Attempto
Wolfgang Seraphim


Wolfgang Seraphim, mit acht Jahren 1945 aus Schlesien nach Schwaben geflohen und dort in bitterkalter Februarnacht von zwei ihm unbekannten Frauen mit Mutter und Schwester aufgenommen, schildert mit dem Charme eines Lausbuben seine glückliche Kindheit. Er verliert auch auf Flucht und schwieriger Schulzeit nicht seinen von Herzen kommenden Humor.

Ein Leben lang begleitet ihn der Wahlspruch, der über der Neuen Aula seiner Heimatuniversität Tübingen steht: ATTEMPTO, ich wage es. Ohne Numerus Clausus landet er, nach Studienzeit und Tätigkeit als renommierter Internist in eigener Praxis, beim «Komitee Nothilfe» von Rupert Neudeck: Zunächst im November 1979 auf der «Cap Anamur» zur Rettung vietnamesischer Boatpeople, anschließend bei Ogadenflüchtlingen in der Steppe im Norden Somalias. Bis auf den heutigen Tag engagiert er sich, über 80-jährig, damit Flüchtlinge bei uns ein neues Zuhause finden.

Seine Berichte sind immer hart am Geschehen, seine Abenteuer spannend erzählt. Er spart nicht mit Kritik sowohl an bekannten großen Hilfsorganisationen als auch an den eigenen Unzulänglichkeiten. Seine Lebensgeschichte hat er geschrieben für eine junge Generation, die am Beginn von großen politischen, sozialen und klimatischen Veränderungen steht.







Für meine Mutter, die immer an mich geglaubt hat.


Wolfgang Seraphim: Attempto – Abenteuer leben

Copyright by AQUENSIS Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH 2020

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe jeder Art, elektronische Daten, im Internet, auszugsweiser Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsunterlagen aller Art ist verboten.

Fotos: Privatarchiv Christel Neudeck

(S. 226-227, Umschlag, Umschlagklappe hinten), Privatarchiv Wolfgang Seraphim (S. 224-225, Umschlagklappe vorne)

Lektorat: Gereon Wiesehöfer

Satz: Klaus Eichberger

Titelgestaltung: Tania Stuchl, design@stuchl.de (mailto:design@stuchl.de)

ISBN: 978-3-95457-218-2

eISBN: 978-3-95457-221-2

2. Auflage 2020

www.aquensis-verlag.de (http://www.aquensis-verlag.de)




Attempto – Abenteuer leben


Teil einer biografischen Geschichte von

Dr. Wolfgang Seraphim

Mit einem Vorwort von Christel Neudeck









Vorwort von Christel Neudeck


Mein erstes Telefonat mit Wolfgang Seraphim 1979 war einprägend; ich habe es nie vergessen. Nach der ersten Fahrt der Cap Anamur wurde dieses Unternehmen als Kinderkreuzzug dargestellt. Rupert war in Singapur, ich hier zu Hause vor dem Fernseher. Ich erwartete eine Flut von Anrufern, die ihre Spende zurückforderten. Der erste Anrufer hieß Seraphim und sagte, wir sollten uns nicht irritieren lassen, wir sollten weiterarbeiten und er sei dabei. Das erschien mir mit diesem Namen wie eine Botschaft des Himmels.

In den folgenden Jahren wurden Irmela und Wolfgang Seraphim unverzichtbar. Sie stehen für die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ohne die wir in keinem Projekt erfolgreich hätten sein können.

Wolfgang ist keiner, der aufgibt. Nur selten verlassen ihn Humor und Optimismus. Schon als Kind antwortete er seiner Mutter, die ihm drohte, bei so schlechten schulischen Leistungen könne er nur Schweinehirt werden: Können es auch Gänse sein? Er sucht und findet Lösungen für scheinbar unlösbare Fragen. Vielleicht macht es ihm gerade dann Freude, wenn die Lösungen nicht auf der Straße liegen und seine Kreativität gefragt ist?

Albert Schweitzer sprach von der Schlafkrankheit, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele befallen könne: „Wie ihr die geringste Gleichgültigkeit an euch merkt und gewahr werdet, wie ein gewisser Ernst, eine Sehnsucht, eine Begeisterungsfähigkeit in euch abnimmt, dann müsst ihr über euch erschrecken und euch klarwerden, dass das davon kommt, dass eure Seele Schaden gelitten.“ Wolfgang Seraphim ist nicht in der Gefahr, an der Schlafkrankheit der Seele zu leiden.

Ich wünsche seinem Buch Leser, die sich von seinem Inhalt inspirieren und ermutigen lassen.









Inhaltsverzeichnis


1936 (#u9ed96ebf-6e8d-58e0-92be-e78b4c89cd0c)

Des einen Tod – des anderen Leben (#u9ed96ebf-6e8d-58e0-92be-e78b4c89cd0c)

1897 - 1927 (#u17a15956-7d9a-524f-a034-e58eb641ed04)

Woraus der Spross entsprungen – die Wurzeln der Eltern (#u17a15956-7d9a-524f-a034-e58eb641ed04)

1936 - 1945 (#u0a66e012-5db4-41d6-82b6-610e12b0d6bf)

Eine traumhaft schöne Kindheit (#u0a66e012-5db4-41d6-82b6-610e12b0d6bf)

Im Reich des Vaters – Tücken der Haushaltsführung (#u608f0f89-9afe-477c-84b4-2aea7ace6474)

Letzte Jahre in Schlesien (#u5ada9e31-d2a8-4d21-bfde-40bf2f1b1240)

Die Schatten des Krieges (#u2bda5c86-3bd8-46f2-9fad-e34acdb83b29)

1945 (#u881911cf-684e-4934-a954-5f490cf0078b)

Auf der Flucht (#u881911cf-684e-4934-a954-5f490cf0078b)

Willkommen in Schwaben (#ue5dad4aa-42ce-49d9-b483-45bd6c92fb09)

Ferien auf dem Bauernhof (#ua838bfbb-bf98-4cae-854c-2469fe5c7ae7)

1945 - 1947 (#ufaa70ef0-70a4-5c88-838c-bac8f0d11487)

Zur Großmutter nach Esslingen oder Paradies ade – Hunger tut weh (#ufaa70ef0-70a4-5c88-838c-bac8f0d11487)

1947 - 1953 (#u1daaefb9-9350-4036-816b-5a11e6136b69)

Das Gymnasium – Via dolorosa: „Wolfgang ist fleißig, aber dumm“ (#u1daaefb9-9350-4036-816b-5a11e6136b69)

Nach der Währungsreform – was Form gab (#u268e27f5-2114-497f-b30a-43733619ac07)

1953 - 1956 (#uf0ed89c5-deaa-58da-b994-6a401a45f3ae)

Wechsel aufs Wirtschaftsgymnasium – Tor zur Universität (#uf0ed89c5-deaa-58da-b994-6a401a45f3ae)

1956 - 1959 (#u3df2920c-c7e7-4968-8d7d-8bd39666fa4b)

Alma Mater Tubingensis – ein neuer Lebensabschnitt (#u3df2920c-c7e7-4968-8d7d-8bd39666fa4b)

Ein Kessel Buntes – auf dem Weg zum Physikum (#u92f1f0c2-ffd8-4817-bc14-5759836a4035)

Atemlos durch Paris (#u424b85e5-88da-4c22-a716-0025075d0a0f)

1959 - 1960 (#ua72518f8-2202-4ab8-897b-3206c2046abf)

Mens sana in corpore sano – wieviel Chemie braucht der Mensch? (#ua72518f8-2202-4ab8-897b-3206c2046abf)

Tübinger Abgesang – Aufbruch nach Kiel (#u0b18a20a-6a1e-49ff-af6d-a92085c909d1)

Kiel – zwischen Segelboot und Hörsaal (#u62dcf4dc-f4a8-45ef-b83b-b0229fd40192)

Nicht überall, wo Arzt draufsteht, ist Rettung drin (#u4aa25edf-f27f-488e-9eac-ca88e8564d0f)

Ein klinisches Wintersemester (#u70d3925d-437a-4d95-b35e-2cd8589a8b4d)

Irmela – ein Stern wird geboren (#u5438d713-4ed7-4265-8a1f-3abb9d709f7b)

1960 - 1962 (#ud8d064aa-309b-5111-8b5c-6e60dd316cc3)

Vor dem Staatsexamen – Kurztrip nach Wien (#ud8d064aa-309b-5111-8b5c-6e60dd316cc3)

1962 - 1964 (#u508c28c7-e8d2-4f57-8f8d-38ff65eda5ec)

Auf Freiers Füßen – in Bochum (#u508c28c7-e8d2-4f57-8f8d-38ff65eda5ec)

Als Medizinalassistent – Chirurgische Abteilung (#u47270fcd-2849-482f-ad2c-f49a2315367e)

Als Medizinalassistent – Frauenklinik (#ucc13b16f-b02c-417b-8d51-13fd516b00ca)

Von eiskalten Flitterwochen – zum Medizinalassistenten der Inn. Abt. (#ub656a936-8211-4000-abf4-6244470852ca)

1964 - 1968 (#u21ae489b-3482-463c-8658-2d2e29a6fcd7)

In Göppingen zum Facharzt für Innere Medizin mit Teilradiologie (#u21ae489b-3482-463c-8658-2d2e29a6fcd7)

Reisen sind die Heimat des Zufalls (#ub545ca6b-c1cf-4f35-a47c-df85ac570319)

1968 - 1970 (#u172eb83a-e063-4bda-a39e-ab263943255a)

Von Göppingen nach Stuttgart – Tempel der Gastroenterologie (#u172eb83a-e063-4bda-a39e-ab263943255a)

In der Krise: Aller Nächte Sehnsucht – von der Klinik zu eigener Praxis (#ued642660-6fda-4e46-9aef-c6bf4ad32ac1)

1971 - 1978 (#ue396c3b9-aa9b-4183-b1be-f50ae5b3bc24)

Aalen-Wasseralfingen – Einstieg in die eigene Praxis (#ue396c3b9-aa9b-4183-b1be-f50ae5b3bc24)

Die Pharmaindustrie – Fluch und Segen einer mächtigen Institution (#u8f78112b-01bf-4a69-835a-07c5c61f0f9e)

In der Praxis – ein Kessel Buntes (#u24c7ea34-e2bb-44b8-9611-a61a4d2d0622)

1978/1980 (#ua58a38e5-edcb-5c9d-8039-971eeca8f130)

Das Leben im Hamsterrad (#ua58a38e5-edcb-5c9d-8039-971eeca8f130)

1979 (#ud82c478a-0d6e-4062-89c4-728d4ecf3a6c)

Der Flüchtling von einst – auf dem Weg zum Flüchtling der Gegenwart (#ud82c478a-0d6e-4062-89c4-728d4ecf3a6c)

Auf den Planken der „Cap Anamur“ – Kambodscha im Blick (#ua15d9872-7253-420e-8b12-ac75f809a2d4)

Auf der „Cap Anamur“ (#ufe3e8cca-41f2-4529-96f3-676781dddc4c)

Die Helfer im Fadenkreuz nationaler Egoismen (#u204e6bb2-f74a-4a93-a3ea-e329952a291c)

Adieu „Cap Anamur“ – denkwürdiger Empfang im Hyatt Regency Singapur (#u48b44088-6b8b-4777-b6de-79908d4c1241)

Irmelas Rückblick auf Kambodscha (#u0fc8f38f-b857-4d92-a038-05c398460cbe)

1980/1982 (#u37ab12ab-55c2-4012-ab33-09aa21fcee2b)

Zurück in Deutschland – Praxisalltag und Werbung für Neudeck (#u37ab12ab-55c2-4012-ab33-09aa21fcee2b)

Aufbruch zu neuen Ufern – Ogadenflüchtlinge im Norden Somalias (#u07cd82d6-86d7-464f-932a-35f1b18e83e6)

Versuch spiritueller Nachbereitung – das „G“-Thema, eine „no go area“? (#u0046d2ab-5268-4866-8edb-0799cd6d6f37)

Öffentlichkeitsarbeit nach Somalia – Rendezvous mit DIE ZEIT (#u733853d5-f0f7-4f84-880e-b8d019133c64)

Wanderausstellung „Komitee Cap Anamur“ (#u36b8ff93-3fd3-47fc-b5fb-d16a58b8d5fa)

Brunnenbau in Somalia (#uf638c084-f15d-4ba9-bea5-fbe60876cc50)

Unser Somaliaeinsatz und sein Ende (#u56275915-ffe2-4897-abdc-3d4c0bf637d4)

Ausblick: Wie ging es weiter? (#u36ce1d02-2eba-5f62-986f-318481fec8ed)

Epilog (#u8a951585-ef43-568d-8bfb-a46ae84224a5)

Lebenslauf von Wolfgang Seraphim (#u1b076179-907e-502c-8085-71e382dd04f6)

Fotos aus seinem Leben (#u4fdd1350-c066-5252-bfd7-220aa8eed958)


„Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“

Gabriel Garcia Márquez




1936

Des einen Tod – des anderen Leben


„Lasst vergehen, was vergeht! / Es vergeht, um wiederzukehren, / es altert, um sich zu verjüngen, / es trennt sich, um sich inniger zu vereinigen, / es stirbt, um lebendiger zu werden“

(Friedrich Hölderlin)

Auf dem Grab ein Marmorkreuz: Klaus Seraphim, 1931 – 1935. Die Zunge wandert unkontrolliert über die Oberlippe, während die Kindergießkanne letzte Tropfen über verwelktes Grün verblühter Schneeglöckchen verteilt. Überzeugt von der Wichtigkeit der soeben beendeten Arbeit atmet der kleine Junge tief durch, gewinnt wieder Aufmerksamkeit für sein Umfeld. „Wölfchen, nun komm endlich!“ In der Stimme der Mutter mischt sich aufsteigender Ärger mit Ungeduld. Der ungewohnte Ton lässt den dreijährigen Sohn aufhorchen. Mit kräftigem Ruck wendet er sich der Mutter zu. Die kleinen Beinchen wirbeln über den Friedhofsweg, kommen ins Stolpern. Im Fallen bohrt sich die Tülle der Gießkanne in die Stirn und ritzt ein kleines, spiegelverkehrtes L in seine Haut. Er rappelt sich auf, überwindet die letzten Meter und verbirgt den Kopf im Schoß der Mutter, die zutiefst erschrocken den Arm um ihn legt, als könne sie noch nachträglich Schutz gewähren. Nicht auszudenken, wenn die Spitze um wenige Zentimeter den Kopf in Richtung eines Auges getroffen hätte. Doch derlei Überlegungen berühren ihn nicht. Er fühlt die ganze Wärme der Mutterliebe, eingebettet in ein Urvertrauen, in dem er sich geborgen weiß. Er kennt dieses Gefühl seit jenem 10. September 1936, als ihn sein Vater, Landarzt in Schlesien, in der kleinen Kreisstadt Freystadt, nach von ihm selbst durchgeführter Hausentbindung, seiner Frau Lydia in die Arme legte.

Es war die vierte Entbindung der Mutter. Zuvor kam ihr Sohn Ernst-Johann, kurz darauf die Tochter Margarete zur Welt – beides Hausentbindungen des Vaters. Der Dritte, Kläuschen, wurde – warum auch immer – im November 1931 im 14 km entfernten Krankenhaus in Neusalz entbunden. Er starb am 18.2.35 im Krankenhaus in Grünberg an den Folgen einer tuberkulösen Hirnhautentzündung. Für die Eltern war klar: Sie wollten unbedingt wieder ein drittes Kind. Diesem Wunsch – ausgelöst durch den Tod des kleinen Bruders – verdankt Wolfgang sein Leben.

Schon der Eintritt in das irdische Dasein dokumentiert einen vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Eltern, der ihn in seiner Kindheit nur selten verlassen sollte: Artig begrüßt er pünktlich um 7:45 Uhr – 15 Minuten ehe einen Stock tiefer die Sprechstunde des Vaters beginnt – mit kräftigem Schrei das Licht der Welt in den fürsorglichen Armen des Vaters. Zuvor hatte dieser gegen 7:30 Uhr mit sorgenvollem Blick registriert, dass der Sprössling noch keine Eile erkennen ließ, den Sprung aus der Wärme mütterlicher Geborgenheit in die kalte Umwelt zu wagen.

Fast alle Märchen beginnen mit einem traumatischen Ereignis. Der märchenhafte Vorgang einer Geburt macht da keine Ausnahme. Neues Leben beginnt mit dem Verlassen der Komfortzone. Mit der Durchtrennung der Nabelschnur beginnt erstmals, was zukünftig permanent auf uns alle zukommt: das Abschiednehmen. Ein Sich-trennen-Können, auch von Dingen, die uns vertraut und lieb geworden sind. Wenn wir genügend Zeit hatten, klug zu werden, fällt uns der letzte Akkord des Lebens, das Sterben, nicht mehr schwer. Seneca: „Das ganze Leben lang muss man lernen zu leben, das ganze Leben lang muss man lernen zu sterben.“

Dem Vater bleibt noch genügend Zeit für eine eingehende Begutachtung des kleinen Bündels quicklebendigen Lebens vor Beginn seiner Praxis. Bei dem neuen Erdenbürger sitzt alles an der richtigen Stelle und erfüllt somit seine göttliche Ordnung. Mit diesem erfreulichen Befund landet der Junge vom stolzen Vater in den Armen einer glücklichen Mutter.

Dieses Kind Wolfgang, das war ich.




1897 – 1927

Woraus der Spross entsprungen – die Wurzeln der Eltern


Wie sehen die Wurzeln dieser Ordnung aus, in die ich da hineingeboren wurde?

Mein Vater, Hellmut, ist der älteste von drei Brüdern, deren Vater – einer durch Generationen gepflegten Tradition treu geblieben – Jurist war. Der hatte ab 1890 eine angesehene Rechtsanwaltspraxis in Mitau, (russisches Protektorat). Er verwaltete unter anderem das Vermögen großer Rittergutsbesitzer wie den Barrings. Ab 1902 wechselte er nach Königsberg, wiederholte seine juristischen Examina, um seine Söhne davor zu bewahren, bei einer drohenden kriegerischen Auseinandersetzung im russischen Militär gegen Deutschland kämpfen zu müssen. Er muss ein bedeutender Mensch gewesen sein, dieser Großvater. Als er in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts starb, folgten seinem Sarg fünf Tausend Trauergäste – so wenigstens der Bericht einer Königsberger Zeitung. Der Kommentator konnte sich auch nicht verkneifen anzumerken, dass dem Verstorbenen die zahlreichen Lobeshymnen an seinem Grab zutiefst zuwider gewesen wären. Dem Großvater war auf jeden Fall immer ein Kummer, dass ausgerechnet sein ältester Sohn Hellmut keinen Gefallen an der Juristerei fand. Er studierte Medizin, nachdem er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg in Flandern das Sterben an der Front, den Mangel an qualifizierten Ärzten, erlebt hatte. Der Krieg als „Vater aller Dinge“ prägte seinen Berufswunsch, der Krieg beendete sein Leben. Als er 1941 bei Kiew zwei Sanitätern zu Hilfe eilen wollte, die verletzt wimmernd vor Schmerzen im Niemandsland zwischen den Fronten lagen, wurde er von russischen Scharfschützen tödlich getroffen. Er selbst hatte nie eine Waffe auf einen Menschen gerichtet. Er konnte nicht einmal ein Tier erschießen.

Auf zahlreichen Wanderungen, z. B. in den Semesterferien, bewies Hellmut – wohl von der Mutter geerbt – dichterisches Talent. Als ihnen unterwegs das Geld ausgeht, textet er in einem Telegramm an den Vater: „Sie denken arglos wie sie sind, es sorgt der Vater für das Kind.“ In dem Gästebuch einer Jugendherberge an einem masurischen See fand sich ein längeres Gedicht aus seiner Feder mit dem wunderbaren Refrain: „Drum lieber Freund, mach’s wie die Heil’gen, die Heil’gen Drei vom heil’gen See, trink jeden Morgen Schnaps statt Kaffee, trink jeden Abend Wein statt Tee.“ Ein dezenter Hinweis auf das keineswegs alkoholfeindliche Ostpreußen, wo bei Einladungen an geistigen Getränken nicht gespart wurde. Im Hause des Großvaters wurde nach dem obligatorischen Toast „auf das Wohl seiner Majestät des Kaisers“ das Glas erhoben, um „auf Alle, die wir lieben“ anzustoßen.






Wie aus einer anderen Welt, die Herkunft der Mutter. Keineswegs ärmliche, aber doch vergleichsweise bescheidene Verhältnisse, mit Wurzeln auf der Schwäbischen Alb. Da hatten die Tochter der Wirtin vom „Gasthaus zum Rößle“ aus Berghülen und ein Schirrmeister der Ulanen in Ulm zueinander gefunden. Von ihren Ersparnissen erwarben sie im Ruhestand ein schmuckes kleines Reihenhaus mit Garten in Esslingen am Neckar. Sie drängten bei ihrer Tochter auf eine abgeschlossene Berufsausbildung als Hauswirtschaftslehrerin, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in diesem Umfeld bemerkenswert fortschrittlich. Eben typisch schwäbisch, solide, praktisch.

Wie haben diese zwei Welten zueinander gefunden? Mutter und Vater folgten den gemeinsamen jugendbewegten Idealen, wie sie sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im „Wandervogel“ dokumentierte. Dessen geistiger Vater, Johannes Müller, Kristallisationspunkt, um den sich mehr oder weniger Gleichgesinnte scharten. In sogenannten „Nestabenden“ philosophierten sie über Gott und die Welt, pflegten das Volkslied mit der Klampfe, den Volkstanz in der Tracht. Unternahmen über Wochenende oder Ferien gemeinsame Wanderungen mit Lagerfeuer und spartanisch-einfachen Hüttenübernachtungen. Einem on dit zufolge ging es dabei gemäß dem strengen Codex des „Wandervogels“ sehr gesittet zu.

Es war ein Wandervogeltreffen Anfang der zwanziger Jahre in Stuttgart, das die Eltern erstmals zusammen brachte. Pikanterweise verliebten sich alle drei Brüder in das Mädchen vom Lande. Bisher noch ohne festen Freund, von amourösen Abenteuern ganz zu schweigen, ereilte sie so viel geballte Zuwendung recht unvermittelt. Die drei Verehrer wurden gemeinsam in das elterliche Domizil eingeladen, auf dass der Ratlosigkeit der Unschuld vom Lande Abhilfe zuteilwerde. Für sie entwickelte sich Hellmut, der älteste und Mediziner, zum Favoriten, vor dem Juristen und dem Historiker. Praktischerweise wurde sie mit ihrer Wahl von der Mutter bestärkt, die sich für ihre Tochter „auch nur den Hellmut“ vorstellen mochte. Roma locuta, causa finita!

Hellmut steuerte zu dieser Zeit, noch im Stocherkahn seine Hausbesuche absolvierend, über die idyllische Seenplatte von Masuren. Seine Entlohnung, bei der nicht mit Reichtümern gesegneten Landbevölkerung meist in Naturalien gewährt, ließ die Zusammenstellung des täglichen Speiseplans leichter bewerkstelligen als die Bereitstellung der morgendlichen Kleiderordnung. Er löste die Verlobung mit einer schwarzhaarigen ostpreußischen Schönheit, heiratete seine Lydia – Kosename Lylein – und entschied sich für eine Existenzgründung als niedergelassener Landarzt im niederschlesischen Freystadt. Diese verträumte kleine Kreisstadt mit noch nicht einmal siebentausend Einwohnern, war nicht mit besonderen Attraktionen gesegnet. Auch wenn es über altes Gemäuer verfügte, das sich Schloss und Kloster nannte. Aber es barg in seinen Mauern immerhin eine Schule, ein Kino, eine Apotheke, Konditorei und Friseur. Gesellschaftlich tonangebend waren in dieser kleinstädtischen Idylle ein Regierungsrat vom Landratsamt, ein Zahnarzt, Apotheker und Schulrektor Wehner, der sich gemeinsam mit dem Landarzt Seraphim eine Doppelhaushälfte in der weder gepflasterten noch geteerten Hessestraße teilte.





1936 – 1945

Eine traumhaft schöne Kindheit


„Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was drin war. Aber ein ganzes Leben rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln, wie er will.“

(Heimito von Doderer)

Es war eine goldene Kindheit, in die ich mit meinen Geschwistern hineingeboren wurde. Fern und noch nicht zu erkennen die dunklen Wolken, die am Himmel der Geschichte aufziehen sollten. Keimzelle dieser Kindheit die stets gegenwärtige elterliche Fürsorge mit allen nur erdenklichen Freiräumen. Schwerpunktmäßig angesiedelt zwischen der Spielstraße vor dem elterlichen Haus und dem dahinter gelegenen traumhaft schönen Garten. Er bot Platz für ein wahres Blumenmeer, in das man von einer oft als Frühstücksterrasse genutzten Fläche nach mehreren Stufen eintauchen konnte. Über die Treppe wölbte sich girlandenförmig eine Rabatte aus weißen und roten Rosen – würdiger Einstieg in ein Paradies aus Rittersporn, Flox, tränenden Herzen, Glockenblumen, edlen Rosen und einer Fliederlaube. Sie wurde, vorwiegend an Feiertagen, zur festlich eingedeckten Kaffeetafel am Nachmittag genutzt. Hochwüchsige Gräser lockerten die Gesamtansicht auf und gaben dem Garten eine zusätzlich edle Note. Auch ein kleiner Kräutergarten für die eigene Küche durfte nicht fehlen. Daneben, auf kleinem Areal, Platz für ein Beet, auf dem die Kinder spielerisch lernen konnten, dass der täglich reich gedeckte Tisch kein Resultat schlaraffenland-ähnlicher Verhältnisse, sondern Frucht kontinuierlicher Arbeit war.

Gut in Erinnerung ein Beet mit Zuckerschoten, das ich zu Kurzausflügen zwecks kleiner Zwischenmahlzeit aufsuchte. Obendrein genutzt als kleine grüne Oase, hinter der ich mich gerne versteckte, um die suchende Mutter zu necken.

Traumhaft die zahlreichen Obstbäume – Äpfel, Birnen, Kirschen, Pfirsiche, Pflaumen, Renekloden. Deren Äste mussten oft gestützt werden, um sie unter der Last ihrer Früchte vor dem Abbruch zu bewahren. Eine Hängematte schaukelte zwischen zwei Sauerkirschbäumen. Neben dieser Obstbaum-Idylle ein gemauertes Planschbecken, dem sich ein großer Sandhaufen anschloss. Diese Kombination animierte nicht nur zur Konstruktion stolzer Sandburgen und vielfältiger sandgeformter Konditoreiwaren. Noch aus früherer Bauzeit übrig gebliebene Tonröhren eigneten sich prächtig zur Durchleitung eines Wasserlaufes mitten durch den Sandhaufen. Auf anschließendem Rasenplatz konnte man sich müde toben – mit und ohne Ball. Zum Beispiel nach dem Abendbrot beim Spiel „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?“, ehe es hieß: Fertig machen zum Schlafengehen!

Wen wundert es, dass sich hier, wann immer es die Witterung zuließ, alle Kinder aus der Nachbarschaft einfanden? Zumal die Mutter zur Halbzeit zwischen Frühstück und Mittagessen mit einer großen Schüssel mundgerecht zugeschnittener Obststücke und belegten Broten aufkreuzte. Früher einmal vor dem Essen von der Mutter angeordnete Reinigungsprozeduren wurden vom Vater mit der lakonischen Bemerkung: „Lass mal, Dreck reinigt den Magen“ zur Freude der Kinder stark eingeschränkt. Das war zwar pädagogisch im Sinne von Pestalozzi sicher nicht sehr glücklich, hob aber bei der Kinderschar das Ansehen des väterlichen Arztes ganz ungemein. Dabei sei dahingestellt, wie tragfähig unter medizinischem Aspekt diese Aussage zu bewerten ist. Ganz sicher verbirgt sich hinter dieser großzügigen Auslegung der Reinlichkeit aber, als nicht zu unterschätzender Nebeneffekt, eine Stärkung des Autoimmunsystems. Ein Begriff, den es damals noch nicht gab und von dessen Existenz im menschlichen Organismus vermutlich der eine oder andere Naturwissenschaftler höchstens etwas ahnte.

In diesem fast täglich stattfindenden Kindergarten gab es keinerlei soziale Tabus. Neben Rosel, der Tochter des Rektors, kamen unter anderem die Neumeier-Kinder aus dem mehrstöckigen Reihenhaus, in dem sie in drangvoller Enge zusammen lebten. Noch gut in Erinnerung die mit ihnen geführten heftigen Diskussionen um die schwerwiegende Frage, ob es einen Osterhasen oder Weihnachtsmann gibt. Salomonisch einigte man sich dahingehend, dass sie diese nicht kennen, weil er nicht zu ihnen kommt. Für kindliche Logik ausreichend schlüssig. Für den Pädagogen eine Bestätigung der sattsam bekannten Tatsache, dass Kinder ärmerer Bevölkerungsschichten entwicklungsmäßig weiter sind als Gleichaltrige aus begüterten Familien.

Nachdem die Mutter die Zeit für gekommen hielt, größere Geschäfte von der Windel in den Topf zu verlagern, starteten meine ersten „Thronbesteigungen“. Allzu viel Mühe war dabei nicht vonnöten. Schließlich wurde jedes im Topf vorzeigbare Resultat, neben Ausrufen der Begeisterung und des Lobes seitens der Mutter, zusätzlich mit einem Stückchen Schokolade belohnt. Letzteres führte schon nach wenigen Tagen dazu, listigerweise die geruchsintensiveren Produkte in kleinste Einheiten zu portionieren. Jeweils in froher Erwartung: Stück für Stück ein Stückchen Schokolade. Leider zeigte sich aber schon nach kurzer Zeit, dass eine derartige Konditionierung auf Dauer keine Aussicht auf Bestand hatte.

Eine enge Freundschaft entwickelte sich zu Armin Winkler, dem Sohn eines Schrankenwärters der Reichsbahn. Zu den markanten äußeren Kennzeichen von Armin gehörte eine stets laufende Nase. Deren auf der Oberlippe unübersehbar dokumentierte Spuren wurden von den Geschwistern belustigt als „Positionslaternen“ apostrophiert. Armin war ungemein gutmütig, gelegentlich hart an der Grenze zur Einfalt. Nach einer sonntagnachmittäglichen Kaffeetafel kam eines der Kinder auf die Idee, Armin, mit einem großen blühenden Fliederzweig versehen, nach Hause zu schicken, damit ihm seine Mutter aus dem daraus zu gewinnenden Honig ein Butterbrot bestreicht. Kinder können schon recht gemein sein … Jahrzehnte später saß Armin völlig überraschend unangemeldet vor meinem Schreibtisch in meiner Praxis. Er hatte zufällig im Vorbeifahren auf einem Schild den ihm aus der Kindheit vertrauten Namen gelesen. Ausstaffiert mit todschickem Anzug und dazu passender Krawatte, von Beruf Lehrer für Griechisch und Latein in einem altsprachlichen Gymnasium. Was für eine Freude, was für eine Überraschung! Erfolgreiche Propheten warten die Entwicklung der Ereignisse ab …






Es gab auch Ausflüge aus dem Freystädter Paradies. Im Sommer fuhr man zum Großvater nach Königsberg, präziser: zu seiner Residenz in Cranz, einem mondänen Badeort vor den Toren der Stadt. Ort wunderbarer Ferien für uns Kinder und Eltern in traumhaft schöner Umgebung. Auf dem Grundstück am Strand stand eine Verkaufsbude, die von einer reizenden jungen Dame, von den Kindern „Limonaden-Fräulein“ getauft, betrieben wurde. Onkel Viktor, ein hoch dekorierter Offizier, der im Ersten Weltkrieg mit seinem Doppeldecker mehrfach abgeschossen worden war, aber stets überlebte, war uns ob seiner Spendierfreudigkeit besonders ans Herz gewachsen. Er beauftragte das „Limonaden-Fräulein“, alle Wünsche zu erfüllen, was mir in schöner Regelmäßigkeit bei jedem Besuch in Cranz am ersten Tag eine limonaden-bedingte Revolte des Magen-Darmtraktes bescherte. Auch anderweitig entpuppte sich für mich ein wahres Paradies, das zu den unterschiedlichsten Entdeckungsreisen animierte. Auf dem weitläufigen Grundstück der Großeltern stand auch ein kleines Häuschen, das eine stramme Maid in den besten Jahren bewohnte, um bei allen anfallenden gröberen Arbeiten zur Hand zu gehen. An einem frühen Sommermorgen führte mein Weg an eben diesem Häuschen vorbei, dessen Türe einen Spalt offen stand. Gebannt starrte ich durch diesen Spalt auf das, was sich dem unschuldigen Kinderauge offenbarte: die rückwärtige Partie jener dort residierenden Schönheit, die nackt und bloß, wie Gott sie schuf, mit ihrer Morgentoilette beschäftigt war. Schon damals kein Freund von halben Sachen überwog die Neugier nach der dazugehörigen Vorderansicht die Furcht vor den mit der Erkenntnis eventuell verbundenen Gefahren. Auf Zehenspitzen schlich ich durch den leicht geöffneten Spalt auf das Objekt meiner Begierde zu, ohne zunächst entdeckt zu werden. Mutig hob ich die kleine Hand, stellte mich auf die Zehenspitzen und bohrte den Zeigefinger behutsam in die mir zunächst gelegene Pobacke der Dame. Nicht ohne mit schüchterner Stimme zu fragen: „Darf ich mal anfassen?“ Das Resultat der Recherche war umwerfend: Mit spitzem Schrei des Entsetzens drehte sich die junge Frau einmal um ihre eigene Achse. Ich trat nach kurzer Schrecksekunde übereilt die Flucht nach hinten an, wobei ich, in Unkenntnis der örtlichen Gegebenheiten, in einen schräg hinter mir stehenden Wassereimer plumpste. Für Sekunden starrten wir uns beide wie elektrisiert an. Langsam wich das Entsetzen des weiblichen Gegenübers einem befreienden Glucksen, das nahtlos in schallendes Gelächter überging. Instinktiv ahnte der kleine Entdeckungsreisende, dass damit wohl der gefährlichste Teil seines Abenteuers glücklich überstanden war. Dankbar ließ ich mich von zarter Hand aus etwas misslicher Situation, weil sehr beengt und feucht, befreien. Dabei die Gelegenheit nutzend, den ursprünglichen Ausgangspunkt meiner Forschungsreise betrachtend nachzuholen. So sehr ich mir auch in späteren Zeiten gelegentlich den Kopf zermarterte: ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, ob die gewonnenen Einblicke – genauer gesagt der Anblick – eingedenk des Schreckens, denn auch der Mühe wert gewesen waren …

Immerhin durfte ich das nach vielen Jahren einmal selbstbewusst unter der Rubrik „Früheste Einblicke und Erkenntnisse in die Anatomie am Lebenden“ subsumieren. Schließlich ein durchaus ernst zu nehmendes Unterrichtsfach jeder vorklinischen Ausbildung eines Mediziners.

Auf einer Erkundungstour entlang des Strandes stieß ich auf eine prächtig mit Muscheln verzierte Sandburg, in die ich mir mutig Eintritt verschaffte. Bereits von außen erspäht, taten sich deren Bewohner an einer großen Schüssel mit herrlichen Brombeeren gütlich. Die Mutter hatte ihrem Sohn, quasi mit der Muttermilch, schon die elementaren Regeln kommunistischen Wohlverhaltens eingetrichtert. Auf den in dieser speziellen Situation zugeschnittenen Fall bedeutete dies: Was dein ist, ist auch mein. So sahen sich die Bewohner dieser stolzen Burg plötzlich mit zweierlei konfrontiert: erstens einem zusätzlichen Esser, zweitens einem Vielfraß, der sich, in dieser ihm sehr entgegenkommenden Konstellation, häuslich einzurichten wusste. Mit langsam einsetzender Dämmerung begannen sich die gastfreundlichen, neu gewonnenen Bekannten aber auch dahingehend Gedanken zu machen, dass ihre nicht ganz freiwillige Neuerwerbung noch irgendwo ein zweites Zuhause haben muss. Nach dieser Heimstätte befragt, drehte sich der kleine Mann kapriziös mit weit ausholender Armbewegung einmal um die eigene Achse und verkündete freudestrahlend: „Da wohnt meine Mutti!“

Eben diese Mutti war mittlerweile seit über einer Stunde verzweifelt auf der Suche nach ihrem abhanden gekommenen Sprössling. Wie dieser viele Jahre später erfuhr, war seine Großmutter nach dreiviertelstündiger ergebnisloser Suche fest davon überzeugt: „Den Jungchen hat sich das Meer geholt!“ Dass sie mit dieser Einschätzung keineswegs hinter dem Berg hielt, fand die Mutter besonders „tröstlich“… Von all diesen Abläufen hatte „der Ritter von der Brombeerburg“ nicht die geringste Ahnung. Umso überraschter war er deshalb, als plötzlich die Mutter vor ihm auftauchte, um den verlorenen Sohn, in Tränen ausbrechend, in die Arme zu schließen.






Zurück nach Freystadt. Auf praktisch autofreier Hessestraße kreuzte eher gelegentlich ein Pferdefuhrwerk auf. Als Nebenprodukt fanden sich Pferdeäpfel, von mir akkurat mit kleiner Schaufel eingesammelt und dem Gartenkompost zugeführt. Das erhebende Gefühl, auf diese Weise einen bedeutenden Beitrag zu den Erträgen des Gartens zu leisten, beflügelte mich, das Sammelgebiet auf angrenzende Straßen auszudehnen. Dieser Sammeleifer weckte bei der Mutter zwiespältige Gefühle: Einerseits wurde ein gewisses sich frühzeitig entwickelndes ökologisch-ökonomisches Verständnis anerkennend registriert. Andererseits wollte das Pferdeäpfel sammelnde Kind des Arztes nicht so richtig zu dem sozialen Status passen, den man in der kleinen Stadt einnahm. Ich registrierte auf jeden Fall einen deutlichen Rückgang anfänglicher Lobeshymnen. Der Sammeleifer erlosch. Letztendlich machte ja auch das Schleuderball- und Völkerballspielen auf der Hessestraße viel mehr Spaß. Hier konnten auch gefahrlos erste Balanceakte beim Erlernen des Radfahrens erprobt werden. Im Hinterhof von Armin Winklers Wohnung wurde im Winter eine Schneeburg gebaut, um die heftige Schneeballschlachten entbrannten.

Neben dem elterlichen Schlafzimmer im ersten Stock zelebrierten die Geschwister, oft unter Assistenz von Gisel, im Bad ihre Morgen- und Abendtoilette. Gisela Hallup, ein wahrer Engel, eigentlich als Praxishelferin gedacht, war bald voll ins Familienleben integriert und lebte auch im Haus. Von diesem Bad aus führte eine zweite Türe in das sogenannte „gelbe Zimmer“, in dem an der Decke, über einer darunter aufgestellten Liege, eine Höhensonne baumelte. Auf dieser Liege wurde jeden Abend, nach väterlichen Vorgaben, Gymnastik getrieben. Neben allgemeiner Gelenkigkeit stand die Stärkung der Rückenmuskulatur im Vordergrund. Danach hieß es: Schutzbrillen auf und unter der Höhensonne einige Minuten auf den Bauch, einige Minuten auf den Rücken. Das ganze ging meist mit großem Hallo und Gelächter über die Bühne, weil z. B. die Purzelbäume recht abenteuerlich gerieten. Zur Stärkung des Fußgewölbes, also Vorbeugung gegen Plattfuß, lief man, wann immer es ging, barfuß. Außerdem wurde im sommerlichen Garten „Kieselsteinwerfen“ gespielt: Man nahm hinter einer markierten Linie Aufstellung, krallte sich einen kleinen Kiesel abwechselnd mal unter die Zehen des rechten, mal unter die des linken Fußes und versuchte, den Stein so weit wie möglich wegzuschleudern. Als Kleinster wurde mir ein Vorsprung von mehreren Zentimetern eingeräumt. Nach zahlreichen Versuchen wurde der „Kieselsteinkönig“ ermittelt.

Es war schon recht beachtlich, was im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts rein spielerisch den Kindern in Sachen Körperertüchtigung und Prophylaxe untergejubelt wurde. Zusätzlich war geplant, eine Gouvernante einzustellen. Nur dazu ausersehen, mit den Kindern Englisch und Französisch zu sprechen. Getreu dem Motto: Als Kind spielerisch, ohne Pauken von Grammatik oder Vokabeln, Fremdsprachen zu erlernen. Dabei lag die Betonung auf spielerisch leicht. Es ging keinesfalls um Heranzüchtung früh begabter Wunderkinder! Leider machte der Krieg einen Strich durch diese Planung. Es sollte ja noch so unendlich viel mehr aus der Bahn fliegen.

Nach abendlicher Gymnastik durften die älteren Geschwister noch in ihrem Bett lesen. Als Jüngster landete ich, von der Mutter liebevoll begleitet, als Erster in den Federn. Auch dies lief nach festem Ritual ab: Beginnend mit einer kurzen Gutenachtgeschichte – meist aus Grimms Märchen. Diese besondere Schule des Herzens, die schon früh den Wertewandel im Leben aufzeigt und auf den Ritt in die Dornenhecken des Lebens vorbereitet: man denke nur an „Hans im Glück“! Es folgte ein beliebter Abzählreim, bei dem jede Silbe des Reims an den Fingern beider Hände abgezählt wurde. Es endete mit einem kurzen Nachtgebet. Darin wurde, neben allen im Hause lebenden Familienmitgliedern, jeder mit eingeschlossen, der einem gerade einfiel. Um niemand leichtfertig ungewollt auszuschließen, wurden zuletzt noch „alle lieben Menschen“ mit einbezogen. Gekrönt wurde alles mit dem Gutenachtkuss der Mutter. In diesem Zusammenhang konnte ich mich später nie an den Vater erinnern. Sei es, dass ich zu jung war, um im Gedächtnis zu bleiben, oder der Vater schon im Krieg weilte.

Die Unterbringung der Kinder im Säuglingsalter gestaltete sich differenziert: Bei Ernst-Johann, dem Erstgeborenen, stand die Wiege noch direkt neben den Ehebetten. Der nächstgeborenen Margarete wurde als Schlafdomizil das dem Elternschlafzimmer angrenzende Badezimmer zugewiesen. Als letzter im Bunde, wurde ich in die entfernteste Ecke des Hauses verfrachtet. Derlei Differenzierung durfte keineswegs als Ausdruck unterschiedlicher Elternliebe interpretiert werden. Es war vielmehr die im Laufe der Jahre gewonnene Frucht der Erkenntnis, dass derlei Distanz zur elterlichen Ruhestätte dem Schlaf von Mutter und Vater förderlich und dem Gedeihen des Kindes nicht abträglich war. Leider ist es bis heute noch nicht möglich, das letzte Kind vor dem ersten zu bekommen …

Nach dem Tod des Vaters durfte ich in das Ehebett neben die Mutter schlüpfen, was mich stolz und froh machte – ich empfand es als ausgesprochenes Privileg gegenüber den Geschwistern. Trotz aller mütterlichen Liebe entwickelte ich einige Eigenarten, die – milde formuliert – als verhaltensauffällig bezeichnet werden mussten. So war es über Jahre nicht möglich, mir das Daumenlutschen abzugewöhnen. Selbst mit Bitterstoffen getränkte Daumenverbände blieben erfolglos – ich wusste mich immer wieder davon zu befreien. Unübersehbar: Die orale Phase hatte mein kindliches Dasein voll im Griff. Zudem gewöhnte ich mir auch noch das „Kullern“ an. Ein rhythmisches Hin- und Herwenden des Kopfes unter teilweisem Miteinbeziehen des Oberkörpers. So wiegte ich mich, ohne inneren Leidensdruck, über viele Jahre mühelos in den Schlaf.

Ebenso unerklärlich die mich seit dem fünften Lebensjahr vorübergehend plagenden Nabelkoliken – gemeinhin Ausdruck irgendwelcher Verlustängste, die zu vom Vegetativum gesteuerten Krämpfen der glatten Muskulatur des Verdauungstrakts führen. Diesen Ängsten fehlte für mich jeder erkennbare Realitätsbezug. Die heftig-krampfartigen Oberbauchschmerzen mit Übelkeit verschwanden wie von Zauberhand, sobald ich bei der Mutter unter der Bettdecke ihre beruhigende Hand auf meiner Bauchdecke fühlte.

Jahrzehnte später half mir dieses Erlebnis, Eltern zu erklären, dass es keineswegs ungewöhnlich ist, wenn eines ihrer Kinder über heftige Oberbauchschmerzen klagt, für die die Durchuntersuchung keinerlei klärenden Hinweis auf einen krankhaften Organbefund ergab.

Beim gemeinsamen Bad mit der Mutter wird erstmals bewusst, dass der weibliche Körper in bestimmten Einzelheiten gegenüber dem männlichen unübersehbar unterschiedlich ausgestattet ist. Lange Zeit wollte ich nicht glauben, aus der mütterlichen Brust ernährt worden zu sein; obendrein noch einst aus dem Bauch der Mama herausgeschlüpft zu sein, führte zu ungläubigem Kopfschütteln.

Im Erdgeschoss lagen, links vom Hauseingang separat, die Praxisräume des Vaters. Rechts ging es in die weitläufige Privatwohnung mit relativ dunklem Flur, von dem eine knarrende Holztreppe bogenförmig in den ersten Stock führte. Unter der Treppe ging es hinab in den Keller. Mit diesem verband ich in der Erinnerung lediglich zwei Dinge: erstens reichlich mit Einmachgläsern gefüllte Regale. Zweitens die Waschküche mit kleinem Treppenaufgang zum Garten und einer für damalige Verhältnisse supermodernen halbautomatischen Miele-Waschmaschine. „Miele, Miele sagt die Tante, die alle Waschmaschinen kannte.“ Die in heißer Seifenlauge schwimmenden Wäschestücke wurden maschinell hin und her geschleudert. Die Lauge konnte über einen Hahn am Boden des Gerätes abgelassen werden. Das sorgte für eine wohlig-warme Überschwemmung der nackten Füße auf dem kalten Steinboden, ehe die Brühe gurgelnd durch das Abflussgitter des Fußbodens in der Kanalisation verschwand. Nach dem Klarspülen folgte das recht mühsame Auswringen durch einen Wäschewringer, dessen Kurbel ich mit viel Vergnügen hingebungsvoll bedienen durfte – vorausgesetzt die Zeit drängte nicht allzu sehr. Das Gefühl, sich hier nützlich machen zu können, hob mein nicht sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein ganz ungemein. Es erfuhr eine weitere Steigerung, wenn ich, in einem kleinen Waschzuber mit dazu passendem Waschbrett Taschentücher oder Socken in der Seifenlauge bearbeiten durfte. Das anschließende Lob der Mutter als unabdingbares Sahnehäubchen musste nur selten schmollend eingeklagt werden.

Am Ende des Flurs gelangte man in die Küche, das Reich von Klara Wladrowarzek. Ein stämmiges, ungemein gutmütiges weibliches Wesen aus einfachen Verhältnissen polnischen Ursprungs. An ihrem ersten Arbeitstag eröffnete sie der Mutter treuherzig: „Manchmal bin ich etwas „muksch“, das darf Frau Doktor nicht stören. Frau Doktor müssen mich dann nur übers Knie legen und mir kräftig den Arsch versohlen, dann „funktioniere“ ich wieder!“ Die gute Seele gab aber keinerlei Anlass zu derlei drastischen Verhaltenskorrekturen. Sie hatte uns Kinder in ihr großes Herz geschlossen – Klara „funktionierte“ auch, rein verbal gesteuert, zu allseitiger Zufriedenheit.

Sie war gewohnt, kräftig zuzupacken und dementsprechend bestens für alle etwas gröberen Arbeiten geeignet, die in einem Mehrpersonenhaushalt anfielen. Wenn ich auf der Bohnerbürste sitzend von ihr mit mächtigen Stößen über den Fußboden katapultiert wurde, hatte das etwas von beglückender Rummelplatzatmosphäre. Aber auch wenn zartfühlendere Verrichtung gefragt war, z. B. das Zubinden der Schnürsenkel oder Abputzen der „vier Buchstaben“ nach erfolgreichem Toilettenbesuch, war Klara ein zuverlässiger Begleiter frühkindlicher Bedürfnisse.

Etwa 15 Jahre nach der Flucht aus Schlesien, besuchte Klara uns in der neuen Heimat Esslingen. Weiß der Himmel, wie sie die Adresse ausfindig gemacht hatte. Sie berichtete, wie sie 1945 mit ihren Eltern vor den Russen aus Freystadt geflohen war und dabei eines der Fahrräder als Fluchthilfe aus dem Hause Seraphim mitnahm. Es hatte etwas Rührendes, wie sie dabei wiederholt betonte, sonst – „auf Ehre“ – nichts aus dem Haus „entwendet“ zu haben. Wie tröstlich für all diejenigen, die später alles mitgehen ließen, was nicht niet- und nagelfest war …

Als guter Geist wirkte in der Küche auch Liesel Schütze. Für alles verantwortlich, was mit der Verproviantierung der Familie zu tun hatte. Sie besprach mit der Mutter den Speisezettel für die nächsten Tage, tätigte dementsprechende Einkäufe. Zauberte auch in Zeiten beginnender Knappheit – sprich Lebensmittelkarten – bravourös das Zepter über den Kochtöpfen schwingend, wohlschmeckende Mahlzeiten auf den Tisch. Dabei ging es, entsprechend den versorgungstechnisch schwierigen Kriegszeiten, recht spartanisch zu. Am Sonntagmorgen gab es ausnahmsweise Wurst. Für jeden zwei Scheiben Bierschinken auf eine Semmel pro Person. Sonst eben Schwarzbrot und selbst gemachte Marmelade, nur selten Käse oder Honig. Auch die wöchentliche Fleischration entfiel meist auf das sonntägliche Mittagessen. Dabei hatte ich schon bald entdeckt, dass die Fleischportion auf meinem Teller, im Vergleich zu der des Vaters, doch sehr zu wünschen übrig ließ. Es bedurfte vieler Monate, bis ich mir endlich ein Herz fasste und, leise nörgelnd, die Überlassung eines gleich großen Fleischstückes für meinen Teller beanspruchte. Überraschender Weise wurde dies umgehend zugesagt und in die Tat umgesetzt. Allerdings mit der Auflage, wie üblich, alles aufzuessen, was auf dem Teller war. Andernfalls entfiel der Nachtisch. Das Ende war vorhersehbar: Ich kaute immer noch an meinem Fleisch, als alle anderen schon längst beim Nachtisch saßen. Er wurde dieses Mal ohne eigene Mitwirkung vertilgt. Man ging aber zartfühlend mit dem Benjamin um, verlor kein Wort mehr darüber. Mutters Jüngster war um eine Erkenntnis reicher: Die Größe der mir zugeteilten Fleischportion wurde vom Fassungsvermögen meines Magens, nicht von mangelnder Elternliebe diktiert.






Zur Sommerzeit fanden in Anlehnung an eine Art „Kasperle-Dramaturgie“ Theateraufführungen statt. Von ihnen erhoffte sich die Kinderseele zahlreiche erwachsene Zuschauer. Dann zog eine ganze Kinderhorde von Haustür zu Haustür, um das bedeutsame Ereignis anzukündigen. Gleichzeitig galt es, eine bescheidene „Eintrittsgebühr“ von 10 Reichspfennig zugunsten der mitwirkenden „Künstler“ zu erbitten.

Die meist ablehnenden Reaktionen an den Wohnungstüren gaben der Kinderseele erste Einblicke in die Mentalität der dahinter lebenden Menschen. Dabei wäre es für sie sicher unterhaltsam gewesen, der Kinderschar zuzusehen. Es gab leidenschaftliche Diskussionen um die heikle Frage, wer was spielen darf. Wer gibt den Bösewicht, wer die von ihm entführte Jungfrau – in Ermangelung eines Mädchens nicht selten männlichen Geschlechts. Wer durfte der edle Ritter sein, der den Räuber zur Strecke brachte und die befreite Dulcinea in sein Schloss zurückbeförderte? Reich sind die Künstler dabei nicht geworden und in Ermangelung der erwachsenen Zuschauer mussten dafür die Kinder herhalten, die in dem Bühnenspektakel nicht zum Zuge kommen konnten. Dabei ließ man es nicht an Kreativität fehlen, möglichst viele Akteure auf die Bühne zu bekommen: Zum Beispiel als sich im Sturm biegende Bäume, die allerdings nicht selten aus der ihnen zugewiesenen Rolle fielen, weil sie meinten, in die nicht nach ihrem Geschmack ablaufende Dramaturgie des Drehbuchs eingreifen zu müssen. Ähnliches galt für die auf Kisten ans Firmament postierten Sonne und Mond, die je nach Tages- bzw. Nachtzeit der Handlung ihr Gesicht zu verhüllen hatten. Da die Künstler meist tagsüber agierten, war die Rolle des Mondes nicht sehr begehrt – schließlich wollte der ja auch etwas vom Spektakel sehen. Um diesem Missstand abzuhelfen, entschied die Regie, dass der Mond bei Tage unverhüllt auf der Kiste sitzen durfte statt zu stehen. Dafür musste der Mond die Akteure unterstützen, die als Windbläser eingeteilt waren, wenn die Regie Sturm aufziehen ließ.

Neben derlei harmlosen Kinderbelustigungen kam eins der Kinder eines Tages auf die Idee, den nicht allzu weit entfernten Eisenbahnschienen einen Besuch abzustatten. Hier fuhren nicht gerade häufig die Züge von und nach Neusalz vorbei. Eine willkommene Abwechslung in dem an technischer Dynamik nicht eben reichhaltigen Reservoir kindlichen Erlebens. In Anlehnung an Winnetou, der mit dem Ohr am Boden das noch um Kilometer entfernte Getrappel von Pferdehufen erahnen konnte, musste das auch mit dem Ohr auf der Schiene bezüglich eines herannahenden Zuges ausprobiert werden. Diese Experimente verliefen absolut enttäuschend. Vom weit entfernten Zug war effektiv nichts zu erahnen. Es wurde mangelhafter Naturverbundenheit zugerechnet. In diesem Zusammenhang tauchte auch die spannende Frage auf, wie nahe ein Zug kommen muss, bis sich dies dem Ohr auf der Schiene zweifelsfrei kundtut? So blieb es nicht aus, dass sie ihre Ohren auch noch auf die Schiene pressten, als der Zug schon in Sichtweite war. Das versetzte den Lokomotivführer in höchste Alarmbereitschaft, die sich in heftigen Pfeifsignalen Luft machte, was wiederum die Kinder begeisterte und sich bald zu einer Art Sport entwickelte. Er wurde mit der Mutprobe verbunden, wer seinen Kopf am längsten vor dem herannahenden Zug auf der Schiene behielt.

An dieser Stelle kam der Beruf von Armins Vater ins Spiel: Einem der Lokomotivführer, der diesem Sport keinerlei Unterhaltungswert abgewinnen mochte, erinnerte sich daran, dass der Schrankenwärter einen Sohn hatte, dessen Alter gut zu dem der von ihm wiederholt gesichteten Kindern passte. Er kontaktierte Armins Vater. Der wiederum unterzog seinen Sprössling einer hochnotpeinlichen Befragung, der Armin auf Dauer keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochte. So endete dieser Ausflug in das prickelnde Abenteuer mit einem häuslichen Donnerwetter und bei mir zusätzlich zu einer Abkommandierung in die für derlei Entgleisungen kindlichen Wohlverhaltens vorgesehene Ecke im Esszimmer. Hier hatte ich mich, mit dem Rücken zum Esstisch, für mindestens fünf Minuten zu postieren, um „sich zu schämen“… In diesem, wie in den meisten anderen Fällen dieses Zwangsaufenthaltes, hielt sich die Scham sehr in Grenzen. Warum diese Prozedur trotzdem zu einem gewissen Grade gefürchtet war, lag an der damit verbundenen gähnenden Langeweile. Der Mutter ging dabei die im Minutenabstand wiederholte Fragerei nach dem Ende der Strafaktion auf die Nerven. Nach meiner Erinnerung stand ich nicht sehr häufig in dieser Ecke. Was aber nicht unbedingt dafür spricht, ein besonders braves Kind gewesen zu sein. Bestrafungen waren für die Mutter eine nicht gern ergriffene Maßnahme. Sie hielt mehr von eingehender Ermahnung. Der Rubikon war allerdings überschritten, wenn zum Beispiel versucht wurde, im Nachbargarten bei Rektor Wehner mit einem in den Baum geworfenen Ast Süßkirschen zu ernten und bei dieser, mit untauglichem Objekt durchgeführten Prozedur, der Ast in der klirrend zerbrechenden Scheibe der Speisekammer des Rektors landete. Solch gravierende Vorkommnisse führten zu einer Verlängerung der Strafaktion um zehn Minuten …

Wenn die Witterung das Spiel vor der Tür nicht zuließ, gab es im ersten Stock des Hauses genügend Räumlichkeiten, sich auszutoben. Im Flur waren eine höhenverstellbare Schaukel und eine ebenfalls in der Höhe variable Reckstange montiert. Direkt daneben ein großes Spielzimmer, an dessen Fensterseite zum Balkon eine mehrere Meter lange Spielplatte angebracht war. Daran angrenzend eine große Wandtafel, die nach Herzenslust mit bunter Kreide zur Bemalung einlud. Rechtwinklig dazu eine Sprossenwand zum Klettern und Turnen. Eine Fundgrube für Kreativität und ungebremstem Bewegungsdrang. In diesem Kinderparadies konkurrierte Holzspielzeug mit Schaukelpferd, einem Kaufladen und einer Puppenküche. Hier brutzelten auf kleinem beheizbarem Herd sogar kindgerechte Portionen. Zum Klassiker avancierten Pfannkuchen, die sich so großer Beliebtheit erfreuten, dass sie gelegentlich in unerwünschte Konkurrenz zu der von der Mutter gekochten Hauptmahlzeit gerieten.






Das Esszimmer hatte einen erkerartigen Ausbau Richtung Garten. Hier hielt sich die Mutter gerne zu Näharbeiten auf. Im Nähkörbchen lag das Mutterkreuz, das der „reinrassig deutschen Frau“ namens des tausendjährigen Reichs ab der Geburt einer mir nicht mehr bekannten Zahl von Kindern mit „Heil Hitler“ unterzeichnetem Begleitschreiben zugestellt wurde. Mit ein wenig Stoff und buntem Metall glaubte man offensichtlich, Deutschlands Frauen die Bereitstellung von Kanonenfutter für die kriegerischen Expansionspläne eines „Volks ohne Raum“ schmackhaft machen zu können. Ich fand es später gut, dass dieser Orden, meines Wissens von der Mutter verschmäht, nie getragen wurde.

Für mich ist die Sitzgruppe im Erker um eine Schulbank erweitert worden. Von ihr versprach sich die Mutter eine in doppelter Hinsicht nützliche Funktion. Erstens die stramme aufrechte Haltung, zweitens eine damit verbundene bessere Konzentration bei der Bewältigung der Schulaufgaben. Beides ließ offensichtlich zu wünschen übrig. Ausdruck einer früh zutage tretenden Problematik: Mutters Jüngster und die Schule! Aufschlussreich, dass derlei Aufwand bei beiden älteren Geschwistern nicht für notwendig erachtet wurde. Wo unsereins mühsam ackern musste, lief bei ihnen alles wie am Schnürchen.

Noch gut in Erinnerung meine erste Hausaufgabe, bei der es galt, eine Schiefertafel mit Spazierstöcken zu füllen: die erste Hälfte aufrecht, die zweite Hälfte auf dem Kopf stehend. Schon die erste Hälfte genügte den mütterlichen Idealvorstellungen nur selten. Es führte zu schmerzlichen, da den Arbeitseinsatz verlängernden Korrekturen. Als es an die Bewältigung der zweiten Hälfte ging, drohte eine ungebremste Tränenflut die Frucht geleisteter Arbeit, in Form mühsam auf die Tafel gemalter aufrecht stehender Spazierstöcke, hinwegzuspülen. Zwecks schöpferischer Pause begaben sich Mutter und Sohn in den Garten. Dort standen sie unter dem Reneklodenbaum, zu dessen Füßen ein Heer von Wespen an den am Boden liegenden Früchten nagte. Hier prophezeite sie, die Hände ringend, ihrem Sprössling, dass er später einmal nur zum Schweinehüten taugen werde. Ein für den Sohn beängstigendes Szenarium. „Könnten es nicht auch Gänse sein?“ Ich spürte den forschenden Seitenblick der Mutter. Ob ich mich womöglich über sie lustig machte? Aber dem Sohn war es bitterernst. Was sich da in meiner kindlichen Seele abspielte, sollte der Beginn eines jahrelangen, oft verzweifelten Kampfes mit der Wissensvermittlung an deutschen Schulen werden. Der in Aussicht gestellte Hütewechsel vom Schwein zur Gans ließen die Zukunftsperspektiven in einem freundlicheren Licht erscheinen. Kurzfristig erschien diese Berufswahl sogar verlockend. Vorausgesetzt sie wäre mit dem umgehenden Einstellen des Spazierstockmalens verbunden. Es war einer jener Augenblicke, in denen sich die Mutter, wie später noch so oft, den in Russland liegenden Vater herbeiwünschte …

Zurückgekehrt zur Schiefertafel steckte alsbald der ältere Bruder seinen Kopf über die Schulter: „Na Bruderherz, wo steckt dein Problem?“ Dankbar wurde das in der Frage schwingende Mitgefühl registriert. Unter herzerweichendem Schluchzen erfolgte Aufklärung. Der Bruder lachte schallend: „Du Rindvieh, dreh doch die Tafel einfach auf den Kopf! Dann malst du wieder aufrecht stehende Spazierstöcke.“ Gibt es ein besseres Beispiel für Intelligenz? Dies wurde von der Mutter, die Zeuge der Unterweisung geworden war, keineswegs honoriert. Es folgte ein ordentliches Donnerwetter und kühlte die Bereitschaft zur Hilfestellung bei den Hausaufgaben des kleinen Bruders nachhaltig ab.

Rechts neben dem Fenster im Erker des Esszimmers stand eine für damalige Verhältnisse prachtvolle Kombination von Radio, Plattenspieler und Plattenschrank. Hier lauschten die Kinder einer ihrer Lieblingsplatten: „Die Liebe der Matrosen“, zu deren Melodie die älteren Geschwister anlässlich sich jährlich wiederholender Kürbisfeste – so eine Art Halloween – ausgelassen mit ihren Freundinnen und Freunden durch die Wohnung tanzten. Die Zimmer waren mit ausgehöhlten Kürbissen und den darin geschnitzten Gesichtern magisch von dahinter brennenden Kerzen beleuchtet. Sie gaben diesen Veranstaltungen einen für mich immer leicht gruseligen Anstrich. Unvergessen mit dem Plattenspieler verbunden der Beginn von Beethovens Violinkonzert, das der Vater besonders liebte. Davon galt es, insgesamt sechs Platten – Marke Electrola, „his master’s voice“ – beidseitig abzuspielen, um das ganze Konzert zu hören. Da dies meist abends geschah, hörte ich immer nur den Anfang. Erste zaghafte Schritte Richtung klassischer Musik. Sie klang in den Ohren noch recht fremd, aber keineswegs unangenehm.

Rechts von diesem Wunderwerk der Technik näherte man sich der Längsseite des Esstischs, für mich auch ein Ort ungeliebter Spinatfütterung. Ein Kommafehler bei der Berechnung seines Eisengehaltes Ende des 19. Jahrhunderts an der Universität Freiburg katapultierte dieses Grünzeug, völlig unbegründet, in die Spitzenklasse eines Schwermetallspenders. Darunter hatten dann ganze Generationen von Kindern zu leiden, die dieses Gemüse ebenso verabscheuten wie Vaters Jüngster. Nur weil dieser kleine, aber schwerwiegende Berechnungsfehler treu und brav von allen Lehrbuchautoren, ungeprüft abgeschrieben, übernommen wurde. Eine Doktorarbeit, an der Alma Mater Tubingensis, korrigierte gute 60 Jahre später diesen Irrtum. Die Kinder dieser Welt müssten diesem Doktoranden ein Denkmal setzen … Ich erledigte das auf meine Weise: Das ungeliebte Grünzeug wurde im Rahmen meiner fürsorglichen Fütterung in beiden Backentaschen gespeichert, bis der in der Mundhöhle sich entwickelnde Druck, entsprechend meinem physikalischen Feingefühl, groß genug war, um sich samt Inhalt explosionsartig in Richtung Esszimmerwand zu entleeren. Das danach sich an der Wand in hoffnungsvollem Grün abzeichnende „Gemälde“ war sozusagen mein Beitrag zu diesem Denkmal. Ich war damit der Zeit wieder einmal einen Schritt voraus. Mit diesem Protest in Kinderstuben aber keineswegs allein …

Vom Esszimmer führte eine meist nicht verschlossene Schiebetür in das sogenannte „Damenzimmer“, mit in pastellfarbenem Stoff bezogener Sitzgruppe. Darüber, farblich gut miteinander harmonierend, ein Bild vom Matterhorn. Die Möbel waren im Biedermeierstil gefertigte, sündhaft teure Unikate. Vor der Fensterfront zum Garten ein dekorativer Schalenbrunnen aus Marmor. Rechts des Brunnens stand am Heiligen Abend der Weihnachtsbaum. Geschmückt mit Wachskerzen, vielen kleinen bunten Engels- und Zwergfiguren, Strohsternen und einem großen Abschlussstern an der Baumspitze. Für uns Kinder besonders wichtig: Kringel aus Schokolade und Fondant. Sie wurden, nur unter Aufsicht eines Elternteils und erst einige Tage nach Heiligabend, zur Plünderung „schaumgebremst“ freigegeben. Vorausgesetzt, die mit Süßigkeiten gefüllten Weihnachtsteller wiesen bereits Ebbe auf.

Am Weihnachtsabend durften wir Kinder das Zimmer erst betreten, wenn ein Klingelton signalisierte, dass die Kerzen am Baum brannten und die „himmlischen Heerscharen“ den Raum verlassen hatten. Gemeinsam wurde „Oh du fröhliche …“ gesungen. Vater las stehend neben dem Baum die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium. Nach „Stille Nacht …“ stürzten wir uns auf die liebevoll von den Eltern ausgewählten Geschenke unter dem Baum. Sie wiesen – welch ein Wunder! – meist erstaunliche Übereinstimmung mit dem zuvor an den Weihnachtsmann adressierten Wunschzettel auf. Es folgte das Abendessen, bei dem es, nach Ostpreußischer Tradition, Heringssalat mit Apfelstückchen, Fleischbrühe und Speckkuchen gab.

Neben dem Ausgang zur Gartenterrasse lag links das „Herrenzimmer“. Über dessen offenem Kamin hing die Laute des Vaters. Nur noch sehr verschwommen die Erinnerung an die Volkslieder und die zur Weihnachtszeit vor dem munter flackernden Kaminfeuer gesungenen Lieder. Gegenüber dem Kamin die dem Garten zugewandte Fensterfront mit sehr tief nach unten gezogenem großen Fenster und einer mit Marmorplatte abgedeckten Bank. Sie bot Platz für verschiedenste Topfpflanzen.

Diese blumenbestückte Fensterbank hatte schon in frühen Jahren mein Interesse geweckt. Vor einem Spaziergang der Eltern hatten sie den kleinen Mann, angegurtet im offenen Sportwagen in, wie sie meinten, sicherer Entfernung vor den Blumen „geparkt“. Der Jüngste langweilte sich und dirigierte mit schaukelnden Bewegungen des Oberkörpers das Gefährt zielsicher in Richtung Blumenbank. Dort angekommen wurde unverzüglich, zwecks Befriedigung naturwissenschaftlichen Entdeckerdrangs, der erste Blumentopf vom Fensterbrett geangelt und fest zwischen die Beinchen gepresst. Genauere Einblicke in den Aufbau von Pflanzen erfordert deren Zerlegung. Wie beim Studium der Botanik an jeder Universität noch heutzutage beherzigt. Selbst ohne zuvor in diese wissenschaftlichen Weihen unterwiesen, zeigte ich geradezu frühreifen Forscherdrang. Dem fiel zunächst ein Usambaraveilchen zum Opfer. Nach dessen fachgerechter Entlaubung galt es, die bunten Blütenblätter einer Kostprobe zu unterziehen, die diese Gaumenprobe offensichtlich bestanden. Es konnte schon bald Totalverlust registriert werden. Das Blattgrün erwies sich allerdings als resistent und füllte binnen Kurzem beide Backentaschen. Via Hamster wird eine bescheidene erste Brücke zur Zoologie erkennbar. Der Wissenschaft nicht würdig, wer sich, nach derlei dürftigen Anfangserfolgen, durch solche Petitessen auf dem Weg zur Vermehrung weiterer Einsichten in das Naturgeschehen aufhalten ließe. Was seine Schuldigkeit getan, darf hinter sich gelassen werden: Der hartleibig in der Blumenerde verbliebene Stängel wird, samt Topf, mit kühnem Schwung – ex und hopp – aus dem Wagen befördert und damit entsorgt. Nicht jede zusätzliche Horizonterweiterung ist zwangsweise schmerzfrei. Bei dem nun folgenden Objekt der Begierde handelte es sich um einen stachelbewehrten Kaktus. Der Wunsch nach innigerem Kontakt wird, da äußerst schmerzhaft, jäh beendet. Wer sich derart undankbar erweist, verdient keine genauere Begutachtung und folgt, unbesehen kurzer Hand, dem Weg des entlaubten Usambaraveilchens. Die Fixierung von Topf Nummer drei zwischen den Beinchen wird von der Ankunft der Eltern jäh unterbrochen. Mit sicherem Griff entleert der Vater beide Backentaschen des frühreifen Naturforschers und bringt damit das pausbäckige Kindergesicht wieder auf Normalmaß. Diffiziler gestaltet sich die Frage, wie gesundheitsschädlich erweist sich möglicherweise solch ungebremster Forscherdrang? Umgehend beim Apotheker telefonisch eingeholter Rat bremst unangebrachte Panik. Gleichzeitig die Empfehlung einer Reduktion des Mageninhalts durch tief in den Rachen eingeführten Finger. Außerdem weitere Wachsamkeit im Sinne genauerer Beobachtung bezüglich eventueller Auffälligkeiten in den nächsten Tagen. Eine Inspektion des Mageninhalts signalisierte beruhigende Entwarnung: Ich hatte uneingeschränkt dem Hamstereffekt den Vorzug gegeben. Die zusätzliche fürsorgliche elterliche Zuwendung wurde wohltuend registriert.




Im Reich des Vaters – der Praxis eines Landarztes Tücken kindlicher Anpassung


Vorbei an der Patiententoilette der Zugang zum Wartezimmer, dem sich rechter Hand ein Sprech- und ein Behandlungszimmer anschlossen. Hier entfernte der Vater an meinem linken Daumen im zarten Alter von zwei Jahren einen kleinen Knorpel in der Strecksehne. Eine winzige Narbe erinnert noch heute an den kleinen Eingriff. Die Arme der Mutter hielten mich, auf ihrem Schoß sitzend, eng umschlungen. Ängstlich bemüht, mein Gesicht vom Ort des Geschehens abzuwenden. Ich reagierte mit heftiger Gegenwehr, einschließlich lautem Gebrüll. Der Vater plädierte für mehr Transparenz, die dem Opfer durch Einblick zu gewähren sei. Sieh da: Die kleine Operation nahm den Sohn so gefangen, dass er keinen Mucks mehr von sich gab – frühe Faszination für einen spannenden Beruf.

Nicht minder aufregend das im Nebenraum installierte Röntgengerät. Gelegentlich erlaubte der Vater bei eingeschalteter Röntgenröhre die Hand hinter den Bildschirm zu halten. Das ergab einen freien Blick auf die vom Fleisch befreiten, gruselig aussehenden Fingerknöchelchen, die sich beim Schließen und Öffnen der Hand magisch vor dem Bildschirm hin und her bewegten. Mit solch einem Zauberapparat täglich umgehen zu dürfen, beflügelte den frühen Wunsch des Sohnes, einmal in die beruflichen Fußstapfen des Vaters zu treten. Außerdem suggerierte das werktäglich stets gut gefüllte Wartezimmer, dass der Vater nicht zur Arbeit gehen musste, sondern diese zu ihm kam. Ein Umstand, der im krassen Gegensatz zu den väterlichen Berufen meiner Spielkameraden zutage trat. Solch feine Beobachtung klammerte allerdings die Tatsache notwendiger Hausbesuche, selbst zu nachtschlafender Zeit, großzügig aus. Aber instinktiv ahnte ich, dass dieses Privileg etwas mit dem mir später als Erwachsenen geläufigen Begriff „Sozialprestige“ zu tun haben könnte. Also kein Wunder, dass ich auf die Frage: „Was willst du denn später einmal werden?“ wie aus der Pistole geschossen verkündete: „Arzt wie mein Vati!“ Als meine Patentante, Frau Amela Unger, eine altehrwürdige Dame, die sich um den Aufbau des Roten Kreuzes in Schlesien große Verdienste erworben hatte, sich mit diesem Berufswunsch ihres Patenkindes konfrontiert sah, legte sie gerührt die Hand auf meinen Kopf und meinte: „Das ist aber schön, dass du den kranken Menschen gerne helfen möchtest, wieder gesund zu werden!“ Derlei Fehlinterpretation löste energisches Kopfschütteln aus: „Nein, ich will das werden, weil die Menschen da zu mir kommen müssen und nicht umgekehrt!“ Die Reaktion auf so viel ungebremste Ehrlichkeit war eindeutig: Die eben noch huldvoll auf dem Kopf ruhende Hand entfernte sich blitzartig. Es folgte eine etwas peinliche Stille. Ich ahnte instinktiv: Da ist was schiefgelaufen.

Meine Kinderseele bewegten, fern jeglichen Marketings des eigenen Egos, andere Probleme. Schon früh bekam ich wie die Geschwister, ein Sparschwein. Wöchentlich mit zehn Reichspfennigen durch die Eltern gefüttert. Für ein Kind, das eigentlich nichts zu entbehren hatte, kein Grund zur Unzufriedenheit – sollte man meinen. Wäre da nicht Armin gewesen, der glatt das Doppelte bekam! Dies erschien mir in Anbetracht der offen zutage liegenden höchst unterschiedlichen finanziellen Grundvoraussetzungen beider Haushalte als Gipfel der Ungerechtigkeit. In schöner Regelmäßigkeit brach am Sonnabend erneut diese schmerzhafte Wunde auf. Galt es doch an diesem Tag zu entscheiden, ob man mit Armin gemeinsam zum Bäcker Schulz in der Lorenzstraße pilgerte, um dort sein wöchentliches Sparschweindeputat gegen ein Stück Zuckerkuchen einzutauschen oder sollte es mein Schweinchen mästen? Stolz verkündete Armin dann, dass ihm derlei Skrupel fremd sind: Zehn Pfennig für den Zuckerkuchen und zehn Pfennig für das Sparschwein, lautete sein Verteilungsschlüssel. Meine Bemühungen, ähnlichen Standard zu erreichen, waren gleichermaßen zahlreich wie vergeblich. Es war Bestandteil des Erziehungsprogramms, hier kein sowohl als auch zu ermöglichen, sondern ein entweder oder zu fordern. So wurde ein Entscheidungsmuster eingeübt, das zukünftig zu erwartenden Konfliktsituationen eher entsprach, da sie auf finanzielle Sparflamme ausgerichtet waren. Derlei höchst vernünftige erzieherische Überlegungen überforderten natürlich meine kindliche Einsicht. Die zehn Reichspfennige von damals sind heute die Designerklamotten. Nur das Niveau hat sich geändert, die grundsätzliche Problematik ist uns treu geblieben.




Letzte Jahre in Schlesien


Meine Erinnerungen an den Vater sind ähnlich blass wie das Zusammenleben mit den Geschwistern zu Freystädter Zeiten. Beim Vater liegt das daran, dass ich ihn leider viel zu selten bewusst erleben durfte. Die Ausfahrten im Sportcabrio kenne ich nur von Fotografien. Neben dem Vater, gut eingepackt in den Armen der Mutter. Zuletzt besaß der Vater einen DKW, mit dem er einmal bergab mit Rückenwind stolze 80 Stundenkilometer auf den Tacho zauberte. Damit wurden Ausflüge nach Neusalz, Glogau und Sagan unternommen. Ich erinnere mich nur noch an intensiv nach Teer duftende Kähne, die bei Neusalz am Ufer der Oder festgezurrt, still vor sich hin dümpelten. Das familiäre Drumherum ist verschüttet. Ebenso gelegentliche Besuche bei der Konditorei Hanke am Marktplatz in Freystadt. Neben dieser Konditorei existierte ein Friseursalon, den die Mutter in regelmäßigen Abständen zur Erneuerung ihrer Dauerwelle aufsuchte und dabei von mir, zwecks Reduzierung der eigenen Haarpracht, begleitet wurde. Die eigene Schur gestaltete sich kurz und schmerzlos. Die Mutter saß dagegen eine gefühlte Ewigkeit unter der Haube. Ich vertrieb mir währenddessen die Zeit vor dem Laden, indem ich mit schwingenden Armen und lautem Zischen Lokomotive spielte. Als im Winter bei Kälte mit jedem Zischlaut Dampf aus dem Mund strömte, war ich davon so begeistert, dass der Berufswunsch für kurze Zeit vom Arzt zum Lokomotivführer wechselte. Man sollte sich mit der Realisierung seiner Berufswünsche Zeit lassen.

Nur aus Schilderungen der Mutter – von den Geschwistern bestätigt – erfuhr ich, dass man den Jüngsten gerne bezüglich seiner Strapazierfähigkeit auf die Probe stellte. Im Sportwagen angegurtet bot die Kurve beim Übergang von der Hesse- in die Lorenzstraße das richtige Terrain zur Erprobung des „Elchtestes“, den der Sportwagen nicht bestand, der kleine Bruder aber unbeschadet über sich ergehen ließ. Auch die Fahrt mit demselben Vehikel die steile Bodentreppe hinab verlief ohne ernsthaftere Blessuren.

Es herrschte eine wohltuende kindliche Sorglosigkeit, die z. B. den älteren Bruder dazu ermunterte, bei seiner jüngeren Schwester als Figaro tätig zu werden. Mit kühnem Schnitt ging er der weiblichen Lockenpracht zu Leibe – das Schwesterchen trug einige Wochen eine recht futuristische Frisur …Zur Weihnachtszeit hatte das Krippenspiel Konjunktur: Unter der Bettdecke leuchtete der ältere Bruder mit der Taschenlampe auf die Geschwister herab und rief nicht ohne Pathos: „Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ Die Freude war etwas einseitig, als die Mutter dahinterkam. Eigentlich hätten die Kinder zu dieser Zeit längst schlafen sollen.

Wie alte Fotografien zeigen, hat der Vater wohl sehr liebevoll mit den beiden älteren Geschwistern gespielt, ich war dafür einfach noch zu klein. Mein Vater geriet zur Konkurrenz, wenn er für kurze Zeit von der Front auf Heimaturlaub nach Hause kam. Dann fiel das nachmittägliche Spielen mit der Mutter aus, weil sich – für mich völlig unverständlich! – die Eltern nach dem Mittagessen zu Bett begeben wollten. Als ich dann hinter verschlossener Schlafzimmertür geradezu beängstigende, sehr ungewöhnliche Geräusche vernahm, war meine Geduld erschöpft: Wütend trommelte ich mit den kleinen Fäusten gegen die Tür und forderte Einlass. Es gibt Dinge, für die sich der Sohn noch heute gerne bei seinen Eltern entschuldigen würde …

Auch die Begleitung des Vaters durch das kleine Städtchen anlässlich eines Heimaturlaubs, blieb in keiner guten Erinnerung. Er trug zwar eine ungemein schicke Uniform, die er aber mit solch raumgreifenden Schritten spazieren führte, dass ich kaum zu folgen vermochte. Dieser Dauerlauf wurde immer wieder durch zeitraubende Gespräche mit irgendwelchen Bekannten unterbrochen, wobei man sich sehr angelegentlich nach dem jeweiligen Befinden erkundigte. Dies war wiederum für den Sohnemann geradezu ätzend langweilig. Weil er das sehr deutlich zu erkennen gab, konnte der Vater noch nicht einmal mit einem gut erzogenen Sprössling glänzen. Nein, die Beziehung zwischen Vater und seinem Jüngsten war nicht gerade das, was man als Erfolgsgeschichte bezeichnen würde. Die Verhältnisse, sie waren halt nicht so …




Die Schatten des Krieges


„Homo homini lupus.“

Titus Maccius Plautus (ca. 254 – 184 v. Chr.) Nach der Übersetzung von Artur Brückmann: „Denn der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch. Das gilt zum mindesten solange als man sich nicht kennt.“

Ich war gerade fünf Jahre alt, als die Nachricht eintraf, dass der Vater in Russland „auf dem Feld der Ehre gefallen“ war, wie das damals so betulich heroisch formuliert wurde. „Dulce et decorum est pro patria mori …“ („Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben.“). Auch ihm hatte man das sicher Jahre zuvor im Gymnasium vordeklamiert. Es hätte mich später einmal brennend interessiert, was der Vater von diesem Schwachsinn gehalten hat. Kurz zuvor war Gisela Hallup, die Sprechstundenhilfe, noch zu nächtlicher Stunde in Freystadt durch das Haus getanzt und jubelte: „Kiew ist gefallen!“ Ich konnte diesen Jubel nicht nachvollziehen. Daran hat sich bis in die Gegenwart nicht das Geringste geändert …

Auch der letzte Feldpostbrief des Vaters ist noch erhalten. Hier ein Auszug:

„Liebe Lydia! Wir stehen im Rücken der ukrainischen Hauptstadt und greifen heute an. Nach einem Tagesbefehl des Generals Reichenau steht die russische Südfront vor dem Zusammenbruch. Ein schöner klarer Herbsttag bricht an, die Nebel sind gesunken, heute früh ein kaltes Hühnchen verzehrt, das nächste Quartier heißt wohl für 8 bis 10 Tage wieder Erdloch. Wenn Du diesen Brief hast, dann ist Kiew bestimmt schon genommen und unsere Truppen vielleicht schon am Don. Es scheint hier wohl vor dem Winter schon Schluss zu werden, viele herzliche Grüße an Dich, Liebste, an Ernst-Johann und Mäuschen und Wölfi – eben war Fliegeralarm – ist schon vorbei! In Treue und Liebe Dein Hellmut. 22.9. Es geht mir gut. Viele Grüße aus Kämpfen südöstlich von Kiew. Hellmut“

Stunden später für ihn das Erdloch, nicht für 8 bis 10 Tage – ein Erdloch für die Ewigkeit …

Trotz des dünnen Eises, auf dem sich die Beziehung zwischen Vater und Sohn bewegte, ist mir bis auf den heutigen Tag kaum nachvollziehbar, warum mich der Tod des Vaters innerlich so wenig berührt hat, dass ich mich geradezu dafür schäme. Dieser Tod war damals, wie in späteren Jahren, nur deshalb schmerzlich präsent, weil es einfach unübersehbar war, wie sehr die Mutter unter diesem Verlust litt. Unendlich schwerer geriet ihr Leben in den Nachkriegswirren als Flüchtling und Sozialhilfeempfängerin mit drei Kindern ohne den starken Mann an ihrer Seite. Noch heute steht das entsetzte Gesicht von Armins Eltern vor mir, als ich ihnen, wie beiläufig, vom Tod meines Vaters berichtete. Armins Mutter schüttelte ungläubig den Kopf: „Mein Gott, der Junge weiß noch gar nicht, was das für ihn bedeutet!“, platzte es aus ihr heraus. Mutter und Gisel schlichen tagelang weinend durch das Haus. Es bedrückte furchtbar. Der ältere Bruder ging mit seinen 14 Jahren auf die Mutter zu und versuchte zu trösten: Ab sofort werde er an Vaters Stelle treten und für die Familie sorgen! Wie rührend diese kindliche Fürsorglichkeit des älteren Bruders. Ausdruck bemühter Ernsthaftigkeit in schon sehr jungen Jahren. Ein Spiegel höchst unterschiedlicher Wesensart der Brüder: Mir wäre selbst in weit fortgeschrittenem Alter so viel Verantwortungsbewusstsein nicht in den Sinn gekommen. Zwei Jahre später wurde der Bruder als Flakhelfer nach Breslau abkommandiert. Wie auf alten Bildern dokumentiert, ein schmächtiges kleines Bürschchen, dem das Kind noch aus allen Knopflöchern schaute. Ich habe ihn zusammen mit der Mutter dort in Kraftborn bei Breslau besucht. Die Flakgeschütze haben schon sehr beeindruckt. Ursprünglich hätte sich der Bruder zur Waffen-SS melden sollen. Irgendwie war es gelungen, dies zu umgehen.






Zu dieser Zeit setzte die Kinderverschickung ein, mit der man Kinder aus den bombardierten Rüstungszentren im Ruhrgebiet in ländliche Regionen verfrachtete. Man wähnte sie dort sicherer untergebracht. So marschierte man eines Tages auf den kleinen Freystädter Bahnhof, um eine Schar von Kindern in Augenschein zu nehmen, die dort etwas verlassen auf dem Bahnsteig herumstanden und darauf warteten, von einer Freystädter Familie auf Zeit „adoptiert“ zu werden. Das Ganze erinnerte bedrückend an eine Art Sklavenmarkt. Unvergessen ein kleiner Junge, der einen Spielbaukasten in die Höhe hob: Seht her, wer mich nimmt, der kriegt den Baukasten gratis frei Haus! Beim Blick zurück wird deutlich: Zum ersten Mal entstanden Risse in meiner bisher so heilen kleinen Welt.

Lustiger ein Spektakel, das sich zu gleicher Zeit vor den Toren des Städtchens ankündigte. Nach vorab durch Lautsprecherwagen bekannt gemachtem Event pilgerte man zu einer grünen Wiese, auf der ein Galgen errichtet war, an dem eine mit Phosphor gefüllte Stabbombe baumelte. Die Feuerwehr war aufgefahren, aus dem Lautsprecher klang fröhliche Musik: „Am Abend auf der Heide, da küssten wir uns beide …“ Trotz der Absperrung, die das erwartungsvolle Publikum in gebührendem Abstand hielt, kam so etwas wie Volksfeststimmung auf. Nach einem Hornsignal löste sich die Stabbombe vom Galgen und landete ohne sonderlich spektakulärem Knall auf dem Boden. Aber es brannte wenigstens ein bescheidenes Feuerchen. Dies war das Signal für die Feuerwehr, in Aktion zu treten. Begleitend von erklärenden Worten aus dem Lautsprecher wurden die nutzlosen Löschversuche mit Wasser demonstriert. Anschauungsmaterial für die „Hinterlist des Feindes, der solch diabolisches Machwerk zum Einsatz bringt, um scheinbar hilflose Bürger umzubringen“, so schallte es über die Wiese. Aber eben nur scheinbar hilflos: Der deutsche Volksgenosse ist clever und weiß sich zu wehren, mit einigen Schaufeln Sand wird dem Spuk ein Ende bereitet. Mit dieser Botschaft: Seht her, der Krieg ist gar nicht so gefährlich, wurde man wieder in seine wohligen vier Wände nach Hause entlassen. Dies allerdings nicht ohne den mahnenden Hinweis, dass ab sofort in jedem Haus ein Sack Sand nebst Schaufel jederzeit griffbereit zur Verfügung stehen müsse. Jahre später mit den verwüsteten deutschen Städten konfrontiert, in denen beim Bombardement im Feuersturm zigtausend Menschen einen qualvollen Tod starben, tauchte immer wieder jener Abend auf der Wiese mit dem Galgen aus der Versenkung. Die damals als Happening inszenierte „Aufklärung“ erhielt einen kaum zu überbietenden bitteren Beigeschmack. Der Realität angemessen: Einzigder Galgen …

Mit acht Jahren, 1944, bekam ich Hitlers „Mein Kampf“ in die Hände. Noch gut in Erinnerung ging es schwerpunktmäßig um zwei Dinge. Erstens „Volk ohne Raum“ und zweitens „das Judentum als Kern allen Übels“. Das erste erschien so eindrücklich begründet, dass man keinen Widerspruch dagegensetzen mochte. Es war, bei dem mir als Kind sehr begrenzten Zugang zur Realität, zumindest nachvollziehbar. Es schien dringend geboten, das Großdeutsche Reich baldmöglichst größer werden zu lassen als es schon war. Punkt zwei blieb dafür umso rätselhafter. Daraus machte ich auch gegenüber der Mutter keinen Hehl. Ihre Replik war kurz und knapp: „Das wirst du erst verstehen, wenn du älter bist!“ Später verstand ich, warum die Mutter damals nicht wagte, eindeutig Stellung zu beziehen: Es wäre viel zu gefährlich gewesen, mir recht zu geben. Kinder neigen nun einmal dazu, am falschen Ort das Richtige zu sagen … Wenn es in Freystadt Juden gegeben haben sollte, war es mir nicht bekannt. Auch von deren tatsächlicher Verfolgung erfuhr ich erst, nachdem das Tausendjährige Reich bereits seinen Geist aufgegeben hatte. Den ganzen Umfang der Gräuel sogar erst 1955 – ein Jahr vor meinem Abitur! – als im Rahmen des Geschichtsunterrichts Filme gezeigt wurden, die Amerikaner 1945 nach der Eroberung von Konzentrationslagern gedreht hatten. Das Bildmaterial machte vor Entsetzen sprachlos. Die Eltern waren sich der Gefahr, die Juden damals drohte, durchaus bewusst: Seraphim, unser Familienname, konnte als hebräischer Plural durchaus ein Hinweis auf jüdische Abstammung sein. Grund genug für Vaters Bruder, Erhardt Seraphim, sich in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts intensiv mit Ahnenforschung zu beschäftigen. Das Ergebnis seiner Bemühungen: Die Familie sei im 12. Jahrhundert, im Rahmen der Ostkolonisation, vom Rheinland aus auf Wanderschaft gegangen. Dabei hat sich der Stamm gespalten: Eine Linie ging nach Nordosten, eine nach Südosten. Inzwischen sprach alles für das Reset: Zurück auf Anfang – eine baldige Wanderung zurück Richtung Westen …

Dementsprechend gab es im Inneren des Hauses Hessestraße 3, um den Januar 1945, auffällige Veränderungen. Der Geschützdonner der Ostfront war Anlass, meine Schlafstatt vom ersten Stock in das wohl für sicherer gehaltene Damenzimmer im Erdgeschoss zu verpflanzen. Im Nebenzimmer stapelten sich zusammengerollte Teppiche. Wofür das alles? Man wollte wohl für eine schnelle Evakuierung mit Sack und Pack vorbereitet sein. Diese lief schon seit Wochen auf vollen Touren. Aus Ostpreußen wälzten sich lange Trecks von Pferdefuhrwerken durch Schlesien. Eine Karawane des Elends mit vermummt auf dem Wagen schwankenden, unglücklichen Gestalten. Zugedeckt mit ihrem Bettzeug, dennoch nur unzureichend geschützt der bitteren Winterkälte ausgesetzt. Es kursierten bedrückende Erzählungen von erfrorenen Säuglingen, die man im Schnee längs der Straße abgelegt zurückgelassen auffand. Ein hart gefrorener Boden verhinderte die Bestattung vor dem Weiterziehen. Zusammen mit der Schwester folgten wir einer vom Roten Kreuz angekurbelten Hilfsaktion und schmierten im Akkord Schmalzbrote für die durchziehenden Flüchtlinge.

Die Mutter hatte schon 1944, mehr oder weniger freiwillig, an der Heimatfront mitgewerkelt. Sie lötete an Schalttafeln, die in die Elektronik deutscher Flugzeuge „für den Endsieg“ eingebaut werden sollten. „Sie lötete für Deutschland“ wie Vetter Jörg einmal so nett, anlässlich einer Geburtstagsfeier der Mutter Jahrzehnte später, formulierte. Die Klimmzüge an der Heimatfront waren gleichermaßen vielfältig wie rührend und ineffektiv. Das Winterhilfswerk, kurz WHW genannt, wurde ins Leben gerufen: Man sammelte Winterbekleidung für die Truppen an der Ostfront. Alle Skiausrüstungen sollten abgegeben werden – zur angeblich besseren Mobilität der deutschen Soldaten in Russland.

Über der Kreissparkasse in Freystadt prangte ein großes Transparent mit einem Aufruf, der an den ersten Weltkrieg erinnerte: „Gold gab ich für Eisen.“ Eines Nachts hatte jemand das Transparent entfernt und stattdessen ein anderes Plakat angebracht: „Der Adler ist ein kluges Tier, er frisst das Gold und scheißt Papier“ stand da zu lesen. Natürlich wurde dieses „Dokument übelster Volksverhetzung“ umgehend beseitigt und eine Belohnung von tausend Reichsmark für denjenigen ausgesetzt, der Angaben für die Ergreifung der Übeltäter machen konnte. Doch schon wenige Tage später prangte erneut ein im Schutze der Nacht angebrachtes Plakat an gleicher Stelle: „Tausend Mark was heißt’s? Von dem was er frisst oder von dem was er scheißt?“ Die Initiatoren dieses „Plakatkrieges“ kann man nur bewundern. Einerseits ob ihres sarkastischen Humors, der sie in dieser ernsten Zeit nicht verlassen hatte, andererseits ob ihres Mutes, denn sie mussten sich darüber im Klaren sein, dass man sie umgehend standrechtlich erschossen hätte, wäre man ihrer habhaft geworden.

Mit dem rollenden Geschützdonner war es um die Ruhe in der verträumten kleinen Kreisstadt im Januar 1945 geschehen. Der Kampf im Osten tobte am Oderübergang, nur 14 km von Freystadt entfernt. Eine Kakophonie aus johlenden Stalinorgeln und dem Trommelfeuer deutscher Geschütze. Da tauchte eines Abends, unvermittelt wie ein Bote aus fremden Sphären, eine gespenstische Gestalt auf. Ein Landser, hereingeschneit aus winterlicher Kälte, rieb sich die klammen Finger auf dem Küchenstuhl neben dem Herd. Unrasiert und abgerissen mit aschfahlem Gesicht und unendlich müden, tief in den Höhlen liegenden Augen. Sie wirkten erloschen und schienen in der Ferne etwas zu suchen, das unerreichbar jenseits des Raumes lag. Auf die Frage nach dem Woher und Wohin strich er sich langsam die wirren Haare aus der Stirn – und schwieg. Nach einigen Minuten – so als müsse er sich jedes einzelne Wort überlegen: „Bin mit meiner Knarre nach unten zwischen russischen Panzern durchgelaufen. Haben mich überhaupt nicht registriert. Dauert nicht mehr lange, dann sind sie da.“ Wie ein monolithischer Eisblock taute er langsam in der Wärme der Küche und der spürbaren familiären Geborgenheit ihrer Bewohner auf. Nur stockend berichtete er vom fast ungeordneten Rückzug der deutschen Truppen. Während ihm die Mutter in aller Eile Spiegeleier briet, stellte sie die Frage, die sie schon seit Wochen umtrieb: „Wohin soll ich mit meinen Kindern?“ Er zuckte hilflos mit den Schultern, beugte sich langsam vor, machte eine müde, weit ausholende scheinbar ins Unendliche deutende Armbewegung. Flüsternd, kaum hörbar aber doch eindringlich, stieß er hervor: „Abhauen, in Richtung Westen, so schnell wie möglich“, um nach kurzer Pause hinzuzufügen: „Solange das noch geht.“ Mehr war nicht aus ihm heraus zu holen. Er verschlang in wenigen Minuten sein Essen. Dann wankte er wortlos in Begleitung seiner abgewetzten Umhängetasche, an der die Feldflasche neben einem leeren Kochgeschirr baumelte, zu der rasch für ihn im ersten Stock zubereiteten Schlafstatt. Am nächsten Morgen war er, so wie gekommen, still und geheimnisvoll verschwunden. Wieder untergetaucht in einer für mich irrealen Welt, die in nichts mit einem behüteten Kinderdasein in Deckung zu bringen war. Es gibt Begegnungen, die sich unauslöschlich in die Festplatte eines Menschen einprägen. Die dazu passenden Worte fand schon vor Jahrhunderten Erasmus von Rotterdam: „Dulce bellum inexpertis“ – Süß ist der Krieg nur für jene, die ihn nicht kennen.






Es muss in den frühen Morgenstunden Anfang Februar zwischen 5 und 6 Uhr gewesen sein. Die Türe zur Schlafstätte wurde jäh aufgerissen, das helle Deckenlicht fast gleichzeitig blendend eingeschaltet. So roh und obendrein zu noch nachtschlafender Zeit hatte mich die Mutter noch nie aus dem Schlaf gerissen. Außerdem war sie sofort wieder aus dem Zimmer gelaufen, hatte mich nicht, wie sonst morgens üblich, liebevoll auf der Bettkante sitzend, wach geküsst. Der achtjährige Junge spürte sofort: Hier war alles auf Alarm gebürstet. Eine völlig neue Erfahrung. Kontrastprogramm zur bisher so behüteten Kindheit. Ein Bündel dicker Winterkleider flog auf die Bettdecke, ehe die Mutter weiter hastete. „Aufstehen! Anziehen!“, rief sie schon im nächsten Raum entschwindend. Da schwang viel gebieterischer Druck in ihrer Stimme. Völlig neu und zusätzlich zur Prozedur des ungewöhnlichen Weckvorganges so verwirrend, dass mein anfänglich aufkeimender Unmut umgehend erlosch. Während des Anziehens tauchte die Mutter erneut auf: „Wir müssen weg! Der Russe kommt!“ Kurz daraufhatte sich die ältere Schwester gähnend neben der Mutter am Esstisch eingefunden. Vor ihnen stand dampfend eine in Windeseile mit Brühwürfeln zubereitete Nudelsuppe. „Junge, trödle nicht rum. Fraglich wann wir wieder etwas zwischen die Zähne bekommen!“ Der Junge stocherte lustlos in dem vor ihm stehenden Suppenteller. Die Aufregung schnürte den Magen zu. Ich wickelte mich in die letzte Zwiebelschale der warmen Winterkleidung, die zuvor noch auf der Bettdecke gelegen hatte. Dabei entdeckte ich auf der Kommode einen kleinen Zettel – Relikt der Ski-Spende für das „Winterhilfswerk“ zugunsten „unserer tapfer kämpfenden Truppen an der Ostfront“. „Soll der hier liegen bleiben?“ Die Mutter schaut den Jungen verstört an: „Sonst keine Sorgen?“ Das Gesicht der Mutter, eine einzige Mischung aus Angst und gehetzt sein. Vor einer halben Stunde hatte man an die Haustür geklopft: In wenigen Stunden verließ der letzte Zug Freystadt in Richtung Westen. Vielleicht die letzte Möglichkeit, den Russen auf dem Schienenweg zu entkommen. Vor wenigen Tagen war spät abends so schemenhaft der desertierte, unrasierte und unendlich müde Landser in abgerissener Wehrmachtsuniform aufgetaucht. Am nächsten Morgen so unvermittelt verschwunden, wie zuvor hereingeschneit.

Beim Gang zur Haustüre tragen die beiden Kinder je einen kleinen, die Mutter einen großen Rucksack. Ich habe zusätzlich einen Zettel in Cellophan um den Hals: mit Namen, Geburtsdatum, Herkunft und als Reiseziel Süddeutschland. „Falls wir uns verlieren – man kann ja nie wissen.“ Ich fühlte mich kindlich entmündigt und begehrte gegen die fürsorgliche Plakatierung auf. Doch die Mutter blockte energisch jede Diskussion ab. Sie zieht die Haustüre von außen zu, verharrt einen Moment unschlüssig auf der obersten Stufe, den Blick auf den Schlüssel in ihrer Hand gerichtet. Abschließen? Offen lassen? Für wen? Dann gibt sie sich einen Ruck, steckt entschlossen den Hausschlüssel in das Schloss ohne abzuschließen. Als sie sich umdreht, huscht ein kurzes wehmütiges Lächeln über ihr Gesicht. Es erscheint plötzlich um Jahre gealtert. Die Oberlippe zittert. Der Schlüssel in ihrer Hand: Symbol einer von Endgültigkeit geprägten Entscheidung. Besiegelt der unwiederbringliche Verlust einer stolzen Epoche. Willkommen in ungewisser Zukunft!





1945

Auf der Flucht


Dann stapften drei vermummte Gestalten mit ihren Rucksäcken die Hessestraße hinunter, Richtung Bahnhof. Nach wenigen Metern ging die Mutter noch einmal in das Haus zurück. Die Schwester lief langsam weiter Richtung Bahnhof, ich sollte warten. Es dünkte eine Ewigkeit, bis die Mutter endlich zurückkam. Zum ersten Mal seit Vaters Tod sah ich wieder Tränen in ihren Augen. Sie hatte wohl vergeblich nach irgendwelchen Dokumenten gesucht. Auf dem Bahnhof gab es keinen Personenzug, sondern ausschließlich einen Güterzug mit unter Dampf stehender Lok. „Der geht Richtung Westen“, so der Stationsvorsteher. Mehr wusste auch er nicht; weder Abfahrtszeit, geschweige denn sein Ziel im Westen. Also kletterte man mit vielen anderen Freystädtern in die mit Stroh ausgelegten Viehwaggons und harrte dort, auf dem Boden sitzend, der Dinge, die da kommen sollten.

Langsam setzte sich der Zug ruckelnd in Bewegung. Die Türe des Waggons war einen Spalt weit offen geblieben. Der Blick schweifte über die im Sonnenlicht vorbeifliegende, glitzernde Schneelandschaft. Ich fand alles nur noch spannend. Mit einem Personenzug war man ja schon oft unterwegs gewesen. Aber ein Viehwaggon mit während der Fahrt halb geöffneter Tür, das hatte schon was Besonderes, war Abenteuer pur. Immer wieder wurde, oft auf freier Strecke, angehalten und somit das Problem des „Spatenganges“ gelöst. Man schlug sich seitwärts in die Büsche, ehe der Transport nach ausgedehntem Pfeifkonzert des Lokführers wieder Fahrt aufnahm. Irgendwann war dann an einem Bahnhof Endstation. Es begann die Zeit des Wartens. Die Züge schienen alle nur noch Richtung Westen programmiert. Als ob man gewiss sein dürfte, was dort zu erwarten sei. Aber es galt wohl als Ausdruck stiller Übereinstimmung: alles, nur nicht den Russen in die Hände fallen! Auf den Bahnsteigen herrschte atemberaubendes Gedränge, gepaart mit Ungewissheit. Wann fährt welcher Zug wohin? Wenn es überhaupt Lautsprecherdurchsagen gab, waren sie in dem Tumult kaum zu verstehen und obendrein sehr vage. Im Bahnhof stehende Züge waren bis auf die Trittbretter völlig überfüllt, Mütter riefen verzweifelt die Namen ihrer abhandengekommenen Kinder. Wenn ein leerer Zug einlief, wurde dieser nach allen Regeln der Kunst gestürmt. Koffer blieben zunächst auf dem Bahnsteig stehen und wurden anschließend durchs offene Fenster nachgereicht, ehe man auf gleichem Weg folgte.

Irgendwann bei Kattowitz tauchte ein Mädchen, ca. 14 Jahre alt, im Zugabteil auf. Ihre Augen flackerten in tief liegenden Höhlen und mit zittriger Stimme bat sie um ein Stück Brot. Dabei schwankten die Hände weit ausgestreckt flehentlich von einem Mitreisenden zum nächsten. Die Mutter griff in ihren Rucksack, zauberte einen Brotlaib hervor, schnitt einen Ranken ab und legte ihn wortlos in die Hände des Mädchens. Das blasse Gesichtchen verschwand fast vollkommen hinter dem Brot. Vor meinen staunenden Augen war das Brot nach wenigen Minuten mit beiden Händen gierig in den Mund geschoben und herunter geschlungen. Eine Mitreisende murmelte betroffen: „Mein Gott, wir wissen ja selber nicht, wann wir uns irgendwo wieder etwas zu essen besorgen können.“ Damit traf sie den Nagel auf den Kopf. Die Mutter war die einzige geblieben, die sich von einem Teil der Notration für sich und die Kinder getrennt hatte. Ich spürte instinktiv: Was bisher als spannendes Abenteuer erlebt wurde, barg auch bedrohliche Aspekte, die ich bisher gnädig aus meinem kindlichen Gemüt verdrängt hatte. Gleichzeitig damit verbunden geriet die Mutter neben mir zum unerschütterlichen Fels in der Brandung. Vorsorgend gegen alle Gefahren gewappnet.

In Leipzig war vorübergehend wieder Endstation. Die Rumpffamilie – der Bruder befand sich ja noch in Breslau – landete in einem Bunker. Hier kampierten, wieder in drangvoller Enge, auf Notliegen Hunderte von Flüchtlingen in gespenstischem Halbdunkel. Die Luft zum Schneiden dick. Angstschweiß entwickelt eine besondere Duftnote. Hier geriet sie zu unverkennbarer Dominanz. Das Rote Kreuz sorgte für Nudelsuppe. Sie wurde von der Mutter vorsorglich, nach dem Motto: „Zucker sparen grundverkehrt, der Körper braucht ihn, Zucker nährt“, mit diesem Kräfte spendenden Zaubermittel aus ihrer Notration angereichert. Diese Kombination war gewöhnungsbedürftig. Aber es gab zu jener Zeit noch ganz andere Dinge, an die sich zu gewöhnen erheblich mehr Überwindung kostete … Bis auf den heutigen Tag keine Nudelsuppe, ohne den Gedanken an diesen Zuckergeschmack auf der Zunge und an diesen Bunker in Leipzig. Für ein Kind geriet dieses Szenarium bald zu einer ätzend langweiligen Komponente seines Abenteuers. Für mich nicht mehr erinnerlich, wie lange sich dieser Abschnitt der Flucht hinzog. Auf jeden Fall war ich der Mutter sehr dankbar, als sie eine innere Unruhe ergriff, uns Kinder bei der Hand nahm, um wieder dem Abenteuer Bahnhof zuzustreben.

Der Rest der Reise ist im Gedächtnis nicht mehr abrufbar. Ich erinnere mich aber noch sehr deutlich daran, plötzlich energisch wach gerüttelt worden zu sein. Es war stockdunkel. Immer noch hundemüde stolperte ich an der Hand der Mutter durch die bitterkalte Februarnacht. Ein vor Heißhunger brennendes Feuer in der Magengegend. Da standen wir, frühmorgens gegen vier Uhr vor einem Haus neben dem Marktplatz in dem kleinen schwäbischen Städtchen Murrhardt bei Backnang. Die Mutter drückte auf eine der zahlreichen Klingelknöpfe eines großen Hauses. Schlotternd vor Kälte spähte man gebannt in die Nacht. Rührt sich was? Noch heute sehe ich beim Blick in einen klaren Sternenhimmel die Giebelumrisse dieses Hauses unter den in der Kälte flimmernden Sternen. Wer um alles in der Welt nimmt zu nachtschlafender Zeit eine unbekannte Mutter mit zwei Kindern bei sich auf!? Am liebsten hätte ich mich auf der Stelle hingelegt. Schlafen und nicht mehr aufwachen, der einzige Wunsch. Dann kam alles ganz anders. Die Mutter rief zu einem sich oben öffnenden Fenster hinauf. Es schloss sich, nachdem von dort nur ein einziges Wort zu hören war: „Allmächtiger!“ Lichter gingen an, und eine Stunde später lagen die drei Wanderer zwischen den Welten mit einer großen Portion Grießbrei im Bauch in den noch warmen Betten zweier mir völlig unbekannter alter Damen. Ein Erlebnis, das in der Seele eines achtjährigen kleinen Jungen tiefe Spuren hinterlässt. Gerührt von so viel Hilfsbereitschaft beschloss ich: Sollte ich später einmal zu Geld und Einfluss kommen, will ich notleidenden Menschen wieder ein wenig von dem zurückgeben, was eben dankbar empfangen wurde. Erst am nächsten Tag wird realisiert, dass die zwei alten Damen der Mutter gar nicht so unbekannt waren. Die beiden Schwestern, Edith und Marta Horn, waren der Mutter in ihrer jugendbewegten Wandervogelzeit begegnet. Damals, so erfuhr ich später, hatten sich die beiden Schwestern Horn in den Bruder der Mutter unglücklich verliebt. Es war ein meine Zukunft prägendes Erlebnis. Ich konnte nicht ahnen, zu welchen Ufern dies später noch tragen sollte. Auf jeden Fall stand ich an der Schwelle eines völlig neuen Lebensabschnitts.




Willkommen in Schwaben


Wir waren bei den Schwestern Martha und Edith Horn in einer recht abgelegenen Ecke des Schwabenlandes, dem kleinen verträumten Murrhardt mit ein paar tausend Einwohnern gestrandet. Inhaber eines geradezu klassischen Tante-Emma-Ladens. Damals noch ein nicht wegzudenkender Anker des täglichen Bedarfs in einem Ozean des Mangels. In dem Geschäft „Horn am Markt“ lagerten neben einem bescheidenen Fundus an Grundnahrungsmitteln wie Mehl und Zucker für die Einwohner auf Lebensmittelkarten, Reste von Stoffballen, Häkeldecken, Nähseide, Wolle, Stricknadeln, Reinigungsmittel für den Haushalt. Unter anderem ein Pulver zur Zahnreinigung in kleinen Pappschachteln, auf dem ein Tiger mit grellweiß blitzenden Zähnen um die Gunst des Kunden buhlte. Dieser Tiger mit der Pappschachtel hatte es mir besonders angetan. Schon nach wenigen Tagen machte ich mir zur Aufgabe, den etwas schleppenden Umsatz dieses Wohltäters der Zahngesundheit anzukurbeln. Sobald ich durch das Fenster der Ladentüre einen Kunden erblickte, öffnete ich von innen und hieß ihn mit freundlichem Diener willkommen. In den ersten Tagen sorgte das für einen meist dankbar registrierten Überraschungseffekt. Später begegnete man sich mit einem freundlichen Lächeln des Wiedererkennens. Beim Verlassen des Ladens kam der Moment der Bewährung: Noch ehe ich erneut die Ladentüre öffnete, fragte ich mit einem Lächeln, das mindestens ebenso viel Zahn zeigte wie der Tiger auf der Schachtel: „Haben der Herr/die Dame auch noch einen Vorrat dieses vorzüglichen Zahnreinigungsmittels?“ Neben dem nicht zu leugnenden Klein-Jungen-Charme verfehlte das Wörtchen „Vorrat“ in einer Zeit des Hamsterns nicht seine Wirkung. Der Verkauf florierte, eine telefonische Zusatzbestellung beim Großhändler wurde fällig und ich sah mich schon als den großen Zampano, der den Laden zu ungeahnten Höhenflügen führt. Leider währte dieses Glück der Selbstbestätigung nicht lange: Entweder putzten sich Murrhardts Bürger zu selten die Zähne, oder der Schachtelinhalt war vom Hersteller zu großzügig bemessen. Vielleicht krankte es auch an der geringen Einwohnerzahl. An der Konkurrenz konnte es nicht liegen – „Horn am Markt“ war konkurrenzlos! Wie auch immer, der Umsatz stagnierte alsbald deutlich. Für mich das Signal, sich nach einer anderweitigen Spielwiese umzusehen.

Gegenüber vom Wohn-Geschäftshaus, in dem man Obhut gefunden hatte, stand die Volksschule, aus der die Schüler – immer wenn die Sirenen „akute Luftgefahr“ signalisierten, in Scharen herausströmten. Dabei ertönte aus Dutzenden von Kehlen ein „sauet, sauet!“, worauf ich mir keinen Reim machen konnte. „Des hoißt so viel wie reufla“, wurde ich von den Geschwistern Horn beschieden, was den Tatbestand nicht transparenter machte. Die Mutter half nach: „Lauft schnell“ war die Devise und die wurde zu damaliger Zeit fast täglich ausgegeben.

Wann immer sich feindliche Flugzeuge Murrhardt näherten, wurde dieser Mechanismus in Gang gesetzt. Sehr sinnvoll war das nicht, denn es handelte sich immer um Bomberverbände, die mittlere Großstädte mit nennenswerten Industrie- und Rüstungsanlagen zum Ziel hatten. Mit beiden Attributen konnte Murrhardt erfreulicherweise nicht dienen. So geriet die häufige Unterbrechung des Unterrichts zu einer Art Happening, was die Schüler freute. Der Rest der Bevölkerung nahm das Sirenengeheul gar nicht mehr zur Kenntnis.

Diese Sorglosigkeit sollte sich eines Tages als trügerisch erweisen. Es war zur Zeit der Schlüsselblumen, als ich zusammen mit einem Spielkameraden, auf einer Wiese oberhalb von Murrhardt, sogenannte „Judenstrickle“ rauchte. Auf Fingerlänge zurechtgeschnittene trockene Lianen, deren Rauch die Schlüsselblumenblüten beim Durchblasen braun färbten. Wieder einmal zog einer der Bomberverbände über Murrhardt hinweg, als sich plötzlich ein begleitendes Jagdflugzeug aus dem Verband löste, um sich wie ein Habicht auf eine im Bahnhof unter Dampf stehende Lokomotive zu stürzen. Die Bordgeschütze ratterten und schlugen Löcher in den Kessel der Lok, aus denen der Dampf zischte. Fasziniert starrten wir auf das Geschehen. Der Jäger drehte ab, zog nach oben und raste bei diesem Manöver auf die Wiese zu, auf der wir saßen. Plötzlich trat die Bordkanone erneut in Aktion. Die Geschossgarbe, eine Spur aufspritzender Erde vor sich her treibend, schoss in rasender Geschwindigkeit auf uns zwei Jungen zu. Reflexartig warfen wir uns rechts und links zur Seite. Wie vom Lineal gezogen hatte die Garbe genau die Mitte unseres ursprünglichen Sitzplatzes durchpflügt. In panischer Angst rannten wir dem Waldrand entgegen. Der Jäger raste noch einmal auf die Wiese zu. Inzwischen war aber der rettende Wald erreicht; wir warfen uns mit zitternden Knien auf den Boden, minutenlang unfähig, auch nur einen Ton von uns zu geben. Betreten und immer noch vor Angst schlotternd, schlichen wir nach Hause. Man verabredete, nichts von dem Vorfall zu erzählen. Ich, um der Mutter nicht noch nachträglich Angst einzujagen. Mein Spielkamerad befürchtete Prügel wegen Herumtreibens bei „akuter Luftgefahr“.

Die Geschwister Horn, von den beiden Kindern Tante Edith und Tante Martha genannt, bildeten ein etwas altjüngferliches, aber liebevolles Paar. Edith war die Fröhlichere von beiden. Martha meist leicht fröstelnd, mit häufig laufender Nase und unvermeidlicher Wolljacke nebst Schal ausstaffiert. Sie vermittelte immer einen Hauch von Autorität ausstrahlender Unnahbarkeit. Die Ernährung, den allgemeinen Umständen entsprechend recht spartanisch, wurde zusätzlich durch eine kräftige Prise naturverbundenen Gedankengutes angereichert. Neben Kathreiner spielten verschiedenste Teeaufgüsse und die Lehre des Sebastian Kneipp eine oft gerühmte und auch praktizierte Rolle im Tagesverlauf. Auf der lausig kalten Toilette baumelten an gebogenem Draht, sorgsam in handliche Quadrate geschnitten, ältere Ausgaben des „Murrhardter Boten“. Gelegentlich, etwas weniger benutzerfreundlich, auch Werbebroschüren auf Hochglanzpapier aus dem Laden. Daneben gemahnte ein Plakat mit der Aufschrift „Schließlich tuet jeder klug, wenn er wieder füllt den Krug“ für rechtzeitigen Wassernachschub nach Erledigung eines umfangreicheren Geschäftes Sorge zu tragen. Woraus sich ergibt, dass es sich bei der vorhandenen Toilette um einen fortschrittlichen Donnerbalken handelte, bei der Abfallgrube und Toilettenschüssel durch einen mit Handgriff zu betätigenden Metalldeckel getrennt war. Das garantierte, insbesondere in der wärmeren Jahreszeit, eine als durchaus angenehm empfundene Verringerung der Geruchsbelästigung.

Nach dem recht regelmäßig praktizierten sonntäglichen Kirchgang in der nahe gelegenen schönen alten romanischen Walterichskapelle galt es, die im Laden eingesammelten, in Pappkartons aufbewahrten Abschnitte der Lebensmittelkarten getrennt nach Nahrungsmittel mit Kleister zu bepinseln und auf Papier zu kleben. Die Abgabe dieser Bögen im Rathaus war Voraussetzung für den Lebensmittelnachschub im Laden.






Es ließ sich wohl nicht vermeiden, dass eines Tages meine Anmeldung in der gegenüberliegenden Schule nicht länger zu umgehen war. Nach eingehender Ermahnung zu Fleiß und Gehorsam übergab mich die Mutter hoffnungsvoll an der Klassenzimmertüre einer Lehrerin, die gerade einen Aufsatz schreiben ließ. Das Thema prangte in großen Druckbuchstaben an der Tafel: „Wie schüre ich meinen Ofen?“ Inzwischen hatte ich zwar schon etwas intensivere Einblicke in die ortsübliche Sprache gewonnen, aber „schüren“ war mir noch nicht begegnet. Immerhin reichte der Grips schon so weit, um sich auszurechnen, dass es sich dabei wohl um das Anfeuern des Ofens handeln müsse. Was sollte man sonst auch schon mit einem Ofen, schulaufsatztauglich betrachtet, anderes anstellen?

Ob meine Ausführungen vor der Lehrerin Gnade fanden, war später nicht mehr erinnerlich. Wohl aber der zusätzliche Sprachgewinn bei der Tage darauf erfolgten Rückgabe der Aufsätze. Hier erschloss sich mir erstmals, dass „Spächtele“ aus in Kleinstteilen zerlegten Holzscheiten gewonnen werden, und was in Schlesien raucht in Schwaben „ruaselet“. Wie auch immer: Hochdeutsch war offensichtlich nicht das bevorzugte Idiom dieser Stätte kindlicher Wissensvermittlung … Mir sollte es recht sein: Auf diese Weise beschleunigte sich die sprachliche Integration des Kindes mit Migrationshintergrund, wie man dies, medientauglich-geschliffen, später einmal formulieren würde. Auch das zwischenmenschliche Miteinander gedieh prächtig – Kinder sind sehr flexibel, wenn man sie nur lässt.

Schräg hinter der Schule stand eine Baracke, in der – es muss wohl Anfang März 1945 gewesen sein – ein Trupp amerikanischer Kriegsgefangener untergebracht war. Bewacht von einigen deutschen Angehörigen des Volkssturms. Deutschlands verzweifeltes letztes Aufgebot an Rentnern, Asthmatikern und sonstigen nicht mehr wehrtauglichen Rettern des „Großdeutschen Reiches“. Die Bewachten fielen durch ihre hervorragende Ausrüstung auf: Die Schuhe mit hohen Profilsohlen und aus widerstandsfähigem Leder bildeten einen grotesken Kontrast zum ärmlichen Schuhwerk ihrer Bewacher. Es war auf den ersten Blick erkennbar: Das war eine Qualität, von der der deutsche Volksgenosse nur träumen konnte. Sie lagen meist in einer weit geöffneten Tür, die einem überdimensionalen Garagentor ähnelte, und blinzelten mit seltsamen permanenten Kaubewegungen, die verdächtig an Kühe auf der Weide erinnerten, in die ersten Strahlen der Frühjahrssonne. Sie sahen sehr gelassen in ihre Zukunft. Allen war klar: Es war nur eine Frage von kurzer Dauer, bis aus den Bewachten Bewacher werden würden. Hier sah ich auch zum ersten Mal Menschen schwarzer Hautfarbe leibhaftig vor mir. Das Rätsel mahlender Kaubewegungen sollte sich erst später lüften.






Etwa zu gleicher Zeit tauchte, wie Zieten aus dem Busch, auch der ältere Bruder auf, womit so schnell niemand gerechnet hatte. Gebannt lauschte ich den Schilderungen über seine Odyssee als Flakhelfer in Breslau zum sicheren Murrhardt. Er hatte wirklich mehr Glück als Verstand. Die meisten Mitschüler seiner Klasse waren ebenfalls zu den Flakhelfern nach Breslau abkommandiert worden. Er mit Abstand der kleinste und schmächtigste von allen. Es sollte seine Rettung werden. Eines Tages baute sich der Kompaniechef beim Morgenappell vor ihm auf und sagte: „Mensch, du bist ja so klein, dass du nicht mal über den Schützengraben rausgucken kannst, da brauchen wir ja eine extra Leiter für dich. Du bist uns hier nur im Weg, sieh dass du heimkommst zu Muttern!“ Sprach’s und stellte ihm einen vorläufigen Entlassungsschein nach Leipzig aus. Dort meldete er sich als Deutschlands letzte Wunderwaffe im Aufgebot gegen den Volksfeind auch brav auf der Ortskommandantur. Ein zufällig anwesender Feldwebel nahm sich seiner dankbar an: „Du kommst gerade recht, wir stellen eben eine Einheit zusammen, die an die Ostfront verlegt wird.“ In diesem Augenblick klingelt das Telefon. Der Feldwebel, den Hörer am Ohr, schlägt die Hacken zusammen: „Jawohl Herr Major, komme sofort Herr Major!“, wirft den Hörer auf die Gabel und befiehlt beim Verlassen des Zimmers barsch: „Du wartest hier!“ Kurz darauf betritt ein Hauptmann das Zimmer; er betrachtet den Dreikäsehoch in Uniform ausgiebig von oben bis unten: „Was in aller Welt willst du denn hier?“ „Ich soll an die Ostfront verlegt werden, Herr Hauptmann.“ Der Offizier lässt sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch fallen. „Du lieber Himmel, jetzt sollen wir schon mit Kindern den Krieg gewinnen! Wo steckt denn die Familie?“ Minuten später verlässt der Bruder mit einem Entlassungsschein nach Stuttgart in Windeseile die Kommandantur, ehe es sich irgendein Endsieg-Enthusiast noch einmal anders überlegen könnte. Breslau war inzwischen zur Festung erklärt worden. Von allen Schulkameraden, letztendlich ja alles noch Kinder wie er, sollte keiner überleben. Sie waren einfach ein paar Zentimeter zu groß …

Natürlich kannte der Jubel in Murrhardt keine Grenzen. Die Mutter war in Tränen aufgelöst; erst ganz allmählich wich die Anspannung der letzten Monate: Nur nicht neben dem Mann auch noch den Sohn im Krieg verlieren!

Ende April schlugen auch in Murrhardt die letzten Stunden des Großdeutschen Reiches. Die Amerikaner näherten sich dem kleinen Städtchen – eigentlich ja nur eine zu vernachlässigende Randerscheinung ihres schnellen Vormarsches. Unglücklicherweise lagen aber in den Wäldern um die Stadt versprengte Einheiten der Waffen-SS. In heroischer Nacht- und Nebelaktion sprengten sie ein wenige Meter langes Brückchen, das über die Murr führte. Dieses Rinnsal war eigentlich das ganze Jahr über bequem auch zu Fuß zu durchwaten, ohne dass das Wasser die Knöchel nennenswert überspült hätte. Kurzum, die strategische Bedeutung dieses Brückchens nebst Bach stand in keinerlei Verhältnis zu der Hingabe, mit der sich die SS dieser absurden „Verteidigungsmaßnahme“ annahm. Dafür fiel die Antwort der Amerikaner für Murrhardt umso drastischer aus: Das Städtchen wurde mit Brandgranaten beschossen. Währenddessen saß die Familie nebst den Geschwistern Horn bei Kerzenlicht im Keller und zuckte bei jedem Granateneinschlag zusammen. Es war das ungute Gefühl, völlig machtlos dem ausgesetzt zu sein, was da von draußen jeden Moment auf jeden einzelnen zukommen könnte: Qualvolles Leiden, schneller Tod oder nichts von allem? Nach einigen Stunden ließ der Beschuss nach, verebbte schließlich ganz. Der Bruder hatte sich nach draußen gewagt und kam bald mit der Nachricht zurück: Murrhardt brennt. Löschversuche hatte er nicht beobachtet. Man entschloss sich umgehend, noch in der Nacht mit dem nötigsten Gepäck hinauf in den kleinen bäuerlichen Weiler Waltersberg, oberhalb Murrhardt, zu begeben. Die Geschwister Horn kannten dort einen Bauern, der ihnen schon in der Vergangenheit mit seinen landwirtschaftlichen Produkten immer wieder ausgeholfen hatte, wenn ihr Lebensmittelkartendeputat erschöpft war. Diese Flucht in der Nacht mit Blick zurück auf das lichterloh brennende Murrhardt mit krachend einstürzenden Dachgiebeln und grell in den Nachthimmel aufschießenden Flammen und Funkenregen war ebenso unvergesslich wie der beißende Gestank nach verbranntem Holz, der in dichter Wolke über dem Städtchen hing. All das war so schaurig faszinierend, dass die Mutter die Kinder immer wieder antreiben musste, nicht stehen zu bleiben. Als Jahre später im Geschichtsunterricht der von Nero angezettelte Brand von Rom erörtert wurde, kam ich nicht umhin, in Erinnerung an die nächtlichen Bilder vom Brand in Murrhardt, diesem Despoten ein beachtliches Maß an Sinn für schaurig schöne Inszenierungen zuzubilligen.

Am nächsten Morgen sah man von Waltersberg aus immer noch den Rauch über der Stadt im Tal. Die Amerikaner waren rasch weitergezogen, man ging wieder zurück in das praktisch unbeschädigte Haus am Markt. Nur ein vom Granatsplitter durchbohrtes Eisenblech an der Eingangstüre zum Wohntrakt war am Haus selbst wie ein Wundmal von den Ereignissen der vergangenen vierundzwanzig Stunden zurückgeblieben. Wenige Meter vom Haus entfernt, auf der Seite zur Schule, riss eine Granate einen tiefen Trichter auf und einige Häuser am Markt waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Es herrschte eine gespenstische Stille, allerdings nur von kurzer Dauer. Die Amerikaner waren bis auf einige wenige verbliebene Posten abgezogen. Ihnen folgten Franzosen, sogenannte De Gaulle’sche Vergeltungstruppen, die sich zunächst über die restlichen Weinvorräte im Städtchen, dann – von Siegesrausch und Alkohol beflügelt – vereinzelt auch über einige Frauen der Bevölkerung hermachten. Dabei hatten die Gastwirte, in weiser Voraussicht, schon Tage zuvor, die meisten Weinvorräte kostenlos an die Murrhardter ausgeschenkt. Noch gut in Erinnerung, dass ich mehrmals mit einer Milchkanne bewaffnet, beim Gasthaus „Zum Engel“ am Marktplatz auf Anweisung der Geschwister Horn zwecks Unterstützung der Alkoholvernichtung aufgekreuzt bin. Damals allerdings noch unfähig, diese großzügige Spende gebührend zu würdigen: Das Gebräu schmeckte furchtbar! Den Geschwistern Horn war das um weitere Ingredienzien wie Honig und Nelken angereicherte Naturprodukt, leicht erhitzt im Sinne einer Art Glühwein, als Hausmittel sehr willkommen.

Die Herren aus Frankreich erwiesen sich zunächst nicht sehr chevalresque. Sie begannen zu plündern und vereinzelt in unsinniger Zerstörungswut Möbel aus den unbeschädigt gebliebenen Häusern auf die Straße zu werfen. Die ältere Schwester auf dem Dachboden zu verstecken erschien unter diesen Gegebenheiten keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme. Kurz darauf betraten auch schon einige französische Offiziere das Haus und erklärten die Wohnräume im Erdgeschoss für beschlagnahmt: Rekrutiert für eine Art Ortskommandantur. Man wusste die wenigen Französischbrocken, die der ältere Bruder aus dem Gymnasium herübergerettet hatte, durchaus zu schätzen. Dass er einmal als Soldat eingezogen worden war, kam ihnen gar nicht in den Sinn: Sie mussten sich ja geradezu zu ihm herunterbücken, wenn sie ihre Hand auf seinen Kopf legen wollten. Die Einquartierung erwies sich bald in mehrfacher Hinsicht als vorteilhaft. Jetzt waren Haus und Laden vor Plünderungen sicher. Eine kleine, an die Hausecke gemalte Trikolore diente als Zeichen des Sonderstatus, den das Haus ab sofort genoss. Nach wenigen Tagen hatten sich alte und neue Bewohner bei „Horn am Markt“ soweit aneinander gewöhnt, dass sich der Umgang zunehmend freundlicher gestaltete. Neben einigen Schokoriegeln wechselte ein ganzes Päckchen Kaugummi den Besitzer. Damit lüftete sich endlich das Rätsel um die dem Hornvieh ähnelnden permanenten Kaubewegungen, die ich Tage zuvor bei den gefangen genommenen Amerikanern noch nicht einzuordnen wusste.

Solch sich behutsam entwickelnden zarten Triebe erster Völkerverständigung zwischen Siegern und Besiegten ließen den Entschluss reifen, das Mädchenversteck aufzugeben. Dies natürlich nicht ohne ausgiebige verbale Vorbereitung. Die Offiziere fanden das alles sehr lustig, als die Schwester aus der Versenkung auftauchte und man war natürlich froh, dass sie das Versteckspiel nicht übel nahmen.






Eines Tages fuhr vor dem Hotel „Sonne-Post“ eine stattliche Anzahl von Nobelkarossen mit Mercedes-Stern auf der Kühlerhaube vor. Zum damaligen Zeitpunkt ein an Zahl und Glanz höchst ungewöhnlicher Aufmarsch deutscher Präzisionsarbeit. So drückten sich alsbald zahlreiche Kindernasen an deren Autoscheiben platt. Es sollten viele Monate vergehen, bis die Öffentlichkeit erfuhr, dass damals – mit Einverständnis der Alliierten – einige kluge deutsche Köpfe hier zusammentrafen, um die Grundzüge der neuen Verfassung des Landes Württemberg auszuarbeiten. Unter ihnen neben Carlo Schmid auch ein junger Mann namens Huber. Später Landrat des Ostalbkreises. Ich besuchte ihn kurz vor seinem Tod im Aalener Krankenhaus. Es gelang, dem müden alten Mann noch ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, als die Rede dies historische Ereignis streifte. Eine kleine Messingtafel erinnert an jenem Haus in Murrhardt an diese für das Land Württemberg historisch bedeutsame Zusammenkunft.

Die „Sonne-Post“ war damals aus noch ganz anderen Gründen bedeutsam. Es war der einzige Gasthof weit und breit, in dem zu jener Zeit wenigstens ab und zu – auf Lebensmittelmarken versteht sich – einigermaßen preiswert eine Mahlzeit eingenommen werden konnte, die diesen Namen ehrlich verdiente. Das heißt, es gab dort eine Bratwurst, die zwar höchstens zu etwa zehn Prozent aus Wurst bestand, aber die restlichen neunzig Prozent Brot, Kartoffeln und Quark waren so hervorragend gewürzt, dass man mindestens eine halbe Stunde anstehen musste, ehe man in der Gaststube einen Platz eroberte, um diesem Wunder schwäbischen Erfindungsgeistes die Ehre erweisen zu können. Es lag in der Natur damaliger Rationierungszwänge, dass dieses Bratwurst-Event beileibe nicht täglich und wenn, dann auch nur zeitlich sehr begrenzt zelebriert werden konnte. Da fügte es sich glücklich, den gleichaltrigen jüngeren Sohn des Wirtes als Spielkameraden zu haben. Es garantierte einen nicht zu unterschätzenden Informationsvorsprung bezüglich der Speisekarte. Beide Söhne dieses Wirtes namens Bofinger blieben in der Tradition der Familie und bewirtschafteten später im Neubau einen ganz hervorragenden, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Landgasthof. In diesem, aber auch schon zuvor im alten Gasthof, beobachtete ich gelegentlich einen Herrn namens Hans Bayer, wie er gemütlich vor einem Glas Rotwein sitzend, eifrig und gelegentlich schmunzelnd, mit einem Bleistift Notizen zu Papier brachte. Als seltsame Marotte war dessen Stammplatz regelmäßig durch eine bunte Kordel isoliert von jedweder Nachbarschaft abgegrenzt. In kindlicher Unbekümmertheit sprach ich die alte Frau Bofinger hinter der Theke auf dieses Kuriosum an. Noch heute präsent, der aus ihrem Dirndl wogende gewaltige Busen der alten Dame, als sie sich zu mir herunterbeugte, um zu erklären: „Bua, des verstoscht du net – der schreibt für Deutschland!“ Nun war ich um einen feuchten Traum reicher, aber, die Kordel betreffend, arm an Erkenntnis wie zuvor. Bekannt wurde der so sorgsam Eingehegte unter seinem Künstlernamen Thaddäus Troll. Mit unnachahmlich trockenem schwäbischem Humor schuf er so wunderbare Bücher wie „Deutschland, deine Schwaben“ oder „Der Entaklemmer“. Humorist und Clown haben nicht selten gemeinsam, dass es in ihrem Inneren gar nicht so lustig aussieht wie man vermuten möchte. Das galt auch für diesen Literaten, der als Nationalsozialist sich später nie verziehen hat, diesem Ungeist mutig entgegengetreten zu sein. Ihn plagten furchtbare Depressionen. Da sich Antidepressiva nicht mit Alkohol vertrugen, verbot ihm seine Ärztin den regelmäßigen Schoppen Rotwein. Am 5. 7. 1980 setzte sich dieses Denkmal deutscher Literatur mit einer Überdosis Schlaftabletten selbst ein Ende. Keiner hat den Schwaben, scharf beobachtend, bissig formuliert mit so viel Herz eingewickelt porträtiert wie er. In seinem Abschiedsbrief bat er, statt um Blumen oder Nachrufe, um eine Spende für „Pro Asyl“. Auf dem Sitzplatz hinter der Kordel in der „Sonne-Post“ zu Murrhardt war ich einem Mensch begegnet, von dem ich nicht ahnen konnte, wie viel uns im Geist miteinander verband. Ein Geist, der Jahrzehnte später Europa und teilweise auch meine geliebten Schwaben spalten sollte. „Arschlöcher gibt’s überall!“ wäre vermutlich sein freimütiger Kommentar dazu gewesen.

Obwohl sich 1945 die Versorgung mit Lebensmitteln in diesen ländlichen Regionen ungleich unproblematischer gestaltete als in den Großstädten, war auch im Hause „Horn am Markt“ diesbezüglich die Situation alles andere als rosig. Die Ankunft des Bruders verschärfte das Problem. Es bot sich deshalb an, den vielköpfigen Neuzugang dort unterzubringen, wo man in der Nacht des Feuerüberfalls schon einmal Zuflucht gefunden hatte: beim Bauern Bay in Waltersberg. Dieser stimmte zu und damit begannen für mich so etwas wie wie Ferien auf dem Bauernhof.




Ferien auf dem Bauernhof


„Zur rechten Zeit am rechten Ort, das schützt vor Hunger, Kälte, Mord“

Alte Spruchweisheit

Es war ein florierender Hof mit Kühen, Ochsen, Schweinen, Hühnern, Gänsen und sogar einer bescheidenen Nutriazucht in einem kleinen See hinter dem Wohnhaus. Technische Gerätschaften beschränkten sich ausschließlich neben Pflug und Egge auf einen Traktor, der sich aber gut in Schuss präsentierte – in damaliger Zeit eher ungewöhnlich. Dennoch verließ man sich bei der Fahrt auf die nicht weit voneinander entfernten Felder lieber auf die biologische Zugmaschine in Gestalt des Ochsens Herrmann. Ein Prachtexemplar von einem Tier, der alle anderen Vierbeiner im Stall an Größe deutlich überragte und gleichermaßen bedächtig, gutmütig sowie zuverlässig alle ihm gestellten Aufgaben erledigte. Herrmann hatte im Laufe seines Ochsendaseins gelernt mitzudenken. Er war in der Lage, ohne besondere Dienstanweisung aus seinem Erfahrungsschatz abzurufen, was von ihm erwartet wurde. Klapperten zum Beispiel die Milchkannen beim Aufladen hinter ihm auf dem Wagen, setzte er sich automatisch nach einem kurzen „Hüscht!“ in Richtung Murrhardt in Bewegung. Es bedurfte dann keiner weiteren Anweisungen. Er trottete quasi im Alleingang zielsicher rechts oder links abbiegend bis vor die ca. drei Kilometer entfernte Milchsammelstelle, wo er an der Rampe stehen blieb, um geduldig das Abladen der Kannen abzuwarten. Nach erneutem „Hüscht!“ trat er ebenso gewissenhaft wieder gemächlich den Heimweg an. Das war eine Beschäftigung so recht nach meinem Herzen: Hinten auf dem Wagen sitzen, still vor sich hin träumend mit dem Gefühl, zu etwas nutze zu sein. In diesen Zeiten aufregender Veränderungen ein Hort der Ruhe und Entspannung – die unverhoffte Win-Win-Situation schlechthin.

Insgesamt war aber für Erwachsene die Arbeit hart und anstrengend. Die Bäuerin heizte spätestens morgens um fünf Uhr den Herd in der Küche an, setzte einen Topf mit Kartoffeln auf und begab sich zum Melken der Kühe in den Stall. Wenn sie mit einem Eimer frischer, noch warmer Milch zurückkam, waren die Kartoffeln gekocht, alle anderen hatten mittlerweile um den Küchentisch Platz genommen. Eine Prise Salz auf dem Teller verhalf der ungeschälten Kartoffel in der Hand zu zusätzlichem Geschmack. Dazu trank man die noch warme Milch aus großen Bechern. Es ging meist sehr schweigsam zu, in dieser Morgenstunde. Ich empfand das tägliche Ritual als ausgesprochen wohltuend. Vergleichbar mit einer Art Morgenandacht, als Einstimmung auf die vor mir liegende Arbeit. Eine schweigende Gemeinschaft, in der sich alle noch einmal darauf besannen, was der Bauer am Abend zuvor beim Nachtmahl für den kommenden Tag an Arbeit vorgegeben hatte.

Nach dem Melken und Füttern der Kühe ging es mit dem Wagen hinaus zur Feldarbeit. Im Morgentau lässt sich das Gras besser mähen als in den Mittagsstunden. Ich lernte schnell den Umgang mit der Sense, war aber doch vorwiegend dafür verantwortlich, dass der vergorene Most in den mitgeführten Zinnkannen immer schön im kühlen Schatten lag. Das Vesper in Form von Speck, selbst gemachter Butter, Käse und im Holzofen gebackenem Brot, stand stets zur allgemeinen Verfügung. Man könnte auch sagen: Ich war für die Futterage zuständig. Essen wie Trinken und Wolfgang, eine lebenslänglich verlässliche Liaison. Garant für eine sichere Bank, die Leib und Seele zusammenhält. Die orale Phase, kein auf kindliches Daumenlutschen begrenztes Event. Bedenkt man, dass die Schule auf unbestimmte Zeit ihre Tore geschlossen hatte, wird nachvollziehbar, warum ich mich im Gras auf dem Rücken liegend und den blauen Himmel betrachtend, wie im Paradies fühlte. Genieße froh die Tage, des Lebens holde Gunst – auch wohldosierte Faulheit ist ein Stück Lebenskunst. Was für eine Insel der Seligen inmitten eines Ozeans von Zerstörung, Mangel, Leid und Verzweiflung! Getreu dem Motto, die Dosis macht das Gift, griff ich auch dann und wann zum Rechen, um das Gras zu wenden, oder mich sonst nützlich zu machen. Am späten Vormittag verließ die Bäuerin das Feld, um das Mittagessen vorzubereiten: Häufig mit Gurken angereicherter Kartoffelsalat, kaltem Braten, selbst gemachter Wurst oder Fleisch in Dosen aus eigener Schlachtung; manchmal aber auch nur eine Rinderbrühe mit abgeschmälzten Zwiebeln, Kartoffeln oder altbackenem Brot. Obligatorisch aber der sonntägliche Hühnerbraten mit Spätzle, der für Schwaben unvermeidlichen Soße und grünem Salat. Letzterer ebenso wie Bohnen, Tomaten, Kohl, Kartoffeln und Küchenkräuter aus eigenem Anbau. Es war das reinste Schlaraffenland ohne Lebensmittelkarten. Obendrein lieferten die zahlreichen Streuobstwiesen nicht nur Obst für den täglichen Gebrauch und zum Einmachen. Viel wurde zu Obstschnaps gebrannt, der dem Bauern zu einem schwunghaften Tauschhandel mit den französischen Besatzern verhalf. Im Gegenzug gab es Bohnenkaffee, Schokolade, Orangen, Bananen. Dinge, die ich bisher vorwiegend aus Bilderbüchern kannte.

Immer wieder klopften ausgehungerte Gestalten an die Tür; sie hofften – leider oft vergeblich – auch einen Zipfel von diesem Paradies zu erhaschen. Bevorzugtes Tauschangebot waren Teppiche, von denen der Bauer schon in kurzer Zeit so viel entgegengenommen hatte, dass er mit ihnen auch noch den Kuhstall hätte auslegen können. Erstaunlich früh dämmerte dem Achtjährigen: Zur rechten Zeit am rechten Ort, das schützt vor Hunger, Kälte, Mord.

Trotz des längeren Weges bestand die Mutter auf regelmäßig sonntäglichem Kirchgang. Anschließend trieb ich mich gerne noch ein bisschen in Murrhardt herum, während der Rest der Familie den Geschwistern Horn einen kurzen Besuch abstattete. Der Rückweg nach Waltersberg wurde deshalb oft getrennt angetreten. Dabei benutzte man einen abkürzenden Fußweg durch den Wald. So auch ich an einem sonnigen Spätvormittag, als rechts von mir, hinter dichtem Gebüsch, unvermittelt lautes Stöhnen drang, das in seufzendes Röcheln überging. Vor Schreck gelähmt blieb ich wie angewurzelt stehen. In meiner Phantasie sah ich einen von mörderischer Hand dahingestreckten, bedauernswerten Menschen in seinem Blute schwimmen. Alles gleichermaßen überraschend wie Furcht einflößend. Der erste Reflex stellte das Signal auf sofortige Flucht – doch es überwog die kindliche Neugier. Auf Zehenspitzen näherte ich mich dem Gebüsch und schob so geräuschlos wie möglich die Zweige auseinander. Da stand in all seiner Pracht, nackt wie Gott ihn schuf, ein Mann mittleren Alters inmitten eines riesigen Ameisenhaufens. Er machte Anstalten, auch noch sein Gesäß nebst Zubehör ungeschützt in den Bau der in ihrer Ruhe aufgescheuchten Tierchen zu versenken. Ich hatte genug gesehen. Es konnte sich nur um einen Geisteskranken handeln, der allerdings einem anderen Bauern aus Waltersberg sehr ähnlich sah. So schnell meine Füße trugen, hastete ich nach Hause und berichtete von meinem Abenteuer im Walde. „Des ka bloß der Anton von gegaüber gwä sei. Der jommert doch älleweil wega seim Rheuma,“ wurde ich beschieden. So wandelte sich der Geisteskranke in einen vom Schmerz geplagten Naturheilkundigen, der sich seine Ameisensäure direkt vom Erzeuger abholte. Die Schwierigkeiten beim Erwerb von Linderung versprechenden Substanzen standen damals denen der Lebensmittelbeschaffung in nichts nach….

Der enge Kontakt mit der Natur und ihren Produkten, bot noch viel Abenteuer mit bisher Unbekanntem. Beim Schlachttag im Herbst tat mir das dafür auserkorene Schwein leid und bei seiner Tötung wollte ich keinesfalls zusehen. Die anschließende Verarbeitung verschaffte neue Eindrücke in die Anatomie. Staunend lernte ich, dass es beinahe nichts gab, was an diesem nützlichen Tier nicht zu verwerten war. Bauchspeck und Würste nahmen sich auf dem frisch gekochten Sauerkraut ganz allerliebst aus und schmeichelten dem Gaumen ungemein. In unbewachtem Augenblick gelang mir ein kräftiger Schluck aus der mit Obstler gefüllten Flasche. Ein erster Einblick in die verdauungsfördernde Eigenschaft dieses Wässerchens, das zusätzlich rote Bäckchen und allgemeine Fröhlichkeit schenkend, mir wie eine Allzweckwaffe vom lieben Gott erschien. Tage zuvor war bei der Kartoffelernte die geschmackliche Qualität der ersten, in der Glut auf freiem Feld gegarten Kartoffeln getestet worden. Eine völlig neue Welt! In ihrer Unbekümmertheit noch einmal vergleichbar mit einem Blick zurück, auf die für mich gleichermaßen glückliche Freystädter Kindheit.




Winter 1945 – 1947

Zur Großmutter nach Esslingen oder Paradies ade – Hunger tut weh!


Wie alles, das sich so glücklich anfühlt: Eine nur allzu schnell vorbeirauschende Gegenwart mutiert in ein Stück goldene Vergangenheit. „Glück ist, kaum hat man es empfunden, ein Zustand, welcher rasch entschwunden.“ Nicht Wilhelm Busch, sondern Wolfgang Seraphim, Jahrzehnte später als Reim kreiert – oder eventuell doch nur ein zweites Mal von mir nach Busch aus der Taufe gehoben? In Murrhardt ein Leben voll Abenteuer und Herausforderungen ohne erkennbare Verpflichtungen. Als eines Tages ein Brief von der Großmutter mütterlicherseits aus Esslingen bei Stuttgart eintraf. Mit ihm kündigte sich der nächste Wechsel in eine andere Welt an. Der Brief war ein einziger Hilferuf der betagten Großmutter, die sich in ihrem Einfamilienhaus, ohne den vier Jahre zuvor gestorbenen Ehemann, den komplizierten Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen sah. Man ahnte, dass die bisher so fantastisch funktionierende Lebensmittelversorgung mit dem Umzug nach Esslingen in ein völlig neues Stadium treten würde. Ohne allerdings vorherzusehen, wie dramatisch sich die Dinge entwickeln sollten. Für meine Mutter war auf jeden Fall völlig klar, sich dem Ruf ihrer Mutter nicht verschließen zu können. Sie wollte es auch nicht: Die Vorgaben ihrer in jungen Jahren genossenen Erziehung ließen ihr gar keine andere Wahl.

Bei den wenigen Dingen, die von Freystadt gerettet und den noch bescheideneren Neuerwerbungen aus Murrhardt, gestaltete sich der Umzug nicht problematisch. Nur die Zugverbindungen glichen immer noch einem Lotteriespiel: Man erfuhr zwar auf Nachfrage, in welche Richtung der auf dem Bahnsteig stehende Zug fahren sollte, aber nicht, wann er abfahren und wie weit er letztendlich fahren würde. Oft blieb man stundenlang auf freier Strecke stehen – Blümchen pflücken während der Fahrt verboten …

Die Großmutter war eine Seele von Frau, die ohne groß darüber zu reden, ein überzeugtes Christentum vorlebte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie jemals über einen anderen Menschen ein böses Wort verlor. „Unser Herrgott hat gar mancherlei Kostgänger.“ Dieser verschmitzt lächelnd vorgebrachte Satz gehörte zu ihren schärfsten Waffen offener Kritik. Unausgesprochen stand dahinter die Mahnung: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Es gab keinerlei Anpassungsprobleme. Im Gegenteil, ich hatte die liebevolle Frau bald in mein Herz geschlossen, was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte. Meisterhaft erzählte sie spannend biblische Geschichten – Frucht detaillierter Bibelkenntnis. Hatten sie doch in ihrer langjährigen, glücklichen Ehe Abend für Abend zusammen ein Kapitel nach dem anderen in der Familienbibel gelesen und auf diese Weise das dicke Buch mehrfach von vorne bis hinten durchgeackert. Sie war vielleicht nicht überdurchschnittlich gebildet, weil das nach Stand und Herkunft als Tochter der Wirtin aus dem „Gasthaus zum Rössle“ in einem kleinen Nest auf der Schwäbischen Alb zu damaliger Zeit gar nicht im Bereich des Möglichen lag. Sie hatte etwas viel Wertvolleres: Die tief von innen ausstrahlende unaufdringliche Herzlichkeit einer weisen Frau. Sozusagen ein wandelnder Beweis der Botschaft von Blaise Pascal, dass das Herz eine Vernunft hat, die der Verstand nicht kennt. Sie trug ihre Frömmigkeit nicht wie eine Monstranz vor sich her. Aber sie hat sie still und unaufdringlich gelebt. Sie hatte viel Humor und konnte sehr herzhaft lachen – auch über sich selbst. Noch nach Jahrzehnten keine Erinnerung an sie ohne ihre Lachfalten vor Augen. Alles an ihr war einfach, unkompliziert und authentisch. Kurzum eine Frau, die auf den Entwicklungsprozess eines jungen Menschen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss nahm. Ohne sich von ihr erzogen zu fühlen. Als sie drei Jahre später, 1948, für immer die Augen schloss, empfand ich zum ersten Mal tiefe Trauer. Am Morgen grub sie im kleinen Garten hinter dem Haus noch etwas Land um. Nach dem Mittagessen legte sie sich in ihr Bett: „Ich bin ein bisschen müde“. Es waren ihre letzten Worte. Sie hatte sich ganz leise von dieser Welt verabschiedet. Unspektakulär, wie ihr Leben – authentisch bis in den Tod. Als sie die Mutter zwei Stunden später wecken wollte, hatte sie sanft die Reise in eine andere Welt angetreten. Ein schöner Tod, wie sie sich ihn immer gewünscht hatte …

Entsprechend der allgegenwärtigen Wohnungsnot hatte die Großmutter noch ein kinderloses Ehepaar im Haus aufnehmen müssen. Das Miteinander auf nicht großzügig bemessenem Raum war keineswegs konfliktfrei. Der Herr der Schöpfung sprach gelegentlich, mehr als ihm guttat, dem Alkohol zu. Eigentlich nicht problematisch, wenn er sich dabei auf sein stilles Kämmerlein zurückgezogen hätte. Leider fühlte er sich aber im daraus resultierenden Hochgefühl eher ermuntert, in freie Wildbahn auszubrechen. Unbeschadet der Anwesenheit seiner eigenen Ehefrau, begann er der Kriegerwitwe aus Schlesien heftige Avancen zu machen. Erst nachdem man mehrfach auf dem Wohnungsamt der Stadt vorstellig geworden war, gelang es, die Leute auszuquartieren. Im Gegenzug wurde umgehend ein anderes kinderloses Ehepaar zugewiesen: Flüchtlinge aus Mährisch Ostrau, die sich durch ungebremsten Knoblauchverbrauch auszeichneten. Dieses offenbar unverzichtbare Symbol böhmisch-ungarischer Kochkunst sollte als penetranter Duft jedenfalls noch über Jahre, beinahe täglich, durch alle Ritzen des Hauses ziehen …

Der kleine Garten hinter dem Haus, so wichtig er in Zeiten der Not auch war, er reichte in keiner Weise, die Zahl der hungrigen Mäuler zu stopfen. Unvergessen der erste Gang in den Vorratskeller nach gemeinsamer Ankunft in Esslingen. Inmitten eines geräumigen Gewölbekellers mit gestampftem Boden lag ein nur noch handbreit gefüllter Kartoffelsack, dessen weitgehend leere Hülle traurige Falten warf. In einer kleinen Holzkiste standen einsam drei Marmeladengläser. Unweit daneben einige wohl verkorkte, völlig verstaubte Flaschen: Gefüllt mit noch vom Großvater angesetztem Beerenwein. So deprimierend leer und öd er sich auch präsentierte, es war der schlechthin ideale Vorratskeller, wie ihn heutzutage leider niemand mehr baut. Ein Vorratskeller ohne Vorrat. Als Jahre später wieder Normalität in die Versorgungsstrukturen einkehrte, ließ sich hier völlig problemlos über die Winterszeit Obst und Gemüse einlagern: Es schimmelte und faulte nicht, bekam auch keine Runzeln.

Das Haus lag zwischen zwei Kasernen, der Funker- und der Becelaire-Kaserne, die nur ca. 500 Meter voneinander entfernt im sogenannten Gebiet „Hohenkreuz“ oberhalb der Burg standen. Daran anschließend der nächste Esslinger Vorort „Wäldenbronn“. Dorthin musste zur Gärtnerei Rayer pilgern, wer zur Gemüsezeit selbiges gegen Geld zu erstehen versuchte. Das „Erstehen“ war durchaus wörtlich zu nehmen: Um einigermaßen Aussicht auf Erfolg zu haben, begab man sich morgens gegen sechs Uhr auf den Weg. Nach ca. 40 Minuten konnte die Gärtnerei gar nicht verfehlt werden: Erkennbar an einer langen Menschenschlange, in die ich mich in den Sommerferien geduldig einreihte, um stundenlang zu warten, bis ich meine leere Einkaufstasche präsentieren durfte. Unsinnig die Vorstellung, eventuell einen Wunsch zu äußern. Genommen wurde, was es gab und wie viel es gab – wenn es überhaupt etwas gab. Nicht selten blieb der Betrieb einfach geschlossen, man hatte dann bewegungsmäßig etwas für seine Gesundheit getan. Jedenfalls konnte ich mich nicht daran erinnern, zu irgendeinem Zeitpunkt einmal Schwierigkeiten mit dem Heimtransport der Einkaufstasche gehabt zu haben. Ihr Gewicht sprengte nie den kindgerechten Rahmen, so sehr man sich das auch gewünscht hätte.

Der Broteinkauf gestaltete sich, was den Anmarsch betraf, nicht zeitaufwendig. Die Einkaufsquelle – Bäckerei Konzelmann – lag nur wenige Meter vom Haus entfernt. Gegenüber der Funker-Kaserne, strategisch günstig gelegen. Die Länge der Warteschlange stand allerdings der vor der Gärtnerei in nichts nach. Auch die Milchquelle war nicht weit von zu Hause, gegenüber der Becelaire-Kaserne, bequem erreichbar. Erstaunlich, dass es hier keinen Engpass zu geben schien: Ohne allzu langes Warten wurde – wie beim Brot gegen Marken versteht sich – die leere Milchkanne gefüllt. Es war Magermilch mit der untrüglich blass-blauen Farbe, die jedes eventuell noch anzutreffende Fettmolekül ausschloss. Wurst gab es keine, manchmal aber in der Metzgerei eine seltsame Mischung undefinierbaren Inhalts in Cellophan gepresst. Quell sehnsüchtiger Erinnerung an goldene Zeiten der „Sonne-Post“ in Murrhardt. Trockenes Brot, scheibenweise rationiert, gelegentlich mit dünnem Aufstrich selbst gemachter Marmelade, kaschierten notdürftig allgegenwärtige Hungerattacken. Mittags versuchte die Mutter eine mit Brot und Gemüse angereicherte Maggi-Brühe nicht allzu kalorienarm auf den Tisch zu bringen. Abends gab es meist Dickmilch in kleinen Schälchen und für jeden drei kleine oder zwei größere Pellkartoffeln. Es dauerte nicht allzu lange, dann zeigte die Mangelernährung deutliche Spuren. Ich bekam eine Kinderkrankheit nach der anderen: Masern, Scharlach, Keuchhusten, Mumps mit begleitender Orchitis. Eine Art Pemphigus mit großen Eiterbeulen auf behaartem Kopf, aber auch am Oberschenkel. Hiob lässt grüßen. Ich entwickelte den klassischen aufgetriebenen Hungerbauch mit Wassereinlagerung in den Beinen. Oberhalb des Nabels konnte man jede einzelne Rippe zählen. Wie frisch aus Biafra importiert. Den Geschwistern und Erwachsenen ging es auch nicht besser …






In dieser recht verzweifelten Situation entschloss sich die Mutter, betteln zu gehen. Es gelang ihr, einen Lastwagen aufzutreiben, der nach Stuttgart fuhr und uns zusammen auf der Ladefläche mitnahm. Wir hielten uns auf den dort gestapelten Milchkannen fest und hofften, dass das klapprige Gefährt unterwegs nicht schlapp macht. Der alte Holzvergaser überschritt wohl nur selten seine Grundgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern und musste besonders vor Steigungen durch kräftiges Stochern mit einem Metallstab an der Vergaserklappe zu Höchstleistungen stimuliert werden. Dann stolperte der kleine Junge an der Hand der Mutter auf der Suche nach einer ominösen Adresse, die zu einer Metzgerei führen sollte, durch das völlig zerbombte Stuttgart. In den Ruinen hockten, im Schatten gespenstisch in den Himmel ragender Mauerreste, müde wirkende Frauen verschiedenster Altersgruppen in abgerissenen Klamotten und klopften mit Hämmern gegen in der Hand gehaltene, aus dem Schutt aufgelesene Ziegelsteine. Bescheidener Beitrag zur Gewinnung von neuem Rohmaterial für den dringend notwendigen Wiederaufbau. Nur klopfendes Hämmern drang an das Ohr, sonst schien die Großstadt akustisch ausgestorben: kein Motorenlärm eines Autos oder sonstiges geschäftiges Klappern. An verrußten Hauswänden, die kein Innenleben mehr kannten, standen flüchtig eingeritzte Mitteilungen: Namen mit dem lapidaren Zusatz „noch am Leben“ oder „bei Tante Erna“. Nicht selten auch: „Familie Müller“ und dahinter ein Kreuz.

Ich erinnerte mich an das Happening auf grüner Wiese mit der Phosphorbombe in Freystadt und der Schippe Sand als Patentlösung. Beim Weiterstolpern an der Hand der Mutter summte ich leise vor mich hin: „Am Abend auf der Heide, da küssten wir uns beide …“. Die Mutter fand das der Lage entsprechend unangemessen – ich erntete einen strafenden Blick. Jahre später bekam ich ein Buch mit dem Titel „In Stahlgewittern“ eines gewissen Ernst Jünger in die Hand. Dort war von heldenhaften, kampferprobten Lichtgestalten die Rede, die weder Tod noch Teufel fürchteten. Bei seiner Lektüre musste ich unwillkürlich an meinen Marsch durch das zerbombte Stuttgart denken. Es wurde mir klar: Sinn und Unsinn vieler Bücher erschließen sich dem Leser in Abhängigkeit seiner Lebenserfahrung. Wenn ich an Helden dachte, standen diese Trümmerfrauen vor mir. Die „Lichtgestalten“ des Herrn Jünger schrumpften zu bedauernswerten Würstchen, die ihnen unbekannte Menschen massakrierten. Dies alles angestiftet von Figuren, die immerhin meist so klug waren, selbst ungefährdet hinter dem warmen Ofen sitzen zu bleiben, während „auf dem Feld der Ehre“ in ihrem Namen verstümmelt und gestorben wurde. Bestürzend und ernüchternd zugleich: Der Vorgang hatte nichts Einmaliges an sich, er zog sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des „Homo sapiens“ – wer gab nur diesem Erdbewohner, dessen humanitäres Handeln seine evolutionäre Lücke demonstriert, solch irreführend hochtrabenden Namen? „Homo homini lupus“ – der Mensch ist des Menschen Wolf.

Derlei Gedankengänge beim Gang durch Stuttgart waren mir natürlich fremd und schnuppe. Ich hatte Hunger, war müde und quengelte. Die Anlaufstelle Metzgerei, betrieben von einer um viele Ecken mit der Esslinger Großmutter ververwandten Familie, erwies sich nicht nur als schwer auffindbar, sie entpuppte sich auch sonst in keiner Weise als Hauptgewinn im „Nahrungsmittel-Lotto“. Mühsam wurde der Verwandtschaftsgrad auseinander klamüsert. Das Ergebnis muss so ernüchternd gewesen sein, dass für die zwei einfallenden hungrigen Gestalten nur eine dünne, von jeglicher Fleischeinlage ungetrübte Wassersuppe nebst einer mal etwa fingerlangen Blutwurst als Wegzehrung für den Heimweg heraussprang. Zu Hause erwies sich die Wurst in erster Linie knorpelhaltig. Es war offensichtlich keine sehr gute Idee, zu diesen Zeiten von einer Stadt in eine noch größere Stadt zwecks Nahrungssuche zu pilgern. Außerdem reifte in mir schon in sehr jungen Jahren die Erkenntnis, dass ganz entfernte Freunde in der Not eine verlässlichere Stütze sein konnten als mehr oder weniger nahe Verwandte. Murrhardt hatte da guten Anschauungsunterricht geliefert.






Jedenfalls besann man sich nach diesem Ausflug auf ortsnähere Gefilde, z. B. die Region um Katharinenlinde und Jägerhaus. Beide in Spaziergangnähe des großmütterlichen Hauses. Im Herbst Fundstelle von Bucheckern, die mühsam vom Boden aufgeklaubt, in der Ölmühle gegen Öl eingetauscht wurden. In derselben Gegend beheimatete Eichen sorgten zu damaliger Zeit, dank Abschuss der Wildschweine und sonstigem Wild, als Nahrungsquelle für Zweibeiner. Auf dem Bollerofen geröstete Eicheln verloren ihre Bitterstoffe. Das aus ihnen mit Hilfe einer Kaffeemühle gewonnene Mehl konnte mittels Salz- und Wasserzusatz zu einer Art Brot gebacken werden. Dessen Geschmack wurde unter dem Motto: „Der Hunger treibt es rein“ mit dementsprechender Begeisterung konsumiert. Solange das Gebäck schwer wie Blei im Magen schlummerte, bewahrte es vor bohrendem Hungergefühl. Eine alternative, sozusagen edle Variante, bestand in der Anreicherung des Eichelmehls mit süßem Rübensirup. Letzteren gab es damals auch nicht beim Kaufmann um die Ecke. Aber dessen Grundsubstanz, die Zuckerrübe, war im Herbst mit etwas Glück durchaus aufzutreiben. Wohl dem, der da in seiner Behausung stolzer Besitzer eines großen Kupferkessels war, wie er in Großmutters Keller stand. Wo sonst jeden Samstagnachmittag ein lustiges Feuerchen unter dem Kessel für warmes Badewasser in einer kleinen Zinkwanne sorgte, schwammen Zuckerrübenschnitzel mit Wasser vermengt über dem Feuer. In stundenlanger mühsamer Prozedur, ständig mit einem großen Holzstab rührend, gelang es, dem Rohprodukt seine süßen Seiten zu entlocken. Ein dunkelbrauner, klebrig-zäher Sirup mit unverwechselbarem Geschmack hart an der Grenze zu leicht verbranntem Karamell. Natürlich wuchs das dafür benötigte Brennholz auch nicht um die Ecke. Es musste mühsam auf einem altersschwachen Leiterwägelchen aus dem Wald herbeigeschafft werden. Dieser war von frierenden Zeitgenossen bereits nach Brennbarem durchforstet worden, und zwar umso intensiver, je näher er einer menschlichen Behausung stand. Leider ließ der liebe Gott nicht so viele morsche Zweige wie wünschenswert von den Bäumen fallen. So mutierten die rassereinen Arier, wo immer sie konnten, vorübergehend zu einer Nation der Sammler und Holzfäller. Vom Größenwahn ein Schritt zurück Richtung Steinzeit.

Dieser aus der Not geborenen Leidenschaft fiel in Esslingen gegenüber der Becelaire-Kaserne ein Baumbestand zum Opfer, der unter dem Namen Palmscher Park zum Besitz einer einst hochherrschaftlichen Familie gehörte. Die Stadtverwaltung ließ die uralten, teils gewaltigen Baumriesen fällen, deren Holz versteigern. Das dazugehörige Land, in Parzellen aufgeteilt, wurde an Bürger zur Anlage von Schrebergärten verpachtet. Diese nur wenigen Quadratmeter großen Gärtchen waren natürlich heiß begehrt. Kleiner Schönheitsfehler: Die Pächter mussten zuvor die Baumwurzeln in Eigenarbeit aus dem Boden wuchten, ehe an eine Bebauung des Grundstücks zu denken war. Es entpuppte sich als Sisyphusarbeit, mehr Kraftreserven fordernd als durch Gemüseanbau zu gewinnen. Die Axt federte auf dem mühsam im Erdreich freigelegten Wurzelwerk zurück, durchtrennte das Holz oft erst nach dem wuchtig geführten fünften oder sechsten Hieb. Der noch verbliebene Reststamm war, nur mittels Eisenkeilen zerlegt, in eine der Ofenöffnung zugängliche Portion zu zerlegen. Der anfängliche Jubel über unverhofftes Pächterglück erwies sich als verfrüht. Zu allem Übel entwickelte sich der Sommer im Jahre 1947, an dem erstmals die harte Arbeit Früchte tragen sollte, zu einem sogenannten „Jahrhundertsommer“. Zwei Monate lang brannte jeden Tag, den Gott werden ließ, von morgens bis abends gnadenlos die Sonne vom Himmel. Drohten all die mühsam erworbenen, in den Boden gebetteten Pflänzchen, zu verdorren. Vor zentraler Wasserzapfstelle sammelten sich morgens und abends ganze Menschenschlangen mit Eimer und Gießkanne, um das dürftig aus dem Hahn tröpfelnde Nass oft hunderte von Metern zum bebauten Grundstück zu schleppen. Dort sog es der durstige Boden in geradezu unverschämter Geschwindigkeit in sich auf. So fiel die Ernte erwartungsgemäß nicht üppig aus. Obendrein musste das, was die Sonnenglut heil überstand, in nächtlicher Dunkelheit vor diebischem Zugriff mit Schlagstock und anderweitig martialischem Gerät mutig verteidigt werden. Zu diesem Zweck gründete man einen nächtlichen Wachdienst, der in wechselndem Turnus zu mehreren, mit Trillerpfeifen zusätzlich ausgerüsteten Personen das Areal bewachte. Oft genug fehlte am nächsten Morgen dennoch die am Abend zuvor noch halbreife Tomate, die man im Geiste schon vorweg genüsslich geerntet und verspeist hatte. Wilde Verdächtigungen kursierten ob solch schmerzlicher Verluste. Hatte die Aufsicht ihr Mandat zum unerwünschten Erntehelfer ausgeweitet oder einfach nur geschlafen, statt zu bewachen? Wie auch immer: Mir erschloss sich die ganze Wucht von Gottes Wort gegenüber Adam und Eva bei der Vertreibung aus dem Paradies – „im Schweiße Eures Angesichtes sollt ihr …“ – in sehr anschaulicher Weise. Mit dem Herrn war offensichtlich nicht gut Kirschen essen, wenn in grauer Vorzeit das erste menschliche Pärchen am Baum der Erkenntnis verbotswidrig genascht hatte. Warum allerdings auch denjenigen das Verdikt in voller Härte traf, dem solch fürwitzige Erkenntniswut auch ohne vorhergehendes Verbot nie in den Sinn gekommen wäre, blieb unbegreiflich. Die Brücke zwischen Ursache in grauer Vorzeit und harter Realität in der Gegenwart erschien zu lang, um daraus eine für mich nachvollziehbare Kausalität zu basteln. Später lernte ich, dass der Theologe in diesem und ähnlich gelagerten Fällen mit der Erklärung aufzuwarten pflegte, dass Gottes Gerechtigkeit eben eine andere sei, als die des Menschen. Wer wollte da widersprechen? Zu solch tiefgründiger Erkenntnis hätte es keines Theologen bedurft. Mich hätte weiter brennend interessiert, warum Gott der Herr das so eingerichtet hat? An dieser Frage hatten sich schon vor Thomas von Aquin die Scholastiker abgearbeitet. Er selbst war unversehens wieder am Baume der Erkenntnis angelangt. Nein, eine Verbannung aus dem Paradies genügt. Man muss das Spielchen ja nicht unaufhörlich weiter treiben.






Nicht nur der Kampf um das tägliche Brot war wenig paradiesisch. Es gab auch andere hart umkämpfte Errungenschaften des Daseins, wie zum Beispiel Schnürsenkel. Sie sprengten den Etat eines Sozialhilfeempfängers zu damaliger Zeit. Der Versuch auf Ersatz auszuweichen, z. B. durch Verwendung eines Bindfadens, erwies sich als untauglich. Bei Regen löste sich die aus Zellulose zusammengezwirbelte Nachkriegsware in Wohlgefallen auf. Nun gab es schon damals auf dem Sozialamt für solche Härtefälle die Möglichkeit des Erwerbs eines Bezugsscheines. Zum Nachweis eines wahrhaft vorliegenden Härtefalls bedurfte es allerdings eines gewissen, peinlich genau einzuhaltenden Rituals: Der verschlissene Schnürsenkel war dem Beamten unaufgefordert bei Beantragung von Ersatz vorzulegen. Hoffnung auf Bewilligung war nicht nur daran gebunden, dass man sich als Sozialhilfeempfänger auswies. Zusätzlich musste der Schnürsenkel zuvor mindestens viermal gerissen und wieder verknotet sein, um vor den gestrengen Auflagen der Sozialgesetzgebung die Anerkennung seiner Hinfälligkeit zu erlangen. Noch heute unvergessen die zitternde Hand der Mutter, mit der sie die traurigen Restbestände eines Schnürsenkels dem Beamten über den Tisch schob. Der Herr trug Schnurrbart, fingerte aus der Schublade ein Vergrößerungsglas und begann, andächtig das Corpus delicti im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe zu nehmen. „Scheint ja tatsächlich verschlissen und nicht durchgeschnitten zu sein“, ließ er sich endlich vernehmen. „Wir kennen ja unsere Pappenheimer, die sich vorzeitig den ungerechtfertigten Bezug von Volksvermögen ergaunern wollen“, fügte er wie zur Entschuldigung erklärend hinzu, während die Lupe wieder in der Schublade verschwand. Die Wortwahl stammte noch aus dem „Tausendjährigen Reich“, war noch nicht in der bitteren Realität späterer Zeitrechnung angekommen. Ich beobachtete aus den Augenwinkeln die Reaktion der Mutter. Erhaschte nur ein kaum merkliches Zittern der Oberlippe, auf der ein paar kleine Schweißperlen standen, die sie sich schnell mit dem Handrücken wegwischte. Es war ein tiefer Fall von der Frau eines angesehenen Arztes mit dienstbaren Geistern, Haus und Garten hinab zur alleinstehenden Sozialhilfeempfängerin mit drei Kindern. Inzwischen brachte das verbeamtete Gegenüber ungemein schwungvoll seine fast den ganzen Bezugsschein einnehmende, großspurige Unterschrift auf das kleine Stück Papier und reichte es mit der Geste eines Menschen, der soeben ein Vermögen verschenkt hat, über den Tisch. Den Bezugsschein für einen einzigen Schnürsenkel, versteht sich. Hätte sich der Schnürsenkel zu einem Paar verdoppelt, der Sozialstaat wäre womöglich aus den Fugen geraten. Seit dieser Zeit besteht für mich eine, genau besehen, durch nichts gerechtfertigte Aversion gegen Verwaltungsbeamte mit Oberlippenbärtchen, bei gleichzeitig raumgreifender Unterschrift. Ob man mit Gottes Gerechtigkeit doch besser bedient ist als mit der menschlichen Variante? Dem Beamtentempel entronnen macht der angestaute Groll Luft: „Ich hätte den Kerl in der Luft zerreißen mögen. Wie hältst du einen solch demütigenden und beleidigenden Umgang nur aus?“ Die lächelnd gegebene Antwort der Mutter blieb ebenso tief im Gedächtnis wie das Geschehen zuvor: „Mein Junge, wer mich beleidigt, bestimme ausschließlich ich selbst, sonst niemand!“ Welch wunderbarer Schutz vor der Nichtigkeit kleiner Geister und deren bewusst oder unbewusst in Szene gesetzten Bosheiten. Derart in Drachenblut gebadet spielt auch keine Rolle mehr, wenn bei Einlösung eines solchen Bezugsscheins dem Verkäufer im Laden gleich signalisiert wird: Hier bekommt ein Sozialhilfeempfänger, was ihm großzügig gewährt wird. Obendrein winkt dem Ladenbesitzer statt Gewinn nur lästige Lauferei. Er muss auf dem Sozialamt nachweisen, dass der von ihm als Vorschuss gewährte Verkaufspreis nach Abzug einer angemessenen Bearbeitungsgebühr durch das Amt nicht als Wucher ausgelegt werden kann. Kein Wunder, dass der Mutter erst im fünften Laden gelang, ein Stück Papier in einen Schnürsenkel zu verwandeln.

Auch die Möblierung des Esslinger Hauses war natürlich nicht auf die zusätzliche Unterbringung von vier Personen eingestellt. Im Gebrauchtmöbelmarkt wurden an Flüchtlinge und Sozialhilfeempfänger kostenlos Einrichtungsgegenstände ausgegeben, die sich allerdings in einem solch traurigen Zustand befanden, dass ihre Integrierung in das eigene Lebensumfeld große Überwindung kostete. Im Volksmund sprach man von „Wanzenholz“, das vor Aufstellung in der Wohnung erst peinlicher Säuberung mit Lauge und Wurzelbürste unterzogen werden musste. Aber es war natürlich besser als nichts. Obendrein für die Stadtväter zu damaliger Zeit eine beachtliche Leistung, solch eine Einrichtung auf die Beine zu stellen. Viele Jahre später landete eine Kommode dieser Herkunft, blau angestrichen, in meinem ersten Hausstand. Sie blieb mir auch bei mehreren Umzügen treu.

Provisorien, laut Stresemann durch besondere Langlebigkeit charakterisiert, dominierten das Zeitgeschehen. Es galt nicht nur für Besiegte. Auch Sieger mussten sich damit auseinandersetzen. Als provisorisch entpuppte sich zum Beispiel auch der Einzug des französischen Militärs in die Funker-Kaserne, die sie schon vor Monaten in Beschlag genommen hatten. Eines Nachmittags fuhren amerikanische Armeefahrzeuge vor die Kaserne, denen der Einlass verwehrt wurde – die Schranke blieb geschlossen. Gespannt harrte ich mit Spielkameraden der Dinge, die da kommen sollten. Es entwickelten sich allerlei diplomatische Aktivitäten. Französische und amerikanische Offiziere redeten heftig gestikulierend aufeinander ein. Die Amerikaner bemühten ihr Feldtelefon, offensichtlich mit dem Ziel, sich höheren Orts bezüglich des weiteren Procedere abzustimmen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Der amerikanische Konvoi zog sich um einige Meter zurück. Sandsäcke wurden aus den Lastkraftwagen abgeladen, zu einer Barrikade aufgeschichtet und einige Geschütze dahinter in Stellung gebracht – Zielrichtung Kaserne. Die Kinderschar hielt es jetzt für angemessen, den Rückzug anzutreten. Zwar nicht restlos, dafür war die Angelegenheit viel zu spannend. Aber doch in einen zurückliegenden Garten, aus dem der weitere Verlauf beobachtet werden konnte. Die Geschütze waren offensichtlich zunächst nur als Drohgebärde gedacht, sie wurden wohl noch nicht einmal geladen, verfehlten aber doch nicht ihre Wirkung. Nach ungefähr einer halben Stunde, die wie eine Ewigkeit vorkam, erschienen am Kasernentor einige französische Offiziere in schicken Uniformen mit ordensgeschmückter Brust und einer weißen Fahne. Die amerikanischen Offiziere beschränkten sich auf schlichtes Olivgrün, verzichteten auch auf jegliche Fahne und traten erneut in Verhandlungen ein, die jetzt aber sehr kurz ausfielen. Die Franzosen gewährten Einlass und räumten am Tag danach sang- und klanglos das Feld. So alliiert, wie es das Wort vorgibt, waren die Alliierten wohl doch nicht. Zumindest gab es vereinzelt Schnittstellen, die Irritationen hervorriefen, wie das Gesehene zeigt.

Kurz darauf begannen die Amerikaner Wohnungen für ihre Offiziere in der Flandernstraße zu requirieren. Ihr Vorgehen war nicht gerade zimperlich. Sie klingelten auch am Haus der Großmutter, murmelten Unverständliches in ihren nicht vorhandenen Bart, schoben die Bewohner einfach zur Seite und stapften durch das ganze Haus. Es missfiel offensichtlich das fehlende Bad, weshalb sie wortlos wieder abzogen. In Krisenzeiten kann eine bescheidene Raumausstattung ungeahnten Vorteil bedeuten. Gegenüber wohnenden Nachbarn ging es weniger gut: Zwei Häuser mussten innerhalb vierundzwanzig Stunden geräumt werden. Den Herren Siegern war schnuppe, wo die Besiegten Unterschlupf finden. In eines der Häuser durften die Besitzer nach zwei Jahren wieder einziehen, das andere blieb länger beschlagnahmt. In ihm wohnte noch viele Jahre ein amerikanischer Offizier mit Weib und zahlreicher Kinderschar. Letzteren bereitete es besonderes Vergnügen, das Autodach des Vaters zu erklimmen und als Trampolin umzufunktionieren. Das Blech bog sich wie eine zusammengedrückte Schuhcremedose und schnellte mit metallischem Klirren wieder nach oben. Die Kinderseele jauchzte. Alle vier Wochen rückte der Vater dem Haarwuchs seiner Söhne zu Leibe. Er bediente sich eines Maschinchens, das in wenigen Minuten Kind für Kind zu einer Glatze verhalf. Je nach Wetterlage fand die Schur vor der Haustüre oder in der Wohnung statt. Amerika präsentierte sich nicht als Hort besonders gepflegter Konventionen. Aber es beeindruckte doch ein Stück weit durch viel ungeniert offen zur Schau gestelltes Selbstverständnis.

Die Segnungen des Marshallplanes sollten erst später ihre Wirkung entfalten. So auch die nach Herrn Hoover benannte Schulspeisung. Wie der Name sagt, bedurfte es zur Erlangung solcher Köstlichkeit des Schulbesuchs. Der führte in die am Marktplatz gelegene Esslinger Waisenhofschule. Sie konnte von zuhause über die Beutauklinge oder, etwas romantischer mit kleinem Umweg, über die Burg erreicht werden. Weglänge ca. 2 km bergab auf dem Hinweg. Der Rückweg geriet bergauf etwas zeitaufwendiger. Neben dem Tornister mit Schiefertafel – Papier war zunächst noch Mangelware – und einigen zerfledderten Lehrbüchern aus der Kriegszeit, gehörte im Winter die Spende von einem Brikett oder ähnlich Brennbarem pro Schüler zur Wegbegleitung. Letzteres blieb mangels Masse oft nur ein frommer Wunsch. Schließlich fror man in den eigenen vier Wänden schon erbärmlich. Mein Beitrag bestand schwerpunktmäßig im Einsammeln von nachts abgebrochenen Zweigen auf dem Weg zur Schule. Bei Schnee und Regen das richtige Substrat, um dem gusseisernen Koloss im Klassenzimmer statt Wärme gewaltige Rauchschwaden zu entlocken. Zumal die Heizungsspenden der Schulkameraden qualitativ ähnlich dürftig ausfielen. Bei Sonnenschein und klirrender Kälte sorgte die über dem Schornstein geringfügig erhöhte Wärme, dass der Ofen auch da nicht ziehen wollte. Sozusagen angewandte Physik in Sachen Thermik und deren Einfluss auf die Ausdehnung von Gasen. Die kleinen Wölkchen ausgeatmeter Luft verschwanden in den gewaltigen, dem Ofen entweichenden Rauchwolken. Alsbald tränten die Augen, setzten Hustenattacken ein. Im Eiltempo aufgerissene Fenster verhinderten eventuelle Evakuierungsmaßnahmen. Man war nicht verwöhnt und zitterte sich warm. Dabei half die drangvolle Enge von über 40 Kindern in dem kleinen Klassenzimmer. Der sich dabei langsam entwickelnde Mief trug zu wohlig allumfassendem Gemeinschaftsgefühl bei. In der großen Pause stürmte die hungrige Meute, das mitgebrachte Essgeschirr unter dem Arm, zu den Futtertrögen im Schulhof. Eine wahrhaft segensreiche Spende aus Amerika, die sich mit dem Namen „Hoover’sche Schulspeisung“ einen unauslöschlichen Ehrenplatz in uns Kindern eroberte. Klassenweise geduldig eine Schlange bildend, sah man erwartungsvoll den Köstlichkeiten entgegen, die jeder portionsweise zugeteilt erhielt. In der Hoffnung, eventuell einen Nachschlag zu ergattern, stellte man sich, fleißig aus dem Napf löffelnd, umgehend hinten wieder an. Der Speisezettel war nicht sehr abwechslungsreich: Erbsensuppe, Reispampe, Haferflockenbrei mit Kakao, sowie eine atemberaubende Kombination von einem Stück fetten Speck mit einer Dampfnudel und einer süßsäuerlichen lila Soße. Deren Farbe hätte jedem Kreuz auf der Fahne eines Kirchentages zur Ehre gereicht. Alles schmeckte herrlich, und wer glücklicher Besitzer eines Kochgeschirrs aus alten Heeresbeständen war, brachte vom eventuellen Nachschlag noch eine Kleinigkeit mit nach Hause.

Es war eben alles ein wenig ärmlich, aber die Masse der Habenichtse von wohltuender Homogenität. Diese Einheit in Armut war friedensstiftend. Der Blick zum Nachbarn ließ keinen Neid aufkommen. Nur einmal im Winter beim Schlittenfahren unterhalb des Waisenhauses fühlte ich mich etwas verlassen und ausgegrenzt. Niemand war bereit, mich wenigstens einmal den Berg runterrutschen zu lassen. Ein lächerlich kindlicher Schmerz. Und doch, 60 Jahre später, immer noch erstaunlich gegenwärtig.

Schwimmen, die andere spielerische Form der Fortbewegung, lag der Mutter bei ihrem Sohn besonders am Herzen. Fünf Reichsmark wurden in einen Kurs investiert. Nun schwebte der Adlatus im Merkel’schen Schwimmbad beim Bademeister an der Angel. Anfänglich noch mit Schwimmflügeln legte man sich mit dem Bauch auf dem von der Angel getragenen Gurt und erlebte überrascht, wie die sinnvolle Koordinierung von Arm- und Beinbewegungen, begleitet von vernünftiger Atemtechnik, zu angenehm dahingleitender Vorwärtsbewegung führte – fern von hastig nach Luft japsender Zappelei. Die Luft entwich langsam den immer schmalbrüstiger werdenden Schwimmflügeln, bis sie völlig überflüssig wurden. Der Gurt unter dem Bauch hing nicht mehr so straff an der Angel, und nach wenigen Übungsstunden reichte es, wenn sich der Bademeister irgendwo in Sichtweite aufhielt. Selten haben sich fünf Reichsmark als so segensreiche Investition erwiesen. Was wären all die späteren Ferienerlebnisse ohne ihr schwimmendes Badevergnügen gewesen?!

Meine Geschwister sollten das Gymnasium besuchen. Die höheren Lehranstalten waren jedoch 1946/47 in Esslingen noch nicht so richtig in Schwung geraten. So landeten sie auf der Schwäbischen Alb in einem Internat in Urspring, nicht weit von Schelklingen bzw. Blaubeuren und Ulm entfernt, damals in der französisch besetzten Zone gelegen. Zu häuslichen Besuchen in Esslingen war ein Passierschein erforderlich, den zu erlangen es einiger bürokratischer Klimmzüge bedurfte. Grund genug die Grenzüberschreitung, manchmal auch bei Nacht, heimlich still und leise, ohne Passierschein zu bewerkstelligen.

Bei einem Ferienaufenthalt in Esslingen gelang es dem Bruder, im hinteren Teil des Gartens einen Hühnerstall zu errichten. Das dazugehörige Federvieh wusste, was sich gehörte: Die Hennen legten fleißig Eier, die Hähne landeten im Kochtopf. So sorgte jedes Tier auf seine Weise für die dringend benötigte Eiweißzufuhr. Dennoch, wie schon beschrieben, die Folgen der Mangelernährung waren unübersehbar. Ich absolvierte innerhalb weniger Monate die schon beschriebene Rallye durch fast alle gängigen Kinderkrankheiten. Der Hausarzt beantragte eine Kindererholungskur im Otto-Hofmeister-Haus auf der Schwäbischen Alb. An diese wohlmeinende Initiative knüpfen sich allerdings keine erfreulichen Erinnerungen. Die für das leibliche Wohl zuständigen Rotkreuzschwestern ließen mit hartnäckiger Regelmäßigkeit jeden Morgen, den Gott werden ließ, eine aus dünner Magermilch gefertigte Milchsuppe anbrennen. Deren Produkt waberte ganztägig durch die lieblos kasernenähnlichen Räume. Zusätzlich plagte mich nicht ganz Elfjährigen ein kaum zu stillendes Heimweh. Es mündete, zu meinem Entsetzen, in nächtliches Bettnässen. Um die Blamage zu vervollständigen, blieb das Malheur in dem großen Schlafsaal nicht verborgen. Zum Schaden gesellte sich somit der Spott, der das Heimweh noch heftiger beflügelte. Zu allem Überfluss lief ich mir auf einer der zahlreichen Waldspaziergänge in den wieder einmal zu eng gewordenen Schuhen auch noch eine Blase an die rechte Großzehe. Sie vereiterte und zog eine mehrtägige Bettruhe nach sich. Während dieser Zwangspause genas ich eines prächtigen Bandwurmes, der sich plötzlich in der Toilettenschüssel fand. Zum Dank für diese Tortur durfte abschließend noch ein möglichst individuell gestalteter Dankesbrief an die Spender dieses „Jugendglücks“ nach Amerika auf den Weg gebracht werden. Ich schrieb mich in einen wahren Dankesrausch. Weder früher noch später konnte ich mich erinnern, einmal so ausdauernd inbrünstig gelogen zu haben.

Nach vierjähriger Volksschulzeit war eine Aufnahmeprüfung für das Gymnasium fällig, die ich auch bestand. Trotzdem empfahl man, noch ein Jahr Volksschule anzuhängen: In den drei Zügen der Sexta herrschte mit je 50 Schülern drangvolle Enge. An einen vierten Zug war wegen Lehrermangels nicht zu denken. Im Herbst 1947 erfolgte dann der Wechsel auf das humanistisch orientierte Georgii-Gymnasium – es sollte für die nächsten Jahre der Beginn eines schmerzlichen Leidensweges werden.




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