Erinnerung an meine Jahre in Berlin
Sammy Gronemann


Nach der Emigration ins gelobte Land sitzt Sammy Gronemann 1946 auch einer Strandterrasse vor der «köstlichen Silhouette Jaffas» und staunt über die gelungene Verwirklichung des zionistischen Jugendtraums. Diese Staunen löst in ihm den Wunsch aus, den Weg dorthin und damit sein eigenes Leben aufzuschreiben. Seine amüsant geschriebenen Erinnerungen geben Einblick in das jüdisch-zionistisch Milieu Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg.

Sammy Gronemann wurde 1875 als Sohn eines Rabbiners geboren. Nach dem Jurastudium ließ er sich als Anwalt in Berlin nieder und bestätigte sich mit Erfolg als Schriftsteller. Er zählte zu den führenden Köpfen der zionistischen Bewegung. 1933 emigrierte er zunächst nach Paris, dann nach Tel Aviv, wo er 1952 starb.







Sammy Gronemann

Erinnerungen an meine Jahre in Berlin


SAMMY GRONEMANN

ERINNERUNGEN AN MEINE JAHRE

IN BERLIN

Aus dem Nachlaß herausgegeben

von Joachim Schlör


© e-book Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014

eISBN 978-3-86393-521-4

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INHALT


Vorwort (#ud7438636-886f-58b9-903e-934e5562616a)

Erinnerungen an meine Jahre in Berlin (#u79d5e946-95b5-5e8e-aff6-f52359f7755e)

Anhang (#udf3456e0-8f55-50b8-8a8e-b970071f5893)

      Nachwort 

Abbildungen (#u6c255349-5720-54e4-83d1-f4d5500a9584)

Glossar (#ue80beada-ab58-51ef-8069-7eba90d342e5)




VORWORT


„Zu den Bekanntschaften, die ich in jener Zeit gemacht habe, kann ich in gewissem Umfange auch die nähere Bekanntschaft mit mir selbst rechnen, soweit man sich überhaupt selbst kennen lernen kann, will man nicht dazu kommen, jede Beziehung mit sich selbst abzubrechen.“

Sammy Gronemann

„Verzeihen Sie, wenn Ihr Buch weit wertvoller ist, als Sie es haben möchten.“

Otto Abeles

Israel Shilony, geboren in Berlin, hat in den siebziger Jahren eine Versammlung im Van-Leer-Institut von Jerusalem besucht und seinen Eindruck so beschrieben: „Ich konnte mich überallhin umschauen und die Gesichter beobachten. Fast alle waren sehr alte Herrschaften (und erst daraus wurde mir klar, daß ich selber so alt bin...), da saßen sie mit ihren schönen, alten, lebenserfahrenen, kultivierten Gesichtern, es war einfach ein aufregender Anblick! Und dann wurde mir bewußt, daß dies das letzte Mal ist, dieses Gesamtbild wunderbarer Köpfe des deutschen Judentums.“ In diesem Augenblick, so Shilony, wurde ihm klar, „daß ein Museum entstehen muß, um das deutsche Judentum im Bild für das Auge festzuhalten“. Weil Nahariya die einzige Stadt der Welt ist, die von deutschen Juden gegründet wurde, sollte das Museum hier seinen Platz finden, inzwischen ist es nach Tefen in den galiläischen Bergen umgezogen.

Januar 2003. Der Vortragssaal im Goethe-Institut von Tel-Aviv ist gut gefüllt. Im Publikum sitzen Menschen, wie sie von Shilony beschrieben wurden: lebenserfahren, gütig, neugierig. Ich stelle den ersten Band von Sammy Gronemanns Erinnerungen (Berlin 2002) vor, eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts liest einige Stücke aus seinem Buch Schalet. Beiträge zur Philosophie des wenn-schon (1927, Neuauflage Leipzig 1998). Zum Abschluß werden von einem Kassettenrecorder drei Lieder aus dem Musical Shlomo ha-melech we Shalmai hasandlar abgespielt, der Text, von Nathan Alterman ins Hebräi­sche übertragen, beruht auf dem Stück Der Weise und der Narr von Sammy Gronemann. Und auf einmal singen und swingen die Zuschauer im Saal mit. Irgend etwas ist es mit diesem Namen, mit der Erinnerung an diesen Mann – wenn man von ihm spricht, geht ein Lächeln über die Gesichter.

Den „Scholem Aleichem der Jeckes“ hat ihn Schalom Ben-Chorin genannt, und seine Witwe, Avital Ben-Chorin, erinnerte sich bei den Veranstaltungen an die Zeit, als sie mit 16, 17 Jahren als Haus­mädchen bei Sammy Gronemann und seiner Schwester Elfriede Bergel-Gronemann in Tel-Aviv arbeitete. In solchen Fragmenten tragen wir die Erinnerungen an den Autor, Anwalt und zionistischen Politiker zusammen. Wir brauchen nicht nur Museen, wir wollen wenigstens die Texte der vertriebenen Autoren wieder lesen können. In einem Seminar an der Universität Potsdam haben Studierende des interdisziplinären Studiengangs Jüdische Studien die Erinnerungen gelesen und sich daran gemacht, Quellen zusammenzutragen, die von den Stationen dieses Lebens berichten, damit diese erste deutsche Ausgabe der Erinnerungen auch verstanden werden kann. Die Ergebnisse sind im Nachwort festgehalten. Ich bedanke mich bei allen, die sich an diesem kleinen Ausbruch aus dem universitären Alltag beteiligt haben. Möge es nützen.

Joachim Schlör




ERINNERUNGEN AN MEINE JAHRE

IN BERLIN

I.


Mich zog’s von Abdera nach Athen. Nicht länger wollte ich in Hannover „an der Leine“ angebunden sein. Mich lockte Berlin: „Spree-Athen.“ Ich fürchtete, unter den Philistern entweder einen Windmühlenkampf zu führen oder, was noch schlimmer gewesen wäre, selbst im Sumpfe des Philistertums zu versinken. Hatte ich mich doch nicht völlig dem ständigen „Frosch-Mäuse-Krieg“ entziehen können, der fortwährend innerhalb der Synagogen-Gemeinde geführt wurde. – Ich war ganz gegen meinen Willen in diese Streitigkeiten verwickelt, und wohl oder übel mußte ich mich dem gesellschaftlichen Rhythmus dort anpassen. „Gott soll schützen vor der Provinz“, sagt der alte Jacobi bei Georg Hermann. Das schlimmste aber ist die große Provinzstadt, die sich wer weiß wie großstädtisch vorkommt. Als ob schnurgerade Straßen und höchst korrekt und symmetrisch angelegte Schmuckplätze es ausmachten. Über die Architektur dieses Hannover ließe sich vieles sagen, – aber dazu ist hier nicht die Gelegenheit. Da hatte der Geheimrat Professor Haase von der Technischen Hochschule, der als eine Art Felix Dahnsche Wotangestalt durch die Straßen der Haupt- und Residenzstadt wandelte, einen neuen Stil erfunden, eine Art neuer gotischer Backsteinarchitektur, deren groteske Abscheulichkeit bei jedem Fremden baß Verwunderung erregte und die er mit dem an sich nicht unschönen niedersächsischen Stil zu verschmelzen suchte. Die Hannover­aner freilich waren auf diesen ihren Stil höchst stolz. – Hübsch war der Stadtwald, die Eilenriede, die freilich mehr Parkcharakter hatte und in der die Stadtverwaltung Orgien der Bevormundung und Ordnung feierte. Alle Bänke hatten Inschriften wie „Für Erwachsene“, „Nur für Kinder“, „Nicht für Kindermädchen“. – Doch gab es dort eine Reihe netter Gartenwirtschaften, zu denen man im Sommer schon in aller Frühe hinausfuhr. In meiner Junggesellenzeit radelte ich täglich mit meiner Schwester schon um halb sieben dorthin, um nur nicht jenen – vorsorglich kalendarisch nicht festgelegten – Tag zu versäumen, an dem den Stammgästen gratis Erdbeeren mit Schlagsahne verabfolgt wurden. Dieser Stadtwald lag im Osten der Stadt, anschließend an das vornehme Wohnviertel. Beiläufig bemerkt, ist es wohl die einzige Stadt, in der das Villenviertel im Osten liegt, – sonst gilt ja immer der Westen als vornehm, – warum, ist mir nie aufgegangen. (Vielleicht deshalb, weil man im Westen länger schlafen kann?) – Am andern Ende der Stadt, im Westen, führte die 2 km lange Herrenhäuser-Allee vorbei an dem alten Welfenschloss, umgebaut zur Technischen Hochschule, zum Herrenhäuser Park, dessen langweilige Taxus­hecken-Anlagen, nach Versailler Muster angelegt, an vergangene Herrscherpracht erinnerten. Gegen­über dem Welfenschloss aber, an der anderen Seite der Allee, lag der Georgen-Garten, eine schöne englische Parkanlage, und dort in der Kaffeewirtschaft trafen sich nachmittags, beson­ders am Sabbat-Nachmittag, eine Anzahl jüdischer Honorationen. Es war, man denke, eine Wirtschaft mit biblischer Bedienung. Dort servierten freilich nur eisgraue alte Damen den Kaffee. Erfreulicherweise gab es aber in der Stadt auch anders geartete Lokalitäten mit weiblicher Bedienung, in denen eben jene Stützen der Gemeinde zwar gern verkehrten, aber nach Möglichkeit vermieden, sich zu begrüßen oder zu erken­nen. Ich freilich machte mir immer ein besonderes Vergnügen daraus, wenn ich etwa im „Bienenkorb“ solche Würdenträger fand, sie mit besonderer Herzlichkeit laut zu begrüßen, was nicht immer mit gleicher Herzlichkeit erwidert wurde.

Sabbat war der Synagogenbesuch unerlässlich, und nachher, zwischen zwölf und eins, setzte die große Besuchsparade ein. Mit langem Gehrock und unvermeidlichem Zylinderhut auf dem Kopf, am Arm die festtäglich gekleidete Frau, wandelte man die Straßen entlang, um die pflichtschuldigen Besuche zu absolvieren. Und es wurde da genau Rechnung geführt. Auch ich und meine Frau konnten uns diesem Brauche nicht entziehen, so stumpfsinnig diese Besuchstouren auch waren. Bis ich dann endlich auf eine erlösende Idee kam: Wir zogen, vorschriftsmäßig adjustiert, los, aber versteckten uns bald in irgendeinem Hauseingang und beobachteten die vorüberziehenden Paare. Wie wir nun ein solches Paar entdeckten, dem wir solchen Besuch „schuldig“ waren, suchten wir schleunigst die betreffende Wohnung auf, um mit dem Ausdruck unseres lebhaften Bedauerns, die Herrschaften nicht getroffen zu haben, unsere Karten abzugeben. So konnten wir uns dann oft an einem Vormittag einer großen Schuldenlast entledigen.

Mir drohten noch andere Gefahren. Ich konnte mich in Hannover nicht den ehrenvollen Anforderungen entziehen, zu allen möglichen Gelegenheiten Carmina oder Festspiele zu machen oder gar den üblichen „Damentoast“ zu halten. Bei­läufig will ich einer jetzt wohl entschwundenen Sitte gedenken: Es war zu jener Zeit bei jedem Diner üblich, daß, wenn der Hauptgang, die traditionelle Pute oder Gans, serviert wurde, der bedienende Geist, dem Wink der Hausfrau folgend, den Braten vor den als Opfer ausersehenen Gast hinstellte, und voll schreckhafter Erwartung folgten alle Herren dem Gang des dienstbaren Geistes, bis dann das unglückliche Opfer sich sofort erheben und nun den Übergang von der Gans zum Damentoast finden mußte, wobei es oft schwer war, alle leichten Assoziationen auszuschalten. Und zu solchem Opfer wurde ich immer wieder ausersehen: ich war in Gefahr, so etwas wie ein „Bratenbarde“ zu werden und in unserem Kreise in den Ruf zu kommen wie seinerzeit der demokratische Reichstagsabgeordnete Albert Traeger, mit dem mich übrigens noch eine andere Schicksalsgemeinschaft verband. Er hatte so wie ich eine furchtbare Handschrift, und so kam es, daß einmal das Amtsgericht ihn ersuchte, doch in seiner Unterschrift den Buchstaben „g“ deutlicher zu machen. Darauf sandte er dem Gericht einen großen Bogen voll säuberlich geschriebener „g“s ein mit der Bitte, sich gegebenenfalls zu bedienen. – Etwas Ähnliches war mir einmal geschehen, als das Amtsgericht Niendorf mir wegen unleserlicher Unterschrift einen Antrag zurücksandte. Ich legte dagegen Beschwerde ein und bat gleichzeitig, mir den Namen des unterschreibenden Richters mitzuteilen, den ich nicht entziffern konnte. Meine Beschwerde hatte übrigens Erfolg, und auf drei Folioseiten hat das übergeordnete Landgericht auseinandergesetzt, daß anhand des beigedruckten Stempels es nicht schwierig gewesen wäre, meinen Namen zu entziffern, wobei mit preußischer Gründlichkeit jedem einzelnen Strich meiner kalligraphischen Handschrift nachgegangen wurde.

Besonders viel herangezogen wurde ich zu Vereinsfestlich­keiten. Da gab es einen von meiner Mutter ins Leben gerufenen „Verein ehemaliger Religionsschülerinnen“ (das männliche Pendant wurde allgemein „Verein ehemaliger Tefillinleger“ genannt), einen jüdischen Kegelklub und jenen von mir schon erwähnten von Mendel Zuckermann geleiteten „Verein zur Förderung jüdischen Wissens“, – und so gern ich mich auf dem Pegasus tummelte, machte mir diese equestrisch poetische Übung wenig Spaß. Etwas ganz anderes war es, wenn ich in Berlin für die Zionistische Vereinigung oder den Turnverein Bar-Kochba später heitere Stücke schreiben konnte.

Also: Ich beschloss, Hannover den Rücken zu kehren und nach Berlin zu übersiedeln, zumal Alfred Klee, der vor dem Staatsexamen stand, drängte, mich mit ihm zu assoziieren. Übrigens gravitierte schon damals meine Praxis immer mehr nach Berlin, und nicht selten hatte ich vor einem dortigen Gericht zu tun. So geschah es einmal, als ich in einer an sich unbedeutenden Sache eine Verteidigung wegen Verletzung des Briefgeheimnisses führte, als ich eine bezeichnende Episode erlebte: Gerade damals war der imposante neue Justizpalast in Moabit eröffnet, und als ich den blitzblau, „in Neuheit funkelnden Verhandlungssaal“ betrat, steuerte ein sehr liebenswürdiger junger Kollege auf mich zu, um mir mitzuteilen, die Anordnung der Sitze für die Verteidiger, nämlich Klappsitze angeschlossen an die Anklagebank, hielten die Berliner Kollegen für standesunwürdig, und als Zeichen des Protestes setzten sie sich auf herbeigeschaffte Stühle. Er bat mich, mich dieser Demonstration anzuschließen. Dieser mein freundlicher Mentor war niemand anders als Karl Liebknecht, und es ist für mich eine amüsante Erinnerung, daß ich ihn, mit dem ich später öfter zu tun bekam, bei solcher Gelegenheit kennen lernte, bei dem noch harmlosen Kampf gegen die Mächtigen der Erde.

Bevor ich aber nun meinen Beschluss ausführte, konnte ich meine Hannoverschen Juden noch sehr damit ärgern, daß ein zionistischer Delegiertentag dort arrangiert wurde. Die Tagung war an sich nicht bedeutungsvoll, aber immerhin reichte die Tatsache, daß dort das nationale jüdische Banner erhoben wurde, aus, um die hannoverschen Juden gehörig zu ärgern. Und es erschienen dann in hannoverschen Zeitungen, besonders im „Hannoverschen Kurier“, erboste Zuschriften, worin versichert wurde, daß der Zionismus in Hannover nie Wurzel schlagen würde. Hierbei will ich etwas nachholen: Bei allen Kongressen, die ich besuchte, hatte ich für hannoversche Zeitungen die Berichterstattung übernommen, und meine Berichte gelangten auch im wesentlichen unverstümmelt zum Abdruck. Nachträglich kam dann immer eine nichts weniger als wohlwollende Kritik der Kongresse. Auf jenem hannoverschen Delegiertentag von 1906 hatte Dr. Hans Mühsam einen damals recht radikal anmutenden Antrag gestellt dahingehend etwa, daß die deutschen Juden als „Nationale Minorität“ organisiert werden sollten. Der Antrag wurde damals einstimmig abgelehnt. Das hinderte aber Herrn Rabbiner Dr. Heinemann Vogelstein nicht, eine überaus scharfe polemische Schrift gegen den Zionismus erscheinen zu lassen, die im wesentlichen auf dem Mühsamschen Antrag beruhte. Er ging in dieser Schrift so weit, zum Boykott gegen die Zionisten, insbesondere gegen alle dem Zionismus freundlich gesinnten Rabbiner, seine Kollegen aufzufordern. Ich antwortete darauf mit dem schon erwähnten Artikel in der „Welt“ – „Sturmgeselle Vogelstein“. Der Zufall fügte es, daß ich kurz nach Erscheinen jener Broschüre in Berlin in einem Hotel mit Vogelstein zusammentraf. Er stutzte erst, war am Anfang etwas grimmig, aber dann plauderten wir ganz freundlich miteinander. Er gehörte zu jenen Männern, die sachliche Differenzen nicht ins persönliche Verhältnis übertragen.

Meinen bewährten Bürovorsteher August Quante nahm ich mit nach Berlin. Er hat sich dort glänzend eingelebt, wenn ihm auch der Unterschied zwischen der wirklichen und der fiktiven Großtadt erst allmählich aufging. Ich erinnere mich, daß, als er zum ersten Mal das große Warenhaus von Wertheim besichtigte, er mir anerkennend berichtete: „Das ist wirklich ein hübscher Laden.“ – Ich habe übrigens, wie ich bei der Gelegenheit bemerken will, immer die Ansicht vertreten, daß nichts so charakteristisch für Berlin war wie die großen Waren­­­häuser, ganz abgesehen davon, daß der große Bau des Wertheim-Palastes am Potsdamer Platz, erbaut von dem jüdischen Architekten Messel, wohl das schönste Erzeugnis moderner Architektonik in der Reichshauptstadt war. Ich erinnere mich noch der bescheidenen Anfänge von Wertheim in der Rosenthaler Straße, und wie zu Beginn man sich genierte, dort einzukaufen, so daß das Warenhaus Tüten ohne Auf­druck der Firma benutzte, um die Käufer nicht zu kompromittieren. Und als Tietz begann, übertrug sich diese Abneigung gegen Warenhäuser auf diese Firma in noch größerem Maße. Als Tietz in der Leipziger Straße seinen Palast erbaute und über dem Portal vier imposante Frauengestalten schwebten, nannte der Berliner Volkswitz diese „die fünf Sinne – denn der Geschmack fehlt.“ – Dabei eine nette Episode: Einer russischen Dame, die bei uns zu besucht war, schilderte ich die Größe von Tietz, indem ich den alten Witz erzählte: Tietz hat eine zoologische Abteilung. Da ist kürzlich ein Tiger ausgebrochen und hat 14 Tage Verkäuferinnen gefressen, ohne daß man den Abgang merkte. – Das hörte unsere Köchin, ein altes Faktotum des Hauses, setzte ihr Tablett auf den Tisch und sagte: „Das glaube ich nicht.“ – Auf meine Frage, warum nicht, sagte sie: „Ein Tiger frißt doch nur Gras.“

Naturgemäß hatten wir noch eine Reihe Abschiedsbankette mitzumachen, aber schließlich war es doch soweit, und zu Anfang Dezember 1906 fuhr ich nach Berlin, um meine Niederlassung dort zum 1. Januar vorzubereiten.




II.


Ich hatte jetzt die beste Gelegenheit, einem Lieblingssport von mir zu frönen, nämlich dem Wohnungssuchen, da ich mich sowohl um Wohnung wie um Büro umsehen mußte. Schon wenn ich als Student eine „Bude“ suchte, machte mir das inniges Vergnügen, denn die kurzen Besuche bei den verschiedenen Wirtinnen verschafften einen Einblick in mitunter recht sonderbare Milieus und Charaktere. – Ungefähr das gleiche Vergnügen empfinde ich etwa, wenn ich im D-Zug den Korridor entlangwandele und sich nun bei jedem Schritt, von Abteil zu Abteil, neue Genrebilder auftun. – Ich beschloss, den Monat, den ich in Berlin der „Suchaktion“ widmen wollte, nicht in meinem gewöhnlichen Absteigequartier, im „Hotel de Russie“ zu verbringen, sondern ich nahm mir ein möbliertes Zimmer in der Karlstraße. Da erlebte ich gleich in der ersten Nacht ein drolliges, echt berlinisches Abenteuer: Mein Bett stand vor einer Flügeltür. Sehr früh am Morgen wurde ich durch Stimmen geweckt. Ich glaubte erst schlaftrunken, man rede in meinem Zimmer, aber dann merkte ich, daß das Geräusch durch die Tür aus dem Nebenzimmer drang, in dem offenbar auch das Bett gegen die Flügeltür gestellt war. Ich vernahm den überraschenden Satz: „Machen Sie sofort, daß Sie aus meinem Bett kommen!“ – in höchster Wut von einer weiblichen Stimme ausgestoßen. – Das scheint mir allerdings die höchste Zeit, dachte ich und lauschte erstaunt, was folgen würde. Ein heftiger Wortwechsel zwischen einer weiblichen und einer männlichen Stimme, dann ein wildes Getrampel die Tür des Nebenzimmers zum Korridor flog auf, laufende Schritte draußen, dann wurde die Tür zu meinem Zimmer aufgerissen, und eine junge Dame im Nachtgewand mit fliegenden Haaren stürzte in mein Zimmer, klammerte sich an mich und bat in russisch-jüdischem Akzent um meinen Schutz. In der Tür erschien, ebenfalls in sehr intimer Toilette, ein junger Mann, der höchst verstört Aufklärung zu geben versuchte, – aber sie hörte nicht auf ihn. Alle Nachbarn stürzten alarmiert aus ihren Betten und Zimmern, die Wirtin kam, und es erschien auch ein Polizist. Mit Mühe gelang es, die Situation zu klären. Die junge Dame war gestern erst eingezogen, sie hatte in der nahegelegenen Klinik in der Ziegelstraße ihre Tante untergebracht: Der junge Mann aber, eben von einer Reise zurückgekehrt, wusste davon nichts, daß die frühere Bewohnerin des Zimmers, seine Freundin, ausgezogen war. Inhaber des Schlüssels der Wohnung, schlich er sich morgens herein, um ihr eine freudige Überraschung zu bereiten. – Die Überraschung gelang auch völlig, wenn sie auch nicht eben freudig war. Nur ganz allmählich beruhigten sich die Gemüter, aber die junge Dame, allzu überwältigt von der ersten Nacht in Berlin, packte sofort ihre Sachen und zog aus.

Mit Alfred Klee wanderte ich bei der Bürosuche lange umher, bis wir endlich in der Königstraße, gegenüber dem Rathaus, ein uns zusagendes Büro fanden. Wir hatten die Aussicht auf den Altstädter Markt, die Stelle, an der vor einigen hundert Jahren die letzte Judenverbrennung stattgefunden hatte und an der jetzt das Lutherdenkmal stand. In diesem Büro blieben wir einige Jahre. Alfred Klee nach Absolvierung des Staatsexamens trat erst zum 1. April in die Praxis, während ich schon zum 1. Januar diese aufnahm.

Das Leben des Barreau in Berlin unterschied sich wesentlich von dem in Hannover. Das Landgericht I in Berlin in der Grunerstraße ähnelte architektonisch mehr einem Kunstgewerbemuseum, war aber nicht unzweckmäßig gebaut. Erstaunlich war für mich nur der Einfall des Architekten, über dem Portal ein Modell des Gebäudes aufzubauen, und ich konnte nie ermitteln, ob nun wieder neben dem Portal dieses Modells ein kleineres Modell ange­bracht sei und so bis in die Ewigkeit fort. – Wer über die gewundenen Gänge und die verschnörkelten Treppen wandelte, war erstaunt, wenn in einem bestimmten Teil des Geländes die feierliche Stille, die dort im allgemeinen herrschte, durch ein brausendes Geräusch unterbrochen wurde. Wenn er ihm nachging, stand er dann plötzlich vor dem Eingang des Anwaltszimmers oder vielmehr des geräumigen Saales, in dem die Anwälte residierten. Dort herrschte ein unbeschreiblicher Lärm, hauptsächlich verursachten den Männer in flatternden Roben mit großen Aktenbündeln unter dem Arm, die unaufhörlich Namen, meist jüdischen Anklangs riefen, – die nämlich ihre Prozessgegner suchten. In Hannover war das anders gewesen. Dort hatte sich der eigentümliche Brauch herausgebildet, daß jeder Anwalt sich auf das Gericht von seinem jüngsten Schreiberlehrling begleiten ließ, der die Akten trug und dessen Aufgabe es war, den gegnerischen Anwalt zu suchen. Diese Jungens saßen nun, mindesten hundert an der Zahl, auf den Treppen herum und harrten des Winkes ihres Chefs, wen sie aufzusuchen hätten. Dann setzten sie sich mit dem entsprechenden Schreiberlehrling in Verbindung, der ja nun wusste, wo sein Herr und Gebieter steckte. Das war natürlich in einem Betriebe wie in Berlin nicht möglich, und so hatte man folgendes System ausgeklügelt: Jeder Anwalt hatte ein kleines Schild an der Wand des Anwaltszimmers und schrieb darauf, in welches Zimmer er sich begeben wollte. Wenn ihn aber dann ein Kollege dort aufgesucht und zu einem anderen Terminzimmer abgeholt hatte, war natürlich jene erste Notiz irreführend, und es setzte jene Schreierei ein. Auf hohem Podium aber thronte der Chef der Anwaltsboten, Herr Werner mit seinen Gehilfen und suchte, das Chaos mit mächtiger Stimme, unterstützt von echt berlinischem Witz, zu dirigieren. – „Herr Gronemann“, rief er mir einmal zu, „draußen wartet ein Klient auf Sie!“ (Draußen stauten sich immer Mengen von ihren Anwalt suchenden Klienten.) „Wie sieht er denn aus?“, fragte ich. – „Na“, sagte er, „gemäßigter Galizianer.“ Er hatte für viele der Kollegen nicht immer schmeichelhafte Spitznamen. Ein Kollege, der dafür berüchtigt war, daß er auf dem Korridor ratlos umherirrende Leute ansprach und sich so Klienten zu schaffen suchte, hieß der „Flurschütz“, und wenn man nach seinem Aufenthaltsort fragte, pflegte Werner etwa zu antworten „In Jagen (Jagdrevier) vierzehn.“ – Der Anwaltssaal hatte eine große Anzahl von Nebenräumen, insbesondere ein Schach­zimmer, in dem ständig vier oder fünf Partien im Gange waren und in dem zahllose Kibitze dem Spiel folgten. Es war sehr schwer, jemanden, der in sein Spiel vertieft war, loszueisen und ins Terminzimmer zu bringen. – Bemerkenswert waren auch die Schreiberjungen, die mit Akten in die einzelnen Terminzimmer eintraten, um dort einen gutwilligen Anwalt zu finden, der für ihren verhinderten Chef schnell das Auftreten übernehmen wollte: denn trotzdem man es sich angewöhnt hatte, an jedem Tage telephonisch sich miteinander über die Zeit, in der man sich treffen wollte, zu verständigen (bei mir war eine Dame nachmittags nur damit beschäftigt, solche telephonischen Verabredungen zu treffen) war es nicht immer möglich, die Verabredung pünktlich einzuhalten, zumal außer den drei Landgerichten an den verschiedenen Enden der Stadt es noch vielleicht 20 in der ganzen Stadt verstreute Amtsgerichte gab, in denen Termine wahrgenommen werden mußten. Da kam es vor, daß man plötzlich Akten in die Hand gedrückt bekam und dann in der Eile nicht einmal merkte, ob man eigentlich als Kläger oder Beklagter auftrat, was besonders dann geschehen konnte, wenn auf der andern Seite auch eine solche Improvisation stattfand. Es machte übrigens wenig aus, da meistenteils doch nicht wirklich mündlich verhandelt wurde. Die Vorschrift der Zivilprozessordnung lautete zwar auf mündliche Behandlung, aber das war gar nicht durchführbar, und alle Sachen wurden schriftlich ausführlich vorbereitet. Dann hieß es einfach: Wir bitten, den Inhalt der Akten als vorgetragen anzusehen. – Natürlich gab es bei ernsthaften Prozessen, dann schließlich doch eine gründliche Verhandlung, aber bei 40 – 50 Sachen, die jeden Tag innerhalb von drei Stunden erledigt werden mußten, waren das eben nur Ausnahmefälle.

(Man erzählt, daß ein jüdischer Kollege einmal am Jom Kippur erst abends während des Nile-Gebets zur Synagoge kam, auf seinen Machsor deutete und sagte: „Lieber Gott, ich bitte, den Inhalt als vorgetragen anzusehen.“)

Begreiflicherweise wurden im Anwaltszimmer lebhaft alle Tagesfragen diskutiert, und auch die jüdischen – fanden sich doch dort vom Zionisten bis zum extremen Assimilanten alle Schattierungen zusammen. Ich erinnere mich einer Debatte im Schachzimmer über die Frage, ob der Weihnachtsbaum in ein jüdisches Haus gehört. Ein durchaus antizionistischer, aber sonst jüdisch gesinnter Kollege polemisierte lebhaft gegen jene unwürdige Nachäffung christlich-germanischen Brauches. Darauf fuhr ihn ein Anhänger des Christbaums an: „Mit Ihnen kann ich nicht reden, Sie sind ja Zionist.“ Der andere verwahrte sich entschieden gegen diese „Verdächtigung“ und erhielt die erstaunliche Antwort: „Ach was, wer keinen Weihnachtsbaum anzündet, ist in meinen Augen ein Zionist.“ – Dabei erinnere ich mich an den Justizrat Max Meyer, der in seiner Person mir ein merkwürdiges Beispiel jener Verwirrung gab, welche in den jüdischen Köpfen herrschen kann. Er führte ein streng gesetzestreues Leben, schrieb und fuhr nicht am Sabbat und führte natürlich einen rituellen Haushalt. Aber den Weihnachtsbaum zündete er an und verteidigte diese Befolgung „germanischer Sitte“ mit Energie. Im ganzen herrschte in den Anwaltsräumen doch eine heitere Luft im Gegensatz zu der eher finsteren Atmosphäre, welche sonst das Justizgebäude erfüllte, und mancher Klient, der in den Saal hineinguckte, war wohl entrüs­tet darüber, wie harmlos heiter es dort zuging, während er doch glaubte, daß die Sachwalter der ernstesten Interessen ebenso bedrückt und aufgeregt wie ihre Klienten sich gebärdeten. Bisweilen ging es so übermütig zu wie in der Schulpause des Gymnasiums. Und wirklich wurde man an jene Schulzeit etwa erinnert, wenn im Schachzimmer der alte Justizrat Freudenthal sich von den ihn umgebenden Kollegen die mitgebrachten Frühstücksbutterbrote zeigen ließ, um das ihm am meisten zusagende zu annektieren. Aber diese Idylle änderte nichts an dem lärmenden Charakter jenes Saales, und es war nicht ganz leicht für mich, mich in dieses Getriebe, daß von dem ruhigen Betrieb in Hannover so abstach, hineinzufinden. Ich mußte es wohl oder übel fertig bekommen, denn meine Praxis begann eigentlich gleich von Anfang an, sich recht stark zu entwickeln.

Es ist vielleicht nicht uninteressant zu beobachten, wie eigentlich eine Praxis aufsteigt. Im Anfang mögen ja persönliche Bezie­h­ungen von Nutzen sein. Aber das Interesse der Freunde lässt schnell nach und dann können eben nur Erfolge der Arbeit und die Empfehlungen der Klienten die Sache fördern, – übrigens nicht nur der Klienten. Ich habe mehrfach die Erfahrung gemacht, daß gerade Prozessgegner, die ich zur Strecke gebracht hatte, meine besten Helfer wurden. So erinnere ich mich, daß in einer Armensache, die ich unentgeltlich führen mußte, der Gegner, der unter­legen war, mir daraufhin Klienten zuschickte und selbst einer meiner besten und treuesten Kunden wurde. – Noch charakteristischer ist vielleicht ein anderer Fall aus späterer Zeit: da handelte es sich um den Leiter einer großen Kolonialgesellschaft, von dem ich als Vertreter seines Gegners eine bestimmte Erklärung provozieren wollte. Der Herr befand sich auf einer Weltreise, und nun fand er in jedem Hafen, den er berührte, ein dringendes Telegramm von mir vor, bis ihm die Geduld riß, und er schließlich telegraphisch jene erwartete Order gab. Er widerrief sie zwei Stunden später telegraphisch, aber da war es zu spät. Ich war überzeugt, daß er mein Todfeind geworden war, aber siehe, Jahre später, als er in eine große Affäre verwickelt wurde, kam er zu mir und erklärte: „Sie haben mich seinerzeit beinahe krank gemacht. Aber Sie haben mir so imponiert, daß ich meine Sache in ihre Hände lege.“ Das hat er denn auch nicht bereut. Dieser Prozess, dessen Stenogramm unter dem Titel „Ein Riesenkolonialprozess“ veröffentlicht wurde, ging glücklich aus und war einer der interessantesten Fälle meiner Praxis.

Ich komme aber auf die Anfangszeit meiner anwaltlichen Tätigkeit zurück und will den einen oder andern charakteris­tischen Fall aus jener Zeit skizzieren. – Da war die russisch jüdische Tänzerin Maria S. Die junge Künstlerin hatte in den Varietés Rußlands sehr viel Beifall gefunden, – und nicht nur Beifall. Sie war mit Geschenken recht wertvoller Art geradezu überhäuft. Eine Dame der Aristokratie z. B. in Moskau war von ihr so begeistert, daß sie ihre Brillantohrringe abnahm und ihr hinter die Bühne sandte. Ein Verehrer ihrer Kunst schenkte ihr einen kostbaren Fächer, dessen Stäbe durch Hundertrubel-Scheine verbunden waren etc. Sie kam mit ihrer Mutter in einem Sommer in ein deutsches Bad, geriet dort irgendwie unter den Einfluss von Persönlichkeiten, die ihr Interesse nach anderer Richtung lenkten, und sie beschloss, der Bühne zu entsagen und sich der Krankenpflege zu widmen. Dabei stieß sie auf den heftigsten Widerstand der Mutter. Das war der Typus der „Theatermutter“, nur ins Jiddische übersetzt. Sie wollte durchaus nicht auf die Einnahmequelle verzichten, was um so begreiflicher war, als sie derartig geldliebend und knauserig war, daß sie beispielsweise regelmäßig, wenn sie die Straßenbahn benutzte, Versuche machte, etwas vom Preise des Billets abzuhandeln. Hatte sie schon vorher ihre Tochter in überaus strenger Zucht gehalten, so nahm das jetzt groteske Formen an, sodaß Merim sich kaum noch frei bewegen konnte. Sie fasste den Entschluss dem Gefängnis zu entfliehen, und eines schönen Morgens erschien sie in meinem Büro, in der Hand ein großes zusammengeknüpftes Tuch. Ohne etwas zu sagen, öffnete sie dieses Paket, und auf meinen Tisch ergoss sich ein Katarakt von Brillanten, Schmuckstücken aller Art etc. Ich starrte die Beschwerung entgeistert an: sie erklärte mir kurz, sie sei ihrer Mutter fort gelaufen und hätte allen ihren gehörigen Schmuck mitgenommen. Sie ginge zur Mutter nicht zurück, – ich solle mich ihrer annehmen. Ich stellte fest, daß sie auf der Bank auch noch ein Kapital, wenn ich nicht irre, von 200.000 Mark hatte und begriff, daß höchste Gefahr im Verzuge sei. Ich raste mit ihr im Auto nach Charlottenburg zu dem zuständigen Gericht. Unterwegs hatten wir eine Panne. Wir mußten zuerst zur Apotheke, wo Merim verbunden werden mußte, und so kamen wir zu spät, um die Erlassung eines Arrestes auf das Kapital zu verhindern. Nun begann ein gewaltiger Kampf vor Gericht. Die alte Frau erklärte kühn und gottesfürchtig, daß die gesamten Schmucksachen ihr gehörten und ihr verehrt seien. Außerdem beschuldigte sie mich, ihre Tochter entführt zu haben: eines Tages drang sie in Begleitung einiger Frauen in meiner Abwesenheit in meine Wohnung ein, da sie glaubte, daß ich das Mädchen bei mir versteckt hielte. Es gab einen sehr langwierigen Prozess, und das Gericht ordnete das sogenannte „vorbereitende Rechnungsverfahren“ an, d. h. ein Richter wurde damit beauftragt, die einzelnen Posten zu prüfen. Das dauerte wochenlang, und ich hatte den Nachweis über die Herkunft jedes einzelnen Schmuckstückes zu führen. Es war da eine ganz interessante Liste von Kunstenthusiasten, die zusammen kamen: fürstliche Persönlichkeiten, Männer der Hochfinanz etc. kamen in Frage. Als Zeugen aber figurierten hauptsächlich Kollegen vom Varieté. In diesen Kreisen hatte die Sache großes Aufsehen gemacht, und es drängten sich bei mir in diesen Wochen Sänger, Sängerinnen, Bauchredner, Schlangenbeschwörer, Trapezkünstler, ferner Impresarien des Varieté, die alle Merim zur Seite stehen wollten. Die Mutter aber ließ aus Ungarn ihren Bruder kommen, der das Blaue vom Himmel runter beschwor. Schließlich kam es zur Verhandlung vor einer Zivilkammer, der der feudale Landgerichtsdirektor von Keller vorsaß. Die Mutter Merims war persönlich erschienen, und der Herr von Keller beklagte sich, daß diese alte Frau ihm ständig das Haus einrenne, trotzdem er ihr ein-für allemal habe erklären lassen, daß er sie nicht empfange. Die alte Frau aber, offenbar in etwas naiven Vorstellungen über deutsches Prozesswesen befangen, begehrte vor Gericht selbst das Wort und führte, wohl zum Erstaunen auch ihres katholischen Beistandes, aus: „Ich will Ihnen erzählen, Herr Präsident, wie die ganze Sache ist. Hier der Rechtsanwalt Gronemann ist ein Zionist. Und was wollen die Zionisten? – Den russischen Kaiser umbringen und ‘nen jüdischen Kaiser machen, und dazu brauchen sie mein Geld.“ – Das Gericht war etwas verblüfft, aber auch diese Argumentation vermochte nicht, den Prozeß zu Gunsten der alten Dame zu wenden. Bevor es aber zu einem rechtskräftigen Urteil kam, gab es eine unerwartete Lösung: es tauchte ein reicher Pflanzer aus Kuba auf, der sich in Merim verliebte und sie als seine Frau in seine Heimat mitnahm. Der alten Dame wurde von der Tochter eine auskömmliche Lebensrente gewährt.

In ziemliche Verlegenheit kam ich, als ich einen jungen jüdischen Kaufmann wegen Betruges zu verteidigen hatte. Es war eine überaus raffinierte Sache, die er angestellt hatte, und die er auch zugestand. Nun war die einzige Möglichkeit die, vor dem Gericht mildernde Umstände zu erwirken, und zwar wegen seiner offenbaren geistigen Minderwertigkeit. Wie vertrug sich das aber mit jenem Raffinement? Ich kam auf den Gedanken, ihn zu fragen, welche Zeitungen er zu lesen pflegte, und in einem dieser Blätter, dem „Pester Lloyd“, fand ich den Bericht über einen raffinierten Betrug, der genau in derselben Weise ausgeführt war, wie der jetzt zur Verhandlung stehende, nur mit dem Unterschied, daß der Täter in Budapest nicht gefaßt war, während mein Klient durch sein Ungeschick ins Unglück geraten war. Ich klärte so die Sache auf, und der junge Mann kam mit der verhältnismäßig geringen Strafe von sechs Monaten davon. Ich erinnere mich, daß die entzückende Braut des jungen Mannes, die später eine bekannte „spanische“ Tänzerin wurde, ihrem Vater, einem alten Justizrat in Berlin, das Urteil in neckischer Weise beibrachte, indem sie ihm erst erzählte, ihr Verlobter hätte drei Jahre bekommen, und dann allmählich über zwei Jahre und ein Jahr zu dem wahren Resultat kam, worüber sich der alte Herr vermutlich sehr gefreut hat.

Nun will ich bei dieser Gelegenheit einen anderen kuriosen Fall erzählen, bei dem ich auch Dummheit als Milderungsgrund geltend machte. Der Fall ist deshalb interessant, weil hierbei in drastischer Weise das Problem in Erscheinung tritt, das so oft zu jener Frage Anlaß gibt, die immer wieder Verteidigern von Laien vorgelegt wird: Ist es für Sie nicht eine große Verlegenheit, wenn Sie einen Angeklagten verteidigen müssen, der seine Schuld leugnet, von dessen Schuld Sie selbst aber überzeugt sind? Dieser Konflikt tritt übrigens nicht so häufig auf, wie man sich im Publikum gewöhnlich vorstellt. Vor allem ist kaum ein Verbrecher so töricht, etwa, wenn er vor Gericht die Schuld bestreitet, diese seinem Verteidiger einzugestehen. In solchem Falle freilich bliebe dem gewissenhaften Anwalt nichts anderes übrig, als die Verteidigung niederzulegen. Wenn aber der Verteidiger im Gegensatz zu der Behauptung des Angeklagten doch zu der Ansicht hinneigt, daß eine Schuld vorliegt, darf er sich nicht wohl seinem eigenen Empfinden überlassen, sondern hat die Pflicht, die für den Angeklagten sprechenden Momente vorzubringen und dem Gericht die Entscheidung und die Verantwortung zu überlassen, es sei denn, daß er ganz zweifellos von der Schuld überzeugt ist. Es sind aber auch Fälle denkbar, in denen der Verteidiger trotz des Leugnens des Angeklagten es für seine Pflicht hält, seiner Überzeugung von der Schuld Ausdruck zu geben, sich also von seinem Mandanten zu distanzieren.

Bei dem Fall, den ich jetzt erzählen werde, handelt es sich um ein ganz geringfügiges Vergehen, für das nach dem juristischen Tarif der Täter vielleicht mit 2 – 4 Wochen Gefängnis bestraft worden wäre. Der betreffende Angeklagte, ein russischer Jude, saß auf der Anklagebank völlig apathisch und teilnahmslos, – allem Anschein nach war er taubstumm und idiotisch. Das Gericht hatte aber einigen Verdacht, daß er simulierte und ordnete darauf eine Untersuchung durch den Gerichtspsychiater an: Der Mann wurde auf sechs Wochen zur Beobachtung in die Klinik überwiesen. Ferner beschloß das Gericht, ihm einen Verteidiger zuzuordnen; zum Verteidiger wurde ich ernannt. Ich sah den Ange­klagten zum ersten Mal bei der neuen Verhandlung und nahm ihn in eine Ecke des Gerichtssaales, während das Gericht über das Urteil in der vorhergehenden Sache beriet. – Ich sagte ihm, der mich blödsinnig angrinste, ungefähr folgendes: „Lieber Freund, ich weiß nicht, ob Sie ein Wort von dem, was ich sage, verstehen. Wenn Sie sich aber nur verstellen und so tun, als ob Sie verrückt wären, dann sind Sie’s wirklich. Sie laufen Gefahr, auf ewige Zeiten ins Irrenhaus gesperrt zu werden, während Sie, wenn Sie ihre Vorstellung aufgeben und ihre Tat eingestehen, höchstens ein paar Wochen Gefängnis bekommen und vermutlich längst frei wären, während Sie jetzt schon zwei Monate sitzen. Haben Sie mich verstanden?“ – Der Mensch zwinkerte mir verständnisvoll zu. Jetzt also im Klaren über seine Simulation, schärfte ich ihm ein, gleich zu Beginn der Verhandlung seine Komödie aufzugeben. Wie groß aber war mein Schrecken, als die Verhandlung begann, und der Angeklagte nach wie vor weiter simulierte. Da war ich nun wirklich in größter Verlegenheit. Ich wußte doch, daß er simu­lierte, durfte aber nach den strengen Vorschriften für Anwälte keineswegs diese meine Wissenschaft dem Gericht mitteilen. Weiter konnte ich aber auch nicht, ohne den Mandanten zu schädigen, in diesem Moment das Mandat niederlegen, ganz abgesehen davon, daß ich ja nicht ein gewählter, sondern ein von Amts wegen bestellter Verteidiger war. Nach dem ersten Schreck sagte ich mir aber, daß ja der Gerichtspsychiater die Wahrheit enthüllen und mich so aus der Verlegenheit befreien werde. Aber nun geschah das Erstaun­liche, daß der Psychiater in lichtvoller Weise darlegte, daß von Simulieren keine Rede sein könne, und daß die angestellten Experimente mit voller Sicherheit erwiesen hätten, daß der Angeklagte wirklich taubstumm und idiotisch sei. Nun saß ich wirklich in der Tinte. Der alte Amtsgerichtsrat aber, der die Verhandlung leitete, schmunzelte verdächtig und rief zu meiner Überraschung noch einen Zeugen, den Wachtmeister Schmidt, auf, der sich selbst gemeldet hatte. Dieser sagte kurz und bündig: „Als ich nach der letzten Verhandlung den Angeklagten ins Gefängnis zurückbrachte, drehte er sich lachend um und sagte: ‚Habe ich das nicht gut gemacht?‘“ – Das erregte stürmische Heiterkeit und eine für den Angeklagten eher sympathische Stimmung. Der Amtsanwalt beantragte zwei Wochen Gefängnis, und ich als Verteidiger sagte, die heitere Stimmung ausnutzend: „Geben Sie ihm ruhig drei Wochen, aber lassen Sie das als durch die Untersuchungshaft verbüßt ansehen!“ – So geschah es dann auch, und der arme Schlucker konnte nach Hause gehen.

Ein zu rechter Zeit angebrachter Scherz, der die Eintönigkeit und Düsterkeit der Atmosphäre wohltuend unterbricht, kann bisweilen Wunder wirken. So handelte es sich einmal in einer erbitterten Mietsverhandlung darum, ob die betreffende Räumlichkeit eine Privatwohnung, wie der Gegner behauptete, oder ein Geschäftsraum, wie mein Klient darstellte, sei. Er behauptete, darin eine Schusterei zu betreiben, während der Gegner sagte, das sei nur eine Fiktion. Letzterer brachte einen Zeugen, der aussagte, er sei gegen Mittag in die angebliche Schusterei gekommen. Dort hätte mitten im Raum die Frau im Bett geschlafen. Das sei doch offenbar keine Werkstatt. Darauf sagte ich: „Der Zeuge hat übersehen, daß vor dem Laden ein Schild steht mit dem ausdrück­lichen Hinweis: ,Verkauf ab Lager‘.“ – Die gegenseitige Erbitterung löste sich in Heiterkeit auf, und es war jetzt nicht schwer, einen angemessenen Vergleich zu finden.

So viel Freude mir die Tätigkeit eines Verteidigers machte, habe ich doch nach dem Eintritt von Alfred Klee in die Praxis nur noch ausnahmsweise Verteidigungen geführt, diese vielmehr ganz und gar meinem Freunde überlassen, der ausschließlich Strafpraxis machte. Denn Alfred Klee war als Vertei­diger geradezu genial. Es fehlte in Berlin nicht an tüchtigen Verteidigern, an deren Spitze damals, nachdem Fritz Friedmann schon vor Jahren infolge einer peinlichen Affäre ausgeschieden war, die Justizräte Sello und Wronker standen. Alfred Klee hatte seinerzeit seine Anwaltsstation bei Wronker absolviert und von ihm die Tradition des vornehmen alten Advokatenstils übernommen. Bei aller Energie, mit der er für seine Schutzbefohlenen eintrat, hat er nie vergessen, daß zwischen Angeklagtem und Verteidiger eine Distanz besteht. Er hat nie die Würde des Gerichtssaales verletzt und vor allem nie zu unwürdigen Werbemitteln gegriffen. Gerade dadurch unterschied er sich wohltuend von einer großen Fülle von Verteidigern in Moabit, deren Verhalten geeignet war, den Ruf des Anwaltsstandes zu schädigen. Bei vielen dieser Herren war es geradezu Übung geworden, wenn irgendein interessanter Kriminalfall Aufsehen erregte, auf irgendwelchen Wegen sich um die Verteidigung zu bewerben und geradezu das Interesse des Angeklagten zu schädigen, dadurch daß sie die Presse, auch wenn die Sache noch im vorbereitenden Stadium war, mit Notizen versorgten, während es doch meistenteils gerade im Interesse der Betroffenen war, möglichst im Dunkeln zu bleiben. Die Journalisten waren natürlich für solche Tips dankbar und wußten, sich dadurch zu revanchieren, daß sie die Namen der betreffenden Verteidiger möglichst oft in die Presse brachten und den Verhandlungen, an denen diese Herren beteiligt waren, besondere Aufmerksamkeit schenkten. In unserer Praxis, und nicht nur in der Strafpraxis, war es ganz außer Frage, sich solcher nach unserer Auffassung unwürdiger Manipulationen zu bedienen, und so gelang es uns sehr oft, Affären, die, in die Öffentlichkeit hinausgetragen, Sensationsaffären geworden wären, in aller Stille zu glücklichem Ende zu führen, so daß es überhaupt oft nicht erst zu einer Verhandlung kam.

Die forensische Beredsamkeit von Alfred Klee war von einer ganz besonderen Art. Als zionistischer Agitationsredner war er in jüdischen Kreisen, zumal in Westeuropa, allerorten bekannt. Seine mitreißende, feurige Beredsamkeit war einfach unwiderstehlich. Selbst der Widerwilligste, sich gewaltsam Sträubende konnte sich dem Bann, der von ihm ausging, nicht entziehen. Das ging nun freilich soweit, daß diese phänomenale, fast zauberhaft zu nennende Wirkung seiner Worte gerade intellektuelle und skeptische Hörer bisweilen bedenklich stimmte. Man fragte sich, ob es nicht nur der Zauber seiner Persönlichkeit, der Klang seiner Stimme, die meisterhafte rhetorische Art waren, die den Hörer fingen, – ob er nicht statt zu überzeugen überredete. Was steckte hinter dem blendenden Feuerwerk, hinter der glänzenden Fassade? War es nur der Künstler, der begeisterte? Man wappnete sich gegen diese suggestive und mystische Kraft. – Aber er war mehr als ein Feuerwerker des Wortes. In den Jahrzehnten, in denen ich mit ihm in engster Freundschaft verbunden Tür an Tür arbeitete, lernte ich den echten Klee kennen, der bei aller Freude an Wirkung und Effekt der Idee des Zionismus innerlich verbunden war. Wie hätten sich die liberalen Juden Berlins um ihn gerissen, wenn er sich dazu hergegeben hätte, in ihren Versammlungen, bei ihren Banketten, seine Rednergabe zu bewähren. Aber er hat in seiner Zeit, als noch der Zionismus verpönt war, seine Vertreter boykottiert wurden, gleich nach dem Auftreten Herzls sich in den Dienst der zionistischen Sache gestellt. Unermüdlich raste er – kann man sagen – durch Deutschland, um für die Idee zu werben. So wurde er der Feind Nr. 1 der Assimilation, und erst viel später, als die zionistische Flut nicht einzudämmen war, als wir die Gemeindestuben eroberten, wurde er auch von jener Seite anerkannt. – In seiner Verteidigertätigkeit eröffnete sich nun für ihn ein neues Wirkungsgebiet. Er war keineswegs nur ein Redner, sondern, mit wunderbarem Fingerspitzengefühl begabt, wußte er stets in jeder Situation die rechte Einstellung und das rechte Wort zu finden. – Es ist vielleicht nichts charakteristischer für den Zauber, der von ihm ausging, als daß ich selbst, der ich ihn doch unzählige Male in Versammlungen gehört hatte, wenn es mir nur irgend möglich war, zu Strafverhandlungen ging, in denen er verteidigte. Fast immer geschah es schon kurz nach Beginn der Verhandlung, daß er der leuchtende Mittelpunkt des forensischen Theaters wurde. Die Art, wie er ein Zeugenverhör zu führen wußte, und wie er in einem Schlußplädoyer plan- und lichtvoll zu plädieren verstand, war einfach unübertrefflich, und auch abgebrühte, pedantische Richter konnten sich seiner Redekunst und der Logik seiner Darlegung nicht entziehen. Mehrfach war es vor­gekommen, daß nach seinem Plädoyer der Verteidiger der Anklagebehörde, der vorher den Schuldspruch beantragt hatte, sich erhob und erklärte, die Darlegungen des Verteidigers hätten ihn überzeugt, er beantrage auch seinerseits Freispruch. Ich möchte eine groteske Äußerung anführen, die vielleicht in ihrer Ursprünglichkeit am besten die Wirkung zeigt, die von ihm ausging. Da war der Gentleman-Einbrecher S., der u. a. den ziemlich berühmt gewordenen Juwelenraub in der Potsdamer Straße von seinem Büro aus dirigiert hatte, der nach Klees Plä­doyer ihm sagte: „Dr. Klee, ich weiß, ich wandere jetzt auf Jahre ins Zuchthaus. Aber es lohnt sich, weil ich dafür Ihre Rede gehört habe.“ – Für seine Geis­tesgegenwart und Schlagfertigkeit nur ein Beispiel: Da stand ein alter Jude vor Gericht, der beschuldigt war, sich an einem kleinen Schulmädchen unsittlich vergangen zu haben. Der Mann war ganz bestimmt unschuldig. Aber nichts ist gefährlicher als die Aussagen von Kindern vor Gericht. Von alten Weibern beiderlei Geschlechts monatelang durch Suggestiv-Fragen beeinflußt, sagt das Kind schließlich im besten Glauben vor Gericht aus, und niemand zweifelt an der Wahrheit des unschuldigen Engels. (Ärzte und Schullehrer wissen darüber zu berichten.) – Die Sache sah recht trübe aus. Doch der Vorsitzende ließ zu Beginn der Vernehmung das Kind an den Richtertisch treten, gab ihm freundlich die Hand und fragte dann, auf den Angeklagten zeigend: „Nun, mein Kind, kennst Du diesen Mann?“ – Da sprang Klee, der seinen Platz vor der Anklagebank hatte, dazwischen und sagte freundlich: „Nicht wahr, mein Kind, Du kennst mich?“, worauf das Kind treuherzig mit „ja“ antwortete. Der Staatsanwalt tobte, aber damit war der Angeklagte gerettet. – Beiläufig, der berühmte Strafrechtslehrer Professor von Liszt pflegte in seinem Kolleg diese Geschichte als Beispiel der Geistesgegenwart seinen Hörern zu erzählen.

Klee war sich natürlich seiner Wirkung bewußt, und bisweilen machte er gewagte und amüsante Experimente, wenn eine Verhandlung gar zu trocken war. Ich erinnere mich, daß er als Verteidiger in einer Schwurgerichtsverhandlung, als das Redegeplänkel gar zu langweilig dahinfloß, mir ins Ohr flüsterte: „Es ist zu langweilig. Soll ich drüben die Kerls (nämlich die Herren Geschworenen) mal weinen lassen?“ Und siehe da, er erhob sich, – und nach wenigen Augenblicken wurden drüben die Schnupftücher gezogen und geräuschvoll die Nasen geschneuzt.




III.


Ich war also wieder in Berlin, und damit auch im zionistischen Milieu, nicht mehr vereinsamt in übelwollender Umgebung, sondern ich fand hier einen großen Kreis von Gesinnungsfreunden. Das Zentrum zionistischen Lebens war damals das „Café Monopol“ am Bahnhof Friedrichstraße und blieb es auch noch lange Zeit, bis später nach dem Ersten Weltkrieg, dem Zuge nach Westen folgend, auch die sonst nach Osten tendierden Zionisten zum Kurfürstendamm – erst in das alte „Café des Westens“ und dann in das „Romanische Café“ – übersiedelten. Damals aber wußte jeder von auswärts kommende Zionist, daß, wenn er seine Schritte ins „Monopol“ lenkte, er zu jeder Tageszeit dort Gesinnungsfreunde traf und alles Neue aus der zionistischen Welt und allen zionistischen Klatsch erfahren konnte. Das gelesenste und begehrteste Blatt war dort die gelbe „Welt“, das offizielle zionis­tische Organ. (Franz, der Oberkellner, der neben dem schönen Eduard die Gäste betreute, später die leitende Seele im „Romanischen Café“, pflegte zu fragen, wenn die „Welt“ begehrt wurde: „Die Welt am Sabbat“ oder die „Welt am Montag“? – In jedem Falle war es, „nicht die Welt, in der man sich langweilt“. Damals thronte dort als „ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht“ die gewichtige Gestalt von Bertha Meierowicz, der Administratorin der „Jüdischen Rundschau“. (Böswillige behaupteten, daß der Name für das große deutsche Geschütz, die „Dicke Bertha“ im Hinblick auf sie gewählt wäre.)

Die zionistische Vereinigung für Deutschland entwickelte sich hauptsächlich infolge der organisatorischen Tüchtigkeit von Arthur Hantke, der Bodenheimer im Amte folgte, als der Sitz der Organisation nach Berlin verlegt wurde. Die Versammlungen der Berliner Zionistischen Vereinigung wurden immer mehr Ereignisse im jüdischen Leben Berlins, was zum großen Teil das Verdienst von M. A. Klausner war, der unermüdlich in allen größeren Versammlungen als Gegenredner auftrat.

Eine besonderes charakteristische Figur unter den deutschen Zionisten war der Bankier Hans Gidon Heymann, eine urwüchsige Persönlichkeit, in seinem Auftreten eher an einen ostelbischen Junker erinnernd. Seine geradezugehende ehr­liche Art machte ihn ebenso sympathisch, wie seine mimosenhafte Empfindlichkeit und seine brüske Art der Reaktion gegnerischer Ansicht gegen­über die Arbeit mit ihm erschwerte. Es ging kaum eine Tagung vorüber, in der er nicht an die Rampe trat, um mit mühsam unter­drückter Erregung, aber in feierlicher Betonung jedes Wortes, die Erklärung abzugeben: „Ich bitte zur Kenntnis zu nehmen, daß ich mit diesem Moment aus der Zionistischen Organisation für Deutschland austrete.“ – Man nahm diese Mitteilung stets mit Fassung entgegen, denn man wußte aus Erfahrung, daß er schon wenige Minuten danach, als ob nicht geschehen wäre, sich eifrig wie je an der Arbeit beteiligen würde.

Eine Zeitlang habe ich als Vorsitzender der Ortsgruppe Berlin die Versammlungen geleitet. Ich muß gestehen, daß ich gerade an der Leitung stürmischer Versammlungen ein großes Vergnügen wohl mehr sportlicher Art empfand. Es ist wohl die Leitung einer Versammlung, in der sich widerstrebende Elemente befinden, in gewissem Sinne mit der Leistung eines Orchesterdirigenten zu vergleichen, nur muß eben der Präsident verstehen, auch die opponierenden Elemente, die Gegenreden sowohl wie die Zwischenrufe und etwaigen Radautöne doch dem Ensemble sich eingliedern zu lassen. Es gab interessante Gegner genug, Männer wie Motzkin, Schmarjahu Levin, Martin Buber, Berthold Feiwel, neben den eingesessenen Berliner Stars Klee, Loewe, Friedemann. Ein besonderes Vergnügen machte es mir, wenn jener vielfach erwähnte Gegner unserer Sache, M. A. Klausner, auf der Tribüne erschien und zumal, wenn es ein Rededuell zwischen ihm und Heinrich Loewe gab. Man erzählt, – ich erinnere mich persönlich nicht an diesen Vorfall, daß Klausner einmal Loewe persönlich angriff – etwa mit den Worten: Es ist ein Mann im Saal, dessen Existenz ich für das größte Unglück für uns deutsche Juden halte, – und daß Loewe schlagfertig dazwischen rief: „Sie vergessen sich!“ – Als ich Klausner einmal wegen seiner Ausfälle zur Ordnung zu rufen gezwungen war, erhielt ich andern Tags von ihm einen Brief, in dem er sich wegen seines Verhaltens entschuldigte und mich sogar ob meiner korrekten Art der Versammlungsleitung bekomplimentierte, damit freilich eine Werbung für seine Organisation verbindend. – Auch in den internen Versammlungen gab es interessante Redeschlachten. In jenen Jahren war der „Kulturkampf“ noch nicht vorbei, dessen Auftakt auf dem V. Kongreß ich [im ersten Band der Erinnerungen] geschildert habe. Von ortho­doxer Seite wurde insbesondere eine heftige Polemik gegen die Entwicklung des Schulwesens in Palästina geführt. Insbesondere dagegen, daß an dem dortigen Gymnasium Bibelkritik getrie­ben wurde. In einer solchen Versammlung trat nach den konservativen Rednern, deren Hauptver­treter Hermann Struck war, auch Adolf Friedemann als Beschützer der religiösen Tradition auf. Nun kam Adolf Friedemann aus den Kreisen der Berliner Reform und war nichts weniger als gesetzestreu. Gerade aber zurück von einer Reise nach Palästina, die er in Gesellschaft von Hermann Struck gemacht hatte, stand er wohl noch unter dem Einfluß seines Freundes. Levin erwiderte. Nachdem er mit Struck sich auseinandergesetzt hatte, wandte er sich der Abrechnung mit Friedemann zu, indem er nach seiner Art eine Geschichte erzählte: „Vor einiger Zeit“, sagte er, „habe ich auf einem Rummelplatz in der Elsässer Straße eine Bude besucht, in der Neger wilde Schwerttänze aufführten. Als ich kürzlich vorüberkam, war das früher so besuchte Etablissement leer. Ich fragte den traurig vor seiner Bude stehenden Besitzer, woher das komme, worauf dieser antwortete: ‚Ja, in der Lothringerstraße hat sich eine Konkurrenz aufgemacht. Die Neger dort schreien und springen und lärmen noch mehr als meine. Der Unterschied ist nämlich der: meine Schwarzen sind echt, und jene sind gar nicht wirklich schwarz‘.“

Auch bei den Assimilanten herrschte lebhafter Betrieb. Es hatten wohl gerade die zionistischen Erfolge dort aufstachelnd gewirkt. Besonders das Angebot der englischen Regierung Uganda betreffend lenkte die Aufmerksamkeit auch fernstehender Kreise auf die zionistische Bewegung. Nun konnte wohl nicht mehr geleugnet werden, daß sie ernst genommen wurde. Man mußte so auch ein Gegengewicht gegen die Brüsseler Konferenz schaffen. Der „Hilfsverein der deutschen Juden“ (Dr. Paul Nathan) und „Die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israélite Universelle“ (M. A. Klausner), die sich schwer bekämpften, konkurrierten um die Gunst der deutschen Juden. Es wurde eine sogenannte Notabelnkonferenz einberufen, die nun im Gegensatz zu den demokratischen Veran­staltungen der zionistischen Kongresse die Elite der deutschen Judenheit, insbesondere die Elite des deutsch-jüdischen Kapitals, vereinen sollte. Ich schrieb damals eine Tannhäuser-Parodie, zu der Salomon Hildesheimer die Melo­die machte, und in der jene Veranstaltung gehörig persifliert wurde. Da wurde bei dem Sängerstreit von den betreffenden Parteigängern die deutsche Hymne oder die Marseillaise gesungen, und als dann „der Sünde fluchbeladener Sohn“, nämlich der Zionist, die jüdische Melodie anstimmte, wurde er schmählich hinausgewiesen, und Tannhäuser, der sich eine Zeitlang in dem Venusberg bei der Venus Itoisia verirrt hatte, kehrte reumütig auf dem Wege, der zur War(t)burg führte, zurück, und die Stäbe der ruhelos umherirrenden Schnorrer- oder Pilgerschar schlugen, in den Boden des Heimatlandes gepflanzt, aus und wurden fruchttragend. Hildesheimer hatte es wundervoll verstanden, alle möglichen Schlagermelodien kontrapunktisch mit Wagnerischen Motiven zu verbinden.

Solche parodistischen Aufführungen wurden Jahr für Jahr veranstaltet. Die Texte schrieb ich gemeinsam mit Lazarus Barth und Hildesheimer (G.M.B.H. – Gronemann mit Barth und Hildesheimer), und letzterer, der unter dem Spitznamen „Pom“ ging, machte die Musik dazu (C’est la Pom qui fait la musique.)

Meine zionistische Tätigkeit rief mich oft nach Köln zu Sitzungen des deutschen Zentralkomitees oder auch des Aktions­komitees, das David Wolffsohn leitete. Die Sitzungen fanden gewöhnlich in dem Hotel Disch statt, und dort tauchte auch regel­mäßig einer der ständigen Besucher der Kongresse auf, der seltsame junge Gelehrte Dr. Waldenburg. Dieser, ein Nachfolger Galls, hatte sich auf das Messen von Schädeln verlegt und schien im Begriff, eine neue Disziplin zu schaffen. Er hatte einen seltsamen Apparat konstruiert, den er unerbittlich jedem, der ihm in den Weg lief, auf den Kopf stülpte, um dann gewissenhaft die gewonnenen Meßresultate aufzuschreiben. Dieser Apparat hatte die Tücke, daß man sich von ihm nicht selbst befreien konnte. – Ich erinnere mich noch des Dr. Hahn aus Paris, wie er auf einem Kongreß entrüstet herumlief und allen Leuten zeigte, welche Wun­den ihm an seinem kahlen Schädel Waldenburgs Maschine beigebracht hätte. – Einmal kam ich in einem Nebenraum des Hotels Disch dazu, wie Schmarjahu Levin unter diesem Apparat stöhnte. Eiligst holte ich einige Damen herbei, – Frau Bodenheimer, Frau Weizmann – und schmiedete mit ihnen ein Komplott. Sie verwickelten Waldenburg, der ein sehr höflicher Mann war, in ein Gespräch, und er setzte in seiner überaus langsamen Sprechweise seine Methoden auseinander, während sie ihn langsam und unmerk­lich aus dem Zimmer leiteten. Levin fluchte und schrie vergeblich um Hilfe, in den Klammern jenes furchtbaren Appa­rates, bis schließlich Waldenburg sich doch seines Gefangenen erinnerte. – Übrigens hatte Waldenburg seinerzeit eine höchst gelehrte Broschüre veröffentlicht, betitelt „Die isocephale Rassen­theorie bei Hallig-Friesen und taubstummen Juden“. Er hatte sich zu Studienzwecken monatelang auf einer Hallig-Insel in der Nordsee niedergelassen, um durch Schädelmessen bei der Friesischen Bevölkerung, den typischen Germanen, Material für seine Theorie zu finden, daß nämlich der entartete jüdische Schädel ungefähr auf derselben Stufe stände wie der beste deutsche. Er war überzeugt, daß dieses Buch in keinem jüdischen Hause fehlen würde. Aber diese Erwartung erfüllte sich kaum, trotzdem jenem Werk ein gewaltiger Stammbaum einer friesischen Bauernfamilie als besondere Anziehung beigegeben war.

Für den Geist oder Ungeist, der in sogenannten liberalen Kreisen damals herrschte, ist wohl nichts bezeichnender als die Affäre des Rabbiners Emil Cohn. Emil Cohn, einer der wenigen zionistischen Rabbiner, hatte an einer Gedächtnisfeier für Herzl teilgenommen und wurde deshalb vor den Vorstand der Gemeinde zitiert. Als er das Recht der Rede- und Meinungsfreiheit für sich als Rabbiner in Anspruch nahm, erklärte ihm der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Jacobi, brüsk: „Sie stehen bei uns in Lohn und Brot“ und bestritt ihm das Recht eigener Meinung. Da Cohn sich weigerte, sich zu unterwerfen, wurde er entlassen. Es setzte, und nicht nur bei den Zionisten, ein Sturm der Entrüstung ein, der auch in der nichtjüdischen Presse sein Echo fand. Franz Oppenheimer trat für den gemaßregelten Rabbiner ein, und sogar Maximilian Harden glossierte in einem Artikel „Rabbi Cohn“ das seltsame Verhalten der so reaktionären „Liberalen.“ In der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde gab es eine Interpellation. Der Syndikus der Gemeinde, Herr Justizrat Lilienthal, versuchte den Standpunkt des Vorstandes zu rechtfertigen. Unter anderem sagte er, – und diese Äußerung scheint mir charakteristisch für die seltsame Einstellung jener Zeit: „Herr Rabbiner Cohn, sagt, daß er über die Persönlichkeit Dr. Herzls gesprochen habe, ohne den Zionismus hervorzuheben. Kann man sich vorstellen, daß jemand über Kaiser Friedrich III. spricht, ohne über seine Stellung zum Antisemitismus zu sprechen?“ Diese merkwürdig kleinliche Auffassung, daß die Judenfrage auch für die Nichtjuden etwas so ungeheuer Wesentliches sei, hat sich bis in unsere Tage erhalten. Wenn die größten und schwierigsten Fragen der Weltpolitik auf der Tagesordnung stehen, glauben wir kleine jüdische Gemeinschaft sehr oft, daß unsere Angelegenheiten für die anderen ebenso wichtig sind wie für uns, während doch unser kleines Schiffchen neben den gewaltigen Riesenschiffen verschwindet. Ich muß da immer an eine Episode aus meiner Kindheit denken: Da wechselten wir die Wohnung, und als die Riesenkerle von Packern die gewaltigen Möbelstücke in den Wagen schoben, kam unser Kinderfräulein mit einem kleinen Fläschchen heran, reichte es den Riesen herüber: „Ach, bitte, sehen Sie doch zu, daß das Fläschchen nicht umfällt.“

Unter den Veranstaltungen, die wir in Ausnutzung der Affäre Cohn machten, ist mir eine Versammlung in der Viktoria-Brauerei in besonderer Erinnerung. Als Redner trat dort M. A. Klausner, unser erbitterter Gegner auf, der es aber in diesem Fall für seine Pflicht hielt, gegen jenen Vorstoß gegen die Gewissens- und Meinungsfreiheit aufzutreten. Der so überaus charakteristische Beginn seiner Rede ist mir wörtlich im Gedächtnis geblieben. Er sagte: „Es ist hier in Berlin schon feststehende Übung geworden, daß immer, wenn ein Apostel des Zionismus erscheint, ich nach ihm die Rednertribüne betrete, um ihn zu bekämpfen. Wieder ist ein Apostel des Zionismus aufgetreten in der Person des Herrn Syndikus Lilienthal; denn niemand kann den Zionisten jemals solch gute Propagandamittel liefern, wie es seine Rede getan hat. Als ich ihn hörte, erinnerte ich mich eines Vorkommnisses aus meiner Kindheit: damals erschien in meinem Heimatort in einer Schwurgerichtsverhandlung ein berühmter Verteidiger aus Berlin. Er hielt ein glänzendes Plädoyer, das mich aber einigermaßen befremdete. Ich wagte es, nach der Verhandlung an ihn heranzutreten und ihn zu fragen, wie es nur käme, daß er in seiner Rede über das Thema wenig gesagt hätte, sondern seine Redekunst über alle möglichen ganz außerhalb liegenden Dinge sich hätte verbreiten lassen. Der berühmte Advokat sagte mir: ‚Lieber junger Freund, es kam mir heute vor allem darauf an, die Herren Geschworenen mewulwel zu machen.‘ – „Ich sehe“, schloß Klausner diese Periode, „daß diese Tradition von Herrn Justizrat Lilienthal mit Erfolg fortgesetzt wird.“




IV.


Dem VIII. Kongreß, der nach der holländischen Hauptstadt, Den Haag, einberufen war, sah man allgemein und sah ich beson­ders mit großer Spannung und Besorgnis entgegen. Es handelte sich darum, ob David Wolffsohn, der auf dem VII. Kongreß zum Nachfolger Herzls gewählt wurde, vor dem Kongreß bestehen und in seinem Amte bestätigt werden würde. Als ausgesprochener Parteigänger Wolffsohns hegte ich große Besorgnisse angesichts der immer mehr wachsenden Opposition, die sich besonders in russischen und polnischen Kreisen gebildet hatte. Es handelte sich um jenen, von mir schon gekennzeichneten Zwiespalt zwischen den sogenannten „politischen“ und „praktischen“ Zionis­ten. Es war ja seltsam genug, daß sich die Partei der „Praktischen“, größtenteils ostjüdische Menschen, um die Person des deutschen Juden Otto Warburg gruppiert hatte, während der Exponent der „Politischen“ der russische Jude Wolffsohn war. Die Protagonisten, welche auf diesem und den nächsten Kongressen gegeneinander kämpften, waren Leo Motzkin, als Führer der Wolffsohnschen Partei, und Chaim Weizmann als der Exponent seiner Gegner. Die Rededuelle zwischen diesen beiden hervorragenden Persönlichkeiten bildeten stets den Höhepunkt der Debat­ten, und es war vom rein ästhetischen Standpunkte aus ein Genuß, diesen Diskussionen zu folgen. Motzkin, schwer und gewichtig, formulierte in streng logischer, klarer und wuchtiger Art seinen Standpunkt, keinen Zoll breit von seinem Posten weichend, während Weizmann, gleich einem brillanten Florettfechter mit spitzen Pointen jede Schwäche und Blöße des Gegners erspähend, blitzschnell zuzustoßen wußte. Es waren zwei grundverschiedene Fechter, die sich gegenüber standen, und jeder in seiner Art vollendet. Wir, die Anhänger Wolffsohns, waren aber ziemlich kleinlaut gegenüber der geräuschvollen Agitation gegen ihn, nachdem wir wußten, daß auch in dem engen Kreise um ihn, um den Präsidenten in Köln viele seiner Gegner saßen. Er war wirklich auf seinem Posten recht vereinsamt. Bei seiner schon geschilderten Einstellung, der Liebe zur praktischen Palästina-Arbeit und verurteilt zu rein politischer Tätigkeit gemeinsam mit Mitarbeitern, die wenig Verständnis für die besondere Situation zeigten, kam es so, daß er, summarisch gesprochen, seine Feinde liebte und seinen Freunden mißtraute. Er sah sich oft vergeblich nach Beistand um. Seine besten Freunde, Kazenelson in Riga und Eduard Leschinsky in Berlin, konnten nur wenig dazu tun, um seinen Mut aufrechtzuerhalten. Allenfalls war ihm Jacobus Kann eine Stütze.

Mitte 1909 begann der Kongreß. Wer nur irgendwie konnte, hatte sich in Scheveningen einquartiert und fuhr morgens durch den herrlichen Bosch zum Kongreßgebäude. Wolffsohn ärgerte sich nicht wenig, als der Mainzer „Israelit“ ihn hämisch anklagte, daß er am Sabbat in der Haager Synagoge erschienen war, voraussetzend nämlich, daß er sicher den Sabbat durch Fahren mit der Straßenbahn entweiht hatte. Wolffsohn hatte aber, taktvoll genug, den Weg zu Fuß zurückgelegt. Man bemerkte anfangs mit großer Freude, daß eine große Anzahl stattlicher Gebäude unsere, die blau-weiße Fahne gehißt hatten. Die Freude wurde aber einigermaßen gedämpft, als es sich herausstellte, daß es die Häuser des Deli-Klubs und anderer Spielklubs waren, welche sich wohl von dem Zustrom vieler Gäste große Einnahmen erwarteten. Die Delegierten wurden mit Einladungen von diesen Klubs überhäuft, aber ich glaube kaum, daß sie auf ihre Rechnung gekommen sind. Es war doch charakteristisch genug, daß in der Umgebung unserer Kongresse man nirgends auf Kartenspieler traf, obwohl doch gerade bei den russischen Juden das Kartenspiel eine sehr beliebte Unterhaltung ist. Ich selbst liebte Scheveningen sehr und verbrachte manche Feriensommer da, wobei ich auch dann jenen Deli-Klub gern besuchte, da ich, wie ich gestehen muß, die Roulette sehr liebe, die übrigens meine Liebe erwidert, da ich fast immer mit Erfolg abschneide, da ich rechtzeitig im Gewinn aufzuhören verstehe. Aber diesmal mußte ich mir das Vergnügen versagen.

Die Eröffnungssitzungen waren besonders eindrucksvoll. Neben dem Vizepräsidenten des Hohen Rats der Niederlande und Leiter der jüdischen Gemeinde im Haag, de Pinto, der den Kongreß mit einer freundlichen, wenn auch etwas zurückhaltenden Rede begrüßte, war auch der große Maler Josef Israels anwesend. Max Nordaus diesmalige Rede gehört zu den glänzendsten dieses wundervollen Sprechers. Sein Appell an die Gerechtigkeit rief einen unbeschreiblichen Enthusiasmus hervor, dann begannen die sachlichen Debatten. Dem Kongreßstenogramm kann man nicht entnehmen, welche Kämpfe sich hinter den Kulissen abspielten, und wie geschickt es Wolffsohn verstand, die verschiedenen Parteien gegeneinander auszuspielen, so daß er schließlich doch mit einer gewaltigen Majorität gegen nur 59 Stimmen wiedergewählt wurde. Er nahm die Wahl mit den Worten an: „Ich werde mich bemühen, beim nächsten Kongreß auch diese Stimmen für mich zu haben.“

Eine der Hauptaufgaben des Kongresses war die Reform der Organisation. Ich gehörte der Organisationskommission an und fungierte als Schriftführer, so daß ich neben Dr. Max Nordau, welcher die Sitzungen dieser Kommission leitete, arbeitete, und ich konnte feststellen, mit welchem Eifer und welcher Gewissenhaftigkeit Nordau sich diesen Arbeiten widmete. Er war stets pünktlich zu Beginn jeder Sitzung zur Stelle und hat bei den tagelangen Arbeiten nie ausgesetzt. Alle seine glänzende Rhetorik und Schlagfertigkeit zeigte er dort in dem kleinen Kreise genauso wie vor der Öffentlichkeit, und er widmete sich dieser im Grunde langweiligen Paragraphenarbeit mit äußerster Hingebung. Ich hebe das hervor, weil man vielfach diesen Mann ganz anders einschätzte, so als ob er nur als Heldentenor sich vor der Öffentlichkeit zu produzieren geneigt war. Hier aber sah man, wie er wirklich um der Sache willen sich Arbeiten hingab, die doch schließlich weit unter seinem Niveau lagen. Referent vor dem Kongreß war eigentlich Arthur Hantke, aber im letzten Moment mußte ich, da Hantke unpäßlich war, das Referat übernehmen. Ich bat gleich zu Beginn meines Referates um Nachsicht, da ich die Sache erst in die Hand bekommen habe, und der Schriftführer eine unglaublich schlechte Handschrift habe, ohne daß ich für nötig fand mitzuteilen, daß ich eben dieser Schriftführer war. – Auf jenem Kongreß wurde dann die Grundlage jener Föderationsbildung gelegt, über deren Nutzen man verschiedener Meinung sein kann. Ich selbst konnte ja als Referent meine persön­liche Meinung nicht wohl zum Ausdruck bringen, und als der Präsident mich daraufhin apostrophierte, antwortete ich mit den Worten des Obristen Wrangel im „Wallenstein“: „Ich hab’ hier bloß ein Amt und keine Meinung.“ Wenn ich nicht irre, war es auf diesem Kongreß, wo folgende komische Episode geschah: Dr. Posmanik traf mich in einem halbdunkeln Seitengang und, mich mit Dr. Hantke verwechselnd, bat er mich um eine freimütige Äußerung über die von ihm eben gehaltene Rede. Ich hielt mit meiner Meinung denn auch nicht zurück und sagte sie ihm so gründlich, daß er, wie ich glaube, mit Hantke monatelang kein Wort sprach.

Während jenes Kongresses wurde auch der „Kulturverband jüdischer Frauen für Palästina“ gegründet, der dann Jahre hindurch unter der Leitung von Betty Leschinsky und meiner Frau gewirkt hat, bis sich dann später daraus die „WIZO“ entwik­elte. Dieser Kulturverband hat Jahre hindurch ausgezeichnete praktische Arbeit geleistet. Die von ihm ins Leben gerufene palästinensische Spitzenindustrie hat für unser Werk viele Freunde gewonnen. Die Erzeugnisse wurden überall hin versandt und fanden viel Beifall. Es war kurios zu sehen, wie so viele jüdische Frauen, denen man vergebens von all dem Großen erzählte, was in Palästina geschah, wenn ihnen ein kleines Spitzentüchlein gezeigt wurde, enthusiasmiert wurden. Das war eigentlich ein Beweis dafür, wie wirklich irgendwelche praktischen Erfolge, etwas, was man zeigen kann, durchschlagender wirken als die schönsten Theorien.

Auf diesem Kongreß wurde auch auf Antrag von Nahum Sokolow die hebräische Sprache als offizielle Sprache des Kongresses und der Bewegung anerkannt, wenn auch nur unter Widerständen. Bemerkenswert ist, daß Sokolow bei anderer Gelegenheit auf dem Kongreß, als man von ihm verlangte, er solle hebräisch und nicht deutsch reden, sich dagegen erklärte, mit der hebräischen Sprache zu demonstrieren. Er sagte, die Zeiten seien vorüber, wo man das für gut gehalten hätte.

Der Kongreß endete, wie gesagt, mit einem Sieg Wolffsohns über die Opposition, und Wolffsohn freute sich beinahe kindlich über seinen Erfolg. Der wurde dann auch ausgiebig gefeiert. Wolffsohn und ein Teil der Delegierten blieben noch einige Wochen in Scheveningen, und ich kann mich kaum an angenehmere Wochen als die, die wir dort verlebten, erinnern. In dem jüdischen Restaurant Keyl war eine vergnügte Tafelrunde täglich vereint, zu der neben dem Ehepaar Wolffsohn die Leschinskys und Sokolow, Alexander Marmorek, Schmarjahu Levin, der Maler Pilichowski und einige holländische Freunde gehörten. Wir speisten in der Glasveranda, und Neugierige drückten sich ihre Nasen an den Fensterscheiben platt, um den jüdischen Hofstaat anzustaunen. Levin, Pilichowski und ich aber heckten täglich neue übermütige Streiche aus. Wenn wir abends in irgendeinem Caféhaus saßen, zahlte immer Sokolow, und dann wurde die Summe repartiert. Wir verstanden es aber stets, ihn durch Zwischenbemerkungen so konfus zu machen, daß er die Rechnung unzählige Mal von neuem beginnen mußte, was er dann schmunzelnd und in guter Laune auch duldete. Vor allem aber wurde damals von Pilichowski, Levin und mir mit großem Erfolge die sogenannte „Witz-Obstruktion“ betrieben, eine Methode, um unerträgliche Anekdotenerzähler mundtot zu machen. Ich werde mich schwer hüten, das Rezept zu verraten.

Wolffsohn spielte täglich mit Josef Israels einige Schachpartien. Beide taten sich auf ihre Meisterschaft viel zu Gute, spielten aber in Wirklichkeit sehr mäßig. Es ist seltsam zu sehen, wie so viele bedeutende Menschen viel mehr Gewicht auf ihr Hobby oder auf irgendeine Nebenbeschäftigung legen, selbst wenn sie darin nicht Besonderes leisten, als auf ihre wirkliche erfolgreiche Tätigkeit. So war es kurios festzustellen, daß der große Maler Israels auf nichts so stolz war als auf ein kleines Buch, das er über Spanien geschrieben hatte.

Bevor die Gesellschaft auseinander flatterte veranstaltete Wolffsohn bei Keyl ein Diner. Auch Josef Israels hatte sein Erscheinen in Aussicht gestellt und den dringenden Wunsch ausgesprochen, einmal wieder gefüllten Fisch zu essen, ein Gericht, an das sich bei ihm Jugenderinnerungen knüpften. Das gab große Aufregung bei Keyl, da dem holländischen Traiteur dieses Gericht unbekannt war, – aber einen solch berühmten Gast hatte Keyl noch nie bei sich gesehen, und es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seinen Wunsch zu erfüllen. Schließlich gab meine Frau das Rezept, ein Spezialbote holte den Hecht aus Rotterdam, und dann verbot der Arzt wegen des schlechten Wetters Josef Israels die Teilnahme. Er bekam aber das Gewünschte in seine Villa geschickt.




V.


So schien der Frieden im zionistischen Lager, zunächst wenigs­tens, gesichert, und ich konnte mit gutem Gewissen mich meiner Anwaltspraxis widmen. Das tat ich mit großer Lust und Hingabe, denn ich liebte meinen Beruf von ganzem Herzen. Und ich wußte mir, falls ich noch einmal im Wege der Seelenwanderung auf diese Welt kommen sollte, keinen besseren und meinen Anlagen mehr entsprechenden. Ich vermute freilich, daß, wie ich freimütig gestehen will, bei dieser meiner Liebe zur Advokatentätigkeit auch wieder ein nicht eben nur ideales Motiv mitspielen mag, nämlich meine Vorliebe für jede Art Gedankensport. Juristerei – oder besser gesagt Prozeßführung – ist ja im Grunde nichts anderes als eine Art Schachspiel, bei dem an Stelle der Figuren juristische Begriffe treten, und das Spiel wird in beiden Fällen nach ein-für allemal festgesetzten, an sich ganz willkürlichen Regeln gespielt. Wenn der Turm im Schachspiel nur gerade, der Läufer nur schräg gehen darf, beruht das auf einer ganz willkürlich aufgestellten Norm, – an sich könnte es ebensogut umgekehrt sein. Und wenn der Gesetzgeber für manche Handlungen bestimmte Formvorschriften statuiert, oder wenn etwa eine Berufungsfrist auf eine Woche, eine Verjährungsfrist auf drei Jahre festgesetzt werden, ist das nach gewöhnlichen logischen Maßstäben nicht zu begründen. Nach solchen Normen also wird Schach gespielt oder werden Prozesse geführt. Ein bedeutsamer Unterschied besteht freilich: Beim Prozeßführen sind es die Kiebitze, – als solche kann man wohl die Advokaten bezeichnen – die das Spiel machen, während die Parteien zusehen.

Natürlich hat der Advokat nicht nur Denksport zu treiben, sondern er hat die Aufgabe, der gerechten Sache, oder die er als solche erkennt, zum Siege zu verhelfen. Und er hat das volle Recht der Subjektivität, von der im weitesten Umfang Gebrauch zu machen sogar seine Pflicht ist. Seltsam ist und nachdenklich stimmt es, daß die deutsche Sprache Rechtsanwalt und Staatsanwalt in Gegensatz stellt. Recht und Staat, d. h. Recht und Gesetz stehen wirklich in einem gewissen Gegensatz. Das Gesetz humpelt immer hinter der Rechtsentwicklung hinterher. Eine Kodifikation erfolgt regelmäßig erst dann, wenn eine Rechtsanschauung sich bereits allgemein im Bewußtsein des Volkes durchgesetzt hat. In diesem Moment ist ja nun die Rechtsentwicklung schon weiter fortgeschritten, so daß das neue Gesetz dieser wieder nicht entspricht, so daß also, theoretisch gesehen, das Gesetz das Recht nicht einholen kann. Es ist ungefähr die Geschichte von Achilles und der Schildkröte. – Nun hat mich meine Praxis so ziemlich mit allen Schichten der Bevölkerung in Berührung gebracht und allerlei Einblicke in die verschiedensten Milieus eröffnet. Meine Erin­nerungen wären nicht vollständig, wenn ich nicht einiges aus diesen meinen Erfahrungen erzählen wollte. Zunächst will ich noch einige Fälle skizzieren, die Einblicke in das Milieu jener aus dem Osten nach Berlin verschlagenen Juden eröffneten, die sich nur schwer in die Sitten und Gebräuche Westeuropas einfügen konnten. Es wird sich dabei nicht immer vermeiden lassen, daß ich auch Dinge erzähle, die schon in früheren Büchern von mir skizziert sind, die aber hier kaum fehlen dürfen.

Da ist es bisweilen schon sehr schwierig, die Identität solch eines Klienten festzustellen. Sehr oft wurden z. B. in Galizien Ehen nur vor dem Rabbiner geschlossen, denen der Staat die Anerkennung versagte, so daß die Kinder aus solchen Ehen offiziell als unehelich galten und eigentlich den Namen der Mutter führen mußten. So stand es auch im Passe. Sie aber nannten sich im Leben nach ihrem Vater. – Da kam einmal zu mir ein Kaufmann namens Förster in Gesellschaft eines mir auch schon bekannten jungen Mannes, der sich Apfelbaum nannte, den er als Reisenden anstellen wollte. Er bat mich, den Vertrag zu machen. Ich stutzte und bat Förster, einige Augenblicke ins Wartezimmer zu gehen, da ich mit Apfelbaum etwas zu besprechen hätte. Förster entfernte sich, offensichtlich befremdet, und ich sagte nun dem Herren Apfelbaum, daß mir ja bekannt sei, daß er gesetzlich den Namen Apfel­baum gar nicht führe, denn er hatte mich mit der Regelung seiner Paßangelegenheit betraut. Ich fühlte mich verpflichtet, erklärte ich ihm, bevor ich den Vertrag formulieren würde, Förster hier­über aufzuklären. Wohl oder übel mußte Apfelbaum sich dem fügen, und ich rief nun Förster herein und setzte ihm, der recht unruhig auf meine Eröffnung wartete, den Fall auseinander, erleichtert atmete er auf. „Ach“, sagte er, „das ist alles? – Meinen Sie, ich heiße Förster?“

Tragischer lag der Fall eines Mannes, der aus Galizien nach Berlin gekommen war, um sich bei einem berühmten Chirurgen operieren zu lassen. Er konnte sich nicht rechtzeitig die Papiere verschaffen und fuhr mit dem Paß eines Vetters. Unter dessen Namen wurde er in das Krankenregister eingetragen, operiert und begraben. Aber nun setzten recht peinliche Verlegenheiten ein. Der Vetter hatte alle Mühe zu beweisen, daß er noch lebte, während die Erben des Verstorbenen lange Zeit nicht in den Besitz der Erbschaft gelangen konnten.

Kurios war das Begehren eines alten, emeritierten Chasan, eines Mannes von über 80 Jahren, der an mich das Ansinnen stellte, ich möchte die Anfechtung seiner vor 60 Jahren geschlossenen Ehe durchsetzen. Diese hätte auf einem Irrtum beruht, den seine dama­lige Verlobte vorsätzlich herbeigeführt hätte. Er hätte jetzt gerade festgestellt, daß sie sich damals um drei Jahren jünger gemacht hätte. Ich hatte Mühe, ihm klar zu machen, daß dieser Versuch der Anfechtung aussichtslos wäre. Mich interessierte der Fall psychologisch, und ich fragte, wieso er denn auf diese Idee gekommen sei. Darauf gab er mir die denkwürdige Antwort: „Bei uns Juden ist es doch üblich, daß Ehepaare nebeneinander begraben werden – 60 Jahre lebe ich neben dem „Schlag“, wenigstens will ich im Grabe meine Ruhe haben“.

Das Gegenstück zu dieser sich jünger machenden Frau war der alte Reches, ein schon sehr betagter, immer zu Scherzen aufgelegter galizianischer Jude, der der richtige Prozeß-Hansl war. Die pittoreske Erscheinung des alten Mannes mit dem rot-grau gesprenkelten Bart war in allen Gerichtsstuben bekannt. Er pflegte immer auf sein ehrwürdiges Alter hinzuweisen, und es kam vor, daß im Laufe einer Verhandlung er von Minute zu Minute um Jahre älter wurde. Ich führte einmal für ihn einen Prozeß, bei dem es sich um Beischaffung einer Urkunde handelte, aus der die Berechtigung seiner Ansprüche klar hervorging. Diese Urkunde lag irgendwo bei einer galizischen Behörde. Es machte Mühe, sie heranzuschaffen, und am Tage vor dem Termin kam mein Mandant aufgeregt zu mir: er hatte ein Telegramm bekommen, daß die Urkunde abgesandt sei, und er bat mich unter allen Umständen eine Vertagung herbeizuführen, weil er fürchtete, abgewiesen zu werden, wenn die Urkunde nicht zur Stelle sei. Ich erklärte ihm, daß ich keine Möglichkeit zur Vertagung sehe, ein gesetz­licher Grund lag nicht vor, eine Vertagung sei nur möglich, wenn der gegnerische Anwalt einwilligen würde. Das würde er ja unter keinen Umständen tun. Der alte Mann entfernte sich niedergeschlagen. In der Tür drehte er sich um und sagte: „Und es wird doch vertagt!“ – Wie groß war mein Erstaunen, als am anderen Tage an Gerichts Stelle der gegnerische Kollege mich bat, eine Vertagung zu bewilligen. Über die Gründe ließ er sich nicht aus, aber ich war natürlich sehr damit einverstanden. Der Termin wurde um vier Wochen vertagt, und inzwischen traf die Urkunde ein. Zu dem neuen Termin erschien nun Freund Reches persönlich neben mir vor der Schranke. Der Kollege von der Gegenseite starrte ihn entgeistert an, warf die Akten wütend auf das Pult und erklärte zornbebend vor Gericht: „So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Am Tage vor dem vorigen Termin erschien bei mir ein alter Mann und erklärte mir, er beschäftige sich seit Jahrzehnten nur damit, Frieden zwischen streitenden Parteien herbeizuführen: Er hoffte, daß es ihm auch in diesem Falle gelingen würde, und bat mich deshalb, den Termin zu vertagen. Das habe ich, sehr beeindruckt von diesem würdigen Friedensapostel, denn auch getan. Und nun sehe ich, das war der Gegner selbst, der bei mir erschienen ist.“ – Seine Entrüstung half ihm natürlich nicht. Den Prozeß hatte er verloren, und das mit Fug und Recht, denn jene Urkunde war unwiderleglich.

Dieser mein alter Klient kam übrigens einmal unerwartet zu militärischen Ehren. Der Vorsitzende in einem seiner zahlreichen Prozesse hatte das persönliche Erscheinen der Parteien angeordnet, und als er nun beim Aufrufen den „Major“ Reches zitierte, – er hatte nämlich den Vornamen Majer als Major gelesen – war er nicht minder verblüfft, wie er Majer Reches erblickte, als dieser über die ihm verliehene militärische Würde. Er verwahrte sich dann auch mit Entschiedenheit unter stürmischer Heiterkeit des zahlreichen Auditoriums gegen jene Rangerhöhung. Es gab Vorsitzende, welche Parteien mit kriegerischer Vergangenheit mit beson­derer Sympathie betrachteten. So kam es, daß sich in einem Falle auf diese Weise ein Mann aus dem Osten die ganz besondere Sympathie eines solchen preußischen Richters erwarb. Es war in einer Strafverhandlung und der betreffende Vorsitzende war durch und durch preußisch militärisch eingestellt, Vorsitzender einer Gruppe des „Alldeutschen Flottenvereins.“ Und gerade vor ihm mußte Lipschitz erscheinen, angeklagt wegen Hehlerei. Er hatte einen Pelz zu verdächtig niedrigem Preise erworben. Der Vorsitzende musterte den „Landfremden“ mißmutig und nahm mit höhnischem Lächeln die Personalien auf: In Galizien geboren, jüdischer Religion etc., Beruf:...? – Da kam die allen, nur nicht dem Verteidiger unerwartete Antwort: „Seemann.“ Ungläubig starrte der Richter ihn an. „Seemann? – Wie lange waren Sie auf See?“ – „Fast 20 Jahre“, lautete die gleichmütige Antwort, und der Angeklagte legte dem verblüfften Gericht Papiere des „Norddeutschen Lloyd“ und der „Hamburg-Amerika-Linie“ vor, aus denen hervorging, daß er lange Jahre auf den Schiffen dieser Gesellschaft beschäftigt war. Der Grimm des Gerichts schwand angesichts dieser Tatsache. Man sah den alten Seebären freund­licher an, und es fiel Klee nicht schwer, das Gericht davon zu überzeugen, daß der alte Seefahrer unmöglich über die auf dem Lande üblichen Preise orientiert sein konnte. So gab es einen Freispruch. Des Rätsels Lösung: Jener Mann war auf den Schiffen als „Koscher – Wächter“ angestellt gewesen, d. h. er hatte in den für die Auswanderer eingerichteten rituellen Küchen für die Beobachtung der religiösen Vorschriften zu sorgen.

Jene Verwechslung von Majer und Major erinnert mich daran, wie oft der Tippfehlerteufel, der mit dem Druckfehlerteufel nahe verwandt sein muß, drollige Kapriolen macht. In einem Theaterprozeß las ich mit Erstaunen in dem gegnerischen Schriftsatz: „Zufällig befanden sich bei der Vorstellung im Zuschauerraum auch einige Christen.“ – Es sollte natürlich heißen: „Choristen“.

Man konnte sich in jenen Kreisen mit der immer komplizierter werdenden Steuergesetzgebung wenig befreunden. Aber dadurch unterschieden sich diese Kreise kaum von der urdeutschen Bevölkerung. Erst die Steuerreform und die immer wachsenden Lasten, vor allen in späterer Zeit nach dem I. Weltkrieg, machten das deutsche Volk erst wirklich zum Volk der „Denker und Dichter.“ Da kam z. B. eine Frau zu mir mit der naiven Frage: „Welches Einkommen muß ich angeben, wenn ich die und die Steuer bezahlen will?“ Sie wollte also die Sache beim andern Ende anpacken. – Noch merkwürdiger war die Frage, die ein Ehepaar an mich richtete: Die abgegebene Steuererklärung war beanstandet, und der Beamte hatte ihnen vorgerechnet, daß bei der luxuriösen Wohnung, die sie hatten, bei den Reisen, die sie unternahmen etc., – der Beamte hatte durch seine genaue Kenntnis ihrer Lebensumstände sie nicht wenig verblüfft – ihre Erklärungen unmöglich richtig seien können. Also mußte der Mann wohl oder übel zugeben, daß er eine falsche Erklärung abgegeben hatte. Aber nun fürchtete er noch außer der Steuer eine Bestrafung wegen falscher Deklaration und fragte mich, ob ich ihm nicht einen Ausweg zeigen könne dahingehend, daß er irgendwoher ein Einkommen bezog, von dem er hätte annehmen können, daß es nicht steuerpflichtig sei. Selbstverständlich lehnte ich es ab, ihm bei einem solchen Betrug behilflich zu sein, und das Ehepaar entfernte sich zögernd. In der Tür aber wendete sich die Frau um und sagte: „Schade, daß Sie uns nicht helfen wollen. Ich hatte einen so guten Gedanken. Wie ist es, wenn die Frau einen Liebhaber hat, und der ihr Geld zuwendet, muß der Mann das deklarieren?“ – Ich versagte mir, der Frau meinen persönlichen Eindruck mitzuteilen, daß, wenn das Gericht etwa zu einer Augenscheinsnahme, d. h. zur Besichtigung der Dame sich entschließen würde, sie kaum für jene Behauptung, daß sie einen Liebhaber hätte, Glauben finden würde.

In Parenthese: Der Mangel an weiblichen Reizen hat in einem Falle ein seltsames Urteil hervorgerufen. Da stand eine Frau wegen Ehebruchs vor Gericht – ein höchst seltener Fall, da Ehebruch nur nach vollzogener Scheidung und nur auf Antrag strafbar war – und trotz des Geständnisses wurde die Frau freigesprochen, da das Gericht erklärte, bei dem Aussehen der Frau hielte es das Geständnis für unglaubwürdig und einen Ehebruch für ausgeschlossen. Das Berufungsgericht hat übrigens in diesem Falle – an dem ich nicht beteiligt war – das Urteil aufgehoben.

Bisweilen brachte es die Praxis mit sich, daß spezifisch jüdische Gebräuche und rituelle Gesetze vor einem Forum nichtjüdischer Richter erörtert werden mußten, und da erforderte es oft viel Geschicklichkeit und Takt, einem solchen Gremium die Be­stim­mungen des Schulchan Aruch oder rabbinischer Tradition klarzumachen. Fehlten doch diesen Herren, vor denen etwa die Bedeutung des Cherem des Rabbenu Gerschon oder des Eruw zu erörtern war, die primitivsten Voraussetzungen. Und so kam ich begreiflicherweise des öfteren in die Lage, vor einem solchen Kollegium populäre Vorträge über derartige Themata zu halten.

In meinem „Tohuwabohu“ habe ich ausführlich eine solche Verhandlung geschildert, in der von einem Berliner Gericht die Frage erörtert wird, ob der Etrog durch Fehlen des Stengels unbrauchbar für rituelle Zwecke wird. Diesen Prozeß habe ich tatsächlich geführt, freilich nicht unter den dort gezeichneten Begleitumständen. Aber auch eine solche Szene, in der der jüdische Anwalt, der mit der Taufe auch seinen Namen geändert – arisiert – hat und von dem boshaften Präsidenten gefrotzelt wird, hat sich tatsächlich beim Landgericht III vor dem Landgerichtsdirektor Zimmermann abgespielt. Eine Zeitlang war es geradezu eine Manie bei gewissen jüdischen Anwälten geworden, solche Namensänderungen vorzunehmen und damit gerade den Spott herauszufordern. Aus Cohn wurde Cornelius oder Korn, aus Levy Lenssen, und ich habe einmal in Transves­tierung von Christian Morgenstern „Die Möwen sehen alle aus als ob sie Emma hießen „gesagt: „ Die Lenssen sehen alle aus als ob sie Levy hießen.“ – Ein Kuriosum möchte ich in diesem Zusammenhange erzählen. Da waren zwei Brüder Cohn, beide Berliner Anwälte, beide ließen sich taufen, aber nur dem einen von ihnen gelang die Namensänderung. Gerade dieser heiratete später ein jüdisches Mädchen, auf deren Verlangen er nun wieder Jude wurde. Und so kam es, daß von den beiden Brüdern der jüdische mit dem arischen Namen und der christliche mit dem Namen Cohn firmierte.

Einmal hatte ich vor Gericht die bedeutungsvolle Frage zu erörtern, wann eine Gans „ower“ wurde, d. h. unbrauchbar wurde, weil sie nicht rechtzeitig gesalzen war. Der gegnerische Anwalt, Jude, hielt es für angebracht, mit Nachdruck zu betonen, daß er von diesen Sachen nichts wisse. Zu meiner freudigen Überraschung griff da der jüdische Vorsitzende ein und sagte: „Das ist auch nicht nötig, denn diese Sachen kenne ich aus der eigenen Erfahrung sehr gut, da ich einen rituellen Haushalt führe.“

Einmal führte ich beim Amtsgericht Mitte einen Prozeß gegen eine jüdische Kolonisationsgesellschaft, und der amtierende Richter war niemand anders als Adolf Friedemann, der Redakteur des zionistischen ABC-Buches. Ich machte mir den Scherz, mich auf das Gutachten eben des Herausgebers dieses Werkes zu berufen, dessen Nehmen, wie ich sagte, mir im Augenblick entfallen wäre. Weiter benannte ich als Zeugen den bekannten Zionisten Dr. Hugo Schachtel in Breslau, dessen Adresse, wie ich sagte, mir auch entfallen wäre, worauf zum höchsten Erstaunen meines ahnungslosen Gegners der Richter Friedemann erklärte, diese Adresse sei gerichtsnotorisch und sie nannte. In dieser Sache kam es, wie ich mich erinnere, zu einem Vergleiche, was wohl selbstverständlich war, da Herr Friedemann Neigung und Fähigkeit hatte, alle vor ihn gelangenden Sachen zu vergleichen, und sich so die Mühe einer Urteilsabsetzung ersparte.

Auch eine andere forensische Geschichte, die ich in einem meiner Bücher erzählte, hat sich tatsächlich ereignet. Da weigerte sich ein Synagogenverein, dem für die hohen Feiertage arrangierten Vorbeter das volle Honorar zu zahlen, weil er in einer Betpause am Versöhnungstage gegessen habe. Der amtierende Richter konnte absolut nicht begreifen, worin das Vergehen gelegen haben sollte. Er erklärte kategorisch: „ Wer arbeitet, muß auch essen“, und eine entgegenstehende Bestimmung sei gegen die guten Sitten verstoßend. – Dementsprechend entschied er. In der Berufungsinstanz wurde das Urteil nach Vernehmung mehrerer Rabbiner als Sachverständiger abgeändert, indem das Gericht das vereinbarte Honorar wegen Wertminderung der geleisteten Arbeit herabsetzte.

Ein besonders schwieriges Problem, das mehrfach an mich herantrat, war es, die minutiösen Bestimmungen talmudischen Rechts in Ehesachen dem Verständnis arischer Richter nahezu bringen. Dabei handelte es sich natürlich immer um die Ehen nichtdeutscher Parteien. Besonders spielte da eben jener Cherem des Rabbenu Gerschon eine Rolle. Das durch diesen Cherem ausgesprochene Verbot der Doppelehe kann durch die Entscheidung von 100 Rabbinen aus drei verschiedenen Ländern aufgehoben, damit also dem Ehemann eine zweite Ehe gestattet werden. Diese Manipulation habe ich nun mehrfach durchgeführt. Es handelte sich dann immer darum, daß die erste Ehefrau die Annahme des Scheidebriefes verweigerte. Ich mußte nun der Behörde klarmachen, daß damit eine nach talmudischem Recht gültige Ehescheidung vollzogen sei, sobald das Rabbinat in dem russischen Heimatort des Mannes das Verfahren durch Urteilsspruch bestätigte. Das Standesamt weigerte sich zunächst, dies anzuerkennen, und meine Beschwerde ging den Instanzenzug bis zum Justizminister. Nach Einholung vieler Gutachten erließen schließlich der Justizminister und der Innen­minister eine Verfügung, wonach mein Standpunkt anerkannt und das Standesamt Charlottenburg-Wilmersdorf, vor dem seinerzeit die Ehe geschlossen war, angewiesen wurde einzutragen, daß die Ehe durch rabbinisches Urteil geschieden sei, – ein bis damals unerhörter Vorgang. Der Mann heiratete nun auf’s neue, aber die erste Ehefrau strengte einen Prozeß an mit dem Antrag, die Scheidung und die zweite Ehe für nichtig zu erklären. Sie wurde mit der Klage abgewiesen. Aber nun kam das Erstaunliche: Jetzt klagte die zweite Frau nach einiger Zeit auf Auflösung ihrer Ehe, da die erste Ehe noch zu Recht bestände, und die Scheidung ungültig sei. Auch dieser Prozeß wurde zu Gunsten des Ehemannes entschieden.

Nach einigen Jahren hatte ich genau denselben Fall, holte wieder die Zustimmung der 100 Rabbinen ein und erreichte wieder, daß die Scheidung anerkannt wurde, und wieder klagte die erste Frau; deren Anwalt war diesmal der bekannte sozial­demokratische Politiker Wolfgang Heine, und in der Verhandlung ließ er sich mit großer Empörung über dieses Verfahren aus und erklärte mit Emphase, ein solcher Fall wäre noch nicht dagewesen, und kein deutscher Jurist könne es billigen und ihm zustimmen. Darauf konnte ich nicht nur darauf hinweisen, daß es bereits in dem von mir geschilderten Fall ein Präjudiz gäbe, sondern ich konnte jene ministerielle Verfügung produzieren, unter der der Name des Innenministers prangte, der niemand anders war als eben Herr Wolfgang Heine, der damals dieses Amt bekleidet hatte. – Herr Heine war zunächst äußerst verblüfft, machte aber dann gute Miene zum bösen Spiel, lachte herzlich und beglückwünschte mich zu dieser merkwürdigen Chance, die mir in den Schoß gefallen war. Natürlich fiel seine Klientin denn auch mit ihrem Prozeß ab.

Die Divergenzen zwischen deutschem, jüdischem und russischem Recht führten oft zu merkwürdigen Kombinationen. Da hatten zwei junge Leute in Deutschland sich nur rabbinisch trauen lassen. Das hatte gesetzlich an sich keinerlei Wirkung, war sogar verboten. Wenn aber bei dem zuständigen russischen Gericht später diese Eheschließung registriert wurde, war das eine nach russischem zaristischem Recht gültige Eheschließung, und die Ehe datierte von dem Tage der rabbinischen Trauung in Berlin an. Da geschah nun folgendes: Einige Monate nach jener also zunächst ungültigen Eheschließung fuhr der Ehemann in seinen Heimatort nach Rußland und ließ die Registrierung vornehmen. Damit war die Ehe also rechtsgültig, und nach den bestehenden Verträgen mußte sie nun auch in Deutschland anerkannt werden, so daß das Paar von seiner Trauung an als legales Ehepaar galt. Als aber der junge Ehemann wieder nach Berlin kam, fand er, daß seine Frau inzwischen vor dem Standesamt einen anderen geheiratet hatte, was sie ja auch nach deutschem Recht tun konnte, solange die Ehe nicht in Rußland legalisiert war. Auf diese Weise hatte die Frau nun zwei ihr gesetzlich angetraute Ehemänner. Es entstand jetzt ein Streit zwischen den beiden glücklichen Gatten, bei dem jeder der beiden Ehemänner den andern an Großmut zu übertreffen suchte, indem er ihm die Frau überließ, also behauptete, nicht er, sondern der andere sei der rechte Ehemann. Bevor ich, um ein Gutachten angegangen, damit zustande kam, erledigte sich der Fall dadurch, daß die Frau mit einem dritten Mann durchging, und beide Ehemänner schienen jegliches Interesse verloren zu haben.

Ein jüdischer Restaurateur wollte in dem ostjüdischen Viertel um die Dragonerstraße herum ein rituelles Restaurant eröffnen. Der Polizeipräsident verweigerte die Konzession mit der Begründung, daß in dieser Gegend schon genügend Gastwirtschaften vorhanden seien, und er die Bedürfnisfrage verneinte. Ich klagte beim Bezirksausschuß gegen den Polizeipräsidenten mit der Begrün­dung, daß es sich hier um eine Gaststätte besonderer Art, nämlich um ein rituelles Restaurant handle. In der Verhandlung las mir der Vorsitzende Stadtrat Schulz eine von ihm eingeforderte Auskunft der Berliner Jüdischen Gemeinde vor, in der Herr Dr. Ismar Freund als Vertreter der Gemeinde erklärte, der betreffende Restaurateur stände nicht unter Aufsicht der Gemeinde, so daß also der Betrieb von ihr aus nicht als rituell bezeugt werden könne. „Ja“, sagte der Herr Stadtrat, „damit entfällt Ihre Begründung, Herr Rechtsanwalt.“ Ich stutzte einen Moment, denn wie sollte ich diesem christlichen Richter klarmachen, daß es rituelle Betriebe geben könne, ohne daß die Aufsicht eines Gemeinderabbinats existiere. Ich half mir, indem ich sagte: „Herr Stadtrat, ich werde Ihnen eine Analogie geben. Es gibt doch eine Menge junger Mädchen, die nicht unter Kontrolle stehen und auch sehr nett sind.“ – Dieses Beispiel leuchtete ihm ein, und mein Klient erhielt eine Konzession.




VI.


Im Sommer 1909 fuhr ich mit meiner Frau zu deren Eltern auf die „Datsche“ im ukrainischen Urwald. Wir kamen auf der kleinen Station Korostyn zwischen Kowel und Kiew in sehr früher Morgenstunde an. Dort, an dem Verladeplatz des Holzes aus dem Walde meines Schwiegervaters, wurden wir mit einem prächtigen Frühstück empfangen und fuhren dann einige Stunden durch den märchenhaften Wald zu dem Landhaus. Das lag nun also stundenweit von jeder Siedlung entfernt, ganz einsam, und nur die Familie nebst Dienerschaft, die in einem besonderen Hause wohnte, bildeten meinen Umgang. Für mich war das ein vollkommen neues und unbekanntes Leben. Nie war ich in eine derartig enge Berührung mit der Natur gekommen, und ich wanderte staunend zwischen dem Baumriesen umher. Schon morgens ganz früh in Tallis und Tefillen erging ich mich in einem merkwürdigen Wohlgefühl, so ungestört mich als Jude der „Welt“ präsentieren zu können. Vor der Tür auf der Terrasse wurde schon der Samowar gezündet, der den ganzen Tag brannte, und an den sich jeder Ein- und Ausgehende im Vorübergehen selbst bediente. Herrlich war es, vor dem Hause zu frühstücken, dabei die fleißigen Spechte und Meisen in ihrer Arbeit an den Bäumen zu beobachten, und wie nett war es, wenn etwa Eichhörnchen aus dem Walde heranhüpften und zutraulich am Frühstück teilnahmen. Welche Freude für die Kinder, wenn solch ein Tierchen ihnen auf die Schultern kletterte. Ich bewunderte die riesigen Ameisenhaufen und sonstige Fauna des Waldes, und bei den langen Spaziergängen traf ich kaum jemals einen Menschen. Ja, einmal stieß ich auf einen alten russischen Bauern, der mich freundlich begrüßte. Da ich kein Wort russisch verstand, half ich mir pantomimisch und gab ihm eine Zigarre, die er zu meiner Verblüffung grinsend und mit Wohlbehagen – zu verspeisen begann. In diese Weltabgeschiedenheit war offenbar noch nie eine Zigarre gelangt. – Alles dort war mir neu. Ich hatte eben der Natur nie so unmittelbar gegenübergestanden wie in jener Zeit. War ich doch in der Großstadt aufgewachsen, und hatte ich doch kaum je Gelegenheit gehabt, die Welt wirklich, wie sie Gott geschaffen hat, kennenzulernen. Hier befand ich mich mitten in einem jungfräulichen Wald. Er war wundervoll, gewaltig, herrlich schön, – ich empfand ja die Schönheit und die Majestät der Natur, aber ich weiß nicht, was es war, es sprengte mir fast das Herz. Ich war überwältigt und wurde regelrecht melancholisch. Ich verlor meinen gesunden Schlaf, meine Laune, entlief fast immer meiner Umgebung und streckte mich einsam irgendwo im Walde hin, unfähig zu denken, ganz und gar mich dieser rätselhaften Depression hingebend. Die Meinen waren recht beunruhigt, und meine sehr gescheite Schwiegermutter erklärte, daß sie das nicht länger mit ansehen könnte, ich würde da vollkommen gemütskrank, und wir beschlossen, daß ich den auf Monate berechneten Aufenthalt abbrechen und auf Reisen gehen sollte.

Meine Reise ging zunächst über Kiew nach Odessa. Stundenlang fährt man da durch die Steppe, ohne ein Haus, oft auch nur einen Baum zu sehen, und gerade diese Eintönigkeit bietet wieder ein besonderes Interesse.

Odessa war für mich recht interessant. Die große steinerne Treppe, die in dem Film „Potemkin“ eine solche Rolle spielt, daß Treiben auf der prachtvollen Strandpromenade, dem Nikolai-Boulevard und Alexanderpark waren anziehend genug. Mit Erstaunen bemerkte ich im jüdischen Restaurant, daß die Jugend dort im allgemeinen weder Hebräisch noch Jiddisch verstand, sondern ganz russifiziert war. Es ist ein eigenartiges Gefühl, im Gewühl herumzuspazieren, wenn man kein Wort der Landessprache versteht, und es war für mich ein interessanter Sport, mit Hilfe meiner Sprachführer, und noch mehr durch Pantomime, mich mit allerhand Leuten zu unterhalten. In dem sehr eleganten Hotel, in dem ich abgestiegen war, sprach man freilich deutsch, französisch, englisch und jiddisch. Ich stand morgens vor dem Hotel und sah mir das Treiben an, als der Geschäftsführer dienstbeflissen an mich herantrat, ob er mir bei Einkäufen behilflich sein könne, ob er mir einen Wagen besorgen solle oder vielleicht Theaterbillets, ob ich weibliche Gesellschaft auf’s Zimmer wünsche (unter „Commodité“ auf Rechnung zu setzen). Er war recht enttäuscht, als ich auf keinen dieser verlockenden Vorschläge einging, und grübelte angestrengt, was er mir noch offerieren könne. Endlich kam ihm eine Erleuchtung: „Haben Sie schon Schekel gezahlt?“ – Der Mann hatte eben alles auf Lager. – Nachdem ich von Odessa genug hatte, fuhr ich nach Rumänien über die Grenzstation Ungheni, vorbei an Kischineff, das traurige Erinnerungen an den Progrom von 1903 erweckte. Unterwegs machte ich die Bekanntschaft eines ungarischen höheren Eisenbahnbeamten, eines alten Junggesellen, der sich als Lebemann aufspielte und mir allerhand seltsame galante Erlebnisse, die er in Berlin gehabt haben wollte, erzählte. Ich habe ihm wie noch zu berich­ten ist, später auch ein erstaunliches, kleines Abenteuer verschafft. – In Russisch Ungheni im Wartesaal geschah es, als ich zur Verständigung mit dem Kellner in einem Polyglott Kunze blätterte, daß der Kellner hinter das Büffet sprang und nun auch mit dem gleichen Sprachführer – bloß russisch-deutsch statt deutsch-russisch – erschien, wonach dann die Verständigung leicht vor sich ging. – Nun fuhren wir mit der kleinen Vicinalbahn zu dem eine Stunde entfernten rumänischen Ungheni. Kurz vor der Station hielt auf offener Strecke der Zug, und über das Feld kamen mehrere in Zivil gekleidete Herren, gefolgt von einigen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. Die Herren gingen den Zug entlang, ließen sich die Pässe zeigen, auf die sie irgendeinen Stempel drückten und zurückgaben. So geschah es auch im letzten Abteil mit meinem Reisegefährten. Meinen Paß aber sah sich der Beamte mißtrauisch an und fragte mich, woher ich käme. Ich sagte: „Von Iskorost.“ – „Wo liegt das?“, fragte er. (Die Unterhaltung wurde französisch geführt). Ich sagte: „Bei Korostyn.“ Auch dieser Ort war ihm erstaunlicherweise unbekannt. „Und wo liegt das?“ – Ich sagte: „Bei Uschomir.“ – Er blieb eine Weile nachdenklich und stellte dann die erstaunliche Frage: „Haben Sie schmutzige Wäsche?“ Ich antwortete ahnungslos: „Ja, natürlich.“ – „Gut“, sagte er, und statt mir meinen Paß zurückzugeben, gab er ihn einem Soldaten und erklärte mir: „Auf der Station werden Sie ihre Anweisungen für die Quarantäne erhalten.“ Ich bekam keinen kleinen Schreck, – meine Verulkung hatte schlechte Wirkungen hervorgerufen – aber schon hatte er sich umgedreht, gab auf rumänisch dem Soldaten Anweisungen, und einer der Krieger stellte sich auf das Trittbrett vor meinem Fenster, während der Herr sich, höflich den Strohhut lüftend, entfernte. Wenige Minuten darauf standen wir in der Station, und mein militärischer Begleiter lieferte mich im Stationsbüro ab. Dort saß ein korrekter Herr, der mich den Koffer öffnen ließ, ihn durchsah und dann erklärte: „Sie werden unter Eskorte nach Bukarest kommen in das Spital, und nach drei Tagen, wenn sich nichts Verdächtiges zeigt, werden Sie entlassen.“ – Ich versuchte, ihm das auszureden, aber er erklärte: „Mein Herr, meine Vorschriften sind streng. Ich kann davon nicht absehen.“ Ich sah, daß ich es anders versuchen mußte. Den Weg der Korruption zu beschreiten, traute ich mich damals nicht, – ich sagte: „Also gut, dann ist nichts zu machen, wenn Ihre Instruktionen so formell sind. Aber sagen Sie mir bitte, was haben Sie dort für einen Kachelofen?“ Er war nun seinerseits recht erstaunt und fragte mich, wieso mich das interessiere. Ich erklärte ihm, ich wäre Korrespondent großer Berliner Zeitungen und sammle folkloristisches Material. Ich würde natürlich auch über die Ergebnisse hier interessante Berichte schreiben. Er stutzte etwas. Offenbar war es ihm nicht ganz recht, wenn ich von Grenzschikanen berichten würde. Aber ich ließ ihm gar keine Zeit, sondern verwickelte ihn in ein allgemeines Gespräch. Nach einigen Minuten saßen wir am Tisch, und ich erzählte unaufhörlich allerhand Anekdoten. Er hatte sich wohl an diesem Posten lange nicht so gut unterhalten, und wir waren bald gute Freunde. Als dann der Zug nach Bukarest einlief und meine Wache mich in Empfang nehmen wollte, sagte ich, ihm nun auf die Schulter klopfend: „Nun, jetzt sind wir doch gute Freunde. Können Sie wirklich nichts für mich tun?“, worauf er lachte, dem Soldaten den Paß abnahm und mir gute Reise wünschte. Ich sah wieder einmal, daß man mit Humor und guten Witzen oft die schwierigste Situation überstehen kann. Mein Reisegefährte, der ungarische Beamte, war sehr glücklich, mich wieder zu sehen. Wir machten Station in Jassy. Wir kamen dort 2 Uhr mittags an, und unser Zug ging erst abends um 6 Uhr weiter. In einem Caféhaus erfrischten wir uns, – es war ein glühendheißer Tag. Ich fragte den bedienenden Kellner, wie es Dr. Lippe gehe (dem Alterspräsidenten des I. Kongresses) und erhielt befriedigende Auskunft. Mein Reisegefährte, Herr Komarow, war erstaunt, daß ich auch in Jassy Bekannte hatte. Aber er sollte noch mehr erstaunen. Ich trennte mich von ihm, da ich das Judenviertel besichtigen wollte, und wir verabredeten ein Treffen am Bahnhof kurz vor sechs. Ich wanderte nun durch das Judenviertel, Straßen auf Straßen voll Trödlerläden. Ich hatte den Eindruck, daß die Juden von Jassy davon leben, daß sie sich gegenseitig alte Hosen verkaufen. Dann bestieg ich die Straßenbahn, um auch andere Teile der Stadt zu besichtigen. Neben mir saß eine höchst anziehende junge Dame. Ich hielt meinen Reiseführer aufgeschlagen in der Hand und fragte naiv, als wir an einer schmutzigen, zerfallenen Kaserne vorbeikamen, ob das die Kathedrale sei. Sie war ziemlich verblüfft und versuchte, mich aufzuklären. Als ich dann aber, als wir an einer stattlichen Kirche vorbeikamen, auf meinen Plan deutend frug, ob das die Kaserne sei, gingen ihr die Augen auf, und sie fragte mich, ob ich sie verulken wolle. Ich sagte entrüstet: „Ich kann mir nicht denken, daß Sie das jetzt erst merken.“ Sie meinte: „Wenn Sie die Stadt sehen wollen, müssen Sie sich einen Wagen nehmen und sich führen lassen.“ – „Also führen Sie?“, sagte ich. Sie lachte, – und bald saßen wir in einem Wagen und begannen eine Rundfahrt, bei der sie mir die nicht allzu zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigte. Diese Wagenfahrt war in jeder Beziehung ein Genuß. So herrliche Pferde wie hier und in Bukarest habe ich kaum je gesehen, und die Kutscher, feist und glattrasiert, – durchweg Eunuchen – in den samtenen langen Kitteln mit den seidigen Schärpen bilden eine Sehenswürdigkeit für sich. Sie bilden eine besondere Sekte unter dem Namen „Lipovaren.“ Auf dieser Fahrt kamen wir gleich zu Anfang an einem Gartenlokal vorbei, und dort saß eine große Gesellschaft von jungen Leuten und Damen an langen Tischen. Als sie des Wagens und meiner Begleiterin ansichtig wurden, entstand ein großes Hallo, der Wagen wurde angehalten, man umringte uns, und erst allmählich entnahm ich dem Gesprächswirrwarr, daß es eine Gesellschaft von Studenten der Universität und daß meine Begleiterin eine Assistenzärztin eines dortigen Professors war. Sie erzählte ihrer Gesellschaft, wie sie an mich geraten war, und die jungen Leute beschlossen, alle mir die Eskorte zu geben. Sie bestiegen die wartenden Wagen, und so kam es, daß ich vor sechs an der Spitze einer großen Wagenprozession vor dem Bahnhof landete, wo mich Herr Komarow erwartete. Er war ziemlich erstaunt, daß ich so schnell Bekanntschaft in Jassy gefunden hatte. Ich stellte den alten Herren als meinen Onkel vor und erklärte ihm, daß die Damen der Gesellschaft alles meine Cousinen, also auch seine Verwandten seien, und er war ganz erstarrt, als die jungen Damen ihn umringten und abküßten. – Daß meine Depression sich inzwischen einigermaßen gegeben hatte, geht aus dieser Erzählung vielleicht zur Genüge hervor.

Ich kam also dann nach Bukarest. Die Stadt bot damals nicht entfernt das glänzende Bild, das sich mir Jahrzehnte später präsentierte, und trotz des interessanten halborientalischen Lebens, des glanzvollen Korsos auf der „Chaussee“, des Betriebes in der „Flora“, mißfiel sie mir eigentlich eher. Sie hatte zwar einige reizende Partien, aber im ganzen wimmelte die Stadt von architektonischen Scheußlichkeiten und geschmack­­losen Denkmälern. Reizvoll war das Getriebe der Zigeuner. Wenn man einem von den schmutzpatinierten Buben etwas schenkte, konnte man Straßen lang die bettelnde Schar der Jungen nicht loswerden. Ich machte mich bald davon und blieb zwei Tage in dem reizend gelegenen Herkulesbad. Vergeblich forschte ich dort in den zahlreichen jüdischen Läden, wo es ein rituelles Restaurant gäbe. Die Inhaber starrten mich unglaublich und fast mißtrauisch an; sie konnten sich scheinbar gar nicht vorstellen, daß ein westeuropäischer Tourist ein derartiges Verlangen hatte. Zu meiner freudigen Überraschung stellte ich dann aber fest, daß in dem recht eleganten Kurhaushotel, in dem ich abgestiegen war, unter der Aufsicht des Rabbiners von Orsowa eine koschere Fischküche eingerichtet war, und so konnte ich bei den Klängen eines guten Zigeunerorchesters neben einer recht soigniert aussehenden Gesellschaft von Kurgästen dinieren. Merkwürdig war folgendes: Ich hatte, wie es allgemein üblich ist, meine Brieftasche und meine Barschaft im Hotelbüro zur Aufbewahrung deponiert. Aber als ich abends dem Tanze im Kursaal zusah, suchte mich der Wirt auf und bat mich, meine Sachen doch lieber an mich zu nehmen, da sie bei mir sicherer wären als in seinem Büro. Am zweiten Abend schon in der Dämmerung fuhr ich in einem Wagen nach Orsowa, um dort den Donaudampfer, der mich stromaufwärts bringen sollte, zu besteigen. Da erlebte ich ein reizendes Intermezzo: Als der Wagen um die Ecke des Hotelparks bog, erscholl ein „Stop“, und aus dem Gebüsch sprang ein Stubenmädchen, das ich bis dahin kaum zu Gesicht bekommen hatte, auf das Trittbrett, steckte mir eine Rose ins Knopfloch, gab mir einen Kuß und verschwand, ehe ich mich von meiner Überraschung erholen konnte. Nach angenehmer Fahrt kam ich nach Orsowa, wo der Dampfer lag, der am andern Morgen fortgehen sollte. Ich richtete mich in meiner Kabine ein und spazierte dann noch sehr lang auf dem Deck in Gesellschaft eines älteren jüdischen Arztes, dem offenbar das, was ich ihm über die jüdisch-nationale Idee und den Zionismus erzählte, vollkommen neu war. – Früh am andern Morgen beobachtete ich, wie die Schiffsgäste an Bord kamen. Dabei fiel mein Blick auf die schöne Rose des Stubenmädchens, und, da die Blume schon den Kopf sinken ließ, warf ich sie achtlos auf die Laufplanke. Da geschah etwas Unerwartetes: Nach einiger Zeit kam eine wunderschöne, höchst elegante Frau, umgeben von einem ganzen Stab ebenso eleganter Herren, und als sie über die Planke ging, stutzte sie, bückte sich und nahm die Rose, reinigte sie und steckte sie sich ins Haar, und den ganzen Tag sah ich ebenso bewundernd wie beschämt diese Dame auf dem Deck sitzen, wie sie mit ihrer Begleitung plauderte, und immer leuchtete die Rose aus ihrem Haar. Unsereins wirft achtlos etwas weg, und eine schöne Frau weiß, ihm neues Leben und Glanz zu verleihen.

Die phantastisch schöne und romantische Fahrt von Orsowa über Vieczerowa durch das „Eiserne Tor“ und den Engpaß von Kasan, bei der man in den Felsen noch die Spuren des Durchzugs der römischen Legion unter Trajan sieht, will ich nicht beschreiben. Sie ist ungeheuer lebendig in den ersten Kapiteln des „Goldmensch“ des leider und zu Unrecht in Vergessenheit geratenen großen Romanciers Moritz Jockey geschil­dert. Wir genossen den Anblick, behaglich auf dem Verdeck sitzend, neben mir jener alte Arzt, ein ungarischer Offizier, und eine ungarische jüdische Dame. Im Gespräch ergab es sich, daß der Offizier sehr wohl Verständnis für die jüdischen Aspirationen hatte, während ich in der jungen Dame eine Vertreterin jenes jüdisch-ungarischen Chauvinismus kennenlernte, wie ich ihm später noch sehr häufig begegnet bin. Und so kam es, daß bald die Dame mit dem Offizier in einen lebhaften Disput geriet, in dem der Ungar die jüdische, sie aber die ungarisch-nationale Idee vertrat. Bei Bazias enden die Ausläufer des Gebirges, dort verbreitert sich der Strom, und die Gegend wird eben. Gerade, als wir an Bazias vorbeikamen, hielt die Dame eine lange Suada voll von bekannten Banalitäten der assimilatorischen Mentalität. Ich hatte mich lange ruhig verhalten und sagte nur lässig, auf die Landschaft weisend: „Schade, es wird immer flacher.“ Die recht gescheite junge Dame biß sich auf die Lippen, brach ihre Rede ab, und wir wandten uns harmlosen Themen zu. Abends langten wir in Belgrad an, ich verabschiedete mich von der an sich sehr sympathischen Reisegesellschaft, warf noch einen wehmütigen Blick auf jene Rose im Haar der schönen fremden Frau und betrat serbischen Boden. Zu meinem höchsten Erstaunen fand ich ein besonders elegantes Hotel in der sonst wenig einladenden Stadt und konnte mir diese Eleganz nicht recht erklären, bis ich hörte, daß dort die ungarischen Offiziere aus dem gegenüberliegenden Semlin zu verkehren pflegten, und sich dort ein Spielklub aufgetan hatte. Als ich am andern Tag die Stadt besichtigte, feierte wieder mein Polyglott Kunze, diesmal der serbisch-deutsche, Triumphe. Ich fand darin unter der Rubrik „Gespräch auf der Straße“ folgende hübsche Anweisung: „Mein Fräulein, darf ich Sie begleiten?“ – „Mein Fräulein, Sie sind ein Engel!“, und darauf folgte ziemlich logisch die Vokabel „der Kuß“. Die Dame aber hatte seltsamer Weise keine andere Antwort als: „Sie sprechen aber ein ausgezeichnetes Serbisch“, worauf dann die schlagfertige Antwort erfolgte: „Ich habe auch einen ausgezeichneten Sprachführer Polyglott Kunze, in allen besseren Buchhandlungen zu haben.“

Ich fuhr dann mit der Bahn durch die Puszta nach Budapest und über Wien nach Berlin. Meine Eindrücke von diesen beiden Städten, die ich nachher noch oft besuchte, behalte ich späterer Gelegenheit vor.




VII.


Dem Herannahen des IX. Kongresses sahen die Freunde von Wolffsohn wieder recht kleinlaut entgegen. Seine Gegner hatten nach der Niederlage auf dem VIII. Kongreß eine heftige Agitation gegen ihn entfaltet, und in weiten Kreisen glaubte man, in ihm eine Art von Schattenkönig zu sehen, der eine Puppe in den Händen irgendwelcher Drahtzieher wäre. Nebenher argumentierte man mit einem anderen Argument: Selbst wenn Wolffsohn die genialste Führerpersönlichkeit wäre, wäre es doch undenkbar, daß der Sitz der Organisation in einer Provinzstadt wie Köln läge. Aus politischen Gründen und aus Gründen des Prestiges müßte die Zentrale nach einer europäischen Hauptstadt verlegt werden, etwa nach Berlin, dem Wohnsitz von Warburg, und Wolffsohn weigere sich konstant, zu übersiedeln. – Wir gingen nach Hamburg, wohin der Kongreß für Dezember 1909 einberufen war, eigentlich in der Überzeugung, daß Wolffsohns Schicksal besiegelt sei, und wir in Warburg den künftigen Präsidenten zu sehen hätten.

Der Kongreß begann an einem Sonntag, und die Vorkonferenzen, die größtenteils in dem Hause der Bnei Brith-Loge stattfanden, begannen eine Woche früher. Ein ärgerlicher Gedanke war es, daß der Tag vor der Kongreßeröffnung ein Sabbat war, und daß bestimmt bei den Versammlungen im Logenhaus an diesem Tage von vielen Teilnehmern geraucht werden würde; das hätte nun aber in den Kreisen der konservativ eingestellten Juden Hamburgs unliebsames Aufsehen erregt. Es war klar, daß durch einen Appell an den Takt nichts erreicht werden würde. Viele der Radikalen hätten es als einen Verrat an ihrer Weltanschauung betrachtet, mit Rücksicht auf den Sabbat ihre Zigaretten nicht anzustecken. Da war es Wolffsohn, der einen originellen Ausweg fand: als die Teilnehmer der Vorkonferenzen am ersten Sitzungstag, also am Sonntag das Haus betraten, fanden sie dort überall Plakate, in denen mitgeteilt wurde, daß in diesem Hause das Rauchen polizeilich verboten sei. Polizeivorschriften sind ja nun nicht so leicht zu umgehen wie die Vorschriften vom Sinai, und so kam es, daß man sich die ganze Woche in diesem Hause des Tabaksgenusses enthalten mußte. Um so erstaunter war man, als dann am Sabbatausgang, dem Abend vor Kongreßeröffnung, die Plakate verschwunden waren.

Am Sonntag früh, kurz vor der für die Eröffnung festgesetzten Stunde, entstand ganz unerwartet eine neue und ernsthafte Schwierigkeit: Schon hatte das Aktionskomitee sich in einem Nebenraum versammelt, um, wie üblich, geschlossen die Tribüne zu betreten, als Boris Goldberg erschien und verstört mitteilte, daß Max Nordau sich entschieden geweigert hätte, das Präsidium des Kongresses zu übernehmen. Das war ein Schlag für uns alle. Keiner von uns war auf den Gedanken gekommen, daß etwas Derartiges eintreten könne, und wir starrten ziemlich ratlos einander an. Da erschien Nordau selbst und setzte in seiner gewohnten klaren und logischen Art seine Gründe auseinander. In der Tat waren sie derart einleuchtend, daß sie seine entschiedene Weigerung durchaus rechtfertigten, – es gab eigentlich gegen seine Argumentation keine Einwände. Es trat eine betretene Pause ein. Auf einmal erhob sich Wolffsohn, trat vor Nordau hin und sagte: „Dr. Nordau, noch bin ich Präsident der Organisation. Erkennen Sie meine Autorität an?“ – Nordau nickte stumm. „Dann befehle ich Ihnen hiermit“, erklär­te Wolffsohn mit starker Stimme, „das Präsidium anzunehmen.“ – Es war eine merkwürdige Szene. Allen stockte der Atem. Nordau sprach kein Wort, sondern beugte sich langsam tief bis zur Erde – nie wieder habe ich eine solche Verbeugung gesehen – richtete sich auf und, ohne ein Wort zu sagen, ging er in den Saal voran und übernahm das Präsidium. Man muß sich, um diese Szene in ihrer ganzen Bedeutung zu verstehen, vergegenwärtigen, wie Wolffsohn Nordau verehrte und sich vor seiner Geistesgröße beugte, und welche Überwindung es Nordau gekostet haben muß, seine Überzeugung in diesem Fall zu opfern und so uns allen ein Beispiel der Disziplin zu geben.

Der Permanenzausschuß, welcher alle Wahlen vorzubereiten hatte, stand diesmal vor besonders schweren Aufgaben. Der Präsident dieses Ausschusses war Chaim Weizmann. Zu seinem Stellvertreter wurde ich gewählt. Wir saßen am zweiten Kongreßtage, am Montag, in einer erregten Debatte, als Wolffsohn erschien und verlangte, daß wir sofort die Verhandlung abbrechen und in das Plenum kommen sollten, um seine Replique auf die gegen ihn gerichteten Angriffe zu hören. Und nun entrollte sich vor uns eine der eindruckvollsten Szenen, die ich auf einem Kongresse erlebt habe. Die Gegner Wolffsohns hatten ihn in der Generaldebatte durchaus nicht geschont. Alle die Gegnerschaft, Verbitterung und Enttäuschung, die sich angesammelt hatten, kamen rückhaltlos zum Ausdruck. Vor allem war es Posmanik, der auf ihn loshackte. Es schien, daß Wolffsohn vollkommen darniederlag, und daß ihm eigentlich nichts übrigblieb, als stumm zu resignieren. Als er seine Rede begann, sah es eine Zeitlang so aus, als ob man ihn überhaupt nicht anhören wolle. Erst allmählich wurde es ruhiger und ruhiger, und in staunendem Schweigen hörte man schließlich atemlos dem Redner zu, der sich wirklich in dieser Rede zu einer auch von seinen Freunden nie geahnten Höhe aufschwang. Neben mir auf der Treppe zur Tribüne stand Dr. Osias Thon aus Krakau, immer bloß flüsternd: „Welch ein kluger Jid!“ Es war ein ungeheuerer rhetorischer Erfolg, vollkommen überraschend für Freund und Feind. Als Wolffsohn geendet hatte, erhob sich der ganze Kongreß und stimmte die „Hatikvah“ an. Wolffsohn wurde genötigt, noch ein paar Dankworte hinzuzufügen (im Kongreßstenogramm fehlend). Alles umringte den Redner, um ihn zu beglückwünschen. Nordau schüttelte ihm die Hand und sagte: „Die Bestie ist gebändigt. Der Kongreß hat einen Mann gespürt.“

David Frischmann hat im „Heint“ in besonders reizvoller Weise jene Szene geschildert und mit beißender Ironie die Niederlage jener Männer beschrieben, die Wolffsohn nun als ein Nichts dargestellt hatte, und die jetzt den ungeheuren Erfolg seiner Persönlichkeit erleben mußten. – Ich muß hier noch eine kleine Episode erzählen, die so überaus charakteristisch für Wolffsohn ist: In diesem Momente, den man als einen Höhepunkt seines Lebens bezeichnen kann, als ihn alles umringte und ihm zujubelte, und man annehmen mußte, daß er von seinem Erfolge berauscht sei, packte er mich plötzlich am Arm: „Gronemann, wo ist Alfred Klee? Ich muß sofort Alfred Klee sehen.“ Ich machte mich sehr erstaunt auf die Suche und trieb wirklich Klee auf, der nun seinerseits höchst gespannt war, was ihm Wolffsohn in diesem Momente so dringendes zu sagen habe. Er drängte sich an meiner Seite durch die Gratulanten hindurch, und zu meiner Verblüffung war es nur folgendes, was Wolffsohn sagte: „Alfred, als ich eben noch ein paar Worte hinzufügen mußte, fiel mir im Augenblick nichts anderes ein als ein Zitat aus einer Rede, die Du einmal in Berlin gehalten hast. Vergib mir, daß ich Deinen Namen nicht genannt habe!“

Erst ganz allmählich legten sich die Wogen der Begeisterung, und nun waren es die Gegner Wolffsohns, die recht kleinlaut geworden waren. Da geschah ein neuer Zwischenfall ganz anderer Art: Es war der erste Kongreß, der auf deutschem Boden stattfand, und, allgemeiner Übung folgend, hatte das Kongreßpräsidium kurz vor der Eröffnung ein Huldigungstelegramm an den deutschen Kaiser geschickt. Nun lief ein liebenswürdiges Antworttelegramm ein, und das setzte das Präsidium in nicht geringe Verlegenheit. Waren doch auf dem Kongreß sehr viele Linksradikale vertreten, und es war vorauszusehen, daß bei Verlesung des kaiserlichen Telegramms peinliche Zwischenfälle entstehen würden, peinlich für den Kongreß und vielleicht verhängnisvoll für die Demonstranten. Andererseits konnte man doch unmöglich von der Verlesung des Telegramms absehen. Wieder fand Wolffsohn einen Ausweg: Er ließ die Nachricht verbreiten, daß um die und die Stunde Franz Oppenheimer den sozialistischen Delegierten und Gästen einige vertrauliche Mitteilungen von Bedeutung zu machen hätte. Der Name von Franz Oppenheimer besaß große Anziehungskraft, und zu gegebener Zeit sammelten sich ausnahmslos alle Linken in dem betreffenden Zimmer, das von dem Plenarsaal räumlich weit entfernt war. Wolffsohn hatte Oppenheimer gesagt, er habe dort eine Rede zu halten und dürfe nicht aufhören, bevor er ihm ein Zeichen gäbe. Oppenheimer fragte sehr verwundert, was in aller Welt er denn reden solle. Wolffsohn sagte: „Das ist Ihre Sache. Sie haben nur zu reden und die Leute dort festzuhalten, solange ich es für nötig finde.“ – Oppenheimer blickte Wolffsohn an, merkte, daß irgend etwas dahintersteckte und sagte schmunzelnd: „Wolffsohn, das ist irgendein Schwindel. Ich weiß nicht welcher, aber ich mache mit“ und begab sich in das Zimmer. Jetzt nun, während alle „gefährlichen“ Elemente aus dem Saal entfernt waren, wurde von Nordau das Telegramm vorgelesen, das Auditorium klatschte, und nun erlöste Wolffsohn Oppenheimer. Die Hörer kehrten ziemlich erstaunt in den Kongreßsaal zurück und fragten sich: „Was hat Oppenheimer eigentlich gesagt?“ Als sie aber dann hörten, was vorgegangen war, begriffen sie freilich Wolffsohns Taktik, die meisten nahmen die Sache mit Humor, – aber leider nicht alle.

Am Nachmittag gelangte plötzlich in den Kongreß das alarmierende Gerücht, daß auf Max Nordau ein Attentat geschehen sei. Man habe ihn wörtlich und körperlich insultiert. Podlischewski und ich wurden vom Präsidium beauftragt, den Tatbestand festzustellen, und wir eruierten folgenden: Nordau hatte mit einigen Freunden im Kongreßrestaurant gesessen, als S. ein radikaler Linker, auf ihn zutrat und ihn wegen jenes Zwischenfalls mit dem Kaiser-Telegramm, für daß er ihn verantwortlich machte, zur Rede stellte. S., ein sehr prachtvoller aber überaus temperamentvoller Mann, den ich persönlich recht gern hatte, ließ sich hinreißen, gegen Nordau Ausdrücke wie „unverschämt“ und „gemein“ zu gebrauchen, worauf Nordau sich vom Stuhl erhob und ihm eine Ohrfeige gab. S. wollte wiederschlagen, aber man fiel ihm in den Arm. – Das war alles, – aber genug, um die größte Erregung bei Delegierten und Gästen hervorzurufen. Die Empörung richtete sich hauptsächlich gegen S., denn ein Angriff auf Nordau erschien allen eine Art Majestätsverbrechen. Wolffsohn aber war besonders erbittert gegen Nordau, der ja zuerst zum Holz-Komment übergegangen war, und er gab die dann auch allseitig befolgte Parole aus, beim nächsten Auftreten Nordau mit eisigem Schweigen zu empfangen, während dieser doch sonst immer mit Beifallssturm begrüßt wurde, wenn er sich auf der Tribüne zeigte.

S. wurde am nächsten Morgen von seinen Freunden auf das Schiff gebracht und nach New York zurückbefördert, um ihn vor der Volkswut zu schützen. Man erzählt nun folgendes, für dessen Wahrheit ich mich freilich nicht verbürge: S. hatte sich durch sein Temperament so ziemlich auf jedem Kongreß eine Ohrfeige zugezogen, und als seine Freunde ihn am Schiff in New York erwarteten, sollen sie nur gefragt haben – „Von wem?“, und als er sagte: „Von Nordau!“, hieß es: „Du renommierst!“ – In Hamburg aber spielte sich folgende Szene ab: Im Aktionskomitee machte Wolffsohn Nordau die heftigsten Vorwürfe. Nordau sagte: „Der Mann hat sich ungezogen benommen, und ich habe ihm die gebührende Antwort gegeben. Was denn hätte ich tun sollen?“ – Wolffsohn sagte: „In solchem Falle dreht man dem Mann den Rücken und entfernt sich.“ – „Nein“, antwortete Nordau, „das wäre eine Unhöflichkeit gewesen, deren ich niemals fähig gewesen wäre.“

Die Lektüre des stenografischen Protokolls des Kongresses gibt kaum ein rechtes Bild von den Vorgängen, insbesondere am letzten Kongreßtage; denn in der Hauptsache spielten sich die Ereignisse hinter den Kulissen ab, und insbesondere in den Sitzungen des Permanenzausschusses, der wirklich beinahe permanent tagte. Die letzte Sitzung des Kongreßplenums dauerte eigentlich 18 Stunden. Sie begann am Donnerstag, den 30. Dezember, vor 10 Uhr und endete in der darauffolgenden Nacht um 4 Uhr. Sie war zwar immer wieder von langen Pausen unterbrochen, aber in diesen wartete man auf die Kundgebungen des Permanenzausschusses, der bei der von Stunde zu Stunde wechselnden Situation immer wieder zusammentreten mußte. Es herrschte eine fast unerträgliche Spannung und Nervosität, die im Permanenzausschuß oft zu lebhaften Eruptionen führten; da der Vorsitzende, Chaim Weizmann, sehr übermüdet und verärgert war, übergab er mir sehr oft den Vorsitz, und ich erinnere mich, welche Mühe ich hatte, Abstimmungen ordnungsgemäß durchzuführen. Die Delegierten waren nicht auf den Sitzen zu halten. Immer wieder bildeten sich Konventikel in den Ecken des Saales, so daß das Auszählen sehr schwer war. Insbesondere war es der überaus temperamentvolle Herbert Bentwich, der immer wieder aufsprang und irgendwelche Leute zu einer besonderen Besprechung heranholte. Ich war auf einen Tisch gestiegen, um die Versammlung überblicken zu können, und da kam es auch bei mir zu einer Eruption, und mir entschlüpfte der wenig parlamentarische Ausdruck: „Jetzt laufen die verfluchten Kerls doch wieder durcheinander!“ Diese Explosion rief stürmische Heiterkeit hervor, man besänftigte sich etwas, und so konnte man schließlich doch zu einem Ziel gelangen. Letzten Endes war aber alle aufgewendete Mühe nutzlos vertan; denn alles, was wir in den langen Sitzungen von Debatten schließlich als unseren Antrag an das Plenum festgesetzt hatten, wurde dort im letzten Moment wieder umgestoßen, als nacheinander die von uns nominierten Kandidaten erklärten, die Wahl nicht annehmen zu können. Und so kam es schließlich überhaupt nicht zu einer eigentlichen Wahl, sondern es blieb nichts anderes übrig, als auf eine Neuwahl zu verzichten und die alten Funktionäre sowohl der Exekutive wie des Aktionskomitees in ihren Ämtern zu belassen. Wolffsohn blieb also Präsident, aber unter diesen Umständen war niemand mit dem Ausgang zufrieden. Man schlich nach Kongreßschluß beim Morgengrauen äußerst deprimiert nach Hause. Die Stimmung war ganz anders als sonst nach Schluß eines Kongresses. Nicht einmal die Hymne wurde angestimmt. (Das Protokoll ist in diesem Punkte unzutreffend.)

Der letzte Tag des Jahres brach an, und so hatte man nicht nach dem Silvesterabend, sondern vor ihm einen gehörigen Katzenjammer. Eine ziemlich verbreitete Anschauung war, daß David Wolffsohn den Gang der Ereignisse vorausgesehen und vielleicht auf dieses Ergebnis hingearbeitet hatte. Nach meiner Auffassung lag die Sache folgendermaßen: Nachdem Wolffsohn auf dem Kongreß einen so überaus starken Eindruck gemacht hatte, – zur größten Überraschung seiner Gegner und der von ihnen beeinflußten Menge – schlug man, um ihn zu beseitigen, eine ganz andere neue Taktik ein. Der Angriff richtete sich jetzt nicht mehr sowohl gegen seine Person als – gegen die Stadt Köln. Das, was vorher nur ein nebensächliches Argument gewesen war, daß nämlich der Sitz der Exekutive nicht mehr in einer Provinzstadt aufrechterhalten werden könne, wurde jetzt in den Vordergrund geschoben. So kam man denn zu der Formel, daß man gegen das Präsidium von Wolffsohn von dem Moment an nichts mehr einzuwenden haben würde, indem er sich entschließen würde, nach Berlin zu übersiedeln. Man glaube, sicher zu sein, daß er diese Bedingung ablehnen würde, und Wolffsohn tat alles, um die Delegierten in dieser Ansicht zu bestärken. Denn er wußte sehr wohl, daß, wenn er jetzt etwa seine Bereitwilligkeit, nach Berlin zu ziehen, ausdrücken würde, dann sofort der Kampf gegen seine Person neu einsetzen würde. Im Stillen aber dachte er wohl daran, wenn erst der Kongreß auf jene Formel sich festgelegt haben würde, dann nach einiger Zeit doch die Übersiedlung vorzunehmen und so den Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dann aber, nachdem er dieses Opfer gebracht haben würde, würde seine Position nahezu unerschütterlich geworden sein.

Das alles ist natürlich nur meine persönliche Auffassung. Aber folgende Episode spricht wohl für ihre Richtigkeit: Ich saß eines Abends im Logenhaus in einer Ecke mit Wolffsohn, als plötzlich Bodenheimer mit einer gewissen Feierlichkeit vor ihn trat und fragte: „Herr Präsident Wolffsohn, ich frage Sie noch einmal und erwarte eine präzise Antwort: Ist es für Sie absolut ausgeschlossen, nach Berlin zu gehen?“ – Ich sah gespannt Wolffsohn an. Wolffsohn unterdrückte, glaube ich, ein unhöfliches Wort, biß sich auf die Lippen und antwortete nach Sekunden: „Sie kennen meine Erklärungen. Ich kann an dem, was ich gesagt habe, nichts ändern.“ – Bodenheimer entfernte sich, und ich hatte den Eindruck, daß Wolffsohn leise vor sich hin schimpfte. Ich hatte die Keckheit, ihm zu sagen: „Herr Präsident, ich glaube, Ihr Spiel zu kennen. Sie sind innerlich entschlossen, wenn Sie Präsident bleiben, in Kürze nach Berlin zu ziehen.“ – Wolffsohn wandte überrascht sein Gesicht mir zu, sah mir bedeutsam in die Augen und gab mir schmunzelnd einen kräftigen Rippenstoß, sagte aber kein Wort.

Daß es später anders kam, lag daran, daß Wolffsohn ein halbes Jahr später in Königsberg eine schwere Herzattacke hatte und von da an wußte, daß er seine volle Arbeitskraft nie wiedererlangen würde, und daß seine Tage gezählt wären. Das geschah nach einer recht interessanten Aktionskomitee-Sitzung im Hotel Esplanade in Berlin, in der viele Differenzen ausgetragen wurden und bei der Wolffsohn mehr mit seinen eigentlichen Parteigängern, insbesondere mit Alexander Marmorek, zu kämpfen hatte, als mit den sogenannten „Praktischen“; denn jetzt wurde ihm wieder übelgenommen, daß er allzu wenig Gewicht auf die politische Tätigkeit legte. Wenn David Wolffsohn sich so an das Amt klammerte, geschah das nicht aus persönlicher Eitelkeit oder aus übergroßem Geltungs­bedürfnis. Er war fest überzeugt davon, daß in diesem Moment er auf jenem Posten unentbehrlich sei, und sein Abgang eine schwere Gefährdung der Bewegung hervorrufen würde. Er fühlte sich als Wahrer der Erbschaft seines großen Freundes Herzl und hätte es als Felonie betrachtet, wenn er den Posten nicht bis aufs letzte verteidigt hätte. Als die Ärzte ihm dringend rieten, sich von jener zionistischen Arbeit zurückzuziehen, da sie sonst für nichts einstehen könnten, sagte er: „Ich habe keinen Kontrakt gemacht, nachdem ich verpflichtet wäre, 60 Jahre alt zu werden.“




VIII.


Meine Berufstätigkeit entwickelte sich sehr interessant. Von jeher hatte ich eine besondere Vorliebe für Detektiv-Romane und ging gern in den Spuren des Chevalier Dupin (Poe), Sherlock Holmes (Doyle) oder Mr. Lecocq (Gaboriau), deren Ahnherr ja eigentlich Wilhelm Hauffs Jude Abner ist. Ich suchte die bewährten Methoden dieser Helden zu befolgen und erlangte eine gewisse Fertigkeit, die mich in die Lage versetzte, ganz fremden Leuten, die in meine Sprechstunde kamen, von vornherein anzusehen, was sie zu mir führte. Ich erinnere mich z. B., einen wildfremden Mann, der in mein Zimmer trat, noch bevor er ein Wort gesagt hatte, dadurch in ziemliche Verwirrung gesetzt zu haben, daß ich bemerkte: „Ich gebe zu, daß Sie als Lehrer manchen Versuchungen ausgesetzt sind, aber es ist schlimm, daß Sie sich an den Ihnen vertrauten Kindern in so schwerer Weise vergangen haben.“ Er versuchte zu leugnen, aber als ich ihm sagte, daß ich dann kaum zu solcher Diagnose gekommen wäre, gestand er sein Vergehen. Er wurde dann auch zu längerer Gefängnisstrafe verurteilt.

Bei diesen meinen Neigungen war es natürlich sehr interessant, als ich eines Tages von einem mir nur dem Namen nach bekannten russischen adligen Latifundienbesitzer ein Telegramm bekam, in dem ich aufgefordert wurde, unverzüglich nach München zu fahren, um die Umstände des Todes des Grafen T. aufzuklären. Ich fuhr sofort in die Bayrische Hauptstadt und arbeitete dort mit Hilfe eines Detektivbüros, und indem ich die Bekanntschaft aller möglichen Leute aus der Umgebung jenes Grafen T. machte, drei Tage lang mit größter Intensität, um dann – eigentlich mit großer Enttäuschung – festzustellen, daß der Graf auf die natürlichste Weise nach einer Operation in der Klinik unter Erweisung aller medizinischen Ehren verstorben war. Ich nahm an, daß mein Auftraggeber ebenso enttäuscht sein würde und berichtete ihm telegraphisch und brieflich über den negativen Erfolg meiner Bemühungen. Zu meinem Erstaunen erhielt ich dann ein überaus befriedigtes und verbindliches Dankschreiben und ein reichliches Honorar. Was eigentlich hinter der Sache steckte, habe ich nie erfahren.

In einem andern Falle aber hatten wir, oder in der Hauptsache Alfred Klee, die Gelegenheit, einen Todesfall, der unter eigentümlichen Umständen erfolgt war, wirklich aufzuklären und damit zwei brave Leute von Elend und Schande zu retten. In einem Harzstädtchen war eine alte Frau gestorben, und es ging in dem Ort das Gerücht um, daß ihre Tochter und deren Mann, angesehene Bürger, sie beseitigt hätten. Besonders war es der Bürgermeister, der mit diesen Leuten verfeindet war, der dieses Gerücht verbreitete und schließlich die Staatsanwaltschaft zum Einschreiten veranlaßte. Die Leute wurden in Haft genommen und kamen vor das Schwurgericht in Göttingen. Das Verfahren endete damit, daß die beiden zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Der Arzt aber, der die alte Frau behandelt hatte, beruhigte sich dabei nicht, überzeugt von der Unschuld der Leute und davon, daß die alte Frau eines natürlichen Todes gestorben war. Er wandte sich an hervorragende Sachverständige in Berlin, und man zog schließlich Alfred Klee zu, um eine Wiederaufnahme des Verfahrens herbeizuführen. Die Aufhebung eines schon rechtskräftig gewordenen Urteils gelingt nur äußerst selten. Klee, nachdem er die Überzeugung gewonnen hatte, daß hier ein Justizmord vorlag, setzte mit ungeheurem Eifer das Wiederaufnahmeverfahren durch, und in der neuen Verhandlung vor dem Schwurgericht erreichte Klee den Freispruch und die vollkommene Rehabilitierung der unschuldigen Angeklagten. Die Leute waren natürlich überglücklich, und die Frau kam eines Tages nach Berlin gefahren, um noch einmal in unserem Büro sich zu bedanken. Sie schilderte eindringlich die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, und schloß ihre Rede mit den bezeichnenden Worten: „Mein guter Engel hat mich schließlich zu Ihnen geführt, und so bin ich endlich in gute christliche Hände geraten.“ Sie war wohl nicht die einzige, welche die Erfahrung machen mußte, daß das, was im allgemeinen unter „guten Christen“ verstanden wird, sich sehr oft gerade unter Juden findet.

Seltsamer Weise wurde meine detektivische Neigung auch in der berühmten Konitzer Affäre in Anspruch genommen. Der Fall selbst, die Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter lag freilich Jahre zurück. Um das Jahr 1900 war ein 19jähriger, wegen seines ausschweifenden Lebens recht übel beleumdeter junger Mann, Schüler des Gymnasiums der Stadt Konitz, ermordet worden. Seine Leiche war zerstückelt, und die einzelnen Teile wurden an verschiedenen Stellen aufgefunden. Sofort tauchte das alte Gespenst der Ritualmordbeschuldigung auf. Die antisemitische Presse bemächtigte sich des Falles, und besonders tat sich der Redakteur der Staatsbürger-Zeitung, der berühmte Antisemitenführer Bruhn, hervor. Bis in die weitesten Kreise schenkte man dem Märchen Glauben. Ich erinnere mich, wie ein jüdischer Amtsrichter, der, um sich der unerträglich gewordenen, vergifteten Atmosphäre in Konitz zu entziehen, sich nach Hannover hatte versetzen lassen, – viele Juden verließen damals ihre Heimatstadt – zu seinem Schrecken bei einem Diner von seiner Nachbarin, die den besten und intelligentesten Kreisen angehörte und nicht ahnte, daß ihr Tischherr Jude war, hören mußte: „Sie sind aus Konitz? Da zweifelt doch sicher kein Mensch daran, daß dieser Winter ein Opfer fana­tischer Juden geworden ist.“ – Es kam in Konitz und Umgebung zu ernsthaften Pogromen, und nur das Einschreiten von Polizei und Militär verhinderte Schlimmeres. Die Untersuchungen blieben erfolglos, obwohl sich die gewiegtesten Kriminalisten und Detektive Deutschlands der Sache angenommen hatten. Es gab nun eine Reihe von Meineidsprozessen gegen verschiedene Einwohner der Stadt, die in der Sache als Zeugen vernommen waren, und mehrere von ihnen wurden auf Grund sehr zweifelhafter Aussagen zu schweren Zuchthausstrafen verurteilt. Maximilian Harden hat in seiner „Zukunft“ ausführlich über diese Vorgänge sich ausgelassen. Selbst als ein Gutachten höchster medizinischer Autorität zweifellos fest­gestellt hatte, daß Winter erwürgt war, offenbar bei einem galanten Abenteuer überrascht, brachte das die Hetze nicht zum Stillstand, und der Glaube an den Ritualmord blieb unerschüttert.

Nun, viele Jahre später, kam zu mir eines Tages höchst aufgeregt der Redakteur Julius Moses, der spätere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, und erklärte, er glaube, jetzt auf der Spur jenes Mörders zu sein. Es fand eine Konferenz bei dem schon oft von mir genannten M. A. Klausner statt, und dort wurde mir nun mitgeteilt, daß gewisse Indizien auf einen Konit­zer Schulmann hinweisen. Man meinte, daß dieser jenen unglücklichen jungen Mann beim Verkehr mit seiner Tochter ertappt habe, und daß dann im Jähzorn jene Tat von ihm begangen sei. Das mir vorgelegte Material war sehr dürftig. Es handelte sich in der Hauptsache nur um Hypothesen, die jene Darstellung in den Bereich der Möglichkeit, aber kaum in den der Wahrscheinlichkeit rückten. Immerhin ließ ich mich bei der Bedeutung, die die Angelegenheit für die jüdischen Interessen hatte, dazu bewegen, der Sache nachzugehen. Es gelang mir, Einsicht in die längst reponierten Akten zu nehmen, und ich überzeugte mich, daß wirklich mit überaus großem Eifer und Scharfsinn von den Behörden an der Aufklärung gearbeitet war. Aber doch kam ich schließlich in der Tat auf ein Indiz, das den Untersuchungsbeamten bisher entgangen war. Der Kopf jenes unglückseligen Winter war in eine Zeitung gewickelt gefunden worden, deren Datum seltsamer Weise mehrere Jahre gegenüber dem Mordtage zurücklag. Das fiel mir auf. Ich fragte mich, wer nun ein Interesse haben könnte, eine Nummer des Konitzer Tageblatts jahrelang aufzubewahren. Ich stöberte im Zeitschriften-Lesezimmer der Königlichen Bibliothek jene Nummer auf und studierte sie sorgfältig. Zu meinem höchsten Erstaunen fand ich das, was ich gesucht hatte, nämlich eine Todesanzeige, die die betreffende verdächtige Persönlichkeit in der Tat nahe berührte. Damit war allerdings nun eine gewisse Grundlage für ein weiteres Vorgehen geschaffen. Aber dann stellte sich heraus, daß diese Person schon seit Jahren verstorben war, und daraufhin beschlossen wir, die Sache als aussichtslos liegen zu lassen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich sagen, daß nach meiner Auffassung, zumindest in dem Deutschland jener Zeit, in der ich dort wirkte, es wohl selten zu einem Justizmord kam. Wohl mögen oft Vorurteile aller Art, Klassenvorurteile, Rassenwahn und irgendwelche Ressentiments bei der Urteilsfindung mitgewirkt haben, ohne daß sich die Richter über ihre Vorein­genommenheit im klaren waren. In solchen Fällen liegt eine Rechtsbeugung vor, bewußter oder unbewußter Art. Ein Justizmord liegt aber nur dann vor, wenn objektive und unabhängige Richter in gutem Glauben zu einem Fehlurteil kommen. Im andern Falle kann der Fehlspruch nicht der Justiz, sondern nur ihren Vertretern zur Last gelegt werden. Viel häufiger natürlich, als daß ein Unschuldiger verurteilt wird, geschieht es natürlich, daß ein Schuldiger freigesprochen wird. Im Grunde genommen ist auch das ein Justizverbrechen.

Im Zivilprozeß freilich kann es sehr oft geschehen, daß das Gericht zu einem falschen Urteil veranlaßt wird. Eine ganz besondere Gefahr stellte in Deutschland das Kapitel von Arresten und einstweiligen Verfügungen dar. Eine solche einschneidende Maßnahme konnte sehr leicht z. B. erwirkt werden, wenn glaubhaft gemacht wurde, daß das spätere Urteil im Auslande vollstreckt werden müßte. Auf diese Weise konnte es geschehen, daß ein notorischer französischer Millionär wegen einer ganz geringfügigen Summe durch Personal-Arrest verhaftet wurde. Und leichtfertige und gewissenlose Menschen hatten es in der Hand, auf diese Weise nicht wiedergutzumachenden Schaden anzurichten. So wurde ich eines Tages kurz vor den hohen Feiertagen angerufen: Ein russisch-jüdischer Herr, der auf der Durchreise von Kissingen begriffen war, und der im Elite-Hotel in Berlin abgestiegen war, wurde plötzlich wegen einer angeblichen Forderung von einem Gerichtsvollzieher, der mit einem Haftbefehl versehen war, aufgesucht. Als ich ins Hotel kam, war der Herr bereits in das Gefängnis nach Moabit abgeführt. Ich jagte nach Moabit, und es gelang mir, obgleich es gegen Mitternacht war, entgegen allen Vorschriften, ihn zu sprechen. Der Herr war natürlich in größter Aufregung, behauptete, daß die Forderung betrügerisch sei, und jammerte, er müsse unbedingt seine Reise fortsetzen, um die Feiertage in seiner Familie verleben zu können. Der Arrest war vom Amtsgericht Oeynhausen erlassen, und der Mann war nur frei zu bekommen, wenn die Summe – es handelte sich, wenn ich nicht irre, um 35.000 Mark, sofort bei diesem Amtsgericht hinterlegt würde. Das mußte am nächsten Morgen geschehen, wenn der Mann noch seinen Zug erreichen sollte. Es gelang mir, noch in der Nacht die Summe aufzutreiben, und früh um 6 Uhr fuhr mein Sozius, Dr. Fritz Simon, nach Oeynhausen, und mittags kam das Telegramm, das die Freilassung meines Klienten verfügte. Einige Wochen später fand dann die Verhandlung in Oeynhausen statt. Auf Wunsch meines Klienten fuhr ich zu diesem Termin. Es ist niemals aufgeklärt, wieso der Gegner dazu gekommen war, gerade bei diesem Amtsgericht Arrest zu beantragen. Mein Klient war niemals in diesem Orte gewesen. Das Amtsgericht war in keiner Weise zuständig, und es lag eine haarsträubende Fahrlässigkeit des Gerichts vor, das die einfache Frage der Zuständigkeit überhaupt nicht geprüft hatte. Auch die ganze Forderung war einfach aus der Luft gegriffen. Aber der Kläger war inzwischen verschwunden, und die Kosten, die ihm vom Gericht natürlich auferlegt wurden, waren nicht beizutreiben. Für seinen Schrecken bekam mein Klient keinerlei Entschädigung.

Noch grotesker lag folgender Fall: Ein holländischer Kaufmann wurde im Zentralhotel in Berlin ausgepfändet, und zwar diesmal nicht aufgrund eines Arrestes, sondern aufgrund eines rechtskräftigen Urteils, das in Wiesbaden gegen ihn ergangen war. Mein Klient war außer sich, er war niemals in Wiesbaden gewesen, hatte nie von diesem Prozeß gehört, ebenso wie er bestimmt wußte, daß er dem Kläger überhaupt nichts schuldig war. Ich war seinen Angaben gegenüber zunächst sehr skeptisch, denn es lag nicht nur ein rechtskräftiges Urteil vor, sondern es ergab sich aus den Akten, daß er persönlich die Ladung zu dem Termin in Wiesbaden im Hotel entgegengenommen hatte und dann vor Gericht nicht erschienen war. Auch das Urteil war ihm ordnungsgemäß zugestellt. Mein Klient blieb aber dabei, daß er niemals in Wiesbaden gewesen war, – und ich stellte mit Mühe folgenden Sachverhalt fest: Der geriebene Kläger hatte sich selbst in Wiesbaden unter dem Namen meines Klienten einquartiert, hatte als dieser die Klage entgegengenommen und ebenso sich das Urteil zustellen lassen. Das war nun freilich ein raffinierter Betrug, dem jedes Gericht zum Opfer fallen mußte. Die Sache war hier viel bedenklicher als bei einem Arrest, da das Geld in diesem Falle dem Kläger direkt hätte zufallen müssen, und es sich nicht bloß um eine vorläufige Sicherstellung handelt wie bei einem Arrest. Glück­­licherweise konnte ich zur rechten Zeit noch intervenieren und meinem Klienten die sehr große Summe retten.

Natürlich habe auch ich bisweilen, und sogar recht häufig, Arreste erwirkt, aber gerade dann habe ich mir die sorgfältigste Prüfung zur Pflicht gemacht, ehe ich solch einschneidende Maßnahmen traf. Von einem Fall möchte ich kurz berichten, da er zeigt, wie selbst bei den als so überaus korrekt berühmten preußischen Gerichten nur mit Wasser gekocht wurde: Ein großes russisch-jüdisches industrielles Unternehmen hatte mich beauftragt, einen Mann, der unter Hinterlassung gewaltiger Schulden über die Grenze nach Deutschland gegangen war, aufzuspüren und ihre Forderung beizutreiben. Ich erreichte den Mann in einem Badeort in der Nähe des Rheins, und es gelang mir, bei dem dortigen Amtsgericht einen Personal-Arrest zu erwirken, – ich muß sagen, zu meiner Überraschung, da außer meiner Überzeugung davon, daß die Forderung gerecht war, mir kaum irgendwelche Waffen zu Gebote standen. Ich hatte nicht einmal eine korrekte Vollmacht, und alle Unterlagen fehlten mir. Aber jedenfalls gelang es mir, das Gericht sozusagen zu überrennen, und ich konnte das Kapital meinen Auftraggebern retten. Aber nun kommt das Kuriose: Es war, wie gesagt, im Sturm genommen. Der amtierende Richter war der Sache nicht gewachsen, und ich habe selbst im Gericht den Haftbefehl, und was an Urkunden sonst nötig war, entworfen, von den verstörten Richtern unterschreiben lassen und mich mit diesen Urkunden auf die Jagd begeben. Und nun bekam ich nach einigen Monaten einen Brief von dem Gericht des Inhaltes, es wäre damals alles so eilig zugegangen, daß man vergessen hätte, überhaupt Akten abzulegen. Das einzige, was dort gefunden wäre, wäre meine Visitenkarte. Man bäte mich doch, ihnen die Unterlagen für die nachträgliche Anfertigung der Akten zu geben. Natürlich verschaffte ich der verunglückten und lahmen Frau Themis die notwendigen Krücken und Prothesen.




IX.


Kurios, wenn man dem Ursprung oder dem Anlaß mancher Dinge nachgeht. Wie in aller Welt bin ich Syndikus des „Schutzverbandes deutscher Schriftsteller“ geworden und damit auf ein Gebiet juristischer Tätigkeit gestoßen, das mich zum Spezialisten für Urheber- und Verlagsrecht gemacht hat, was mir Jahrzehnte hindurch eine besondere Befriedigung gewährt hat? – Bis zu dem Tage, an dem auf Herrn Goebbels Befehl mich mein ehemaliger Freund Hans Heinz Ewers hinausgesetzt hat. Ja, wenn ich es recht bedenke, hätte nicht seinerzeit ein fast genial zu nennender Hochstapler mit Kuxen eines überhaupt nicht existierenden, rein fiktiven Bergwerkes eine große Menge gutgläubiger Kapitalisten elend hineingelegt, und hätte nicht zur Zeit, da ich in Berlin studierte, so ziemlich die ganze Hörerschaft des Hildesheimerschen Seminars sich in die schöne Ulla verliebt, vor allem Moses Calvary, – hätte ich nie Gelegenheit gehabt, an der Konsolidierung des deutschen Schrifttums mitzuarbeiten, wäre vielleicht überhaupt nie, so wie geschehen, in die Literatur hineingeraten, – und die Welt hätte ohne mein „Tohuwabohu“ und meine anderen Bücher bis auf diese Erinnerungen auskommen müssen. – Das kam nämlich so: Ich assistierte Alfred Klee bei der Verteidigung jenes großen Schiebers in dem damals, als man noch nicht an ähnliche Sensationsprozesse dachte, wie sie später nach dem Kriege so zahlreich auftauchten, Aufsehen erregenden Prozeß. Von diesem und seiner Vorgeschichte zu erzählen, ist hier nicht der Platz. Nur eine Episode möchte ich in Sicherheit bringen, da sie ein hübsches Schlaglicht auf weibliche Psychologie wirft: Einer der dunklen Ehrenmänner aus jenem Kreise hatte sich aus dem Staube gemacht, wurde aber in Paris verhaftet und später ausgeliefert. Als ich von der Verhaftung dieses Mannes seiner Frau schonend Mitteilung machte, rief sie glückstrahlend aus: „Prachtvoll, jetzt kann er mir in Paris nicht fremdgehen!“ – Also ich wirkte in jenem Prozeß mit, und man trat vom „Berliner Tageblatt“ an mich heran und bat mich, doch über den Fall ein Feuilleton zu schreiben. So selten und so ungern ich eigentlich für Zeitungen schreibe, kam ich damals doch diesem Ersuchen nach, und in einem Feuilleton „Du glaubst zu schieben, und Du wirst geschoben“, suchte ich an dem Modell des Herrn Romulo Echtermeyer eine Analyse des großen Schiebers zu geben.

Dieses an sich nach keiner Richtung besonders bemerkenswerte Essay erregte nun die Aufmerksamkeit einiger Männer der Feder, die in der Hinterstube des „Café Austria“ über dem Plan brüteten, den deutschen Schriftstellern eine Organisation zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen zu schaffen, und insbesondere war es Dr. Martin Beradt, der Bruder der oben erwähnten schönen Ulla, der inzwischen nicht nur als Anwalt am Kammergericht, sondern auch als Romancier und Verfasser geistreicher Essays sich einen Namen verschafft hatte. Dieser, der damals hauptsächlich durch seine Schwester in unseren Kreis, der von Calvary und mir geführt wurde, geraten war, erinnerte sich meiner, als er meinen Namen über jenem Aufsatze sah und schlug mich für den Posten des Leiters der juristischen Abteilung der neuzugründenden Organisation vor. Man hielt nämlich Ausschau nach einer Persönlichkeit, die einmal einen guten Namen als Anwalt hatte, gleichzeitig aber auch die Situation und die Nöte der Schriftsteller kannte, die aber doch die Garantie voller Unabhängigkeit bieten mußte; denn bei dem neuzuschaffenden Verbande handelte es sich hauptsächlich darum, im Interesse der Autoren gegen die Mächtigen der Erde, in diesem Falle die Verleger und Zeitungsherausgeber, einen Kampf zu führen. Es war vorauszusehen, daß, wer sich in diesem Kampfe herausstellte, bei jenen Gewalthabern in Ungnade fallen und vielleicht gar boykottiert werden würde. – Vielleicht ist es von kulturhistorischem Interesse zu bemerken, daß in jenem Hinterzimmer des „Café Austria“ um jene Zeit ständig neue Schöpfungen ins Leben gerufen wurden, – bald handelte es sich um eine neue Religion, die dort gegründet wurde, bald um die Gründung eines neuen Theaters etc. Fast alle waren nur Luftblasen, aber diese Gründung des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller bewies sehr bald ihre Exis­tenzberechtigung. Die Basis des Ganzen war, eine Rechtsschutzstelle zu schaffen, nicht nur bei Brotgebern bessere Bedingungen durchzusetzen – die Arbeit des freien Schriftstellers ist ja im allgemeinen „Heimarbeit“ und als solche schlecht bezahlt –, sondern auch, was vielleicht noch schwieriger war, das leichtlebige Volk der Feder selbst zu der Erkenntnis zu erziehen, daß die von ihm gelieferte Ware genau solchen Marktwert besitzt und denselben wirtschaftlichen Bedingungen unterliegt wie Maschinenteile und Korsetts. – Also ich kam mit den Herren des Gründungskonzerns zusammen, und wir einigten uns bald. Unter den Gründern befanden sich u. a. der Verfasser des damals überaus beliebten Romans „Jettchen Gebert“, Georg Hermann, und obwohl ich ihn nie gesehen hatte, erkannte ich treffsicher ihn sofort, da er wirklich nach seiner Erscheinung aus dem Milieu jenes Romans sich materialisiert zu haben schien, ein typisches Mitglied der Familie Gebert. Nur schade, daß ich daneben getroffen und den arischen deutschen Politiker Theodor Heuss für ihn genommen hatte, der seinem Wesen nach mehr den Kreisen der Männer von 48 angehörte, während Hermann eher den Typus des jüdischen alteingesessenen Kaufmannes darstellte. Dann war da noch Hans Landsberg, scherzhaft genannt „der Altmeister der kleinen Notiz“, ferner der treffliche Monty Jacobs, einer der unabhängigsten Theaterkritiker, Feuilleton-Redakteur der „Vossischen Zeitung“, und von demselben Blatt Max Osborn, der dort das Kunstressort verwaltete, Paul Westheim, der eigenbrötlerische Kunstkritiker, W. Fred, der seinerzeit erfolgreichste Essayist deutscher Sprache, der grimme Robert Breuer, Ulrich Rauscher, der während der Republik deutscher Gesandter in Warschau wurde, und Hermann Kienzl, der literarische Erbe Peter Roseggers. Ich fühlte mich in diesem Kreise sehr bald wohl, entwarf Vereinsstatuten, Normalverträge, die sich bald allgemein einführten, und stürzte mich mit Eifer auf die mannigfachen interessanten Aufgaben, die mir mein neues Amt bot. Die Arbeit brachte mir freilich wenig materiellen Gewinn, aber desto mehr moralische Befriedigung, zumal es mir wirklich gelungen ist, dem Schriftsteller sozusagen den Platz an der Sonne zu verschaffen. Daneben war es für mich eine Freude, mit einer Reihe interessanter Persönlichkeiten in Berührung zu kommen, und im Laufe der Jahre passierte so ziemlich alles, was mit deutschem Schrifttum zu tun hatte, mein Büro. Es war eine sehr anregende Tätigkeit, und letzten Endes konnte ich auf diese Weise bei vielen Gelegenheiten Dinge, die mir wirklich am Herzen lagen, so auch die zionistischen Gedankengänge, an einflußreicher Stelle zwanglos zur Geltung bringen.

Der Kampf gegen die Mißstände im Schrifttum war dann noch verhältnismäßig einfach, wenn es sich darum handelte, die mannigfachen, geradezu betrügerischen Manipulationen zu unterbinden, unter denen die Autoren litten. Selbst angesehene Verlagsanstalten scheuten sich nicht, den Autor dadurch zu schädigen, daß sie, wenn etwa eine Auflage von 3.000 Exemplaren vorgesehen war, die doppelte Anzahl druckten und nur für die 3.000 abrechneten. Sie ließen sich dann von der Druckerei zwei verschiedene Fakturen ausstellen, eine zur Ansicht für den Autor und eine ernsthafte. Ich setzte es durch, daß vertraglich die Einsichtnahme in die Bücher eingeräumt wurde, die dann auch durch Organe des Verbandes vorgenommen werden konnte. – Schlimmer war etwas anderes: Da gab es den Unfug der Zuschußverleger, für die ich den Namen „Literarische Bucketshops“ prägte. Das waren Animierverleger, welche in skrupelloser Weise die Eitelkeit und den Ehrgeiz von Dilettanten ausnutzten. Zu dieser Kategorie gehörte eine Reihe von Firmen, besonders in Berlin und Leipzig, welche ganz unverdienterweise sich ein gewisses Renommée erworben hatten. Die Praxis war die: Wenn irgendein Scribifax ein Manuskript einsandte, bekam er einen höchst schmeichelhaften Brief, aus dem er zu seiner Beglückung erfuhr, daß mit ihm ein neuer Stern am literarischen Himmel aufgegangen sei, daß der Verlag es sich zur Ehre rechnen würde, sein Werk zu publizieren; ihm wurde ein hoher Tantiemensatz versprochen, so daß er sich ausmalen konnte, wie er bei der Fülle der zu erwartenden Auflagen ein Vermögen verdienen würde etc. Nebenbei wurde er gebeten, für die Drucklegung einen Vorschuß einzuzahlen, der natürlich auf die Tantieme verrechnet werden würde. Der künftige berühmte Autor zögerte nicht, diesen Betrag einzusenden, oft sich dafür in Schulden stürzend, und der Verlag ließ dann wirklich ein paar Exemplare drucken. Die Drucklegung kostete einen Bruchteil der vereinnahmten Summe, und außer den Exemplaren, die der Autor bezog und unter seine Freunde verteilte, gab es kein weiteres Exemplar mehr in der Welt. Mehrfach machten wir uns aus unserem Kreise das Vergnügen, absichtlich lächerliche Sudeleien einzusenden, und immer war der Erfolg der gleiche, liefen jene begeisterten Lobenshymnen ein. Es gelang mir nun, durch eine Reihe von Prozessen diesem Unwesen wenigstens zum großen Teil ein Ende zu bereiten. – Z. B. hatte ein Leipziger Verlag dem Autor höchst großzügig eine Provision von 1 Mark pro Exemplar des im Buchhandel 3 Mark kostenden Werkes zugesagt und hatte auch wirklich, um jeder Kontrolle zu entgehen, mehrere Tausend Exemplare herstellen lassen, auf jämmerlichem Papier und in elender Ausstattung. Dann verramschte der Verlag den ganzen Bestand für 5 Pfennig pro Exemplar, und ich zwang ihn, dem Autor nach dem Vertrage 1 Mark zu zahlen. Ich machte andere erstaun­liche Entdeckungen auf dem literarischen Markt. Da war zunächst die Hintertreppenliteratur. Ich war einfach erschlagen, als ich sah, welche ungeheuren Auflagen die Kolportageromane haben, die in Fortsetzungen geliefert werden. Diese Sudeleien fanden ein ungeheures Publikum, und nicht bloß auf den Hintertreppen. Ein Leipziger Verlag, der sich darauf spezia­lisiert hatte, begann ungefähr jedes Vierteljahr mit einer neuen Serie, und die betreffenden Autoren erhielten ein recht anständiges Honorar, das sich zwischen 8.000 und 10.000 Mark bewegte. – Noch erstaunter aber war ich über eine andere Erscheinung: Es gab eine sehr verbreitete Literatur, die man nicht als Hintertreppenliteratur bezeichnen konnte. Hauptsächlich handelte es sich um patriotische Dichtungen. Da gab es z. B. einen entwaffnend naiven alten Herren, der unzählige Romane und Gedichtbände herausgegeben hatte, um dessen Namen sich eine viele Zehntausende große „Gemeinde“ gebildet hatte, und dem sogar bei Lebzeiten ein Denkmal gesetzt wurde, bei dessen Enthüllung deutsche Fürstlichkeiten anwesend waren. Und weder von dessen Namen noch von dessen Büchern hatte das eigentlich ernsthafte literarische Publikum überhaupt eine Ahnung. Sicher bin ich, daß zumindestens das gebildete jüdische Lesepublikum nie etwas von diesen Erzeugnissen wußte. Fontane, der Dichter der Mark und des Märkischen Adels, hat sich in einem reizenden Gedicht darüber ausgelassen, daß die Mitglieder des Märkischen Adels seinen Werken keinerlei Interesse entgegenbrachten, sondern er auf einen andern, viel älteren Adel angewiesen war, („kommen Sie, Cohn!“); und dieselbe Wahrnehmung machte z. B. Boerries von Münchhausen und eigentlich fast jeder einzelne der ernsthaften Schriftsteller. Man sprach viel von der „Verjudung“ des deutschen Schrifttums. In Wirklichkeit war es vor allen Dingen so, daß die Käufer und Leser guter literarischer Produktion im wesentlichen die Juden waren. Es war ja nicht nur auf dem Gebiete der Literatur so, sondern der Hauptförderer eines Richard Wagner war der Kommerzienrat Löser.

Übrigens stand der wirkliche Einfluß der jüdischen Autoren durchaus nicht im Verhältnis zu ihrer numerischen Beteiligung am deutschen Schrifttum. Die Juden waren ja besonders in der Journalistik stark vertreten, und zwar schrieben sie fast alle für die liberale Presse. Hier ist eine erstaunliche Tatsache hervorzuheben: Da waren die Riesenauflagen der von Mosse und Ullstein verlegten Zeitungen und Journale, „Berliner Tageblatt“, „Vossische Zeitung“, „B. Z. am Mittag“, „Tempo“, „Illustrierte Zeitung“ u.s.f. Träger des demokratischen Gedankens. Eine ungeheure Armee von Lesern stand hinter ihnen, – und doch, wenn es zur Parlamentswahl kam, scharte sich um ihre Fahne eine winzige, lächerliche Gruppe. Es war eine schier unerklärliche Diskrepanz. So konnten natürlich auch die für diese Blätter schreibenden Autoren eben nur künstlerische, aber keine praktischen Erfolge erzielen.

Übrigens konnte ich feststellen, daß im „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ viele sich überaus arisch und deutsch gebärdende Persönlichkeiten waren, die jüdischen Familien entstammten und freilich ihr Judentum sehr spät entdeckten, und bei vielen ganz als „arisch“ Geltenden dürfte es so ähnlich sein wie bei dem trefflichen Roda Roda, der mir, als der Rassenwahn aufkam, sagte: „Ich glaube, zwischen dem Pithek Antropos und mir dürfte schon ein nichtarischer Einschlag vorgekommen sein“, worauf ich ihm, wohl mit Recht, sagte: „Dieser Einschlag dürfte erheblich näher bei Ihnen liegen.“

Interessant und schwierig war der Kampf gegen den unerlaubten Nachdruck. In unglaublich unverschämter und bedenkenloser Weise pflegten besonders die Provinzblätter Artikel aus der großen Presse zu übernehmen. Ich suchte, eine Nachdruckkontrolle einzuführen und hatte damit recht gute Erfolge. Leider muß ich feststellen, daß bis heute auch ein Teil der jüdischen Presse jene üble Gewohnheit hat, sich mit oder aus fremden Federn zu schmücken. Ist es mir selber doch geschehen, daß kurz nach Erscheinen meines Romans „Tohuwabohu“ das „Jiddische Tagblatt“ in New York das ganze Buch unter fremdem Titel abdruckte, und der Redakteur hatte die ungeheure Frechheit, seinen Namen als Autor darüber zu setzen. Welche kuriosen Dinge aber da geschehen können, will ich an einem Beispiel illustrieren: Da veröffentlichte der „Berliner Lokal­anzeiger“ einen sensationellen Abenteuer-Roman des Schriftstellers Schlesinger in Fortsetzungen. Nachdem der Roman beinahe zur Hälfte abgedruckt war, liefen plötzlich bei der Redaktion eine Anzahl Beschwerdebriefe ein, in denen darauf hingewiesen wurde, daß es sich bei diesem Roman um ein Plagiat handle. Der Roman sei schon in Buchform erschienen, und der Name des Autors des Buchromans sei ein ganz anderer. Man war nicht wenig betroffen in der Redaktion, verschaffte sich den Roman und stand vor einer nicht wegzuleugnenden Tatsache. Des Herrn Schlesinger konnte man im Moment nicht habhaft werden, da er irgendwo auf einer Reise im Fernen Osten war. Man war in nicht geringer Verlegenheit. Schließlich kam man auf einen Ausweg: Man setzte sich hin und schrieb einen Schluß, durch den der Roman in zwei Fortsetzungen zu Ende gebracht wurde. Ich glaube, es war ungefähr so, daß alle Personen sich gegenseitig umbrachten. Als nun nach Monaten Schlesinger von seiner Reise zurückkam, und man ihn zur Rede stellte, fiel er aus allen Himmeln. Er wußte doch, daß das Buch sein ureigenstes Werk war. Niemand wollte ihm das natürlich glauben. Er kam zu mir, und es gelang mir die Sache aufzuklären. In der Druckerei hatte man für die künftige Buchausgabe bereits, die Zeitungstypen benutzend, den Roman in einer Riesenauflage hergestellt, und die ungebundenen Exemplare lagen in einem Keller. Irgendwie hatte der „Schriftsteller“ Curt Matull das herausgeschnüffelt und ein Exemplar entwendet. Das tippte er dann ab und reichte es unter seinem Namen einem Verlag ein, der das Buch unter seinem Namen publizierte. So ist in diesem Falle das Plagiat vor dem Original erschienen. Jenem Herrn konnte übrigens nichts geschehen, da er im Besitz eines sogenannten „Jagdscheines“ war, d. h. der Bescheinigung eines Psychiaters, daß er für seine Handlungen nicht verantwortlich sei. – Diese „Jagdscheingeschichte“ erinnert mich an ein anderes, höchst amüsantes Vorkommnis, das freilich erst viel später, während der Inflationszeit 1922, spielt. Es handelt sich da um einen der erfolgreichsten Romanschriftsteller Deutschlands, einen guten Freund von mir, dessen Namen ich aus begreiflichen Gründen nicht nennen möchte. Eines Tages brachte dieser mein Freund ein Buch heraus, das mit Recht die Aufmerksamkeit des Staatsanwaltes erweckte. Das Buch wurde bald beschlagnahmt und der Autor zur Verantwortung gezogen. Bei der Vernehmung durch den Richter bekam dieser angesichts des höchst originellen Auftretens des Autors erhebliche Bedenken, ob er zurechnungsfähig sei. Er beschloß, ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, und der berühmte Professor X. wurde mit diesem Auftrage betraut. Von diesem Beschluß erhielt nun der Autor durch seine guten Verbindungen Nachricht, ehe noch der Professor etwas erfuhr. Sofort setzte er sich mit ihm in Verbindung und erzählte im, daß er mit der Abfassung eines neuen Romans beschäftigt sei, der in einer Irrenanstalt spiele, und erbat seine fachmännische Beratung, ihm dabei ein fürstliches Honorar von vielen Tausend Dollar in Aussicht stellend. Der Professor war natürlich gern bereit, seine Hilfe zu leisten, lud den Schriftsteller zu sich ein und nahm mit Interesse die Mitteilungen über den Plan des angeblich beabsichtigten Romans entgegen. Im Augenblick der Verabschiedung blieb der Gast stehen, schlug sich vor den Kopf und sagte: „Ach, Herr Professor, Sie können mir noch eine Gefälligkeit erweisen. Ich habe da eine Erbschaft von 80.000 Dollar gemacht. In diesem Testament befindet sich eine seltsame Klausel, daß jeder der Erben ein Attest über seine geistige Gesundheit beibringen muß. Kann ich Sie um die Gefälligkeit bitten?“ Der Professor gab ihm lächelnd und mit Vergnügen die Bescheinigung, daß er geistig durchaus normal sei, und war dann nicht wenig betroffen, als ihm am andern Tag der Auftrag des Gerichtes zuging, jenen Mann auf seinen Geisteszustand hin zu untersuchen. Übrigens endete die Sache damit, daß das Buch im objektiven Verfahren verboten blieb, der Autor wirklich seinen „Jagdschein“ erhielt und außer Verfolgung gesetzt wurde. – Diese Sache hatte noch ein merkwürdiges Nachspiel: Jahre später verfaßte jener Schriftsteller ein dickes Buch, in dem er alle möglichen Abenteuer aus seinem Leben erzählte, insbesondere auch den oben geschilderten Vorgang, und zwar in diesem wie in andern Fällen stets mit voller Namensnennung. Für dieses Buch hätte er gut und gern, falls er als verantwortlich angesehen wurde, eine längere Freiheitsstrafe zu gewärtigen, – das Buch kam aber nicht heraus. Ich fand das umfangreiche Manuskript eines Tages auf meinem Schreibtisch, las es mit vielem Ergötzen durch, – denn es war ebenso witzig wie geistvoll – war aber nicht wenig erstaunt über das letzte Kapitel dieses „Gott Humor“ genannten Buches. Da hieß es etwa: „Nachdem dieses Buch fertig war, konnte ich keinen Verleger oder Drucker finden, da sie behaupteten, mit der Verbreitung dieses Buches sich strafbar zu machen. Sie verlangten, daß ich mir von autoritativer Seite die Harmlosigkeit bestätigen ließe. Ich schrieb darauf an meinen Freund, den Ministerialdirektor und Schriftsteller Karl Bulcke, und bat ihn um ein solches Zeugnis. Darauf schrieb mir Bulcke unter großen Elogen über das Buch, an dessen Humor man sich noch nach Jahrzehnten erfreuen würde, er könne in seiner Stellung ein solches Attest nicht ausstellen. „Aber wozu“, setzte er hinzu, „haben wir unseren gemeinsamen Freund Sammy Gronemann, der nach jeder Richtung zuständig, Jurist und Schriftsteller ist und Sinn für Humor hat? Wenn er Ihnen das Attest gibt, werden Sie alle Schwierigkeiten überwinden.“ Darauf schickte ich das Manuskript an Freund Gronemann, und der antwortete mir umgehend wie folgt: – „Darauf kamen zwei leere Seiten im Manuskript, freigelassen für meinen Brief, den ich hineintippen sollte. Und dann geht der Text bei ihm weiter: „Auf Grund dieses Gronemannschen Briefes konnte ich nun dieses Buch endlich in Druck geben.“ – Wie ich mich damals aus der Affäre gezogen habe, weiß ich nicht mehr, aber irgendwie ist es mir doch gelungen. Das Buch ist nie erschienen, aber das Manuskript hat mir noch viele vergnügte Stunden bereitet.




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