Ich bin ein japanischer Schriftsteller
Dany Laferriere


Es ist erstmal nur ein Titel: «Ich bin ein japanischer Schriftsteller». Er hat nicht vor, das Buch zu schreiben, doch der Titel will ihn einfach nicht loslassen. Schließlich ist er besessen von der Idee, ein japanischer Schriftsteller zu werden.

In den Fußstapfen des Dichters Bashô begibt er sich auf die Suche nach authentischen japanischen Erfahrungen und sieht sich in einen Mordfall in der Clique um die japanische Sängerin Midori verwickelt. Über ein Interview wird das japanische Konsulat auf ihn aufmerksam. Dass ein Ausländer, noch dazu ein Schwarzer, behauptet ein japanischer Schriftsteller zu sein, verstört die nationale Befindlichkeit in Japan. Das japanische Konsulat in Montreal wird auf ihn angesetzt. Ein Buch, das er noch nicht geschrieben hat, macht ihn in Japan berühmt, bei der japanischen Jugend zur neuen Kultfigur …

Ein teuflisch intelligenter, wunderbar sinnlicher und unwiderstehlich humorvoller Roman, mit dem Dany Laferrière, scheinbar unberührt von gängigen Klischees, eine nachdenklich stimmende Antwort auf die uns alle beschäftigenden Fragen gelingt: worin wir Menschen uns ähneln und worin wir uns unterscheiden, wer und was über unsere Identität und Zugehörigkeit bestimmt.







Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.






Titel der Originalausgabe:

Je suis un écrivain japonais

© 2008 Éditions Grasset & Fasquelle, Paris

© 2020 Verlag Das Wunderhorn GmbH

Rohrbacherstraße 18, D-69115 Heidelberg

www.wunderhorn.de (http://www.wunderhorn.de)

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

eISBN 978-3-88423-629-1




Ich bin ein japanischer Schriftsteller


Dany Laferrière

Aus dem Französischen

übersetzt von Beate Thill.


„Der wahren Poesie

Uranfänge – das sind die Pflanzerlieder

Eurer Hinterlande!“

BASHÔ




Für alle, die gerne

jemand anderes wären.

1 (#ude3459f5-97d2-5e25-8885-9087d6982349)Bashô: Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland, übersetzt u. annotiert von G. S. Dombrady, Mainz (Dieterich), 2016, S. 99.




Inhalt


Der Schnellste (#ub8ab5360-7b9d-5593-a9b6-303c86233a77)

Beim Fischhändler (#uff42718b-cb6f-530b-8c91-959be6e3e13d)

Ein Lachs in Panik (#u9102ed91-9ad6-5b16-99ad-e13078fc718c)

Asien im Taschenformat (#u1be9c400-8374-517a-8c0d-92f88d0c9e36)

Immer auf den Beinen (#ue21b6714-c623-528f-8017-7f55dd3d62e6)

Mit Bashô in der Metro (#u85920e8b-50e0-56c7-8a5b-697a274131fe)

Der Kuss im Café Sarajewo (#u0a33bfa2-b784-5579-b1e7-c5a140ef157b)

Der Japaner vor dem Eiffelturm (#u247faae7-ac6d-5c35-801c-bad1f9c06a26)

Björk, das Voodoo-Püppchen (#u25faa27c-1165-5193-b926-d07bf732d825)

Naive Maler (#u71b5ab6e-5d91-5ed6-b3c1-d886d8a474b8)

Objekte (#u7d8c468d-35e4-519a-ae54-e423ba7a5c04)

Die Clique von Midori (#u8bd79300-87d1-5b8d-b771-3cb707e8051b)

Ein vergifteter Kuss (#u332b5c50-96ee-5612-8955-3af83558ac50)

Eikos langer Rücken (#u76452f63-99c0-535d-b356-80d2a70c76d0)

Überkreuz (#u4804db80-3628-57c4-98ef-4493980218f2)

Die Maschine Mensch (#ua677dcc3-cd43-5e53-abe0-c8d01da84016)

Die Niederlage des Schwarzen (#ud3af17f1-6f1c-5ed0-b744-d169dc8d127c)

Ein Sonntag in der Provinz (#u466fa41e-9028-5b29-a3db-2b46a0712764)

In der Badewanne (#u56ae55d8-0bb3-5971-8bb2-6fd7084d0981)

Der kleine Tod (#ud3e12fc1-1aac-58dd-b730-3f29b3c77d2d)

Der letzte Sprung (#uc3462068-79ec-5d70-bf06-6fd39fe62e13)

A song for Midori (#u8fc58267-1722-5d7b-b3a3-61557a690725)

French Kiss (#ud175dd91-c549-5335-a74e-1c5f8851d0b7)

Eine Partie Pingpong (#ub14e7304-253a-5ec9-9da6-b9c9fb6333f9)

Mögen Sie Sushi? (#u315576ce-1316-52ae-9135-fee2dccce4d2)

Sind Sie Schriftsteller? (#u2e95f875-4c6f-5daa-b068-29ad88b47915)

Ein Manga-Tod (#udd71a386-2a45-5555-8a9b-49d11dea823b)

Plato und der Hauswart (#uc9ff4743-1c9b-536b-900d-0c1c1b3efcfa)

Hidekos Geheimnis (#uc8bdfa35-c063-52f0-bfeb-920efb5e2c22)

Der Park (#uf4763ee8-bd07-54a4-8695-4d9ff8f4eefa)

Der Trojanische Krieg (#u419210e3-b29b-569f-aa1a-3f0bd8e713e8)

Spaghetti vor dem Fernseher (#u87ea0fbb-9396-5c75-a3c2-583717d0c17f)

Der Polizeiknüppel (#u67f78d90-2f5a-5a83-b136-8dfbcf9dd93f)

Die Zeit der Mimosen (#u20603bca-09c5-546e-a417-c0d8f09b0637)

Die Wetterfee (#u68a2155a-cc72-55e7-bcd8-769a5546121e)

Herrn Tanizakis Problem (#u0e3466a7-dbae-51a8-b061-3c2221cddc4f)

Amerikanisierung/Japanisierung (#ufdd81066-bd7a-5424-b914-e1ece6dab4c4)

Noch ein Zoom (#u29224a72-4d4f-5bfd-8f7a-94c3cb30ce13)

Ein kaltes Auge (#ue32c9845-2a40-56ec-89b0-522b1a4e6b36)

Weiche Haut (#uc445306a-b64e-53c4-97f7-ee3101addf0d)

Kamikaze (#uf2683859-73c0-59af-ac17-d14254cac59e)

Ein Verleger in Stockholm (#udf0df421-0d9d-54d6-927e-fe942b509492)

Der Kannibale kehrt heim (#u256fa4a3-94e9-5b08-9720-14adef6b4418)

Verwandlungen (#u291ffe67-aa5e-5a3c-8056-4bc7ad846622)

Eine schöne Aussicht auf den Strom (#uf857993c-273d-5702-ae61-48ec2616a9b4)

Chronik einer Enteignung (#uc329089b-28b7-5f9d-8070-24ef42f0e382)

Der magische Moment (#u010075ee-2ea4-5ae7-b96b-e4a63fbb0e24)

Bist du eine Nutte, Haruki? (#ua75624a3-6b9c-56ac-b257-8324afb0c329)

Das Hotelzimmer (#u660a420c-d365-526c-bbd9-d3994c991d27)

Der Tätowierte (#u8101c236-e29f-57d8-ba90-5642972ac1e2)

Cowboystiefel (#uc6460635-d077-5aaa-88fa-e20a0b543a7a)

Hinter geschlossenen Lidern (#u245a28b4-bc9b-5fd1-b963-06d7ee60b8b8)

Ein vergessenes Geheimnis (#uea2bb061-756f-5d12-b2e8-79a59e0b2a37)

Die Gier nach Gold (#u3caaf3cf-331b-5038-9eaf-946e8d6c919f)

Ich bin nicht Borges und Herr Tanizaki ist nicht der Richtige (#uba858ee7-2718-5018-969d-c93079088e07)

Landschaft (#u4e0fac66-fd60-554b-859c-c573ee7a5716)

Die letzte Reise (#ud8509946-9c76-51f0-b9ec-d43a9779c4e4)




Der Schnellste


Ich war ausgegangen, um frischen Lachs zu kaufen, in der Zwischenzeit hatte mein Verleger angerufen. Er wollte wissen, wie weit ich mit diesem verflixten Buch bin. Reden wir lieber von dem Lachs. Früher habe ich ihn nicht vertragen. Wenn ich Lachs aß, erbrach ich ihn zehn Minuten später wieder. Das letzte Mal ist es mir bei einer Freundin passiert. Ich verfehlte die Kloschüssel, putzte ihr Badezimmer und wusch mein Gesicht, bevor ich wieder ins Wohnzimmer ging. Da schwor ich mir endgültig, nie mehr Lachs zu essen. Na schön, dies ist nicht mein erstes gebrochenes Versprechen. Versprechen, die ich mir selbst gebe, verpflichten mich zu nichts – außer vielleicht, dieses Buch zu schreiben. Die Stimme des Verlegers auf Band klang ziemlich sauer, trotz aller Wärme, die er hineinlegen wollte. Ich kann ihn sogar verstehen. Er hatte keine Gewalt anwenden müssen, um mich zu diesem Buch zu überreden. Ich hatte sofort heftig genickt, als er sagte, ich müsste unbedingt ein neues Buch schreiben. Das Wort „neu“ ängstigt mich immer ein wenig. Warum muss es ein neues sein? Es dürfte sich in der Zwischenzeit herumgesprochen haben, dass es nichts Neues mehr gibt. Aber man hält daran fest. Der Kunde will immer etwas Neues. Ich werde diese Debatte nicht wieder aufnehmen, mein Verleger kennt sie zur Genüge. Wir diskutieren jedes Mal darüber, wenn wir uns treffen. Das findet in seinem winzigen Büro statt (eines Tages wird man ihn unter seinen bunt angestrichenen Manuskripten und roten Schmökern herausziehen müssen), manchmal auch in einem Café um die Ecke. Er ist ein großgewachsener junger Mann mit weltverträumten Augen und einem entwaffnenden Lächeln. Ab und zu fährt er sich mit beiden Händen durch die Haare, wie um die Wolken zu vertreiben, die darin hängen. Wir hatten das Café noch nicht erreicht, da hatte ich schon den Titel. Im Titeln bin ich gut. Kurt Vonnegut jr. hat angeblich zu seiner Frau über mich gesagt, und sie hat es mir erzählt (jetzt rede ich wie ein Journalist), ich sei der schnellste „Titler“ von Amerika. Der Schnellste im Titeln, einverstanden, aber ich wüsste gerne, in welchem Zusammenhang er das gesagt hat. Vonnegut redete immer zusammenhanglos, das war überhaupt seine Spezialität. Aber wer braucht schon einen Zusammenhang, um bei einem Essen der Beste zu sein? Billy the Kid: der Schnellste im Schießen. Da fehlt nichts, der Satz ist vollständig und steht für sich. Doch bleibt der Ton. Hat er es in ironischem Ton gesagt? Seine Frau schwieg sich darüber aus. Vielleicht meinte er, ich wäre nur gut im Titeln, so dass man nicht weiterlesen muss. Immer noch besser als ein schlechter Titel, bei dem man nicht weiterlesen will. Unvorstellbar viele gute Bücher werden wegen eines schlechten Titels zu Ladenhütern. Die wenigen Kommentare zu meinen Büchern, die ich in Buchhandlungen höre, beziehen sich zu 90 % auf den Titel. Die Leser fragen mich oft, wie mir so ein Titel einfallen konnte. Ich kann es nicht sagen. Ich sitze eine Weile und plötzlich ist er da. Es hat keine zehn Sekunden gedauert, aber er ist fix und fertig. Als hätte er an der Ecke auf mich gewartet. Suchst du einen Titel? Ihnen kann man auch nichts verheimlichen. Er springt mir an die Gurgel und gleich darauf steht er fett auf dem weißen Blatt. Ich sollte ihn lange betrachten, in alle Richtungen drehen und wenden. Jedes Wort, was sage ich, jede Silbe, jeder Buchstabe muss am richtigen Platz sein. Unabhängig davon, was für ein Buch es werden soll, die paar Wörter müssen es vertreten. Es sind die Wörter, die man am häufigsten sieht. Für die übrigen muss man das Buch aufschlagen, doch sie hat man immer vor Augen. Sie enthalten alle Wörter des Buchs. Nicht nötig, den Roman von García Márquez nochmal zu lesen, es reicht, Hundert Jahre Einsamkeit zu sagen, oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Proust (muss man Proust überhaupt noch erwähnen? Kennt nicht jeder den Titel?) und alle Bilder aus dem Buch ziehen vor unseren staunenden Augen vorbei, wie ein erleuchteter Vorhang, der uns von der unerfreulichen Wirklichkeit trennt. Sogleich kommt jene Zeit (die Tage im Café, die Nächte unter der Lampe) aus den Falten unseres Gedächtnisses wieder herauf, und in ihrem Gefolge die vielen neuen Eindrücke bei der Lektüre. Ein guter Titel, was für ein großartiges Passwort! Wenn man einen Titel vorschlägt, der einem gefällt, tut man das am besten mit Vorsicht. Gewöhnlich will der Verleger etwas über den Inhalt wissen. Worum geht es? Heute werden solche idiotischen Fragen tatsächlich noch gestellt. Bei meinem Verleger ist das anders. Er lehnt sich, weiterhin lächelnd, ein wenig an seinem Schreibtisch zurück. Ich nutze die Gelegenheit, mir ein paar Titel in der Umgebung anzuschauen. Nichts Gutes dabei. Also werfe ich ihm den meinigen lässig über den Manuskripteberg hinweg zu. Was? Ich bin ein japanischer Schriftsteller. Kurze Stille. Breites Lächeln. Gekauft! Wir unterschreiben den Vertrag: 10 000 Euro für fünf kleine Wörter. In meiner Begeisterung erzähle ich dem Verleger die Geschichte mit Vonnegut jr. Wir planen schon eine Banderole „Der Schnellste im Titeln“. Aus Scham lassen wir es gleich wieder fallen. Das ist in Europa das Problem: Man fürchtet nichts so sehr wie die Lächerlichkeit. Aber nicht die Lächerlichkeit wird uns töten, sondern die Angst vor ihr. Wir haben die Banderole auch weggelassen, weil das französische Wort titreur für „im Titeln“ leicht missverständlich ist. Die meisten Leser würden wahrscheinlich tireur, „im Schießen“ lesen (schlecht, wenn man sich hier im Deutschen verliest) oder noch schlimmer, tueur „im Töten“. Eigentlich waren wir nur zu feige. Aber zurück zum Titel. Mein Verleger hat ihn in die Hand genommen wie ein Feuerzeug im Rauchverbot. Er hat ihn in alle Richtungen gedreht und gewendet. Mein Titel war immer gleich stark. Plötzlich schrieb er ihn auf das Tischtuch. Im Grunde ziemlich banal – bis auf das Wort „japanisch“. In meinem Fall nicht einmal ein Scherz, denn ich halte mich wirklich für einen japanischen Schriftsteller.




Beim Fischhändler


Ist der Titel gefunden, hat man das Schwerste hinter sich. Aber man muss immer noch das Buch schreiben. Darum kommt man nicht herum. Ich schwimme noch zwischen dem Titel und dem Buch. Befinde mich noch im Ungewissen. Jetzt kommt es darauf an, den Weg, der vor mir liegt, genau zu berechnen. Nicht zu schnell ins Innere des Themas vorzudringen. Du drehst und wendest die Bilder, die du in dem Buch sehen willst, in deinem Kopf hin und her. Du möchtest vor allem, dass sie dir ins Fleisch übergehen, sich mit deinem Blut vermischen, damit du mit Lust schreiben kannst, ohne viel nachzudenken. Es ist nicht leicht, einen Gedanken in eine Emotion zu verwandeln. Man ist ungeduldig, dabei vollzieht sich diese Wandlung nur langsam. Die Zeit kennt deine Ungeduld nicht. Daraus folgt eine diffuse Panik, die dich überallhin begleitet, sogar ins Fischgeschäft. Das Problem ist, du weißt nicht, wovon sich das Monster ernährt. Du gehst spazieren. Du setzt dich auf eine Parkbank und schaust zu, wie die Wolken ziehen. Du kuckst amüsiert einem kleinen Mädchen zu, das mit seinem Hund spielt. Du betrachtest den Himmel mit seinem tief hängenden Bauch voll schwerer schwarzer Gewitterwolken. Du ertappst dich dabei, selbst deinen Bauch öffnen zu wollen, um nachzuschauen, ob sich das Tier von Ängsten oder von Bildern ernährt. Du sitzt benommen da. Offen. Alles kann hereinkommen. Eine kurze Erholung. Du atmest die frische Luft. Du staunst über ein einfaches trockenes Blatt, das gerade vom Baum gefallen ist. Die Zeit davor erscheint dir prallgefüllt mit Sorglosigkeit. Mieses Wetter heute Morgen. Du schaust die Leute an, ohne sie zu sehen. Du hörst zu, ohne zu verstehen. Du bist anderswo, weißt nur nicht wo. Du nimmst jedes Detail viel zu wichtig. Wenn alles mit diesem Detail anfinge? Du ziehst eine Nummer und stellst dich im Fischgeschäft in die Schlange. Seit einer Weile hörst du nicht mehr, was man dir sagt, beobachtest aber die Leute genau, die nicht mit dir reden. Du bereitest dich darauf vor, alle anderen zu werden.

Der Fischhändler, ein Grieche, berührte mich am Oberarm, während er mir, in braunem Papier gut verschnürt, den Lachs reicht.

„Schreiben Sie gerade ein zweites Buch?“

Ich habe vierzehn Bücher geschrieben, aber er ist beim ersten stehen geblieben. Seit zwanzig Jahren stellt er mir die gleiche Frage. Die Antwort interessierte ihn nicht. Er war schon beim nächsten Kunden. Nur um seine Reaktion zu prüfen, warf ich ihm beim Hinausgehen zu:

„Ich bin ein japanischer Schriftsteller.“

Jetzt schaute er mich wieder an.

„Was heißt das? Haben Sie die Nationalität gewechselt?“

„Nein, das ist der Titel meines neuen Buchs.“

Er warf seinem Gehilfen einen leicht verunsicherten Blick zu, der junge Mann war damit beschäftigt, die verkaufte Ware zu verpacken. Mein Fischhändler schaut den, mit dem er spricht, nie direkt an.

„Dürfen Sie das überhaupt?“

„Das Buch schreiben?“

„Nein, behaupten, Sie seien Japaner.“

„Das weiß ich nicht.“

„Haben Sie denn die Absicht, Ihre Nationalität zu wechseln?“

„Auf keinen Fall. Das habe ich einmal gemacht, das reicht …“

„Sie sollten sich informieren.“

„Wo?“

„Ich weiß nicht, bei der japanischen Botschaft. Oder können Sie sich vorstellen, dass ich eines Morgens aufstehe und meinen Kunden sage, ich sei über Nacht ein polnischer Metzger geworden?“

„Wohl eher ein polnischer Fischhändler, da Sie doch in der Fischbranche sind.“

„Schon gar kein polnischer Fischhändler“, sagte er, während er sich dem nächsten Kunden zuwendete.

Einem Typen, der zu allem seine Meinung abgibt, gelingt es am Ende immer, dir einen Floh ins Ohr zu setzen. Ich werde dennoch meinen Verleger anrufen und ihn fragen. Es dürfte kein Problem geben.




Ein Lachs in Panik


Ich bereite den Lachs auf eine spezielle Art zu. Das hat mit dem Lachs nichts zu tun, das Problem bin ich. Ich gebe sehr wenig Wasser in einen Topf, mit etwas Zitronensaft, dünnen Zwiebelscheiben, frischem Knoblauch, Salz, Pfeffer, Chili und einer dicken roten Tomate, die ich später zerdrücke, damit nur der Saft bleibt. Das alles lasse ich nicht länger als drei Minuten kochen. Dann drehe ich die Flamme fast ganz runter und lege den Lachs vorsichtig in seiner ganzen Länge in die Sauce. Normalerweise würde ich die Küche verlassen und etwa zwanzig Minuten später zurückkommen, um den Reis und das Gemüse zuzubereiten. Aber jetzt bleibe ich wie angewachsen stehen und schaue zu, wie der Lachs bibbert. Und ohne jeden Grund mache ich mir Sorgen. Worüber? Über alles. Warum? Ich kann es nicht sagen. Man darf meine Fragen nicht zu ernst nehmen. Ich stelle andauernd Fragen und gebe die Antworten selbst, um zu vergessen, dass ich alleine bin. Sonst schweige ich. Fürchterlich, was man alles machen muss, nur um sich am Leben zu halten. Im Moment überrollt mich die Unruhe in solchen Wellen, dass ich darin ertrinken könnte. Schwitzend vor Angst. Ich beginne mir Sorgen um meine Mutter dort drüben zu machen. Ihre Stimme hat mir gar nicht gefallen, als wir das letzte Mal miteinander telefoniert haben. Eine kleine, brüchige Stimme. Ich weiß, meine Mutter hat nie eine kräftige Stimme besessen, aber diesmal hat sie besorgniserregend geklungen. Das ist schon gut einen Monat her, aber erst jetzt kommt die Wirkung. Ich hatte viel zu tun, das stimmt. Womit? Ich weiß es nicht mehr. Im Moment habe ich nichts anderes vor, als zuzusehen, wie mein Lachs köchelt. Eines betrübt mich besonders: Sie hätte es so gerne gehabt, wenn ich einen anderen, sicheren Beruf gewählt hätte. Und jetzt, mit über fünfzig, weiß ich noch nicht einmal, welche Sorte Schriftsteller ich bin. Daran hatte ich auch noch nicht gedacht: Wie werden sie es dort drüben aufnehmen, dass ich ein japanischer Schriftsteller geworden bin? Ich sehe zu, wie der Lachs langsam fest wird. Am Ende übertrage ich ihm immer meine Panik. Und dann muss ich wieder einen panickenden Lachs essen. Ich weiß nicht einmal, was mir Angst bereitet, ob es der Plan ist, ein neues Buch zu schreiben oder ein japanischer Schriftsteller zu werden. Daher die Grundsatzfrage: Was ist ein japanischer Schriftsteller? Ist es einer, der in Japan lebt und schreibt? Oder einer, der in Japan geboren ist und trotzdem schreibt (es gibt Völker, die sind glücklich, ohne die Schrift zu kennen)? Oder jemand, der nicht in Japan geboren ist, die Sprache nicht kennt, und plötzlich ein japanischer Schriftsteller werden will? Wie in meinem Fall? Ich muss es mir einfach einbläuen: Ich bin ein japanischer Schriftsteller. Sonst bin ich dieser nackte Schriftsteller, der sich, nur mit einem Küchenmesser bewaffnet, in den Dschungel der Sätze wagt.




Asien im Taschenformat


Ich kenne niemanden aus Asien. Ich würde mit jedem Mädchen mitgehen, das Asie heißt, denn es klingt wie Seide. Bei Asien denke ich auch an eine blanke Waffe. Der Hals, schnell durchtrennt, eine Kette aus roten Blutstropfen. Wenn der Tod so rasch eintritt, ist das beruhigend. Ich denke an den asiatischen Kontinent wie ein Entdecker aus dem 19. Jahrhundert. Ich sitze in meinem Zimmer und stelle mir alles nur vor. Aber ich kenne diesen Typen, der immer im Square Saint-Louis herumhängt. Ich weiß nicht, wo er herkommt. Asien ist so riesig. Weiß er selbst es denn noch? Wenn einer so lange nicht in sein Land zurückgekehrt ist, verliert die Herkunft ihre Bedeutung. Was nützt es, wenn du aus einem Land bist, aber nicht einmal mehr dessen Sprache sprichst?

„Du bist nicht zufällig Japaner?“

„Korea. Ich bin Koreaner.“

„Japan, Korea, ist das nicht das Gleiche?“

Er wirft mir einen wütenden Blick zu.

„Dabei hatte ich immer den Eindruck“, bemerke ich, „dass ihr was gemeinsam habt.“

„Was denn?“

„Asien.“

Ich liebe einfach dieses Wort. Der Kontinent, der Amerika am nächsten liegt. Der eine ist zu alt, der andere zu neu. Beide beginnen mit dem Buchstaben A.

Ich hatte einen Menschen aus Fleisch und Blut vor mir, aber ich kümmerte mich nur um Bezeichnungen. Das ist meine europäische Seite.

„Was willst du eigentlich?“

„Ich möchte eine japanische Erfahrung machen …“

Der Koreaner war nicht sicher, ob ich scherze. Ich blieb ernst: Für mich ist einfach alles ernst und nichts ist es wirklich. So nehme ich das Leben. Nicht einmal bei mir selbst kann ich unterscheiden, was wahr und was falsch ist. Ich mache dazwischen keinen Unterschied mehr. Im Grunde langweilen mich diese Geschichten um Authentizität zu Tode. Echt. Wenn man in meiner Anwesenheit von Herkunft spricht, bleibt mir buchstäblich die Luft weg. Man wird an einem Ort geboren, danach wählt man aus, wo man herkommt. Plötzlich schien der Typ zu verstehen, was ich suche.

„Kamasutra.“

„Das ist Indien.“

„Ich weiß, aber alle Welt denkt, es sei japanisch.“

„Ich bin nicht alle Welt.“

„Was willst du also?“

„Wissen, wie es dort ist … Die Gerüche, die Farben, die Berührungen …“

„Ich kenne einen jungen Transvestiten.“

„Ein Mädchen wäre besser.“

„Chinesische Zwillinge?“

„Von China war nicht die Rede.“

„Ist alles Asien, haben Sie selbst gerade gesagt.“

„Es hat nichts mit Geographie zu tun … Für mich ist Japan männlich und China weiblich. Ich kann China ficken, aber Japan kriegt mich dran.“

„Du denkst, du kannst China ficken! … Warum nicht Korea?“

„Japan wirkt moderner.“

„Arbeiter mit einer Kamera.“

„Kennst du wirklich niemanden aus Tokio?“

„Wenn ich was finde, geb ich dir Bescheid.“

„Kann ich dir eine Frage stellen? Wie lange warst du nicht mehr in Korea?“

Es ist die Frage, die Raum und Zeit verbindet.

„Ich weiß es nicht … Ich habe meinen Pass verloren.“

„Und wo bewahrst du dein Land auf?“

„Hier, in meiner Tasche.“

Seine Augen hatten ein seltsames Leuchten. Ich ging hinüber zu dem kleinen Buchladen am Platz, ich hatte ein Buch bestellt (Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland von Bashô). Da hörte ich eilige Schritte hinter mir. Ich drehte mich um. Der Koreaner.

„He, ich hab Durst! Deinetwegen hab ich so viel geredet.“

„Na und?“

„Nur Geld für ein Bier.“

„Du hast mir aber nichts gegeben.“

„Was wolltest du denn?“

„Asien. Genauer gesagt Japan.“

Eine Weile tanzte er vor mir herum. Manche Leute denken mit dem ganzen Körper nach. Die Lust auf ein Bier tat ihr übriges.

„Ach ja … Sie ist Sängerin.“

„Genau, was ich brauche.“

„Ich garantiere für nichts … Ich kann dir nur sagen, wo sie sich aufhält. Das kostet zwanzig Dollar.“

Ich gab ihm das Geld, ohne Widerrede.

„Café Sarajewo.“

„Wie heißt sie?“

„Midori.“

Ein Ort und ein Name, das genügt mir, um einen Roman zu beginnen.




Immer auf den Beinen


Es herrscht ein ständiger Krieg zwischen Zeit und Raum. Der polizeiliche Raum legt dich fest („He du da, woher kommst du?“). Die kannibalische Zeit frisst dich bei lebendigem Leib. Da ich in der Karibik geboren bin, werde ich automatisch zu einem karibischen Schriftsteller. Die Buchhandlung, die Bibliothek und die Universität haben mich sehr rasch so etikettiert. Aber Schriftsteller und aus der Karibik zu sein, macht aus mir nicht unbedingt einen karibischen Schriftsteller. Warum bringen die Leute immer alles durcheinander? Tatsächlich fühle ich mich nicht karibischer als Proust, der sein Leben im Bett verbracht hat. Ich bin als Kind immer gerannt. Seitdem habe ich diese fließende Zeit in mir. Jede Nacht träume ich von den tropischen Gewittern, die im Hof meiner Kindheit die schweren süßen Mangos von den Bäumen fallen ließen. Der Friedhof im Regen. Die Libelle mit den durchsichtigen Flügeln, die ich an einem Aprilmorgen zum ersten Mal sah. Die Malaria, die mein ganzes Dorf dezimierte und auch meine erste Liebe hinraffte, die mit dem gelben Kleid. Ich lag jeden Abend fiebernd im Bett und las Mishima unter der Bettdecke. Keiner war da, um mir zu sagen, wer Mishima ist. Ich weiß nicht mehr, wem die Bücher gehörten, die noch in gutem Zustand waren. Wie kamen sie in diesen verschlafenen kleinen Ort? Welche meiner fünf Tanten hatte eine Zeit lang für Yukio geschwärmt? War er der Lieblingsautor von einem der jungen Verehrer, die ins Haus kamen? Man weiß oft nicht, wie ein Schriftsteller in eine Familie gelangt. Ich las ihn, um aus dem Gefängnis der Wirklichkeit auszubrechen. Aber ich suchte nicht Zuflucht bei Mishima – für mich war die Literatur nie eine Zuflucht. Ich vermute, Mishima schrieb auch nicht, um zu Hause zu bleiben. Wir trafen uns anderswo, an einem Ort, der weder ganz bei ihm noch ganz bei mir war. Im Raum des Imaginären und des Begehrens. Jetzt werde ich fünfunddreißig Jahre später wieder eingeholt von dieser Glut der Adoleszenz. Wenn die Zeit im Kreis läuft und die Erde sich um die Sonne dreht, brauche ich nur den richtigen Moment abzuwarten, dann zieht meine Mishimaperiode an mir vorbei. Aber wir wollen festhalten, ich war nie total eingenommen von Mishima. Als Jugendlicher hatte ich eines Tages tief unten in dem alten Schrank einen seiner Romane zusammen mit einer Flasche Rum entdeckt. Zuerst läuft es mir hinunter wie Feuer. Danach schlage ich das Buch (Der Seemann, der die See verriet) auf und ein Schwarm überhitzter Vokale und Konsonanten springt mir ins Gesicht. Sie hatten schon eine ganze Weile auf Besuch gewartet. In solchen Fällen ist man nicht wählerisch. Man schaut nicht so genau hin. Das Buch von Mishima hat sich nicht gesagt: „Sieh da, ein guter alter japanischer Leser.“ Und ich habe nicht den verständnisinnigen Blick, bekannte Farben oder ähnliche Empfindungen gesucht. Ich bin in die Welt, die mir geboten wurde, eingetaucht, wie so häufig in den kleinen Bach in der Nähe unseres Hauses. Ich achtete kaum auf den Namen des Autors und erst viel später erfuhr ich, dass er Japaner war. Damals glaubte ich fest daran, dass die Schriftsteller zu einer geächteten Rasse gehörten, die ihr ganzes Leben auf der Welt umherirrte und in allen Sprachen ihre Geschichten erzählte. Offenbar wurden sie so für ein namenloses Verbrechen bestraft. Hugo und Tolstoi waren Zwangsarbeiter. Ich hatte keine andere Erklärung dafür, dass jemand diese dicken Romane schrieb, die ich nachts heimlich verschlang. Ich stellte sie mir vor, wie sie mit Ketten an den Füßen neben einem riesigen, in den Fels gehauenen Tintenfass saßen. Daher scheute ich später immer davor zurück, dicke Wälzer zu schreiben. Ich möchte den Kindern keine Angst einjagen. Doch ich muss darüber staunen, wie wichtig die Herkunft eines Schriftstellers genommen wird. Für mich war Mishima ein Nachbar. Damals gemeindete ich, ohne weiter nachzudenken, alle Schriftsteller ein, die ich las. Wirklich alle. Flaubert, Goethe, Whitman, Shakespeare, Lope de Vega, Cervantes, Kipling, Senghor, Césaire, Roumain, Amado, Diderot, alle wohnten im gleichen Dorf wie ich. Wie kamen sie sonst in mein Zimmer? Als ich viele Jahre später selbst Schriftsteller war und gefragt wurde: „Sind Sie ein haitianischer, karibischer oder frankophoner Schriftsteller?“, antwortete ich, dass ich immer die Nationalität des Lesers annehme. Das heißt, wenn ein Japaner mich liest, werde ich unversehens zu einem japanischen Schriftsteller.




Mit Bashô in der Metro


Ich betrat die Metrostation mit dem Buch von Bashô (Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland in der französischen Übersetzung von Nicolas Bouvier). Ich hatte Bouvier vor einigen Jahren in Toronto getroffen. Wir tranken zusammen einen Kaffee. So voller Leben und zugleich erschöpft, den Koffer am Tischbein. Kurzer Dialog zwischen zwei Flughäfen – er musste nach New York. Wir unterhielten uns weiter über die aztekische Bourgeoisie, dass sie schlecht bezahlte Arbeiter mindestens zwölf Stunden täglich an Monumenten schuften ließ, die heute von Gras überwachsen sind. Da kam das Taxi. Ich betrachtete sein fast dunkelhäutiges, schweißbedecktes Gesicht im Profil. Schon wieder in seine Notizen vertieft. Der Wagen fuhr im leichten Regen davon. Die Jahre sind vergangen. Seine Legende ist über das vernünftige Maß hinausgewachsen. Eine kleine Gemeinde hat aus ihm einen Heiligen gemacht. Und jetzt kehrt er als Bashôs Übersetzer zurück. Von Bashô hatte ich bisher ein paar kürzere Stücke, aber noch nie einen ganzen Text gelesen. Der Dichter erzählt von seiner Wanderreise in den Norden Japans. Ich las ihn in der Metro. Ich verfolgte die Ereignisse auf Bashôs Suche nach der Grenzbarriere von Shirakawa, in einer fahrenden Metro in Montreal. Alles war in Bewegung. Außer der Zeit, sie blieb stehen. Zu sehr mit all den Verschachtelungen der Zeit und Überschneidungen des Raums beschäftigt, interessierte ich mich nicht für meine direkte Umgebung. Außer für das Mädchen, das mir gegenübersaß und mich ohne zu lächeln ansah. Lang und dünn. Schwarze Augen – ein Pinselstrich. Sie hieß sicher Isa. Sobald jemand in mein Blickfeld gerät, wird er zu einer fiktiven Person. Keine Grenze zwischen Literatur und Leben. Ich versenkte mich wieder in das Buch. Bashô bereitet seine letzte Reise sorgfältig vor. Er hält sein beengendes Alltagsleben nicht mehr aus. Und die Zeit vergeht so schnell. „Tage und Monate verweilen nur kurz als Laufgäste ewiger Zeiten“, murmelt ohne Bitterkeit der Dichtervagabund. Er muss sich wieder auf die Reise begeben, sich dem Zickzackweg des Zufalls überlassen: „Die Gottheiten der Verführung winkten mir zu, so dass mir keine Arbeit mehr von der Hand ging.“


 Er verzichtet auf alles, sogar auf das Notwendige. Er behält nur einen dicken Mantel aus Papier „gegen die Nachtkälte“, ein Cape aus Stroh gegen den Regen und einen Yakata aus Baumwolle. Da er Schriftsteller ist, steckt er noch die Schreibmappe mit Pinsel und Tusche in seinen Sack. Selbst das Unverzichtbare ist zu schwer. Man braucht nur sich selbst, wenn möglich nackt. Ich hatte die Gedichte von Bashô auf einer Zeitung entdeckt, in die Reis eingewickelt war. Seither suche ich überall nach seinen Spuren. Wenn ich eine Buchhandlung betrete, schaue ich zuerst nach, ob es etwas von oder über Bashô gibt. Dieser Mann hat ein echtes Gespür für die Emotion. Er ist dickköpfig. Nichts zwang ihn dazu, in seinem Alter noch eine solche Reise zu unternehmen, aber keiner konnte ihn zurückhalten, als er entschieden hatte, fortzugehen. Sora begleitet ihn, um ihm die täglichen Verrichtungen abzunehmen. In der Morgendämmerung brechen die beiden auf. Wir begegnen ihnen in der Ebene von Nasu


 wieder. Der Regen zwingt sie, in einer Strohhütte zu schlafen. Bashô scheint in bester Form zu sein. Sein Element ist die Bewegung. Er bewegt sich gleichzeitig mit der Landschaft.

Ich sitze in der Metro von Montreal und folge der Spur eines gewissen Matsuo Munefusa, genannt Bashô. Er wurde 1644 in Tsage geboren, einem Dorf in der Nähe von Ueno. Er bewunderte den Dichter Tu Fu. Bashô und Sora sind eben an der berühmten Grenzbarriere von Shirakawa angekommen, die alle alten Dichter mit Rührung erwähnen. Als sie später den Abukuma-Fluss überquert haben, entdecken sie zur Linken das Bandaï-Gebirge, „das mit seiner ganzen Höhe das Gebiet von Aizu überragt.“ Sie machen Rast bei einem Eremiten, der unter einem Kastanienbaum lebt. Bashô schrieb einen Haiku über die Kastanie, die ihn offenbar mehr beeindruckt hat als der Einsiedlermönch. Sie erinnerte ihn wohl an den Bananenbaum, der ihm seinen Namen gegeben hat. Bashô. Der Regen hält den ganzen Monat Juni an.

Ich schaute auf. Isa war noch da. Nichts hatte sich bewegt, außer dem Zug. Ich kehrte daher zu Bashô zurück. Matsushima! Unsere Reisenden träumen schon eine ganze Weile von diesem Ort. Endlich sind sie da. Sie gehen in Richtung des Strands von Ojima. Matsushima verschlägt Bashô die Sprache. Eine Vielzahl von Inseln. Voll Anmut. „Dunkelgrün stehen die Kiefern“, er besingt ihre schönen Formen. Am Ufer des Kitakami-Flusses, wo der Bach Koromo mündet, wird Bashô von Tod und Vergänglichkeit angerührt.




Die Reise wird beschwerlicher. Bambusgrasgewirr, Wildbäche, Felsen, vor allem „kalter Schweiß“, entlang der steilen Wegstrecke, die in die Ländereien von Mogami führt. Die beiden Dichter legen eine Pause ein, bevor sie wieder aufbrechen. Sie haben vor, den Mogami-Strom flussabwärts zu fahren. Das Wetter ist so schlecht, dass sie mehrere Tage abwarten müssen, bis es weiter geht. Bauern erkennen Bashô und bitten, dass er ihnen Schreibunterricht geben möge. Er ist gerührt: „Hierorts kam meine Kunst der Poesie wirklich zu ihrem Recht – erreichte einen Höhepunkt der Reise.“


 Was für ein Feingefühl! Und hier ist der Mogami, der im Gebirgsland des Nordens entspringt.

Bashô bestimmt immer sorgfältig den Ort, wo er sich befindet, damit nach ihm andere Dichter denselben Weg gehen können. Das ist das große Spiel, das sich seit Jahrhunderten fortsetzt. Bashô will uns damit sagen, dass alle Dichter nur ein einziger sind, vom selben Atem beseelt. Diesen Weg, der für alle gleich ist, nimmt doch jeder auf seine Weise. Und zu seiner Zeit. Der Zug hatte gehalten, ohne dass ich es bemerkte. Ich sah gerade noch den Rücken von Isa in der Menge der Eilenden. Ein langer zerbrechlicher Hals. Ein trauriger Nacken (ich projizierte meine Traurigkeit auf ihren Nacken). Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

2 (#ulink_c6fbf97c-a3ed-57fd-912c-8b0cb7c673b5)Bashô a. a. O., S. 43.

3 (#ulink_c6fbf97c-a3ed-57fd-912c-8b0cb7c673b5)Bashô a. a. O., S. 69.

4 (#ulink_03eb4ba8-3fe1-5fd8-8e00-1e697e0c3249)„über Burgruinen grünt … nur noch Gras“; Bashô a. a. O., S. 149 und 165; Anm. B. T.

5 (#ulink_d188899d-964d-5c15-a7cf-1861bdfdc26b)Bashô a. a. O., S. 187.




Der Kuss im Café Sarajewo


Das Café Sarajewo kannte ich noch nicht. Dabei ist es gut gelegen, an einer Metrostation. Ich fahre lieber Metro als Bus. In der Metro sieht man Gesichter. Im Bus Landschaften. Ich lief die Treppe vom Schacht hoch und ging nach links, in das Café. Gute Atmosphäre. Jede Kleinstadt hat mindestens ein Café dieser Art. Alle, die einmal die Musik von Joan Baez mochten, kommen irgendwann hierher. Es sind die Leute, die vom Radar verschwunden sind und du fragst dich, wo sie sich vergraben. In Kneipen wie dem Sarajewo. Ich erwartete nicht, hier Joan Baez zu treffen. Nicht einmal Suzanne Vega. Das Rad hat sich weitergedreht. Ich war wegen Midori hier, der neuen japanischen Sängerin, die sie manchmal auf dem Videokanal Much Music bringen. Ich kannte noch nicht einmal ihren Namen. Seitdem der Koreaner ihn mir zugesteckt hatte, hörte ich überall von ihr. Was, Sie kennen Midori nicht? Ihre Plakate hingen in den Toiletten der Bars. Schwer zu sagen, wie sie wirklich aussah, denn unter Wasser war ihr Gesicht etwas verformt. Sie hält den Atem an. Der Fotograf wartet bis zur letzten Sekunde. Gleich wird sie platzen. Die Augen aufgerissen von beginnender Todesangst. Die rosigen Nasenflügel ganz durchsichtig. Der Hals verdickt. Klick. Der Oberkörper schnellt aus dem Wasser. Das Wasser läuft ihr aus Mund, Nase und Augen. Überall im Stadtzentrum flüsterte man nur einen Namen: Midori. In allen Sprachen. Der erste japanische Star von Montreal. Die Rakete Midori fliegt auf den Planeten Björk zu. Björk – ein gedämpfter Laut. Wie ein Geräusch im Wasser.

Bashô notiert:

Der alte Teich

Ein Frosch springt hinein –

ein Plop im Wasser.

Midori ist ein flacher Gegenstand mit so scharfen Kanten, dass sie einen Hals durchtrennen könnte und der Kopf fiele erst nach ein paar Sekunden. Eine Kette roter Perlen. Midori wetzt im Sarajewo ihre Waffen. Ich setzte mich in die dunkelste Ecke. Die Kellnerin kam erst nach einer halben Stunde. Grüner Tee. Das Café war immer noch leer. Plötzlich Joan Baez. Man sollte Joan Baez nur in einem Café wie dem Sarajewo hören. In einem solchen Laden könnte ich Joan Baez hören bis ans Ende meiner Tage. Danach kam Leonard Cohen mit Suzanne, das Lied beschreibt das Montreal der 70 er Jahre, zwischen Leidenschaft und Leichtigkeit. Ich kannte also bereits den Geschmack der Kellnerin – eine kleine Braunhaarige mit einem Ring in der Nase und lebhaften Augen. Ich kehrte zu Bashô zurück. Ich reise gerne, aber ich zögere vor dem Aufbruch. Wo soll ich hinfahren? Reisende kehren irgendwann zurück, sonst sind sie keine Reisenden. Am besten, man bleibt in seinem Zimmer und wartet auf ihre Rückkehr. Allmählich trudelten die Gäste ein. Sie setzten sich an den Rand. Die Mitte blieb leer. Die gerne im Zentrum stehen, würden später eintreffen. Wer nicht so früh kommt wie ich, denkt vielleicht, der Raum füllt sich in einer halben Stunde. Wer viel in kleinen Cafés verkehrt, weiß, es ist nicht so einfach, wie es aussieht. Die Gäste werden an den Fingern abgezählt. Die Kellnerin rief den Besitzer an und fragte, ob sie eine oder zwei weitere Bedienungen herbestellen sollte. Warum denn? Es sind schon fünfzehn Gäste da. Wie viele sind es normalerweise um diese Zeit? Sieben. Woran siehst du, dass es voll wird? Da ist auch ein Neuer, er hat einen grünen Tee bestellt. Grünen Tee, du meinst aus dem wird ein richtiger Gast? Bestimmt. Was meinst du also? Zwei weitere. In Ordnung, du bist schließlich vor Ort. Sie legte auf, dann drehte sie sich mit einem breiten Lächeln zu mir um. Ich wagte nicht, noch einen Tee zu bestellen, aus Angst, dass dann eine dritte Bedienung kommen müsste. Ich eilte zur Toilette. Alles schwarz, sogar die Kacheln. Ein echtes Boudoir. Die Aushänge sagen viel über die Kundschaft einer Kneipe aus. Sie zeigen ihren Geschmack. Es war eine Musikerkneipe. Die Aushänge erzählten alles. Neben einem Chorprogramm mit mittelalterlichen Liedern befand sich eine Adresse für Akupunktur bei Rückenschmerzen. Yogakurse. Eine Gruppenreise nach Indien zu diesem oder jenem Meister. Dazu verschiedene Poster von Midori. Dies war Midoris Zuhause. Was Charles de Gaulle für Air France, der Flughafen New York für American Airlines oder Rom für Alitalia, war das Café Sarajewo für Midori. Ein Poster zeigte sie nackt – aber verschwommen. Man sah sie nie deutlich. Schmaler Körper, gerade Hüften, keine Brüste. Ihr Geschlecht war glattrasiert. Stark gewölbt. Ich blieb lange vor Midoris Geschlecht stehen. Dann ging ich zurück. Der Saal war voll. Ein Boxring. Auftritte. Ein Mädchen, das auf Nina Hagen geschminkt war, räkelte sich vor der Kamera. Großes Durcheinander. Keine Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne. Ein einziges Beben. Ein Typ griff sich das Mikro und schwang eine Rede über den Ölpreis auf dem Weltmarkt. Ein anderer sprach über die Hungersnot in Afrika. Wir waren wieder in den 70ern mit ihren geistigen Höhenflügen. Einer wollte über das sensationelle Formel-1-Rennen an diesem Nachmittag reden. Er wurde zum Schweigen gebracht. Er konnte gerade noch brüllen, Ayrton Senna sei der beste Fahrer aller Zeiten. Da schrie die Mehrheit im Saal den Namen von Gilles Villeneuve, dem Sohn des Landes. Bühne und Saal waren nicht mehr zu unterscheiden. Eine Flut erhobener Arme, jeder forderte irgendwas. Das Double von Nina Hagen verlangte einen Kuss von der neben ihr Sitzenden, die ihrerseits aussah wie Suzanne Vega vor zwanzig Jahren. Die Welt der Doubles. Vega war in Begleitung. Der Typ schien zunächst beunruhigt, dann hocherfreut. Nina Hagen beugte sich zu ihr und küsste sie sanft auf das linke Auge. Der Saal war berührt, aber noch nicht befriedigt. Dann auf das rechte Auge – ebenso sachte. Wir hielten den Atem an. Das Phantasma der heterosexuellen Männer ist seit der Steinzeit unverändert. Nina Hagen grüßte in die Menge und machte Anstalten, sich hinzusetzen. Die Leute brüllten zum Protest. Hagen stand wieder auf, ließ sich aber viel Zeit. Sie hatte uns im Griff. Ein Kuss, das war nichts. Es kam nur auf die Bedeutung an, die man ihm gab. Das Double von Vega schien nun selbst das Warten beenden zu wollen. Aber Hagen hatte es nicht eilig. Wir wussten, es würde einen Kuss geben, aber wir wussten nicht, was danach kam. Der Typ an meinem Tisch kaute an den Fingernägeln. Hagen beugte sich hinunter und küsste Vega zuerst auf den Hals, dann auf die Augen. Jedes Mal schrie die Menge nach mehr. Hagen hielt jetzt den Kopf von Vega und schaute ihr tief in die Augen (man fragte sich, was die echte Nina Hagen und die echte Suzanne Vega gerade taten). Es war der längste Kuss im Sarajewo. Dieser Kuss dauerte, bis Vega sich wirklich geküsst fühlte, bis sie sich dessen vollkommen bewusst war. Sie riss die Augen auf, als die Zunge von Hagen ihre Zunge berührte. Der Blick von Nina Hagen war wütend und dominant. Der von Vega bettelnd und ergeben. Das war mehr als die Menge erwartet hatte. Während Hagen Vega küsste, hörte sie nicht auf, den Mann, der sie begleitete, anzuschauen. Bis er aufstand und hinausging. Die Menge sah ihm hinterher. Hagen küsste Vega immer noch, die als einzige das Weggehen ihres Freundes nicht bemerkt hatte. Nun war Hagen endlich bereit, von ihrem Opfer abzulassen. Es war zusammengesackt und schlief an ihrer Schulter. Schweigen im Saal. Der Mann kehrte zurück. Vega erwachte mit einem schelmischen Lächeln. Hagen grüßte in die Menge (die Kneipe war jetzt brechend voll). Das war Der Kuss, eine Produktion von Kuss Inc. Das Trio verließ die Kneipe unter dem Applaus der Gäste und den Blitzlichtern der Amateurfotografen. Die drei Kellnerinnen rannten in alle Richtungen.




Der Japaner vor dem Eiffelturm


Ich habe noch nie einen Fotoapparat besessen. Ich verstehe nämlich nicht genau, wozu man ihn braucht. Geht es um Fotos, die ich mir sowieso nicht ansehen werde, dann ist das eine unnötige Erfindung, denn ich habe schon einen, der sehr gut funktioniert. In meinem Schädel habe ich fünfzig Jahre lang Bilder gespeichert, von denen die meisten sich wiederholen, so dass sie das Gewebe meines Alltagslebens bilden. Es besteht aus lauter winzig kleinen, aufeinanderfolgenden Explosionen: ein elektrisiertes Leben. Man kann einwenden, diese Bilder gehörten nur mir und die anderen hätten keinen Zugang. Das stimmt nicht ganz, denn ich kann sie so genau beschreiben, dass sie am Ende vor ihren Augen vorbeiziehen. Besser noch, mir gelingt es, diese Bilder in Gefühle zu verwandeln. Ich kann einen Augenblick beschreiben, ohne die anwesenden Personen zu erwähnen, indem ich nur die Energie wiedergebe, die diesen Moment belebt. Auf einem Foto sieht man nur selten die Emotion, die den roten Faden der vor unseren Augen ablaufenden Geschichte bildet. Außer auf Geburtstagsfotos, wo man die gebannten Augen eines Kindes hinter den brennenden Kerzen erkennt. Sicherlich kann von einem vergilbten Foto manchmal ein nostalgischer Duft ausgehen, insbesondere wenn fast alle, die in das Objektiv schauen, bereits tot sind. Ich bewahre all diese Fotos in meinem Kopf auf, sie haben sich dort festgesetzt. Sie drängeln sich, jedes will im Vordergrund stehen. Bei dem Japaner, der unaufhörlich die Welt fotografiert, frage ich mich jedoch, sieht er sie überhaupt? Er sieht noch nicht einmal die beiden Motive richtig, die er fotografieren will: seinen Reisegefährten und die von ihm fast verdeckte Sehenswürdigkeit. Der Eiffelturm ist nur da, um zu zeigen, dass dieser Mensch eines Tages in Paris war. Aber wenn er dasselbe breite, unpersönliche Lächeln vor allen Sehenswürdigkeiten dieser Erde aufsetzt, vernichtet er das Erlebnis des Moments. Der Japaner wird dann genauso zeitlos wie der Eiffelturm. Man könnte denken, es ist der Eiffelturm, der sich hinter einem lächelnden Japaner fotografieren lässt.




Björk, das Voodoo-Püppchen


Die Menge schaute immer noch dem Trio von Kuss Inc. hinterher, die schon in Berlin, Paris, Mailand, Tokio, London, New York aufgetreten sind. Ich hatte kurz davor ihr Plakat in der Toilette des Sarajewo gesehen. Rom, Amsterdam und Sydney muss man hinzufügen. All diese Städte hatten Kuss Inc. schon vor Montreal gesehen, denn wir standen am Ende der Liste. Die Welt hat unzählige Handelswege, über die Menschen und Waren gekauft und verkauft werden. Früher waren das die Seidenstraße, die Route des Zuckers, die Route der Gewürze. Heute gibt es die Tour des Profitennis, des Golfs, der Umweltschützer und der mächtigen Staatschefs. Komplexe Netzwerke. Es ist nicht einmal mehr möglich, sich in der Natur zu verlieren – die Natur wird auf das Minimum beschränkt. Die Arbeiter haben ihre eigene Metrolinie. Die Linie, die vom Arbeiterviertel zur Fabrik und zurückführt, ist immer die gleiche. Fünfzig Jahre lang Hin- und Rückfahrt, und dabei immer die Aussicht auf dieselbe Landschaft. Kuss Inc. folgt den Modeschauen auf ihrer Tour, dicht hinter den Rockstars, die gerne Models heiraten möchten. Kuss Inc. mischt sich nicht in die Szene der Rockstars oder von Kate Moss, bleibt aber doch in ihrer Nähe, um die Krümel aufzusammeln. Die große planetarische Welle der Mode und der Musik zieht in ihrem goldenen Kielwasser eine Menge bunter, lebhafter, cooler, nicht angepasster Leute hinter sich her, die bei dem kleinsten Zeichen ihrer Anführer bereit sind, vom Café Sarajewo ins Stadion weiterzuziehen, wo heute Abend Björk gastiert. Björk hätte auch im Café Sarajewo auftreten können. Was für ein Plakat: Björk im Sarajewo! Kuss Inc. als Vorgruppe von Björk. Dazu hätten einige günstige Umstände zusammentreffen müssen. Etwa, dass Björk einen Tag früher gekommen wäre, weil sie unbedingt die große Ausstellung über Voodoo im Musée des Beaux Arts in Montreal sehen wollte. Die großen Meister der haitianischen Malerei. Malende Bauern, die André Malraux einst feierte. Dies war die erste große Ausstellung außerhalb Haitis nach einer Schau in den 50er Jahren, die in den Privaträumen des Ehepaars Mellon in Manhattan stattfand. Björk ist vom Voodoo fasziniert. Als sie klein war, hatte ihr jemand eine Voodoo-Puppe geschenkt. Björk hatte sich mit der Puppe identifiziert, sie hielt sich selbst für ein kleines schwarzes Mädchen, das seine Puppe verstecken musste, weil es keinen Spaß haben durfte. Björk sprach mit der Puppe und die Puppe antwortete. Man braucht nur das maskenhafte Grinsen von Björk zu sehen, um zu wissen, dass man keine kleine, saubere, brave Isländerin, sondern ein blutgetränktes Voodoo-Püppchen vor sich hat. Das Püppchen hat den Platz der kleinen Björk eingenommen. Björk ist seither nicht mehr gewachsen. Björk, das Püppchen, will nun unbedingt die Ausstellung sehen und die Voodoo-Maler kennenlernen. Alle diese Maler wurden in den 40er Jahren entdeckt. Wie kommt es, dass sie immer noch am Leben sind? Der stechende Blick der Puppe durchdringt das Dunkel. Beim Blättern in einer Zeitschrift stößt sie auf die Anzeige mit der Ausstellung von Montreal. War sie in diesem Moment in Paris, London, New York, Berlin (Berlin, nicht zu vergessen) oder Rom? In einem Hotelzimmer? Ein Hotelzimmer ist universelles Territorium. Weiße Bettwäsche. Magische Zahl. Wenn Björk inkognito unterwegs ist, nimmt sie überall auf der Welt immer das Zimmer Nummer 17. Sie ruft ihre Managerin an, sie soll eine Show absagen, am besten Melbourne, damit sie rechtzeitig in Montreal ist, um die Ausstellung zu sehen. Die Managerin hält es für eine bessere Lösung, dass die Ausstellung für Björk verlängert wird. Sie telefoniert sofort mit Montreal. Sie muss nur den Namen Björk aussprechen, und man verbindet sie mit dem Kurator des Musée des Beaux Arts von Montreal, der sich gerade auf den Bermudas in der Sonne aalt. Der Kurator ist „tief gerührt“. Ein Anruf von Björk, oder von ihrer Managerin, aber in Björks Auftrag. Er ist ein Groupie, eigentlich nicht er, eher seine Gattin, oder nicht seine Gattin, eher seine Tochter. Der Kurator gerät ins Stottern und verhaspelt sich. Die Managerin am anderen Ende ist amüsiert. Es erstaunt sie immer wieder, dass das winzige Frauchen auch einen profunden Kenner der Moderne aus der Fassung bringen kann. Sie muss nur Björk sagen. Dabei klingt es so hässlich – Björk. Sind Sie bereit, den Termin für Björk zu verschieben (jetzt in autoritärem Ton)? Selbstverständlich, aber ich kann eine solche Entscheidung nicht alleine fällen. Nicht ohne den Verwaltungsrat. Was! Scheiße! Wie viele sind das? Sieben. Und wo sind sie? Im Urlaub, genau wie ich. Und wo? Ich weiß es nicht, Madame. Na schön. Die Managerin ruft daraufhin eine Firma an, die auf solche Notfälle spezialisiert ist. Diese Agentur hätte angeblich ohne weiteres Bin Laden auftreiben und für Bush an die Strippe bekommen können. Ihr letztes Kunststück bestand darin, die Tochter eines Vorstands von Canadian Pacific in Tanger aufzuspüren, einzig aufgrund der Information, dass sie die Sonne, den Sand und die Einsamkeit liebte. Sie hatte ihr Handy nicht dabei und keiner ihrer Freunde wusste, wo sie war. Die Agentur hat eine ganze Reihe Leute angerufen, um sie zu finden, darunter den Dalai Lama und den französischen Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio. Diese Agentur hat auch in Rekordzeit alle Mitglieder des Verwaltungsrats vom Musée des Beaux Arts (die berühmte Siebenerbande) gefunden. Sie sind hocherfreut, wollen alle den Urlaub abbrechen, um Björk zu treffen. Die Managerin ruft Björk an: „Alles in Ordnung. Das Museum hält die Ausstellung für dich länger geöffnet.“




Naive Maler


Welche Voodoo-Maler hast du gemeint, Björk? Die mit der Ausstellung nach Montreal kommen. Aber man geht doch hin, um sich die Gemälde anzuschauen und nicht die Maler. Klar, aber die Leute wollen auch nicht nur meine Musik hören, sie verlangen, dass ich selbst da bin und sie vor ihnen spiele. Sie wollen den Koch sehen, aus diesem Grund wimmelt es im Fernsehen so von Kochsendungen. Sie wollen gleichzeitig den Modeschöpfer, das Kleid und das Mädchen sehen, das es an ihrer Stelle trägt. Sie wollen alles sehen. Das ist übrigens dein Job. Du hast dafür zu sorgen, dass man mich zu sehen kriegt. Erzähl mir nicht, du wüsstest das nicht. Was glaubst du denn! Dieses Telefon ist mir schon am Ohr angewachsen. Schön – und ich will die Voodoo-Maler sehen. Ich will sie kennenlernen, jeden Einzelnen von ihnen. Also gut, wenn es sein muss. Du denkst vielleicht, das sei Spinnerei, dann hast du bei mir aber nichts verloren. Spinnerei? Seit ich für dich arbeite, gibt es für mich keinen Unterschied mehr zwischen Realität und dem Reich der Phantasie. Du lebst nämlich in einer Märchenwelt, Björk, für dich ist sie normal, solide und du kannst dich in ihr bewegen. Ich aber muss sie Leuten verkaufen, deren Realität es ist, acht Stunden in ein Büro eingesperrt, in Grau gekleidet zu sein und zu glauben, alles sei käuflich, sogar das Imaginäre. Ich muss ihnen erklären, dass deine Welt realer ist als ihre, dass sie sich vor dir verneigen müssen, weil du eine Eisprinzessin bist. Das weiß ich doch alles, besorge mir einfach die Maler. Das ist bestimmt nicht leicht, denn wenn sie so bedeutend sind, wie du sagst, ist es ihnen scheißegal, ob du eine isländische Prinzessin oder der Clown vom Cirque du Soleil bist. Du sollst nicht die Maler, sondern die Leute von der Museumsverwaltung überzeugen. Das ist allerdings kein Problem. Das klappt bestimmt, Björk. Wir bitten sie, die Ausstellung ein oder zwei Tage zu verlängern. Mal lieber zwei Tage, schnauzt die Tournee-Managerin von Björk in ihr Handy. Einverstanden. Björk liebt Sie bereits. Der Angerufene auf den Bermudas wird rot. Und seine Röte färbt Paris, Berlin, London, Rom, Mailand, Sydney – man weiß nie, wo Björk sich gerade aufhält. Das kleine Mädchen, das einst mit einer Voodoo-Göttin gespielt hat wie mit einer gewöhnlichen Puppe, und zwar mit Erzulie Dantor, der schrecklichsten von allen, verwechselt heute die Weltkarte mit ihrem Kleiderschrank. Sie lebt in einem Paralleluniversum, wo die Tage die Namen von Städten tragen. Sie heißen nicht mehr Dienstag, sondern Berlin, nicht mehr Donnerstag, sondern Mailand. Der Kurator ruft zurück. Es tut mir unendlich leid, die Voodoo-Maler sind nicht bereit, die Rückreise wegen Björk zu verschieben. Ja doch, wir haben es ihnen erklärt. Sie scheinen die Tragweite nicht zu erfassen. Björk ist entzückt. Sie hatte nichts anderes von ihnen erwartet. Melbourne wird abgesagt. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass ein Konzert von Björk in letzter Minute abgesagt wird. Auf der Karte von Björk gibt es Melbourne nicht mehr. Man kann sowohl Tage als auch Städte verschwinden lassen. Die Voodoo-Maler haben nicht auf Björk gewartet. Die meisten von ihnen sind ohnehin schon tot. Sie sind Stars. Sie haben sich in ein winziges Zimmer eingeschlossen, dort sitzen sie, essen salzlose Kost, schalten das Licht nicht ein und richten das Wort nur an das Personal. Das Museum hat ihnen zwar sieben Zimmer zur Verfügung gestellt, aber sie wollen sich nicht trennen. Eine kleine Gruppe Männer mit Hut in einer Ecke. Im Halbdunkel zeichnen sich ihre Silhouetten an der Wand ab. Einer von ihnen ist Dewitt Peters, ein Amerikaner aus Boston, Englischlehrer am Lycée Pétion von Port-au-Prince, der sie alle gleich nach seiner Ankunft in Haiti aufgestöbert hat. 1944 bereist er die Insel. Auf der Straße nach Saint Marc sieht er eine seltsam bemalte Tür: eine Schlange mit dem Kopf eines Mannes. Damballah! Er betritt den Hounfourt und findet die Wände von Malereien bedeckt, als hätte er die Tür zu einer anderen Welt geöffnet. Es ist das Universum des großen Meisters der Voodoo-Malerei, Hector Hyppolite. André Breton war damals irre vor Begeisterung. Die Welt der Träume, zum Anfassen. Daraufhin verkündet Dewitt Peters, er werde ein Kunstzentrum einrichten.

Als erster betrat Rigaud Benoît das Gelände des neuen Kunstzentrums, er war ein Taxifahrer aus Port-au-Prince und brachte das Selbstporträt Chauffeur de taxi mit, wo ihm ein kleiner Hut locker auf dem Kopf sitzt. Ihm folgte Jasmin Joseph, der stets Hasen malt – fünfzig Jahre nur Hasen. Jasmin Joseph und Rigaud Benoît, diese beiden gegensätzlichen Männer (der eine groß, mager, nervös; der andere klein, dick und lustig) sind seither immer zusammen, Hand in Hand sind sie zum Ruhm aufgestiegen. Eines Tages suchte ein Junge Arbeit, das Kunstzentrum brauchte gerade jemanden, der den Boden kehrt. Der Junge hatte auch die Aufgabe, jeden Morgen nach der Arbeit das Zentrum zu öffnen. Er schaute sich die ganze Zeit die Bilder an. Irgendwann beschloss er, den Besen gegen einen Pinsel einzutauschen und wurde als Castera Bazile bekannt. Als Dewitt Peters einen Freund besuchen wollte, der auf dem Land lebt, wählte er zufällig den Weg über Croix-de-Bouquets, eine kleine Stadt mit einem sehr geschäftigen Markt. Für Peters sind Friedhöfe Museen unter freiem Himmel, deshalb besucht er sie besonders gern. In Croix-de-Bouquets entdeckte er die schweren Kreuze von Georges Léautaud. Einfache Gräber. Und diese mächtigen Kreuze. Der große Bildhauer wohnte in der Nähe, Peters suchte ihn auf und überzeugte ihn am Ende, dass er ein Künstler sei. Das war nicht leicht, denn Léautaud liebt keine Scherze. Préfète Duffaut brachte eines Morgens seine erste „Imaginäre Stadt“ ins Kunstzentrum. Dazu erzählte er Pierre Monosier, dem jungen Assistenten von Peters, Erzulie (oder die Jungfrau Maria, dieser weiß es nicht mehr genau) habe ihm die Stadt der Zukunft gezeigt. Diese Stadt war zunächst unbewohnt – der Künstler brauchte zwanzig Jahre, bis darin Menschen auftauchten. In Petit-Goâve, einem Ort an der Straße nach Cayes, in den tiefen Süden, lebte ein Mann, der die Sprache der Hähne verstand und nur Alltagsszenen malte, wie direkt aus dem Marktleben gegriffen. Außerdem ein apokalyptisches Triptychon: Hölle, Fegefeuer und Paradies. Etwas später schloss sich ein magerer, agiler, ernster Mann mit einem Strohhut der Gruppe an: Salnave Philippe-Auguste war Richter in Saint-Marc. Er malt nur den Dschungel. Er eifert dem Zöllner Rousseau nach. Heute sitzen sie also in einem Zimmer des Ritz-Carlton. Sie haben alle ihren Pass in der Innentasche des Jacketts – und das Rückflugticket. Sie essen nichts. Sie warten darauf, abgeholt und zum Flughafen gebracht zu werden. Der Kurator erscheint, begleitet von einem kleinen Mädchen an seiner Hand. Das ist Björk, sagt er. Björk setzt sich auf das Bett. Der Kurator geht und schließt leise die Tür hinter sich. In dem Raum verändert mindestens zehn Minuten lang keiner seine Position. Dann steht Björk vom Bett auf. Sie sagt: „Ich möchte etwas für Sie singen.“ Schweigen. Und Björk singt eine Ballade. Danach einen Rocksong. Dann ein drittes Lied, diesmal in akzentfreiem Créole. Sie winkt. Ein Voodoo-Püppchen. Hector Hyppolite hebt sie hoch und steckt sie in die Innentasche seines Jacketts. Ein kleines schwarzes Püppchen mit leichten Schlitzaugen. Ein Paar kommt, um die Künstler abzuholen. Sie müssen sofort aufbrechen. Ein weißer Kleinbus wartet vor dem Hotel. Sie erreichen den Flughafen, gehen am Einwanderungsbeamten vorbei und gelangen in die Sicherheitszone. Die Koffer werden kontrolliert. Durchleuchtet. Am Ende findet man bei Hector Hyppolite eine Björk als kleine Schnitzerei aus Ebenholz. Diese Figur erhält später ihren Platz in einem Houmfourt von Croix-de-Bouquets. Midori plant schon, ein Voodoo-Püppchen zu werden wie Björk. Die einzige Möglichkeit, ein Star zu sein, ohne zu sterben.




Objekte


Kleine, schön geformte Objekte, hergestellt, um dem Auge und der Hand zu schmeicheln, findet man heute haufenweise auf unserem Planeten. Sie reizen zu einer Berührung, verführen zu einer gedankenlosen Geste, etwa wie man eine Katze streichelt. Die Katze ist ein solches Objekt, aber lebendig. Bekannt ist die Vorliebe der Hand für längliche Gegenstände von schwarzer Farbe. Wie können wir in das Innere des Gegenstands dringen? Ist es eine Frage des Volumens oder der Oberfläche? Jedenfalls bereitet uns das Darüberstreichen Genuss. Jeder Gegenstand enthält in seinem Kern einen winzig kleinen Gegenstand von gleicher Gestalt. Ein Objekt im Inneren des Objekts. Sein trockener Kern. Leer. Ein Sprung durch den Raum. Die Tropen. Mein Blick ist von der tropischen Frucht geprägt: rund, farbig, duftend und essbar. Sie enthält ebenfalls einen Kern. Eine Frucht, die wir uns einverleiben können, verliert aber etwas von ihrem Geheimnis. Hingegen können wir bei einem Objekt nicht unter die Oberfläche dringen. Das Objekt dringt in uns ein, während wir sein Inneres nicht berühren können. Es bleibt so abweisend wie ein Samurai. Um uns herum haben sich inzwischen so viele Gegenstände angehäuft, dass sie uns die Illusion einer warmen Beziehung vermitteln. Wir achten nicht mehr darauf, dass sie da sind. Wir ziehen uns vor ihnen aus, ohne rot zu werden. Wir essen vor ihnen. Wir schreien uns vor ihnen an. Wir vögeln vor ihnen. Unaufhörlich werden Gegenstände fabriziert, die am Ende unser Leben gestalten. Die Menschen benutzen immer häufiger Objekte, um sich gegenseitig zu berühren. Dass Objekte bereits unser Sexleben beherrschen, ist nicht mehr zu leugnen – die Notaufnahmen der Krankenhäuser sehen so einiges. Japan stellt wie wild funktionslose, schöne Objekte her. Mit welchem Ziel? Sollen wir uns in sie verlieben? Steht dahinter ein großer Plan? Sollen die neuen Objekte, die auf uns niederregnen, irgendwann die Haustiere ersetzen? Wir sollten unsere Beziehung zur mineralischen Welt überdenken. Tier und Pflanze verlieren auf der emotionalen Ebene an Terrain. Ein Vorteil des Objekts ist, es altert nicht. Ich trage immer eine Kamera bei mir – das einzige Objekt, das sehen kann.




Die Clique von Midori


Nach dem Auftritt von Kuss Inc. folgte ich Midori und ihrer Clique zu einer Vernissage auf der Rue Sherbrooke, genau gegenüber dem Musée des Beaux Arts. Lauter Mädchen: Eiko, Fumi, Hideko, Noriko, Tomo, Haruki. Sie bilden den Hof der Prinzessin Midori. Dazu ein androgyner Fotograf namens Takashi – so flach, dass man ihn für ein Feuerzeug in der Hand von Kate Moss halten könnte. Midori fielen die großen Banner an den Säulen des Museums auf, mit der Ankündigung für die Ausstellung der naiven Maler.

„Diese Ausstellung würde ich gerne sehen.“

„Hast du in der Zeitung nicht gelesen, was mit Björk passiert ist?“, fragte Hideko. Sie kam dabei Midori so nahe, dass sie ihr Ohr berührte.

Alle in der Gruppe wussten, wie empfindlich Midoris Ohr ist, es ist der Sitz all ihrer Empfindungen.

„Mach das nie wieder, hörst du?“, Midori baute sich vor ihr auf. „Hideko, verstanden?“

„Es war nicht mit Absicht … Wieso wirst du so sauer?“

„Das stimmt, Midori“, bemerkte Fumi.

Jeder ein wenig aufmerksame Beobachter wird schnell feststellen, dass an diesem Hof dieselben Intrigen ablaufen wie an jedem anderen. Midori war die Sonne, um die sieben abwechselnd frohe und traurige Planeten kreisten. Alle zusammen waren sie so froh und so traurig, dass ich mich fragte, ob ich sie je würde auseinanderhalten können. Man sah die Tränen nicht, die sie innerlich vergossen, aber man hörte das Manga-Lachen. Ich versuchte eine Weile, bei jeder Einzelnen ein besonderes Merkmal herauszufinden. Sie kreisten unaufhörlich, so dass ich sie nicht zu fassen kriegte. Denn sie bildeten eine Clique, von der man ein Mitglied nur betrachten kann, wenn es sich von ihr löst. Ich filmte sie in meinem Kopf. Mit einer leichten Schulterkamera. Ein kleiner Schwarz-Weiß-Film. Aus meinem Winkel, in sicherem Abstand und diskret. Ohne Schnitt. Dabei habe ich Gespräche, die ich nicht hören konnte, oder verborgene Gefühle einfach ergänzt. Das tun wir alle. Takashi würde am nächsten Morgen abreisen, für eine Reportage über Yoko Ono, die Midori nur die „Ewig Gestrige“ nannte. Aber alle wussten, dass er zurückkehren würde. Man entfernt sich am besten nicht zu lange von der Clique. Yoko Ono mag zierliche junge Männer, aber die „Mao-Witwe“, wie die kluge Eiko sie nannte, hatte keine Chance gegen Midori. „Ein frisches Talent“, so hatte der Schriftsteller Ryu Murakami Midori schon in einem langen Artikel im New Yorker bezeichnet, wo es um mögliche Nachfolgerinnen von Yoko Ono ging. Midoris Stimme erinnere an die ersten Graffiti von Basquiat in der New Yorker U-Bahn – krass und anspruchsvoll zugleich. Am nächsten Tag sollte das Duell zwischen Midori und Yoko Ono aus der Sicht von Takashi beginnen, der Yoko Ono fotografieren würde. Er hatte vor, möglichst viele Informationen über Yoko Ono zu sammeln, um sie an Midori weiterzugeben. Die Witwe wusste, dass sie unter Beobachtung stand. Alle jungen Japanerinnen versuchen, das Geheimnis von Yoko Ono zu lüften, nur um sie danach vom Thron zu stürzen. Yoko stellt die Göttin der Zwietracht dar. Die alle überlebt. Durch sie kann man lernen, dass Hass zuweilen langlebiger ist als Liebe. Takashi würde sich die Kniffe dieser Japanerin näher ansehen, die den Hass der Beatles-Fans überdauert hat. Yoko hatte Ryu Murakami in jenem berühmten Artikel des New Yorkers erklärt, dass sie sich immer „auf halber Höhe“ hält. Auf diese Art schützt man sich vor der Herde der mittelmäßigen, lauten Talente. Midori ordnet sich zwischen Björk und Yoko Ono ein. Murakami schrieb am Schluss seines Artikels, es gebe drei Arten von Künstlern: eine kleine Gruppe mit außergewöhnlichem Talent, eine sehr große Gruppe mit so viel Talent, dass sie überlebt, und – weit geringer an der Zahl, als man denkt – Leute von schlicht mittelmäßigem Talent. Da das Publikum sich für alles interessiert, was selten ist, mag es lieber einen mittelmäßigen Künstler mit einem guten Agenten als einen besseren aus der großen Gruppe mit einem ebenso guten Agenten. Ryu Murakami meint, in unserer Zeit liebt man das Seltene, selbst wenn es schlecht ist.




Ein vergifteter Kuss


Gerade spielte sich in der linken Ecke, am Fenster, ein Drama ab. Midori wusste nicht, was mit Björk passiert war. Da die Information das Herz der Macht ist, tut sie, als ob sie es wüsste. Man darf seine Karten nie zu früh auf den Tisch legen. Will man innerhalb des Zirkels bleiben, braucht man starke Nerven. Und man muss schweigen können. An Midori kam man nicht so leicht heran. Ich beobachtete eine ausgeklügelte Raumaufteilung. Die Mädchen flogen abwechselnd um Midori herum, wie Falter um eine Lampe. Hideko hätte sich vorhin fast die Flügel verbrannt. Sie war Midori zu nahe gekommen. Es gab kein Organigramm. Jede konnte sich selbst aussuchen, wo sie in der Hierarchie stehen und welche Risiken sie eingehen wollte, um diesen Platz zu verteidigen. Ein einziger erstaunter oder verächtlicher Blick von Midori und die Unvorsichtige befand sich außerhalb des Zirkels. So erging es Hideko, die den ganzen Abend ihren Platz zurückzugewinnen versuchte. Ihre letzte Chance war Tomo. Sie tuschelten lange miteinander. Zoom auf Tomo, die einer ausweichenden Midori davon berichtet. Tomo war Midoris Leibwächterin. Sie schlief am Fuß ihres Betts. Am Nachmittag ließ sie sich im YMCA an der Avenue du Parc zur Kämpferin ausbilden. Nahaufnahme von Takashis Gesicht. Er erzählt mir jedes Detail vom Leben in der Gruppe. Takashi schminkte sich leidenschaftlich gern, außerdem verschaffte ihm das überall Zutritt. Er verkehrte in beiden Welten. Tatsächlich gab es aber nur eine Welt, denn Männer wie Frauen reden über Frauen. Takashi fotografierte seit drei Jahren, was auf der Toilette der Mädchen vor sich ging. Schminken, Tratschereien, Tränen. Nackte Gesichter. Tomo lebte nur für Midori, die sie fast nie eines Blickes würdigte. Man schaut den nicht an, der einen ansieht. Tomo litt schweigend. Sie verteidigte Midori sogar vor sich selbst. Midori war eine Perfektionistin, die manchmal in Depressionen abglitt. Die anderen Mädchen wussten, dass sie in Tomos Anwesenheit nichts über Midori sagen durften. Takashi wies mich auf Fumi hin, die sich gerade eine Zigarette anzündete. Fumi war die Intelligenteste, sie sprach acht Sprachen fließend und hatte über Françoise Sagan promoviert. Sie hatte alles von Sagan gelesen und kannte ihren rasanten Lebensstil im Detail. Du wirst sehen, sagte Takashi zu mir, Midori wird Fumi nie vor allen angreifen. Fumi entwirft ihre Auftritte. Sie hat einen sprühenden Geist, aber sie kann auch sehr bösartig sein. Noriko kann dir mehr über sie erzählen. Wer ist Noriko? Die an die Wand gelehnt auf dem Boden sitzt. Hör zu, du wirst sie nicht nach dem ersten Treffen auseinanderhalten. Ich habe über eine Woche dazu gebraucht. Sehen sie sich nicht alle sehr ähnlich? Doch, außerdem sind sie ein Rudel: Man meint, sie zu unterscheiden, und dann verschmelzen sie plötzlich zu einer einzigen Person. Sie haben ihre Regelblutung zur gleichen Zeit. Noriko ist ziemlich interessant, das wirst du noch sehen. Als Takashi mir riet, mit Noriko zu sprechen, brachte er mich auf eine Idee. Ein Porträt von Midori zu zeichnen, indem ich nur mit den Mädchen spreche. Nie mit ihr selbst. Midori war ein schwarzes Loch, das alles um sich herum ansaugte. Jedes Elektron war frei, solange es innerhalb ihres Magnetfelds blieb. Noriko war die Zielscheibe für Fumi. Tomo der Schutzengel von Midori. Hideko hatte Midoris Ohr berührt, ihr so empfindliches, vollkommenes Instrument (ich habe die Szene in Großaufnahme) und Takashi machte unaufhörlich klick, klick, klick. Er war mit seiner Kamera verwachsen. Midori plante schon eine Show über den Fotografen, den man nie sieht. Für Midori war der Fotograf der wahre Zeuge unserer Gegenwart. Takashi fühlte sich vor allem vom Nacken seiner Motive angezogen. Eine Zeit lang hatte er nur Nacken fotografiert. Noriko spricht mit mir über Takashi, dabei hatte er mich zu ihr geschickt. Sie flüstert mir ins Ohr, Takashi sei gemeingefährlich: ein kleiner Scherzbold, dabei schwarz vor Groll. Was? Ihre Augen voll Angst. Sie zieht mich näher ans Fenster und flüstert so leise mit mir, dass ich sie nicht verstehe. Was? Hauche ich. Midori ist in Eiko verliebt. Keiner weiß es, nicht einmal Eiko. Noriko lacht lautlos. Sie nimmt meine Hand und hält sie eine ganze Weile fest. Ich spüre, wie meine Knochen schmelzen. Mein Körper wird gleich haltlos zu Boden gleiten wie ein Kleid. Ich entziehe ihr meine Hand und eile auf die Toilette. Lieber nicht schon jetzt einer dieser Blutsaugerinnen ins Netz gehen. Noriko verfolgt mich mit den Augen. Ich spüre ihren starren Blick auf meinem Nacken. Ohne nachzudenken, ging ich hinter Takashi und den Mädchen her auf die Toilette. Im Spiegel sah ich, wie Midori Hideko küsste. Takashi umkreiste die beiden. Blitzlichter. Midori lächelte mir im Spiegel zu. Hideko hatte mich nicht bemerkt. Midori reichte die völlig weggetretene Hideko an Takashi weiter. Takashi war zu schwach, um sie zu halten. Er versuchte alle möglichen Stellungen, damit sie aufrecht blieb. Wie eine Szene aus Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss. Ich nahm sie Takashi ab und legte sie vorsichtig auf ein Kissen neben Fumi. Mit eingeschalteter Kamera setzte ich mich daneben. Fumi erzählte mir, dass Midori nur eine bestimmte Sorte Fisch isst, deren Fleisch ein Gift enthält. Gerade genug, um die Lippen und die Zunge zu lähmen. Midori behält ein wenig Gift im Mund, um anschließend eines der Mädchen zu küssen. Daher mieden sie die Lippen von Midori. Nur Hideko war töricht genug, darauf hereinzufallen. Ein langer Kuss von der Hetäre. Jetzt lag Hideko völlig erschlafft auf dem Kissen. Mit verlorenem Blick. Einem leisen Lächeln. Das Gift wirkte nur ein paar Minuten. Midori kam und strich ihr über die Haare.




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