Die Dame mit der bemalten Hand
Christine Wunnicke


Bombay, 1764. Indien stand nicht auf dem Reiseplan und Elephanta, diese struppige Insel voller Schlangen und Ziegen, schon gar nicht. Carsten Niebuhr aus dem Bremischen ist hier ­gestrandet, obwohl er doch in Arabien sein sollte. Ebenso Meister Musa, persischer Astro­labienbauer aus Jaipur, obwohl er doch in Mekka sein ­wollte. Man spricht leidlich Arabisch miteinander, genug, um die paar Tage bis zu ihrer Rettung gemeinsam herumzubringen. Um sich öst-westlich misszuverstehen und freundlich über Stern­bilder zu streiten. Es könnte übrigens alles auch ein Fieber­traum gewesen sein. Doch das steht in den Sternen.

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&quot;Wunnicke ist eine große, unterschätzte ­Romanautorin."

Sigrid Löffler, Deutschlandfunk Kultur















Christine

Wunnicke

Die Dame

mit der

bemalten

Hand


Roman









Inhalt


Kapitel I (#u09442e16-109a-5399-bd83-be774226550f)

Kapitel II (#u046a779e-e6f2-526e-8ba3-e9d1be5bc15d)

Kapitel III (#ub0d4e09d-7a9b-5de5-9086-effd72321cb3)

Kapitel IV (#u1126d5fe-6caf-5d46-8a14-4ff44b9b85d3)

Kapitel V (#ub1cbdb3a-b1ac-54f6-b09a-ecba04f0f844)

Kapitel VI (#u2a13c033-0c4d-55c3-87bc-94af1a750482)

Kapitel VII (#u9fb4d9af-693f-518c-9ad7-12402c2dcacd)

Kapitel VIII (#u7b160d88-ef2e-58cd-9a07-cd611daa7906)

Kapitel IX (#u7486ce41-fa5b-5348-bbab-9fa41d32cd10)

Kapitel X (#uce489e3e-4ed3-5f63-afa5-a85a12efe2d9)

Kapitel XI (#u7e63bd7d-a692-5248-abe8-8a538c7f0239)

Kapitel XII (#u712d7ec2-d317-511c-887c-862cc47b2c65)

Über den Autor (#u1e74aeb5-c15f-57fb-aac8-d51b40154433)




I


Panvel – Manbai, A. H. 1177 / A. D. 1764

Musa al-Lahuri musste das Echtheitszertifikat seines Astrolabiums in drei Ausfertigungen unterzeichnen. Drei große, schöne Schriftstücke hatte der Kunde erstellen und feierlich ausbreiten lassen, auf einem Tisch unter einem Baldachin in seinem Garten, der ihm, wie alle seine Reichtümer, sehr am Herzen zu liegen schien. Nun hielt er Meister Musa unter mancherlei Reden das Schreibrohr hin. Der Astronom unterdrückte ein Seufzen und zeichnete dreimal mit vollem Namen, Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri.

Das Haus des Kunden lag an der alten Handelsroute, in einer freudlosen Gegend zwischen Panvel-Markt und Panvel-Hafen. Große Magazine gehörten dazu und eine portugiesische Kirche, die er zugekauft hatte und worin er nun ebenfalls Waren lagerte, Indigo, Opium, Leinwand, Meister Musa hatte es alles erfahren und längst wieder vergessen. Um das Astrolabium zu bringen, war er gestern eigens von Manbai herübergekommen, wo er logierte, und hatte schon eine Nacht hier verbracht. Stundenlang, bei immerhin gutem Essen, hatte der Kunde, der ebenfalls Perser war, mit seinem Haus, seinem Leben, seinem Geschick, seiner Güte, seinen Kindern und seinen Waren geprahlt und deren Marktwert detailliert. Dann hatte er um den Preis des Astrolabiums zu feilschen begonnen, obwohl der Verkauf schon brieflich fixiert war und es längst nichts mehr zu feilschen gab. Dabei hatte er Meister Musa erst kreuz und quer durchs Haus geführt, um dessen Schönheiten vorzuzeigen, und schließlich dauernd durch diesen Garten, der hoch ummauert und etwas verfehlt in der hässlichen Gegend stand. An einem gekachelten Bächlein hatte er ihn entlanggeführt, zwischen Rosen und duftendem Eibisch, unter Vogelkäfigen auf schlank kannelierten Säulen immer im Kreis herum. Die Wege waren nass. Auch der Baldachin war nass und Dampf hatte sich darunter entwickelt. Dass es außerhalb der Saison geregnet hatte – ›gegen die Astronomie‹, wie er wichtig erklärte, Meister Musa zum Tort –, schien den Kunden so zu verwirren, dass er keine Konsequenzen daraus zu ziehen vermochte und störrisch im Nassen verweilte.

Geschrei und Gehämmer drang von den Magazinen herüber. Vielleicht bekam die Kirche ein neues Dach. Meister Musa blickte hinauf in die blaue Wölbung des Baldachins und in den Dampf, der den Kopf des Kunden umschwebte. Viele Gewänder trug dieser Kunde, eines über dem anderen, eine Jadespange im Turban, in den Ohren Rubine, und strahlte viel Frohsinn aus. Mit einer Verneigung gab ihm Musa das Schreibrohr zurück.

Das Echtheitszertifikat war ein sinnloses Dokument. Einen Papierwisch konnte man jederzeit austauschen. Musa signierte seine Instrumente grundsätzlich im Messing. Aus allem, was gut und teuer war, aus Ebenholz, Silber und Elfenbein und ein wenig chinesischem Lack, hatte der Kunde einen Ständer für das Astrolabium anfertigen lassen, der ebenso sinnlos war wie das Zertifikat. Es war ein kleines Scheibenastrolab, das in eine Hand passte, und wenn es auf einem Ständer aufgebockt stand, konnte man es nicht benutzen. Doch der Kunde würde es ohnehin nicht benutzen. Der Kunde verstand nichts vom Himmel und nichts von der Mathematik. Dieser mühsame Kunde, dachte Musa, konnte bestenfalls den Mond von der Sonne und die Nacht vom Tag unterscheiden und vielleicht selbst das nicht immer. Er sammelte Astrolabien, um damit anzugeben. Mit einem Original von Musa al-Lahuri konnte man hervorragend angeben, selbst wenn es nur dumm auf einem Ständer stand. Seine Astrolabien waren begehrt. Ein einziger Verkauf finanzierte einen schönen Teil seiner Reise, von Jaipur bis Manbai und übers Meer und in die heiligen Städte.

Stundenlang hatte der Kunde das Astrolabium von einem Diener hinter sich hertragen lassen, der es mit einem Tüchlein auf dem Ständer festhielt; durchs Haus, durch den Garten und schließlich unter den feuchten Baldachin. Nun war es endlich das seine und stand auf seinem Tisch. Er sprach ein Dichterwort, das Himmelszelt zu einem zarten Bild geronnen, et cetera. Wie oft hatte al-Lahuri das schon gehört. Er verneigte sich wieder.

Neue Diener erschienen. Sie brachten nicht etwa das Geld, sondern Früchte in großen Schalen und in englischen Gläschen englischen Magenlikör. Der Kunde redete klug über Engländer, mit denen er wohl Handel trieb, setzte viele Höflichkeiten hinzu und dann das Wort »Alhidade«. Das wiederholte er mehrfach, ohne dazugehörigen Satz. Er beugte sich sogar zu Meister Musa herüber und raunte beschwörend »Alhidade«, die Lippen fast an seinem Ohr.

»Jawohl«, sagte Musa. »Die ist hinten.«

Zum ersten Mal seit seiner Abreise verspürte er eine gewisse Sehnsucht nach Jaipur. Dort hätte niemand gewagt, dauernd ›Alhidade‹ zu ihm zu sagen, in einer solch törichten und unverbundenen Weise. Es war ein wenig, als ob man ›Sohle, Sohle‹ zu einem Schuhmacher sagte. Wahrscheinlich war ›Alhidade‹ das einzige Wort aus dem Bereich der Wissenschaften, das der Kunde kannte; deshalb wollte er diese Saat wohl unbedingt auswerfen und vielleicht ein ganzes Gespräch daraus ziehen. Er nahm dem Diener das Tüchlein weg, das dieser zum Anfassen des Astrolabiums benutzt hatte, fasste es selbst damit an, hielt es seinem Schöpfer vor die Nase und rief noch einmal: »Alhidade!«

Musa al-Lahuri verabscheute es, wenn man ihm Dinge vor die Nase hielt. Seit einer Weile konnte er nicht mehr scharf erkennen, was sich zu nahe vor seinen Augen befand. Er ging auf die fünfzig zu. Er wusste, dass Menschen in seinem Alter in der Nähe unscharf zu sehen begannen. Dies war nicht einmal eine Krankheit, die eines Arztes bedurfte, sondern nur eine kleine und ganz unpersönliche Strafe Gottes, die jeden traf und mit der jeder wohl oder übel seinen Frieden machte. Doch nicht jeder schmiedete die besten Astrolabien von Hindustan. Meister Musa nahm sich das Recht, gekränkt zu sein.

Er hielt das Instrument halbnah vor sein Gesicht, nicht so nahe, dass es völlig verschwamm, und nicht so weit weg, dass der Kunde hätte bemerken können, dass hier jemand mit langem Arm auf kleine Dinge guckte, wie es die Greise tun. Er betrachtete das Astrolab mit Wehmut. Es war schön gelungen und landete im Haus eines Tölpels. Musa drehte es um, legte den Zeigefinger auf die Idade und stellte sie so, dass sie das Schattenquadrat schnitt.

»Wollt Ihr etwa die Höhe der Sonne über dem Horizont bestimmen«, sagte er milde, »so bewegt Ihr die Idade, bis durch beide Absehen hindurch ein Sonnenstrahl auf Eure Hand fällt, und lest die Gradteilung ab. Nun dreht Ihr das Astrolab, sucht die Position der Sonne auf dem Tierkreis und stellt die Spinne dieserart, dass die Sonne auf dem Mukantara der gemessenen Höhe steht. Beachtet deren Teilung in je sechs Grad pro Kreis. Zur Nacht verfahrt Ihr ähnlich: Ihr sucht die Höhen zweier Sterne, wie sie die Spinne zeigt, und stellt sie auf die Höhen der Sterne, wie Eure Augen sie sehen. Nun nehmt Ihr mit dem Zeiger an der Hajrah die Zeit. Dreht die Sonne auf der Spinne. Bringt sie in Deckung mit dem östlichen Horizont. Nun wisst Ihr, wann die Sonne aufgeht, die wahrhaftige Sonne des Himmels, und kennt die Länge des wahrhaftigen Tages. Was sich von selbst versteht.«

Schweigen hing über dem Pavillon. Ein Wassertropfen fiel aus dem indigoblauen Zenit auf den Tisch. Der Verwalter des Kunden erschien und brachte endlich das Geld. Meister Musa verspürte das Bedürfnis, sämtliche Anwendungen des Astrolabiums zu erläutern, selbst wenn es zehn Stunden dauerte. Er drehte es in der Hand, ließ den Zeiger über der Spinne kreisen und holte tief Luft. Der Kunde zog ein wenig den Kopf ein.

»So Gott will«, sagte Musa.

Mit seinem Diener ging er zum Fluss hinunter, der ebenfalls Panvel hieß, bestieg das Schiff, das dort auf ihn wartete, und machte sich auf den Rückweg nach Manbai.

Es war ein miserables kleines Schiff, nicht besser als das gestrige. Mit seinem schiefen, dreieckigen Segel sah es aus wie schon halb gekentert, und auch der Mann, dem es gehörte, und die Burschen, die diesem dienten, erweckten wenig Vertrauen. Der Panvel war verschlickt und versandet, die Ufer ausgeschwemmt, das Wasser braun. Während sich das Schiff durch allerlei Unrat kämpfte, jammerte der Schiffer in der Straßensprache von Manbai, wahrscheinlich über fehlenden Wind oder nach mehr Bezahlung. Vielleicht war es auch die Straßensprache von Panvel. Jeder Flecken von Hindustan hatte eine andere Sprache. Selbst Meister Musa konnte nicht alle lernen. »Ist rasche Landung erzielt, wird Belohnung des Schiffsherrn erfolgen«, skandierte er unwirsch auf Sanskrit. Der Schiffer warf ihm ehrfürchtige Blicke zu. Wahrscheinlich verstand er kein Wort und dachte, sein Fahrgast habe gebetet.

Meister Musa stellte sich in den Bug, möglichst weit weg vom Segel. Das Schiff quälte sich gen Meer. Im Treibgut hing ein Ziegenkadaver, an dem ein schwarzer Vogel fraß. Einen Moment lang dachte Musa, dass es waghalsig sei, mit all dem Geld des Kunden in der Welt herumzuflottieren. Gott sei Dank trug er Dolch und Säbel, und Malik, sein Diener, war ein kräftiger Bursche. Er musste sich plötzlich vorstellen, wie ihn der Besitzer des Schiffes hinterrücks überfiele, wie er ihn sofort und mit Freude erstäche und dieserart selbst zum Besitzer des Schiffes würde. Wie er die Leiche des Schurken über Bord würfe und fortan auf dessen kläglichem Kahn, unter falschem Namen und vielleicht als Inder verkleidet, Jahr um Jahr die sieben Inseln umschiffte und ein Piratenleben führte, fern von seiner Heimat, seiner Familie und seinem Beruf.

Seit sein Augenlicht zu ermatten begann – und zuweilen sah er sich schon blind um Hilfe keifen wie ein Greis, auf dessen baldigen Tod jeder hofft –, suchten ihn öfter Trugbilder heim. Im Observatorium des Fürsten von Jaipur berechnete und beobachtete er seit Jahrzehnten die Gestirne. Seit Jahrzehnten klafften Lücken zwischen Beobachtetem und Berechnetem, die nicht zu schließen waren, so viel man auch neu berechnen und beobachten mochte. Einst hatte er damit gehadert. Einst hatten ihm diese Lücken den Schlaf geraubt. Nun schlief er so lange, wie man ihn eben ließ, und kritzelte dazwischen die Tagestabellen für alle Gestirne, wie man sie eben sah. Und schmiedete Astrolabien fürs liebe Geld. Und so ging das Leben dahin. Man wurde immer dicker und müder. Es war kein Wunder, wenn das Gemüt nach Abwechslung schrie.

Al-Lahuri lächelte, nachsichtig mit sich selbst. Bald wäre er in Arabien. Dort fände er Sinn. In Arabien, so hieß es, sei all der Sinn zuhause, der Sinn des Himmels und der Erde, Gottes Sinn und der Menschensinn und der Sinn aller Dinge. Nicht zum ersten Mal sagte er im Kopf das Wort ›Sinn‹ her, auf Persisch, Arabisch, Griechisch, Lateinisch und in der Straßensprache von Jaipur, und dann dachte er ›Sinn‹ auf Sanskrit, alle zwanzig Wörter, die im Sanskrit vielleicht ›Sinn‹ bedeuteten, oder vielleicht auch ›Unsinn‹; Sanskrit war eine seltsame Sprache. Er rief nach seinem Diener, und dass dieser nicht wieder ins Segel fallen solle wie gestern, in seiner endlosen Tölpelei.

Er erinnerte sich an den Morgen in Jaipur, da er den Entschluss gefasst hatte, zu reisen. Wie ein Licht seinen Geist berührte, wie er Malik packte und rannte, den langen Basar hinunter mit fliegendem Mantel und durchs Sambhar-Tor in die Freiheit. So erinnerte er es gerne. Der Wahrheit entsprach es nicht. Monatelang hatte er mit dem Hof verhandelt, bis man ihm Urlaub gab. Ein halbes Jahr lang hatte er mit der Familie gestritten, mit seinen Frauen Zubayda und Gohar, mit seinen Söhnen und seinem Schwiegersohn, mit seiner älteren Tochter, die in Arabien nichts als den Tod sah, heulte und auf schreckliche Weise poetisch wurde, bis man ihn endlich gewähren ließ. Eine Woche lang hatte er Malik getröstet, der sich nach und nach in ein solches Grauen vor Arabien gesteigert hatte, dass er davon Durchfall bekam. Ein mehrtägiges Abschiedsfest war gefolgt, an dem jeder Perser von Jaipur teilnahm und Geschichten von Arabien erzählte, die er von anderen Persern gehört hatte. Schließlich hatten auch die Inder Wind von der Sache bekommen und verstanden, dass er über Manbai zu reisen gedachte. Sie hatten Briefe zu schreiben begonnen, die Meister Musa mitnehmen sollte, Familienbriefe, Geschäftsbriefe, Wissenschaftsbriefe, Briefe von Brahmane zu Brahmane. Seine jüngere Tochter Nayyirah, die sich alles erlauben konnte, hatte eine lange, befremdliche Liste arabischer Schätze erarbeitet, die er kaufen oder finden und ihr mitbringen sollte. Ein Sandsturm hatte die Abreise verhindert. Dann hatten die Brahmanen die Abreise verhindert, weil ihre Briefe nicht fertig waren. Gohar hatte sie zu verhindern versucht, weil ihr alles plötzlich zu teuer erschien. Der elende Portugiese, der seit Jahrzehnten im Observatorium vegetierte, hatte ebenfalls einen Brief verfasst, an einen Portugiesen, der einst in Arabien gewesen war und möglicherweise noch lebte. Weitere Sandstürme hatten die Abreise verhindert. Nayyirah trug Papier in ihr Geheimversteck, um eine zweite Liste zu beginnen. Zubayda und Gohar bereiteten ein zweites Abschiedsfest vor. Da war er aufgebrochen mit dem jammernden Malik und gereist und gereist, in vielen Karawanen, auf vielen verschiedenen Reittieren, von denen jedes auf seine Art unbequem war, unter großen Entbehrungen und Lästigkeiten, bis er eines Tages Manbai erreicht hatte. Hier galt es nun Zeit totzuschlagen und Geld zu verdienen. Das Schiff nach Dschidda lief erst in mehreren Wochen aus.

Malik begaffte das Meer. Schaute ihm Musa zu lange beim Staunen zu, begann er selbst zu staunen und all der Wirrwarr in Maliks Kopf sprang über. Das gefiel ihm nicht. Er zwang sich, an das mit Wimpeln besteckte Lustboot im Palastteich des Fürsten von Jaipur zu denken, das keinesfalls staunenswert war.

Es war fast windstill. Man kam kaum voran. Meister Musa bestimmte die Zeit, als ließe sich die Sache dadurch beschleunigen. Dafür nahm er das Astrolabium, das er an einer Kette um den Hals trug; ein altes Stück seines Vaters, das dem Vergleich mit seinen eigenen Werken nicht standhielt, das er indes immer noch gerne benutzte. Um die tote Zeit gut zu verwenden, hockte er sich hin und zerlegte es. Trug man es zu lange um den Hals, wurde es speckig und klemmte. Mit dem Daumennagel schraubte er das Pferd von der Nadel, nahm Zeiger und Spinne ab, löste alle Lauhat aus der Umm und die Umm von der Idade und begann mit dem Schnupftuch alles sorgsam zu putzen. Bald schrie er nach seinem Augenglas. Jede Lauha sah aus wie die andere. Es war würdelos und beschämend.

Malik brachte das Augenglas. Daheim in Jaipur lagen noch fünf weitere. Meister Musa hatte viel Aufhebens um die Anschaffung von Augengläsern gemacht. Alle waren unscharf und trübe. Eines verzerrte das Bild so sehr, dass Schrift abwechselnd wie ein Strich und wie ein Knäuel aussah, je nachdem, wie man es hielt. Drei hatten doppelte Linsen, davon war eines gestielt, das zweite auf die Nase zu kneifen, das dritte um die Ohren zu haken; drei waren schlichtweg Lupen, eine aus trübem Glas und zwei aus trübem Quarz. Auch jenes, das Malik in seinem Beutel bereithielt, hatte eine quarzene Linse, und leider war es das beste. Im fernen Kalkutta, so der Verkäufer in Jaipur, hatte ein frommer Mann es gefertigt. Das Messing von Fassung und Griff war überaus figürlich gestaltet. Der Elefantengott hielt die Linse im Rüssel und streckte sie dem Benutzer frech entgegen, als wollte er sagen, du Maulwurf, du brauchst mich. An seine fetten Flanken schmiegten sich noch zwei nackende Himmelsnymphen. Der ganze Griff war ein Gewirr von Leibern. Man konnte kaum die Hand um das wulstige Machwerk schließen. Musa al-Lahuri sichtete seufzend die Lauhat, ordnete sie in die Umm, schraubte das Instrument zusammen, hängte es sich wieder um den Hals und steckte das Augenglas angewidert zurück in Maliks Beutel.

Das Schiff dümpelte zwischen Panvel-Hafen und der Insel Gharapuri, die den Blick nach Manbai verdeckte. Der Schiffer lamentierte ein wenig, dann legte er sich in den spärlichen Schatten des Segels zum Schlafen. Seine Burschen schliefen schon längst.

»Großmächtiger Ruderschlag im präzisen Jetzt!«, schrie Meister Musa. Er versuchte seinem Sanskrit einen marathischen Tonfall zu geben, doch der Schiffer verstand ihn nicht. Musa trommelte mit den Fingern auf der Reling. Das Dümpeln des Schiffes schlug sich ihm auf den Magen. »Hör auf zu zappeln!«, schrie er Malik an. Malik begann vor Schreck zu zappeln.

Und plötzlich war es Musa zufrieden. Wem nützte die Eile, all die sinnlose Eile? Ein Leben lang, so schien es ihm, war er ständig gerannt, zeternd und zankend, von Kunde zu Kunde, von Geschäft zu Geschäft, zum alten Fürsten und zum jungen Fürsten, auf betriebsamen Wegen zwischen Mauerquadrant und Azimut-Yantra, während Mond und Sonne ungerührt durch den Tierkreis rückten, immer nur gerannt und gerannt.

Er legte den Kopf in den Nacken und blickte in den Himmel. Dann schaute er nach Gharapuri hinüber. Die Insel war borstig und grau, von Gestrüpp überwuchert, dazwischen ein paar Sauerdattel- und Mangobäume. Palmen, deren nutzloseste Sorte, streckten lange, triste Wurzeln ins Meer. Kein Haus, kein Mensch war zu sehen. Ein Affe kreischte, ein zwitscherndes, helles Kreischen, viel zu laut, viel zu lang, viel zu wichtig in der dunstigen Stille. Niemand rannte auf Gharapuri umher. Niemand, so schien es, hatte dort etwas zu schaffen. Leer und grau schwamm ein wenig Land im Meer zwischen Panvel und Manbai. In seiner neuen philosophischen Stimmung fand Musa das liebenswert.

Er wollte anlegen und warten, bis Wind kam, oder bis die Gezeiten wechselten. Er wollte den Strand mit freundlicher Ruhe betrachten, vielleicht ein paar Steine nach Affen werfen, er wollte Schatten suchen und essen, was in Maliks Essenskorb übrig war, und danach mit zufriedenem Magen auf dem Festland ein wenig schlafen. »Gott ist mit dem Geduldigen«, sagte Musa zu Malik, und auf Sanskrit zum Schiffer: »Die Scholle befahren mit geschwindem Gang«, was der Schiffer sofort verstand.

Das Boot hatte kaum Tiefgang. Einer der Burschen stakte mit einer Stange und sie glitten fast auf den Strand.

Das meiste im Essenskorb war verdorben. Meister Musa musste sich mit ein wenig Rettich in Essig begnügen. Auch das Bewerfen der Affen befriedigte nicht. Sie waren wendiger als die Affen von Jaipur. »Wind?«, fragte Musa den Schiffer. Der Schiffer zeigte auf die Sonne und dann, mit trauriger Miene, nach Westen. »Abend? Abend? Abend?«, fragte Musa in mehreren Sprachen. Seine Stimme wurde schon wieder lauter. Der Schiffer legte die Hände zusammen und verneigte sich. Malik starrte entgeistert die Affen an, als habe er noch nie Affen gesehen. Eine Ziege erschien. Sie blickte sich um und verschwand wieder im Gestrüpp. Malik gaffte ihr hinterher, als habe Gott soeben die Ziegen geschaffen, nur um ihn zu erstaunen. Er löste eine Muschelschale aus dem Sand, hob sie dicht an die Augen, roch daran und befingerte sie versonnen. Und da schrie schon wieder ein Affe. Und da kam schon wieder die Ziege mit ihrem blöden Ziegengesicht. Und Musas Geduld war am Ende.

Er steckte Wasser, Augenglas und den letzten Sirupkuchen ein, nahm seinen Stock und stand auf. Es musste hier etwas geben, das besser war als dieser Strand. Ein Haus mit Menschen darin. Einen Ziegenhirten zur Ziege. Eine portugiesische Kirche. Einen Piratenschatz. Zumindest eine Aussicht. Gharapuri wölbte sich wie ein Schildkrötenpanzer, in der Mitte leicht eingekerbt. Dort oben, wenn man hinaufstieg, wäre man wenigstens oben und könnte hinunterblicken. Man könnte über die Lagune blicken. Das wäre vielleicht unterhaltsam. Eine Art Weg teilte vom Strand her das graue Gestrüpp. Dorthin brach er auf mit schnellem Schritt, den entgeisterten Malik auf den Fersen. Er wollte ihn nicht auf den Fersen haben. »Bleib beim Schiff«, herrschte er ihn an, »pass auf, dass es nicht wegfährt!« Er duldete keine Widerrede. Und bald waren Maliks Gejammer und das Gekreisch der Affen in der Ferne verhallt.

Der Weg wurde schmäler und schmäler und zunehmend unsichtbar. Meister Musa wollte keinen besseren suchen. Er wollte bergauf durchs Dickicht. Mit seinem Stock, einem schön geschnitzten Handstock aus Birkenholz, schlug er ins Gestrüpp. Es wuchs nicht nur aus der Erde, es verflocht und verfilzte sich auch von Baum zu Baum. Er schimpfte vor sich hin. Für den Kundenbesuch in Panvel hatte er seine besten Stiefel angezogen und nun verdarb er sie sich. Das Gestrüpp krallte sich in seinen Mantel. Ein schlaffes Gewächs, das von einem Baum herabhing, wickelte sich ihm feucht um den Turban. Auch hier hatte es wohl geregnet, gegen die Astronomie. Etwas Kleines, Klebriges heftete sich an seine Hand. Dabei war es sehr still. Es war so still im Gestrüpp der Insel Gharapuri, dass er sich unwohl zu fühlen begann.

Musa al-Lahuri, der den größten Teil seines Lebens in Jaipur zugebracht hatte, einer ordentlichen und äußerst modernen Stadt, hörte auf zu schimpfen und trat etwas leiser auf. Er wusste nicht, was diese Wälder bewohnte. Menschen schienen es nicht zu sein. Vielleicht schlief nahebei ein Tiger. Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Der Astronom aus Jaipur hatte keine Ahnung, was im Wildwuchs der Inseln vor Manbai möglicherweise alles schlief. Seinen Birkenholzstock trug er nun vorsichtig vor sich her. Die Langeweile machte Besorgnis Platz. Besorgnis verwandelte sich allmählich in Spannung. Er erinnerte sich an all die Geschichten, welche die Inder über Gestrüppe und Wälder erzählten. Sie gingen selten gut aus, zumindest nicht nach Musas Verständnis. Was die Inder unter Gutem und Schlechtem verstanden, war unpräzise und rätselhaft. Inder, die in den Wald gingen, um dort auf indische Art ihre Sünden zu büßen, verwandelten sich in Dämonen. Darauf kamen all ihre Götter hervor und verwandelten sich in Dämonen und Menschen. Sie verwandelten sich auch in sich gegenseitig, in schwindelerregender Weise. Niemand kehrte aus Wäldern und Gestrüppen zurück, wie er dort hineingegangen war, in den Geschichten der Inder.

Der Schweiß lief al-Lahuri in die Augen, über die Wangen und in den Bart. Bis vor kurzem hatte er den Schnauzbart der Jungen getragen. Jetzt trug er den Vollbart der Alten. Er ärgerte sich, dass er schwitzte, nur weil es ein wenig bergauf ging.

Hinter zwei Mangobäumen kam eine erbärmliche Hütte zum Vorschein. Dahinter duckten sich zwei, drei weitere Hütten. Sie waren mit dem Erdreich verwachsen, als hätte dieses sie ausgebrütet und sie seien erst halb geschlüpft. Keine Menschenseele war zu erblicken. Er hielt sich rechts, umrundete die verlassene oder schlafende Siedlung und stieg weiter den Berg hinauf.

Das Gestrüpp wurde dichter und dichter. Sehnsuchtsvoll dachte er an den langen Basar von Jaipur. Sechs Elefanten, so hatte der Fürst bei der Planung bestimmt, mussten nebeneinander darauf einhergehen können, ohne sich zu berühren. Auch hatte er rechte Winkel für alle Straßen verfügt und krumme Kurven verboten. Die ganze Welt, dachte al-Lahuri, sollte den Vorschriften des alten Fürsten von Jaipur gehorchen. Da fuhr er jäh zurück.

Der Kopf einer Ziege war plötzlich vor ihm aufgetaucht und glotzte ihn an. Er schien zwischen Blättern im Nichts zu hängen; erst allmählich kam die ganze Ziege zum Vorschein. Sie trat geradewegs aus dem Berg hervor. Eine zweite Ziege drängte ihr nach. Darunter rannte ein kleines Tier, zu schnell, um es bestimmen zu können, und schoss ins Gebüsch. Etwas flatterte, hoch oben, in spitzblättrigen Zweigen. Dann spuckte der Berg eine Schlange aus. Sie kringelte sich im Geäst, glitt zu Boden, richtete den Kopf auf und spreizte die Haube.

»Pest und Hundeaas!«, schrie Musa. Er hob den Stock und schlug zu und verfehlte und schlug ein zweites Mal zu und schlug in ein leeres Gestrüpp. Zweige brachen. Blätter flogen. Die Schlange war fort. Die Ziegen waren ebenfalls fort. Der Berg hatte alles wieder eingesaugt, was er zuvor ausgespien hatte. Vorsichtig näherte er sich dem schwarzen Loch, das halb verborgen hinter Blättern und Astwerk in der Flanke der Insel klaffte.

Es ging dort sehr tief hinein: ein Höhlengang, mit altem Gemäuer befestigt. Er war schwarz wie die Nacht, doch in der Ferne wurde es wieder hell. Etwas trabte und etwas knisterte und etwas quiekte und alles war voller Vogeldreck. Meister Musa steckte Kopf und Stock neugierig tief in den Stollen, doch seine Beine wollten nicht mit. Er klopfte mit dem Stock ans Gemäuer. Es klang hohl. Er lächelte über seine eigene Feigheit. Dann ging er hinein.

Der Gang war feucht und erdig. Er tastete mit dem Stock wie ein Blinder. Allerlei Gestrüpp wuchs auch hier, oder es war totes Gestrüpp, das Tiere hereingezerrt hatten. Knatternd flog etwas auf, ein Vogel, eine Fledermaus, dann war es wieder still wie das Grab. Es wurde kühler, wärmer, kühler. Die Helligkeit am Ende des Tunnels war fort. Etwas schnaufte. Musa drehte sich um. Auch hinter ihm war alles schwarz. Etwas kollerte. Vielleicht war Mauerwerk heruntergebrochen. Vielleicht hatte es beide Eingänge gleichzeitig versperrt. Die Stockspitze sank in etwas Weiches ein, dann klackte sie wieder auf Stein. Er strauchelte. Er versuchte zu rennen. Gestein, Gestrüpp, Ziegen, Vögel, Affen, Fledermäuse, Nasses, Weiches, Hartes, Borstiges, Glitschiges blockierte seinen Weg, und da war Licht, ein großer Luftzug kam ihm entgegen, er stolperte über eine Schwelle und war befreit.

Er stand in den Trümmern einer Halle, von massigen Säulen getragen, voller Schutt und Geröll, mitten im Berg und offen nach allen Seiten. Wohl dreißig Elefanten hätten Schulter an Schulter hier hereingepasst und drei übereinander kaum die Decke berührt. Der Boden war uneben und eingesunken. Ein Windhauch ging, viel zu feucht für diese Saison. Gesträuch, grüner und fetter als draußen, breitete sich überall aus, Ziegen kauten daran und hinterließen ihren Dung. Einige Säulen fehlten ganz, andere waren zur Hälfte heruntergebrochen, die Decke hing durch und alles war voller indischer Götter. Zerhauen, zersplittert, einbeinig, dreiarmig, enthauptet, amputiert, prachtvoll bekrönt wuchsen sie riesenhaft aus den Wänden. Da spielten sie ihre Spiele, samt ihren Vasallen und Weibern. Eine Äffin mit einem Äffchen im Pelz baumelte einem am Armstumpf. Sein Gesicht war dahin. Vogeldreck sprenkelte die zerschlagene Fläche, wo es einmal gewesen war. Nachdem er zu Atem gekommen war, was eine Weile gedauert hatte, begann sich al-Lahuri zu fragen, ob nur der Zahn der Zeit an diesem unerwarteten Bauwerk genagt hatte. Es sah gar zu schrecklich aus. Vielleicht hatte hier jemand das Schießen geübt. Vielleicht hatten Portugiesen an den Götzen im Berg ihre Musketen erprobt oder eine kleine Kanone. Misstrauisch blickte er zur Decke hoch und von dort zu den fehlenden Säulen. Vielleicht hatten sie tragende Strukturen heruntergeschossen. Bei Portugiesen wusste man nie.

Er ging die Felswand entlang, wahrscheinlich gen Westen. Der Tunnel hatte seinen Richtungssinn verwirrt. In der Ferne, hinter vielen geborstenen Säulen, hinter Ziegen, Schutt und Knäulen schlafender Affen lag durch Stufen erhöht eine gesonderte Kammer, die vier kolossale Gestalten bewachten. Dahinter und auch dort, wo wohl Norden war, öffneten sich große Portale. Dort ging es ins Freie. Dort blickte man gewiss hinunter aufs Meer. Etwas glitt knisternd an Musas Stock vorbei, keine Schlange, vielleicht eine Ratte.

Linkerhand kam ein Kopf aus der Wand, so hoch wie zwei Elefanten. Zwei weitere Köpfe wuchsen aus seinen Schultern. Alle schliefen in seliger Ruhe und strahlten dabei eine Unruhe aus, die mit Worten kaum zu beschreiben war. Musa grinste.

Da regte sich etwas. Das war keine Ziege. Das war auch kein Affe. Er griff nach dem Säbel. Da hockte ein Mann auf dem Boden. Das war nicht gut. Kein guter Mann würde hier einsam hocken. Langsam schlich er von Säule zu Säule, schräg zu dem Hockenden, im Schatten der Kammer. Dort, bei einem der steinernen Wächter, dem er kaum bis zum Knie reichte, fand er Schutz. Hier konnte ihn der Mann nicht sehen. Er schlich die Stufen hinauf und hinein in die Kammer. Sie war leer. Ein Loch im Boden, der geborstene Rest eines Weihesteins, der elend darin lag, sonst nichts. Beim rückwärtigen Ausgang stellte er sich an die Wand und schob langsam den Kopf vor, bis er den Fremden beobachten konnte.

Es war ein Mann in arabischer Tracht, bärtig, recht jung. Er hantierte mit einem Stab, einem halbarmlangen, schlanken, metallenen Stab, der aus mehreren Teilen zusammengesetzt und auf der einen Seite dicker war als auf der anderen. Damit hockte er einem steinernen Wesen zu Füßen, das sich in hellem Zorn mit verdrehten Augen und gefletschten Zähnen klafterhoch aus der Wand schob. Neben dem Mann lagen Stifte und ein Schreibbrett mit Papier.

Das war kein Araber. Das sah man an seinem Bart. Der war fusselig, hellbraun und durch und durch europäisch. Da hockte ein Europäer im gottverlassenen Berg. Meister Musa ließ seinen Säbel los. Europäer machten ihm keine Angst. Der Mann hatte den Metallstab gehoben und führte die dünne Seite an sein rechtes Auge.

Ein Fernrohr. Musa verbiss sich das Lachen.

Viele Jahre war es her, dass er durch ein Fernrohr geblickt hatte. Es war viel größer gewesen als dieses. Er hatte nur kurz hindurchblicken dürfen. Der Fürst von Jaipur hatte es ihm aus der Hand gerissen, selbst hindurchgeblickt und es nie wieder hergegeben. Man sah lange nichts durch ein Fernrohr, erinnerte er sich, nur die eigenen Wimpern, und wenn man schließlich doch etwas sah, stand es auf dem Kopf. Dass man durch ein Fernrohr erkannte, dass beim Brhaspati-Graha vier Monde waren, wie der Fürst damals überall verkündet hatte, konnte er nicht glauben. Er hatte nie wieder durch ein Fernrohr geblickt und sich auch nicht danach gesehnt.

Da hockte ein Europäer auf Gharapuri und studierte durch ein europäisches Fernrohr die Eckzähne eines indischen Gottes. Dazu fiel Musa nichts ein. Er trat aus der Kammer und wünschte auf Portugiesisch einen guten Tag.

Der Mann ließ das Fernrohr sinken und blickte zu ihm hoch. Er wirkte verwundert, erschrocken nicht. Seine Augen glänzten und sein Gesicht war verschwitzt und fleckig und selbst für einen Europäer viel zu bleich. Seine Lippen waren aufgesprungen. »Wollt Ihr Wasser?«, fragte Musa auf Persisch.

Der Europäer verstand nicht. Er tastete nach seinem Schreibbrett und stand langsam auf. Da wurde er immer noch bleicher.

»Wo kommst du her, mein Sohn?«, fragte Musa auf Arabisch.

Das Gesicht des Europäers war bläulich weiß wie entrahmte Milch. Er zeigte hierhin und dorthin, auf den Wütenden in der Wand, auf die schlafenden Köpfe, auf die Affen, die Ziegen, das Hauptportal. Dann keuchte er »ich, ich« auf Arabisch und dann, unter Qualen, »aus Mu-, aus Ma-, aus Makkah!« Er schwankte, verdrehte die Augen und fiel dem Mann aus Jaipur besinnungslos vor die Füße.




II


Göttingen, A. D. 1759

»Wenn ein Reisender«, rief Professor Michaelis, »den wir für teures Geld nach Arabien schicken, nicht von vornherein weiß, was er dort sehen soll, so wird er überhaupt nichts sehen oder nur läppischen Dreck!« Dabei schlug er die Hacken seiner Reitstiefel zusammen, in denen er stets am Katheder stand.

Michaelis’ Vorlesungen waren teuer, aber immer sehr gut besucht. Zuweilen schlichen Studenten sich gratis hinein, doch ein hünenhafter Bedienter spürte Schmarotzer auf und warf sie hinaus. Wenn Michaelis mit diesem Bedienten erschien, fühlte man sich an David und Goliath erinnert. Manchmal ließ er den Riesen stundenlang neben sich stehen, als wolle er damit sagen, wage nur einer zu lachen. Der Gottesgelehrte Michaelis war ein kleiner Mann mit einer großen und gellenden Stimme. Selbst am Katheder legte er den Degen nicht ab. Seit die Franzosen in der Stadt waren, trug er, für jeden sichtbar, auch ein Pistol durch die Straßen.

Zuweilen spielte er die Bibel vor, wie ein Held des Theaters. Sein Haus in der Rittershäuser Straße war überfüllt, mit Kollegen, mit Studenten, mit seinen Kindern und seinen Büchern, doch noch immer drängten mehr Leute hinein. Letzthin hatte ein Kandidat der Jurisprudenz die Fassade erklommen, um vielleicht durchs Fenster einen Blick auf Michaelis zu erhaschen, wie er als Jakob mit dem Engel rang oder als Potiphars Weib mit Joseph; er war indes abgestürzt und hatte sich den Arm gebrochen.

»Der Gelehrte, ich, wir, hier, daheim in unseren Stuben«, fuhr Michaelis fort, »wir lesen aus unseren Büchern und Gedanken ab, was in den Ländern des Orients zu finden sein wird und wie es uns hilft, die heilige Schrift zu begreifen. Wir stellen nach richtigem Studium die richtigen Fragen. Wir lesen die Bibel und den Koran, sie mit dem rechten, ihn mit dem linken Auge, und stellen im Gehirn die Verbindung her. Es ist nämlich Hebräisch und Arabisch nur ein verschiedener Dialekt ein und derselben Sprache, nicht mal völlig so weit entfernt als Obersächsisch und Niedersächsisch, und ich leiere das her wie eine Repetieruhr, bis mir das Schlagwerk erlahmt, und Sie halten immer noch Maulaffen feil. Arabien ist unsere Wiege! Dort spielt sie, die heilige Schrift! Dort fügt sich der Sinn zusammen und Klarheit kehrt ein im Glaubensbegriff. Das Vorurteil ist immer verderblich. Wen Furcht anrührt, dass wir nach Mekka pilgern, um Provision für die Bibelkunde zu suchen – erst in spiritu wir, will ich sagen, und dann, in corpore, unsere Reisenden –, der möge sich in die propädeutische Klippschule scheren! Die Gottesgelehrsamkeit ist eine exakte Wissenschaft. Beklommenheit lähmt uns und Kinderfrömmigkeit fruchtet hier gar nichts, und auch nicht Ihr stupides Gesicht, Sie!«

Er stach mit der Reitgerte in Richtung der ersten Reihe. Zuhörer fuhren zurück. Er stach nicht nur in die Luft. Zuweilen schlug er auch zu.

»Inna scharra ad-dawabbi ainda Allahi as-summu al-bukmu al-ladhina la yaqiluna,« rief Michaelis, »und siehe, die schlimmste Bestie vor Gott ist die taube und blöde, der alle Vernunft fehlt, Sure acht, zweiundzwanzig!«

Er ließ die Gerte zweimal laut aufs Katheder klatschen, trank sein Glas Wein aus, lockerte die Halsbinde und fuhr fort:

»Der Reisende, den wir in den Orient schicken, ist unser Rennpferd. Der Springer auf unserem Schachbrett. Unser Werkzeug, unsere Angel, unsere Linse. Unser Fernrohr ist er! Ich will nicht sagen ›nur‹. Es ist ehrenvoll, das Fernrohr eines gut Denkenden, eines genau Studierenden, eines Göttinger Galileo zu sein. Nur hat es schön am Auge zu bleiben. Sie wollen, meine Herren, kein Teleskop, das eigenmächtig über den Himmel schwirrt und weiß Gott nicht was anstellt und alles verzettelt. Das ist kein fliegender Teppich! Das ist nicht das Märchenland! Zumal die Reise sich nicht nur im Raum zuträgt, sondern gleichsam auch in der Zeit. Wer sollte sich hier nicht verirren, wenn der Zügel fehlt, der ihn an Vernunft und Heimat und an die Bibliotheken und an meine Wenigkeit bindet? Die empirische Exegetik macht sich den glücklichen Umstand zu Nutze, dass die Morgenländer sich nicht mit derselben Eile und demselben Fleiß wie wir fortentwickelt haben, sondern sich gleichsam noch heute im biblischen Zustand, im Stande der Unschuld befinden. Dem Orient fehlt es an Hurtigkeit. Auch wurde er nicht von anderen Völkern unter das Joch gebracht und blieb also immer sich selber treu. Wer ins Morgenland fährt, legt nicht nur Meilen über Wasser und Land zurück. Er reist auch rückwärts durch die Millennia. Da landet er denn und klopft bei Moses und sagt, ›Abba Vater, erzähl mir deine Geschichten bitte noch einmal und mit ein wenig mehr Detail. Wie sahen die Kinnim aus, welche Ägypten plagten, wie es geschrieben steht in Exodus 8? Waren sie Mücken oder Schnaken oder eher doch Bremsen oder gar die argen Schlupfwespen, wie sie Hasselquist auf seiner Reise nach Palästina fand?‹«

Michaelis verstummte. Er blickte erwartungsvoll in den Saal. Niemand wagte zu lachen. Michaelis lachte selbst, ein kurzes, heftiges Lachen, trank, zerrte die Halsbinde vom Hals, warf sie auf den Koran und fuhr fort:

»Es handelt sich nicht nur um Mücken. Es handelt sich nicht nur um Naturalien. Es sind nicht nur Steine, Tiere, Pflanzen, Wetter, Gezeiten und Geographie, die wir in Arabien erforschen müssen, sondern zuvörderst das Menschenleben. Worauf sonst ist die Bibel errichtet? Wir wollen von den Sprachen hören! Auch von denen des gemeinen Volks! Von Sitten und Gebräuchen! Was man mit seinen Toten tut! Von den Weibern, wie viele man hat und wie sie behandelt werden! Es genügt nicht zu eruieren, welcher Linnäische Frosch und Heuschreck es nun im Einzelnen war, der das Land Ägypten plagte, wir wollen auch wissen, welchen Wert oder Unwert man ihm im Morgenland zumisst, heute und damals, was gänzlich dasselbe ist! Schlägt man ihn tot? Hat man ihn lieb? Ist er unrein? Verzehrt man ihn? Hält man ihn in Käfigen? Betet man ihn an? Gibt man ihn zum Brautgeschenk? Trägt man ihn, mumifiziert, als Schmuck um den Hals? Das, meine Herren, sind wichtige Fragen. Sie gehören zusammengetragen und niedergeschrieben und in die Hand dessen, der reist, und er hat sie täglich zu memorieren und seine Wege und seinen Blick danach auszurichten!«

»Und was«, rief einer, sehr leise, »was ist mit den Muselmanen?«

Es war ein Medizinstudent. Er war zum ersten Mal hier. Er plante nicht wiederzukommen. Er saß auch nicht in der ersten Reihe. Er konnte es wagen, Professor Michaelis etwas hineinzurufen.

»Was soll mit den Muselmanen sein?«, fragte Michaelis verwundert.

»Sie leben in dieser Gegend?«, bot der Medizinstudent an.

»Ja, Gott sei es gedankt!«, rief Michaelis. »Es wäre schlimm, wenn die Hottentotten dort wohnten oder die Menschenfresser oder etwa Sie mit Ihrem dünnen Stimmchen! Muselmanen sind vernünftige Leute. Gesunde Urteilskraft spricht aus ihrer Geschichte und viel Verstand aus ihrer falschen Religion. Sie sind unsere Zeugen! ›Abu Vater‹, sagen Sie zum Muselmanen, ›was hat Moses damals erlebt?‹«

Michaelis starrte in Richtung des Medizinstudenten, bis dieser »danke ergebenst« zirpte.

»Facta!«, schrie Michaelis. »Beglaubigte, historische Facta! Die sind nicht die Feinde der Pietät und nicht der Dogmatik und auch nicht der Revelation! Wir wollen nicht den ängstlichen Glauben, der wunderlich am Buchstaben klammert! Dagegen ziehen wir aus! Und nicht nur dauernd nach Palästina! Palästina ist zu Tode erforscht! Dort sitzt schon ein Christ unter jedem Kamel!«

Er sprach nun seit fast drei Stunden. Es war bald Mitternacht. Das Licht blakte, die Luft war schlecht. Nebenan in der Studierstube schnarchte einer, vielleicht der kolossale Diener. Irgendwo schrien ein, zwei Kinder der Familie Michaelis. Seit die Franzosen in der Stadt lagen, las Michaelis entweder spät nachts oder sehr früh am Morgen, da er sich sonst beobachtet fühlte. Er wiederholte: »Facta, Facta«, stöhnte, trank und ließ seinen Blick über die Menge schweifen.

»Da ist es ja!«, rief er. »Unser Fernrohr! Da hinten! Ich hatte es gar nicht gesehen! Kommen Sie doch einmal hervor, Herr Niebuhr! Was drücken Sie sich in die Ecke?«

Alle drehten die Köpfe. Ganz hinten, zum Treppenhaus zu, wo es längst keine Stühle mehr gab, stand ein Student und blickte zu Boden. Es war ein strammer Bursche in einem schlichten Rock und einer billigen Flachsperücke, der keinerlei Anstalten machte, hervorzukommen.

»Unser Mathematikus Niebuhr aus dem Bremischen«, schnurrte Michaelis. »Da steht er und schämt sich. Wofür brauchen wir die Mathesis, wenn wir die Realien und Verbalien der Bibel erforschen? Sie?« Wieder zielte er mit der Gerte in Richtung der ersten Reihe, und wieder wartete er keine Antwort ab.

»Was wollen Sie hier, Niebuhr?«, fragte er über zweihundert Köpfe hinweg. »Was hören Sie die Theologie? Wollen Sie Pfarrer werden? Haben Sie nichts Wichtigeres zu tun? Warum sind Sie nicht im Turm bei Mayer und üben mit dem Hadley-Oktanten?«

Eine ungemütliche Stille hatte sich ausgebreitet. Man kannte das schon. Man fragte sich, warum Carsten Niebuhr, einer der designierten Reisenden in die arabischen Länder, immer wieder in Michaelis’ Vorlesung kam, wenn er doch wissen musste, dass Michaelis ihn nur schikanierte.

Niebuhr hatte sich wortlos verbeugt und strebte zum rückwärtigen Ausgang.

»Bleiben Sie hier!«, schrie Michaelis. Niebuhr hielt inne. Er blickte stur vor sich hin, mit jener hartgesottenen Kühle, die Leuten aus dem Norden oftmals das Leben erleichtert. Als ihn Professor Michaelis voriges Jahr gefragt hatte, ob er nach Arabien wollte, hatte Niebuhr entgegnet, »Jawohl. Wer zahlt?«, und sonst nichts, so wurde erzählt. Das gefiel den Studenten. Viele hätten Niebuhr gerne zum Freund gehabt. Aber man wurde nicht mit ihm warm.

»Schauen Sie sich ihn nur gut an, unseren Abenteurer«, sagte Michaelis. »Was braucht man noch, wenn man ins Morgenland will? Außer der Mathesis? Dem Oktanten? Der Kartographie?«

»Sprache?«, fragte leise der Medizinstudent.

»Jawohl. Doch das ist hoffnungslos. Ich unterweise ihn selbst im Arabischen. Das kann er nicht lernen. Das geht nicht in seinen bremischen Kopf. Hebräisch kann er auch nicht. Besser dressiert man einen Gaul zum Pudel, als Herrn Niebuhr eine komplexe Sprache zu lehren. Was braucht man sonst noch?«

Michaelis blickte in die Menge, dann zu Niebuhr, der wie eingewurzelt nahe bei der rückwärtigen Tür stand.

»Kraft! Animalische Kraft! Arabien ist heiß und gefährlich! Da schickt man keine verzärtelten Herrchen hin! Da schickt man den Niebuhr hin! Prosit auf unseren Niebuhr!« Michaelis leerte sein Glas. »Wir haben es einer glücklichen Fügung zu danken, dass uns ein Bauernjunge in den Schoß fiel. Der hat die Entbehrung mit der Muttermilch eingesogen, in Vaters Hütte auf der düsteren Heide. Der kann nicht nur Wurzeln ziehen, der kann auch Wurzeln essen, der Mathematikus Niebuhr aus Lüdingworth-Westerende. Hiob dreißig! Die dürren Wüsten nagen sie ab, oder die zweimal verheerten Felder. Was an Stauden Geschmack hat, brechen sie gierig ab, und die Wurzeln des Pfriemenkrauts sind ihre Speise. Das sind arabischhebräische Facta, die unser Herr Niebuhr von zuhause kennt!«

Ein Raunen durchlief die Reihen, wo die theologische Hälfte des Publikums saß. Professor Michaelis lächelte.

»Luther war ein braver Mann«, meinte er leutselig, »doch lang ist es her. Schätzen Sie sich glücklich, dass ich meine eigene Übersetzung der Schrift zitiere. Sie ist noch nicht publiziert. Doch zurück zu Stauden und Wurzeln. Was ist Hiob hier widerfahren? Worum handelt es sich bei dem Gewächs namens rethem? Ist es der Kalistrauch, die Tatarendistel, welche die Ärmsten gierig verspeisen? In Palästina ist sie überall, diese Distel. Wächst sie in Arabien auch? Im glücklichen Arabien? Im wüsten Arabien? In allen Arabiae auf Gottes schöner Erde? Bald können wir Niebuhr fragen, wie ihm die Wurzel bekommen ist. Doch was, beim Teufel, ist rethem genau? Der Prophet Elia schläft darunter, als der Engel ihn anrührt, und Hiobs Familie frisst es von unten ab. Was ist hebräisch rethem, arabisch ratam? Das ist das nämliche Wort! Wenn ich ›Pfriemenkraut‹ übersetze, ist dies nichts als ein Notbehelf. Wie sieht sie aus, wie riecht sie, wie schmeckt sie, die Pflanze rethem gleich ratam? Wie Luthers Wacholder gewiss nicht. Das ist ein Kraut, das vermaledeite rethem, dem es auf der Wartburg zu kalt ist! Denken Sie mit, meine Herren! Betrachten Sie nichts als erwiesen, nur weil Doktor Luther es schrieb! Und was haben sich hier nicht die Exegeten zerquält. Die Sache haben sie mildern, Hiobs Leuten das Wurzelfressen ersparen wollen, und so lasen sie gegen alle Vernunft, dass man den Strauch nur verbrennt und nicht isst. Doch man verbrennt keine Sträucher, wo diese Geschichte spielt. Dort brennt man Mist! Getrocknete Fladen! Kamelschiss! Das ist Allgemeingut! Solches zu eruieren, bedarf’s des Niebuhrs nicht!«

Über all dem rethem und ratam hatte Professor Michaelis den Studenten aus dem Bremischen fast vergessen gehabt. Jetzt suchte er ihn mit den Blicken. Doch Carsten Niebuhr war unbemerkt durch die Tür geglitten und längst aus dem Haus.

Die Nacht war sternenklar. Niebuhr ging zur langen Jüdengasse hinunter, rechterhand an St. Jacobi vorbei und die Weendergasse nach Süden. Weil er Tag und Nacht die Kartographie übte, sah er stets eine Windrose über allem schweben, als seien Welt und Weltplan das Gleiche. Von Südsüdwest kam ein Schwein gelaufen. Seit die Franzosen in der Stadt lagen, war es nachts so hell, dass alles in Unordnung geriet.

Niebuhr mochte Göttingen recht gern. Es mochte es lieber als Bremen und viel lieber als Hamburg. Es mischten sich in Göttingen auf angenehme Weise das Bäurische und die Vernunft. Manchmal, selten, da er kaum Zeit fand, sich zu vergnügen, spazierte Niebuhr im Grünen umher, etwa beim Wall vor dem Groner Tor, und grübelte über die Wissenschaft. Wie die Universität sie hervorbrachte. Wie die Stadt sie aufsog. Vielleicht weckten nicht die Franzosen nachts die Tiere auf, dachte er übermüdet, sondern die ständigen Kollegia der Universität. Er schaute dem Schwein hinterher, das sich zum Jacobikirchhof trollte, und holte tief Luft in der kühlen Nacht, eine Erleichterung nach dem stickigen Hörsaal.

Nun war Michaelis wieder einmal überstanden. Was er nicht alles wusste. Carsten Niebuhr, der ein Talent dafür hatte, seinen Geist nur auf das zu konzentrieren, was für seine eigene Pflicht von Bedeutung war, sortierte rethem und ratam aus. Er war der Mathematikus der anstehenden Expedition. Rethem gleich ratam ging ihn nichts an. Die Pflanzen gingen den Physikus an, Herrn Forsskål aus Schweden. Sollte der sich die Pflanzen merken. Und der Philologus von Haven die Wörter dazu. Die Zeit drängte. In einem Jahr wäre man wohl schon auf See. »Geht hin und forscht und bringt mir Geschenke mit, ihr drei Weisen aus dem Abendland«, hatte Michaelis gesagt, in einem fast lieblichen Ton. Da hatte der Wein ausnahmsweise sein Gift verdünnt. Dafür bedurfte es einer beträchtlichen Menge.

»Atakallamu, tatakallamu, tatakallamina, tatakallamani, yatakallamu, tatakallamu«, murmelte Niebuhr vor sich hin. Das rollte nicht leicht von seiner Zunge. Doch er würde es lernen. Hier irrte Professor Michaelis. Carsten Niebuhr konnte durchaus Arabisch lernen, wenn er nur eine ordentliche Methode fand. Michaelis würde noch stolz auf ihn sein. Er überquerte den Kornmarkt. Dabei war er so sehr mit dem Arabischen beschäftigt, dass er den Fischabfall nicht sah, der sich um den Fischstein verbreitete, und fast darin ausgerutscht wäre. Wohl hatte man gestern Fischmarkt auf dem Kornmarkt gehalten.

In der Stinkenden Gasse beschleunigte er seinen Schritt. Sie stank nicht viel mehr als der Kornmarkt, doch wahrscheinlich stank sie moralisch. Franzosen, Studenten, schlechte Frauenzimmer, magere Hühner und ein äpfelnder Esel waren hier schlaflos zugange. Jemand hatte mitten auf der Straße ein Feuer angezündet und alles lärmte und schrie. »Yatakallamuna, yatakallamna«, sagte Niebuhr gewissenhaft her. Das hieß ›sie sprechen, sie sprechen‹. Der Araber unterschied genau, ob es nun Männer oder Frauen waren, die sprachen. Bei Männern hing ein -muna hinten am Verb und bei Weibern ein -mna. Auch ob zwei oder mehr Leute sprachen, konnte man der Grammatik entnehmen. Das hieß dann, je nachdem, Dualis oder Pluralis. Im Grunde kam die arabische Sprache dem mathematischen Denken entgegen. Der Araber war sehr exakt. Seine Frauen sprachen per -mna, doch ansprechen durfte sie keiner. Damit war in Arabien nicht zu spaßen. »Das muss man aber dem Niebuhr nicht einbläuen, unser Niebuhr spricht auch auf der bremischen Heide kein Weibsbild an«, hatte Michaelis, nicht nur einmal, gesagt. Damit hatte er recht. Carsten Niebuhr hatte eine gewisse Scheu vor Frauen und Mädchen. Sie anzusprechen, dachte er, könnte den Eindruck erwecken, man hätte genügend Geld, sie zu heiraten. Woher Professor Michaelis das allerdings wusste, war ihm ein Rätsel. Professor Michaelis wusste die erstaunlichsten Dinge.

Sprach man die Frauen oder Töchter eines Mohammedaners an, wurde man umgebracht. Sagte man ein Vaterunser, wurde man ebenfalls umgebracht. Ging man zu nahe an Mekka heran, wurde man umgebracht. Selbst wenn man im Stehen und nicht auf den Knien sein Wasser abschlug und sich dabei erwischen ließ, wurde man schleunigst umgebracht. Solches hörte Niebuhr ständig. ›Umbringen‹ war das Wort, das am öftesten fiel, wenn das Gespräch auf Mohammedanisches kam. Professor Michaelis sorgte sich allerdings wenig. »Pah, die bringen den Niebuhr nicht um«, hatte Michaelis gesagt, »die machen ihn lieber zum Mundschenk, mit seinen nordseeblauen Augen.« Darauf hatte er so lange schmutzig gelacht, bis auch der Letzte begriffen hatte, was Mohammedaner unter einem Mundschenk verstanden. Niebuhr ließ sich durch solche Reden nicht aus der Ruhe bringen. Man sollte schließlich keine Freundschaften im Morgenland schließen. Man sollte sich nicht ins arabische Leben verflechten. Man sollte nur observieren und messen und rechnen, die Koordinaten der heiligen Schrift abstecken und zusehen, dass man nicht etwa den Durchfall bekam. Der arabische Durchfall, so Michaelis, sei tödlicher als jeder Muselman. Du aber wirst haben viel Krankheit, bis dass dein Eingeweide herausgehe. 2. Chronik 21. Das sei der biblische Durchfall gewesen und sei der arabische Durchfall bis heute. Ein Arzt würde mitreisen und das eruieren und auch darauf achten, dass keinem der Forscher die Eingeweide herausgingen, nicht dem Physikus, nicht dem Philologus und auch nicht dem Mathematikus. Niebuhr stieg mit Umsicht über einen hinweg, der zusammengerollt im Schmutz schlief. Er sah seiner Reise mit Zuversicht und Spannung entgegen.

Vollends begriffen hatte er immer noch nicht, wozu die Gottesgelehrsamkeit die Mathesis brauchte. Das moderne Christentum nach Göttingischer Weise, so schien es, bediente sich eines Hadley-Oktanten und eines Newtonschen Tubus, um den Glauben in Ordnung zu bringen. Michaelis konnte dies gewiss erklären, doch für die großen Kollegia in seinem Haus waren solche Grundsatzfragen viel zu schlicht. Immer hoffte Niebuhr darauf, dass Michaelis den theologischen Urgrund der arabischen Reise und den Nutzen aller losgeschickten Personen bespräche, doch immer wurde er enttäuscht, immer gab es nur böse Worte, Heuschrecken, Pfriemenkraut und den Koran. Niebuhr hatte Gott um Rat und Lenkung gebeten, weil Michaelis weder riet noch lenkte, doch Rat und Lenkung blieb überall aus. Mehr als ein wenig von dem, was Michaelis die Kinderfrömmigkeit schimpfte, fand Niebuhr in seinem Herzen nicht. So warf er sich denn auf Mathesis, Sternkunde und Kartographie. Gott Vater würde seine Hand über ihn halten. Und Michaelis wäre begeistert. Eines Tages, wenn sie sicher heimgekehrt wären, würde Professor Michaelis vollends begeistert sein, was sie im Morgenland alles gefunden hätten. Diesem Tag sah Niebuhr freudig entgegen.

Nun konnte er das Observatorium sehen. Man hatte es erst vor wenigen Jahren auf einen der südlichen Stadttürme gebaut, wie ein eigenes kleines Haus oder Kirchlein auf einem runden Podest, hoch oben über der Stadt. Fast jeden Tag ging das Gerücht, die Franzosen hätten es geschlossen, beschlagnahmt, gar ein Pulvermagazin dort hineinverlegt, doch das glaubte Niebuhr nicht. Schon zu oft war es erzählt worden, und jedes Mal saß Professor Mayer dann dort oben ganz unbehelligt und ging seiner Arbeit nach.

Auch den Krieg hatte Niebuhr aussortiert, genau wie rethem und ratam. Im glücklichen Arabien würde der Krieg nicht sein. Vielleicht in Ostindien. Dort war der Krieg ebenfalls hingedrungen, wie in der Frankfurter Zeitung zu lesen war. Doch nach Ostindien wollte man nicht. Dort hatte sich Biblisches nie ereignet. Dort waren keine Geschenke für Professor Michaelis zu holen.

»Ansa, tansa, tansayna, yansa, tansa«, murmelte Niebuhr. Ob das glückliche Arabien wirklich so glücklich war? Bald sähe man es mit eigenen Augen und wahrscheinlich interessierte es keinen, nicht Michaelis, nicht die dänische Krone, die dessen exegetische Expedition finanzierte, denn die Frage, wie glücklich Arabien war, fiel gewiss unter ›läppischer Dreck‹.

Professor Mayer hatte schon auf Niebuhr gewartet. Mit einem kleinen holländischen Schiffsfernrohr hatte er aus dem Nordfenster gespäht, wann sein Lieblingsstudent denn endlich erschiene. Er freute sich jede Nacht auf ihn, wie er von Norden daherkam, mit verschlossener Miene und schnellem, soldatischem Schritt, auf den Lippen arabische Wörter. Er lief die Treppe hinunter, um ihn zu begrüßen.

Mayer schrieb Mondtafeln. Darauf basierte sein Lebenswerk. Das dauernde Schreiben und Immerweiterschreiben von Mondtafeln, so nützlich es für Theorie und Praxis der Wissenschaft war, erschöpfte die Augen und war auch für die Seele nicht nahrhaft. Mayers Seele, die eine weiche war, zehrte noch immer vom Halleyschen Kometen. Dieser war vor wenigen Wochen durch das Perihel gegangen, genau wie es Halley vorhergesagt hatte. Der schöne Schwanzstern, dessen Nucleus, Dunstkreis und bläulich strahlender Schweif hatten Mayer so angerührt, dass er kaum etwas dazu hatte zu Papier bringen können. Er hatte seinen kleinen Sohn aus dem Bett gezerrt, ins Observatorium getragen, dort auf den Schoß genommen und seine Hände um den vierschuhigen Newtonschen Tubus gelegt, auf dass er den Kometen dadurch betrachten und sich dies für sein Leben merken konnte. Das vom Schlaf zerzauste Haar seines Sohnes vor Augen und ohne den Kometen selbst noch zu sehen, hatte Professor Mayer einige Tränen vergossen und sich nicht dafür geschämt. Danach hatte er die Chose trockenen Auges mit Passageninstrument und Mauerquadrant vermessen. Eine gewisse Empfindsamkeit, fand Mayer, sei jedem Astronomen gestattet. Schließlich blickte er nachtaus, nachtein von Amts wegen ins Ewig-Unendliche.

»Waren Sie schon wieder bei Michaelis?«, fragte Mayer und schüttelte Niebuhrs Hand. »Sie sind ganz verzweifelt. Warum tun Sie sich das an?«

»Verzweifelt?« Niebuhr blickte verdutzt an sich hinunter, als sei Verzweiflung etwas, das auf dem Rock klebt wie Schmutz. »Von Haven geht doch auch hin.«

»Von Haven ist das Hündchen vom Michaelis. Er sitzt beim Katheder und wedelt.« Professor Mayer warf Niebuhr einen langen Blick zu, in der Hoffnung, dass dieser lächeln oder sich empören möge. Doch Niebuhr lächelte nicht und empörte sich nicht. Er runzelte die Stirn, als versuche er sich den Philologus von Haven beim Wedeln vor einem Katheder vorzustellen, leibhaftig und nicht metaphorisch.

Mayer nahm Niebuhr mit nach oben. Er setzte ihn an den Tisch neben dem mittelgroßen Tubus und ließ ihn die heutigen Zahlen ins Reine schreiben. Das tat ihm gut, wusste Mayer. Niebuhr schrieb gerne Zahlen. Auch zeichnete er gerne etwas ab. Er war sich nie zu schade für Kopistendienste. Oft schien es Mayer, als kopierte er lieber, als dass er alles bedachte. Dabei dachte er gut. Er war gewitzt. Man musste ihn nur ermutigen. Er legte Niebuhr die Hand auf die Schulter. »Warum hasst er Sie so, Michaelis? Was haben Sie ihm getan?«

»Wenn ich das wüsste.« Niebuhr kopierte Fixsternparallelen. »Vielleicht ist er an meinem Arabisch verzweifelt. Ich bin an dem Luckmann verzweifelt.« Er richtete das mittelgroße Teleskop auf den Jupiter, der im Süden beim Antares stand. »Das brachte ihn wahrscheinlich auf.«

»Wer ist der Luckmann?«

»Ein alter Araber. Der Fabeln erzählt.« Niebuhr studierte durch den Tubus die Monde. »Er ist bibelalt, soweit ich verstanden haben. Er sagt in bibelaltem Arabisch, ›Esel schreien so hässlich‹ et cetera, irgendwo im Koran. An dem bin ich verzweifelt. Michaelis ritt auf dem Luckmann herum und dann verriss er den Muhammad wie ein Rezensent von der Zeitung. Dessen Schreibstil und Prosodie, und dass er klinge wie der Magister Lobesan mit seinen Knittelversen und zusammengekramten Phrasen. Darüber hat er ewig geschimpft. Ich dachte, das sei wohl kein gutes Gespräch, wenn ich in Arabien sagte, euer heiliges Buch ist voll der schönsten Vernunft, aber welch schlimme Dichtung. Das wollte ich mir nicht merken. Und wozu mir der Luckmann taugt, das wusste ich eben auch nicht. So redet doch keiner. Das hat doch keinen Nutzen. Da ging ich und lernte aus Büchern weiter.«

»Ich dachte, Michaelis erteilte Ihnen Privatlektionen?«

»Ja, gewiss.«

»Sie sagten zu Michaelis, ›ich sehe keinen Nutzen in Ihrem Privatunterricht, Herr Professor, ich lerne lieber aus Büchern‹?«

»Ich will doch seine Zeit nicht verschwenden.« Liebevoll skizzierte Niebuhr die Positionen von Europa und Kallisto. Die übrigen Monde waren bedeckt.

Mayer begann zu lachen. Niebuhr schaute ihn verwundert an. Mayer wollte dem jungen Niebuhr die Welt erklären, doch stattdessen erklärte er ihm, dass man so nah am Okular nicht reden soll, weil der Atemhauch sonst alles befeuchtet.

Als er wieder Zahlen schrieb, fragte ihn Professor Mayer noch einmal, warum er sich dauernd von Michaelis schikanieren ließ.

Niebuhr blickte auf. Er hatte die Perücke abgenommen. Seine Haare standen zu Berge und an der Stirn war noch der Abdruck, wo die Perücke gewesen war. Mayer fragte sich, wann er eigentlich schlief.

»Ich mag Michaelis«, sagte Niebuhr langsam. »Er weiß so viel. Ich begreife davon so wenig. Er weiß von allem etwas, und von allen Sprachen sehr viel. Er übersetzt die Bibel neu. Das macht er im Kopf, er schreit es zu seinem Famulus hin, der alles niederschreibt, und ist dabei nicht mal nüchtern. Er jongliert mit dem mosaischen Recht wie ein Winkeladvokat, so ganz ohne Scheu. Er hat einen freien Geist. Er blickt Gott frei an. Gott und die Welt. Er ist mit allem frech per Du, ohne Feierlichkeit. Ich verstehe ihn nicht. Ich bewundere ihn.«

Mayer lächelte. Er wollte Michaelis’ freien Geist nicht besprechen. Er nahm Niebuhr die Ephemeriden weg und sie übten mit dem Hadley-Oktanten, was nachts kein Kinderspiel war.

Jahrs darauf verließ Carsten Niebuhr Göttingen, um sich mit dem Philologus von Haven, dem Physikus Forsskål, einem Zeichner, einem Arzt und einem schwedischer Diener von Kopenhagen nach Konstantinopel einzuschiffen. Ein vielhundertseitiges Schriftstück, das die Instruktionen und alle Fragen enthielt, welche Professor Michaelis an die Bibel und ans Morgenland stellte, lag in seinem Gepäck. Viele Gelehrte, aus vielen Ländern Europas, hatten brieflich etwas dazu beigesteuert.

Michaelis sagte ihm nicht Adieu. Professor Mayer schleppte mit seinem Famulus einen Quadranten herbei, den er mit eigener Hand graduiert hatte, zurrte ihn mit Stricken auf dem Kutschendach fest und wusste dann nichts zu sagen.




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