Sie packen aus Mathilde Schwabeneder Über viele Jahrzehnte war die Bekämpfung des organisierten Verbrechens in Italien von Männern dominiert. Doch seit den 1970ern hat eine neue Generation von Frauen begonnen, gegen die Mafia Widerstand zu leisten.So vertraute Piera Aiello, Augenzeugin bei der Ermordung ihres Mannes, ihr Wissen den Staatsanwälten an und engagiert sich bis heute als Parlamentarierin für einen besseren Schutz der Kronzeugen. Fotografin Letizia Battaglia dokumentiert als Chronistin der Mafia ihre Taten, wie etwa die Ermordung des Bruders des heutigen Staatspräsidenten. Die Journalistin Allessia Candito, mehrfach durch die kalabrische Mafia bedroht, deckt die Verbindungen zwischen Kirche und Mafia auf. Und Laura Garavini setzt mit ihrer Gründung einer Anti-Mafia-Bewegung in Deutschland den Kampf gegen die Mafia auch im deutschsprachigen Raum fort. Mathilde Schwabeneders Porträt dieser Frauenzeichnet ein verstörendes und eindrucksvolles Bild eines Kampfes gegen eine Macht, bei dem ein Sieg aussichtslos scheint – trotzdem kämpfen diese Frauen weiter. MATHILDESCHWABENEDER SIE PACKEN AUS Frauen im Kampf gegen die Mafia »Der Kampf gegen die Mafia ist weiblich.« INHALT Vorwort (#ulink_6ed03e6f-1ed2-52fc-a3f9-d63e50f2e9e5) Die Kronzeugin (#ulink_4903789a-da87-58e2-b324-10d9c3ec064f) Piera Aiello Die Mafia-Fotografin (#ulink_136d3614-4cf3-5a68-9c52-2f5c130b1653) Letizia Battaglia Die Camorra-Jägerin (#ulink_940950dd-258c-59d9-b08d-0a1979a53888) Nunzia Brancati Die Senatorin (#ulink_878338d2-64bc-5209-ac7f-26063036132d) Laura Garavini Die Investigativ-Journalistin (#ulink_5613f40b-35c5-53db-9176-2ef833c5d6aa) Alessia Candito Die Bürgermeisterin (#ulink_df69ba1a-addb-58f3-ae6b-65db08887bf9) Carolina Girasole Die Staatsanwältin (#ulink_6dd1dd6f-bdea-5db5-aee5-de41e11fb979) Claudia Moregola Die Anwältin (#ulink_83b1227d-cacd-57f8-894b-45a59f1e51ca) Enza Rando Die Anonymen (#ulink_cab12886-b0bf-538f-b357-66a19b420712) Rosalyn und Elsa Die Autorin (#ulink_5733b5ae-5950-59d5-8785-d5feba9ef3b6)Mathilde Schwabeneder-Hain Impressum (#ue26cbde5-6735-5796-a813-ed45d8cd8bf4) VORWORT Sie sind Juristinnen, Politikerinnen und Journalistinnen, manche arbeiten auch in ganz anderen Berufen. Sie decken unermüdlich auf und packen schonungslos aus. Ihr gemeinsames Ziel: der Kampf gegen Cosa Nostra, Camorra und ’Ndrangheta. Lange Zeit waren die Mafien sowie die Anti-Mafia-Bewegung ausschließlich von Männern dominiert. In der realen Welt wie im Kino prägten Bilder von Superbossen die Vorstellung vom organisierten Verbrechen. Auch die Anti-Mafia-Helden waren männlich. Bis heute sind die 1992 ermordeten Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino alles überstrahlende Symbolfiguren. Sie stehen für den Kampf gegen die Mafia. Anfangs fast unbemerkt, orientieren sich seither jedoch immer mehr Frauen an ihrem Beispiel. So wächst die Zahl der Aufdeckerinnen, die sich unter Lebensgefahr, mit Überzeugung und Engagement dafür einsetzen, dass die Verbrechen der Mafien aufgedeckt werden und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangen. Heute ist die Anti-Mafia-Bewegung also durchwegs auch weiblich. Das gilt für den Kampf von außen wie von innen. »Wir zählen beim Kampf gegen die Mafien auf die Frauen«, sagte mir bei einer meiner Recherchen auch der heutige Leiter der Staatsanwaltschaft von Rom, Michele Prestipino. »Je mehr Frauen ihnen den Rücken kehren, desto eher wird es möglich sein, die Mafien zu besiegen.« Denn es sind nach wie vor die Frauen, die den archaischen Ehrenkodex der Mafien an ihre Kinder weitergeben. Sie erziehen die zukünftigen Bosse und nehmen gleichzeitig immer öfter eine zentrale Rolle im organisierten Verbrechen ein. Bricht eine Frau jedoch ihr Schweigen, reißt sie schonungslos Dämme ein und gibt sorgfältig gehütete Geheimnisse preis. Sich gegen die Mafien aufzulehnen, verlangt großen Mut, Selbstverleugnung und manchmal die Bereitschaft, mit dem eigenen Umfeld komplett zu brechen, das konnte ich bei meiner Arbeit zu diesem Buch regelmäßig feststellen. Immer öfter geraten inzwischen auch die Anti-Mafia-Kämpferinnen ins Visier der Bosse. Sie werden eingeschüchtert, desavouiert und mit dem Tod bedroht. Doch trotz aller Gefahren steigt die Zahl der Aussteigerinnen, die die Fronten wechseln, konstant. Die Frauen, die ich kennenlernen durfte, zeichnen sich durch große Stärke aus. Sie zu Interviews zu überreden, war hingegen nicht immer ganz einfach. Sie tun ihre Arbeit lieber ruhig im Hintergrund. Keine Einzige sieht sich selbst als Heldin oder als besonders couragiert. Tatsächlich bekämpfen sie jedoch Organisationen, die wie die ’Ndrangheta zu den gefährlichsten der Welt gehören. Diese kriminellen Netzwerke ziehen sich inzwischen rund um den Globus und betreffen damit auch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Dass die Mafien schon lange nicht mehr nur auf Italien beschränkt sind, zeigen auch Verbindungen der Clans zu ausländischen kriminellen Gruppierungen wie den nigerianischen Cults. In allen Fällen gilt: Wenn Frauen auspacken, tragen sie mit Erfolg zur Bekämpfung der kriminellen Organisationen bei. Die Kronzeugin PIERA AIELLO Bei den italienischen Parlamentswahlen am 4. März 2018 fuhr die Fünf-Sterne-Bewegung einen unerwarteten Triumph ein. Mit knapp 33 Prozent der Stimmen wurde die laut Eigendefinition postideologische Gruppierung Italiens mit Abstand stärkste Einzelpartei. Besonders fulminant war der Erfolg im Süden des Landes. 227 der insgesamt 630 Sitze im Abgeordnetenhaus gingen an die Fünf Sterne. Viele der neuen, sehr unterschiedlichen Parlamentarier zogen zum ersten Mal in den imposanten Palazzo Montecitorio ein. Für jeden und jede wurde eine Kurzbiografie samt Foto auf die Parlamentswebsite gestellt. Doch bei einem Namen fehlte das Bild. Piera Aiello aus dem sizilianischen Wahlkreis Trapani blieb auch auf dem Parlamentsausweis ohne Gesicht. Als die Sizilianerin vor mehr als einem Vierteljahrhundert beschloss, gegen die Cosa Nostra auszusagen, bedeutete dies das Ende ihres bisherigen Lebens. Fortan sollte sie versteckt, ausgestattet mit einer neuen Identität und unter Polizeischutz leben. Jetzt ist Piera Aiello die erste Kronzeugin in der Geschichte Italiens, die ins Parlament gewählt worden ist. 51 Prozent der Stimmen konnte sie auf ihr Konto verbuchen. Und das, obwohl sie sich im Wahlkampf aus Sicherheitsgründen vor TV-Kameras und Fotografen nicht zeigen konnte. Doch die »unsichtbare Kandidatin«, das »Gespenst«, wie sie auch genannt wurde, ließ alle anderen Mitstreiter verblassen. Die Frau, die sich zu Beginn sogar im Parlament nur mit einem Schleier vor dem Gesicht zeigen konnte, erfährt in ihrer Heimat eine späte Anerkennung, die sie »tief berührt«. »Das Leben mit einer falschen Identität war hart«, sagt Piera Aiello ohne Umschweife, da gebe es nichts zu beschönigen. Sie lächelt, während sie lebhaft erzählt, doch ihre Augen bleiben ernst. Die Aufmerksamkeit, die ihr die Wahl ins Parlament eingebracht hat, war ihr anfangs sehr unangenehm. Es dauerte Wochen, bis sie lernte, mit ihrer neuen Rolle als gewählte Volksvertreterin umzugehen. Die 51-Jährige überlegte zu Beginn sogar, jemanden zu beauftragen, der ihre Reden im Abgeordnetenhaus vorlesen sollte. Doch dann verwarf sie diese Idee als Verrat an ihrer Wählerschaft. »Ich war 27 Jahre lang verschwunden. Mir war klar, früher oder später muss ich aus dieser Geschichte herauskommen. Und ich wusste auch, dass ich meine Ängste überwinden muss. So habe ich dann bei einer Gedenkfeier für Mafiaopfer im Mai 2018 im sizilianischen Ort Valderice mein Kopftuch abgenommen und mich erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.« Völlig nackt und ohne jeglichen Schutz habe sie sich vor all den Menschen gefühlt. Es sei ein Kraftakt gewesen, der ihr großes Herzklopfen verursacht habe. Während sie davon erzählt, spürt man, wie schwer ihr die Entscheidung gefallen ist. Die Vorstellung, ab nun würden Fotos von ihr im Umlauf sein, verursachte ihr regelrecht körperliches Unbehagen. »Stellen Sie sich vor, ich habe keine Fotos. Nicht einmal mit meinen Kindern. Keine Selfies. Nichts. Ich war zwar immer noch derselbe Mensch, aber dass man jetzt nicht nur meine Ideen und Überzeugungen wahrnehmen sollte, sondern auch meine Körperlichkeit, das war eine große Herausforderung für mich.« Pieras Leben sollte sich wieder einmal radikal ändern. Eine Familie zwischen Exil und Heimat Die Beschäftigung mit der Mafia war der im Sommer 1967 in Partanna geborenen Tochter eines Maurers und einer Schneiderin nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil. Die Familien ihrer Eltern hatten versucht, dem organisierten Verbrechen wie auch der grassierenden Armut auf ihrer Insel durch Auswanderung zu entkommen. Elf Jahre vor ihrer Geburt hatte Pieras Vater Giuseppe als 17-Jähriger seinen Heimatort auf Sizilien verlassen. Begleitet wurde er aufgrund seiner Minderjährigkeit von der Mutter. Der Vater war zu krank, um einen Neubeginn in Südamerika auf sich nehmen zu können. So gingen Mutter und Sohn in Venezuela an Land. Die erste Zeit arbeiteten beide nur, um die Schulden begleichen zu können, die durch die Überfahrt auf dem Schiff entstanden waren. Dann hieß es, so viel Geld wie möglich nach Hause zu schicken. Den Vater sollte Giuseppe nie mehr wiedersehen. Erst ein Jahr nach dessen Tod kam der junge Mann nach Sizilien zurück. Der gelernte Maurer errichtete ihm ein würdiges Grab und beschloss, in seinem Heimatort zu bleiben. Das Haus der Aiello befindet sich gegenüber jenem der Familie von Pieras Mutter, Anna. Auch deren Eltern hatten Sizilien verlassen, um der drückenden Armut zu entgehen. Ihr Ziel war die Schweiz, wo der Vater seinen Lebensunterhalt als Fabrikarbeiter verdienen konnte. Anna verbringt dort einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend, bevor sie mit 18 Jahren nach Partanna zurückkehrt. Die Begegnung ihrer Eltern? »Es war Liebe auf den ersten Blick«, sagt Piera auch heute noch gerührt. Neun Monate nach der Hochzeit erblickt sie das Licht der Welt. Nur ein halbes Jahr später wird auch die junge Familie auf eine harte Probe gestellt. Ein verheerendes Erdbeben erschüttert den Westen Siziliens. 370 Menschen werden getötet. Fast einhunderttausend verlieren ihr Hab und Gut. Die schleppenden Rettungsmaßnahmen zeigen auch die Rückständigkeit in den Dörfern auf, die großteils zerstört worden sind. Die Bevölkerung, die schon vor den heftigen Erdstößen in prekären Umständen lebte, ist verzweifelt und leidet sogar Hunger. Auch Partanna ist schwer getroffen. Pieras Vater ist nun wieder arbeitslos und die Existenz der Familie wieder in Gefahr, aber er lässt sich nicht entmutigen. Giuseppe nimmt seine Frau und die erst sechs Monate alte Tochter und geht in jenes Land zurück, das ihm einen kleinen sozialen Aufstieg ermöglicht hat: nach Venezuela. Diesmal wird er ein halbes Jahrzehnt bleiben. So lange, bis die sehnsüchtig erwartete Nachricht endlich eintrifft: In Partanna geht es langsam aufwärts. Da packt die Familie erneut ihre Koffer und verlässt die Stadt La Victoria. Diesmal jedoch für immer. Piera ist fünf Jahre alt, als sie nach Sizilien zurückkehrt. Verheiratet mit einem Mafiaspross Sie wächst zur jungen Frau heran. Doch der Traum vom schönsten Tag des Lebens wird für Piera Aiello zum Albtraum. Das Kleid ist zwar weiß und lang, so wie in Katalogen und Jungmädchenträumen vorgesehen, ihr Bräutigam ist der Sohn einer respektierten, wohlhabenden Familie und die Sonne scheint prächtig vom Himmel. Doch ihr Gemütszustand ist schwarz. Dunkle Ahnungen lasten schwer auf ihrer Seele. Die 18-jährige Piera geht die Ehe nicht freiwillig ein. Sie liebt ihren Verlobten nicht und hat mehrfacht versucht, ihn zu verlassen. Doch ihr zukünftiger Schwiegervater hat sie gezwungen, den Hochzeitstermin nicht platzen zu lassen. »Nachdem ich meinem Verlobten erklärt hatte, dass ich mich von ihm trennen wollte, kam Don Vito Atria selbst zu mir. Er drohte mir. Er machte mir klar, er würde sich an meiner Familie rächen, sie vielleicht sogar töten, falls ich der Heirat mit seinem Sohn Nicola nicht zustimme.« Als Piera und Nicola einander erstmals begegnen, sind beide blutjung. »Ich war erst 14 Jahre alt und er war drei Jahre älter als ich.« Nicola Atria wirbt intensiv um das aufgeweckte Mädchen, doch Piera gibt sich zurückhaltend. Trotzdem bleiben die Konsequenzen für sie nicht aus. Als ihre Eltern von ihrer Bekanntschaft erfahren, wird sie – ganz den damaligen Traditionen entsprechend – auf Schritt und Tritt überwacht. Ein sizilianisches Mädchen ihrer Herkunft darf nicht einfach ausgehen und Freundschaften pflegen, wird ihr von ihrem geliebten Vater eingeschärft. Piera gilt bereits als »versprochen« und ihre Bewegungsmöglichkeiten werden dadurch drastisch eingeschränkt. Das hat auch schmerzhafte Auswirkungen auf ihre längerfristige Lebensplanung. So darf die an Kunst und Kultur interessierte Schülerin kein weiterführendes Gymnasium besuchen, weil sich dieses in der Nachbarstadt befindet. Die täglichen Busfahrten hätten die engmaschige Kontrolle unmöglich gemacht. Nur sehr langsam begreift Piera, dass »die Familie Atria anders war als andere«. Sie bemerkt die Unterwürfigkeit der Ortsbewohner, die sich mit »einem baciamo le mani an das Familienoberhaupt« wenden. Sie lernt, dass der Handkuss ein Ausdruck des absoluten Gehorsams gegenüber einem Boss und der Name Atria eine Art Türöffner ist. Mit ihm geht alles leichter. Schwierigkeiten scheinen sich in Luft aufzulösen. Als Piera jedoch eines Tages von Freunden mit dem Vorwurf attackiert wird, sie sei die Braut eines Mafiasprosses, versucht sie, die Verbindung zu beenden. Doch der Boss selbst hatte schon für sie entschieden. Er wollte ein »unbeschriebenes Blatt, ein Mädchen, das nicht aus einer Mafiafamilie stammt«, als Schwiegertochter. »Meinen Eltern sagte ich nichts von den Drohungen. Ich hatte nicht den Mut dazu. Und ich hatte Angst um sie.« Die Hochzeitsreise führt das frisch getraute Paar nach Spanien, doch die Flitterwochen finden ein jähes Ende. Bereits am Tag nach ihrer Ankunft in Madrid erreicht Nicola ein alles verändernder Anruf. »Don Vito hatte einen Unfall gehabt, wurde ihm mitgeteilt. Wir mussten sofort zurück.« Erst als Piera wieder zu Hause in Partanna ist, begreift sie die tatsächliche Tragweite des Geschehens. Der Unfall war kein Unfall. Ihr Schwiegervater – der Boss Vito Atria – ist auf einem seiner Felder ermordet worden. Ein Mafiamord, wie sich zeigen wird. Erst später wird ihr bewusst, dass Sizilien gerade die Ausläufer des »Zweiten Großen Mafiakrieges« erlebt. Viele Hunderte Todesopfer haben diese als mattanza, als Zeit des Schlachtens, bezeichneten Jahre gekostet, die letztlich die Vorherrschaft der Corleonesi zementierten. Ein Ende des Mordens war nicht in Sicht. Jetzt ist auch Pieras Eltern klar, in welche Familie ihre Tochter eingeheiratet hat. Sie selbst hängt ihr weißes Brautkleid in den Schrank, um sich für die kommenden Monate rigoros in schwarze Trauerkleidung zu hüllen. Auch nach der Hochzeit erzählt sie ihren Eltern nichts über die Schwierigkeiten in ihrer Ehe. Nichts darüber, dass ihre Schwiegermutter den eigenen Sohn beauftragt hat, den Mord an seinem Vater zu rächen. Nichts darüber, dass Nicola über dem Leichnam Rache geschworen hat. Nichts über die viele Gewalt, die ihr Mann ihr antut und auch nichts über die in ihr wachsende Abscheu. »Ich habe heimlich die Pille genommen. Denn ich wollte keinen Buben bekommen. Ich wollte kein Kind, das dann in die Fußstapfen dieser Mafiafamilie tritt«, sagt sie heute mit großer Offenheit. Sie habe gelernt, die Dinge beim Namen zu nennen. »Eines Tages hat er die Pille entdeckt und mich fast totgeschlagen. Ab diesem Zeitpunkt hat er mich regelmäßig vergewaltigt. So lange, bis ich schwanger geworden bin. So etwas kann man nicht mehr aus dem Gedächtnis löschen.« Pieras einziges und großes Glück in jenen Jahren: Sie schenkt einer Tochter das Leben. Das kleine Mädchen gibt ihr Kraft und so beschließt sie, einen lang gehegten Wunsch zu realisieren. Sie beginnt eine Ausbildung als Polizistin. Und da eine Scheidung ausgeschlossen ist, bemüht sie sich auch, ihre Ehe zu retten. Doch die Zeit der Ruhe dauert nur kurz. Der Versuch ihres Mannes, den Mord an seinem Vater zu rächen, schlägt fehl. Jetzt ist er selbst in Gefahr und mit ihm seine Familie. Piera und Nicola sind seit einiger Zeit Besitzer einer gut gehenden Pizzeria. Auch am Abend des 24. Juni 1991 sind beide wie gewohnt in ihrem Lokal. Piera steht in der Küche und trifft mit einem Küchenjungen die letzten Vorbereitungen für den Abend. Auch Nicola geht ihr dabei zur Hand. Spätestens in einer Stunde wird das Lokal voller Gäste sein. Plötzlich nimmt Piera ein Geräusch wahr und hebt eher beiläufig den Blick. Was sie sieht, lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren. Ein vermummter Mann im Tarnanzug und mit einer abgesägten Flinte in der Hand steht mitten im Raum und zielt auf ihren Mann. Ein zweiter stürmt in die Küche. Piera versucht sich zu wehren, doch alles geht blitzschnell. Nicola bricht vor ihren Augen unter den Schüssen zusammen. Überall in der Küche ist Blut. Die beiden Täter stürmen aus der Pizzeria und fahren mit quietschenden Reifen davon. »Als ich mich zur Zusammenarbeit mit der Justiz entschloss, wusste ich nicht, worauf ich mich einlasse.« PIERA AIELLO Wie in Trance habe sie all das erlebt und dabei an ihre kleine Tochter gedacht. Wie ein Film sei es gewesen, in den sie durch Versehen hineingeraten sei und aus dem es scheinbar kein Entrinnen gab. Als Piera ihre Schwiegermutter verständigt, benützt sie die inzwischen verinnerlichte Formel der Mafiafamilien: Nicola hat einen Unfall gehabt, sagt sie. Doch dann spürt sie plötzlich, dass sich etwas ändern muss und dass nur sie selbst diese Änderung herbeiführen kann. »Als ich in der Leichenhalle stand, in der man meinen Mann für die Autopsie aufbewahrte, ist meine Schwiegermutter gekommen. In der Hand hatte sie ein schwarzes Kopftuch, das sie mir aufsetzen wollte. Da habe ich mich aufgelehnt. Ich habe ihr gesagt, ich bin keine Mafiawitwe. Ich bin keine dieser Frauen, die alles genau wissen und sich trotzdem nicht auflehnen.« Piera weigert sich. Sie wird das Kopftuch nicht aufsetzen. Sie wird diese Mechanismen durchbrechen. »Das schwarze Kopftuch war für mich ein Zeichen der Unterdrückung und der Unterjochung der sizilianischen Frau. Und so habe ich beschlossen, alles, was ich wusste, anzuzeigen.« Der Weg in den Zeugenstand Piera hatte in all den vorhergehenden Jahren Tagebuch geführt. »Nicht für die Polizei«, wie sie sagt, »sondern für mich selbst.« Das Schreiben hatte eine Art therapeutische Wirkung auf sie und die Reflexion über das täglich Erlebte und Gehörte machte dessen Verarbeitung etwas leichter. Immer wieder hatte Nicola seiner Frau Geheimnisse aus der Welt der Mafia anvertraut. Schwarz auf weiß dokumentierte sie heimlich seine Schilderungen. So, als hätte sie geahnt, dass all diese Seiten eines Tages zu ihren besten Verbündeten würden. Doch Piera hat jetzt noch einen Trumpf in der Hand: Sie hat die Mörder ihres Mannes erkannt. Sie weiß, dass das ihren Tod bedeuten kann. Sie spürt aber auch, dass diese Kombination das Tor zu einer neuen Freiheit werden könnte. »Es war keine bewusste Entscheidung«, sagt sie heute. »Aber ich hatte Mörder frei herumlaufen sehen, die unschuldige Familienväter getötet hatten. Jetzt war Nicola tot. Da hat sich in meinem Inneren eine Art Licht entzündet – wie eine Art Leuchtturm –, das mir den Weg wies.« Piera weiß nun, sie muss sich der Justiz anvertrauen. Kurz nach dem dritten Geburtstag ihrer Tochter schleicht sie heimlich aus dem Haus. Gebetsmühlenartig wiederholt sie innerlich die Worte ihrer Großmutter väterlicherseits, der einzigen Person, der sie sich anvertraut hat. »Hab keine Angst. Wer die Wahrheit sagt, muss nichts befürchten. Hab Vertrauen.« Piera hat eine Verabredung mit einem Polizisten, der sie in eine weiter entfernte Kaserne der Carabinieri bringen soll. Niemand darf wissen, dass sie mit der Polizei in Kontakt ist. Doch auch die Polizisten selbst sind skeptisch. Keine Frau in der Region hat bisher jemals gegen die Cosa Nostra ausgesagt. »Ich konnte aber nicht mehr schweigen. Mein Heimatort war ein Ort der Witwen und Waisen geworden. Über 20 Jahre lang hat es eine blutige Fehde im Belice-Tal gegeben. Und damit auch bei uns in Partanna.« Partanna ist eine Kleinstadt mit rund 10.000 Einwohnern, in deren Zentrum ein gut erhaltenes, arabisch-normannisches Kastell liegt. Von dort hat man einen spektakulären Ausblick auf die sanften Hügel des Belice-Tals. Doch der Ort liegt abseits von Touristenpfaden und die Bewohner leben auch heute noch in erster Linie von der Landwirtschaft. Bis in die 1980er Jahre waren es vor allem Bauern und Hirten, die im kleinen Städtchen das Sagen hatten. Auch die Strukturen der Mafia waren ländlich und vergangenheitsbezogen. Doch dann kam es zu einem Generationenwechsel und damit taten sich neue Geschäftsfelder und scheinbar unversiegbare Geldquellen auf. »Es ging um Drogen und um den Handel mit Drogen, der riesige Gewinne einbrachte. Die alten Mafiosi waren aber gegen diese Art von Geschäft. Es war daher ein harter Kampf, denn es ging auch um die Frage, wer die Herrschaft über das ganze Gebiet übernimmt.« Diese Kämpfe, erinnert sie sich auch heute noch mit Grauen, wurden meist mit der Waffe ausgetragen. »Oft gab es sogar mitten am helllichten Tag Schießereien. Dabei wurden unschuldige Menschen erschossen oder verletzt. Es war wie im Wilden Westen.« In der Kaserne wird Piera einem ihr unbekannten Mann vorgestellt. Er wird ab nun ihr wichtigster Ansprechpartner sein. Es ist einer jener beiden Richter, deren tragisches Schicksal Italien bis heute prägt. »Ich bin Paolo Borsellino«, sagt er und reicht der jungen Frau die Hand. »Für deine Aussagen riskierst du dein Leben, deswegen wirst du von hier wegmüssen.« Am 30. Juli 1991 verlässt Piera mit ihrer kleinen Tochter und einigen wenigen Habseligkeiten wie Kleidung und Spielzeug die Insel. Anti-Mafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino rät ihr lächelnd, »Sizilien aus ihrer persönlichen Landkarte zu streichen«. Wenige Stunden später befinden sich Mutter und Kind in Rom an einem sicheren Ort. Die stundenlangen Aussagen der vergangenen Tage haben Piera geschwächt, die neue Situation verunsichert sie und sie realisiert, dass sie wieder in einer Art Gefängnis lebt. In den kommenden Jahren werden die sie beschützenden Carabinieri ihre »Familie« werden. Frei bewegen kann sie sich nicht. Rita Vier Monate nach der Ermordung Nicolas trifft Pieras Schwägerin Rita in Rom ein. Als sie Rita kennenlernte, war die Schwester ihres zukünftigen Mannes erst sieben Jahre alt. Jetzt hat »die Kleine« beschlossen, in Pieras Fußstapfen zu treten. Auch sie will mit der Justiz zusammenarbeiten und unter Polizeischutz leben. »Wir waren nicht einfach Schwägerinnen, wir waren Freundinnen. Wir haben einander alles anvertraut.« Rita war elf Jahre alt, als ihr Vater Vito erschossen wurde. Nun hat sie auch den Bruder verloren und ihre Schwägerin ist de facto verschwunden. So vertraut sich die 17-Jährige ebenfalls Staatsanwalt Paolo Borsellino an. Sie hat wie Piera lange Zeit ein Tagebuch geführt, das sie Zio Paolo, also Onkel Paul, wie sie ihn später nennen wird, übergeben will. Er wird für Rita zur zentralen Figur in ihrem Leben als Kronzeugin. Der persönliche Preis für diesen mutigen Schritt ist hoch. Das ohnehin schwierige Verhältnis zur Mutter endet mit einem völligen Bruch der Beziehung. Rita wird von ihr verstoßen. Die eigene Mutter sagt sich von ihr los und ist sogar bereit, die »abtrünnige Tochter« – ihr jüngstes Kind – umbringen zu lassen. Doch Rita lässt sich, genau wie Piera, nicht beirren. Sie will nicht nur Vater und Bruder rächen, sie will ein ganzes System aufdecken. Beide Frauen legen schonungslos alles auf den Tisch und geben Namen, Fakten und Zusammenhänge preis. »Ich möchte nicht in Details gehen, selbst wenn viel Zeit vergangen ist und die Prozesse abgeschlossen sind«, sagt Piera Aiello, »aber es ging um sehr schwerwiegende Verbrechen. Es ging um Drogen- und Waffenhandel. Und vor allem ging es um die mafiösen Verflechtungen in der Gesellschaft.« Dank ihrer Aussagen erhalten die Ermittler erstmals Einblick in den blutigen Mafiakrieg in Partanna, der rund 30 Todesopfer gefordert hat. Mehrere Mafiosi landen hinter Gittern. Doch vor allem kann die Justiz nun Verstrickungen zwischen der Cosa Nostra und der Politik nachverfolgen. Ein Grundproblem, das das Land bis heute beschäftigt. Am 23. Mai 1992 erschüttert ein Attentat ganz Italien. Der Mafiajäger Giovanni Falcone wird mit seiner Frau und drei Leibwächtern ermordet. Ein auf der Autobahn deponierter Sprengsatz von 500 Kilo TNT reißt einen riesigen Krater in die Fahrbahn. Die Detonation ist weit über Palermo hinaus zu spüren und wird im ersten Augenblick als Erdbeben interpretiert. Knapp zwei Monate später rüttelt eine weitere Explosion das ganze Land auf. Falcones Freund und Mitstreiter Paolo Borsellino wird vor dem Haus seiner Mutter in die Luft gesprengt. Eine in einem Auto versteckte Bombe reißt weitere fünf Menschen in den Tod. Unter ihnen ist auch Emanuela Loi, die erste und bisher einzige Leibwächterin, die einem Mafiaanschlag zum Opfer gefallen ist. Der Tod der beiden Juristen bedeutet einen schweren Schlag für den Kampf gegen die Mafia, aber auch für Piera und Rita persönlich. Ihre wichtigste Bezugsperson, die einzige, der sie wirklich vertrauten und die sie schützte, ist tot. Rita fällt in eine tiefe Depression. Nur eine Woche nach der Ermordung von Zio Paolo springt die junge Frau, die gerade aus Sicherheitsgründen in Rom eine neue Wohnung bezogen hat, in den Tod. Sie wirft sich vom siebten Stock eines Gebäudes in die Tiefe. Wenige Tage später wäre Rita 18 Jahre alt geworden. Die Nachricht von ihrem Tod wird von den Insassen im Gefängnis von Trapani mit einem langen Applaus aufgenommen. Nach dem Begräbnis wird Ritas Mutter mit einem Hammer das Foto auf dem Grabstein ihrer Tochter zerschlagen und dafür verurteilt werden. Das Band der Mafia erweist sich einmal mehr als stärker als das der Liebe zur eigenen Familie. Piera selbst kann nicht am Begräbnis teilnehmen. »Aus Sicherheitsgründen«, wie man ihr erklärt. Für sie beginnen nun lange, schwierige und teilweise sehr einsame Jahre, eine Erfahrung, die sie heute in ihre Arbeit als Parlamentarierin einfließen lässt. »Als ich mich zur Zusammenarbeit mit der Justiz entschloss«, sagt sie, »wusste ich gar nicht, was eine Kronzeugin eigentlich ist und worauf ich mich einlassen würde.« Erst später lernt sie, dass es auch Justizkollaborateure gibt, sogenannte reuige Mafiosi, die ebenfalls im Zeugenschutzprogramm und daher mit einer falschen Identität leben. Das prekäre Leben als Kronzeugin Schon bald beginnt sie sich aus dem Untergrund heraus zu engagieren und wird Teil des Nationalen Verbandes der Kronzeugen. »Mit einer Gruppe von ihnen regte ich zwei Gesetze an, die auch angenommen wurden. Kronzeugen wurde damit endlich die Möglichkeit gegeben, zu arbeiten. Wir waren ja gezwungen, 24 Stunden am Tag zu Hause zu sein. Sich sein Brot ehrlich verdienen zu können, ist aber eine Frage der Würde. Wir hatten ja alles verloren. 2001 konnte ich außerdem dazu beitragen, dass der Gesetzgeber zwischen Kronzeugen und Justizkollaborateuren unterscheidet.« Unterstützt wurde sie bei diesen Bemühungen auch von Paolo Borsellinos Schwester, die ebenfalls Rita heißt. Heute ist Piera Aiello Mitglied der Parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission sowie der Justizkommission. In dieser Funktion macht sie sich vor allem für die Kinder von Zeugen stark, die ebenfalls im Untergrund leben. »Man muss sich um die Familien kümmern«, fordert sie vehement. »Nicht nur um die Kronzeugen und Justizkollaborateure. Kinder müssen oft auf eine höhere Ausbildung verzichten, da die finanziellen Möglichkeiten während des Schutzprogrammes nicht gegeben sind.« So werden sie ein zweites Mal Opfer ihrer Lebensumstände, auf die sie selbst keinen Einfluss haben. Piera Aiello lässt die Jahre Revue passieren. Vieles gehört geändert, ist sie überzeugt. »Man bringt mit seinen Aussagen die Schuldigen hinter Gitter, aber man lebt selbst wie im Gefängnis.« Die ständigen Wohnungswechsel sowie die permanente Gefahr, gefunden zu werden, zermürben. Einmal, erinnert sie sich, wurde ihr Aufenthaltsort durch die Unachtsamkeit eines Sicherheitsbeamten verraten. Die Angst steckt ihr heute noch in den Knochen. Dieses prekäre Leben hat auch das Verhältnis zu ihrer Tochter getrübt. Erst seit einigen Jahren hat sich die Beziehung entspannt, sagt sie glücklich. »Seit meine Tochter selbst Mutter ist, kann sie die Schwierigkeiten verstehen, mit denen ich zu kämpfen hatte.« Und warum hat sie sich der Fünf-Sterne-Bewegung angeschlossen?, möchte ich von ihr wissen. »Weil es unter ihnen keine Politiker gibt, gegen die ermittelt wird. Anders als oft in anderen Parteien.« Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und soziales Engagement sind ihre Eckpfeiler. Als onorevole, als Frau Abgeordnete, will sie übrigens nicht angesprochen werden. »Ich sehe mich gar nicht als Politikerin«, sagt sie lächelnd, »ich bin einfach nur eine Frau aus dem Volk.« Und als solche setzt sie sich intensiv für die Abschaffung der in Italien üblichen Leibrente für Politiker ein. »Warum muss ein Abgeordneter oder ein Senator eine riesige Pension bekommen? Während ein Maurer wie mein Vater, der jahrzehntelang hart geschuftet hat, nur einen Bruchteil erhält?« Piera Aiello weiß, wovon sie spricht. Als Kronzeugin hatte sie drei Jahre vergeblich versucht, einen Job zu bekommen. Dann ging sie als Landarbeiterin aufs Feld und hat Tomaten, Orangen und Oliven geerntet. »Das bedeutete, um 3 Uhr aufzustehen und sich Wind und Wetter auszusetzen.« Politiker hätten ein sehr privilegiertes Leben, ist sie daher überzeugt. Dass sie sich damit bei ihren Parlamentskollegen nicht besonders beliebt macht, ist Piera Aiello egal. Der Kampf gegen die Mafia habe sie stark gemacht. Von der BBC ist Piera Aiello 2019 in die Liste der 100 einflussreichsten Frauen der Welt aufgenommen worden. Die Mafia-Fotografin LETIZIA BATTAGLIA Der Name war ihr gleichsam schicksalhaft in die Wiege gelegt. Darauf hatte sie keinen Einfluss. Doch dann hat sie ihn bewusst ein ganzes langes Leben leidenschaftlich und überzeugt mit Inhalten ausgefüllt. Battaglia heißt Schlacht und Kampf, und gekämpft hat die heute 85-Jährige an vielen Fronten. Der wohl wichtigste Kampf hat ihr den Beinamen »Mafiafotografin« eingebracht. Ihre beeindruckenden und tiefgründigen Aufnahmen aus der Zeit des »Zweiten Mafiakrieges« sind bis heute rare Dokumente, die einen einzigartigen Blick in die blutgetränkte Welt der Cosa Nostra ermöglichen und das Leben in Sizilien aufzeigen. Es sind Fotos, die oft mehr über das organisierte Verbrechen und dessen krakenartige Verbreitung in der Gesellschaft aussagen als manche Gerichtsakten. Auf ihre Tätigkeit als »Chronistin der Mafia« will Letizia Battaglia jedoch nicht reduziert werden. »Ich bin keine klassische Mafiaexpertin«, sagt sie mit ihrer charakteristischen rauen Stimme. »Ich habe es mir nicht ausgesucht, diesen Krieg zu fotografieren und zu dokumentieren. Anders als ein Kriegsfotograf, der sich bewusst für einen Schauplatz entscheidet, wollte ich einfach nur meine Arbeit als Fotografin verrichten. Es lag nicht in meiner Absicht, Tragödien zu begleiten. Aber ich befand mich in Palermo.« An ihr erstes »Mafiafoto« erinnert sie sich, als wäre es soeben geschossen worden. Es war tiefe Nacht und sie befand sich mitten auf dem Schauplatz. Ein Mann lag leblos unter einem Olivenbaum. Es war Letizia Battaglias erste Leiche, der erste Ermordete einer langen Reihe, die ihre Arbeit als Fotoreporterin prägen würden. »Ich stand dort und redete mir ein: Wenn ich nur ein wenig warte, dann beginnt er sich zu bewegen. Ich hatte ja noch nie jemanden gesehen, der tot vor mir auf der Erde liegt. Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass es normal sein sollte, Menschen umzubringen. Und heute kann ich nur sagen: An all diese Gewalt gewöhnt man sich nie!« Es waren bürgerkriegsähnliche Zustände, die Sizilien in den 1970er und 1980er Jahren im Würgegriff hielten. Der Kampf um die Vorherrschaft zwischen den etablierten Mafiafamilien Palermos und den aufstrebenden Mafiosi aus der Kleinstadt Corleone wurde mit äußerster Brutalität geführt. Bis zu eintausend Tote soll dieser Konflikt gefordert haben. Die wirkliche Zahl bleibt auch heute noch im Dunkeln. Menschen wurden auf offener Straße erschossen, in militärische Hinterhalte gelockt oder Opfer der sogenannten lupara bianca, des »weißen Jagdgewehrs«. Dieses ist in Mafiakreisen ein Synonym für den perfekten Mord. Die Logik dahinter ist so pervers wie einfach: Es gibt kein Blut, weil es keine Leiche gibt. Die Mörder lassen ihre Opfer spurlos verschwinden. Sie mauern die Leichname auf einer der vielen Baustellen der Stadt ein oder lösen sie in Säure auf. So verlieren sich die Spuren der Ermordeten und mögliche belastende Indizien tauchen erst gar nicht auf. Die Hinterbliebenen können nicht einmal um ihre Familienmitglieder trauern. Was bleibt, sind nie enden wollende Zweifel über das Schicksal ihrer Angehörigen und eine meist stumme Verzweiflung. Letztlich gingen die Corleonesi aus diesem Krieg als Sieger hervor und etablierten ein neues, noch blutrünstigeres Regime als ihre Rivalen. Darüber hinaus begannen die von den palermitanischen Mafiabossen verächtlich als Bauern bezeichneten Corleonesi unter der harten Hand von Salvatore Riina einen regelrechten Feldzug gegen den Staat. Ihren mörderischen Aktivitäten fielen daher nicht nur Mitglieder verfeindeter Familien zum Opfer, sondern auch zahllose Vertreter der Zivilgesellschaft. Viele berühmte Todesopfer gehen auf ihr Konto: Politiker, Richter, Journalisten und Militärangehörige, wie General Carlo Alberto Dalla Chiesa, der als Polizeichef nach Sizilien geschickt worden war, um den Ausnahmezustand zu beenden. 1982 starb er mit seiner jungen Frau unter dem Kugelhagel eines Todeskommandos auf offener Straße. »Was wir erlebt haben«, sagt Letizia Battaglia, »ist eine kollektive Tragödie.« Der Hunger nach Freiheit Das Licht der Welt erblickte Letizia Battaglia am 5. März 1935. Palermos blühende Jahre mit ihren auch außerhalb Siziliens bekannten Jugendstilbauten waren da bereits Vergangenheit. Nun prägte das faschistische Regime nicht nur die Architektur der Stadt, sondern auch den gesamten Alltag der Bevölkerung. Im Zweiten Weltkrieg kam Sizilien, und damit auch seiner Hauptstadt, eine besondere Rolle zu. Hier landeten die alliierten Kräfte im Sommer 1943, um den Nazifaschismus, vom Mittelmeer kommend, zu bekämpfen. Palermo wurde vom US-amerikanischen General George Smith Patton und seinen Truppen besetzt. Dieser Operation Husky genannten, größten amphibischen Offensive des Zweiten Weltkrieges waren monatelange schwere Bombardements vorausgegangen. Palermo sollte sich von diesen Schäden jahrzehntelang nicht erholen. Das Mädchen Letizia erlebte seine Kindheit aber weiter nördlich. Der Vater war aus beruflichen Gründen mit der Familie nach Triest gezogen. Dort war sie glücklich, sagt sie heute. Und glücklich bedeutet für sie, frei zu sein. In Triest habe sie gelernt, was Freiheit bedeute. Sie hatte Freundinnen und Freunde, spielte im Freien, fuhr mit dem Fahrrad durch die Parks und studierte die Natur. All das sollte sich radikal ändern, als die Familie wieder nach Palermo zurückging. Die Gepflogenheiten in Sizilien seien anders, erklärten die Eltern. Mädchen dürften nicht im Freien spielen. Letizia versuchte sich anzupassen, doch dann veränderte ein Vorfall ihr unbeschwertes Leben für immer. Zehn Jahre war sie damals alt und auch heute erinnert sie sich noch genau an jenen fernen Tag. Ein unbekannter Mann hatte sie belästigt. »Er hatte sich vor mir entblößt. Danach hat mich mein Vater zu Hause eingeschlossen.« Diese Erfahrung wird für sie ein Wendepunkt in ihrem Leben. Ein Schlüsselerlebnis, das die Entwicklung des aufgeweckten und sensiblen Mädchens nachhaltig prägt. »Ich war ein unschuldiges Kind und habe gar nicht verstanden, was da vorgefallen war. Ich hatte mich aber sehr erschrocken und alles meinen Eltern erzählt. In der Folge haben sie jedoch mehr Schaden angerichtet als dieser Mann. Denn sie haben mich meiner Freiheit beraubt. Und das hat mein ganzes Leben bestimmt.« Letizia Battaglia rebelliert wie viele andere ihres Alters und ihrer Herkunft: Sie tritt noch ganz jung die Flucht nach vorne an und vertauscht den Käfig des Elternhauses mit dem einer Ehe. »Schuld daran war mein großer Hunger nach Freiheit. Ich habe geheiratet, um mich von meinem Vater zu befreien. Das war natürlich eine Dummheit.« 16 Jahre ist Letizia erst alt, als sie vor den Traualtar tritt. Ihr um einiges älterer Mann wird ihr nicht den Freiraum gewähren, den sie sich erhofft hat. Der reiche Erbe einer Unternehmerfamilie erweist sich als nicht weniger autoritär und besitzergreifend als ihr Vater. Er erstickt ihre Wünsche nach einer möglichen Weiterbildung im Keim. Letizia darf weder studieren noch arbeiten. Die Vorstellungen der Eheleute von der Rolle einer Ehefrau liegen weit auseinander und erweisen sich auch nach 20 Jahren des Zusammenlebens noch als unvereinbar. Während ihrem Mann eine traditionelle Hausfrau und Mutter vorschwebt, droht sie selbst an diesem Modell zu ersticken. Aus der Ehe gehen drei Töchter hervor, auf die sie sehr stolz ist. Die ihr aufgezwungene Rolle einer sizilianischen Gattin macht Letizia jedoch krank. Psychisch und physisch. Nach einem Nervenzusammenbruch und einer längeren Psychoanalyse nimmt Letizia Battaglia ihr Leben selbst in die Hand. Sie trennt sich von ihrem Mann. Die drei Kinder nimmt sie mit. 1971, kurz nachdem in Italien die Scheidung möglich geworden ist, wird die Ehe geschieden. Die 36-jährige Letizia Battaglia verlässt zum zweiten Mal ihre Insel und geht nach Mailand. In der pulsierenden lombardischen Hauptstadt beginnt sie ganz von vorne. Sie schreibt Artikel, die sie verschiedenen Zeitungen anbietet. Von Mailand aus sucht sie auch die Zusammenarbeit mit der sizilianischen Tageszeitung L’Ora. Das im Jahr 1900 von der Industriellenfamilie Florio gegründete Blatt zählte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den linken Medien des Landes und widmete sich verstärkt dem investigativen Journalismus. L’Ora war auch die einzige Zeitung, die es wagte, detaillierte Berichte über die Mafia zu veröffentlichen. Doch in Mailand geht es Letizia Battaglia um andere Themen. Hier in der Wirtschafts- und Designmetropole des Landes kommt sie mit einer für sie neuen Welt in Berührung: Sie lernt Künstler und Intellektuelle kennen und arbeitet nun als freischaffende Kulturkorrespondentin. In dieser Zeit begegnet sie auch einem 18 Jahre jüngeren Mann. Sie verlieben sich und er wird viele Jahre ihr Arbeits- und Lebenspartner sein. Franco Zecchin, der sich mit Kernphysik beschäftigt, geht bald darauf mit ihr nach Sizilien. In Palermo schlägt nun für beide die Stunde der professionellen Fotografie. »Ich habe 1974 nach meiner Rückkehr aus Mailand bei der Zeitung L’Ora begonnen. Da war gerade wieder der Mafiakrieg zwischen Corleone und Palermo ausgebrochen.« Immer öfter wird Letizia Battaglia nach Bildern zu ihren Geschichten gefragt. Bilder, die sie zu diesem Zeitpunkt nicht liefern kann. So nähert sie sich mit fast 40 Jahren der Fotografie an und entdeckt das Foto als ideale Ausdrucksform, um all das Grauen und Leid, das sie miterlebt, auch abseits von Worten vermitteln zu können. Letizia Battaglia wird so die erste Fotoreporterin einer Tageszeitung in Sizilien. »Die Arbeit für ein täglich erscheinendes Blatt ist ganz anders als die für eine Monatszeitschrift«, sagt die Autodidaktin, als sie an ihre Anfangsschwierigkeiten zurückdenkt. »Für das Tagesgeschäft arbeiten heißt, im Moment agieren, denn sonst ist die Gelegenheit vorbei.« Am Tatort Eines ihrer wohl bekanntesten Fotos ist genau so entstanden: aus der Intuition heraus und spontan. Wenn Letizia Battaglia davon erzählt, spürt man, wie sie selbst tief in die Geschichte eintaucht. »Es geschah am 6. Januar 1980«, beginnt sie. »Es war ein wunderschöner Sonntag und noch dazu der Dreikönigstag, der in Italien ja sehr gefeiert wird. Franco und ich waren mit meiner Tochter Patrizia in einen Park gegangen. Dort haben wir, wie so oft, in der Bar geplaudert und uns über unsere Projekte ausgetauscht. Wir waren alle sehr entspannt und sind einige Zeit später zu unserem Auto zurückgegangen.« Die drei steigen in fröhlicher Stimmung in ihren Fiat 600, um zum Mittagessen nach Hause zu fahren. Kurz darauf nehmen sie in der eleganten Via della Libertà am Straßenrand ein Auto wahr, um das sich einige Menschen drängen. »Es waren ungefähr sechs, sieben Personen. Im ersten Augenblick dachten wir, da hat jemand einen Autounfall gehabt, und wollten einfach weiterfahren.« Doch irgendetwas kommt ihnen sonderbar vor. Sie halten an und greifen zu ihren Fotoapparaten. »Vor unseren Augen hat sich eine dramatische Szene abgespielt. Eine Frau weinte, eine andere schrie und im Auto selbst lag ein lebloser Mann. Ein zweiter Mann versuchte ihn aus dem Inneren des Wagens zu ziehen.« Wie automatisch schießt Letizia Battaglia »einige verwackelte Fotos« und friert damit diese aufwühlenden Momente für immer ein. »Wir haben die Aufgabe, bis zum Schluss zu kämpfen, um so das Beste für die Gesellschaft zu erreichen.« LETIZIA BATTAGLIA »Ich wusste nicht, wer die Menschen waren. Aber schon kurz darauf erfuhr ich, auf wen hier geschossen worden war: Es war der Präsident der Region Sizilien. Das war ein Riesenschock für uns alle.« Der 44-jährige Piersanti Mattarella, bekannt für seinen klaren Anti-Mafia-Kurs, stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Sein Mörder hatte den Zeitpunkt genau kalkuliert. Der christdemokratische Regionalpräsident war im Begriff, mit seiner Familie zur Messe zu fahren. Dabei wollte er möglichst unauffällig sein und hatte seinen Leibwächtern daher freigegeben. Piersanti Mattarella war gerade in sein Fahrzeug eingestiegen, als der Killer an die Fensterscheibe trat und auf den wehrlosen Politiker schoss. Die Kugeln trafen den Regionalpräsidenten in den Kopf, in die Brust und den Bauch. Piersanti Mattarella hatte keine Chance, dieses Attentat zu überleben. Die Cosa Nostra tötete damit einen ihr unbequemen, weil reformfreudigen und kritischen Juristen und Zentrumspolitiker, einen Schüler des ebenfalls ermordeten Ministerpräsidenten Aldo Moro, und traf gleichsam ein Symbol staatlicher Autorität. Die erste »fremde Person am Tatort« ist Letizia Battaglia. »Wir hatten unfreiwillig eine Sensationsnachricht geliefert. Denn zu diesem Zeitpunkt war außer uns niemand von der Presse vor Ort.« Das bedrückende Foto macht in Windeseile in ganz Italien die Runde. Dreieinhalb Jahrzehnte später taucht dieser Schnappschuss wieder auf und eine zweite Betrachtungsebene wird deutlich. »Denn der Mann, der den leblosen Piersanti Mattarella aus dem Auto zieht und ihm Erste Hilfe leistet, ist heute der Präsident der Republik Italien.« Piersantis um sechs Jahre jüngerer Bruder Sergio Mattarella wird 2015 vom Parlament zum Staatspräsidenten gewählt. Über das Attentat, bei dem auch seine Schwägerin verletzt worden ist, spricht der zurückhaltende frühere Universitätsprofessor so gut wie nie. Es ist jedoch ein offenes Geheimnis, dass sein Eintritt in die Politik mit jenem tragischen Dreikönigstag zu tun hat. Denn bald darauf schließt sich Sergio Mattarella ebenfalls der Democrazia Cristiana an. 1983 wird er erstmals in das Abgeordnetenhaus gewählt. Wie sein Bruder zählt auch er zum linksorientierten Flügel der DC. »Dieses Foto«, sagt Letizia Battaglia heute, »hat also eine doppelte Bedeutung. Das zeigt mir, dass die Fotografie nicht nur für mich persönlich wichtig ist, sondern für die Gesellschaft an sich. Sie kann zu ihrem Gedächtnis werden. Wenn ich heute Jugendliche treffe, die von all dem, was damals geschehen ist, keine Ahnung haben, lernen sie Geschichte auch dank meiner Fotografien.« Letizia Battaglias Weg als Pressefotografin war jedoch mit vielen Steinen und Vorurteilen behaftet. »Die Arbeit in jenen Jahren war ohnehin hart und auch persönlich sehr belastend«, betont sie, wenn ich sie auf ihre internationale Bekanntheit als Starfotografin anspreche, aber für eine Frau, fügt sie dann hinzu, sei das damals noch schwieriger gewesen als für einen Mann. »Anfangs hat mich die Polizei oft vom Tatort verwiesen. Sie ließen mich einfach nicht durch. Aber auch Kollegen oder andere Leute sahen mich mit Unverständnis an. Ich wurde wie ein kleines Dummchen behandelt, das mit einem Fotoapparat herumläuft, um sich damit wichtigzumachen.« Es habe Jahre gedauert, doch dann hatte sie sich den nötigen Respekt gesichert. »Heute anerkennen die Leute in Palermo die Arbeit, die ich gemacht habe, und ich kann sagen, sie lieben mich sogar«, lacht sie und fügt, noch immer kämpferisch, hinzu: »Ich habe mir einfach nichts mehr gefallen lassen.« Letizia Battaglias Arbeit war kräfteraubend. Die »schnell geschossenen Pressefotos« waren die Frucht großer Anstrengung, zieht die frühere Fotojournalistin heute Bilanz. 19 Jahre – so lange arbeitete sie als Pressefotografin – musste sie ununterbrochen präsent sein. »Tag und Nacht, Sonn- und Feiertage, Karneval inklusive: Es gab keine Verschnaufpausen.« Letizia Battaglia hörte den Polizeifunk ab, war oft die Erste am Tatort und fotografierte die Opfer der Cosa Nostra und deren Angehörige. Dann ging es in die eigene Dunkelkammer, die Fotos wurden entwickelt und veröffentlicht. Schon bald war ihr klar: Sie hatte sich, ohne es zu wollen, definitiv dem Kampf gegen die Mafia verschrieben, und als Fotografin tat sie das mit einer unverwechselbaren Handschrift: Sie fotografierte ausschließlich in Schwarz-Weiß. So konnte sie mehr Tiefe und Ausdruck erreichen, ist sie überzeugt, und gleichzeitig jenen respektvollen Abstand wahren sowie die menschliche Anteilnahme garantieren, die ihr bei ihrer Arbeit immer so wichtig gewesen sind. »Technisch war ich nie sehr begabt«, sagt sie auch heute noch, »der Ausschnitt, die Schärfe, das Licht, all das hat mich sehr gefordert. Wenn man dann noch die Emotionen hinzudenkt, die man empfindet, die zitternde Hand angesichts von Tod und Verzweiflung …« Fotos: eine Waffe gegen die Mafia Viele ihrer Bilder zeigen Gewalt und Verbrechen, doch Letizia Battaglia hat auch andere Aspekte ihrer Heimatstadt eingefangen: die oft bittere Armut, die Aussichtslosigkeit vieler Menschen, aber auch archaische Traditionen, die hier länger überlebten als anderswo. Besonders gerne lichtete sie kleine, zornige Mädchen kurz vor der Pubertät ab. Das sei ein autobiografisches Element, gibt sie unumwunden zu. »Diese Bilder haben etwas mit meiner Kindheit zu tun. Sie spiegeln jene Zeit wider, als ich zehn Jahre alt war und von Unabhängigkeit, Liebe und Schönheit träumte.« Generell konzentrierte sich Letizia Battaglia bei ihrer Arbeit mehr auf Frauen als auf Männer. Frauen habe sie interessanter gefunden, egal welcher Altersgruppe sie angehören, das hat sie auch in den Vorträgen, die sie in vielen Ländern hält, immer wieder betont. Eines dieser Frauenporträts zeigt die 22-jährige Witwe Rosaria Costa Schifani. Ihr Mann Vito, nur fünf Jahre älter als sie, gehörte zu den Leibwächtern von Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone und war mit ihm und weiteren drei Menschen 1992 durch ein Sprengstoffattentat zerfetzt worden. Die schüchterne und verzweifelte Rosaria rührte später ganz Italien, als sie während der im Fernsehen übertragenen Trauerfeierlichkeiten totenblass ihre vorbereitete Rede zur Seite legte und einen Appell an die Mafia richtete: »Ich wende mich an euch, Männer der Mafia, die ihr auch hier unter uns seid: Ich vergebe euch. Aber ihr müsst eure Knie beugen, wenn ihr den Mut zu Veränderung habt …« Dann fügte sie weinend hinzu: »Aber ich weiß schon, dass sie das nicht tun werden. Denn sie wollen sich nicht ändern.« Einige Wochen später wandte sich ein Journalist an Letizia Battaglia und fragte, ob sie für ein Interview, das er schreibe, ein Foto von Rosaria Schifani machen könne. Die ersten Aufnahmen gefielen ihr nicht. »Sie war eine hübsche Frau, aber das, was ich zeigen wollte, war nicht an die Oberfläche gekommen: ihr großes, stilles, inneres Drama.« So bat sie Rosaria, sich ans Fenster zu stellen, »um das natürliche Licht zu nutzen«, und ersuchte sie dann, »die großen, schönen Augen zu schließen«. Das Ergebnis war ein minimalistisches und extrem ausdrucksstarkes Porträt, das heute zu ihren besten gezählt wird. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die die persönliche Tragödie der jungen Frau, die mit ihrem Säugling allein zurückblieb, offenbart. Für das Interview wurde allerdings ein anderes, »banales Foto«, ausgewählt, wundert Letizia Battaglia sich auch jetzt noch. Nach einigem Überlegen hat sie das Porträt daher selbst veröffentlicht. Anfang des Jahres 2020 kommt Rosaria Costa Schifani erneut unfreiwillig in die Schlagzeilen. Ihr Bruder wird verhaftet. Er soll für die Mafia Schutzgelder eingetrieben haben. In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera sagt die in Norditalien lebende Rosaria, sie sei völlig zerstört. Die Frau, die die Mafia herausgefordert hat, ist vom eigenen Bruder »verraten« worden. Eine weitere Tragödie, meint Letizia Battaglia, eine Tragödie, die zeigt, wie tief die Gräben innerhalb der Familien nach wie vor sind. »Man kann auch heute noch in ein und derselben Familie völlig integre Personen finden, die alles richtig machen, und gleichzeitig andere, die sich dem Bösen verpflichtet haben.« Sie selbst hatte sich dem Engagement für ihre Stadt verpflichtet, doch 1983 kommt sie an einen toten Punkt. Die Ermordung des Richters Rocco Chinnici löst in ihr eine tiefe Krise aus. Zu viele Leichen haben sich in ihren Kopf eingebrannt und liegen gleichzeitig als Negative in ihrem Archiv. Letizia Battaglia nimmt Abstand von ihrem Fotoapparat und versucht sich anderwärtig für Gerechtigkeit zu engagieren. Sie geht in die Politik. 1985 zieht sie für die Grünen ins Stadtparlament von Palermo ein. Bürgermeister Leoluca Orlando führt in den kommenden Jahren eine Fünf-Parteien-Koalition an. Die Jahre seiner Regierung gelten als »Palermitanischer Frühling«. An den vielen Kampagnen zur Verbesserung der Lebensqualität der Stadt nimmt auch Letizia Battaglia teil. Sie lässt Bäume pflanzen, öffentliche Räume gestalten, kämpft verbissen gegen den Drogenhandel und ermöglicht erstmals eine erwähnenswerte Kulturförderung. Auch als Politikerin dokumentiert sie Missstände und versucht nah an den Menschen zu sein. Diese Zeit bezeichnet sie später oft als die glücklichste in ihrem Leben. »Es war eine Art Privileg, in den Strukturen der Macht tätig zu sein. Es war eine Art Luxus, sich für sein Land einsetzen zu können und die Mittel dazu zu haben. Ich konnte von dort die Macht der Mafia bekämpfen. So wie ich es auch mit dem Fotoapparat tat.« Manchmal zeigte sich die Frucht dieses Kampfes erst viele Jahre später. 1993 klagt die Staatsanwaltschaft in Palermo Giulio Andreotti wegen mutmaßlicher Verbindungen zur Mafia an. Der siebenfache Ministerpräsident hat knapp 30 Anträge zur Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität abwehren können, doch nun steht er als Angeklagter im Gerichtssaal. Er, das Aushängeschild der Democrazia Cristiana, leugnet beharrlich, jemals Kontakt mit Mitgliedern der Cosa Nostra gehabt zu haben. Eine Begünstigung der Mafia durch ihn habe es niemals gegeben. Da erinnern sich die Ermittler an das umfassende Fotoarchiv von Letizia Battaglia. Sie beginnen zu suchen und werden tatsächlich fündig. Zwei Aufnahmen fallen ihnen in die Hände, eine davon findet das besondere Interesse der Ankläger und wird als Beweismittel im Prozess herangezogen. Das Foto zeigt Giulio Andreotti während einer Wahlkampagne im Juni 1978 in der Empfangshalle des Hotels Zagarella nahe Palermo. An seiner Seite ist der Mafiaboss Nino Salvo zu sehen, der als schwerreicher Unternehmer sowohl die Subventionspolitik der EG für sich nützte als auch seine guten Verbindungen zu den Mächtigen in Rom. Im Gegenzug verschaffte er den Politikern der Democrazia Cristiana Wählerstimmen. »Ich habe Giulio Andreotti mit diesem Foto große Schwierigkeiten bereitet«, sagt Letizia Battaglia, »denn er wurde dadurch als Lügner entlarvt. Ab diesem Zeitpunkt war klar: Der mehrfache Regierungschef kannte diesen einflussreichen Mafioso.« Sie selbst hatte dem Foto ursprünglich keine besondere Bedeutung zugemessen, da ihr der gut getarnte Mafiaboss Nino Salvo zur Zeit der Aufnahme kein Begriff war. Daher hatte sie das Foto nicht veröffentlicht. Trotzdem legte sie es fein säuberlich ab. Sie steckte es in einen Umschlag und schrieb »Andreotti« darauf. Dann vergaß sie jenen unauffälligen Abend, der 15 Jahre später zum entscheidenden Indiz in den Ermittlungen wurde. Der Prozess gegen Giulio Andreotti zog sich über Jahre hin. Letztlich musste er »wegen Verjährung freigesprochen werden. Aber«, fügt Letizia Battaglia hinzu, »dank dieses Fotos kann er nicht als wunderbarer Politiker in die Geschichtsbücher eingehen. Er war der erste Regierungschef, der Schmutz auf sein Amt geladen und es damit verraten hatte. Er hat die Mafia in Palermo und in Sizilien für sich genützt. Und das ist ganz, ganz schrecklich.« Das Foto selbst bezeichnet sie als eines ihrer schlechtesten. Es sei unscharf, verwackelt und einfach hässlich. »Aber es war nützlich«, sagt sie. Und darüber sei sie immer noch froh. Aufgeben? Niemals! Letizia Battaglia verfügt über ein riesiges Archiv. 600.000 Fotos stammen aus ihrer Zeit als Fotoreporterin für die Tageszeitung L’Ora, die 1992 eingestellt worden ist. Heute fotografiert sie nicht mehr. Sie steckt ihre ganze Energie in das von ihr gegründete Internationale Zentrum für Fotografie, das 2017 »in einem ehemaligen Industriegebäude« eröffnet worden ist. »Kein reines Museum«, winkt sie ab, das wäre nicht in ihrem Sinn. Und so gibt es neben hochkarätigen Ausstellungen auch Fördermaßnahmen für junge Fotografen aus aller Welt. »Es ist ein Ort der Kultur, an dem man frei denken und kreativ sein kann. Das ist ein ganz wichtiger Teil im Kampf gegen die Mafia.« Dieser Kampf ist in ihrem Bereich heute viel schwieriger. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Mafia der Gegenwart ist nicht mehr fotografisch zu dokumentieren. Sie trägt Krawatte, hat einen Hochschulabschluss, investiert in Kunst und ist in der Finanz zu Hause. »Das hässliche Gesicht der Mafia mit coppola (Anm. typische sizilianische Schirmmütze) und lupara (Anm. Jagdgewehr) gehört der Vergangenheit an. Ich hatte aber mit dieser Mafia zu tun. Meine Fotos kommen daher ohne begleitende Anmerkungen aus. Sie sprechen allein für sich. Heute hingegen bräuchten wir mindestens zehn Zeilen Text, um zu sagen: Dieses saubere Arschgesicht gehört einem Mafioso.« Das machte das organisierte Verbrechen vielleicht sogar noch gefährlicher, denn es sei teilweise nicht mehr erkennbar. »Aber die Mafia ist präsenter denn je. Sie hat in alle Gesellschaftsschichten Einzug gehalten.« Eines schmerzt Letizia Battaglia zutiefst, wenn sie die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren lässt: Sie kann nicht verstehen, warum es dem Staat nicht gelungen ist, die Mafia zu bezwingen. »Ich könnte heulen«, sagt sie, »denn sie haben uns leiden lassen. Nicht alle Sizilianer sind mafiös. Wir wurden vielmehr unterdrückt und man hat uns nicht geholfen.« Sie selbst wurde darüber hinaus auch immer wieder an Leib und Leben bedroht. Die Angst war oft so groß, dass sie krank wurde. Aber ans Aufgeben hat sie nie gedacht. Im Namen der Freiheit und der Unabhängigkeit machte sie immer wieder weiter. »Ich bereue nichts«, sagt sie zum Abschluss, »das Leben ist wunderschön und außergewöhnlich. Damit das so bleibt, kämpfe ich weiter. Ich denke, wir haben die Aufgabe, bis zum Schluss zu kämpfen, um so das Beste für die Gesellschaft zu erreichen.« Für ihren leidenschaftlichen Einsatz und ihr fotografisches Werk ist Letizia Battaglia vielfach geehrt worden. Viele nationale und internationale Preise geben Zeugnis ihres außergewöhnlichen Wirkens. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/mathilde-schwabeneder/sie-packen-aus/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.