So weit wie möglich weg von hier
Hannah Miska


Hannah Miska lernte in Australien Pauline Rockman, die Präsidentin des Jewish Holocaust Centre Melbourne, kennen, deren Familie Magdeburger Wurzeln hat. Durch ihre Arbeit im Centre hatte Miska Gelegenheit, zahlreiche Überlebende des Holocaust kennenzulernen und Interviews mit ihnen zu führen. In ihrem Buch erzählt sie die Biografien dieser jüdischen Frauen und Männer polnischer, litauischer, ungarischer, tschechischer, belgischer und deutscher Herkunft, die nach dem Ende des Krieges nach Australien gingen.











Hannah Miska

So weit wie möglich

weg von hier

Von Europa nach Melbourne –

Holocaust-Überlebende erzählen

mitteldeutscher verlag




Hannah Miska arbeitete mehrere Jahre in Australien, unter anderem im Jewish Holocaust Centre Melbourne. Durch die Arbeit in diesem Museum hatte Miska Gelegenheit, zahlreichen Überlebenden des Holocaust zu begegnen und Interviews mit ihnen zu führen. In ihrem Buch erzählt sie die Biografien dieser jüdischen Frauen und Männer polnischer, litauischer, ungarischer, tschechischer, belgischer und deutscher Herkunft, die nach dem Ende des Krieges nach Australien gingen.

Dr. Hannah Miska, geb. 1955 in Magdeburg. Studium der Psychologie und Promotion, anschließend bei Siemens, SNI und Gen Re in Deutschland und in Asien. Von 2003 bis 2010 in Australien. Herausgabe des Buches „An der Seite der Bonner Republik. Kommentare und Glossen“. Auslandskorrespondentin Australien/​Neuseeland für die „Jüdische Allgemeine“; Consultant beim Jewish Holocaust Centre Melbourne. Seit 2010 freie Autorin.




Abbildungen: privat

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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2014

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de (http://www.mitteldeutscherverlag.de)

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

Karten: Anneli Nau, München

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

ISBN 978-3-95462-432-4




Für Peter.

Für Paul.

Und für meine Mutter.




„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah.

Aber dafür, dass es nicht wieder geschieht – dafür schon.“

Max Mannheimer

bei einem Vortrag vor Referendaren in München




Inhalt


Cover (#uabe5fa1a-c5f6-5e15-afe9-c6f1673db79e)

Titel (#ud4820236-55cd-536d-977b-fe07fc623bce)

Über die Autorin (#u0830c2dd-c984-500a-a3db-e7c5ce968264)

Impressum (#u0bdabdbd-c891-53d9-8010-4a7882dfdec3)

Widmung (#u2b5c27e0-443f-58c9-bd9d-9e49bfa0063c)

Zitat (#ua86dc5d4-ddc7-518c-848e-4adbf3c79c59)

Geleitwort von Hans-Dietrich Genscher (#ulink_23b6453b-3ea9-52d8-9b1c-2f37cd3d9916)

Einleitung: Von Europa nach Melbourne (Hannah Miska) (#ulink_375d1c17-924c-5b48-9ecf-9db64e65e9f5)

Kapitel 1  Die Verfolgung der Juden im Deutschen Reich:  Von Dresden nach Theresienstadt (#ulink_b8328c43-3782-54fb-a819-dfa8067ac7b7)

Kapitel 2  Polen: Die Tragödie einer Nation (#ulink_2d699cdb-2a6d-5801-8ce0-68179c343103)

Kapitel 3  Die Konzentrationslager:  Machtinstrument der Nationalsozialisten (#ulink_c5c4ed28-cf6c-547b-adcf-5bc9c38ee2ee)

Kapitel 4  Zwangsarbeit im Deutschen Reich und im besetzten Europa (#ulink_0b03b87f-a2e9-507e-92ee-1cf1b084428e)

Kapitel 5  Die Verwundbarsten unter den Opfern:  Kinder im Holocaust (#ulink_b85cc78d-aa00-5af4-b4d4-b79c872d8e92)

Kapitel 6  Mit falschem Namen und im Versteck:  Überleben in der Illegalität (#ulink_656d3b9b-5a98-5949-b08f-daed02dc2744)

Kapitel 7  „Unternehmen Barbarossa“ und der Beginn des Massenmords an den Juden (#ulink_2fc7eaaa-8be2-57d5-80a8-13916d7b46bb)

Kapitel 8  Von Zwillingen und „Zigeunern“:  Medizinische Experimente (#ulink_c7bfc42d-c67a-598e-9b78-2f32876bc4de)

Kapitel 9  Die späte Vernichtung der ungarischen Juden (#ulink_24a6ea29-7fc5-5a8b-b191-0957a219e21e)

Kapitel 10  Mit dem Rücken zur Wand:  Jüdischer Widerstand (#ulink_26be3a00-a6ad-5772-a52d-6222ec31173d)

Kapitel 11  Der lange Marsch in den Tod:  Die Evakuierung der Lager (#ulink_bd3126d9-8e7d-5725-8497-cf87b9d20289)

Kapitel 12  Die Gerechten unter den Völkern:  Helfer und Retter im Nationalsozialismus (#ulink_f4ecf44f-c297-54dc-8b5b-8077dfdba37a)

Karten (#ud71370b4-9cdd-5daf-a8a9-179ac7224efb)

Bibliografie (#ulink_66dd8f3f-03e6-5893-9fd3-d8edb49d0f7e)

Danksagung (#ulink_94a6bd7c-4b51-57f4-b4bc-7a186be15d97)

Weitere Bücher (#ulink_915bd09e-dba4-5619-8c84-01f354d812b3)

Fußnoten (#ulink_a7d1b66e-3ac6-59cd-af2e-1b69f9c8036f)




Geleitwort


Noch Anfang 1945 wurde ich, als knapp Achtzehnjähriger, zur Wehrmacht eingezogen. Ich kam zur 12. Armee, die Berlin verteidigen sollte, und ich hatte Glück: Oberbefehlshaber General Wenck kündigte Adolf Hitler den Gehorsam. Anstatt die ihm anvertrauten 80.000 Soldaten – die jüngsten Soldaten der ganzen Wehrmacht – in den Tod zu jagen, führte er uns südlich aus Berlin heraus Richtung Westen. In Tangermünde überquerten wir die Elbe, Wenck kapitulierte gegenüber den Amerikanern, und wir gerieten in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Als ich am 7. Mai 1945 als einer der Letzten die Trümmer der Elbbrücke überschritt, wusste ich: Dieser Tag ist ein tiefer Einschnitt in meinem Leben. Deutschland war zerstört, aber der Krieg war vorbei, ich hatte überlebt und eine neue Zeit lag vor uns.

Schon bald wuchs in mir der Wille, ein neues Deutschland mitzugestalten – ein Deutschland, in dem sich nicht wiederholen sollte, was geschehen war; ein Deutschland, das ein Stabilitätsfaktor für Entspannung und Frieden in ganz Europa wäre.

Theodor Heuss, als erster Bundespräsident führender Repräsentant der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, mahnte schon frühzeitig, die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus wachzuhalten. Er hielt eine kritische Auseinandersetzung mit der Nazi-Diktatur für außerordentlich wichtig, um die Demokratie, die ja von den Deutschen nicht selbst erkämpft war, auch wirklich Wurzeln schlagen zu lassen. Doch der breite Diskurs in der Gesellschaft über die Ursachen des Nationalsozialismus und insbesondere über den Völkermord an den Juden blieb zunächst aus.

Vor allem nach den Auschwitz-Prozessen, die am Anfang der sechziger Jahre begannen und das ganze Ausmaß des Verbrechens offenbarten, wuchs die Bereitschaft, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Nun wuchs auch das Interesse an sogenannten Zeitzeugen – an Menschen, die aus eigenem Erleben über die Verbrechen der Nationalsozialisten berichten konnten. Sie hatten bisher geschwiegen – nicht zuletzt deshalb, weil sich niemand für ihr Schicksal interessierte.

Die Stimmen der Zeitzeugen werden bald verstummen. In Zukunft werden sich nur noch Historiker über das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, den Völkermord an den Juden, äußern. Deshalb ist es so wichtig, den jetzt noch Lebenden zuzuhören.

Die Autorin des Buches hat genau dies getan. Sie hat viele Jahre in Melbourne gelebt und dort im jüdischen Holocaust-Museum gearbeitet – zusammen mit einer Anzahl von überlebenden Juden aus ganz Europa, die dieses Museum aufgebaut haben und dort auch heute noch ehrenamtlich arbeiten. Es war eine Chance, die Erinnerungen dieser Überlebenden aufzuschreiben und für die Nachwelt zu bewahren, Hannah Miska hat sie ergriffen. In langen, intensiven Gesprächen – in der häuslichen Umgebung, in Cafés oder auch im Museum – gaben die Emigranten ihre Lebensgeschichten preis. Durch die intime Kenntnis der Zeitzeugen gelang es der Autorin, auch manch verborgene, schmerzvolle Erinnerung zu Tage zu fördern.

Es handelt sich bei den Emigranten um Menschen wie du und ich, die während der zwölf Jahre der NS-Diktatur Kinder und Jugendliche waren. Aus für sie unbegreiflichen Gründen mussten sie sich plötzlich verstecken oder angstvoll unter einer anderen Identität leben, wurden „abgeholt“ und von ihren Eltern getrennt, landeten in Arbeits-, Konzentrations- oder Vernichtungslagern und verloren oft ihre ganze Familie.

Die Autorin stellt die völlig unterschiedlichen Lebenswege in einen geschichtlichen Kontext. Der Leser erhält so umfassende Informationen über Konzentrationslager und Ghettos, über Zwangsarbeit und Nazi-Medizin, über die Vernichtung der Juden, eben über den SS-Staat und seine unvorstellbare Menschenverachtung. Er wird aber auch informiert über Widerstand und Helfer im Nationalsozialismus. Erst die Einzelschicksale machen die Geschehnisse der damaligen Zeit persönlich emotional erlebbar. Die Autorin erzählt die Biografien unter Verwendung zahlreicher Zitate. Sie erzählt sachlich und ohne Larmoyanz. Dennoch wirken die Schilderungen tief. Vor allem aber regen sie uns zum Nachdenken darüber an, was Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen und Menschen unterschiedlicher Ethnizität für uns im 21. Jahrhundert bedeutet.

Wir leben heute in einer stabilen Demokratie, in einem Deutschland, das fester Bestandteil eines vereinten, friedliebenden und wohlhabenden Europa ist. Es gibt nur noch wenige Menschen, die die Schreckensjahre zwischen 1933 und 1945 bewusst erlebt haben. In einer solchen Zeit ist die Versuchung groß, die Vergangenheit mit ihren schrecklichen Ereignissen ad acta zu legen. Dazu darf es nicht kommen. Im Gegenteil – die Erinnerung muss immer wieder bewusst machen: Die Demokratie ist ein kostbares Gut, sie muss von allen Bürgerinnen und Bürgern mitgestaltet werden, um sie zu bewahren. Das ist die Botschaft insbesondere für die junge Generation. Die vorliegenden Lebenserinnerungen machen deutlich, wie wichtig Mut und Zivilcourage, Toleranz und Dialog in einer zunehmend diversifizierten Gesellschaft sind. Das galt gestern so wie heute.

Theodor Heuss hatte Recht: Ohne Kenntnis der Vergangenheit verstehen wir schwerlich die Probleme der Gegenwart und können keine Verantwortung für die Zukunft übernehmen.

Hans-Dietrich Genscher  Bundesminister a. D.




Einleitung: Von Europa nach Melbourne


Mit knapp über vier Millionen Einwohnern ist Melbourne, im Südosten des Landes in der Bucht Port Phillip gelegen, die zweitgrößte Stadt Australiens. Dank einer aktiven Immigrationspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Zahl der „Melburnians“, wie sich die Einwohner der Stadt nennen, seit 1945 knapp vervierfacht. Die Migranten kommen aus allen Teilen Europas und Asiens und prägen das multikulturelle Bild der Stadt: Im italienischen Viertel findet man ein italienisches Restaurant neben dem anderen, im griechischen Viertel sitzen Männer vor den Cafés und trinken ihren Espresso, und im asiatischen Viertel kann man vietnamesische Frühlingsrolle, Thai Curry und Peking-Ente essen. Im Süden der Metropole, ganz in der Nähe des beliebten Stadtstrands, gibt es auch ein jüdisches Viertel mit einer nahezu europäischen „Fressmeile“, in der man koschere Falafel, Guglhupf und dunkles europäisches Brot bekommt. Zum Straßenbild gehören hier die orthodoxen Juden mit ihren Bärten und Schläfenlocken.

Trotz ihrer Größe ist die Stadt liebenswert entspannt und frei von jeder Hektik, Melbourne gewann über Jahre hinweg den Titel „Lebenswerteste Stadt der Welt“. Insgesamt sieben Jahre, von 2003 bis 2010, habe ich in der grünen Stadt am Meer gelebt.

Erst in „meinem dritten Jahr“ entdeckte ich im jüdischen Viertel Melbournes ein kleines Hinweisschild auf ein „Jewish Holocaust Centre. Remembrance Education Museum“. Ein jüdisches Holocaust-Museum in Australien? Ich fand es versteckt in einer unscheinbaren Nebenstraße. Das kleine, fast intime Museum enthielt eine beeindruckende Sammlung an Fotos, Dokumenten und diversen Exponaten über das religiöse, kulturelle und berufliche Leben der Juden im Vorkriegseuropa, über den Aufstieg der Nationalsozialisten, über Demütigung, Erniedrigung und Terror, über mobile Einsatzgruppen und Erschießungen in Polen, über Ghettos und Deportationen, über Konzentrations- und Vernichtungslager, aber auch über Menschen, die ihr eigenes Leben riskierten, um jüdische Freunde, Nachbarn, ja Unbekannte zu retten.

Ich blieb vor einem Foto stehen, das zwei Mädchen im Teenageralter zeigte – Zwillinge, an denen der berüchtigte SS-Arzt Josef Mengele seine Experimente ausgeführt hatte. Noch während ich auf das Foto schaute, näherte sich mir eine ältere Dame. Sie blieb neben mir stehen und sagte in sehr freundlichem Ton: „Wenn Sie mehr über diese Mädchen erfahren wollen – ich bin eines von ihnen.“

Auf diese sehr eindringliche Weise erfuhr ich Näheres über die aus Prag stammenden Zwillinge Stephanie Heller und Annetta Able, die Auschwitz-Birkenau überlebt hatten, nach dem Krieg nach Prag zurückgingen, aber keinen ihrer Angehörigen mehr lebend vorfanden, dann nach Israel beziehungsweise nach Kenia auswanderten, bevor sie schließlich nach Australien emigrierten und nun bereits seit Jahrzehnten in Melbourne leben. Und ich begriff, warum es ein Holocaust-Museum im fernen Australien gibt: Weil Tausende von Juden aus ganz Europa entweder noch vor Beginn, hauptsächlich aber nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Australien emigriert waren. Ihr Credo war: So weit wie möglich weg von Europa. Mit dem Museum haben sie eine Gedenkstätte für ihre ermordeten Familienangehörigen errichtet.

Die Verfolgung der Juden hatte unmittelbar mit der Errichtung des Hitler-Regimes begonnen. Trotz Diskriminierung, Demütigung und Ausgrenzung, trotz der ständigen Flut von antijüdischen Maßnahmen war in den ersten fünf Jahren nur etwa ein Viertel aller deutschen Juden ausgewandert. Es waren diejenigen, die die Gefahr rechtzeitig erkannt hatten, die jung genug waren, um einen beruflichen Neuanfang in einem fremden, anderssprachigen Land, in einer fremden Kultur zu wagen, und die auch den Mut dazu hatten.

Die wenigsten jedoch hatten begriffen, in welcher Gefahr sie sich wirklich befanden – oder sie zögerten, ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freunde zu verlassen, was zudem mit einem erheblichen finanziellen Verlust verbunden war: Der eigene Besitz konnte nur noch zu lächerlichen Preisen verkauft werden, eine Reichsfluchtsteuer wurde erhoben, und der Einkauf von Devisen war nur gegen extrem hohe Umtauschkurse möglich. Man hoffte also darauf, dass die Nationalsozialisten eine vorübergehende Erscheinung sein würden, und harrte aus.

Spätestens mit den gewalttätigen Pogromen im November 1938 wurden jedoch alle Hoffnungen auf eine friedliche Existenz der Juden im Deutschen Reich zunichtegemacht. Zehntausende versuchten nun verzweifelt, das Land zu verlassen – in einer Situation, in der die Möglichkeiten zur Emigration bereits äußerst schwierig geworden waren. Abgesehen davon, dass das Erlangen der nötigen Ausweispapiere eine langwierige und oft schikanöse Angelegenheit war, Wertpapiere weit unter Wert verkauft werden mussten und jüdische Konten nun völlig gesperrt wurden, brauchte es vor allem viel Glück, um ein Visum eines Einwanderungslands zu erhalten. Aufgrund der massenhaften Immigrationsgesuche waren die Quoten der Einwanderungsländer bald ausgeschöpft, und vor den Konsulaten bildeten sich lange Schlangen von Menschen, die nun auch bereit waren, in die abgelegensten Länder zu emigrieren. Die Jagd nach einem Visum war oft vergebens.

Bereits im März 1938 hatte sich mit dem „Anschluss“ Österreichs das Flüchtlingsproblem massiv verschärft. In dem Versuch, eine Lösung zu finden, berief der amerikanische Präsident F.D. Roosevelt eine internationale Konferenz mit 32 Teilnehmerstaaten ein.

Das Ergebnis der Konferenz, die im Juli 1938 in Évian stattfand, war niederschmetternd: Keiner der anwesenden Staaten war bereit, die Einwanderungsquote für Juden zu erhöhen. Einige Länder rechtfertigten sich damit, dass sie kein Einwanderungsland seien, andere verwiesen auf die schwierige wirtschaftliche Lage, die es nicht erlaube, einen Zustrom verarmter Flüchtlinge zu verkraften. Auch die USA hielten an ihrer bisherigen jährlichen Quote von 27.370 Einwanderern aus dem Deutschen Reich und Österreich fest, versprachen allerdings, diese Quote ausschließlich für jüdische Flüchtlinge zu verwenden. Australien argumentierte – wie auch einige andere Teilnehmerstaaten –, dass die Aufnahme einer großen Anzahl von jüdischen Flüchtlingen zu Antisemitismus und Rassenunruhen im Lande führen könne. „Wir haben keine Rassenprobleme im Land und hegen daher auch nicht den Wunsch, solche zu importieren“, führte der australische Delegierte freimütig aus.

Australien hatte bereits seit Beginn des Jahrhunderts eine sogenannte Politik des „Weißen Australien“ betrieben, eine Einwanderungspolitik, die sich zunächst gegen chinesische Einwanderer während des Goldrauschs gerichtet hatte, später aber generell gegen alle Nicht-Weißen. Australien wollte schlichtweg britisch bleiben und favorisierte daher britische (und weiße) Immigranten. Die Weltwirtschaftskrise und die andauernde Arbeitslosigkeit in den dreißiger Jahren erschwerten zusätzlich eine Einwanderung von Nicht-Briten nach Australien. Nur Immigranten mit 500 englischen Pfund „Landegeld“ wurden aufgenommen bzw. Ehefrauen, unmündige Kinder oder unverheiratete Schwestern als „abhängige Familienangehörige“ von australischen Bürgern. Eine Lockerung der Einwanderungsbedingungen für jüdische und nicht jüdische „Fremde“, wie alle Nicht-Briten genannt wurden, erfolgte erst 1936 mit der Erholung der Wirtschaft sowie auf Druck von angesehenen jüdischen Bürgern Australiens. Zwischen 1933 und 1935 wurden weniger als 100 jüdische Emigranten in Australien aufgenommen, 1936 waren es 150, 1937 etwa 500.

Als sich nach den Novemberpogromen 1938 die Situation der Juden im Deutschen Reich und Österreich weiter zuspitzte, wuchs der internationale Druck auf Länder mit geringer Bevölkerungsdichte. Auch Australien wurde erneut gebeten, Flüchtlinge aufzunehmen. Die australische Regierung gab nach und verpflichtete sich, über die nächsten drei Jahre 15.000 Flüchtlinge im Land aufzunehmen.

Das Flüchtlingsprogramm wurde mit einem enormen bürokratischen Aufwand abgewickelt. Von der Antragstellung bis zur Genehmigung vergingen mindestens fünf Monate, die Antragsteller hatten nachzuweisen, dass sie im Besitz von Devisen sind, mussten eine (deutsche) polizeiliche Genehmigung vorlegen und konnten keine Schiffspassage buchen, bevor sie nicht ihre Einreisebewilligung in Händen hielten. Trotz all dieser Schwierigkeiten gelang im Jahr 1939 etwa 5.000 jüdischen Emigranten die Einwanderung nach Australien (vgl. Rutland). Willkommen waren sie weder bei der jüdischen noch bei der nicht jüdischen Bevölkerung. Die Australier begegneten den Neuankömmlingen mit Abwehr, Angst und Misstrauen – nicht, weil sie Juden, sondern weil sie nicht britisch waren: Menschen mit einer anderen Kultur, mit anderen Wertvorstellungen und sozialen Normen – „Fremde“ eben, die womöglich billige Arbeit anboten oder sonst Konkurrenz darstellten, den eigenen Arbeitsplatz oder die eigene soziale Stellung bedrohten.

Unmittelbar nach ihrer Ankunft wurden die Flüchtlinge, die ja aus kulturell hoch entwickelten Ländern kamen und meist gebildete Menschen waren, von jüdischen Gemeindevertretern darüber belehrt, wie sie sich im neuen Land zu verhalten hätten. Sie wurden aufgefordert, aufs Land zu ziehen, leise und möglichst nicht deutsch auf der Straße zu sprechen, unauffällige Kleidung (keine langen Mäntel und lederne Aktentaschen!) zu tragen, keine Tauschgeschäfte auf der Straße abzuwickeln, die australischen Sitten und Gebräuche anzunehmen, kurz: so schnell wie möglich hundertprozentige Australier zu werden.

Mit dem Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 unterband die australische Regierung jede weitere Einwanderung von Flüchtlingen und hielt an dieser Politik während der Dauer des gesamten Krieges fest.

Nach dem Krieg wurde eine neue Einwanderungspolitik in Australien eingeläutet. Die Bevölkerung sollte wachsen, die Briten konnten den Bedarf nicht decken, die Nachfrage nach nicht britischen Europäern wuchs. Entscheidende Kriterien für die Akzeptanz von Immigrationswilligen waren nun der potenzielle Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, die Fähigkeit zur Assimilation und ein guter Gesundheitszustand.

Auf Intervention der Vertretung der australischen Juden verpflichtete sich das neu geschaffene Immigrationsministerium im August 1945 in einem ersten Schritt dazu, auf humanitärer Basis eine Einwanderungsbewilligung für 2.000 enge Verwandte von jüdischen Bürgern Australiens zu erteilen. Voraussetzung war, dass die Juden in einem Konzentrations- oder Arbeitslager inhaftiert gewesen sein mussten oder im Versteck überlebt hatten und dass sie einen Sponsor besaßen, der fünf Jahre Unterstützung für sie garantierte. Auch die Juden, die sich nach Shanghai gerettet hatten, waren berechtigt, einen Einwanderungsantrag zu stellen. Im April 1946 erreichten die ersten Flüchtlinge aus Shanghai Australien, im November legte das erste Schiff mit Flüchtlingen aus Europa an.

Die humanitäre Geste stieß nicht überall auf Zustimmung. Noch bevor die Flüchtlinge überhaupt australischen Boden betreten hatten, wurde die Politik der Regierung von Parlamentariern attackiert, und in den australischen Medien erschienen kritische Kommentare. Der Tenor war stets gleich: Die Flüchtlinge seien mehrheitlich keine Arbeiter, sondern im Gegenteil wohlhabend und dazu arrogant, sie würden sich nicht einfügen und nähmen den Australiern, insbesondere den aus dem Krieg heimkehrenden australischen Soldaten die Arbeit und die Häuser weg. Die Angst vor Konkurrenz war groß, und tatsächlich gab es eine Wohnungsknappheit. Die Ausländerfeindlichkeit war jedoch vor allem eine Folge der jahrzehntelangen Politik des „Weißen Australien“ und eine Folge der Isoliertheit des Landes. Darüber hinaus schlug sich Australien im Palästina-Konflikt auf die britische Seite, verurteilte die jüdischen Terroranschläge und wollte keine „jüdischen Terroristen“ nach Australien importieren. Laut einer Meinungsumfrage im Jahr 1948 wurde die Einwanderung von Juden zu diesem Zeitpunkt nur von siebzehn Prozent der Bevölkerung gebilligt (vgl. Rutland).

Australien zeigte jedoch durchaus auch sein ausländerfreundliches Gesicht: Viele führende Politiker, Intellektuelle, Vertreter der in Australien traditionell starken Gewerkschaften und Vertreter der Kirchen setzten sich öffentlich für die jüdischen Flüchtlinge ein.

Im Juli 1947 sagte die australische Regierung zu, in den folgenden zwei Jahren 16.000 Menschen aufzunehmen, die aufgrund des Krieges und des Holocaust entwurzelt und heimatlos geworden und nun vorübergehend in sogenannten DP-Lagern (s. Anm. S. 249) in den Reparationszonen der Alliierten, Österreich und Italien untergebracht waren. Das Programm zielte darauf ab, den Bedarf Australiens an Arbeitskräften zu decken, die körperliche Arbeit leisten konnten und wollten – sei es im Straßen- oder Häuserbau oder beim Bau von Wasserkraftwerken – und die zum Aufbau und zur Entwicklung des Landes auch in entlegenen Gebieten eingesetzt werden konnten. Die Migranten mussten – das war Voraussetzung für die Einwanderung – zweijährige Arbeitsverträge unterschreiben.

Zwischen 1947 und 1951 kamen auf diese Weise knapp 200.000 Flüchtlinge nach Australien, darunter allerdings nur 500 Juden. Juden entsprachen den geforderten Kriterien der Immigrationsbehörde (Fähigkeit zur Assimilierung, Gesundheit, zwei Jahre vertragsgebundene körperliche Arbeit) offensichtlich weniger als Nichtjuden. Erst auf erneute Intervention der australischen Vertretung der Juden stimmte die Behörde zu, bis zu 3.000 privat gesponserte jüdische Flüchtlinge pro Jahr einwandern zu lassen. Zwischen 1946 und 1954 emigrierten auf diese Weise 16.300, bis Ende 1959 weitere 7.200 europäische Juden nach Australien.

In den fünfziger Jahren hatte inzwischen ein Umdenken begonnen – in Politik, Medien und Gesellschaft wehte ein frischer Wind. Die Regierung schaltete Kampagnen im Rundfunk und in den Printmedien, die für nicht britische Immigranten und gegenseitige Nachbarschaftshilfe warben. Gleichzeitig begann die Presse, positiv über Israel zu berichten. Ferner wurde die Migrationspolitik gegenüber Juden gelockert, und im Ergebnis öffnete sich auch die Gesellschaft gegenüber den nicht britischen Migranten: 1964 befanden bereits 68 Prozent der Bevölkerung, dass jüdische Immigranten wünschenswert seien (vgl. Rutland). Die Anzahl der nach Australien immigrierten Juden erscheint klein, Rutland argumentiert jedoch, dass Australien nach Israel den zweithöchsten Anteil an Holocaust-Überlebenden pro Kopf der Bevölkerung aufnahm. Zwischen 1933 und 1945 verdoppelte sich die jüdische Gemeinde Australiens von 23.553 auf 48.436 und wuchs auf knapp 60.000 Menschen im Jahr 1961 an.

60 Prozent der Juden, die nach dem Krieg nach Australien kamen, ließen sich in Melbourne nieder, die anderen überwiegend in Sydney. Während die deutschen, österreichischen und ungarischen Juden Sydney offenbar attraktiver fanden, zog Melbourne vorwiegend die osteuropäischen und insbesondere polnischen Juden an. Bereits 1954 war Victoria das Bundesland mit der größten jüdischen Bevölkerungsdichte Australiens, und Melbourne erhielt schnell den Ruf, die Gemeinde mit der höchsten Prozentzahl an Holocaust-Überlebenden in der Diaspora zu sein. Eine große Anzahl der zweiten und dritten Generation der Melbourner Juden sind Kinder und Enkelkinder von Überlebenden, die Erinnerung an den Holocaust ist damit auch 70 Jahre nach Kriegsende noch sehr präsent in jeder jüdischen Familie dieser Stadt.

Der Gedanke unter den jüdischen Immigranten Melbournes, eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Juden zu errichten, war schnell geboren. Fast ohne staatliche Zuschüsse, allein durch Spenden von Überlebenden und deren Familien sowie mit Hilfe von großzügigen Gönnern wurde 1984 unter der Schirmherrschaft der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem das Jewish Holocaust Museum and Research Centre von den jüdischen Einwanderern eröffnet. Die Frauen und Männer der ersten Stunde, die Kuratorin, die Bildungsverantwortliche, die Mitarbeiter im Archiv und in der Bibliothek arbeiteten alle ehrenamtlich. Es gab einen Ausstellungsraum, eine Bibliothek, später eine Ton- und Videoabteilung, mehrere kleine Büros und ein Auditorium, denn von Anfang an wurde beabsichtigt, das Museum zu einer Bildungsstätte insbesondere für junge Menschen zu machen. Viele der Überlebenden, alle inzwischen weit über achtzig, arbeiten auch heute noch ehrenamtlich im Museum, meistens als Guides. Sie führen die Besucher durch das Museum und berichten vor Schülergruppen über ihre persönlichen Erlebnisse während des Holocaust.

Kurz nach meiner Begegnung mit Stephanie Heller begann ich, im Museum zu arbeiten – in der Abteilung der Kuratorin. Meine Arbeit dort gab mir Gelegenheit, zahlreiche Holocaust-Überlebende kennenzulernen. In ungezählten, stundenlangen Gesprächen und Diskussionen wurden sie mir sehr vertraut. Wir unterhielten uns im Museum, trafen uns im Café, häufig wurde ich auch von ihnen nach Hause eingeladen. Statt zu reden, hörte ich oft einfach nur zu. Was ich zu hören bekam, waren unvorstellbare Lebensgeschichten von Menschen, die den Holocaust überlebt hatten und die sich nach dem Krieg wieder in ihr Leben finden mussten. In einem fernen und völlig fremden Land mussten sie komplett von vorn beginnen: oftmals allein und ohne jede familiäre Unterstützung, ohne der Sprache mächtig zu sein, ohne finanzielle Mittel. Alles war anders in diesem Land: die Gebräuche, das Essen, das Klima, die Landschaft, sogar der Sport. Das Heimweh war oft überwältigend. Viele der Emigranten hatten keine oder keine abgeschlossene Ausbildung, weil ihnen die Nazis keine Chance dazu gelassen hatten, und sie verfügten nicht über die notwendigen finanziellen Mittel, um das Versäumte – oft wäre es eine akademische Laufbahn gewesen – nachzuholen. Andere besaßen eine Qualifikation, die sich jedoch als nutzlos erwies, weil sie in Australien nicht anerkannt wurde. Ausnahmslos arbeiteten sie alle in angelernten Berufen, um sich – mühsam – den Lebensunterhalt zu verdienen.

Davon reden die alten Damen und Herren aber nicht. Sie reden auch nicht davon, dass sie am Anfang nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen worden sind. Haben sie es vergessen oder verdrängt? Hat die Tatsache, dass Australien die Grenzen für sie geöffnet hat, alles andere überstrahlt? Oder haben sie mit ihren australischen Nachbarn und Arbeitskollegen – Australier sind von Hause aus ausgesprochen freundliche Menschen – doch viel Positives erlebt? Jedenfalls werden sie nicht müde, Australien zu preisen, das das demokratischste und beste Land der ganzen Welt sei. Die Loyalität zu diesem Land, das sie aufgenommen und ihnen einen sicheren, friedlichen Hafen geboten hat, ist enorm. Sie sind australische Bürger geworden, und sie fühlen sich als Australier.

Auch Australien hat profitiert, indem die jüdischen Emigranten das Flair der europäischen Metropolen ins Land brachten. Sie belebten die provinzielle kulturelle Szene – Theater, Literatur, Oper, Ballett und die Welt der Musik – und bereicherten den von vielen Europäern als langweilig empfundenen Speisetisch der Australier: Jüdische Feinkostläden, Cafés und Restaurants öffneten und verkauften die herrlichsten europäischen Delikatessen.

Das Wissen und die Erfahrungen von Holocaust-Überlebenden sind aufgrund der Authentizität überaus kostbar und lassen sich durch kein Geschichtsbuch der Welt ersetzen. Kein Historiker ist in der Lage, das Leiden der Millionen Opfer so zu beschreiben, dass es für uns Nachgeborene emotional erfahrbar wird. Erst wenn wir einzelne Stimmen vernehmen, wenn sich Namen und Gesichter aus der anonymen Masse der Opfer herausschälen, bekommen wir eine Ahnung vom Ausmaß des nationalsozialistischen Terrors.

Ich habe beschlossen, die Biografien dieser Menschen aufzuschreiben, solange sie sie noch erzählen können. Sechzehn Zeitzeugen kommen zu Wort – sechzehn ganz normale Menschen, die vor dem Krieg in verschiedenen Ländern Europas gelebt haben: in der Tschechoslowakei, in Ungarn, in Polen, in Litauen, in Belgien und in Deutschland. Alle haben sie gemein, dass sie als Juden den Holocaust überlebt haben und nach dem Krieg nach Australien emigriert sind. Was sie unterscheidet, sind die verschiedenen Umstände, unter denen sie den Holocaust als Kinder, junge Frauen und junge Männer überlebt haben.

Die unterschiedliche Herkunft und die unterschiedliche Vita der Zeitzeugen waren die Auswahlkriterien für das vorliegende Buch: Jedes Porträt belichtet schwerpunktmäßig einen anderen Teilaspekt des Holocaust. Um dem Leser einen schnellen Einstieg in das jeweilige Thema zu ermöglichen, stelle ich jeder Biografie einige Daten, Fakten und Hintergrundinformationen voran.

Überraschend war für mich die Tatsache, dass niemand von den Überlebenden es ablehnte, mit mir, der Deutschen, zu reden. Das lag, wie ich schnell herausfand, auch an meinem Alter. Auf die Frage, ob sie denn keine Berührungsängste mit Deutschen hätten, sagten mir einige von ihnen unverblümt, dass sie ein Gespräch mit Menschen ihrer Generation durchaus schwierig fänden. Da schliche sich dann dauernd die Frage in den Hinterkopf, was der Gesprächspartner denn während des Krieges gemacht hätte. Mit den Nachgeborenen jedoch hätten sie kein Problem – im Gegenteil, sie freuten sich ja, wenn sie in das Museum kämen und Interesse für das Thema hätten.

Die zweite Überraschung war, dass die meisten der Überlebenden keinen Hass auf die Deutschen zu haben scheinen. Oft wird ihnen von Schülern, die das Museum besuchen, genau diese Frage gestellt: Hassen Sie die Deutschen? Und immer beantworten sie die Frage – mit dem Hinweis, dass Hass nur einen Nährboden für weiteren Hass bildet – mit „nein“.

Zuweilen hatte ich das Gefühl, dass es mir meine Gesprächspartner leicht machen wollten – dass sie mir nicht immer alles erzählten, dass sie die schrecklichsten Details ausließen und dass sie bewusst eine Episode über „den guten Deutschen“ einstreuten. Der allerdings hilft auch ihnen, den Glauben an die Menschheit nicht komplett zu verlieren.

Wie verarbeiten diese Menschen das, was sie gesehen und erlebt haben? Wie verarbeiten sie die Demütigungen, die ihren Familien, ihren Freunden und Bekannten angetan wurden, die Ausgrenzung und die Verfolgung? Wie verarbeiten sie die jahrelange Angst – im Versteck oder unter dem Deckmantel einer falschen Identität? Wie verarbeiten sie die Trennung von ihren Liebsten und Freunden, den Verlust von Eltern, Geschwistern, Großeltern, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen?

Die Antwort ist: gar nicht. In den Jahren nach dem Krieg hatten die Emigranten die Geister der Vergangenheit möglicherweise im Griff, denn sie waren damit beschäftigt, Geld zu verdienen, eine Familie zu gründen, ein Zuhause zu schaffen, Kinder großzuziehen. Nun, im Alter – die Kinder sind aus dem Haus, der Ehepartner ist womöglich gestorben – kehren die Geister zurück. Einige der Überlebenden haben angefangen, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, andere modellieren, zeichnen oder bildhauern, andere wiederum reden als Zeitzeugen vor Schülern. Das beherrschende Thema bei allem ist immer der Holocaust. Die selbst verordnete Therapie hilft mal mehr, mal weniger. Sarah hatte „nur“ dreißig Jahre lang jede Nacht Albträume, Sabina (deren Geschichte keinen Eingang in das Buch gefunden hat, weil sie nicht reden möchte) hat die Albträume bis heute. Zsuzsi denkt jeden Tag an ihre ermordete Mutter und wird den Gedanken nicht los, dass sie im eisigen Wasser der Donau nach ihr hätte suchen müssen. Phillip quält sich mit der Frage nach dem „Warum?“, „Warum ausgerechnet die zivilisierten Deutschen?“, Sala hat bis heute Verfolgungsängste und kann nur bruchstückhaft über das Erlebte sprechen. Die meisten nehmen Antidepressiva.

Auch die Familie wirkt wie ein Antidepressivum. Die Kinder haben häufig die Träume der Eltern wahrgemacht: Viele von ihnen haben studiert, sind Lehrer, Ärzte, Architekten geworden. Inzwischen sind es die Enkel und Urenkel, auf die man stolz ist. „Unsere Kinder und Enkel sind unser Sieg über Hitler“, sagt Stephanie Heller.

Warum arbeiten viele der Überlebenden auch noch im hohen Alter im Museum? Nur für wenige ist es eine Art Therapie, denn den meisten fällt es nach wie vor schwer, über die Vergangenheit zu reden. Sie machen es vielmehr, weil sie es als Verpflichtung empfinden: als Verpflichtung gegenüber ihren ermordeten Familienangehörigen und Freunden, als Verpflichtung gegenüber allen ermordeten Juden. Ganz nebenbei ist das Museum dabei für viele zu einer zweiten Heimat geworden, zu einer Art Ersatzfamilie. Oft hörte ich Polnisch, wenn die alten Damen und Herren beim Lunch oder beim Kaffee saßen.

Ich habe Freunde, die mir sagen, dass sie nichts über den Holocaust lesen können, weil sie dann den Glauben an die Menschheit verlören. Dem Argument kann ich mich nicht völlig verschließen – auch ich hatte Phasen völliger Verstörtheit während meiner Interviews und Recherchen. Wenn wir jedoch versuchen, den Fokus beim Lesen nicht auf die Täter und deren Grausamkeiten, sondern vielmehr auf die Menschen zu richten, die zu Hilfe kamen, und – auch zwischen den Zeilen – erkennen, dass es Handlungsmöglichkeiten, Alternativen und zivilen Ungehorsam gab, dann ändert das die Perspektive. Wie sagte Kitia Altman, die Auschwitz überlebt hat, am Ende unseres Interviews doch sehr überraschend: „Eigentlich ist meine Lebensgeschichte doch eine Geschichte von tiefer Menschlichkeit.“





Kapitel 1

Die Verfolgung der Juden im Deutschen Reich:  Von Dresden nach Theresienstadt


Fünf Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 unterzeichnete Adolf Hitler die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“, ein Gesetz, das die Versammlungs- und Pressefreiheit in Deutschland umfassend einschränkte. Ende Februar 1933 wurde die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ verabschiedet, die wesentliche Bürgerrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte und die juristische Grundlage für willkürliche Verhaftungen politischer Gegner bot. Kurz darauf begann eine Verfolgungswelle, die mit der Inhaftierung von Tausenden Kommunisten, Sozialdemokraten und deren Sympathisanten im Ende März 1933 errichteten Konzentrationslager Dachau endete. In schneller Folge wurden nun neue Lager im gesamten Deutschen Reich errichtet. Zu den größten, die bis 1939 gebaut wurden, gehörten Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg, das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und, nach dem „Anschluss“ Österreichs, Mauthausen. Am Ende des Krieges sollte es im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten, inklusive aller Außenlager, über 1.000 Konzentrationslager geben.

Schriftsteller, Künstler, Politiker, Intellektuelle – sofern sie nicht zu den Inhaftierten gehörten – verließen fluchtartig das Land, unter ihnen, um nur einige zu nennen, Leute wie Thomas Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Arnold Schönberg, Kurt Weill, Herbert Marcuse, Albert Einstein, Erich Ollenhauer und Willy Brandt.

Am 24. März verabschiedete der Reichstag das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“, das die Regierung ermächtigte, eigenständig und ohne Zustimmung des Parlamentes Gesetze zu erlassen, die – so hieß es ausdrücklich – auch von der Verfassung abweichen durften. Es war das wohl bekannteste Ermächtigungsgesetz in der deutschen Geschichte, das die Grundlage für die nationalsozialistische Diktatur schuf. Die KPD war bereits zerschlagen, im Mai wurden die Gewerkschaften aufgelöst, im Juni wurde die SPD verboten, im Juli wurden auch die restlichen Parteien zur Auflösung gezwungen. Es gab nun nur noch eine einzige politische Partei: die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, kurz: NSDAP.

In den ersten Monaten der Nazi-Herrschaft waren also nicht die halbe Million in Deutschland lebenden Juden das Ziel von Übergriffen. Das änderte sich jedoch rasch: Am 1. April organisierte die NSDAP einen landesweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien, der mit Plünderungen und wüsten Ausschreitungen einherging. Dies war der Auftakt für die nun folgende systematische Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Am 7. April wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen, das die Gleichschaltung des öffentlichen Dienstes zum Ziel hatte. Oppositionelle Beamte wurden entlassen, Beamte nicht arischer Abstammung in den Ruhestand versetzt. Eine zusätzliche Verordnung erläuterte: „Als nicht arisch gilt, wer von nichtarischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Es genügt, wenn ein Elternteil oder ein Großelternteil nicht arisch ist.“

Mit diesem sogenannten „Arierparagraph“ wurde die erste formaljuristische Grundlage für die Entrechtung der Juden geschaffen. Schlag auf Schlag folgten nun Gesetze, die jüdischen Rechtsanwälten und Ärzten die Zulassungen entzog, die die Anzahl jüdischer Schüler und Studenten an deutschen Schulen und Universitäten auf ein Minimum begrenzten, die jüdische Bürger aus allen kulturellen Berufen ausschlossen und Zeitungsherausgeber mit Berufsverbot belegten, die Juden verboten, einen Bauernhof zu besitzen oder Landwirtschaft zu betreiben, und sie von allen Turn- und Sportvereinen ausschlossen. In einer Kampagne „Wider den undeutschen Geist“ verbrannten am 10. Mai 1933 Studenten in zweiundzwanzig deutschen Universitätsstädten in einer öffentlichen, ritualistischen Inszenierung Bücher von missliebigen linken, pazifistischen und jüdischen Schriftstellern.

Auf dem Nürnberger Reichsparteitag am 15. September 1935 verkündete Adolf Hitler die Nürnberger Rassengesetze, die den Rassenwahn der Nationalsozialisten juristisch untermauerten. Es handelte sich um das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ (auch „Blutschutzgesetz“ genannt) sowie das „Reichsbürgergesetz“.

Das „Blutschutzgesetz“ stellte die Ehe sowie außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Ariern und Nichtariern unter Strafe. Verstöße gegen das Gesetz wurden als „Rassenschande“ geahndet und mit schweren Gefängnis- oder Zuchthausstrafen bestraft. In weiteren Gesetzeskommentaren wurde genauestens ausgeführt, wer Volljude (mindestens drei jüdische Großeltern) und wer „Mischling“ war und welche Rechte Volljuden, Halb-, Viertel- und Achteljuden im Einzelnen hatten. Halbjuden wurde es beispielsweise verboten, Nichtjuden oder „Vierteljuden“ zu heiraten. Der Personenkreis, der zwecks „Reinerhaltung der deutschen Rasse“ nicht geheiratet werden durfte, wurde von Juden auf „Zigeuner, Neger und ihre Bastarde“ ausgeweitet.

Das Gesetz bot fruchtbaren Boden für Denunziationen, häufig handelte es sich um falsche Anschuldigungen, auf die sich die Gestapo stützte. Die Definition für Geschlechtsverkehr wurde sehr breit ausgelegt, und in der Folge wurden mehr als 2.000 Bürger zu Zuchthausstrafen verurteilt. Obwohl Frauen per Gesetz straffrei blieben, da sie zwangsläufig für die Überführung gebraucht wurden, handelte die Gestapo oft eigenmächtig und überstellte weibliche „Rasseschänder“, jedenfalls wenn es sich um Jüdinnen handelte, an Konzentrationslager.

Das Reichsbürgergesetz schuf den Status des „Reichsbürgers“ für Arier, verbunden mit allen bürgerlichen Rechten. Juden dagegen wurden zu „Staatsbürgern“ erklärt und verloren als solche die vollen Rechte als gleichberechtigte Bürger. Damit war die Grundlage für die weitere Ausgrenzung und Entrechtung der Juden geschaffen. Diverse Zusatzverordnungen hoben die Zulassungen für jüdische Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Apotheker, Rechtsanwälte und Notare auf. Jüdische Gewerbebetriebe und jüdisches Vermögen wurden meldepflichtig, jüdische Kinder wurden ab November 1938 vom Besuch staatlicher Schulen ausgeschlossen, Kulturstätten, öffentliche Plätze, Badeanstalten konnten gesperrt werden, der Zugang zu Bibliotheken wurde verboten, der Führerschein von Staatsbürgern eingezogen. Die antijüdische Wirtschaftskampagne gipfelte in den von der NSDAP organisierten Pogromen am 9. und 10. November 1938, in deren Verlauf Tausende von jüdischen Geschäften, Wohnungen und Friedhöfen verwüstet, Hunderte von Synagogen in Brand gesteckt, etwa einhundert Menschen getötet und 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verbracht wurden. Am 12. November wurde die Einstellung sämtlicher jüdischer Geschäftstätigkeit verordnet, die „Arisierung“ der noch verbliebenen jüdischen Betriebe begann: Alle im Reich lebenden Juden wurden gezwungen, ihre Unternehmen zu verkaufen. Jüdischer Grundbesitz, Aktien, Juwelen und Kunstwerke mussten veräußert werden. Arbeitslose Juden wurden zu Zwangsarbeit verpflichtet, Juden durften „entmietet“ und in sogenannten „Judenhäusern“ untergebracht werden.

Ab 1. September 1941 wurde im Großdeutschen Reich – also dem „Altreich“, der „Ostmark“, dem Sudetenland, Böhmen, dem Memelgebiet, Danzig und Westpreußen, Schlesien, Elsass-Lothringen und Deutsch-Belgien – die Pflicht für alle Juden ab dem sechsten Lebensjahr eingeführt, einen gelben Judenstern sichtbar an der Kleidung zu tragen. Ab Oktober war Juden die Auswanderung aus dem Deutschen Reich verboten. Das war genau der Zeitpunkt, an dem die Deportationen von deutschen, österreichischen und tschechischen Juden begannen. Die Transporte gingen zunächst von Wien, Prag, Berlin und Frankfurt, später von Breslau, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Dortmund, München, Stuttgart, Nürnberg, Hannover und Dresden ab. Sie führten in die Ghettos von Łódź, Minsk, Kaunas und Riga in den von den Deutschen besetzten Gebieten in Polen und in der Sowjetunion. Massenermordungen von Juden in den Ostgebieten waren zu dieser Zeit bereits in vollem Gange. Bis zum Januar 1942 wurden knapp 50.000 Juden aus dem Deutschen Reich deportiert, Tausende wurden sofort nach der Ankunft erschossen. Bis zum Ende des Krieges wurden weitere 123.000 deutsche Juden deportiert. Etwa 315.000 deutschen Juden gelang die Ausreise oder die Flucht, zwischen 10.000 und 15.000 gingen in die Illegalität. Schätzungen zufolge überlebten 6.000 Juden in den Lagern, und 5.000 im Untergrund.

Im November 1941 ließ Reinhard Heydrich in seiner Eigenschaft als Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren die etwa 70 Kilometer nordöstlich von Prag gelegene Festung Theresienstadt – auf Tschechisch: Terezin – zu einem Konzentrationslager umfunktionieren. Die festungsartige Anlage mit Gefängnisanlagen, Baracken und hohen Schutzwällen schien ideal für die Zwecke der Nazis: Sie siedelten die dort wohnenden tschechischen Einwohner um und richteten – zunächst für die 88.000 tschechischen Juden aus Böhmen und Mähren – ein Sammel- und Durchgangslager ein. Die Deportationen der tschechischen Frauen, Männer und Kinder nach Theresienstadt begannen noch im November. Bereits zwei Monate später erfolgte der erste Weitertransport der Häftlinge in den Osten.

Im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 erklärte der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich, dass unter der Federführung der SS nunmehr die Deportationen aller europäischen Juden nach Osteuropa stattfinden würden: Man rechnete mit elf Millionen. Um „die vielen Interventionen“ auszuschalten, so laut Protokoll, sollten alle Juden über 65, schwerkriegsbeschädigte Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen aus dem ersten Weltkrieg nicht „evakuiert“, sondern in das „Altersghetto“ Theresienstadt „überstellt“ werden.

Im Sommer 1942 begannen die Transporte der deutschen Juden nach Theresienstadt – unter ihnen auch viele einstige Prominente aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Noch vor der Deportation wurden die Juden bedrängt, sogenannte „Heimeinkaufsverträge“ abzuschließen, in denen ihnen eine lebenslange kostenfreie Unterbringung, Verpflegung und Krankenversorgung in einem Altersheim zugesichert wurde: ein letzter infamer Betrug an den Juden, durch den sich die Nazis auch noch deren restliches Vermögen einverleibten.

Weil das Lager Theresienstadt unter jüdische Selbstverwaltung gestellt wurde und sich die Inhaftierten relativ frei bewegen konnten, wurde Theresienstadt oft auch als Ghetto bezeichnet. Die Lebensbedingungen unterschieden sich jedoch nicht wesentlich von denen in einem Konzentrationslager. Statt eines altersgerechten Domizils fanden die Ankömmlinge überfüllte, verlauste und verwanzte Unterkünfte mit katastrophalen sanitären Anlagen vor. Die Essensrationen waren völlig unzureichend. Diejenigen, die noch arbeitsfähig waren, wurden zu schwerer Zwangsarbeit eingeteilt. Der von der SS installierte Ältestenrat beschloss, Kindern und Arbeitenden größere Essensrationen als Alten und Kranken zu geben. In der Folge verhungerten die alten und nicht arbeitsfähigen Häftlinge – das waren im Wesentlichen die deutschen und österreichischen Juden. Krankheiten und Seuchen taten ihr Übriges. Allein im Jahr 1942 starben knapp 16.000 Menschen – die Hälfte der dort lebenden Juden. Aufgrund der hohen Sterbeziffer war die SS gezwungen, ein Krematorium zu bauen.

Während ein steter Strom von neuen Häftlingen nach Theresienstadt kam, gingen permanent Transporte mit Juden in den Osten ab: in die Ghettos von Warschau, Łódź, Riga und Bialystok oder direkt in die Vernichtungslager von Auschwitz, Majdanek und Treblinka.

Trotz der miserablen Lebensbedingungen und der ständigen Angst vor dem nächsten Transport, trotz – oder vielleicht auch wegen – aller Hoffnungslosigkeit entfaltete sich ein reges kulturelles Leben im Ghetto: Lehrer unterrichteten Kinder; Wissenschaftler, Philosophen und Soziologen hielten Vorträge; Schriftsteller gaben Lesungen; Schauspieler organisierten Theater- und Kabarettabende; Musiker gaben Konzerte. Opern wurden inszeniert, eine Kinderoper wurde komponiert und mehr als 50-mal aufgeführt. Die Aufführungen wurden trotz widrigster Umstände geprobt und gespielt: Immer wieder wurden mitspielende Künstler deportiert und mussten durch neue ersetzt werden.

Nachdem im Oktober 1943 ein Transport mit dänischen Juden nach Theresienstadt gekommen war und die dänische Regierung daraufhin Druck auf die deutsche Regierung machte, beschlossen die Nazis, einer Besichtigung des Lagers durch eine Kommission des Internationalen Roten Kreuzes zuzustimmen. Natürlich beabsichtigten sie, die Kommission gründlich zu täuschen und putzten Theresienstadt zu einem Musterghetto heraus: Fassaden wurden gestrichen, Läden hergerichtet mit gefüllten Schaufenstern, ein Café und ein Kindergarten wurden eröffnet, ein Musikpavillon wurde errichtet, Bänke wurden aufgestellt und Blumen gepflanzt, und sogar Geld wurde gedruckt. Um die Häftlingsdichte im überfüllten Lager zudezimieren, gingen im Vorfeld des Besuchs weitere Transporte nach Auschwitz ab.

Die Vertreter des Roten Kreuzes kamen am 23. Juni 1944. Sie waren beeindruckt, sahen sich die Kinderoper „Brundibár“ von dem tschechisch-deutschen Komponisten Hans Krása an und schrieben einen ausgesprochen positiven Abschlussbericht. Um nun auch die gesamte Weltöffentlichkeit zu täuschen, ließen die Nazis nach dem Besuch des Roten Kreuzes einen Propagandafilm in Theresienstadt drehen – von dem Häftling Kurt Gerron, einem namhaften deutsch-jüdischen Schauspieler, bekannt aus Filmen wie „Der blaue Engel“ oder „Die Drei von der Tankstelle“. Nach Beendigung des Films wurde Gerron nach Auschwitz deportiert – ebenso wie Hans Krása und andere namhafte Künstler und Prominente.

Im letzten Kriegsmonat wurden noch etwa 15.000 Häftlinge aus aufgelösten Konzentrationslagern nach Theresienstadt transportiert – aus Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald. Sie kamen völlig entkräftet und ausgemergelt an, viele lagen bereits tot in den Viehwaggons. Die Neuzugänge schleppten Typhus ein. Daran starben – kurz vor der Befreiung – noch viele Menschen im Lager.

Bis zum Ende des Krieges wurden etwa 140.000 Menschen nach Theresienstadt deportiert – 75.000 Tschechen, 42.000 Deutsche, 15.000 Österreicher, 5.000 Niederländer, 1.000 Polen, 1.150 Ungarn und 500 Dänen. 35.000 von ihnen starben in Theresienstadt, 88.000 wurden deportiert, 19.000 waren bei der Befreiung des Lagers am Leben. Nur wenige der 15.000 Kinder überlebten – über 90 Prozent von ihnen endeten in den Vernichtungslagern. Von den deportierten Häftlingen überlebten etwa 3.000.

Am 5. Mai übergaben die Nazis Theresienstadt an das Rote Kreuz, am 8. Mai befreite die Rote Armee das Lager. Der letzte Häftling verließ Theresienstadt am 17. August 1945.




Irma (Irmgard) Hanner


Die Stimme am Telefon hatte eine vertraute Diktion. Die Dame sprach Englisch, aber irgendwie klang es doch sehr deutsch – nicht unfreundlich, sondern härter und energischer als die englische Sprache. Irma war am Telefon – ich hatte sie angerufen, um einen Termin mit ihr auszumachen. Irma war, nach über 60 Jahren in der Emigration in Australien, unverkennbar eine Deutsche. Sie lud mich sofort zu einem Gespräch zu sich nach Hause ein, und als ich kam, standen frisch gebackene Plätzchen auf dem Tisch. „Die wollen meine Enkel immer essen“, erklärte sie und forderte mich auf, sie zu probieren. Später gab sie mir dann das Rezept.






Irma im Holocaust Museum Melbourne, 2010

Irma antwortete offen auf alle meine Fragen, oft wechselten wir vom Englischen ins Deutsche und wieder zurück.

Es ist eine schwierige Biografie. Mit neun Jahren verlor Irmgard ihre Mutter, mit zwölf Jahren wurde sie aus dem Schlaf heraus verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Das Mädchen war zu jung, um zu begreifen, was vor sich ging, fand sie sich doch, unvorbereitet und unbeschützt von Erwachsenen, in einer Welt voller Angst, Entsetzen und Grausamkeit wieder. Als eines von wenigen Kindern hat Irma den Holocaust überlebt. Rein äußerlich hat sie ihr Leben gut gemeistert. Ihr Mann ist leider viel zu früh gestorben, aber sie lebt in einem schönen Haus, und die Söhne und Enkelkinder sind oft bei ihr. Wie es in Irmas Inneren aussieht, ist schwer zu sagen. Noch heute hat sie Schwierigkeiten, über ihre Mutter zu sprechen. „Wenn ich das einmal in der Woche vor Besuchern im Museum mache, dann reicht das“, sagt sie.

Dann und wann backe ich die Plätzchen – ich habe sie Irma-Plätzchen genannt. Sie sind lecker und sehr schnell zu machen. Man nimmt 125 g Butter, 150 g Zucker, ein Päckchen Vanillezucker, ein Ei und ein Eigelb, 285 g Mehl, ein halbes Päckchen Backpulver und eine halbe Tasse gemahlene Nüsse, macht von allen Zutaten einen Teig, rollt ihn aus, formt Plätzchen und bäckt sie in 10 Minuten goldgelb – fertig.

Irmas Geschichte

Irmgard wird 1930 in Dresden in die alteingesessene deutsch-jüdische Familie Conradi hineingeboren. Der Vater stirbt früh, Irmgard ist das einzige Kind, und die Mutter Rosa arbeitet als Hausmädchen, um sich und die kleine Tochter durchzubringen. Die beiden wohnen in der Bautzner Straße – in einem Haus, das der Jüdischen Gemeinde gehört.






Irma mit ihrer Mutter und Großmutter

„Meinen Vater habe ich leider nie gekannt, und mein Großvater ist auch schon gestorben, bevor ich überhaupt geboren war. Er ist 1925 bei einem Autounfall verunglückt – stellen Sie sich das mal vor: ein Autounfall in dieser Zeit. Da gab’s ja noch gar nicht viele Autos! Er ist abends spät von der Arbeit nach Hause gekommen und wurde von einem betrunkenen Fahrer überfahren. Meine arme Großmutter musste dann ihre drei Kinder alleine großziehen. An meine Großmutter erinnere ich mich gut, obwohl ich erst fünf Jahre alt war, als sie starb. Ich habe immer noch ihre Kinderreime im Kopf, die sie mir erzählte oder vorsang, oder andere Weisheiten, die sie mir mit auf den Weg gab, zum Beispiel: ‚Geben ist seliger als nehmen.‘

Meine Mutter und ich haben viel Zeit mit meiner Tante Lotti und meinem Onkel Max verbracht – das waren ihre beiden jüngeren Geschwister. Ich habe sie beide sehr gemocht.“






Hochzeitsfoto von Lotte Conradi und Walter Hempel, Dresden 1933

1933, im gleichen Jahr, in dem Hitler an die Macht kommt, heiratet Irmgards Tante Lotte den Nichtjuden Walter Hempel – ein Umstand, der für Irmgard bald lebenswichtig werden soll. Hempels Mutter ist nicht sonderlich glücklich über die Verbindung ihres Sohnes mit einer Jüdin. Ihr zweiter Sohn macht es besser: Er tritt in die SS ein.

„Walter Hempel wurde später zu meiner Rettungsleine, weil er eben nicht jüdisch war und zu meiner Tante und zu mir hielt. Onkel Walter war Musiker – er spielte die Posaune in einem Tanzorchester. Er reiste viel mit dem Orchester, und meine Tante reiste mit ihm. Tante Lotti war ein Modemodell, sie war sehr hübsch und auch intelligent, und beide lebten in einem tollen Apartment. Für mich waren sie immer richtige Leute von Welt.“

Die Jüdische Gemeinde Dresden hat zu dieser Zeit etwa 4.700 Mitglieder. Die Conradis gehen zuweilen in die Synagoge und feiern die jüdischen Feiertage, aber sie sind assimilierte deutsche Juden.

„Ich erinnere mich, dass ich in den deutschen Kindergarten ging und auch mit den Nachbarskindern spielte, die nicht jüdisch waren. Später dann ging ich in die jüdische Schule. An meinem ersten Schultag bekam ich eine Zuckertüte: eine große bunte Tüte aus Pappe, gefüllt mit Süßigkeiten und Schokolade. Ist das heute immer noch ein Brauch in Deutschland – eine Zuckertüte am ersten Schultag? Na ja, das war schön, aber leider hat mir die Tüte kein Glück gebracht, denn alles in allem habe ich nur vier Jahre Schule in meinem ganzen Leben gehabt, mehr nicht.“

Irmgard geht deshalb in die jüdische Schule, weil es 1937 schon extrem schwierig war, als jüdisches Kind in einer staatlichen deutschen Schule eingeschult zu werden. Im November 1938 werden alle jüdischen Schüler, die zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch staatliche Schulen besuchen, von den Schulen gewiesen. Die Reichsvereinigung der Juden ist von nun an für die Schulbildung aller jüdischen Kinder und Jugendlichen zuständig. Irmgards Schule befindet sich direkt neben der Dresdner Synagoge – ein Bauwerk, das nach den Plänen des berühmten Architekten Gottfried Semper gebaut und 1840 eröffnet worden war.

Während Irmgard eingeschult wird, läuft die Judenverfolgung im Deutschen Reich auf Hochtouren. Nach und nach wird den Juden die Lebensgrundlage entzogen. Die Nationalsozialisten versuchen alles, um sie zum Auswandern zu bewegen. Zwischen 1933 und 1937 emigrieren etwa 130.000 deutsche Juden. Im Oktober 1938 nimmt die Polizei 17.000 im Deutschen Reich lebende polnische Juden fest, transportiert sie an die polnische Grenze und treibt sie mit Hilfe von SS und Gestapo über die Grenze.

„Ich hatte eine ganze Menge Mitschüler in meiner Klasse, die polnischer Abstammung waren. Die waren plötzlich alle weg. Aber auch die anderen in meiner Klasse – fast jeden Tag fehlten Schüler, wir wurden immer weniger, das war gespenstisch. Mich hat das sehr beschäftigt und auch verängstigt, ich konnte mich gar nicht mehr konzentrieren in der Schule. Ich erinnere mich, dass ich das Wort ‚Gestapo‘ aufschnappte und meinen Lehrer fragte, was das heißt.“

Am 9. November orchestrieren die Nazis ein gewalttätiges Pogrom gegen die Juden im gesamten Deutschen Reich und in Österreich. Auch in Dresden klirren Fensterscheiben, Geschäfte werden verwüstet, jüdische Bürger tätlich angegriffen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November werden unter anderem die Synagoge und zwei Kaufhäuser in Brand gesteckt.

„Die wunderschöne Synagoge ist komplett abgebrannt – die Feuerwehr hatte ausdrücklichen Befehl, das Feuer nicht zu löschen. Meine Schule, die ja gleich neben der Synagoge war, ist bei der Gelegenheit natürlich auch schwer beschädigt worden. Es hat fünf oder sechs Monate gedauert, bis sie repariert war und wir wieder in die Schule gehen konnten – bis dahin war die Schule geschlossen.“

Am 12. November werden die rauchenden Ruinen der Synagoge gesprengt. Der Oberbürgermeister von Dresden verkündet, dass damit „das Symbol des Erzfeindes endgültig vernichtet“ worden sei. „Da war dann nur noch ein Berg von Schutt und Geröll neben der Schule, der uns an die Synagoge erinnerte.“

Während der Novemberpogrome werden 151 jüdische Bürger Dresdens verhaftet, darunter der gesamte jüdische Gemeindevorstand. Die meisten Opfer werden in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verbracht, einige in das KZ Sachsenhausen bei Berlin.

„Meinen Onkel Max haben sie auch festgenommen – sie haben die Wohnung nach angeblichen Waffen durchsucht und völlig verwüstet und ihn dann mitgenommen. Unter der Bedingung, Deutschland zu verlassen, wurde er dann nach einiger Zeit freigelassen.“

Der Auflage, das Deutsche Reich zu verlassen, ist unterdessen nicht mehr leicht nachzukommen, die deutschen Behörden machen es zunehmend schwerer: Die sogenannte „Reichsfluchtsteuer“ ist extrem hoch, Wertpapiere und Bankvermögen können nur gegen hohe Abschläge ins Ausland transferiert, Devisen müssen zu einem irrwitzigen Umtauschkurs gekauft werden. Die auswanderungswilligen Juden werden vor der Ausreise praktisch ihres gesamten Besitzes beraubt. Mittellose Juden aber sind in Zuwanderungsstaaten nicht willkommen und haben es schwer, ein Visum zu erhalten – ein Teufelskreis.

„Ich weiß nicht wie, aber Onkel Max ist von einer jüdischen Organisation nach England geschmuggelt worden. Dort hat er dann sechs Jahre in der britischen Armee gedient. Nach dem Krieg ist er nach Australien ausgewandert.“

Irmgard verliert nun auch eine ihrer besten Freundinnen.

„Irgendwann in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre verließ meine Freundin Lydia Dresden. Die Familie emigrierte nach Argentinien. Niemand verstand das damals – ein Land, das so weit weg war. Ich war sehr traurig. Aber irgendwann haben wir dann natürlich begriffen, dass Lydias Familie die richtige Entscheidung getroffen hatte.“

Während die Freundin im fernen Argentinien in Sicherheit ist, sieht Irmgards Zukunft düster aus. Ab Juli 1938 werden alle jüdischen Läden in Dresden kenntlich gemacht – sie müssen von nun an ein Schild „Jüdisches Geschäft“ im Schaufenster haben. Das Königsufer, die Elbuferzone in der Mitte der Stadt, darf von den jüdischen Bürgern Dresdens nicht mehr betreten werden, ebenso wenig wie andere Parks der Stadt. Der Oberbürgermeister von Dresden kündigt allen Juden, die in städtischen Wohnungen wohnen, den Mietvertrag. Private Hausbesitzer folgen dem Beispiel des Oberbürgermeisters. Dresdens Juden werden obdachlos, und erst nachdem die Reichsvertretung der Juden protestiert, werden sogenannte „Judenhäuser“ eingerichtet. Im November 1939 existieren 37 Judenhäuser in Dresden – die lokalen Nazi-Größen in Sachsen beginnen viel eher mit der „Entmietung“ ihrer jüdischen Mitbürger als die Nazis in anderen Städten des Deutschen Reiches.

Der in Dresden lebende Literaturwissenschaftler und Chronist Victor Klemperer listet im Juni 1942 in seinem Tagebuch die immer neuen, zermürbenden Schikanen gegen die Juden auf: „1) Nach acht oder neun Uhr abends zu Hause sein. Kontrolle! 2) Aus dem eigenen Haus vertrieben. 3) Radioverbot, Telefonverbot. 4) Theater-, Kino-, Konzert-, Museumsverbot. 5) Verbot, Zeitschriften zu abonnieren oder zu kaufen. 6) Verbot zu fahren; (dreiphasig: a) Autobusse verboten, nur Vorderperron oder Tram erlaubt, b) alles Fahren verboten, außer zur Arbeit, c) auch zur Arbeit zu Fuß, sofern man nicht 7 km entfernt wohnt oder krank ist […] 7) Verbot, „Mangelware“ zu kaufen. 8) Verbot, Zigarren zu kaufen oder irgendwelche Rauchstoffe. 9) Verbot, Blumen zu kaufen. 10) Entziehung der Milchkarte. 11) Verbot, zum Barbier zu gehen … 12) Jede Art Handwerker nur nach Antrag bei der Gemeinde bestellbar. 13) Zwangsablieferung von Schreibmaschinen, 14) von Pelzen und Wolldecken, 15) von Fahrrädern […] 16) von Liegestühlen […] 17) von Hunden, Katzen, Vögeln. 18) Verbot, die Bannmeile Dresdens zu verlassen, 19) den Bahnhof zu betreten, 20) das Ministeriumsufer, die Parks zu betreten, 21) die Bürgerwiese zu betreten und die Randstraßen des Großen Gartens […] zu benutzen […] Auch das Betreten der Markthallen seit vorgestern verboten. 22) Seit dem 19. September der Judenstern. 23) Verbot, Vorräte an Essen im Hause zu haben (Gestapo nimmt auch mit, was auf Marken gekauft ist.) 24) Verbot der Leihbibliotheken. 25) Durch den Stern sind uns alle Restaurants verschlossen. Und in den Restaurants bekommt man immer noch etwas zu essen […], wenn man zu Haus gar nichts mehr hat. […] 26) Keine Kleiderkarte. 27) Keine Fischkarte. 28) Keine Sonderzuteilung wie Kaffee, Schokolade, Obst, Kondensmilch. 29) Die Sondersteuern. 30) Die ständig verengte Freigrenze. Meine zuerst 600, dann 320, jetzt 185 Mark. 31) Einkaufsbeschränkung auf eine Stunde (drei bis vier, Sonnabend zwölf bis eins).“

Klemperer merkt an: „Ich glaube, diese 31 Punkte sind alles. Sie sind aber alle zusammen gar nichts gegen die ständige Gefahr der Haussuchung, der Misshandlung, des Gefängnisses, Konzentrationslagers und gewaltsamen Todes.“

Im November 1939 wird Irmgards Mutter Rosa verhaftet.

„Ich kam wie immer von der Schule nach Hause, und meine Mutter war nicht da. Ich spielte also mit den Nachbarskindern, aber Stunde um Stunde verging, und meine Mutter kam immer noch nicht. Nach zwei Tagen kam dann meine Tante Lotti – ich weiß nicht, ob die Nachbarn sie informiert haben oder wieso sie kam.“

Das Gespräch stockt, Irmgard kann sich an keinerlei Einzelheiten erinnern – wie sie die zwei Tage verbrachte, wie die Zeit herumging. Das Einzige, woran sie sich erinnert und was sie heute noch fühlt, ist diese unsägliche Traurigkeit.

„Meine Tante hat mir erzählt, dass sie mich in einer Küchenecke sitzend gefunden hat. Dort saß ich und weinte. Nicht mal daran kann ich mich erinnern. Ich muss meine Gefühle wohl völlig betäubt haben. Ich weiß nur noch, dass ich mich elend verlassen fühlte – verlassen von meiner Mutter. Warum bloß hatte meine Mutter mich verlassen?“

Lotte Hempel nimmt ihre Nichte mit zu sich nach Hause und wendet sich aufgebracht an die Dresdner Staatspolizeidienststelle.

„Meine Tante ist gleich zur Gestapo gegangen, um herauszufinden, was mit meiner Mutter passiert ist. Sie hat natürlich nichts erreicht und nur erfahren, dass meine Mutter verhaftet worden sei.“

Walter Hempel, der inzwischen zur Wehrmacht gezogen wurde, wird aufgefordert, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Als er nicht Folge leistet, wird er aus der Wehrmacht entlassen und zu Zwangsarbeit verpflichtet.

„Auch meine Tante wurde zur Zwangsarbeit herangezogen. Sie haben beide bei Zeiss Ikon gearbeitet, das war eine bedeutende Kamerafirma, die in ein Rüstungsunternehmen umfunktioniert worden war und nun Zeitzünder und Bombenzielanlagen produzierte. Als Nächstes wurden mein Onkel und meine Tante dann aus ihrer Wohnung geschmissen, sie mussten in eine sehr arme Gegend Dresdens ziehen, die Wohnung lag über einer Konservenfabrik. Diese Fabrik beschäftigte eine Menge Zwangsarbeiter aus Polen, Russland, der Ukraine und aus Litauen. Jeden Abend um sieben klopfte es an der Tür – das war die Gestapo, die kontrollierten, ob Tante Lotti und Onkel Walter zu Hause waren.“

Die vermutlich demütigendste antijüdische Verordnung wird am 1. September 1941 erlassen – die Polizeiverordnung zum Tragen eines Judensterns. Mit Wirkung vom 19. September müssen alle Juden des Großdeutschen Reiches und des Protektorats Böhmen und Mähren, die das sechste Lebensjahr vollendet haben, einen Judenstern tragen. In der Mitte des handtellergroßen gelben sechszackigen Sterns steht – in einer seltsam gebogenen Schrift, die hebräisch anmuten soll – das Wort „Jude“. Der Stern muss bei der jeweiligen Gemeinde gegen die Zahlung von zehn Pfennig und gegen Unterschrift einer Quittung abgeholt und auf die linke Brustseite der äußeren Kleidung aufgenäht werden.

„Ich habe den Stern gehasst. Auf meinem Weg zur Schule bin ich von anderen Kindern geschlagen worden, sie haben mich bespuckt und mich ‚verdammte Jüdin‘ genannt. Ich habe immer versucht, den Stern zu verstecken und habe meinen Schulranzen davor gehalten. Das war natürlich verboten.“

Für Erwachsene ist das Tragen des Judensterns gleichermaßen erniedrigend. Victor Klemperer geht am 19. September, nachdem seine Frau den Stern aufgenäht hat, nur im Schutze der Dunkelheit auf die Straße. Der Weg zum Kaufmann am nächsten Tag kostet ihn enorme Überwindung.

Nachdem der Besuch deutscher Schulen für jüdische Kinder bereits seit November 1938 verboten ist, wird die Reichsvereinigung der Juden im Juni 1942 angewiesen, alle jüdischen Schulen im Deutschen Reich zu schließen. Auch die jüdische Schule in Dresden wird geschlossen. Von nun an ist Irmgard tagsüber auf sich selbst angewiesen. Während Lotte und Walter Hempel bei Zeiss Ikon arbeiten, streunt Irmgard durch Dresden.

„Ich war ziemlich alleine und wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Meine Tante hat mich dann bei einer anderen jüdischen Familie untergebracht, aber die wurde verhaftet, und so war ich also wieder alleine. Meine Tante, die wahrscheinlich nicht wusste, was sie mit mir machen sollte, kaufte mir dann einen Frosch, der mir Gesellschaft leisten sollte. Er saß in einem kleinen Glas, und ich musste Fliegen für ihn fangen. Das hat mich jeden Tag eine Weile beschäftigt. Die restliche Zeit hab ich viele Bücher gelesen.“

Dass Lotte Hempel einen Frosch anstelle eines Hundes oder einer Katze kauft, hat seinen Grund: Per Verordnung ist es Juden und jedem, der mit ihnen zusammenwohnt, ab Mai 1942 verboten, Haustiere (Hunde, Katzen und Vögel) zu halten. Tiere, die bereits im Besitz von Juden sind, dürfen nicht in Pflege gegeben werden. Victor Klemperer berichtet, wie er und seine Frau den geliebten Kater Muschel beim Tierarzt töten lassen müssen.

Die Gestapo weist Lotte Hempel an, keinen Kontakt mit „arischen“ Bürgern zu halten.

„Mein Onkel und meine Tante hatten aber viele nicht jüdische Freunde, und sie sahen gar nicht ein, dass sie den Kontakt abbrechen sollten. Der Besitzer der Konservenfabrik, ein Nazi, denunzierte meine Tante dann. Daraufhin wurde sie zur Gestapo-Dienststelle bestellt, wo sie ein Papier unterzeichnen musste, dass sie in Zukunft nicht mehr mit ‚Ariern‘ verkehre. Nachdem sie sich wieder nicht daran hielt, wurde sie erneut denunziert und ein zweites Mal zur Gestapo zitiert. Dieses Mal ging mein Onkel mit. Da war ein SS-Mann namens Müller, der sagte zu meinem Onkel: ‚Wenn Ihre Frau meine Frau wäre, würde ich sie auch beschützen‘, und der tat dann so, als würde er das von meiner Tante unterschriebene Papier nicht finden. Er ließ sie gehen. Solche Leute gab es eben auch.“

Ende 1941 zählt die jüdische Gemeinde Dresdens noch 1.228 Mitglieder. Anfang 1942 finden die ersten „Evakuierungen“ der Dresdner Juden ins „Reichskommissariat Ostland“ statt – ein deutsches Verwaltungsgebiet, das das Baltikum und Teile Weißrusslands in der von den Deutschen besetzten Sowjetunion umfasst. Am 15. Januar werden 224 Dresdner Juden davon informiert, dass sie für einen Evakuierungs-Transport in wenigen Tagen bestimmt seien. Sie dürfen 50 kg Gepäck mitnehmen, nicht erlaubt sind Wertpapiere, Sparkassenbücher, Devisen, Gold oder Silber außer dem Ehering. 50 Reichsmark müssen für die Transportkosten bereitgehalten werden. Am 20. und 21. Januar werden die Dresdner Juden frühmorgens aus ihren Häusern geholt, zum Bahnhof Dresden-Neustadt gebracht und nach Riga transportiert. Ausgenommen von der Deportation sind zunächst noch in Mischehe lebende Juden sowie deren Kinder. Auch sogenannte „Altersjuden“ über fünfundsechzig sowie Juden, die im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet worden sind, stehen noch nicht auf den Transportlisten – sie sind für spätere Transporte nach Theresienstadt vorgesehen. Das Zeiss Ikon-Werk erreicht, dass die zwangsbeschäftigten jüdischen Mitarbeiter der Firma wegen vordringlicher Rüstungsproduktion zunächst von der Deportation zurückgestellt werden.

Im Juli beginnen die Deportationen der älteren Juden nach Theresienstadt, bis September gehen sieben Lkw-Transporte mit jeweils 50 Dresdner Bürgern in das „Altersghetto“ im Protektorat ab. Etliche Juden verüben Selbstmord, nachdem sie die Evakuierungs-Nachricht bekommen.

„Meine Großtante Sophie, die Schwester meines Großvaters, hat sich auch umgebracht. Sie lebte in Hamburg und war die Lieblingstante meiner Tante Lotti. Tante Lotti und Onkel Walter fuhren mit dem Tanzorchester oft nach Hamburg und wohnten dann bei ihr. Irgendwann erhielt jedenfalls auch Tante Sophie den Deportationsbescheid. Da war sie schon über achtzig – und schluckte Gift.“

Im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion“, in der alle noch im Deutschen Reich verbliebenen „Rüstungsjuden“ deportiert werden sollen, werden am 27. Februar 1943 knapp 300 jüdische Zwangsarbeiter der Zeiss Ikon-Werke verhaftet. Während dieser Verhaftungswelle wird auch Irmgard festgenommen.

„Morgens um sieben hat es an der Tür geklopft. Meine Tante machte einem Mann in Zivil auf. Der war von der Gestapo und sagte meiner Tante, sie solle einen Koffer für mich packen, er müsse mich mitnehmen. Mein Onkel war wahrscheinlich schon zur Arbeit, ich kann mich nicht erinnern, aber meine Tante versuchte, mit dem Gestapo-Mann zu reden. Es half nichts: Der Mann blieb dabei, dass ich mitkommen müsse. Meine Tante war in einer schrecklichen Verfassung und wusste überhaupt nicht, was sie packen sollte. Dann bin ich mit dem Mann aus dem Haus gegangen – und vor der Haustür stand ein zweiter, uniformierter Mann mit einem Schäferhund. Man stelle sich das mal vor – die brauchten zwei Männer und einen Schäferhund, um ein zwölfjähriges Mädchen zu verhaften!“

Irmgard wird in das Judenlager Hellerberg gebracht – ein Lager, in das schon im November 1942 die meisten der für Zeiss Ikon arbeitenden Juden gebracht worden waren.

„Ich erinnere mich an Baracken und Hunderte von Juden, die da waren, nicht nur aus Dresden, sondern auch aus der Umgebung. Tante Lotti hat dann rausgefunden, wo ich war und wollte in das Lager kommen. Man hat sie natürlich nicht reingelassen. Aber irgendwie hat sie eine Nachricht an eine Familie im Lager geschmuggelt, die sie kannte, mit der Bitte, sich um mich zu kümmern. Und eine Wurst für mich hat sie reingeschmuggelt, das weiß ich noch heute. Diese Familie hat mich dann tatsächlich gefunden – inmitten dieser vielen Menschen dort.“

Am 2. März wird das Lager geräumt, die meisten Lagerinsassen aus der Umgebung und alle 293 Dresdner Juden werden nach Auschwitz transportiert – bis auf Irmgard. Sie wird – dank des couragierten Verhaltens ihres Onkels Walter Hempel, der sich erneut bei der Gestapo für das Mädchen einsetzt – von der Transportliste gestrichen und kurze Zeit später nach Theresienstadt deportiert.

„Die haben uns mit Lkws transportiert, das ist nicht so weit von Dresden nach Theresienstadt, aber ich weiß nicht mehr genau, wie lange wir unterwegs waren. Woran ich mich – leider – sehr gut erinnere, ist, dass da ein Mädchen war, das bei unserer Ankunft mit mir zur Toilette gerannt ist. Also die Toilette – das war eine Latrine mit einem Holzbalken über einem Graben. Und dann ist dieses Mädchen, das neben mir saß, von dem Balken gerutscht und in den Graben gefallen. Es war schrecklich, einfach schrecklich, das Mädchen ist da nicht wieder rausgekommen und in diesem Graben voller Exkremente gestorben, und dieses Bild hat sich einfach in mein Hirn eingegraben. Ich werde das nicht los, ich trage dieses Bild immer in mir.“

Die Ankömmlinge im Lager werden voneinander getrennt: Frauen von ihren Männern, Eltern von ihren Kindern. Die Kinder kommen in separate Baracken.

„Ich war mit zwanzig anderen Mädchen in einer Baracke mit Stockbetten, jeweils drei Betten hoch, mit Strohmatratzen. Die Mädchen waren aus ganz Europa – aus Holland, der Tschechoslowakei, Österreich und Deutschland. Wir mussten arbeiten. Zuerst habe ich in einem Garten gearbeitet, in dem Gemüse für die SS – natürlich nicht für uns – angebaut wurde. Das war gut, weil manchmal konnte ich eine Mohrrübe oder ein Kohlblatt oder so klauen. Unsere Essensrationen waren sehr schmal. Manchmal mussten wir auch Kastanien ernten. Dann fuhren sie uns aus dem Lager raus, und wir mussten auf die Bäume klettern und die Kastanien pflücken. Das war schön – das war so eine wunderschöne Allee von Kastanienbäumen.“

Der jüdische Ältestenrat organisiert schulischen Unterricht für die Kinder, aber Irmgard versäumt die schulischen Aktivitäten: Mit 12 Jahren ist sie zu alt, sie muss arbeiten. Sie arbeitet in einer Glimmerfabrik, in der ein spezielles Silikatmineral für die Elektroindustrie in dünne Schichten gespaltet wird. Die Arbeit ist gesundheitsschädigend – beim Spalten des Minerals entsteht feiner Staub, der in die Lunge eindringt.

„Die Zustände im Lager waren entsetzlich. Die hygienischen Bedingungen waren wirklich unbeschreiblich, ich möchte das gar nicht erzählen. Es gab kein warmes Wasser, um uns zu waschen, und manchmal gab es auch kein kaltes Wasser – im Winter nämlich, dann froren die Wasserrohre zu. Krankheiten grassierten, und wir waren voller Läuse – Läuse, Läuse und Läuse, schrecklich. Oh, und dann diese Wanzen – die kommen nachts. Einmal wachte ich auf und hatte so einen schrecklichen Geschmack im Mund – das war eine Wanze. Die meisten Leute im Lager hatten Typhus.“

Irmgard macht eine Pause und holt tief Luft.

„Und dann gab es natürlich Hinrichtungen. Einmal waren elf junge Männer geflüchtet. Da führte man eine Gruppe von uns Mädchen in den Wald und sagte uns, wir müssten hier bleiben, bis man die Jungs gefunden hätte. Nach eineinhalb Tagen hatte man sie alle und hängte sie vor unseren Augen auf.“

Irmgard wird krank: Sie bekommt eine lebensgefährliche Hirnhautentzündung. Krank werden an sich ist bereits gefährlich, da die Alten und die Kranken zuerst deportiert werden. Aber Irmgard hat gleich zweimal Glück – sie entgeht einer Deportation und überlebt die Meningitis. Dennoch: Ihre Gesundheit ist angegriffen. Kurz nach ihrer Genesung erkrankt sie an Gelbsucht, gleich darauf bekommt sie eine Mandelentzündung. Es sieht nicht gut aus – der Hals ist völlig vereitert, und Irmgard hat hohes Fieber.

„Irgendwer hat dann schließlich einen tschechischen Häftlingsarzt geholt, der mich operiert hat. Der hatte kein Anästhetikum oder irgendwelche Instrumente, der hat meine Zunge rausgezogen, mit einer Klammer befestigt, und dann mit was weiß ich was meine Mandeln rausgeschnitten. Ich erinnere mich nicht wirklich, ich muss wohl bewusstlos geworden sein. Viel später dann in Australien, als ich aufgrund einer Mandelentzündung mal zum Arzt musste, hat der mich gefragt, was für ein Fleischer denn meine Mandeln rausgenommen hätte. Ich hab ihm dann meine Geschichte erzählt. Der war erstaunt, dass ich diese Operation überlebt habe.“

Nachdem die SS Ende 1943 beschlossen hat, einer Kommission des Internationalen Roten Kreuzes einen Besuch im Ghetto zu gestatten, werden sorgfältige Maßnahmen getroffen, um das Lager in exzellentem Zustand zu präsentieren. Zu den ersten Maßnahmen gehört, die Anzahl der Häftlinge in dem völlig überfüllten Lager zu reduzieren – 7.500 Menschen werden nach Auschwitz deportiert. Anschließend werden Potemkinsche Dörfer gebaut, um ein völlig normales Leben in einer jüdischen Siedlung zu simulieren.

„Die haben Läden aufgebaut und ein Café und sogar ein Karussell aufgestellt. Dann haben sie Geld gedruckt – und ob Sie es glauben oder nicht: Da haben sie hinten Moses und die Zehn Gebote draufgedruckt.“

Das Rote Kreuz stattet seinen Besuch am 23. Juni 1944 ab, drei Delegierte dürfen in das Lager.

„Als das Rote Kreuz dann kam, gab es alle möglichen kulturellen Veranstaltungen: Da wurde zum Beispiel ein Fußballspiel gespielt und eine Theateraufführung gegeben. Die Karren, die immer zum Abtransport der Leichen benutzt wurden, waren weiß gestrichen und mit Broten beladen worden, und die Leichenträger hatten schöne weiße Kittel an. Trotzdem: Es ist mir ein absolutes Rätsel, wieso die nicht gemerkt haben, dass alles um sie herum eine einzige Fälschung war.“

Um auch der beunruhigten Weltöffentlichkeit zu zeigen, was für ein wunderbares Leben die Juden im Deutschen Reich bzw. in den von den Deutschen besetzten Gebieten führen, drehen die Nazis einen Propagandafilm.

„Ich musste auch mitspielen und hoffte, dass meine Tante mich vielleicht sehen würde. Mein Part war, zusammen mit anderen Kindern einfach an einem großen Tisch zu sitzen – an einem großen Tisch voller geschmierter Brote. Nachdem die Szene gedreht war, verschwanden aber auch die Brote. Wir Kinder kriegten nicht ein einziges Brot, das war eine schreckliche Enttäuschung für uns.“

Während ihrer Lagerzeit wird Irmgard Zeugin von elf Transporten, die in den Osten abgehen. Im April 1945 sieht sie Häftlinge ankommen, die, weil die Rote Armee auf dem Vormarsch ist, hastig aus anderen Konzentrationslagern evakuiert worden sind.

„Die Hälfte der in die Viehwaggons gepferchten Menschen war schon tot, als sie ankamen. Und die andere Hälfte, die Lebenden – das waren Halbtote, reine Skelette, junge Menschen, die aussahen wie achtzig. Es war wirklich schrecklich.“

Am 5. Mai 1945 verlässt die SS das Lager, drei Tage später ist die Rote Armee da. Noch ist das Leid der Mädchen jedoch nicht vorbei.

„In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai hörten wir, dass in der Nachbarbaracke Mädchen vergewaltigt wurden. Zum Glück kamen am nächsten Tag russische Offiziere und machten dem Spiel ein Ende. Dann wurde das Lagerhaus aufgemacht, und wir bekamen Kleider und Schuhe – wir hatten ja nur Holzpantoffeln.“

Lotte Hempel wird vom Roten Kreuz informiert, dass ihre Nichte am Leben sei. Lotte selbst hat im Versteck überlebt. Wie die anderen knapp 200 noch verbliebenen Juden in Dresden – entweder Mischlinge ersten Grades oder Juden, die mit einem „Arier“ verheiratet sind – erhält sie am 13. Februar 1945 eine schriftliche Aufforderung, sich am 16. Februar, also drei Tage später, mit Handgepäck und Proviant für zwei bis drei Arbeitstage zu einem „auswärtigen Arbeitseinsatz“ in der Zeughausstraße einzufinden. Der „Arbeitseinsatz“ ist eine Tarnung – tatsächlich planen die Nazis, nunmehr auch die bislang verschont gebliebenen Juden zu deportieren. Lotte beschließt zu Bekannten zu flüchten, die bereit sind, sie zu verstecken, und schreibt zur Tarnung einen Suizid-Abschiedsbrief an ihren Mann, der bereits vor Monaten in ein Arbeitslager verbracht worden war.






Irma (r.) mit einer Freundin kurz nach der Befreiung

Am Abend des gleichen Tages, an dem Lotte die Aufforderung zum „Arbeitseinsatz“ erhält, beginnt der erste von mehreren schweren Luftangriffen auf Dresden. In den nächsten beiden Tagen fallen Tausende von Bomben. Der resultierende Feuersturm zerstört weite Teile der Innenstadt, über zwanzigtausend Menschen verbrennen, ersticken oder sterben durch Hitzeschock und Luftdruckwellen. Lotte hat Glück. Sie überlebt das Bombardement, reißt sich geistesgegenwärtig den Stern von der Kleidung und taucht unter. Die Bekannten sind selbst ausgebombt, aber es gelingt Lotte, sich bei einem Bauern auf dem Land zu verstecken. Auch Walter überlebt.

Lotte holt ihre Nichte Irmgard nach Hause.

„Sie hat sich wie verrückt gefreut, mich zu sehen. Ich kann mich seltsamerweise an keinerlei Gefühle erinnern. Ich war wie betäubt und völlig versteinert. Noch eine ziemlich lange Zeit nach Kriegsende war ich nicht in der Lage zu weinen.“

Irmgard ist 15 Jahre alt und möchte gern Kindergärtnerin werden. Aber mit ihren vier Schuljahren bekommt sie dafür keinen Ausbildungsplatz. Stattdessen macht sie eine Ausbildung zur Schneiderin. Es ist ein großer Augenblick für Irmgard, als sie von einer jüdischen Organisation zu einem Urlaub eingeladen wird. Zusammen mit anderen Jugendlichen erlebt sie wunderschöne Ferien am Wannsee im Südwesten der Stadt Berlin.

„Es war traumhaft, wir hatten eine tolle Zeit. Ich konnte zwar nicht schwimmen, aber ich habe das Wasser geliebt, und ich habe mir dort sogar ein Bikinioberteil gehäkelt. Ich habe noch ein Foto von mir und von anderen im See.“ Ein Lächeln huscht über Irmgards Gesicht, aber sie wird gleich wieder ernst. „Ich konnte es kaum glauben, als ich später erfuhr, dass der Wannsee der Ort war, an dem die Nazis die ‚Endlösung‘ beschlossen hatten, die völlige Auslöschung der Juden.“

Die Freunde, die sie dort kennen lernt, überreden Irmgard, mit ihnen in einem Kibbuz in Berlin zu leben.

„Das war die glücklichste Zeit in meinem Leben. Ich habe dort viele Freundschaften geschlossen, und ich war fest entschlossen, nach Palästina zu gehen. Aber meine Tante wollte mich nicht gehen lassen, ich war noch nicht 18 und brauchte ihre Zustimmung. Sie hatte Angst, dass es Krieg geben würde in Palästina und kam also nach Berlin, um mich abzuholen.“ Irmgard lacht: „Ich wollte nicht mit ihr mitgehen und habe mich in einem Schrank versteckt, aber es hat nichts geholfen.“

Lotte bemüht sich um Einreisevisa für Australien, wo ihr Bruder Max lebt. Das erste Visum wird für Irmgard ausgestellt – sie verlässt das heutige Deutschland während der Berlin-Blockade im September 1948. Die Sowjets hatten die Land- und Wasserstraßen West-Berlins blockiert und die Amerikaner zur Versorgung der Berliner eine Luftbrücke eingerichtet. Mit einem amerikanischen Flugzeug dieser Luftbrücke – im Volksmund wegen des Kaugummis und der Süßigkeiten für die Kinder auch „Rosinenbomber genannt“ – fliegt Irmgard aus Berlin aus. Der Flug geht nach Marseille, dort kümmert sich das Joint (American Jewish Joint Distribution Committee), eine amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation, um die Flüchtlinge, bevor sie nach Paris weiterreisen.

„Wir blieben zehn Wochen in Paris. Die UNRRA1, eine Organisation der Vereinten Nationen, brachte uns in einem billigen Quartier in Pigalle unter, das war das Rotlichtviertel. Wir bekamen jeden Tag eine warme Mahlzeit und ein bisschen Taschengeld. Aber die Prostituierten gingen da in den benachbarten Räumen ihrem Gewerbe nach, und die Wände waren hauchdünn. Das war schrecklich, ich habe mich da ziemlich alleine gefühlt und habe jede Nacht in mein Kissen geweint.“

Im Spätherbst ist es soweit: Irmgard besteigt den Ozeandampfer „Volendam“ in Rotterdam und erreicht einige Wochen später, am 19. Januar 1949, den Hafen von Melbourne.

„Mein Onkel Max und seine australische Frau Mary haben mich am Hafen abgeholt – ich habe mich so gefreut, ihn zu sehen, und er hat sich genauso gefreut. Ich habe dann erst mal bei meinem Onkel und meiner Tante in Richmond, einem Stadtteil von Melbourne, gelebt. Tante Mary war unheimlich nett – ich mochte sie sofort und sie mich auch.“

Eine Woche nach Ankunft in Australien beginnt Irmgard, als Näherin in einer Bekleidungsfabrik zu arbeiten. Sie verdient 30 Schilling die Woche – 10 davon gibt sie zu Hause ab, 10 spart sie, und den Rest gibt sie aus für die Straßenbahn, für Schuhe und Kleidung – sie ist ja nur mit einem Koffer in Melbourne angekommen und besitzt nicht viel. Max und Mary sprechen Englisch zu Hause, und auch in der Fabrik muss Irmgard Englisch reden, um sich zu verständigen. So lernt sie die Sprache schnell.

Im Oktober, neun Monate nach Irmgards Ankunft treffen Lotte und Walter Hempel in Melbourne ein, und Irmgard zieht zu den beiden.

„Ich werde nie vergessen, dass meine Tante Lotti, als ich 19 wurde, eine Party für mich veranstaltet hat – das war die erste Geburtstagsparty meines Lebens.“

Lotte und Walter fassen schlecht Fuß. Walter möchte gern wieder in einem Orchester spielen, muss aber erst fünf Jahre im Land gelebt haben, bevor er in einem Orchester aufgenommen werden kann. Beide finden Arbeit in einer Eisengießerei, in der Eisenrohre zum Häuserbau hergestellt werden. Walter ist unglücklich, er sorgt sich um seine alte Mutter in Dresden – Walters Bruder, SS-Mitglied, hatte sich am Ende des Krieges in Polen umgebracht –, und es gibt Spannungen in der Ehe. Als Walter in der Fabrik eine Eisenstange auf den Kopf fällt, ist das Maß für ihn voll: Er will zurück nach Deutschland – mit Lotte. Lotte aber lehnt ein Leben in Deutschland, einem Land, in dem ihre ganze Familie verfolgt worden war und sie selbst nur mit viel Glück überlebt hatte, ab. Walter kehrt alleine zurück nach Deutschland – eine Tragödie für alle Beteiligten, auch für Irmgard.

„Ich habe noch Briefe von Onkel Walter, die sind herzzerreißend. Er fühlte wohl eine tiefe Schuld, dass er seine Frau Lotte verlassen hatte. Tante Lotti hat dann bald versucht, die australische Staatsangehörigkeit zu bekommen – das erste Mal wurde es abgelehnt, weil man vermutete, dass Walter Hempel ein Spion sei; das hat man meiner Tante jedenfalls später erzählt. Der zweite Antrag war dann erfolgreich. Tante Lotte ging noch auf die Abendschule und wurde Kauffrau in einem Büro. Sie starb 2001 im Alter von 88 Jahren. Wie alt Onkel Walter wurde, weiß ich nicht, der Kontakt brach dann irgendwann ab.“

1951 lernt Irmgard Oskar kennen – einen polnischen Juden, der außer seinem Cousin, der in der Sowjetunion überlebte, seine ganze Familie im Holocaust verloren hat. Irmgard – die sich jetzt Irma nennt, weil offenbar kein Australier ihren Namen aussprechen kann oder ihn sowieso abkürzt – und Oskar heiraten zwei Jahre später. Kurz darauf erbt Irma etwas Geld von einem Bruder ihres Großvaters, der in Australien lebt. Das junge Paar kann sich von dem Geld ein Haus in Melbourne kaufen, und an dem Tag, an dem sie die Schlüssel für das Haus in der Hand halten, wird Sohn Bernhard geboren. 1956, zwei Jahre später, kommt Sohn Robert auf die Welt.






Irma mit ihrem Mann Oskar und den beiden Söhnen anlässlich Bernhards Bar-Mizwa, Melbourne 1967

„Wir haben mit den Kindern nie über den Holocaust gesprochen, bis sie uns gefragt haben, warum sie eigentlich keine Großeltern haben. Da waren die beiden ungefähr sieben und neun. Da mussten wir dann anfangen, den Kindern alles zu erklären.“

Oskar ist Klempner und macht sich selbständig, Irma erledigt alle Büroarbeiten. Beide arbeiten viel und schwer, um den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen und um peu à peu Anschaffungen machen zu können. Bernhard lernt zunächst wie sein Vater den Beruf des Klempners, entscheidet sich dann jedoch, Lehrer zu werden. Robert studiert Medizin und wird Arzt für Allgemeinmedizin.

Oskar stirbt tragischerweise bei einem Unfall, er wird nur 63 Jahre alt.

„Ein Freund hatte meinen Mann gebeten, etwas auf seinem Dach zu reparieren. Oskar fiel vom Dach – und verletzte sich dabei tödlich. Ach, das war die allergrößte Tragödie in meinem Leben. Er erlebte noch die Hochzeit unseres ältesten Jungen,und die Approbation unseres jüngeren Sohnes als Arzt. Aber er hat keines unserer fünf Enkelkinder kennengelernt.“

Irma ist erst 55 Jahre alt, als Oskar stirbt. Aber sie geht keine neue Bindung ein – Oskar bleibt die Liebe ihres Lebens.

„Nachdem mein Mann gestorben war und die Kinder geheiratet hatten, hatte ich das Bedürfnis, noch einmal etwas zu tun, etwas Wichtiges. Da haben mich dann Freunde eingeladen, doch im Holocaust-Museum zu arbeiten. Ich habe zuerst in der Abteilung angefangen, in der Zeugenaussagen gesammelt und aufgezeichnet werden. Erst später habe ich dann begonnen, Besucher durchs Museum zu führen und vor ihnen zu reden. Manchmal finde ich das nicht einfach. Je älter ich werde, desto emotionaler werde ich. Aber wenn ich dann das positive Feedback insbesondere von den jüngeren Menschen höre, dann denke ich: Meine Arbeit lohnt sich und ist nicht umsonst.“






Irma an ihrem 84. Geburtstag mit den Enkelkindern Ilana, Dovi, Oscar, Lena und Avi, Melbourne, 9. Juni 2014

Kurz nach dem Krieg wird Lotte Hempel von einer Frau kontaktiert, die als Zeugin Jehovas im Konzentrationslager Ravensbrückinhaftiert war. Im KZ hatte sie Rosa Conradi kennengelernt – Irmgards Mutter und Lottes Schwester. Für den Fall, dass sie nicht überleben sollte, hatte Rosa dieser Frau den Wunsch abgenommen, Lotte zu kontaktieren. „Und sagen Sie doch bitte meiner Schwester, dass sie auf meine kleine Tochter Acht geben soll“, gab sie ihrer Leidensgenossin in Ravensbrück mit auf den Weg. Rosa überlebte nicht. Die Frau berichtet, dass Rosa Conradi aufgrund von medizinischen Experimenten, die an ihr vorgenommen worden waren, Wundbrand bekam und daran starb.






Stolperstein von Rosa Conradi in der Bautzner Straße 20 in Dresden, 2009

Im November 2008 bekommt Irmas Sohn Robert Antwort auf seine Anfrage beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen. Er wird darüber informiert, dass seine Großmutter am 2. November 1939 in das Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert wurde. Der Vorwurf lautet: „Rassenschande“ – sexueller Verkehr mit einem Arier.

Von Ravensbrück wird sie ins Untersuchungsgefängnis Dresden überführt, von dort am 13. April 1940 wieder ins KZ Ravensbrück geschickt. Dort stirbt sie am 29. Mai 1942. Rosa Conradi ist erst 30 Jahre alt.

Im Jahr 2009 wird in Dresden der „Verein Stolpersteine für Dresden“ gegründet, der es sich zur Aufgabe macht, an die Bürger Dresdens zu erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion, ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Sexualität ermordet worden sind. Im November 2009 wird in der Bautzner Straße 20 ein Stolperstein für Rosa Conradi gelegt.





Kapitel 2

Polen:  Die Tragödie einer Nation


„Die blühendste Phantasie einer Greuelpropaganda ist arm gegen die Dinge, die eine organisierte Mörder-, Räuber- und Plündererbande unter angeblich höchster Duldung dort verbricht … Diese Ausrottung ganzer Geschlechter mit Frauen und Kindern ist nur von einem Untermenschentum möglich, das den Namen Deutsch nicht mehr verdient. Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein.“

Helmuth Stieff, Leiter der Organisationsabteilung III im Generalstab des Heeres (später Widerstandskämpfer des 20. Juli, hingerichtet im August 1944) in einem Brief vom 21. 11. 1939 aus Warschau an seine Frau.

Am Ende des 18. Jahrhunderts erlebte Polen, dessen Geschichte bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht, seinen ersten Untergang in den sogenannten drei Teilungen: Russland, Preußen und Österreich teilten den Staat in drei Schritten unter sich auf, die Republik Polen hörte für die nächsten 120 Jahre auf zu existieren. Erst im Ergebnis des Ersten Weltkrieges erlangte Polen seine Souveränität zurück, es entstand die Zweite Polnische Republik.

Die hundertzwanzigjährige Geschichte der Fremdherrschaft war traumatisch für Polen. Die größere Katastrophe stand dem Land und seinen Bewohnern allerdings noch bevor: Sie begann mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht am 1. September 1939 und endete mit der völligen Zerstörung des Landes.

Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hatte Polen eine Bevölkerung von 35 Millionen Menschen, darunter 3,3 Millionen Juden. Das war mit Abstand die größte Konzentration von Juden in ganz Europa. Die Mehrheit von ihnen lebte in den Städten, wo sie oft einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachten. Das Zentrum des polnischen Judentums war die Hauptstadt Warschau. Mit seiner reichen Kultur und Architektur hatte sich Warschau über die Jahrhunderte hinweg zu einer der bedeutenden europäischen Städte entwickelt und wurde das Paris des Ostens genannt. Die 375.000 Warschauer Juden – nur die Stadt New York hatte eine größere Zahl an jüdischen Einwohnern – machten fast 30 Prozent der Warschauer Bevölkerung aus. Das jüdische Leben in der Stadt pulsierte, die politischen Parteien hatten hier genauso ihren Hauptsitz wie die jüdischen Wohlfahrtsverbände, Bildungs- und Sportorganisationen, Jugendbewegungen sowie religiöse Institutionen. Es gab eine bedeutende jüdische Literatur- und Theaterszene, und mehr als hundert jüdische Zeitungen und Zeitschriften wurden in unterschiedlichen Sprachen publiziert.

Als die Deutschen ihren Nachbarstaat überfielen, glaubten die Polen noch an ihren schnellen Sieg. Hitler setzte für seinen Polenfeldzug jedoch nahezu 80 Prozent seines gesamten Feldheeres ein, dazu die gesamte Panzer- und Luftwaffe, und die Verbündeten Großbritannien und Frankreich erklärten dem Deutschen Reich zwar den Krieg, kamen den Polen aber militärisch nicht zu Hilfe. Die polnische Regierung verließ Warschau bereits vier Tage nach Kriegsbeginn. Die Polen kämpften heldenhaft, spätestens nach zwei Wochen war jedoch klar, dass sie keine Chance hatten. Mitte September, als die polnische Armee so gut wie besiegt war, überfiel die Sowjetunion das Land von Osten her und versetzte Polen den Todesstoß.

Erst nach schweren Luftangriffen und heftigem Artilleriebeschuss kapitulierte Warschau am 28. September. Einen Tag später besetzten deutsche Truppen die Stadt, am 5. Oktober nahm Adolf Hitler die Siegesparade der deutschen Wehrmacht im Zentrum der Stadt ab. Innerhalb von vier Wochen war die junge Zweite Republik zerstört, 200.000 Soldaten und Zivilisten waren tot, 700.000 Menschen in Gefangenschaft geraten. Das war jedoch erst der Anfang: Sowohl Hitler als auch Stalin beabsichtigten Polens völlige Vernichtung.

Im Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 teilten das Deutsche Reich und die Sowjetunion das Land unter sich auf. Der vom Deutschen Reich besetzte Teil mit etwa 23 Millionen Einwohnern, darunter 2,1 Millionen Juden, wurde in etwa zwei gleich große Gebiete aufgeteilt: die westlichen wurden direkt in das Deutsche Reich eingegliedert und zu den autonomen „Reichsgauen“ Danzig-Westpreußen und Wartheland gemacht, die östlichen Gebiete inklusive Warschau, Krakau und Lublin als sogenanntes „Generalgouvernement“ unter deutsche Administration gestellt. Die Nationalsozialisten planten, die eingegliederten Ostgebiete einzudeutschen und die Menschen im Generalgouvernement als Arbeitssklaven zu verwenden.

Die folgenden sechs Jahre deutscher Besatzungszeit in Polen waren von Terror und grenzenloser Brutalität gekennzeichnet. Die Polen wurden in unvorstellbarem Ausmaß entrechtet, erniedrigt, misshandelt und gemordet. Hitler und seine Vasallen hielten die Polen für Untermenschen und versprachen, das Land so zu „sanieren“, dass es nicht mehr stören würde. Sie sanierten es gründlich.

Noch im September 1939 wurde, um jegliche Opposition gegen die deutschen Besatzer im Keim zu ersticken, die polnische Elite liquidiert. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD – mobile Sondereinheiten im Dienste der SS – erschossen Tausende von Aristokraten, Wissenschaftlern, Professoren, Lehrern, Ärzten, Priestern und Künstlern, darunter auch viele Juden. Tausende mehr wurden verhaftet und in deutsche Konzentrationslager verbracht. Polen wie Juden gleichermaßen wurden enteignet – bis 1942 allein wurden 112.000 jüdische Firmen und Geschäfte sowie 115.000 Gewerbebetriebe konfisziert. Juden wurden willkürlich auf der Straße aufgegriffen oder aus ihren Häusern geholt, um Bombenschutt aufzuräumen, Straßen zu säubern oder andere Hilfsarbeiten zu erledigen. Gleichzeitig begann die Verschleppung von Hunderttausenden polnischer Zivilisten als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich – gegen Ende des Krieges waren es weit mehr als eine Million Menschen.

In den eingegliederten polnischen Gebieten begann die „Eindeutschung“ und „Umvolkung“ – Polen mussten Platz machen für deutsche Aussiedler aus den sowjetisch besetzten Gebieten in Ostpolen und im Baltikum. Allein im Herbst 1939 wurden 90.000 Polen aus dem Warthegau in das Generalgouvernement deportiert. Die Vertriebenen durften nur je einen Koffer mitnehmen, die Mitnahme von Decken, Betten, Geld (außer 20 Zloty) oder Wertsachen (außer dem Ehering) war verboten. Die polnischen Schulen wurden geschlossen, das Sprechen der polnischen Sprache in der Öffentlichkeit wurde verboten. Polen und Juden wurden unter ein Sonderstrafrecht gestellt, das sie praktisch zum rechtlichen Freiwild machte.

Im Generalgouvernement errichtete derweil der Nazi-Jurist Hans Frank, Generalgouverneur und Herrscher über das „Nebenland des Deutschen Reiches“, wie er es selbst nannte, ein Schreckensregime gegen die Zivilbevölkerung. Obwohl er bereits im November gut „saniert“ hatte, ordnete Frank im Mai eine weitere „Außerordentliche Befriedungsaktion“ (AB-Aktion) an: die Liquidation der Führungselite, die noch am Leben war. Tausende von Polen wurden erschossen, Zehntausende ins KZ Auschwitz deportiert. Warschaus Universität sowie alle höheren Schulen wurden geschlossen, nur noch vierklassige Volksschulen waren erlaubt: Die Schulbildung der Polen im Generalgouvernement sollte nicht über einfaches Rechnen, das Schreiben des Namens und die Lehre vom Gehorsam gegenüber den Deutschen hinausgehen. Frank, der sein Hauptquartier in der Krakauer Burg aufgeschlagen hatte, dem ehemaligen Sitz der polnischen Könige, schwang sich zum absolutistischen Herrscher auf. Innerhalb von sechs Monaten beschlagnahmte der Kunstliebhaber den gesamten Kultur- und Kunstbesitz des Landes und der Kirchen, nicht ohne sich selbst dabei reichlich zu bedienen. Widerstandsaktionen wurden während der gesamten Besatzungszeit hart geahndet – für einen toten Deutschen wurden 50 bis 100 Polen exekutiert, willkürlich aus den Gefängnissen oder von der Straße geholt.

Sogleich nach seiner Amtsübernahme im November 1939 erließ Frank die ersten antijüdischen Gesetze: Ab dem 1. Dezember musste jeder Jude ab zehn Jahren ein weißes Armband mit blauem Davidsstern am rechten Ärmel des Oberarms tragen, jüdische Geschäfte und Firmen mussten ebenfalls mit dem Judenstern gekennzeichnet sein. Alle jüdischen Männer im arbeitsfähigen Alter wurden zu Zwangsarbeit herangezogen, Radios wurden eingezogen, Zugfahren war verboten, jüdische Bankkonten wurden gesperrt, Firmen beschlagnahmt, jüdische Schulen, Institute und Organisationen geschlossen.

Die Besatzer ordneten die Bildung von Judenräten an, von denen die jüdische Bevölkerung zunächst glaubte, dass sie eine jüdische Gemeindevertretung seien. Tatsächlich bedienten sich die Deutschen der Judenräte, um die antijüdischen Maßnahmen durchzusetzen. Die Rolle der Judenräte blieb darauf beschränkt, die Administration der Ghettos zu gewährleisten, die Ordnung aufrechtzuerhalten (mit Hilfe einer jüdischen Polizeitruppe, zu deren Gründung sie gezwungen wurden) sowie die deutschen Befehle auszuführen. Spätestens als die Judenräte von den Deutschen gezwungen wurden, die Deportationen zu organisieren, standen deren Mitglieder vor einem tragischen Dilemma.

Um die polnischen Juden zu konzentrieren und zu isolieren, wurden inzwischen im gesamten besetzten Polen Ghettos eingerichtet. Das Ghetto in Łódź war mit 165.000 Juden eines der ersten großen Ghettos und wurde im Frühjahr 1940 hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Es folgte das Warschauer Ghetto im Generalgouvernement, in dem 400.000 Juden auf engstem Raum zusammengepfercht worden waren und das Mitte November geschlossen wurde. Versuche, die abgeriegelten Ghettos zu verlassen, wurden mit dem Tode bestraft. Juden, die außerhalb der Ghettos aufgefunden wurden, erwartete ebenso wie deren polnische Helfer die Todesstrafe.

Die Lebensbedingungen in den Ghettos waren entsetzlich, Goebbels nannte sie in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen „Todeskisten“. Üblicherweise wurden viel zu kleine Stadtgebiete im ärmsten Viertel der Stadt für viel zu viele Menschen abgegrenzt. Im Warschauer Ghetto lebten 30 Prozent der Bevölkerung auf 2,4 Prozent der Stadtfläche, sechs bis sieben Menschen mussten sich im Schnitt ein Zimmer teilen.

Eingeschlossen im Ghetto hatte die jüdische Bevölkerung keine Möglichkeit mehr, einer Arbeit nachzugehen – eine wirtschaftliche Tragödie selbst für diejenigen, die in den von den Deutschen errichteten Produktionsstätten arbeiteten und dafür einen Hungerlohn erhielten. Die Lebensmittel, die ins Ghetto geliefert wurden und die man auf Lebensmittelkarten erhielt, waren bei weitem nicht ausreichend, um davon überleben zu können. Nur einige wenige Juden hatten Erspartes retten können, viele verkauften ihre letzte Habe.

Schmuggel wurde zu einem lebensnotwendigen, aber gefährlichen Gewerbe. Im Warschauer Ghetto produzierten jüdische Untergrund-Werkstätten Schals, Küchenutensilien, Bürsten und dergleichen und tauschten sie gegen Essen ein. Kleine Kinder – nicht älter als vier oder fünf Jahre alt – kletterten unter Lebensgefahr über die Ghettomauer, um etwas zu essen zu finden für ihre Familien. Fast jeden Tag wurden Schmuggler erwischt – und geschlagen, drangsaliert oder erschossen.

Immer mehr Leute verarmten, verhungerten und erfroren, Typhus- und Tuberkulose-Epidemien grassierten, die Sterblichkeitsziffer in den Ghettos stieg enorm an. Allein im Jahr 1941 starben knapp 55.000 Menschen im Warschauer Ghetto und mehr als 11.000 im Ghetto Łódź, das entsprach einer Sterberate von 90 pro tausend beziehungsweise 76 pro tausend. Bereits im Folgejahr kletterte die Mortalität auf 140 beziehungsweise 160 pro tausend an – sterbende oder tote Menschen in der Gosse oder auf den Bürgersteigen gehörten zum Ghettoalltag. Emanuel Ringelblum, ein im Warschauer Ghetto lebender Historiker, gründete das Untergrundarchiv Oneg Schabbat (Freude am Sabbat), und dokumentierte mit Hilfe vieler Mitarbeiter das Leben im Ghetto. Ringelblum hat nicht überlebt, aber große Teile des versteckten Untergrundarchivs – eine unschätzbare historische Quelle.

Am 22. Juni 1941 begann die deutsche Wehrmacht ihren Ostfeldzug und überfiel die Sowjetunion, dicht gefolgt von den Einsatzgruppen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA): Es war zugleich der Beginn des systematischen Massenmords an den russischen und den im sowjetisch besetzten Teil Polens lebenden polnischen Juden. Der Vernichtungsfeldzug wurde schnell auf den deutsch besetzten Teil Polens und auf alle besetzten Länder Europas ausgeweitet.

Im Januar 1942 fand auf Einladung von Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, die Wannsee-Konferenz in Berlin statt – Thema: die „Endlösung der Juden“, wie die Nazis die Ermordung der europäischen Juden euphemistisch nannten. Während der Konferenz drängte Josef Bühler, Stellvertreter von Hans Frank, mit der „Endlösung“ im Generalgouvernement zu beginnen, weil es hier keine Transportprobleme gäbe und er die Judenfrage so schnell wie möglich zu lösen wünsche.

Bereits im Monat zuvor, im Dezember 1941, war das erste Vernichtungslager im Reichsgau Warthegau in Einsatz gegangen: Chełmno. Es war das erste Lager, in dem Gas zum Einsatz kam. Zu den ersten Opfern gehörten Juden und „Zigeuner“ aus dem Ghetto Łódź, darunter Juden aus dem heutigen Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Tschechoslowakei, die nach Łódź abgeschoben worden waren. Bis März 1943 wurden mindestens 100.000 Menschen nach Chełmno deportiert – der Warthegau war nun, bis auf das Ghetto Łódź, judenfrei. Im April 1944 wurde die Arbeit in Chełmno wieder aufgenommen, um nunmehr auch die Juden des Ghettos Łódź zu vergasen.

Auch das Generalgouvernement hatte bereits im Herbst 1941 erste Vorbereitungen für die Ermordung der dort etwa zwei Millionen Juden (inklusive der seit August 1941 zum Generalgouvernement gehörenden Juden aus Lvov und Ostgalizien) getroffen. In der ersten Hälfte des Jahres 1942 wurden drei Vernichtungslager in Betrieb genommen: Bełżec, Sobibór und Treblinka. In Bełżec wurden ab März 1942 allein in den ersten vier Wochen 80.000 Juden aus Lublin, Lvov und anderen Ghettos im Distrikt Lublin und Galizien vergast – bis zum Dezember wurden es 600.000. In Sobibór wurden in den ersten drei Monaten zwischen Mai und Juli 1942 über 100.000 Juden aus Lublin, dem Protektorat Böhmen und Mähren, dem Deutschen Reich, der Ostmark und der Slowakei vergast, bis zum Herbst 1943 waren es 250.000.

Die mit Abstand größte „Aktion“ (so von den Nationalsozialisten genannt) im besetzten Polen fand vom 22. Juli bis zum 12. September im Warschauer Ghetto statt: eine Abfolge von Razzien und Aushebungen, in deren Folge etwa 300.000 Bewohner des Ghettos zum Umschlagplatz gebracht wurden, dem Güterbahnhof, der direkt an das Ghetto anschloss. Hier wurden die Menschen in Güterwagen gepfercht und nach Treblinka transportiert.

Bis zum Schluss versuchten die Nazis, ihre Absichten zu verschleiern und die Opfer zu täuschen. Sie propagierten, dass man die Juden umsiedeln würde an einen (nicht benannten) Ort, an dem es Arbeit gäbe und ordentliche Wohnungen. Trotz vieler Gerüchte wollten viele Juden nicht an die mit Recht unvorstellbaren Todesfabriken glauben. Andere jedoch machten sich keine Illusionen darüber, was sie erwartete. Sie versteckten sich in ihren Häusern, in Kellern, Dachkammern und Bunkern, um den Deportationen zu entkommen. Die SS jedoch räumte die Ghettos Haus um Haus, Straße um Straße. Die jüdische Polizei wurde gezwungen, jeden Tag eine bestimmte Anzahl von Juden abzuliefern, andernfalls drohte die Deportation der eigenen Familie. Adam Czerniaków, der Vorsitzende des Judenrates in Warschau, weigerte sich, die Deportationen zu organisieren und verübte am 23. Juli 1942 Selbstmord. Chaim Rumkowski, Vorsitzender des Judenrates im Ghetto Łódź, hoffte, wenigstens einen Teil der jüdischen Bevölkerung retten zu können. Auf Geheiß der Deutschen halfen er und der Ältestenrat, die Deportationen zu organisieren. Rumkowski befand sich auf dem letzten Transport aus dem Ghetto Łódź am 30. August 1944 und wurde in Auschwitz ermordet.

Nach der „Aktion“ im Sommer 1942 befanden sich noch etwa 55.000 – 60.000 hauptsächlich junge Menschen im Warschauer Ghetto. Sie waren verzweifelt, fühlten sich schuldig, dass sie keinen Widerstand geleistet hatten, und sie wussten, dass sie in Kürze ebenfalls deportiert werden würden. In dieser hoffnungslosen Situation schlossen sich verschiedene jüdische Parteien und Organisationen zur „Jüdischen Kampforganisation“ (ZOB) zusammen. Die ZOB nahm Kontakt mit der Armia Krajowa auf, der polnischen Widerstandsorganisation, die eine kleine Anzahl von Waffen lieferte. Währenddessen baute die Ghettobevölkerung Bunker mit Belüftungsschächten und Elektrizität und versorgte die Bunker mit Wasser und Nahrungsmitteln, um im Ernstfall dort längere Zeit überleben zu können.

Am 19. April 1943, am Vorabend des jüdischen Pessachfestes, kam die SS. Das Ghetto war gähnend leer – die gesamte Bevölkerung hielt sich versteckt –, und die Deutschen wurden von bewaffneten Widerstandskämpfern begrüßt: Es war der Anfang des Aufstands im Warschauer Ghetto – ein ungleicher Kampf zwischen ein paar hundert ausgehungerten Widerstandskämpfern, die nichts als ein paar Gewehre, Pistolen und Handgranaten besaßen, und knapp tausend schwer bewaffneten Deutschen. Dennoch hatten die Deutschen Schwierigkeiten mit der Partisanentaktik der Juden. Der Befehlshaber der Großaktion, SS-Gruppenführer Jürgen Stroop, beschloss daraufhin, das Ghetto systematisch niederzubrennen. Das Ghetto stand in Kürze in Flammen, die Bunker wurden zu Infernos. Dort, wo die Menschen noch aushielten, wurden sie mit Gasgranaten aus den Bunkern getrieben.

Der Aufstand dauerte fast vier Wochen, es war der größte jüdische Aufstand im besetzten Europa. Am 16. Mai verkündete Stroop, dass der ehemalige jüdische Wohnbezirk Warschau nicht mehr existiere. Um den Sieg entsprechend zu feiern, ließ er die Große Synagoge, die sich außerhalb des Ghettos befand, niederbrennen. In seinem Endbericht über die Aktion notierte er, dass seine Leute 56.065 Juden ergriffen hätten, von denen 7.000 im Kampf getötet worden seien. 7.000 Ghettobewohner wurden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sie sofort nach Ankunft vergast wurden. Einige Tausend wurden in Arbeitslager, die meisten in die Konzentrationslager Majdanek, Poniatowa und Trawniki deportiert, wo sie kurze Zeit darauf, im November 1943, dem „Unternehmen Erntefest“ zum Opfer fielen – einer Erschießungsaktion, in der in den drei KZs 43.000 Juden erschossen wurden. Nur die Juden in den Arbeitslagern überlebten.

Am 1. August 1944, mehr als ein Jahr nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto, begann der Warschauer Aufstand: der bewaffnete Kampf der Armia Krajowa gegen die deutsche Besatzungsmacht in Warschau. Zwei Monate lang lieferten sich polnische Widerstandskämpfer und deutsche Truppen heftige Gefechte und Straßenkämpfe um die Stadt, SS-Einheiten verübten in dieser Zeit furchtbare Massaker an der Zivilbevölkerung. Himmler hatte die Hinrichtung sämtlicher Personen im Aufstandsgebiet befohlen – egal, ob AK-Kämpfer oder Zivilisten und ohne Ansehen von Alter und Geschlecht. Allein im westlichen Stadtteil Wola wurden an einem einzigen Tag 50.000 Zivilisten kaltblütig erschossen – Frauen, Männer und Kinder. Die Rote Armee, die bereits vor den Toren Warschaus stand, stoppte ihre Offensive und wartete ab. Nach 63 Tagen – Warschau war ein Flammenmeer, es gab keine Nahrungsmittel mehr und kaum noch Wasser – kapitulierte die AK.

Die traurige Bilanz des Warschauer Aufstands: Zwischen 16.000 und 20.000 polnische Widerstandskämpfer und mehr als 160.000 polnische Zivilisten kamen ums Leben. Aber das war noch nicht das Ende: Reichsführer-SS Heinrich Himmler ordnete an, dass Warschau komplett von der Erde verschwinden müsse, kein Stein solle auf dem anderen bleiben, jedes Gebäude müsse dem Erdboden gleichgemacht werden. 100.000 Zivilisten wurden in deutsche Zwangsarbeitslager, 65.000 in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Die übrige Zivilbevölkerung wurde aus der Stadt in das restliche Gebiet des Generalgouvernements getrieben. Anschließend begannen die Deutschen mit der Vernichtung Warschaus oder dessen, was noch stehen geblieben war – mit Flammenwerfern und Sprengstoff zerstörten sie systematisch Haus um Haus, Straße um Straße. Sie konzentrierten sich dabei insbesondere auf historisch und architektonisch bedeutsame Gebäude sowie Kulturdenkmäler – die Universität, die Nationalbibliothek, das Brühlsche Palais, fast alle Theater, fast alle Kirchen. Zum Schluss holten sie mit Baggern die Telefonleitungen aus der Erde.

Im Januar 1945 waren 85 Prozent Warschaus zerstört, insgesamt 685.000 Bewohner der Stadt waren tot, und diejenigen, die noch lebten, hatten jegliche Habe verloren. Als die sowjetischen Truppen Warschau Mitte Januar 1945 befreiten, befreiten sie eine Stadt in Ruinen. Sie war menschenleer.

Der Vernichtungskrieg kostete allein in Polen insgesamt sechs Millionen Menschen das Leben, darunter waren knapp drei Millionen polnische Juden. Weniger als zwölf Prozent der polnischen Juden haben den Holocaust überlebt.




Maria Lewit


„Die Blätter vibrieren über mir als wäre ein Zittern durch den ganzen Baum gegangen. Himmelsflecken spielen Versteck, zwischen dem Grün der Blätter zeigt sich das blaueste Himmelsblau. Und wie ein Scheinwerfer im Theater, der die ganze Szene zum Leben erweckt, brechen die Sonnenstrahlen hindurch … Ich war nicht glücklich, ich war nicht unglücklich. Ich war einfach da, und das war alles. Ich philosophierte nicht über das Leben, aber mein Verstand war wie eine Kamera, die einen Abdruck hinterlässt von der Idylle des europäischen Sommers im Jahr 1939.“






Maria mit ihren Söhnen Joe und Michael bei der Preisverleihung des OAM, Melbourne 2011

So beginnt Maria Lewits autobiografischer Roman „Come Spring“ (Wenn der Frühling kommt).

Das Buch ist ein literarisches Juwel – geschrieben in einer wundervollen, poetischen Sprache, die ganz bewusst kontrastiert mit dem Inhalt, der von der Verfolgung der jungen Autorin und ihrer Familie handelt, von Angst, Hunger und Tod im besetzten Warschau. Ich erinnere mich, dass mein erster Gedanke beim Lesen war: „Dieses Buch sollte ins Deutsche übersetzt werden, damit es dem deutschen Leser zugänglich ist.“

Ich wollte die Autorin kennenlernen. Als Maria Lewit schließlich an einem Montag – montags ist „ihr“ Tag im Museum – zur Tür hereinkam, stürzte ich auf sie zu, stellte mich vor und teilte ihr auf der Stelle mit, dass ich ihr Buch gelesen hätte und wie großartig ich es fände.

Maria Lewit ist eine nüchterne Frau. Sie muss einigermaßen irritiert gewesen sein von dem Gebaren dieser fremden Person, aber wenn es so war, zeigte sie es nicht. Sie wechselte einige freundliche Worte mit mir, bevor sie sich dem zuwandte, weshalb sie gekommen war: Sie begrüßte eine Schulklasse mit ihrem Lehrer und ging mit der Gruppe hinüber in den Vortragssaal. Dort würde sie den Schülern nun über ihre persönlichen Erfahrungen während des Holocaust berichten.

Maria Lewit hat mir später eine Menge über sich erzählt – über ihre Kindheit und Jugend im zunächst freien und später besetzten Polen, über ihre Freunde und ihre Familie, über ihr Überleben. Sie besitzt noch einige Briefe von Schulfreundinnen aus dem Warschauer Ghetto. Maria und ich haben diese Briefe aus dem Polnischen ins Englische übersetzt – eine emotional nicht einfache Aufgabe: keine der Freundinnen hat überlebt. Mit etlichen Wörterbüchern umgeben verbrachten wir auf diese Weise viele Stunden miteinander. Ich profitierte dabei von Marias profundem Wissen über den Holocaust ebenso wie von ihrer Erfahrung und Klugheit. Manchmal gingen wir in ihre gut bestückte Bibliothek hinüber und schauten etwas nach, oft empfahl sie, eine leidenschaftliche Leserin, das eine oder andere Buch oder borgte es mir – nicht immer, aber doch vorwiegend über den Holocaust. Häufig allerdings spornte sie mich an, die ganze Holocaust-Lektüre doch einfach beiseitezulegen und mich mit freundlicheren Themen zu beschäftigen.

Maria Lewit wusste, warum sie das sagte. Je tiefer man in die Geschichte des NS-Terrors eindringt, desto verstörender wird es. Und als ob sie mich manchmal aufmuntern oder auch mit meiner Elterngeneration versöhnen wollte, erzählte sie mir zuweilen die Geschichte über einen „guten Deutschen“: „Schau, Hannah – es gab auch gute Menschen!“

Marias langjähriger Ehemann Julian verstarb im November 2005. („Mein Mann starb im Bett, in frischen Laken, von einem Arzt betreut, und im Beisein aller seiner Lieben.“) Marias Söhne Joe und Michael, vier Enkel und fünf Urenkel leben in Melbourne, die Familie ist oft beisammen und sie ist Marias große Freude.

Für ihr Buch „Come Spring“ und den nachfolgenden Emigrantenroman „No Snow in December“ (Kein Schnee im Dezember) wurde Maria Lewit mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet. Im Jahr 2011 erhielt sie zu ihrer großen Überraschung für ihren Beitrag zur australischen Literatur und für ihre ehrenamtliche Arbeit im Holocaust-Museum die „Medal of the Order of Australia“ (Orden zur Würdigung außerordentlicher Leistungen australischer Bürger). So ganz versteht sie die Ehrung und den Rummel um ihre Person nicht: Sie habe doch nichts Besonderes getan, um diesen Orden wirklich zu verdienen. Außer, vielleicht, allen (australischen) Museumsbesuchern und insbesondere den jüngeren unter ihnen immer wieder zu sagen, wie glücklich sie doch seien, in Australien zu leben.

Marias Geschichte

Maria wächst in einer gut situierten Familie in Łódź auf. Łódź, bekannt als das Manchester Polens, ist in den zwanziger Jahren – nach Warschau – die zweitgrößte Stadt Polens. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hat sich die Stadt zu einem großen Textilzentrum entwickelt, das Polen, Deutsche und Juden gleichermaßen anzieht. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hat Łódź 665.000 Einwohner, von denen 34 Prozent Juden und 10 Prozent Deutsche sind. Mit den mehr als 220.000 Juden ist die jüdische Gemeinde der Stadt die zweitgrößte Polens: Es gibt jüdische Schulen, Bibliotheken, Theater und Sportklubs; jüdische Intellektuelle, Poeten und Schriftsteller wohnen in der Stadt. Durch die industrielle Entwicklung entsteht auch so etwas wie ein jüdisches Proletariat.






Lidia und Borys Markus, aufgenommen in einem „Photomat“ in Łódź, Anfang der 30er Jahre

Marias Vater Borys Markus, ein polnischer Jude, ist Geschäftsmann in der prosperierenden Textilindustrie. Zusammen mit Jozef Lewit (der später Marias Schwiegervater werden soll) besitzt er eine Firma, die Taschentücher produziert. Die Firma hat eine Zweigstelle in Moskau, und auf einer seiner Geschäftsreisen trifft Markus die junge und sehr hübsche Russin Lidia Wagin. Die beiden verlieben sich, heiraten, und – der Ehe zuliebe – konvertiert die russisch-orthodoxe, also christliche Lidia zum jüdischen Glauben. 1919 kommt Tochter Genia zur Welt, 1925 wird die zweite Tochter Maria geboren.






Maria and Genia, Łódź 1931

Die Familie lebt sehr komfortabel in einem Sechs-Zimmer-Apartment im Zentrum von Łódź.

„Das Apartment war im 4. Stock und hatte einen Fahrstuhl. Es gab zwei Balkone mit einem hübschen Blick auf den protestantischen Kirchturm und die Stadt – mein Vater hatte die Wohnung wegen der Aussicht ausgesucht. Er und ich standen im ständigen Wettbewerb um die besten Fotos vom Balkon. Er hatte eine Zeiss Ikon und ich eine Kodak Box – ich für meinen Geschmack machte natürlich immer die besseren Fotos“, lacht Maria.

Wie alle wohlhabenden jüdischen Familien haben die Markus’ eine polnische Hausangestellte, die bei der Familie wohnt.

„Sie hieß Kazia, und ich habe sie geliebt. Sie war zwar Analphabetin, aber eine geborene Geschichtenerzählerin, und ich habe oft mit ihr in der Küche gesessen. Sie hat meine Eltern mit ‚Gnädige Frau‘ und ‚Gnädiger Herr‘ angesprochen und Genia und mich mit ‚Fräulein‘, während wir sie immer einfach mit ihrem Vornamen ansprachen. Irgendwie kam uns das gar nicht in den Sinn, dass das nicht in Ordnung war. Allerdings muss ich sagen: Als Dienstmädchen durfte Kazia nie den Lift nehmen, und das gefiel mir schon als Kind nicht.“

Jeden zweiten Tag kommt ein weiteres polnisches Mädchen und hilft beim Saubermachen und Teppichklopfen. Maria schmunzelt:

„Das Interessante dabei war, dass dieses Mädchen auch in der Nachbarschaft arbeitete, und ich konnte nie genug von dem ganzen Klatsch kriegen.“

Maria, die von jedem Marka genannt wird, geht in das jüdische Mädchengymnasium „Eliza Orzeszkowa“, so benannt nach einer polnischen Schriftstellerin.

„Das war eine exzellente Schule, die von einer Gruppe jüdischer Eltern gegründet worden war, da die polnische Regierung nur zehn Prozent Juden auf weiterführenden Schulen zuließ. Und die progressiven Juden wollten natürlich, dass nicht nur ihre Söhne, sondern auch ihre Töchter eine hervorragende schulische Bildung erhalten. Die Schule wurde von wohlhabenden jüdischen Familien finanziert, die damit gleichzeitig intelligente Kinder aus ärmeren Familien förderten, und zwar jüdische und nicht jüdische. Das heißt, in unseren Klassen waren durchaus auch nicht jüdische polnische Mädchen. Es gab eine Kantine, und für die ärmeren Kinder war das Essen frei. Ich war an der Schule zuständig für das Thema ‚soziale Gerechtigkeit‘ und kümmerte mich deshalb immer ein bisschen um die ärmeren Kinder.“

Maria hat viel Spaß in ihrer Schulzeit. Sie ist gescheit, aufgeweckt und bekannt für den Unfug, den sie gerne schon mal ausheckt.

„Mein Mathelehrer hat mich nur ‚marna istoto‘ genannt, das heißt so viel wie ‚unnützes Ding‘. Aber auch mit anderen Lehrern hatte ich so meine Probleme. Einmal habe ich zum Beispiel den Namen meines Musiklehrers veralbert. Der hieß ‚Pedzimaz‘, das heißt ‚rennender Ehemann‘, und über den Namen habe ich ein Lied gemacht, das ich in der Klasse gesungen habe. Natürlich hat mich mein Musiklehrer daraufhin rausgeschmissen. Was der aber nicht wusste, war, dass ich den Rausschmiss vorausgesehen habe. Bevor die Musikstunde also anfing, habe ich zehn Mädchen mit einer Kordel an mich dran geknotet, eine nach der anderen.“ Maria lacht noch heute über ihren Streich. „Als ich dann aus dem Klassenzimmer rausging, mussten mir also zehn Mädchen folgen. Die ganze Schule hat davon erfahren, ich hatte mir mit dieser Geschichte einen Namen gemacht.“






Maria mit ihren Freundinnen Iwetta und Zosia, 1939

Im Sommer 1939 werden Maria und ihre Schwester Genia in den Sommerurlaub aufs Land geschickt, weil die Eltern wegen der politisch angespannten Situation beunruhigt sind.

„Aber als Deutschland und Russland im August den Nichtangriffspakt unterzeichneten, brach unser Vater unseren Urlaub kurzerhand ab. Er befürchtete, dass Hitler Russlands Neutralität nutzen würde, um in Polen einzumarschieren. Und für diesen Fall wollte er, dass wir alle zusammen in der Stadt sind.“

Als Maria und Genia im August 1939 zurück nach Łódź kommen, finden sie die Stadt in völliger Aufregung.

„Es war fast wie ein patriotischer Rausch, die Radioprogramme waren voll vaterländischer Reden und Militärmusik, alle sprachen vom heraufziehenden Krieg und wie schnell wir Polen gegen Hitlers Panzer aus Pappe gewinnen würden, Soldaten marschierten und sangen Anti-Hitler-Lieder, Fahnen wurden geschwenkt. Ich machte nur allzu gerne mit: Unter dem fröhlichen Singen von Militärliedern, die den Krieg beschönigen, hob ich zusammen mit meinen Freunden Panzergräben aus. Und dann fing es an – mit dem Lärm von Flugzeugen und einer Ansage im Radio: Wir befinden uns im Krieg.“

Am 8. September marschiert die deutsche Wehrmacht in Łódź ein.

„Mein Vater war zwar zu alt, um noch gezogen zu werden, aber nachdem im Radio durchgegeben wurde, dass jeder Mann gebraucht wird, schloss er sich vielen anderen Männern an, die alle Warschau verteidigen wollten. Ich erinnere mich, dass wir vorm Haus standen und viele Jugendliche und Männer sahen, die alle ihre Häuser verließen und auf der Straße eine Kolonne bildeten, die sich vorwärtsbewegte. Ich sah auf meinen Vater, aber der war im nächsten Augenblick schon verschwunden. Ich war untröstlich, weil ich mir nicht vorstellen konnte, ohne meinen Vater zu sein.“

Sofort nach ihrem Einmarsch erlassen die Deutschen zahlreiche antijüdische Verordnungen und Gesetze, die Erlasse werden in der ganzen Stadt plakatiert. Juden dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, sie dürfen die Stadt nicht ohne Erlaubnis verlassen, Bankkonten werden gesperrt, Männer werden von der Straße weg oder aus ihren Häusern zur Zwangsarbeit geholt.

„In der Schule mussten wir den vierten Stock räumen, der von der deutschen Armee requiriert worden war. Am nächsten Tag wurde uns der vierte Stock wiedergegeben, und wir haben alle Möbel wieder hochgetragen. Am dritten Tag forderten uniformierte Deutsche dann den ersten Stock von uns – also es war völlig klar, dass die Spielchen mit uns trieben.“

Innerhalb kürzester Zeit kehrt Marias Vater wieder nach Hause. Die polnische Armee, nun auch mit einem Angriff von der Sowjetunion aus dem Osten konfrontiert und ohne Unterstützung durch die beiden Alliierten Frankreich und Großbritannien, ist Anfang Oktober geschlagen.

„Mein Vater kam nachts nach Hause, ich sehe ihn noch heute vor mir: Er war dreckig und abgemagert, erschöpft und sichtlich betrübt – und er wurde krank. Nicht lange danach wurde ich aus der Mathestunde heraus zur Direktorin gerufen. Ich konnte mir keinen Grund denken, aber plötzlich sah ich dort meine Mutter sitzen, die Mühe hatte, ihre Tränen zurückzuhalten, und mich aufforderte, sofort nach Hause zu kommen. Auf dem Nachhauseweg erzählte sie mir, dass ein SS-Mann in die Wohnung gekommen war, um meinen Vater für irgendwelche Arbeiten zu holen. Sie hatte dem Deutschen erklärt, dass mein Vater krank im Bett liege. Der hatte daraufhin höhnisch gelacht und erklärt, er wisse schon, wie man die jüdische Krankheit heilen könne, hatte meinen Vater aus dem Bett gezerrt und so lange geschlagen, bis er bewusstlos war.“

Borys Markus stirbt am nächsten Morgen, am 4. Oktober 1939. Er ist 51 Jahre alt.

Am 9. November wird Łódź ins Deutsche Reich eingegliedert, anschließend verschärft sich der antijüdische Terror. Tausende von Juden und Polen werden verhaftet, ins Gefängnis gesteckt, dort umgebracht oder in deutsche Konzentrationslager deportiert. Mitte November werden alle Synagogen der Stadt zerstört, statt gelber Armbinden (seit dem 4. November) müssen die Juden ab dem 17. November einen gelben Judenstern vorne und hinten auf der Kleidung tragen. Ohne Vorwarnung werden jüdische Wohnungen konfisziert und deren Bewohner deportiert.

„Der Häuserblock, in dem wir wohnten, gehörte einem Deutschen. Nachdem mein Vater gestorben war, sagte der zu meiner Mutter: ‚Ihr Mann wusste einfach, wann es Zeit war zu sterben. Es muss so viel einfacher sein für Sie ohne einen jüdischen Ehemann.‘ Und dann schmiss er alle Juden, die in dem Haus wohnten, auf der Stelle raus – ohne dass sie ihre Möbel und ihre Habe hätten mitnehmen können – und uns ließ er wohnen. Kazia, unser gutherziges Mädchen, öffnete die Tür für all die rausgeworfenen Leute, und für kurze Zeit beherbergten wir sieben Familien.“

Bis zum März 1940 haben etwa 70.000 Juden die Stadt verlassen – die meisten sind deportiert worden, etliche sind geflohen. Sie fliehen entweder in die von den Sowjets kontrollierten Gebiete im Osten Polens oder ins Generalgouvernement, hoffend, dass die Zustände dort erträglicher sind als in dem Teil Polens, der nun zum Deutschen Reich gehört. Lidia Markus beschließt, nach Warschau zu fliehen.

„Ein Exodus hatte begonnen, und unsere Freunde hatten die Stadt auch schon verlassen. Der deutsche Freund meines Vaters drängte, dass wir Łódź für einige Wochen verlassen sollten, und organisierte eine Erlaubnis für uns, dass wir die Stadt aus ‚Geschäftsgründen‘ verlassen dürften. Also packten wir unsere Koffer, brachten all die Bücher meines Vaters auf den Boden, und – das war das Schlimmste – verbrannten all unsere persönlichen Papiere, Briefe und Fotos. Meine Mutter, Genia, Kazia und ich saßen um den Holzofen in der Küche herum und sahen zu, wie all unsere Habseligkeiten – für mich waren das meine ganzen Kindheitserinnerungen – in den Flammen verschwanden. Kazia hatte rote Augen und eine rote Nase, gab aber vor, eine Erkältung zu haben. Das war schon eine ziemlich emotionale Angelegenheit.“

Mit der Hilfe ihrer Schwester Olga, die in Kobyłka lebt, einer Stadt 16 Kilometer nordöstlich von Warschau, findet Lidia mit ihren Töchtern eine Unterkunft in Wołomin, der nächsten Kreisstadt. Es ist nur ein Zimmer mit Küche und einem kleinen Garten, aber die Familie geht davon aus, dass sie bald nach Łódź zurückkehren kann.






Lidia Markus (l.) mit ihrer Schwester Alexandra (Olga) Zmigrodzka, Wołomin 1940

„Als die Deutschen im Juni 1940 Frankreich angriffen, war meine Mutter felsenfest davon überzeugt, dass es jeden Moment eine erfolgreiche Gegenoffensive der Franzosen geben würde.“

Wenige Wochen nach Beginn des Westfeldzugs sind die Franzosen geschlagen und unterzeichnen ein Waffenstillstandsabkommen mit den Deutschen.

Irma, eine von Marias Freundinnen, zieht mit ihrer Familie ebenfalls nach Wołomin.

„Ich habe meine ganze Zeit mit Irma verbracht. Irma war ein Jahr älter als ich, aber schon zwei Klassen über mir. Sie war äußerst intelligent, und körperlich war sie schon viel weiter als ich. Sie brachte mir eine Menge Sachen bei über Jungs und all so was, aber auch über Literatur und Poesie. Wir haben sehr viele Bücher gelesen und sie anschließend diskutiert. Sie hat mich auch ermuntert zu schreiben, und das war toll, weil Poesie und Schreiben war wirklich meine Leidenschaft.“

Maria macht eine kleine Pause und lacht. „Ich besaß diese Biografie über Marie Curie. Curie wurde darin als leidenschaftliche Leserin beschrieben, die durchaus schon mal das Essen über ihrer Lektüre vergaß. Das habe ich dann kopiert: Wann immer ich zum Essen gerufen wurde, tat ich so, als ob ich völlig in meinem Buch versunken bin und nichts um mich herum höre.“






Die beste Freundin: Irma, 1940

Im Oktober 1940 ordnet Hans Frank, Leiter des Generalgouvernements, die Errichtung des Warschauer Ghettos an und befiehlt allen Juden in der Stadt und in der Umgebung, in den „Jüdischen Wohnbezirk“ zu ziehen. Irmas Familie will nicht erst auf die Polizei warten und zieht „freiwillig“ ins Ghetto. Lidia Markus entschließt sich – sehr zum Entsetzen ihrer Schwester Olga –, ihren Freunden ins Ghetto zu folgen.

„Meine Tante und mein Onkel haben verständlicherweise versucht, meine Mutter davon abzuhalten – ich meine, meine Mutter war ja schließlich Christin. Sie war nicht jüdisch, also brauchte sie auch nicht ins Ghetto zu ziehen. Mein Onkel Jerzy, ein polnischer Aristokrat, warf meiner Mutter ohnehin vor, dass sie ihr Leben durch die Heirat mit einem Juden ruiniert hätte. Und nun würde sie es ein zweites Mal ruinieren, indem sie sich selbst nach dem Tode ihres Mannes nicht von den Juden lossagen würde. Aber meine Mutter hat das alles nicht gerührt – wir sind in ein kleines Zimmer im Warschauer Ghetto gezogen.“

Kurz nach dem Umzug, am 16. November 1940, wird das Ghetto geschlossen. Ohne Erlaubnis kann nun niemand mehr hinein oder hinaus. Lidia Markus und ihre beiden Mädchen leben in der Sienna-Straße im sogenannten „kleinen Ghetto“, einem Gebiet, in dem die wohlhabenderen Juden leben. Es ist durch eine Holzbrücke über eine außerhalb des Ghettos liegende Straße mit dem „großen Ghetto“ verbunden, in dem die Lebensbedingungen sehr viel schwieriger sind.

„Von unserem Fenster aus konnte ich die ‚arische‘ polnische Seite sehen – theoretisch jedenfalls. Wegen der Mauer konnte ich nämlich nur den oberen Teil der Häuser auf der Marszałkowska-Straße sehen. Aber wir hatten einen Baum vorm Fenster, da hatten wir wirklich Glück. Bäume waren eine Rarität im Ghetto.“

Statistiken der Nazis zufolge leben 470.000 bis 590.000 Menschen im Ghetto, für die es nur 27.000 Wohnungen gibt. Sechs bis sieben Personen müssen sich ein Zimmer teilen, es gibt keine Parks, keine Wiesen, keine Plätze für die vielen Menschen.

„Die Straßen waren völlig überfüllt. Überall saßen hungrige Kinder, die bettelten oder, wenn man etwas in der Hand hielt, versuchten, einem das zu entreißen. Ich erinnere mich genau an das erste Mal, als ich ein sterbendes oder schon totes Kind auf der Straße sah und ich mich zu dem Kind beugte, um zu helfen. Da schritt meine Mutter ein und hielt mich davon ab. Ich konnte es nicht glauben, dass meine Mutter mir tatsächlich verbot zu helfen. Sie hatte uns dazu erzogen, altruistisch zu handeln, und nun befahl sie mir, dem Kind fernzubleiben, weil es voller Läuse war und wahrscheinlich auch Typhus hatte. Das war genau der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich von nun an Scheuklappen anlegen musste, um zu überleben. Das zu akzeptieren war nicht leicht für mich.“

Trotz ihrer entsetzlichen Situation versuchen die Juden, so normal wie möglich im Ghetto zu leben. Ein Krankenhaus und ein Waisenhaus beginnen ihre Arbeit. Wohlfahrtsorganisationen (neben dem Judenrat die einzigen jüdischen Institutionen, die erlaubt waren) richten Suppenküchen ein, heimlicher Schulunterricht wird organisiert und kulturelle Veranstaltungen finden statt.

„Das Interessante war, dass die Leute wirklich versucht haben, ihren Optimismus zu behalten. Da wurde in privaten Wohnungen heimlich Schulunterricht gegeben, Literaturabende fanden statt, die Synagoge hatte eine unglaubliche Bibliothek und gab Bücher in Umlauf, es gab Theatergruppen und sogar ein Orchester. Ein Cousin von meinem Vater hat eine Suppenküche organisiert. Und meine Freundinnen und ich haben für die Kinder Kasperletheater gespielt. Natürlich hatten wir keine Puppen, aber wir haben einfach unsere Finger benutzt und uns kleine Geschichten ausgedacht. Ich erinnere mich, dass in einer unserer Geschichten ein Baum vorkam, und dass wir zu unserem Entsetzen von einem vierjährigen Jungen gefragt wurden: Was ist denn ein Baum?“

Die fünfzehnjährige Maria trifft im Ghetto ihre Schulfreundinnen Irma, Iwetta, Irka und Luisa wieder. Einige der früheren Lehrer organisieren heimlichen Schulunterricht und unterrichten polnische Literatur und Naturwissenschaften. „Wir haben uns jeden Tag in einer anderen Wohnung getroffen, kamen alle einzeln und haben unsere Bücher unter der Kleidung versteckt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.“

Die Mädchen verbringen oft die Nachmittage zusammen – bis 19 Uhr, dann beginnt die nächtliche Ausgehsperre. Eines Tages sind die Mädchen bei Irma verabredet, Maria verspätet sich etwas und trifft weder Irma noch Iwetta oder Irka an. Irgendetwas ist komisch, denn Irmas Mutter möchte nicht sagen, wo die Mädchen sind.

„Erst einige Zeit später hat mir Irmas Vater dann erzählt, was passiert ist. Deutsche waren in das Haus gestürmt und haben fünf Mädchen mitgenommen – darunter Irma, Iwetta und Irka. Dann haben sie die Mädchen in einen Hinterhof gebracht, in dem ein Berg Kohle lag. Die Mädchen mussten sich splitternackt ausziehen und zu den Klängen von Militärmusik die Kohle von einer Ecke des Hofs in die andere Ecke tragen. Nach drei Stunden wurden sie zu ihrem Haus zurückgebracht.“

Maria schüttelt den Kopf und sagt langsam: „Meine Freundinnen haben nie ein einziges Wort über diesen Vorfall verloren.“ Lidia wird von ihrer Schwester Olga mit Briefen bombardiert und der Bitte, doch das Ghetto zu verlassen. Es laufen Gerüchte über Umsiedlungen und Arbeitslager. Olga organisiert Papiere für die Mädchen, damit sie sich als russisch-orthodox eintragen lassen können, und sie organisiert eine Wohnung in Warschau. Irgendwann gibt Lidia nach, und es gelingt ihr und den beiden Mädchen, aus dem Ghetto auf die arische Seite zu gelangen.

„Vermutlich ist das überraschend, was ich jetzt sage, aber so sehr wie ich das Ghetto gehasst habe – denn die Situation im Ghetto verschlimmerte sich nahezu täglich –, ich wollte es wirklich nicht verlassen. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich meine Freundinnen im Stich lasse und verrate. Ich habe endlos meiner Mutter gegenüber gejammert, wie allein ich mich ohne meine Freundinnen fühle. Die andere Sache war natürlich, dass wir dauernd davon hörten, dass auf der arischen Seite Juden denunziert werden – davor wenigstens brauchte man im Ghetto keine Angst zu haben.“

Lidia und die Kinder benutzen einen Mittelsmann, um mit ihren Freunden im Ghetto in Verbindung zu bleiben. Die siebzehnjährige Irma schreibt im Frühjahr 1940:

„ … Der Grund, warum ich nicht geschrieben habe, ist, weil ich so schwer arbeiten muss. Abgesehen davon bin ich sehr deprimiert. Ich habe keine Motivation, auch nur irgendetwas zu tun … Es gibt keine großen Veränderungen hier. Ich versuche, nicht daran zu denken, was in zwei oder drei Monaten sein wird. Wir müssen von einem Tag auf den anderen leben, auch wenn das keine erfreuliche Philosophie ist. Entschuldige, dass ich es überhaupt erwähne. Ich frage mich, was der Frühling bringt. Ich bin sicher, dass es einige schwierige Momente geben wird (die Lager!). Aber gleichzeitig hoffe ich, dass die Situation besser wird … Ich wünschte nur, dass diese schwierige Periode in unserem Leben bald vorüber sein wird, denn meine Nerven halten das nicht mehr lange aus. Manchmal, wenn nichts mehr geht, kriege ich einen hysterischen Anfall, und dann bin ich die nächsten Tage etwas ruhiger. Aber dann kommen wieder schlechte Nachrichten zum Beispiel aus Łódź2, und dann kehrt die Traurigkeit zurück … “

Als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfällt, schöpfen viele Juden Hoffnung. So auch Irma in ihrem Brief vom 24. Juni:

„ … dies ist der letzte Funken Hoffnung für uns … und er kam gerade im richtigen Moment. Wir sind entsetzlich heruntergekommen und fühlen uns elend. Die kleinste Bagatelle lässt uns in Tränen ausbrechen. Wenn man aber glauben und antizipieren kann, dass etwas passiert, dann kann man den Gürtel noch enger schnallen und ausharren. Dies ist unsere letzte Hoffnung, dass das Schicksal uns das erhoffte Wunder bringt … Hoffentlich passiert es, bevor wir uns in Skelette verwandelt haben, bevor wir komplett entmenschlicht sind, beraubt aller Träume und aller Bestrebungen außer der Suche nach Essen … “

Im Juni 1942 wird der Mittelsmann verhaftet, und die Korrespondenz zwischen den Mädchen hört abrupt auf. Maria traut sich, von einer öffentlichen Telefonzelle aus im Ghetto anzurufen.

„Es gab da ein Telefon in der Werkstatt, in der Irma gearbeitet hat, und so konnte ich mit ihr sprechen. Irma erzählte mir, dass ihre Großmutter an einen unbekannten Ort deportiert worden war und viele Freunde auch und dass sich jeder im Ghetto Sorgen mache um die Deportierten. Und dann sagte sie, dass es nun nicht mehr lange dauern würde, bis die Nazis auch sie und ihre restliche Familie deportieren würden. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber versuchte, sie zu beruhigen. Also sagte ich, dass der Krieg nun bestimmt bald vorbei wäre. Ich meine, als die Deutschen Russland überfielen, haben wir das ja alle gedacht. Aber Irma sagte nur: Es ist eine Lüge, Marka, und du weißt es. Und dann legte sie auf.“

Marias Stimme wird dünn. „Das war das letzte Mal, dass ich mit Irma gesprochen habe.“

Während Lidia Markus mit ihren Töchtern nach Warschau floh, flüchtete ihr Schwager Vitek, der Bruder ihres Mannes, von seinem Wohnort Krakau aus in das russisch besetzte Polen. Mit seiner Frau Inka, seinem elfjährigen Sohn Marek und Julek, dem Bruder seiner Frau, floh er nach Lvov. Ungefähr 100.000 Juden haben hier Zuflucht vor den Deutschen gesucht. Vitek findet eine Wohnung und Arbeit, Marek kann wieder zur Schule gehen. Aber das Glück ist nicht von langer Dauer. Am 30. Juni 1941 besetzen die Deutschen die Stadt und errichten im November ein Ghetto im ärmsten Viertel von Lvov. Mit unglaublicher Brutalität – allein auf dem Weg ins Ghetto werden 5.000 ältere und kranke Juden umgebracht – werden die Juden in das Ghetto getrieben. Vitek und seine Familie befinden sich unter diesen Juden. Im März 1942 erfolgt die erste sogenannte „Aktion“: 15.000 Juden werden in das kürzlich errichtete Vernichtungslager Bełżec bei Lublin gebracht. Im Juli schickt Vitek einen Hilferuf an seine Schwägerin Lidia. Deren Schwester Olga, die noch nicht einmal mit Vitek verwandt ist, bietet sich sofort an, nach Lvov zu reisen, um Vitek und dessen Familie zu retten. Die Reise ist erfolgreich.

„Es war ein gefährliches Unterfangen, aber meine Tante Olga kam tatsächlich mit der ganzen Familie zurück. Sie sahen alle sehr jüdisch aus, insbesondere der kleine Marek. Dem hat meine Tante, Zahnschmerzen vortäuschend, ein Tuch um den Kopf gebunden, so dass man dessen jüdische Gesichtszüge nicht so sah.“

Lidia und die Mädchen rücken zusammen und teilen ihre Warschauer Wohnung mit Vitek, Inka, Marek und Julek.

Mit Verordnung vom 26. Oktober 1939 wird im Generalgouvernement die Kennkartenpflicht eingeführt – graue Karten für die Polen, gelbe Karten für die Juden und blaue für Russen, Ukrainer, Weißrussen und andere Minderheiten.

„Jeder musste sich registrieren lassen, eine Geburtsurkunde vorzeigen und eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass man weder Jude noch Halbjude sei. Ein polnischer Freund sagte uns, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen, weil die polnische Untergrundbewegung die Einwohnermeldeämter unterwandert hätte. Und tatsächlich: Als meine Schwester zögerte, diese Erklärung zu unterschreiben, wurde sie von der Dame hinter dem Schalter energisch dazu aufgefordert. Ich selbst hatte noch nicht mal eine Geburtsurkunde und bekam trotzdem meine arische Kennkarte.“

Der Besitz einer Kennkarte war notwendig, aber nicht hinreichend für Juden oder Halbjuden, um auf der arischen Seite Warschaus zu überleben.

„Inzwischen hatte sich ein sehr profitabler Berufszweig entwickelt in Polen: die Juden-Jäger. Das waren Leute, die darauf aus waren, Juden zu entdecken, zu erpressen und zu denunzieren, skrupellos und wahre Experten auf ihrem Gebiet. Viele machten es für Geld – entweder von den Juden oder von den Deutschen, manchmal beides. Am schlimmsten aber waren die, die aus ideologischen Gründen denunziert haben. Die wollten Polen von den Juden befreien und haben sie oft auch misshandelt. Also – es war sehr wichtig, das ‚gute Aussehen‘ zu haben, das heißt polnisch und nicht jüdisch auszusehen. Viele Frauen blondierten sich das Haar und trugen Ketten mit einem Kreuz um den Hals.“

Die Tradition der Beschneidung im jüdischen Glauben macht es besonders schwierig für die männlichen Juden: Werden sie denunziert oder fällt sonst ein Verdacht darauf, dass sie jüdisch sind, ist das durch eine simple Körperkontrolle sehr schnell verifizierbar.

Eines Tages wird Julek von einem Polizisten bedrängt, der ihn für einen Juden hält. Der Polizist folgt Julek bis nach Hause, um ein Bestechungsgeld zu erhalten. Marias Mutter hat jedoch die Courage, den Mann übel zu beschimpfen anstatt ihm Geld in die Hand zu drücken.

„Meine Mutter war eine Löwin. Sie hat dem Polizisten gesagt, dass Julek ein Pole sei, aber keine Arbeitserlaubnis habe. Und dann startete sie ihre Gegenattacke: Sie bezichtigte den Mann, antipolnisch zu handeln, indem er einen Polen an die Deutschen auslieferte, die ihn dann sicher in ein Arbeitslager nach Deutschland schicken würden. Der Polizist zog unverrichteter Dinge ab, aber es war klar, dass Julek nun aus dem Verkehr gezogen werden musste.“

Olga und ihr Ehemann Jerzy Zmigrodzki bieten an, zwei Familienmitglieder aus der Markus-Familie in ihrem Haus in Kobyłka zu verstecken: Julek und Marek.

„Onkel Jerzy hatte Krebs im fortgeschrittenen Stadium, er hat sich nicht wirklich Sorgen um sich gemacht. Er wusste ja: Wenn Juden in seinem Haus entdeckt würden, würde das nicht nur für die Versteckten, sondern auch für sie selbst den sicheren Tod bedeuten. Aber er sagte, dass es einfacher sei, zwei Leute zu verstecken als vier. Und dass in dem Haus nicht genug Platz sei für alle – das Haus hatte einen kombinierten Wohn- und Esszimmerbereich, zwei Schlafzimmer und eine Küche. Und unter diesen Umständen würde er lieber die Jungen als die Alten retten.“

Olga hatte eine andere Meinung.

„Sie dachte, dass es keinen Unterschied mache, ob sie für zwei oder für vier versteckte Juden mit dem Leben bezahlen müsse. Sie war fest entschlossen, auch Inka und Vitek zu verstecken. Sie sagte, wir müssten nur die Lebensmittel aus Warschau holen, damit die kleinen Geschäfte in Kobyłka nicht misstrauisch würden, wir müssten leise sein, die Toilette auf kluge Weise benutzen (die Spülung!) und ein Versteck bauen.“

Mit der Erlaubnis von Onkel Jerzy ziehen Maria, Julek und Marek in das Haus. Die 16 Kilometer lange Fahrt nach Kobyłka ist nicht leicht zu bewerkstelligen.






Versteck im Haus von Jerzy und Olga Zmigrodzki, Zeichnung von Joe Lewit








Postkarte von der Freundin Iwetta aus dem Warschauer Ghetto, 1940

„Wir haben Marek als Mädchen verkleidet und ihm eins meiner Kleider angezogen. Und dann kriegte er wieder ein Kopftuch ums Gesicht, als ob er von einem Zahnarztbesuch in Warschau zurückkäme. Er sah wirklich sehr jüdisch aus.“

Ein paar Tage später schmuggelt Olga Inka und Vitek ins Haus.

„Die beiden haben von nun an gelebt wie in einem mönchischen Schweigekloster. Sie haben sich kaum bewegt und haben nur geflüstert, damit mein Onkel ja nichts herausfindet.“

Lidia und Genia bleiben in Warschau. Maria und ihre Tante Olga fahren jeden zweiten Tag nach Warschau, um einzukaufen, aber auch Marias Mutter kommt oft, um Essensvorräte und Bücher aus der Bibliothek zu bringen. Bei der Gelegenheit bringt sie oft auch Gerüchte mit.

„Inzwischen war es bekannt, dass Menschen aus dem Ghetto deportiert werden, aber niemand wusste wohin. Arbeitslager? Konzentrationslager? Gerüchte über Vernichtungslager hielten sich hartnäckig. Eines Tages brachte meine Tante Olga eine Zeitung von der polnischen Untergrundbewegung nach Hause. In der Zeitung wurde Treblinka als Speziallager für die Vernichtung der Warschauer Juden genannt. Von da an war ich sehr besorgt um meine Freundinnen im Ghetto.“

Die Familie beschließt, für den Fall einer Hausdurchsuchung ein Versteck im Keller zu bauen. Vitek, von Haus aus Ingenieur, zeichnet einen Plan, Maria und Julek beginnen mit der Arbeit.

„Das Ziel war, eine Mauer zu durchbrechen und einen Bunker unter der rückwärtigen Terrasse zu machen mit einem Fluchtweg in den Garten. Um den Lärm möglichst gering zu halten, haben wir den Mörtel um die Ziegelsteine herum mit scharfen Nägeln abgekratzt – das war harte Arbeit. Juleks Hände waren völlig aufgeschnitten und bluteten, aber es machte uns nichts, wir waren nämlich ineinander verliebt.“ Maria lacht und fährt fort: „Ehrlich gesagt waren wir sogar froh, dass wir im Keller arbeiten konnten, weil wir da nämlich unter uns waren.“

Die beiden Verliebten wollen mehr als heimliche Küsse, also fragt die rebellische Maria ihre Mutter, ob sie und Julek zusammen schlafen können. Lidia ist nicht erfreut und meint, dass ihre achtzehnjährige Tochter bis zum Ende des Krieges warten sollte, um sich ihrer Gefühle auch wirklich sicher zu sein. Aber als Julek schließlich offiziell bei Lidia um die Hand ihrer Tochter anhält, gibt sie nach.

„Meine Mutter zauberte eine Flasche Wodka auf den Tisch, und die Familie erklärte, dass wir verheiratet seien und von nun an auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen dürften.“

Währenddessen wird Genia, die noch in Warschau lebt, von Juden-Jägern in ihrer Wohnung aufgespürt und, nachdem sie kein Geld bezahlt, übel zugerichtet. Nach diesem Vorfall ziehen auch Marias Mutter und Schwester nach Kobyłka.

„Jetzt waren wir neun im Haus. Ich werde nie erfahren, ob Onkel Jerzy wusste, dass die ganze Familie im Haus lebt. Wenn er es wusste, hat er jedenfalls nie ein Wort gesagt.“

Maria und Julek bauen nun mit doppelter Kraft an dem Versteck im Keller.

„Wir haben oft Geschichten gehört von Leuten, die im Versteck lebten und denunziert worden waren. Und wenn man sie fand, gab es immer nur ein Ergebnis: den sicheren Tod.“

Es gelingt den beiden, einen schmalen Gang im Keller zu graben.

„Wir haben dabei eine Menge Sand herausgeholt, den haben wir im Garten herumgestreut, so, dass die Nachbarn nichts merkten. Julek hat dann Onkel Jerzys Weinregale benutzt, um einen Kaninchenstall zu bauen. Den wollten wir vor den Eingang des Verstecks stellen, um für den Fall des Falles die deutschen Schäferhunde zu täuschen.“

Nachdem Marias Onkel Jerzy Zmigrodzki stirbt, ist das Haus – für Außenstehende – ein Vier-Frauen-Haushalt. Vitek, Inka, Julek und Marek leben nach wie vor versteckt und können das Haus nicht verlassen.

Olga wird von einem Nachbarn angesprochen, der sie gut kennt. Er eröffnet ihr, dass er für die Armia Krajowa (AK) arbeite, die größte polnische Untergrundbewegung, und bittet Olga um Unterstützung. Die etwa 400.000 Untergrundkämpfer der Armia Krajowa sabotieren deutsche Züge, die in den Osten fahren, sprengen Brücken, befreien Gefangene und Geiseln, liefern sich Kämpfe mit Einheiten der Polizei und Wehrmacht und liefern wichtige militärische Informationen an die Alliierten. Jeder Untergrundkämpfer, der in die Hände der Deutschen gerät, wird unweigerlich exekutiert.

„Ich erinnere mich, dass wir mit dem Nachbarn bei einer Flasche Wodka zusammengesessen haben und dass der Nachbar meine Mutter und meine Tante fragte, ob er unser Haus als Radiostation benutzen könne, um täglich Nachrichten an die polnische Exilregierung in London zu senden. Diese Idee wurde zwar schnell von den beiden Frauen verworfen, aber die Begeisterung, anderweitig zu helfen, war groß. Und so fingen meine Mutter und meine Tante an, Dokumente und Waffen im Keller zu verstecken. Ich habe mich mit dieser Idee überhaupt nicht wohl gefühlt, aber Mutter und Tante waren nicht zu bremsen.“

Eines Tages fahren Maria und ihre Mutter nach Warschau, um Lebensmittel zu besorgen und neue Bücher aus der Bibliothek zu holen. Die Bücher sind besonders wichtig für die Familienmitglieder, die das Haus nicht verlassen dürfen. Es ist eine von vielen Zugfahrten zwischen Kobyłka und Warschau. Diesmal jedoch ist es anders.

„Der Zug war brechend voll und voller Soldaten. Meiner Mutter und mir wurde ein Sitzplatz angeboten im ‚Nur für Deutsche‘-Abteil. Soldaten erzählten und lachten und alles war gut – bis ich plötzlich eine Stimme sagen hörte: ‚Ich weiß, du bist eine Jüdin.‘ Erst langsam, dann schneller und lauter, und fast einfallend mit dem Rhythmus des Zuges, wiederholte die Stimme. ‚Ich weiß, ich weiß, du bist Jüdin.‘“

Maria ist gemeint. Es ist eine gezielte Denunziation.

„Ich habe ganz still gesessen und wusste nicht, was ich machen sollte, bis meine Mutter eingriff.“

Lidia Markus protestiert, erklärt, dass Maria ihre Tochter sei und nicht irgendeine Jüdin, die vom Zug abgesprungen sei, wie der Denunziant behauptet, und zeigt ihre Kennkarten. Es hilft nichts. Als der Zug in Warschau hält, ruft der Denunziant die Polizei und bittet sie, Maria und ihre Mutter zur Gestapo-Zentrale zu bringen.

„Und so haben uns sechs Gendarmen zur Gestapo gebracht: Zwei liefen vor uns, zwei hinter uns und zwei an der Seite. Ich nahm mir fest vor, nicht zu weinen, aber ich hatte eine entsetzliche Angst. Würden die mich fragen, wo ich die letzte Nacht geschlafen habe? Würde ich dann stark genug sein, Tante Olgas Adresse nicht zu verraten? Würden die mich foltern? Ich hatte so meine Zweifel, ob ich dann meinen Mund halten könnte. Würden sie vielleicht meine Mutter bedrohen? Das waren so meine Gedanken. Aber vor allem dachte ich: Ich will nicht sterben.“

Die Gestapo-Zentrale ist eines der am meisten gefürchteten Gebäude Warschaus. Es ist bekannt, dass hier brutale Verhöre stattfinden, dass hier geschlagen, gefoltert und gemordet wird.

„Wir mussten eine Treppe nach oben gehen, und mir ging durch den Kopf: Komisch, und ich dachte immer, die Gestapo sei im Keller. Die Treppenstufen glänzten, der lange Flur glänzte, jemand öffnete eine Tür, und vor uns standen drei Gestapo-Leute in schwarzen Uniformen. Und an der Wand war ein riesiges Porträt von Hitler. Während meine Mutter unsere Kennkarten vorzeigte, dachte ich immerzu: Bitte, bitte, lass mich stark sein und mich nicht die Menschen verraten, die ich so sehr liebe.“

Einer der Gestapo-Männer inspiziert die Kennkarten, legt sie auf eine Glasplatte und beleuchtet sie.

„Und dann, plötzlich, brach dieser Mann, der offenbar der Vorgesetzte war, in offenes Gelächter aus und sagte: ‚Blonde Haare, blaue Augen, helle Haut und ordentliche Papiere – was für ein netter Scherz so früh am Morgen. Sie sind frei, Sie dürfen gehen. Heil Hitler.‘ Und dann liefen wir also zurück durch diesen Flur, und ich wollte nichts anderes als den nächsten Zug nach Hause nehmen. Ich war in totaler Panik, dass mich nun jedermann als Jüdin erkennen würde. Aber meine Mutter beruhigte mich, meinte, dass alles in Ordnung sei, und sie bestand darauf, dass wir uns nun genauso wie immer verhalten – also einkaufen und Bücher aus der Bibliothek holen. Natürlich konnte sie mich nicht zum Narren halten. Ich wusste, dass das nur Vorsichtsmaßnahmen waren, um sicherzugehen, dass uns niemand folgte.“

Maria kann das Gelächter des Gestapo-Mannes für lange Zeit nicht vergessen. Von nun an ist sie von den Zugfahrten nach Warschau befreit, Tante Olga springt ein. Lidia und Olga verbinden ihre Zugfahrten nach Warschau mit ihren patriotischen Pflichten für die AK. Die achtzehnjährige Maria zieht sich zurück und denkt viel darüber nach, was passiert ist.

„Wieso haben die mich laufen lassen? Nicht, weil ich irgendetwas Tolles oder Heroisches vollbracht hätte. Nein – nur weil ein Gestapo-Mann das Ganze als Witz betrachtete. Und weil ich mit meiner Mutter zusammen war. Meine Mutter war bildschön und hatte diese typischen slawischen Gesichtszüge. Niemand, nicht mal die Gestapo, konnte ernsthaft annehmen, dass sie Jüdin sei. Ja, dachte ich, meine Mutter war mutig, aber es war ja auch leicht für sie, mutig zu sein mit ihrem blonden Haar und ihren blauen Augen. Jüdische Mütter konnten ihre Töchter jedenfalls nicht retten, obwohl sie genauso mutig waren. Ich fand das unfair.“

Maria hält einen Moment inne. „Ich weiß nicht, ob das irgendjemand verstehen kann, was ich jetzt sage, aber ich habe meiner Mutter das arische Aussehen fast übel genommen.“

Olga und Lidia bringen das „Biuletyn Informacyjny“ nach Hause, das offizielle Presseorgan der Armia Krajowa. Es informiert über die politische Situation, über den Krieg und berichtet detailliert über die Untergrundaktivitäten. Der Leser wird aber auch über die „Endlösung“ informiert – die deutsche Antwort auf die „Judenfrage“. Maria liest, dass die Deutschen im Sommer und Herbst 1942 etwa 300.000 Juden aus dem Warschauer Ghetto deportiert haben, darunter alle 200 Kinder des Waisenhauses. Janusz Korczak, damals bereits berühmter Kinderbuchautor und Pädagoge, ist der Direktor des Waisenhauses. Er und alle seine Mitarbeiter weigern sich, die Kinder allein zu lassen, und begleiten die Kinder im Deportationszug, der in den Tod führt.

„Ich musste so oft an Dr. Korczak denken. Ich hatte seine ganzen Kinderbücher gelesen und einige seiner psychologischen Arbeiten. Als Kind und Teenager war ich wirklich total in seinem Bann. Das alles war einfach unfassbar.“

Ein weiteres Manuskript wird ins Haus geschmuggelt: Der Augenzeugenbericht eines polnischen Juden, der den Aufstand im Vernichtungslager Treblinka im August 1943 überlebt. Sofort nach seiner Flucht aus dem Lager – unter dem unmittelbaren Eindruck der Erlebnisse – schreibt Jankiel Wiernik auf, was er gesehen und erlebt hat. Wiernik ist Zeuge an dem Mord an etwa 700.000 Menschen geworden, und in der Monografie „Ein Jahr in Treblinka“ beschreibt er, nüchtern und ungeschönt, die Hölle des Lagers. Der Bericht ist grauenvoll, Maria ist entsetzt.

„Ich las unter anderem von einem namenlosen Mädchen, das sich auf einen SS-Wachmann geworfen hat, und das auf der Stelle erschossen wurde. Ich habe mir gewünscht und mich schließlich selbst davon überzeugt, dass das Irma war.“

An einem Frühlingstag im Jahr 1943 wird die Gegend um Kobyłka von den Deutschen durchkämmt. Sie stürmen in jedes Haus. Vitek, Inka, Julek und Marek haben nur Sekunden, um in ihr Versteck im Keller zu verschwinden.

„Die Deutschen kamen mehrmals ins Haus, sie schauten in jede Ecke, unter die Betten, in die Schränke. Wir waren paralysiert vor Angst. Noch in der gleichen Nacht sind meine Tante Olga und ich losgegangen, um von irgendeinem Dorfbewohner ein Kaninchen zu bekommen. Nachdem wir an Hunderte von Türen geklopft hatten, verkaufte uns tatsächlich jemand zwei Kaninchen. Die haben wir dann sofort in den Käfig gesteckt, der im Keller vor dem Versteck stand.“

Im April 1943 können Maria und ihre Familie Rauchwolken aus der Ferne über Warschau sehen – es ist der Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto. Maria ist unruhig und ängstlich.

„Das Ghetto brannte. Meine Familie wollte mich zurückhalten, aber ich bin trotzdem nach Warschau gefahren. Ich musste selbst sehen, was dort passiert. Es war Ostern, und gleich neben der Ghettomauer war ein Volksfest mit Karussells und Schießbuden. Die Leute hatten ihren Spaß, sie lachten, und es spielte laute Musik. Und zur gleichen Zeit konnte man Häuser im Ghetto brennen sehen und Menschen, die aus den Häusern sprangen.“

Jeden Tag sehen Maria und ihre Familie von ihrem Haus in Kobyłka aus den dicken, schwarzen Rauch über dem Warschauer Ghetto.

„Aber das Thema wurde nicht erwähnt. Es war wie ein stillschweigendes Übereinkommen: Man spricht nicht über den Tod in Anwesenheit eines sterbenden Patienten. Ich habe natürlich die ganze Zeit an meine Freundinnen gedacht – die Freundinnen, die ich im Stich gelassen hatte.“

Mitte Mai ist das Ghetto bis auf den Grund niedergebrannt. „Und ich dachte, das Ghetto hat sich gegenüber den Deutschen länger verteidigt als Polen, Frankreich und der ganze Kontinent.“

Sechs Wochen nach ihrem ersten Besuch kehrt Maria zum Ghetto zurück und sieht nur noch Ruinen. „Das Haus, in dem Irma und ihre Familie gelebt hatten, stand eigentümlicher Weise noch – vermutlich weil es so dicht an der Mauer war. Ich ging rein und suchte nach irgendeinem Zeichen von Irma, aber natürlich fand ich nichts.“

Marias Familie lebt nun seit eineinhalb Jahren im Versteck. „Wir stritten uns oft, meist über dumme und wirklich kleine Sachen. Tatsache war, dass wir nun schon viel zu lange auf viel zu kleinem Raum zusammen waren.“ Lethargie, Angst und Depression setzen ein. Als sich die sowjetischen Truppen Warschau nähern, kommen Gerüchte auf, dass die Deutschen die gesamte polnische Bevölkerung evakuieren will.

„Ich bekam jetzt wirklich Angst, dass ich das Ende des Krieges nicht mehr erleben würde. Vitek, sonst der große Geschichtenerzähler, wurde still, und seine Augen merkwürdig dunkel. Er hatte irgendwelche Kapseln zum Schlucken organisiert, falls die Deutschen kommen. Ich habe eine Menge über den Tod nachgedacht – und dabei wollte ich doch so gerne leben. Ich wollte mehr lernen, mehr über die Welt erfahren, ich wollte mit meinem Liebsten spazieren gehen, und ich wollte frei sein.“

Es ist Sommer 1944, als die Rote Armee Warschau erreicht.

„Wir haben angefangen, Hoffnung zu schöpfen, wir fühlten, dass das Kriegsende nahe war. Aber dann lasen wir in der Untergrundpresse von der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek und von den schrecklichen Verbrechen, die dort verübt worden waren. Nun bekamen wir eine entsetzliche Angst davor, was die Deutschen auf ihrem Rückzug alles mit uns machen würden.“

Am 1. August beginnt die Armia Krajowa ihren Aufstand gegen die deutsche Besatzungsmacht. Die Kämpfe sind erbittert.

„Von unserem Dachboden aus konnten wir Rauch über Warschau sehen und das Licht von dem Artilleriebeschuss erhellte unsere Zimmer. Einmal landete sogar eine Granate in unserem Dachboden, aber zum Glück explodierte sie nicht. Und dann sahen wir in der Ferne auch all die Menschen, die unter deutscher Bewachung aus Warschau getrieben wurden – Erwachsene, Kinder, Hunde, Kühe – alles war in Bewegung.“

Die Deutschen kommen auch nach Kobyłka.

„Da war ein Hämmern an der Tür, und deutsche Soldaten schrien: raus, raus! Sie hielten uns ihre Gewehre vor die Nase und sagten, wir würden vor den nahenden Russen evakuiert werden. Sie gaben uns keine Minute Zeit – wir mussten sofort mitkommen. Sie trieben uns aus dem Haus – und wir mussten Inka, Vitek, Julek und Marek allein im Keller zurücklassen.“

Die SS-Verbände, die eigens vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler zur Zerschlagung Warschaus zusammengestellt worden waren, evakuieren das ganze Dorf, plündern und brennen Häuser ab. Nach einem Tagesmarsch gelingt es Maria, ihrer Schwester, Mutter und Tante bei Dunkelheit, sich von dem Strom der Flüchtlinge unerkannt abzusondern und nach Hause zurückzukehren. Das Haus ist schwer demoliert, aber nicht abgebrannt. Die vier versteckten Juden im Keller sind wie durch ein Wunder am Leben. Mitte Januar 1945 rollen sowjetische Panzer in Kobyłka ein.

„Nun waren wir also frei. Ich habe geweint und mich gewundert, dass ich so traurig bin. Meine Mutter sagte, sie wolle den ersten russischen Soldaten küssen, den sie sieht, rannte auf einen jungen Offizier zu, küsste ihn und dankte ihm. Vitek und die anderen trauten sich zunächst nicht aus ihrem Versteck – aus Angst, dass die Deutschen zurückkommen könnten. Schließlich kamen sie aber doch. Vitek ließ sich auf den Boden fallen und weinte, und der dreizehnjährige Marek, der ja die vergangenen drei Jahre keine einzige Möglichkeit gehabt hatte, seine Beine zu bewegen, sprang glücklich auf der Straße herum.“

Die Familie kehrt nach Łódź zurück, Maria und Julek heiraten – diesmal offiziell – und zwei Jahre später wird Sohn Joe geboren. Im Juli 1946 kommt es zu einem Ausbruch von Gewalt gegen Juden in Kielce, einer polnischen Stadt 130 Kilometer südöstlich von Łódź, der mit dem Tod von 42 jüdischen Frauen, Männern und Kindern endet – mit Bajonetten erstochen, erschossen, erschlagen oder gesteinigt. Dies ist der Moment, in dem das junge Paar entscheidet, dass es nicht in Polen bleiben will. Zum Glück hat Julek entfernte Verwandte in Australien. Zwei Cousinen von Juleks Mutter, denen es gelungen war, kurz vor Ausbruch des Krieges nach Australien zu emigrieren, schicken Visa für Julek, Maria und Joe. Trotzdem ist es schwer, den Reisepass von den polnischen Behörden zu bekommen.

„Wir mussten Millionen von Dokumenten und Papieren bei irgendeinem Ministerium in Warschau einreichen. Dann mussten wir von jedem Gegenstand, den wir mitnehmen wollten, eine Fotografie machen, unsere Bücher mit Autor, Titel, Erscheinungsjahr und Verlag auflisten – und wir mussten bestechen.“

Im Dezember 1947, in einem sehr kalten Winter, verlassen sie Polen und müssen in Frankreich ein Jahr auf ihre Weiterreise nach Australien warten.

„Das war eine gut angelegte Zeit. Ich hatte schon immer nach Paris reisen wollen, wo mein Vater studiert hatte. Er nannte Paris immer die ‚aufgeklärte‘ Stadt. Während meiner ganzen Kindheit hatte ich ein mentales Bild geformt von Paris. Für mich war das die Sorbonne, Louis Pasteur und Marie Curie, Emile Zola und Honoré de Balzac, Gauguin und Degas und all die Cafés. Juleks Bruder Simon und seine Frau lebten in Paris, und wir konnten bei ihnen wohnen. Wir haben die Stadt geliebt.“

Ende 1948 fährt die junge Familie nach Triest und besteigt dort das Schiff nach Australien. Fünf Wochen später, in der Mitte des australischen Sommers, erreichen sie Sydney.

„Ich hatte nie zuvor eine so schöne Stadt wie Sydney gesehen – aber es war einfach viel zu heiß für uns, um die Stadt zu genießen. Die Sonne brannte, die Luft war so stickig, dass wir kaum atmen konnten, und unsere Mäntel waren viel zu schwer. Am gleichen Abend bestiegen wir den Zug nach Melbourne – und mussten an der Grenze von New South Wales zu Victoria den Zug wechseln, weil die Spurweite der Gleise unterschiedlich war zwischen den beiden Bundesstaaten. Wir waren verblüfft: Wir waren von Polen über die Tschechoslowakei, Österreich und Deutschland nach Frankreich gereist, ohne dass sich auch nur einmal die Spur geändert hätte – und hier hatten sie unterschiedliche Gleise in einem einzigen Land.“

Die unterschiedlichen Gleisanlagen sind nicht das Einzige, das die Neuankömmlinge erstaunt.

„Alles war so völlig anders als in Europa. Die Sonne, die das Land so versengte, die silbrigen Eukalyptusbäume anstatt der sattgrünen Kiefernwälder, die andere Tierwelt und die Vögel, die die Luft mit Gelächter erfüllten wie in einem Irrenhaus,3 und die Nacht, die so schnell ohne Dämmerung hereinbrach: In einem Moment war es noch hell, und dann auch schon dunkel.“

Die junge Familie hat kein Geld, sie wohnt zunächst bei Juleks Cousinen, die, obwohl sie eine hervorragende Ausbildung haben, als polnische Immigranten keine adäquate Arbeit in Melbourne bekommen konnten und nun eine Hühnerfarm betreiben. Maria spricht kein Englisch, Julek, der in Manchester studiert hat, spricht die Sprache zwar fließend, bekommt aber auch keine Arbeit, die seiner Qualifikation entspricht.

„Der australische Traum fing an, Risse zu bekommen. Julek hatte eine Anzeige in die Zeitung gesetzt: ‚Textilingenieur mit englischem Abschluss sucht Arbeit‘. Er hatte viele Interviews, aber jedes Mal, wenn dem Gesprächspartner klar wurde, dass Julek Pole ist, war das Gespräch zu Ende. Die haben ihm geradeheraus gesagt, dass australische Arbeiter ihn nicht in einer Managerposition akzeptieren würden. Und so fing Julek eben an, als Arbeiter zu arbeiten. Aber er hat sich nicht beschwert. Ehrlich gesagt war ich diejenige, die unglücklich war. Ich habe auch meine Familie vermisst, die so weit weg war.“

Julek arbeitet schwer, und mit der Hilfe einiger Freunde, die ihm Geld leihen, kann er ein kleines Haus für die Familie kaufen. Kurz darauf kommen Bekannte aus Polen mit ihrem fünfjährigen Sohn in Melbourne an, und Maria und Julek sind mehr als froh, die drei bei sich unterzubringen: Franka war Marias Lehrerin gewesen, und zusammen mit ihrem Mann Leon hatte sie heimlichen Unterricht für ihre ehemaligen Schülerinnen im Warschauer Ghetto organisiert. Die beiden Familien teilen das kleine Haus für die nächsten drei Jahre.

Während die Kinder die neue Sprache sehr schnell lernen, tun sich die Erwachsenen schwer – insbesondere Franka und Maria, die nicht arbeiten und daher wenig Kontakt mit den „Aussies“ haben.

„Wir mussten noch nicht mal groß das Haus verlassen, um einzukaufen. Milch und Brot wurden täglich geliefert, und zweimal in der Woche kam ein Obstladen auf Rädern und hielt vor der Tür. Der Verkäufer war ein Italiener, und die Konversation ging normalerweise nicht über ‚Geben Sie mir dies‘ mit Fingerzeigen und ‚Si, si, Signorina‘ hinaus. Also haben wir uns schließlich entschlossen, Englisch-Unterricht zu nehmen. Leider ist unser sehr guter Lehrer nach kurzer Zeit nach England gegangen und ließ uns mit unserem dürftigen Grundwissen zurück. Aber wenigstens konnte ich schon Bücher lesen – ich habe mit Büchern angefangen, die ich schon aus dem Polnischen kannte.“

Maria muss sich ständig selbst daran erinnern, wie gut das Leben doch ist in Australien – jedenfalls im Vergleich zu all dem Horror, den sie und ihre Familie durchgemacht haben während des Krieges. Sie fühlt sich nicht wirklich zu Hause. Sie vermisst Polen, sie vermisst die Kiefernwälder, sie vermisst den Schnee im Winter und die milden, warmen Sommer. Aber in erster Linie vermisst sie ihre Mutter und alle anderen in der Familie, die ihr so lieb und teuer sind.

„Ich habe noch nicht mal Melbourne gemocht, weil ich dachte, es sei eine gesichtslose Stadt ohne Persönlichkeit, fast schon klinisch. Es gab keine kleinen Straßenhändler, keine Straßenkünstler oder -musikanten, keine Bettler und keine Verrückten auf der Straße. ‚Wo waren diese Leute in Australien?‘, fragte ich mich dauernd. Und wann immer ich in die Stadt ging, sah ich natürlich auch keine bekannten Gesichter und traf niemanden – ich kannte ja niemanden.“

Maria und Julek hatten Polen in dem Glauben verlassen, dass ihre Familie – oder was von der Familie übrig geblieben war (Juleks Mutter war im Ghetto von Łódź gestorben und sein Vater 1944 aus dem Ghetto heraus in ein Vernichtungslager deportiert worden) – nachkommen würde, sobald die nötigen Papiere vorliegen würden.

„Ich hätte alles gegeben für meine Söhne – inzwischen war mein zweiter Sohn Michael geboren – damit sie eine Großmutter und eine Tante haben. Sie sind wirklich nur mit uns groß geworden, ihren Eltern, und haben nie ihre weitere Verwandtschaft kennengelernt. Eines Tages erhielten wir einen Brief von meiner Mutter, in dem sie erklärte, dass der Mann meiner Schwester als polnischer Journalist in Polen bleiben wolle, dass meine Schwester ein Baby erwarte – und dass meine Mutter deshalb nun auch in Polen bliebe. Das war hart, und ich habe viel geweint.“

Lidia Markus bleibt in Łódź, ihre Schwester Olga Zmigrodzki zieht nach Warschau. Beide bleiben in enger Verbindung, fahren gemeinsam in Urlaub und besuchen ihre russischen Verwandten in Moskau. In den siebziger Jahren fliegt Maria nach Polen, um nach langer Zeit ihre Familie wiederzusehen. 1975 stirbt ihre Mutter, Joe und Michael haben ihre Großmutter nie kennengelernt.

Marias Schwester Genia zieht später in ihrem Leben nach Schweden, wohin ihr Sohn aus dem kommunistischen Polen geflohen ist. Marek geht nach Paris, um dort im Fach Elektronik zu promovieren, seine Eltern Vitek und Inka folgen ihm und leben in Paris.

Bald nach ihrer Ankunft in Australien fängt Maria an zu nähen, um zum Familieneinkommen beizutragen. Weil sie die Kinder nicht einem Kindermädchen überlassen will, näht sie zu Hause. Julek verkauft seine kostbare Kamera und kauft eine Nähmaschine. Allmählich lernen die beiden auch ein paar Leute kennen, meistens polnischer Herkunft, und Maria beginnt, das ihr zunächst so fremde Land zu mögen. Bald schon können sie ihren „Esky“4 gegen einen Kühlschrank eintauschen, und schließlich werden sie stolze Besitzer eines Austin A40. Um unabhängiger zu werden und ein bisschen mehr zu verdienen, kaufen sie eine „Milchbar“.5 Aber Maria hasst das Geschäft.

„Erstens haben wir nicht großartig verdient, und zweitens hat das Geschäft wirklich unser Familienleben beeinträchtigt. Zum Beispiel konnten wir nicht mehr zusammen essen, weil ja einer immer im Laden sein musste. Ich war sauer auf mich und auf Australien, weil mein Mann und ich unsere produktivsten Jahre damit vergeudeten, Kühlschränke mit Milch und Limonade zu füllen, fehlende Ware in den Regalen nachzufüllen und leere Flaschen zu sortieren. Wir haben den Laden nur ein gutes Jahr lang behalten.“

Julek, der inzwischen längst Julian genannt wird, bekommt eines Tages eine Arbeitsstelle vom Institut für Technologie angeboten, die seiner Qualifikation entspricht. Das Institut befindet sich jedoch in Geelong, einer Hafenstadt etwa 75 Kilometer südwestlich von Melbourne. Als Maria Angst vor einem erneuten Neubeginn bekommt, lehnt er die Stelle ab und kauft stattdessen eine Konditorei. Maria fühlt sich lange Zeit unwohl bei dem Gedanken, Julek die Karriere verbaut zu haben. Die Jungs entwickeln sich derweil bestens und werden zu echten „Aussies“.

„Die haben Aussie Rules gespielt, die australische Version von Fußball, und außerdem Cricket. Das war ein Spiel, das wir nie richtig verstanden haben!“

Den Australiern begegnet Maria mit Vorsicht und Wachsamkeit. Sie fürchtet, dass es Vorurteile gegen sie und ihre Familie geben könnte, weil sie Immigranten sind – und Juden. Zu ihrem Erstaunen trifft sie jedoch auf keine Ressentiments, die Australier sind freundlich und offen. Eines Tages in den frühen sechziger Jahren allerdings kommt Joe nach Hause und berichtet von einem Klassenkameraden, der antisemitische Reden schwingt. Maria und Julek schreiben einen Beschwerdebrief an den Direktor, der freundlich antwortet, dass er nur dann etwas tun könne, wenn er den Namen des Jungen wüsste. Den aber will Joe nicht preisgeben.






Maria und Julian in ihrem Haus in Melbourne, 1980

„Ich war wirklich deprimiert, weil ich plötzlich wieder diese Stimmen aus meiner Kindheit im Kopf hatte: ‚Nieder mit den Juden!‘ Aber ein paar Tage später kam Joe von der Schule nach Hause und erzählte, dass der Direktor eine Serie von Vorlesungen für die oberen Klassen organisiert hatte. Er hatte verschiedene Experten eingeladen, um über den Zweiten Weltkrieg zu berichten. Fantastisch! Da habe ich wirklich gedacht: Was für Glückspilze wir doch sind, dass wir uns in Australien niedergelassen haben, und was für eine gute Entscheidung für unsere Kinder. Ich war sogar bereit, den Australiern für ihr Cricket zu vergeben“, lacht Maria.

Maria ist bereits in ihren Fünfzigern, als sie mit einem Projekt beginnt, von dem sie schon als Schulkind geträumt hat: Sie schreibt ein Buch. Sie schreibt es in Englisch – in der Sprache, die sie nie studiert und nur vom Hören gelernt hat. „Come Spring“ ist, obwohl als Roman geschrieben, Marias Autobiografie. Das mit einem Literaturpreis ausgezeichnete Buch erscheint 1980 in Melbourne. „No Snow in December“ (Kein Schnee im Dezember), ihr zweites Buch über ihre frühen Jahre in Australien, wird ebenfalls ausgezeichnet. Weitere Kinderbücher, Kurzgeschichten und Gedichte erscheinen. Maria macht sich ebenfalls an die Aufgabe, Jankiel Wierniks Bericht über Treblinka vom Polnischen ins Englische zu übersetzen – kein leichtes Unterfangen, denn es bringt die Erinnerungen an ihre Schulfreundinnen im Warschauer Ghetto zurück, von denen keine überlebte.

In den neunziger Jahren stellt Maria einen Antrag in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte Israels, ihre Tante Olga als „Gerechte unter den Völkern“ anzuerkennen – ein Ehrentitel, der an Nichtjuden vergeben wird, die unter Einsatz ihres Lebens während des Holocaust Juden retteten. Der Antrag ist erfolgreich: 1997 wird Aleksandra (Olga) Żmigrodzka, die über mehrere Jahre vier Juden in ihrem Haus versteckt hielt, posthum der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ zuerkannt. Bis heute wurde dieser Titel an 6.394 Polen verliehen.

1996 beginnt Maria, als ehrenamtlicher Guide im Museum zu arbeiten. Sie findet schnell einen Draht zu Kindern und Jugendlichen, und anstatt mit ihnen über den Horror des Holocaust zu reden, spricht sie über den Mut und die Zivilcourage von Menschen. Es gibt eine kleine Episode, die Maria oft erzählt – eine Episode, die sie persönlich während des Krieges in Warschau beobachtet hat.

„Wir lebten schon außerhalb des Ghettos, und in dem Wunsch, meine Freundin Irma zu sehen, lief ich an der Ghettomauer entlang. Gleich neben dem Ghetto war immer ein Wochenmarkt, und plötzlich sah ich da einen Pulk von Menschen. Als ich näher kam, sah ich, dass ein polnischer Polizist einen kleinen, völlig ausgemergelten Jungen verprügelte. Der Junge lag schon am Boden, neben ihm ein paar Kartoffeln, Karotten und ein halbes Brot. Und der Polizist brüllte: ‚Du dreckiger Jude, dir will ich’s zeigen, was es heißt zu stehlen.‘ In diesem Moment erschien ein deutscher Soldat. Der sah den polnischen Polizisten scharf an, schrie ihm etwas zu und verpasste ihm einen solchen Schlag, dass er zu Boden ging. Dann half der Deutsche dem kleinen Jungen auf, half ihm über die Mauer, hob die Kartoffeln, Karotten und das Brot auf und schmiss es hinterher. Dann schaute der Soldat sich um – die Menge hatte stumm zugesehen – ging auf die Marktstände zu, griff sich noch ein bisschen mehr Gemüse und schmiss auch das noch über die Ghettomauer.“

Maria hat dieses Erlebnis bis zum heutigen Tage nicht vergessen, und sie hält es wie ein Kleinod in ihrer Erinnerung wach.

„Wie glücklich bin ich doch, dass ich diesen Vorfall miterleben durfte. Dieser deutsche Soldat hat sein Leben riskiert – und mir den Glauben an die Menschheit bewahrt.“




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