Sag niemals, das ist dein letzter Weg
Jetta Schapiro-Rosenzweig


Jetta Schapiro-Rosenzweig wurde als Tochter einer wohlhabenden Familie in Wilna geboren. Als die Stadt 1939 von sowjetischen Truppen erobert wurde, war Jetta schon mit Jascha Schapiro verheiratet und hatte mit ihm eine Tochter – Tamar. Im Herbst 1940 beschlagnahmten die Sowjets ihre Wohnung, und so kam die Familie auf Umwegen nach Ponar, in der Nähe von Wilna. Dort wurden sie Zeugen des deutschen Einmarsches und der Ermordung vieler Wilnaer Juden. Ihr Kampf ums Überleben begann: Flucht aus Ponar, Versteck in einem Kloster, Transport ins Wilnaer Ghetto. Mit der Auflösung des Ghettos zerbrach die Familie. Der Vater kommt ins KZ, die Mutter kann flüchten. Nach 1945 kehren beide nach Wilna zurück und erfahren, dass der Vater im KZ ermordet wurde.

Tamar Dreifuß, ihre Tochter, hat diese Aufzeichnungen für das hier vorliegende Buch &apos;Sag niemals, das ist dein letzter Weg&apos; aus dem Jiddischen übersetzt.







Unter dem Titel »Auch wir waren in Ponar - Bekenntnisse einer Wilnaerin« erschien in Israel eine hebräische Ausgabe des gleichen Urtextes von J. Schapiro-Rosenzweig

©Beit Lohamei Haghetaot

Mit freundlicher Genehmigung für den deutschsprachigen Raum

© 2001

e-book-Ausgabe 2020

RHEIN-MO­SEL-VER­LAG

Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel

Tel. 06542/5151, Fax 06542/61158

www.rhein-mosel-verlag.de

Alle Rech­te vor­be­hal­ten

ISBN 978-3-89801-905-7

Aus­stat­tung: Stefanie Thur

Umschlagzeichnung: Samuel Bak




Jetta Scha­pi­ro-Ro­sen­zweig


Sag niemals, das ist dein letzter Weg

Flucht aus Ponar – Eine Mutter und ihre kleine Tochter kämpfen ums Überleben

Aus dem Jiddischen von Tamar Dreifuß

Rhein-Mo­sel-Ver­lag


Dieses Buch widme ich meiner Mutter selig und  meinen beiden Kindern Iris und Raphael.


Vorwort

Vie­le Stun­den habe ich mit der Über­set­zung die­ses Bu­ches mei­ner Mut­ter »Auch wir wa­ren in Po­nar« ver­bracht. Die gan­ze Zeit habe ich die Ge­stalt mei­ner Mut­ter vor mir ge­se­hen. Eine zier­liche blon­de Frau mit blau­en Au­gen. Eine »ari­sche« Frau. Ihr Aus­se­hen und ihre Rus­sisch­kennt­nis­se stan­den ihr bei. Ihr Le­bens­wil­le und ihre ei­ser­ne Kraft ha­ben dazu bei­ge­tra­gen, dass wir trotz al­lem am Le­ben ge­blie­ben sind. Ich bin ihr zu Dank ver­pflich­tet. Dass ich heu­te ein Le­ben in ei­ner in­tak­ten Fa­mi­lie ge­nie­ßen kann, ist nur Dank ih­res Mu­tes und Durch­set­zungs­ver­mö­gens mög­lich ge­wor­den.

Es be­stand eine sehr enge Be­zie­hung zwi­schen uns. Ob­wohl ich nach mei­ner Hei­rat Is­ra­el ver­ließ, wur­de die­se Be­zie­hung nicht un­ter­bro­chen. Wir ha­ben uns fast täg­lich ge­schrie­ben, sind öf­ter zwi­schen Deutsch­land und Is­ra­el hin und her ge­flo­gen und ha­ben län­ge­re Zeit mit­ein­an­der ver­bracht. Ich war mehr in Is­ra­el als sie in Deutsch­land. Der Be­such hier war im­mer mit Er­in­ne­run­gen ver­bun­den, die sie mög­lichst ver­mei­den woll­te. Ihre Er­leb­nis­se im Krieg ha­ben tie­fe Spu­ren hin­ter­las­sen. Nicht nur see­li­sche, auch kör­per­li­che: Herz, Ma­gen, Rheu­ma. Dies und noch mehr plag­te sie bis an ihr Le­bens­en­de.

1985 er­hielt ich ei­nen An­ruf von mei­ner Tan­te, dass bei­de El­tern sich im Kran­ken­haus be­fän­den. Von ei­nem Tag zum an­de­ren buch­te ich ei­nen Flug nach Is­ra­el. Ich sah ein, dass die ein­zi­ge Lö­sung dar­in be­stand, sie zu mir zu neh­men und hier zu pfle­gen.

Es fiel ih­nen nicht leicht, Is­ra­el zu ver­las­sen, doch es gab kei­ne Al­ter­na­ti­ve. Ich habe mei­ne Mut­ter fast drei Jah­re ge­pflegt. Zum Schluss sieg­te die Krank­heit über sie und sie ver­starb in mei­nen Ar­men am 30. Ok­to­ber 1987. Mein Stief­va­ter leb­te da­nach noch 10 Jah­re bei uns. 1997 ist er mit 95 Jah­ren ver­stor­ben. So ging bei uns eine Epo­che zu Ende.

Ich bin froh, dass ich mit mei­ner Mut­ter we­nigs­tens die letz­ten Jah­re ver­brin­gen konn­te. Das Le­ben hier in Deutsch­land hat sie nicht mehr sehr ge­stört. Sie war glück­lich, mit ih­rer Toch­ter, ih­ren En­kel­kin­dern und ih­rem Schwie­ger­sohn zu­sam­men zu sein.

Ich bin froh, dass sie die­ses Buch ge­schrie­ben hat und dass ich es über­set­zen durf­te. So wird sie bei vie­len in Er­in­ne­rung blei­ben und viel­leicht dazu bei­tra­gen, dass sich die­se Ge­scheh­nis­se nicht wie­der­ho­len.

Tamar Dreifuß


Jetta Schapiro-Rosenzweig

Mei­ne Er­in­ne­run­gen, die ich schil­dern möch­te, um­fas­sen die Zeit von 1941 bis 1944. Ich möch­te, dass mei­ne Ge­ne­ra­ti­on und auch die Nach­fah­ren die­se Überlebens-Erinnerungen ken­nen­ler­nen. Sie dür­fen nicht in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten.

Am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs war mei­ne Hei­mats­tadt Wil­na zer­stört. Es war nicht mehr mein Wil­na – das jü­di­sche Wil­na gab es nicht mehr; auch die Fa­mi­lie von da­mals gab es nicht mehr. Mei­ne Toch­ter Ta­mar und mich hat­te das Schick­sal üb­rig ge­las­sen. Zu­sam­men sind wir durch die Höl­le ge­gan­gen und zu­sam­men ha­ben wir über­lebt. Zwar fan­den wir mei­ne Schwes­ter Mi­zia und ih­ren Sohn Samek bei unserer Tan­te Jan­ni­na – von ihr wer­de ich viel zu er­zäh­len ha­ben – doch wir er­fuh­ren, dass Jo­nas, der Mann von Mi­zia, kurz vor der Be­frei­ung von der Ge­­sta­po hin­ge­rich­tet wor­den war. Mir wur­de zu­ge­tra­gen, dass mein Mann Ja­scha in ei­nem der deut­schen Kon­zent­ra­ti­ons­la­ger ums Le­ben ge­kom­men ist.

We­nig spä­ter gin­gen wir nach Po­len. Dort habe ich Sig­mund Ro­sen­zweig ken­nen­ge­lernt. Er ver­lor wäh­rend des Krie­ges sei­ne Frau, sei­nen Sohn und sei­ne Toch­ter. In ihm fand Ta­mar ei­nen lie­be­vol­len Va­ter. Nach kur­zer Zeit hei­ra­te­ten wir, und ge­mein­sam mit mei­ner Schwes­ter und ih­rem Sohn zo­gen wir nach Is­ra­el.

Ich will im fol­gen­den ver­su­chen, ei­ni­ges von den vie­len grau­en­vol­len Ge­scheh­nis­sen je­ner Zeit zu schil­dern. Nur ein klei­ner Teil da­von kann hier zur Spra­che kom­men, es ist nur ein win­zi­ges Stück des Gan­zen, trotz­dem maß­ge­bend für die­se Epo­che.


Der Anfang: Von Wilna nach Ponar 1941

Mei­ne Hei­mat war Wil­na, eine pol­ni­sche Stadt nahe der li­tau­i­schen Gren­ze. Wil­na ist auch be­kannt un­ter dem Na­men »Je­ru­sa­lem De­li­ta«. In un­se­rem Wil­na er­hiel­ten sich vie­le all­täg­li­che jü­di­sche Ge­bräu­che und volks­tüm­li­che Wer­te. Nicht nur die Eli­te konn­te sich mit ih­rem Na­men rüh­men, auch der ein­fa­che Mensch konn­te sich dort ent­fal­ten. Das be­son­de­re an Wil­na spie­gel­te sich in den Ge­sprä­chen zwi­schen den Holz­fäl­lern auf dem Holz­markt, auf dem Schul­hof in der Ju­den­ga­sse, in ei­ner der Syn­ago­gen, es war das saf­ti­ge Wil­na­er Jid­disch.

1941 war Li­tau­en schon von der Sow­jet­uni­on ein­ge­nom­men wor­den und Deutsch­land hatte Po­len schon ganz er­obert. In die­sem Jahr brach der Krieg zwi­schen Deutsch­land und der Sow­jet­uni­on aus.

Jetzt, da ich den Ver­such un­ter­neh­me zu schil­dern, was wir er­lebt ha­ben, so­wohl in Wil­na, un­se­rer Ge­burts­stadt, als auch in Po­nar, wäh­rend un­se­rer Wan­de­run­gen in der Frem­de, er­scheint es so­gar für mich, ob­wohl ich al­les tat­säch­lich er­lebt habe, schwer zu glau­ben, dass es in Wirk­lich­keit ge­schah.

Beim Er­zäh­len wird sich hier und da ein Bild ein­schlei­chen von den gu­ten Zei­ten in der schö­nen Land­schaft rund um Wil­na, mit ih­rem Hü­geln rings­her­um, dem Wilia-Fluss, den Brü­cken und Strän­den. Nicht zu ver­ges­sen die Wangerskastraße ne­ben dem Bäumemarkt (Holz­markt). Dort habe ich eine glück­li­che Ju­gend in ei­nem an­ge­se­he­nen jü­di­schen Haus verbracht.

Die Ei­gen­art des Hau­ses be­stimm­ten Va­ter und Mut­ter, je­der eine Per­sön­lich­keit für sich. Be­son­ders stark ist die Er­in­ne­rung an das Jahr 1940, an die Fes­te Pu­rim und Pes­sach1. Sie ver­kör­pern für uns eine Epo­che, die lei­der zu Ende ging. Das Pu­rim­fest (ähn­lich dem Kar­ne­val) war für uns et­was Be­son­de­res. Die Ge­burts­ta­ge so­wohl mei­ner Schwes­ter Mi­zia als auch mei­nes Bru­ders Je­rach­miel, der da­mals schon in Palästina lebte, der Hoch­zeits­tag der El­tern und der Ge­burts­tag mei­ner Toch­ter fie­len alle auf die­sen Zeit­punkt. Der Ur­sprung des Fes­tes – Ha­mans Nie­der­gang und die Ret­tung Mor­de­chais und des Jü­di­schen Vol­kes in Per­sien – die­ses Wun­der aus der Es­ter-Rol­le konn­te ein his­to­ri­sches Zei­chen mit hoff­nungs­vol­ler Be­deu­tung für die Zu­kunft sein.

Dies al­les ge­schah, als Wil­na von den Sow­jets an die Li­tau­er über­ge­ben wur­de. Ob­wohl die Li­tau­er den Ju­den nicht gut ge­son­nen wa­ren, konn­ten wir eine kur­ze Zeit in Ruhe un­ser Le­ben wei­ter­füh­ren.

Das Pu­rim­fest war für uns das fröh­lichs­te und in­te­res­san­tes­te von al­len Fes­ten. Auch in die­sem Jahr brachte es Aufregung und Freu­de in un­se­re Fa­mi­lie. Wir wa­ren vol­ler Zu­ver­sicht, dass al­les sich zum Gu­ten wen­den wür­de. Vie­le Gäs­te ver­sam­mel­ten sich bei uns. Ich kann mich an die Tor­te er­in­nern, die mei­ne Schwie­ger­mut­ter uns schick­te. Wie­ra, die Mut­ter mei­nes Man­nes, de­ren Name noch öf­ter im Buch ge­nannt wer­den wird, war eine Frau von Adel. Sie be­stell­te die Tor­te in ei­ner der be­kann­tes­ten Kon­di­to­rei­en Wil­nas. Ich kann mich er­in­nern, dass die Tor­te aus lau­ter Mu­scheln be­stand und jede war ge­füllt mit Eis. In der Mit­te war eine be­son­de­re Kon­struk­ti­on, die Licht ver­brei­te­te. Selbst­ver­ständ­lich ha­ben auch Ha­man­ta­schen und Kre­plach (drei­e­cki­ges Ge­bäck, mit Mohn ge­füllt und eine Fleisch­bei­la­ge in Teig) nicht ge­fehlt. Wie­ra stamm­te aus der Fa­mi­lie Riw­kind, die in Wil­na hoch an­ge­se­hen war. Lei­ser Riw­kind be­saß die be­son­de­re Er­laub­nis in den Na­rutz-Seen zu fi­schen. Ihr Bru­der, Dr. Riw­kind, war Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Et­li­che aus die­ser Fa­mi­lie wa­ren bei un­se­rem Fest an­we­send. So wie je­des Jahr, wur­de das Fest mit vol­len Obst­kör­ben be­gan­gen, die ins Haus ge­lie­fert wur­den. In An­be­tracht des­sen, dass die Haupt­be­schäf­ti­gung un­se­rer Mut­ter in der Füh­rung ei­nes Obst- und Gemüsegroßhandels be­stand, durf­te das Obst im Haus nicht feh­len.

Die ers­ten, die zum Fest ka­men, wa­ren Mi­zia, mei­ne Schwe­s­ter und ihr Mann Jo­nas. Sie reih­ten sich in die Fest­ge­sell­schaft ein und stan­den wie üb­lich in ih­rem Mit­tel­punkt. Trotz der gu­ten fi­nan­zi­el­len Lage un­se­rer Fa­mi­lie hat­te sich im Un­ter­be­wusst­sein die Sor­ge ver­brei­tet, die in ei­ner Be­mer­kung mei­ner Mut­ter zum Aus­druck kam. Dies hat­te sie in jid­disch ge­sagt: »Gott soll ge­ben, mei­ne Kin­der, dass un­se­re Lage sich nicht ver­schlech­tern soll, ›nicht schreib und nicht meck‹.«

Die Wei­ne in un­se­rem Haus brauch­te man nicht an­der­wei­tig zu be­sor­gen. Ei­nes der Hob­bys mei­nes Va­ters war die Wein­her­stel­lung. Hun­der­te von Wei­nen ver­schie­de­ner Sor­ten be­fan­den sich in un­se­rem Kel­ler. Jede Wein­fla­sche war mit ei­nem Eti­kett ver­se­hen auf dem das Her­stel­lungs­jahr und die Art der Zu­be­rei­tung ge­nau ver­zeich­net wur­den. Im Obst- und Gemüsegroßhandel hat­te mei­ne Mut­ter die Ober­hand. Sie lei­te­te die­ses Ge­schäft mit gro­ßem Elan und die An­ge­stell­ten ge­horch­ten ihr aufs Wort. Mein Va­ter war mit sei­nen Hob­bys be­schäf­tigt, denn au­ßer dem Wein hat­te er noch an­de­re.

Die Gäs­te tran­ken »Le­chaim« und die gute Lau­ne stieg im Lau­fe des Abends. An die­sem Tag war auch der Ge­burts­tag mei­nes Bru­ders Jerachmiel. Auf sein Wohl wur­de ebenfalls so man­ches Glas ge­ho­ben.

Am Pu­rim­fest pfleg­te mein Va­ter Wein­fla­schen an sei­ne eng­sten Freun­de zu ver­tei­len. Sie alle wa­ren »ko­scher le­pe­sach« (ge­eig­net zum Ver­zehr am Pes­sach­fest).

Beim Er­wäh­nen des Wor­tes Pes­sach kom­men mir Er­in­ne­run­gen an die frü­he­ren Zei­ten vor 1940, an die Pes­sach­fes­te bei uns im Hau­se. An Groß­va­ter mit sei­nem wei­ßen Kit­tel. Er lei­te­te den Se­der­abend ge­nau nach den re­li­giö­sen Vor­ga­ben, an­ge­fan­gen bei der gründ­li­chen Säu­be­rung des Hau­ses bis hin zum Her­rich­ten des Se­der­abends. Die Le­cke­rei­en zu Pes­sach wa­ren uns Kin­der am liebs­ten. Sie wur­den im­mer ver­steckt, doch wir hat­ten sie vor­her im Ge­hei­men aus­ge­kund­schaf­tet und ge­nascht. Un­se­re Mut­ter hat­te es ganz und gar nicht gut ge­fun­den und war au­ßer sich vor Wut. Ich er­in­ne­re mich an mei­nes Va­ters Wor­te: »Sich auf­zu­re­gen über solch’ Lap­pa­lie hat we­nig Sinn. Bei ›Bes­zet­ni­kes‹ (bei Kin­der­lo­sen) wäre es nicht pas­siert. Bei uns ist es eben pas­siert, also soll es ih­nen wohl be­kom­men. Al­les, was sie ge­ges­sen ha­ben, soll aus der rich­ti­gen Stel­le raus­kom­men und es soll, um Got­tes wil­len, nicht drin­nen blei­ben.«

Es sind so vie­le Er­in­ne­run­gen, die in mei­nen Kopf he­rum­schwir­ren! Die­se Volks­tüm­lich­keit und Herz­lich­keit, die in un­se­rer Fa­mi­lie herrsch­te, ist mit Wor­ten nicht aus­zu­drü­cken. In un­se­rer Fa­mi­lie gab es vie­le Per­sön­lich­kei­ten, und jede ver­kör­per­te et­was be­son­de­res. Eine da­von war mein Opa, Va­ter mei­ner Mut­ter, der mit zwan­zig Jah­ren er­blin­de­te. Er war ein Wis­sen­schaft­ler im tech­no­lo­gi­schen Be­reich. Bei ei­nem sei­ner Ex­pe­ri­men­te ver­letz­te er sei­ne Au­gen. Trotz al­ler ärzt­li­cher Be­mü­hun­gen blieb er blind. Der »blin­de Tech­ni­ker« wur­de er in Wil­na ge­nannt. Trotz des Un­glücks wur­de er durch ver­schie­de­ne Er­fin­dun­gen be­kannt. Er wur­de zu sämt­li­chen Wohl­tä­tig­keits­ver­an­stal­tun­gen ein­ge­la­den. Er konn­te eine Ma­schi­ne aus­ei­nan­der­neh­men und wie­der zu­sam­men­bau­en vor dem stau­nen­den Pub­li­kum. Er pfleg­te mit ei­ner be­son­de­ren Ma­schi­ne herr­li­che Blu­men­mus­ter zu ge­stal­ten und dies trotz sei­ner Er­blin­dung. Sein Name war Arno Na­del.

Als die Ru­ssen Wil­na be­setz­ten, be­schlag­nahm­ten sie mein Näh­ma­schi­nen- und Fahrradgeschäft und auch den Gemüsegroßhandel mei­ner Mut­ter »Ag­rim­kal – Im­port und Ex­port Groß­han­del«. Mei­ne Mut­ter glaub­te da­mals, dass dies das größ­te Un­glück sei, das uns zu­sto­ßen könn­te. Zwei Wo­chen spä­ter be­ka­men wir die An­wei­sung vom Woh­nungs­amt, wo­nach wir in­ner­halb von acht­und­vier­zig Stun­den un­se­re Woh­nung räu­men soll­ten. Die­se Woh­nung, sechs Zim­mer in der Kajaweskestraße Nr. 2a be­wohn­ten un­se­re El­tern be­reits seit ei­ni­gen Jah­ren. Das wa­ren mein Va­ter, Cha­nan Jo­chel, mei­ne Mut­ter Schif­­ra, mein Bru­der Iz­chak und wir selbst mit un­se­rer Toch­ter Ta­mar, die da­mals drei Jah­re alt war. Mei­ne Schwes­ter Mi­zia, ihr Mann Jo­nas und ihr Sohn Samek wohn­ten in der Vilnastraße, ge­gen­über dem Be­ne­dik­ti­ne­rin­nen-Klos­ter. Un­ser äl­tes­ter Bru­der Je­rach­miel leb­te da­mals wie erwähnt be­reits in Pa­läs­ti­na.

Mit der For­de­rung, die Woh­nung zu räu­men, brach un­se­re Welt zu­sam­men. Wir ver­such­ten al­les, um für die Auf­lö­sung der Woh­nung eine Wo­che Auf­schub zu be­kom­men. Die Ant­wort war: »Nicht ein­mal eine Stun­de!«

Wir hat­ten kei­ne Wahl. Wir muss­ten eine neue Blei­be su­chen. Mei­ne El­tern zo­gen zu Jo­nas’ El­tern, dort be­ka­men sie ein Zim­mer. Als wir eine Woh­nung fan­den, er­klär­te man uns im Woh­nungs­amt, dass sie be­reits ver­grif­fen sei. Die letz­te Ret­tung wa­ren zwei Zim­mer in Po­nar.

Po­nar war eine Bahn­sta­ti­on mit ein paar Häu­sern und Gär­ten, von Wäl­dern um­ge­ben. Bis zu die­sem Zeit­punkt hat­ten kei­ne Ju­den dort ge­wohnt. Mein Mann ar­bei­te­te in ei­ner Le­der­ger­be­rei als zwei­ter In­ge­nieur, ich selbst fand eine Stel­le in ei­nem Ko­o­pe­ra­tiv-La­den für Näh­ma­schi­nen. Es ging uns nicht schlecht, wir hat­ten noch Le­bens­mit­tel aus der gu­ten Zeit. Un­ser Kin­der­mäd­chen Nani war mit uns nach Po­nar ge­kom­men und ar­bei­te­te für uns wie frü­her. Aus den Wäl­dern hör­te man im­mer Ge­räu­sche. Die Nach­barn er­zähl­ten, dass die Ru­ssen dort Betonbehälter für Brenn­ma­te­ri­al bau­ten.

Die Idyl­le dau­er­te bis zum 22. Juni 1941. Die­sen Tag wer­de ich nie­mals ver­ges­sen. Ich hat­te die ge­sam­te Be­leg­schaft der Ger­be­rei zum Mit­tag­es­sen ein­ge­la­den. Sie soll­ten um 13 Uhr mit dem Zug an­kom­men. In der Woh­nung war Hek­tik, man koch­te, briet und back­te. Ja­scha, mein Mann, stell­te Ti­sche auf die Ter­ras­se, ne­ben­bei hör­te er auch Ra­dio, es war zehn Mi­nu­ten vor Zwölf. Er kam zu mir und sag­te, dass ich um Punkt 12 Uhr auf die Ter­ras­se kom­men sol­le, weil eine wich­ti­ge Mel­dung durch­ge­ge­ben wer­de soll­te. Dann war es zwölf Uhr. Wir stan­den alle auf der Ter­ras­se und hör­ten die Mel­dung:

»Ach­tung, Ach­tung, hier spricht Mo­lo­tow. Heu­te Vor­mit­tag ha­ben die Deut­schen uns an­ge­grif­fen. Der Krieg zwi­schen der Sow­jet­­uni­on und Deutsch­land ist aus­ge­bro­chen.«

Plötz­lich hör­ten wir den ers­ten Auf­prall ei­ner Bom­be, die in un­se­rer Nähe ex­plo­dier­te. Die Fens­ter­schei­ben gin­gen zu Bruch. Dann wie­der eine Ex­plo­si­on. Der Tun­nel von Po­nar wur­de bom­bar­diert. Wir wa­ren wie ver­stei­nert. Dann lie­fen wir rasch in den Kar­tof­fel­kel­ler und ver­steck­ten uns dort. Nach ei­ner Wei­le wur­de es ru­hi­ger und wir gin­gen hi­naus auf die Stra­ße. Dort be­geg­ne­ten wir Leu­ten, die of­fen­bar die Mel­dung im Ra­dio nicht ge­hört hat­ten. Sie hat­ten ge­dacht, es han­de­le sich um Militärübungen. Doch schon am nächs­ten Mor­gen sa­hen wir auf der Stra­ße hin­ter un­se­rem Haus deut­sche Sol­da­ten auf Mo­tor­rä­dern, Mi­li­tär­fahr­zeu­gen und auch Pan­zer.

Kurz vor dem Ein­marsch der Deut­schen hat­ten wir in Po­nar ei­nen An­ge­stell­ten der NKWD ken­nen­ge­lernt. Der Ab­stam­mung nach war er Jude, aber er war mit ei­ner Chris­tin ver­hei­ra­tet. Er pfleg­te die jü­di­schen Fa­mi­li­en zu be­su­chen und hat­te uns da­bei nicht aus­ge­schlos­sen. Die Wahr­heit ist, dass wir da­von nicht be­geis­tert wa­ren. Die gan­ze Zeit führ­ten die Ru­ssen Ko­lon­nen von Häft­lin­gen durch Po­nar nach Russ­land. Eine Ko­lon­ne hat­te sich bei uns auf dem Bahn­hof auf­ge­hal­ten, und wir eil­ten dort­hin, um den Ge­fan­ge­nen zu hel­fen. Sie ba­ten um Was­ser, und wir reich­ten es ih­nen. Das hat­te dem An­ge­stell­ten der NKWD nicht ge­fal­len. Er fand, wir soll­ten den »Ku­la­ken« nicht hel­fen. Die­se Leu­te wur­den zur Zwangs­ar­beit nach Russ­land trans­por­tiert, und wir wa­ren seit die­sem Zwi­schen­fall über­zeugt, dass er auch bei uns nach »Ku­la­ken« such­te, um sie zu ver­schlep­pen.

An dem Sonn­tag, als der Krieg an­fing, kam er zu uns und bot uns an, mit ihm zu flie­hen. Er sag­te, dass ihm ein Auto zur Ver­fü­gung stün­de, wir soll­ten kei­ne Zeit ver­lie­ren, schnell un­se­re Sa­chen pa­cken und mit ihm ge­hen. Wir be­dank­ten uns bei ihm, doch auf sei­nen Vor­schlag gin­gen wir nicht ein. Da­mals konn­ten wir uns nicht vor­stel­len, dass man al­les zu­rück­las­sen kann, dass wir un­se­re Fa­mi­lie, die sich in Wil­na be­fand, zu­rück­las­sen könn­ten, ohne uns von ih­nen zu ver­ab­schie­den. Mit die­sem Ge­dan­ken konn­ten wir uns nicht ab­fin­den.

In Po­nar wohn­ten noch zwei an­de­re jü­di­sche Fa­mi­li­en. Fa­mi­lie Man­del­baum – ein rei­cher Kauf­mann aus Wil­na mit Frau und Toch­ter – und ein zwei­tes Ehe­paar, etwa fünf­zig Jah­re alt, aus Li­tau­en: Fa­mi­lie Pa­nis. Sie zit­ter­ten vor Angst, denn sie wussten nicht, wo sie ihr Gold und ih­ren Schmuck ver­ste­cken soll­ten. Bald zog das Ehe­paar Pa­nis zu uns. Am drit­ten Tag des Krie­ges hör­ten wir vom Wald, der hin­ter un­se­rem Haus lag, Ma­schi­nen­ge­wehr­sal­ven. Doch wir wussten nicht, was es zu be­deu­ten hat­te. Die Nach­barn er­zähl­ten uns, dass dort Ju­den hin­ge­rich­tet würden. Aber das konn­ten wir nicht glau­ben, wir dach­ten, dass es an­ti­se­mi­ti­sche Äu­ße­run­gen sei­en.

Das täg­li­che Le­ben hat­te sich wie­der et­was nor­ma­li­siert; Brot konn­te man schon wie­der kau­fen. Ich trau­te mich auf die Stra­ße und reih­te mich in die War­te­schlan­ge ein, um ei­nen Laib Brot zu be­kom­men. Zu mei­nem Ent­set­zen sah ich gan­ze Ko­lon­nen von Men­schen, ein paar Hun­dert an der Zahl, die an uns vor­bei­ge­trie­ben wur­den. Vor­ne gin­gen die Jun­gen, die noch im­stan­de wa­ren zu ge­hen, hin­ter ih­nen Alte, Be­hin­der­te und Kran­ke. Ich ver­such­te in den Men­schen­ko­lon­nen Leu­te zu fin­den, die ich viel­leicht kann­te, doch mei­ne Au­gen wa­ren so blind von Trä­nen, dass ich nie­mand er­ken­nen konn­te. Jetzt wusste ich, dass mei­ne Nach­barn die Wahr­heit ge­spro­chen hat­ten. Ich eil­te nach Hau­se, zog die Rolllä­den he­run­ter und schrie Josch­ka, mei­nem Mann, zu: »Ver­ste­cke dich, man schießt Ju­den nie­der!«

Ge­gen­über un­se­res Hau­ses stand eine Vil­la, die von Deut­schen be­setzt war. Wir konn­ten se­hen, wie man dort Men­schen jü­di­scher Ab­stam­mung hineinführte. Je­der be­kam eine Schau­fel in die Hand, und zwei Po­li­zis­ten trie­ben sie auf den Wald zu. Eine vier­tel Stun­de spä­ter hör­te man schon Schüs­se. Die Kin­der klet­ter­ten auf die Bäu­me, da­mit sie bes­ser se­hen konn­ten. Man er­zähl­te uns, dass dort von etwa zwan­zig Men­schen Grä­ber ge­schau­felt würden. Sie schau­fel­ten ihr ei­ge­nes Grab. Wir zähl­ten die Schusssalven und wa­ren schon bei der 15. Sal­ve an­ge­kom­men. Das be­deu­te­te, dass be­reits 300 Men­schen dort nie­der­ge­schos­sen wor­den wa­ren.

Vier Näch­te wa­ren wir mit dem Ein­gra­ben und Ver­ste­cken von wert­vol­len Sa­chen be­schäf­tigt, als die Nach­richt durch­kam, dass wir Schmuck, Geld, Gold, Rund­funk­ge­rä­te, Fahr­rä­der und Pro­vi­ant bei der deut­schen Kom­man­dan­tur ab­ge­ben müssten.

Gan­ze Näch­te ha­ben wir ge­gra­ben, um un­se­re wert­vol­len Sa­chen zu ver­ste­cken, doch all­mäh­lich wur­de uns be­wusst, dass das über­haupt nicht so wich­tig war. Nun kam es nur noch dar­auf an, über­haupt am Le­ben zu blei­ben. Wir mussten er­ken­nen, dass un­schul­di­ge Men­schen ums Le­ben ge­bracht wur­den, de­ren ein­zi­ges Ver­ge­hen es war, Jude zu sein. Mit die­sem Ge­dan­ken zu le­ben war sehr schwer. Wir trös­te­ten uns da­mit, dass al­les ein bö­ser Traum sei, der bald zu Ende ge­hen wür­de.

Aber der Wahr­heit mussten wir doch ins Auge se­hen, und uns wur­de klar, dass die Gräu­el­ta­ten im Wald be­kannt wer­den mussten, da­mit die Ju­den in Wil­na er­fuh­ren, dass sie nicht zur Ar­beit geführt wur­den, son­dern in den Tod.

Uns war es zu­nächst wich­tig, für die Män­ner, Ja­scha und Herrn Pa­nis, ein Ver­steck zu schaf­fen. Wir stell­ten eine gro­ße Kis­te in den Kel­ler und deck­ten sie von al­len Sei­ten mit Kar­tof­feln zu. Für die Atem­luft gab es ei­nen gro­ßen Be­häl­ter, von dem ein Schlauch an ei­ner ver­steck­ten Stel­le herausführte. So wa­ren die bei­den ge­schützt und konn­ten at­men.

Eine gan­ze Kom­pa­nie Li­tau­er kam ins Dorf. Sie stan­den un­ter dem Be­fehl ei­nes Man­nes na­mens Ko­siok. Schon sei­nem Ge­sicht sah man den Ver­bre­cher an. Die Auf­ga­be der Li­tau­er war es, die Grä­ber im Wald mit Sand zuzuschütten und die Klei­dung der To­ten zu sam­meln und mit­zu­neh­men. Abend für Abend lu­den sie Klei­dungs­stü­cke auf ei­nen Wa­gen und fuh­ren die­se an ei­nen un­be­kann­ten Ort. Da­nach be­sof­fen sie sich jede Nacht, man hör­te ihre Stim­men über­all im Dorf. So­gar die Go­jim – die Nicht­ju­den – hat­ten Angst vor Ko­siok und sei­nen Leu­ten. Je­den Tag kam Ko­siok und frag­te nach mei­nem Mann. Ich er­zähl­te ihm, dass er in Wil­na ar­bei­tet. Er ging über­all durchs Haus, schau­te sich um und nahm sich, was ihm ge­fiel. Er er­zählte mir, dass er vor­hät­te zu hei­ra­ten, und zwar das schöns­te Mäd­chen im Dorf. Er wünsch­te, dass ich das Braut­kleid für sie her­rich­te­te und auch Schu­he und Ohr­rin­ge her­bei­schaff­te. Wenn das nicht ge­sche­he, woll­te er mei­nen Mann und Herrn Pa­nis aus­fin­dig ma­chen und mein­te, ich könn­te mir dann den­ken, was mit ih­nen pas­sie­ren wür­de. Schlecht und bit­ter war mir zu­mu­te, mein Herz häm­mer­te – was konn­te ich nur tun? Wo fand ich ein Kleid für die Braut? Mit Mühe und Not konn­te ich ein Kleid auf­trei­ben, al­ler­dings nicht in Weiß, auch Schu­he und Ohr­rin­ge fan­den sich.

Es war Schab­bes; ich saß und war­te­te wie ge­lähmt. Dann trug ich den Män­nern das Es­sen in den Kel­ler. Ich riet ih­nen, sich ein an­de­res Ver­steck zu su­chen, ich hat­te das Ge­fühl, dass Ko­siok über ihr Ver­steck Be­scheid wusste. Ich war­te­te, und es gin­gen Stun­den über Stun­den vor­rüber und Ko­siok kam nicht. Auf ein­mal kam un­se­re Ver­mie­te­rin ge­lau­fen und schrie auf pol­nisch: »Kara Bos­ka! (Got­tes Stra­fe) Die schö­ne Braut ist heu­te nacht im Bach er­trun­ken! Sie ist mit ih­ren Freun­din­nen zum Ufer ge­gan­gen und da ist es pas­siert.«

Es schien fast wie ein Wun­der, da der Bach gar nicht so tief war. Wir fan­den, dass dies ein gu­tes Omen war, und hoff­ten, dass Ko­siok uns un­ter die­sen Um­stän­den ein paar Tage in Ruhe las­sen wür­de. Wie eine Kö­ni­gin wur­de die Braut be­stat­tet.

Ich hat­te mich in­zwi­schen an das Un­glaub­li­che un­se­rer Lage ge­wöhnt und ver­such­te, mich in ihr zu­recht­zu­fin­den. Ich be­schloss, mich nach Wil­na zu wa­gen und mich nach mei­ner Fa­mi­lie dort um­zu­se­hen. Am nächs­ten Mor­gen stand ich ganz früh auf. Um mich so un­kennt­lich wie mög­lich zu ma­chen, band ich mein Haar mit ei­nem Kopf­tuch zu­sam­men und mach­te mich auf den Weg. Von Po­nar nach Wil­na sind es etwa zehn Ki­lo­me­ter. Die Stra­ßen wa­ren vol­ler deut­scher Sol­da­ten. Ein deut­scher Mo­tor­rad­fah­rer fuhr so dicht an mir vor­bei, dass er mich fast über­fuhr. Ich be­kam ei­nen furcht­ba­ren Schre­cken und mir ent­fuhr eine Ver­wün­schung: »Ein schnel­ler Tod soll ihn er­ei­len!«

In die­sem Au­gen­blick stürz­te der Mo­tor­rad­fah­rer und war auf der Stel­le tot. Ich ging schnel­ler und schau­te mich nicht um – ich hat­te Angst, dass man mich ein­ho­len und be­schul­di­gen wür­de, an sei­nem Un­fall schuld zu sein.

Der Weg war lang und an­stren­gend. Als ich mor­gens in der Stadt an­kam, ging ich so­fort zur Woh­nung mei­ner El­tern. Sie wohn­ten da­mals in der Ignatova-Straße. In der Woh­nung fand ich nur mei­ne Mut­ter und Frau Bak, die Mut­ter des Ehe­man­nes mei­ner Schwes­ter. Bei­de Frau­en sa­hen um zwan­zig Jah­re ge­al­tert aus. Mei­ne ers­te Fra­ge war: »Wo sind die Män­ner?« Sie ant­wor­te­ten, dass die Män­ner nicht weit von Po­nar ar­bei­te­ten. Da konn­te ich nicht mehr, ich fing an zu wei­nen. Und ich er­zähl­te, was in Po­nar vor sich ging. Wenn die Män­ner wirk­lich noch ein­mal von Po­nar zu­rück­kä­men, so soll­ten sie sich schnell ver­ste­cken. Als sie das ge­hört hat­ten, fin­gen sie bit­ter­lich an zu wei­nen. Da­mals wusste ich noch nicht, dass bei­de Män­ner zu die­sem Zeit­punkt schon nicht mehr am Le­ben wa­ren.

Mei­ne Mut­ter um­arm­te mich und sag­te: »Be­ru­hi­ge Dich, mein Kind, es wird al­les gut!« Sie woll­te nicht zu­las­sen, dass ich zu mei­ner Schwes­ter ging. Sie wies mich an, nach Hau­se zu ge­hen und mich um mei­nen Mann und mein Kind zu küm­mern. Und so bin ich nach Po­nar zu­rück­ge­kehrt.

Täg­lich hör­te man Schüs­se auf den Stra­ßen. Ju­den wur­den er­bar­mungs­los zu­sam­men­ge­schos­sen. Täg­lich er­gin­gen neue Be­feh­le, die Ju­den zu ver­fol­gen. Ein deut­scher Po­li­zist kam in un­se­re Woh­nung und sah zu­fäl­lig un­ser Ra­dio­ge­rät auf dem Tisch ste­hen. Wü­tend schrie er uns an. Ich nahm so­fort das Ge­rät und leg­te es in den Pup­pen­wa­gen mei­ner Toch­ter. Ich sag­te: »Das Ding ist schon lan­ge ka­putt, das Kind spielt nur da­mit.«

Je­der Tag, der vor­bei­ging, brach­te uns Angst und Schre­cken. Mein Rü­cken schmerz­te vom täg­li­chen Beu­gen über die Kar­tof­fel­kis­te und beim Neu­ord­nen der Kar­tof­feln dar­um he­rum.

Nani, un­se­re Kin­der­frau, nahm aus un­se­rem Pro­vi­ant täg­lich mit, was ihr ge­fiel, als ob es schon ihr ge­hör­te. Wie kann sich ein Mensch so än­dern? Im­mer war sie die Lie­be in Per­son gewesen – und jetzt? Ei­nes Mor­gens sag­te un­se­re Ver­mie­te­rin, dass die Deut­schen auch die An­ge­stell­ten von Ju­den ver­folg­ten, sie müsste sich auf das Schlimms­te ge­fasst ma­chen. Am glei­chen Tag noch war Nani ohne Wie­der­kehr ver­schwunden.

Die Tage wur­den im­mer schreck­li­cher. Man er­zähl­te, dass alle Ju­den ins Ghet­to ge­trie­ben wer­den soll­ten. Wir hoff­ten, dass das Schie­ßen nun ein­mal auf­hö­ren wür­de, aber es wur­de mehr und mehr. Un­se­re Rolllä­den wa­ren schon lan­ge fest ge­schlos­sen, aber die Schreie von Frau­en und Kin­dern wur­den stär­ker und stär­ker, sie dran­gen uns durch Mark und Bein. Es kam uns vor, als ob es in Wil­na gar kei­ne Ju­den mehr ge­ben könn­te. Die Leu­te er­zähl­ten, dass man Jung und Alt zum Tode führ­te, dass die Kin­der bei le­ben­di­gem Lei­be mit den Al­ten be­gra­ben würden, dass auch Nicht­ju­den und so­gar Geist­li­che bru­tal er­mor­det würden.

Es war bit­ter und fins­ter in un­se­ren Her­zen. Un­se­re Trä­nen wa­ren schon aus­ge­trock­net, wir schau­ten uns ge­gen­sei­tig an und konn­ten es nicht fas­sen. Leb­ten wir denn in ei­nem Schlacht­haus? Und trotz al­lem, was uns Tag für Tag be­geg­ne­te, ver­ließ uns die Hoff­nung nicht. Ei­nes Ta­ges – bald – wür­de das al­les vor­bei sein und wie ein bö­ser Traum en­den.


Die Geschichte von Tante Jannina

Wer ist Tan­te Jan­ni­na? Von ihr muss jetzt er­zählt wer­den.

Jan­ni­na war die Schwes­ter mei­nes Va­ters. Un­ser Opa – der Va­ter mei­nes Va­ters – leb­te in ei­nem Dorf, wo er ei­nen Hof ge­pach­tet hat­te. Alle sei­ne Söh­ne schick­te er nach Wil­na, da­mit sie dort stu­die­ren konn­ten. Die äl­tes­te Toch­ter wan­der­te in die USA aus. Die kleins­te, Cha­na­le, blieb zu Hau­se, ihr Va­ter sorg­te für sie, lehr­te sie die jü­di­schen Ge­be­te zu le­sen und jü­disch zu be­ten. Ihre Freun­de und Freun­din­nen wa­ren al­ler­dings Chris­ten­kin­der. Mit ih­nen spiel­te sie in Wald und Feld. Gott hat­te ihr ein schö­nes Ge­sicht und eine schö­ne Stim­me be­schert, sie sang und tanz­te wun­der­schön. Der reichs­te Mann im Dorf, der die größ­ten Äcker ge­pach­tet hat­te, fand Ge­fal­len an ihr und lock­te sie oft mit Sü­ßig­kei­ten und Ge­schen­ken in sein Haus. Ei­nes Ta­ges war Cha­na­le ver­schwun­den. Man such­te sie über­all und glaub­te schließ­lich, sie sei im Teich er­trun­ken oder im Wald ver­schwun­den.

In Wahr­heit aber hat­te der Päch­ter sie ent­führt und in das Be­ne­dik­ti­ne­rin­nen-Klos­ter von Wil­na ge­bracht. Dort wur­de sie ge­tauft und be­kam den Na­men Jan­ni­na. Neun Jah­re ver­gin­gen, da be­geg­ne­te mein Va­ter ei­ner Schar jun­ger Mäd­chen, ei­ner Schul­klas­se in lan­gen schwar­zen Klei­dern, die von Non­nen vorbeigeführt wur­de. Er dach­te: »Sol­che hüb­schen Mäd­chen sol­len Non­nen wer­den?« Er schau­te sie auf­merk­sam an und merk­te, dass auf ein­mal ein Mäd­chen aus der Grup­pe ins Klos­ter zu­rück­lief. In die­sem Au­gen­blick er­kann­te er sei­ne Schwes­ter und schrie: »Cha­na­le, Cha­na­le!« Aber sie ver­schwand im Klos­ter. Da­mals war sie schon in der ach­ten Klas­se des Gym­na­si­ums und be­such­te gleich­zei­tig das Kon­ser­va­to­ri­um.

Die­se Be­geg­nung be­un­ru­hig­te mei­nen Va­ter sehr. Er fuhr zu Opa ins Dorf und er­zähl­te ihm, was er er­lebt hat­te. Da­nach fuhr Opa ins Klos­ter, aber dort stritt man al­les ab. Er ging so­gar mit der Po­li­zei hin, aber das war auch um­sonst. In den Lis­ten, die man ihm zeig­te, wur­de sie un­ter ei­nem an­de­ren – ad­li­gen – Na­men geführt. Man be­rich­te­te uns, dass sie an dem Tag, als mein Va­ter sie er­kann­te, zu ei­ner rei­chen ade­li­gen Fa­mi­lie in Kaf­kas ver­bracht wor­den war. Es war die Fa­mi­lie des Guts­be­sit­zers aus un­se­rem Dorf. Sie hei­ra­te­te dort ei­nen In­ge­nieur aus die­ser Fa­mi­lie, der bei Öl­boh­run­gen ar­bei­te­te. Er war viel äl­ter als sie und ein ed­ler, an­stän­di­ger Mann.

Auch sie hat­te ein trau­ri­ges Schick­sal. Wäh­rend der rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on, als sie schon Mut­ter von drei Söh­nen war, sperr­te man alle Aris­to­kra­ten ein, da­bei auch ih­ren Mann. Sie blieb mit den Kin­dern al­lein zu­rück. Doch sie war eine un­er­schro­cke­ne Frau und es ge­lang ihr schließ­lich, ih­ren Mann zu be­frei­en. Sie kauf­te ihn mit ih­rem wert­vol­len Schmuck frei. Mit der Ei­sen­bahn flüch­te­ten sie von Ort zu Ort. Eine Ty­phus-Epi­de­mie nahm ih­nen ihre drei Söh­ne. Nach vie­len Irr­we­gen er­reich­ten sie schließ­lich Kow­na in Li­tau­en. Dort konn­ten sie sich nie­der­las­sen; ihr Mann be­kam eine gute Stel­lung, sie konn­ten eine Zeit­ lang ein nor­ma­les Le­ben füh­ren und sie be­wohn­ten ein schö­nes Haus.

Die Sehn­sucht, ihre Fa­mi­lie wie­der­zu­fin­den war groß, aber Kow­na und Wil­na wa­ren durch eine »ei­ser­ne« Gren­ze ge­trennt.

Auf ei­ner Rei­se nach Pa­ris lern­te sie ei­nen Pries­ter ken­nen, der ein Freund der Ju­den war. Sie zeig­te ihm Fo­tos aus ih­rer Kind­heit. Auf ei­nem die­ser Bil­der war mein Va­ter in ei­ner Werk­statt für Tex­til­ma­schi­nen ab­ge­bil­det. Zu ihm kam ei­nes Ta­ges der Pries­ter in die Werk­statt. Er be­frag­te ihn über sei­ne Fa­mi­lie und er er­zähl­te ihm von sei­ner ver­schol­le­nen Schwes­ter Cha­na­le, die jetzt in Kow­na woh­ne und ver­such­te, et­was über ihre Fa­mi­lie zu er­fah­ren. Da­mals war sie wie­der Mut­ter ei­nes Soh­nes, den sie in Kow­no ge­bo­ren hat­te. Mein Va­ter war vol­ler Freu­de, auf die­se Wei­se wie­der eine Spur von sei­ner Schwes­ter er­hal­ten zu ha­ben. Er er­zähl­te dem Pries­ter al­les über sei­ne Fa­mi­lie. Wir Kin­der er­fuh­ren nichts von die­sen Tat­sa­chen, aber un­se­re Mut­ter war ge­nau in­for­miert.

Da­mals wa­ren wir in un­se­rer Som­mer­woh­nung, nicht weit von Wil­na ent­fernt. Un­ser Opa wohn­te bei uns, alle sei­ne Kin­der au­ßer mei­nem Va­ter wa­ren nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert. Va­ter er­zähl­te uns, dass eine Ju­gend­freun­din zu uns auf Be­such ge­kom­men sei. Frei­tags um fünf Uhr er­schie­nen mei­ne El­tern in Be­glei­tung ei­ner ele­gan­ten Frau. Ih­ren Sohn hat­te sie bei dem be­­­freun­de­ten Pries­ter zu­rück­ge­las­sen. Al­les war für den Sab­bath vor­be­rei­tet. Auf dem Tisch lag eine wei­ße Sab­bath­de­cke, die Sab­bath­ker­zen brann­ten, die Cha­lot (zwei geflochtene Hefeweißbrote) wa­ren mit ei­nem wei­ßen Tuch be­deckt, und, nicht zu ver­ges­sen, da stand der Wein zum Kid­dusch2, dem Sab­bath­se­gen. Al­les war­te­te auf Opa. End­lich kam er aus der ­Syn­ago­ge.

Al­les saß um den Tisch he­rum, Jan­ni­na zwi­schen uns, sie war wie ver­stei­nert. Sie be­obach­te­te ih­ren Va­ter und konn­te sich kaum zu­rück­hal­ten. Opa war mit dem Ri­tu­al be­schäf­tigt und schau­te gar nicht in ihre Rich­tung. Auf ein­mal hör­ten wir, wie un­ser Gast bit­ter­lich wein­te. Opa wand­te sich ihr zu und frag­te: »Wa­rum wei­nen Sie denn?«

Da stand sie plötz­lich auf, knie­te vor ihm nie­der und sag­te auf pol­nisch im­mer wie­der: »Va­ter, ver­zei­he mir!« Ihre Mut­ter­spra­che Jid­disch hat sie in­zwi­schen ver­ges­sen.

Opa war wie ver­stei­nert. Er hat­te Trä­nen in den Au­gen, leg­te sei­ne Hän­de auf ih­ren Kopf und sag­te: »Mein Kind, ich ver­zei­he Dir! Al­les das, was ge­sche­hen ist, war nicht dei­ne Schuld. Gott wird Dir ver­zei­hen, ich habe es schon ge­tan. Das war Schick­sal. Dich trifft kei­ne Schuld. Böse Men­schen ha­ben das auf ih­rem Ge­wis­sen. Du warst da­mals noch ein Kind.«

Jetzt hat­ten wir al­les be­grif­fen, und von die­sem Mo­ment an war die Ver­bin­dung zwi­schen uns und Jan­ni­na wie­der her­ge­stellt. Sie be­such­te uns dann noch drei­mal; beim drit­ten Mal war un­ser Opa nicht mehr am Le­ben, er starb im Al­ter von 90 Jah­ren. Sein Tod hat uns sehr mit­ge­nom­men. Jan­ni­na be­tei­lig­te sich an der Er­rich­tung sei­nes Grab­steins.

1939 brach der Krieg aus, und1940 über­ga­ben die Ru­ssen Wil­na den Li­tau­ern. Da­mals ver­kauf­te Jan­ni­na ihr Haus in Kow­na und über­sie­del­te nach Wil­na. Dort wohn­te sie mit ih­rer Fa­mi­lie in der Schwurzinaistraße. Ihr ein­zi­ger Wunsch war nun, in der Nähe ih­rer Fa­mi­lie zu sein.

Ei­nes Ta­ges kam sie nach Po­nar und be­such­te uns. Sie bat uns, un­se­re Toch­ter Ta­mar in ihre Ob­hut zu ge­ben. Sie mein­te, dass wir es ohne das klei­ne Mäd­chen leich­ter ha­ben würden da­von­zu­kom­men.

Um es uns leich­ter zu ma­chen, er­zähl­te sie von ih­ren ei­ge­nen Schick­sals­schlä­gen, vor al­lem, wie sie ihre drei Söh­ne ver­lo­ren hat­te. Es fiel uns sehr schwer, eine Ent­schei­dung zu tref­fen; wir glaub­ten, dass wir uns nicht von un­se­rem Kind tren­nen könn­ten, aber der Ver­stand sag­te uns, dass Tan­te Jan­ni­na recht hat­te. Sie nahm Ta­mar mit. Am nächs­ten Tag schick­te sie eine Kut­sche, um Ta­mars rest­li­che Sa­chen ab­zu­ho­len. Wir ver­such­ten un­se­rer Toch­ter ein­zu­prä­gen, dass sie jetzt den Na­men Te­re­sa hat­te und dass ihre Mut­ter jetzt Jad­wi­ga und ihr Va­ter Jo­seph Schar­win­ski hie­ßen.


Fluchtversuche

Nach ein paar Ta­gen kam un­se­re Nach­ba­rin zu uns. Sie er­zähl­te, dass wir noch in die­ser Nacht ab­ge­holt wer­den soll­ten; sie hat­te es aus ei­ner zu­ver­läs­si­gen Quel­le. Auch die Ju­den aus Land­a­ro­wa soll­ten ab­ge­holt und wir soll­ten alle hin­ge­rich­tet wer­den, da an­geb­lich im Ghet­to kein Platz mehr für uns sei.

Die Fa­mi­lie Pa­nis war bei uns. Wir be­dank­ten uns bei den Nach­barn und ba­ten sie, auch die Fa­mi­lie Man­del­baum zu be­nach­rich­ti­gen. Wo­hin soll­ten wir ge­hen? Wir wa­ren ver­zwei­felt. Un­se­re Ver­mie­te­rin rich­te­te für uns zwei Ruck­sä­cke mit Pro­vi­ant und war­men De­cken her; auch Pa­nis‘ soll­ten das glei­che tun. Sie er­klär­te uns, dass hin­ter dem »Hin­rich­tungswald« ein wei­te­res Wald­ge­biet läge, in dem ein Förs­ter woh­ne, den sie ken­ne. Zu ihm könn­ten wir ge­hen. Wenn wir ihn mit Wert­sa­chen be­ste­chen könn­ten, wür­de er uns be­hilf­lich sein. Sie war be­reit, uns den Weg zu zei­gen. Ein­zeln gin­gen wir hin­ter­ei­nan­der her. Die Män­ner tru­gen die Ruck­sä­cke. Es nie­sel­te und die Stra­ße war fins­ter, wir konn­ten nur eben das Kopf­tuch der Nach­ba­rin er­ken­nen. Wir mussten den Bahn­hof von Po­nar über­que­ren, schli­chen am Haus des To­des­kom­man­dos vor­bei und auch am Haus des deut­schen Be­fehls­ha­bers. Es war ein gro­ßes Ri­si­ko, aber der Wil­le zu über­le­ben be­sieg­te die Angst. Der Re­gen wur­de stär­ker. Es wa­ren kei­ne Leu­te auf der Stra­ße. Seit zwei Stun­den wa­ren wir un­ter­wegs – es kam uns vor wie eine Ewig­keit.

Am Ein­gang zum Wald ver­ließ uns Frau Ka­schio­zo­wa. Es soll­ten noch etwa fünf Ki­lo­me­ter bis zum Haus des Förs­ters sein. Ohne ei­nen Laut ver­ab­schie­de­ten wir uns und gin­gen wei­ter. Es ging sehr lang­sam vo­ran, und wir be­schlos­sen, uns ei­nen Rast­platz zu su­chen und bis zum Mor­gen zu war­ten. Wir fan­den ei­nen ei­ni­ger­ma­ßen tro­cke­nen Platz und leg­ten uns dicht an­ei­nan­der, zu­ge­deckt mit De­cken war­te­ten wir bis zum Mor­gen­grau­en. End­lich wurde es hell. Wir hör­ten Stim­men und es wur­de uns klar, dass wir im­mer noch ganz in der Nähe un­se­res Wohn­or­tes wa­ren. Wir mussten ein­se­hen, dass wir uns ver­lau­fen hat­ten. Wir ver­such­ten nun, tie­fer in den Wald hi­nein­zu­ge­hen – kein Haus war weit und breit zu se­hen. Wir hat­ten schließ­lich Durst und fan­den in un­se­ren Ruck­sä­cken so­gar Was­ser. Auch eine Schau­fel hat­te uns Frau Ka­schio­zo­wa in den Ruck­sack ge­legt. Vor ei­nem Hü­gel fin­gen die Män­ner an zu gra­ben, da­mit wir Schutz vor Re­gen und Sturm fän­den. Da­nach konn­ten wir uns et­was vor dem Wet­ter schüt­zen. Pro­vi­ant hat­ten wir noch für drei Tage.

Am drit­ten Tag sa­hen wir ein, dass wir so nicht wei­ter exi­stie­­ren konn­ten. Mei­nem Mann fiel ein, dass ne­ben un­se­rem Haus ein Roh­bau stand, des­sen Tür- und Fens­ter­öff­nun­gen mit Bret­tern ver­na­gelt wa­ren. Dort wä­ren wir, so sag­te er, bes­ser vor dem Wet­ter ge­schützt und könn­ten uns nachts in un­ser Haus schlei­chen und uns mit Es­sen ver­sor­gen. Auch hoff­ten wir auf Hil­fe von Frau Ka­schio­zo­wa.

Es dau­er­te 24 Stun­den, bis wir wie­der in Po­nar an­ka­men, da wir uns nur nachts be­we­gen konn­ten. Wir hat­ten die Idee, ich soll­te zu Tan­te Jan­ni­na ge­hen, die wür­de für mei­nen Mann ein bes­se­res Ver­steck fin­den. In der Nacht könn­te ich ihn aus dem Haus schaf­fen. Die an­de­ren hat­ten auch ei­nen Plan: für Geld und Schmuck soll­ten die Nach­barn ein Ver­steck für sie fin­den.

All­mäh­lich war uns al­les gleich­gül­tig. Die Nacht war sehr klar, aber wir gin­gen trotz­dem – wir hat­ten kei­ne Wahl. End­lich ka­men wir an, wir zo­gen ein paar Bret­ter zur Sei­te und wa­ren end­lich in dem lee­ren Haus, wo wir bis zum Mor­gen blie­ben. Früh am Mor­gen ge­gen 6 Uhr ging ich zur Nach­ba­rin. Sie er­schrak sehr, als sie mich sah.

»Lauft weg, nach euch wird ge­fahn­det! Heu­te Nacht sind wel­che ge­kom­men und ha­ben nach euch ge­fragt. Un­ser Haus ha­ben sie auch be­schlag­nahmt und sie be­schul­di­gen uns, euch ver­steckt zu hal­ten.«

Ich er­zähl­te ihr, dass wir im Haus ne­ben­an sei­en, und dass ich nach Wil­na zu mei­ner Tan­te ge­hen woll­te, um sie zu bit­ten, uns ein Ver­steck zu ver­schaf­fen. Ich bat sie, bis zu mei­ner Rück­kehr auf das Haus zu ach­ten. Sie hat­te Mit­leid mit mir; sie gab mir ein Glas Milch und ver­sprach, nach Kräf­ten zu hel­fen. Es dürf­te nur nicht zu lan­ge dau­ern, da­mit ihre Fa­mi­lie nicht in Ge­fahr käme.


Im Kloster ist kein Platz für Männer

Ich zog ein Kopf­tuch an und mach­te mich auf den Weg nach Wil­na. Der Weg zog sich in die Län­ge. Ich hat­te Angst vor je­dem, der mir be­geg­ne­te, Angst, dass man mich als Jü­din er­kann­te. Ich ging zur Woh­nung der Tan­te und hat­te wie­der Angst, dass ich mei­ner Toch­ter be­geg­nen wür­de und, dass wir uns bei der Be­geg­nung nicht be­herr­schen könn­ten.

Zu mei­nem gro­ßen Glück kam die Tan­te ge­ra­de aus dem Haus. Sie er­schrak, als sie mich sah, und bat mich, drau­ßen zu war­ten. Sie ging ins Haus zu­rück und brach­te zu­erst mei­ne Toch­ter zur Nach­ba­rin, da­mit wir uns auf kei­nen Fall be­geg­ne­ten.

Im Haus er­zähl­te ich Jan­ni­na zu­erst, was wir al­les durch­ge­macht hat­ten. Sie be­rich­te­te da­ge­gen, dass sie mei­ne Schwes­ter Mi­zia und ih­ren Sohn Samek im Klos­ter un­ter­ge­bracht hat­te. Sie hat­te die bei­den aus dem Ghet­to in Wil­na he­raus­ho­len kön­nen. Auch mich woll­te sie ins Klos­ter brin­gen; al­ler­dings hat­te sie für mei­nen Mann und Jo­nas, den Mann mei­ner Schwes­ter, noch kei­ne si­che­re Blei­be ge­fun­den.

Zu­nächst be­rei­te­te Jan­ni­na mir eine war­me Mahl­zeit und half mir, mich et­was hin­zu­le­gen und zu ent­span­nen. Aber das war mir un­mög­lich. Ich be­dach­te den Plan, den mein Mann sich aus­ge­dacht hat­te. Er woll­te mich im Klos­ter in Si­cher­heit brin­gen – aber das be­deu­te­te Tren­nung – und ich woll­te lie­ber mit mei­nem Mann zu­grun­de ge­hen als ihn al­lein zu las­sen. Ich lag da und wein­te, und Jan­ni­na sprach mir gut zu. Sie woll­te ver­su­chen, die Klos­ter­frau­en zu über­re­den, dass Ja­scha bei mir blei­ben dür­fe. Auch Mi­zias Ehe­mann hat­te dar­um ge­be­ten, mit ins Klos­ter kom­men zu dür­fen. Aber im Klos­ter gab es kei­nen Platz für Män­ner. Trotz­dem hoff­te Jan­ni­na, dass die gut­her­zi­gen Non­nen ihr hel­fen würden, für die Män­ner auch eine Blei­be zu schaf­fen. Am Abend mie­te­te Jan­ni­na eine Kut­sche und wir fuh­ren zum Klos­ter, das sich in der Wil­na­er Stra­ße be­fand. Wir be­tra­ten zu­erst die Kir­che. Mei­ne Tan­te wies mich an, nie­der­zu­kni­en. Sie selbst ver­schwand in den dunk­len Gän­gen. Ich blieb al­lein zu­rück. Schon schmerz­ten mei­ne Knie vom lan­gen kni­en, da be­rühr­te mich Jan­ni­na an der Schul­ter. Müh­sam er­hob ich mich und trat aus der Kir­che in die Ig­naz­gast­raße. Vor ei­nem schwe­ren Ei­sen­tor läu­te­te Jan­ni­na an ei­nem Ei­sen­kreuz, das ne­ben dem Tor hing. Eine Glo­cke er­tön­te im In­ne­ren, das Tor öff­ne­te sich und eine Non­ne stand uns ge­gen­über, ganz schwarz ge­klei­det, nur mit ei­nem wei­ßen Schal über dem Kopf. Sie nahm mei­ne Hand und führ­te mich, wäh­rend Jan­ni­na zu­rück­blieb. Wir durch­quer­ten vie­le Gän­ge: ein Gang, ein zwei­ter, drit­ter und vier­ter; Gän­ge ohne Ende, lang und dun­kel. Mir kam es vor, als ob ich nie wie­der aus die­sem La­by­rinth he­raus­fin­den wür­de. Dann stan­den wir vor ei­ner Tür, sie öff­ne­te sich und da stand Mi­­zia vor mir. Wir um­fass­ten uns und wein­ten zu­sam­men; ich merk­te nicht ein­mal, dass wir nicht al­lein bei­-ei­n­an­der wa­ren. Mi­­zias Sohn schlief ge­ra­de. Das war im Sep­tem­ber 1941.

Mei­ne Schwes­ter er­zähl­te mir, dass sie sich im Ghet­to von un­se­rer Mut­ter ge­trennt hat­te. Sie hat­te die Mut­ter ge­drängt und an­ge­fleht, mit ihr zu kom­men, aber die Mut­ter hat­te ge­ant­wor­tet: »Ihr Kin­der seid noch jung und müsst auch für eure Kin­der sor­gen und je­den Weg zur Ret­tung ver­su­chen. Ich selbst will nicht weg, ich will mit eu­rem Va­ter zu­sam­men­blei­ben.«

Nun ver­stand ich, was das be­deu­te­te: un­ser gu­ter, lie­ber Va­ter war nicht mehr am Le­ben. Nur we­ni­ge Zeit da­nach ist auch un­se­re Mut­ter ge­stor­ben.

Jetzt, wo ich die­se Zei­len schrei­be, er­hebt sich wie­der vor mir die Ge­stalt mei­ner lie­ben, barm­her­zi­gen und klu­gen Mut­ter, de­ren See­le aus den Vernichtungswäldern Po­nars zu der un­se­res Va­ters auf­stieg. So zu ster­ben hat­te sie sich in den gu­ten Jah­ren vor­her nicht vor­stel­len kön­nen.

Wir wein­ten die gan­ze Nacht. Schließ­lich ver­sieg­ten un­se­re Trä­nen. Am Mor­gen ka­men zwei Non­nen zu uns he­rein. Die äl­te­re war die Obe­rin oder Klos­ter­mut­ter, die an­de­re ihre jün­ge­re Schwes­ter, sie war sehr hübsch. Ihr Name war Schwes­ter Lisa. Sie brach­ten uns Früh­stück und woll­ten von den Er­eig­nis­sen in Po­nar hö­ren. Wie sie uns be­rich­te­ten, wur­den neu­er­dings auch vie­le christ­li­che Geist­li­che nach Po­nar zur Zwangs­ar­beit he­ran­ge­zo­gen. Sie wie­sen uns an, dass wir uns, au­ßer dem Gang zur Toi­let­te, mög­lichst nur in un­se­rem Ver­steck auf­hal­ten und dass wir auch die Nähe der Fens­ter mei­den soll­ten. Nur vier Schwes­tern wussten von un­se­rer Exis­tenz. Das wa­ren die Obe­rin Ma­tusch­ka, Schwes­ter Lu­cia, Schwes­ter Be­ne­dik­ta und Schwes­ter Mal­vi­na, die vom Ju­den- zum Chris­ten­tum über­ge­tre­ten war und nun schon seit vier­zig Jah­ren im Klos­ter leb­te. Ich er­zähl­te ih­nen von mei­nem Mann, der sich im­mer noch in dem lee­ren Haus in Po­nar in­mit­ten von Mör­dern ver­ste­cken musste. Die Schwes­tern hör­ten mit Trä­nen in den Au­gen zu und ver­lie­ßen lei­se das Zim­mer.

Mit­tag- und Abend­es­sen brach­te uns Schwes­ter Be­ne­dik­ta. Am nächs­ten Mor­gen beim Früh­stück sag­te ich Schwes­ter Be­ne­dik­ta, dass ich lei­der nicht blei­ben kön­ne. Ich be­dank­te mich für die herz­li­che Auf­nah­me im Klos­ter. Da mein Mann in so gro­ßer Ge­fahr sei, müsste ich zu ihm zu­rück. Ich hat­te mei­ne Schwes­ter und ih­ren Sohn ge­se­hen, vom Tode mei­nes Va­ters er­fah­ren und jetzt müsste ich zu­rück. Ich konn­te nicht dort schla­fen und es­sen, wäh­rend mein Mann Hun­ger litt und sich ver­ste­cken musste. Wenn wir ster­ben müssten, dann woll­ten wir zu­sam­men sein.

In der Mit­tags­zeit ka­men Ma­tusch­ka und Schwes­ter Lu­cia und über­brach­ten eine fro­he Nach­richt. Es war be­schlos­sen wor­den, dass un­se­re Män­ner auch ins Klos­ter ge­bracht wer­den soll­ten. Vol­ler Freu­de küss­ten wir den Schwes­tern die Hän­de.

Nun war zu über­le­gen, wie das zu be­werk­stel­lig­en war. Da wusste mei­ne Schwes­ter Rat. Sie hat­te ei­nen Nach­barn, ei­nen from­men Chris­ten, der uns be­hilf­lich sein konn­te. Er woll­te mit Tan­te Jan­ni­na nach Po­nar fah­ren. Sein Name war Wla­dek.

Jan­ni­na brach­te ihn zu uns, und wir mach­ten ge­mein­sam Plä­ne, wie man die Män­ner ins Klos­ter brin­gen könn­te. Herr Wla­dek soll­te am Abend mit dem Fahr­rad nach Po­nar fah­ren und bei Frau Ka­schio­zo­wa über­nach­ten. Früh am Mor­gen soll­ten sie mei­nen Mann als Bahn­ar­bei­ter ver­klei­den und mit dem Fahr­rad ins Klos­ter brin­gen. Nachts, wäh­rend der Sperr­stun­de, durf­te man nicht fah­ren.

Al­les hat­te sehr gut ge­klappt – am nächs­ten Mor­gen um 11 Uhr war mein Mann bei mir im Klos­ter. Un­se­re Be­geg­nung war für alle so rüh­rend, dass so­gar die Schwes­tern wein­ten.

Die nächs­te, viel schwie­ri­ge­re Auf­ga­be war es, den Mann mei­ner Schwes­ter her­zu­brin­gen. Das war eine gro­ße He­raus­for­de­rung. Er ar­bei­te­te in ei­nem Werk un­ter Auf­sicht der deut­schen Po­li­zei. Dort wur­den Ver­bren­nungs­stof­fe her­ge­stellt.

Er be­kam ei­nen Brief von Wla­dek, dar­in stand, er sol­le sich nach der Ar­beit im Feld ver­ste­cken und nachts ver­su­chen, ei­nen be­stimm­ten Ort im Wald zu er­rei­chen, wo Wla­dek auf ihn war­ten woll­te. Am nächs­ten Mor­gen in der Frü­he woll­ten sie ge­mein­sam ver­su­chen, das Klos­ter zu er­rei­chen. Das al­les war ein sehr ri­si­ko­rei­ches Un­ter­neh­men, aber zum Glück ging al­les gut. Für ei­nen Mann mit schwar­zem Voll­bart war es nicht ein­fach, ins Klos­ter zu ge­lan­gen. Die Stun­den, die wir war­tend ver­brach­ten, zo­gen sich sehr schwer hin – jede Mi­nu­te kam uns wie eine Ewig­keit vor. Da­mals dach­ten wir, dass es nicht schlim­mer wer­den könn­te, aber es ka­men Tage über uns, wo wir an die­se Klos­ter­zeit weh­mü­tig zu­rück­dach­ten.

Wir wohn­ten zu fünf Per­so­nen in ei­nem Zim­mer mit zwei Fens­tern, die mit Vor­hän­gen ver­hüllt wa­ren. Zwei ei­ser­ne Bet­ten stan­den dar­in. Es war ein bisschen wie eine Ka­ser­ne, aber für uns war es ein Pa­ra­dies des Frie­dens. In der Die­le be­fand sich eine Toi­let­te mit Dusch­ge­le­gen­heit, noch aus der Zeit der Be­ne­dik­ti­ner­schu­le. Der Win­ter 1941/42 war sehr kalt, und die Toi­let­te fror häu­fig zu. Ich hat­te das Amt des In­stal­la­teurs, koch­te täg­lich Was­ser auf und goss es in die Toi­let­te, so dass man sie im­mer be­nut­zen konn­te. Über­haupt hat­ten wir alle un­se­re Be­schäf­ti­gun­gen. Mein Mann und mein Schwa­ger wa­ren mit der Pfle­ge der Bib­lio­thek be­schäf­tigt. Die Bib­lio­thek des Klo­s­ters war sehr um­fang­reich, und vie­le Bü­cher wa­ren be­schä­digt. Die­se Ar­beit leis­te­ten sie gern, be­trach­te­ten sie als Un­ter­hal­tung und als Ent­gelt für den Auf­ent­halt im Klos­ter. Mei­ne Schwes­ter be­schäf­tig­te sich mit Nä­hen und flick­te die gan­ze Un­ter­wä­sche der Schwes­tern. Ich strick­te sämt­li­che Ja­cken und Pull­over der Non­nen. Die­se Ar­beit war an­ge­nehm, und wir ver­brach­ten täg­lich wohl zehn Stun­den da­mit. An den ein­sa­men Aben­den sa­ßen wir zu­sam­men und er­zähl­ten uns aus un­se­ren Er­in­ne­run­gen.

Ich er­in­ne­re mich, wie mein Mann von der Zeit er­zähl­te, die er al­lein in dem ver­las­se­nen Haus ver­bracht hat­te. Ge­gen Abend ging er stets zu Frau Ka­schio­zo­wa. Sie gab ihm Es­sen und be­rich­te­te, was al­les ge­sche­hen war. In un­se­rer Zeit in Po­nar hat­ten wir ei­nen Hund ge­habt. Beim Ver­las­sen un­se­res Hau­ses hat­ten wir ihn weg­ge­ge­ben. Ei­nes Ta­ges sah mein Mann ei­nen Hund, der ihm jau­lend ent­ge­gen­kam. Es war un­ser al­ter Hund. Im Fins­te­ren sa­ßen sie bei­de zu­sam­men und bei­de wein­ten sie. Der Hund ging ihm nach bis zum Haus von Frau Ka­schio­zo­wa und woll­te nicht von sei­ner Sei­te wei­chen. Die Frau er­schrak und sag­te, es sei zu ge­fähr­lich. Durch den Hund könn­te die Ges­ta­po auf sei­ne Spur kom­men und auch sie sei dann ge­fähr­det. So musste sie den Hund an ei­nen an­de­ren Ort brin­gen.

Samek, mein Nef­fe, leb­te in sei­ner ei­ge­nen Welt. Er mal­te und zeich­ne­te. Die Non­nen wa­ren be­geis­tert, sie ver­schaff­ten ihm Pa­pier und Far­ben. Ei­nes der Bil­der ist mir in Er­in­ne­rung ge­blie­ben: es zeigt Je­sus nicht als weh­mü­ti­gen, son­dern als zor­ni­gen Gott, vol­ler Zorn we­gen al­lem, was auf der Welt ge­schieht. Die Non­nen häng­ten die­ses Bild im Klos­ter auf. Es wirk­te nicht wie das Werk ei­nes klei­nen Jun­gen, son­dern wie das ei­nes fer­ti­gen Ma­lers. Die Ruhe im Klos­ter und die Or­gel­mu­sik hat­te eine ei­gen­ar­ti­ge At­mo­sphä­re um uns ge­schaf­fen, und das kam in sei­nen Bil­dern zum Aus­druck. Auch das, was sich drau­ßen, hin­ter der Ku­lis­se des Klos­ter­frie­dens er­eig­ne­te, hin­ter­ließ tie­fe Spu­ren in sei­nem Her­zen.

So leb­ten wir ein hal­bes Jahr. Täg­lich ka­men Hor­ror-Nach­rich­ten aus dem Ghet­to. Am Jom Kip­pur ist, wie wir hör­ten, un­se­re Mut­ter und auch die Mut­ter von Ja­nusch um­ge­kom­men. Wir wa­ren ganz ver­zwei­felt, aber wir wag­ten kein lau­tes Wort zu sa­gen.

Ei­nes Ta­ges kam die Obe­rin Ma­tusch­ka zu uns und er­zähl­te, dass sie noch vier jun­ge Mäd­chen auf­ge­nom­men habe, die aus dem Ghet­to ent­kom­men konn­ten. Eine da­von war Lol­ka Feld­stein, die Toch­ter ei­nes be­kann­ten Zahn­arz­tes. Die Obe­rin war sehr ängst­lich, sie er­zähl­te, dass die Deut­schen neu­er­dings auch sämt­li­che Klös­ter durch­such­ten. So ka­men wir zu dem Ent­schluss, uns eine an­de­re Blei­be zu su­chen. Jo­nas und Ja­scha gin­gen mit der Obe­rin, etwas Geeignetes für uns zu fin­den. Au­ßer den vier er­wähn­ten Non­nen wusste nie­mand von un­se­rem Ver­bleib. Was sie al­les für uns ge­lei­stet ha­ben, kön­nen wir nicht ge­nug an­er­ken­nen. Sie setz­ten ihr Le­ben für uns aufs Spiel und wir konn­ten ih­nen nichts da­für zu­rück­ge­ben. Die Nah­rung war knapp und sie musste für neun Per­so­nen rei­chen. Drei­mal am Tag be­ka­men wir un­ser Es­sen, vier­mal in der Wo­che so­gar mit Fleisch, sonst mit Milch. So wa­ren wir alle satt, wir konn­ten uns sau­ber hal­ten, wa­ren warm und ge­schützt. Auch Auf­merk­sam­keit und Lie­be wur­de uns zu­teil; je­den Abend kam die Obe­rin zu uns he­rein, und wir konn­ten ihr viel über un­ser Le­ben er­zäh­len, von der Zeit vor dem Krieg, un­se­ren Ver­wand­ten und al­lem an­de­ren. An al­lem war sie sehr in­te­res­siert. Au­ßer ihr kam auch manch­mal Schwes­ter Lu­cia. Sie war in ih­ren mitt­le­ren Jah­ren und sehr schön. Da­her frag­ten wir sie, wa­rum sie ins Klos­ter ge­gan­gen war, und sie er­zähl­te uns, dass dies seit ih­rer Kind­heit ihr in­nigs­ter Wunsch ge­we­sen war. Ihre Fa­mi­lie war ganz da­ge­gen und sie musste kämp­fen, um ihr Ziel zu er­rei­chen. Ihre äl­te­re Schwes­ter war be­reits im Klos­ter, sie war ih­rer Schwes­ter und ihr selbst ein Vor­bild. Es war nicht leicht, die­ses Ziel zu er­rei­chen, es ge­hör­te eine ge­wis­se Bil­dung dazu und vor al­lem eine gro­ße Lie­be zu Je­sus. Drei Jah­re musste sie eine stren­ge Pro­be­zeit in ei­nem frem­den Klos­ter durch­ma­chen. Aber sie be­stand alle Prü­fun­gen mit Bra­vour, und der glück­lichs­te Tag in ih­rem Le­ben war der, an dem sie zu ih­rer Schwes­ter ins Klos­ter ge­hen durf­te. Jetzt wa­ren es be­reits zehn Jah­re, dass sie in die­sem Klos­ter leb­te. Wir ha­ben sie be­wun­dert und ge­liebt, und je­der ih­rer Be­su­che war für uns wie ein Fei­er­tag.

Wir hat­ten we­nig Kon­takt nach au­ßen. Au­ßer Wla­dek sa­hen wir nur Lol­ka Feld­stein, die je­den Abend zu uns kam. Sie hat­te ei­nen Bru­der im Ghet­to, aber sie durf­te es nicht wa­gen, mit ihm Kon­takt auf­zu­neh­men. Durch sie wa­ren wir von der äu­ße­ren Welt nicht ganz ab­ge­schnit­ten und wussten, was um uns he­rum pas­sier­te. Am wich­tigs­ten war uns na­tür­lich die Lage im Ghet­to.

In der Fa­mi­lie war Tan­te Jan­ni­na un­ser ein­zi­ger Trost. Durch sie hör­ten wir al­les über mei­ne klei­ne Ta­mar, ihre Ap­pe­tit­lo­sig­keit, ihre Schlag­fer­tig­keit und über­haupt über ihre Ent­wick­lung. Au­ßer für sie sorg­te Tan­te Jan­ni­na noch für ein jü­di­sches Mäd­chen, dem sie ari­sche Pa­pie­re be­sorgt hat­te, und de­ren Schwes­ter, die in ei­nem Dorf leb­te.

Die­se bei­den Mäd­chen wa­ren ei­gent­lich un­se­re Tan­ten. Das kam so: Un­ser Opa war sein gan­zes Le­ben lang ein Bau­er und führ­te ein ar­beits­rei­ches, schwe­res Le­ben. Als sei­ne Frau starb war er schon 74 Jah­re alt. Sei­nen Wei­zen ließ er im­mer im Nach­bar­ort mah­len, der Bau­er dort war ein from­mer Jude. Die­ser hat­te eine viel jün­ge­re Frau. So jung und schön sie war, hat­te sie doch ei­nen schlech­ten Ruf und man sag­te, ihre Kin­der hät­ten vie­le Vä­ter. Mein Opa mied sie und spuck­te bei ih­rem An­blick ver­ächt­lich auf den Bo­den. Als nun aber ihr Mann ge­stor­ben und sie eine Wit­we war, fing mein Opa an, sie zu be­su­chen und er brach­te Ge­mü­se und Obst von ihr mit. Ei­nes Ta­ges er­hiel­ten wir von ihm durch Bau­ern aus dem Dorf eine Fuh­re Kar­tof­feln für den gan­zen Win­ter, Ge­mü­se und Obst. Durch sie er­fuhr mein Va­ter, dass der Opa in sei­nem Al­ter die­se Frau ge­hei­ra­tet hat­te. Das brach­te mei­nen Va­ter in Rage und er woll­te von Opa gar nichts mehr an­neh­men. Es stell­te sich aber he­raus, dass die Wit­we all ihre Kin­der gut un­ter­ge­bracht hat­te. Mit 45 Jah­ren hei­ra­te­te sie un­se­ren Opa und be­kam noch zwei Kin­der mit ihm, zwei Mäd­chen. Das eine hieß Sara Guta, das an­de­re Meit­ke Guta. Das Ver­hält­nis zum Opa wur­de wie­der bes­ser. Er bat auch mei­ne Mut­ter, sich der Mäd­chen et­was an­zu­neh­men, da­mit sie keine Gojim würden und da­mit sie et­was lern­ten. Zu­min­dest Le­sen und Schrei­ben soll­te man ih­nen bei­brin­gen. Er bat sie so lan­ge, die Kin­der zu sich zu neh­men, bis sie ein­wil­lig­te. Mei­nem Va­ter war das gar nicht recht, da er im­mer noch über den Opa ver­är­gert war. Aber ei­nes Ta­ges kam ein Bau­er und brach­te uns die bei­den blon­den Mäd­chen. Mut­ter sag­te: »Kin­der, seid doch nett zu ih­nen, es sind doch ei­gent­lich eure Tan­ten.«

Sie hat­ten so­gar eine ge­wis­sen Ähn­lich­keit mit uns. Doch sie stan­den in der Ecke und wa­ren ziem­lich ver­stört. Mei­ne Schwe­ster Mi­zia um­arm­te sie gleich und gab ih­nen auch von un­se­ren Spiel­sa­chen ab. Sie wa­ren bei­de sehr schüch­tern und spra­chen nur un­ter­ei­nan­der. Vor uns hat­ten sie Angst und blie­ben am liebs­ten in der Kü­che. Dort un­ter­hiel­ten sie sich mit den Dienst­bo­ten. Mut­ter be­stell­te für sie Pri­vat­leh­rer, um sie für die Schu­le vor­zu­be­rei­ten, aber sie woll­ten gar nichts ler­nen, wir fan­den sie rich­tig »ver­na­gelt«. Wir Kin­der ver­such­ten ih­nen bei­zu­brin­gen, dass sie ler­nen soll­ten und woll­ten mit ih­nen dis­ku­tie­ren. Doch es half al­les nichts. Mut­ter gab sie dann zu ei­ner kin­der­lo­sen Fa­mi­lie, die sie be­treu­te – ge­gen Zah­lung na­tür­lich. Als sie 12 und 13 Jah­re alt wa­ren und im­mer noch nicht ler­nen woll­ten, be­schloss mei­ne Mut­ter, dass sie ei­nen Be­ruf er­ler­nen soll­ten. Wir Kin­der sa­hen sie jetzt nur noch ge­le­gent­lich am Sonn­tag und hat­ten kei­nen ver­trau­li­chen Ton mehr mit ih­nen, schließ­lich wa­ren wir ja auch er­wach­se­ner ge­wor­den.

Als mein Opa 84 Jah­re alt ge­wor­den war, er­krank­te er – zum ers­ten Mal in sei­nem Le­ben. Der Arzt sag­te, das Le­ben im Dorf sei zu schwer für ihn ge­wor­den. Also kam er zu uns. Va­ter hat ihm ver­zie­hen und er blieb bei uns woh­nen. Zwi­schen ihm und dem Per­so­nal kam es we­gen der jü­di­schen Spei­se­ge­set­ze öf­ter zu Un­stim­mig­kei­ten. Von mei­ner Mut­ter be­kam er jede Wo­che Geld, aber das trug er im­mer so­fort auf die Bank, als Aus­steu­er für sei­ne Töch­ter. Sie be­such­ten ihn re­gel­mä­ßig an je­dem Schab­bat3. Da sie ja Tan­te Jan­ni­nas Stief­schwes­tern wa­ren, be­sorg­te die­se ih­nen ari­sche Pa­pie­re. Eine von ih­nen be­schäf­tig­te sie als Dienst­mäd­chen bei sich, die an­de­re wur­de im Dorf auf ihre Kos­ten un­ter­ge­bracht.

Das Dienst­mäd­chen hieß He­lene (Ha­linka), sie war im­mer sehr gut zu un­se­rer Toch­ter in der Zeit, als die­se bei Tan­te Jan­ni­na un­ter­ge­bracht war. Sie hat den Krieg über­lebt und lebt jetzt in Schau­len und wir sind noch im­mer mit ihr in brief­li­cher Ver­bin­dung. Die an­de­re Schwes­ter ha­ben wir nach dem Krieg nicht mehr ge­se­hen.

Un­ser Opa ist mit 90 Jah­ren ge­stor­ben. Bis zu sei­nem Tod brauch­te er kei­ne Bril­le und hat auch nie ei­nen Stock be­nutzt. Bis zu­letzt hat­te er sei­ne ei­ge­nen Zäh­ne. Er trug al­ler­dings eine Bril­le, je­doch ohne Glä­ser. Wenn man ihn frag­te wa­rum, so ant­wor­te­te er: »Um mei­ne Au­gen zu schüt­zen.« Wenn die Leu­te herausbekämen, dass er noch sein gu­tes Seh­ver­mö­gen habe, so dach­te er, würden sie ihm Bö­ses wün­schen und das könn­te schlecht für ihn aus­ge­hen. Er ver­göt­ter­te un­se­re Mut­ter und ist mit ih­rem Na­men auf den Lip­pen ge­stor­ben.

Nun wen­de ich mich wie­der un­se­rem Le­ben im Klos­ter zu. Je­den Tag er­reich­ten uns neue schlech­te Nach­rich­ten. Es hieß, die Klös­ter würden durch­sucht. Die Bau­ern wur­den dar­an ge­hin­dert, ihre Le­bens­mit­tel ins Klos­ter zu brin­gen, sie wur­den durch­sucht und ihre Wa­ren wur­den ih­nen ab­ge­nom­men. Trotz­dem mussten wir nicht Hun­ger lei­den, denn die Schwes­tern teil­ten mit uns je­den Bis­sen. Schwes­ter Lu­cia pfleg­te im­mer op­ti­mis­tisch zu sa­gen: »Kin­der, nur die Hoff­nung nicht ver­lie­ren, wir wer­den Hit­ler noch über­le­ben!«


Das Versteck im Klosterdach

Jo­nas und Ja­scha hat­ten in­zwi­schen ein Ver­steck für uns ge­fun­den. Es be­fand sich un­ter dem Dach des Klos­ters. Mit Holz­lat­ten ver­bau­ten sie die Dach­kan­te, so dass ein Hohl­raum ent­stand, in dem wir uns wohl ver­ste­cken konn­ten. Tag und Nacht ar­bei­te­ten sie dar­an und tru­gen auch schon ei­nen Teil un­se­rer Sa­chen hi­n­auf. Von au­ßen war nichts zu er­ken­nen und vor den in­ne­ren Ein­gang hat­ten sie ein Fass Wein ge­stellt, über das man hin­weg­klet­tern musste. Der Ein­gang war eine ver­steck­te Klap­pe in der De­cke, die den Fuß­bo­den un­se­res Ver­stecks bil­de­te. Von un­ten konn­te man die­se Klap­pe nicht se­hen; sie wur­de von un­ten ge­öff­net und von oben ver­schlos­sen. Zwei Wo­chen ha­ben sie dar­an ge­ar­bei­tet. Au­ßer uns und den vier Non­nen wusste nie­mand da­von.

Es war schon Ende März, eine Wo­che vor dem Pas­sah-Fest3. Plötz­lich hör­ten wir Bom­ben ex­plo­die­ren – Wil­na wur­de bom­bar­diert. Grö­ße­re Putz­tei­le flo­gen von den Wän­den, die Ge­fahr war groß. Wir durf­ten nicht mit den Non­nen in den Bun­ker flüch­ten, da­mit sie un­se­re Ge­gen­wart nicht be­merk­ten. Die Obe­rin und Schwes­ter Lu­cia wa­ren noch bei uns. Wir woll­ten sie über­re­den, in den Bun­ker hi­nab­zu­ge­hen, aber sie woll­ten uns nicht ver­las­sen.

»Es ist Got­tes Wil­le«, sag­ten sie. »Was mit Euch pas­siert, pas­siert auch mit uns.« Die Bom­ben fie­len auf die Stadt, und wir hat­ten das Ge­fühl, dass un­ser Ende nahe sei und ganz Wil­na in Schutt und Asche läge. Die Fens­ter split­ter­ten und fie­len ein, der Ge­schirr­schrank stürz­te um und sein gan­zer In­halt fiel zu Bo­den und zer­schell­te. Wir gin­gen in die Die­le, die Obe­rin sag­te: »Be­tet zum lie­ben Gott, er wird uns hel­fen.«

Plötz­lich war Stil­le, die Bom­bar­die­rung hör­te auf. Wir gin­gen ins Zim­mer zu­rück und vor lau­ter Mü­dig­keit schlie­fen wir so­fort ein. Wir wussten nicht, wie lan­ge wir ge­schla­fen hat­ten, als uns Schwes­ter Be­ne­dik­ta auf­rüt­tel­te. Sie zit­ter­te am gan­zen Leib. Die Ges­ta­po war ins Klos­ter ein­ge­drun­gen und woll­te es durch­su­chen. Die Obe­rin ver­lang­te ei­nen Durch­su­chungs­be­fehl zu se­hen, um et­was Zeit zu ge­win­nen. Uns ließ sie sa­gen, wir soll­ten Schwes­ter Be­ne­dik­ta fol­gen. So nah­men wir un­ser bisschen Hab und Gut und gin­gen ihr nach. Sie half uns, durch die Klap­pe zu klet­tern, Jo­nas war schon oben. Sie ver­schloss hin­ter uns die Öff­nung, und wir ver­such­ten uns zu fas­sen und Hal­tung zu be­wah­ren. Ja­scha und Jo­nas wa­ren stolz auf ihr Werk. Wir ver­such­ten uns ein­zu­rich­ten und hoff­ten, dass die Un­ter­su­chung bald be­en­det sein wür­de und wir in un­ser Zim­mer zu­rück­keh­ren könn­ten. Durch die Dach­spar­ren konn­ten wir die bren­nen­den Ka­ser­nen und die Lösch­ar­bei­ten se­hen. Es war ein Wun­der, dass das Klo­s­ter nicht ge­trof­fen wor­den war, ob­wohl wir so nahe la­gen.

Es wur­de dun­kel und wir war­te­ten, ob je­mand zu uns kom­men wür­de. Die Durch­su­chung konn­te doch un­mög­lich so lan­ge dau­ern. Was war pas­siert? Wir ver­such­ten zu schla­fen, aber Schre­cken und Span­nung lie­ßen uns nicht zur Ruhe kom­men. Auch am an­de­ren Mor­gen war­te­ten wir ver­geb­lich, dass je­mand zu uns kom­men wür­de. Wir hat­ten kein Was­ser und lit­ten gro­ßen Durst. Da­durch, dass wir uns so be­eil­ten, hat­ten wir nichts zu Trinken mit­ge­nom­men.

Es war ab­ge­spro­chen wor­den, dass fünfmal Klop­fen das Zei­chen war, dass al­les vo­rü­ber sei. Aber kein Zei­chen er­tön­te, und un­se­re Span­nung wur­de im­mer grö­ßer. Wir mussten an­neh­men, dass mit den Schwes­tern et­was pas­siert war, und es kam uns zu Be­wusst­sein, dass wir uns selbst um­tun mussten, um aus un­se­rem Ver­steck he­raus­zu­kom­men. Ja­scha, die Obe­rin und die Schwes­tern hat­ten vo­raus­ge­se­hen, dass die­se Si­tua­ti­on ein­tre­ten könn­te und hat­ten deshalb eine Säge mit ins Ver­steck ge­nom­men. Mit ih­rer Hil­fe konn­te man eine Öff­nung in die Dach­wand sä­gen, auf die­se Wei­se ent­kom­men und über den Dach­spei­cher zu den Dä­chern des Klos­ter­gym­na­si­ums ge­lan­gen. Von dort war der Weg zur Stra­ße frei. Wir ver­brach­ten noch eine zwei­te Nacht in un­se­rem Ver­steck. Dann er­klär­te ich, dass ich be­reit sei, hi­nun­ter­zu­ge­hen, um fest­zu­stel­len, was ei­gent­lich pas­siert sei. Da­bei woll­te ich auch ver­su­chen, Was­ser zu be­sor­gen. Ich hat­te Haus­schu­he an, so war mein Gang sehr lei­se, au­ßer­dem hat­te ich mich in ein schwar­zes Tuch ge­hüllt. Ich woll­te mich, wenn die Ges­ta­po mich auf­spü­ren soll­te, als Non­ne aus­ge­ben.

Ich ging hi­nun­ter und zähl­te auf dem Flur die Tü­ren, an de­nen ich vor­bei­kam, um mei­nen Rück­weg wie­der fin­den zu kön­nen. Auf ein­mal sah ich in ei­nem der Zim­mer Licht und hör­te auch Stim­men. Als ich vor­sich­tig hi­nein­schau­te, sah ich etwa zwan­zig Män­ner ver­gnügt da­sit­zen, sie aßen und tran­ken, von den Schwes­tern war kei­ne Spur mehr zu er­ken­nen.

Ich rann­te zu­rück zu un­se­rem Ver­steck, mei­ne Beine wa­ren wie Wat­te vor Angst und Schre­cken. Ich gab das ver­ab­re­de­te Zei­chen – fünf­mal Klop­fen – und die Klap­pe ging auf. Ich be­rich­te­te al­les, was ich er­späht hat­te, und uns al­len war schlimm zu­mu­te. Uns war klar, dass wir hier he­raus­kom­men mussten, und wir über­leg­ten hin und her, was wir tun konn­ten. Die drit­te Nacht brach­ten wir in Käl­te und ohne Was­ser zu; zum Glück hat­ten wir we­nigs­tens war­me De­cken. Vor lau­ter Angst ver­ga­ßen wir un­se­ren Durst.




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