Narzissen und Chilipralinen
Franziska Dalinger


Endlich eine Fortsetzung von «Vollmilchschokolade und Todesrosen»! Miriam könnte richtig glücklich sein, jetzt, wo sie und Daniel. ja, was eigentlich – befreundet sind? Aber was heißt das? Wieder einmal ist die 16-Jährige hin- und hergerissen zwischen ihren Gefühlen und dem, was ihr keineswegs betonfester Glaube ihr nahelegt. Dazu steht der Jugendkreis Life and Hope vor seiner Zerreißprobe. Kann es wirklich gut gehen, wenn Bastian und seine Gang dazustoßen? Da verschwindet plötzlich Tine spurlos – und damit nimmt eine dramatische und verhängnisvolle Geschichte ihren Verlauf, an deren Ende nichts mehr ist, wie es war. Hochspannung pur. Action, Dramatik und Tiefgang, Glaube, der ins echte Leben passt.








Franziska Dalinger




Narzissen und Chilipralinen


Roman









Zu diesem Buch


Narzissen und Chilipralinen ist der zweite Band einer Buchserie über Miriam Weynard alias Messie.

Zum ersten Band, Vollmilchschokolade und Todesrosen:

Miriam mag Schokolade, geht in die zehnte Klasse und besucht den Jugendkreis „Life and Hope“. Allerdings mehr aus Pflichtgefühl, schließlich ist ihr Vater der Pastor. Sie liebt Rosen und schreibt heimlich Gedichte. Vor allem aber ist sie glücklich, dass sie nicht mehr „unsichtbar“ ist, seit sie zu Mandys Clique gehört. Hier ist sie Messie, die schlagfertige Schauspielerin mit den schrägen Einfällen.

Aber nicht alles, was in der Clique läuft, passt zu dem, was sie bisher richtig fand. Als sie den sympathischen Daniel trifft, wird ihr das immer klarer. Dann geschehen Dinge, die ihre Welt ganz aus den Fugen geraten lassen. Und was als Scherz begonnen hat, wird zur tödlichen Gefahr.

Zum zweiten Band, Narzissen und Chilipralinen:

Miriam und Daniel sind zusammen. Wenn das kein Grund ist, glücklich zu sein! Doch was tun, wenn dem Freund ganz andere Dinge wichtig sind als einem selbst? Dazu steht der Jugendkreis „Life and Hope“ vor seiner Zerreißprobe. Kann es wirklich gut gehen, wenn Bastian und seine Gang dazustoßen?

Da verschwindet plötzlich Tine spurlos – und damit nimmt eine dramatische und verhängnisvolle Geschichte ihren Verlauf, an deren Ende nichts mehr ist, wie es war.




Leserstimmen zu den ersten Bänden


„Mit Tempo und Witz hat mich Franziska Dalinger überzeugt!“

„Eine spannende Geschichte, die wirklich unter die Haut geht.“

„Habe es gerade fertig gelesen und möchte es am liebsten gleich nochmal lesen.“

„Es hat mich richtig gefesselt!“

„So spannend, dass ich es fast am Stück durchgelesen habe.“

„Lesen lohnt sich auf jeden Fall!“

„Das Ganze ist gekoppelt mit Witz, Spannung und einer Portion Liebe – ich bin aus dem Lesen gar nicht mehr herausgekommen.“

„Das Buch ist einfach total spitze!“

„Schon allein der Titel macht den Leser neugierig, was dieses Buch wohl beinhalten mag.“

„Ein super tolles Buch!“

„Wunderschön geschrieben.“




Über die Autorin


Franziska Dalinger liebt orientalische Geschichten und kocht gerne scharf. Sie hat eine Schwäche für Eulen, ihren japanischen Kuchenbaum und Wanderungen durchs Moor. Die besten Einfälle für ihre Romane bläst ihr der Wind ins Gesicht, Musik hören hilft allerdings auch.

Spannung und Romantik sind in ihren Geschichten garantiert.




Impressum


Dieses Buch als E-Book:

ISBN 978-3-86256-742-3, Bestell-Nummer 590 022E

Dieses Buch in gedruckter Form:

ISBN 978-3-86256-022-6, Bestell-Nummer 590 022

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über www.d-nb.de (http://www.d-nb.de) abrufbar

Lektorat: Dr. Thomas Baumann

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson

Umschlagbild: Re_bekka / © ShutterStock




Illustrationen: spoon design, Josua Reuhl

Satz: Neufeld Verlag

© 2012 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung des Verlages

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Inhalt


Zu diesem Buch (#u3370645b-423b-5555-a3c3-73970c1e9acf)

Leserstimmen zu den ersten Bänden (#u8525a2a2-a89a-564d-a5e9-0e778c9e2e80)

Über die Autorin (#u82f8fc7a-9ab1-5542-9b8f-f8cdcdafdbf7)

Impressum (#u09c06c84-f16d-5d9a-b429-6a524f2c37ee)

1. (#u1cf1ac22-ee25-4823-8376-40b68e594ab6)

2. (#u59845357-6eb2-4fa7-a0ba-7f9363ac0d9c)

3. (#u9957a764-e509-4606-b699-7b8366158b7a)

4. (#u7ad92539-8cf3-4da2-9d3f-84769a509a21)

5. (#ud1717b43-282d-41dd-9b23-a14301c041af)

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18. (#u5d753112-fc04-40ce-844d-c1fb6919d257)

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20. (#u1ec9ebab-3497-4d29-a9c2-2f8d8648e2f7)

21. (#ufa5ca3b4-724d-4179-a1ac-cd25dda2204a)

22. (#u2db5e779-1d70-4e4a-bc2d-e367a8aaa83f)

23. (#ufea3a36b-de17-4ad3-83af-a02aba14bafd)

Überraschungspralinen – das Rezept (#u069358de-6676-4172-a38a-8cedb2d5598b)

Über den Verlag (#u1cabc152-81a8-5032-959f-56f429c93b2c)


Für Melanie











1.


Ich bin heute mal ausnahmsweise dreißig. Jedenfalls soll man das glauben. Mandy meint, ja, für Ende zwanzig würde ich schon durchgehen. Oder Mitte zwanzig. Ist ja auch egal. Hauptsache, man nimmt mir ab, dass ich als Talentsucherin in einer Model-Agentur arbeite, Yvonne Holzer heiße und weiß, was ich da tue.

Dafür muss man nicht besonders schön sein, sondern sich bloß erwachsen geben, eine affige Pelzjacke tragen und ein Klemmbrett mit sich herumschleppen. Das Vorzeige-Model an meiner Seite lächelt verführerisch. Komisch, ich hätte gedacht, dass jeder in dieser Stadt Mandy kennt, aber offenbar ist dem nicht so. Mandy hat an unserer Schule sozusagen Promistatus, hier in der Fußgängerzone kommt sie ziemlich glaubhaft als echter Star rüber.

»Darf ich mich vorstellen?« Ich drücke dem jungen Mann, der gerade aus dem Kaufhaus schlendert und seinen Kragen hochzieht, meine Visitenkarte in die Hand. »Von der Agentur Miller und Johannsson. Sie sind genau das Gesicht, nach dem wir für unseren Kunden Ausschau halten. Für unsere nächste Kampagne.«

Der Typ zwinkert und starrt mich an. Die letzten drei, bei denen ich es versucht habe, sind kopfschüttelnd weggegangen. Aber dieser hier ist interessiert, das merke ich sofort. Seine stoppeligen Wangen röten sich vor Aufregung. »Echt?«

Nein, du Penner, natürlich nicht. Nichts hiervon ist echt. Außer deinem Wunsch, reich und berühmt zu sein und am besten sofort.

»Natürlich. Wir kommen von einer seriösen Agentur, wir machen nie Scherze«, sage ich und rücke meine Brille zurecht, während Mandy sich das Lachen verbeißt und ihre neue Digi-Cam hervorholt, ein riesiges Teil, das ziemlich professionell aussieht.

Unser Opfer ist lang und dünn und irgendwie noch nicht ganz ausgewachsen. Er hat blutige Stellen im Gesicht, wo er sich beim Rasieren geschnitten oder seine Pickel aufgekratzt hat oder was weiß ich. Handschuhe trägt er keine, die trockenen Hände sind rissig. Seine Finger zittern vor Aufregung, während er die Visitenkarte betrachtet. Die kann man sich einfach so am heimischen Drucker basteln, mein Lieber. Trau nie einer Visitenkarte.

Oh Mann, ich fühle mich böse. Diesem armen Kerl hat wahrscheinlich noch nie im Leben jemand gesagt, dass er ein schönes Gesicht hat. Es gibt auch keinen Grund, warum irgendjemand dermaßen lügen sollte.

Ich streiche mir die platinblonden Strähnen meiner Perücke aus der Stirn. Meine Kopfhaut darunter beginnt zu jucken, aber ich bringe ein aufmunterndes Grinsen zustande. »Wenn Sie dort bis zum Brunnen laufen würden? Und wieder zurück. Wir nehmen das auf, damit wir etwas haben, was wir unserem Kunden zeigen können.«

»Äh ... jetzt?«, fragt er, total verunsichert. Eigentlich ist er ganz süß. So verlegen, dass es schon fast niedlich ist.

»Klar, jetzt«, sagt Mandy streng. »Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Wir brauchen noch ein paar Gesichter für den Shampoo-Spot.«

Der Typ hält seine schiefen Zähne in die Kamera, lächelt blöde und stolziert los. Nach zwei Metern fällt ihm wohl ein, dass er ohne Mütze besser aussehen könnte, denn er reißt sich die Strickhaube von den strähnigen Haaren. (Das bringt’s allerdings auch nicht, sorry!) Mandy filmt ihn, wie er bis zum Brunnen wackelt, mit einem Gang, den er wohl für den eines coolen, männlichen Models hält, und wieder zurückkommt. Ein paar Passanten sind auf uns aufmerksam geworden und tuscheln. Jetzt bloß nicht lachen.

»Wie war das?«, fragt Mr. Zu-blöd-um-wahr-zu-sein. Er lächelt, er ist aufgeregt, die Mütze dreht er in seinen Händen hin und her, kann sich nicht entschließen, sie wieder aufzusetzen.

»Perfekt«, sage ich gnädig. »Allerdings ... die Konkurrenz ist groß, das ist Ihnen doch bewusst?«

»Der Herr, den wir hier vor einer Stunde hatten, hat mir doch irgendwie besser gefallen«, sagt Mandy. Sie wird ungeduldig und will ihn loswerden, das merke ich.

Ich lächele entschuldigend. »Das will noch gar nichts heißen. Und letztendlich entscheidet der Geschmack des Kunden, nicht wahr? Wenn Sie mir noch Ihren Namen und wie wir Sie erreichen ... ja, danke.«

Patrick, so heißt er, wirft uns noch einen Blick über die Schulter zu und schwebt beflügelt von dannen.

»Dem haben wir den Tag gerettet, schätze ich«, meint Mandy. »Was meinst du, die kleine Dicke da vorne? Für die nächste Übergrößen-Kampagne?« Sie prustet los.

»Die wird uns das nie im Leben abnehmen«, sage ich. Meine Nasenspitze ist rot von der Kälte und meine Augen tränen, aber wir trauen uns nicht, diese Aktion in der überdachten Passage durchzuführen. Am Ende ruft noch eine Verkäuferin die Polizei, und das können wir gar nicht gebrauchen. Schließlich sind wir bei denen kein unbeschriebenes Blatt.

»Oh doch, wird sie. Die wartet nur darauf, dass eine Model-Agentur auf sie zukommt und ihr sagt, dass sie die schönste kleine Dicke ist, die die Welt je gesehen hat.«

»Ich glaube, mir reicht es im Moment. Mir ist kalt und ich hab Hunger.«

Mandy nickt. »Ein Salat?«

»Leute aus einer Model-Agentur essen ganz bestimmt keinen Salat«, widerspreche ich. »Und wenn, dann einen richtig fetten mit Mayo und Schinken. Auf keinen Fall wollen sie mit den Models verwechselt werden, die sich durch die Türritzen und Schlüssellöcher quetschen.«

Mandy denkt darüber nach. »Da könnte was dran sein. Also ein Sandwich oder so was?«

Damit erkläre ich mich gnädigerweise einverstanden. Wir bestellen uns ein dick belegtes Baguette mit Soße und Tomaten und allem, was zwischen zwei Brothälften passt, und beobachten die Leute. Wer würde auf solche wie uns reinfallen? Wir machen das noch nicht lange genug, um es mit Gewissheit zu sagen, aber mittlerweile können wir es immer besser abschätzen. Jeder dritte oder vierte, den wir ansprechen, reagiert erfreut, so, als hätte er das große Los gezogen. Alle diese Leute werden zu Hause davon schwärmen, dass sie bald groß rauskommen.

»Wer weiß, vielleicht traut sich ja dieser Patrick von vorhin endlich mal, seine hübsche Nachbarin anzusprechen«, denke ich laut.

»Er hat eine hübsche Nachbarin?«

»Klar«, spinne ich weiter. »Hat die nicht jeder? Er ist seit fünf Jahren in die verknallt. Aber jetzt – als Model! Jetzt endlich wird er sich an sie ranschmeißen.«

Mandy verschluckt sich fast vor Lachen. »Oh Gott, Messie. Deine Fantasie möchte ich haben.«

Zugegeben, das Ganze war meine Idee. Da Mandy schnell langweilig wird – und ich ständig insgeheim die Befürchtung habe, ich könnte ihr zu langweilig werden –, musste ich mir unbedingt etwas einfallen lassen, um unsere Freundschaft zu retten. Es durfte natürlich nichts Kriminelles sein. Wir haben beide gelernt, dass Erpressung ein recht gefährlicher Zeitvertreib sein kann. Ich jedenfalls will nie wieder in irgendetwas Illegales verwickelt werden. Was wir hier abziehen, ist wohl nicht besonders brav, aber es gibt kein Gesetz dagegen, sich auf zehn Jahre älter zu schminken, mütterliche Klamotten auszuleihen (die von Mandys Mutter natürlich, meine hat nichts im Kleiderschrank, was auch nur annähernd schick genug wäre, um als Model-Scout durchzugehen), und in der Fußgängerzone Leute zu verschaukeln.

»Der hätte uns auch hundert Euro bezahlt, damit wir seinen Namen in unsere Kartei aufnehmen, wetten? Wer wäre nicht gerne bei Miller und Johannsson in der Kartei? Das Sprungbrett für Ihre Karriere!«

Ich werfe Mandy einen Blick zu. So einen Nimm-dich-in-Acht-Blick. Sie versteht sofort.

»Ich meine ja nur.«

»Das wäre Betrug«, sage ich. »So ist es bloß Spaß. Ich dachte, wir wären uns da einig, dass wir den Leuten kein Geld abknöpfen.«

»Ja, ist ja schon gut. Krieg dich wieder ein.« Sie grinst. »Aber diese eine Schwarzhaarige, am Anfang, dass die sogar ihre Jacke ausgezogen und mir zum Halten gegeben hat, mit Portemonnaie drin und allem! Was hätte die wohl gemacht, wenn wir einfach damit abgehauen wären? Die ersten paar Meter bis zum Brunnen hat sie sich kein einziges Mal umgeschaut.«

Kaum zu fassen, wie leichtgläubig manche Menschen sind. Wie vertrauensselig.

»So was machen wir aber nicht«, sage ich streng, denn Mandy hätte nicht das moralische Problem, mal das eine oder andere mitgehen zu lassen.

Früher hätte ich mich nie getraut, so mit ihr zu reden. Ihr klipp und klar meine Meinung zu sagen. Ich hatte solche Angst, dass sie dann nichts mehr mit mir zu tun haben will. Aber mittlerweile hat unsere Freundschaft schon so einiges überstanden, und ich trau mich immer mehr. Dass ich trotzdem immer noch Angst habe, sie könnte mit interessanteren Leuten rumhängen ... tja, so bin ich nun mal. Ich fühle mich eigentlich nie sicher. Nie so, als könnte ich mich zurücklehnen und alles läuft von selbst. Das ist wie in der Schule – alle paar Wochen kommt die nächste Arbeit, der nächste Test, und dann nützt es einem nichts, dass man im letzten eine Zwei hatte. Kann sein, dass ich da ein wenig verkrampft bin. Sorry, aber wer kann mir denn eine Garantie dafür geben, dass man das, was man bekommen hat, auch behält? Keiner. Eben. Gerade noch hat man eine total angesagte Freundin und dann wird man links liegengelassen. Oder einen supersüßen Freund, und dann sieht er sich anderweitig um. Kann alles passieren in einer Welt, in der es Erdbeben gibt und Vulkanausbrüche und Tsunamis.

»Und was macht Daniel so?«, fragt Mandy. Manchmal ist es mir fast unheimlich, wie sie meine Gedanken erraten kann.

»Daniel?« Ich blicke von meinem Sandwich auf und wische mir geziert ein Soßetröpfchen aus dem Mundwinkel. »Doch nicht etwa dieser blonde Schüler vom Gymnasium? Dieser unheimlich süße Typ, der immerzu Gitarre spielt? Den kannst du doch nicht meinen. Der ist viel zu jung für mich. Immerhin bin ich mindestens dreißig. Gott, der ist ja noch ein Kind!«

Mandy sieht wehmütig einem Tomatenscheibchen hinterher, das aus ihrem Baguette rutscht und auf dem Boden landet.

»Genau den«, sagt sie. »Der dir ständig Liebeslieder dichtet und Schokolade schenkt. Den Traumboy, den ausgerechnet du dir geangelt hast.«

In gewisser Weise habe ich ihn mir tatsächlich geangelt, denn unsere schönsten Momente hatten wir am Fluss. Abgesehen davon, dass wir uns von früher kennen, als er mir im Kindergottesdienst Kaugummi in die Haare geschmiert hat. Das habe ich Mandy nie erzählt. Sie weiß bloß, dass ich ihn vor dem Ertrinken gerettet und mir einen Kampf auf Leben und Tod mit Steffi, unserer früheren Freundin, geliefert habe. An jene Nacht denke ich gar nicht gerne. Aber in der Tat, irgendwie habe ich mir Daniel aus dem Wasser geangelt, und seitdem sind wir zusammen.

Wenn ich nicht gerade in der City wildfremde Leute anlüge.

»Der ist unterwegs«, sage ich. »Mit der Familie. Irgendwas wegen seiner Schwester. Er klang ziemlich alarmiert.«

»Familie wird überbewertet«, findet Mandy, die ein Einzelkind ist und ihre Eltern kaum sieht. Wenn sie ein Leben führen müsste wie ich – mit einem schrecklich netten Papa, der einem ständig den Kopf tätschelt, einer Mutter, die sich pausenlos um die Gesundheit ihrer Kinder sorgt, mit einer Schwester wie Tabita, die alles besser weiß, und einer Nervensäge wie Silas, der nie auch nur eine Sekunde die Klappe halten kann – dann wäre sie längst durchgedreht, wetten? Was nur beweist, was für gute Nerven ich habe.

Die werde ich jetzt auch brauchen. Es geht weiter. Mandy ist fertig mit essen, ein entschlossener Ausdruck tritt in ihr Gesicht.

»Jetzt finden wir das Supermodel«, verkündet sie.

Das schönste Mädchen in dieser Stadt ist garantiert sie selber. Ich glaube, das weiß sie auch. Sie braucht gar nicht so bescheiden zu tun. Mandy ist nicht nur mit einer blonden Mähne und einer perfekten Figur gesegnet, sondern auch mit einem umwerfend hübschen Gesicht. Trotzdem hat sie keinen Freund – oder genau deswegen, weil sich nämlich niemand an sie herantraut. Und ich, mindestens zehn Zentimeter kleiner als sie und mit meinen schulterlangen dunkelblonden Haaren, die dazu neigen, strähnig auszusehen, mit meiner etwas zu knubbeligen Nase und meinen X-Beinen, ich habe einen. Daniel sagt, ich soll nicht so kritisch sein, ich würde toll aussehen. Nun ja, wenn er meint. Manchmal glaube ich ihm sogar, schließlich war er schon in mich verliebt, bevor ich ihn gerettet habe. Aber wie dem auch sei – hin und wieder finde ich das Leben unerwartet gerecht. Dann macht es Spaß, ich zu sein.

»Die da.« Mandy lenkt meine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe kichernder Teenager. Sie sind in viel zu dünnen Jacken unterwegs, ohne Mützen oder Schals, was darauf schließen lässt, dass sie sich für zu schön halten, um sich vor der Kälte zu verstecken.

»Welche?« Keins der Mädchen sieht auch nur annähernd wie ein Supermodel aus.

Mandy ist schon unterwegs und packt die Kamera aus. »Entschuldigung«, sagt sie, »aber du hast doch bestimmt schon mal als Model gearbeitet?«

Das Mädchen, das sie sich aus der Gruppe herausgepickt hat, hat eine recht große Ähnlichkeit mit Tine, der oberfrommen Ziege aus meiner Jugendgruppe. Sie ist sehr dünn und hat ein Gesicht, das entfernt an ein Schaf erinnert. Biestig irgendwie. Jemand, der bestimmt über alles und jeden meckert. Die anderen haben alle Tüten in den Händen, aber sie nicht. Natürlich, sie gehört zu denen, die an allem etwas auszusetzen haben, am Schluss einfach irgendwas kaufen, damit sie nicht mit leeren Händen dastehen, und sich noch wochenlang darüber ärgern.

Hm. Passiert mir auch manchmal.

»He, Leonie, die meint dich!« Die anderen Mädels lachen und kreischen. Ich gehe hoheitsvoll dazwischen und zücke meine Visitenkarte.

»Ich?«, fragt das Schaf. Sie ist skeptisch, sie traut der Sache nicht. Aber ihre Freundinnen sind vollauf begeistert. Jede von ihnen möchte unbedingt in unsere Kartei. Fotografiert werden, gefilmt. Sie fangen an, Grimassen zu schneiden, mit den Augen zu klimpern, mit dem Hintern zu wackeln. Nur Leonie steht mittendrin und ist völlig durcheinander. »Ich?«, fragt sie bestimmt schon das zehnte Mal.

»Ja, du«, sagt Mandy, und da ich plötzlich gehemmt bin und den Mund nicht aufkriege, erteilt sie Anweisungen und lässt die arme Leonie auf und ab marschieren, wobei die Freundinnen ihre Jacke halten und neidisch zusehen. Ob sie es wohl später an ihr auslassen werden? Auf einmal ist mir ganz komisch zumute.

Das Mädchen geht bis zum Brunnen, während ihr die anderen gute Ratschläge zukreischen. Dann kommt sie zurück. Man merkt ihr nicht an, dass sie friert. Ihr Gang wird selbstbewusster. Sie umschifft die glatte Stelle, an der schon zwei unserer Kandidaten ins Rutschen gekommen sind, ohne Probleme. Ein winziges Lächeln glänzt in ihren Augen auf, das ihre Lippen nicht erreicht. Sie bleibt ernst, und ich ertappe mich dabei, dass ich sie anstarre. Auf einmal kann ich sie mir tatsächlich auf dem Laufsteg vorstellen. Oder auf dem Cover einer Zeitschrift. Sie hat etwas, finde ich, etwas Melancholisches, das irgendwie sexy ist, und in meinem Bauch ist ein komisches Grummeln, das mich wünschen lässt, das ganze Theater zu beenden und zu verschwinden.

»Mandy? Was macht ihr denn hier?«

Mandy lässt die Kamera sinken. »Basti?«

Bastian ist eine Art Kumpel von uns. Er war in die durchgeknallte Steffi verliebt und hat ihretwegen beinahe Daniel umgebracht, und von allen verrückten Dingen, die im vergangenen Herbst passiert sind, ist das vielleicht das Verrückteste: als Bastian mit Daniel ein Krankenhauszimmer geteilt hat, war er so schwer beeindruckt davon, dass Daniel ihn wie einen Freund behandelt hat, dass er nun auf dem besten Weg ist, auch Christ zu werden. Er kommt sogar jeden Donnerstagabend zum Life and Hope, unserer Jugendgruppe, und fragt Michael, unseren Jugendleiter, Löcher in den Bauch. Über Gott und Jesus, übers Beten und die Bibel. Seitdem dieser Schlägertyp-mit-Goldkettchen dort hingeht, versuche ich auch, keine einzige Stunde zu verpassen, denn irgendwie ist die Gruppe nicht wiederzuerkennen. Bastian mit all seinen Fragen wirft jede fromme Diskussion über den Haufen. Er zwingt alle zur Ehrlichkeit. Manchmal ist mir fast, als würde ich die Welt durch seine Augen betrachten, wenn er da ist, und wieder lernen, wie ein Kind zu staunen.

»Was macht ihr hier?«, fragt er noch mal. Er starrt auf die kichernden Mädels, auf Leonie, die verwirrt stehenbleibt, und dann bleibt sein Blick an mir hängen.

»Yvonne Holzer«, sage ich forsch und halte ihm eine Visitenkarte vor die Nase. »Ihr Gesicht würde wunderbar in unsere nächste Kampagne passen. Wenn Sie für unsere Kamera kurz bis zum Brunnen und zurück laufen würden, dann nehmen wir Sie in unsere Kartei auf.«

Bastian starrt und starrt. »Nee, das ist sie aber nicht, oder?«, fragt er schließlich an Mandy gewandt. »Oder?«

»Das ist Frau Holzer, von Miller und Johannsson«, sagt Mandy, aber ihr Grinsen verrät sie. Fast. Ich denke: Jetzt schnallt er es ... aber er schnallt es nicht.

»Bei denen bin ich auch unter Vertrag«, spinnt Mandy weiter. »Na los, bis zum Brunnen. Streng dich mal ein bisschen an, damit Frau Holzer merkt, dass du was drauf hast.«

Leonie springt zur Seite, als er losmarschiert. Für sie ist er natürlich bloß ein Kerl mit breiten Schultern und einem gefährlichen Gesicht. Er versucht nicht mal, wie ein Model zu gehen, wofür ich ihm dankbar bin. Stattdessen breitet er die Arme aus und dreht sich ein paar Mal. Seine Kumpels liegen vor Lachen fast auf dem Boden.

»Und?«, fragt er begierig. »Wie war das?«

»Unnachahmlich«, sage ich ernst und kritzele etwas auf mein Klemmbrett.

»He, und was ist mit Leonie?«, fragt eine von Leonies Freundinnen, aber Mandy beachtet sie gar nicht.

»Nun, Frau Holzer«, fragt sie mich todernst, »wie fanden Sie das?«

»Kaum zu glauben. Der vielversprechendste Kandidat seit langem. Dieses Gesicht ... diese Frisur ...« Ich kann nicht mehr an mich halten und pruste los.

»Sie ist es ja doch!«, schreit Basti und drückt mich an seine Brust. »Meine Messie! Haha!«

Man muss ja zugeben, dass Bastian irgendwie ein bisschen bedrohlich aussieht. Die Haare streichholzkurz, breite Schultern, wiegender Gang, Marke »Ich hau dich kurz und klein«. Zerrissene Jeans, Goldkettchen, Tattoo. Wenn er jetzt jeden Donnerstag aus voller Kehle »Das Höchste meines Lebens ist: dich kennen, Herr« schmettert, so laut und falsch, wie es nur Basti kann, ist das ein ziemlicher Kontrast. Aber sein Lachen! Wenn mir jemand prophezeit hätte, ich würde jemanden kennenlernen, der lauter lacht als mein Vater niest, ich hätte ihm nicht geglaubt.

Die Leute drehen sich zu uns um.

»Messie?« Er reißt mir die Perücke vom Kopf. »Ich fasse es nicht! Ich hätte dich nie erkannt. Du siehst aus, als wärst du dreißig oder so!«

Leonies Clique ist jetzt endgültig klar, dass sie Betrügern aufgesessen sind. Schimpfend verziehen sie sich. Leonies kleines Lächeln verschwindet so schnell, wie es aufgetaucht ist, aber nicht einmal ihre Clique wagt es, mit geballten Fäusten auf uns loszugehen, während Bastian und seine Kumpels bei uns stehen, die Daumen in den Gürtelschlaufen ihrer Jeans, eine Pose, die sie bestimmt aus irgendwelchen drittklassigen Movies haben. Zwei von ihnen, genannt »die beiden Nicks«, sind wahre Schränke, mit denen man sich lieber nicht anlegt.

»Sie ist gut, was?«, fragt Mandy.

Das schätze ich so an ihr. Obwohl sie so toll aussieht und beliebt ist und jeden um den Finger wickeln kann, teilt sie auch mal Komplimente aus. Ganz ohne neidisch zu sein.

Bastian sieht sich um. »Ist Daniel hier? Ich hab heute in der Bibel was gelesen, und da wollte ich ihn mal was dazu fragen.«

Es ist ihm überhaupt nicht peinlich, dass seine eigenen Jünger das mitkriegen. Niklas und Dominik, die beiden Riesen, können vermutlich nicht mal lesen. Alf, klein, dunkelhaarig, sieht irgendwie asiatisch aus, ist dagegen recht pfiffig. Dem würde ich zutrauen, dass er heimlich unter der Bettdecke die Offenbarung des Johannes durchackert. Er zwinkert mir zu – der will doch nicht etwa flirten? Philipp schweigt, wie immer. Jackson grinst unverschämt. Aber sie alle sind Bastis treue Untertanen und zockeln immer hinter ihm her, egal, was er tut. Vermutlich würden sie sogar eine christliche Jugendgruppe oder einen Gottesdienst besuchen, wenn er es ihnen befiehlt. Himmel, denke ich auf einmal, was tun wir bloß, wenn er wirklich irgendwann auf die Idee kommt, diese ganzen Jungs in die Kirche mitzuschleppen?

»Nein, er ist nicht hier. Frag mich doch.« Ich bin mit der Bibel großgeworden, mit Gottesdiensten und theologischen Debatten am Küchentisch. Das passiert halt, wenn man einen Pastor zum Vater hat. Bibelsprech ist meine zweite Muttersprache. Nur der Glaube, der kommt nicht automatisch, wie ich in den letzten Jahren festgestellt habe. Den kann nicht einmal der glühendste Prediger seinen Kindern vererben. Mein Glaube ist ein bisschen wie eine Blüte, die manchmal, im Sonnenschein, aufgeht und sich dann ganz rasch wieder schließt, wenn jemand sie berührt. Manchmal blüht sie aber auch in der Nacht und macht bei Tageslicht dicht. Mein Glaube ist unberechenbar und bockig und lässt mich immer wieder völlig im Stich.

»Du, mit der Hochzeit zu Kana ...«, fängt Basti an, aber Mandy unterbricht ihn sofort. Mandy kann Bibelgespräche nicht ertragen, warum auch immer. Dabei hör ich mir auch geduldig ihren ganzen verquasten Horoskopquatsch an.

»Mann, könnt ihr das nicht später besprechen?«, geht sie dazwischen. »Wir wollten hier noch ein bisschen Spaß haben.«

Aber ich bin jetzt aus meiner Rolle raus. Was, wenn Bastian Daniel hiervon erzählt? Es ist harmlos. Es ist witzig. Aber trotzdem will ich nicht, dass Daniel davon erfährt, dass ich mich als Yvonne Holzer verkleidet in den Klamotten von Mandys Mutter auf die Straße traue.

»Boah, wenn er dich so sehen könnte«, meint Basti. »Dem würden glatt die Augen rausfallen.«

Ich hab mein Kostüm ein bisschen, äh, ausgepolstert.

Während ich noch überlege, wie ich Bastian klarmachen soll, dass er meinem Freund nichts davon verraten darf, greift Mandy ein. »Das ist top secret«, sagt sie. »Klar? Kein Wort zu niemandem. Meine Mutter bringt mich um, wenn sie erfährt, dass wir an ihrem Kleiderschrank waren. Wehe, du erzählst irgendjemandem davon!«

»Aber ...«, beginnt er.

»Niemandem«, beharrt sie. Der Reihe nach fasst sie jeden der Jungs ins Auge. »Absolut niemandem.«

Niklas und Dominik nicken erschrocken. Philipp schweigt. Jackson grinst. Alf macht ein undurchschaubares Gesicht.

Bastian schaut verwirrt von ihr zu mir und wieder zurück. »Mein Name kommt jetzt aber nicht wirklich in diese Datei, oder?«











2.


Mein ultimatives Rezept für Schokoküsse: Zuerst isst man die Schokolade. Am besten seine Lieblingssorte. Dann braucht man einen Freund, einen, der so gut küssen kann, dass man selbst die Schokolade sein möchte, die dahinschmilzt. Und den küsst man dann.

Fertig.

Für alle, die keinen Freund haben, ist das natürlich ziemlich doof.

Wenn allerdings der Freund, den man hat, schlecht drauf ist, muss man auch besser zu echter Schokolade greifen. Irgendwie hatte ich mir diesen Nachmittag anders vorgestellt.

Daniel sitzt auf dem Boden, ans Bett gelehnt, und hat seine Gitarre auf dem Schoß. Die Melodie, die er vor sich hinklimpert, klingt traurig.

»Und die Ärzte wissen wirklich nicht, wann sie wieder aufwacht?«, frage ich, dabei hat er mir das bereits gefühlte tausend Mal erzählt. Seine Mutter übrigens auch schon, als ich hergekommen bin. »Sarah liegt im Koma, sie hatte einen schweren Unfall. Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht. Ja, Daniel ist oben, geh ruhig hoch zu ihm.«

Jetzt bin ich also in seinem Zimmer, und er hält bloß sein blödes Instrument umklammert und bläst Trübsal.

»Sie übersteht es schon«, sage ich, nur um irgendetwas zu sagen. »Du wirst sehen, alles wird gut.« Ich kann es gar nicht haben, wenn Daniel so still und in sich gekehrt ist. Um ihn aufzumuntern, hätte ich ihm fast erzählt, was Mandy und ich heute in der Fußgängerzone angestellt haben, aber ich beiße mir noch rechtzeitig auf die Lippen, denn irgendwie kann ich mir denken, dass ihm das nicht gerade gefallen wird. Er wird nicht so begeistert sein, dass er mich in die Arme nimmt und küsst. Oh Mann, ich bin echt egoistisch, ich weiß. Statt angemessen um seine Schwester zu trauern, ärgere ich mich, dass er sich nicht um mich kümmert. Aber hallo? Sarah ist schließlich nicht tot, noch nicht, und ich kann doch nichts dafür, dass es ihr schlecht geht.

»Wollen wir denn heute was unternehmen?«, frage ich.

»Du, mir ist nicht so danach«, sagt er.

Ich beginne, mich zu ärgern. »Deine Schwester wird nicht davon gesund, dass du hier rumsitzt«, teile ich ihm mit, falls er nicht daran gedacht hat.

Er hebt den Kopf und schaut mich an. Wieder einmal reicht ein Blick, und meine Haut prickelt überall. In meiner Brust macht mein Herz ein paar wilde Hüpfer. Daniel ist einfach so ... süß. Vielleicht könnte ich tatsächlich damit zufrieden sein, hier zwei Stunden zu sitzen und ihn anzuschmachten.

Vielleicht.

Aber andererseits ist heute Samstag und wir haben schon die letzten Wochenenden damit verbracht, im Zimmer zu hocken.

»Gib dir einen Ruck und komm mit«, sage ich.

Eine Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen. Die ist mir sonst noch nie aufgefallen. »Glaubst du wirklich, ich hab jetzt Lust, irgendwo hinzugehen? Ich mache mir echt Sorgen!« Er versucht zu lächeln, was ziemlich kläglich aussieht. »Wollen wir für sie beten?«

»Wie, laut?«

»Warum nicht?«

Ich bin nicht gut darin, laut zu beten. Überhaupt nicht. Eigentlich bin ich überhaupt nicht gut im Beten. Das heißt, ich sage Gott schon zwischendurch, was ich denke und was ich mir wünsche und so. Aber das ist ein Gespräch zwischen ihm und mir, das ist privat. Abgesehen davon, dass ich mir manchmal gar nicht sicher bin, ob es ihn wirklich gibt.

Daniel weiß allerdings nicht, dass ich so viel zweifle, das behalte ich für mich. Ich habe nämlich die heimliche Befürchtung, dass ihm das nicht reicht. Bestimmt möchte er eine Freundin, die genauso wie er glaubt: hundertprozentig. Daniel ist der Glaube unheimlich wichtig. Aus diesem Grund bemühe ich mich darum, in seiner Gegenwart Miriam aus der Gemeinde zu sein, die zwar kritisch über vieles nachdenkt, aber dennoch unerschütterlich an Gott glaubt. Das ist keine Heuchelei, oder? Denn zwischendurch glaube ich ja tatsächlich ganz fest. Nur eben nicht immer.

Trotzdem finde ich es unfair, dass ich mein Wochenende mit Beten verbringen soll. Deshalb schicke ich Mandy eine SMS und frag sie, was sie heute vorhat. Wenn überhaupt nichts läuft, kann ich ja immer noch beten.

Aber ihre Antwort kommt prompt: Sie geht wieder mal auf eine Party. Gibt es überhaupt einen Samstagabend, an dem sie nicht auf einer Party ist? Gibt es eine Feier hier in der Stadt, zu der sie nicht eingeladen ist? Wohl kaum. Ein scharfer Stich des Neides durchfährt mich. Sie hat zwar keinen Freund, aber dafür kann sie nach Herzenslust flirten und tanzen, während ich mit einem todtraurigen Daniel in dieser Bude hocke und beten soll.

Es gibt doch diese Cartoons, wo jemandem ein Engelchen und ein Teufelchen auf den Schultern sitzen. Das Engelchen will die Seele dazu bringen, das Richtige zu tun. Aber was wäre hier das Richtige? Kann Gott wollen, dass ich betend auf dem Teppich hocke, während draußen eine Party steigt? Mann, ich bin sechzehn und nicht sechzig, und als ich das letzte Mal in den Spiegel geschaut habe, ist mir auch kein Nonnengewand aufgefallen.

»Das wird dich ablenken«, versuche ich Daniel zu überreden. »Man kann doch auch zwischendurch immer mal wieder beten. Wenn du jede Minute ein Stoßgebet zum Himmel schickst, sind das sechzig Gebete in der Stunde. Sagen wir, wir bleiben vier, fünf Stunden da, dann sind es schon dreihundert Gebete. Das müsste doch reichen. Oder, falls du meinst, dass du es vergisst, könnte man ja auch immer dann, wenn ein neuer Song aufgelegt wird, beten. Dann wären das, wenn ein Lied drei Minuten lang ist, immerhin noch zwanzig Gebete pro Stunde.«

Daniel hat einen komischen Ausdruck im Gesicht, den ich nicht so recht deuten kann. Vermutlich hat ihm noch niemals jemand ausgerechnet, wie viele Gebete pro Stunde man hinkriegt, wenn man nicht durchgehend betet, sondern im Intervall.

Vielleicht könnte ich mal einen Kurs durchführen, Thema: »Intervall-Beten. So kriegst du Gott garantiert rum«. Klar, ich weiß, dass man Gott nicht durch Gebete rumkriegt. Aber warum sollte das dann mit einem Marathon-Gebet die ganze Nacht durch anders sein? Das wäre auch ein prima Kurs-Thema: »Marathon-Beten contra Intervall-Beten. Insider berichten aus der Praxis. Mit aktueller Gebetserhörungs-Statistik«.

Ich grinse vor mich hin und vergesse dabei ganz Daniels kranke Schwester.

»Geh ruhig«, sagt er. Seine Laune hat sich nicht wirklich gebessert.

Wahrscheinlich wäre es meine Pflicht als gute Freundin, neben ihm auf dem Teppich zu knien und mit ihm die Hände im Gebet auszustrecken. Bei ihm zu sein.

In guten und in schweren Tagen, denke ich. Ja, das würde ein Mädchen tun, das es verdient, seine Freundin zu sein. In mehr als einer Hinsicht komme ich mir heute wie eine Betrügerin vor. Denn ich habe nicht die Absicht, hierzubleiben. Das würde mich so deprimieren, dass ich irgendwann völlig durchdrehe. Zumindest in einem Streit würde das hier enden.

Also bin ich in gewisser Weise sogar besonders nett, weil ich mich jetzt aus dem Staub mache.

Partys im Winter sind tückisch. Weil man ständig friert. Man friert auf dem Weg dahin. Man friert, wenn man zwischendurch rausgeht, um frische Luft zu schnappen. Der Rock ist zu kurz, die Strümpfe zu dünn, das Oberteil zu knapp. Zu einer Party kann man ja schlecht einen Angora-Pullover, Jeans und Stiefel anziehen. Ja, auch die Füße frieren, wenn man sich aus dem Gedränge löst und durch den Schnee stolpert, um kurz einen Moment aus dem Trubel zu entkommen. Dann bleibt mein rechter Schuh auch noch in einer Schneewehe stecken. Mist, jetzt habe ich die Strümpfe im Schnee, sie sind sofort nass und kalt. Ich will gerade zu meinem Schuh zurückhumpeln, als jemand ihn aus dem Schnee fischt. Ein Jemand, den ich kenne.

»Hi«, sagt Tom. »Dich sieht man ja auch immer seltener.«

Dies wird garantiert nicht eine dieser dämlichen Geschichten, in denen die oberblöde Tussi sich nicht zwischen zwei Typen entscheiden kann. Ich bin mit Daniel zusammen. Definitiv. Dass ich jahrelang in Tom verknallt war, dass ich ihn angehimmelt habe, wenn er über den Schulhof ging, dass ich in meiner Schreibtischschublade ungefähr hundertzwanzig Gedichte lagere, die alle mit seinem Namen betitelt sind, das ist Vergangenheit. Genauso wie der Kuss, den er mir in angetrunkenem Zustand gegeben hat, in jener schrecklichen Sturmnacht, die Daniel fast das Leben gekostet hätte.

Nein, ich werde ganz bestimmt nicht mit Tom flirten und alten Gefühlen die Chance geben, wieder an die Oberfläche zu kommen.

»Hallo Aschenputtel«, sagt er und reicht mir den Schuh. »Wo hast du denn deinen Ritter gelassen?«

»Kreuzritter« ist Daniels Spitzname. Er kann ihn nicht ausstehen, aber irgendwie ist er an ihm hängengeblieben, dagegen lässt sich nichts machen.

»Der hatte keine Lust«, antworte ich, denn wenn ich lüge und behaupte, dass Daniel drinnen im Saal ist, wird Tom mir das bestimmt nicht abnehmen. Es wäre für uns beide besser, wenn ich lüge, aber ich kann nicht. »Ich bin mit Mandy hier.«

Er verschont mich mit seinen Ansichten über Mandy, mit der er mal kurz zusammen war, wofür ich ihm dankbar bin (für beides, das Schweigen und dafür, dass er schon vor langer Zeit mit ihr Schluss gemacht hat).

Ich muss mich an seiner Schulter abstützen, um meinen Schuh wieder an den Fuß zu kriegen, wo er hingehört, und dabei schwankt Tom bedenklich. Ehe ich merke, was geschieht, liegen wir beide im Schnee. Mein Rücken wird nass und kalt. Überall ist Schnee, ich habe sogar welchen im Mund. Mein wütender Schrei hört sich dadurch eher wie ein erschrockenes Quieken an.

»Oh sorry, bitte vielmals um Entschuldigung«, lallt er, rappelt sich auf und hilft mir hoch, wobei er es diesmal schafft, nicht umzukippen. »Äh, du hast da Schnee.« Ungeschickt klopft er mir die weiße Pracht vom Rücken.

»Lass das.« Ich packe seine Hand und entferne sie von meiner Taille. Mist. Jetzt bin ich völlig durchnässt, was wohl bedeutet, dass ich sofort nach Hause muss. Mir ist so kalt, dass meine Zähne klappern. Dabei bin ich noch gar nicht so lange auf dieser Party. Vielleicht eine oder zwei Stunden. Noch viel zu früh, um zu Hause anzurufen und Papa zu bitten, mich abzuholen. Mein Vater hält sowieso nicht viel von Partys, auf denen Schüler Alkohol trinken, flirten und Dinge tun, an die sie sich am nächsten Tag nicht mehr erinnern können oder die, bei Licht besehen, nur halb so lustig sind wie gedacht. Wenn Papa sieht, dass ich mich im Schnee gewälzt hab, denkt er womöglich etwas ganz Schlimmes von mir, vor allem, da Tom wie ein Trottel danebensteht und darauf wartet, dass ich ihm entweder eine reinhaue oder ihn küsse.

»Komm, ich bring dich nach Hause«, schlägt er vor.

Im Moment tendiere ich zu »eine reinhauen«.

»Du kannst nicht fahren«, sage ich. »Ausgeschlossen.« Woran man sieht, dass ich durchaus lernfähig bin. Wie könnte ich jemals vergessen, dass ich mich schon mal zu ihm ins Auto gesetzt und erst dann gemerkt hab, dass er kaum geradeaus fahren konnte? Ein Glück, dass aus mir und Tom nichts geworden ist. Er trinkt zu viel. Er hängt auf zu vielen Partys rum. Er ist völlig verrückt. Ganz im Gegensatz zu Daniel, der zwar noch keinen Führerschein hat, aber wenn er endlich Auto fahren kann, sicher unheimlich vernünftig und erwachsen mit dieser Verantwortung umgehen wird. Weil Daniel ja immer so schrecklich erwachsen und nett und brav und LANGWEILIG ist!

Aaaaaah!

Ich packe Tom am Kragen und schaue in seine blauen Augen. Augen, strahlend blau, tiefblau, so wie er im Moment durch und durch blau ist. Die Farbe bildet einen wahnsinnigen Kontrast zu seinen schwarzen Haaren. Ich könnte ihn jetzt küssen. Einfach so. Weil ich immer noch wütend auf Daniel bin. Weil ich diese Jahre, in denen ich heimlich in Tom verliebt war, nicht einfach so abstreifen kann innerhalb weniger Monate; manchmal geistert er ungefragt durch meine Träume. Weil ich hundertdreiundzwanzig Gedichte in meiner Schublade liegen habe. (Oder waren es bloß hundertzwölf? Muss ich mal nachzählen und durchnummerieren.) Weil ... weil ich Lust dazu habe! Und weil niemand es je erfahren wird. Tom wird sich garantiert an überhaupt nichts erinnern.

Unsere Gesichter kommen sich näher. Ich kann seine Bierfahne riechen. Das gibt letztendlich den Ausschlag. Dieser Geruch verdirbt mir den Appetit.

Ich stoße Tom von mir weg, und er landet zum zweiten Mal im Schnee. Er lacht und lacht, wie ein Irrer.

Ich lasse ihn liegen und suche nach meinem Handy. Wo (unfrommer Fluch, bitte kurz weghören) ist mein Handy? Ich muss es vorhin verloren haben. Na toll. Jetzt kann ich hier danach wühlen. Tom lacht immer noch, er klingt glücklicher, als er sollte. Das Dumme ist, ich weiß genau, was ihn so freut. Das war knapp, echt knapp, und er weiß es, so wie ich es weiß, und wenn ich Pech habe, weiß er es morgen auch noch. Wie blöd war ich eigentlich zu glauben, es wäre egal, weil niemand es sieht? Ich würde es wissen. Immer. Immer, wenn ich mit Daniel zusammen bin, würde ich daran denken müssen. Was für ein Glück, dass ich es nicht getan habe.

»Steh auf und hilf mir suchen!«, fahre ich ihn an, damit er endlich aufhört zu lachen. »Mein Handy ist weg.«

»Du brauchst niemanden anzurufen«, beschwört er mich, während er sich herumrollt, um ungeschickt aufzustehen. »Ich kann dich doch bringen.«

Da ist es. Ich fische meinen Rettungsanker aus dem Schnee. Zum Glück ist es wasserdicht. Eigentlich sollte ich für Tom ein Taxi rufen, aber da kommen seine Kumpels aus dem Saal, entdecken uns und ziehen ihn wieder mit ins Gedränge. Es scheint ihn nicht zu stören, dass er völlig nass ist. Zum Abschied wirft er mir eine Kusshand zu. Ich verdrehe bloß die Augen. Mit zitternden Fingern wähle ich die heimische Nummer und bestelle meinen persönlichen Fahrdienst.

Michael entschuldigt sich wortreich. »Tut mir leid, ich kann nicht kommen, mein Wagen steht zurzeit nicht zur Verfügung.« Was immer das heißen mag. Hat er ihn einer hilfsbedürftigen alleinerziehenden Mutter mit vier Kindern ausgeliehen, die keine Getränkekisten schleppen mag, weil sie es im Rücken hat? Wär nicht das erste Mal, aber die fortgeschrittene Uhrzeit spricht doch eher dagegen. »Aber ich sag Manfred Bescheid.«

»Klar, danke. Papa wird sich freuen.« Fröstelnd reibe ich mir die Oberarme und wippe ein bisschen hin und her, um nicht ganz auszukühlen.

Aus dem Schatten vor dem Festsaal löst sich eine Gestalt. Ein glühendes Pünktchen in der Dunkelheit weist auf einen Raucher hin. Ansonsten muss ich warten, bis er in den Lichtschein tritt, dann endlich erkenne ich, wen ich vor mir habe. Es ist eine Sie. Kim. Kim, die einmal zu Mandys Clique gehört hat, bis wir uns alle wegen der Sache mit Steffi und dem armen kleinen Hendrik zerstritten haben. Ich weiß, dass sie immer noch sauer ist, schließlich gehen wir in eine Klasse. Wir, Mandy und ich, haben die Sozialstunden, die man uns aufgebrummt hat, als die Sache rauskam, mit Fassung ertragen, aber Kim betrachtet mich als Verräterin der schlimmsten Sorte.

»Ach, sieh einer an.« Mehr sagt sie nicht, was es irgendwie noch ungemütlicher macht.

»Hi, Kim«, begrüße ich sie. »Ich wusste gar nicht, dass du auch hier bist.«

Sie lässt mich in ihrem eisigen Schweigen schmoren. Wärmer wird mir davon nicht. Kim ist Boxerin und kann es überhaupt nicht vertragen, wenn irgendetwas nicht nach ihrem Willen geht.

»Sag mal, ist dir dein schnuckeliger Mr. Blond-and-Perfect etwa schon langweilig geworden?«

Langweilig? Wie kann sie es wagen! »Er hatte einfach keine Lust«, fauche ich sie an. Daniel ist vielleicht kein begeisterter Partylöwe, aber er wäre mitgekommen. Mir zuliebe. Nur eben nicht heute. »Seine Schwester liegt im Koma, da wäre dir wohl auch nicht so nach Abtanzen zumute!«

»Aha«, sagt Kim. »Und warum bist du dann hier?«

Gott, sie hat recht. Es trifft mich wie ein Schlag. Warum bin ich hier? Es macht sowieso keinen Spaß, ohne ihn. Mandy habe ich im Gedränge zwar aufgestöbert, aber irgendwie nervt sie mich nur. Die ganze Zeit denke ich daran, wie Daniel zu Hause sitzt und sich um Sarah Sorgen macht.

»Weiß er eigentlich, was du hier abziehst? Jemand sollte ihn warnen.«

Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Also war sie die ganze Zeit da. Und hat es nicht für nötig gehalten, sich bemerkbar zu machen. Man hüte sich vor Leuten, die in irgendeiner dunklen Ecke heimlich rauchen.

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sage ich. »Warum sollte es Daniel stören, wenn ich mich mit Tom treffe?«

»Wenn du ihn abknutschst, dann vielleicht schon«, meint sie gehässig.

Von ihrem Winkel aus hat es möglicherweise danach ausgesehen, dass wir uns geküsst haben. Aber haben wir ja gar nicht. Daher kann sie mir nichts.

»Tja«, räume ich ein, »in dem Fall hätte ich ein Problem. Aber was geht dich das an?«

Kim stößt mich an, sodass ich rückwärts stolpere. »Du kommst dir wohl ganz toll vor, wie?«

Ich lande im Schnee. Eigentlich könnte ich gleich hier liegenbleiben, denn ich hab echt keine Lust, mich mit Kim zu prügeln. Mit einer Frau, deren Fäuste aus Stahl sind? Nein danke. Panisch schicke ich ein Stoßgebet nach oben: Lass Papa schnell herkommen, Gott, bitte!

Kim mustert mich voller Verachtung, dreht sich dann abrupt um und schreitet davon. Sie verzichtet sogar auf den Anblick, wie ich mich stöhnend aufrichte.

Eigentlich könnte ich zwischendurch auch mal für Daniels Schwester beten, die ich überhaupt nicht kenne, doch stattdessen flehe ich bloß darum, dass Papa schnell fährt, obwohl es glatt ist, und nicht wie sonst im Schneckentempo, und dass er keine blöden Fragen stellt.

Die erste Bitte hat schon mal nicht funktioniert. Er braucht ewig. Die zweite ... na, so halb.

»Was ist denn mit dir passiert?« Er dreht die Heizung höher.

Dass er überhaupt nicht fragt, habe ich auch nicht erwartet. »Bin ausgerutscht. Da vorne auf dem Parkplatz ist es glatt«, sage ich.

Und mein Papa, der liebe, herzensgute Pastor Manfred Weynard, glaubt mir das sofort, denn er kann sich nicht vorstellen, warum irgendjemand lügen sollte, wenn er genauso gut die Wahrheit sagen kann.

Als ich vom Bad in mein Zimmer wanke, müde und nicht so ganz bei mir, sehe ich Licht in Tabitas Zimmer. Müsste sie nicht schon längst schlafen? Leise drücke ich die Klinke runter.

Im Schein der Nachttischlampe liest meine Schwester ein dickes Buch. Sie liegt auf dem Bauch und kaut so konzentriert auf einer Haarsträhne herum, dass sie mich gar nicht wahrnimmt. Beim Umblättern raschelt die Seite.

»Hey, Tabby«, flüstere ich, »weißt du eigentlich, wie spät es ist?«

»Wie war die Party?«, fragt sie, ohne aufzusehen.

»Leg endlich das Buch weg. Du musst schlafen.«

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram«, gibt sie zurück und liest einfach weiter.

Ich betrachte Tabita einen Moment. Ihr Haar glänzt im Licht. Unter der Bettdecke zeigen sich die Umrisse ihres schmalen Körpers.

Fast ehrfürchtig schließe ich die Tür wieder und tappe in mein eigenes Zimmer. Auf einmal ist es nicht mehr selbstverständlich, dass ich eine Schwester habe. Das ist ein beunruhigender Gedanke, der mich nicht besonders gut schlafen lässt, und jedes Mal, wenn ich aufschrecke, springt mir ein Satz auf die Lippen. Ich spreche ihn nicht laut aus, aber in meinem Inneren hört es sich an wie ein Hilfeschrei: Bitte, Gott, bitte, mach Sarah gesund ...

Ich weiß, dass Daniel auch nicht schlafen kann, dass er ebenfalls in seinem Bett liegt und betet, und so beten wir denn doch zusammen. Heute Nachmittag wusste ich nicht, wie ich anfangen sollte, jetzt weiß ich nicht, wie ich aufhören könnte.











3.


An diesem Donnerstagabend ist es mal wieder rappelvoll. Michael, den ich wegen seiner annähernd zwei Meter Körpergröße heimlich Goliath nenne, schleppt noch ein paar Stühle herbei. Im Gegensatz zu Bastians Leibwächtern sieht Michael allerdings nicht nach einem riesenhaften Krieger aus, sondern eher etwas schwächlich – lang und dünn, und sein witziges Ziegenbärtchen macht ihn sympathisch statt furchteinflößend. Daniel hilft ihm mit den Stühlen, dann bemerkt er mich und begrüßt mich freudestrahlend, als sei nichts gewesen. Als wäre er nicht schuld daran, dass ich ohne ihn auf eine Party gegangen und im Schnee gelandet bin, dass ich um ein Haar Tom geküsst hätte und fast von Kim verprügelt worden wäre. Nein, Daniel hat absolut keine Ahnung, warum ich nicht zurücklächle.

»Hey«, sagt er leise.

Wir haben uns die ganze Woche über nicht gesehen. Er hat gebüffelt, ich auch, und irgendwie habe ich es nicht über mich gebracht, ihn anzurufen. Hoffentlich fragt er mich nicht, wie es mir geht. Da stürmt Basti dazu und legt jedem von uns einen Arm um die Schulter.

»Jetzt geht’s los!«, ruft er. »Ich hab mir heute das Thema gewünscht.«

Unglaublich, wie dieser Junge sich über eine Bibelarbeit freuen kann. Und dann auch noch die Hochzeit zu Kana. Ich stöhne innerlich. Die Geschichte gehört zu den langweiligsten überhaupt, einfach, weil ich sie schon gefühlte tausend Mal gehört hab. Vielleicht bloß noch getoppt vom Barmherzigen Samariter. Jesus kommt auf eine Hochzeit, seine Mutter erzählt ihm, dass es keinen Wein mehr gibt, und – oh Wunder! – Jesus macht aus Wasser Wein.

Kenne ich schon alles. Schade eigentlich, dass es die Bibel nicht als Fortsetzungsroman gibt. Jede Woche eine neue Folge, die noch nie jemand gelesen hat. Das wär spannend!

Aber Bastian sieht das anders. Seine Augen leuchten. »Mann, das ist so krass«, findet er. »Wein! Das hätte ich nicht gedacht von Jesus. Er macht nicht aus Wein Wasser, damit die alle nicht so viel trinken und sich die Kante geben. Sondern aus Wasser Wein!«

»Nun, es gibt ja auch Christen, die sich ebenfalls gern die Kante geben«, sagt Tine und richtet ihren missbilligenden Blick auf mich. Bei ihr klingt es, als würde sie die Wörter unterstreichen. Oder in Anführungszeichen setzen oder mit Großbuchstaben. »Was man so hört.«

Ich erschrecke, als alle mich plötzlich anstarren. Was soll das denn jetzt?

»Wie meinst du das?«, erkundigt sich Michael.

»Ich glaube nicht, dass Jesus wollte, dass wir uns betrinken, wo wir doch als Christen Vorbilder sein müssen«, sagt sie.

Ich versteh nur Bahnhof. Warum guckt sie mich so an? Was habe ich denn schon wieder verbrochen? Ich hatte ja eigentlich gedacht, dass wir uns etwas näher gekommen wären, die fromme Tine und ich. Schließlich hatte ich sie sogar zu meiner Party eingeladen. Aber das hat ihre Meinung über mich wohl nur bestätigt. Eine Party, auf der es normale unchristliche Musik zu hören gibt, ist für Tine eine unchristliche Party.

»Wie meint sie das?«, flüstert Daniel, der neben mir sitzt und meine Hand hält.

»Keine Ahnung«, gebe ich zurück.

»Ach, tu doch nicht so«, sagt Tine. »Die ganze Stadt weiß, dass du am Samstag sturzbetrunken warst und ...« Sie schaut von mir zu Daniel und zieht die Schultern hoch.

»Und was?«, fragt Daniel.

»Nichts«, sage ich. »Übrigens war ich überhaupt nicht betrunken.«

»Umso schlimmer«, meint Tine selbstgefällig.

Zum Glück greift Michael an dieser Stelle ein und lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf den Bibeltext. Aber ich spüre, dass mich von allen Seiten Blicke streifen, und mir wird immer unbehaglicher. Ich ziehe meine Hand zurück, die zu schwitzen beginnt.

Hilfe, was geschieht hier? Ich hab doch gar nichts gemacht! Das ist auf Kims Mist gewachsen. Ich weiß es. Das ist die Art, wie sie sich rächt, schlimmer als jeder Boxhieb. Sie hat es weitererzählt. Schön anschaulich. Bis jeder eine Szene vor sich sieht: Wie ich volltrunken flirte und Tom küsse. Wetten, dass alle es wissen? Dass alle es glauben? Alle, bis auf Daniel und vielleicht noch Sonja.

Sonja ist noch ziemlich neu bei den Hopis, sie kommt erst seit letztem Sommer. Ist zu uns gestoßen, weil sie Verwandte in unserer Gemeinde hat. Vielleicht versteh ich mich so gut mit ihr, weil sie mich halt nicht schon mein ganzes Leben lang kennt.

Tine wispert ihr was ins Ohr. Sonja schaut mich so entsetzt an, dass ich mir sicher bin: Jetzt weiß sie es auch.

»Aber ... und Daniel?« Sie flüstert, doch laut genug, dass alle es mitkriegen. Auch Daniel. Der neben mir unruhig wird und mir demonstrativ den Arm um die Schulter legt. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er keine Fragen stellt. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um etwas zu erklären, was nie stattgefunden hat.

Auf Tines schmalen Lippen liegt ein noch dünneres Lächeln. Sonja macht ein verwirrtes Gesicht. Victoria, Nele, Kati, Angelika – die sehen aus, als wüssten sie mehr. Die sind alle eingeweiht, in was auch immer. Die Jungs wirken neugierig, anscheinend ist das bislang noch eine Mädchensache. Finn pustet in seine sowieso schon hochgeföhnten Ponyhaare und blättert in seiner Bibel, die mit lauter kleinen Zetteln gespickt ist. Er ist einer der Älteren in unserer Runde, schon unglaubliche dreiundzwanzig Jahre alt. Sein bester Freund Willi könnte sich ruhig wie ein reifer Erwachsener benehmen, immerhin ist er einundzwanzig, doch stattdessen ist er mit seinem Handy beschäftigt – ob er wohl von irgendwo Nachrichten an Land zieht? Über mich? Vielleicht fragt er gerade Victoria, was los ist. Die zwei sind seit Weihnachten zusammen. Es scheint, dass Daniels und mein Beispiel ansteckend ist. Als hätten wir eine Lawine losgetreten, finden sich auf einmal überall Pärchen zusammen. Maren sitzt neben Lukas und tuschelt mit ihm. Auch über mich? Ich seh wohl schon Gespenster. Von Michaels Ausführungen über das Wunder der Weinverwandlung bekomme ich heute leider nichts mit.

»Hat jemand Vorschläge?«, fragt er gerade.

»Worum geht es?«, wispere ich in Daniels Ohr.

»Ums Feiern«, flüstert er zurück. »Wie wir feiern wollen.«

Alle schauen zu uns herüber. Bin ich jetzt die Expertin fürs Spaß haben? Was soll ich sagen – wir betrinken uns und küssen, wen wir wollen, egal, ob wir einen Freund haben oder nicht? Ich brauche dringend einen Vorschlag. Etwas, das nichts mit einer Party zu tun hat, mit Trinken, mit irgendetwas, was den bösen Gerüchten Nahrung geben kann.

Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel und sage das Erste, was mir einfällt. »Schlittenfahren.«

Die anderen prusten los.

»Warum nicht?«, verteidige ich meine Idee. »Wann haben wir schon genug Schnee? Und nachher können wir ja Raclette machen oder so was.«

»Feuerzangenbowle«, sagt Tine. »Glühwein.«

Als wenn ich eine Trinkerin wäre! Frechheit.

»Super Idee!«, ruft Basti. »Das machen wir!« Er strahlt Tine an und sie zuckt zurück, plötzlich verlegen.

»Schlittenfahren ja«, sagt Michael. »Glühwein nein, sorry, Leute. Raclette und alkoholfreien Punsch zum Aufwärmen.«

»Das ist wieder typisch christlich«, flüstere ich Daniel zu. »Gerade haben wir darüber gestaunt, dass Jesus so locker drauf ist und den Hochzeitsgästen erstklassigen Wein verschafft. Und dann machen wir es doch wieder ohne Wein, weil’s irgendwie unchristlich ist. Das ist schizo, findest du nicht?«

Daniels Haare streifen meine Wangen, während er zurückflüstert. »Zwei Drittel der Leute hier sind minderjährig.«

»Aber wenn Michael glaubt, die würden sonst auch nichts trinken, irrt er sich, der Gute.«

»Umso wichtiger, wenn sie erleben, dass man auch anders feiern kann.«

Ich will ihm widersprechen, aber mir fällt ausnahmsweise nichts ein. Zumal ich an die Party denke, auf der ich mich nicht wohlgefühlt habe. Mandy war so aufgedreht, Tom ... na ja. Wie wäre der Abend verlaufen, wenn alle dort einfach nur Musik gehört und sich nett unterhalten hätten? Dann wäre auch nichts beinahe Peinliches vorgefallen und ich müsste mich jetzt nicht schämen wegen etwas, das nur in Kims Fantasie passiert ist. Gar nicht vorstellbar, eine Party ohne Alkohol. Hm. Warum eigentlich nicht? Warum ist das eigentlich so ungewöhnlich, dass es nahezu revolutionär klingt?

»Raclette ist öde«, murmelt jemand.

»Dann müssen wir das aber gleich dieses Wochenende machen«, meinen ein paar andere. »Bevor der Schnee wieder weg ist.«

»Und nachher eine Glüh-Party ohne glüh«, werfe ich in den Raum.

»Hä?«, rufen einige.

Ich fühle mich gerade angenehm revolutionär, als sich Daniels Finger mit meinen verschränken.

»Wie geht es deiner Schwester?«, frage ich leise. Nicht, um das Thema zu wechseln, wie man glauben könnte, sondern damit er weiß, dass ich ihn und seine Probleme nicht vergessen habe.

Daniel schüttelt den Kopf. »Keine Veränderung«, flüstert er.

Natürlich. Wenn es anders wäre, hätte er es mir längst erzählt. Dabei haben wir doch so intensiv gebetet! Ich auch. Nur weiß er nichts davon. Er glaubt, dass ich ohne ihn sehr viel Spaß hatte. Es ist nicht fair, dass er sich jetzt auch noch mit dieser Sache beschäftigen muss, mit Kims Lüge, die Kreise zieht. Ganz und gar nicht fair.

Schlimmer kann es nicht mehr kommen, doch es wird noch schlimmer. Denn nachher hält Tine auf mich zu und stellt eine einzige Frage, die eigentlich die schlimmste Frage von allen ist.

»Hast du es ihm gesagt?«

Sie schaut dabei nicht mich an, sondern Daniel, der neben mir steht. Ich steh im Moment auch irgendwie neben mir.

»Daniel weiß alles, ich hab keine Geheimnisse vor ihm«, sage ich und packe seine Hand, um ihn schleunigst von hier wegzuziehen. Leider kann ich nicht verhindern, dass sie mir nachruft: »Das hat er echt nicht verdient, und du weißt das!«

Der Himmel draußen ist sternenklar. Die Luft ist so kalt, dass unser Atem feine Wölkchen bildet. Bis zu unserem Haus sind es nur ein paar Schritte, deshalb gehen wir nicht auf unsere Haustür zu, sondern über den Parkplatz.

»Ich war nicht betrunken«, sage ich, doch noch während ich es sage, kommen mir plötzlich Zweifel. Ich hab schon was getrunken, am letzten Samstag, nur dachte ich, es wäre ohne Alkohol. Was, wenn doch was drin war? Bin ich deshalb mit Tom zusammen umgefallen? Reichte ein kleiner Anstoßer von Kim, um mich in den Schnee zu werfen, weil ich wackelig auf den Beinen war? Bin ich am Ende doch beschwipst gewesen und deshalb kam es mir verlockend vor, Tom zu küssen?

»Es hat überhaupt nichts zu bedeuten, dass ich Tom getroffen habe. Wir haben uns bloß unterhalten. Kim war da und meinte, sie hätte gesehen, dass da zwischen uns was läuft, aber du weißt, dass das Quatsch ist.«

»Ja«, sagt Daniel leise. »Natürlich weiß ich das.«

Ich spüre seinen Körper durch die dicken Jacken, als er mich an sich drückt. Sein Gesicht ist warm, sein Atem streift meine Haut. Plötzlich fühle ich mich so verliebt, dass mir schwindlig wird. Ich klammere mich an ihn und küsse ihn. Küsse ihn und küsse ihn und küsse ihn. Ich kann gar nicht mehr damit aufhören. Ich merke nicht, dass ich atme. Dass mein Herz schlägt. Dass die Stimmen der anderen laut werden, als sie auf den Parkplatz kommen. Dass sich Wolken über die glitzernden Sterne schieben. Ich weiß nur, dass ich Angst hatte und dass diese Angst sich langsam, während wir uns küssen, auflöst wie Schneeflocken auf brennender Haut.

»Oh nein«, stöhnte Finn. »Hat der Typ Nerven, seine Gang mitzubringen.«

Daniel stimmte ihm innerlich zu. Hatte Bastian doch tatsächlich seine Jungs zum Rodelhügel mitgeschleppt. Kein Wunder, dass ein paar Hopis irritiert reagierten und tuschelten. Eins der Mädchen sagte recht laut: »Oh nein, seht euch die an.«

Bastian alleine, so wie am Donnerstag, das war etwas anderes, denn in der Jugendgruppe war er in der Unterzahl. Doch mit seinem bedrohlich dreinblickenden Gefolge ... Sie wirkten wie ein ganzes Rudel, dabei waren sie nur zu sechst.

Es kostete Daniel einiges, freundlich zu lächeln. »Hey, Kumpel.«

»Na, Alter!« Bastian klopfte ihm gut gelaunt auf die Schulter, und Daniel biss sich auf die Zunge, um nicht mit der Frage herauszuplatzen, warum sein Freund diese grimmig dreinblickenden Typen alle zum Rodeln verdonnert hatte. Natürlich waren Gäste bei einem Hopi-Treffen willkommen, auch solche von zweifelhaftem Charakter. Diese ja eigentlich besonders. Daniel war sich bewusst, dass Jesus auch Schläger liebte und er sie mit offenen Armen willkommen heißen sollte. Doch das Problem war nicht so sehr, dass Bastians Freunde brutal aussahen, sondern dass Daniel am eigenen Leib hatte erfahren müssen, wie es war, gnadenlos zusammengeschlagen zu werden. So lange war es noch gar nicht her. Es war schwer genug gewesen, Bastian zu verzeihen – und der war aufrichtig zerknirscht gewesen. Diese Jungs jedoch, die mit den Füßen im Schnee scharrten wie ungeduldige Rennpferde, wirkten alles andere als zerknirscht.

Michael begrüßte jeden gleichermaßen freudestrahlend. »Wir haben gar nicht genügend Schlitten für alle, aber zur Not rutscht es sich auch auf Plastiktüten«, meinte er fröhlich. »Toll, dass ihr gekommen seid. Ich bin der Michael.«

»Alf«, stellte Bastian vor. »Jackson. Das da sind unsere beiden Nicks. Philipp, gib Michael die Hand.«

Es ist von Vorteil, dass unser Jugendleiter so groß ist, dachte Daniel. Das macht ihn in den Augen dieser Jungs hoffentlich zu einer Respektsperson. Vielleicht schätzen sie ihn aber auch nur ab, um festzustellen, wie schnell er im Schnee landen würde, wenn sie sich auf ihn stürzen.

Miriam zog ihn am Arm zur Seite. »Wollen wir nicht fahren? Die Bahn ist gerade frei.«

Unter ihrer dicken Wollmütze lugten ihre Haare hervor und rahmten ihr Gesicht ein. Ihre Augen glänzten. Er küsste sie auf die rote Nasenspitze. Bei solchen Gästen war es bestimmt besser, wenn man gleich deutlich machte, zu wem dieses hübsche Mädchen gehörte.

»Möchtest du lieber gehen, wenn die hier sind?« Natürlich merkte sie, wie er die Fremden beobachtete, wie angespannt er war.

»Nein«, sagte er. »Bastian ist mein Freund. Das setze ich nicht aufs Spiel. Ich hab keine Angst vor diesen Typen.« Er blickte zu den Jungen hinüber. »Trotzdem hätte ich jetzt gerne Wunderkräfte, um sie alle zusammen zu verprügeln. Aber sag das bloß keinem. Ich versuche gerade, meine ganze Nächstenliebe zusammenzukratzen. Ich hoffe, sie reicht.«

»Klar tut sie das«, meinte Miriam zuversichtlich. Sie lachte ihn an. Da war so ein wunderbares Strahlen in ihrem Gesicht, und die Schatten der vergangenen Tage schienen verflogen. Doch obwohl sie offenbar keine Zweifel daran hatte, dass er es fertigbringen würde, seine Feinde zu lieben, wollte er ihnen lieber davonfahren. Er schob den Schlitten in die richtige Position. Die Bahn sah gut aus. Der Schnee, auf der Wiese noch dick und weich, war hier bereits festgefahren und spiegelglatt.

»Schnell, bevor sie uns sehen«, sagte er.

Doch zu spät. Die Jungs hatten ihn trotz der winterlichen Vermummung erkannt. Einer der Nicks pirschte sich heran und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Jackson grinste. Daniel grinste zähnefletschend zurück; das musste genügen.

»Ey, Mann, leihst du uns mal den Schlitten?«

»Klar«, sagte er, »aber zuerst fahre ich mit meiner Freundin.«

Er stieß sich ab, und der Schlitten gewann rasch an Fahrt.

Miriam schlang die Arme um ihn, während sie den Hügel hinabsausten. Aber es gab Erinnerungen, die auch der schönste Kuss am perfektesten Wintertag nicht auslöschen konnte, und die ganze Zeit über, während er den Schlitten wieder den Hang hinaufzog, kämpfte er mit seinem Groll. Jackson streckte verlangend die Hand nach dem Schlitten aus, als hätte er ein Recht darauf, der Mistkerl. »Fährst du mit mir, Messie?«, fragte er und setzte dabei ein Grinsen auf, das er wohl für unwiderstehlich hielt.

»Nein danke.« Miriam blieb äußerst liebenswürdig.

Daniel dachte darüber nach, den Typen einzuseifen, aber da sprang Michael zu Jackson auf den Schlitten, und gemeinsam rasten sie bergab.

»Wartet auf uns!«, schrie Sonja und fuhr mit Angelika hinterher.

»Ich brauch noch einen Mitfahrer!«, rief Bastian, packte schließlich Tine und zog sie zu seinem Gefährt.

»Ich hätte nicht gedacht, dass sie jemanden wie ihn auch nur mit den Fingerspitzen anfassen würde«, staunte Miriam. Tine kreischte, während sie an den anderen Schlitten vorbeibrausten und in einer Schneewehe landeten, in der schon die beiden Nicks steckten. Mit rotem Gesicht stiefelte sie den Hang wieder hoch, hinter ihm her, und dann fuhren sie noch mal. Ihre Augen leuchteten, sie lachte.

»Die ist ja wie ausgewechselt. Keine gehässigen Blicke heute?«

»Was hast du eigentlich für ein Problem mit Tine?«, wollte Daniel wissen, während er den Schlitten aus dem Loch herauszog, in dem sie beide gelandet waren. »Ich finde sie nett.«

»Nett? Die?« Miriam schüttelte fassungslos den Kopf. »Die tut ständig so von oben herab.«

Gut, Tine gehörte nicht zu den Leuten mit einem Dauergrinsen, aber das fand Daniel nicht schlimm. Sie kritisierte gerne, aber darin stand Miriam ihr in nichts nach. Im Grunde fand er, dass die beiden recht viel gemeinsam hatten, aber er hütete sich natürlich, das laut auszusprechen. Manchmal nervte es ihn ziemlich, dass Miriam an allen Hopis etwas auszusetzen hatte, aber an diesem schönen Nachmittag wollte er nicht streiten.

Die kalte Luft und die Anstrengung färbten die Gesichter rot. Sogar die Gangster, die am Anfang so cool gewesen waren, wurden merklich lockerer. Dominik, der größere der beiden Nicks, lachte sogar, während er vom Schlitten in den Schnee rollte.

»Tine ist heute so ungewöhnlich glücklich«, überlegte Miriam, die das andere Mädchen immer noch beobachtete.

»Vielleicht ist das ja die echte Tine«, meinte Daniel. Er hatte das Gefühl, dass hier im Schnee alle lockerer wurden. Man konnte sich buchstäblich fallen lassen, in die dicke, weiche Schneeschicht. Bastian und Michael rollten im Spaß raufend die Anhöhe hinunter. Ein paar der Mädchen wagten sich vorsichtig an Philipp heran, der von allen vermutlich am besten aussah – Daniel war sich nicht sicher, ob er das als Junge überhaupt beurteilen konnte. Doch leider war Philipp auch der Schweigsamste, und erst als Jackson erschien, erklang das Gekicher eines ganzen Trupps Mädchen bis oben auf die Hügelkuppe.

Daniel küsste Miriam ein paar Schneespuren aus dem Gesicht, als ihn ein Schneeball traf.

»Attacke!«, schrie Alf. »Auf sie!«

Im Handumdrehen hatte sich die Strecke in ein Schlachtfeld verwandelt.

»Wehrt euch!«, riefen Willi und Finn, die Anführer der Hopis.

Michael schlug sich unverzüglich auf die Seite der Gäste, was Daniel klug fand. Fremde gegen Hopis – nein, das hätte der Gemeinschaft gar nicht gut getan. Er atmete tief durch, dann traf er seine Entscheidung.

»Komm!«, rief er Miriam zu. »Dorthin, nach links!«

Sie rannten geduckt durch den Schneehagel zu Bastian und den anderen, die sie johlend begrüßten. Immer mehr Bälle flogen durch die Luft. Während Daniel hastig eine Schneekugel nach der anderen formte, war er sich der Gegenwart der beiden Nicks, die rechts und links von ihm Stellung bezogen, nur zu sehr bewusst.

»Treffer!«, schrie Niklas, während Dominik ein wortloses Geheul anstimmte.

»Wir gewinnen!«, rief Michael.

»Gar nicht!«, schrie Tine von der anderen Seite und erwischte Bastian voll ins Gesicht. Die Gruppe der Kichermädchen konzentrierte sich auf Philipp und Jackson, die plötzlich aufsprangen und hinüberrannten, um ein allgemeines Einseifen zu beginnen. Eine Weile herrschte das reine Chaos, und Daniel fand sich im Gerangel mit Alf wieder.

»Du hast ne hübsche Freundin«, sagte Alf.

»Von der du gefälligst die Finger lässt.«

»Klar doch. Ich mein ja nur. Sie ist gerade dabei, die beiden Nicks fertig zu machen.«

Daniel riskierte einen Blick zur Seite, um diese unwahrscheinliche Behauptung zu überprüfen, und bekam prompt eine neue Ladung Schnee ins Gesicht.

»Eins zu Null!«, schrie Alf.

»Na warte!«

Während er ihm mit Vergnügen Schnee ins Gesicht schmierte und es mit gleicher Münze heimgezahlt bekam, merkte er zu seiner eigenen Überraschung, dass sein Lachen echt war.

»Ich glaub, jetzt reicht es«, sagte Michael, während sie alle ermattet im Schnee lagen. »Wir fahren noch einmal runter, und dann ab in die Autos und ins Warme. Bald ist es so dunkel, dass man nichts mehr sieht.«

Die ersten Schlitten brachen auf. Es gab keine Trennung mehr in Gäste und Hopis, alles war wie durchgemischt. Dann ein Schrei und lautes Schimpfen.

»Mann, willst du, dass ich mir den Hals breche?«, fauchte Tine.

Auf einmal war unten am Hügel ein Gewühl aus Schnee und Schlitten, Armen und Beinen. Prustend und immer noch lachend arbeitete sich Bastian aus einem Gebüsch heraus, in das mehrere ineinander verkeilte Schlitten gerast waren. Mit ausdruckslosem Gesicht trennte Alf eine einzelne Kufe von einem knorrigen Ast. Die beiden Nicks betrachteten betrübt die Überreste ihres Gefährts.

»Ich hoffe, das war nicht unser Schlitten?«, fragte Miriam erschrocken. »Meine Geschwister machen Hackfleisch aus mir.«

»Nein, ich glaube nicht«, beruhigte Daniel sie, während er zur Unfallstelle hastete.

Bastian streckte Tine die Hand entgegen, aber trotzig befreite sie sich selbst. Noch einige über und über mit Schnee bedeckte Gestalten wurden sichtbar. Kevin, ein schlaksiger Fünfzehnjähriger, riss an seinem Schlitten, unter dem Lukas und Kati zum Vorschein kamen. Finn humpelte an die Seite und kämpfte mit den schneeverkrusteten Schnürsenkeln seines Schuhs.

»Alles in Ordnung?«, fragte Michael besorgt.

»Ja, geht schon«, meinte Finn mit schmerzverzerrtem Gesicht. Alle standen um ihn herum und gaben gute Ratschläge oder erfreuten die Anwesenden mit Geschichten ihrer eigenen Bänderrisse, Verstauchungen und Knöchelbrüche.

»Hey, alles klar bei dir?« Bastian reichte Finn die Hand und zog ihn hoch, doch sobald er aufrecht stand, stieß Finn ihn mit beiden Händen vor die Brust.

»Du Idiot! Das warst du!«

Bastian taumelte nach hinten. Im nächsten Moment stand Philipp vor seinem Anführer und zückte ein Messer.

»Das gibt’s doch nicht!«, schrie Finn. »Er hat ein Messer!«

Alle wichen erschrocken zurück. Nur Michael blieb stehen.

»Steck es weg«, sagte er streng. »Keine Waffen.«

Mittlerweile hatte Bastian sich aufgerappelt. »Er hat recht«, sagte er zu Philipp. »Tu es weg. Das war nichts.«

Daniel hatte die Luft angehalten. Zu deutlich erinnerte er sich daran, wie empfindlich sein Freund früher gewesen war, wenn jemand seine Ehre verletzte.

»Weg damit! Wird’s bald! – Keine Panik.« Bastian lächelte beschwichtigend in die Runde. »Alles unter Kontrolle.«

»Das war’s dann jetzt wohl endgültig.« Der Obergoliath, wie Miriam ihn so gerne nannte, gab das Zeichen zum Aufbruch. »Raclette und Punsch zum Aufwärmen, wisst ihr noch? – Kannst du gehen, Finn? Es ist doch hoffentlich nichts gebrochen?«

Finn warf Bastian einen bösen Blick zu. »Ich glaub nicht«, presste er zwischen den Zähnen hervor.

»Das war keine Absicht.« Michael versuchte wie immer alle zu besänftigen. »Und das nächste Mal«, sagte er zu Philipp, »kannst du ruhig unbewaffnet kommen. Wir beißen nicht.«

»Nächstes Mal?«, knurrte Finn. »Ich fass es nicht. Die sollten alle Hausverbot bei uns kriegen.«

Daniel reichte Finn die Hand. »Komm, bis zum Parkplatz schaffst du’s. Setz dich auf unseren Schlitten. Ich schätze, das ist der einzige, der noch einigermaßen heile ist.« Zum Glück war ihr Gefährt nicht an der Massenkarambolage beteiligt gewesen.

»Ich helfe dir.« Bastian tauchte neben ihm auf und griff nach dem Strick.

»Wir können ihn auch tragen«, bot Jackson an.

»Nein danke!« Finn war immer noch sauer, er lehnte das Friedensangebot ab.

Bastian ließ sich nicht beirren. Er zog sein Opfer zum Parkplatz und stellte die Ohren auf Durchzug.

»Und dann hat der Schlitten sich mitten auf der Bahn quergestellt und wir konnten nicht bremsen ...«, erklärte Tine, die hinter ihnen ging, allen, die es hören wollten. »So etwas musste ja passieren.«

»Du hältst auch alles und jedes für ein göttliches Strafgericht, was?«, meinte Miriam.

»He, Mädels, vertragt euch«, sagte Daniel. Er legte den Arm um Miriams Schultern, und sie versenkte ihre eiskalte Hand in seiner Jackentasche. »Nicht streiten«, bat er leise. »Was sollen denn unsere neuen Freunde von uns denken?«

Ihre Wangen färbten sich glühend rot. Wenn Miriam sich mit Tine vertrug, dann würde das ein ebenso großes Wunder sein wie seine Freundschaft mit Bastian.











4.


»Das geht zu weit«, sagte Finn. »Michael hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass diese Asis mit dabei sind.«

»Er gibt halt jedem eine Chance«, meinte Daniel.

Im Wartezimmer der Notaufnahme war es voll. Offenbar hatten auch andere wenig Glück beim Wintersport gehabt.

Finn senkte die Stimme. »Sie sind gefährlich. Ich weiß es. Du erst recht. Nur Michael will es einfach nicht wahrhaben. Was, wenn beim nächsten Mal jemand ernsthaft verletzt wird?«

»Dass ein paar Schlitten zusammengestoßen sind, kannst du nicht Bastian ankreiden.«

»Du weißt, was ich meine.«

Natürlich wusste Daniel es. Unbehaglich starrte er auf den Fußboden.

Eigentlich hatte Michael Finn zum Arzt fahren wollen, doch dieser hatte sich geweigert. Er hatte die Ablehnung mit einem Witz kaschiert – »Nichts für ungut, aber du neigst nun mal zu Auffahrunfällen, du bist Stammkunde in unserer Autowerkstatt«, – doch es ging natürlich um viel mehr. Finn bestand darauf, nach Hause gebracht zu werden, bis Sonja ihn davon überzeugte, dass er ins Krankenhaus gehörte. Ihre Mutter, die dort arbeitete, hatte heute sogar Dienst; wenn er Glück hatte, würde seine eigene Tante ihn verarzten. Das gab den Ausschlag, und Finn hatte sich schließlich bereit erklärt, sich von seinem Freund Willi ins Krankenhaus bringen zu lassen. Doch da dieser keine Zeit hatte, mit ihm zu warten, war Daniel ebenfalls mitgefahren. Auch um Sarah kurz zu besuchen. Nun bereute er das fast, denn Finn steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein.

»So wie ich Michael kenne, wird er sie trotzdem wieder einladen. Wenn wir gleich zum Raclette kommen, sind sie alle da und grinsen uns an, wetten? Dabei haben sie sich Hausverbot verdient, im Ernst. Was ist mit den Mädchen? Ist denen zuzumuten, mit einem Messerstecher am Tisch zu sitzen?«

»Bastian ist in Ordnung«, sagte Daniel.

»Würdest du deine Hand für ihn ins Feuer legen?«, wollte Finn wissen. »Diese Typen sind bloß auf Ärger aus. Die haben garantiert keine Lust, Anbetungslieder zu singen und über die Hochzeit in Kana zu diskutieren. Wir sollen offen für andere sein, aber du weißt am besten, dass es nicht so einfach ist, Daniel. Die sind nicht wie wir. Die würden noch auf jemanden eintreten, der bereits am Boden liegt.«

Daniel konnte ihm nicht widersprechen. Beim letzten Mal war er derjenige gewesen, der am Boden lag.

»Michael begreift es nicht«, flüsterte Finn. »Ich brauche eine Waffe ... um die Mädchen zu beschützen, falls nötig.«

»Weißt du, warum sie mich damals fertiggemacht haben?«, fragte Daniel. »Aus demselben Grund. Für die Mädchen. Das ist ziemlich nach hinten losgegangen. Vergiss es, Finn. Wir wollen keinen Krieg. Wir haben die Gelegenheit, ihnen etwas zu zeigen – wie man ein anderes Leben führen kann. Ich bin nicht naiv, ich weiß, dass das gefährlich sein kann. Ein paar von denen waren sogar schon im Knast. Aber wenn sie zu uns kommen, werden sie sich zusammenreißen.«

»Wir sollten ... wachsam sein.«

»Finn Erlmeyer?« Eine freundliche Stimme rief seinen Namen auf. Endlich hatte das Warten ein Ende.

»Ich bin dran.« Finn humpelte zur Tür. Das Letzte, was von ihm zu hören war, war der freudige Ruf: »Tante Erika!«

Und Daniel machte sich auf den Weg zu Sarahs Krankenzimmer, wo seine Eltern stumm an ihrem Bett saßen.

Als wir uns später, umgezogen und wieder aufgewärmt, zum Raclette im Gemeindehaus treffen, trägt Finn einen Verband um den Fuß, doch er ist wieder gut gelaunt. Während wir anderen Stühle schieben, Tisch decken und die Sachen fürs Raclette auf Schälchen verteilen, drückt Michael ihm ein Liederbuch in die Hand. »He, du Pfadfinder, eine gute Tat für dich: Such schon mal die Lieder raus, die wir später singen.«

Tine kommt strahlend in den Gruppenraum getänzelt. Was ist denn mit der los? Ich starre sie fassungslos an, überwältigt von der Erkenntnis, wie viele verschiedene Gesichter die Menschen haben. Kann es sein, dass dies die echte Tine ist – eine glückliche Tine, die gar nicht mehr von oben herab tun muss? Auf einmal ist sie sogar regelrecht attraktiv. Oder kommt mir das bloß so vor, weil sie diesmal keine üblen Andeutungen über Saufpartys und Fremdknutschen zum Besten gibt und ich sie fast mögen könnte?

Der Abend beginnt vielversprechend. Von Bastis Truppe sind nur zwei wiedergekommen, der dauergrinsende Jackson und der kleine, dunkelhaarige Alf, dem man einfach nicht ansieht, was er denkt. Ob Philipp wohl das schlechte Gewissen plagt? Oder stört ihn eher das Waffenverbot? Wenn ich an die Szene denke, wie er plötzlich das Messer in der Hand hielt, wird mir immer noch ganz mulmig.

»Die Vierundvierzig«, sagt Finn. »Und Lied Nummer Dreiundsechzig.«

Es gibt schöne Lieder und äußerst fromme Lieder, und wo die Schnittmenge liegt, hängt vom jeweiligen Geschmack ab. Ich fürchte sehr, dass Finn und ich da nicht übereinstimmen würden.

»Du kannst unmöglich die Vierundvierzig vorschlagen.«

»Warum nicht?«, fragt er und schaut mich an, als hätte ich etwas Unanständiges von mir gegeben. Vorsichtshalber überprüfe ich kurz, ob mein Reißverschluss zu und auch sonst alles in Ordnung ist.

»Wenn schon mal Gäste da sind«, erkläre ich, »sollten wir ein bisschen Rücksicht nehmen und ihnen nicht gleich die volle Dröhnung verpassen.«

»Du willst ihnen also etwas vormachen?« Er beäugt mich kritisch. »Ich finde, wir sollten die Gelegenheit nutzen, um sie mit der Botschaft vertraut zu machen. Wenn es sie stört, dass wir Christen sind, ist das eben so. Wir werden sie nicht unter Vorspiegelung falscher Tatsachen herlocken.«

»Nein, aber ...«

Auf einmal fühle ich die Blicke hinter meinem Rücken. Ich drehe mich um. Alle sind beschäftigt, trotzdem weiß ich, dass sie mich beobachten. Weil ich das schlimme Mädchen bin, das hinter Daniels Rücken mit anderen Jungs rummacht. Himmel, glauben die, ich will was von Finn? Er ist mittelgroß, mittelrötlichblond, mittelhübsch. Kein Vergleich mit Daniel – jedenfalls nicht in meinen Augen. Würde wirklich irgendjemand auf die Idee kommen, dass ich mich zu ihm gesetzt habe, um zu flirten, weil er ein verletztes Bein hat und nicht schnell genug weglaufen kann?

Schaut her, will ich rufen, ich hab DANIEL! Könnt ihr mir irgendeinen Grund verraten, warum ich mich anderweitig umschauen sollte?

Jedenfalls erhebe ich mich mit möglichst viel Würde und lasse den armen Finn allein, bevor er sich von mir belästigt fühlen kann. Dabei renne ich Michael über den Haufen.

»He, Miriam, nach dir habe ich gerade gesucht. Ich brauche eine Idee. Du hast doch immer welche, oder?«

»Kommt drauf an«, sage ich zögernd. Eine Idee, wie ich Kims Werk rückgängig machen kann? Wie ich den Samstagabend aus dem Gedächtnis des Universums löschen kann, ohne das Raum-Zeit-Gefüge irreparabel zu beschädigen?

»Feiern tut der Gemeinschaft gut«, meint er, »aber um gewisse ... Spannungen abzubauen und euer Miteinander zu stärken, fände ich es gut, wenn wir irgendwas zusammen machen würden, was erfordert, dass wir uns alle beteiligen. Alle gemeinsam.«

»Messerstecherei für Anfänger?«

Michael verzieht gequält das Gesicht und sieht dadurch aus wie ein halb verhungerter Steinbock.

»Holzschnitzerei? Da können wir alle unsere Messer mitbringen. Okay, vergiss es. Wie wär’s mit einer Kanufahrt?« Das ist halt das, was mir spontan als Erstes einfällt. Schlitten fahren. Fahrrad fahren. Boot fahren. Karussell fahren. Irgendwas mit Fahren.

»Nicht schlecht.« Seine Miene hellt sich auf. »Das können wir auch machen, sobald das Wetter besser wird. Für jetzt bräuchten wir aber auch noch was. Eine Aktion, die denen, die zu uns kommen, etwas bringt. Dass sie merken, dass sie geliebt und wertgeschätzt werden. Dass sie in Gottes Augen schön sind.«

»He!« Hinter uns ist Bastian aufgetaucht, der die letzten Worte mitbekommen hat. »Mach doch so was wie neulich, Messie, da hast du den Leuten ja auch gesagt, dass sie gut aussehen! Das war so was von klasse!«

In ohrenbetäubender Lautstärke erklärt er den anderen, was am Samstag in der Stadt los war. Jedenfalls kommt es mir so vor, denn ich würde am liebsten flüstern. Ich fange Daniels Blick auf. Er starrt mich entsetzt an, und ich frage mich, warum ich eigentlich nicht im Boden versinken kann. Das wäre mal eine Eigenschaft, die ich gerne hätte.

»So was habt ihr gemacht? Ist das gemein!« Die anderen können es nicht glauben, dass ich mich solche Sachen traue, und wollen alles erklärt haben. Michael muss zugeben, dass er an Aktionen dieser Art eher nicht dachte.

Ich gehe in Verteidigungsstellung. »Es hat denen richtig gut getan!« Ich stelle es so dar, als hätten wir diesen Streich inszeniert, um Leute mit Minderwertigkeitskomplexen glücklich zu machen. Was uns vielleicht sogar gelungen ist, quasi als Nebeneffekt. Ich erinnere mich an Patrick, an Leonie ...

»Bis sie merken, dass ihr sie verarscht habt!«

»Wir wollen den Leuten von Gottes Liebe erzählen, wir wollen sie nicht belügen!«

»Das ist ja wirklich das Letzte, wissen denn deine Eltern davon? Was sagt dein Vater dazu? Also, wenn mein Vater mitkriegen würde, dass ich so was ... «

Plötzlich ist mir alles zu viel. Ich schlängele mich zwischen den anderen hindurch und ergreife die Flucht. Jetzt bin ich nicht mehr das Mädchen mit den guten Ideen. Nur noch Messie, das heulende Elend.

In meinem Zimmer ist es dunkel. Die Vorhänge sind zu. Aus dem Nebenzimmer höre ich, wie Tabita Klarinette übt, und finde es irgendwie tröstlich, dass es noch Leute gibt, die nichts davon ahnen, dass ich eine unfromme Aussätzige bin. Lange wird das eh nicht mehr dauern.

Es klopft und die Tür geht auf, kurz erscheint wie ein Scherenschnitt ein schwarzer Umriss. Daniel macht kein Licht. Er tastet sich vorsichtig über den Teppich; er weiß, wie viel Zeug immer bei mir auf dem Boden herumliegt. Papier knistert unter seinen Füßen. Etwas fällt mit einem kleinen Rumms um. Das könnte ein Bücherstapel gewesen sein, aber ob es die Schulbücher waren oder die Büchereibücher, kann ich nicht heraushören. Es raschelt. Dann höre ich, wie er sich vorsichtig hinsetzt, mir irgendwo gegenüber. Zwischen uns eine Berglandschaft aus Schulsachen, Klamotten und anderem Zeug, fast unsichtbar in der Nacht, die ich hier geschaffen habe. Unter der Tür glimmt wieder ein schmaler Streifen gelbliches Licht.

»Was hast du mir sonst noch verschwiegen?«, fragt Daniel.

»Es war nur Spaß«, sage ich. »Wir haben überhaupt niemandem geschadet!«

»Warum hast du mir dann nicht davon erzählt?«

Weil ich weiß, dass du es verurteilen würdest, denke ich. Aber ich sage: »Wir haben uns ja kaum gesehen in letzter Zeit.«

»Am Samstag warst du bei mir, schon vergessen? Bevor du zu dieser Party aufgebrochen bist.«

»Da wollte ich es dir ja erzählen. Aber du warst so deprimiert, wegen deiner Schwester ...«

»Und du dachtest, es würde mich nicht unbedingt aufmuntern.«

»Es war nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst. Wir haben die Leute belogen, das stimmt. Aber wir haben sie auch irgendwie ... aufgebaut.«

»Ach?«, fragt Daniel.

»Du hättest diesen Jungen sehen sollen. Patrick heißt er. Wie er nachher weggegangen ist, so ...« Froh trifft es nicht. Gestärkt. Als hätten wir ihm das Rückgrat gestärkt. »Wir haben ihn quasi entdeckt. Das hat ihm unheimlich Auftrieb gegeben.«

»Wenn er rausfindet, dass ihr ihn reingelegt habt, wird er dafür besonders deprimiert sein.«

Muss er das unbedingt sagen? Er könnte ruhig mal auf meiner Seite stehen, finde ich.

»Oder dieses Mädchen. Leonie. Die sah aus wie Tine, könnte ihre Zwillingsschwester sein. Als sie für unsere Kamera gelaufen ist, sah sie plötzlich schön aus. Das hättest du sehen müssen! Vorher war sie ganz unscheinbar, aber dann ... es war unglaublich.« Mir fällt ein, dass er sich das ja durchaus ansehen könnte, wenn er wollte. »Wir haben das auf Video, also wenn du mal Lust hast ...«

»Vielleicht.« Er ist nicht gerade wild darauf. »Ich finde es eigentlich absolut peinlich, wenn sich Leute vor der Kamera zum Affen machen.«

Ich fühle mich allein und traurig, und als er vorschlägt, zu den anderen rüberzugehen, sage ich bloß: »Geh doch.« Mist. Was, wenn er mich beim Wort nimmt und wirklich geht?

»Willst du gar nicht wissen, was Michaels Frage ergeben hat? Wenn du nicht so schnell weggerannt wärst, wüsstest du es jetzt.«

»Und?«, frage ich. Was auch immer es ist, ich werde sowieso nicht mitmachen.

»Wir planen eine besondere Feier. Wo jeder seine Gaben einbringen kann. Die einen werden sich ums Essen kümmern, andere um die Dekoration. Wer will, kann was auf seinem Instrument vorspielen. Ein paar wollen singen. Michael hat Tine gefragt, ob sie eine Kurzpredigt halten möchte!«

»Oh, wow«, ist alles, was mir dazu einfällt.

»Ein Theaterstück wäre schön. Michael meint, das sollst du übernehmen. Da sind schon ein paar Leute, die mitmachen würden. Das Ganze soll am Ostersamstag stattfinden.«

Ich schnappe nach Luft. »Ich soll eine Theatergruppe leiten?« Oh, wie schrecklich. »Mach ich nicht. Kann ich nicht.« Eine Welle von Panik schwappt über mich hinweg und reißt mich mit. »Lieber geh ich gar nicht mehr hin.«

Daniel erschrickt. Ich spüre es so deutlich, als könnte ich ihn sehen, ihn fühlen, als wäre sein Herz meins und mein Herz seins. Er ist tiefer getroffen, als er jemals zugeben würde.

»Das meine ich nicht ernst«, sage ich rasch. Ich taste mich durch das Gerümpel zu ihm hin. Erwische sein Knie, die Falten der Jeans. Meine Finger tasten über sein Sweatshirt, klettern an seinem Arm hoch, finden sein Gesicht. »Bitte, nimm doch nicht alles ernst, was ich sage«, flüstere ich und nehme seine Wangen zwischen meine Hände und küsse ihn. Wieder ist da so viel Angst in mir, ihn zu verlieren, nur weil ich ständig dumme Sachen sage oder tue, und so gerät dieser Kuss heftiger und leidenschaftlicher als sonst. Diesmal sind keine störenden dicken Jacken zwischen uns. Nur ein paar Schichten dünnen Stoffs, die es zulassen, dass ich mich ganz dicht an ihn herankuschele und seinen Körper dicht an meinem spüre. Papier raschelt, als wir unser Gewicht verlagern und tiefer auf den Teppich sinken. Die letzten Chips in einer offenen Tüte zerbröseln unter meinen Füßen. Ein paar weitere Bücherstapel kippen um. Ich weiß nichts davon. Ich fühle nur diesen Kuss, höre nur unseren heftiger werdenden Atem.

Dann ist es plötzlich hell. Tabita hat die Tür aufgerissen und steht wie ein Racheengel auf der Schwelle.

Ich blinzele ins Licht und mir wird klar, was sie sieht: ihre große Schwester und ihren Freund, die im Dunkeln auf dem Teppich liegen und knutschen. Also definitiv etwas, was kleine Schwestern auf gar keinen Fall sehen sollten.

Keiner von uns hat daran gedacht, die Tür abzuschließen.

»Kannst du nicht anklopfen?«, brülle ich, während Daniel und ich hastig auseinanderfahren und wir beide so tun, als wäre nichts gewesen.

Tabita schüttelt den Kopf. »Sonst geht’s dir noch gut, was?«, fragt sie und zieht endlich ab. Die Tür lässt sie offen.

Ich schalte das Licht ein. Daniel sitzt auf meinem Bett und streicht sich die Haare glatt. Ich könnte mich gleich wieder auf ihn stürzen, aber ich beherrsche mich.

»Lass uns rübergehen, zu den anderen«, sagt er.

»Ja, gut.«

»Du solltest dich noch kämmen.«

»Ja, mach ich.«

Ich glaube, wir haben uns soeben wieder versöhnt. Es hat sich jedenfalls ganz so angefühlt.



Meine Sonne,

du bist die Schönste von allen. War ich blind, dass ich das früher nicht bemerkt habe? Dein Haar schimmert seidig im Sonnenlicht. Deine Haut ist wie Schnee. Du hast gelacht und gestrahlt und es war wie ein Pfeil, der durch mein Herz fuhr.

Ich denke die ganze Zeit an dich, ich kann nicht anders. Immer, wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich vor mir.

Glaubst du nicht auch, dass die Liebe ein Geschenk Gottes ist? Eben noch war alles wie immer ... und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Es ist noch Winter, aber mir ist, als hätten wir plötzlich Frühling. Alles blüht und grünt und du bist die schönste Blume von allen.

Ich stelle mir vor, dass ich Salomo bin und dich in meinem Palastgarten entdeckt habe. Kannst du dir vorstellen, wie überrascht ich war? Es ist wie ein Wunder, das in meinem Herzen geschehen ist und, wie ich hoffe, auch in deinem. Du bist nicht wie die anderen.

Ich auch nicht.

Da haben wir doch schon was gemeinsam, oder?

Die Liebe ist eine Glut, die vom Herrn kommt. Er hat dieses Feuer angezündet. Das hier ist von Gott, da bin ich mir sicher.

Sehnsüchtig warte ich auf deine Antwort,

dein Salomo











5.


»Warum machst du denn da mit, wenn du keine Lust hast?« Mandy kann sich keinen Grund vorstellen, etwas zu tun, was ihr gegen den Strich geht. Sie sitzt auf dem Tisch, lässt die Beine baumeln und hält den Kopf leicht schräg, sodass die Sonnenstrahlen, die das große schmutzige Fenster überwinden, in ihrem Haar funkeln. Mindestens die Hälfte der Jungs unserer Klasse glotzt gebannt zu ihr hin, aber sie tut, als merke sie es nicht.

»Ich weiß auch nicht«, sage ich lahm. Auch Kim schaut zu uns rüber. Ich finde ihren Blick irgendwie gruselig, aber so cool wie möglich ignoriere ich sie. Sie muss total eifersüchtig auf mich sein, weil Mandy so viel mit mir abhängt. Dabei hat Mandy ja gar nichts dagegen, weiterhin mit ihr befreundet zu sein. Wir zwei sind es, die nicht miteinander klarkommen.

»Wegen Daniel«, stellt sie fest.

»Ja«, gebe ich zu. Nur seinetwegen habe ich mich bereiterklärt, mich an Michaels Projekt zur Stärkung der Gemeinschaft zu beteiligen und »irgendwas mit Theater« zu machen. Was meine Eltern dazu sagen würden, ist mir nicht so wichtig wie Daniels Meinung. Er soll sehen, dass ich mir diesmal wirklich Mühe gebe. Schließlich ist er sogar bereit, bei der Kanutour mitzumachen, die auf Ende Mai angesetzt ist, direkt nach meinem Geburtstag. Er spricht nie darüber, aber ich glaube, er hat ein Problem mit Wasser. Trotzdem hat er sich für diese Tour angemeldet, weil ich den Aubach immer noch liebe. Und da soll ich mich querstellen und bei unserem Hopi-Osterabend kneifen?

Mandy macht ein zweifelndes Gesicht. »Ich weiß ja nicht. Ob irgendein Typ es wert ist, dass man sich seinetwegen so verbiegt?«

»Hey, ich verbieg mich doch nicht«, protestiere ich. »Ich geh dort mein ganzes Leben hin. Ich kenne die alle seit zig Jahren.« Was nur ein kleines bisschen übertrieben ist. Aber lange bevor ich Messie wurde, Mandys beste Freundin, war ich schon Vorzeigetochter Miriam.

Sie schüttelt trotzdem den Kopf. »Und was machen wir heute Nachmittag? Oder triffst du dich da auch mit Danniboy? Oder«, ihre Stimme wird eine Spur schärfer, »übst du mit deinen Theaterleuten?«

Ich hätte nicht gedacht, dass auch Mandy eifersüchtig sein könnte. Früher hätte mich das gefreut. Aber es ist bloß ... überflüssig. Ich habe genug Dinge, über die ich nachdenken muss, da kann ich es echt nicht gebrauchen, dass sie auch noch auf mich sauer ist.

»Eigentlich hab ich Daniel versprochen, mit ihm ins Krankenhaus zu gehen und seine Schwester zu besuchen.«

Mandy ist enttäuscht. War ja auch klar. Es ist schwerer, als ich dachte, einen Freund und eine beste Freundin zu haben. Immer glaubt irgendwer, zu kurz zu kommen.

»Ich hab Zeit.« Kim sagt es ganz beiläufig, so als wäre es ihr völlig egal, ob Mandy sich mit ihr trifft oder nicht.

Ich schlucke den Ärger hinunter, während die beiden sich verabreden.

Daniel geht vor, rede ich mir ins Gewissen, obwohl ich viel mehr Lust hätte, mit den anderen Mädels was zu unternehmen, als mich dem deprimierenden Anblick kranker Leute auszusetzen. Aber ich hab’s ihm versprochen. Ich kann doch nicht einfach trotzdem zu Mandy fahren und Musik hören und quatschen. Obwohl ... wir könnten zusammen Hausaufgaben machen, wie in alten Zeiten.

Die Versuchung ist ziemlich groß. Fast zu groß, um ihr nicht nachzugeben, vor allem, da ich einen triumphierenden Blick von Kim auffange.

Ein paar Tische weiter sitzt Rosi und wagt ein schüchternes Lächeln. Das gibt mir Mut. Selbst wenn ich Mandy verlieren sollte, sind da noch andere, die mich mögen. Den Zwang, mit jemandem befreundet zu sein, nur weil er oder sie angesagt ist, habe ich abgeworfen, schätze ich.

»Nun, wie läuft’s mit deinem Kreuzritter?«, fragt Kim. Sie kann es nicht lassen, mich zu ärgern.

»Gut«, sage ich kühl. »Warum auch nicht? Nicht jeder glaubt die Scheiße, die du überall rumerzählst.«

»Mann, du warst so besoffen, du konntest kaum geradeaus gehen.«

»Das stimmt«, sagt Mandy. Wieso fällt sie mir in den Rücken, ausgerechnet jetzt? »Du hast ein paar von diesen fiesen Cocktails gekippt, ich war dabei, schon vergessen?«

»Warum hast du mich nicht gewarnt?«

»Warum sollte ich?« Sie zuckt mit den Schultern.

»Na gut. Aber deshalb ist die andere Sache längst nicht wahr. Ich hab mich bloß mit ihm unterhalten.«

»Das sah aber anders aus, als ihr euch beide im Schnee gewälzt habt.«

Mandys Augen werden groß. »Messie! Das hätte ich jetzt echt nicht von dir gedacht. Und ausgerechnet Tom! Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich von ihm fernhalten.« Jetzt ist sie ernsthaft sauer. Tom hat ihr den Laufpass gegeben und nun soll ihn keine andere haben. Wie doof ist das denn? Nicht dass ich ihn will, aber trotzdem.

»Wo hast du ihn eigentlich versteckt?«, fragt Kim.

»Wen?«

»Tom. Er ist nämlich verschwunden, seit dieser Party hat ihn kein Mensch mehr gesehen. Schläft er unter deinem Bett?«

Ich kann nicht so recht fassen, was ich da höre. »Er ist weg? Wie, weg? Seit«, ich rechne kurz nach, »seit zehn Tagen?«

Vielleicht ist er doch betrunken gefahren. Und hatte einen Unfall. Und liegt mitsamt Auto im Straßengraben. Aber dann hätte man ihn doch längst gefunden. Selbst wenn er zu Fuß unterwegs gewesen wäre und in einen Graben gefallen wäre, hätte man ihn mittlerweile aufgespürt, tot oder lebendig. Und falls nicht, hätte es in der Zeitung gestanden, dass ein Schüler vermisst wird, oder nicht?

»Sobald die Schule vorbei ist, taucht er ab. Das sieht ihm eigentlich gar nicht ähnlich.«

»Das ist ja schräg«, sage ich erleichtert. Also keine Leiche im Straßengraben. Wäre echt schade um den schönen Tom gewesen. »Willst du mich besuchen und im Kleiderschrank nachsehen, Kim?«

Die Pause ist zu Ende, die Dogge stürmt ins Klassenzimmer und knallt einen dicken Papierstapel aufs Pult.

Mandy setzt sich neben mich. Auch wenn wir noch weiterreden könnten, würde sie nicht mit mir sprechen. Sie beugt sich über ihr Heft und zeigt mir die kalte Schulter.

In der Klinik war es kühl, Licht und Geräusche gedämpft. Miriams Gesicht hatte eine ungesunde blasse Farbe angenommen. Vielleicht erinnerten sie der Geruch und die Atmosphäre an ihren eigenen Aufenthalt hier.

»Sie sieht dir total ähnlich«, flüsterte sie.

Das stimmte, auch wenn Sarah überhaupt nicht wie sie selbst wirkte, so krank und bleich. Dasselbe Blond.

»Unsere Eltern haben immer behauptet, wir hätten sogar das gleiche Lächeln«, sagte Daniel. »Als sie noch lächeln konnte.«

Er wandte sich seiner Schwester zu und begrüßte sie. »Das ist Miriam. Meine Freundin. Ich hab dir am Telefon von ihr erzählt, weißt du noch? Ich bin mir sicher, dass du sie mögen wirst.«

»Äh ...«, sagte Miriam, »glaubst du, sie hört dich?«

»Davon gehe ich aus.« Er setzte sich an die Bettkante und nahm Sarahs kühle, schlaffe Hand in seine. »Sie ist froh, dass du hier bist.«

»Leider ist sie zu bewusstlos, um ihre Begeisterung zu zeigen.« Miriam stand unschlüssig herum und betrachtete den Fuß, der aus der Bettdecke herausragte und an einem komischen Gestell befestigt war. »Was ist denn mit ihrem Bein?«

»Ein komplizierter Bruch«, erklärte er. »Aber wir sollten in ihrer Gegenwart nicht über ihre Verletzungen sprechen.«

»Alles klar«, flüsterte Miriam. »Ich schätze, ich sollte euch beide mal kurz allein lassen. Ich bin nicht so gut darin, mit Komapatienten zu reden. Gibt es hier einen Aufenthaltsraum oder so was?«

»Den Gang runter und dann links.«

»Bis gleich«, flüsterte sie.

Er hielt sie nicht zurück, denn ihm war klar, wie schwer Sarahs Anblick zu ertragen war.

»Wenn du gesund bist, unternehmen wir was zusammen. Sie ist sonst nicht so, echt nicht. Aber jetzt gibt es erst mal Livemusik. Fehler inklusive. Sei bitte nicht zu streng mit mir.« Er holte seine Gitarre aus dem Koffer und begann zu spielen. Vielleicht half es Sarah nicht, aber ihm schon. Die Musik tröstete und beruhigte ihn, und als er die Gitarre weglegte, dachte er: Was auch kommt, ich bin bereit.

Danach saß er eine Weile still an ihrem Bett. Wie spät war es eigentlich? Miriam wartete bestimmt schon.

Auf dem Gang war sie nicht. Stimmt, der Aufenthaltsraum. Er lenkte seine Schritte dorthin und warf einen Blick durch die Scheiben.

Sie saß auf der anderen Seite, vor dem Fenster. Und neben ihr saß Tom.

Daniel wollte schon mit einem freundlichen »Hi, wie geht’s?« eintreten, als er bemerkte, dass die beiden nicht einfach nebeneinander saßen. Er blinzelte, aber das Bild blieb dasselbe.

Sie hielten Händchen.

Er zwinkerte.

Sie hielten immer noch Händchen.

In diesem Moment schaute Miriam hoch, erblickte ihn und zuckte ertappt zusammen. Sie sagte noch etwas zu Tom, dann kam sie zu Daniel. Sie musste an zwei, drei niedrigen Tischchen vorbei, auf denen Wasserflaschen und Becher bereitstanden. An der lachenden Gruppe vorüber, in deren Mitte ein Mann mit Gipsbein saß. Die Strecke zwischen ihnen schien endlos lang.

Dann war sie da, aber er hatte trotzdem das Gefühl, dass sie ihn überhaupt nicht erreichte. Sie schwieg. Er auch. Auf einmal waren sie beide wie Komapatienten. Keiner von ihnen konnte reden. Daniel konnte nicht einmal mehr atmen.



Oh meine Sonne,

ich fürchte, ich habe dich erschreckt mit meinem letzten Brief. Das tut mir leid. Ich würde niemals etwas tun, was dich irgendwie verletzt oder dir wehtut. Du bist so schön, ich möchte dich auf Händen tragen. Tag und Nacht denke ich nur an dich. Dass du mir ausweichst, kann ich durchaus nachvollziehen. Diese Gefühle sind so neu und groß, dass sie mich selbst fast erschlagen. Es ist alles anders geworden, die Welt hat aufgehört, sich um sich selbst zu drehen. Alles dreht sich nur noch um dich ... Bitte, denk darüber nach. Lass uns wenigstens darüber reden. Das kannst du doch für mich tun? Mir in die Augen sehen und sagen, dass du nichts für mich empfindest? Könntest du das, ohne zu lügen?

Ich glaube nicht, dass wir die Liebe einfach ignorieren dürfen, denn sie ist ein Geschenk Gottes. Sie ist eine Gabe des Himmels. Es kommt mir so vor, als wärst du direkt vom Himmel, ein Engel, der auf dieser Erde wandelt, um mein Leben zu ändern. Ich bin überwältigt von Gottes Güte, der es so gefügt hat, dass wir uns kennen und alles so gut passt.

Meinetwegen können wir gleich morgen über alles reden, oder was denkst du?

In banger Erwartung,

dein Salomo




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