Auerhaus. Königs Erläuterungen.
Bov Bjerg

Wolfgang Reitzammer


Königs Erläuterung zu Bov Bjerg: Auerhaus – Textanalyse und Interpretation mit ausführlicher Inhaltsangabe und Abituraufgaben.

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KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN

Band 337

Textanalyse und Interpretation zu

Bov Bjerg

AUERHAUS

Wolfgang Reitzammer

Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen






Zitierte Ausgaben:  Bjerg, Bov: Auerhaus. Stuttgart: Ernst Klett Sprachen, 2016. Zitatverweise dieser Ausgabe sind mit K gekennzeichnet.  Bjerg, Bov: Auerhaus. Berlin: Aufbau Verlag, 2017. Zitatverweise dieser Ausgabe sind mit A gekennzeichnet.

Über den Autor dieser Erläuterung:  Wolfgang Reitzammer, geb. 1951, Studiendirektor a. D., Seminarleiter und -lehrer für das Fach Sozialkunde, unterrichtete am Christian-Ernst-Gymnasium Erlangen Deutsch, Sozialkunde und Geschichte; Schulbuchautor, Verfasser didaktischer Aufsätze, Tätigkeit als Herausgeber, Dozent für Deutsch und Sozialkunde an der FH, am Pädagogischen Institut Nürnberg und an der Volkshochschule, Verantwortlicher des Kultur-Blogs www.cooltourist.de (http://www.cooltourist.de).

3. Auflage 2021

ISBN 978-3-8044-7038-5

© 2017 by Bange Verlag GmbH, 96142 Hollfeld

Alle Rechte vorbehalten!

Titelabbildung: © ullstein bild – Mayall

Hinweise zur Bedienung

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INHALT

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

2. Bov Bjerg: Leben und Werk

2.1 Biografie

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

3. Textanalyse und -Interpretation

3.1 Entstehung und Quellen

3.2 Inhaltsangabe

3.3 Aufbau

3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

      Der Ich-Erzähler 

      Frieder Wittlinger 

      Vera 

      Cäcilia Schreiner 

      Pauline 

      Harry 

3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

3.6 Stil und Sprache

      Die Erzählhaltung 

      Die Erzähltechnik 

      Die Sprachebene 

      Jugendsprache 

      Bildliche Vergleiche 

      Syntax 

3.7 Interpretationsansätze

      Zentrale Dingsymbole im Roman 

      Gattungsbezug: Auerhaus als Adoleszenzroman 

Auerhaus als utopischer Roman über das richtige Leben 

      Der Schülersuizid – Gründe für Frieders „Freitod“ 

      Der Roman als „Mixtape“ 

      Die Intertextualität im Roman 

      Um ein Leben reden: Formen der Kommunikation im Roman 

4. Rezeptionsgeschichte

5. Materialien

Die Songs im Roman (#u5d802769-9dee-58e1-ab45-0519e738ab8e)

      Alfred Adler: Wozu leben wir?

      Alex Rühle: Schwäbische Lagune

      Bov Bjerg: Deadline

6. Prüfungsaufgaben mit Musterlösungen

      Aufgabe 1 * 

      Aufgabe 2 *** 

      Aufgabe 3 *** 

      Aufgabe 4 ** 

Literatur (#u146f50c6-d844-5848-a1b6-294cb1b7e422)

      Zitierte Ausgaben 

      Weitere Ausgabe 

      Weitere Werke des Autors 

      Vergleichbare Primärliteratur 

      Sekundärliteratur 

      Rezensionen 

      Internet-Adressen (Stand März 2017) 





Damit sich jeder Leser in unserem Band rasch zurechtfindet und das für ihn Interessante gleich entdeckt, hier eine Übersicht:



Im 2. Kapitel wird Bov Bjergs Leben und Werk kurz vorgestellt. Dazu wird auch der zeitgeschichtliche Hintergrund der Jahre 1980–1986 erläutert.



Bov Bjerg wurde 1965 geboren und hat sich nach einem Studium der Politik- und Literaturwissenschaft etwa ab dem Jahr 1989 – wohnhaft in Berlin – vor allem schriftstellerisch betätigt. Sein erster Roman erschien im Jahre 2008.

Die frühen 80er Jahre, in denen der Roman spielt, sind geprägt durch die Folgen des RAF-Terrorismus in Deutschland, durch die erste Kanzlerschaft von Helmut Kohl und durch die Etablierung der Partei DIE GRÜNEN als neue Fraktion im Deutschen Bundestag.


Im 3. Kapitel bieten wir eine Textanalyse und -interpretation.

Auerhaus – Entstehung und Quellen:

Der Roman ist im Oktober 2015 im Verlag Blumenbar, einem Imprint des Berliner Aufbau Verlags, erschienen.

Der Verfasser sagt, er habe sich beim Schreiben einfach nur daran erinnern müssen, was er selbst als Abiturient in einer WG erlebt habe. Einzelne Passagen des Romans habe er vor der Veröffentlichung auf Lesebühnen vorgetragen.

Inhalt:

Der Roman besteht aus drei Hauptkapiteln mit sehr unterschiedlicher Länge. Darin wird die Geschichte von sechs Jugendlichen erzählt, die in ihrem letzten Schuljahr in einer Wohngemeinschaft zusammenleben.

Chronologie und Schauplätze:

Der Roman spielt im Zeitraum von etwa einem Jahr (ca. 1982/83) in einem kleinen Dorf auf der schwäbischen Alb. Vier Jugendliche gehen in der nahegelegenen Stadt auf ein Gymnasium und stehen kurz vor dem Abitur, sie ziehen ins Auerhaus, zwei weitere Jugendliche stoßen hinzu. Durch Rückblenden und Vorausschauen werden auch frühere Entwicklungen und die Zukunft der einzelnen Personen thematisiert.

Personen:

Die Hauptpersonen sind

Der Ich-Erzähler:



Nachname: Höppner

zwischen 18 und 19 Jahre alt

besucht die Abschlussklasse (= 13. Jahrgangsstufe) des Gymnasiums

jobbt neben der Schule auf einer Hühnerfarm

lebt am Anfang noch mit seinen zwei jüngeren Schwestern bei seiner Mutter und deren Freund

fühlt sich für seinen suizidgefährdeten Freund Frieder verantwortlich

scheitert wegen eines fehlenden Punktes beim Abitur und versagt dann bei der anstehenden mündlichen Prüfung

um der Einberufung zur Bundeswehr zu entgehen, verlegt er seinen Wohnsitz später nach West-Berlin


Frieder Wittlinger:



zwischen 18 und 19 Jahre alt

besucht die Abschlussklasse (= 13. Jahrgangsstufe) des Gymnasiums

hat mit den Schlaftabletten seiner Mutter und mit zwei Liter griechischem Wein einen Selbstmordversuch unternommen, wurde aber von seinem Vater im letzten Moment noch aufgefunden

zieht als therapeutische Maßnahme in die Wohngemeinschaft

macht nach dem Abitur eine Lehre als Fahrradmechaniker

begeht dann doch noch „erfolgreich“ Selbstmord

hochbegabt, aber unfähig zur Anpassung an gesellschaftliche Normen

ein tendenziell anarchischer Typ, der immer hart an der Illegalität agiert


Vera:



zwischen 18 und 19 Jahre alt

besucht die Abschlussklasse (= 13. Jahrgangsstufe) des Gymnasiums

befreundet mit dem Ich-Erzähler

entschließt sich zur Teilnahme an der Wohngemeinschaft


Cäcilia Schreiner:



zwischen 18 und 19 Jahre alt

besucht die Abschlussklasse (= 13. Jahrgangsstufe) des Gymnasiums

schließt sich aus sozialer Verantwortung der Wohngemeinschaft an

ist aber die erste, die sich aus der Gemeinschaft des Auerhauses wieder löst, weil sie wohl befürchtet, dass der schlechte Ruf ihrer Mitbewohner ihre berufliche Karriere gefährden könnte


Pauline:



zusammen mit Frieder Insassin der Nervenheilanstalt

dort ist sie wegen Brandstiftung eingeliefert worden

wird später auch Mitglied der Wohngemeinschaft

muss am Ende für zehn Jahre ins Gefängnis wegen einer Brandstiftung mit Todesfolge


Harry (Harald Calabrese):



Elektrikerlehrling aus Stuttgart

weil er sich als schwul outet, wird er von seinem Vater verprügelt

wird später auch Mitglied der Wohngemeinschaft

verdient in der Stadt nebenbei Geld als Strichjunge und als Drogendealer


Stil und Sprache:



Der Roman verwendet durchgehend die Ich-Erzählhaltung. Daraus folgt fast zwangsläufig, dass beide möglichen Erzählperspektiven vorhanden sind: die Außensicht und die Innensicht. Der Standort des Erzählers ist mitten im Geschehen, dennoch hat er nur eine begrenzte Sicht auf die Dinge. Dies hängt auch damit zusammen, dass es sich bei dem Ich-Erzähler um einen ca. 18-jährigen Jugendlichen handelt.

Als sprachliche Darbietungsweisen werden verwendet: der epische Bericht, der Kommentar des Ich-Erzählers, einmontierte Versatzstücke (Zeitungsnachrichten), die direkte Rede und die indirekte Rede.

Die Sprachebene ist – passend zu dem Ich-Erzähler – eine Form der Jugendsprache. Dementsprechend erweist sich der Satzbau im Roman als überwiegend kurzschrittig und parataktisch.


Als Interpretationsansätze bieten sich an:



Die Betrachtung und Deutung der zentralen Dingsymbole im Roman,

der Gattungsbezug des Romans als Adoleszenzroman und der Vergleich mit ähnlichen Werken,

der inhaltliche Schwerpunkt von Auerhaus als ein utopischer Roman über das richtige Leben,

die Frage nach den Gründen für den Selbstmord von Frieder und der Vergleich mit anderen Romanen, die Selbstmorde von Jugendlichen thematisieren,

die Rolle der Musik für die Protagonisten des Romans,

die Beziehung des Romans Auerhaus zu anderen vorkommenden Texten (Intertextualität) und

die Formen der verbalen und nonverbalen Kommunikation im Roman.











Bov Bjerg (* 1965)

© picture alliance / Frank May











ZUSAMMENFASSUNG

Die frühen 80er Jahre, in denen der Roman spielt, sind geprägt durch die Folgen des RAF-Terrorismus in Deutschland, durch die erste Kanzlerschaft von Helmut Kohl und durch die Etablierung der Partei DIE GRÜNEN als neue Fraktion im Deutschen Bundestag.

Da man davon ausgehen kann, dass der Roman auch autobiografische Züge trägt, lässt sich das Geschehen in die Jahre 1982/83 einordnen. Zeittypische Elemente, die im Roman auftauchen, sind:



Der Kassettenrekorder

Ende August 1963 wurde auf der Internationalen Funkausstellung in West-Berlin die Philips Compact Cassette vorgestellt – zusammen mit dem ersten Kassettenrekorder. Der Kassettenrekorder war ein handliches und tragbares Gerät zur Aufnahme von Audio-Signalen, er sollte die damals populären, aber sehr unpraktischen Spulentonbandgeräte ablösen. Kompaktkassetten waren wiederbespielbare Magnetbänder mit Laufzeiten von 45 bis 120 Minuten. Seitdem wurden weltweit ca. 100 Milliarden Kassetten verkauft. 1979 brachte die Firma Sony den sogenannten Walkman auf den Markt, ein noch kleineres Abspielgerät, das man leicht mit sich führen konnte. Schon ab 1983 eroberte die Compact Disc (CD) die Wohnstuben; ihr großer Vorteil ist das verschleißfreie optische Laser-Abtastverfahren und der Wegfall von Störgeräuschen. Bei der Kompaktkassette gab es dagegen immer die Gefahr des „Bandsalats“ und ein störendes Rauschen bei längerer Benutzung. Mit dem Siegeszug der digitalen Tonaufzeichnung (z. B. MP3-Format) nahm die Bedeutung von Kassettenrekordern seit dem Ende der 1990er Jahre stetig ab.



Gewissenprüfung, Kriegsdienstverweigerung, Wehrpflicht, Zivildienst, Wohnort in West-Berlin, um der Wehrpflicht zu entgehen

In der Bundesrepublik Deutschland galt am Anfang der 80er Jahre der Artikel 12 a GG: „(1) Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften … verpflichtet werden … (2) Wer aus Gewissengründen den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden.“[1] Absatz 2 bezog sich dabei auf den Artikel 4 Absatz 3 GG: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“[2]

Deswegen musste man nach oder vor der Musterung einen Antrag auf Verweigerung des Kriegsdienstes stellen. Danach wurde man vor einer dreiköpfigen Kommission zu einer mündlichen Gewissensprüfung geladen. Diese Kommission sollte überprüfen, ob der Verweigerer stichhaltige Gewissengründe vortragen kann. Dabei wurden teilweise auch Fangfragen gestellt, wie sie der Ich-Erzähler auf den Seiten K 91 f./A 133–135 des Romans Auerhaus beschreibt.

1977 sollte die umstrittene Gewissensprüfung durch ein neues Gesetz der damaligen SPD/FDP-Regierung abgeschafft werden. Eine einfache Erklärung (sog. „Postkartenregelung“) sollte genügen. Dieses Gesetz wurde vom Bundespräsidenten Walter Scheel wegen verfassungsrechtlicher Bedenken nicht unterschrieben und vom Bundesverfassungsgericht als nicht verfassungskonform beurteilt. Damit galt zunächst wieder die alte Regelung.

Als Kompromiss wurde 1983 vom Bundestag eine Gesetzes-änderung beschlossen, nach der ein Kriegsdienstverweigerer eine ausführliche, stichhaltige schriftliche Begründung seiner Motive vorlegen musste.

Aufgrund des besonderen entmilitarisierten Status der Stadt Berlin (stand bis 1990 unter der Verwaltung der vier Siegermächte) unterlagen Männer, die ihren Wohnsitz in West-Berlin hatten, nicht der Wehrpflicht. Dies wurde erst mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrags vom 3. 10. 1990 hinfällig.

Im Jahre 2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt; damit war auch der Zivildienst als Ersatzdienstpflicht abgeschafft.



RAF-Terrorismus

Als erste Generation der RAF („Rote Armee Fraktion“) bezeichnet man gemeinhin die Gruppe von deutschen Terroristen, die sich seit Anfang 1970 um die zentralen Figuren Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof bildete und die bis Ende 1974 nicht nur zahlreiche Banküberfälle, sondern auch Bombenanschläge auf amerikanische Militäreinrichtungen, deutsche Sicherheitsbehörden und ihre Vertreter sowie Medienunternehmen mit einer Gesamtbilanz von vier Toten und 41 Verletzten verübten.

Mit der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm im April 1975 begann eine neue Qualität des Terrorismus in Deutschland: es wurde rücksichtsloser, brutaler und internationaler vorgegangen als je zuvor. Gleichzeitig verübte die RAF gezielte Mordanschläge gegen führende Persönlichkeiten in Staat und Wirtschaft, so gegen den Generalbundesanwalt Siegfried Buback (7. April 1977) und den Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank Jürgen Ponto (30. Juli 1977). Als am 5. September 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer mit dem Ziel entführt wurde, die Inhaftierten in Stuttgart-Stammheim freizupressen und am 13. Oktober 1977 palästinensische Terroristen zur Unterstützung die Lufthansa-Maschine „Landshut“ entführten, eskalierte die Situation.

Es kam zu einer Odyssee des entführten Flugzeugs von Rom über Larnaka/Zypern, Dubai/Bahrain, Aden/Jemen nach Mogadischu/Somalia, zur Ermordung des Flugkapitäns Schumann, zur Befreiung der Geiseln durch die GSG 9, zum Tod dreier Entführer. Darauf folgten die Selbstmorde von Baader, Raspe und Ensslin in Stuttgart-Stammheim und die Ermordung Hanns-Martin Schleyers.

Am Anfang der 1980er Jahre gab es eine programmatische Neuausrichtung der RAF, die im sogenannten Mai-Papier von 1982 „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front“ deutlich wird. Ausgehend von der Kritik der Ereignisse des Jahres 1977 wurde ein Strategiewechsel der RAF angekündigt. Bei der Umsetzung dieser Strategie scheiterte die RAF zunächst im Dezember 1984 mit einem Anschlag auf die NATO-Schule in Oberammergau. Im Januar und Februar 1985 wurden in abgestimmten Aktionen mit der Action Directe (AD) der französische General René Audran und der Industrielle Ernst Zimmermann ermordet. Wenig später übernahm die RAF gemeinsam mit der AD die Verantwortung für den Anschlag auf die US-Airbase in Frankfurt im August 1985, bei dem zwei Menschen getötet und 23 verletzt wurden.

Bis 1990 fanden fünf weitere gezielte Morde statt, im Juli 1986 an Siemens-Vorstandsmitglied Karl Heinz Beckurts und seinem Fahrer Eckhard Groppler, im Oktober 1986 an Gerold von Braunmühl, Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, im November 1989 am Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen. Dagegen scheiterten Anschläge 1988 auf den Finanzstaatssekretär Hans Tietmeyer und 1990 auf den Staatssekretär im Bundesinnenministerium Hans Neusel.

Am 1. April 1991 schließlich wurde der Vorsitzende der Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder das letzte Opfer eines Mordanschlags der RAF. Im März 1998 verfasst die RAF ihre Auflösungserklärung und stellt fest, dass die „Stadtguerilla in Form der RAF [...] nun Geschichte“[3] ist.



Die Telefonzelle

Öffentliche Münztelefonzellen wurden zunehmend unrentabel, da die Betriebskosten für die 1984 in der Bundesrepublik Deutschland vorhandenen ca. 130.000 Telefonzellen die Einnahmen von jährlich rund 250 Millionen DM überstiegen. Damals waren noch rund 2,3 Millionen Haushalte in Deutschland auf Telefonzellen angewiesen. Ende 2015 gab es nur noch insgesamt ca. 27.000 öffentliche Telefonzellen.

Das Symbol Telefonzelle (vgl. im Roman Auerhaus Seite K 46 f./A 66) verweist auf die besondere Kommunikationssituation der Bewohner des Auerhauses in den frühen 80er Jahren: sie besaßen kein Smartphone, keinen Computer mit Internetanschluss, kein Festnetztelefon im Haus, vermutlich auch keinen Fernsehapparat. Deshalb spielt die direkte Kommunikation auch eine sehr große Rolle: man redet miteinander!



Weitere Ereignisse in der Jahren 1982–1986








Werkübersicht




Preise und Auszeichnungen






Erläuterungen zu einzelnen Werken

Die Kurzgeschichte Howyadoin (2004) erzählt von „German Hermans“ Abenteuer auf einem amerikanischen Campingplatz nahe einer Eisenbahnlinie und eines US-Bundesgefängnisses.



Der Roman Deadline (2008) ist zurzeit vergriffen, das Hörbuch ist noch lieferbar. Auszüge erschienen in der Literaturzeitschrift „Akzente“ und in der Wochenzeitung „Jungle World“.

Der Roman hat 143 Seiten. Das Hörbuch (mp3-CD bei Silberblick-Musik erschienen) hat eine Laufzeit von etwas mehr als vier Stunden: es enthält zum einen den ganzen Roman, gelesen vom Autor; dazwischen sind kurze Musiken von Andreas Albrecht eingeblendet.

Hauptperson des ziemlich schwer verständlichen Romans ist Paula, eine Übersetzerin von Beruf, „die stets die ‚Deadline‘ für ihre Texte, im von Donuts dick gewordenen Nacken“ hat –, „sie erweist sich als eine präzise Seziererin, die Dinge genau und technisch korrekt benennt“[5]. Weitere handelnde Personen sind ihre Mutter, einst Arbeiterin in der Modelleisenbahnfabrik, dazu eine Schwester, zwei Neffen und ein Schwager. Ort der „Handlung“ ist die Schwäbische Alb, ein Kinderzimmer, verschiedene Dorfrandsiedlungen, eine steil ansteigende Straße.

„Es geht in dem Buch um Amerikaner und Deutsche, um den Tod, um Selbstmord und das Leben, um Erinnerungen und Familiengeschichten, um Stehen und Liegen von Koffern, Häusern, Straßen, Steinen und Menschen, um ‚dieses Zusammen von senkrecht und waagrecht, Fassade und Gehweg‘“[6]. Der Anfang des Romans ist im Kapitel 5 Materialien in dieser Erläuterung wiedergegeben.



Der Band Die Modernisierung meiner Mutter (2016) enthält Geschichten über die schwäbische Heimat, Berlin und Amerika. Man findet Vermischtes aus den letzten 20 Jahren, in denen Bjerg vor allem auf kultigen Lesebühnen reüssierte. Es sind auf 150 Seiten 22 Geschichten und acht Mini-Texte versammelt. Die erste Textgruppe enthält Geschichten aus der schwäbischen Dorf-Idylle, zahlreiche Motive wurden in Auerhaus wieder aufgegriffen (z. B. die Mutter als Verkäuferin, der Auschwitz-Apotheker, das Münzalbum des Onkels, die Irren aus der Nervenheilanstalt und die Lust am Ladendiebstahl). Das zweite Kapitel markiert eher Bjergs Zeit in Berlin und seine Nebenverdienste als Fabrikarbeiter oder als Serien-Horoskop-Schreiber. In der dritten Abteilung geht es dann quer durch Deutschland und mit der prämierten Kurzgeschichte Howyadoin sogar in die USA. In der Erzählung von einer Reise zu einer Lesung nach Frankfurt (die aber dann wegen 9/11 2001 abgesagt wird) verrät Bov Bjerg ganz nebenbei sein Erfolgsrezept: er schreibe Geschichten, „die die Grenze vom geselligen Witz zum einsamen Wahnsinn gerade noch nicht überschritten hatten“[7].

Der Roman Serpentinen (2020) knüpft zu Teilen an Auerhaus an: „Ein Vater unterwegs mit seinem Sohn. Ihre Reise führt zurück in das Hügelland, aus dem der Vater stammt, zu den Schauplätzen seiner Kindheit. Da ist das Geburtshaus, dort die elterliche Hochzeitskirche, hier der Friedhof, auf dem der Freund Frieder begraben liegt. Ständiger Reisebegleiter ist das Schicksal der männlichen Vorfahren, die sich allesamt das Leben nahmen: ‚Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt.’ Der Vater muss erkennen, dass sein Wegzug, seine Bildung und sein Aufstieg keine Erlösung gebracht haben.

Vielleicht helfen die Rückkehr und das Erinnern. Doch warum bringt er seinen Jungen in Gefahr? Warum hat er keine Antwort auf dessen bange Frage: ‚Um was geht es?’ Er weiß nur: Wer zurückfährt, muss alle Kurven noch einmal nehmen. Wenn er der dunklen Tradition ein Ende setzen will.“ (Klappentext)








ZUSAMMENFASSUNG

2015 erscheint der Roman Auerhaus im Verlag Blumenbar. Bov Bjerg gab an, er habe sich beim Schreiben nur daran erinnern müssen, was er selbst als Abiturient in einer WG erlebt habe. Einzelne Passagen des Romans wurden schon vor der Veröffentlichung auf Lesebühnen vorgetragen.

Der Roman Auerhaus ist im Oktober 2015 im Verlag Blumenbar, einem Imprint[8] des Berliner Aufbau Verlags, erschienen. In einem Vorspruch zum Roman äußert sich der Autor: „Alle Personen sind erfunden, alle Handlungen verjährt“ (K 5/A 5)[9]. Bei einem Interview mit dem Journalisten Volker Weidermann für die ZDF-Sendung „Das blaue Sofa“ vom 18. 3. 2016 sagte Bov Bjerg, er habe sich beim Schreiben einfach nur daran erinnern müssen, was er selbst als Abiturient in einer WG erlebt habe. Einzelne Passagen des Romans habe er vor der Veröffentlichung auf Lesebühnen vorgetragen und dabei viele positive Reaktionen bekommen[10].




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