Die Abenteuer der kleinen Lilly und andere Kurzgeschichten
Sabine Siebert


Begleitet die kleine, neugierige Maus Lilly auf ihren Abenteuern. Erlebt, wie sie ihren Freunden hilft, auf Entdeckungsreise geht und sogar mit dem Kater Hugo Freundschaft schließt. Lernt die Huglins kennen und seid dabei, wenn sie sich mit den Menschen anfreunden oder beim Zaubern alles durcheinanderbringen. Erfahrt, warum Grüni sich einen neuen Tümpel sucht, oder erlebt, wie aus dem ängstlichen Pieps ein Held im Schwalbenschwarm wird, und warum aus dem eingebildeten Heribert letztendlich doch noch ein ganz normaler Vogel wird.













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Die Abenteuer der kleinen Lilly

und andere Kurzgeschichten

Sabine Siebert








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Impressum:


Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

© 2020 Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

Cover gestaltet mit Bildern von © andreapetrlik – Adobe Stock lizenziert

ISBN:978-3-96074-279-1 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-280-7 - E-Book

Besuchen Sie uns im Internet: papierfresserchen.de



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Inhalt


Lilly macht einen Ausflug (#uedfb3fd7-6889-45ba-bd53-cd0d29861e28)

Lilly findet einen neuen Freund (#u1bf104dc-fd47-4b0a-a9a7-a989a64d2df0)

Lillys Sturz (#u06b6478d-03d7-4c1b-85b8-13331279d2fe)

Lilly und der neue Waldbewohner (#u6d09f152-e647-449e-a31f-d83140e8dc5d)

Wo sind die Schwammerl? (#ub55af1a9-14f1-4cd8-8138-d927bf9ea395)

Wer hat das schönste Osterei? (#ubd3c6e46-a3cb-45e1-a6aa-573b34babb1e)

Wenn Menschen  (#ubd9ccee7-fed6-4420-b689-7c4acb525c47)

Anatol entdeckt die Welt (#u1ef94d92-e50f-4b1e-8c47-c8b971924d52)

Aufregung im Weihnachtsdorf (#u70201fb7-5d4e-40d4-94b5-3438cb3964c0)

Das Kuckuckskind (#ud7246be1-69bc-4b72-af52-397526ccde58)

Der schöne Heribert (#ub02c88c3-948d-41ac-a9b6-071ecab52aa0)

Die kleine Schwalbe Pieps (#u359d46fd-b12d-4139-86c1-948878f2eeff)

Ein zauberhafter Geburtstag (#u59c843a9-6443-4957-ac67-6b3cf90358ee)

Grüni geht auf Wanderschaft (#u44cb82ac-3aa1-48a7-ab6c-390afc6afee5)

Mrs. Kibblings größtes Abenteuer (#u04a7c3e8-8596-47bf-b658-a39cb44eebfa)

Ricky, das weiße Rehkitz (#u6cd167cf-33ff-4f57-8019-d55df591a04c)

Die Autorin (#u3b88c767-45f8-42dd-9851-cc36bb3e0f80)

Nachwort (#uf11452a9-c23c-4dc9-b846-670e56f3eccf)



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Lilly macht einen Ausflug


Es war einmal ein kleines Mäusemädchen mit Namen Lilly. Sie lebte mit ihren Eltern und ihren drei Brüdern in einer gemütlichen Mäusewohnung unter einem Baum im Wald. Ihre Brüder Max, Georg und Franz waren typische Mäusejungen, die immer nur Streiche ausheckten und ihre Schwester neckten. Nicht, dass sie böse zu Lilly gewesen wären, aber sie tobten oft wild herum, sprangen über Tisch und Bänke und schubsten Lilly im Eifer um. Sie war das Kleinste der vier Mäusekinder, aber auch die Neugierigste. Alles wollte sie erforschen und ausprobieren. Sollte sie der Mutter im Hause helfen, fand sie das nicht aufregend genug. Sie verkroch sich lieber draußen unter der Hagebuttenhecke und beobachtete, was sich dort alles tat. Besonders liebte sie es, sich an Nachmittagen dort zu verstecken. Dann nämlich kamen oft Menschen mit ihren Kindern vorbei. Die meisten Kinder waren laut und tobten, ganz wie die Brüder von Lilly. Oder sie brachten ihre Hunde mit, kleine und große. Vor denen hatte Lilly immer etwas Angst. Sie erinnerten sie an den Fuchs, der ihr vor einiger Zeit einen Riesenschreck eingejagt hatte, als sie draußen in der warmen Sonne vor sich hin gedöst hatte. In allerletzter Minute hatte sie der Papa fortgeschafft. Wer weiß, was sonst passiert wäre.

Aber zurück zu den Menschen. Lilly wollte gern wissen, wie die Menschen lebten. Gar zu gerne hätte sie diese zu Hause beobachtet. Ob es in ihren Häusern auch Mäuse gab? So hing das kleine Mäusemädchen seinen Gedanken nach und hörte die Mama rufen: „Lilly, wo steckst du?“

Oh je, das hatte sie ganz vergessen. Heute war Badetag und da verstand die Mama keinen Spaß. Also sauste Lilly geschwind ins Haus und ließ sich von der Mama in die Wanne stecken. Als sie so frisch gebadet und nach einem guten Abendessen mit vollem Magen in ihrem Bettchen lag, dachte sie noch immer an die Menschen und daran, ob sie sie nicht doch einmal besuchen konnte.

So vergingen die Tage. Es wurde wieder Sonntag. Die Mittagssonne schien auf den Waldboden und die Mäuseeltern hatten sich mit ihren vier Kindern zum Mittagsschlaf gelegt. Lillys Brüder schnarchten bereits und die Eltern schienen auch eingeschlafen zu sein. Eine innere Unruhe überkam Lilly. Sie huschte aus ihrem Bett, denn noch immer spukte ihr dieser eine Gedanke im Kopf herum. Sie wollte einen Menschen kennenlernen. Sie würde ihm einfach folgen, wenn er den Wald verließ. Sie musste schnell sein, bevor ihre Eltern erwachten. Niemals hätten sie Lilly gehen lassen. Ihre Eltern glaubten, dass die Menschen nicht gut zu Mäusen wären und man sich vor ihnen in Acht nehmen müsste. Aber Lilly wollte es nicht glauben.

Sie versteckte sich wieder unter dem Busch und wartete. Zuerst kam ein Mann mit zwei großen Hunden vorbei. Lilly drückte sich auf den Waldboden, damit die Hunde sie nicht sahen. Dann kam ein Vater mit drei Kindern – zwei Jungen und einem kleinen Mädchen. Die Jungen stritten sich. Nein, die wollte sie nicht näher kennenlernen. Plötzlich entdeckte Lilly eine Frau, die immer wieder stehen blieb und sich die Bäume ansah. Die Frau gefiel Lilly und sie beschloss, ihr zu folgen. Fast lautlos krabbelte sie unter dem Busch hervor und trippelte ganz leise der Frau hinterher. Immer wieder versteckte sie sich im hohen Gras, um nicht gesehen zu werden.

Plötzlich blieb die Frau vor einem blauen Gartentor stehen. Behutsam öffnete sie die Tür und schaute noch mal zum Wald zurück. Lilly erschrak und erstarrte zur Salzsäule. Aber sie hatte Glück, die Frau hatte sie nicht bemerkt. Lilly schlüpfte durch den Zaun und konnte gerade noch sehen, wie die Frau in einem großen Haus hinter einer Tür verschwand. Jetzt überkam das kleine Mäusemädchen doch Angst. Lilly war plötzlich allein, weit weg von zu Hause, den Eltern und ihren Geschwistern. Unruhig blickte sie umher. Sie sah einen großen Garten. Eigentlich war er gar nicht so groß, aber Lilly kam er schrecklich groß vor. Und sie glaubte, überall Gefahren zu erkennen. Aber alles war ruhig. Sie konnte ein paar Spatzen in der Dachrinne schilpen hören. Die Sonne überflutete den Garten und Lilly fasste sich ein Herz und wollte den Garten erkunden. Was waren das für wunderschöne Blumen? Sie verströmten einen seltsamen, aber angenehmen Duft. Lilly trippelte näher an diese Blumen heran. Plötzlich kitzelte sie ein Blütenblatt und sie musste herzhaft niesen.

Was gab es noch zu erkunden? Neben vielen anderen Blumen, die sie entdeckte, konnte sie nicht aufhören, diese geheimnisvolle Blüte mit den vielen weißen Blüten zu betrachten. Eine weiße Pfingstrose hatte es Lilly angetan. Langsam erkundete sie den Garten. Was blinkte da in der Sonne? Oh, Lilly hatte es so eilig, dieses Etwas zu betrachten, dass sie beinahe in den Gartenteich geplumpst wäre. Gerade rechtzeitig erkannte sie die Wasseroberfläche. Nanu, was saß denn da auf einem Stein und rührte sich nicht? Es sah aus wie der dicke Willi, der im kleinen Tümpel im Wald wohnte. Aber dieses Tier war viel größer und saß ganz still.

,Lilly piepste: „Hallo du, wer bist du?“

Lilly versuchte es noch einmal: „Hallo, ich bin Lilly und wer bist du?“

Doch das Tier antwortete nicht. Lilly dachte an ihre Familie und dann kullerten ihr ein paar Tränen über ihr hübsches Gesicht.

Plötzlich bewegte sich im Wasser etwas. Als sie genauer hinsah, erblickte sie drei rot-golden schimmernde Fische. Lilly war fasziniert. Sie rief: „Hallo, wer seid ihr?“ Aber auch sie gaben ihr keine Antwort. Lillys Magen knurrte. Da fiel ihr ein, dass sie seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte. Auf einmal hörte sie Schritte. Da war wieder die Frau, der sie gefolgt war. Sie erschien im Garten mit einer Schüssel, aus der ein Salatblatt hervorlugte. Schnell drückte sich Lilly ins Gras, damit sie unentdeckt blieb. Wo ging die Frau mit der Schüssel hin? Jetzt erspähte Lilly einen großen schwarzen Behälter im Garten. Die Frau öffnete einen Deckel und leerte die Schüssel aus. Oh, wie es aus dem Behälter duftete. Kaum war die Frau gegangen, fand Lilly einen Spalt im Behälter und zwängte sich durch. Was gab es da für Köstlichkeiten zu entdecken? Salatblätter, Kartoffel- und Apfelschale und einiges, was Lilly noch nie gesehen hatte. Sie knabberte an allem herum, bis sie satt und schläfrig wurde. Als die Sonne unterging, schlief Lilly erschöpft ein.

Am nächsten Morgen erwachte Lilly sehr früh. Die Sonne ging gerade auf und Lilly nahm unbekannte Gerüche wahr, die sie aus dem Wald nicht kannte. Jetzt musste sie wieder an ihre Familie denken. Bestimmt würde man sie vermissen. Doch unsanft wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, denn es schabte und trippelte vor ihrer Behausung. Als sie vorsichtig aus dem Behälter schaute, erblickte sie einen kleinen Igel.

Lilly flüsterte: „Guten Morgen, Igel!“

Der Igel hob den Kopf, konnte aber niemanden sehen.

Lilly wollte sich gerade zu erkennen geben. Da rief eine Stimme nach dem kleinen Igel und er lief geschwind davon. „Schade“, dachte Lilly, „mit ihm hätte ich sicher spielen können.“ Igel kannte sie, die gab es auch im Wald. Sie beschloss, zu frühstücken und sich dann im Garten umzusehen.

Aber kaum hatte sie ein Salatblatt probiert, vernahm sie wieder ein Scharren und Kratzen. Sie dachte, dass der Igel wiederkäme. Sie wollte ihn nicht verpassen und kletterte geschwind aus dem Behälter. Aber kaum war sie herausgeschlüpft, erblickte sie eine große Katze, die direkt vor ihr stand. Lilly war zu Tode erschrocken und stand ganz starr. Zwar hatte sie früher schon Katzen im Wald gesehen, aber so nah war ihr noch keine gekommen. Sie konnte sich vor Angst nicht rühren und deshalb auch nicht wieder in ihr Versteck klettern.

Aber zu ihrem Erstaunen sprach die Katze sie ganz freundlich an. „Ah, ein kleines Mäuschen, was machst du denn hier? Dich habe ich hier noch nie gesehen.“

Lilly hatte noch immer Angst, aber sie war auch neugierig. Als sie sich also von ihrem ersten Schock erholt hatte, antwortete sie der Katze: „Ich bin Lilly und komme aus dem Wald.“

Die Katze musterte sie genau und fragte dann: „Wo ist deine Familie?“

Lilly seufzte: „Sie sind zu Hause, ich bin ganz alleine hier.“

„So“ sprach die Katze. „Da hast du aber Glück gehabt, dass du mich zuerst kennengelernt hast und nicht dem Nachbarskater Hieronymus begegnet bist. Der hat kleine Mäuschen nämlich zum Fressen gern. Ich dagegen heiße Hugo und meine Besitzerin füttert mich so gut, dass ich das Jagen schon lange aufgegeben habe.“

„Was habe ich doch für ein Glück“, freute sich Lilly. „Wollen wir gemeinsam spielen?“

Hugo lachte. „Aber Lilly, das geht nun wirklich nicht. Die anderen Katzen würden mich auslachen, wenn sie uns zusammen sehen würden. Nein, Lilly, wir können nur miteinander reden, wenn keine andere Katze in der Nähe ist.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Hugo.

Lilly überlegte, was nun zu tun wäre. Auf alle Fälle musste sie sehr vorsichtig sein, denn sie wusste jetzt, dass es hier noch weitere Katzen gab und nicht alle so freundlich wie Hugo waren. Nachdem sie gefrühstückt hatte, wollte sie sich waschen gehen. Sie erinnerte sich, dass sich ganz in der Nähe der Teich befand. Dorthin ging sie. Sie erblickte wieder den großen Frosch, der ihr gestern bereits aufgefallen war. Er saß noch immer unbeweglich an derselben Stelle. Auch heute antwortete er ihr nicht. Das wollte sie genauer wissen. Sie ging zu ihm und als sie direkt vor ihm stand und ihn berührte, erschrak sie. Er fühlte sich ganz kalt und hart an. So einen Frosch hatte sie noch nie gesehen. „Merkwürdig“, dachte Lilly und sie nahm sich vor, Hugo zu fragen.

Den Tag über verbrachte Lilly damit, den restlichen Garten zu erkunden. Immer wieder schnupperte sie an dieser wunderbar duftenden Blume. Sie nahm sich vor, später ihrer Mutter davon zu erzählen. Nach einem ausgiebigen Mittagsmahl, das aus Salatblättern bestand, wurde sie müde und fiel in einen tiefen Schlummer. Plötzlich wurde sie durch ein lautes Geräusch geweckt. Da sie noch schlaftrunken war, konnte sie sich nicht rechtzeitig verstecken. So sahen sich die Frau und Lilly plötzlich gegenüber stehen. Und keiner kann sagen, wer mehr erschrocken war – das Mäusemädchen oder die Frau, die in den Garten gekommen war und neue Speise zu Lillys Unterkunft brachte. Die Frau stieß einen kleinen Schrei aus und Lilly erschrak so heftig, dass sie den Halt verlor und bis zum Boden des Behälters rutschte. Lilly brauchte eine Weile, um sich zu beruhigen. Sie überlegte, ob ihre Brüder wohl auch so erschrocken wären oder ob sie über Lillys Angst gelacht hätten.

Es wurde Abend. Da hörte Lilly wieder kleine Trippelschritte. Sie beeilte sich, aus dem Behälter zu kommen, und wäre beinahe mit dem kleinen Igel zusammengestoßen.

Dieser quietschte vor Vergnügen, als er Lilly erblickte. „Ja wer bist denn du?“, fragte der Igel.

„Ich bin Lilly“, stellte sie sich vor. „Und wie heißt du?“

„Man nennt mich Edi, den Träumer. Ich wohne mit meiner Mama und meinen Geschwistern in der Igelburg. Wo ist deine Familie?“

Lilly berichtete von ihrer Familie im Wald und davon, dass sie nur einen kurzen Ausflug gemachte hatte. Edi meinte: „Dann bist du ganz alleine hier. Komm doch mit mir, dann kannst du mit uns spielen.“

„Das ist wundervoll“, schwärmte Lilly. „Gerne komme ich mit.“ So lernte das Mäusemädchen die Igelfamilie kennen.

Edis Mutter fragte Lilly: „Wo lebt deine Familie?“

„Im Wald“, antwortete Lilly.

„Warum bist du nur fortgelaufen? Deine Mutter macht sich sicher große Sorgen“, fragte Mutter Igel.

„Daran habe ich gar nicht gedacht“, gab Lilly leise zu. „Ich wollte doch nur die Menschen kennenlernen.“ Jetzt stellte sie sich vor, wie ihre Mutter nach ihr suchen und sich Sorgen würde. Lilly wurde auf einmal ganz traurig. Das Spielen machte ihr keinen Spaß mehr und sie musste an ihr Zuhause denken. Nachdenklich schlich sie zu ihrer neuen Unterkunft und weinte sich in den Schlaf. Sie träumte vom Wald und ihrer Familie.

Als sie am nächsten Morgen sehr früh erwachte, fasste sie den Entschluss, sich auf den Heimweg zu machen. Sie frühstückte ein wenig und wollte dann los. Nachdem sie am Gartentor angekommen war, wusste sie nicht mehr weiter. Sie konnte sich nicht erinnern, aus welcher Richtung sie gekommen war. Alles sah so gleich aus, überall nur Straße und Häuser mit Gärten. Lilly wusste nicht, was sie tun sollte. Niemand war da, den sie hätte fragen können. Sie hoffte, dass die Frau wieder auftauchen würde und sie ihr unbemerkt folgen konnte. Den ganzen Tag wartete sie in einem Versteck nahe des Gartentores. Aber es war vergebens. Die Frau war nicht aus dem Haus gekommen. Lilly huschte durch den Garten zurück zum Behälter und weinte bitterlich.

Plötzlich hörte sie ein Kratzen. Sie glaubte, Kater Hugo wäre wieder da, und so schlüpfte sie aus ihrem Versteck. Aber oh Schreck, es war nicht Hugo. Vor ihr stand ein großer grauer Kater. Als er Lilly erblickte, leckte er sich mit der Zunge über die Nase.

„Ah, hat mich meine Nase nicht getäuscht“, sagte er. „Ich habe doch ein Mäuschen gerochen. Du kommst mir gerade recht, ich habe noch nicht zu Abend gegessen“, knurrte er.

Als Lilly seine Worte vernahm, erschrak sie fürchterlich. Sie schlüpfte, so schnell sie konnte, wieder in ihr Versteck. Der Kater war zu groß und dick und konnte ihr nicht folgen. Für dieses Mal war Lilly gerettet. Aber so konnte es nicht weitergehen. Sie hatte Angst und wollte unbedingt wieder zu ihrer Familie. Doch wer konnte ihr helfen? Sie nahm sich vor, Edis Mutter zu fragen, die konnte sicher helfen.

Am nächsten Morgen kam sie vorsichtig aus ihrem Behälter. Da sie keine Gefahren erkennen konnte, lief sie zur Igelhöhle. Sie hatte Glück, die ganze Familie war da. „Wissen Sie, liebe Frau Igel, wie ich nach Hause komme?“

Mama Igel dachte nach. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ach, Lilly, ich kenne nur den Garten. Ich war noch niemals hinter dem Gartentor.“ Als sie Lillys Tränen sah, bot sie an: „Du kannst bei uns bleiben.“

Nun schüttelte Lilly den Kopf. „Nein, vielen Dank. Aber ich will nach Hause zu meinen Eltern und mit meinen Brüdern spielen.“ Schluchzend setzte sie sich ins Gras.

Plötzlich hörte sie eine bekannte Stimme. Es war Kater Hugo. Dieser fragte freundlich: „Lilly, warum weinst du?“

Lilly berichtete von ihrer Begegnung mit dem großen Kater, der sie fressen wollte, und erzählte, dass sie so gerne wieder nach Hause wolle, aber den Heimweg nicht mehr fand. Geduldig hörte Hugo zu. Ab und an fragte er nach. Die kleine Lilly tat ihm leid und er versprach, ihr zu helfen. Sie sollte schlafen gehen und am nächsten Morgen wollte er sich bei ihr melden. In dieser Nacht schlief Lilly gut. Sie vertraute Hugo.

Mit den ersten Sonnenstrahlen stand Hugo vor ihr. Er erzählte: „Ich habe überall herumgefragt und jetzt weiß ich, wo dein Zuhause liegt. Die Frau in diesem Haus geht öfter in den Altowald.“

„Fein, wie komme ich in den Altowald?“, fragte Lilly.

„Hm“, meinte Hugo. „Ich male es dir am besten auf.“ Schon streckte er seine Krallen. Doch dann meinte er: „Nein, der Weg ist für eine kleine Maus zu gefährlich. Ich werde dich selbst zu deiner Familie bringen.“

Lilly hüpfte um den Kater herum und sang vor lauter Freude.

„Pst, nicht so laut“, mahnte Hugo. „Niemand darf erfahren, dass ich, der große Hugo, einer Maus helfe. Was glaubst du, würden die anderen Katzen von mir denken?“

„Du hast recht“, gab Lilly kleinlaut zu. „Sie dürfen es nicht erfahren.“

„Nein. Niemals. Lilly, du schläfst den ganzen Tag und heute Abend, wenn die Sonne untergegangen ist, hole ich dich ab.“

Lilly begann schon wieder zu hüpfen. Vor Aufregung konnte sie lange nicht einschlafen.

Mit den letzten Sonnenstrahlen erschien Hugo bei Lilly. „Bist du bereit?“, fragte er.

Lilly nickte und war ganz aufgeregt. Sie stellte sich neben Hugo und es ging los. Der Kater hatte sich gut vorbereitet. Behutsam führte er Lilly aus dem Garten und über die Straße. Da es bereits dunkel war, würde ihnen kaum jemand begegnen. Er hatte Lilly eingeschärft, genau das zu tun, was er ihr sagen würde. So ging sie nah an den Gärten entlang, um sich bei Gefahr sofort im Gras verstecken zu können.

Eine Weile ging alles gut. Aber plötzlich kam ihnen ein großer Hund entgegen. Hugo hatte ihn rechtzeitig entdeckt und Lilly versteckt. Er selbst war auf einen Baum geklettert und der Hund war an ihnen vorbeigelaufen, ohne Notiz von ihnen zu nehmen. Als die Gefahr vorüber war, gingen sie weiter. Es wurde immer dunkler. Aber Hugo konnte mit seinen grünen, funkelnden Augen sehr gut sehen. Sie kamen gut voran. Mittlerweile war der Mond aufgegangen und auch Lilly konnte wieder besser sehen. Sie hatten fast den Waldrand erreicht, als sie eine raue Stimme vernahmen. „Guten Abend, Hugo, wo willst du denn hin?“

„Ach, du bist es, Minka“, antwortete Hugo. „Ich will noch einen kleinen Spaziergang machen, die Nacht ist so angenehm.“

„Früher war ich auch viel unterwegs“, war Minka wieder zu vernehmen, „es gab so viele Mäuse hier auf dem Bauernhof. Aber heute tun mir die Knochen weh und die Bäuerin füttert mich gut. Da muss ich nicht mehr selber jagen.“

„Einen schönen Abend noch“, sagte Hugo.

Minka schlich weiter. Als sie außer Reichweite war, sprach Hugo: „Kannst wieder rauskommen, Lilly. Sie ist weg.“

„Ich hatte ein bisschen Angst“, gab Lilly zu. „Ich dachte, sie riecht mich.“

„Nein, Minka ist schon recht alt, hat abgewetzte Zähne und das Gehör hat auch nachgelassen. Wahrscheinlich auch die Nase. Das war der letzte Bauernhof. Ab jetzt wird es leichter.“

„Wenn wir in den Wald kommen, müssen wir auch aufpassen“, meinte Lilly. „Mein Papa sagt immer, dass nachts die Eulen und Füchse unterwegs sind.“

Hugo schmunzelte: „Bestimmt erzählen die Eltern das ihren Kindern, damit sie des Nachts nicht draußen sind.“

Doch Lilly wusste, was ihr Papa sagte, stimmte. Aber sie wollte mit Hugo nicht streiten. Der Weg hatte Lilly sehr angestrengt, sie schlief fast im Gehen ein.

Als Hugo das sah, entschloss er sich, eine Rast einzulegen. „Wir machen eine Pause“, entschied Hugo.

„Ich bin gar nicht müde“, protestierte Lilly.

„Aber ich brauche jetzt eine kleine Ruhepause.“ Die beiden setzten sich und Lilly fröstelte. Da streckte sich Hugo: „Komm, leg dich zwischen meine Pfoten, dann kann ich dich wärmen.“ Das ließ sich Lilly nicht zweimal sagen. Kaum lag sie, war sie auch schon eingeschlafen. Auch Hugo döste vor sich hin.

Lilly erwachte, als die ersten Sonnenstrahlen ihre Nase kitzelten. Genüsslich rekelte sie sich.

Auch Hugo streckte sich. „Erkennst du den Platz?“, fragte er Lilly.

Sie schaute umher, lief hierhin und dorthin, piepste: „Ja, da vorne beginnt unser Wald.“ Noch nie war er ihr so schön vorgekommen. „Es ist nicht mehr weit“, sagte sie.

Und tatsächlich: Eine Viertelstunde später standen sie vor der Mäusewohnung. Aber es war niemand zu sehen oder zu hören. Lilly rief laut nach ihren Brüdern. Es kam keine Antwort. Ängstlich blickte sie sich um. Was konnte passiert sein? Sie schlüpfte in die Wohnung und konnte nichts Verdächtiges entdecken. Es sah aus, als ob die Familie gerade die Wohnung verlassen hatte.

Kater Hugo entschied, dass sie eine Weile warten wollten. Vielleicht war die Mäusefamilie unterwegs und kehrte bald zurück. Hugo und Lilly ließen sich vor der Behausung nieder. Die Sonne schien ihnen auf das Fell und beide wurden schläfrig und schlummerten eng aneinander gekuschelt ein.

Plötzlich wurden beide von einem Kreischen und Piepsen geweckt. Erschrocken blickten Hugo und Lilly auf. Nicht weit entfernt war die ganze Mäusefamilie aufgetaucht. Die Mutter weinte, als sie ihre Lilly in den Pfoten eines Katers sah. Der Vater hatte sich gerüstet und wollte mit einem Stock dem Kater zu Leibe rücken, um sein geliebtes Kind zu retten. Die Brüder Franz und Georg piepsten aufgeregt und Max versuchte, seine Schwester vom Kater wegzulocken. Als Lilly ihre Familie sah, sprang sie auf und rannte zu ihnen. Sie flog der Mama in die Arme, während der Vater den gewaltigen Kater nicht aus den Augen ließ.

„Kommt, begrüßt Hugo“, forderte Lilly ihre Familie auf.

„Wir sollen einen Kater begrüßen?“, fragte Franz und sah seine Schwester verwundert an.

„Ja, Hugo ist ein ganz lieber Kater. Er hat mich beschützt und nach Hause gebracht.“

Jetzt ging Lillys Vater zu Hugo und verneigte sich: „Verzeih, ich habe dich verkannt. Ich danke dir, dass du unsere Lilly beschützt hast.“

„Schön gut“, gab Hugo zurück. „Das ist kein Grund, ein solches Gehabe zu machen. Das muss auch unser Geheimnis bleiben. Niemandem dürft ihr das erzählen. Ist das klar?“

Betreten sahen sich die Mäuse an.

„Aber du bist doch ein Held“, piepste Max. „Das müssen alle erfahren.“

„Nein niemals“, riefen Hugo und Lilly gemeinsam.

„Stell dir vor“, erklärte Lilly ihrem Bruder, „was passieren würde, wenn die anderen Katzen davon erfahren würden. Das bleibt unser Geheimnis. Ehrenwort.“ Dann ließ sie die ganze Familie den Mäuseeid schwören.

„Für mich wird es nun Zeit“, meinte Hugo. Zum Abschied strich er Lilly sanft mit der Pfote über ihren Kopf. „Leb wohl, kleine Lilly.“

„Kommst du mich mal besuchen?“, fragte Lilly.

„Schon möglich“, verabschiedete sich Hugo und trabte los.

Die ganze Mäusefamilie blickte ihm nach. Doch dann musste Lilly erzählen, was sie alles erlebt hatte. Franz, Georg und Max staunten nicht schlecht und lobten Lillys Mut, während ihre Mutter sich ängstigte, wenn Lilly von der Katze sprach. Natürlich berichteten die Eltern und ihre Brüder, wie sie verzweifelt nach Lilly gesucht hatten. Jedes Tier im Wald hatten sie gefragt, aber keiner hatte Lilly gesehen. Das Erzählen dauerte bis zum Sonnenuntergang. Bald darauf brachte die Mama Lilly zu Bett. Und Lilly musste versprechen, nie wieder wegzulaufen. Zufrieden und glücklich schlief Lilly ein und träumte von ihren Abenteuern im großen Garten mit der wunderschönen Blume.



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Lilly findet einen neuen Freund


Lillys Abenteuer im Garten lag schon einige Zeit zurück. Der Sommer hatte den Frühling abgelöst und die schönste Zeit des Jahres hatte begonnen. Im Wald war es um diese Jahreszeit besonders schön. Durch die großen Bäume mit ihren dicken Ästen und Blättern drang die Sonne nicht bis zum Waldboden vor. Es herrschte selbst in den Mittagsstunden eine angenehme Kühle. Lilly und ihre Geschwister waren fast den ganzen Tag draußen. Sie spielten Fangen mit den Nachbarskindern. Sie tobten herum, so wie das Waldmäuschen tun. Eine Weile spielte Lilly immer mit, aber dann mochte sie nicht mehr. Ihre Brüder waren viel kräftiger und gewannen jedes Spiel. Sie ließen Lilly nicht einmal zum Spaß gewinnen. Lilly hätte gerne eine Freundin gehabt. Aber es war wie verhext. Sie hatte drei Brüder, den Max, den Georg und den Franz. Auch gab es in der Nachbarschaft nur wilde Mäusejungen. Lilly war weit und breit das einzige Mäusemädchen.

Nun hatten die kleinen Mäuse bereits vor Tagen gehört, dass eine neue Mäusefamilie ganz in der Nähe eingezogen war. Noch hatten sie kein Familienmitglied gesehen. Neugierig schlichen Lilly und ihre Brüder immer wieder um die neu bezogene Mäusewohnung herum. Sie lag unter dem Fuß einer alten Eiche. Ein kleines Loch diente als Eingang. Früher hatte hier die alte Feldmaus Mimi gewohnt. Aber seit einiger Zeit war die Wohnung verwaist. So oft sie um den Eingang schlichen, sie konnten keinen Laut vernehmen und kein Mäuseschwänzchen sehen.

„Komisch“, dachte Lilly, „warum kommt keiner raus und spielt mit uns?“ Aber sie wartete vergebens. Lilly hatte sogar ihre Mutter gefragt, ob sie nicht mal die neuen Bewohner besuchen wollten. Doch die Mutter hatte nur abgewinkt und gesagt, man solle nichts überstürzen. Die neuen Nachbarn hatten sicher einen weiten Weg hinter sich und wollten noch etwas ausruhen.

Zwei Tage wartete Lilly noch ab. Aber als sich noch immer nichts rührte, sammelte sie leckere Kräuter, pflückte eine kleine Blume und besuchte die neuen Nachbarn. Sie klopfte fast zaghaft an die Tür, die sich hinter dem Eingangsloch verbarg. Doch nichts rührte sich. Sie versuchte es noch zwei weitere Male. Und siehe da, beim dritten Klopfen wurde die Tür ganz leise und auch nur einen Spaltbreit geöffnet.

„Wer ist da?“, fragte eine leise, fast tonlose Stimme.

Obwohl Lilly leicht erschrocken war, antwortete sie tapfer. „Ich bin Lilly und wohne mit meiner Familie ganz in der Nähe. Ich wollte euch willkommen heißen.“

Es dauerte eine kleine Weile, die Lilly schrecklich lang vorkam, doch dann fragte die Stimme: „Bist du alleine gekommen?“

Lilly nickte eifrig mit dem Kopf und sprach: „Ja. Ich bin alleine hier.“

Da wurde die Tür ein wenig weiter geöffnet und Lilly durfte eintreten. Drinnen war es sehr dunkel. Alle Fenster waren mit dunklem Tuch verhängt. Man konnte kaum sehen, wohin man trat. Lilly wurde behutsam auf eine Sitzgelegenheit geschoben. Dann wurde eine winzige kleine Kerze angezündet. Als Lillys Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie die Maus, die zu der leisen Stimme gehörte. Oh, sie sah ganz krank aus. Sie zog das linke Hinterbein nach und auch der Schwanz war gebrochen. Leise sagte sie: „Ich bin Murmel. Meiner Tante Mimi hat die Wohnung gehört. Wir versuchen, hier wieder gesund zu werden. Aber der Wald ist so groß und so fremd.“

„Wir?“, fragte Lilly. „Wie viele seid ihr denn?“

Murmel antwortete: „Mein Mann, meine Mutter und mein Sohn.“ Dann brach sie in Tränen aus.

Sie tat Lilly so leid. Sie wollte sie trösten und sprach: „Das ist doch schön, ihr seid eine Familie. Darf ich euch alle kennenlernen?“

Murmel schluchzte noch immer heftig und sagte: „Heute nicht, Lilly, sie sind alle krank. Komm morgen Abend nach dem Abendessen vorbei, dann stelle ich dir alle vor. Aber versprich mir, alleine zu kommen, und erzähle niemandem von uns.“

Lilly versprach es und verließ hastig die Wohnung. Sie grübelte, was es wohl mit Murmel und ihrer Familie auf sich hatte. Und niemandem durfte sie von ihrem Besuch erzählen. Sie hielt es kaum aus. Aber vielleicht erfuhr sie morgen Abend mehr über die seltsame Familie.

Den restlichen Tag war Lilly sehr still und hielt sich von den anderen Mäuschen fern. Sie legte sich unter ihren Lieblingshagebuttenbusch und schaute zu den Baumwipfeln empor. Einige Male rief ihre Mutter nach ihr. Lilly antwortete nur kurz und blieb unter dem Busch liegen. Sie wollte nicht bei ihren Brüdern oder Eltern sein, denn dann hätte sie sich bestimmt verplappert und die anderen hätten Lillys Geheimnis erfahren. Nach dem Abendessen verschwand Lilly augenblicklich in ihr Bettchen.

„Bist du krank?“, fragte ihre Mutter. „Du gehst doch sonst nicht freiwillig ins Bett.“

„Nein, nein“, versicherte Lilly. „Alles in Ordnung. Ich bin nur sehr müde.“

„Na gut, dann schlaf schön mein Kind.“

Am nächsten Tag war großer Waschtag. Alle halfen mit. Der Vater und die Brüder holten das Wasser und Lilly und ihre Mutter wuschen die gesamte Wäsche. Zum Trocknen wurde die Wäsche ins Gras gelegt und die Sonne tat ihr Übriges. So dauerte es nur einige Stunden und die gesamte Wäsche war trocken. Nun konnten die Kinder spielen. Die Eltern gingen Kräuter und Pflanzen für die nächste Mahlzeit sammeln.

Lilly wollte Beeren für den Nachtisch holen. Sie konnte machen, was sie wollte, aber die Zeit schien still zu stehen. Erschöpft von der Arbeit schlief Lilly nach dem Mittagessen ein. Sie erwachte erst am späten Nachmittag. Sie sprang auf, streckte sich und hüpfte ein paar Mal auf und ab. Dann war sie fit. Die Nachmittagssonne schien und am Himmel waren kleine weiße Wolken zu sehen. Sie ähnelten Lämmern. Lilly blickte zum Himmel und träumte. Einen Augenblick später lag sie im Gras.

Ihr Bruder Franz hatte sie unabsichtlich beim Spielen umgeschubst und brummelte: „Wo hast du deine Augen, Lilly? Hast du mich nicht gesehen?“

Lilly schüttelte den Kopf. „Nein, wo bist du so plötzlich hergekommen?“

„Wir spielen Verstecken und ich musste mich frei schlagen. Jetzt habe ich es nicht rechtzeitig zum Baum geschafft und habe verloren. Spiel doch mit. Du bist dran und musst uns alle suchen“, rief Franz.

„Na gut“, willigte Lilly ein.

So spielte sie noch eine Weile mit den Mäusejungen. Lilly kannte den Wald um ihre Wohnung herum sehr gut. Deshalb fand sie ihre Brüder auch sehr schnell. Doch die Zeit wollte nicht vergehen. Lilly wartete sehnsüchtig auf den Abend, denn dann sollte sie endlich das Geheimnis der neuen Familie erfahren.

Endlich rief die Mutter zum Essen. Hastig aß Lilly. Dann tat sie furchtbar müde und gähnte ununterbrochen. „Ich gehe ins Bett“, murmelte sie, „bin schrecklich müde.“

„Aber du hast doch heute Mittag geschlafen“, sagte Max.

„Na, Mädchen halten eben nichts aus“, ergänzte Georg.

Lilly schlich in ihr Zimmer. Aber sie ging nicht schlafen. Sie war ganz aufgeregt. Heute sollte sie Murmels Familie kennenlernen. Wie sie wohl sein würde? Sie hörte, wie die Mäusejungen wieder raus zum Spielen gingen. Ihre Eltern setzen sich vor die Tür und unterhielten sich. Das war gut so. Da alle draußen beschäftigt waren, bemerkte niemand, dass Lilly aus dem Fenster kletterte und hinter dem Baum in entgegengesetzte Richtung lief. Es war nicht weit bis zu Murmels Wohnung. Unterwegs pflückte sie wieder ein kleines Gänseblümchen und einige Beeren. Die wollte sie als Geschenk mitnehmen.

Leise klopfte sie an die Tür. Wieder öffnete sich die Tür nur einen Spaltbreit und Murmel fragte leise: „Bist du es, Lilly?“

„Ja“, erwiderte Lilly. Auch sie flüsterte.

Die Tür öffnete sich und Lilly trat ein. Dieses Mal waren die Vorhänge aufgezogen und die Abendsonne schien noch ein wenig durch die Fenster.

„Guten Abend“, sagte Lilly. „Ich habe Beeren mitgebracht, ich hoffe, ihr mögt Beeren.“

Nun sah Lilly die ganze Familie. Sie saßen alle am Tisch und hatten gerade ihr Abendessen verzehrt. An der Stirnseite des Tisches saß eine ältere, etwas dickliche Maus. Murmel stellte sie Lilly vor. „Da ist meine Mutter, Irma Maus.“

An der gegenüberliegenden Seite saß Murmels Mann, Manfred Maus. Außerdem saß da noch ein Mäusejunge. Das musste Murmels Sohn sein. Murmel sagte: „Das ist Fips, unser Sohn. Es geht ihm nicht so gut, er ist noch ganz benommen von dem weiten Weg und den Ereignissen unserer Reise.“

Lilly musterte Fips und sagte dann: „Hallo, Fips, ich bin Lilly.“

Schüchtern, fast verängstigt, blickte Fips sie an. „Hallo, Lilly“, flüsterte er.

„Nun kennst du unsere ganze Familie“, war Murmel wieder zu vernehmen. „Alle, die es hierhergeschafft haben.“

„Was ist euch passiert?“, wollte Lilly wissen.

Und nun erzählte Murmel die ganze Geschichte: „Wir lebten auf einem Feld, ziemlich weit weg von hier. Wir waren eine große und glückliche Familie. Außer uns vier gab es unseren Opa, Freddy Maus, und meine Schwester Molly mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern. Es ging uns gut. Wir hatten schöne Behausungen und genügend zu essen. Die Vorratskammer war immer gut gefüllt. Aber dann passierte es. Der Bauer war mit seinem Traktor auf dem Feld unterwegs, als es plötzlich krachte und unsere Wohnung einstürzte. Wir konnten uns alle retten. Aber wir hatten keine Wohnung mehr. Wir erinnerten uns an Tante Mimis Wohnung, die sie uns hinterlassen hatte, als sie zu ihren Kindern an den Fluss gezogen war. Hier wollten wir uns mit dem Rest der Familie treffen. Aber bis heute ist niemand gekommen. Wir werden die anderen Familienmitglieder wohl nie wiedersehen“, beendete Murmel ihren Bericht.

Lilly war während des Erzählens ganz traurig geworden. Aber plötzlich sagte sie: „Vielleicht haben sie sich nur verlaufen und kommen später.“

„Ja, vielleicht“, seufzte Irma Maus.

„Nun erzähle du uns was von dir und deiner Familie“, forderte Murmel Lilly auf.

Lilly erzählte von ihren Eltern und ihren Brüdern. Sie berichtete über die Nachbarn und erzählte, dass es hier keine Mäusemädchen gab. Mittlerweile war es dunkel geworden. Lilly fragte: „Darf ich morgen wiederkommen? Ich könnte Fips die Umgebung zeigen.“

Erschrocken piepste Fips: „Nein, nein, lieber nicht.“

Aber Murmel sagte: „Ja, Lilly, komm morgen wieder.“

Lilly war glücklich und dankbar. Artig verabschiedete sie sich und lief geschwind nach Hause. Sie nahm den gleichen Weg zurück und niemand sah sie. Ihre Familie hatte nicht bemerkt, dass Lilly fort gewesen war. Sie schlüpfte in ihr Bett und augenblicklich fielen ihr die Augen zu.

Am nächsten Morgen erwachte Lilly bereits mit den ersten Sonnenstrahlen. Geschwind lief sie in die Küche. Ihre Mama bereitete das Frühstück vor. Lilly half ihr dabei und deckte den Tisch. Gemütlich frühstückte die ganze Familie. Es war ruhig am Tisch, denn Georg und Franz waren noch nicht richtig munter.

Aber Max plapperte munter drauf los. „Was machst du heute, Schwesterlein?“, fragte er. „Wir spielen im Wald. Willst du mitkommen?“

Augenblicklich sagte Franz: „Nein. Das geht nicht.“

„Heute spielen nur die Jungs“, ergänzte Georg.

„Ich wollte sowieso nicht mitkommen“, erwiderte Lilly und steckte Georg die Zunge raus. „So“, dachte sie, „die Brüder bin ich los. Wenn ich mit Fips nicht in den Wald gehe, begegnen wir ihnen auch nicht.“

Nach dem Frühstück stürmten die Mäusejungen los. Lilly ging gemächlich aus dem Haus. Aber kaum war sie außer Sichtweite, rannte sie blitzschnell zu Murmels Haus. Sie traf Murmel vor der Tür mit einem Fingerhut Wasser.

„Guten Morgen Murmel“, rief Lilly schon von Weitem.

„Dir auch einen schönen guten Morgen, Lilly“, grüßte Murmel.

„Ist Fips schon bereit?“, wollte Lilly wissen.

„Ich sehe gleich nach“, antwortete Murmel.

Lilly hörte, wie Fips sich drinnen wehrte. „Nein, ich will nicht mit dem Mäusemädchen gehen“, sagte Fips. „Vor Waldmäusen habe ich Angst. Der ganze Wald macht mir Angst. Ich will wieder aufs Feld, Mama.“

„Lilly ist nett“, sagte Murmel. „Geh mit ihr mit, sie kann dir die Gegend zeigen.“

Alles Flehen und Betteln half nicht – Fips musste mit Lilly gehen. Und diese tat so, als hätte sie von dem Gespräch nichts mitbekommen. Sie nahm Fips bei der Hand und lief fröhlich plaudernd mit ihm davon. Lilly redete ununterbrochen und Fips hörte geduldig zu. „Magst du den Wald, Fips?“, fragte Lilly.

„Ich ... ich weiß nicht so recht“, stotterte Fips. „Er ist ziemlich groß und dunkel.“

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Lilly, „ich bin bei dir. Aber lass uns heute an den Tümpel zu meinem Freund Willy gehen. Den Wald können wir auch später erkunden.“ Eigentlich war es Lilly ganz recht, dass Fips nicht in den Wald wollte, denn sonst wären ihnen vielleicht Lillys Brüder begegnet.

Etwas schüchtern fragte Fips: „Wer ist Willy? Ist er gefährlich?“

„Nein“, beruhigte Lilly ihn. „Willy ist ganz lieb, manchmal ein bisschen nass und glitschig.“ Lilly hatte wieder Fips’ Hand genommen und so gingen sie weiter. Plötzlich rief Lilly: „Lass uns um die Wette laufen, Fips, bis zu dem großen Stein da vorne.“ Fips war einverstanden. Lilly zählte: „Eins, zwei, drei und los.“ Sofort flitzte sie los. Und siehe da, sie kam als Erste ans Ziel. Kurz nach ihr kam Fips an. Lilly freute sich riesig. Sie hatte noch niemals gegen ihre Brüder gewonnen. Vor Vergnügen quietschte Lilly und fiel Fips um den Hals. Jetzt war Fips ganz verwirrt. Aber irgendwie merkte er, dass Lilly es gut mit ihm meinte. Und er fand sie richtig nett. Sie neckten sich noch eine Weile und dann standen sie vor einem Tümpel. Er war nicht groß, aber er war ziemlich rund und in der Mitte blühten mehrere Seerosen in einem leuchtenden Gelb. Am Ufer wuchsen Schilfrohre. Lilly ging ganz nah ans Wasser. Fips blieb ängstlich zurück. „Geh nicht weiter, Lilly“, piepste Fips, „sonst fällst du noch in den Tümpel.“

Lilly lachte. „Dann kommt Willy und rettet mich.“ Zugleich bemerkte sie, dass von Willy nichts zu sehen war. Deshalb rief sie laut nach ihm.

Es dauerte eine Weile, dann hörte man ein Glucksen und eine tiefe Stimme quakte: „Wer ruft nach mir? Bist du das, Lilly?“

„Ja“, rief wieder Lilly, „ich bin es und sieh mal, wen ich dir heute mitgebracht habe?“

Behäbig kam Willy ans Ufer. Erstaunt fragte er: „Wer ist dein neuer Freund, Lilly?“

Bereitwillig gab sie Auskunft. „Das ist Fips, unser neuer Nachbar. Er kommt von weit her.“

„So, so“, brummelte Willy, „du bist Fips. Aber was für ein Mäuschen bist du denn? Du siehst nicht wie Lilly aus. Dein Schwanz ist so kurz.“

„Ich bin eine Feldmaus“, erklärte Fips stolz, „alle in meiner Familie haben einen kurzen Schwanz.“

Willy, der Frosch war mit der Erklärung zufrieden. Willy quakte noch ein wenig, bevor er mit sieben großen Sprüngen auf einem Seerosenblatt landete.

Lilly erzählte Fips alles, was sie selbst über den Tümpel wusste. Fips gähnte einige Male herzhaft, doch Lilly schien es nicht zu merken und redete munter weiter, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen.

„Ich weiß aber nicht, wie wir wieder zu unserem Bau kommen“, flüsterte Fips.

„Dafür kenne ich den Weg umso besser“, stellte Lilly fest und lachte dabei. Geschwind liefen die beiden Mäuschen – sich an den Händen haltend – heim. Als sie Fips Unterkunft erreichten, wartete Mama Murmel schon.

„Was hast du alles gesehen?“, wollte sie wissen.

Bevor Fips antwortete, rannte Lilly schon weiter und rief: „Ich komme heute Nachmittag wieder.“

Zu Hause wartete man bereits auf Lilly. Die ganze Familie saß am Tisch. „Wo warst du bloß?“, fragte Max. „Wir konnten dich nirgends finden.“

„Ich habe Willy am Tümpel besucht und darüber habe ich die Zeit vergessen“, antwortete Lilly.

„Das habe ich bemerkt“, sagte die Mutter. „Aber jetzt wird gegessen Kinder und dann ab ins Bett zum Mittagsschlaf.“

Ach, was war das Leben als kleine Waldmaus doch schön. Das Essen, Spielen und Schlafen waren die Hauptbeschäftigungen der Mäuse. Der Wald bot ihnen Nahrung und Unterkunft. Hier bei den Buchen lebten einige Mäusefamilien. Die Mäusehöhlen waren ähnlich ausgestattet. In jeder gab es eine große Vorratskammer. Die wurde besonders im Herbst randvoll mit leckeren Sonnenblumenkernen, Bucheckern und Grassamen gefüllt. So konnten die Mäuse auch einen kalten Winter überstehen. Es gab einen Bereich, wo die Mäuse ihre Mahlzeiten einnahmen. Die Schlafstätten waren nicht in jeder Höhle gleich. Es gab Familien, da schliefen alle Mäuse in einer gemeinsamen Höhle auf weichem Moos. In anderen Unterkünften – wie bei Lillys Familie – hatten die Kinder ihre eigenen Schlafplätze.

Nach dem Mittagsschlaf liefen die Mäusejungen wieder in den Wald, während Lilly zu Fips sprang. Als sie beim Maushaus angelangt war, wartete Fips schon ungeduldig: „Gehen wir wieder spielen?“

„Ja, gerne“, antwortete Lilly. „Ich kenne einen sehr schönen Platz zum Spielen.“

„Ist es weit?“, wollte Fips wissen.

„Lass dich überraschen“, flüsterte Lilly und dabei lächelte sie vielsagend. Nach einem Stück Weg durch den Wald gelangten sie zu einer Lichtung. Es war eine wunderschöne Blumenwiese, die übersät war mit Gänseblümchen und kleinen pinkfarbenen Glockenblumen. Fips war völlig überrascht, solch eine Wiese im Wald zu entdecken. Beide Mäuschen rannten gleichzeitig los. Sie sprangen in der Wiese herum, fielen hin, kugelten sich und sprangen wieder auf die Füße. Die Blumen verströmten einen feinen Geruch und kitzelten die kleinen Nasen der Mäuschen. Fips musste immer wieder niesen. Sie rannten hin und her, bis sie vor Müdigkeit ins Gras sanken. Lilly stimmte ein kleines Liedchen vom Käfer mit den schwarzen Punkten an und Fips schlummerte friedlich ein. Lilly blickte zum Waldrand und entdeckte zwei spielende Eichhörnchen ganz in ihrer Nähe. Aber die beiden waren so mit sich beschäftigt, dass sie die Mäuschen im Gras nicht bemerkten. Auch Lilly kämpfte mit dem Schlaf. Sie versuchte, wach zu bleiben. Denn wenn sie beide einschliefen, konnte es leicht passieren, dass ein Raubvogel, vielleicht ein Mäusebussard, sie entdecken und jagen würde. Aufmerksam beobachtete sie den Himmel. Aber heute war nichts zu sehen.

Nach einer Weile weckte sie Fips. Der blinzelte verschlafen und fragte: „Was ist passiert?“

„Nichts“, beruhigte ihn Lilly, „aber es ist schon spät und wir sollten heimgehen, bevor die Käuzchen erwachen.“

Auf dem Heimweg zeigte Lilly Fips einige Pflanzen und Kräuter und erklärte, was sie bewirken.

„Was du alles weißt“, lobte Fips.

„Hab ich von meiner Mama gelernt. Ich erzähle dir gern alles, was ich weiß.“

So kamen sie munter plaudernd bei Fips Wohnung an.

Murmel Maus wartete schon auf die beiden Mäusekinder. „Gut, dass ihr zurück seid. War es schön? Ich habe eine kleine Stärkung für euch.“ Und damit schob sie den beiden ein Schälchen mit Milch hin.

Fips schwärmte: „Was Lilly alles weiß, Mama. Sie kennt jede Pflanze und wir waren auf einer Wiese mit gelben und blauen Blumen.“

Kaum hatte Lilly die Milch getrunken, verabschiedete sie sich: „Dann bis morgen.“

„Bis morgen“, rief Fips und winkte ihr hinterher.

Lilly drehte sich um und fragte: „Möchtest du nicht mal meine Familie kennenlernen?“

„Ich weiß nicht“, piepste Fips.

„Überleg es dir“, meinte Lilly. Dann lief sie davon.

Lilly hüpfte und trällerte ein Liedchen dabei. Und in Nullkommanichts war sie zu Hause angelangt.

„Na, Lilly, du freust dich ja so“, sagte ihre Mutter.

„Ich hatte einen wunderschönen Tag“, erwiderte Lilly.

„Willst du mir nicht erzählen, was du Schönes erlebt hast?“, hakte die Mutter nach.

Lilly wollte gern, aber sie hatte doch versprochen, nichts zu erzählen. Eine Weile druckste sie herum. Dann schlich sie ganz nah zu ihrer Mutter und flüsterte: „Darf ich dir ein Geheimnis anvertrauen? Du darfst aber niemandem davon erzählen.“

„Ja, Lilly“, sagte die Mama, „du machst mich ganz neugierig. Wenn du möchtest, bleibt es natürlich unser Geheimnis.“

Überglücklich umarmte Lilly ihre Mama und dann sprudelte es nur so aus ihr heraus. Sie erzählte, wie sie Fips und seine Familie kennengelernt hatte und was sie heute alles zusammen erlebt hatten. Zwischendurch runzelte die Mama die Stirn, besonders als sie von dem nächtlichen Ausflug ihrer Tochter erfuhr. Sie freute sich, dass Lilly einen neuen Freund gefunden hatte. Aber sie nahm Lilly auch das Versprechen ab, nie wieder alleine nachts das Haus zu verlassen. Lilly versprach es. Sie hatte noch so viele Fragen an die Mama. Sie wollte auch wissen, ob sie Fips morgen einladen dürfte. Die Mama erlaubte es und wollte auch die ganze Familie von Fips kennenlernen.

Am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück rannte Lilly zu Fips. Fips wartete bereits auf sie. Bevor sie jedoch losstürmten, überbrachte Lilly die Einladung für die ganze Familie für den Nachmittag. Ehe Murmel Maus etwas erwidern konnte, hatte Lilly Fips bei der Hand genommen und sie waren davongerannt.

„Kinder“, dachte Murmel und freute sich, dass ihr Fips eine so nette Freundin gefunden hatte. Dann widmete sie sich ganz dem Besuch bei Lillys Eltern. Oh sie musste noch viel vorbereiten.

Derweil waren Lilly und Fips unterwegs. Heute wollte Lilly ihm was Neues zeigen. Sie kannte eine schöne Stelle, wo ein lustiger Buntspecht wohnte. Das war am Waldesrand. Sie hatten einen ziemlich langen Weg vor sich. Es ging vorbei an Brombeerhecken und Walderdbeeren. Das Gras war teilweise so hoch, dass die beiden Mäuschen von niemandem gesehen werden konnten.

Schon von Weitem hörten sie das Klopfen des Buntspechts. Er holte sich seine Lieblingsspeise aus den Baumstämmen. Er mochte die Würmchen und Käfer besonders gern. Lilly kannte ihn gut.

Als der Specht die beiden Mäuschen erblickte, kam er heran und setzte sich vor sie auf einen umgefallenen Baumstamm. Der Specht war neugierig: „Hallo, Lilly. Wer ist dein neuer Freund?“

„Das ist Fips“, erzählte Lilly stolz.

Der Specht betrachtete Fips und als er seinen kurzen Schwanz sah, wurde er nachdenklich. „Gibt es noch mehr von deiner Sorte?“

„Wir sind vier“, antwortete Fips.

„Erst heute Morgen habe ich fünf Mäuse mit einem kurzen Schwanz am Waldrand gesehen.“

„Wo war das?“, rief Fips aufgeregt. „Wie sahen sie aus?“

„Also“, sagte der Specht, „wie sollen sie schon ausgesehen haben. Mäuse sehen sich alle ein wenig ähnlich. Aber es war eine ziemlich alte Maus, zwei Erwachsene und zwei Kinder.“

Da hielt es Fips nicht mehr aus. Er umarmte Lilly und piepste ganz aufgeregt: „Das waren mein Opa und meine Tante Molly mit ihrer Familie. Ich bin mir ganz sicher. Wo hast du sie gesehen, lieber Specht? Wir müssen sie finden.“

„Immer mit der Ruhe“, war der Specht zu vernehmen. „Sie huschten hier durch den Wald in Richtung des Fichtenwäldchens.“

„Wir müssen zu ihnen. Bitte hilf uns suchen“, bat jetzt auch Lilly.

„Ist gut“, antwortete der Specht. „Ich fliege voraus und ihr folgt mir am Boden. Gemeinsam werden wir sie schon finden.“

Und genauso machten sie es.

Es verging eine Stunde, in der sie dem Specht folgten. Endlich hörten sie das ausgemachte Klopfzeichen des Spechts. Er hatte die Mäuse tatsächlich entdeckt. Schnaufend kamen Lilly und Fips zu der Stelle, an der der Specht bereits auf sie wartete.

Schon aus der Ferne erkannte Fips seine Tante Molly. Er rannte so geschwind, dass er über seine Beine stolperte, hinfiel und der Tante genau vor die Füße rollte.

„Fips“, rief Tante Molly. „Wo kommst du denn her? Wo sind die anderen?“ Sie drückte und herzte den armen Fips so sehr, dass er kaum noch Luft bekam.

Der Opa klopfte Fips auf die Schulter: „Gut gemacht, mein Junge.“ Fips’ Vettern tanzten um ihn herum und dann erblickten sie Lilly.

„Wer ist denn die?“

Stolz präsentierte Fips: „Das ist meine Freundin Lilly. Kommt schnell mit. Mama wird sich freuen.“ Doch so schnell ging es nicht. Die Mittagssonne brannte herunter und der Weg für die erschöpfte Familie wäre zu anstrengend gewesen.

„Am besten lauft ihr beide heim und holt die anderen“, schlug Tante Molly vor. „Wir warten hier auf euch.“

Der Specht bot an: „Ich fliege mit euch, damit ihr sicher ankommt.“

Lilly und Fips liefen, so schnell sie konnten, und der Specht flog, so langsam er konnte. Als die Mäuse endlich daheim ankamen, war es schon spät. Zuerst erreichten sie Lillys Heim.

Die Mama wartete schon: „Wo ward ihr so lange? Mittagszeit ist längst vorüber. Und bist du Fips?“, fragte sie Fips.

„Keine Zeit“, rief der Mäuseknabe. „Muss heim. Ist was passiert.“

„Ich muss ihn begleiten“, schrie Lilly. „Erkläre dir gleich alles.“ Die Mama schüttelte den Kopf und rannte den beiden hinterher.

Kurz vor seinem Elternhaus rief Fips: „Wir haben sie gefunden. Sie sind hier!“

„Wer ist hier? Ich sehe nur eine Frau Maus“, antwortete Murmel.

„Nein, Tante Molly, Opa und die Vettern. Wir haben sie entdeckt.“

„Das stimmt“, mischte sich Lilly ein.

„Kommt alle rein“, bat Murmel.

In der Höhle erzählten Lilly und Fips dann, wie der Specht sie auf die Spur der verlorenen Familienmitglieder gebracht hatte. In der Höhle wurde nun getanzt und gejubelt. Später machten sich die Mausfamilie sowie Lillys Familie auf den Weg, um die restlichen Familienmitglieder aus ihrem Unterschlupf abzuholen. Nur Oma Maus blieb daheim und bereitete ein Festessen vor.

Am Fichtenwäldchen angekommen, lagen sich alle in den Armen – Familie und neue Freunde. Gemeinsam gingen sie nach Hause. Schon unterwegs musste Molly berichten, wie sie das eingestürzte Haus verlassen und dem Fuchs entkommen waren.

Zu Hause angekommen, wurden Fips und Lilly als Helden gefeiert, die die Familie gefunden und zurückgebracht hatten. Alle waren überglücklich. Fips und Lilly aber waren besonders stolz aufeinander und versprachen sich ewige Freundschaft.




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