mit einer Schaufel. „He Ole!“, schreit Jakob. „Toll, dass du da bist! Wir bauen eine Lehmhütte. Machst du mit?“

„Jetzt lasst den armen Ole doch erst mal richtig ankommen“, wehrt Thomas ab. Aber Ina grinst mich nur keck an und erwidert: „Er ist doch richtig angekommen, sonst wäre er ja nicht da!“

Ich rutsche vom Autositz nach draußen. Im gleichen Moment öffnet sich die Haustür und Kerstin kommt heraus. Auch sie freut sich riesig uns zu sehen. Sie umarmt erst Mama und Papa und kommt dann auf Leonie und mich zu.

„Hallo ihr zwei! Schön, dass ihr da seid!“, sagt sie und verwuschelt meine blonden Haare. Ich grinse etwas verlegen, denn es ist doch eine ganze Weile her, seit ich Kerstin das letzte Mal gesehen habe. Außerdem trägt sie ein afrikanisches Kleid und ein Kopftuch. Damit sieht sie so anders aus als bei ihrem Besuch in Deutschland.

Plötzlich spüre ich eine kleine krustige Hand in der meinen. Unter einem dunklen, sandigen Lockenkopf grinst mich die kleine Mia an: „Du mitkommen. Bauen groooßes Haus!“

„Ja, Ole“, ruft jetzt auch Jakob ungeduldig, „nun komm doch endlich!“

Kerstin sieht mich prüfend an: „Willst du nicht erst noch was essen? Ich habe eine Kleinigkeit für euch vorbereitet.“

„Wie gut“, höre ich Leonie erleichtert sagen, „die belegten Brote im Flugzeug habe ich einfach nicht runtergekriegt.“

Aber ich schüttle den Kopf. „Ich hab grad keinen Hunger.“

Mama runzelt die Stirn, doch Papa nickt mir aufmunternd zu: „Geh nur! Wir rufen dich dann spätestens zum Abendessen!“

Ich grinse ihn vielsagend an und beeile mich zu verschwinden, bevor Mama noch etwas erwidern kann.




5. Die Baustelle


Mit Mia an der Hand folge ich Jakob und Ina. Als wir in den Garten kommen, entdecke ich zwei afrikanische Kinder, die in einem Loch durch tiefen Matsch waten. Jakob stellt sie vor: „Das hier ist Bouba. Er ist unser Nachbar und wohnt gleich nebenan. Und das ist Yicka. Er ist unser Freund aus der Kinderstunde.“

Die beiden lächeln mich freundlich an. Sie strecken mir ihre matschigen Hände entgegen und ich schüttle sie noch etwas schüchtern, denn ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll. „Sag Bonjour!“, flüstert mir Jakob zu.

Ich stammle verlegen: „Bonjour“, worauf die beiden in schallendes Gelächter ausbrechen und sich mit den Händen auf die Oberschenkel klatschen. Ich bin sauer. Machen die sich etwa lustig über mich?

Aber Jakob lacht auch: „Super Ole! Die freuen sich, dass du ihnen „Hallo“ gesagt hast.“ Dann sagt er etwas zu den beiden auf Französisch. Sie nicken. Yicka zeigt auf mich und sagt: „Ole!“

„Ja“, antworte ich. Da grinst er von einem Ohr zum andern, gibt mir nochmal die Hand und sagt: „Gudden Dag!“ Da müssen wir alle lachen und mein Ärger ist verflogen.

Jakob erklärt mir, dass sie hier vorhin die Erde mit der Hacke gelockert haben. Dann haben sie Wasser dazugegeben und jetzt muss der Matsch mit den Füßen gestampft werden. Er zeigt auf ein weiteres Loch: „Dort haben wir gestern schon gestampft. Der Lehm ist soweit, dass man ihn in die Form füllen kann.“

Ich sehe, wie Ina den Matsch in einen kleinen rechteckigen Holzrahmen füllt und ihn mit der Schaufel festklopft. „Komm, du kannst mir helfen!“, ruft sie mir zu. „Du musst die Form da an der Seite festhalten. Ich halte sie auf der anderen Seite und dann ziehen wir sie langsam nach oben.“

Erstaunt sehe ich, wie ein rechteckiger Lehmstein zurückbleibt. Wow, das ist ja gar nicht so schwer! Ina drückt mir eine Schaufel in die Hand. Vorsichtig ziehe ich meine Sandalen aus und stelle sie an den Rand des Matschlochs. Ich trete einen Schritt vor und merke, wie meine Füße im Lehm versinken. Kleine Steinchen kratzen an meiner Haut. Es kitzelt. Ich bohre meine Schaufel in den Matsch und gemeinsam mit Ina fülle ich die Form.

„Wie viele Steine braucht ihr denn für euer Haus?“, frage ich.

„Och, bestimmt über 200!“, antwortet Jakob, während er wie ein Wilder im Dreck stampft. „Aber wir haben schon 134. Die trocknen da drüben in der Sonne!“

Ich drehe mich um und sehe ein Meer aus braunen Lehmsteinen auf dem sandigen Boden liegen. „Beschwert sich eure Mutter da nicht, wenn ihr den ganzen Garten mit Steinen zupflastert?“.

„Nö. Sie ist ja froh, wenn wir beschäftigt sind. Außerdem haben wir ihr erklärt, dass das halt so ist, wenn man eine Baustelle hat. Da müssen alle ein bisschen leiden, aber hinterher ist es dann umso schöner!“, gibt Ina zurück.

„Wir übernachten wollen in Haus“, klärt Mia mich auf.

Ich sehe sie erstaunt an, aber Jakob meint nur ernst: „Jetzt kommt und arbeitet, sonst werden wir ja nie fertig!“

Ina und ich formen einen Stein nach dem andern. Das macht mir richtig Spaß. Allerdings beginnt mein Magen irgendwann zu knurren. Ein Glück, dass es nicht mehr lange dauert, bis Thomas uns zum Abendessen ruft. Natürlich kann ich mit meinen matschigen Füßen unmöglich am Esstisch erscheinen. Deshalb bringt mich Thomas erst einmal zu der kleinen Wohnung, in der ich mit Mama, Papa und Leonie während unseres Urlaubs wohnen werde.

Bis jetzt habe ich nur den Garten von Bäumlers gesehen, aber nun merke ich, dass die Missionsstation ganz schön groß ist. „Wohnen da überall Leute?“, frage ich Thomas.

„Nicht überall. In der Mitte der Station sind Büros und dort hinten ist die Kirche.“ Er zeigt auf ein großes Gebäude mit einem kleinen Glockenturm davor. „Dort werden wir an Weihnachten in den Gottesdienst gehen.“ Dann zeigt er mit seinem Finger auf das Haus daneben: „Hier wohnt die Familie von Bouba, der euch heute Nachmittag bei den Lehmsteinen geholfen hat. Sein Papa ist der Pastor der Gemeinde hier.“

In diesem Moment tritt ein Mann vor das Haus. Als er Thomas entdeckt, kommt er fröhlich winkend auf uns zu. „Da ist er ja!“, freut sich Thomas. Sie geben sich die Hand und unterhalten sich eine Weile. Ich würde zu gern wissen, über was sie reden, aber ich verstehe nichts, weil sie Französisch sprechen. Auf einmal zeigt Thomas auf mich und der Pastor beugt sich zu mir herunter. Er schaut mir gerade in die Augen, gibt mir die Hand und sagt etwas zu mir. Da mir nichts Besseres einfällt, stammle ich unsicher „Bonjour“, worauf er laut lacht und meine kleine Hand in seiner riesigen Hand unzählige Male schüttelt.

Thomas lacht auch und meint: „Gut gemacht, Ole! Du hast das Herz unseres Pastors schon erobert!“

Ich schaue verlegen zu Boden und bin froh, als Thomas und ich weiter gehen. Wir nähern uns einem langgezogenen Gebäude.

„Da vorne ist eure Wohnung“, sagt Thomas und zeigt auf eine der vielen Türen, die zu dem Haus gehören.

Meine Schritte werden langsamer. „Du, Thomas?“, frage ich leise.

„Was denn, Ole?“

„Ich dachte, dass du der Pastor von der Kirche hier wärst! Mama und Papa haben immer gesagt, dass du in Kamerun als Pastor arbeitest.“

„Ich bin auch tatsächlich Pastor, aber nicht von einer einzigen Kirche. Ich besuche ganz verschiedene Gemeinden und predige in unterschiedlichen Dörfern.“

„Dann haben sie dort also keinen Pastor?“, frage ich irritiert.

„Doch, oft schon. Aber sie möchten trotzdem, dass ich komme.“

Plötzlich bleibt Thomas stehen und sieht mich forschend an. Er hat wohl gemerkt, dass ich noch etwas anderes wissen will. „Na Ole, was willst denn eigentlich wissen?“

Ich druckse ein bisschen herum. Dann sage ich langsam: „Ich habe gedacht, dass du hier in Kamerun arbeitest, weil es sonst keine Pastoren gibt. Aber wenn doch welche da sind, warum müssen du, Kerstin und eure Kinder extra hier sein?“

Thomas ist erstaunt: „Das ist eine ziemlich interessante Frage, Ole. Für mich gibt es vor allem zwei Gründe, warum wir hier in Kamerun sind. Der erste ist, dass Gott mir gesagt hat, dass ich Missionar werden soll. Das heißt, er hat mir den Auftrag gegeben, in ein anderes Land zu gehen, um Menschen von Jesus zu erzählen.“

Nun bekomme ich große Augen. Gott hat mit Thomas geredet?

„Wie hat er dir das denn gesagt?“, frage ich überrascht.

Thomas lächelt: „Er hat es mir gesagt, als ich so alt war wie du. Ich habe keine Stimme aus dem Himmel gehört, aber ich habe es ganz tief in meinem Innern gespürt. Es war so ein Gefühl, das mir gezeigt hat, dass Gott unbedingt möchte, dass ich Missionar werde.“

„Ja und bei Kerstin? Hatte sie als Kind auch so ein Gefühl?“, will ich wissen.

Thomas schüttelt den Kopf. „Nein, Kerstin war schon älter. Als sie gerade ihren Schulabschluss machte, ist sie beim Bibellesen auf verschiedene Verse gestoßen, die ihr gezeigt haben, dass sie Missionarin werden soll.“

„Und deshalb habt ihr geheiratet“, folgere ich daraus.

„Nein, nicht deshalb. Aber es war natürlich praktisch, dass wir beide die gleichen Pläne hatten.“ Thomas schmunzelt.

„Und was ist der zweite Punkt, warum ihr hier seid?“, forsche ich weiter.

„Der zweite Punkt ist der, dass ich es für sehr wichtig halte, mit den Afrikanern zusammenzuarbeiten. Es gibt Dinge, die sie besonders gut können und Dinge, die wir besonders gut können. Wenn wir uns gegenseitig helfen, dann kann die Arbeit viel besser gelingen. Außerdem gehören wir alle zu der großen Familie Gottes. Für Gott gibt es keine Ländergrenzen und er macht auch keine Unterschiede wegen unserer Hautfarbe. Da ist es doch gut, wenn nicht jeder nur bei sich zu Hause sitzt. Dadurch, dass wir hier in Kamerun sind, zeigen wir den Menschen, dass wir alle zusammengehören. Das ist für viele eine Ermutigung.“

Ich nicke.

„So, Ole, jetzt müssen wir uns aber beeilen“, mahnt Thomas, „Kerstin wartet schon mit dem Abendessen auf uns und du hast immer noch nicht geduscht.“

Ich versuche mit Thomas langen Beinen Schritt zu halten, während wir eilig in Richtung Gästewohnung laufen.

Mama hat uns gehört und öffnet die Tür: „Wie siehst du denn aus?!“, ruft sie entsetzt.

Ich sehe an meinen dreckverkrusteten Beinen hinunter. Dann sage ich ganz harmlos: „Ich habe heute etwas Sinnvolles gemacht. Wir haben ein Haus gebaut!“

Mama runzelt die Stirn. Thomas zieht einen rauen, gurkenförmigen Schwamm aus seiner Hosentasche und drückt ihn mir in die Hand. „Das ist ein Luffaschwamm. Die wachsen hier in der Nähe am Fluss. Vielleicht kann er dir in der Dusche etwas behilflich sein.“

Dankbar nehme ich ihn entgegen und drücke mich hastig an Mama vorbei, um mir von Papa möglichst schnell das Badezimmer zeigen zu lassen.

Während ich mich kurze Zeit später unter einem kalten Wasserstrahl abschrubbe, denke ich über mein Gespräch mit Thomas nach. Was würde ich wohl machen, wenn Gott mir zeigen würde, dass ich Missionar werden soll? Und wie würde er mir das wohl zeigen? Durch einen Bibelvers, durch so ein Gefühl oder noch ganz anders?

Ohne eine Antwort auf diese Fragen zu haben, ziehe ich mich an und gehe wenig später mit Mama und Papa zum Abendessen zu Bäumlers.


Das sind wir:

Meine Familie






Familie Bäumler









6. Ein Schultag im Boukarou


Ich schrecke in meinem Bett hoch. Was war das? Da, wieder so ein Knall! Ich sinke auf mein Kissen zurück. Ach, das müssen die Samen der Bäume sein, die neben unserer Wohnung wachsen. Kerstin hatte uns gestern Abend erzählt, dass sie manchmal auf das Wellblechdach fallen. Wir sollten uns dann nicht erschrecken. Nun ja, diese Warnung hat wohl nicht geholfen. Ich habe mich ganz ordentlich erschreckt!

Ein Blick auf meine Armbanduhr verrät mir, dass es schon halb sieben ist. Da werden Jakob und Ina gleich frühstücken. Sie müssen heute nämlich in die Schule. Bei ihnen haben die Ferien noch nicht begonnen. Wenn ich jetzt wach bin, kann ich eigentlich auch mit ihnen zusammen essen. Hunger habe ich auf jeden Fall!

Leise, damit ich Leonie nicht wecke, schlüpfe ich unter meinem Moskitonetz hervor, ziehe mein T-Shirt und eine kurze Hose an und renne zum Haus der Bäumlers. Die Haustür steht bereits offen und durch die Fliegengittertür komme ich direkt in den Flur. Ich bleibe für einen Moment stehen. In der Küche höre ich Jakob und Kerstin diskutieren. „Nein, ich gehe heute nicht in die Schule!“, ruft Jakob.

„Ich bestehe aber darauf, dass du gehst“, erwidert Kerstin.

„Es ist total unfair, dass Ole schon Weihnachtsferien hat und ich noch zur Schule muss. Ich will auch zu Hause bleiben. Ich will an unserem Lehmhaus weiterbauen!“

„Ihr könnt noch den ganzen Nachmittag an eurer Hütte bauen“, sagt Kerstin bestimmt.

Vorsichtig strecke ich den Kopf durch die Küchentür: „Guten Morgen!“

Kerstin und Jakob gucken mich überrascht an. „Guten Morgen, Ole!“

„Ich habe mir gedacht, dass ich vielleicht mit Jakob zusammen in die Schule gehen könnte“, sage ich auf einmal. Hatte ich mir das wirklich überlegt? Dort reden doch alle Französisch. Ich werde überhaupt nichts verstehen. Kerstin sieht mich skeptisch an. Aber Jakob ruft schon: „Jaaa! Das ist eine supergeniale Idee! Du bist echt ein richtiger Freund, Ole!“

Ich merke, dass ich ein bisschen rot werde und wundere mich selber über meine Idee. Kerstin zögert noch einen Moment, aber dann scheint sie einverstanden zu sein: „Na, dann geht mal frühstücken und seht zu, dass ihr fertig werdet. Ich rufe die Direktorin an und warne sie schon einmal vor, dass heute ein Schüler mehr da sein wird!“

Kurze Zeit später sitzen Jakob, Ina und ich im Auto. Ein Mitarbeiter der Missionsstation bringt uns zur Schule. Dort angekommen, muss ich mich zuerst einmal über das sonderbare Schulgebäude wundern. Es ist nämlich nicht nur ein Gebäude, sondern es sind ganz viele. Die meisten davon sind rund und erinnern mit ihrem spitzen Dach an die afrikanischen Lehmhütten. Jakob und Ina nennen sie „Boukarou“.

„Schau, da vorne ist unser Boukarou“, zeigt Jakob mir. „Jeder Boukarou ist ein eigenes Klassenzimmer.“

Als wir Jakobs Klassenzimmer betreten, wundere ich mich schon wieder. Auf der einen Seite stehen fünf Tische und Stühle, die nach links zu einer Tafel zeigen und auf der anderen Seite stehen drei Tische und Stühle die nach rechts zu einer Tafel zeigen. Jakob erklärt: „Guck, das hier ist meine Klasse und da drüben ist die von Ina.“

„Ihr seid beide im selben Klassenzimmer?“, frage ich.

„Ja, wir werden auch von derselben Lehrerin unterrichtet. Unsere Klassen sind so klein, dass sie uns in manchen Fächern alle gemeinsam unterrichtet. Das ist super. Sonst wäre es in meiner Klasse mit nur zwei Schulkameraden ziemlich langweilig.“

Da betritt eine Afrikanerin den Raum. Sie trägt eine Bluse und enge Jeans. Ihre glatten schwarzen Haare hat sie zu einem Zopf geflochten. Das muss die Lehrerin sein. Sie kommt auf mich zu, gibt mir freundlich die Hand und redet mit Jakob auf Französisch. Ich glaube, er stellt mich vor und erzählt, warum ich da bin. Für einen Moment frage ich mich, ob sie mich vielleicht wieder nach Hause schicken wird. Aber dafür sieht sie dann doch zu nett aus.

„Sie sagt, dass du bleiben kannst. Sie wird noch einen Tisch für dich holen und dann kannst du neben mir sitzen“, strahlt Jakob. Genial! Das wäre also geschafft.

Wir rennen mit Ina zusammen nach draußen. Etwas weiter weg spielen ein paar Kinder Fußball. Als wir sie fast erreicht haben, ruft Jakob einem Jungen etwas zu. Dieser unterbricht sein Spiel und kommt zu uns her gelaufen. Leise sagt Jakob zu ihm auf Deutsch: „He Hamid, das hier ist Ole. Er darf heute bei uns in der Schule dabei sein!“ Hamid gibt mir die Hand. „Cool! Jakob hat mir schon viel von dir erzählt.“

Ich starre Hamid an. Seine Haut ist fast so dunkel wie die eines Afrikaners und er hat krause schwarze Haare. Aber er redet so gut Deutsch wie Jakob und ich. „Woher kannst du denn Deutsch?“, frage ich erstaunt.

Hamid lacht und seine weißen Zähne blitzen. „Meine Mama ist Deutsche und mein Papa Kameruner. Wir haben bis vor kurzem noch in München gewohnt.“

Auf einmal legt Jakob den Finger auf den Mund. Wir sehen uns um und hinter uns läuft ein streng aussehender Lehrer vorbei. Jakob flüstert: „Wir dürfen eigentlich kein Deutsch in der Schule reden!“

Noch bevor ich fragen kann warum, rennen Jakob und Hamid in Richtung Fußballplatz.

Leider ertönt schon kurz darauf die Schulglocke. Die Lehrerin wartet vor dem Boukarou auf uns. Wir stellen uns der Größe nach in eine Reihe und gehen nacheinander ins Klassenzimmer. In der ersten Stunde steht Mathe auf dem Stundenplan. Die Lehrerin verteilt Zettel, auf denen Rechenaufgaben stehen und erklärt dann etwas an der Tafel. Als Jakob, Hamid und ihre Klassenkameradin sich über die Blätter beugen und versuchen, die Aufgaben zu lösen, geht sie hinüber zu Inas Klasse und macht dort mit dem Unterricht weiter. Über mir brummt die Klimaanlage. Sie pustet schöne kühle Luft in den Raum. Ich sehe mir ebenfalls die Aufgaben auf dem Zettel an und versuche auch ein bisschen zu rechnen.

In der zweiten Stunde ist Französisch dran. Ein kleines bisschen langweile ich mich schon, aber die Lehrerin hat mir ein paar Geduldspiele gegeben, mit denen ich mich beschäftigen kann. Dann ist endlich Pause. Natürlich laufen wir wieder sofort in Richtung Fußballplatz. Ina kommt auch mit. Sie fragt mich leise: „Na Ole, wie isses?“

„Gar nicht schlecht! Mir gefällt’s.“ Die Türen der anderen Boukarous öffnen sich und es kommen noch mehr Kinder angerannt. Jakob teilt uns in Windeseile in zwei Mannschaften auf und schon beginnen wir zu kicken. Das macht Spaß! Der Ball geht hin und her. Manche von den Jungs sind richtig gut.

Plötzlich gibt es in einer Ecke des Schulhofs ein riesiges Geschrei. Ein paar kleine Mädchen stehen da und zeigen auf den Boden. Immer wieder schreien sie angewidert auf und gehen einen Schritt zurück. Eines ruft auf einmal laut: „Ina, Iiiiiiina!“ Ich sehe, wie Ina zu ihr hinüberläuft. Das Fußballspiel haben wir erst einmal vergessen und wollen natürlich auch wissen, was es dort zu sehen gibt. Als wir zu ihnen stoßen, entdecken wir auf dem Boden eine riesige Kröte. Sie ist wirklich riesig. Jedes Mal, wenn sie mit einem „Platsch“ ein Stück nach vorne springt, weichen die Kinder schreiend einen Schritt zurück. Ina beugt sich nach unten. Sie scheint überhaupt keine Angst vor diesem Vieh zu haben. Sie hebt es mit beiden Händen auf und wieder quieken die Kinder um unser herum.

„Was hast du denn damit vor?“, will Jakob wissen.

„Mal sehn … Vielleicht ein kleines Mitbringsel für Mia? Die liebt Kröten heiß und innig.“ „Mach keinen Quatsch, Ina“, ermahnt sie Jakob. „Gib sie dem Wächter am Tor. Der wird sie frei lassen.“ Aber Ina dreht sich um und läuft mit der fetten Kröte davon.

Die nächste Stunde beginnt. Wir sitzen wieder im Klassenzimmer. Ich habe keine Ahnung, was Ina mit der Kröte gemacht hat. Ja, wo ist Ina überhaupt? Vorsichtig öffnet sich die Tür und da schlüpft sie von draußen herein. In der Hand hat sie einen Eimer, den sie leise neben ihrem Stuhl abstellt. Die Lehrerin hat nichts gemerkt. Oder wollte sie vielleicht nichts merken? Sie erklärt Inas Klasse gerade die Aufgaben für die nächste Stunde. Ich verstehe leider nicht, um was es geht. Als die Lehrerin zu Jakobs Klasse herüberkommt, bleibt sie neben dem Eimer stehen und schaut hinein. Dann sagt sie etwas zu Ina. Die schaut auch hinein und bekommt große Augen. Suchend blickt sie sich um. Irgendetwas scheint nicht in Ordnung zu sein. Da, ein klatschendes Geräusch. Und noch einmal. Wir schauen unter die Tische. Dann haben wir sie entdeckt: Zwischen den Füßen von Inas Klassenkameraden hoppst wieder die fette Kröte. Die Kinder springen schreiend von ihren Stühlen auf. Ina kriecht verzweifelt unter die Tische, um das arme Tier einzufangen. Aber diesmal ist es schneller als sie. Trotz seines dicken Körpers hüpft es eilig zum Schrank und verschwindet darunter. Ina versucht sie hervorzuholen. Aber ihr Arm ist zu kurz. Was nun?

Die Lehrerin sieht ganz schön ernst aus. Sie fordert die Kinder auf, sich wieder auf ihre Stühle zu setzen. Ina lässt den Kopf hängen. Dann nimmt die Lehrerin ihr Buch und setzt den Unterricht fort, als sei nichts gewesen. Langsam beruhigen sich alle. Der Kröte scheint es im Dunkeln unter dem Schrank gut zu gehen. Ab und zu guckt aber doch wieder ein Kind ängstlich in seine Richtung, um sicherzugehen, dass sie nicht hervorkommt.

In der nächsten Pause holt die Lehrerin den Wächter. Er hilft ihr, den Schrank zur Seite zu schieben und Ina muss das Tier einfangen. Sie steckt es zurück in den Eimer und läuft damit nach draußen. Ich mache mir nicht weiter Gedanken darüber, denn in der letzten Stunde haben wir Sport. Obwohl es mittlerweile ganz schön heiß geworden ist, rennen wir über den Sportplatz, machen Dehnübungen und spielen etwas Basketball. Als der Lehrer den Schulschluss bekannt gibt, sind wir ziemlich verschwitzt. Ich habe gehörigen Durst und freue mich auf das Mittagessen bei Kerstin.

Jakob holt noch seinen Schulranzen aus dem Boukarou und dann laufen wir gemeinsam mit Hamid zum Schultor. Aber was ist das? Neben dem Tor im Gebüsch steht ganz unscheinbar der Eimer aus dem Klassenzimmer. Er ist mit einem Brett abgedeckt. Ina schiebt es gerade zur Seite und holt ihre Kröte hervor.

„Was willst du denn jetzt schon wieder damit?“, fragt Jakob genervt.

Ina streckt den Kopf in die Luft: „Ich habe dir doch gesagt, dass ich sie für Mia mit nach Hause nehmen werde!“ und läuft zum Auto.




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