Der Sonderermittler
Hans Becker


Vom tödlichen Absturz des ZK-Politbüro-Mitglieds Werner Lamberz, dem Angriff auf einen Wagen der Sicherungsgruppe von Erich Honecker über den Mord eines MfS-Offiziers an seiner Ehefrau bis hin zu den aufwühlenden Knabenmorden in Eberswalde: Hans Becker hat nicht nur diese, sondern noch unzählige Kapitalverbrechen und Katastrophenfälle mehr als Ermittler bearbeitet: als Angehöriger, später Leiter des Referats 1 (unnatürliche Todesfälle) der Hauptabteilung IX/7 des MfS war er der «Sonderermittler», der immer dann mit seinen Kollegen hinzugezogen wurde, wenn Verbrechen und Todesfälle bzw. zivile Katastrophen auch eine mögliche politische Bedeutung beigemessen wurde.

Sein Report ist der eines Insiders, der bei spannenden Ereignissen, merkwürdigen Todesfällen, spektakulären Rauben und großen Katastrophen ermittelte: Serien- und andere Morde, Suizide, operativ relevante Verkehrsunfälle, Havarien in Betrieben sowie Katastrophen in der Luftfahrt und im Bahnverkehr. Seine Arbeit führte ihn nicht nur durch die ganze DDR, sondern auch ins Ausland.

Becker berichtet über komplizierte Ermittlungen, Erfolge, Niederlagen und auch über Gefühle, die selbst hartgesottene Kriminalisten nicht immer außen vor lassen konnten. Ein schillernder Erfahrungsbericht aus einem weithin unterbeleuchteten Teilbereich der MfS-Historie!







Hans

Becker



Der

Sonder-

ermittler



Als Kriminalist in Diensten des MfS



Mit einem Vorwort

von Remo Kroll



edition berolina



ISBN 978-3-95958-797-6

1. Auflage

© 2020 by BEBUG mbH / edition berolina, Berlin

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Vorwort



Wir leben in unruhigen Zeiten. Immer wieder lesen und hören wir von versuchten, verhinderten, aber auch gelungenen Terroranschlägen und anderen Gewaltakten. Und die passieren nicht tausende Kilometer von uns entfernt, sondern auch mitten unter uns. Ob die Terrorgefahr größer geworden ist, seitdem die USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 den weltweiten Kampf gegen den Terror ausgerufen haben und mit ihren Verbündeten die Welt mit »Feuer und Schwert« zu befrieden suchen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist: Das Gefühl, nicht mehr sicher zu sein, hat unter den Menschen zugenommen.

Daraus resultiert auch ein Aufwachsen der Sicherheitsbehörden der Staaten, um dem zu begegnen. Schon bei kleinsten Anlässen werden Staatsschützer, Spezialeinsatzkommandos und andere Sicherheitsexperten mit der Untersuchung und Aufklärung ungewöhnlicher Vorfälle betraut, und zwar in allen Ländern, unabhängig davon, ob es sich um lupenreine westliche Demokratien oder Russland, Polen, Rumänien oder Syrien handelt. Und dass in den »lupenreinen« Ländern die Sicherheitsgesetze verschärft wurden – so hat Frankreich nach drei Jahren Ausnahmezustand diesen zwar beendet, nicht aber ohne vorher eine Reihe von Gesetzen zu verabschieden, die sonst nur im Notstand galten –, scheint auch niemanden so richtig zu interessieren.

Begeben wir uns nun zurück in die Zeit des Kalten Krieges: Winston Churchill, der angeblich nach dem Zweiten Weltkrieg in Bezug auf den Sieg über Hitlerdeutschland und den Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition, die So­wjetunion, gesagt haben soll: »Wir haben das falsche Schwein geschlachtet …« (zit. nach Handelsblatt, 1. Januar 2006), legte dann 1947 auf einer Rede in Fulton (USA) nach und beschrieb die Befürchtung des Westens vor einer weiteren Ausbreitung des Kommunismus. Dabei benutzte er erstmalig die Metapher vom ›Eisernen Vorhang‹: »Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria ist ein ‚Eiserner Vorhang‘ über den Kontinent gezogen. Hinter jener Linie liegen alle Hauptstädte Zentral- und Osteuropas: Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Alle jene berühmten Städte liegen in der Sowjetsphäre, und alle sind in dieser und jener Form nicht nur sowjetrussischem Einfluß, sondern auch der Moskauer Kontrolle unterworfen.« (Zit. nach wikipedia.de: Eintrag zu »Eiserner Vorhang«) Die Hoffnung der westlichen Staaten, dass die Sowjetunion durch den Krieg gegen Hitlerdeutschland ganz entscheidend geschwächt würde, hatte sich nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil, in vielen von der Sowjetarmee befreiten Ländern Osteuropas kam eine antikapitalistische Entwicklung in Gang, die im Osten als sozialistische, im Westen als kommunistische interpretiert wurde. Auch heute noch, nach dem Untergang aller Versuche hin zu einer sozialistischen Entwicklung in Europa, wird immer von der Niederlage des Kommunismus gesprochen.

Wie auch immer, vorsozialistisch, sozialistisch oder kommunistisch – auch der sowjetisch besetzte Teil Deutschlands schloss sich dieser Entwicklung an. Die DDR wurde demzufolge auch, nachdem die Bundesrepublik zuvor konstituiert worden war, als ein Staat gegründet, der sich auf den Weg zum Sozialismus machen wollte.

Nun warfen sich aber beide Systeme gegenseitig vor, gewaltsam expandieren zu wollen. Für den Westen war klar, dass die kommunistische Theorie immer die Weltrevolution verlange und daraus ad hoc geschlossen werden müsse, dass sich die Kommunisten mit Gewalt den Rest der Welt holen wollten.

Der Osten betrachtete misstrauisch und argwöhnisch die Versuche des Westens, sein Militär immer dichter an die Sowjetunion und die anderen Volksdemokratien zu bringen. Hinzu kam, dass 1949 die NATO gegründet wurde, und in vielerlei Papieren und Reden war vom »roll back«, also dem Zurückdrängen des Ostens, zu lesen resp. zu hören. So fühlte sich auch der Osten bedroht, und sechs Jahre nach der NATO entstand mit dem »Warschauer Vertrag« das östliche Militärbündnis.

Ein Riss ging mitten durch die Welt, und an den Nahtstellen dieses Risses standen sich riesige Militärmassen gegenüber, bereit zum großen Finale. Unterstützt wurde das zuletzt von einem Kernwaffenarsenal, mit dem die Welt sich mehr als vierzig Mal hätte vernichten können, als wenn ein einziges Mal nicht reichen würde. Und dieser Riss ging quer durch Deutschland, auf der einen Seite die BRD und die NATO und auf der anderen Seite die DDR und der Warschauer Vertrag.



Dieser lange Vorspann ist nötig, um die Zeit zu charakterisieren, in dem sich das Leben des Autors im Wesentlichen abgespielt hat. Er war qua seiner Tätigkeit Teil dieser Geschichte. Und der lange Vorspann ist auch wichtig, um das, was unser Autor getan hat, einzuordnen in größere Zusammenhänge.

Natürlich kann man es sich auch einfach machen, wie heute vielerorts üblich: Der Mann hat beim MfS, heute meist nur Stasi genannt, gearbeitet, und damit ist automatisch alles falsch und verdammenswert, was er getan hat. So einfach ist Geschichte dann wohl nur für Bild-Konsumenten.

Differenzierter betrachtet, hat der Mann eine wichtige Aufgabe in einer eben auch nicht einfachen Zeit gehabt. Er hat, wie das heute so viele ebenfalls tun, für die Sicherheit seines Landes und die Sicherheit seiner Bevölkerung gearbeitet. Dazu war es notwendig, über die vorhandenen Polizeiorgane hinaus eine Dienststelle einzurichten, die sich mit der Schnittstelle von Verbrechensbekämpfung und Sicherung des Staates beschäftigte, mit der Staatssicherheit. Und der Mann ist ein Profi gewesen, er hat sich seine Meriten sowohl in der kriminalpolizeilichen Praxis verdient als auch einen akademischen Abschluss erlangt.

Hans Becker, Diplomkriminalist und Oberstleutnant a.D., nimmt den Leser mit auf eine Reise in seine berufliche Vergangenheit von 1953 bis Ende 1989. Als ehemaliger VP-Kriminalist der Hallenser Morduntersuchungskommission und späterer Leiter des Referates 1 (unnatürliche Todesfälle) der Hauptabteilung IX/7 des Ministeriums für Staatssicherheit war er einer der erfahrensten Kriminalisten der DDR. Sein Report ist der eines Insiders, der bei spannenden Ereignissen, merkwürdigen Todesfällen, spektakulären Rauben und großen Katastrophen ermittelte.

So untersuchte der Autor Serien- und andere Morde, Suizide, operativ relevante Verkehrsunfälle, Havarien in Betrieben sowie Katastrophen in der Luftfahrt und im Bahnverkehr. In der DDR selbst in Zusammenarbeit mit den Kollegen und Spezialisten der Volkspolizei. Seine Arbeit führte ihn nicht nur durch die ganze DDR, sondern auch nach Ungarn und Angola. Becker berichtet über komplizierte Ermittlungen, damit verbundene Probleme, Erfolge, Niederlagen und auch über Gefühle, die selbst hartgesottene Kriminalisten nicht immer außen vor lassen konnten.

Hans Becker ist Dank dafür zu sagen, dass er seine Erinnerungen für die Nachwelt zu Papier gebracht hat. Wer seine Lebenserinnerungen gelesen hat, sieht vielleicht nun die Arbeit jener Leute, die sich um die Sicherheit ihres Landes kümmerten, in einem anderen Licht.



Wandlitz, im Juli 2019

Remo Kroll


Frühe Kindheit

bis 1948



Ich wurde 1934 in der kleinen Stadt Ammendorf bei Halle an der Saale geboren. Mein Vater war Elektriker und meine Stiefmutter Schneiderin. Meine leibliche Mutter lernte ich erst später kennen. Warum meine Eltern geschieden waren, weiß ich bis heute nicht, aber ich bin sicherlich nicht der Einzige, dem es so geht.

Wir wohnten mit einer weiteren Familie in einem kleinen Haus in der Regensburger Straße. Eines Tages, ich habe keine Erinnerung, wann das war, verschwand mein Vater, und meine Stiefmutter sagte, er sei jetzt bei den Soldaten.

Dann begann für mich eine wahre Odyssee. Warum das damals alles so geschah, entzieht sich meiner Kenntnis, ich nehme aber an, dass es mit dem Krieg zu tun hatte, denn später, als ich schon Kriminalist war, erfuhr ich, dass während des Krieges viele Kinder aus den Industriezentren weggeschickt wurden, um sie vor Bombardierungen oder Kampfhandlungen zu bewahren.

Ich kann mich erinnern, dass ich irgendwann in ein Heim nach Eilenburg bei Halle kam. Meine einzige Erinnerung daran ist, dass wir uns dort mit den größeren Jungs Holzschwerter und Schilde bastelten, mit denen wir uns herumschlugen. Schulzeugnisse belegen, dass ich dort von Mitte 1943 bis zum 19. Februar 1944 war.

Weiter erinnere ich mich an meinen Aufenthalt in einem Heim oder auch Schule in Freyburg (Unstrut). Hier habe ich eine vage Erinnerung an den Namen des Heimes, der in Verbindung mit dem Turnvater Jahn stand. Im Turnraum und auf den Korridoren hingen auch Bilder von ihm. Zeugnisse belegen, dass ich dort vom 3. April 1944 bis zum 31. August 1944 war. An den Aufenthalt kann ich mich auch besser erinnern, weil ich dort das Schwimmen erlernte, auf eine Art und Weise, wie sie heute vermutlich völlig unbekannt ist: An der Unstrut gab es eine Badeanstalt direkt am Flussufer. Vom Ufer ragte ein Steg in den Fluss, an dem Baumstämme angebunden waren, die ein großes Rechteck im Fluss abgrenzten von einer Fläche von etwa 20 mal 10 Metern. Der Fluss lief mitten durch diese »eingezäunte« Fläche. Der Bademeister band uns eine Art Rucksack um, der hatte Riemen über die Schultern und daran nur große Korkplatten. Dann band er uns an eine etwa vier Meter lange Stange, die wir die »Angel« nannten, und mitten im Fluss, aber in dieser eingezäunten Fläche, lernten wir Kinder daran hängend das Schwimmen.

Das Stadtarchiv Freyburg (Unstrut) hat auf meine Anfrage bestätigt, dass dieses Bad bis etwa 1948 in Betrieb war. Freyburger Sportler haben 1948 zunächst das Bad im Fluss erneuert und 1953 ein modernes Schwimmbad errichtet, welches bis heute Bestand hat.

In Freyburg (Unstrut) war ich laut einem Beleg bis 31. August 1944 und wurde dann in ein kleines Dorf hinter Saalfeld im Thüringer Wald übergeben. Das Dorf und die Schule hießen Wickersdorf, das erfuhr ich aber erst, als ich schon Kriminalist war und in meiner Vergangenheit blätterte, in der Chronik Freie Schulgemeinde Wickersdorf.

Die Schule bestand aus mehreren bis zu zweigeschossigen Häusern. Alle hatten über der Haustür ein großes geschnitztes Holzschild mit irgendeinem germanischen Namen. In den Zimmern waren Betten vorhanden, aber keine Doppelstockbetten. Zu Schule gehörten eine große Turnhalle, ein Teich mit Fischen, ein Sportplatz und ein Speisesaal mit einer großen Küche.

Am Tag der Ankunft, meine Stiefmutter war zugegen, mussten wir eine so genannte Mutprobe bestehen. Diese bestand im Balancieren über eine lange Leiter, welche über dem Teich in geringer Höhe angebracht war. Auch wer von der Leiter in der Mitte einen Kopfsprung machte, so wie ich, hatte die Prüfung bestanden. Ob es dazu diente, den Mut der Ankömmlinge zu testen oder nur so gesagt wurde, um alles interessant zu gestalten, habe ich vergessen.

An der Schule waren wir etwa 200 Schüler, alle männlich, es gab keine Mädchen. Es waren alle Altersklassen vorhanden, selbst das Abitur konnte abgelegt werden. Wir trugen keine Zivilsachen, sondern braune Hemden, schwarze Hosen und schwarze Schuhe. Meine Zivilsachen habe ich nie wiedergesehen. Wir Kleinen hatten Unterricht in deutscher Sprache, die Größeren hatten bereits Englisch als Schulfach.

Jeden Tag hatten wir vor dem Frühstück eine Stunde Unterricht, erst danach gab es die erste Mahlzeit und danach täglich Fahnenappell.

Der Betrieb im Speisesaal in der unmittelbaren Kriegszeit ist für mich bis heute mit dem eigentlichen Charakter der Schule verbunden. Wir mussten keinen Tischdienst durchführen, aber jeder hatte seinen festen Platz an langen, mit weißem Tuch gedeckten Tischen. Beim Einrücken in den Speisesaal waren die erforderlichen Bestecke an den Plätzen aufgelegt. Vor dem Einrücken – das geschah in militärischen Gruppen – wurde an der Tür die Sauberkeit der Hände, der Kleidung und der Schuhe kontrolliert. Im Saal war ausreichend Platz für alle und wir aßen alle gemeinsam. An einem Ende des Raumes waren mehrere Stufen. Diese Stufen endeten in einer etwa 5 mal 2 Meter breiten Fläche und diese war durch verschiebbare Fenster zur dahinter befindlichen Küche abgetrennt. Vor diesen Fenstern, welche als Essenausgabe dienten, standen mehrere junge Frauen in Röcken und Kittelschürzen, aber ohne Kopfbedeckung; sie wirkten wie irgendwelche Frauen, die wir aus dem Dorf bisweilen sahen. Es war streng verboten, mit ihnen zu sprechen. Ich weiß auch nicht, ob sie unsere Sprache verstanden hätten. Diese Frauen bedienten uns, auch uns »Kleine«. Wenn zum Beispiel eine Suppenschüssel leer war, hob man die Hand und schon kam eine Frau gerannt, holte die Schüssel oder brachte auch gleich eine gefüllte mit. So wurden wir zu jeder Mahlzeit bedient. In nehme an, dass diese Frauen auch unsere Zimmer reinigten, denn auch das mussten wir nicht erledigen.

Damals war ich zu klein, um zu begreifen, dass wir als die jungen Angehörigen der germanischen »Herrenrasse« bedient wurden. Vermutlich waren die Frauen zwangsverschleppt oder Gefangene. Einmal wurde erzählt, dass zwei größere Jungen der Schule verwiesen wurden, weil sie sich mit diesen Frauen eingelassen hatten. Ob das nur Erzählungen mit einem erzieherischen Hintergrund waren oder Tatsachen, habe ich nie erfahren.

Im Unterrichtsprogramm spielte Sport eine große Rolle. Wir spielten im Freien oder in der Turnhalle Fußball oder Völkerball, führten Hechtsprünge auf Matten durch oder nahmen an Nachtwanderungen durch den Wald teil, wo auch ein Gerippe mit Leuchtfarbe aufgestellt war. Vom Krieg wussten wir nur, dass Krieg war. Was das bedeutete, verstanden wir nicht.

Allerdings hörten wir ab einem bestimmten Zeitpunkt fast täglich dumpfes Motorengedröhn von vielen Flugzeugen am Himmel und manchmal sahen wir diese auch. Wir wussten nicht, woher sie kamen und wohin sie flogen. Die Tage verliefen gleichförmig.

Doch eines Morgens stand ein riesiger Panzer auf dem Schulhof. Darauf saßen Menschen mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Händen, die Schokolade und Zigaretten verteilten. Die Größeren von uns sagten, das sei ein amerikanischer Panzer und die mit den schwarzen Gesichtern seien »Neger«. Ich hatte noch nie etwas von einem »Neger« gehört, von Amerika ebenfalls nicht. Woher die Großen Bescheid wussten, weiß ich nicht, wir hatten keine Radios, und Filme wurden nicht gezeigt.

Der Panzer stand mehrere Tage auf dem Schulhof. Wir Kinder hatten den gleichen Tagesablauf wie vor seinem Erscheinen. Dass er ein Zeichen des Kriegsendes war, realisierten wir nicht. Ich war gerade elf Jahre alt.

Und dann war der Panzer weg und die »Neger« auch. Irgendwann fuhren auf den Schulhof andere Soldaten, die ich auch noch nie gesehen hatte. Sie kamen mit Pferdewagen und kleinen Pferden. Die Größeren sagten, das seien Russen. Auch diese Soldaten waren freundlich, aber sie hatten weder Schokolade noch Zigaretten für die Größeren. Sie rauchten aber auch, doch ihr Zigarettenqualm roch anders als der von den Soldaten vom Panzer. Sie hatten eine Feldküche, wie die Größeren sagten. Das alles sah ich zum ersten Mal.

Mit dem Erscheinen der Pferdewagen waren wir plötzlich ohne Lehrer und ohne die gewohnten Abläufe. Auch hatten wir nichts zu essen. Wir waren plötzlich ganz allein und niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Doch die Größeren, die Abiturienten, hatten mitbekommen, dass in Saalfeld, 12 Kilometer entfernt, eine Schokoladenfabrik bombardiert worden war. Und sie fuhren mit einem Pferdewagen und einem dieser fremden Soldaten nach Saalfeld und brachten von dort geschmolzene Schokolade und andere Lebensmittel mit. So ging es einige Tage. Schließlich bekamen wir plötzlich von »Russen in Zivil« handgeschriebene Fahrkarten für die Eisenbahn und sollten nach Hause fahren.

Es mag heute unglaublich klingen, aber was sollten die fremden Soldaten mit unserer Schule und täglich etwa 200 hungrigen Mündern anfangen? Sie gaben uns aus der Feldküche etwas ab, aber es war zu wenig. Mit den Fahrkarten bekamen wir Reiseproviant, einige Schnitten mit Aufstrich.

Ich kann mich erinnern, dass ich die Fahrt nach Halle auf dem Trittbrett eines Zuges geschafft habe. Dann kam das nächste Problem auf mich zu: Mein Vater war noch im Krieg oder in der Gefangenschaft. Meine Stiefmutter hatte kein sonderliches Interesse an mir. Ich war nur ein unnützer Kostgänger. Wir sollten uns bei diesen Zeilen immer daran erinnern, dass es die Zeit unmittelbar nach dem Krieg war. Jeder hatte mit sich zu tun und kämpfte ums Überleben.

Ich ging auf eine Polizeistation in unserer Stadt, und von dort machte man meine leibliche Mutter irgendwie ausfindig. Dorthin ging ich nun. Sie wohnte im Ortsteil Silberhöhe. Als ich die Wohnung betrat, saß meine Mutter, die mir völlig unbekannt war, mit einem Mann und zwei kleinen Jungen an einem Tisch. Weinend umarmte sie mich, und ohne irgendwelche Fragen konnte ich am Tisch Platz nehmen und mitessen.

Im Ortsteil Silberhöhe, etwas außerhalb von Ammendorf, kam ich dann mit den Kindern anderer Familien zusammen. Wir spielten gemeinsam, was sollten wir auch sonst tun? Dort war ein kleiner Platz, den wir den Sportplatz nannten, er war von hohen Pappeln umgeben. Das war immer unser Treffpunkt. In der Nähe lag eine halbzerstörte Flakstellung aus dem Krieg, dort spielten wir meistens.

Eines Tages kam meine Mutter mit zwei Männern und sie nahmen mich einfach mit, sie hatten mich lediglich nach meinem Vor- und Nachnamen gefragt. So kam ich wieder nach Wickersdorf. Alle Häuser standen noch, aber über den Eingängen waren die Namensschilder verschwunden. Ansonsten war alles wie in einer normalen Schule. Wir hatten wieder Unterricht, aber nicht mehr vor dem Frühstück. Auch machten wir keinen Fahnenappell mehr und wir wurden im Speisesaal nicht mehr bedient, sondern mussten selbst Tischdienste erledigen. Aus irgendwelchen Gründen erinnere ich mich nur noch an den Namen des Russischlehrers: Herr Griebsch.

Ich habe in meinen spärlichen Unterlagen über diese Zeit einen Laufzettel in meinem Archiv, wonach ich am 19. Juli 1948 die Schule verlassen habe. Auf diesem Laufzettel haben mehrere Personen unterschrieben, so auch der Russischlehrer Griebsch für die Bücherei.

Ich habe später diese Zeit in Wickersdorf, also die Zeit nach Kriegsende bis 1948, immer als die Zeit meiner Entnazifizierung bezeichnet. Meine Rückführung in die Schule, in der so ungewöhnlichen Art und Weise, hatte vielleicht auch andere Gründe, aber ich habe sie immer als meine Entnazifizierung bezeichnet, denn die Lehrer bemühten sich, unsere Köpfe mit neuen Idealen zu füllen.


Ab 1948



Als ich nun 1948 von dieser Schule entlassen wurde, fuhr ich wieder zu meiner Mutter. Sie wohnte noch immer im Hallenser Stadtteil Silberhöhe. Ich spielte nun wieder mit den anderen Jugendlichen, wir waren nun bereits 14 Jahre alt, auf dem kleinen Sportplatz mit den vielen Pappeln.

Die zerstörte Flakstellung war noch da und so gingen wir oft dorthin. Nun schon etwas älter, waren wir neugieriger als vier Jahre zuvor. Wir suchten überall herum und fanden auch Verschiedenes. Am verlockendsten waren alte Pistolen, Gasmasken und irgendwelche alten Bekleidungsreste. Jeder von uns hatte irgendetwas mitgenommen. Ich war stolz auf meine Pistole, allerdings hatte ich nie ausprobiert, ob sie noch schießen konnte. Sie hätte auch eine Wende zum Schlimmen für mich werden können.

Nachdem mein Stiefvater, der sich immer sehr um mich gekümmert hatte, mir 1950 eine Lehrstelle in der Waggonfabrik in unserer Stadt besorgt hatte, lief ich nun täglich mit den anderen Lehrlingen auf einem Trampelpfad über einen großen Acker zu diesem Betrieb. Meine Pistole hatte ich immer dabei. Und legte sie im Werk in meinen Schrank. Über diese Dummheit habe ich mir damals keine Gedanken gemacht.

Erst später, als Kriminalist, erfuhr ich etwas von den »Werwölfen« und dass sie, wenn sie erwischt wurden, in Straflager in die Sowjetunion abtransportiert wurden. Mir läuft es heute noch eiskalt den Rücken herunter, wenn ich daran denke, durch welchen Zufall ich einem furchtbaren Schicksal entgangen bin. Aber so war das damals: Die Verlockungen für uns waren groß und niemand hat uns kontrolliert. Dass ich mit meiner Pistole nicht als »Werwolf« entdeckt wurde, ist für mich noch heute der größte Glücksfall meines Lebens.



Damals, ich lernte von 1950 bis 1952, war die Waggonfa­brik ein großes Werk mit Tausenden Erwachsenen und etwa 200 Lehrlingen. Man konnte Schlosser, Tischler, Polsterer, Schmied lernen, eben alles, was ein Werk benötigte, das Schnellzugwaggons baute. Jeder Waggon war über 20 Meter lang, hatte gepolsterte Sitze in den Kabinen, die zu Schlafgelegenheiten umgebaut werden konnten, sowie eine kleine Küche und einen Dienstraum für das Personal. Wir bauten damals zwei Waggons pro Woche, später sogar fünf Waggons täglich. Die meisten wurden in die Sowjetunion und auch nach China exportiert. In das Werk kamen auch Lastkraftwagen mit einer geschlossenen Ladefläche, auf die dann Werkzeugmaschinen wie Hobelbänke, Drehbänke, Schweißgeräte und anderes aufgebaut wurden. An die Zahl dieser Werkstattwagen habe ich keine Erinnerung, da ich schon als Lehrling, aber auch nach der Gesellenprüfung beim Bau der Schnellzugwaggons eingesetzt wurde. Nach der Wende erfuhr ich, dass unser Werk damals der weltgrößte Hersteller solcher Weitstreckenwaggons war.

Das Werk hatte nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch ein großes Klubhaus mit Großküche, Speisesaal, Tischtennisplatten, Tanzsaal und Billardraum. Auch existierte ein Fanfarenzug mit etwa vierzig Akteuren, eine Fußball- und eine Handballmannschaft, in der ich als Torwart spielte.

Nach der Wende wurde das Werk abgewickelt, wie es hieß, das Klubhaus abgerissen und eine kleine Stadt, die einst mit und von diesem Werk gelebt hatte, blieb mit der üblichen Arbeitslosenrate zurück. Die verkündeten »blühenden Landschaften« waren damals in meiner Heimatstadt Ammendorf nicht angekommen.

In unserer Handballmannschaft gab es auch werksfremde Spieler, und eines Tages sprach mich einer von diesen Sportkameraden an und stellte sich als Angehöriger der Kriminalpolizei von Halle vor. Er meinte: »Wir brauchen solche Männer wie dich, komm doch mal zu einem Vorstellungsgespräch«. Und da er mich löcherte, ging ich eines Tages mit ihm dorthin.

So nahm ich im Herbst 1952 bei der Kriminalpolizei in Halle an einem Vorstellungsgespräch teil. Mir wurde zunächst ein längerer Vortrag über die Notwendigkeit der Arbeit in der Kriminalpolizei gehalten, und schließlich willigte ich zu einem Probedurchgang von sechs Monaten als Praktikant ein. Ich durchlief die Arbeitsgruppen Einbruch, Sitte, Verkehrsunfälle, Leben und Gesundheit sowie Allgemeines. Nach sechs Monaten wurde ich für tauglich befunden und trat am 1. Juni 1953 im Präsidium Halle, wie es damals hieß, meinen Dienst als Angehöriger der Kriminalpolizei an.

Leiter der Abteilung war Major Hausmann. Er war ein ruhiger, väterlicher Vorgesetzter. Sein Stellvertreter war Hauptmann Apelt. Beide waren in ihrem Handeln gute Vorbilder für einen jungen Kriminalisten. Ich wurde Oberleutnant Hackemesser zugeteilt. Er war in den nächsten Jahren mein Vorgesetzter und führte mich in die Kriminalistik ein. Er weckte auch die Neugier in mir, ohne die ein guter Kriminalist nicht erfolgreich sein kann. Damals war ich der Jüngste in der Abteilung.

Die Tätigkeit als Kriminalist war ungleich schwerer als die Arbeit in der Waggonfabrik. Endlose Überstunden, und sonnabends und sonntags zu arbeiten, war normal. Wollte ich auf einem Aktenbestand von etwa 20 Vorgängen bleiben, musste ich neben der Ermittlungsarbeit täglich zwei Schlussberichte schreiben, da der Arbeitsgruppenleiter jeden Tag neue Vorgänge brachte und mit wenigen Worten auf den Tisch legte.



1954 heiratete ich meine Sissi. Amtlich Sigrid, nannten sie ihre Eltern »Sissi«, und so habe ich nicht nur ihre Tochter übernommen, sondern auch den Kosenamen. Bis zu ihrem Tod 2017, nach langer schwerer Krankheit, war sie meine Frau, und auch das Pflegepersonal des Heimes, wo sie lange Jahre ans Bett gefesselt lebte, nannte sie so; ich war jeden Nachmittag bei ihr. Unser Sohn Udo war bereits 2009 gestorben.



Als wir am 23. Oktober 1954 heirateten, wohnte ich bei ihren Eltern und schlief auf dem Sofa. Wir hatten ein herzliches Verhältnis zueinander. Die Wohnung befand sich in einem Haus aus den dreißiger Jahren und bestand aus Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Toilette. Es waren kleine Räume, und jeweils drei Mietparteien hatten im Keller ein gemeinsames Badezimmer mit Kohleofen.

Sissi arbeitete als Feinmechanikerin in den Chemischen Werken Buna, wo sie diesen Beruf auch erlernt hatte.

Es war schwer, eine eigene Wohnung zu bekommen. Aber in den Chemischen Werken Buna wurde 1954 eine Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) gegründet, in welcher jeder im Werk Beschäftigte eintreten konnte. Es gab Standorte, also Baugebiete in Halle, Schkopau und Merseburg. Es konnte sich jeder für »seine« Wohnung eintragen lassen, also nicht schlechthin für eine Wohnung. Dafür musste er eine von der Mitgliederversammlung beschlossene Geldsumme einzahlen und eine festgelegte Zahl von Arbeitsstunden leisten. Diese Leistungen waren abhängig von der Wohnungsgröße und von der Lage der Wohnung im Gebäude. Es kam nicht auf die Dauer der Betriebszugehörigkeit an, man konnte auch dort anfangen zu arbeiten und sich am nächsten Tag bei der AWG anmelden.

Jede Wohnung hatte einen Balkon, ein Badezimmer mit Kohleofen und Toilette, im Wohnzimmer Parkettfußboden, im Kinderzimmer und im Wohnzimmer einen Kachelofen. Es waren herrliche Wohnungen, und da alle im Werk beschäftigt waren, kannte man sich in der AWG auch untereinander.

Wir mussten für unsere Wunschwohnung – drei Zimmer, Küche und Bad – 2.500 Mark einzahlen und 250 Arbeitsstunden leisten: beim Ausschachten von Fundamenten oder beim Abladen von Materialien. Alle benötigten Materialien wurden vom Werk geliefert, auch die Baubrigaden und der Bauleiter kamen aus dem Werk. Unser Vorstand Reinhold Voigt war der unermüdliche Motor auf der Baustelle »Am Rosengarten«, es handelte sich um die Jahre 1954 bis 1957. Wir kannten ein Paar, die Modelleisenbahner waren und sich für eine Vier-Raum-Wohnung eintragen ließen, obwohl sie keine Kinder hatten. Gegenüber unserer Wohnung hatte sich eine Familie für eine Vier-Raum-Wohnung eintragen lassen, weil sie Platz für zwei große Hunde benötigte. Das waren Chow-Chow, und aus deren Wolle wurden Pullover gestrickt. Alles war nur eine Frage des Geldes und der zu leistenden Arbeitsstunden.

Für die meisten war die zu zahlende Geldsumme kein Problem, Jeder hatte Arbeit, auch die meisten Ehefrauen arbeiteten im Werk, und damals galt das Gesetz: »gleicher Lohn für gleiche Arbeit«. Auch die zu leistenden Arbeitsstunden waren meistens kein Problem, da viele im Drei-Schicht-System arbeiteten und so immer planbare Zeit hatten. Die Angestellten der Verwaltung hatten es noch besser.

Bei Sissi und mir war das Geld auch erschwinglich, obwohl ich nur 560 Mark als Kriminalmeister bekam. Unser Problem allerdings waren die Arbeitsstunden: Ich kam aufgrund der vielen Überstunden immer erst spät und dann auch noch im Dunklen in der Wohnung der Schwiegereltern an. Und so war die zu leistende Arbeit für uns ein echtes Problem, sie konnten auch nicht mit Geld abgegolten werden. Eines Tages kam Sissi aus dem Werk nach Hause und erzählte, dass ihre Brigade für uns Arbeitsstunden leisten würde. Und tatsächlich kamen am Samstag und Sonntag acht bis zehn Männer ihrer Brigade unter Leitung des damals sechzigjährigen Obermeisters Knauthe und leisteten für uns Arbeitsstunden. Ich war wie immer mit Überstunden im Dienst unabkömmlich, und so konnten wir uns nur dadurch bedanken, dass Sissi Bratwürste grillte. Uns war meine Abwesenheit sehr unangenehm, aber alle hatten Verständnis für meine Situation. Damals half jeder jedem.

Am 1. Oktober 1957 erhielten wir unsere Wohnung in der Bunasiedlung »Rosengarten«. Die Freude war groß. Schon die Übergabe der leeren Wohnung feierten wir gemeinsam mit den neuen Bewohnern unseres Wohnblockes in der Emil-Fischer-Straße. In der AWG trugen alle Straßen Namen von bedeutenden Chemikern.

In dieser Wohnung wohnten wir bis zu unserem Umzug nach Berlin. In Berlin erhielten wir auch eine Neubauwohnung in der Höchste Straße im Stadtzentrum. Die Wohnung war räumlich größer, aber ich erinnere mich auch heute noch gern an unsere Wohnung in der AWG, an die Jahre des Baues und des Zusammenlebens.

Fast hätte ich vergessen, dass es in dieser AWG ein Klubhaus gab. Natürlich mit Getränkeausschank in den Abendstunden und einem kleinen Imbissangebot. Dort konnten auch Zusammenkünfte bei Familienfeiern abgehalten werden. Das Tollste aber war der Waschsalon im Keller des Gebäudes: Dort standen elektrische Waschmaschinen. Jedes Mitglied der AWG konnte sich dort für die Benutzung einer Waschmaschine einen Termin geben lassen, ging dann mit seiner Schmutzwäsche dorthin, wusch und trocknete sie und ging dann nach zweieinhalb Stunden mit der trockenen Wäsche unterm Arm wieder in seine Wohnung. Heute mag das alles nach Mittelalter klingen, aber für die damalige Zeit war es eine ungeheure Erleichterung. Wir zahlten 38,00 Mark monatlich an Miete.

Später hatten wir eine Waschmaschine in der Wohnung und eine Wäscheschleuder. Diese stand auf einem luftgefüllten Gummiring und das Wasser lief unten heraus. Man trocknete dann die Wäsche im Bad mit Standtrocknern, wie sie auch heute noch gebräuchlich sind oder hatte sich nach eigener Erfindung Wäscheleinen im Bad gespannt. Das war bei uns auch noch so, nachdem wir im Herbst 1969 in unsere Berliner Wohnung umgezogen waren.


Lehrgang an der Kriminalschule Arnsdorf / Dienst in Halle (Saale)



Gerade als ich dachte, ich sei ein richtiger Kriminalist, ich hatte ja schließlich einen Dienstausweis als Kriminalmeister, eine Kriminalmarke sowie eine Pistole, wurde ich zu einem Lehrgang an die Kriminalschule Arnsdorf bei Dresden delegiert, an die »Volkspolizeischule für Kriminalistik«.

Es war ein Drei-Monats-Lehrgang. Wir erhielten lediglich einmal monatlich von Freitagmittag bis Montagmittag Urlaub in die Heimat, allerdings hatten wir Ausgang nach Arnsdorf oder nach Dresden.

Heute kann ich sagen, dass diese drei Monate in meinem fast vierzigjährigen Leben als Kriminalist die angenehmste Zeit waren. Der Unterricht war nicht allzu anstrengend und vor allem gab es keine Überstunden. Es war richtig erholsam.

Die Schule war in zwei mehrstöckigen Gebäuden untergebracht, in einem Gelände mit Wiesen und hohen alten Bäumen. Neben den Gebäuden der Polizeischule gab es noch andere Gebäude, die von einer medizinischen Fachschule belegt waren. Uns wurde eingeschärft, die dortigen Schwesternschülerinnen zu meiden. Diese Anweisung erwies sich sehr bald als ein Schuss in den Ofen: Einer unserer Kriminalisten wusste, dass die Gebäude durch einen Kellergang noch aus Kriegszeiten verbunden waren, und so kam es des Öfteren zu Zusammenkünften mit den Schülerinnen. Wie immer im Leben hatte die Umgehung von Verboten und Unerwünschtem einen direkten Reiz. Dieser Kellergang war das Geheimnis aller Kriminalisten und sicherlich auch der meisten Schwesternschülerinnen.

Am ersten Unterrichtstag lasen wir an der großen Wandtafel einen Spruch, der viel Heiterkeit auslöste, und so heiter und auch unernst verlief dann der Unterricht:

Das Bürgerliche Gesetzbuch, kurz genannt das BGB,

wer damit zu tun bekommt, dem tut es meistens weh;

er ist nämlich verpflichtet in Schadensfällen,

den alten Zustand wiederherzustellen.

Wie verhält es sich aber mit einem Radfahrer, der es eilig hat

und er saust so durch die Straßen seiner Stadt

und achtet seines Weges nicht genau

und fährt doch gegen eine Frau,

die in dem Zustand sich befindet,

der Hoffnung auf ein Kind begründet.

Und vor ihr mit diesem Schreck

geht die Kindeshoffnung weg.

Wie verhält es sich nun laut Gesetz?

Ist der Betreffende verpflichtet in Schadensfällen

den alten Zustand wiederherzustellen?



Natürlich waren wir alle für Wiederherstellung …

Als wir erstmalig Heimurlaub hatten, trafen wir auf dem Bahnhof in Dresden eine unserer Dozentinnen. Sie fuhr im selben Zug, und im Gespräch erfuhren wir, dass sie auch mit dem gleichen Zug wie wir zur Schule zurückfahren musste. Sie versprach Plätze freizuhalten und siehe da, als der Zug in Halle hielt, hatte sie ihr Versprechen gehalten und so plauderten wir bis Dresden. Sie ist mir aber noch aus anderem Grund in Erinnerung: Sie war vom Dienstgrad Major und hieß Marschall. Durch ihren freundlichen, aber doch fordernden Umgang mit uns war sie allgemein sehr beliebt. Später in meinen vielen Dienstjahren habe ich allerdings nichts mehr von Majorin Marschall gehört.

Die drei Lehrgangs-Monate waren schnell vorbei und wir reisten wieder in unsere Dienststellen zurück. Und so kam ich wieder in die Untersuchungsabteilung der Kriminalpolizei Halle und hatte wieder zu kämpfen, um meinen Aktenbestand auf maximal zwanzig zu bekommen.

Über meine Dienstjahre in Halle zu schreiben, ohne zu erwähnen, dass es in dieser Stadt eine tausendjährige Tradition des Salzsiedens gab und mit vielen überlieferten Bräuchen wie Fahnenschwenken, Brautgeleit, Fischerstechen, Laternenfest und ein Salzwirkermuseum mit Dutzenden Silbergefäßen wäre unvollständig. In der Stadt gibt es noch heute die älteste Schokoladenfabrik Deutschlands mit den berühmten Hallorenkugeln. Jährlich nahmen viele Tausende am Laternenfest auf der Saale teil, mit hunderten laternengeschmückten Booten, vom Ruderboot bis zum Ausflugsdampfer. Einen tollen Ausblick auf das Spektakel hat man von der Burg Giebichenstein aus, von der man zur Saale hinabsehen kann. Von den Mauern der Burg, so die örtliche Legende, soll sich auch Ludwig der Springer gestürzt haben, als er vor seiner Hinrichtung floh. Seinen Mantel habe er wie einen Fallschirm aufgespannt – allerdings erwähnt die Sage nichts darüber, ob Ludwig sein waghalsiges Manöver überlebt hat. Vielleicht war er ja Vorläufer und Anreger all jener, die sich heute als »Basejumper« mit Fallschirmen von Felsen, Brücken oder Türmen stürzen.

Es soll aber noch ein damals allen Hallensern vertrautes Original erwähnt werden: ein Straßenmusikant namens Zither-Reinhold. Er saß bei jedem Wetter in irgendeiner Ecke des Marktplatzes auf einem alten Kissen und klimperte auf seiner Zither. Er klimperte irgendwas, niemals ein richtiges Lied. Er gehörte zur Stadt wie der Turm auf dem Marktplatz. Niemand wusste, wie er hieß und wo er wohnte. Aber es fiel sofort auf, wenn er nicht klimperte, weil er sich verspätet hatte. Er starb 1964, und die ganze Stadt trauerte um ihn. Sie verlor mit ihm ein wahrhaftiges Faktotum.

Und es gab auch in der Nähe des Stadttheaters eine Gaststätte mit dem ulkigen Namen »Zum Sargdeckel«. An der Decke des Gastraumes hing ein echter Sargdeckel. Er war, so wurde vermutet, als Zahlungsmittel in die Gaststätte gekommen. Im Gastraum standen schwere Holztische und Stühle. In die Tischplatte des Stammtisches wurden die Todesdaten und der Name des verstorbenen Stammgastes eingeschnitzt. Kein Gast, der nicht Stammgast war, setzte sich an diesen Tisch. Das haben ja Stammtische auch heute noch als Privileg. Die Gaststätte fiel nach der Wende ihrem Alter und ihrer Gebrechlichkeit zum Opfer und wurde abgerissen.


Beginn in der MUK / Mord durch Sowjetsoldaten



Eines Tages fragte mich auf dem Korridor eine Kriminalistin: »Hans, hast du Zeit? Kannst Du mir bei den Ermittlungen helfen?« Natürlich hatte ich Zeit, Ruthchen zu helfen. So fuhr ich mit ihr in einem klapprigen F9-Kübelwagen los, ohne zu wissen, worum es sich handelte. Sie erklärte mir unterwegs sinngemäß, dass wir die Zigeunerin Sonja festnehmen müssten, gegen die ein Haftbefehl zu vollstrecken war. Sie erklärte mir auch, wo Sonja zu finden sei und dass wir vor jeder Handlung erst mit dem Familienvorstand, dem »Zigeunerbaron« sprechen müssten, um keinen Ärger mit der Sonjas Familie zu bekommen. Den trafen wir auch im Winterquartier des Familienclans. Er hörte Ruthchen an und rief irgendetwas in den Raum, und nach einigen Minuten kam die von uns Gesuchte, die er uns als Sonja vorstellte und uns übergab. So fuhren wir mit ihr davon. Ich begleitete Ruthchen noch in die Untersuchungshaftanstalt Halle, wo wir Sonja ablieferten. Für mich war damit der Einsatz beendet.

Nach einer Woche schallte lautes Gelächter durch den Korridor, in der die Untersuchungsabteilung ihr Zimmer hatte. Was war geschehen? Sonja hatte in einer Vernehmung bei Ruthchen behauptet, sie sei nicht die Gesuchte. Es war nicht zum Lachen. Der »Zigeunerbaron« hatte uns ein Mädchen mitgegeben, welches nun behauptete, nicht Sonja zu sein. Es konnte nicht geklärt werden, wer nun wer war, und zur Vermeidung weiteren Ärgers musste die junge Frau aus der Haft entlassen werden.

Aber wochenlang lachten alle über Ruthchen und mich. Es beruhigte sich aber wieder, weil es ja jedem anderen Kriminalisten auch hätte passieren können.



Der Tagesablauf war in erster Linie durch unaufhörlich eingehende Untersuchungsarbeit ausgefüllt. Einmal wöchentlich war Zeitungsschau für alle Kriminalisten. Ein vorher bestimmter Kriminalist musste sie abhalten, und da wir keinen Versammlungsraum hatten, ging gegen 7.30 Uhr jeder mit seinem Stuhl in den Korridor, nahm Platz und ließ alles über sich ergehen. Ich weiß nicht mehr, warum diese Zeitungsschau durchgeführt wurde, es kann sein, dass nicht alle eine Zeitung bestellt hatten oder dass Papiermangel der Grund war. Dieser Termin wurde nicht sonderlich ernst genommen, fand aber regelmäßig statt.

Auch Parteiversammlungen wurden natürlich durchgeführt, aber alles in allem war der Tagesablauf durch die kriminalistische Arbeit ausgefüllt und für politische Gespräche war eigentlich keine Zeit. Die meisten Ermittlungen im Gebiet der Stadt Halle wurden zu Fuß oder mit der Straßenbahn erledigt. Nur bei Ermittlungen im Saalkreis stand ein Motorrad zur Verfügung. Alles war durch Sparsamkeit geprägt, die aber nicht besonders durch die Dienstvorgesetzten erzwungen werden musste, es war einfach nichts da. Wir hatten meist zu zweit eine Schreibmaschine. Ich schrieb auf einer uralten englischen »Remington«, und so war bei der Planung der Vorladungen immer mit abzusprechen, wann eine Schreibmaschine frei war. Es hatte auch nicht jeder ein Strafgesetzbuch, aber an das Ausleihen von Schreibmaschine und Gesetzbuch war man schnell gewöhnt. Als wir einmal unseren Schrank abrückten, weil wir das Zimmer renovieren wollten, lasen wir erstaunt auf der Rückseite den großen Stempel »Gestapoleitstelle Halle«. Er ließ sich auch nicht beseitigen, so blieb er halt dran, wurde übermalt und der Schrank wieder mit der Rückseite an die Wand gestellt.



Die Untersuchungsabteilung war etwa zwanzig Frauen und Männer stark, jeder half jedem, nur so war alles zu bewältigen. Es gab aber nicht nur junge Menschen, sondern auch ältere, welche schon den Krieg miterlebt hatten.

Einer dieser Älteren ist mir noch in besonderer Erinnerung. Er war Oberleutnant und bei allen als Bastler an alten Autos und Motorrädern bekannt. Wenn man mit ihm den so genannten Kriminaldauerdienst, also die Nachtschicht, zu verrichten hatte, meldete er sich bei seinem Mitstreiter, wenn sich die Stadt beruhigte hatte, so meist nach Mitternacht, unter Bekanntgabe einer Telefonnummer ab. »Ich fahre in die Bereitschaft, ruf an, wenn du mich brauchst«; und da der Dauerdienst den alten klapprigen F9-Kübelwagen hatte, fuhr er weg und kam früh gegen 7.00 Uhr wieder, da ja die Nachtschicht übergeben werden musste. Alle wussten, dass er an einem Auto bastelte. Es wurden auch Kontrollanrufe getätigt, aber alles lief problemlos.

Eines Tages war er mit dem Auto, einem alten, nun durch ihn aufgemotzten F9 fertig und so kam er fortan mit diesem Wagen von seinem Wohnort zum Präsidium gefahren. Eines Tages, es muss etwa 1955 oder 1956 gewesen sein, wurde zu einer außerordentlichen Parteiversammlung aufgerufen, welche am gleichen Tag durchgeführt werden sollte. Niemand wusste, worum es gehen sollte, alles war sehr geheimnisvoll. Im Raum waren Zivilisten, die niemand kannte. Es wurde gemunkelt und vermutet, dass sie von der Stadtleitung sein könnten. Was die Stadtleitung aber mit der Kriminalpolizei zu tun haben sollte, wussten wir nicht und so war überall Unruhe und Rätselraten im Raum.

Bei der Eröffnung der Parteiversammlung wurde bekannt, dass gegen den Autobastler, also Oberleutnant S., wegen nichtsozialistischen Verhaltens sowie des Versuchs der Restaurierung des Kapitalismus ein Parteiverfahren durchgeführt wird, mit dem Ziel, ihn aus der Partei auszuschließen und aus den Reihen der Volkspolizei auszustoßen. Alle waren verwundert, niemand wusste, was mit dem Vorwurf gemeint sein könnte. Das wurde erst in der Diskussion klar, die eigentlich keine war, weil vorbestimmte Redner nur immer den Vorwurf wiederholten.

Der Teilnehmerkreis dieser Versammlung umfasste auch andere Abteilungen des VPKA, und so waren es fünfzig bis sechzig Anwesende. Nachdem der Ausschluss aus der Partei und der Ausstoß aus der Volkspolizei gefordert waren, meldete sich »Glöckchen« zu Wort. »Glöckchen« war bei uns in der Untersuchungsabteilung tätig. Alle wussten, dass er zwölf Jahre Haft und Konzentrationslager hinter sich hatte. Er war in der Zeit des Faschismus als Mitarbeiter der Halleschen Zeitung Die Freiheit im Untergrund tätig, und »Glöckchen« war sein Deckname. Er begann mit den Worten: »Nachdem nun lange genug Holz auf dem Rücken des Genossen S. gehackt wurde, will ich euch etwas erzählen, was offensichtlich auch bei der Stadtleitung nicht bekannt ist«: Und mit einer Tonart, die ich als drohend empfand, fuhr er fort: »Euch, die ihr im Krieg wart, will ich nicht fragen, was ihr im Krieg gemacht habt. Aber, was er gemacht hat, das will ich euch jetzt erzählen.«

Im Saal war es ganz still. »Oberleutnant S. war als 18-Jähriger in die faschistische Wehrmacht eingezogen worden und hatte, als in der Sowjetunion noch gesiegt wurde, wenige Tage Heimaturlaub bekommen. In seinem Heimatdorf sah er eine Kolonne weiblicher Häftlinge zur Arbeit in einen Tagebau schlurfen. Er beschloss, eines dieser Mädchen zu befreien. Er schaffte das auch und seine Eltern versteckten das Mädchen bis zum Kriegsende. Welche Strafen seitens der Nazis für seine Eltern und für ihn zu erwarten waren, wisst ihr alle selbst.« Und er wiederholte: »Was ihr Alten im Krieg gemacht habt, das will ich euch nicht fragen, aber was er gemacht hat, habe ich euch jetzt noch nicht zu Ende erzählt. Nach dem Krieg und nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft fand er dieses Mädchen noch bei seinen Eltern vor, heiratete sie, hat mit ihr drei Kinder. Wenn ihr ihn nun immer noch aus der Partei ausschließen wollt, könnt ihr gleich abstimmen. Ich stimme dagegen und wenn ich der einzige bin.« Es wurde nicht abgestimmt, auch der bereits gestellte Antrag nicht aufgehoben. Die Versammlung löste sich plötzlich ohne Schlusswort auf.

Und nicht erst heute, wo ich nun weit über das 80. Lebensjahr bin, schäme ich mich dafür, dass ich mit für den Ausschluss dieses mutigen Mannes aus der Volkspolizei gestimmt hätte. Ich war, wie viele der anderen Kriminalisten, politisch zu unerfahren und wohl auch zu ängstlich, dem Antrag zu widersprechen, und noch immer bin ich sicher, dass wenn »Glöckchen« an diesem Tag gefehlt hätte, alle für den erhobenen Antrag gestimmt hätten.

Nach dieser Versammlung wurde nicht mehr öffentlich darüber gesprochen, und wenn, dann nur mit den engsten Freunden. Heute kann jeder sich fragen, was diese Versammlung zum Ziel hatte. Ging es um exemplarische Erziehung wegen des Autos, was er sich aufgebaut hatte und was nun als Rückkehr zum Kapitalismus verurteilt wurde? Sollte allen anderen die eventuell vorhandene Hoffnung auf ein Auto als parteifeindliche Handlung begreiflich werden oder war es Ausdruck der allgemeinen Linie der SED im Kampf gegen kapitalistische Anwandlungen zum Privatbesitz von irgendwelchen Gegenständen? Oder war es eine Warnung an alle anderen oder einfach nur eine überzogene Parteimaßnahme? Es fand keinerlei öffentliche Diskussion statt.

Und der Bastler, Oberleutnant S., wusste wohl auch nicht so richtig, was das alles sollte. Ich möchte auch heute noch annehmen, dass es eine Protesthaltung war, was er in den nächsten Wochen und Monaten tat. Ich glaubte damals und glaube es auch noch heute, dass die Bastelei an diesem alten Auto ihm einfach so eine Art Bedürfnis war. Ihn als Parteifeind einzuschätzen, war auch aus heutiger Sicht einfach Unsinn. Er begann nämlich wieder mit seinen nächtlichen Bastelausflügen in die VP-Bereitschaft. Und es funktionierte problemlos wie vor dieser Versammlung.

Als er irgendwann gefragt wurde, was er nun dort mache, kam die Antwort: »Ich baue einen Panzer«. Das rief nur allgemeines Unverständnis hervor. So fuhr er wieder monatelang zu seinem Panzer. Und so war es wirklich nicht verwunderlich, dass so mancher, wenn die Rede auf den Panzer kam, einen Finger an die Stirn führte. Wir alle glaubten nicht an den Bau eines Panzers, wir stritten aber auch nicht mit ihm herum.

Nach mehreren Monaten zeigte er von sich aus, ohne dass wir ihn provoziert hatten, ein Bild von einem Panzer. Das Bild hatte die Größe einer Postkarte und zeigte wirklich einen richtigen Panzer, mit Laufketten, einem Turm mit Kanone, eben einen richtigen Panzer. Er sah aus wie ein T-34, den wir ja alle irgendwo schon einmal gesehen hatten. Da aber außer dem Panzer nichts weiter abgebildet war, konnten wir uns keine Vorstellung von der Größe des Fahrzeugs machen. Die Meinungen gingen auseinander. Manche führten wieder den Finger an die Stirn und andere versuchten durch ein Fachgespräch weitere technische Dinge zu erfragen. Seine Antwort war aber immer: »Ich werde ihn mitbringen. Ich muss nur noch einen Lkw auftreiben, dann könnt ihr ihn anfassen«. Solche Gespräche endeten aber meist mit einem wehleidigen Lächeln.

Eines Tages kam ich vor Dienstbeginn über den Hallmarkt in Richtung des Präsidiums (unser Dienstgebäude hieß Präsidium, nicht VPKA) und sah vor dem Haupteingang etwas fünfzig bis hundert Menschen stehen. Sie bildeten eine richtige Traube und standen um einen kleinen Panzer herum. Alle diskutierten, manch einer rief: »Das gibt es doch gar nicht!« Aber es war Tatsache, der Panzer war zwar kleiner als der T-34. Ich drängelte mich nach vorn und sah nun unseren Panzerbauer, Oberleutnant S., dort stehen und irgendetwas erklären. Um ihn herum mehrere junge Männer in drillichfarbenen Kombinationen, und ich begriff, dass das sein Panzer war. Es war irgendwie verrückt, diesen kleinen T-34 zu sehen, es war aber unstrittig ein Panzer. Der Panzerbauer sah mich dann in der Menge und warf mir einen triumphierenden Blick zu. In unserem Dienstzimmer wurde an diesem Tag nicht gearbeitet, sondern nur diskutiert. Er ging in den Zimmern herum und genoss seinen Triumph.

Diese Geschichte ereignete sich 1958. In diesem Jahr fand in Halle eine Pionierparade statt und der Panzer fuhr im Demonstrationszug der Pioniere mit, auf seinen eigenen Ketten, und die Jungs von S. waren die Besatzung – einer war der Fahrer, die anderen beiden mussten laufen.



1961 wurde ich auf die Offiziersschule des MdI nach Aschersleben delegiert. Nach dem hektischen Dienst war das geregelte Leben in einer kasernierten Schule doch sehr erholsam, obwohl uns im Unterricht nichts geschenkt wurde. Warum auch sollte uns der Dienstplan, der uns quer durch die Kriminalistik führte, etwas schenken? Wir hatten alle schon mehrere Jahre Diensterfahrung in den unterschiedlichen Bereichen der Kriminalpolizei gesammelt, waren aber nicht zu alt. Die meisten waren in meinem Alter.

Ich hatte noch eine besondere Vergünstigung, um welche mich alle beneideten: Ich war immer noch Torwart in der Handballmannschaft von Dynamo Halle und wurde des Öfteren mit dem Mannschaftsbus abgeholt und wiedergebracht. So hatte ich mehr Freizeit als die anderen Studenten. Mit dem Eintritt in die Kriminalpolizei war ich seinerzeit auch zu Dynamo Halle gewechselt.



Wenige Wochen nur vor Beendigung des Lehrganges wurde mir angeboten, in die Morduntersuchungskommission der Bezirksbehörde Halle der Deutschen Volkspolizei zu wechseln. Ich war sehr erfreut über dieses Angebot. Damals war die Arbeit in einer Morduntersuchungskommission (MUK) von hohem Ansehen begleitet und die Arbeit in der MUK die Sehnsucht vieler Kriminalisten. Natürlich wusste ich nicht, was auf mich zukäme. Aber ich hatte das Angebot, den Traum aller Kriminalisten zu verwirklichen. Selbstverständlich sagte ich zu und begann am 1. März 1962 meinen Dienst in der MUK.

Das Leben in der MUK war ungleich schwieriger als die Tätigkeit im Präsidium. Die MUK bestand damals aus dem Leiter, mir als Sachbearbeiter, einem Kriminaltechniker und einem Kraftfahrer. Uns stand ein Pkw zur Verfügung, für welchen wir monatlich 3.000 Kilometer Benzindeputat hatten. Das zwang uns oftmals irgendwo weitab von unseren Familien zu übernachten, um nicht kostbare Kilometer für die Heimfahrt zu vergeuden. Durch Ermittlungsarbeit z.B. in Zeitz oder auch in Quedlinburg waren wir oft am Rande des Limits. Dieses ließ sich aber umgehen, indem ich mit einem so genannten Fahrauftrag zum Chef Operativ der Bezirksbehörde, einem alten Kriminalisten, ging, der auf das Formular schrieb »MUK unbegrenzt«. Das Ärgerlichste aber war, dass nur der Kraftfahrer ein Telefon in der Wohnung hatte und wir oftmals eine Woche von der Familie getrennt waren, ohne uns verständigen zu können. So hatten wir auch bei Alarmen, wenn wir uns in der Wohnung befanden, keine Vorwarnzeit. Der Kraftfahrer sammelte uns einfach ein.

Meist hatten wir Totschlagsdelikte, Körperverletzungen mit Todesfolge oder auch so genannte autoerotische Unfälle, aber auch Kindestötungen unmittelbar nach der Geburt zu untersuchen. Geplante Tötungsdelikte, also echte Morde, waren selten. Aber alles war sehr zeitaufwendig. Finanziell war unser Leben auch sehr schwierig. Ich hatte knapp 700 Mark Gehalt, das Bewegungsgeld war auch knapp und wurde erst später zurückgezahlt. Aber wir waren mit Begeisterung Morduntersucher und konnten alle Delikte klären.



Ein Tötungsdelikt ist mir in besonderer Erinnerung. In Dölau, am Rande von Halle, hatte ein »Überflieger« – so nannten wir sowjetische Soldaten, welche ihr Objekt verließen, um irgendwo Alkohol zu trinken – einen deutschen Zivilisten, der am Arm seiner Freundin in der kleinen Siedlung spazieren ging, erstochen. DDR-Bürger, die das sahen, hatten einen der beiden sowjetischen Soldaten eingefangen und an einen Baum gebunden. Das war aber der falsche, wie uns die Kommandantur später erklärte. Der Täter, der schon wieder in der Kaserne war, war natürlich leicht zu ermitteln. Wir hatten alles an die Kommandantur übergeben und hatten so mit dem eigentlichen Delikt nichts mehr zu tun.

Diese Tat hat natürlich in der Bevölkerung viel Aufregung hervorgerufen, zumal das Opfer aus einer fortschrittlichen Familie kam. Die Stimmung gegen die sowjetischen Soldaten war sehr erregt, viele schrien: »Das habt ihr nun von eurer Freundschaft zu den Russen« und Ähnliches. Die Beerdigung war entsprechend politisch aufgeladen. Die Sportmannschaft und die Feuerwehr von Dölau, auch die Bevölkerung hatten für die Sargträger Spalier gebildet. Alles war sehr emotional und kurz vor der Explosion. Außer uniformierten VP-Angehörigen waren natürlich auch wir anwesend, da wir ja die Eltern und die Freundin des Opfers kannten. Glücklicherweise kam es nicht zu Ausschreitungen. Aber nur wenige Tage nach der Beisetzung erhielt ich den Befehl, bei den Eltern den Kondolenzbesuch eines Generals des sowjetischen Oberkommandos vorzubereiten. Beide Eltern und auch die Freundin des Opfers waren einverstanden und hatten mir versprochen, ihre Emotionen zu zügeln und den General nicht zu beleidigen. So fuhr ich dann mit dem General und dem Dolmetscher der Kommandantur zu den Eltern. Nach wenigen Minuten verloren die Eltern die Kontrolle. Sie wurden dem General gegenüber, der sich wortreich für das Verbrechen entschuldigte, recht bösartig, und ich war froh, dass der Dolmetscher nicht mehr übersetzte, sondern einfach schwieg. Ich brach dann den Kondolenzbesuch ab und war froh, als ich wieder im Auto saß. Der General schwieg erschüttert, ich auch.

Mehrere Wochen später erhielt ich vom K-Leiter (Leiter der Kriminalpolizei) den Auftrag, an der Gerichtsverhandlung gegen die beiden sowjetischen Soldaten teilzunehmen. Die Kommandantur hatte eingeladen. Auch die Eltern des Opfers waren eingeladen, lehnten aber eine Teilnahme ab. Der Leiter der MUK und ich fuhren also zur Kommandantur, trafen dort den uns bekannten Dolmetscher und fuhren mit ihm zur sowjetischen Kaserne.

In einem großen Saal fand die Verhandlung vor dem obersten Militärtribunal der sowjetischen Streitkräfte statt. Im Saal saßen mehre hundert Soldaten und Offiziere. Der Täter wurde zum Tode verurteilt und der andere »Überflieger« zu fünf Jahren Aufenthalt in einem Straflager. Die Urteile wurden mit lautem Beifall quittiert. Sicher sollten sie auch zur Erziehung der anwesenden Soldaten beitragen.



Wir fuhren erschüttert nach Hause und dachten beide nicht daran, dass dies noch nicht der letzte Akt in diesem bösen Delikt war. Wieder einige Monate später wurde ich zum Chef der Bezirksbehörde Halle befohlen. Der MUK-Leiter war im Urlaub. Schweigend hielt der General mehrere Seiten Papier in der Hand und gab sie mir. Es war ein handschriftliches Schreiben in kyrillischer Schrift und eine gestempelte Übersetzung in deutscher Sprache. Ich las und war zutiefst erschüttert. Die Mutter des zum Tode verurteilten sowjetischen Soldaten hatte an den Obersten Sowjet geschrieben und gebeten, das Todesurteil gegen ihren Sohn nicht zu vollstrecken. Sie bat mehrmals um das Leben ihres Sohnes und schrieb, dass durch die Vollstreckung die deutsche Mutter ihren Sohn auch nicht wiedererhalten könne. Ich sah die Tränen in den Augen des Generals, mir ging es ebenso. Wir schwiegen einige Minuten. Dann meinte der General zu mir: »Fahren Sie zu der Familie des Opfers und fragen dort nach der Meinung der Eltern und der Freundin des Erstochenen. Egal wie die Meinung der drei ist, fertigen Sie dort ein Protokoll und lassen es unterschreiben.«

Mir war nicht wohl zumute. Ich war in einer schwierigen Situation, welche ich noch nie erlebt hatte. Ich fuhr ohne Anmeldung zu den Eltern und bat sie, auch die Freundin des Opfers zu holen. Ich erklärte allen das Schreiben der russischen Mutter des zum Tode verurteilten Soldaten. Wir weinten alle.

Dann sprach die Mutter unter Tränen, dass die russische Mutter ihren Sohn auch unter Schmerzen geboren habe, ihn erzogen habe und nie gewollte habe, dass ihr Sohn einen Menschen im Frieden tötet. Und fügte unter Schluchzen und Tränen hinzu, dass die Vollstreckung des Urteils ihren Jungen auch nicht wiederbringen könne. Ich war mehrere Stunden bei der Familie. Tief erschüttert fertigte ich ein handschriftliches Protokoll, worin die deutsche Mutter den Obersten Sowjet bat, das Urteil nicht zu vollstrecken, da das ihren Sohn auch nicht wieder zum Leben erwecken könne …

Dann fuhr ich zu meinem General und wurde auch sofort vorgelassen. Schweigend las er mein Protokoll und legte es auf seinen Schreibtisch. Dann musste ich ausführlich über mein Gespräch bei der Familie berichten. Er war vom Standpunkt der deutschen Mutter tief berührt und sagte, dass er es so erhofft habe, aber auch Verständnis für einen anderen Ausgang meines Gesprächs mit der Mutter gehabt hätte. Dann wurde ich mit Dank entlassen. Ich habe nie wieder etwas von dieser traurigen Geschichte gehört.


Beginn der Arbeit in der MUK / Vergewaltigung mit Bissspuren



Am ersten Tag in meiner neuen Dienststelle der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Halle wurde ich in einer Dienstversammlung den anderen Offizieren der Abteilung Kriminalpolizei als neuer Mitarbeiter der Morduntersuchungskommission vorgestellt. Alle waren mir unbekannt.

Mein künftiger unmittelbarer Vorgesetzter war Hauptmann Helmut Grothe. Er war zwanzig Jahre älter als ich und hatte bereits viele Jahre bei der Kriminalpolizei verbracht.

Er erläuterte mir die Funktionsweise und die Aufgaben einer Morduntersuchungskommission und stellte mir auch den Kriminaltechniker Oberleutnant Hecht sowie den Kraftfahrer Hans Dehn vor. Zwischen uns beiden stimmte auf Anhieb die Chemie und das sollte auch die nächsten Jahre so bleiben. Wir hatten nie Probleme miteinander. In den nächsten Tagen fuhr er mit mir zum Direktor des Instituts für Gerichtliche Medizin Halle. Er stellte mich überall als neuen Mitarbeiter der MUK vor, und nach einer kleinen Gesprächsrunde wussten sie nun, dass ich »der Neue« im Personalstand der MUK Halle war. Diese Vorstellung hielt er für sehr wichtig, um vor einer erforderlichen Zusammenarbeit im konkreten Fall Vertrauen zueinander aufzubauen. Es dauerte nicht lange, da hatten wir einen Fall zu untersuchen, welcher ohne den Direktor der Zahnklinik Halle nicht zu lösen war.

Eine junge Studentin war offenbar im Zusammenhang mit einer Vergewaltigung durch Erwürgen zu Tode gekommen. Die Situation am Fundort der Leiche entsprach der einer »klassischen« Vergewaltigung. Das Opfer hatte sich kräftig gewehrt, dabei war ihre Oberbekleidung verrutscht und auf der nun freiliegenden Brust hatte der Täter einen kräftigen Abdruck der Zähne durch einen so genannten Lustbiss hinterlassen.

Zunächst hatten wir keinen Anhaltspunkt zum Täter, aber Hauptmann Grothe meldete uns beim Direktor der Zahnklinik Halle, Prof. Taats an. Obwohl Hauptmann Grothe keinen solchen Fall jemals davor zu untersuchen hatte, und ich gleich gar nicht, wollte mein Vorgesetzter wissen, ob ein Vergleich der stomatologischen Befunde eines Tatverdächtigen mit der Bissspur an der Leiche möglich sei. Er hatte zuvor ein Gespräch mit dem damaligen Leiter des Instituts für Gerichtliche Medizin anberaumt. Aber Oberarzt Simon kannte einen solchen Vergleich aus seiner Tätigkeit bis dahin nicht, sondern nur als Abbildung in wissenschaftlichen Lehrbüchern.

So fuhren wir also mit dem großflächigen Präparat der Bissspur zu Prof. Taats. Er hielt einen stomatologischen Vergleich zwischen dem Gebiss eines Tatverdächtigen und der Bissspur durchaus für möglich, betonte aber auch, über keine eigenen Erfahrungen zu verfügen. Zunächst schien ja alles graue Theorie zu sein. Aber warum sollte ein solcher Vergleich, welchen die Fachleute noch nie durchgeführt hatten, nicht möglich sein? Was war nicht schon alles durch Gutachter verglichen und als zueinander zugehörig befunden worden? Es eilte erst einmal nicht, wir hatten schließlich noch keinen Tatverdächtigen ermittelt.

Im VPKA Halle wurden die erforderlichen Maßnahmen zur Ergreifung des Täters oder wenigstens eines Tatverdächtigen unter unserer Leitung und Einbeziehung der Bevölkerung durchgeführt. Doch es vergingen mehrere Tage, ohne dass wir einen Hinweis ermitteln konnten. Doch dann ging alles sehr schnell. Aus der Bevölkerung war ein Hinweis auf einen jungen Mann gekommen, welcher frische Kratzspuren im Gesicht und an den Händen hätte. Nach einigen Tagen hatten wir ihn ermittelt und als Tatverdächtigen inhaftiert. Er bestritt eine Täterschaft und verhielt sich unzugänglich. Nun aber hatten wir eine Vergleichsmöglichkeit zwischen den Spuren des Täters an der Leiche und den stomatologischen Befunden des Verdächtigen.

So fuhren wir wieder zu Prof. Taats. Zunächst erklärte er uns wieder, keine eigenen Erfahrungen zu diesem schwierigen Gutachten zu haben, bemerkte jedoch: »Ich fliege in wenigen Tagen zu einer wissenschaftlichen stomatologischen Konferenz nach Schweden und könnte dort mit einem guten Freund das Problem bereden«. Als Hauptproblem hatte er stets die Veränderungen des biologischen Materials durch Austrocknung mit der damit einhergehenden Verkleinerung gesehen.

Seine Reise nach Schweden und die dort mögliche Besprechung unter Fachleuten wäre eine schöne Sache gewesen, wenn wir nicht dienstlicherseits ein totales Verbot für eine Zusammenarbeit mit ausländischen Wissenschaftlern und vor allem solchen aus dem kapitalistischen Ausland verordnet gehabt hätten.

Aber Hauptmann Grothe und ich hatten jetzt eine Spur aufgenommen. Sollten wir diese günstige Gelegenheit verstreichen lassen? Wir erklärten Prof. Taats unsere Bauchschmerzen und wurden mit ihm einig, dass er das Präparat der Bissspur und die stomatologischen Abdrücke unseres Tatverdächtigen nur unter der Bedingung mit nach Schweden nehmen konnte, dass er unser Problem nur mit einer einzigen Vertrauensperson besprechen würde.

Wir ließen in den nächsten Tagen durch den behandelnden Zahnarzt der Untersuchungshaftanstalt (UHA) Abdrücke vom Ober- und Unterkiefer des Verdächtigen anfertigen und übergaben beide Prof. Taats. Über mögliche disziplinarische Konsequenzen wegen unserer Kontaktaufnahme zu ausländischen Wissenschaftlern haben wir damals nicht nachgedacht. Zu dieser Zeit, 1963, war auch innerhalb der Kriminalpolizei die Angst vor einer Berührung mit dem »Klassenfeind« noch nicht so ausgeprägt, wie ich es später nach meinem Wechsel in das MfS kennenlernte.

Nach etwa einer Woche meldete sich Prof. Taats von seiner Reise zurück und wir fuhren sofort zu ihm. Nach der Schilderung seiner Reiseeindrücke kam er auf unser Problem zu sprechen. Nach Meinung seines schwedischen Kollegen bestand mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Übereinstimmung zwischen der Täterspur und den angefertigten Abdrücken.

Wir waren hocherfreut und verließen Prof. Taats mit vielem Dank für seine Hilfe. Uns war aber bewusst, dass wir diese illegal gewonnenen Informationen in keiner Weise irgendwie verwenden konnten. Aber sie stützten unsere Bemühungen um die Ergreifung eines brutalen Mörders.

Als nächstes ließen wir unseren Tatverdächtigen mit einem anderen Häftling zusammenlegen. Dass dieser Häftling in unserem Auftrag als Zelleninformator (ZI) tätig war, blieb natürlich unser Geheimnis. Wir suchten dann auch mehrere Tage nach einem geeigneten ZI, denn dieser musste eine Grundbedingung erfüllen: er musste zum Zeitpunkt des Verbrechens schon in Haft gewesen sein und konnte somit, wenn überhaupt, jedwede Information über die Tat nur von unserem Verdächtigen bekommen. Wir schufen noch eine weitere Sicherung. Wir sperrten den Besucherverkehr unseres ZI mit seinen Verwandten. Wir waren überzeugt, alles getan zu haben, um die Wahrheitsfindung in unserem Fall voranzutreiben.

Gleichzeitig versuchten wir aber auch in mehreren Vernehmungen von unserem Tatverdächtigen ein Geständnis zu bekommen. Wir redeten dabei auch über die Spurenlage, um ihm zu zeigen, dass wir ihn für den Mörder der jungen Frau hielten. Dabei könnten wir aber etwas falsch gemacht haben und zu sehr auf den Zusammenhang zwischen seinem Gebiss und der Bissspur an der Leiche hingewiesen haben. Vielleicht hatte er aber auch begriffen, wie gefährlich diese Übereinstimmung für ihn war. Wir haben allerdings nicht mitbekommen, dass er sich über diesen Zusammenhang stundenlang eigene Gedanken gemacht hatte, um aus dieser gefährlichen Situation heraus zu kommen.

Der ZI konnte nichts Wertvolles berichten, außer der Tatsache, dass unser Tatverdächtiger stundenlang schweigend in der Zelle hin- und herlief. Er war immer zu seiner Freistunde auf den Hof gegangen, jedoch hatte sich kein intensives Gespräch zwischen beiden Männern ergeben.

Und dann nahm alles einen dramatischen Verlauf. Eines Tages, gleich zu Dienstbeginn gegen 8.00 Uhr, wurden wir durch den Bezirks-K-Leiter in Kenntnis gesetzt, dass die Leitung der Untersuchungshaftanstalt beim Operativen Diensthabenden in der Nacht angerufen hatte und um baldiges Erscheinen der Offiziere der MUK gebeten hatte. Ein Grund war nicht benannt worden. Wir fuhren sofort zur UHA. Was wir dort erfuhren, hatte selbst Hauptmann Grothe in seiner langen Dienstzeit bei der Kriminalpolizei und der MUK noch nie gehört: Unser Tatverdächtiger hatte sich in der Nacht mit einer Zange einen Zahn gezogen, der ZI hatte zwar Alarm geschlagen und an die Tür getrommelt, aber wie das eben nachts in einer mehrfach verschlossenen Haftanstalt so ist, war eine längere Zeit vergangen, bis das Personal die Trommelei an der Tür gehört und darauf reagiert hatte. Während wir die ersten Gespräche mit der Leitung der UHA führten, war unser Verdächtiger in zahnärztlicher Behandlung. Wie oft stellten wir uns die Frage, wie er in den Besitz einer Zange kommen konnte!

Später erfuhren wir von ihm selbst, dass er die Zange auf dem Weg durch endlose Korridore in die Freistunde irgendwo an einem Fenster habe liegen sehen. Er sei zu diesem Zeitpunkt bereits mit Möglichkeiten des Zahnziehens beschäftigt gewesen und habe sofort zugegriffen. Wahrscheinlich war, dass irgendein anderer Häftling aus einem Arbeitskommando die Zange dort hingelegt und vergessen hatte.

Damit hatte sich unsere mühevoll aufgebaute Beweismöglichkeit in Luft aufgelöst. Als wir später Prof. Taats von dieser vermaledeiten Geschichte erzählten, lachte er laut.

Hauptmann Grothe und ich reagierten sehr kleinlaut, hatten uns aber vorgenommen, bei der zu erwartenden Befragung durch den Bezirks-K-Leiter unsere Schwedenaktion zu verschweigen, da sie ja nun ohnehin für uns wertlos war.



Dank unseres ZI nahm letzten Endes doch alles noch einen guten Ausgang: Unser Häftling hatte sich in völliger Verkennung der Situation bei seinem Mitinsassen freudig darüber geäußert, dass nunmehr, wo dieser Zahn im Gebissschema fehlte, die Polizei ihm nichts mehr anhängen könne. Er war dann, nach den Aussagen des ZI und durch eine Reihe anderer Beweismittel, die wir gesammelt hatten, doch geständig. Er hatte die allein laufende Frau, die ihm weitläufig bekannt war, in der Nacht zufällig getroffen, dann vergewaltigt und erwürgt. Er wurde vom Bezirksgericht Halle zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.


Sachbearbeiter unnatürlicher Todesfälle / Straßenbahn nach Bad Dürrenberg



Nachdem ich 1962 in die MUK der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei (BdVP) Halle versetzt worden war, erläuterte mir der damalige Leiter der Morduntersuchungskommission Hauptmann Grothe die Funktionsweise der MUK und ihre Pflichten im Zusammenwirken mit den Abteilungen Kriminalpolizei der einzelnen Volkspolizei-Kreisämter (VPKA).

Damals gab es in jedem VPKA in der Abteilung Kriminalpolizei einen Sachbearbeiter für unnatürliche Todesfälle. Das war eine wirklich gute Einrichtung, denn jener Sachbearbeiter wurde immer dann tätig, wenn beispielsweise ein leichenschauender Arzt auf dem Totenschein die Todesart als ungeklärt angekreuzt hatte oder wenn aus einem Krankenhaus ein Todesfall »unter verdächtigen Umständen« gemeldet worden war. Er betrachtete auch bekannt gewordene Selbsttötungen aus kriminalpolizeilicher Sicht.

Diese Sachbearbeiter waren quasi ein Filter zwischen Gut und Böse und wichtige Leute innerhalb der Kriminalpolizei. Das Verhältnis dieser Sachbearbeiter zur Morduntersuchungskommission war wirklich von Bedeutung. Oft ergaben sich telefonische Nachfragen bei der Klärung von Sachverhalten. Diese Sachbearbeiter mussten jeden Abschlussbericht über durchgeführte Untersuchungen bei einem Todesfall an die MUK schicken. Wir übten dann die Kontrolle über die Qualität der Untersuchung aus und gaben möglicherweise Hinweise zur Nachermittlung.

Wegen der großen Entfernung zu diesen Sachbearbeitern – Quedlinburg etwa war einhundert Kilometer entfernt – hatten wir meist nur telefonische Kontakte, bei einem der eher seltenen Hilferufe fuhren wir natürlich zu ihm. Jährlich kamen mehrere hundert solcher Abschlussberichte zu uns zur Kontrolle.

Als zum Beispiel im VPKA Merseburg ein neuer Sachbearbeiter für die Untersuchung unnatürlicher Todesfälle eingesetzt wurde, bestellten wir ihn zu uns in die MUK. Das war insofern günstig, da zwischen Merseburg und Halle eine Straßenbahnverbindung bestand. Es war eigentlich keine richtige Straßenbahn. Sie fuhr zwar auf Gleisen des innerstädtischen Straßenbahnnetzes und auch mit auf dem Dach befindlichen Stromabnehmern, aber es war keine innerstädtische Bahn, sondern eine Verbindung zwischen Halle, Merseburg und Bad Dürrenberg. Ihre Waggons waren länger, kompakter, hatten größere Fensterscheiben und mit Leder überzogene, heizbare gepolsterte Sitze. Für die damalige Zeit war es ein wahrer Luxus. Diese Bahn, genannt Überlandbahn, fuhr vom Riebeckplatz in Halle mit Haltestellen weiter nach Ammendorf, Merseburg, Schkopau und Leuna und hatte den Endpunkt in Bad Dürrrenberg. Es war eine schnelle und eine günstige Verbindung zwischen den genannten Städten. Sie fuhr stündlich, von meines Wissens 4.00 Uhr früh bis abends 23.00 Uhr. Viele Beschäftigte der umliegenden Werke benutzten sie täglich.

So bestellten wir eines Tages, vermutlich 1963, den Leichensachbearbeiter von Merseburg zu uns nach Halle, wir wollten ihn persönlich kennenlernen. Dass er 1967, als ich in das MfS wechselte, mein Nachfolger werden würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

So kam der Leichensachbearbeiter Siegfried Schwarz mit der Überlandbahn nach Halle. Damals ahnte auch niemand, dass er später mit der Aufklärung des Mordes an einem Knaben, dessen Leiche in einem Koffer mit Zeitungen mit ausgefüllten Kreuzworträtseln gefunden wurde, bekannt werden würde. Er ist in der Zwischenzeit auch ein erfolgreicher Autor von Büchern mit wahren Kriminalfällen: Mord nach Mittag und Der Makronenmord.

Bei uns eingetroffen, besprachen wir alles, was für seine künftigen Pflichten und für die Zusammenarbeit mit der MUK erforderlich war und wurden uns einig, nach so vielen trockenen Stunden gemeinsam nach Dienstschluss ein Bier zu trinken. Also fuhren wir abends mit der innerstädtischen Straßenbahn in ein Tanzlokal, ich glaube, es hieß »Café Rosengarten«. Wir redeten weiter über die Arbeit, über unsere Familien und debattierten über Gott und die Welt. Doch lief die Uhr wieder einmal viel zu schnell und wir kamen in Gefahr, die Betriebszeit der Straßenbahn, vor allem der Überlandbahn zu verpassen. Schwarz meinte dann: »Ich bestelle uns einen Wagen«, ging in das Büro des Geschäftsführers und verkündete nach der Rückkehr: »… in einer halben Stunde kommt der Wagen«. Wir tranken noch etwas, bezahlten und gingen vor die Tür. Vor dem Tanzlokal stand – ein Leichenwagen. Ein richtiger mit Palmzweig ausgewiesener Leichenwagen, welcher von mehreren Neugierigen umringt war. Am Auto stand ein schwarz gekleideter Mann, er hatte eine Mütze unter dem linken Arm geklemmt und Siegfried Schwarz begrüßte ihn. Dann sagte er zu mir: »Los, steig ein«. Der Fahrer öffnete die hintere Tür, ich stieg ein und los ging die Fahrt. Schwarz saß vorn beim Fahrer. Hinten war, wie es sich gehörte, ein Sarg platziert, aber keine Sitzgelegenheit. So saß ich notgedrungen auf dem Sarg und stützte mich in den Kurven mit den Händen an den Seitenwänden des Wagens ab. In der Nähe meiner Wohnung klopfte ich an die Scheibe und stieg aus. Ich war froh, so schnell und unkompliziert nach Hause zu kommen und ein Leichenwagen war auch für mich nichts Bedrohliches.

Diese »Dienstfahrt« habe ich auch bei einer »innerdienstlichen« Zusammenkunft der Offiziere der ehemaligen Morduntersuchungskommissionen aus den Bezirken der DDR zum Besten gegeben. Alle waren amüsiert. Seit vielen Jahren schon treffen wir uns auch heute noch einmal jährlich. An diesen Treffen nehmen außer uns Ex-Offizieren der MUK auch frühere Gutachter des Kriminalistischen Instituts der Volkspolizei, ehemalige Dozenten der Sektion Kriminalistik der Humboldt-Universität zu Berlin, Sachbuchautoren, die unserem Beruf zugetan sind und auch Ehefrauen teil. Und natürlich auch der ehemalige Leichensachbearbeiter Schwarz mit seiner Ehefrau. Er hat noch immer Kontakt zum damaligen Fahrer des Leichenwagens. Wir laden auch aktive Gerichtsmediziner ein und besprechen dann einen bereits gerichtlich abgeurteilten Fall der Neuzeit. Dann reden wir oft bis in die frühen Morgenstunden über die Vergangenheit, unsere aktuellen Lebensumstände und auch über die Zukunft.


Mord aus Leidenschaft im Schaustellermilieu



In der von Hauptmann Grothe und mir 1963 untersuchten Tragödie sehen wir die Kraft der Liebe und das dämonische Verlangen, welches aus der verratenen Liebe reift und mit der Tötung der verlorenen Geliebten enden kann. Wie treffend sind doch die Worte in Schillers Das Lied von der Glocke:

Oh dass sie ewig grünen bleibe,

die schöne Zeit der jungen Liebe!



Das Drama ereignete sich in Halle. Wir fuhren kurz nach Dienstschluss zur betreffenden Wohnung. An der Wohnungstür stand ein uniformierter Polizist und wies uns schweigend mit einer Handbewegung den Weg in die Wohnung. Wir kamen an einer Küche vorbei. Am Tisch saß eine weinende Frau, die sich offenbar in tiefem Schockzustand befand. Dann rechts ein Wohnzimmer und links der eigentliche Tatort im Schlafzimmer. Am Fenster stand ein jüngerer, weinender Mann. Er hielt sich mit beiden Händen an einer Stange am Fußende des Bettes fest.

Auf dem Bett lag mit dem Kopf zum Fußende eine bekleidete weibliche Leiche. Sie war geordnet bekleidet mit einer langen Hose und einer Bluse, welche im Brustbereich geöffnet war. Die Leiche lag ausgestreckt in Rückenlage. Um den Kopf, um die Schultern und herunter bis an die Hüften war die Leiche mit vielen roten Rosen umgeben. Die Situation glich der in einer Leichenhalle. Der Polizist am Fenster wies mit einer Handbewegung auf den weinenden Mann, als wollte er damit sagen, dass er der Täter sei.

Wir besahen die Leiche. Beidseitig am Hals waren deutliche Würgemale sichtbar. Offenbar war die Frau erwürgt worden. Am Kopf, im Gesicht, auf den Schultern und auch auf der Brustvorderseite sahen wir viele kleine Stichverletzungen, die aber nicht bluteten. Diese Stichverletzungen waren ihr also nach dem Todeseintritt zugefügt worden. Die Situation war irgendwie unwirklich. Keiner sprach ein Wort, der junge Mann weinte und schaute auf die Leiche.

Hauptmann Grothe sprach ihn an: »Haben Sie das getan?«, und der Mann nickte wortlos. Dann ermahnte er ihn »Sagen Sie Ja oder Nein, damit wir wissen, was hier geschehen ist und in welchem Zusammenhang Sie zu der getöteten Frau stehen«. Leise kam die Antwort: »Ja, das war ich«. Hauptmann Grothe gab beiden VP-Angehörigen die Weisung, den Mann ins VPKA zu bringen und dort unter Bewachung zu setzen. Vorher fotografierten wir noch seine verschmierten Hände. Dann waren wir mit der Leiche allein. Wir schüttelten beide mehrmals den Kopf. So etwas hatten wir noch nicht erlebt.

Unser Kriminaltechniker, Oberleutnant Hecht, ordnete seine Gerätschaften und begann mit der Fotografie und der Vermessung des Raumes. Er fand auch einen kleinen Hirschfänger mit einer Klingenlänge von sieben Zentimetern. Wir gingen in die Küche, um von der weinenden Frau zu erfahren, was sich ereignet hatte. Sie sprach unter Tränen und Schluchzen, die Tote sei ihre Tochter. Sie war an dem Tag mit ihrem Freund Lothar gekommen, sie habe beide allein gelassen. Dann sei der Freund zu ihr gekommen und habe ihr gesagt, dass er ihre Tochter ermordet habe und sie die Polizei rufen solle.

Sie wusste nicht, warum das alles geschehen war. Sie hatte ihre Tochter tot auf dem Bett liegen und die vielen Blumen gesehen und war dann weinend über die Straße zur Frauenklinik gelaufen, um die Polizei zu verständigen. Der Freund ihrer Tochter habe weinend im Schlafzimmer gestanden.

Sie weinte ununterbrochen. Ich ging zur Frauenklinik und forderte von dort einen Arzt, den Leichentransport und eine Krankenschwester zur Betreuung der Mutter an. Das Mobiltelefon war noch nicht erfunden und im Auto hatten wir kein Funkgerät. Der Tatort war schnell vermessen und fotografiert. Aus der Situation heraus gab es nicht viel zu tun.

Am nächsten Tag ging ich früh ins Institut für Gerichtliche Medizin, um an der Leichenöffnung teilzunehmen. Auch ein Staatsanwalt war gekommen. Die Ärzte stellten fest, dass die Frau durch beiderseitiges Würgen mit Bruch des Kehlkopfes und des Zungenbeines zu Tode gekommen war. Sie zählten 113 Messerstiche, welche nicht todesursächlich waren. Diese waren ihr erst nach dem Eintritt des Todes beigebracht worden. Es gab keine Anzeichen für eine sexuelle Aggression.



Die Vorgeschichte des Dramas: Lothar entstammte einer Schaustellerfamilie. Seien Eltern betrieben ein kleines mobiles Unternehmen, zu welchem auch sein Onkel gehörte. Sie hatten zwei Wohnwagen, einen Küchenwagen und einen Vorführwagen mit aufklappbarer Seitenwand, welcher die Bühne war. Sie waren Schausteller mit Handpuppen. Mehrere Monate vor dem Drama hatte die getötete Frau, welche zu dieser Zeit Studentin in Halle war, einer Schau beigewohnt, Lothar gesehen, sich Hals über Kopf in ihn verliebt und sofort ihr Studium in Halle aufgegeben. Sie war schon nach wenigen Tagen zu Lothar in dessen Wohn-Schlafwagen eingezogen. Seine Eltern und der Onkel waren im anderen Wohnwagen zusammengerückt.

Die Schausteller tingelten im Land umher, es war Sommer. Lothar und Ingrid waren grenzenlos verliebt, und so war die kleine Welt in Ordnung. Trotz der nicht luxuriösen Lebensumstände waren alle mit ihrem Leben zufrieden. Ingrid war die sexuell erfahrene und die erste Sexualpartnerin von Lothar.

Eines Tages hatte Lothar seine Geliebte in ihrem Wohnwagen mit dem Onkel im Bett angetroffen. Nach einer wüsten Schlägerei hatte sich alles zunächst scheinbar wieder beruhigt. Lothar war in den anderen Wohnwagen umgezogen und seine Geliebte schlief allein im Wohnwagen. So ging es einige Wochen. Sie trafen sich nur im Küchenwagen. Lothar war misstrauisch und argwöhnte, dass beide ihr Verhältnis fortsetzen könnten, was aber sicherlich nicht möglich war, da seine Eltern ja auch wussten, was geschehen war.

Lothar versuchte mehrmals, seine verlorene Liebe zurückzugewinnen. Das jedoch lehnte Ingrid ab. Ob aus Scham über ihren Verrat oder ob sie doch den Onkel mehr liebte, der auch mehr sexuelle Erfahrungen hatte als der unerfahrene Lothar, konnten wir nicht klären.

Am Tattag waren beide gemeinsam vom Standort der Wagen in Halle zu ihrer Mutter gelaufen um dort, vielleicht mit Hilfe der Mutter, wie er hoffte, wieder einen Versöhnungsversuch unternehmen zu können. Lothar hatte für Ingrids Mutter einen großen Rosenstrauß gekauft. Dann lief der Versöhnungsversuch jedoch völlig aus dem Ruder. Lothar erzählte uns, sie habe beim Onkel bleiben wollen. Dann hätte er sie erwürgt, mit dem Messer gestochen und die Rosen um sie gelegt. Er war ohne Ausflüchte geständig, erklärte auch, dass er schon vor diesem Tag beschlossen hatte, sie zu töten, wenn sie beim Onkel bleiben wolle. So weit konnten wir ihm als Morduntersucher folgen. Auf unsere Frage nach dem »Warum« erklärte er uns seine Motivation, der wir zunächst nicht folgen wollten. Wir konnten aber bis zur Gerichtsverhandlung kein anderes Motiv von ihm erfahren: Er meinte ein Recht zu haben, sie zu töten. Es sei seit Jahrhunderten bei Schaustellern üblich, dass der untreue Mensch vom verratenen Partner getötet werden darf. Wir hatten beide Mühe, unsere Mimik zu beherrschen. Auch bei sofortigem Nachhaken kam die gleiche Antwort: »Ich hatte das Recht, sie zu töten.«

Es war für uns unvorstellbar. Aber wir waren keine Schausteller und hatten von einer solchen Gepflogenheit oder so einem »Recht« zur Tötung noch nichts gehört. Natürlich vernahmen wir auch die Eltern und den Onkel intensiv, um dem von ihm behaupteten Recht auf Tötung der untreuen Geliebten näher zu kommen. Alle sagten, sie wussten, dass es vor Jahrhunderten in den Schaustellerfamilien ein solches Recht gegeben habe. Aber keiner wusste, ob ein solches »Recht« in anderen Schaustellerfamilien schon einmal in Anwendung gekommen war. Sie betonten immer wieder, wenn überhaupt, habe es einen solchen Brauch vor Jahrhunderten gegeben. Wir befragten auch die Gerichtsmediziner. Auch sie wussten nichts von einem solchen Brauch.

Mehrmals versuchten wir in den Vernehmungen, von Lothar Näheres zu erfahren. Gegendarstellungen, dass, wenn überhaupt, ein solches Gebaren vor Jahrhunderten vielleicht üblich gewesen sei, dass wir aber jetzt in einer völlig anderen Zeit leben, konnten ihn nicht beeinflussen. Wir ließen ihn auf seine Zurechnungsfähigkeit, auf seine Fähigkeit, sich zu steuern und sich entsprechend zu verhalten, durch psychiatrische Gutachter untersuchen. Auch dort beharrte er auf seinem Recht zur Tötung der untreuen Geliebten. Ansonsten war er voll zurechnungsfähig und wurde vom Bezirksgericht Halle zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Wir haben ihn nach der Verurteilung aus den Augen verloren. Wir hatten aber auch nie den Eindruck, dass Lothar sich mit seiner Behauptung eine Verbesserung seiner Lage als Häftling oder der zu erwartenden Strafe erreichen wollte. Er beharrte auf seiner »Rechtsauffassung« und nahm die Strafe inkauf. Was konnten wir anderes tun als ihn bei seiner Meinung zu belassen?


Der »sprechende« Rucksack



Anfang der sechziger Jahre war in Halle eine junge Studentin spurlos verschwunden. Sie wohnte als einziges Kind bei ihren Eltern in einer kleinen Siedlung am Stadtrand von Halle. Wie immer beim Verschwinden eines Menschen war zunächst die zuständige Kriminalpolizei mit dem Problem befasst. Als nach etwa einer Woche noch immer kein Hinweis auf den Verbleib der jungen Frau bekannt wurde, erfolgte der Einsatz unserer Morduntersuchungskommission.

Nach etwa insgesamt drei Wochen wussten wir fast alles über die junge Frau, über ihr Verhältnis zu ihren Eltern, zum Verhältnis der Eltern untereinander, über ihr studentisches Leben. Wir glaubten zumindest alles zu wissen.

Auffällig war, dass die Eltern ihre Tochter nie in Begleitung eines Mannes oder einer Frau gesehen hatten. Ihre Tochter sei morgens mit dem Fahrrad zur Universität gefahren und irgendwann zurückgekehrt. Sexuelle Interessen oder Interesse an entsprechenden Gesprächen oder Aktivitäten hatten beide Eltern nie wahrgenommen. Auch in der Universität hörten wir Ähnliches, einen Intimpartner konnten wir nicht ausfindig machen. Für eine junge Frau von etwa 20 Jahren war das eine Auffälligkeit.

In ihrem Zimmer waren alle persönlichen Ausweise, auch der Studentenausweis, alle Bekleidung, außer der gerade getragenen, vorhanden. Es fehlte nur ein Rucksack. Dieser hatte zwei braune Lederriemen und konnte mit einer Schnur zusammengezogen werden. Es war ihr Rucksack, und ihre Eltern hatten keine Vorstellung, warum gerade er fehlte, wo doch alles andere vorhanden war.

Wir suchten in der kleinen Siedlung und auf den angrenzenden Wiesen und Gärten. Doch alles war vergeblich. Die junge Frau blieb verschwunden.

Mit Hilfe der Bezirksverwaltung (BV) für Staatssicherheit versuchten wir Hinweise zu erlangen, die auf ein ungesetzliches Verlassen der DDR hinwiesen. Die Eltern haben eine solche Möglichkeit immer ausgeschlossen, da es auch keine Verwandtschaft in der Bundesrepublik gab. Aber auch das MfS konnte keine Hinweise finden.

Vier Wochen später wurde am Saaleufer eine bekleidete Frauenleiche aufgefunden, die einen Rucksack trug. Die Frau war durch den Rückgang des Saalewassers sichtbar geworden. Wir übernahmen sofort die weiteren Untersuchungen. Der Fundort war bereits durch Volkspolizisten gesichert, als wir dort ankamen. Die Leiche war aus dem schlammigen Uferbereich herausgezogen worden und lag etwas höher am Ufer. Es war ein trauriger Anblick, der sich uns bot.

Um überhaupt Näheres sehen zu können, blieb uns nach den erforderlichen Aufnahmen zunächst nur übrig, die Leiche und den Rucksack vom anhaftenden Schlamm zu reinigen. Es gab aber keinen Zweifel, dass wir die verschwundene Studentin vor uns liegen hatten. Ihre Bekleidung stimmte mit den Angaben der Eltern überein, und da war ja auch noch der Rucksack.

Ich ließ durch einen Funkwagen Oberarzt Dr. Simon, Leiter des Instituts für Gerichtliche Medizin der Martin-Luther-Universität Halle zum Fundort bitten. Aber auch er konnte nach der Besichtigung des Kopfes und der Hände sowie der nassen Kleidung nur ersuchen, die Leiche und den Rucksack in sein Institut zu bringen, wo er noch am gleichen Tag die gerichtliche Obduktion vornehmen wolle. Der Rucksack war noch immer am Körper der jungen Frau. Beide Riemen waren korrekt über die Schulter gezogen, und als wir uns fragten, wie das denn nach einer solchen Liegezeit im fließenden Wasser möglich sei, und die Leiche nun wendeten, sahen wir, dass beide Tragriemen vor der Brust mit einem Lederriemen verknotet waren. So erklärte sich, dass der Rucksack am Körper fixiert war. Der Rucksack war, das konnten wir von außen fühlen, ohne ihn zu öffnen, mit Steinen gefüllt. Nach den erforderlichen Fotografien, zunächst Leiche mit Rucksack und dann beides getrennt, transportierte ein Leichenwagen die sterblichen Überreste und den Rucksack in das Institut zu Dr. Simon. Obwohl am Gesicht und den Händen der Leiche keine Verletzungen sichtbar waren, ließ doch der schwere Rucksack eine Anbringung an der Leiche zum Zwecke des Verschwindens denken. Ein Verbrechensverdacht war durchaus berechtigt.

Im Institut ließ Dr. Simon wieder die Leiche, den Rucksack und vor allem die Riemen, die wir ja am Saaleufer durchschnitten hatten, um die Leiche transportieren zu können, fotografieren. Der Rucksack erbrachte auf der Waage ein Gewicht von 41,2 Kilogramm.

Bei der Obduktion wurde festgestellt, dass Ertrinken zum Tod der jungen Frau geführt hatte. Am Körper waren keinerlei Verletzungen feststellbar. Ihr Hymen war auch noch intakt. Ein Verbrechensverdacht trat damit in den Hintergrund, obwohl ja auch denkbar war, dass die Frau durch einen Täter, versehen mit dem Rucksack, in die Saale gestoßen worden war und der Rucksack ein Mittel zur Leichenbeseitigung sein konnte. Unser Interesse und auch das Interesse der Ärzte konzentrierte sich nun auf den Rucksack.

Dr. Simon empfahl uns, den liegenden Rucksack an beiden Längsseiten aufzuschneiden, um das Innere näher inspizieren zu können. Die Schnur des Rucksacks war noch zugezogen, der Rucksack somit verschlossen, und wir hatten nur von außen gefühlt, dass Steine im Rucksack vermutet werden konnten.

Nachdem beide Längsseiten mit Schere und Messer durchtrennt waren, konnten wir die Oberseite des Rucksackes aufklappen und das Innere des Rucksackes wurde sichtbar. Wir sahen viele Steine von unterschiedlicher Größe, auch einen halben Mauerstein.

Alle hockten wir um den Rucksack und keiner wusste zunächst, irgendetwas zu sagen. Schon beim Durchschneiden der beiden Längsseiten des Rucksackes und dem Lösen der Schnur waren Steine aus dem Rucksack gepurzelt. Wir sahen nun, dass die Steine unterschiedlich groß waren, dass aber die großen Steine unten im Rucksack lagen und nach oben, also zur Verschlussschnur des Rucksackes hin, erkannten wir immer kleinere Steine. Niemand von uns hatte so etwas schon einmal gesehen, obwohl wir alle schon die unterschiedlichsten Beschwerungen an Verbrechensopfern gesehen hatten. Ich hatte da die wenigsten Erfahrungen. Was hatte das alles zu bedeuten, oder anders gefragt: Hatte es überhaupt etwas zu bedeuten? War es Zufall? Wir versuchten uns in die Gefühlswelt der Toten hineinzudenken.

Dr. Simon brach das Schweigen: »Es muss eine Bedeutung haben, wenn wir unterstellen, sie war kein Verbrechensopfer, sondern eine Selbstmörderin aus irgendeinem noch unbekannten Motiv. Wenn wir unterstellen, sie ist eine Selbstmörderin gewesen, muss es einen Sinn haben, dass wir im Rucksack 41,2 kg Steine von unterschiedlicher Größe gefunden haben, die noch dazu nicht wahllos in den Rucksack gelegt wurden. Die großen Steine liegen unten im Rucksack, wir müssen deshalb annehmen, dass sie zuerst in den Rucksack gelangt waren. Nach oben, in Richtung der Verschnürung des Rucksackes werden die Steine immer kleiner. Wir denken immer noch an Selbstmord, da wir für ein Verbrechen keinen Anhalt haben.

Wenn sie mit dem Entschluss zum Selbstmord unter Mitnahme des Rucksackes von zu Hause an die Saale gelaufen ist, die Entfernung wird ca. fünf Kilometer betragen, wird sie diesen Rucksack als Beschwerung gedacht haben, wenn sie in den Fluss geht. Deshalb wird sie Steine gesammelt haben mit dem Gedanken, in den Fluss zu gehen, wenn der Rucksack mit Steinen gefüllt ist.

Sie kann aber sicherlich den Gedanken an den Selbstmord auch mehrmals verdrängt haben. Sei es aus Angst vor dem Tod oder dem kalten Wasser des Flusses. Sie kann diesen Gedanken immer wieder verdrängt haben und stets wieder ihren Todeswunsch im Sinn gehabt haben, aber auch andauernd wieder ihre Angst vor dem Tod oder dem kalten Wasser in den Hintergrund gedrängt haben, mit dem festen Entschluss, ich gehe in den Fluss, wenn der Rucksack gefüllt ist. Wegen dieser Gedanken kann sie ihren Tod vom Füllstand des Rucksackes abhängig gemacht haben und deshalb immer kleinere Steine gesammelt und oben in den Rucksack gelegt haben.«

Diese Deutung überraschte mich. Ich hatte noch nie eine solche Interpretation der Fakten erlebt. Einmal hatte ich einen Film gesehen, wo aus der Deutung einer Zeichnung eines ermordeten Kindes die von ihm abgebildeten Igel als das Lockmittel ihres Mörders »Schokoladentrüffel« gedeutet worden waren. Der Film mit Gert Fröbe heißt Es geschah am helllichten Tag.

Ich sagte ihm sofort, dass ich diese Deutung schlüssig fand. Auch der anwesende Staatsanwalt und der Assistenzarzt Dr. Bunk äußerten sofort Zustimmung. Wir besprachen noch mehrere Minuten diese Theorie und suchten nach anderen Varianten. Aber wir fanden keine andere Hypothese.

Damit hatten wir die Vermisstensache als sehr wahrscheinlichen Suizid erkannt. Wir wussten aber nicht, warum ein junger Mensch ohne einen bisher von uns erkennbaren Grund aus dem Leben geschieden war. Deshalb beschlossen wir sofort, nochmals Ermittlungen in diese Richtung aufzunehmen. Jetzt gleich nach der Diskussion, buchstäblich noch an der Leiche der jungen Frau stehend.

Nun hatten wir einen schweren Gang vor uns. Wir mussten die Eltern vom Auffinden ihres toten Kindes verständigen. Das waren immer sehr ergreifende, emotionsgeladene Gespräche, welche oft über Stunden verliefen. Wie sollten die Eltern begreifen, warum das alles geschehen war? Auf dieses Warum hatten auch wir keine Antwort. Obwohl wir schon mehrmals solche Gespräche mit Angehörigen in einem Selbsttötungsfall geführt hatten, waren wir auch diesmal wieder erschüttert von der Tatsache, dass etwas geschehen war, das keiner begreifen und verstehen konnte.

Hauptmann Grothe und ich gingen, wenn es unsere berufliche Situation ermöglichte, immer gemeinsam mit dieser Nachricht zu den Angehörigen. Nie hat er mich als Vorgesetzter allein in eine solche schwierige Situation geschickt, wie er es durchaus auch gekonnt hätte. Wir untersuchten gemeinsam und gingen auch die schwierigen Schritte gemeinschaftlich.

Nach langer Zeit unter Tränen und Fragen, die wir nicht beantworten konnten, sicherten wir den Eltern zu, ihre Tochter zu einer Verabschiedung vor der Beisetzung herrichten zu lassen und sie dann zu ihr zu begleiten. Eine persönliche Identifizierung der Leiche war aufgrund der Übereinstimmung der Bekleidung und des Rucksackes nicht nötig. Wir sicherten aber zu, sie auch beim Abschied von ihrem Kind zu begleiten und sie auch in dieser schweren Stunde nicht allein zu lassen. Dieses Versprechen gaben wir Angehörigen immer. Wir wussten, wie furchtbar es war, sich von Angehörigen zu verabschieden, egal ob sie durch Unfall, Suizid, natürlichen Tod oder Verbrechen zu Tode gekommen waren. Unsere Teilnahme an Verabschiedungen war ein Teil unseres schwierigen Berufes. Aber wir wussten auch, wie dankbar die Angehörigen waren, wenn wir sie in dieser schweren Stunde nicht allein ließen.

Die Eltern waren fassungslos über die Erkenntnis, dass ihre Tochter freiwillig aus dem Leben gegangen war. Sie hatten keine Erklärung. Als wir in den folgenden Tagen, in der Zeit vor der Verabschiedung von ihrer Tochter, im studentischen Kreis wieder nach einem Hinweis auf ein Motiv forschten, begegnete uns nur Fassungslosigkeit. Keiner konnte einen Hinweis geben. Leider blieb es so bis zur Beisetzung, und auch danach kam nirgendwo eine Vermutung für den Grund des Geschehens auf. Das Geheimnis ihres Todes blieb ihr Geheimnis.

In den vielen Jahren meiner Tätigkeit als Kriminalist habe ich nie wieder von einem vergleichbaren Phänomen gehört, gelesen oder gesehen. Vielleicht ist hier die uralte Erkenntnis, alles geschieht irgendwann und irgendwo zum ersten Mal, bestätigt worden.

Doch gelegentlich erleben wir, dass es zwischen Himmel und Erde Geschehnisse gibt, von denen wir nichts oder nur wenig wissen und keine Möglichkeit haben, dabei unsere kriminalistischen Erkenntnisse zu optimieren.


Mord im Hotel Radeburg



Ich möchte eine weitere Morduntersuchung schildern, nicht nur wegen der Schwierigkeit bei der Aufklärung, sondern vorrangig deshalb, weil im Gefolge der Mordaufklärung eine Idee geboren wurde, welche noch heute in der Arbeit der Kriminalpolizei fest verankert und nicht mehr wegzudenken ist.

Am 5. November 1964 wurden wir, die gesamte MUK der Bezirksbehörde Halle, befehlsgemäß nach Radeburg bei Dresden in Marsch gesetzt. Es war erstmalig, dass wir außerhalb der Grenzen des Bezirks Halle eingesetzt wurden.

Der unmittelbare Einsatzort war ein Hotel in Radeburg. Wir wurden vom Leiter der MUK Dresden vor Ort empfangen, begrüßt und mit der Lage vertraut gemacht. Die Eigentümer und Betreiber dieses Hotels waren, nachdem sie zunächst mehrere Tage als vermisst galten, es dann aber konkrete Anhaltspunkte in großer Zahl für ein an ihnen begangenes Tötungsverbrechen gab, nach tagelangen Suchmaßnahmen ermordet aufgefunden worden.

Das Hotel verfügte nicht nur über viele Zimmer, sondern auch über eine Bar, eine Gaststätte und einen Tanzsaal. Das gesamte Gebäude war unterkellert. Hier lagen große Mengen Lebensmittel, Spirituosen und Rauchwaren. Die Eigentümer Elsa und Paul T. hatten eine eigene Wohnung im Hotel.

Der Leiter der MUK Dresden, Hauptmann Wolf, führte uns durch alle Räumlichkeiten. In der Wohnung der Opfer war ersichtlich, dass beide offensichtlich im Schlaf überrascht und auch getötet wurden. Das Bettzeug und auch die Bettvorleger waren massiv mit Blut behaftet. Vor der Wohnungstür endeten die deutlich erkennbaren, mit Blut gezeichneten Schleifspuren. Der Täter hatte beide Leichen in ein unbekanntes Versteck gebracht.

Die Durchsuchung aller Räumlichkeiten führte zunächst nicht zum Auffinden der Leichen. Aber dann waren die Einsatzkräfte auf eine unscheinbare Brettertür, etwa halb so groß wie eine normale Tür gestoßen, die an der rechten Seite der Treppe, die in den Keller führte, angebracht war. Von der Wohnung oben im Gebäude bis an die Brettertür waren keine Blutspuren vorhanden. Diese Tür war der Zugang zu einem Hausbrunnen, wie er früher in vielen Gebäuden vorhanden war. Tief unten, etwa sechs bis acht Meter tief, war Wasser zu sehen, wenn mit einer Lampe hineingeleuchtet wurde. So konnte aus dem Brunnen mit einem Eimer Wasser nach oben gezogen werden. Eine Spindel war nicht vorhanden.

Bei der Durchsuchung des Gebäudes hatte man zwar die Tür geöffnet und hineingeleuchtet, aber nur die Wasseroberfläche gesehen. Da die Durchsuchung des Hotels keine Anhalte bot, wo beide Leichen sein konnten, wurde mit Einsatzkräften der Feuerwehr der Brunnenschacht unterhalb der Wasserfläche untersucht. Es hatte sich herausgestellt, dass etwa einen halben Meter unter der Wasseroberfläche ein Holzgitter vorhanden war. Dort fanden sich schließlich die beiden Leichen, deren Bergung dann eine komplizierte Aktion erforderlich machte. Die Leichen hatten das Holzgitter zertrümmert und die Holzteile hatten sich dabei in die Körper gebohrt.

Nach mehreren Stunden schwerster Arbeit hatte die Feuerwehr endlich die Leichen geborgen. Bei der sofort erfolgten Besichtigung wurde erkannt, dass beide Opfer offensichtlich mit einem hammerähnlichen Werkzeug durch viele Schläge auf den Kopf getötet worden waren.

So schwierig die Bergung der Leichen war, so wichtig war dieser Brunnen als Hinweisgeber auf den unbekannten Mörder: Er musste mit den Örtlichkeiten des Hotels sehr vertraut sein. Ein zufällig handelnder Mörder hätte diesen Brunnen nicht gekannt.

Aber hier begannen auch schon die Schwierigkeiten der Aufklärung. Jeder Kellner oder jeder Lieferant von Lebensmitteln oder Getränken, die im Keller lagerten, konnte Kenntnis vom Brunnen haben. In zweiter Reihe natürlich jede Kontaktperson des Personals oder der Zulieferer. Die Vorbesitzer schieden aus biologischen Gründen aus. Natürlich war denkbar, dass auch mancher Besucher des Hotels oder der Gaststätte irgendwie Kenntnis über den Brunnen erlangt haben könnte.

Hauptmann Wolf, der MUK-Leiter aus Dresden, bat uns, gemeinsam mit ihm und seinem Techniker jeden Raum des Hauses, jeden Einrichtungsgegenstand zu besichtigen, um daktyloskopische Spuren (Finger- oder Handabdrücke) zu finden.

Und wir hatten Glück: In der Bar und am Tresen in der Gaststätte fanden wir mehrere Tassen mit in Blut gegriffenen Fingerabdrücken. Diese waren teilweise verwischt, aber viele waren ganz klar. Wir vermuteten, dass der Täter seine Handschuhe ausgezogen haben könnte, um in die Tassen zu greifen. Wie wir später erfuhren, handelte es sich dabei um die Tassen, in denen die Kellner Trinkgelder sammelten. Wie viele derartige in Blut gegriffene Spuren wir fanden, weiß ich nicht mehr. Es waren mehrere in ausgezeichneter Qualität dabei.

Nun musste nur noch der Spurenverursacher gefunden werden. Wir führten Befragungen der Einwohner in der Stadt durch. Dabei erhielten wir einen Hinweis einer Versicherungsvermittlerin, wonach ein gewisser Klaus S. nach dem Mord eine größere Summe bei ihr eingezahlt hatte.

Er war der Spurenverursacher. Natürlich bestritt er die Tat, seine Ehefrau gab ihm ein Alibi, das sie jedoch später widerrief. Auch zu den vielen Flaschen mit Spirituosen und den großen Mengen an Zigaretten und Zigarren konnte er keine glaubhaften Angaben machen. Aber er war zweifelsfrei der Spurenverursacher. Wir fanden bei der Hausdurchsuchung in seiner Wohnung auch gewaschene, aber immer noch mit Blut befleckte Männerkleidung.

Wir übergaben unsere Beweismittel der Staatsanwaltschaft und nach einem Indizienprozess wurde er zum Tode verurteilt und am 14. Dezember 1965 hingerichtet.



Bereits am 18. Dezember 1964 waren der Leiter der MUK Dresden, Hauptmann Wolf, sein Kriminaltechniker Major Schaarschmidt, der Leiter der MUK Halle, Hauptmann Grothe und ich durch den Befehl des Ministers des Innern 27/64 mit Geldprämien ausgezeichnet worden.

Im Befehl hieß es:

»Die Aufklärung dieses Verbrechens ist von besonderer Bedeutung, da durch vorbildliche Anwendung aller kriminalistischen und kriminaltechnischen Mittel und Methoden und durch vorbildliche Einbeziehung der Werktätigen eine solche wissenschaftliche Beweisführung erfolgte, dass auch ohne Geständnis des Täters eine einwandfreie Überführung erfolgen konnte.«

Aus diesem Einsatz heraus wurde bei uns die Idee geboren, eine nicht-strukturmäßige erweiterte Morduntersuchungskommission zu schaffen, um bei komplizierten Morduntersuchungen sofort und ohne Zeitverzug eine gewisse Anzahl befähigter Kriminalisten mit ihrer Technik zum Einsatz bringen zu können. Diese Idee setzte sich durch, wurde durch die dienstlichen Leiter bestätigt und wird noch heute in bestimmten Bundesländern in der Praxis angewendet.

Wir haben im Bezirk Halle eine solche Organisationsstruktur geschaffen, die es ermöglichte, auf Befehl des Leiters der Kriminalpolizei sofort 20 Kriminalisten als erweiterte MUK unter Leitung des MUK-Leiters zum Einsatz zu bringen.


Unfall mit Todesfolge beim Seitensprung



Einmal in 1962, ich war erst wenige Monate bei der MUK und kannte die meisten Angehörigen der Abteilung Kriminalpolizei in der Bezirksbehörde nur vom Sehen, war ich gerade in unserem Dienstzimmer angekommen, als die Sekretärin des K-Leiters mit hochrotem Gesicht hereingestürzt kam: »Helmut, Hans, sofort zum K-Leiter!« Es musste etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein, so hatte ich sie noch niemals gesehen.

»Hauptmann Grothe, Sie fahren sofort nach Sangerhausen. Die Produktion steht, übernehmen Sie alles und bringen Sie die Produktion wieder in Gang.« So fuhren wir dann nach Sangerhausen. Kriminalmeister Dehn am Steuer, Oberleutnant Hecht als Kriminaltechniker und wir zwei. Unterwegs rätselten wir, was denn wohl geschehen sein könnte, das unsere Anwesenheit so wichtig machte, uns, die MUK, die ja sonst mit der Produktion nichts zu tun hatte. Es war Herbst und das Wetter entsprechend kalt und regnerisch. Wir wussten aber, dass der K-Leiter in Sangerhausen sicherlich etwas zu erzählen hatte. So parkten wir vor dem VPKA in Sangerhausen und gingen zu ihm.

Sangerhausen war damals eine kleine Bergarbeiterstadt mit etwa 23.000 Einwohnern. Die ganze Stadt lebte mit dem Bergwerk zur Gewinnung von Kupferschiefer. Es war wie in meiner Heimatstadt mit der Waggonfabrik.

»Ich brühe erst mal einen Kaffee und dann erzähle ich euch alles. Ihr braucht keine Eile zu haben, es ist alles schon geklärt.« Und dann begann er: »Heute früh ist gegen 6.00 Uhr beim Schichtwechsel auf dem Schacht der diensthabende Untertageingenieur Müller nicht zur Arbeit erschienen, und da die Nachtschicht schon in der Waschanlage war und die Frühschicht nicht ohne Müller einfahren durfte, hat der Verantwortliche vom Leitstand die Produktion angehalten und bei Frau Müller angerufen und nach ihrem Mann gefragt. Diese hatte erstaunt geantwortet, er müsse doch auf dem Schacht sein, er wäre die ganze Nacht nicht zu Hause gewesen. Und so wurde ein Mann zur Garage des fehlenden Ingenieurs Müller geschickt, um nachzusehen, ob eventuell etwas mit dem Auto sei. Dieser war zurückgekommen und hatte berichtet, dass der Wagen in der Garage stehe, dass das Tor verschlossen sei und der Schlüssel innen steckte. Bei dieser Schilderung sah er nicht sonderlich glücklich aus: »Es ist das erste Mal seit Kriegsende, dass der Schacht ruht.«

Der Leitstand hatte nun mehrere Männer mit dem Befehl zur Garage geschickt, diese aufzubrechen. Als wir erstaunt guckten, weil er von einem Befehl sprach, sagte er: »Ein Bergwerk ist wie eine große militärische Einrichtung, alles verläuft freundlich, aber nur mit Befehl.«

Die Männer haben die Garagentür aufgebrochen und auf dem Fahrersitz den fehlenden Ingenieur Müller sitzen sehen. Er war offensichtlich tot. Auf dem Beifahrersitz saß eine halbnackte Frau. Diese atmete, war aber nicht ansprechbar. Der Motor des Pkw lief nicht. Die Situation entsprach der einer Vergiftung durch Auspuffgase, was dann auch von der Obduktion bestätigt wurde.

Als die Männer sich bemühten, den Wagen rückwärts aus der Garage zu schieben, um Hilfe leisten zu können, und nach einem Krankenwagen gelaufen waren, kam Frau Müller zum Ereignisort und hatte mit weiblichem Scharfblick die Situation sofort erfasst. Sie rannte, ohne sich an der Garage aufzuhalten, weinend und schreiend in die Stadt.

Lächelnd sagte der K-Leiter weiter: »So kam die Kripo zum Einsatz, es gab ja schließlich einen Toten. Die halbnackte Frau war mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Sie hieß Brandt und war auch verheiratet. Meine Kriminalisten hatten anschließend in unserer kleinen Stadt nicht viel Mühe herauszufinden, dass Ingenieur Müller und die halbnackte Frau Brandt ein Verhältnis hatten. Das war in der Stadt offenbar bekannt und wie immer, wussten nur die betrogenen Ehepartner nichts davon.

Meine Kriminalisten haben ermittelt, dass Frau Müller schreiend durch die Stadt gelaufen war und mehrmals gerufen habe: »Was hat die, was ich nicht habe?«, und dass die Stadt sich darüber erheiterte, da ja der Tod von Ingenieur Müller zunächst nicht bekannt war.«

»Ihr seht, ihr habt nichts mehr zu tun, das Problem ist geklärt«, fuhr er fort, »ich zeige euch, wenn ihr wollt, die Garage und wir können auch auf den Leitstand gehen. Die Produktion läuft ja bereits wieder.«

So verbrachten wir einen geruhsamen Tag in Sangerhausen. Hauptmann Grothe rief den K-Leiter in Halle an, und der war über die Ingangsetzung der Produktion mehr erfreut, als über den geklärten Unfall mit Todesfolge. Dann fuhren wir nach Halle zurück und hörten einige Tage später vom K-Leiter aus Sangerhausen, dass die halbe Stadt über Frau Müller lachte und die andere Hälfte den Tod ihres Mannes bedauerte. Es war wie immer im Leben, die einen freuen sich, die anderen klagen.

Wir hatten nun nichts mehr mit diesem Unfall zu tun. Die Wochen und Monate vergingen, alle bereiteten sich auf das Weihnachtsfest vor. Zu dieser Zeit wurde in der DDR jede Gelegenheit genutzt, eine Feier auszurichten. Ob in den Betrieben oder den Arbeitskollektiven und in den Geschäften, überall wurde ausgiebig gefeiert. In den Betrieben gab es Volkstanzgruppen, es gab Zirkel der schreibenden Arbeiter und Fotozirkel der Werktätigen. Das Leben bestand nicht nur aus Arbeit, sondern auch aus Freude am Leben. Der Krieg war eine Weile vorbei, alle hatten Arbeit und konnten gut leben. Es waren die Jahre des Aufschwungs der DDR.

Auch wir in Halle bereiteten uns auf die Weihnachtsfeier vor, wir hatten keinen Einsatz, und so feierten wir denn im damals üblichen Rahmen. Am ersten Arbeitstag nach Weihnachten rief uns der K-Leiter aus Sangerhausen an und berichtete von der Weihnachtsfeier im dortigen VPKA. Er unterbrach sich mehrmals mit leisem Gelächter. Der Saal sei reichlich weihnachtlich geschmückt gewesen, die Volkstanzgruppe hätte getanzt, an den Wänden hätten Bilder des Fotozirkels gehangen und er sei eine herrliche Feier gewesen. Der Zirkel der schreibenden Arbeiter habe in Versform die vergangenen Monate und Ereignisse in Sangerhausen vorgetragen. Er lachte wieder. Besonderen Beifall habe der letzte Vers des Vortrages erhalten:

Doch Sangerhausens höchster Knüller

war der Ritt mit dem Herrn Müller,

den die liebe Frau von Brandt

nur mit Mühe überstand.



Nun lachten auch wir. Er erzählte noch, dass Frau Brandt nach der Scheidung aus Sangerhausen wegziehen werde. Heute kann ich sagen, dass dieser tödliche Unfall und seine Begleitumstände der einzige Todesfall war in meinen vielen Dienstjahren war, der nicht nur betrauert und beweint wurde.

Eine Besonderheit im damaligen Bezirk Halle war der Saalkreis. Er umschloss die Stadt Halle, umfasste etwa 60 Dörfer und kleine Städte, erstreckte sich über 618 Qua­dratkilometer. Darin wohnten 1960 etwa 89.000 Menschen. Es gab bedeutende industrielle Anlagen, wie beispielsweise die Drahtseilwerke Rothenburg, die Zuckerfabrik Löbejün, die Maschinen- und Apparatewerke Landsberg und den Kalischacht in Teutschenthal. Dieser Saalkreis und seine Einwohner waren in der Zeit, als ich im Volkspolizei-Kreisamt Halle tätig war, mehrmals wegen kleinerer Delikte Gegenstand kriminalpolizeilicher Ermittlungen, und so kannte ich den Saalkreis ganz gut.

Es war ein überwiegend ländlicher Kreis. Wir fuhren, wenn nötig, mit einem Motorrad dorthin, einen Pkw gab es für die Ermittlungen auf dem Lande nicht. Er war auch nicht nötig, denn vom Motorrad konnte man die Natur besser bewundern als im Pkw.

Damals war in den Dörfern der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei (ABV) der Vertreter der Staatsmacht. Er hatte meist ein, manchmal aber auch zwei bis drei Dörfer zu betreuen. Er knatterte mit seinem Dienstmoped durch die Dörfer, hielt überall Sprechstunden ab, und es gab kaum jemanden, der seinen ABV nicht persönlich kannte. Er kannte alle Bewohner »seiner« Dörfer, wusste fast alles über die Menschen und hatte schon wegen seiner Nähe zu den Einwohnern viele Kontakte, meist wohnte er selbst ebenfalls im Dorf.

Der ABV war aber nicht nur ein Vertreter der Staatsmacht, sondern er war, wie von einem berühmten Fußballer gesagt wurde, »einer von uns«. Es war nicht ungewöhnlich, dass der ABV auf dem Land Hühner hatte oder Gänse und Kaninchen fütterte. Und es war auch normal, dass wir lange vor Weihnachten wussten, welcher ABV uns zum Weihnachtsfest eine Gans oder ein Kaninchen verkaufen würde; natürlich küchenfertig. Und es war ganz normal, dass der ABV bei einem Schlachtfest sein Koppelzeug mit der Pistole an die Tür des Waschhauses hing und mitwerkelte.

Normal war es auch, dass die Bauern, sie waren ja nun Angehörige der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), am Wochenende mit dem Bus nach Halle ins Theater fuhren. In den Dörfern verschloss kaum einer seine Tür. Ein Hund gehörte einfach zum Hof und wurde nicht zur Abschreckung von Fremden benötigt. Ich will nicht sagen, dass wir damals auf dem Weg ins Paradies waren, es gab auch Probleme, aber wir hatten auf dem Land und auch in der Stadt Halle ein völlig anderes Leben als jetzt in der Gegenwart.

Bei Demonstrationen zum 1. Mai oder aus Anlass der Gründung der DDR am 7. Oktober gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen. Keiner kannte einen Wasserwerfer oder einen »schwarzen Block«. An solche Dinge war nicht zu denken. Das Wort »Bulle« für einen Polizisten war völlig unbekannt und Beschimpfungen gegenüber Polizisten, wie sie heute üblich sind, waren unbekannt und ich habe sie persönlich nie erlebt. Überhaupt stand der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht so aggressiv wie heute der Polizei gegenüber. Meist hatten wir ein freundliches, aber bestimmtes Auskommen miteinander, und ein rasender Mopedfahrer zügelte sich schon, wenn der ABV mit dem Zeigefinger drohte. Heute kann man dazu wohl nur noch sagen: Es war einmal vor langer, langer Zeit …




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