Gesprochenes Portugiesisch aus sprachpragmatischer Perspektive
Bernd Sieberg


Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung #11
Diese Einführung in die Grundprinzipien des gesprochenen Portugiesisch richtet sich an Dozenten, die im Bereich der kontrastiven Sprachforschung und Didaktik des Portugiesischen als Fremdsprache forschen und arbeiten. Auch Lehrer und Studenten gehören zur Zielgruppe dieses Buches. Sie sollten bereits über Grundkenntnisse des Portugiesischen (mindestens A 2) verfügen, um die zahlreichen Textbeispiele zu verstehen. Neben einem klaren methodischen Konzept, das aufzeigt, welche sprachlichen Mittel notwendig sind, um sich auf Portugiesisch unterhalten zu können, wird den Lesern zusätzlich ein umfangreiches Inventar von Redemitteln angeboten.







Bernd Sieberg

Gesprochenes Portugiesisch aus sprachpragmatischer Perspektive

Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung 11

Herausgegeben von Daniel Reimann (Duisburg-Essen) und Andrea Rössler (Hannover)

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen



ePub-ISBN 978-3-8233-0089-2


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Danksagung


Zunächst einmal möchte ich dem ‚Conselho Científico‘ der ‚Faculdade de Letras‘ der ‚Universidade de Lisboa‘ danken, der mir das Sabbatjahr zugestanden hat, in dem ich mein Buch schreiben konnte. Dieser Dank schließt auch den damaligen Direktor unserer Abteilung, Herrn Professor Gerd Hammer ein, der sich in diesem Sinn für mich eingesetzt hatte.

Sehr wichtig für meine Arbeit war auch die Unterstützung des ‚Centro de Linguística da Universidade de Lisboa‘ (CLUL). Hier danke ich speziell Frau Professorin Amália Mendes, die mir den Zugang zum ‚C-ORAL-ROM-Korpus‘ ermöglicht hat und mir bei einigen Zweifeln mit ergänzenden Informationen zur Seite gestanden hat.

Ein weiteres „Dankeschön“ gilt Herrn Prof. Hardarik Blühdorn vom IDS Mannheim, ohne dessen Insiderwissen es mir nicht möglich gewesen wäre, das ‚Kapitel 2‘ „Zur Situation der Gesprochenen-Sprache-Forschung in Portugal und Brasilien“ in dieser Ausführlichkeit zu schreiben.

Mein ganz besonderer Dank aber gilt Herrn Conrad Schwarzrock. In einer ganz entscheidenden Phase meiner Arbeit, in der sich die Probleme dermaßen anhäuften, dass ich – auch aus gesundheitlichen Erwägungen – nahe daran war, von meinem Projekt Abstand zu nehmen, hat Herr Schwarzrock es verstanden, mir Mut zu machen und mir neue Motivation für die Weiterführung meiner Arbeit verliehen. Außerdem hat Herr Conrad Schwarzrock meine Texte gegengelesen und sie von sprachlichen Fehlern und stilistischen Unebenheiten befreit. Ohne seine Hilfe würde der Text in der Form, wie er jetzt vorliegt, nicht existieren.

Zum Schluss richtet sich mein Dank noch an Prof. José Pinto de Lima von der Germanistischen Abteilung der ‚Faculdade de Letras de Lisboa‘, der mir mit Ratschlägen und Korrekturen bei der Ausarbeitung des Glossars behilflich war.




Agradecimentos


Em primeiro lugar, gostaria de agradecer ao Conselho Científico da Faculdade de Letras da Universidade de Lisboa por me ter concedido a licença sabática anual, que me permitiu escrever o meu livro. Agradeço também ao Prof. Doutor Gerd Hammer, Diretor do nosso Departamento de Estudos Germanísticos, pelo seu apoio institucional.

Agradeço ainda o apoio do ‚Centro de Linguística da Universidade de Lisboa‘ (CLUL), que foi decisivo para a realização do meu trabalho. Agradeço em especial à Prof.ª Doutora Amália Mendes, que possibilitou o acesso ao Corpus ‚C-ORAL-ROM‘ e me ajudou com as suas informações.

Agradeço ainda ao Prof. Doutor Hardarik Blühdorn do IDS de Mannheim; sem o seu contributo de especialista não me teria sido possível escrever com tanto detalhe o ‚capítulo 2‘ „Sobre a situação do estudo da língua falada em Portugal e no Brasil“.

Ao Dr. Conrad Schwarzrock cabe um agradecimento muito especial. Numa fase decisiva do meu trabalho, em que os problemas se acumularam de tal forma que, também por razões de saúde, estive perto de abandonar o meu projeto, o Dr. Schwarzrock soube dar-me coragem e uma nova motivação para continuar o meu trabalho. Além disso, o Dr. Schwarzrock reviu os meus textos, eliminando falhas na grafia e no estilo. Sem a sua ajuda, o texto não teria a forma final, que agora apresenta.

Agradeço ainda ao Prof. Doutor José Pinto de Lima do Departamento de Estudos Germanísticos da ‚Faculdade de Letras da Universidade de Lisboa, que me ajudou na elaboração e revisão do ‚glossário‘.




Vorworte von Herausgeber und Autor


War die linguistische Pragmatik für die „kommunikative Methode“ des Fremdsprachenunterrichts der 1970er Jahre eine zentrale Bezugsdisziplin, so verlor sie in den folgenden Jahrzehnten nicht nur innerhalb der linguistischen Forschung, sondern auch in der Fremdsprachenforschung zunächst an Bedeutung. Trotz grundlegender Beibehaltung des kommunikativen Grundanliegens, das freilich nicht mit letzter Konsequenz verfolgt wurde, wurden andere Handlungs- und Forschungsfelder wie Lernerorientierung und Interkulturalität zentral für die Theoriebildung und Erforschung fremdsprachlicher Lehr-/Lernprozesse der 1980er und 1990er Jahre.

Erst in den vergangenen fünfzehn Jahren wurde der Fremdsprachenunterricht, man mag ihn in einem Versuch der Historisierung als neokommunikativ bezeichnen, in der Folge der Veröffentlichung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen, unter den Vorzeichen von Bildungsstandards und „Mündlichkeit“ wieder gezielt und beinahe vorrangig an den funktionalen kommunikativen Kompetenzen ausgerichtet. Der linguistischen Pragmatik kommt daher als wesentlicher Bezugsdisziplin der Fremdsprachendidaktik seit etwa der Jahrtausendwende in zunehmendem Maße wieder an neuerlicher Bedeutung zu. Dieser Bedarf wird indes derzeit weder von der Linguistik in ausreichendem Maße bedient noch von der Fremdsprachenforschung in dem eigentlich wünschenswerten Maße nachgefragt.

Die portugiesische Sprache scheint ihrerseits in den deutschsprachigen Bildungssystemen eine vollkommen vernachlässigte Größe zu sein: Portugiesisch spielt an den Schulen nur eine marginale Rolle – die Zahl der Schulen, an denen Portugiesisch als Fremdsprache als Leistungskurs belegt werden kann, beläuft sich in der gesamten Bundesrepublik Deutschland auf unter zehn. An den Universitäten gestaltet sich die Situation nicht merklich besser, hier wurde das Ausbildungsangebot seit den 1990er Jahren, als es nicht zuletzt in der Folge des EU-Beitritts Portugals zunächst eine Ausweitung erfahren hatte, tendenziell eher reduziert. Unabhängig von der kulturellen Bedeutung Portugals für Europa, Brasiliens, Angolas und weiterer lusophoner Regionen müssten gerade auch heute so häufig angeführte ökonomische Argumente eigentlich eine stärkere Berücksichtigung des Portugiesischen im deutsch(sprachig)en Bildungswesen anregen: zwar ist das Spanische als Weltsprache unumstritten, das Französische scheint als bevorzugte Partnersprache innerhalb Europas gerade angesichts der Krise(n) Europas unbedingt auch politisch wieder zu stärken, und das Italienische als Landessprache eines der bedeutendsten Wirtschaftspartners Deutschlands (wiederum ungeachtet der essentiellen kulturellen Bedeutung Italiens für Europa) verdient ebenfalls mehr Beachtung als es derzeit erhält. Dennoch: Portugiesisch ist mit Abstand die am zweit meisten gesprochene romanische Sprache – deutlich vor dem Französischen und Italienischen –, Brasilien ist beinahe hälftig am deutschen Außenhandelsvolumen mit Lateinamerika beteiligt, Angola ist eine schillernde, aber unübersehbare Größe innerhalb Afrikas. Bei allem Respekt für das Französische, Spanische und Italienische: Das Portugiesische sollte im deutschsprachigen Raum auf jeden Fall mehr Augenmerk erfahren, mehr erlernt und beforscht werden, als dies im Moment der Fall ist.

Vor diesem Hintergrund ist es äußerst begrüßenswert, dass sich mit Bernd Sieberg ein seit über drei Jahrzehnten an der Universität Lissabon tätiger germanistischer Linguist der Aufgabe verschrieben hat, beide aufgezeigte Desiderata miteinander zu verbinden: das vorliegende Werk stellt letztlich den Entwurf einer linguistischen Pragmatik am Beispiel des Sprachenpaars Deutsch und Portugiesisch mit einer Perspektivierung auch auf die Sprachvermittlung dar. Es bereichert die Pragmatik des Portugiesischen und den Portugiesischunterricht um ein beeindruckendes Kompendium.

Dass Bernd Sieberg sein Werk der Reihe Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung zur Verfügung gestellt hat, freut mich sehr. Ich wünsche dem Band die breite Rezeption innerhalb der linguistischen Pragmatik, der Lusitanistik und der Fremdsprachenforschung, die er verdient!



Essen, im Januar 2018  Daniel Reimann


Das Interesse an der gesprochenen Sprache und ihrer Erforschung begann zur Zeit meiner akademischen Ausbildung als Germanist mit dem Schwerpunkt Sprachwissenschaft, die ich in Deutschland an der Universität Bonn in den Jahren von 1973 bis 1983 erfahren habe. Dort nahm ich bereits in den späten 70er Jahren an einem Projekt zur Erforschung der gesprochenen deutschen Sprache teil1. Sowohl die schriftliche Arbeit zu meinem Ersten Staatsexamen von 1980 als auch meine Dissertation von 1983 hatten die gesprochene Sprache und den Gebrauch der Vergangenheitstempora ‚Perfekt und Imperfekt‘ zum Thema. Dann begann ich 1984 meine Arbeit als DAAD-Lektor an der Germanistischen Abteilung der ‚Faculdade de Letras da Universidade de Lisboa‘ (FLUL). In diesen Jahren hat mich mein Interesse an der ‚Gesprochenen Sprache Forschung‘ (GSF) immer begleitet und mich auch in den fast zwei Jahrzehnten meiner Tätigkeit als Lektor – die ersten fünf Jahre als DAAD-Lektor – immer wieder zu kleineren Arbeiten in diesem Forschungsbereich veranlasst, obwohl ich in Lissabon meine Zeit und Energie überwiegend dem Unterricht der deutschen Sprache widmete.

Das Interesse an vergleichenden Arbeiten ‚Deutsch-Portugiesisch‘ erwachte erst relativ spät Anfang der 2000er Jahre, zu einer Zeit, als sich mit der Anerkennung meines deutschen Doktorexamens mein akademischer Status in Portugal änderte. Damit ergab sich auch die Möglichkeit, erneut mehr in meine Forschungstätigkeit zu investieren. Die Ausgangslage eines Dozenten zwischen zwei unterschiedlichen Sprachkulturen und Wissenschaftstraditionen führten dann auch wie selbstverständlich zu einer Reihe von Studien im kontrastiven Bereich ‚Deutsch-Portugiesisch‘2. Meiner persönlichen Überzeugung zufolge handelt es sich bei diesem Schritt in Richtung vergleichende Sprachforschungen nahezu um eine Pflicht für Akademiker, die das Privileg genießen, parallel an zwei verschiedenen Sprach- und Wissenskulturen teilhaben zu dürfen.

In derselben Phase meiner beruflichen Laufbahn ergab es sich durch persönliche und eher zufällige Kontakte, dass ich das Modell des Nähe- und Distanzsprechens von Ágel / Hennig kennenlernte, das sich wiederum an dem der Romanisten Koch / Oesterreicher ausrichtet und sich m.E. aktuell als herausragendes ‚Werkzeug‘ zur systematischen Beschreibung gesprochener Sprache gerade und besonders auch für kontrastive Studien erweist3. Dieses Modell und seine Vorstellungen sollten von diesem Zeitpunkt an einen Großteil meiner weiteren Arbeit im Bereich der Sprachwissenschaft und auch im Bereich kontrastiver Studien orientieren. Auch für die vorliegende Arbeit bildet es die methodisch-konzeptuelle Basis.

Bei der Beschäftigung mit der GSF des Portugiesischen wurde relativ schnell deutlich, dass es unterschiedliche geopolitische Ausgangssituationen und Forschungstraditionen sind, die einen entscheidenden Einfluss auf die GSF ausüben. Die Bundesrepublik der 70er Jahre war auch im akademischen Bereich wesentlich geprägt durch die Nachwehen der Aufbruchsstimmung der 68er Generation und die sozialliberale Koalition zwischen SPD und FDP der frühen 70er Jahre, die sich an Ideen wie ‚Mitbestimmung‘, ‚Bildungsreform‘ und ‚sozialer Gerechtigkeit‘ ausrichtete. Die Auswirkungen einer entsprechenden Bildungs- und Hochschulpolitik sowie die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel rückten auch in der Germanistik und Linguistik – von nun an gebrauchte man statt des antiquierten Begriffs der ‚Sprachwissenschaft‘ bevorzugt den der ‚Linguistik‘ – neue Forschungsschwerpunkte und Projekte in den Vordergrund von Lehre und Forschung, zu denen neben der Soziolinguistik auch die Dialektologie sowie die gesprochene Sprache gehörten. Darum kann es nicht verwundern, dass die GSF in den folgenden 80er Jahren und bis heute enorme Fortschritte gemacht hat und sozusagen als ein Aushängeschild germanistischer Forschungen angesehen werden darf. Mit dem ‚Institut für Deutsche Sprache‘ (IDS) in Mannheim und seinen in den letzten Jahren aufgebauten Korpora zur gesprochenen Sprache4 besteht zudem eine ideale Ausgangsposition für Korpus basierte Forschungen auf dem Gebiet der germanistischen GSF.

Bedingt durch die unterschiedlichen politischen und soziogeographischen Rahmenbedingungen – die portugiesische Nelkenrevolution von 1974 lag erst gerade einmal zehn Jahre zurück – befand sich die Erforschung des gesprochenen Portugiesisch Mitte der 80er Jahre in einer gänzlich anderen Situation, die sich kurz folgendermaßen beschreiben lässt. Linguistische Ansätze zur Soziolinguistik, die mittel- oder unmittelbar auch die gesprochenen Sprache (GS) in den Aufmerksamkeitsfokus gerückt hätten, waren in Teilen der älteren aber immer noch einflussreichen Generation portugiesischer Philologen auch noch Jahre nach der Revolution verpönt, wie eine Formulierung von Scott-Rosin (1984, 259) verdeutlicht:

Zudem verstellte lange Zeit die Vorstellung von einer diastratisch relativ homogenen portugiesischen Sprache, die vor 1974 aus ideologischen Gründen gefördert wurde, den Blick auf die tatsächlichen sprachlichen Varianten und verhinderte damit die notwendige Diskussion um die Sprachnorm.

Einer Öffnung für eine Beschäftigung mit dem aktuellen mündlichen Sprachgebrauch schien auch das Selbstverständnis vieler portugiesischer Philologen skeptisch gegenüberzustehen, wie bereits Boléo 1954 beklagte (Boléo 1974, 269): „O estudo da linguagem viva, actual, tem sido impedido, nalguns países, designadamente Portugal, por um lamentável preconceito: o de que o filólogo se deve debruçar principalmente sobre assuntos antigos“.

Trotzdem begann 1970 relativ früh die Arbeit an einem ersten Korpus des gesprochenen Portugiesisch, deren Ergebnisse vom ‚Centro de Linguística da Universidade de Lisboa‘ (CLUL) unter dem Titel ‚Português Fundamental. Métodos e Documentos‘ 1987 publiziert wurden. Die Erstellung weiterer Korpora und Studien auch zur gesprochenen Sprache folgten in Portugal aber besonders auch in Brasilien (siehe auch Kapitel 2). Dass es trotzdem immer noch an Erkenntnissen zum gesprochenen Portugiesisch mangelt und bestimmte Aspekte dieses Forschungsbereichs unberücksichtigt blieben bzw. unter einem methodisch-konzeptionellen Ansatz erfolgen, der wenig zur ihrer Erhellung beiträgt, hat m.E. verschiedene Gründe. Zu ihnen zählen, dass die entsprechenden Korpora vorrangig Studien zur Phonetik und Geolexikologie dienen. Dieser von der portugiesischen Forschung eingeschlagene Weg wird allerdings vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung und geographischen Situation Portugals mit seiner Vielzahl von diatropischen Varianten außerhalb des Kontinentalportugiesischen durchaus verständlich.

Den Hauptgrund für das Desiderat aber sehe ich in der Vergangenheit einer Forschungstradition, die sich in den letzten Jahrzenten recht einseitig formal-strukturalistischen Konzepten der Sprachbeschreibung – unter den gegebenen politischen Umständen jener Zeit aus Gründen ihrer ideologischen Unverfänglichkeit vielleicht auch verständlich5 – verschrieben hatte, die in angloamerikanischen Vorbildern ihre historischen Wurzeln haben, wobei ein Blick in die bis dato herausgegebenen Referenzgrammatiken zur portugiesischen Sprache 6 genügt, um diesen Eindruck zu bestätigen. Andere Perspektiven auf ‚Sprache‘ hingegen werden vernachlässigt. Dazu gehört die mit der Pragmatik verbundene Sicht, die eine Einbindung von Sprechen in reale Situationen und die hieraus erwachsenen sprachlichen Beschränkungen und Möglichkeiten zum Ziel ihrer Untersuchungen machen würde. Genauso bleibt die Beschreibung derjenigen sprachlichen Mittel weitgehend unbeachtet, die der Herstellung und der Regelung von sozialen Beziehungen zwischen den Gesprächspartnern und ihren Interessen dienen, bzw. sie findet keinen Einlass in die entsprechenden Grammatiken.

Trotz dieser Umstande bin ich mir der Außergewöhnlichkeit und vielleicht auch des Risikos bewusst, ein methodisches Konzept samt seiner Grundbegriffe und Terminologie, das seinen Ursprung in der germanistischen Sprachwissenschaft hat und bisher vornehmlich auf die Erscheinungen der deutschen Sprache angewandt wurde, auf das Portugiesische zu übertragen. Die oben beschriebenen Desiderate, die Universalität des von mir benutzten Erklärungsmodells sowie die Überzeugung, dass Forschungstätigkeit eine ihrer wichtigsten Aufgaben darin sehen sollte, die Grenzen zwischen unterschiedlichen Ländern, Sprachen und Wissenschaftstraditionen zu überwinden, verleihen mir jedoch die Überzeugung richtig zu handeln. Hinzu kommt, dass ich meine Arbeit in erster Linie als Vorschlag verstehe, die bereits gewonnenen Erkenntnisse, die inzwischen durch portugiesisch-brasilianische Forschungen zur gesprochenen Sprache zusammengekommen sind, auf der Basis eines zusätzlichen Konzepts systematisch zu ordnen und ihnen eine zusätzliche Ausgangsposition für zukünftige Arbeit zur Seite zu stellen. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass es auf diesem Weg gelingen könnte, gesprochenem Portugiesisch zukünftig die Einschätzung und den Stellenwert zukommen zu lassen, die dieser Variante verbaler Verständigung wirklich angemessen ist.

Interessierte portugiesische Leser werden sich zudem, falls sie nicht über genügend Deutschkenntnisse für eine entsprechende Lektüre dieses Buches verfügen, mit Fug und Recht die Frage stellen, warum ich dieses Buch nicht auf Portugiesisch geschrieben habe und somit einem weitaus größeren Leserkreis zugänglich hätte machen können. Tatsächlich war dieses auch mein ursprüngliches Ziel. Ein portugiesischer Text wäre tatsächlich sinnvoller gewesen: Dieses Vorgehen kann ich nur so rechtfertigen, dass ich auch bereits viel Aufwand und Energie in eine portugiesische Version meiner Arbeit gesteckt hatte. Diese Arbeit war gekennzeichnet durch zeitraubendes und teilweise problematisches Übersetzen von zahlreichen Vorstellungen, Begriffen und Termini, die ihren Ursprung in der germanistischen GSF haben. Die ersten Kapitel hatte ich trotzdem bereits auf Portugiesisch geschrieben, bis zu dem Zeitpunkt, an dem meine zweisprachige Assistentin und potentielle Mitautorin aus dem Projekt ausstieg. Angesichts der bereits vorangeschrittenen Zeit – ich musste mein Sabbatjahr zur Arbeit am Buch nutzen und hatte im Bemühen um eine portugiesische Version meines Buches bereits viel Zeit verloren und Energie eingebüßt – blieb mir keine andere Wahl, als im Widerspruch zu meinem ursprünglichen Plan das Buch auf Deutsch weiterzuschreiben7.

Natürlich schränkt ein Buch, das auf Deutsch sprachliche Erscheinungen des Portugiesischen beschreibt, den potentiellen Leserkreis erheblich ein. Als mögliche Nutznießer für ein Buch, das auf Deutsch (Metasprache) sprachliche Ausdrücke und Strukturen des Portugiesischen (Objektsprache) analysiert, verbleiben aber immerhin noch Lehrende und Lernende aus dem Bereich der Romanistik und komparatistischen Linguistik an deutschen, portugiesischen, brasilianischen sowie anderen ausländischen Universitäten. Dabei wird allerdings vorausgesetzt, dass diese potentiellen Leser über hinreichende Sprachkompetenz in beiden Sprachen verfügen.



Zum Schluss dieses Vorwortes sei mir noch folgende kritische Bemerkung erlaubt, die im Zusammenhang mit dem in diesem Beitrag angestrebten Ziel einer Wissensvermittlung zwischen unterschiedlichen Wissenschaftstraditionen steht. Es ist unbestritten, dass inzwischen Englisch als ‚Lingua Franca‘ bei internationalen Konferenzen und anderen Formen wissenschaftlicher Zusammenkünfte die Rolle zukommt, als ‚Vehikel‘ das Verständnis zwischen Teilnehmern unterschiedlicher Länder und Sprachen zu ermöglichen. Diese Leistung betrachte ich allerdings mit einem gewissen Vorbehalt. Wenn man von einem Begriff des ‚Verstehens‘ ausgeht, wie es Diltheys8 für den Begriff der Geisteswissenschaften definiert, setzt ein solches Verstehen voraus, dass dieser Wissenstransfer von Wissenschaftlern – im hier vorliegendem Fall sind speziell Sprachwissenschaftler gemeint – vorgenommen wird, die ihre Erkenntnisse auf der Grundlage von Begriffen vermitteln, die sich bei ihnen selber als Ergebnis ihres sinnlichen Nacherlebens und kognitiven Nachvollziehens der zu thematisierenden sprachlichen Phänomene herausgebildet haben. Diese Voraussetzung gilt für den Bereich beider Sprachen und Wissenschaftstraditionen, zwischen denen ein solcher Transfer vorgenommen werden soll. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn ein Linguist, der wie ich in der germanistischen GSF ‚groß geworden ist‘ sich das Ziel setzt, den Begriff ‚Überbrückungsphänomene‘ mittels des Begriffs ‚hesitações‘ ins Portugiesische zu übersetzen, sollte er in der Lage sein, diesen Begriff in beiden Sprachen und Wissenschaftstraditionen sowohl ‚kognitiv‘ als auch ‚sinnlich‘ nachzuvollziehen. Nur so kann es ihm gelingen, wirklich passende Begriffe einander zuzuordnen. Dazu gehört die Kenntnis der theoretischen Kontexte (Sekundärliteratur), in denen diese Begriffe jeweils gebraucht werden. Bedingung für ein solches ‚Verstehen‘ im Sinne Diltheys ist es aber auch ‚nachzuempfinden‘ zu können, welche Assoziationen Begriffe und Termini der Sprachwissenschaft auslösen, wenn sie von deutschen bzw. portugiesischen Muttersprachlern gebraucht werden. Der oberflächliche Wissenstransfers durch einen dritten vermittelnden Begriff wie den des englischen ,hedges words‘ stellt m.E. dabei nur eine Ausflucht und Scheinlösung dar. Er garantiert keineswegs, dass portugiesische Sprecher wirklich verstehen, was nun mit dem deutschen Begriff ‚Zögerungssignal‘ gemeint ist, wenn sie ihn über den Umweg des Begriffs ‚hedges words‘ kennenlernen. Auch aus dieser Perspektive gewinnt die vorliegende Arbeit an Bedeutung und rechtfertigt die viele Mühe und Zeit, die ich in sie investiert habe.











1. Einleitung


Sprache und Schrift sind zwei verschiedene Systeme von Zeichen; das letztere besteht nur zu dem Zweck, um das erstere darzustellen. Nicht die Verknüpfung von geschriebenem und gesprochenem Worte ist Gegenstand der Sprachwissenschaft, sondern nur das letztere, das gesprochene Wort allein ist ihr Objekt.

(De Saussure [1916] 1967, 28)

Das Sprechen ist nicht von der Sprache her zu erklären, sondern umgekehrt die Sprache nur vom Sprechen. Das deswegen, weil Sprache konkret nur Sprechen, Tätigkeit ist und weil das Sprechen weiter als die Sprache reicht. Denn während die Sprache ganz im Sprechen steckt, geht das Sprechen nicht ganz in der Sprache auf.

(Coseriu [1975] 2007, 58)

Ziel dieser Untersuchung ist es, sprachliche Merkmale der mündlichen portugiesischen Kommunikation aus sprachpragmatischer Perspektive1 zu beschreiben. Die onomasiologische Vorgehensweise – von Funktionen zu sprachlichen Merkmalen zur Wahrung dieser Funktionen – nimmt dabei ihren Ausgang von Aufgaben, die sich daraus ergeben, dass Sprechen in konkreten Situationen und in Anwesenheit von Gesprächsteilnehmern und ihren Interessen erfolgt. Aus diesen Umständen erwachsen Beschränkungen und Möglichkeiten, die wesentlich die Art und Weise prägen, wie die beteiligten Personen unter diesen Bedingungen vom verbalen Code Gebrauch machen. Die weitere detaillierte Bestimmung und Gliederung entsprechender sprachlicher Ausdrücke und Strukturen im Zusammenhang mit den Faktoren ‚Situation‘ und ‚Anwesenheit von Gesprächspartnern‘ erfolgt dabei im Rahmen des Modells des Nähe- und Distanzsprechens (Ágel / Hennig 2006


, 2006b, 2007), seines Axioms, seiner universalen Diskursverfahren, seiner Begriffe und seiner Terminologie. Die entsprechenden Grundannahmen, die dieses Konzept prägen, werden in ‚Kapitel 4‘ vorgestellt. Zusammen mit Erkenntnissen der „Interaktionalen Linguistik“, der zufolge es beim dialogischen Sprechen immer auch darum geht, „intersubjektiv Bedeutung herzustellen und soziale Beziehungen zu gestalten“ (Imo 2015, 3), werden in den Kapiteln dieses Buches charakteristische Erscheinungen des mündlichen Portugiesisch – der Begriff ‚mündlich‘ wird im Folgenden durch den umfassenderen Begriff ‚nähesprachlich‘ (siehe ‚Kapitel 4‘) ersetzt – erläutert und in einem systematisch und hierarchisch geordneten Zusammenhang erklärt.

Untersuchungen zum gesprochenen Portugiesisch findet man in den letzten Jahren immer häufiger (siehe auch ‚Kapitel 2‘). Dazu zählen insbesondere Studien, die phonetische oder lexikalisch-geographische Aspekte2 der ‚Gesprochenen-Sprache-Forschung‘ thematisieren. Pragmatische Gesichtspunkte werden hingegen relativ selten erörtert, und wenn, fehlt es den entsprechenden Beiträgen meiner Einschätzung nach oft an einer durchdachten konzeptionellen Grundlage. Entsprechend zusammenhangslos werden die entsprechenden Erkenntnisse präsentiert, was wiederum zur Folge hat, dass sie nicht angemessen wahrgenommen werden und infolgedessen in den Referenzgrammatiken3 – zumindest zum Kontinentalportugiesisch – bis jetzt keine angemessene Beachtung gefunden haben.

Zur Vermeidung bestimmter Vorurteile, die sich leider nur allzu schnell mit dem Begriff der gesprochenen Sprache verbinden: Es geht in diesem Buch weder um Dialekte, Soziolekte oder Gruppensprachen – wie z.B. der Jugendsprache –, sondern um Formen und Ausdrucksweisen, die allgemein und variantenübergreifend erforderlich sind, um mündliches oder schriftlich basiertes Nähesprechen überhaupt erst zu ermöglichen.



Die einleitenden Zitate von zwei der renommiertesten Sprachwissenschaftler des 20. Jahrhunderts heben die besondere genealogische und methodologische Vorrangigkeit gesprochener Sprache im Vergleich zum schriftlichen Ausdruck hervor und bieten somit einen geeigneten Ausgangspunkt für das Thema des Buches. Nun wird sich der Leser vielleicht zweifelnd fragen, ob es denn nicht im Gegenteil der schriftliche Ausdruck und die auf seiner Basis entstandenen Werke der Literatur und Wissenschaft sind, die Kultur und den Stolz einer Sprachgemeinschaft prägen und die kulturelle Identifikation von Individuen ermöglichen?4 Dieser Meinung kann man nur zustimmen, und auch an dieser Stelle soll die überragende kulturelle Bedeutung des geschriebenen Wortes nicht geleugnet werden. Der schriftliche Ausdruck bildet einen ausschlaggebenden Faktor bei der Entwicklung hochzivilisierter Sprachgemeinschaften, an der literarische und wissenschaftliche Werke ihren wesentlichen Anteil haben. Diese Herausstellung des Primats der Schriftlichkeit trifft auch für den Bereich der Sprachwissenschaft zu. Ohne die Möglichkeit schriftlicher Dokumentation wäre die Möglichkeit einer systematischen Erforschung der gesprochenen Sprache, ihrer Weiterentwicklung, Verbreitung und Überlieferung in Form von Grammatiken, Wörterbüchern und Beiträgen zur Fachliteratur ausgeschlossen. Folgende Zitate der Linguisten Coulmas und Ágel verdeutlichen diese Überzeugung:

Schrift fixiert Sprache nicht nur im visuellen Sinn, sondern auch, indem sie sie stabilisiert. Mit anderen Worten, Schrift ist das Mittel der Sprachstandardisierungen (Coulmas 1985, 98).

Die Ablösung der oralen und die Herausbildung der literalen Kultur bedeuten, dass der Mensch nunmehr nicht nur Sprechhandlungen vollzieht, sondern auch Sprachwerke schafft [Heraushebung durch den Autor des Zitats], und dass diese Sprachwerke über grammatische (und sonstige sprachliche) Merkmale verfügen, über die Sprechhandlungen nicht verfügen (und umgekehrt). (Ágel 1999, 211)

Diese von allen Sprachgemeinschaften geteilte Hochachtung der Schrift führte dann allerdings in der Folgezeit zu einem wachsenden Verlust der Wertschätzung der gesprochenen Sprache. Diese ist durch eine fast vollkommende Vernachlässigung bzw. durch eine Form wissenschaftlicher Thematisierung gekennzeichnet, die auf verzerrenden und fehlerhaften theoretischen Voraussetzungen beruht. Zu diesen zählen (a) eine Beschreibung von Merkmalen der gesprochenen Sprache im latenten, wenn auch oft unbewussten Vergleich mit der Grammatik der geschriebenen Standardsprache, die sozusagen den geltenden Maßstab für alle Formen sprachlicher Verständigung darstellt, (b) eine einseitige Fokussierung auf ihre lautliche Realisierung, (c) die Ausklammerung der Eigenständigkeit von Regularitäten des Sprachgebrauchs5 auf der Ebene der Morphosyntax sowie (d) die Nichtbeachtung bzw. Unterbewertung von sprachlichen Ausdrücken und Strukturen, deren Bedeutung für das Funktionieren mündlicher Kommunikation sich aus sprachpragmatischer Perspektive eröffnet.

Obwohl sich auch in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Hinweise in der portugiesischen Sekundärliteratur finden, die den oben genannten Tendenzen widersprechen und dem lebendigen, gesprochenen Wort ihre Aufmerksamkeit zuwenden6, überwog lange Zeit die Rückwendung auf die Vergangenheit und eine Dominanz präskriptiver Formen der Sprachbeschreibung7. Zusammen mit der einseitigen Wertschätzung der Schriftkultur ergab sich daraus eine Haltung, die in der angelsächsischen und germanistischen Wissenschaftsliteratur als „Skriptizismus“8 bezeichnet wird. Aus der Sicht der brasilianischen Linguistin Quadros Leite stammt dieses Vorurteil, das in der Annahme einer minderwertigen Mündlichkeit gegenüber dem überlegenen schriftlichen Ausdruck ausgeht, aus der Epoche der Renaissance, als sich eine Grammatikalisierung der Sprachen vollzog: „A partir desde momento a língua é entendida como uma entidade monolítica, cuja única forma é aquela descrita nos manuais de gramática tradicional e nos dicionários; as divergências são erros crassos“ (Quadros Leite 2000, 135). Auf ironische Weise äußert sich der germanistische Sprachwissenschaftler Ludger Hoffmann (1998, 3) darüber, wie sich die Haltung des ‚Skriptizismus‘ in den Köpfen und dem Denken seiner Verfechter widerspiegelt:

Kein Wunder, dass Lehrstuhl-Grammatiker die Mündlichkeit für chaotisch und irregulär halten und als bloße ‚Performanz‘ aus dem Gegenstandsbereich verbannen. Sie befassen sich lieber mit dem in den Köpfen ‚internalisierten‘ Sprachsystem, d.h. mit dem, was sie selbst über Grammatik wissen.

Bei allem Verständnis für diese Kritik scheint es allerdings nicht angebracht, beide Anwendungsvarianten verbaler Verständigung gegeneinander auszuspielen. Angemessener lässt sich das Verhältnis zwischen Sprechen und Schrift als eins der gegenseitigen Abhängigkeit und Beeinflussung bestimmen, das wie der deutsche Sprachwissenschaftler Wolfgang Raible (1994, 2) anmerkt, das Merkmal einer dialektischen Beziehung aufweist: „There´s no slave or servant without a master, no leisure time without work, no nature without culture; in the same way literacy cannot be conceived of without orality, and orality not without literacy“.

Doch war es nicht ausschließlich die Haltung des ‚Skriptizismus‘ – und diese Aussage gilt sowohl für die brasilianisch-portugiesische als auch die germanistische Gesprochene-Sprache-Forschung –, die lange Zeit eine angemessene wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der gesprochenen Sprache verhinderte oder zumindest verzögerte. So fehlten bis zur Mitte der 60er Jahre die technischen Voraussetzungen (tragbare Tonbandgeräte), die es ermöglicht hätten, gesprochene Sprache in spontanen Kommunikationssituationen aufzunehmen und für weitere Analysen zu archivieren. Mindestens genauso schwer wiegt aber das methodologische Dilemma, das der Erforschung gesprochener Sprache unausweichlich anhaftet. So ist man zur Erfassung des flüchtigen gesprochenen Wortes zunächst einmal auf die Schrift in Formen von Transkriptionen angewiesen, um den zu untersuchenden Gegenstand überhaupt festhalten, beschreiben und erzielte Erkenntnisse weiterverbreiten zu können. Darüber hinaus stellt jedes Transskript einen Kompromiss dar, weil es nicht in der Lage ist, alle Faktoren angemessen zu beschreiben, die bei einem gesprochenen Alltagsdialog von Bedeutung sind9. Dazu zählt die Gesamtheit der von den Sprechteilnehmern hervorgebrachten Lautsequenzen, zu denen auch solche gehören, die nicht Teil des eigentlichen verbalen Codes sind. Hinzu kommen die ständig wechselnde Mimik, die Gestik und die Gebärden der Gesprächsteilnehmer sowie alle nichtsprachlichen Handlungen, die den verbalen Teil der Kommunikation begleiten. Auch die räumliche Distanz, die Gesprächsteilnehmer zwischen sich einnehmen (Proxemik), und die Prosodie (Dynamik, Wort- und Satzakzente, Rhythmus, Satzmelodie, Stimmfärbung, Länge der Aussprache von Lauten und Pausen) tragen mit zur Informationsübermittlung in einem Alltagsdialog bei.

Um das Ziel der vorliegenden Studie anschaulicher und verständlicher zu machen und um bereits im Vorfeld der späteren, ins Detail gehenden Erläuterungen das Interesse und die Neugier der Leser zu wecken, möchte ich einleitend zwei kurze Textausschnitte vorstellen. Der erste Text von José Saramago, bei dem es sich um einen Ausschnitt aus den „Folhas Políticas“ (Saramago 1999, 178)10 handelt, steht dabei stellvertretend für einen prototypischen Text der ‚Distanzsprache‘11. Der zweite Ausschnitt hingegen, der einen prototypischen Text der ‚Nähesprache‘ repräsentiert, stammt aus dem ‚C-ORAL-ROM-Korpus‘ des ‚Centro Linguístico da Universidade de Lisboa‘ (=CLUL)‘12.



‚Text 1‘ – Beispiel für einen prototypischen Text des ‚Distanzsprechens‘.



Poucas vezes como neste caso terei sentido tão fortemente a necessidade de me manter num certo ângulo de observação que me é peculiar, o duma aguda e quase obsessiva consciência da absoluta relatividade de todas as coisas – com perdão da incompatibilidade lógica entre relativo e absoluto, que, sendo indesculpável em qualquer texto que se apresentasse com alguma pretensão científica, espera desta vez uma absolvição completa, por ser, obviamente, nesta circunstância, um abuso mais da liberdade de expressão. Literária, claro está. Propor, ou discernir, ou inventariar uma visão (Invenção) europeia da América, sempre terá de tomar em conta os fatores de tempo e de lugar, sob pena de nos vermos precipitados pela imperiosa realidade naquele profundo abismo em que costumam naufragar as inteligências desprevenidas, ingênuas ou otimistas – o tópico. Em primeiro lugar, se o passado considerarmos, desde que Colombo, em 1492, tocou terra americana, julgando ter chegado à índia, e que Álvares Cabral, em 1500, por casualidade ou de caso pensado, encontrou o Brasil – foram diversas mas nunca contraditórias, as imagens que a Europa recebeu de um mundo novo, em muitos aspectos incompreensível, mas, como a história veio a demonstrar, bastante dúctil e moldável, ora pela violência das armas ora pela persuasão religiosa, aos interesses materiais e ideológicos dos que, tendo começado por ser descobridores, imediatamente passaram a exploradores.



Bereits bei einer ersten und oberflächlichen Durchsicht des Textes von Saramago werden folgende Charakteristika deutlich: (a) Es handelt sich um einen aus 221 Wörtern und nur vier Sätzen bestehenden Text. Das einzige kurze Syntagma, das nur aus den drei Wörtern Literária, claro está besteht, ist kein eigenständiger Satz, sondern ein syntaktisch und logisch vom Vorsatz abhängiger ‚Zusatz‘ (Apposition). Nehmen wir ihn heraus, besteht der gesamte Ausschnitt nur aus drei Sätzen mit durchschnittlich 72,7 Wörtern. (b) Die drei verbliebenen Sätze bilden ein dichtes Geflecht ineinander verwobener syntaktischer Strukturen aus Hypotaxen und Parataxen. Besonders komplex sind die Satzgefüge mit mehreren Nebensätzen, die unterschiedliche Grade der Unterordnung aufweisen. Die syntaktischen und inhaltlich-logischen Relationen, die zwischen den verschiedenen Teilen des Gesamttextes bestehen, sind durch entsprechende Konnektoren bzw. Junktoren explizit gekennzeichnet. (c) Die im Text gebrauchten Lexeme wie dúctil oder moldável oder eine Sequenz wie com perdão da incompatibilidade lógica entre relativo e absoluto stehen für einen elaborierten und von Saramago mit Bedacht gewählten subtilen sprachlichen Duktus.



‚Text 2‘ – Beispiel für einen prototypischen Text des ‚Nähesprechens‘13. Charakteristische Merkmale, dieser Art und Weise vom verbalen Code Gebrauch zu machen sind durch Unterstreichung markiert.



A: o que é que acha da moda deste ano?

B: ah / eu acho / olhe / a moda deste ano acho engraçada // acho / porque é / é / tem muita coisa por onde se escolher // é calças curtas e / ah / e compridas / o / hot-pants e / e saias e / midis e maxis e tudo / de modo que / acho uma variedade muito / extraordinária / agrada a toda a gente // toda a gente tem por onde escolher // nós agora até / tivemos / dois dias / em passagens de modelos / a semana passada // com manequins profissionais e / e algumas / ah / raparigas curiosas / mas uma rapariga de lá da loja que se portou muitíssimo bem // e / e agora vou / voltar a ter lá uma passagem / no dia vinte e três // com seis manequins // e parece-me que vão também por alguns números de variedades / isso é que eu ainda não sei o que é que eles vão fazer // já ouvi falar numas bailarinas // eh / não sei que relação o possa ter uma coisa com a outra // mas / eh / de qualquer / eh / forma / e / e / e respondendo / aquilo que o senhor perguntou / acho que / a moda / está interessante / este ano // eu gosto //

A: gosta?

B: / acho que sim // não para mim mas / para as raparigas magras que têm / possibilidades de por tudo e tudo lhes fica bem // acho que sim // temos lá a Maria / a Ana Maria Lucas / que tem uma vontade / uma classe realmente extraordinária // além de bonita // bem / é muito antipática / para já // […]



Eine erste vorläufige Analyse dieses Textausschnitts, der zu einem großen Teil aus einer monologischen Sequenz von ‚Sprecher B‘ besteht, führt zu folgenden Einsichten: (a) Der Text weist 308 Wörter auf, wobei der in Fragmente, einzelne Wörter und Wortformeln ‚zerstückelte‘ Diskurverlauf (Häppchenstil) es im Gegensatz zum Distanztext problematisch gestaltet, die exakte Anzahl von Einheiten, die man als Sätze definieren könnte, festzustellen – ein Problem auf das ich an dieser Stelle nicht weiter einzugehen gedenke. Auf jeden Fall handelt es sich bei den Fragmenten, die diese Sprechsequenz des Nähesprechens bilden, um wesentlich kürzere Einheiten als die, aus denen sich typischerweise Distanztexte zusammensetzen. (b) Für eine nur indirekt erschließbare syntaktisch und logisch-semantische Kohäsionsstiftung zwischen den aufeinanderfolgenden Teilen der Sprechsequenz ist der folgende Ausschnitt charakteristisch acho uma variedade muito / extraordinária / agrada a toda a gente / toda a gente tem por onde escolher. Nähesprachliche Texte scheinen eine Organisation der zu übermittelnden Informationen in Form einer additiven Aneinanderreihung der Bestandteile dieser Information vorzuziehen. Es bleibt der Eindruck einer Fragmentierung der Teile einer Sprechsequenz, die sowohl ihre syntaktische als auch logisch-inhaltliche Ordnung betrifft. (c) Einzelne aus dem Zusammenhang der inhaltlichen Darstellung herausgerissene Ausdrücke wie olhe (2. Zeile ‚Sprecher B‘), bem, para já (letzte Zeile ‚Sprecher B‘) dienen weniger der inhaltlichen Information (dem propositionalen Anteil des Sprechakts) als vielmehr anderen Aufgaben wie der Regelung des Rederechts oder der Graduierung des illokutiven Gehaltes des entsprechenden Sprechaktes. Die Aufgaben, die sie als ‚Rederechtsmittel‘ oder besondere ‚Ausprägungen von Diskursmarkern‘ (Operatoren) erfüllen, werde ich weiter unten erläutern. (d) Die häufig vorkommenden und zunächst funktionslos erscheinenden Wiederholungen einzelner ‚Laute‘ – aus schriftsprachlich orientierter Sicht einzelner ‚Wörter‘ – wie é é / e e oder „tonaler Zeichen“ (Henne / Rehbock 1982, 80sq.), die in den Transkriptionen bevorzugt mittels der Grapheme ah und he wiedergegeben werden, lässt auf Probleme bei der zeitgerechten Ausführung der Sprechsequenz schließen, die unten im entsprechenden Kapitel 6.3.1 als ‚Überbrückungsphänomene‘ im Zeitparameter thematisiert werden. (e) Hinzu kommt der Gebrauch von Ausdrücken und Wortverbindungen wie e tudo, coisa oder de qualquer forma, die ein breites semantisches Spektrum abzudecken in der Lage sind und unter den ‚beengten‘ zeitlichen Bedingungen eines Präsenzdialogs den Gesprächspartnern als Ersatz passender und genauerer Bezeichnungen äußert gelegen kommen. Unten werden sie in ‚Kapitel 6.3‘ als „Passe-partout Wörter“ (Schwitalla 2012, 161) beschrieben. (f) Auch die Funktion von Strukturen wie isso é que, o que é que (frases clivadas) bieten sich für eine Interpretation aus pragmatischer Perspektive an, weil sie in der Lage sind, einen Teil des Informationsflusses hervorzuheben und in den Aufmerksamkeitsfokus des Gesprächspartners zu rücken. (g) Eine ähnliche Einschätzung erlaubt der Gebrauch von direkt nach dem ‚turn-taking‘ vom Gesprächspartner hervorgebrachten Wörtern oder formelhaften Wortverbindungen – ich werde sie in Kapitel 6.2.1 als ‚Reaktive‘ definieren und ihre Leistungen bestimmen –, wie acho que sim, nem pensar, ai é etc., die erst unter den besonderen situativen Bedingungen prototypischen Nähesprechens eine Interpretation erlauben, die ihren Funktionen gerecht wird. (h) Eine bereits seit der Antike als rhetorisches Mittel bekannte Stilfigur wie das ‚Apokoinu‘ lässt sich im Kontext des Nähesprechens dem entsprechenden Interpretationsparameter ‚Zeit‘ sowie dem universalen Diskursverfahren einer ‚aggregativen Strukturierung des Informationsflusses‘ (vgl. ‚Kapitel 4‘) zuordnen und erlaubt unter diesem Aspekt ebenfalls eine sinnvolle Interpretation. Die Strukturierung der Sprechsequenz eu acho / olhe / a moda deste ano acho engraçada, in der das konjugierte Verb acho dasselbe Satzglied a moda deste ano sozusagen ‚umarmt‘ und beidseitig und räumlich aufeinanderfolgend doppelt regiert, favorisiert ebenso eine Fragmentierung der Sprechsequenz und fördert den für das Nähesprechen vorteilhaften Häppchenstil‘. (i) Auch eine Technik, die darin besteht, dass Sprecher, die an einem Dialog beteiligt sind und ihre Aufmerksamkeit und ihr Verstehen durch ‚Wiederholung‘ von einzelnen Wörtern oder größere Teilen der Sprechsequenz des Gegenübers (adjazente Strukturen) zum Ausdruck bringen, gehört zum Repertoire von Dialogpartnern: Entsprechend wiederholt ‚Sprecher B‘ zu Beginn des Dialogs nach dem Sprecherwechsel den Ausdruck (d)a moda deste ano seines Gesprächspartners. Auch die von ‚Sprecher A‘ gestellte Frage gosta? wiederholt die direkt vorher von ‚Sprecher B‘ getroffene Aussage eu gosto. In Texten mit einer höheren Frequenz von Sprechwechseln wird dieses Mittel zur Verständigungsabsicherung durch Wiederholung von einzelnen Wörtern oder verbalen Strukturen entsprechend öfter eingesetzt und gewinnt dadurch an zusätzlicher Bedeutung.



Die Aufgabe in den nächsten Kapiteln wird nun darin bestehen, die oben nur kurz und vorläufig angedeuteten Charakteristika des prototypischen Nähesprechens, zu denen sowohl sprachliche Ausdrücke, aber auch spezifische Gestaltungen der Sprechsequenz gehören, in ihren formalen und funktionalen Details ausführlich zu beschreiben. Dazu bleibt festzuhalten, dass diese Merkmale, die Textexemplare aus dem Bereich der ‚kommunikativen Praktiken‘ des Nähesprechens prägen, keine Aufgaben für die eigentliche Informationsübermittlung (den propositionalen Anteil des Sprechaktes) übernehmen. Auch lassen sie sich nicht als Elemente der langue im Sinne einer formal-strukturalistischen Sprachbeschreibung bestimmen. Entsprechend entziehen sie sich Bestimmungen, die sich z.B. die Generative Transformationsgrammatik in der Nachfolge Chomskys oder die Varianten der Verbvalenzgrammatik für die Bestimmung sprachlicher Elemente zum Ziel setzen. Wenn man diese Perspektiven einnimmt, könnte man sogar provokativ anmerken, dass die vorliegende Studie ausschließlich die ‚Reste‘ thematisiert, die für formal-strukturalistische Sprachbeschreibungen keine Rolle spielen. Letztere lassen sie ausdrücklich unberücksichtigt, weil sie aus der Perspektive ihrer Zielsetzung keine Rolle spielen, wie aus dem folgenden Zitat Chomskys (Chomsky 1965, 3) deutlich wird:

Linguistic theory is concerned primarily with an ideal speaker-listener, in a complete homogeneous speech-community, who knows its language perfectly and is unaffected by such grammatically irrelevant conditions as memory limitations, distractions, shifts of attention and interest, and errors (random or characteristic) in applying his knowledge of the language in actual performance.

Eine angemessene und ihrer Bedeutung entsprechende Beschreibung der Ausdrücke und Strukturen, die oben in ‚Text 2‘ skizzenhaft vorgestellt wurden, wird aber unter der Perspektive der Sprachpragmatik14 zwingend notwendig. In ihrer umfassenden Bedeutung schließt diese pragmatische Sichtweise Funktionen mit ein, die Aspekte der situativen (räumlich/zeitlichen) Einbindung, des diskursiven Verlaufs, der inner- und außersprachlichen Kontexte – einschließlich der sich aus ihnen ableitbaren Präsuppositionen – sowie der sozialen Interaktion des sprechsprachlichen Handelns betreffen.15 Sprachliche Kommunikation findet aus dieser Sicht nicht zwischen idealen Sprechern im Vakuum eines abstrakten Raums und zeitlicher Ungebundenheit statt. Stattdessen spielt sie sich zwischen real existierenden Gesprächspartnern mit ihren aufeinander stoßenden und möglicherweise auch unterschiedlichen Interessen, Gefühlslagen, allgemeinem Welt- und spezifischem Vorwissen, Sympathien etc. ab. Zudem ist sie in konkrete Situationen eingebunden und raumzeitlichen Bedingungen ausgeliefert, die Auswirkung auf die sprachlichen Ausdrücke und Strukturen nehmen, die Sprecher unter diesen Bedingungen benutzen, bzw. deren Gebrauch Sprecher diesen Bedingungen anpassen. Um ein Beispiel zu geben: Wer in Portugal einen Kaffee mit einigen Tropfen kalter Milch möchte, wird in der entsprechenden Situation, vielleicht an der Theke einer pastelaria gelehnt, einen café, pingado se faz favor!16 bestellen. Die Möglichkeit, seinen Wunsch in dieser elliptischen Form vorzutragen und die spezifische Bedeutung von ‚mit einigen Tropfen kalter Milch‘ des Zusatzes pingada ergibt sich als Folge einer zur Konvention gewordenen Formulierung, die sich genau für diesen Bezeichnungszweck und diese Situation bei kompetenten portugiesischen Sprechern in (vielleicht) Jahrzehnten herausgebildet hat. Diese Form einer „Handlungsellipse“, d.h. von „Aufforderungen zu Handlungen in stark vorstrukturierten Situationen“ (Ágel / Hennig 2007, 201) entspricht in der Sprachwissenschaft Bühlers „empraktischen Nennungen“ ([1934]1982, 155sqq.). Im Rahmen des Modells des Nähe- und Distanzsprechens werden entsprechende Ausdrücke als ‚Handlungsellipsen‘ unter dem Beschreibungsparameter ‚Situation‘ erläutert. Das bedeutet, es sind sprachliche Mittel, in denen sich das universale Diskursverfahren ‚Verflechtung von Sprechen und non-verbalem Handeln‘ manifestiert (cf. ‚Kapitel 4‘).



Für das Ziel dieser Arbeit, aus sprachpragmatischem Blickwinkel die oben erwähnten sprachlichen Mittel und Strukturen in ihrer formalen und funktionalen Vielfalt in einer systematischen, nachvollziehbaren und verständlichen Art und Weise zu Gruppen zusammenzufassen (Stichwort Operationalisierbarkeit), erweist sich das Modell des „Nähe- und Distanzsprechens“ in seiner von Ágel / Hennig optimierten Variante, die seine konzeptionellen Voraussetzungen, Begriffe, Definitionen und seine Terminologie mit einschließt, als geeigneter Rahmen. Die Gliederung dieses Buches in Kapitel und Unterkapitel orientiert sich infolgedessen an den im Modell des Distanz- und Nähesprechens postulierten Beschreibungsparametern ‚Rolle‘, ‚Zeit‘, ‚Situation‘, ‚Code‘ und ‚Medium‘, den ‚Universalen Diskursverfahren‘, die sich diesen Parametern zuordnen lassen sowie den sprachlichen Mitteln, in denen sich diese Verfahren in einer Sprache manifestieren.

Alle im Buch vorgenommenen Analysen und kategorialen Bestimmungen von Nähemerkmalen folgen hierbei genau vorgeschriebenen Schritten, die ich am Beispiel der „Reaktive“ (Sieberg 2016, 101sqq.) folgendermaßen verdeutliche: Erster Schritt: Ausgehend vom Studium und der vorläufigen Analyse einiger Transkriptionen aus dem ‚CLUL-Korpus‘ sowie ersten Hinweisen aus der Sekundärliteratur fallen sprachliche Ausdrücke auf, die direkt nach dem Sprecherwechsel gebraucht werden, und deren Funktion darin zu bestehen scheint, spontan und effizient auf die vorhergehende Äußerung des Gesprächspartners zu reagieren. Zweiter Schritt: Im Modell – siehe seine vereinfachte und schematische Darstellung in ‚Kapitel 4‘ – findet man unter dem Beschreibungsparameter ‚Zeit‘ das universale Diskursverfahren ‚Einfache Verfahren der Einheitenbildung‘, dem sich diese Gruppe von ‚Reaktiven‘ zuordnen lässt, weil der Gebrauch von Ausdrücken wie claro, certo, exatamente, ai é, nem pensar, acho que sim, etc. auf den Einfluss dieses Verfahrens zurückgeführt werden kann, bzw. weil sich dieses Diskursverfahren in diesen sprachlichen Mitteln manifestiert. Dritter Schritt: Durch eine vertiefende Lektüre entsprechender Sekundärliteratur sowie eine weitere Suche im empirischen Material, die zu einer Vergrößerung des Repertoires von passenden tonalen Zeichen, Wörtern und Wortverbindungen führt, gelangt man schließlich zu einer Definition dieser Gruppe von Nähemerkmalen, die formale und funktionale Charakteristika der ‚Reaktive‘ so treffend und umfassend wie möglich bestimmt: „Sprecher gebrauchen Reaktive direkt nach dem Sprecherwechsel und verfügen mit ihnen über ein sprachliches Mittel, das es ihnen erlaubt, spontan Stellung zu den vorangehenden Äußerungen der Gesprächspartner und den mit ihnen verbundenen Geltungsansprüchen (illokutive Bestandteile der Sprechakte) zu nehmen“ (cf. Kapitel 6.2.1).

Angesichts des von mir gesteckten Ziels – man beachte nur die Vielzahl und Heterogenität der zu beschreibenden sprachlichen Erscheinungen – sollte es den Leser nicht verwundern, dass meine Recherchen keinen umfassenden Überblick über die entsprechende Sekundärliteratur liefern, die es zu den jeweiligen Phänomenen im Bereich der germanistischen und luso-brasilianischen Sekundärliteratur gibt. In Orientierung an dem Ziel, das bereits im Vorwort formuliert wurde, geht es in dieser Arbeit vielmehr darum, durch die Übernahme eines Konzepts der germanistischen GSF portugiesisches Nähesprechen angemessen und durch nachvollziehbare Operationen beschreiben zu können. Folglich liegt auch der Schwerpunkt und der Ausgangspunkt dieser Recherche vornehmlich im Bereich der germanistischen Sekundärliteratur zur GSF.



Letztendlich stelle ich mir diese Arbeit als Anregung und als zusätzliche Orientierungshilfe für weitere Forschungen zum gesprochenen Portugiesisch vor. Dabei wäre auch eine Anwendung auf andere romanische Sprachen durchaus denkbar. Dieser Optimismus beruht auf der besonderen Eignung des an dieser Stelle benutzten Konzepts und Modells, seiner Operationalisierbarkeit, seiner streng systematischen und hierarchischen Gliederung sowie auf der universalen Geltung seines Axioms und seiner Diskursverfahren.



Neben der bereits erwähnten Operationalisierbarkeit sowie Universalität seiner Parameter und Diskursverfahren bietet das Modell des ‚Nähe- und Distanzsprechens‘ den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass sich auch der Sprachgebrauch von kommunikativen Praktiken der ‚Neuen Medien‘ – im Folgenden möchte ich für die Bezeichnung dieser Kommunikationsform den Terminus „keyboard-to-screen communication“ (Imo 2015) verwenden – im Rahmen dieses Modells systematisch erklären lässt. Ins Zentrum meiner Untersuchung stelle ich allerdings den Bereich des prototypischen Nähesprechens (Alltagsdialoge). Die Vorstellung und Interpretation einiger portugiesischer Tweets aus dem Bereich des peripheren Nähesprechens beschränke ich hingegen auf Kapitel und sprachliche Erscheinungen, für die sich eine solche Erörterung anbietet und besonders relevant ist – z.B. innerhalb der Beschreibungsparameter ‚Code‘ und ‚Medium‘.

Prinzipiell ließen sich auch die Nähesprachlichkeit anderer kommunikativer Praktiken der „keyboard-to-screen communication“ wie Einträge in Weblogs, Internetforen oder den Chats in sozialen Netzwerken wie Facebook etc. mit Hilfe des hier angewendeten Konzepts untersuchen. Alle diese kommunikativen Praktiken fallen durch einen Sprachgebrauch auf, der den Formen medial mündlichen Nähesprechens teilweise ähnelt und analoge Ausdrucksformen und Strukturen aufweist. Zudem handelt es sich um Formen, die zunehmend einen großen Teil unserer kommunikativen Wirklichkeit bestimmen und dabei radikale Veränderungen unserer zwischenmenschlichen Umgangsformen nach sich ziehen. Zum Anlass der Verleihung des ‚Konrad-Duden-Preises‘ äußerte sich Peter Schlobinski, Professor an der Universität Hannover, folgendermaßen zur Radikalität dieses Wandels (Schlobinski 2012, 18):

Die digitale Revolution integriert alle Errungenschaften vorangegangener Medienrevolutionen unter einem Dach. Multimedialität und -modalität, Medienkonvergenz und Transmedialität sind die Schlüsselbegriffe dieses Prozesses. Doch im Kern führt diese Mediamorphose zu einem integrierten, allumfassenden Kommunikationssystem, einem Unimedium, in dem reale, imaginär-fiktionale und virtuelle Welt aufeinander bezogen sind. Und das Unimedium globalisiert Sprache und Kommunikation in einer neuen Qualität. Es macht Kommunikation frei konvertierbar und die Währung sind Bits und Bytes.

Für den Sinn der vorliegenden Studie spricht zudem, dass die Forderung nach Beschäftigung mit der gesprochenen Sprache aus der Perspektive angewandter Linguistik zunehmend lauter wird17. Gerade in jüngster Zeit widmet sich die Didaktik der Fremdsprachenvermittlung gezielt der gesprochenen Sprache und ihrer Einbeziehung in den Fremdsprachenunterricht. Die Kenntnis zentraler Merkmale und das Beherrschen der spezifischen Ausdrucksmittel mündlicher Kommunikation werden zum integralen Bestandteil einer entsprechenden „interaktionalen Kompetenz“ (siehe auch ‚Kapitel 10‘). Ohne sie sind die Lerner einer Fremdsprache entsprechenden Situationen mündlicher Kommunikation relativ hilflos ausgeliefert. Das Wissen darüber, wie mündliche bzw. nähesprachliche Kommunikation funktioniert, und welche spezifischen Ausdruckformen und Strukturen vermittelt werden müssen, um bei den Lernern entsprechende Kompetenzen zu fördern, sollte folglich auch zum obligatorischen Bestandteil des ‚Portugiesisch als Fremdspracheunterricht‘ gehören. Der vorliegende Beitrag liefert das hierfür notwenige linguistische Grundwissen.




2. Zur Situation der Gesprochenen-Sprache-Forschung in Portugal und Brasilien


Im Folgenden skizziere ich meine Einschätzung der Forschungslage zur gesprochenen Sprache in Portugal und Brasilien. Dazu gehört die Darstellung von zentralen Forschungszentren und Projekten in Portugal und Brasilien, sowie eine Beschreibung von Tendenzen, Schwerpunkten und Desideraten, die sich in der mir bekannten Forschungsliteratur zum Thema benennen lassen. Gemessen an diesem hohen Anspruch – eine entsprechende umfassende Recherche und Beschreibung bedürfte eines eigenen Projekts und Veröffentlichung – möchte ich den zusammenfassenden und vorläufigen Charakter der folgenden Ausführungen herausstellen.

In Relation zu den die übrigen Teilen dieses Buches handelt es sich bei diesem Kapitel um einen ‚Exkurs‘. In ihm wird ein Thema erörtert, das eigentlich außerhalb des restlichen, ‚systematischen‘ Teil dieses Buches steht.

In Portugal ist das Centro de Línguas da Universidade de Lisboa1 (CLUL) die wichtigste Institution, die sich u.a. mit der Erforschung der gesprochenen Sprache beschäftigt. Besonders hinsichtlich der Zurverfügungstellung von geeigneten Korpora und Transkriptionen bietet dieses Zentrum eine gute Ausgangsposition für weiterführende Forschungen zum gesprochenen Portugiesisch. Die Korpora, von denen ich im Folgenden einige vorstelle, zeichnen sich durch ihren Umfang und durch ihre teilweise ‚On-line‘ Verfügbarkeit aus:



(a) 1987 wurde das Korpus „Português Fundamental. Métodos e Documentos“ veröffentlicht, das insgesamt 140 transkribierte Interviews enthält. Das zugrunde liegende Projekt datiert zurück auf 1970, in einer Zeit, in der es der Leitung des renommierten Sprachwissenschaftlers Luís Filipe Lindley Cintra unterstand. Es hatte sich zum Ziel gesetzt, spontan gesprochene Alltagsgespräche aufzunehmen und zu transkribieren. Im Zuge dieses Projekts wurden zwischen 1971 und 1974 insgesamt 1800 Gespräche aufgenommen. Von diesen wurden schließlich 1400 ausgewählt und transkribiert. Sie bilden das genannten ‚Corpus Português Fundamental = PF‘. Als Grundlage für alle Interviews diente eine Reihe von Standardfragen, die allen Gewährspersonen gestellt wurden. Bacelar do Nascimento et al. veröffentlichten aus diesem Material 1987 schließlich ein Buch mit 140 transkribierten Interviews, zu dem auch ein ‚On-line‘ Zugang besteht2. Es handelt sich um „transcrições “3 mit einigen Zusatzinformationen zu den beteiligten Gewährpersonen wie ‚Geschlecht‘ und ‚Herkunft‘. Eine neue Version des Korpus steht unentgeltlich im Catálogo da ELRA4 zur Verfügung. Sie umfasst Audiofiles im WAV-Format und einfache orthographische Transkriptionen im TXT- und HTML-Format.

(b) 2001 erschien auf CD-ROM das Korpus „Português Falado – Documentos Autênticos:Gravações Áudio em transcrições alinhadas (Instituto Camões 1995 bis 1997)5. Es waren die portugiesischen Sprachwissenschaftler Malaca Casteleiro und Maria F. Bacelar do Nascimento, unter deren Leitung dieses Projekt organisiert wurde. Das Ziel bestand darin, einen kleinen aber repräsentativen Korpus zusammenzustellen, um eine Grundlage für weitere Studien zum gesprochenen Portugiesisch in allen Regionen der Welt, in denen Portugiesisch gesprochen wird, zu erhalten. Aus den ursprünglich im Laufe dieses Projektes unter Beteiligung von 94 Gewährspersonen gesammelten Daten wurde eine Reihe von Transskripten ausgewählt, die das gesprochene Portugiesisch in Portugal, Brasilien und den ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika (Angola, die Kapverden, São Tomé, Príncipe und Mozambique) repräsentiert. Auch Sprachproben aus Goa, Macau und Osttimor wurden nachträglich diesem Korpus hinzugefügt. Die Kennzeichnung dieses Korpus mittels des Attributs transcrições alinhadas besagt, dass dieses Korpus Angaben zu Pausen, Unterbrechungen wie Räuspern, unverständlichen Wiederholungen und außerhalb des eigentlichen sprachlichen Codes liegenden Lauten etc. mit einschließt. Aber wie bereits bei den ‚PF-Transkriptionen‘ wurden umgangssprachliche oder phonetisch bedingte Varianten und Abweichungen ‚geglättet‘ und der Standardorthographie angepasst. Um diese Varianten identifizieren zu können, ist eine zusätzliche Konsultation der vorhandenen Audiofiles notwendig. Wie bereits beim ‚PF-Korpus‘ steht auch eine neue Version dieses Korpus unentgeltlich im Catálogo da ELRA6 zur Verfügung. Sie umfasst Audiofiles im WAV-Format und einfache orthographische Transkriptionen im TXT- und HTML-Format.

(c) Die Phase der Datenerhebung und Auswertung und zum „Corpus de diálogo etiquetado de Português Europeu“ (Coral), die von Isabel Trancoso et al. geplant und durchgeführt wurde7, fällt in die Jahre von 1997 bis 1999. Es wurden 32 Dialoge unter Beteiligung von 16 Gesprächspersonen aufgenommen. Das entsprechende Korpus kann in Form von fünf ‚CD-ROM‘ erworben werden. Das vorrangige Ziel bestand wie so oft bei portugiesischen Forschungsprojekten zur gesprochenen Sprache in einer Untersuchung ihrer phonetischen und phonologischen Besonderheiten: „A tarefa de especificação dos elementos do mapa teve em conta, fundamentalmente, aspectos da fonética e fonologia cujo estudo é prioritário no contexto da fala espontânea em Português Europeu“ (cf. Seite 1 der in der ‚Fußnote 31‘ angegebenen Quelle). Worauf diese Priorität beruht, wird allerdings weder näher begründet noch vorab in einer Phase epistemologischer Reflexion diskutiert. Erwähnenswert ist die Zusammenarbeit verschiedener Institutionen bei diesem Projekt, zu denen das CLUL (Centro de Linguística da Universidade de Lisboa), die FLUL (Faculdade de Letras de Lisboa), die FCSH – UNL (Faculdade de Ciências Sociais e Humanas da Universidade Nova de Lisboa) sowie das INESC (Instituto de Engenharia de Sistemas e Computadores) gehörten. Angesichts der in dieser Studie vorgegebenen Untersuchungsziele scheint es im Kontext der vorliegenden Arbeit allerdings nicht erforderlich, dieses Projekt eingehender zu beschreiben.

(d) Das nächste Projekt und das auf seiner Grundlage zusammengestellte Korpus ist das ‚C-ORAL-ROM-Korpus‘, mit der ausführlichen Bezeichnung „Integrated Reference Corpora for Spoken Romance Languages“8. Das Material zu diesem Projekt, das Aufnahmen und Transkriptionen des Portugiesischen, Französischen, Spanischen und Italienischen enthält und sich zum Ziel die Untersuchung der gesprochenen Alltagssprache romanischer Sprachen gesetzt hat, ist mitsamt der erzielten Ergebnisse über den Handel als Buch und in Form von acht DVD (‚DVD 5 und 6‘ zum Portugiesischen) zu beziehen. Weil eine detailliertere Beschreibung dieses Korpus, dem ich die in diesem Buch benutzten Beispielsäußerungen entnommen habe, im folgenden ‚Kapitel 3‘ folgt, verzichte ich an dieser Stelle auf die Angabe weiterer Einzelheiten.

(e) Beim Korpus ‚REDIP‘ (Rede de Difusão Internacional do Português: rádio, televisão e imprensa) handelt es sich um eine dem Sprachgebrauch in portugiesischen Medien gewidmete Sammlung von Transkriptionen sowohl des mündlichen als auch schriftlichen Portugiesisch. Das zugrunde liegende Projekt geht auf eine Initiative des „Instituto de Linguística Teórica e Computacional (ILTEC)“ in Zusammenarbeit mit der “Universidade Aberta“ zurück, und das resultierende Korpus umfasst 330000 Wörter aus sechs Themenbereichen: Aktuelle Nachrichten, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und spontane Meinungskundgebung9.

(f) Das Korpus mit den der weitaus größten Zahl von Einträgen ist das sogenannte ‚Mike-Davies-Korpus‘10 mit der genauen Bezeichnung O corpus do Português, das über die vergleichsweise gigantische Zahl von 450 Millionen Wörtern aus verschiedenen Textsorten und historischen Epochen verfügt. Hinzu kommt rund eine Billionen Belege (!) aus dem Bereich der ‚Neuen Medien‘ mit Varianten des gesprochenen kontinentalen und brasilianischen Portugiesisch. Dieses ‚Online-Korpus‘ erlaubt es, im Zusammenhang mit den erfragten Begriffen auch die zugehörigen Kontexte einzusehen.


Was die Projekte anbelangt, die auf der Grundlage der oben genannten Korpora durchgeführt wurden, noch laufen bzw. sich zurzeit in ihren Anfangsphasen befinden, scheint mir das Zitat oben unter Gliederungspunkt (c) sehr aufschlussreich zu sein. Es macht deutlich, was portugiesische Sprachwissenschaftler fast wie selbstverständlich als Ziel einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihrer gesprochenen Sprache verstehen. Nach einer Recherche zu abgeschlossenen bzw. noch aktuellen Forschungsprojekten in Zusammenhang mit dem gesprochenen Portugiesischen verdichtet sich zwar der Eindruck, dass Studien zur Phonetik, Phonologie, Prosodie und Lexikographie immer noch vorherrschen, doch wäre es ungerecht und ergäbe ein ‚verzerrtes Bild‘, nicht auch auf andere Studien mit unterschiedlichen Untersuchungszielen aufmerksam zu machen. Ohne an dieser Stelle einen kompletten Überblick geben zu können, folgt die Darstellung einer kleinen Auswahl solcher Projekte und Ziele11. Die Projekte sind dabei thematisch in folgende Sektoren unterteilt, bzw. unterschiedlichen Forschungszentren zugeordnet: (I) ANAGRAMA – Análise Gramatical e Corpora, (II) CLG – Grupo de Computação do Conhecimento Léxico-Gramatical, (III) Dialectologia e Diacronia, (IV) LabFon – Laboratório de Fonética, (V) Laboratório de Psicolinguística und (VI) Filologia.

Was momentan laufendende und noch nicht abgeschlossene Projekte im Themenbereich des gesprochenen Portugiesisch betrifft, möchte ich als Beispiele das Projekt ‚COPAS‘ hervorheben, das darauf abzielt zu erforschen, wie Intonation und syntaktische Mittel beim Sprechen zur Hervorhebung des ‚Topiks‘ einer Äußerung beitragen; ‚LeCIEPLE‘ aus dem Bereich des ‚Portugiesisch als Fremd- und Zweitsprachenerwerbs‘ mit der Erstellung eines eigenen Lernkorpus; das Projekt ‚VAPOR‘, das sich um die Zusammenstellung von Korpora mit in Afrika gesprochenen Varianten des Portugiesisch bemüht; das Projekt ‚LETRADU‘, das sich der Entwicklung Computer gestützter Übersetzungsprogramme sowie der Erstellung verschiedener Wortatlasse widmet, die auch das gesprochene Portugiesisch in Afrika, Brasilien, Europa, Galizien und auf den Azoren mit einschließen.



(g) Eine weitere mir bekannte und bereits abgeschlossene Arbeit, deren Planung und Realisierung aber außerhalb Portugals erfolgte, ist die auf Deutsch verfasste Arbeit von Viegas Brauer-Figueiredo (1999), die m.E. in Portugal bis jetzt nicht die ihr gebührende Beachtung gefunden hat. Wie die Autorin selber ausführt, wurde sie zu ihrer Arbeit durch Koch / Oesterreicher (1999, 9) angeregt, was als Folge hatte, dass sie sich bei ihrer Arbeit um eine Orientierung an dem Modell dieser Autoren12 bemühte, allerdings ohne dieses Konzept konsequent einzuhalten. Jedenfalls folgt die Arbeit dem für ihre Zeit neuartigen Konzept, morphologisch-syntaktische Erscheinungen der GS – u.a. Kontaktsignale, Überbrückungsphänomene, sprachliche Mittel zur Engführung13, polyfunktionales que, frases clivadas, passe-partout Konstruktionen (Viegas Brauer-Figueiredo 1999, 5sqq.) – auf der Basis eines entsprechenden Korpus14 und teilweise auch unter pragmatisch-funktionaler Perspektive15 zu beschreiben. Das bedeutet, der Gebrauch sprechsprachlicher Erscheinungen wird auch als Konsequenz ihrer Einbindung in Situationen und in Abhängigkeit von anderen Faktoren der pragmatischen Sprachdimension interpretiert. Das Korpus des Buches, das zwischen 1984 und 1994 zusammengestellt wurde und insgesamt 154584 Wörter erfasst, besteht aus (a) Interviews mit portugiesischen Immigranten, (b) Gesprächen und Interviews mit Studenten, (c) weiteren Interviews, die auf dem portugiesischen Festland, auf den Azoren und den Kapverden durchgeführten wurden, (d) Auszügen aus Diskussionen und Gesprächen mit portugiesischen Schriftstellern, die Vorträge an der Universität in Hamburg hielten, (e) Auszügen aus Vorlesungen, Seminaren und Kolloquien sowie (f) Mitschnitten aus portugiesischen Fernsehsendungen.


Positiv bleibt festzuhalten, dass es der Untersuchung gelingt, die Funktionen von Ausdrücken und Strukturen, die aus einer formal-strukturalistischen Perspektive aus gesehen irrelevant sind, für das Gelingen mündlicher Kommunikation herauszustellen und zu begründen. Für die Bestimmung von Erscheinungen des gesprochenen Portugiesisch, die sich aus der dialogischen Struktur gesprochener Sprache ergeben, ist das (ansonsten sehr umfangreiche) Korpus allerdings nicht geeignet, weil die Transkriptionen keine Visualisierung dieser Strukturen und der entsprechenden Sprecherwechsel ermöglichen.

Trotz des großen Fortschritts, den Viegas Brauer-Figueiredo dadurch erzielt, dass sie Erscheinungen des gesprochenen Portugiesisch durch die Einnahme einer neuen Perspektive untersucht, gelingt es ihr nicht, die von ihr erzielten Untersuchungsergebnisse im Rahmen eines homogenen und systematischen Konzepts zu interpretieren. Darum stellen sie sich dem Leser in vielen Zusammenhängen als zusammenhangslose Phänomene dar, die relativ heterogenen Kategorien – unterschiedlichen Wortklassen und Untersuchungsbereichen einer konventionellen Grammatik wie Morphologie, Wortbildung und Syntax – angehören. Ihre gewonnenen Erkenntnisse verfehlen somit den Effekt, Impulse für nachfolgende Untersuchungen zum gesprochenen Portugiesisch auszulösen. Aus der Sicht der in Portugal üblichen formal-strukturalistischen Grammatikbeschreibung werden ihr Konzept, ihre Methode und die von ihr gewonnenen Erkenntnisse m.E. kaum angemessen wahrgenommen.



Nach der Lektüre einiger Beiträge der portugiesischen GSF ergibt sich für mich abschließend der Eindruck, dass sich viele der in ihnen gewonnenen Erkenntnisse mit den an dieser Stelle formulierten Einsichten decken. Allerdings folgen sie unterschiedlichen, oft nicht explizit dargestellten Konzepten, und es mangelt ihnen an einer umfassenden Gesamtdarstellung. Dieser Umstand schmälert erheblich ihren Wert und Einfluss auf weitere Untersuchungen zur portugiesischen gesprochenen Sprache. Außerdem fehlt m.E. die vorausgehende Phase einer epistemologischen Reflexion oder ‚Grundlagenforschung‘, wie sie in den Naturwissenschaften gang und gäbe ist, an der es aber zugebenerweise auch in der germanistischen GSF lange Zeit gemangelt hat, bzw. die auch in weiten Bereichen der germanistischen Philologie und ihrer Einstellung zur GS immer noch fehlt. Zu diesen Ausgangsüberlegungen würde eine vorausgehende Reflexion über die prinzipielle Beziehung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit gehören, die Einsicht, dass sich nicht alle sprachlichen Erscheinungen im Rahmen einer formal-strukturalistischen Sprachtheorie deuten lassen sowie die Infragestellung der unreflektiert unterstellten Priorität der Schriftgrammatik und ihrer Regeln, die als Untersuchungsmaßstab und als Kriterien zur Bewertung von Erscheinungen der Mündlichkeit ungeeignet sind. Weiterhin wäre es einer Überlegung wert, Regelmäßigkeiten und Gebrauchsregularitäten, die sich als Ergebnis von Korpus basierten Untersuchungen der portugiesischen GS herausstellen, einer neuen Bewertung zu unterziehen: Von zentraler Bedeutung wäre es hierbei, die hergebrachte saussurianische Dichotomie ‚parole vs. langue‘ durch die Einführung eines vermittelnden Begriffs der ‚Norm‘, wie ihn Coseriu vorschlägt, neu zu überdenken. Schließlich mangelt es an Überlegungen, ob und welche sprechsprachlichen Erscheinungen bereits zum jetzigen Zeitpunkt mehr als bloße Gebrauchsregularitäten eines ‚normalen‘ Sprechens darstellen und die Erstellung einer entsprechenden Grammatik des gesprochenen Portugiesisch einfordern. Momentan erkenne ich allerdings noch keine Öffnung für ein solch alternatives Konzept zur angemessenen Untersuchung von Erscheinungen des gesprochenen Kontinentalportugiesisch. Dieses würde m.E. einer konsequenten pragmatischen Sicht auf die Ausdrucksweisen und Strukturen des gesprochenen Portugiesisch bedürfen. Hinzu käme die Anwendung von neuen linguistischen Konzepten, wie sie z.B. die ‚Interaktionale Grammatik‘, die ‚Construction Grammar‘ oder auch das ‚Modell des Nähe- und Distanzsprechens‘ bereitzustellen.

Als ein Schritt auf diesem Weg sollen die Überlegungen und Ergebnisse mit beitragen, die ich in der vorliegenden Arbeit zur Verfügung stelle.



In Brasilien könnte die Lage hinsichtlich der Erforschung des gesprochenen Portugiesisch kaum unterschiedlicher sein. Bereits ein kleiner Streifzug durch die Bibliotheken der FLUL oder eine Recherche im Internet führen zu dem Schluss, dass es an vielen brasilianischen Universitäten und Forschungszentren in den letzten Jahren eine große Zahl von Projekten mit einer entsprechend hohen Zahl von Veröffentlichungen gibt, die sich der Erforschung der brasilianischen Variante des gesprochenen Portugiesisch widmen. Entsprechende Forschungen scheinen auch in den letzten Jahren nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt zu haben.

Im Zentrum dieser Forschungen zur gesprochenen Sprache steht das Projekt NURC (Estudo da Norma Urbana Culta), das sich seit Beginn der Forschungen als Ziel die Beschreibung des brasilianischen Portugiesisch in den urbanen Zentren Brasiliens São Paulo, Rio de Janeiro, Recife, Porto Alegre und Salvador gesetzt hatte16. Um sich der Bedeutung und der historischen Voraussetzungen dieses Ziels bewusst zu werden, sollte sich der Leser daran erinnern, dass es noch Mitte der 60er Jahre in Brasilien an allen Voraussetzungen für ein solches Projekt kultureller Identitätsfindung mangelte. Zudem sollte man bedenken, dass dieses ‚Riesenland‘ noch bis in die 80er Jahre durch einen sehr hohen Anteil von Analphabeten geprägt17 war, und die strengen Vorlagen des damals herrschenden Militärregimes das akademische Leben an den Universitäten in seinen Möglichkeiten erheblich einschränkten18. Nicht zuletzt weil die Darstellung einer eigenen Nationalsprache aus Gründen des Nationalprestiges auch im Interesse der herrschenden Klasse des Militärs lag, konnte dieses Projekt aber schließlich auf den Weg gebracht werden. Die ersten Impulse entsprangen der Teilnahme brasilianischer Philologen an Tagungen in den USA (Bloomington 1964) sowie Mexiko (1968). Von dort aus ‚importierte‘ Nelson Rossi, Professor an der staatlichen Universität von Bahia, das Projekt mit dem ursprünglichen Titel „Proyecto de Estudio Coordinado de la Norma Linguistica Culta de las Principales Ciudades de Iberoamerica y la Peninsula Iberica“ nach Brasilien und stellte es 1969 in einer Tagung in São Paulo seinen brasilianischen Kollegen vor. Schnell war man sich einig, dass man das Projekt übernehmen, aber im Gegensatz zum ursprünglichen Konzept auf alle urbanen Zentren Brasiliens von Süden bis Norden ausdehnen wollte: von Porto Alegre (NURC/RS), über São Paulo (NURC/PS), nach Rio de Janeiro (NURC-RJ), Salvador (NURC-Salvador) und Recife (NURC/RE). Im Zentrum dieser Initiative stand zu Beginn Isaac Nicolau Salum von der USP in São Paulo. Er wurde 1981 von Dino Preti sowie Ataliba Teixeira de Castilho, einem früheren Doktoranten Salums, abgelöst.

Die erste Phase dieses Projektes wurde mit einer Datenerhebung, die von 1970 bis 1978 währte, in allen fünf genannten urbanen Zentren Brasiliens eingeleitet. Obwohl es sich dabei um Aufnahmen der gesprochenen Sprache handelte, ging es den Verantwortlichen in erster Hinsicht nicht ausschließlich um eine Grammatik der gesprochenen Variante des brasilianischen Portugiesisch. Was man beabsichtigte, war hingegen ein „Estudo da Norma Linguística Culta de algumas das principais capitais brasileiras“, so der Name einer Schrift von Castilho (1972/1973). Ziel war die Beschreibung und Entwicklung einer ‚Sprechen und Schreiben‘ erfassenden Grammatik des standardsprachlichen brasilianischen Portugiesisch, so wie es auch der Projekttitel Norma Linguística Culta nahelegt. Dabei sollte man sich vor Augen führen, dass dieses Projekt die Anfangsphase systematisch betriebener Sprachwissenschaft in Brasilien einleitete. Zu dieser Zeit mangelte es ihm aber sowohl an geeigneten Korpora der geschriebenen und gesprochenen Sprache als auch an entsprechenden Methoden und Konzepten, die eine systematische Erfassung und Beschreibung erlaubt hätten. Unter diesen Bedingungen war es ein naheliegender und verständlicher Schritt, die Beschreibung des brasilianischen Portugiesisch mit einem Plan zur Erstellung von Korpora der GS einzuleiten.

Die Aufnahmen zu diesen Korpora19 erfolgten in allen oben genannten Städten zwischen 1970 und 1978 und erfassten einen für diese Zeit und ihre technischen Möglichkeiten gigantischen Korpus von 1.870 Interviews. An seinem Zustandekommen waren 2.356 weibliche und männliche Gewährspersonen beteiligt. Insgesamt kamen so 1.570 Stunden Sprachaufnahmen zusammen (Castilho 2015,12). Als Bedingung für die Datenerfassung – man denke an den Namen des Projekts Norma Linguística Culta – wurde vorgegeben, dass es sich um Gewährspersonen verschiedenen Alters (davon 30 % zwischen 25 und 35, 45 % zwischen 36 und 55, und 25 % mit mehr als 56 Jahren) mit einer höheren Schulausbildung (nível superior de escolaridade) handeln musste. Die Aufnahmen setzten sich aus verborgen aufgenommen ‚spontanen Dialogen‘ (10 %), Gesprächen zwischen zwei Gewährspersonen (40 %), Interviews mit einer Reihe vorher festgelegter Fragen (40 %) sowie aus monologischen Texten für den phonetischen Teil der Untersuchung (10 %) zusammen (Silva 1996, 85).

Die Transkriptionen der Korpora bildeten den folgenden Schritt zur Erstellung des Gesamtkorpus. Sieht man sich als Beispiel für die vorhandenen Transkriptionen das Korpus von Rio de Janeiro an, fällt auf, dass es sich um ‚literarische Transkriptionen‘ handelt, die allerdings von der Standardorthographie abweichende Aussprachen zumindest teilweise in ihren alternativen Formen (einschließlich der entsprechenden Graphemik) transkribieren, wie z.B. den Satz Também não dá pra ter em apartamento (Inquérito 0120 / tema ‚animais e rebanhas‘ / ano da gravação 1972)20. In dieser Hinsicht besteht ein wichtiger Unterschied zu den in Portugal vom CLUL bereitgestellten ‚literarische Transkriptionen‘ wie denen des ‚C-ORAL-ROM-Korpus‘, die phonetische Abweichungen ignorieren und den Regeln der Standardorthographie anpassen. Ungefähr zeitgleich mit der Datenerhebung und Anfertigung der Korpora zwischen 1970 und 1978 – je nach Stadt dauerte die Erstellung der Transkriptionen unterschiedlich lange – erschien eine Reihe von Untersuchungen zum brasilianischen Portugiesisch (Castilho 2007, 100). Aber erst seit Mitte der 80er Jahre setzte eine wahre Flut von Veröffentlichungen ein, die sich zu einem erheblichen Anteil – wenn auch nicht ausschließlich – der gesprochenen Variante des brasilianischen Portugiesisch widmete. Entsprechend äußert sich ein anderer bedeutender brasilianischer Sprachwissenschaftler, Luiz A. Marcuschi21 (2001, 345): „Até então quase inexistentes estudos sistemáticos sobre a fala, a escrita e as relações de ambas no Brasil. Hoje esse campo conta com algumas centenas de trabalhos nas mais diversas linhas teóricas sobre os mais variados aspectos“.



Die zweite Phase des NURC Projekts begann mit einer systematischen Auswertung des Korpus unter Berücksichtigung der bis dato neu veröffentlichten Literatur zum Thema, wobei die Gruppe um Castilho in dieser Phase auf mehr als 50 Mitarbeiter aus 15 brasilianischen und ausländischen Universitäten zählen konnte. Der Titel dieses Projekts Projeto de Gramática do Português Falado (PGPF) ist allerdings irreführend, weil im Zentrum des Projekts nicht ausschließlich – wie das Attribut ‚falado‘22 vermuten lässt – die GS, sondern eine Beschreibung des standardsprachlichen oder ‚hochsprachlichen‘ brasilianischen Portugiesisch stand, wenn man diesen letzteren zumindest in der europäischen Forschungstradition archaisch anmutenden und für die deskriptive Linguistik negativ konnotierten Begriff verwenden will.

Das Team um Castilho, zu dem unter anderen Margarida Basílio, Rodolfo Ilari, Mary Kato, Ingedore Villaça Koch, Maria Helena Moura Neves, Maria Bernadete Marques Abaurre und Ângela Rodrigues gehörten – um nur eine der wichtigsten Namen zu nennen –, begann ab 1990 mit der ersten Ausgabe der insgesamt acht Bänden der Gramática do Português Falado, die zunächst beim Verlag ‚Unicamp‘ der Universität von Campinas im Staat São Paulo erschien23. Dabei handelte es sich im Grunde genommen nicht um eine Grammatik im engeren Sinn dieses Begriffs, sondern zunächst um eine Sammlung lose miteinander verbundener Artikel zu den verschiedenen Bereichen einer Grammatik. Dazu gehören sowohl Beiträge zur Schriftsprache als auch solche, die sich spezifischen Erscheinungen der Mündlichkeit widmen.



Dieser Mangel und eine weitere Flut von Veröffentlichungen führte ab 2004 zu einer Phase der „Consolidação“ (Castilho 2007, 100). Neben einer Aktualisierung bedeutete die Umgestaltung insbesondere, dass man thematisch zusammengehörige Beiträge zu Gruppen zusammenfasste. Am Ende dieses Prozesses stand die Veröffentlichung einer ‚runderneuerten‘ Grammatik, der man den Titel Gramática do Português Culto Falado no Brasil verlieh. Diese Reihe bestand zunächst aus fünf Bänden, wurde dann aber umorganisiert und auf insgesamt sieben Bände verteilt, wobei die originalen Beiträge der fünfbändigen Ausgabe wortgetreu erhalten blieben. Diese Umverteilung war sinnvoll, weil der ursprünglich zweite Band dieser Version der Grammatik mit weit über 1000 Seiten zu umfassend ausgefallen war – für die neue Herausgabe wurde ‚Band II‘ in drei Einzelbände aufgeteilt – und preislich so hoch lag, dass sich sein Verkauf als schwierig erwiesen hatte.



Die (vorläufig) neueste Ausgabe der aus sieben Bänden bestehenden Gramática do Português Culto Falado no Brasil erschien zwischen 2013 und 2016, nun bei dem Verlag ‚Editora Contexto‘ in São Paulo, und setzt sich folgendermaßen zusammen: Band I wurde 2015 von Clécila Spinardi Jubran unter dem Titel A Construção do Texto Falado herausgebracht. Ihm folgte noch im selben Jahr 2015 Band II von Mary Kato und Milton do Nascimento mit dem Titel A Construção da Sentença. Band III von Rodolfo Ilari mit dem Titel Palavras de Classe Aberta war bereits 2014 erschienen, und ebenfalls von Ilari wurde dann 2015 Band IV mit dem Thema Palavras de Classe Fechada herausgegeben. 2016 folgte Band V mit dem Titel A Construção de Orações Complexas von Neves, Helena Maria de Moura. Ângela Rodrigues und Ieda Maria Alves organisierten Band VI A Construção Morfológica da Palavra, der 2015 veröffentlicht wurde, und die Herausgabe des bereits 2013 erschienenen Bands VII A Construção Fonológica da Palavra leitete schließlich Maria Bernadete Abaurre.

Obwohl auch bereits die sieben Bände dieser Grammatik zahlreiche Beiträge24 zur GS des brasilianischen Portugiesisch enthalten – man erinnere sich an den ursprünglichen Plan, dem zufolge das Projekt sowohl Sprechen als auch Schreiben erfassen sollte –, sind die Artikel, die Dino Preti zusammen mit anderen Autoren in den zehn Bänden seines ‚Projetos Paralelos‘ veröffentlicht hat, spezifisch auf den Forschungsbereich der GSF zugeschnitten und folglich für die hier vorliegende Arbeit von größerer Bedeutung. Dino Preti ist Initiator und einer der verantwortlichen Organisatoren dieser Reihe Projetos Paralelos, die beim Verlag ‚Humanitas‘ erschienen ist. Zusammen mit anderen Autoren, zu denen u.a. Antônio Marcuschi, Hudinilson Urbano, Gaston Hilgert oder Marli Quadros Leite gehören – um nur einige wenige der wichtigsten Namen zu nennen –, hat Preti in den zehn Bänden dieser Reihe Projeto Paralelo zahlreiche Artikel zur GSF verfasst bzw. herausgebracht. Die mir bekannte letzte Ausgabe dieser Reihe datiert auf 2009. Zu ihr gehören im Einzelnen: Volume 1 – Análise de textos orais von 1993 / Volume 2 – O discurso oral culto von 1997 / Volume 3 – Variações e confrontos von 1998 / Volume 4 – Fala e escrita em questão von 2001 / Volume 5 – Interação na fala e na escrita von 2002 / Volume 6 – Léxico na língua oral e na escrita von 2003 / Volume 7 – Diálogos na fala e na escrita von 2005 / Volume 8 – Oralidade em diferentes discursos von 2006 / Volume 9 – Cortesia verbal von 2008 / Volume 10 – Oralidade em textos escritos von 2009.

Wie sehr sich diese Veröffentlichungen und die von ihnen fokussierten Themen mitsamt der Vielfalt und Aktualität der dabei zur Geltung gebrachten Konzepte und Methoden von den wenigen portugiesischen Untersuchungen unterscheiden, wird bereits bei einem Blick auf einige der Artikel deutlich, die ich an dieser Stelle nur exemplarisch vorstellen kann: Aus der vierten Ausgabe von 1999, Análise de Textos Orais (Vol. I des ‚Projeto Paralelo‘), ist u.a. der Aufsatz Marcadores conversacionais von H. Urbano (Seite 81–103) hervorzuheben oder der Beitrag Procedimentos de reformulação: a paráfrase von G. Hilgert (Seite 103–129). Im gleichen Band erschien ebenfalls ein Artikel mit dem Titel A sintaxe na língua falada (Seite 169–189) von Corrêa Dias de Moraes und o processo interacional (189–215) von Beth Brait. Obwohl man im Zusammenhang dieses Projeto Paralelo noch zahllose weitere Forschungsarbeiten nennen könnte, sei wenigstens noch auf den Beitrag Hilgerts A construção do texto falado por escrito na Internet in Band IV Fala e Escrita em Questão (2001) hingewiesen, in dem der Autor die Nähe kommunikativer Praktiken der ‚keyboard-to-screen communication‘ zur medial mündlichen Kommunikation ins Spiel bringt. Schließlich handelt es sich dabei um eine Analogie, die auch in der vorliegenden Arbeit thematisiert wird.



Wenn man sich dazu noch die zahlreichen Arbeiten zum Bereich der GSF anschaut, die außerhalb des ‚Projeto Paralelo‘ an brasilianischen Universitäten – besonders der USP in São Paulo – erschienenen sind, bekommt man einen Eindruck von der Quantität und Qualität der entsprechenden Forschungsarbeiten, deren noch ausführlichere Beschreibung aber an dieser Stelle nicht meine Aufgabe sein kann. Hervorzuheben wäre an dieser Stelle die besondere Situation, aus der heraus die bemerkenswerte Geschwindigkeit und Dynamik der Entwicklung entstehen konnte. Ich beziehe mich dabei auf den glücklichen Umstand, dass das NURC Projekt in den 70er Jahren bei seinen Forschungen zum brasilianischen Portugiesischen sozusagen bei Null anfangen musste, aus der Not eine Tugend machte, und der Erforschung des gesprochenen Brasilianisch von Beginn an eine gleichwertige Stellung einräumte.

Zur germanistischen GSF weist die brasilianische GSF – im Unterschied zu der eigentlich kaum in Erscheinung tretenden portugiesischen GSF – durchaus Ähnlichkeiten und Überschneidungen auf. Zu diesem Schluss gelangt man, wenn man sich die Quantität und Qualität sowie die zur Anwendung gelangte Vielfalt von Forschungskonzepten und Themen vor Augen hält, die die brasilianische GSF seit Mitte der 80er Jahre im Umfeld des NURC Projekts und des Projeto Paralelo charakterisiert.

Im Zusammenhang mit den bereits oben vorgestellten Fakten möchte ich einige der Grundpositionen, die beide Forschungstraditionen der GSF miteinander verbinden, wie folgend zusammenfassen: (a) Priorität deskriptiver Methoden und Korpus basierter Forschungen sowie der damit verbundenen Abkehr von normativ-präskriptiven Vorstellungen bei der Sprachbeschreibung, (b) ein Konzept von ‚Sprache‘, das neben dem schriftlichen Gebrauch des verbalen Codes dem ‚Sprechen‘ eine zumindest ebenbürtige Rolle zuerkennt: „a língua é um somatório de usos concretos“ (Castilho 2007, 101), (c) die Einbeziehung der sozialen Dimension sprechsprachlichen Handels: a língua como uma atividade social, […]e agimos sobre o outro (Castilho 2007, 101), (d) die Diskursbezogenheit der Untersuchungen zur GS, ohne die viele Erscheinungen der GS nicht erklärt werden könnten: „A língua se manifesta através da conversação, considerada como a articulação discursiva fundamental“ (Castilho 2007, 102), (e) die situative und damit raumzeitliche Gebundenheit sprechsprachlichen Agierens und ihre Auswirkung auf sprachliche Ausdrücke und Strukturen, (f) die Abhängigkeit der Bedeutung und der Funktionen sprechsprachlicher Einheiten von ihrem (selbst geschaffenen) textinternen Kontexten, aber auch von textexternen Kontexten und Präsuppositionen, (g) die Vorstellung eines dynamischen Dialogverlaufs in Analogie zu den Erkenntnissen der ‚Interaktionalen Linguistik‘25, durch den sich Bedeutungen und Funktionen der beteiligten Elemente erst im Diskursverlauf konstituieren, (h) die Einbeziehung von kommunikativen Praktiken konzeptioneller Mündlichkeit aus dem Bereich peripheren Nähesprechens, wie sie u.a. Hilgert mit seinem Begriff „texto falado por escrito na Internet“ (2000) vorschlägt etc.

Um die Grenzen möglicher Aussagen über die GS möglichst weit auszudehnen, verzichteten die beteiligten brasilianischen Linguisten in der Phase epistemologischer Reflexionen bewusst26 auf die Anwendung einer einzigen Methode und wählten einen ‚Methodenpluralismus‘, der u.a. die ‚Gesprächsanalyse‘, eine Beschreibung von Vorgängen der ‚Grammatikalisierung‘, ‚Freges Bedeutungstheorie‘, die ‚kognitive Linguistik‘, ‚den Funktionalismus der Prager Schule‘ sowie Labovs Erkenntnisse zur Soziolinguistik‘ mit einschließt (Castilho 2007, 102).

Esses pesquisadores deixaram deliberadamente de aderir à aplicação de uma teoria única, operando com princípios de variada ordem, num leque em que se incluem a Análise da Conversação, as idéias gramaticais de Halliday, Dik e Givón, a Semântica de Frege e a Semântica Cognitiva.

Ohne den Verdienst schmälern zu wollen, den sich die brasilianische GSF in einem relativ kurzem Zeitraum erworben hat, und zu dem besonders die Öffnung zur konzeptueller und methodischer Vielfalt beigetragen hat, scheint es m.E. durchaus sinnvoll, noch zusätzlich ein anderes Konzept wie das des Modells des ‚Nähe- und Distanzsprechens‘ mit in die Forschung hineinzunehmen. Dieses würde es erlauben, viele Einzelerkenntnisse, deren Zusammenhang und übergreifende Bedeutung sich durch die Heterogenität der angewendeten Untersuchungsmethoden dem Betrachter verschließt, aus der Sicht dieses Modells im Zusammenhang zu erschließen. Beispiel: die in eine gleiche Richtung zielende funktionale Bedeutung von sprachlichen Erscheinungen wie ‚tópicos marcados, ‚construções de clivagem‘ und ‚Operatoren in Operator-Skopus-Strukturen‘ wird erst wirklich verständlich, wenn man sie aus einer gemeinsamen Perspektive betrachtet, die verdeutlicht, dass sich in all diesen sprachlichen Merkmalen das universale Diskursverfahren einer ‚aggregativen Rezeptionssteuerung‘ (cf. Kapitel 5.3) manifestiert. Das bedeutet, mittels dieser Ausdrücke und Strukturen gelingt Sprechern eine Beeinflussung der Dekodierung und damit der möglichen Folgehandlungen ihrer Gesprächspartner, an die sie ihre Äußerungen richten.




3. Benutzte Korpora, Transkriptionen, Abkürzungen und weitere Hinweise zur Erleichterung der Lektüre des Buches


Der weitaus überwiegende Teil der Transkriptionen, die in der vorliegenden Studie als Beispiele herangezogen werden, wurde mir freundlicherweise von Mitarbeitern des CLUL kostenfrei zur Verfügung gestellt1. Sie entstammen dem ‚C-ORAL-ROM-Korpus‘ (Integrated Reference Corpora for Spoken Romance) des CLUL. Bei den Beispielen handelt es sich um 152 Gespräche mit rund 300000 Wörtern, die in den Jahren 1970 und 1998, aber zum überwiegenden Teil im Jahr 2001 aufgenommen wurden. Die spontan geführten Gespräche finden zwischen zwei oder mehr Gewährspersonen statt, die sich über verschiedene alltägliche Themen unterhalten. Das abschließende Korpus wurde im Jahre 2001 von einer Arbeitsgruppe der CLUL bearbeitet und transkribiert2. Nähere Informationen zum Korpus und seiner Entstehung sowie der für die Transkription verwendeten Transkriptionszeichen findet man in den online einsehbaren Aufsätzen von Cresti et al. (2002) und Mendes et al. (2003) 3. Die in der vorliegenden Untersuchung benutzten Beispiele stützen sich unter Ausrichtung am Untersuchungsziel dieser Arbeit ausschließlich auf die literarischen Transkriptionen des Korpus, die im ‚txt-Format‘ vorliegen. Beispiele aus diesem Korpus werden in folgender Form gekennzeichnet: (1) C-ORAL-ROM ‚pnatco02.txt‘ – Religion und Persönlichkeitsentwicklung. Durch die in Klammern stehenden Nummern werden die Beispiele zu einem Themenbereich durchnummeriert, während nach dem Gedankenstrich am Ende das im Gespräch fokussierte Thema genannt wird.



In den folgenden Paragraphen werden die Transkriptionszeichen, die ich aus den Originaltranskriptionen übernommen habe, aufgelistet und erklärt. Im Hinblick auf die pragmatische Ausrichtung des Konzepts des Buches und die Einteilung der thematisierten sprachlichen Merkmale auf der Basis unterschiedlicher universaler Diskursverfahren des Nähe- und Distanzmodells von Ágel / Hennig wurden die Originaltranskriptionen der Beispielsätze des ‚C-ORAL-ROM-Korpus‘ so weit wie möglich vereinfacht und alle gemessen an dieser Zielsetzung überflüssigen Symbole und Transkriptionszeichen4 weggelassen, um die Leserlichkeit der Textbeispiele zu erhöhen:




Im Laufe meiner Arbeit hat das ‚Mike-Davies-Korpus‘8 mit der Bezeichnung O Corpus do Português, das über die vergleichsweise riesige Zahl von 450 Millionen (Género / Histórico) bzw. 1 Billionen (Web /Dialetos) Wörtern verfügt, zunehmend an Bedeutung gewonnen. Bei der ersten Variante dieses Korpus handelt es sich um ein ‚kleineres‘ Korpus, das durch Sprachwandel verursachte Veränderungen der Wörter erfasst und sich mit Wörtern aus dem 13. bis hin zum 20. Jahrhundert besonders für die historische Erforschung der portugiesischen Sprache anbietet. Das zweite wesentlich umfangreichere Korpus hingegen, dessen Einträge in den Jahren 2013 und 2014 gesammelt und aufgearbeitet wurden, berücksichtigt sprachgeographische Varianten des Portugiesischen aus Brasilien, Angola und Mozambique und eignet sich darum besonders für synchrone Studien. Weil diese Korpora aber keine Visualisierung dialogischer Strukturen ermöglichen, sondern ausschließlich monologische Passagen als jeweilige Kontexte eines Lemma angegeben sind, habe ich diese Korpora nur zur Ergänzung und zur Analyse sprachlicher Ausdrücke und Erscheinungen benutzt, deren Interpretation ohne die Berücksichtigung dialogischer Kontexte auskommt. Im Text werden Übernahmen aus diesem Korpus mittels der Abkürzung MD gekennzeichnet.



Einige Beispiele aus monologischen Diskurssequenzen stammen aus dem Korpus von Maria de Fátima Viegas Brauer-Figueiredo. Dabei handelt es sich um Transkriptionen mit insgesamt 154584 Wörtern als Ergebnis von Interviews, die in den Jahren von 1984 bis 1994 stattgefunden haben. Die Autorin hat dieses Material und ihre auf Deutsch verfassten Interpretationen in dem Buch „Gesprochenes Portugiesisch“ (1999) veröffentlicht. Ursprünglich handelte es sich um den Versuch, die Zweisprachigkeit portugiesischer Immigranten der zweiten Generation in Hamburg zu analysieren. Dabei gelangte die Autorin aber schließlich zu der Erkenntnis, dass die erzielten Ergebnisse generelle Aufschlüsse über Charakteristika des gesprochenen Portugiesisch ermöglichen. Mit der Veröffentlichung „Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch“ von Koch / Oesterreicher im Jahre 1990 und vor dem Hintergrund der Ergebnisse und der benutzen Methode dieser Arbeit änderte Viegas Brauer-Figueiredo schließlich das Untersuchungsziel ihrer Arbeit und wertete sie als Versuch, das von Koch / Oesterreicher benutzte Konzept auf die Untersuchung des gesprochenen Portugiesisch anzuwenden. So erfasst das Korpus nach Aussagen der Autorin insgesamt 3.459 Ausdrücke und Strukturen, die charakteristisch für diese Variante sind. Entsprechend vergrößerte Viegas Brauer-Figueiredo auch den vom Korpus erfassten Kreis der interviewten Personen sowie der berücksichtigten kommunikativen Praktiken. Dazu gehören: (a) Interviews und Gespräche mit portugiesischen Immigranten der zweiten Generation in Hamburg, (b) Gruppengespräche und Interviews mit Studierenden von drei verschiedenen portugiesischen Universitäten, (c) Interviews von Personen unterschiedlicher Sozialschichten, Berufen und Altersgruppen, die auf dem portugiesischen Festland, auf den Azoren sowie auf den Kapverden durchgeführt wurden, (d) Auszüge aus Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen zwischen Schriftstellern, Moderatoren und Personen aus dem Publikum in Hamburg, (e) Auszüge aus Vorlesungen, Seminaren und Kolloquien von portugiesischen Gastprofessoren an der Universität Hamburg und (f) Mitschnitte aus portugiesischen Fernsehsendungen.

Die resultierende Heterogenität dieses Korpus sowie der Umstand, dass die dialogischen Abläufe von Dialogen nicht visualisiert werden, wie es z.B. das gesprächsanalytische Transkriptionssystem GAT mit seiner „Textnotation“ (üblich bei Transkriptionen des IDS) ermöglicht, schränkt die Benutzung dieses Korpus für die in dieser Studie definierten Ziele entscheidend ein. Diese Transkriptionen werden an dieser Stelle darum ausschließlich zur Erklärung von sprachlichen Erscheinungen benutzt, die sich auch aus den monologischen Strukturen der erfassten Diskurssequenzen erschließen. In der vorliegenden Arbeit sind die wenigen Beispiele aus diesem Korpus mittels der Kürzel VBF. Zusätzlich hinzugefügte Zahlen geben jeweils die Seite des Buches an, aus dem das Beispiel stammt.



Die Beispiele aus dem Bereich „keyboard-to-screen communication“ (Jucker / Dürrscheid 2012, 40) stammen aus einer von mir verfassten Studie aus dem Jahre 2013 zur Kommunikationsplattform ‚Twitter‘ (Sieberg 2013


). Es handelte sich um das internationale Forschungsprojekt „Microblogs global“, das an der Universität Hannover und mittels des Internetportals „mediensprache.net“9 unter Leitung von Siever und Schlobinski durchgeführt wurde. Damals wurden die kommunikative Praktik des Twitterns sowie die Rahmenbedingungen und sprachlichen Besonderheiten ihrer Nutzung aus der Perspektive von zehn Sprachen und elf Ländern – Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Japanisch, Niederländisch, Portugiesisch, Russisch, und Spanisch – untersucht. Dabei fiel mir die Rolle zu, die Funktionsweise dieser Kommunikationsplattform und die beim Twittern benutzte Sprache für Portugal zu analysieren. Das Ergebnis dieser Arbeit liegt in Form des Artikels „Microblogs global: Portugiesisch“ des oben erwähnten Buches (Siever / Schlobinski 2013, 231–253) vor. Die Datenerhebung, Zusammenstellung und Auswertung der Tweets erfolgte in den Jahren 2010 und 2011 und umfasst insgesamt 640 Tweets in portugiesischer Sprache, mit insgesamt 8156 Wörtern aus 64 Accounts. Bei den Twitterern handelte es sich zur Hälfte um weibliche und bei der anderen Hälfte um männliche ‚User‘. Im Gegensatz zum ‚C-ORAL-ROM-Korpus‘ wurden die vorgefundenen sprachlichen Ausdrücke in ihrer ursprünglichen Form belassen. Unberücksichtigt blieb dabei, dass die von den Twitterern benutzen Formen oft von der Standardorthographie und den graphostilistischen Normen der portugiesischen Schriftsprache abwichen. Die am Projekt beteiligten Forscher waren sich des Umstandes bewusst, dass es insbesondere diese ‚Fehler‘ sind, die Aufschlüsse darüber liefern, wie ‚User‘ den verbalen Code unter Ausnützung der spezifischen Möglichkeiten der Kommunikationsplattform Twitter zur Informationsübermittlung einsetzen.

Die entsprechenden Quellen für die analysierten Beispiele zum Portugiesischen werden im Text folgendermaßen gekennzeichnet: (5) Korpus Sieberg (2013b) – Microblogs global: Portugiesisch. Einige wenige Beispiele wurden, wenn erforderlich, auch dem von mir aufgestellten Korpus zum Sprachgebrauch in portugiesischen Weblogs (Sieberg 2006


) entnommen. Die entsprechende Kennzeichnung erfolgt mittels der Markierung Korpus Sieberg (2006b) – Weblogs in Portugal.

Der Grund, warum diese Computer vermittelten Kommunikationsformen mit in die vorliegende Untersuchung einbezogen werden, liegt hauptsächlich an der oft dialogischen Form der sequentiellen Abläufe dieser peripheren Formen des Nähesprechens, die sprachliche Ausdrücke und Strukturen hervorbringen, die denen der prototypischen Formen des Nähesprechens – Alltagsdialoge in all ihren Varianten – ähneln. Ich denke in diesem Zusammenhang u.a. an das Vorkommen von ‚Reaktiven‘, von Varianten einer ‚aggregativen Rezeptionssteuerung‘ sowie von ‚adjazenten Strukturen‘ und die aus ihnen resultierenden ‚elliptischen Ausdrucksweisen‘ etc.



Die relativ beschränkte Zahl von Korpora und Transkriptionen, die bei der vorliegenden Studie als Beispiele genannt werden, lässt sich dadurch rechtfertigen, dass ich mit dieser Arbeit nicht die Intention verbinde, statistisch erhärtete Nachweise für die Gültigkeit von Hypothesen hinsichtlich des Vorkommens bestimmter sprachlicher Phänomene aufzustellen. Im Fokus des Interesses stehen vielmehr generelle Aussagen zum mündlichen / nähesprachlichen Gebrauch des verbalen Codes im Portugiesischen sowie der Veranschaulichung und Erläuterung von sprachlichen Erscheinungen, die diese Verwendungsweise charakterisieren bzw. erst ermöglichen.



Bei Zweifeln hinsichtlich der im Text verwendeten Begriffe wird den Lesern empfohlen, das Glossar, das sich am Ende des Buches befindet, als Verständnishilfe heranzuziehen.

Für die Zitate – ausgenommen diejenigen, in denen die ursprüngliche Schreibweise nicht verändert wurde – übernehme ich bei Sätzen auf Portugiesisch die Regeln der Orthographiereform – Acordo Ortográfico da Língua Portuguesa –, die in Portugal seit 2009 offiziell gelten10.

Wenn in den folgenden Kapiteln wiederholt von ‚Referenzgrammatiken des Portugiesischen‘ die Sprache ist, sind folgende Grammatiken gemeint: (a) „Gramática da Língua Portuguesa“ von Mateus et al. (72006); (b) „Gramática do Português“ (Vol. I und II) von Raposo et al. (2013), (c) die „Portugiesische Grammatik“ von Hundertmark-Santos Martins (32014) und (d) die „Nova Gramática do Português Contemporânea“ von Celso Cunha und Lindley Cintra (172002). Die bibliographischen Angaben werden nicht bei jeder Erwähnung dieser Referenz explizit aufgeführt, finden sich aber noch einmal ausführlich in den „Bibliographischen Hinweisen“ am Ende des Buches.

Einfache deutsche Anführungszeichen ‚ ‘ werden zur Hervorhebung bestimmter Schlüsselworte der vorliegenden Arbeit benutzt, wie z.B. des Begriffs ‚O-SK-ST‘ oder bei aufeinanderfolgenden Wörtern, die sich dadurch von ihrem Umgebungstext unterscheiden, dass sie eine begriffliche Einheit darstellen, wie z.B. ‚Sprecher 4‘. Solche Ausdrücke kann man als zusammengehörige Wortgruppen auffassen, ohne dass es sich hierbei um Zitate im engeren Sinne des Wortes handelt. Auch sehr oft wiederholte Fachtermini und Begriffe, deren Quelle bereits vorher angegeben wurde, stehen in einfachen Anführungstrichen.

Kursivschrift wird ausschließlich zur Kennzeichnung portugiesischer Texte genutzt – also zur Kennzeichnung der Objektsprache der Arbeit –, die in Beispielen und Zitaten vorkommen.

Für die Gliederung des Textes werden arabische Zahlen in der Form 1. 2. 3. 3.1 (ohne Punkt hinter der letzten Zahl) benutzt; im Fließtext dienen hingegen in Klammern gesetzte Buchstaben (a), (b), (c), etc. einer erforderlichen Textgliederung.

Durch Unterstreichungen werden nur Wörter oder Wortgruppen aus den Beispielsätzen (Transkriptionen) hervorgehoben, die bei den anschließenden Interpretationen thematisiert werden.

Wenn ein Zitat mindestens drei oder mehr Zeilen umfasst, wird es aus dem Fließtext hervorgehoben und durch einen größeren Abstand zu beiden Seitenrändern sowie einen engerem Zeilenabstand gekennzeichnet. In diesem Falle werden die Zitate nicht in Anführungszeichen gesetzt.

Abkürzungen oder grobe orthographische (authentische) Schnitzer, die insbesondere in den kommunikativen Praktiken der ‚keyboard-to-screen communication‘ das Verständnis erschweren, wurden nur in den Fällen verbessert, in denen die entsprechenden Ausdrücke unleserlich oder zweideutig sind. Ansonsten werden Wortspielereien und graphostilistische Abweichungen von den üblich geltenden Normen des schriftsprachlichen Ausdrucks in ihrer originalen Form belassen.

Die Namen der Gesprächsteilnehmer an kommunikativen Praktiken der ‚keyboard-to-screen communication‘ werden durch die ‚groß‘ und in ‚Fettdruck‘ geschriebenen Anfangsbuchstaben dieser ‚User-Namen‘ abgekürzt, um ihre Anonymität zu gewährleisten.

Um die Leserlichkeit des Fließtextes nicht durch die Angaben umfangreicher Quellen aus dem Internet zu beeinträchtigen, werden die entsprechenden URL jeweils in Fußnoten angegeben. Im Fließtext verbleiben als Referenz nur passende Schlüsselwörter – z.B. mediensprache.net –, die dem Leser einen ersten Hinweis auf die Quelle liefern.

Den Regeln der CLUL zufolge werden alle Wörter sowie ihre entsprechenden Varianten transkribiert, wenn sie als Lemmata in einem portugiesischen Wörterbuch registriert sind (z.B. mostrar/amostrar, louça/loiça, cacatua/catatua).

Den Regeln der CLUL zufolge werden Eigennamen in den Transkriptionen groß geschrieben.

Den Regeln der CLUL zufolge werden Namen von Filmen, Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, Fernseh- und Radioprogrammen, Musikbands, Musiktitel etc. klein geschrieben und in Anführungsstriche gesetzt, wie z.B. „crónica dos bons malandros“, „pixote“, „requiem“, „expresso“, „feira franca“, „big brother“ etc.

Den Regeln der CLUL zufolge werden Fremdwörter den orthographischen Regeln ihrer Herkunftssprachen entsprechend wiedergegeben. Diese Regelung betrifft allerdings nur die Fälle, in denen ihre Aussprache der Originalaussprache annähernd entspricht (ex. cachet, feeling, free-lancer, stress, voyeurs, workshop). Wenn es sich hingegen um Lehnwörter handelt, die sich weitgehend der portugiesischen Aussprache angepasst haben, werden diese Wörter so geschrieben, wie sie in den einschlägigen portugiesischen Wörterbüchern verzeichnet sind, wie z.B. shortezinho, stressado, videozinho etc.

Den Regeln der CLUL zufolge werden sowohl die zunächst falsch ausgesprochenen als auch die nachträglich korrigierten Wörter transkribiert, wie z.B. lugal/lugar, sau/céu etc. In den Fällen hingegen, in denen ein Sprecher ein falsch ausgesprochenes Wort nicht nachträglich verbessert und seine Äußerung fortsetzt, wird ausschließlich die korrekte Form transkribiert.

Den Regeln der CLUL zufolge werden Onomatopoeia und parasprachliche Elemente, die sich nicht in einem Wörterbuch finden, in den Transkriptionen so wiedergegeben, dass sie sich so weit wie möglich der Aussprache der Sprachaufnahmen annähern, wie z.B. pac-pac-pac, pffff, tanana, tatata, uuu etc.

Den Regeln der CLUL zufolge werden Interjektionen den gültigen lexikographischen Regeln entsprechend transkribiert.

Den Regeln der CLUL zufolge werden Akronyme und Abkürzungen in Großbuchstaben und ohne zwischengestellte Punkte wiedergegeben (z.B. TAP statt T.A.P.). Wenn aber die entsprechenden Akronyme bereits in einem portugiesischen Wörterbuch registriert sind, werden sie kleingeschrieben, wie z.B. sida oder radar.

Den Regeln der CLUL zufolge werden alle nicht standardsprachlichen oder von der Gewährsperson erfundenen Ausdrücke so transkribiert, dass sie sich so weit wie möglich der Aussprache dieser Gewährspersonen anpassen. Für die Leser dieses Buches habe ich entsprechende Verständnishilfen in Fußnoten beigefügt, sollte zu erwarten sein, dass Leser diese Ausdrücke nicht verstehen.

Den Regeln der CLUL zufolge werden durch die Gewährspersonen abgekürzte Wörter in dieser Form beibehalten, wie z.B. Prof.

Den Regeln der CLUL zufolge werden alle Zahlen einschließlich Kalenderdaten und in Prozentangaben enthaltene Zahlen bis einschließlich der Zahl ‚zwölf‘ ausgeschrieben.


Im Buch benutzte Abkürzungen:







4. Theoretisch-methodischer Rahmen der Untersuchung


Um die konzeptionell-methodischen Grundlagen, ihre Begriffe und die benutzte Terminologie zu verdeutlichen, die aus der germanistischen GSF stammen und als Basis dieses Buches und seines Ziels einer Beschreibung der portugiesischen gesprochenen Sprache aus der Sicht der Sprachpragmatik dienen, setzt dieses Kapitels mit einer Erläuterung des Begriffs der „konzeptionellen Mündlichkeit“1 ein. Diesen hat der Romanist Ludwig Söll (1985) Mitte der 80er Jahre in die GSF eingeführt und dadurch ihren weiteren Weg entscheidend beeinflusst2, weil dieser Begriff es erlaubt, die Einseitigkeit der Dichotomie ‚medial mündlich‘ versus ‚medial schriftlich‘ aufzuzeigen. Die ursprüngliche Unterscheidung in ‚gesprochen versus geschrieben‘ entspricht zwar dem ‚gesunden Menschenverstand‘ und erlaubt zudem eine eindeutige Unterscheidung zwischen zwei Gruppen von Textsorten – bzw. meiner Terminologie folgend von „kommunikativen Praktiken“3 –, doch bekommen Sprachwissenschaftler mit dieser Unterscheidung Probleme, wenn sie erklären sollen, warum viele Praktiken medialer Schriftlichkeit wie ‚Einträge in Tagebücher‘, ‚Grußkarten‘ oder insbesondere die aktuellen Praktiken der ‚keyboard-to-screen communication‘ von ihren sprachlichen Merkmalen her große Ähnlichkeiten mit medial mündlichen Praktiken aufweisen, und es umgekehrt medial mündlich basierte Kommunikationsformen wie ‚Predigten‘ oder ‚Begrüßungsansprachen‘ gibt, die von ihren sprachlichen Charakteristika eher der Gruppe schriftlich vermittelter Texte zuzuordnen sind.

Die Auflösung dieses Dilemmas leistet Sölls Begriff der „konzeptionellen Mündlichkeit“ (Söll 1985). Er stellt nicht die Medialität einer kommunikativen Praktik in den Vordergrund, sondern geht zum Zweck ihrer kategorialen Bestimmung von einem Bündel von Kriterien aus. Zu ihnen zählen ‚Dialogizität, ‚Spontanität‘, ‚Situationseinbindung‘, ‚Grad der Expressivität‘ etc. Aus der Anwendung dieser Kriterien resultiert die Vorstellung eines Kontinuums zwischen dem Pol einer extrem ‚konzeptionellen Mündlichkeit‘ und dem einer extrem ‚konzeptionellen Schriftlichkeit‘, in das sich Textexemplare4 bzw. kommunikative Praktiken entsprechend ihrer jeweiligen sprachlichen Charakteristika einordnen lassen. Auf dieser graduell verlaufenden Skala nehmen sowohl medial mündlich als auch medial schriftlich basierte Kommunikationsformen ihren Platz ein, wie die folgende Skizze5 verdeutlicht. Auf der folgenden Skala, die ausschließlich einer idealisierten, exemplarischen Veranschaulichung dient, findet der Leser allerdings nur einige wenige Praktiken, weil sie nicht mit dem Anspruch entworfen wurde, die Ergebnisse tatsächlich durchgeführter Analysen zu verdeutlichen 6:




Zu dieser Skala ist noch anzumerken, dass der dem Nähepol zugewandte Bereich überwiegend von medial mündlich basierten kommunikativen Praktiken des prototypischen Nähesprechens, wie z.B. von Alltagsdialogen, eingenommen wird, während periphere und schriftlich basierte Praktiken der Nähekommunikation eine Verortung näher hin zum ,Distanzpol‘ nahelegen.



Koch / Oesterreicher (1985 und 1994) nutzen dieses Konzept Sölls. Sie führen zusätzlich zur terminologischen Bezeichnung dieses Gegensatzpaares die Begriffe „Sprache der Nähe“ und „Sprache der Distanz“ ein, verfeinern darüber hinaus das Raster der Kriterien zur Verortung eines Textes bzw. einer kommunikativen Praktik im Kontinuum der Skala zwischen Nähe und Distanz – den Autoren folgend gehören diese Kriterien entweder den „Kommunikationsbedingungen“ oder den „Versprachlichungsstrategien“ an – und gelangen so zu ihrem über die Grenzen der Romanistik und germanistischen GSF bekannt gewordenen Modell des ‚Nähe- und Distanzsprechens‘.



Das an dieser Stelle benutzte Modell des Nähe- und Distanzsprechens von Ágel / Hennig greift zwar das Basiskonzept des ursprünglichen Modells auf, entwickelt es aber im Sinne einer Homogenisierung und strengen Hierarchisierung weiter. Diese Optimierung betrifft in erster Linie eine Korrektur der Kriterien, die Koch / Oesterreicher ursprünglich zur Bestimmung der Nähesprachlichkeit eines Textes im Kontinuum der Skala zwischen Nähe- und Distanzpol benutzt hatten. Dabei werden in der neuen Version des Modells alle von Koch / Oesterreicher benutzten Kriterien weggelassen, die sich nicht direkt aus dem Axiom „Zeit und Raum der Produktion = Zeit und Raum der Rezeption einer Äußerung“ ableiten lassen. So haben nach Meinung von Ágel / Hennig Kriterien wie „Vertrautheit der Partner“, „Spontanität“, „Grad der Öffentlichkeit“ (cf. Koch / Oesterreicher 1985 und 1994) keinen Platz in dem von ihnen vorgeschlagenen Modell, weil diese Kriterien sich nicht direkt aus dem Axiom ihres Modells ableiten lassen. Sie würden eine operationalisierbare Anwendung für die Analyse von Texten sowie die Objektivität der resultierenden Ergebnisse gefährden. Für eine quantitative und qualitative Bestimmung von Textexemplaren und kommunikativen Praktiken sowie ihrer hieraus resultierenden Verortung auf der Skala zwischen Nähe und Distanz bleiben folglich ausschließlich die unten in der schematischen Darstellung dieses Modells (fünf Schemata) dargestellten Kriterien in Form von ‚Universalen Diskursverfahren‘ und ‚einzelsprachlichen Merkmalen‘ übrig.



Um eine entsprechende Analyse an einem Beispiel zu veranschaulichen: Findet man in einem portugiesischen Alltagsgespräch am Ende eines Sprechbeitrags wiederholt die Form não é, oder zwischen den ‚turns‘ der an einem Dialog beteiligten Gesprächsteilnehmer die häufig eingestreute Form pois, lassen sich diese Ausdrücke im Rahmen des Modells dem universalen Diskursverfahren „Engführung der Orientierung“ zuordnen. Dieses Verfahren wiederum kann auf den Umstand zurückgeführt werden, dass Zeit und Raum der Produktion von Äußerungen mit der Zeit und dem Raum der Rezeption dieser Äußerungen zusammenfallen (cf. Axiom des Modells). Dass es unter diesen situativen Umständen prototypischen Nähesprechens für Sprecher und Hörer fast zwingend naheliegt, ein gegenseitiges Verständnis ihrer Äußerungen durch den häufigen Gebrauch entsprechender sprachlicher Formeln – im Portugiesischen u.a. durch die oben erwähnten sprachlichen Ausdrücke pois oder não é – anzustreben, ist logisch und ergibt sich als universal gültige Konsequenz aus dem Axiom des Modells.

Anders würde es sich verhalten, wenn es nachzuweisen gelte, welcher „Grad der Vertrautheit“ zwischen Sprecher und Hörer besteht – bei Koch / Oesterreicher (2011, 7) eines der ursprünglich vorgeschlagenen Kriterien aus der Gruppe der „Kommunikationsbedingungen“ –, weil es sich hierbei um ein Kriterium handelt, das sich objektiv kaum nachweisen lässt und somit einer operationalisierbaren Anwendung des Modells im Wege stünde.

Universale Geltung kann das Modell beanspruchen, weil man für alle Sprachen und für die in ihnen stattfindenden Dialoge annehmen darf, dass sie auf gegenseitiges Verständnis ausgerichtet sind und sich am gleichen Diskursverfahren einer ‚Engführung der Orientierung‘ orientieren, auch wenn dabei die sprachlichen Mittel jeweils unterschiedlich ausfallen, durch die sich dieses Diskursverfahren in den unterschiedlichen Sprachen manifestiert.

Bei der folgenden schematischen Darstellung des Modells von Ágel / Hennig gilt es einige von mir eingeführte Vereinfachungen bzw. Veränderungen zu beachten. Dabei gehe ich davon aus, dass sie die ursprüngliche Form des Models weder sinnwidrig verzerren, noch im Widerspruch zu seinen Grundvoraussetzungen stehen: (a) So handelt es sich um eine vereinfachende Darstellung, die zwei höhere Abstraktionsstufen, die Ágel / Hennig bei der Darstellung ihres Models benutzen (2007, 179), außer Acht lässt. Damit beziehe ich mich auf die in der Hierarchie des Models oberhalb der „Universalen Verfahren der Diskursgestaltung“ angeordneten Ebenen „Universale Parameter der Diskursgestaltung“ sowie „Universale Parameter der Kommunikation“ (Ágel / Hennig 2007, 184sq.). In einem zusätzlichen Schritt verkürze ich mit dem Ziel einer verbesserten Lesbarkeit den Terminus „Universale Verfahren der Diskursgestaltung“ zu ‚Universale Diskursverfahren‘. Dabei bleibe ich bei der ursprünglichen Bestimmung, die Ágel / Hennig für diesen Begriff vorsehen: „Um einen Diskurs bspw. interaktiv zu gestalten, wenden Kommunikationsteilnehmer bestimmte Verfahren an (wie bspw. das Verfahren der Rezeptionssteuerung), die wir deshalb ‚Universale Verfahren der Diskursgestaltung‘ nennen“ (Ágel / Hennig 2007, 185). Diese Definition bleibt auch an dieser Stelle gültig, mit der Einschränkung, dass der Terminus „Universale Verfahren der Diskurgestaltung“ im folgenden Text durch ‚Universale Diskursverfahren‘ ersetzt wird, und dass ich in den folgenden Kapiteln den Ausdruck im Fließtext zudem kleinschreiben und ohne Anführungsstriche darstellen werde. (b) Die Schemata weiter unten, die das ‚Universale Axiom‘ des Models, seine ‚Universalen Diskursverfahren‘ sowie die ihnen entsprechenden ‚einzelsprachlichen Merkmale‘ der portugiesischen Sprache7 zuordnen, bilden die Grundlage für die Gliederung dieser Arbeit und spiegeln sich ebenfalls im Inhaltverzeichnis des Buches wider. (c) Die Bezeichnungen für die verschiedenen universalen Diskursverfahren – wenn man von dem an dieser Stelle vereinfachten Terminus ausgeht – übernehme ich weitgehend und zum Teil wörtlich von Ágel / Hennig (2007, 189sqq.). Die Benennungen der einzelsprachlichen Merkmale hingegen, die in den Schemata jeweils den universalen Diskursverfahren zugeordnet sind, richten sich nach den thematisierten sprachlichen Phänomenen sowie den Begriffen und Termini, die auch in der portugiesischen Fachliteratur zur ihrer Kennzeichnung benutzt werden. Im Inhaltsverzeichnis dieser Arbeit erscheinen universale Diskursverfahren und sprachliche Merkmale als Titel und Untertitel der Kapitel, in denen sie erörtert werden. Für ein angemessenes Verständnis bei der Lektüre des Buches sollte der Leser also sein Augenmerk auf die Übereinstimmungen richten, die zwischen den in den folgenden Schemata des Modells genannten universalen Diskursverfahren und sprachlichen Ausdrucksmitteln einerseits, und der Inhaltsgabe und den in den Kapiteln des Buches thematisierten Inhalten andererseits, bestehen. (d) Im Zusammenhang mit der Analyse von kommunikativen Praktiken der ‚keyboard-to-screen communication‘ interpretiere ich das Axiom des Modells in dem Sinn, dass sich ihm auch der Begriff eines ‚virtuellen Raums‘ (Internet) sowie einer ‚subjektiv empfundenen Zeit‘ zuordnen lassen – letztere ist als empfundener Zeitmangel kennzeichnend für im Internet kommunizierende ‚User‘ und charakterisiert ihre rasch ablaufenden Routinehandlungen am Computer. Auch andere Faktoren, die als spezifische Rahmenbedingungen das Funktionieren einer ‚keyboard-to-screen communication‘ steuern, wie z.B. die Möglichkeit des Postens von Retweets oder zitierten Tweets beim Twittern, lassen sich m.E. in dieses erweiterte Modell integrieren und helfen, den Gebrauch bestimmter sprachlicher Ausdrucksmittel des Nähesprechens zu verstehen.



Die folgenden fünf Schemata veranschaulichen den Zusammenhang zwischen dem „Universalen Axiom“ des Modells des Nähe- und Distanzsprechens ‚Zeit/Raum der Produktion = Zeit/Raum der Rezeption einer Äußerung‘ und den Analyseparametern ‚Rolle‘, ‚Zeit‘, ‚Situation‘, ‚Code‘ und ‚Medium‘, im Rahmen derer sich die Interpretation der jeweiligen ‚Universalen Diskursverfahren‘ anbietet. Darüber hinaus listen diese Schemata die ‚sprachlichen Merkmale‘ des Portugiesischen auf, in denen sich diese Verfahren manifestieren.

Schema zum Parameter ‚Rolle‘




Schema zum Parameter ‚Zeit‘




Schema zum Parameter ‚Situation‘




Schema zum Parameter ‚Code‘




Parameter ‚Medium‘




Wie oben ausgeführt, beschreibt dieses Buch charakteristische sprachliche Ausdrücke und Strukturen des portugiesischen Nähesprechens im Rahmen des Modells des Nähe- und Distanzsprechens in seiner Ausprägung bei Ágel / Hennig. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass dieses Konzept auf Grund der Universalität seiner Analyseparameter, seiner klar und hierarchisch gegliederten Struktur sowie der Operationalisierbarkeit seiner Kriterien sich auch für weitergehende Studien zum gesprochenen Portugiesisch als geeignet erweist.

Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es zunächst einmal zu beachten, dass Untersuchungen zu gesprochenen bzw. nähesprachlichen Varianten einer Sprache nur dann zu verwertbaren Ergebnissen gelangen können, wenn sie sich auf eine Beschreibung des empirisch belegbaren Gebrauchs sprachlicher Ausdrucksformen und Strukturen dieser Sprache stützen – mit anderen Worten, wenn sie auf der Untersuchung von geeigneten Korpora der GS basieren. Nur durch systematische Korpus basierte Arbeit, zusammen mit der Berücksichtigung von Hinweisen aus Grammatiken und relevanten Beiträgen aus der Sekundärliteratur, kann es gelingen, formal so unterschiedliche Erscheinungen wie Operatoren in ‚O-SK-ST‘, Tópicos Marcados und Construções de Clivagem als sprachliche Merkmale zu identifizieren, in denen sich das gleiche universale Diskursverfahren einer ‚Aggregativen Rezeptionssteuerung‘ (cf. Kapitel 5.3) manifestiert. Sie alle dienen dem Versuch, auf die Dekodierung einer Äußerung des Gesprächspartners Einfluss zu nehmen und lassen sich unter diesem Funktionsaspekt zu einer Kategorie zusammenfassen. Einen entsprechenden Hinweis auf die funktionale Zusammengehörigkeit dieser drei Gruppen sucht man in portugiesischen Grammatiken oder portugiesischer Fachliteratur9 aber vergeblich.

Bei der empirischen Arbeit an Korpora ist es entscheidend, nach Gewichtungen und Gebrauchsregularitäten Ausschau zu halten, die sich zu Gruppen zusammenfassen und funktional bestimmen lassen. Auch wenn diese Gruppen verbaler Ausdrücke oder Strukturen zum Zeitpunkt einer solchen Untersuchung noch nicht durch die Grammatik einer Sprache beschrieben oder in ihren Regelbestand übernommen wurden, und sich folglich auch nicht als Teil des Sprachsystems der fraglichen Sprache bestimmen lassen, ist nicht auszuschließen, dass sie im Moment ihrer Erforschung bereits von funktionaler Bedeutung sind, und zu einem späteren Zeitpunkt eine solche Integration erforderlich wird.

An dieser Stelle gewinnt der Begriff ‚Norm‘, wie Coseriu ihn interpretiert, für die vorliegende Arbeit eine entscheidende Bedeutung. Coseriu versteht unter „Norm“ die sprachlichen Verwendungsweisen, die auf den „gewöhnlichen Gebrauch“ in einer Sprachgemeinschaft deuten. Es handelt sich bei diesem Normbegriff somit um eine vermittelnde Größe zwischen der „parole“ als dem individuell zufälligen Sprachgebrauch eines Individuums und der „langue“ als dem abstrakten Regelsystem der Sprache. (Coseriu 1974, 47sqq.). Diesem Verständnis zufolge entwickeln sich Normen als Folge eines häufigen Gebrauchs von bestimmten sprachlichen Ausdrucksweisen und Strukturen, auf die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft regelmäßig zurückgreifen, um wiederholt auftretende kommunikative Aufgaben zu lösen.

Ein Beispiel für eine ‚Norm‘ im Bereich syntaktischer Strukturen betrifft den Gebrauch von Relativsätzen im kontinentalen und brasilianischen Portugiesisch. Gemeint sind die sogenannten „orações relativas cortadoras“ und „orações relativas resumptivas“ (Arim et al. 2005, 67sqq.) in Äußerungen wie estou dentro da área que gostaria de estar oder Sô´tor uma outra questão que enfim me parece que um Presidente da República deverá ter alguma opinião sobre ela10, die sich mittlerweile zu ‚Gebrauchsregularitäten‘ oder ‚Normen‘ im oben erläuterten Sinn Coserius herausgebildet haben.

Diese Norm gewinnt im Hinblick auf möglich bevorstehende Prozesse des Sprachwandels11 an Bedeutung, wenn man sich im Zusammenhang mit den regelabweichenden Relativsätzen eine Reihe anderer sprachlicher Phänomene vor Augen führt, selbst wenn diese von Verfechtern einer konservativen Vorstellung der portugiesischen Grammatik und von Sprachpuristen als ‚nicht akzeptabel‘ oder als nur ‚eingeschränkt gültig‘ abgewertet werden. Bei diesen zusätzlichen Erscheinungen handelt es sich u.a. (a) um Ausdrücke wie há uns dias atrás12, bei denen durch die Präposition atrás nachträglich eine redundante Markierung des Geschehens als ‚vergangen‘ erfolgt, (b) um diskursive Sequenzen wie e essas ervas chinesas, como é que o paciente ocidental tem acesso a elas?, bei denen eine Trennung des vorangestellten Topik essas ervas chineses vom Rest der Äußerung vorliegt: eine Erscheinung, die in der Grammatik als tópico pendente bezeichnet wird, (c) um grammatisch nicht den Regeln entsprechende Formen wie voltei para ajudar ele statt der ‚korrekten‘ Bildung voltei para ajudá-lo, (d) um Sprechsequenzen wie mas realmente há peixe de muito boa qualidade, agora muitos restaurantes defendem-se, não é, com peixe congelado, in der agora als polyvalenter Konnektor dazu beiträgt, eine exakte Markierung der inhaltlichen und grammatischen Relationen zwischen den Sequenzen mas realmente há peixe de muito boa qualidade und muitos restaurantes defendem-se, não é, com peixe congelado zu vermeiden: Diese charakteristische Erscheinungsform des Nähesprechens wird im Schema oben auch als ‚Fehlende oder eingeschränkte semantisch-syntaktische Kohäsionsmarkierung zwischen den Teilen einer Äußerungssequenz‘ bezeichnet.

Die Gemeinsamkeit dieser vier erläuterten Ausdrücke und Strukturen ergibt sich unter dem Aspekt, dass sich in ihnen das universale Diskursverfahren ‚Bevorzugung einer aggregativen statt integrativen Strukturierung des Informationsflusses‘13 (innerhalb des Beschreibungsparameters ‚Zeit‘) manifestiert. Dieses Verfahren lässt sich u.a. durch folgende Kriterien charakterisieren: additive statt integrative Organisation der inhaltlichen Elemente einer Diskurssequenz; statt Planung der gesamten syntaktischen Struktur einer Äußerung von einer zentral ordnenden Perspektive aus, erfolgt eine stückchenweise Organisation von relativ kurzen und einfachen Syntagmen; Redundanz der Informationsübermittlung; Vermeidung expliziter Formen der Kohäsionsmarkierung zwischen benachbarten Teilsequenzen des Diskurses durch den Gebrauch entsprechend flexibler und mehrdeutiger Konnektoren etc.

Ohne die Einbeziehung einer übergeordneten Perspektive, die sprachliche Erscheinungen zusammenführt, die in Grammatiken der Schriftsprache in getrennten Kapiteln und unzusammenhängend thematisiert werden, träten – speziell auf das Portugiesische bezogen – die ‚regelwidrigen‘ Erscheinungen im Bereich der Bildung von Relativsätzen als isolierte Phänomene auf. Folglich könnte man ihnen nicht die Bedeutung und das Potential zugestehen, sich als auslösender Faktor für zukünftige Prozesse des Sprachwandels zu erweisen. Diese Bedeutung gewinnen die regelabweichenden Relativsätze nur im Zusammenhang und durch die Zusammenschau mit den anderen oben erläuterten Gebrauchsregularitäten von (a) bis (d), die in portugiesischen Grammatiken allerdings vernachlässigt werden.



Eine andere von Coseriu vertretene Haltung, die als grundlegende Einsicht auch die im vorliegenden Buch aufgestellten Thesen prägt, betrifft das von Coseriu postulierte ,Primat des Gesprochenen‘. Damit meint er die Priorität des Sprechens aus genealogischer und methodischer Sicht sowie die vorrangige Bedeutung mündlicher Verständigung für sprachliche Entwicklungsprozesse. ‚Sprechen‘ bedeutet folglich für Coseriu einen Prozess, der – so paradox es zunächst auch scheinen mag – mündliche und schriftliche Kommunikation gleichermaßen umfasst (Coseriu 2007, 58 [1975]):

Das Sprechen ist nicht von der Sprache her zu erklären, sondern umgekehrt die Sprache nur vom Sprechen. Das deswegen, weil Sprache konkret nur Sprechen, Tätigkeit ist und weil das Sprechen weiter als die Sprache reicht. Denn während die Sprache ganz im Sprechen steckt, geht das Sprechen nicht ganz in der Sprache auf. Daher muss unsere Meinung nach Saussures bekannte Forderung umgekehrt werden: statt auf den Boden der Sprache‚ muss man sich von Anfang an auf den des Sprechens stellen und dieses zu Norm aller anderen sprachlichen Dinge nehmen.

Dieses Zitat und die Argumente Coserius liefern zusammen mit dem oben dargestellten Modell des Nähe- und Distanzsprechens hinreichende Gründe dafür, in den folgenden Kapiteln die Begriffe ‚Nähesprechen‘ bzw. ‚Nähekommunikation‘ zu gebrauchen, auch wenn vereinzelt damit kommunikative Praktiken gemeint sind, die medial auf einer schriftlichen Basis beruhen.



Zur Bestimmung zusätzlicher, nonverbaler Anteile der Kommunikation, von denen im weiteren Verlauf des Buches immer wieder die Rede sein wird: Unter Merkmalen der ‚Prosodie‘ verstehe ich die Gesamtheit lautlicher Strukturen, zu denen ‚Betonung‘ (Wort- und Satzakzent), ‚Rhythmus‘ (intendierter, regelmäßig-systematischer Wechsel zwischen betonten und unbetonten Silben), ‚Intonation‘ (Verlauf, Richtung und Modulation der Sprechmelodie innerhalb einer Sprechsequenz), ‚Intensität und Lautstärke‘, ‚Sprechgeschwindigkeit‘ sowie ‚Pausen‘ gehören14. Diese Merkmale besitzen die Charakteristika ‚suprasegmentaler‘ Elemente, weil sie nicht mit einzelnen Segmenten der Lautkette (Laute, Silben, Worten, Phrasen) zusammenfallen, sondern erst im Zusammenhang umfassender, segmentübergreifender Sprechsequenzen beschrieben und verstanden werden können. Von diesen suprasegmentalen Merkmalen der Prosodie, die in gewissen Kontexten sprachsystemische Relevanz besitzen – hinsichtlich der Kodierung der illokutiven Kraft eines Sprechakts und hinsichtlich der Informationsstruktur einer Äußerung –, lassen sich andere Elemente „parasprachlicher Kommunikation“ (cf. Lehmann 201315) unterscheiden, die sprachsystemisch irrelevant sind. Zu ihnen gehören lautliche Manifestationen wie ‚Räuspern‘, ‚Seufzen‘, ‚Grunzen‘, ‚Schluchzen‘ etc. (ibid.). Letztere sind m.E. aber durchaus in der Lage – und dieser Zusatz ist gerade aus der Sicht der hier vorliegenden Arbeit erwähnenswert –, kommunikative Aufgaben zu übernehmen, die aus pragmatischer Sicht von Bedeutung sein können: ein ‚Seufzen‘ als Ausdruck von Liebe, Kummer, Schmerz etc.

Zur „nichtsprachlichen Kommunikation“ zählen „Mimik“, „Gestik“, „Haltung“ und „Proxemik“. Unter letzteren Begriff, der allgemein weniger bekannt sein dürfte, versteht Lehmann ein „bedeutungsvolles Gestalten des Raums in einer Kommunikationssituation“ (ibid.).

In den folgenden Ausführungen des Buches verwende ich vereinfachend die Ausdrücke ‚suprasegmentale Merkmale der Prosodie‘ und ‚nichtverbale Anteile der Kommunikation‘, wobei ich implizit die obigen Bestimmungen meine.




5. Beschreibung im Parameter ‚Rolle‘


„Der Rollenparameter beschreibt die Möglichkeiten, die sich aus der P-R-Rollendynamik, d.h. dem ständigen Wechseln der Rollen der Kommunikationsteilnehmer als Produzent (P) oder Rezipient (R) ergeben“, so definieren Ágel / Hennig (2007, 193) ihren Beschreibungsparameter ‚Rolle‘. Im selben Aufsatz bestimmen sie ‚Interaktion‘ in Abgrenzung von der „Interaktionalen Linguistik“, die diesen Begriff in einem weiter gefassten Sinn als Form sozialen Miteinander-Handelns begreift1, ihrerseits in einer eingeschränkten Bedeutung als sprachliche Kooperation bei der Gestaltung von Redeeinheiten. Sie verstehen mithin ‚Interaktion‘ als ein „gemeinsames Agieren der Kommunikationsteilnehmer bei der sprachlichen Gestaltung des Kommunikationsprozesses“ (Ágel / Hennig 2007, 194).

Bei ‚Rolle‘ handelt es sich um einen Beschreibungsparameter, dem in ihrem Modell des Nähe- und Distanzsprechens ausschließlich Ausdrücke und Strukturen von kommunikativen Praktiken zugeordnet werden, die im Zusammenhang mit dialogischen Diskursabläufen vorkommen. Zu dieser Gruppe zählen sowohl kommunikative Praktiken aus dem prototypischen Bereich des Nähesprechens – d.h. alle möglichen Formen von Alltagsdialogen – aber mit Einschränkungen und in graduellen Abstufungen auch Formen des peripheren Nähesprechens der ‚keyboard-to-screen communication‘, wie Twitter, SMS, Einträge in Weblogs und Internetforen sowie die verschiedenen Varianten des Chattens. Die dialogähnlichen Strukturen dieser kommunikativen Praktiken sind Folge von Mechanismen zur Herausbildung virtueller Verständigungsnetze, die als integrale Bestandteile das Funktionieren der entsprechenden Internetplattformen steuern. Beim Twittern z.B. gehören zu diesen Mechanismen die Funktionen ‚reply‘ sowie das Posten von ‚retweets‘ und ‚zitierten tweets‘ 2.



Vor dem Hintergrund dieser Bestimmungen möchte ich in Anlehnung an Ágel / Hennig dem Beschreibungsparameter ‚Rolle‘ in paraphrasierter und vereinfachter Form (cf. Kapitel 4) folgende universale Diskursverfahren‘ zuordnen:



(a) ‚Kontaktherstellung zwischen dem Produzenten und Rezipienten einer Äußerung‘: Wie jede andere Sprache verfügt auch das Portugiesische über spezifische Anrede- und Verabschiedungsformeln, Anredenominative, etc., die im Dienste dieses Verfahrens der Diskursgestaltung gebraucht werden.

(b) ‚Sequenzierung der Rede‘: Dieses Verfahren betrifft den Umstand, dass bei spontanen Dialogen nicht vorab geplant wird, wer wann die Rolle des Sprechers bzw. die des Hörers einnimmt. Die entsprechende Organisation des Rederechts müssen Sprecher während des Gesprächsablaufs permanent mit ihren Dialogpartnern abstimmen. Diese Anstrengung geschieht parallel zum übrigen Austausch von Informationen. Zu ihnen zählen insbesondere ‚suprasegmentale Merkmale der Prosodie‘ und ‚nichtverbale Anteile der Kommunikation‘ (cf. die ausführliche Erläuterung dieser Kommunikationsanteile in ‚Kapitel 4‘).

(c) ‚Engführung der Orientierung‘: Von zentraler Bedeutung für das Funktionieren nähesprachlicher Kommunikation ist es zudem, dass sowohl Sprecher als auch Hörer über Signale, Wörter und Wortformeln verfügen, die es ihnen ermöglichen, sich ständig zu vergewissern, dass man verstanden wird und dieses Verständnis auch mittels entsprechender sprachlicher Mittel absichert (Sprecher); bzw. man zeigt, dass man den Ausführungen seines Gegenübers zu folgen in der Lage ist (Hörer)3.

(d) ‚Aggregative Rezeptionssteuerung‘: Im Dienste dieses Diskursverfahrens können Sprecher auf verschiedene Mittel zurückgreifen, die es ihnen erlauben, parallel zur eigentlichen Informationsübermittlung zusätzlich noch Einfluss darauf zu nehmen, wie ihre Gesprächspartner ihre Äußerungen dekodieren. Dieses ‚wie‘ betrifft die Gewichtung der Informationsanteile der Propositionen in einer Aussage und die Abstufung des illokutiven Gehaltes, den man einer Aussage zumisst. Mit anderen Worten, Sprecher verfügen über Mittel, um z.B. auszudrücken, wie ernst sie ein Versprechen meinen, wie sie selber den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage einschätzen oder wie weit ihre möglichen Sanktionen reichen würden, um einer geäußerten Drohung Nachdruck zu verleihen.

(e) ‚Produzent (P) mit Bezug auf Rezipient (R) Illokutionsnuancierung‘: Meinem Dafürhalten folgend ist dieses Diskursverfahren bereits im vorher erläuterten Verfahren einer ‚aggregativen Rezeptionssteuerung‘ enthalten. Die Zusammenlegung dieser beiden Verfahren scheint insbesondere für das Portugiesische möglich, weil es im Unterschied zur deutschen Sprache relative wenige Modalpartikeln gibt, die eine graduelle Abstufung der illokutiven Wirkung von Äußerungen auf den Gesprächspartner übernehmen könnten4. Im Portugiesischen treten Operatoren in ‚O-SK-ST‘ an die Stelle von Modalpartikeln, um die Aufgabe einer Illokutionsnuancierung zu übernehmen. Als weiteres Argument für eine Zusammenlegung beider Diskursverfahren lässt sich anführen, dass es sich auch bei ‚P-mit-Bezug auf R-Illokutionsnuancierung‘ um eine Strategie handelt, die ebenfalls darauf abzielt, den Hörer bei seiner Informationsdekodierung zu beeinflussen, und es sich somit letztlich auch um ein Verfahren der Rezeptionssteuerung handelt.

(f) ‚Bei einem direkten physischen und psychischen Kontakt zwischen Produzenten und Rezipienten Tendenz zu einer gefühlsbetonten Sprechweise‘: Dieses universale Diskursverfahren erlaubt ebenfalls eine Bestimmung innerhalb des Beschreibungsparameters ‚Rolle‘5: Aus dem gemeinsamen Agieren der Gesprächspartner in unmittelbarer psychischer und physischer Nähe ergibt sich eine spezifische Konstellation, die Gesprächsteilnehmer schneller zu einem emphatisch aufgeladenen Sprachduktus veranlasst. Dieser legt den Gebrauch von sprachlichen Mitteln des Gefühlsausdrucks und der Übertreibung nahe. Weil entsprechende sprachliche Ausdrücke wie Interjektionen und hyperbolische Ausdrücke – bei der Computer vermittelten Kommunikation kommen noch graphostilistische Ausdrucksmittel wie Smileys, Emoticons etc. hinzu – sich aber häufig in einem semiotischen Grenzbereich zwischen verbalem und nicht verbalem Code befinden, möchte ich diese Zeichen im Rahmen des Beschreibungsparameters ‚Code‘ (siehe Kapitel 8.1.1) thematisieren.


Im Rahmen der vorliegenden Studie ist es mir nicht möglich, die universalen Diskursverfahren in ihrer Gesamtheit zu erörtern, die sich aus dem Parameter ‚Rolle‘ ableiten lassen. Darum beschränke ich mich auf die Verfahren ‚Sequenzierung der Rede‘, ‚Engführung der Orientierung‘ und ‚Aggregative Rezeptionssteuerung‘ sowie die sprachlichen Mittel und Strukturen, in denen sich diese Verfahren manifestieren (cf. Tabelle in ‚Kapitel 4‘).




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