Ein unvergessliches Jahr Raoul Ribot Der Maler Raoul Ribot erzählt in seinem autobiographischen Roman von der wohl schwierigsten Zeit für sich und die Franzosen. Im letzten Jahr vor dem endgültigen Kriegsende, 1944, erwuchs in dem 18-Jährigen eine Stärke, die ihn befähigte, die völlig ungewisse Zukunft als Herausforderung zu betrachten und, seit der Befreiung seiner Heimat, des Languedoc, jeden Moment des Glücks und der Freude wahrzunehmen und auszukosten. In sehr authentischer, lebensbejahender Weise beschreibt er diskret und offenherzig zugleich, wie er im Kontakt mit den Jungen und Mädchen seiner Clique zu einer erstaunlichen Reife und zu prägenden Erfahrungen in puncto Liebe und Freundschaft gelangt, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollten. Ungewöhnlich zartfühlend zeigt er sich in seiner Art, mit seinen Freundinnen umzugehen, sich ihnen körperlich und geistig zu nähern. Dementsprechend reagieren diese auf ihn und lieben ihn auf ihre Weise; Sylvie, die Kameradin aus Kindheitstagen und nunmehr ehrgeizige wie auch sensible Medizinstudentin, Thérèse, mit der er eine intensive sexuelle und emotionale Beziehung erlebt, schließlich Barbara, deren Wesen die freundschaftliche und die sexuelle Ebene in sich vereint. Trotz der Ungewissheit und des Schreckens erlebt der Erzähler dieses letzte Kriegsjahr als Zeitphase einer besonderen Freiheit und einer Lebensfreude, die für seine persönliche Entwicklung einen größeren Stellenwert einnimmt als die angestrengte Suche nach einem künftigen Beruf. Der Leser befindet sich gleichsam mitten im Geschehen und taucht in das malerische und charmante Ambiente der Fischerdörfer und der reizvollen Landschaft zwischen Montpellier und Sète ein. 1. Auflage Februar 2018 Copyright © 2018 by Ebozon Verlag ein Unternehmen der CONDURIS UG (haftungsbeschränkt) www.ebozon-verlag.com (http://www.ebozon-verlag.com/) Alle Rechte vorbehalten. Übersetzung: Vanessa Kayling Covergestaltung: Ebozon Verlag Coverfoto: Raoul Ribot / Vanessa Kayling Layout/Satz/Konvertierung: Ebozon Verlag ISBN 978-3-95963-492-2 (PDF) ISBN 978-3-95963-490-8 (ePUB) ISBN 978-3-95963-491-5 (Mobipocket) Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors/Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Veröffentlichung, Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. Raoul Ribot Ein unvergess- liches Jahr Roman Aus dem Französischen von Vanessa Kayling Ebozon Verlag Ein unvergessliches Jahr Prolog Zugegeben: Ich glaube nicht an Wunder, aber wenn es mir vergönnt wäre, ein Jahr meines Lebens noch einmal zu erleben, so würde ich das Jahr 1944 erwählen. Ein Stück Leben noch einmal durchlaufen - das wäre mein Traum. Ein unmöglicher Traum… und doch versuche ich ihn zu verwirklichen, indem ich auf den folgenden Seiten einen Teil meiner Vergangenheit auferstehen lasse. Im Jahre 1944, mitten im Krieg, erreichte ich mein 18. Lebensjahr, während ein großer Teil der Gleichaltrigen ihr Leben bereits verloren hatte. Die Umstände erlaubten mir, meines zu behalten - ein Privileg, ein unglaubliches Geschenk, was mir damals durchaus nicht bewusst war, zumal ich keine Vorstellung davon hatte, was die Zukunft bescheren würde. Dieses Jahr hat mir Lebenskraft geschenkt, Demut und ebenso den unbändigen Willen, Momente des Glücks zu genießen, trotz und zugleich wegen ihres vergänglichen Wesens - eine Haltung, wie sie gewissen jungen Menschen meines Alters entspricht, die mehr Zynismus als Resignation verrät. Ich ließ mich eher durch den Gedanken Carpe diem leiten als durch irgendwelche Zukunftspläne. Die Zeit war kein Schlupfwinkel, sie bedeutete keinerlei Schutz, vielmehr bot sie sich als ein Rätsel dar, als eine Unbekannte, mit der man lieber keine Wette eingehen sollte. Jede Voraussage oder Vermutung bezüglich dessen, was sich ereignen würde, war schlicht unmöglich. Was die Beunruhigung noch verstärkte, war die Besetzung unseres Gebietes und insbesondere unserer Heimatstadt im Languedoc. Hier muss ich nebenbei bemerken, dass sich das Verhalten der deutschen Truppen, die sich seit dem 11. November 1942 intra muros befanden, nicht derartig tragisch ausgewirkt hatte wie in anderen Gegenden Frankreichs. Ihre Anwesenheit löste keine Begeisterung aus, bei weitem nicht, vielmehr bedeutete sie eine moralische Kränkung und eine materielle Belästigung. Die Besatzer wachten darüber, dass man jede ihrer Anordnungen und Vorschriften genauestens einhielt. Besonders eine davon sollte für mich eine tiefgehende Verletzung bleiben: der Befehl zur Evakuierung der Bewohner der Hafengegend von Mèze, wo unser Haus stand, das wir im Jahre 1943 den Nazihorden überlassen mussten, die sich dort bis zum Tag der Befreiung festsetzen sollten. Zu den auferlegten Zwängen gehörten die Aufforderungen zur obligatorischen Arbeit für die Truppen. Von der Rationierung der Lebensmittel waren offensichtlich, wie überall in unserem Land, die Ärmsten und Hilflosesten am stärksten betroffen, die nicht vom Schwarzmarkt profitieren konnten. Ich werde die Ausgehsperre nicht vergessen, die für den größten Teil der Bevölkerung sehr frustrierend war. Ich erinnere mich an die Heimkehr zu nächtlicher Stunde, mit dem Fahrrad oder zu Fuß, was einige Vorsichtsmaßnahmen erforderte, um unangenehme Begegnungen mit der feindlichen Patrouille zu verhindern, deren hämmernde Stiefel man zum Glück von weitem vernahm. Diese Bedrohung veranlasste uns, unsere Schuhe mit den verräterisch klappernden Holzsohlen auszuziehen und sie auf unseren Schleichwegen in der Hand zu tragen. Dennoch entkamen wir nicht; man brachte uns zur Kommandantur, wo wir je nach der Laune des Kommandanten 24 oder 28 Stunden verbringen mussten oder zu einer unbekannten Aufgabe oder Bestimmung entsendet wurden. Am verachtungswürdigsten waren die Razzien und Massenverhaftungen, da sie von Franzosen angezettelt und durchgeführt wurden, die der Miliz oder der Gestapo angehörten. Diese feigen Verräter schämten sich nicht, ihre eigenen Landsleute in die Vernichtungslager zu schicken. Es war ein Paradoxon, dass man die Kollaborateure mehr fürchten musste als den Feind. Wir werden niemals alle diese Massaker vergessen, die Kriegsverbrechen, die Deportationen und die vielen Todesopfer dieser Tragödie, die von derartigen Barbaren verursacht wurden. In diesem Kriegsklima mag man sich sehr wundern, weswegen ich mir das Jahr 1944 ausgesucht habe. Die Antwort darauf liegt vor allem in meinem Alter. Jung wie ich war, erlebte ich die Gegenwart, den Augenblick, so frei, wie es mir gefiel; auch wenn diese Freiheit keinerlei Sicherheit bedeutete, lag darin eine Ermutigung, sich gehen zu lassen, andererseits konnte man sich gegenüber diesem historischen Moment, den wir erlebten, nicht gleichgültig verhalten. In mir schwelte das Gefühl einer latenten Empörung. So zu tun, als ob nichts wäre, erschien unmöglich, ja geradezu unmoralisch. Ich habe diesen Zeitabschnitt in einer anderen geistigen Verfassung erlebt. Ich hatte mir ein Temperament angeeignet, das mich befähigte, allen Herausforderungen, die mich zwangsläufig erwarten würden, zu begegnen und sie zu überwinden. Ich hatte weder Grund, mich selbst zu bemitleiden, noch mich mit der Gegenwart aufzuhalten, die ein Schlachtfeld war. Ich war jung, sportlich, also auch körperlich gesund und voller Tatendrang, um an einer Aufgabe, einem Auftrag mitzuwirken, den ich als eine von mir zu erfüllende Pflicht betrachtete. Ich träumte von besseren Zeiten, zunächst war es aber nötig, Opfer zu bringen, aufopferungsfähig zu sein, wie es einmal eine traurige Persönlichkeit formuliert hatte, aber nicht aus demselben Grund. Ich hatte nichts zu verlieren. Meine Situation war nicht gerade glänzend, ich kam zurecht, dank einer provisorischen Beschäftigung, hatte etwas zu essen und ein Bett zum Schlafen. Die Annehmlichkeiten, die ich in meiner Kindheit genossen hatte, waren in weite Ferne gerückt. Ich war kein Spross einer großen bürgerlichen und konservativen Familie, der sich in die Vergangenheit flüchtete, um die Bilder und Eindrücke wiederzufinden, die der Zeit entronnen waren und die es ihm ermöglichten, durch den Geschmack der Madeleine die Wohlgerüche der Orte wiederzuentdecken, die er einst durchmessen hatte. Letztlich alles, was ihn in einen anderen Zustand versetzte, in eine Parallelwelt, die ihn die Qualen des gegenwärtigen Lebens vergessen ließ. Nein, ich flüchtete nicht in die Vergangenheit: Je mehr ich mich an diesem Leben erfreute - so unsicher und heikel es sich auch darbot - umso mehr Hoffnung wuchs in mir heran. Die entscheidenden Ereignisse im Frühling und Sommer 1944, die Landung der Alliierten in der Normandie und in der Provence, waren nicht länger ein Traum, sondern das Ende eines Albtraumes, obwohl dies noch nicht das Ende der Feindseligkeiten bedeutete. Von wahrer Freude konnte nicht die Rede sein, immerhin doch von einem gewissen Aufschwung, einem Auftrieb, der uns half, die künftigen Tage und Monate besser zu überstehen. Wir gingen einer Zukunft entgegen, die uns mit einem wahren Glücksgefühl erfüllen, ja überschwemmen sollte. Am Abend des 6. Juni 1944 waren wir, so muss man es sagen, trunken vor Freude und von einer kleinen Menge Alkohol. Einen Moment lang währte unser Eindruck von einem besseren Leben trotz noch immer leerem Magen. Letzteres konnte die positive Gestimmtheit nicht schmälern, die unseren Tatendrang wachsen ließ, unser Bedürfnis, in Aktion zu treten. Der Enthusiasmus, der uns am Abend zuvor entfesselt hatte, wich am Morgen der Ernüchterung beim Anblick des Strandes, der vom Blut unserer Befreier getränkt war. Wohlgemerkt, bei meinem Wunsch, dieses Jahr noch einmal zu erleben, habe ich mich darauf beschränkt, diese Fakten des Krieges zu erinnern, aber ich habe die Vorstellung, dass sie sich jemals wiederholen, aus meinen Gedanken ausgeschlossen. Mit 18 Jahren, als Zuschauer und, in meinem Fall, als Akteur, dienen solche Ereignisse dazu, den Charakter zu formen und eine mentale Stärke hervorzubringen. Dank meiner Jugend trauerte ich der Vergangenheit nicht nach, denn was ich bis dahin erlebt hatte, besaß keine wesentliche Bedeutung; es gab nichts zu bereuen. Vielmehr schien sich eine neue Zeit vor uns zu eröffnen, im Moment war es vor allem eine Erleichterung, die wir alle empfanden, da wir endlich von den deutschen Truppen befreit waren, die sich nun zum größten Teil an der russischen Front befanden und die letzten Kämpfe erwarteten. Es lag nun bei mir, mich auf die vor mir liegende Zeit vorzubereiten und eine bessere Zukunft zu erhoffen, ohne erahnen zu können, was sie mir bringen mochte. Es sind nicht allein die Katastrophen, welche die Zeiten beherrschen, es sind auch die Menschen, die ihr Schicksal gestalten, ihres Glückes Schmiede sind. Jedes Individuum muss ein Ziel verfolgen, und die Hoffnung beibehalten, sein Glück so lange wie möglich genießen zu können. Um nicht in diesem Sinne zu handeln, muss man Defätist sein - dies ist die beste Art und Weise, es zu verlieren; das Errungene zunichte zu machen. Wozu sollten wir zerstören, was wir sorgfältig aufgebaut haben, und zugleich die vergangene Zeit auslöschen? Es ergibt keinen Sinn, denn die Vergangenheit ist Teil unserer Erinnerung, die bewahrt werden muss. Es kann heilsam sein, auf die Vergangenheit zu rekurrieren, ohne dass daraus eine Psychose entstehen muss - vielmehr lassen sich daraus Ressourcen schöpfen, die uns helfen, mit der Lebenszeit und mit der Zeit des Genusses und der Lebensfreude sorgsam umzugehen. I Die Zeit, die ich gern noch einmal erleben würde, war also eine zunächst düstere Epoche, und man konnte nicht behaupten, dass Heiterkeit und gute Stimmung in der Stadt herrschten, in der es zahlreiche Frauen und Männer gab, von denen man wenig oder gar keine Kenntnis hatte, der Missmut hatte sich in zahlreichen verlassenen Haushalten ausgebreitet, überall, wo ein oder mehrere Familienmitglieder fehlten. Das gemeinsame Essen, das die Familien am Sonntagstisch vereint hatte, wurde immer seltener, einige hatten nicht einmal etwas, was sie auf den Tisch bringen konnten. Die Menschen begnügten sich mit einem kleinen Ausflug in die Stadt, wo ihnen oftmals die Eintönigkeit der Uniformen begegnete, und in einer so kleinen Stadt merkt man besonders die Enge, die Tuchfühlung, die nicht angenehm wirkt, wenn sie von einer Art ist, an die man sich nicht ohne Weiteres gewöhnen kann. Jung wie wir waren, Mädchen und Jungen, hatten wir keinerlei Skrupel, man ignorierte diese Fremden, behielt sie aber dennoch im Auge. Einige Male mussten wir nämlich eingreifen, um ein Mädchen von einer höchst unangenehmen Begleitung zu befreien, jedenfalls aus unserer Sicht. Ich muss bemerken, dass die jungen Mädchen unserer Stadt zum größten Teil keinen Gefallen an einer Kollaboration fanden. Wir waren stolz auf sie wie auch auf uns selbst, da wir uns verteidigt hatten. Tatsächlich war eine Gruppe von Jungen, die sich nicht ungeschickt anstellten, in der Lage, sogar einen bewaffneten Chleu abzuschrecken. Wir bildeten eine beachtliche Clique von etwa zehn Jungen zwischen 18 und 25 Jahren, wenn sich die Mädchen hinzugesellten, kamen wir leicht auf 20 Personen, die nicht unbemerkt blieben, sogar wenn wir gar nicht vollzählig waren. Der Geist dieser Gruppe war angenehm; unsere Devise lautete Solidarität, Zusammenhalt, Freundschaft. Allabendlich fand sich mindestens ein halbes Dutzend zusammen, zweifellos nicht immer dieselben, wir liefen auf dem schönen, mit großen Platanen umgebenen Vorplatz, auf der Esplanade, auf und ab, um Pläne zu schmieden und mehr oder weniger erlaubte Streiche auszuhecken. Unser Interesse an allem, was verboten war, bedeutete eine Art von Rebellion gegenüber der Besatzungsmacht. Wenn man einem Offizier oder Kommandanten nicht gehorchte, was wir nie taten, wurde dies mit einem Tag Arbeit geahndet. Aber es machte uns nichts aus, einige Stunden im feindlichen Lager zu verbringen; wir beobachteten alles, denn man konnte nie wissen, wofür dies einmal dienlich sein würde. Aber es gab auch andere Vergnügungen, wir mussten unsere Jugend genießen, wir fanden, dass wir das Recht dazu hatten, und wir hätten es nicht ertragen, daran gehindert zu werden. Wir alle fühlten uns frei, ungeachtet der Umstände. Diese Freiheit erhielt übrigens ihre volle Bedeutung an einem sonnigen Tag im Spätsommer des Jahres 1944. Gegen meine Gewohnheiten überquerte ich eines Morgens den Kai, um mich zu meiner Arbeit in die Stadt zu begeben. Ich war überrascht, diesen Ort, der gewöhnlich belebt war, menschenleer vorzufinden. Einige Boote lagen noch am Ufer, aber der größte Teil der Flotte, mitsamt Fischern und Netzen, hatte bereits den Teich erreicht, während nur noch zwei oder drei Männer ein Floß mit Fässern beluden. Ich bemerkte plötzlich, dass alle Häuser, die bisher von der Truppe jenseits des Rheins bewohnt wurden, ihre Läden geschlossen hatten. Als ich einen der Arbeiter fragte, erhielt ich die Antwort, dass die „Mieter“ am frühen Morgen mitsamt Waffen und Gepäck aufgebrochen seien. Wenig später wurde mir ihre Abfahrt bestätigt, die sicherlich im Rahmen des offiziellen Abzugs der deutschen Armee geschehen war, die sich nun auf dem Weg in den Osten befand. Es ist überflüssig zu betonen, dass den gesamten Tag lang und vor allem nachts in der Stadt eine einzige Euphorie herrschte. Die Einwohner trauten ihren Augen so wenig, dass einige von ihnen die gesamte Nacht schlaflos blieben, um sicher zu gehen, dass keine anderen fridolins an ihre Stelle rückten: Tatsächlich hatten wir derartige Manöver seit dem Beginn der Besatzung erlebt. Aber dies war nicht der Fall - die Befreiung war vollständig, sie war endgültig! Wir hatten das Glück wiedergefunden! Endlich ein kleines Stück Glück! Bei der Arbeit sprachen wir beinahe den ganzen Morgen über nichts anderes, danach gingen wir aus, denn ein solches Ereignis musste begossen werden! Wir waren nicht die einzigen im Café an der Esplanade, draußen auf dem Platz standen kleine Gruppen hier und dort, deren Gesprächsthema leicht zu erraten war. Gegen 18.00 Uhr traf ich mich wie gewohnt mit den Freunden zu unseren allabendlichen Gesprächen, und in dem Moment begriffen wir, dass dieses Außergewöhnliche, schier Unglaubliche wirklich geschehen war: die Befreiung. Wir wanderten schließlich wie Schlafwandler, geradeaus, vor uns lagen große, geöffnete Tore und Türen, sie waren tatsächlich geöffnet, wir traten ein und unterhielten uns mit den Menschen, die wir Jugendlichen kaum kannten und zu denen wir gewöhnlich keinen Kontakt hatten, da sie aus einer anderen Generation stammten als wir, wir lachten und weinten gemeinsam, überwältigt von einer Freude, die uns alle mitriss, denn wir erlebten gerade, so schien es, den Übergang von einem Zeitalter in ein anderes. Dennoch blitzte, beim Anblick des alten Kiosks, das unseren Platz in Mèze belebte, in uns das Bild dieser ausländischen uniformierten Musiker auf, die einem sehr spärlichen Publikum Lieder ihres Landes präsentierten. Ebenso erinnerten wir uns allzu gut an diesen schwerfälligen Volkscharakter, den sie repräsentierten, ebenso wie uns das Geräusch eines Flugzeugmotors fieberhaft den Himmel absuchen ließ, in Erinnerung an das schrille Kreischen und Donnern der feindlichen oder alliierten Bombenflugzeuge. Man kann nicht behaupten, dass wir nicht durch die Kriegsjahre geprägt wurden. Auch die freche Unbekümmertheit der Jugend bietet keinen Schutz dagegen; selbst wenn sie es nicht zeigen will, so zieht sie daraus doch Lehren der Demut. Zweifellos fügt sie sich schneller in das Ganze ein, denn der Durst nach Leben ist glücklicherweise immer gegenwärtig. Obwohl wir noch nicht unserem Hunger entsprechend essen konnten, hatten wir nicht den Appetit auf die Annehmlichkeiten des Lebens verloren, das wir alle - die Mädchen ebenso wie die Jungen - bis zur Neige ausschöpfen wollten. Wir organisierten Ausflüge zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die ländliche Umgebung, jetzt fanden wir sie noch schöner, da wir uns in Frieden bewegen und wie junge Wilde in den ungemähten Wiesen herumtollen konnten. Wir hatten unsere geschützte Stelle am Strand wiedergefunden, am Rande des Étang de Thau, wo das Wasser nicht mehr von den Schmarotzerfischen, die wir vielsagend Fritz nannten, beschmutzt war, die aus der Ostsee stammten. Der Sommer ging zu Ende und damit auch für einige von uns die Ferien. Die meisten von uns blieben am Ort, ich fuhr nach Saint-Girons ins Ariège, um meine Eltern wiederzusehen, die sich vor einigen Monaten mit meinem Bruder Marcel und meiner Schwester Simone dorthin geflüchtet hatten. Wir waren sehr glücklich, wieder vereint zu sein, sicherlich, aber - leider! - nur für eine kurze Zeit. Ich musste meine Arbeit wieder aufnehmen und hatte auch das Bedürfnis, meine Kameraden wieder zu treffen. Die Clique, wie wir unsere Gruppe nannten, war gezwungen, sich aufgrund der Beschäftigungen einiger von uns ein wenig aufzulösen. Die einen begannen ihr Studium, andere unterrichteten an Grundschulen, andere blieben vor Ort und darunter noch genügend Mädchen, mit denen wir eine glückliche Zeit verbrachten. II Trotz allem fühlte ich mich bedrückt, denn ich vermisste meine Kindheitsfreundin Sylvie Astre, deren Aufnahme in die medizinische Fakultät bevorstand. Wir kannten uns, seit wir etwa zehn Jahre alt waren, wir spielten in der Nähe ihres Hauses Verstecken oder Fangen, oder wetteiferten, wer die meisten von jenen kleinen Krabben sammeln würde, die sich am Ufer in den Algen verfingen. Oft spielten wir mit ihrer Puppe, die sie ein wenig mit einer Stecknadel malträtierte, unter dem Vorwand, sie zu behandeln. Eines Tages hatte sie beim Spielen zu mir gesagt: Wenn ich groß bin, will ich Ärztin werden. Dann kann ich nämlich meinen Papa heilen, wenn er alt und müde ist. Wie stolz musste ihr Vater Olivier nun sein, wenn er daran dachte, dass seine Tochter bald Ärztin werden könnte! Er hatte sich sein Leben lang abgerackert und nahm auch noch heute, denn er war erst 49 Jahre alt, seine gesamten Kräfte und seinen Mut zusammen und brachte reiche Fischfänge mit nach Hause, um seiner Familie ein angenehmes Leben und seiner Tochter Sylvie das Studium zu ermöglichen. Als sie ihm nach dem Abitur ihre Absicht verkündete, dass sie das Medizinstudium anstreben würde, hatten sich seine Augen vor Staunen und vor Glück geweitet, er hatte seine Tochter in die Arme genommen und herumgewirbelt, wobei er sie mit Küssen und Freudentränen bedeckte. Einige Tage später nahmen sie Onkel Jules' guten alten Bus, um sich zur Einschreibung an die medizinische Fakultät nach Montpellier zu begeben. Olivier hatte diese Fahrt zum ersten Mal anlässlich von Sylvies Eintritt ins Lycée Henri IV unternommen, aber dies war etwas anderes, vor allem, wenn man zur Besichtigung der Orte eingeladen wurde. Beim Anblick dieser großen Auditorien traute dieser schlichte Mann seinen Augen nicht; dort würde sein Kind bald studieren, in diesem ehrwürdigen, riesigen Hörsaal mit seiner beeindruckenden Höhe - dies, sagte er sich, musste das Wunderwerk sein, von dem sein alter Freund Honoré nach dem Besuch eines Vortrags über die Pyramiden berichtet hatte. Welch ein emotionales Erlebnis für den braven Olivier! Auch ich war sehr bewegt, als Syl - dies war die vertrauliche Koseform, die ich ihr vor allem auch aus Bewunderung verliehen hatte - mich in ihre Entscheidung einweihte, sobald die Abiturnoten bekannt waren. Ich wusste, dass sie nicht scherzte, denn sie war in der Lage, lange und intensiv zu lernen, ich kannte ihre Willensstärke, ihre Hartnäckigkeit, ihre Belastbarkeit, alle Fähigkeiten, die ihr Vater ihr vererbt hatte. Ich konnte nicht anders als ihr zu applaudieren und sie zu beglückwünschen, sie küsste mich lange auf beide Wangen und ich gab ihr diesen Moment der Zärtlichkeit sogleich zurück. Wir waren gute und wahre Freunde, darüber hinaus gingen wir nicht, wir pflegten und kultivierten diese Freundschaft ohne irgendeinen Hintergedanken. Als die Umstände uns trennten, füllten wir die Leere aus, überbrückten sie mit einigen Zeilen, deren Hauptthema darin bestand, dem anderen ein wenig Zeit zu schenken. Sicher schrieben wir uns nicht täglich, zumal sie sonntags jede Woche oder vierzehntägig nach Hause kam. Aber auch nach diesen Ferien, wie jedes Mal, bemerkten wir die Distanz, die zwischen uns entstanden war: die lange Zeit, die wir nicht miteinander verbracht hatten, hatte sich wie etwas Fremdes zwischen uns geschoben. Es gab eine so starke Affinität, die aus unserer kindlichen Beziehung entstanden war, in einer Zeit, als wir uns in einer ständigen Gemeinschaft befanden, und die durch einen Mangel an Austausch und Kommunikation gefährdet war, auseinanderzubrechen. Wir hatten eine Menge an Gesprächsthemen, und nicht immer waren wir gleicher Meinung. Aber wir erreichten immer nahezu eine Synthese, die uns erlaubte, das Thema abzuschließen. Wenn wir auf Politik zu sprechen kamen, für die sie sich nicht besonders interessierte, aber dennoch eine bestimmte Sicht einnahm, und ich versuchte, sie von der meinigen zu überzeugen, antwortete sie mir, indem sie sie mir ihren Zeigefinger auf den Mund legte, dass ich warten solle, bis sie ihre Lektionen in diesem Fach absolviert hätte. Schließlich gab sie mir einen leichten Klaps auf die Wange, gefolgt von einem schelmischen Lächeln. Wenn wir über Literatur sprachen, hatte sie etwas, woran sie sich freuen konnte, sie las sehr viel mehr als ich in dieser Zeit, vor allem die Klassiker oder auch moderne Autoren, ich ging eklektischer vor, von Agatha bis Zola, der mich begeisterte. Sie war immer guter Laune, freute sich über die kleinsten Alltagsdinge und ich liebte sie deswegen über alles. Wenn ich ihr eine Blume schenkte, die ich an einem Feldrand gepflückt hatte, fiel sie mir um den Hals, wobei ihr Kuss eine Spur auf meiner Wange hinterließ. Es war eine Art, sich in aller Freundschaft zu lieben. Es mochte wie ein Spiel erscheinen, aber das war es nicht: Schließlich ist die Freundschaft ein höchst ernsthaftes und kostbares Gut, das durch einen leichtsinnigen Fehler für immer zerstört werden kann. Es ging uns gut, das war das Wichtigste und unsere Freundschaft reichte uns vollkommen aus. Unsere Freunde hatten fatalerweise immer geglaubt, dass es da noch etwas anderes oder noch mehr zwischen uns gab oder geben musste, wir selbst haben untereinander niemals die Tatsache angesprochen, dass diese Situation dergleichen vermuten ließ, dass sie sogar ein anderes Gefühl als das der Freundschaft hervorrufen konnte; dass Liebe oder sogar Abneigung entstehen konnten. Ein Außenstehender hätte nichts anderes wahrgenommen als ein gewöhnliches Paar, das dafür geschaffen war, sich zu verstehen und zu lieben, und es war tatsächlich so, außer dass wir uns nicht liebten wie Liebespaare. Syl war großartig, auch in ihrer äußeren Erscheinung - sie besaß die Anmut und den Körper einer Elfe. So gab es einige Anlässe, die die Eifersucht um uns herum entfachten. Dies bedeutete etwas wahrhaft Unangenehmes und Frustrierendes, was unsere Kommunikation mit fremden Mädchen und Jungen erschwerte, manchmal sogar mit denjenigen, die wir kannten. Trotzdem blieb unser gegenseitiges Vertrauen davon unberührt, was bewirkte, dass sich unsere gegenseitige Wertschätzung noch steigerte. Wir hatten uns die Frage noch nicht gestellt, ob diese Freundschaft der Zeit Widerstand leisten und sie überdauern würde. Sollte die Tatsache, dass wir Heteros, ein Mann und eine Frau waren, künftig ein Hindernis für die Fortsetzung dieser Art von Beziehung bedeuten? Man konnte nicht voraussehen, was geschehen würde. Letzteres war übrigens Gegenstand der Unterhaltungen zwischen Syl und mir, denn wir waren übereingekommen, nichts voreinander zu verheimlichen. Als Schülerin hatte Syl eine sehr enttäuschende Beziehung erlebt und bisher, soweit ich weiß, keinerlei intime Erfahrungen mit Jungen gehabt. Sie kannte meine früheren und jetzigen Abenteuer, die sie jedoch nicht zu stören schienen. Seit etwa zehn Jahren gedieh unsere Freundschaft, sie festigte sich schnell, besser ging es nicht. Es war nicht möglich, darüber hinauszugehen. Die Harmonie zwischen uns konnte eine gewisse Spannung nicht überschreiten, ohne Gefahr zu laufen, dass eine der Saiten, die sie hielt, zerbrach. Wir hatten mit unserem Gewissen vereinbart, dass wir uns an unsere Gewohnheit hielten. Man muss den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen. Es gab keinerlei Grund, das Verhalten des anderen nicht zu respektieren, denn dies hätte bedeutet, dass sich der Schatten des Zweifels über unsere Aufrichtigkeit legte. Von Aufrichtigkeit zu sprechen, scheint mir unpassend, da man an der meinigen durchaus zweifeln konnte, und vor allem Sylvie, zumal ich es war, der unsere Freundschaft missachtet und verraten hatte für ein Liebesabenteuer mit einem Mädchen, das sogar einige Jahre älter war als ich. Ich muss sagen, dass keine von beiden den Eindruck machte, als würden sie mir diese Geschichte übelnehmen. Thérèse, meine damalige Freundin, hat Syl anlässlich eines Alarms kennengelernt, der einen Luftangriff ankündigte und der uns zwang, uns aus der Stadt zurückzuziehen. Dies war einer jener Momente, die dem Zufall geschuldet sind, dass die beiden einander sympathisch fanden. In der folgenden Zeit begegneten sie sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Beschäftigungen nur selten. Thérèse, 24 Jahre alt, war Kontrolleurin bei der Leitung der Post in Nîmes, was erklärt, weswegen unsere Begegnungen nur sporadisch erfolgten. An ihren freien Tagen, an drei oder vier Tagen im Monat, kehrte sie in ihre Geburtsstadt Mèze zurück. Auf diese Weise gelang es mir, meine Zeit der einen wie der anderen zu widmen, ohne Ärger heraufzubeschwören. Es geschah, dass Syl und ich manchmal zum Mittagessen bei Thérèses Eltern eingeladen wurden, umgekehrt ließen Letztere und ich uns zu den Astres einladen, was mir die Freude bereitete, einige Themen aus der Vergangenheit aufzugreifen. Dazu zählte unter anderem die Geschichte meines kleinen Cousins Raoul, der während des Ersten Weltkrieges 14/18 verschwunden war, und von dessen kurzem Leben ich in einer meiner früheren Schriften berichtet habe. Alles verhielt sich bestens, denn diese Situation änderte weder etwas an der Freundschaft, die mich mit Syl verband, noch beeinträchtigte sie meine Beziehung zu Thérèse. In Thérèses schönen Augen verlor ich mich wie in einem Meeresgrund. Für einen Moment schien ich wie entrückt, eingehüllt in eine Intimität, in der ich völlig aufging. Ich kam erst wieder zu mir, als ich den Druck ihrer Lippen auf den meinigen spürte. Wir verbrachten einen Teil der Nacht damit, uns zu lieben, jedes Mal, wenn sie mir einen ihrer freien Tage schenkte. Es war die Liebe, die diese unsere Beziehung bestimmte und welche die Freundschaft überstieg, die wir füreinander empfanden. Sie war vor allem körperlich, fleischlich, sinnlich, erotisch. Ich finde nichts Spirituelles darin, obwohl dieser Akt sicherlich von einem gegenseitigen Empfinden von Zuneigung und Sympathie begleitet ist. Dennoch war es völlig verschieden von dem, was mich und Syl verband, mit ihr gab es keinerlei Zweifel, keine Unwägbarkeiten, die Art der Beziehung zu ihr besaß den Vorteil der Klarheit. Die wahre, wirkliche Freundschaft impliziert ein natürliches Vertrauen zueinander, eine Zuverlässigkeit, eine Art Komplizenschaft, die es, wie ich glaube, bei Liebespaaren nicht gibt. III Was ich eben geschildert habe, ist nicht abhängig von einer Utopie oder einem Traum, im Leben geschehen solche Situationen recht oft und dauern in einigen Fällen länger an. Auch wenn man sich die Frage nicht stellt, ob die Liebe nicht doch die Freundschaft ersetzt, so ist die Letztere immer etwas Verlässlicheres, Beständigeres. Es ist wahr, dass es allzu häufig nicht gelingt, die Beziehung vor der Abnutzung durch die Zeit und den Alltag zu retten, sei es durch Nachlässigkeit, durch Bequemlichkeit oder durch andere Umstände. Je mehr man gemeinsam erlebt und erträgt, umso stärker entwickelt sich das Band, und umso stärker besteht gleichsam die Gefahr, dass aus der Freundschaft Liebe wird. Ein entscheidender, schicksalhafter Moment, der uns nah an den Bruch wie an den Rand eines Abgrunds bringen kann, der jäh oder aber schleichend erfolgt. Im einen oder anderen Fall wird dies in unterschiedlicher Weise von den Partnern akzeptiert. Was Syl und mich angeht, hatten wir ja schon viele Jahre zusammen verbracht, und obwohl nach außen hin keinerlei Störung in der Beziehung erkennbar war, wussten wir, dass wir uns in einer sehr sensiblen, problematischen Phase befanden, wir scheuten uns auch nicht, dieses Thema anzusprechen. Die Zeit verging, ohne dass unsere Freundschaft irgendeinen Schaden erlitt oder auf die Probe gestellt wurde. Es gab keinerlei Anlass, an diesem Bündnis etwas zu ändern und keine Berechtigung, es zu lösen. Die Regelmäßigkeit meiner Besuche bei Thérèse empfand ich als angenehm und stabil, ohne dass sie die freien Tage in meinem Kalender allzu sehr besetzte. Auch hier lag mir jeder Anlass fern, den gewohnten Weg, sozusagen das eingefahrene Gleis, nicht fortzusetzen. Inzwischen war es Oktober geworden, die Schule und das Semester hatten wieder begonnen. Syl setzte ihr Studium in Montpellier fort, während Thérèse weiterhin in Nîmes arbeitete. Ich hatte immer noch meine provisorische Stelle und befürchtete, eine obligatorische Arbeit in Deutschland ableisten zu müssen. Ich bereitete mich auf meine Aufnahmeprüfungen vor, allerdings nicht in Medizin, obwohl ich dazu Lust gehabt hätte. Aber irgendetwas Stärkeres hatte mich zurückgehalten. Einen besonderen Geschmack fand ich momentan nicht am Jurastudium, mit dem ich beschäftigt war, eher daran, mich ein wenig gehen zu lassen, und zweifellos am Abenteuer, wenn Letzteres auch nicht klar definiert war. Sport begeisterte mich sehr; Fußball, Tischtennis, Schwimmen, außerdem engagierte ich mich für das Netzwerk der Résistance. Und dann, ich sollte wohl besser sagen: vor allem, waren da die Mädchen. Ich hatte schon immer den Umgang mit dem sogenannten schwachen, aber schönen Geschlecht, geliebt, denn er sorgt für einen notwendigen Ausgleich, der, wie ich meine, ein Gleichgewicht und eine Wechselseitigkeit schafft. Zum einen bereichern sie unsere Kenntnisse und erweitern unseren Horizont: Die Frauen, zumindest die meisten, besitzen die Gabe des Beratens und der Enthüllung aller Art, vor allem über sich selbst. Ihr Talent, etwas zu vermitteln, zu lehren, scheint ausgeprägter als dasjenige vieler Männer. Und wenn sie zusätzlich noch Charme besitzen, kommen sie überirdischen Wesen gleich, dann haftet ihnen geradezu etwas Göttliches an - oder übertreibe ich möglicherweise? Sagen wir lieber: etwas Sublimes. Ich verfügte über Erinnerungen, die nicht weit zurück lagen, ich war sehr jung, als ich eine meiner Mitschülerinnen näher kennen lernte. Leider war die Geschichte von kurzer Dauer, dennoch hatte sie mir die Zeit und die Gelegenheit gewährt, mich alles entdecken zu lassen, was ein weiblicher Körper zu entfesseln fähig ist. Für den bis dahin ahnungslosen Jungen, der ich war, bedeutete dies eine unglaubliche Erfahrung. Wir blieben unserer Gewohnheit treu und trafen uns am Abend in der Clique zu unseren zum Ritual gewordenen Spaziergängen. Zu Beginn des Herbstes waren wir weniger zahlreich, aber nun gab es mehr Mädchen; eine „Neue“ war hinzugekommen, die eine Freundin mir vorstellte. Barbara hieß sie, aus Brest gebürtig, und ich konnte nicht umhin, sie mit der Frage zu empfangen, ob es tatsächlich immer auf Brest herabregnete, wie es Jacques Prévert in einem Gedicht formuliert hatte. Dies beeindruckte sie nicht besonders, aber ich sah es ihr nach wegen ihrer schönen grünen Augen. An diesem Morgen, in einem leichten Nieselregen, ging ich die Straße zum Platz hinauf, als eine weibliche Stimme mich ansprach: Darf ich Ihnen eine Ecke von meinem Schirm anbieten? Das ist sehr freundlich von Ihnen, antwortete ich, da ich begann, die Feuchtigkeit auf den Schultern zu spüren. Mit den Worten: Ich hatte nicht wie Sie damit gerechnet, dass es regnen würde, flüchtete ich unter das schützende Regendach. Ich stelle fest, sagte die Stimme, dass es auch bei euch regnet, zugegebenermaßen nicht so oft wie in Brest. - Ach, Sie sind es, Vanessa! Ich hatte weder ihre Stimme noch ihre Gestalt wiedererkannt. - Barbara, berichtigte sie. - Entschuldigen Sie bitte meinen Lapsus, gestern Abend in der Gruppe habe ich Ihnen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. - Das ist normal, antwortete sie, dass man bei der ersten Begegnung etwas zurückhaltend ist. In Erinnerung an die seegrünen Augen, die ich unter dem Schirm nicht sah, fügte ich hinzu: Zum Dank für Ihre Gastfreundschaft würde ich Ihnen gern einen Kaffee oder etwas anderes anbieten. Ich war ohnehin auf dem Weg zum Café gewesen, um dort mein frugales Frühstück einzunehmen. - Wenn Sie mir ein paar Minuten Gesellschaft leisten wollen. - Gern, mit Vergnügen, da können wir uns wenig aufwärmen. Wir betraten das Café de la Renaissance und fanden uns einander gegenüber. Wir standen noch, was mir erlaubte, sie besser in Augenschein zu nehmen, während sie es sich bequem machte, den Mantel aufknöpfte, ihr Haar schüttelte, das in einem hellen Kastanienton leuchtete und auf die Schultern herabfiel. Als sie es energisch ergriff und im Nacken befestigte, kam unvermutet ein ovales, ebenmäßiges Gesicht zum Vorschein, mit wahrhaftig smaragdgrünen Augen. Diese Augen! Ich schien darin zu ertrinken, unsere Blicke begegneten sich, was geradezu unvermeidlich ist, wenn man 50 Zentimeter voneinander entfernt sitzt. Ich blieb sprachlos, gebannt. Als ich für einige Sekunden stumm blieb, hörte ich wie in einem Traum: - Ist etwas nicht in Ordnung? - Doch, doch, entschuldigen Sie bitte meine Geistesabwesenheit, ich hatte gerade eine Erscheinung… - Ach ja? Was für eine? In diesem Moment wurde unser Kaffee gebracht, und die Serviererin hielt es für wichtig, uns zu informieren, dass es regnete, für den Fall, dass wir es nicht bemerkt hatten. Diese Unterbrechung hinderte mich daran, die Art der besagten Erscheinung genauer zu beschreiben. Ich hätte ihr ein modernes, zeitgemäßes Kompliment machen können, Du hast so schöne Augen, weißt du, aber es passte nicht, wir waren noch nicht so weit. Schon das Duzen wäre unangebracht gewesen. Daher zwang ich mich, das Thema zu wechseln. Wir hatten heute Glück, dass es Kaffee gab, der diese Bezeichnung nahezu verdiente. Oftmals handelte es sich nämlich um Gerstenmalz oder ein anderes mehr oder weniger zweifelhaftes Getreide. - Hier fühle ich mich ein bisschen wie zu Hause, sagte ich, dieses Café gehörte fast 25 Jahre lang meinen Großeltern mütterlicherseits. Aber sprechen wir von Ihnen, Barbara, wenn Sie mögen. Erzählen Sie mir, welcher Wind Sie in unser Fischer- und Winzerdorf verschlagen hat! - Das ist eine lange Geschichte, aber ich werde mich kurz fassen, begann sie. Meine Familie stammt aus der Bretagne. Mein Vater war Marineoffizier in Brest, bei der Kriegserklärung 1939 ist er in ein U-Boot gestiegen, ein Torpedoboot, das im Jahre 1942 verschollen ist. Mitsamt der Besatzung und den Gütern, unter ungeklärten Umständen…Vor zwei Jahren habe ich also meinen Papa verloren. Meine Mutter ist Lehrerin, aber seit dem Unglück ist sie im einstweiligen Ruhestand. Sie liebt ihren Beruf sehr, aber ich glaube, sie hat noch nicht den Mut, ihre Aktivitäten wieder aufzunehmen. Ich habe mein Studium in Literaturwissenschaft unterbrochen, um bei ihr zu bleiben. Als mein Vater verschwunden war, und auch wegen der dauernden Bombenangriffe auf Brest, sind wir im Oktober 1942 zu einer Tante nach Amélie-les-Bains gezogen. Sie hat uns in ihrem großzügigen Haus bis zu ihrem Tod, Anfang 1944, wohnen lassen. Wir haben einen Teil dieses Anwesens geerbt, einerseits konnten wir es nicht unterhalten, da es zu groß war, andererseits wollte ich näher an Montpellier wohnen, um mein Studium fortzusetzen. Zufällig haben wir dann ein kleines Haus in Mèze gefunden, in dem wir jetzt leben. - Das ist ziemlich traurig, Barbara, was Sie erlebt haben. So jung seinen Vater zu verlieren, das ist grausam... Die Art, wie sie sich ausdrückte und der Klang ihrer Stimme bewirkten, dass ich stark berührt war. - Aber ich habe den Eindruck, sagte ich, dass Sie sehr mutig sind. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr Studium bald wieder aufnehmen können. - Wie freundlich von Ihnen, ich wollte so bald wie möglich weiterstudieren. Ja, ich gehe nach Montpellier, wenn der passende Moment gekommen ist. Wissen Sie, mir hat es an dem Tag, als wir einander vorgestellt wurden, sehr gefallen, wie Sie mich mit dem Prévert-Zitat begrüßt haben. Ich habe nicht reagiert, weil ich so schlechte Erinnerungen an Brest habe, die mich so erschreckt haben, diese furchtbaren Bombenangriffe, aber das ändert nichts daran, dass ich Prévert sehr mag – vor allem sein Gedicht Rappelle-toi, Barbara. Ich glaube, ich konnte auch deswegen nicht antworten, weil Sie mich so bewegt haben – ich war so verlegen! Aber von Ihnen, Raoul, wenn ich Ihren Namen richtig behalten habe, von Ihnen weiß ich noch gar nichts. Sie wirken auf mich wie jemand, der nicht viele Sorgen hat – aber vielleicht täusche ich mich? - Ein wenig ist es so, tatsächlich versuche ich, die Sorgen zu ignorieren und nicht zu sehr an die Zukunft zu denken. Ich lebe von Tag zu Tag, das scheint mir in dieser Zeit, unter diesen Umständen, eine gute Formel zu sein. Niemand weiß, was der morgige Tag bringt, daher begnüge ich mich mit dem Nötigsten. In meiner Situation ist es das Wichtigste, zu überleben, und um das zu erreichen, kann ich mich nur auf mich selbst verlassen. Ich bin sozusagen Halbwaise, seitdem meine Eltern mit meinem Bruder und meiner Schwester ins Ariège geflüchtet sind, woher meine Mutter stammt. Wir mussten unser Haus den deutschen Besatzern überlassen; sie haben aus strategischen Gründen alle Einwohner der Hafengegend evakuiert. Sie werden sicher bemerkt haben, dass die Häuser alle besetzt sind. In diesem Haus hat meine Wiege gestanden, ich bewache es, ohne mich ihm nähern zu können, aber ich mache gute Miene zum bösen Spiel. Man wird es uns eines Tages zurückgeben. Es ist wie ein Stich ins Herz, der uns aber nicht umbringt. Es gibt Schlimmeres, nicht wahr? Das Haus werden wir irgendwann zurückbekommen, aber Ihren Vater, den gibt Ihnen niemand wieder… - Sie sind wirklich ein „homme de coeur“, so sensibel, emotional und großherzig, ich glaube, da irre ich mich nicht. Ich will nicht indiskret sein, aber wie… wovon leben Sie? - Anfang 1944 habe ich eine provisorische Arbeit in einem Büro gefunden, seitdem habe ich immerhin ein Dach über dem Kopf und ausreichend zu essen. Mir geht es besser als einem Großteil der Menschen, die sich nicht erlauben können, auf dem Schwarzmarkt einzukaufen. Jeder hat seine großen und kleinen Sorgen zu tragen… Aber seien wir optimistisch, es wird alles besser werden. Nichts hindert uns daran zu träumen, oder? - Ja, träumen ist immer ein Glücksmoment, lassen wir ihn uns nicht nehmen!, stimmte Barbara zu. - Jetzt haben wir uns etwas besser kennengelernt, und wenn Sie erlauben, finde ich, dass wir uns duzen sollten, wie wir es in unserer Clique gewöhnt sind. - Natürlich, gerne möchte ich Anschluss finden, ich kenne ja hier sonst niemanden. Deine Freunde scheinen mir genauso sympathisch wie du zu sein. Bei euch werde ich mich bestimmt wohl fühlen! - Das Kompliment gebe ich dir gern zurück, Barbara, du bist ja zweifellos ein schickes, tolles Mädchen. Ich bin glücklich, dass du mir bei der richtigen Gelegenheit deinen Schirm angeboten hast, das war so romantisch, es hat mir einen sehr angenehmen Moment mir dir eingebracht! Ich hoffe, dass es davon weitere geben wird. Das hoffe ich auch, antwortete sie. Aber leider müssen wir uns jetzt verabschieden. – Du wirst zu spät zu deinem Seminar kommen, stellte ich fest, was mich betrifft, habe ich keine Eile. – Ich würde dich gern bei Gelegenheit wiedersehen, Raoul. – Ganz meinerseits, du brauchst nur gegen 18. 00 Uhr am Platz vorbeizukommen, da wirst du immer jemanden aus unserer Gruppe antreffen. Falls du irgendetwas brauchst, kannst du getrost den einen oder anderen fragen. Das ist Freundschaft! Hier hast du meine Adresse. Ich notierte sie auf ein Blatt aus meinem Kalender und reichte es ihr, mitsamt dem Datum unserer Begegnung: 6. Oktober 1944. - Danke dir, Raoul, ich werde diesen Moment nicht vergessen. Als ich den zarten Kuss endlich realisierte, den sie auf meiner Wange hinterlassen hatte, war sie bereits um die Straßenecke verschwunden. Die Sonne kam gerade zum Vorschein, der Tag fing gut an. IV Schon war eine Woche verflossen. Den Sonntag nutzte ich, um einen Freund in der Nähe von Montpellier zu besuchen. Er studierte im zweiten Jahr Jura und gab mir die Materialien zu einigen Seminaren, was mich bei meinen autodidaktischen Vorbereitungen unterstützte. Es war mir nicht möglich, eine sichere Beschäftigung zu bekommen und an den Vorlesungen der rechtswissenschaftlichen Fakultät teilzunehmen. Das Wetter war schön, ich fuhr mit dem Fahrrad, um das Geld für den Bus zu sparen und zugleich, um mich ein wenig zu trainieren, zumal ich weniger Fußball spielte. Ich musste mich überwinden, da mir das Fahrradfahren allein nicht allzu sehr gefiel. Viel lieber fuhr ich mit der Clique durch die uns umgebende Landschaft. Das bereitete uns allen Vergnügen, zumal der kleine romantische Ort einiges an Charme zu bieten hatte und den Mädchen viel Anlass zum Lachen und fröhlichem Gekreische gab. Ganze Tage verbrachten wir dort, denn manchmal picknickten wir auch. Zuweilen kam es vor, dass wir während der Badesaison gut dreißig Kilometer am Strand von Sète entlang radelten, oder vom Étang de Thau bis Agde oder Marseillan. Das Fahrrad hatte seine Bezeichnung Petite Reine, kleine Königin, durchaus verdient. In dieser Zeit kannte ich noch keinen Autobesitzer, Autos waren prinzipiell denjenigen vorbehalten, die von Berufs wegen darauf angewiesen waren. Sie mussten ihre Fahrten aufgrund der Rationierung der Benzinvorräte sehr begrenzen. Viele Fahrzeuge besaßen einen Gasmotor, einen Apparat, der also festen Brennstoff in Gas umwandelte. Daher verbrachten wir unsere freien Tage auf gesunde Weise, auf dem Fahrrad, mit Schwimmen und anderen „Disziplinen“ wie Fußball und Tischtennis, was mich betraf. Bei meiner Rückkehr fand ich zwei Briefe vor, einer war von Syl, einer von Thérèse. Erstere berichtete mir von ihrem Zeitplan, der aufgrund des Semesterbeginns überfüllt war, sowie von allem, was sie erledigen musste, Bücher und anderes Material, das es zu besorgen gab, was mich stutzig machte. Sie würde am kommenden Wochenende nach Mèze zurückkehren. Sie konnte es kaum erwarten, mich wiederzusehen, um mir ihre ersten Eindrücke vom Studium zu berichten. Thérèse kündigte mir an, dass sie sich zwei Tage frei nehmen würde, konnte mir aber noch kein genaues Datum nennen. Und einige intimere Kleinigkeiten hatte sie mir geschrieben, die ich für mich behalte. Das Vertrauen und die Geduld wurden auf die Probe gestellt, aber daran war ich gewöhnt mit meinen engsten Freundinnen, obwohl ich zugeben musste, dass ich sie nach einer gewissen Zeit vermisste. Andererseits verhinderte dies den Gewöhnungseffekt und ließ mir Raum, um zu Hause zu lernen – schließlich musste ich meine Studien ernst nehmen. Es ist umso notwendiger, an die Zukunft zu denken, wenn man weiß, wie unwägbar die Gegenwart ist. So war es in meinem Fall; ich konnte auf keine Erbschaft hoffen, ich musste selbst das Werkzeug schmieden, das mir später erlauben würde, mir mein Leben so gut wie möglich einzurichten. Das vergaß ich manchmal zu bedenken. Zum Glück rief Syl mich von Zeit zu Zeit zur Räson und ermahnte mich, Thérèse ebenso, indem sie mir vorhielten: Glaub‘ nicht, dass du die Aufnahmeprüfung schaffst, wenn du weiter so faul bist wie in den letzten Wochen! Recht hatten sie, jedoch war ich nicht tatenlos, sondern setzte nur die falschen Prioritäten. Seit einigen Wochen wusste ich von meiner erfolgreichen Aufnahmeprüfung für die Finanzverwaltung und dass ich fatalerweise an einem beliebigen Ort in Frankreich eingestellt würde. Diese Nachricht warf einige Probleme auf, an die ich jetzt noch nicht denken wollte. Meine Freundinnen waren erschrocken, als ich hinzufügte, dass mich diese Aufnahmeprüfung nicht interessierte, indem ich ihnen eine Übungsarbeit zeigte. Sie glaubten, dass ich scherzte. Nachdem ich einige Tage allein verbracht hatte, um mich vorzubereiten, nahm ich wieder an dem abendlichen Ritual des gemeinsamen Hin-und Herlaufens auf der Esplanade teil. Die offenherzige Laure sprach mich vorwurfsvoll an: - Also mein Lieber, du hast dich ja ganz schön rar gemacht in der letzten Zeit, hast du zufällig andere Beschäftigungen? - Was weiß ich, erwiderte ich, niemand ist verpflichtet, jeden Tag hierher zu kommen. Jeder kann über seine Zeit verfügen, wie er möchte… Dann hast du mich also vermisst? Du weißt, dass ich dich sehr mag, Laurette! - Gestern Abend, erzählte die hübsche Josie, war Barbara hier und hat eine schöne Zeit mit uns verbracht. Sie ist wirklich sympathisch. Sie hat uns ein wenig von sich erzählt, dass sie aus Brest kommt und welche Umstände sie hierher verschlagen haben. Ich glaube nicht, dass in Josies Bemerkung eine Anspielung lag, aber ich hatte leichte Zweifel, zumal ich mit einem Schweigen geantwortet hatte. Barbara… Insgesamt war es eine flüchtige Begegnung mit ihr gewesen, wir hatten Belangloses ausgetauscht, aber zugleich hatten wir einer gegenseitigen Emotion Raum gegeben. Ich gebe zu, dass einer meiner Sinne durch ihren Anblick tief berührt war, eine Art Schock erfahren hatte. Ich hätte aus Stein bestehen müssen, um nichts zu empfinden. Sicherlich war ich zufrieden und freute mich, dass Barbara sich unserer Gruppe angeschlossen hatte. Nun gab es ein Mädchen mehr, umso besser! Ihre Schönheit hatte mich erschüttert, zunächst nicht mehr, als bei einigen anderen Mädchen. Zum Beispiel hatte mich Angèle, eine meiner ältesten Freundinnen, für einige Zeit verwirrt, aber dabei war es geblieben, zumal sie sich bald einem anderen zugewendet hatte. Wenn es geschieht, dass zwischen Liebe und Freundschaft eine Art Osmose entsteht, so ist das nicht unangenehm, ich würde sogar sagen, dass es das perfekte Glück bedeuten kann, vor allem wenn man nicht nach der Dauer, der Beständigkeit fragt. Momentan hatte ich, was mich anging, mit Syl und Thérèse zwei besondere, privilegierte Beziehungen. Beide waren in unserer Clique sehr beliebt, auch wenn sie wegen ihrer Verpflichtungen nur selten auftauchten. Dadurch war ich gezwungen - welch eine angenehme Pflicht! - mit anderen Mädchen zu sprechen und herumzulaufen. Aber niemand war verzichtbar, und alle passten sich, mich eingeschlossen, der Situation an. Letztere war perfekt, ideal für mich; mit Syl verband mich das Privileg der langjährigen Freundschaft, mit Thérèse brachte mich die Liebe auf die Freundschaft, sie war gegenwärtig, aber nicht von derselben Natur. Dieser Austausch, der Wechsel zwischen beiden besaß eine gewisse Originalität. Mit der Clique traf ich mich regelmäßig, vielleicht etwas zu häufig. Durch meine sportlichen Aktivitäten hatte ich auch Beziehungen ganz andere Art, mit meinen Mannschaftskameraden, bei denen es sich, ähnlich wie in einer Schulklasse, um Kameraden handelte, nicht unbedingt um Freunde. Vertrauenswürdige, feste Verbindungen ließen sich nur mit wenigen von ihnen knüpfen. Dies war der Fall bei meiner Freundschaft mit Tonio, von dem zu erzählen ich sicherlich noch Gelegenheit haben werde. Wir liefen gerade wieder unsere Straße entlang, als plötzlich einer in die Runde warf: - Wie wäre es, wenn wir heute Abend alle zusammen etwas essen? Jeder braucht nur seinen Schrank zu durchforsten und irgendetwas Essbares mitzubringen! - Das ist keine schlechte Idee, eigentlich, sagte ich. - Der Krieg ist zwar vorbei, meinten andere, aber trotzdem muss immer noch gespart werden… - Ginette, könntest du nicht wieder so eine kleine Überraschung vorbereiten wie das letzte Mal? fragte eine schüchterne Stimme. - Ja, ja, empörte sich Ginette, damit ich wieder Ärger mit meinem Vater bekomme! Er hat mich die Pute bezahlen lassen! Ginettes Vater hatte gute Beziehungen zu einigen Bauern aus der Umgebung, die ihn und seine Familie mit Fleisch und anderen Lebensmitteln versorgten. Als Textil-und Tuchhändler tauschte er eine Unterhose gegen ein Dutzend Eier, eine Hose gegen zwei Hähnchen, und einmal hatte er sogar ein Schwein für ein Stück Tuch erworben. Wir würden uns jedenfalls heute Abend mit einem Meter Bratwurst begnügen. - Ach, Raoul, du hättest Isa aufhalten sollen, bevor sie sich verdünnisiert hat! Dann hättest du sie um ein Kilo Bohnen bitten können, rief einer der Jungen. Isas Vater war nämlich im großen Stil auf dem Schwarzmarkt tätig, was den anderen und mir einige Vorteile verschaffte. Leider fehlten mir die Zeit und die Gelegenheit, die Verbindung zu Isa zu pflegen, geschweige denn zu vertiefen. Laure fragte mich: Hast du eigentlich noch die Schlüssel zu eurem Haus? Und fügte hinzu: Jetzt, da die boches abgezogen sind, könnten wir uns doch heute Abend dort treffen. Ich bringe meinen Plattenspieler mit, dann können wir tanzen. Und das Beste ist ja: Heute haben wir Samstag, morgen können wir ausschlafen! Und ich erwiderte in scherzhaftem Ton: - Ja, und da stehen sogar noch die Pritschen, die Bettgestelle zum Übernachten, die uns unsere lieben Gäste bei der Abreise als Geschenk überlassen haben! - Das ist sehr lieb von dir, antwortete Josie lächelnd, aber ich ziehe doch mein eigenes Bett vor. Während wir über die „Fressalien“ diskutierten und überlegten, erschien Barbara am unteren Ende des Platzes, wo wir stehen geblieben waren, um zu beratschlagen. Alle empfingen sie mit einer wahren, nicht gespielten Begeisterung, so dass ich sicher war, dass sie schon alle von uns erobert hatte. Das wunderte mich kaum, denn alles war so natürlich, so echt, so authentisch an diesem Mädchen, ihre Freundlichkeit, ihre Schönheit, ihr Auftreten, das weder überheblich noch schüchtern war, mit alledem bezauberte sie ihre Umwelt. - Meine Mutter ist mit unserer Nachbarin ausgegangen, daher habe ich mich bis jetzt in meine Lektüre vergraben, sagte sie. Aber dann hatte ich es eilig, Sie wiederzutreffen. Wenn nicht, wäre ich tatsächlich enttäuscht gewesen, dachte ich. Ihre Freude bekundete sie in der allgemeinen Begrüßungsszene. Dann fragte sie uns: Ich will nicht aufdringlich sein, aber haben Sie etwas Bestimmtes für heute Abend geplant? - Also, da wir kein Komplott gegen irgendjemanden schmieden, können wir es dir erzählen. Außerdem duzen wir uns alle, das ist die Regel! Ein Schleckermaul unter uns hat eben den Wunsch geäußert, ein gemeinsames Essen zu veranstalten. Wenn du magst, bist du eingeladen! - Das ist eine ausgezeichnete Idee, aber wie wollen wir das organisieren? Habt ihr schon…? - Wir haben gerade Vorschläge gesammelt, um das Nötigste zu beschaffen, antwortete ich ihr. Wenn jeder das, was er bei sich findet und was ihm genießbar scheint, mitbringt, ein Stück von diesem oder jenem - in der Hoffnung, dass die Eltern von dem einen oder anderen ihren Mitteln entsprechend etwas abgeben, fuhr ich fort. Als passenden Ort wollte ich mein Elternhaus zur Verfügung stellen. Es ist weit davon entfernt, ein Hotel zu sein, vor allem habe ich keine Ahnung, in welchem Zustand die boches es uns hinterlassen haben! Aber es war in dieser Jahreszeit allemal angenehmer, als am Strand zu picknicken. Barbara hatte eine andere Idee: Ich weiß, wo wir uns noch treffen könnten, wenn ihr einverstanden seid. Ich glaube, dass es für meine Mutter eine große Freude wird. Wir haben ein großes Wohnzimmer, wenn auch die Wohnung nicht riesig ist, können wir sicher zwölf Personen oder mehr einladen. Ich versichere euch, dass es meiner Mutter keine Umstände macht, sie spricht so gern mit jungen Leuten, das ist sie ja als Lehrerin gewöhnt. Ich habe sogar den Eindruck, dass ihr dieser Austausch fehlt, das ist ein gutes Zeichen! Es wäre für uns wirklich ein Glück, wenn sie ihre Arbeit bald wieder aufnehmen könnte. - Wenn das so ist, riefen wir unisono, ist es uns eine große Freude, die Einladung anzunehmen. Barbara schlug vor: Ihr macht, was ihr geplant habt, und ich erwarte euch gegen 19.00 Uhr, wenn es euch recht ist! Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/raoul-ribot/ein-unvergessliches-jahr/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.