Die innere Struktur der DP in den altindogermanischen Artikelsprachen Pauline Weiß Die Studie verbindet Ansätze generativer Linguistik mit den Methoden der Indogermanistik. Untersuchungsgegenstand ist der definite Artikel in vier altindogermanischen Sprachen. Diese Auswahl deckt alle möglichen Wortstellungsvarianten der Kategorie Artikel ab: von präponiert und freistehend im klassischen Griechischen über enklitisch und postponiert im klassischen Armenischen bis hin zu kombinierten Serialisierungen im Altalbanischen und Altnordischen. Fragestellungen waren nicht nur, welche Merkmale die Kategorie Artikel generell konstituieren, sondern auch, ob die fraglichen Morpheme tatsachlich als Definita definiert werden können. Basierend auf der Analyse der Serialisierungsvariationen der Determinansphrasen der vier Sprachen, die das Untersuchungskorpus der Arbeit bildeten, wird in einem zweiten Komplex die innere Struktur der DP nach Maßstäben der generativen Grammatik analysiert. Ausgehend von der DP-Analyse nach Abney werden einfache und komplexe Phrasen untersucht und unter Bezug auf Arbeiten u.a. von Kallulli und Julien wird die DP-Analyse modifiziert und ergänzt. Pauline Weiß Die innere Struktur der DP in den altindogermanischen Artikelsprachen Eine Analyse der Funktion und Verwendung der Artikeltypen Katrin Schmitz / Joachim Theisen / Carlotta Viti Narr Francke Attempto Verlag Tübingen [bad img format] © 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen www.francke.de (http://www.francke.de) • info@francke.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen ePub-ISBN 978-3-8233-0071-7 [bad img format] I. Einleitung Der definite Artikel ist eine junge Erscheinung der indogermanischen Sprachen, die noch nicht ausreichend erforscht ist. In den Einzelsprachen entwickelt sich zu unterschiedlichen Zeiten ein Marker, der die Definitheit und Referenz einer Phrase kennzeichnet und somit als bestimmter Artikel beschrieben werden kann. Doch ist fraglich, ob diese neuen Morpheme tatsächlich funktionieren wie ein definiter Artikel der modernen Sprachstufen. Ebenso ist unklar, wann man in den frühen Sprachstufen von einem definiten Artikel sprechen kann. Einerseits teilen die markierenden Elemente gewisse Eigenschaften, andererseits unterscheiden sich die syntaktischen und formalen Merkmale. Daher stellt sich die Frage, welche konkreten Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein sprachliches Element der grammatischen Klasse Artikel zugehörig ist. Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht der definite Artikel in den altindogermanischen Sprachen. Als Untersuchungssprachen werden das klassische Griechische, das Altalbanische, das Altnordische und das Altarmenische herangezogen.1 Diese Sprachen wurden ausgewählt, weil sie verschiedene Artikeltypen aufweisen. Während das Griechische einen freistehenden, präponierten Artikel besitzt, zeigt das Armenische einen enklitischen, postponierten Artikel. Das Albanische und Altnordische verfügen jeweils über einen freistehenden, präponierten sowie einen enklitischen, postponierten Artikel. Diese vier Sprachen decken somit die wichtigsten Möglichkeiten der Artikelsetzung ab. Zudem verwenden sie den Artikel unterschiedlich frequent. Während die Determination im nachhomerischen Griechischen sehr konsequent durchgeführt wird, findet man sie im Armenischen und Altnordischen im Vergleich eher selten. I.1 Stand der Forschung Zum Stand der Forschung ist zu sagen, dass der Artikel in der deutschen Sprache mehrfach untersucht worden ist. Zu nennen sind hier bspw. das „Lexikon zum Artikelgebrauch“ von Grimm (1987/1992) oder „Artikelwörter im Deutschen: semantische und pragmatische Aspekte ihrer Verwendung“ von Bisle-Müller (1991). Die Entstehung des Artikels im Germanischen hat Hodler (1954) in der Monographie „Grundzüge einer germanischen Artikellehre“ dargestellt. Auch Harbert (2007) widmet dem Artikel in den germanischen Sprachen in seinem Buch „The Germanic Languages“ ein Kapitel. Die skandinavischen Sprachen werden bspw. von Thráinsson (2007), Sigurðsson (2006) oder in den Arbeiten von Julien (2002, 2003, 2005) besprochen. In der Regel beziehen sich diese Werke jedoch auf die modernen Sprachen und verweisen nur ggf. auf das Altnordische. Hinsichtlich des Altnordischen, Griechischen und Albanischen beschränken sich die Informationen über den Artikel vielmehr auf Hinweise aus Grammatiken. Der armenische Artikel hat im Gegensatz dazu in der Forschung mehr Aufmerksamkeit erfahren. Zeilfelder (2011) kommentiert das syntaktisch auffällige Verhalten des Artikels bei Eznik von Kołb. Müth (2011) analysiert das Vorkommen des Artikels in der armenischen Bibel. Auch in Kleins (1996a) Untersuchung über die Deixis im Armenischen darf der Artikel nicht fehlen. Eine Untersuchung zum Artikel in Relativsätzen hat Lamberterie (1997) vorgelegt. Hier wird das Phänomen der Determination im armenischen Relativsatz beschrieben. Doch trotz dieser verschiedenen Arbeiten sind bisher weder der Status des armenischen Artikels noch die Regeln des Gebrauchs befriedigend geklärt worden. So ist weder klar, ob der armenische Artikel tatsächlich als solcher klassifiziert werden kann, noch was seine Verwendung steuert. Doch auch in den anderen Sprachen ist häufig nicht klar, was die Setzung eines Artikels motiviert. Hendriks (1982) bspw., der das moderne Albanisch untersucht, schreibt, dass die Regeln, wonach sich die Verwendung des Artikels richten, noch nicht explizit formuliert wurden.1 Dies gilt nicht nur für das moderne Albanische, sondern auch für das Altalbanische. Zur adäquaten Analyse des bestimmten Artikels ist die Kenntnis der syntaktischen Umgebungen, i.e. der Wortstellungsmöglichkeiten, äußerst hilfreich. Dum-Tragut (2002) und Hróarsdóttir (2000) haben maßgebliche Werke zu Serialisierungsvariationen und -veränderungen vorgelegt. Dum-Traguts (2002) Arbeit ist eine diachrone Untersuchung, die das klassische, das kilikische sowie das moderne Armenische erforscht. Sie analysiert die Wortstellungsmuster und -möglichkeiten sämtlicher Konstituenten. Dabei konzentriert sie sich besonders auf die Elemente in Nominalphrasen und auf Relativsätze. Bei Hróarsdóttir (2000) dagegen stehen die Anordnungsveränderungen (und -möglichkeiten) der Konstituenten Objekt und Verb vom Altisländischem zum Isländischen im Zentrum der Untersuchung. Es wird also die Verbalphrase bzw. VP-Syntax diachron behandelt. Dieses Werk wird nur am Rande berücksichtigt, da die Untersuchungsgegenstände von Hróarsdóttir (2005) und der vorliegenden Arbeit nur marginale Berührungspunkte haben. Interessant an Hróarsdóttirs (2005) Arbeit ist, dass die Wortstellungsuntersuchungen mit dem Minimalistischen Programm sowie mit Kaynes (1994) Anti-symmetry proposal verknüpft werden. Wie in Hróarsdóttirs (2005) Analyse wird in dieser Arbeit mit Theorien der generativen Grammatik gearbeitet. Diese Untersuchung basiert auf der DP-Analyse nach Abney (1987), wobei DP für Determinansphrase steht. Abney (1987) ist einer der ersten Forscher, der von einem funktionalen Kopf der Kategorie Determinans, welcher die lexikalische Kategorie Nomen regiert, ausging. Ein definiter Artikel wird dabei als Determinans definiert und selegiert obligatorisch ein Komplement, in der Regel ein Substantiv.2 Die DP-Analyse kann jedoch nicht ohne Modifikationen angewandt werden. Schon Cinque (1992) hat festgestellt, dass die innere Struktur der DP komplexer sein muss als ursprünglich angenommen.3 Im Zuge dessen wurde die DP Thema vieler Aufsätze und Werke. Thráinsson (2007) bspw. hat das Prinzipien- und Parameter-Framework sowie Ansätze des Government-and-Binding und des Minimalismus auf das moderne Isländische angewandt. Hinsichtlich der Forschung an modernen skandinavischen DPn sind ebenso Delsing (1988, 1993), Julien (2003, 2005) oder Vangsnes (1999) zu nennen. Sie stehen alle in der Tradition der generativen Grammatik und analysieren die Verwendung von Determinantien, schlagen jedoch divergierende Hypothesen vor. Für das moderne Albanische liegt eine äquivalente Untersuchung von Kallulli (1999) vor. Doch Untersuchungen der DP anhand alter Sprachen bzw. Sprachstufen sind in der Forschung rar. Für das klassische Griechische wurde allerdings von Bakker (2009) eine Analyse geliefert und für das Altarmenische von Zeilfelder (2011). Abgesehen davon ist die Anwendung der Theorie der generativen Grammatik auf alte Sprachen unterrepräsentiert. So ist mir kein Werk bekannt, das die Hypothesen und Annahmen auf das Altalbanische, Altarmenische, Altnordische oder Altgriechische überträgt, ihre Haltbarkeit prüft und Strukturbäume nach generativen Aspekten erzeugt. I.2 Forschungsziele und Struktur der Arbeit Die vier Sprachen Griechisch, Albanisch, Altnordisch, Armenisch weisen unterschiedliche Artikeltypen auf, vom präponierten, freistehenden bis hin zum enklitischen, postponierten Element. In der Forschung werden diese verschiedenen Morpheme bisher alle als Artikel klassifiziert. Hier wird zunächst grundlegend der Frage nachgegangen, ob diese Klassifikation tatsächlich gerechtfertigt ist, d.h. es wird untersucht, ob man wirklich in allen vier Untersuchungssprachen von einem definiten Artikel sprechen kann. Dazu ist es notwendig, die formalen Eigenschaften und Charakteristika der Kategorie Artikel abzustecken, um diese Kriterien anschließend auf die Morpheme der Einzelsprachen anwenden zu können. Daher wird nach Darstellung der Forschungsziele das zugrunde gelegte Material beschrieben (Kap. I.3), die theoretischen und formalen Grundlagen erläutert (Kap. I.4 und I.5) und schließlich der Forschungsgegenstand, i.e. der definite Artikel, sowohl allgemein als auch sprachspezifisch eingeführt (Kap. I.6). In diesem wie in allen weiteren Abschnitten werden die Untersuchungssprachen in der gleichen Reihenfolge besprochen. Die Sprachen werden dabei nicht chronologisch angeordnet, sondern nach dem oder den Artikeltypen: Zuerst das Griechische mit dem präpositiven Artikel, danach folgen das Albanische und Altnordische mit prä- und postponiertem Artikel und anschließend das Armenische, das über Enklitika verfügt. Basierend auf der Arbeitsdefinition des Artikels können das Vorkommen und die Verwendung der verschiedenen Artikeltypen in Kapitel II untersucht werden. Die Leitfragen hierzu sind: Wie verhält sich der Artikel in den genannten Sprachen? Welche Funktionen und Aufgaben übernimmt er? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Verwendung liegen vor? Der definite Artikel wird also in formaler und funktioneller Hinsicht skizziert. Auch die syntaktischen Kriterien sind ein zentraler Untersuchungsgegenstand. Die einzelsprachlichen Belegstellen werden hierfür nach Konstruktionen geordnet, ausgehend von der Anzahl und Art der vorkommenden Konstituenten. Dementsprechend werden die Belege in Gruppen geordnet: einfache Determinansphrasen (Substantiv + Artikel), substantiviertes Element + Artikel, Phrasen mit Pronomen, mit Adjektiv und mit Genitivattribut, Konstruktionen mit Eigennamen oder Apposition, Phrasen mit Präposition und Phrasen mit Numeralia. Diese eingehende Analyse des sprachlichen Materials führt schließlich zu einer Verfeinerung der Klassifikation des Artikels. Dabei werden folgende Fragen untersucht: Ändert der Artikel in den verschiedenen Konstruktionen sein Verhalten oder bleibt es konstant? Gibt es Konstruktionen, in denen der Artikel in einer der Sprachen zu finden ist, die die anderen Sprachen nicht kennen? Dies ist beispielsweise im Armenischen der Fall, da der Artikel dort einen ganzen Relativsatz determinieren kann. Auch das Albanische zeigt eine spezifische Konstruktion: Hier ist die Möglichkeit einer doppelten Determination zu finden. Dabei werden ein prä- und ein postponierter Artikel in einer Phrase verknüpft. Es gilt nun zu erforschen, ob es auch in den anderen Untersuchungssprachen spezielle Möglichkeiten der Artikelverwendung gibt. Hierfür ist es notwendig abzugrenzen, welche Konstruktionen alle drei Sprachen bilden können. Daraus kann auf grundlegende Funktionen des Artikels geschlossen werden, wodurch die Kategorie Artikel am Ende des Kapitels II konkreter bestimmt werden kann. Es werden sprachübergreifende und sprachspezifische Merkmale festgestellt, wodurch der Artikel als sprachübergreifendes Konzept analysiert werden kann, das sich aus Prinzipien und Parametern konstatiert (vgl. Kap. II.10). Somit kann deutlich klassifiziert werden, welche Elemente wirklich als Artikel definiert werden können. Gleichzeitig wird ein Vorschlag unterbreitet, wie die anderen Morpheme, die nicht die notwendigen Kriterien erfüllen, eingeordnet werden können. Um Regelmäßigkeiten formulieren zu können, muss man allerdings erst einmal wissen, was genau regelmäßig ist. Dafür werden die Wortstellungsmuster der Phrasen mit Artikel untersucht, im Hinblick auf die Frage, was denn einem default mode bzw. einer Grundwortstellung gleichkommt, also welche Serialisierungsmuster die Untersuchungssprachen bevorzugen. Alten Sprachen wird häufig eine sogenannte „freie Wortstellung“ zugesprochen. In dieser Arbeit wird mit Fanselow (1988) angenommen, dass es keine freie Wortstellung gibt, sondern man von einer freien Anordnung der Konstituenten sprechen muss. Zudem tendieren Sprachen stets zu bestimmten Serialisierungsmustern. Mitunter sind diese jedoch nicht konsequent in der gesamten Sprache durchgeführt. Aber man kann je nach Werk oder Autor präferierte Tendenzen feststellen. So bilden die Wortstellungsmuster der Belegstellen einen zentralen Untersuchungsaspekt der Arbeit. Hierbei werden die lineare Anordnung der Konstituenten analysiert und Muster abstrahiert. Die grundlegende Fragestellung lautet: Was kann über das Verhalten des Artikels in den verschiedenen Phrasentypen ausgesagt werden? Die Wortstellungsmuster dienen des Weiteren als Grundlage für die Strukturanalyse nach der DP-Hypothese der generativen Grammatik in Kapitel III. Dort werden die Sprachen anhand dieser abstrakten Muster untersucht, da man so Gemeinsames und Abweichendes deutlicher sieht. Die Kenntnisse der bevorzugten Serialisierungen erlauben auch eine angemessene Strukturanalyse, da man so weiß, von welchen Wortstellungen grundsätzlich auszugehen ist und welche als markierte Konstruktionen klassifiziert werden können. Ziel in Kapitel III ist es, eine Analyse vorzuschlagen, mit der alle Wortstellungsvarianten der Untersuchungssprachen abbildbar sind und mit der auch die Strukturen moderner Sprachen erklärt werden können. Die generative Transformationsgrammatik erhebt den Anspruch von Universalität. Wenn theoretisch alle natürlichen Sprachen anhand der generativen Grammatik erzeugt werden können, müssen auch alte Sprachen nach dieser Methode ableitbar bzw. generierbar sein. Die vorliegende Arbeit setzt an dieser Stelle an und untersucht die innere Struktur der Determinansphrase. Dabei wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass die DP-Analyse auf die alten Sprachstufen übertragbar ist. Diese Annahme stützt sich auf Muyskens (2008) Untersuchung zu funktionalen Kategorien im Indogermanischen, wobei er Folgendes feststellt: „… We can conclude, on the whole, functional categories in the nominal system have survived intact, but not in the verbal system. …“1 Somit können die funktionalen Kategorien, die für die modernen Sprachen gesetzt werden, auch auf die alten Sprachstufen angewandt werden. Allerdings müssen zur Analyse Modifikationen an der DP-Hypothese vorgenommen werden, da die untersuchten Sprachstufen im Gegensatz zu den modernen Sprachen ein größeres Spektrum an Wortstellungsmöglichkeiten und noch ein ausgebauteres Kasussystem besitzen. Die Übertragung der DP-Analyse auf die altindogermanischen Sprachen überprüft einerseits den Universalitätsanspruch der generativen Grammatik und erweitert anderseits ihren Anwendungsbereich. In dieser Arbeit wird gezeigt, dass die DP-Analyse grundsätzlich auf die altindogermanischen Sprachen angewandt werden kann, aber ergänzt werden muss. Dies stellt einen Beitrag zur inneren Struktur der DP generell dar. Gleichzeitig können die Modifikationen, die im Laufe der Untersuchung zur Generierung der vier ausgewählten Sprachen vorgeschlagen werden, auch für die modernen Sprachen in Erwägung gezogen werden. Eine adäquate syntaktische Analyse beruht also auf einer expliziten Kategorisierung der zu untersuchenden Konstituenten. Demnach muss zuerst untersucht werden, ob alle sprachlichen Elemente über die gleichen Eigenschaften und Funktionen verfügen, die einer bestimmten Kategorie zugeschrieben werden. Schließlich beruhen syntaktische Strukturen auf formalen Eigenschaften. Daher erfolgt in Kapitel II eine ausführliche Untersuchung der grammatischen Kategorie Artikel, um anschließend in Kapitel III eine angemessene Analyse durchführen zu können, die sich sowohl nach der Stellung innerhalb einer syntaktischen Struktur richtet als auch den formalen Merkmalen der jeweiligen Elemente gerecht wird. Die Untersuchung befasst sich einerseits mit der formalen Beschreibung von grammatischen Funktionen sowie der linearen Abfolge von Konstituenten und schlägt andererseits eine komplexe syntaktische Analyse vor. I.3 Zum Material Zur Analyse der vier zugrunde gelegten Sprachen wurden verschiedene Texte ausgewählt. Ziel war es, für jede Sprache 200 Belegstellen mit definitem Artikel zu erheben. Im Altnordischen war dies im Gegensatz zu den anderen Sprachen allerdings nicht möglich, da der Artikel dort nur äußerst selten Verwendung findet. Zur Untersuchung des Altnordischen wurde die Saga Hrafnkels saga Freysgoða, eine der wichtigsten fiktiven Erzählungen, ausgewählt. Es wurde die Textausgabe von Baetke (1952) Hrafnkels saga freysgoða: Mit Einleitung, Anmerkungen und Glossar genutzt. Für das Griechische wurde von Xenophons Anabasis Buch II verwendet, das besonders von Dialogen lebt und daher eine aufschlussreiche Verwendung des Artikels erwarten ließ. Der Text wurde der Website Perseus Digital Library (www.perseus.tufts.edu/hopper/ (http://www.perseus.tufts.edu/hopper/)) entnommen. Es handelt sich um ein Geschichtswerk mit autobiographischem Hintergrund. Auch für das Armenische wurde ein Geschichtswerk herangezogen, i.e. das Werk Patmowtʿiwn Hayocʿ von Agatʿangełos in der Ausgabe von Thomson (1976). Dabei ist zu beachten, dass Thomson einen Teil ausgespart hat. Des Weiteren hat Thomson den Text in 14 Kapitel, zuzüglich Prolog und Epilog, eingeteilt. Die Gliederung in 900 Paragraphen, die auch Thomson (1976) beibehält, stammt aus der kritischen Edition aus Tiflis des Jahres 1909.1 Mittels der Paragraphen gestaltet sich die Bezugnahme auf Textstellen leichter, daher werden sie auch in dieser Arbeit genutzt. Das Albanische wurde im Vergleich zu den anderen Sprachen spät verschriftlicht. Es besitzt zwei Hauptdialekte, Toskisch und Gegisch.2 Zur Analyse der albanischen DPn wurden die ältesten, zusammenhängenden Texte beider Dialekte herangezogen, i.e. das Missale von Gjon Buzuku (1555) und die Dottrina cristiana von Lekë Matrënga (1592). So konnte überprüft werden, ob sich die Verwendung der Artikeltypen zwischen beiden Dialekten unterscheidet. Es wurde mit den Ausgaben der Texte, die auf der Website der Universität Frankfurt (http://titus.uni-frankfurt.de/indexd.htm (http://titus.uni-frankfurt.de/indexd.htm)) zugänglich sind, gearbeitet. Als zusätzliches Hilfsmittel dienten die Edition Il ‚Messale‘ di Giovanni Buzuku: Riproduzione e Trascrizione von Namik Ressuli (1958) sowie die Bearbeitung der Dottrina cristiana von Matzinger (2006). In den nachstehenden Abschnitten wird der Inhalt der Untersuchungstexte beschrieben. Sie werden in den historischen Kontext eingebettet und Wissenswertes wird zum Hintergrund, zum Genre oder zur Konzeption der Werke dargelegt. Nicht in allen Fällen erweist sich eine Inhaltsangabe des jeweiligen Textes als sinnvoll. Bei den narrativen Texten, z.B. dem altnordischen, wird die Handlung zusammengefasst wiedergegeben. Aber bei den albanischen Schriften wird darauf verzichtet, weil es sich dort um Gebete und liturgische Texte handelt. I.3.1 Zur Anabasis, Buch II, von Xenophon Die Anabasis wird insgesamt in sieben Bücher gegliedert. Dies war allerdings nicht die ursprüngliche Einteilung. Hermann (1944) spricht von einer Gliederung in drei Teile und zwar „… a) den Hinaufmarsch, Buch I, b) den Rückmarsch durch Kleinasien hindurch zu den ersten Griechen, bis ans Meer, bis nach Trapezunt, Buch II-IV, c) die weiteren Unternehmungen bis nach Pergamon, Buch V-VII. …“.1 Xenophon selbst ordnete die Anabasis jedoch in zwei Teile. Der erste Teil reicht bis zum Tod Klearchos und der anderen Führer, i.e. nach der modernen Einteilung Ende von Buch II, und der zweite Teil umfasst den Rest des Werkes, i.e. nach der modernen Gliederung Buch II–VII. Die vorliegende Untersuchung nutzt, der zeitgenössischen Einteilung folgend, Buch II als Datengrundlage. Um das zweite Buch der Anabasis zu verstehen, ist es wichtig, den Inhalt des ersten Buches zu kennen. Es handelt davon, wie griechische Truppen unter Kyros gegen dessen Bruder, den Perserkönig Artaxerxes, ausziehen. Es gipfelt in einem großen Gefecht, der Schlacht bei Kunaxa, in der Kyros den Tod findet. Erst zu Beginn des zweiten Buches erfahren die Griechen, dass ihr Anführer Kyros in diesem Kampf gefallen ist. Der entscheidende Konflikt besteht darin, dass sich die Griechen als Sieger fühlen, da sie das gegnerische Heer erfolgreich in die Flucht schlugen, und die Perser ebenso der Ansicht sind, sie hätten gewonnen, da sie Kyros getötet haben. Das zweite Buch der Anabasis besteht großteils aus Gesprächen und Debatten. Zum einen verhandeln die Griechen mit den Persern, ob sie, ihre Waffen abgeben und sich dem Großkönig Artaxerxes unterwerfen sollen. Zum anderen diskutieren die Griechen untereinander über ihre Situation, denn sie befinden sich ohne Anführer, ortsunkundig in einem fremden Land und kennen den Heimweg nicht. Zudem mangelt es ihnen an Nahrungsmitteln, was ihre Lage verschärft. Im Verlauf des Buches tritt Klearchos als der fähigste Stratege hervor, der der Situation gewachsen ist und schließlich die Führung der Griechen übernimmt. Ferner erweist sich Ariaios2, ein Nicht-Grieche, der in der Schlacht von Kunaxa auf der Seite von Kyros kämpfte, als Hilfe, die Griechen in ihre Heimat zu führen. So ziehen Griechen und Nicht-Griechen gemeinsam durch das persische Reich und versuchen dem Heer des Großkönigs auszuweichen. Dies gelingt jedoch nicht und sie treffen auf einen Teil der feindlichen Streitmacht. Zuerst erscheinen Herolde der Perser im griechischen Lager und wollen einen Waffenstillstand aushandeln, schließlich sogar Tissaphernes3 persönlich. Dieser präsentiert sich als Freund der Griechen und bietet an, sie in ihr Land zurückzubringen. Die Verhandlungen bilden einen umfassenden Teil des Textes. Im griechischen Lager werden Stimmen laut, die an der Redlichkeit des Tissaphernes zweifeln. Daher sucht Klearchos diesen auf, um in einem Gespräch mit ihm den herrschenden Argwohn zu beseitigen. Tissaphernes ist ebenfalls an einer Schlichtung interessiert, betont jedoch seine überlegene Position. Die beiden Strategen vereinbaren, dass Klearchos mit allen griechischen Hauptmännern und Feldherren in Tissaphernes Lager kommt, damit sie den Konflikt gemeinsam aus dem Weg räumen können. So begeben sich 20 Hauptmänner und etwa 200 Soldaten in das feindliche Lager. Dort angekommen, werden die Feldherren gefangen genommen, die Hauptmänner erschlagen und die Soldaten von Reitern attackiert. Das Buch endet mit der Hinrichtung der Feldherren und einem Nachruf. Xenophon beschreibt darin die Persönlichkeiten der Feldherren, ihre Qualitäten als Anführer, aber auch ihre Fehler. Die Anabasis II basiert also auf Dialogen, i.e. Beratschlagungen, Diskussionen sowie Verhandlungen. Sehr detailreich wird, als eine Art Gegengewicht, der Marsch durch das persische Gebiet beschrieben, besonders im Hinblick auf geographische Angaben. Xenophon, der Autor der Anabasis, geboren um 430, nahm selbst an dem Kriegszug teil, den er beschreibt. Mit seinem Werk begründet er „… die literarische Gattung der Autobiographie […] wie die des Kriegstagebuchs …“.4 Die Teilnahme an dieser militärischen Operation führte zur Verbannung Xenophons aus seiner Heimatstadt Athen, da Kyros ein Feind dieser Stadt war. Xenophon lebte anschließend im Exil in Sparta. I.3.2 Zu den albanischen Texten Die Verschriftlichung des Albanischen setzt im Vergleich zu anderen indogermanischen Sprachen verhältnismäßig spät ein. Erst im 15. Jh. beginnen die Albaner in ihrer Sprache Texte zu verfassen. Aus dem Jahre 1462 ist eine Taufformel von Paulus Angelus bewahrt. Hierbei handelt es sich um einen einzigen Satz (alb. Unte paghesont premenit Atit et birit et sperit senit ‚Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘), der in einen in lateinischer Sprache geschriebenen Brief eingefügt wurde. Das Albanische wurde schließlich in lateinischer Schrift aufgeschrieben, erweitert durch Zeichen anderer Schriftsysteme. Allerdings gab es im 15. Jh. noch keine einheitliche Schreibweise der albanischen Sprache.1 Die Wahl ist u.a. aus religiösen Gründen auf das lateinische Alphabet gefallen, denn die ersten albanischen Autoren waren Geistliche der römisch-katholischen Kirche, d.h. sie waren des Lateinischen mächtig. Auch aus politischen Gründen ist die Entscheidung für das lateinische Alphabet plausibel. Das albanische Territorium befand sich jahrelang unter der Fremdherrschaft von Bulgaren, Byzantinern, Venezianern, Anjou, Türken u. v. m.2 Seit dem Jahr 1479 waren die Osmanen im albanischen Raum an der Macht und mit ihnen hielten die arabische Schrift und Sprache sowie der Islam Einzug. Auch die Islamisierung spielte im Zuge dessen eine Rolle in der Geschichte Albaniens.3 Zuträglich waren Missstände in der albanischen Kirche. Es mangelte an Priestern „... und die vorhandenen waren oft von erschreckender Unbildung. ...“4 Diese „Unbildung“ verdeutlicht die Erfordernisse solcher Bücher wie von Matrënga und Buzuku, wobei beide Werke nicht in Albanien selbst, sondern außerhalb entstanden sind. Das Eindringen der Osmanen löste außerdem eine Flüchtlingswelle nach Italien aus, die erst im 16. Jh. nachließ. Durch die Wahl des lateinischen Alphabets war eine Positionierung gegen die Osmanen möglich. Matzinger (2010) nennt die Wahl der lateinischen Buchstaben im Bezug auf die türkische Fremdherrschaft eine „Signalwirkung“.5 Bei Matrënga kann ein Bestreben, die Inhalte des christlichen Glaubens den albanischen Christen verständlich zu machen und ihnen das Christentum in ihrer eigenen Sprache näherzubringen, an seinem Werk abgelesen werden. Gerade in einer Zeit, in der die Türken die Albaner zwangen zum Islam zu konvertieren und viele Albaner aus ihrer Heimat flüchten. So schreibt Matrënga im italienischen Vorwort, dass sein Werk den Arbëresh6 dienen soll, die des Italienischen nicht mächtig sind. Natürlich steckt dahinter eine Rechtfertigung und Legitimation der Dottrina cristiana, damit die Kirche, die alles kontrollierte, was gedruckt wurde, sein Werk überhaupt zuließ. Im Zuge der Gegenreformation wurden viele Bücher, die in einer Volkssprache verfasst waren, durch die katholische Kirche auf den sogenannten Index librorum prohibitorum gesetzt und verboten. In der Forschung wird hinterfragt, ob auch Buzukus Werk diesem Verfahren zum Opfer gefallen sei.7 Es war nie für die einfachen Gläubigen gedacht, sondern für „... albanische Geistliche der norditalienischen Diaspora ...“.8 Dennoch war es in einer Volkssprache geschrieben und Texten dieser Art stand die Kirche im 16. Jh. kritisch gegenüber. Elsie (2007) umreißt die Einstellung der katholischen Kirche folgendermaßen: „.... Die Einstellung der Kirche zu religiösen Veröffentlichungen, insbesondere zu Veröffentlichungen in Volkssprachen, d. h. nicht auf Latein, schwankte sehr in und nach den Jahren des Tridentinischen Konzils (1545-1563). Im Geist einer dringend benötigten Reform befürwortete die Kirche anfänglich die Übersetzung von Kirchenschriften in den Volkssprachen. Bald darauf änderte sie ihre Haltung. In Rückbesinnung auf die traditionelle katholische Lehre der Gegenreformation, die der italienischen Renaissance ein Ende machte, und in der allgemeinen Atmosphäre von Einschüchterung, die während der Inquisition herrschte, wurden die gleichen, früher geförderten Bücher auf den Index (Index librorum prohibitorum) gestellt und dadurch verboten. ...“9 Andere Wissenschaftler widersprechen der These, dass Buzukus Buch auf den Index kam. Peters (2007) weist darauf hin, dass Buzukus Buch „... eine Handreichung oder Arbeitsbehelf für Liturgie und Katechese ...“10 war. Dies könnte die katholische Kirche geduldet haben, da sie im 16. Jh. bemüht war, ihren Status zu festigen und sich einerseits in Europa gegen die Protestanten durchsetzen musste und andererseits in Albanien gegen den islamischen Einfluss. Dabei könnte ein Werk, das den albanischen Geistlichen den katholischen Glauben und dessen Dogmen etc. nahebringt und ihren Glauben festigt, hilfreich gewesen sein. Möglicherweise blieb dadurch das Missale von einem Verbot verschont. Zusammenfassend kann nur gesagt werden, dass es in der Forschung nicht abschließend geklärt ist, ob Buzukus Buch dem Verbot durch die Kirche zum Opfer gefallen ist oder nicht. Das Missale und die Dottrina cristiana haben die Intention gemeinsam, die albanische Identität an westliches Gedankengut anzuknüpfen, um sich vom osmanischen Einfluss abzugrenzen. Dafür spricht auch, dass beide Bücher Übersetzungsarbeiten theologischer Werke sind. Zudem sind beide Werke außerhalb Albaniens durch Geistliche entstanden, „... deren Bestreben es war, das Albanische nach vielen Jh.en der Mündlichkeit angesichts der osmanisch-islamischen Eroberung als Sprache des christlichen Glaubens zu fixieren und so zu etablieren. ...“11 In den nächsten Abschnitten werden das Missale von Buzuku und die Dottrina cristiana von Matrënga kurz vorgestellt. Auf eine Inhaltsangabe wird aufgrund der Textarten verzichtet: Die Dottrina ist ein Katechismus und das Missale eine Komposition aus Gebeten, Psalmen und anderen christlichen Texten. I.3.2.1 Über das Missale von Buzuku Das Missale von Gjon Buzuku in altgegischem Dialekt stammt aus dem Jahre 1555. Es ist das erste gedruckte Buch in albanischer Sprache. Ursprünglich bestand das Werk aus 110 Folioblättern. Davon sind 16 verloren gegangen, u.a. das Frontispiz, so dass der genaue Titel heute unbekannt ist. Das erhaltene Werk besteht aus 94 Folioblättern, i.e. 188 Seiten.1 Ferner fehlt die Angabe des Druckorts. In der Forschung wird allgemein angenommen, dass das Missale in Venedig2 hergestellt wurde. Zu diesem Schluss ist man u.a. aufgrund der verwendeten Schrift beim Druck, der norditalienisch-gotischen Rotunda, gekommen. Für das vorliegende Projekt wurde nicht das gesamte Missale konsultiert, sondern nur Folio 9, i.e. 9r und 9v nach der Ausgabe von Ressuli (1958). Lediglich ein Exemplar des Missales ist erhalten. Das Buch war lange Zeit in Vergessenheit geraten und wurde zufällig 1740 in der Bibliothek „… of the College of the Propaganda Fide …“3 durch den Jesuiten Johannes Nicolevich Casasi4 wieder entdeckt. Heute wird das einzige Exemplar in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt. Das Werk Buzukus wird nach seinem Inhalt Missale genannt, bzw. auf Albanisch Meshari.5 Daran wird deutlich, dass es sich hierbei nicht um ein Werk handelt, das der Feder Buzukus entsprungen ist, sondern dass eine Übersetzungsarbeit katholischer Literatur aus dem Lateinischen ins Albanische vorliegt. Einen konkreten Vorlagetext besitzt das Missale jedoch nicht.6 Es ist vielmehr eine Kompilation von Gebeten sowie liturgischen und religiösen Texten aus dem Alten und Neuen Testament, die im Kirchenjahr zentrale Bedeutung haben. Peters (2007) fasst den Inhalt des Missales treffend zusammen: „… Das liturgische Werk Buzukus ist eine Mischung aus Brevier, Messbuch, Lektionar, Rituale und Katechismus und beginnt zunächst mit Teilen des Stundengebets (Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet), dann folgen die Sieben Bußpsalmen Davids, Heiligenlitaneien des franziskanischen Ritus einige Teile des Rituale (über das hl. Ehesakrament), die Zehn Gebote sowie einige andere Teile des Katechismus und schließlich fast alle Messen, welche während des Kirchenjahres zu feiern sind, sowohl zu den beweglichen als auch zu den unbeweglichen Festtagen. …“7 Das Werk klingt mit einem „persönlichen“ Kommentar von Buzuku aus. Darin erklärt er seine Beweggründe, das Missale anzufertigen, ermahnt den Leser häufiger in die Kirche zu gehen, beschreibt kurz den Arbeitszeitraum an dem Buch und entschuldigt sich für eventuelle Fehler. Durch dieses Postskriptum sind ein paar Informationen über Buzuku auf uns gekommen. Doch insgesamt ist über den Autor nur sehr wenig überliefert. Man weiß, dass Gjon Buzuku ein katholischer Geistlicher war. Wahrscheinlich hat er nicht in Albanien gelebt, sondern in der Region um Venedig. In dieser Gegend sind albanische Flüchtlinge nach der osmanischen Eroberung sesshaft geworden, darunter auch die Sippe Buzukus. Aufgrund seines Dialektes kann es als sicher gelten, dass Buzukus Wurzeln in Nordalbanien, der Heimat des Gegischen, lagen.8 I.3.2.2 Über die Dottrina cristiana von Matrënga Die Dottrina cristiana, oder auf Albanisch Mbsuame e Krështerë, von Lekë Matrënga aus dem Jahre 1592 ist das erste bekannte Werk im toskischen Dialekt. Gedruckt wurde es in Rom. Es handelt sich hierbei um eine Übersetzung des Katechismus des Jesuiten Jacob Ledesma. Als Vorlage diente eine italienische Version, mit der die Dottrina cristiana verflochten ist. So wechseln sich italienische und albanische Passagen ab. In der vorliegenden Untersuchung wird der italienische Part nicht berücksichtigt, da er gleichen Inhalts wie der albanische Text ist und die vorliegende Untersuchung das Italienische nicht einbezieht. Gemäß der Vorlage ist die Dottrina cristiana als Frage-Antwort-Text gestaltet. Dabei werden Inhalte des christlichen Glaubens dargelegt, verschiedene Gebete vorgetragen und besprochen sowie Dogmen erklärt. Zusätzlich enthält das Buch eine Einleitung in zeitgenössischer italienischer Sprache. Eine Besonderheit der Dottrina cristiana ist, dass sie mit einem kurzen Gedicht, dem Canzone Spirituale, beginnt, der ersten niedergeschriebenen albanischen Lyrik. Das Werk Matrëngas umfasst 48 Folioblätter. Es sind drei verschiedene Handschriften der Dottrina cristiana erhalten. Man geht sogar davon aus, dass eins dieser Manuskripte die Handschrift Matrëngas selbst ist. Als gedrucktes Buch ist die Dottrina cristiana nur in einem Exemplar erhalten. Matzinger (2006) informiert über das Buch: „… Da die gedruckte Ausgabe allerdings sehr fehlerhaft und insgesamt recht mangelhaft war, ist es dieser schlechten Qualität zuzuschreiben, daß der Druck keine große Resonanz gefunden hat. So ist die Dottrina cristiana des Lekë Matrënga in der Folge in Vergessenheit geraten. …“1 Über Matrënga selbst ist ein wenig mehr als über Buzuku bekannt. Matrënga lebte von 1567–1619. Über seinen Geburtsort besteht Ungewissheit. In Frage kommen Piana dei Greci2 oder Monreale, beide Orte liegen in der Provinz Palermo auf Sizilien. Matrënga stammt aus einer toskischen Familie, die vermutlich 1532/33 aus Albanien ausgewandert ist. 1582–1587 studierte Matrënga in Rom am griechischen Kollegium des Heiligen Athanasius und kehrte anschließend nach Sizilien zurück. Die Weihe zum Priester erhielt er vermutlich 1591. Über seine späten Lebensjahre weiß man, dass er in der italoalbanischen Gemeinde in Piana dei Greci als Geistlicher wirkte. Dort starb er auch am 6. Mai 1619 als Erzpriester. Im Unterschied zu Buzuku war Matrënga ein Geistlicher orthodoxen Glaubens. I.3.3 Zur Hrafnkels saga freysgoða Der altnordische Text Hrafnkels saga freysgoða1 ist eine fiktive Erzählung, die in das Genre Saga einzuordnen ist. Sie lebt besonders von Rachemotiven, die einen Gerichtsprozess führen. Die Geschichte berichtet, wie es zu diesem kam, aber auch auf welche Weise die Figuren streiten und welches Ende der Konflikt nimmt. Der Rechtsstreit wird beinah demokratisch gelöst, was für die Zeit, in der die Geschichte spielt, durchaus bemerkenswert ist. Die Hauptprotagonisten der Saga Hrafnkels saga freysgoða sind Hrafnkell und Sámr, wobei Sámr erst etwa in der Mitte der Geschichte auftritt. Zu Beginn der Saga werden Hrafnkell und sein Wohnsitz, der Adelhof, beschrieben. Hrafnkell ist ein wohlhabender und mächtiger Mann, der das Godenamt ausübt, d.h. er erfüllt eine gewisse Schutzfunktion und Gerichtsbarkeit. Ein armer Mann, Þorbjǫrn, schickt seinen ältesten Sohn Einar in den Dienst Hrafnkells, wo er eine Anstellung als Schafhirte erhält. Eines Tages jedoch verschwinden die Schafe. Um sie schneller finden und zurücktreiben zu können, fängt Einar von einer Pferdeherde eins der Tiere ein. Er erwischt den Hengst Freyfaxi, der Hrafnkell gehört und dem Gott Freyr geweiht ist. Hrafnkell hat es jedermann untersagt, ihn zu reiten. Natürlich hofft Einar, dass Hrafnkell nichts bemerkt. Doch Hrafnkell erfährt davon und erschlägt Einar. Der Vater Einars verlangt Vergeltung und fordert ein Rechtsurteil. Þorbjǫrn sucht hinsichtlich des Streits Unterstützung bei seinem Bruder Bjarni und dessen Sohn Sámr, der im Laufe der Geschichte als Gegenspieler Hrafnkells hervortritt. Sámr übernimmt die Klage für Einars Vater. Daraufhin wird ein Thing einberufen und der Prozess zu Gunsten Þorbjǫrns und Sámrs entschieden. Hrafnkell wird als friedlos erklärt und von seinem Hof vertrieben. Stattdessen bezieht Sámr diesen mit seinen Leuten, auch den Hengst Freyfaxi nimmt er in Besitz. Allerdings wird das Pferd getötet, da überhaupt erst der Ritt auf ihm den Streit heraufbeschworen hat. Hrafnkell verlegt seine Wirtschaft und erarbeitet sich erneut Reichtum und Ansehen. Zum Ende der Saga kehrt der Bruder Sámrs, der Seemann Eyvindr, nach Island zurück. Als dieser mit seinen Leuten von der Küste in das Landesinnere reitet, treffen sie mit Hrafnkell und einigen von dessen kampftüchtigen Untergebenen zusammen. Es kommt zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, in der Hrafnkell Eyvindr tötet. Anschließend fällt Hrafnkell mit seinen Leuten auch bei Sámr ein, vertreibt ihn vom Adelhof und raubt all seinen Besitz, aber lässt ihn am Leben. Die Geschichte endet damit, wie Hrafnkell seinen Grundbesitz unter sich und seinen Söhnen aufteilt und viel später an einer Krankheit stirbt. Der Rechtsstreit sowie die anschließende Enteignung und Vertreibung Hrafnkells bilden den längsten Part der Geschichte. Der Totschlag Einars ist die Vorgeschichte, die den Streit heraufbeschwört. Mit dem Tod Eyvindrs kommt es im Verlauf der Erzählung erneut zu einem Konflikt. Das Ende der Saga ist die Rache Hrafnkells. Die Saga kann in die Abschnitte Einleitung, erster Konflikt, erste Rache, beruhigte Phase, erneuter Konflikt, zweite Rache und Ende gegliedert werden. Dies spiegelt das Grundschema wieder, nach dem die Isländersagas aufgebaut sind. Der Terminus Saga (anord. saga ‚etwas Erzähltes‘) ist von anord. segja ‚sagen, erzählen‘ abgeleitet und bedeutet ‚Mitteilung, Bericht‘. Sagas gehören zur altnordischen Prosaliteratur und sind in schriftlicher Form überliefert. Sie werden in der Forschung in verschiedene Untergruppen eingeteilt, so spricht man beispielsweise von den Königssagas, den Bischofssagas, den Isländersagas, den Vorzeitsagas und anderen.2 Gegenstand der folgenden Darstellung sind ausschließlich die Isländersagas, da die Hrafnkels saga freysgoða zu diesen gehört. Insgesamt sind etwa 40 Geschichten dieser Art überliefert. Die Bezeichnung Isländersaga, bzw. auf Isländisch Íslendinga sögur, leitet sich von der Herkunft der Protagonisten ab, „… die zu den ersten Generationen des isländischen Volkes gehörten, von der Landnahme bis etwa 1030. …“3 Die überlieferten Sagas entstammen der Zeit zwischen der Mitte des 12. Jh. bis ins 14. Jh. Die Autoren sind häufig nicht bekannt. Ebenso ist oft unklar, wann genau und wo die einzelnen Sagas verfasst wurden. Auch hinsichtlich möglicher Quellen können nur Vermutungen angestellt werden. Es ist anzunehmen, dass die Sagas ein Potpourri mündlicher Überlieferungen, älterer Schriften, Genealogien und der Phantasie des jeweiligen Autors darstellen. Eines sind sie jedenfalls nicht: zuverlässige historische Quellen für die Zeit von etwa 930–1030. Die Sagas zeigen vielmehr, welche Vorstellung ihre Verfasser von der Zeit um das 10. Jh. gehabt haben mögen. Thematisch drehen sich die Isländersagas stets um Auseinandersetzungen, Kämpfe, Fehden und Rache. Dabei werden die Charaktere sehr plastisch und lebendig dargestellt. Sie haben sowohl gute wie schlechte Seiten und erleben im Laufe der Erzählung einen Wandel. Baetke (1952) rühmt die Sagaliteratur mit folgenden Worten: „… Diese Literatur erweckt das Interesse des Literaturhistorikers schon deswegen, weil es die einzige künstlerische Prosaliteratur des abendländischen Mittelalters ist mit einem ebenfalls einzigartigen Sprachstil und einer realistischen Darstellungsform, die erst in der Neuzeit ihresgleichen gefunden hat. …“4 Die Hrafnkels saga freysgoða gilt als „… die bedeutendste Isländersaga. …“5 Sie ist um 1300 entstanden. Man geht in der Forschung davon aus, dass es sich um ein fiktives Werk handelt, auch wenn einige Figuren, wie zum Beispiel Hrafnkell, historisch belegt sind. Die Saga Hrafnkels saga freysgoða ist in verschiedenen Abschriften erhalten. Baetke (1952) bezeichnet sie als A (AM 156, fol.), B (AM 158, fol.), C (AM 433, 4 ), D (AM 551 c, 4 ) und y. Die Versionen A, B, C und y gehen auf dieselbe Membran zurück, kurz als M bezeichnet. Diese Membran ist ins 15. Jh. zu datieren und „… war bis 1650 vollständig bewahrt. …“6 Heute ist lediglich noch ein Pergamentblatt in AM 162 I, fol. erhalten. Auch die Abschrift y ist verloren gegangen. Doch nach ihrem Vorbild sind die Abschriften B und C angefertigt worden. Die Handschrift A dagegen wurde wohl direkt von M abgeschrieben. Die Version D weicht von den anderen stark ab und es wird in der Forschung angenommen, dass sie anhand der ursprünglichen Version der Saga angefertigt wurde. In dieser Untersuchung wurde mit der Ausgabe von Baetke (1952) gearbeitet. Diese stützt sich großteils auf die Abschrift A der Saga.7 I.3.4 Zur Geschichte Armeniens von Agantʿangeɫos Das Werk ist, wie das von Xenophon, ein Denkmal antiker Geschichtsschreibung. Die Geschichte Armeniens von Agantʿangeɫos ist bekannt unter dem Titel Patmowtʿiwn Hayocʿ, doch das Vorwort ist mit Agantʿangeɫeay Patmowtʿean, i.e. ‚Geschichte von Agantʿangeɫos‘, überschrieben. Der Autor zeigt hier ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein, indem er sich selbst im Titel nennt. Im Weiteren wird von der Geschichte Armeniens oder von Patmowtʿiwn Hayocʿ gesprochen. Liest man die Patmowtʿiwn Hayocʿ, erschließen sich die historischen Zusammenhänge nicht augenblicklich. Der Autor setzt viel Weltwissen des Lesers voraus, das ein heutiger Leser nicht mitbringt. Ferner besteht auch in der Forschung nicht immer Einigkeit über die Bestimmung der Jahreszahlen etc. Bspw. ist eine Hauptfigur der Geschichte Armeniens der armenische König Trdat. Über sein Leben ist wenig bekannt.1 Sicher ist, dass König Trdat der erste getaufte armenische König war und im Jahre 330 starb. Im Folgenden wird versucht, zunächst das Werk selbst und anschließend die historischen Hintergründe der Geschichte Armeniens zu erklären, damit der Text von Agantʿangeɫos dem Leser durchsichtiger wird. I.3.4.1 Über das Werk Die Geschichte Armeniens von Agantʿangeɫos ist ein umfangreiches Werk. Für die Untersuchung wurden lediglich der Prolog und das erste Kapitel verwendet. Daher wird auch nur deren Inhalt umrissen. Einen knappen Überblick über den Inhalt des gesamten Werks gibt Inglisian (1963): Der Text besteht „… aus 3 Teilen: Nach einer schwulstigen Einführung a) die Darstellung der polit. Umwälzung in Persien (gewaltsame Machtergreifung des Sassaniden Artaschir und Beginn dieser Dynastie) und in Armenien Flucht des Trdats und Gregors und Rückkehr nach Armenien, Bekenntnis Gregors als Christ und seine daranschliessenden Folterqualen, wie die Verfolgung und das Martyrium der christl. Jungfrauen Hrip’simeank’ (15–133); b) die Lehre Gregors (124–372); c) Bekehrung des Hofes und des ganzen Volkes, feierliche Bischofsweihe Gregors in Cäsarea (Kappadozien) und seine pastorale Tätigkeit (373–474). …“1 Die Geschichte Armeniens beginnt mit einer langen Einleitung. Die Sprache des Prologs ist poetisch und die Konstruktionen sind kompliziert. Thomson (1976) nennt sie „äußerst gewunden“ und weist darauf hin, dass es oft schwierig ist, textnah zu übersetzen.2 Agantʿangeɫos beginnt mit einer Meeres-Metaphorik, die sich durch das gesamte Vorwort zieht. Dabei betont er besonders die gefährliche Schönheit des Ozeans. Der Autor vergleicht sich mit einem Kaufmann, der sich den Bedrohungen des Meeres aussetzt, um kostbare Waren zu erlangen. Agantʿangeɫos aber segelt auf dem „Meer der Weisheit“ sowie dem „Meer der Geschichte“ und trotzt den Klippen, die sich einem Schriftsteller in den Weg stellen. Ohne zunächst den Namen zu nennen, schreibt Agantʿangeɫos, dass er dieses Werk auf die Aufforderung eines Königs hin verfasst hat. Anschließend stellt sich Agantʿangeɫos selbst vor.3 So erfährt man, dass er aus Rom kommt und in Latein, Griechisch und literarischer Dichtung geschult ist. Ebenso nennt und rühmt er in diesem Absatz den König Trdat sowie dessen Geschlecht, die Arsakiden. Daraus kann geschlossen werden, dass er auch zuvor von diesem König Trdat sprach. In der armenischen Geschichte gab es jedoch mehrere Könige dieses Namens. In der Forschung geht man davon aus, dass es sich entweder um Trdat III4 oder Trdat IV handelt.5 Ferner skizziert er in groben Zügen das Leben sowie die Verdienste von Gregor dem Erleuchter6, allerdings auch ohne dessen Namen mitzuteilen. Anschließend betont Agantʿangeɫos, dass er keine Quellen benutzte, da er alles mit eigenen Augen gesehen habe. Die letzten Absätze des Vorworts enthalten einen Ausblick über das, was Agantʿangeɫos in seinem Werk berichten wird. Das Vorwort schließt, wie es begonnen hat, mit einer Meeres-Metaphorik. Das erste Kapitel ist mit „Leben und Geschichte des Heiligen Gregor“7 überschrieben. Zunächst werden die zeitgenössischen Herrschaftsverhältnisse dargelegt, allerdings die des Iran, was für den heutigen Leser im Text nicht gleich deutlich wird. Man muss wissen, dass zwischen dem iranischen und dem armenischen Königshaus enge Bande bestanden, da beide der Dynastie der parthischen Arsakiden8 entstammen.9 Agantʿangeɫos schreibt, dass die Parther durch die Perser abgesetzt wurden. An ihrer Spitze stand Artashir, der Sohn des Sasan. Dies war zur Zeit des armenischen Königs Khosrov, dem Vater Trdats. Es wird berichtet, wie König Khosrov eine Armee aufstellt, um gegen die Perser zu ziehen. Die Streitmacht besteht aus Völkern verschiedener Nationen, u.a. Albaner und Georgier. Andere Verwandte des armenischen Königshauses unterwerfen sich der Herrschaft des persischen Königs Artashir. Dem armenischen König gelingt es, die persische Streitmacht zu zerschlagen, so dass der persische König vor ihm flieht. Im folgenden Jahr wird erneut eine Armee versammelt, zu der sich auch weitere Völker gesellen. Die Plünderungen und Kriegstreibereien setzen sich die nächsten 11 Jahre10 fort. Der persische König sucht nach einem Ausweg aus dieser Misere und versammelt die Obersten seines Reiches. Unter diesen befindet sich ein Parther, genannt Anak, der dem Perser Rache verspricht. Der Perserkönig stellt Anak eine Krone und den zweiten Rang in seinem Reich als Belohnung in Aussicht. Anak begibt sich zum armenischen Hof und meuchelt König Khosrov. Nur ein Kind überlebt das Attentat auf das armenische Königshaus, der Sohn Khosrovs, Trdat. Diese Tat Anaks bleibt nicht ungesühnt und er wird samt seiner Familie getötet. Das erste Kapitel endet damit, dass der persische König Artashir Armenien einnimmt und die Grenzen befestigt. Im Allgemeinen ist es unklar, wann genau die Geschichte Armeniens verfasst wurde. In der Forschung wird das Werk auf die zweite Hälfte des 5. Jh. datiert. Die Ereignisse, die geschildert werden, sind aber im 3. und 4. Jh. anzusiedeln. Daher wird bezweifelt, dass Agantʿangeɫos ein Augenzeuge war, wie er selbst schreibt. Ein Grund für die späte Datierung liegt in der Biographie des heiligen Gregor, denn diese ist der Biographie des Mesrop von Koriwn nachempfunden. Da die Lebensbeschreibung des Mesrop in der Mitte des 5. Jh. niedergeschrieben wurde, kann das Werk von Agantʿangeɫos nicht älter sein. Ferner ist bei Thomson (1976) zu lesen, dass der Name Agantʿangeɫos den armenischen Autoren ungefähr bis zum Ende des 5. Jh. nicht bekannt war.11 Vermutlich wurde das Werk zeitlich so angesiedelt, um den armenischen Volk eine Geschichte zu geben, die die Fakten so darlegt, dass das Volk stolz auf seine Herkunft sein kann. Ein weiterer, entscheidender Grund, warum das Werk des Agantʿangeɫos nicht zu Lebzeiten des Königs entstanden sein kann, ist folgender: In der Forschung bestehen zwar Unsicherheiten hinsichtlich der Lebensdaten Trdats12, aber seine Konversion wird relativ sicher auf 314 datiert, nach armenischer historischer Tradition auf 301. Das armenische Alphabet wurde jedoch erst zu Beginn des 5. Jh.s entwickelt. Des Weiteren gilt die armenische Fassung als Original und man weiß, dass die Armenier vor der Entwicklung ihres eigenen Alphabets ihre Sprache nicht anhand eines anderen verschriftlicht haben. Thomson (1976) schreibt über das Werk des Agantʿangeɫos in der Einleitung, dass es eine Mischung aus erinnerter Tradition und erfundener Legende ist. Von der Geschichte Armeniens gab es eine ältere und eine jüngere Version.13 Bewahrt ist lediglich die ältere. Die jüngere Fassung ist zwar verloren gegangen, aber durch Übersetzungen ins Griechische, Syrische, Arabische und Georgischebekannt. Der verlorengegangene Text wird Zyklus V genannt, der erhaltene Zyklus A. Kettenhofen (1995) weist zusätzlich daraufhin, dass van Esbroeck eine weitere Version gefunden hat, „… die sowohl die A- als auch die V-Rezension aneinander anglich; auch ihre armenische Vorlage ist verloren. …“14 Schon in der Antike wurde die Geschichte Armeniens von Agantʿangeɫos vielfach übersetzt. Laut Thomson (1976) gibt es nur eine komplette Übersetzung in eine moderne Sprache. Es ist eine Übersetzung ins Italienische im Jahre 1843 durch die venezianischen Mechitaristen.15 Mit Thomsons Edition (1976) liegt die erste englische Übersetzung vor. Diese wurde grundlegend für die vorliegende Arbeit genutzt. I.3.4.2 Historische Hintergrundinformationen Die Geschichte Armeniens von Agantʿangeɫos beschreibt die armenische Geschichte des 3. Jh. Zu dieser Zeit gab es zwei Großmächte, die Römer im Westen und die Parther im Osten. Beide unterhielten friedliche Beziehungen und teilten den gleichen Feind, i.e. die erstarkenden Perser. Diese versuchten derzeit die Parther im Osten zu verdrängen. Agantʿangeɫos berichtet zunächst über die Sasanidische Revolution des Jahres 224. Die Parther, die lange Zeit im Iran herrschten, wurden abgesetzt und die Perser nahmen deren Position ein. Dies beschwor einen Konflikt mit den Armeniern herauf, deren amtierender König Khosrov der Linie der Parther entstammte. Der zu den Persern übergelaufene Fürst Anak ermordete König Khosrov. Im Gegenzug wurde Rache an Anak und seiner Familie geübt, lediglich sein Sohn Gregor überlebte. Er wurde in Kappadokien bei einer Christin im christlichen Sinne erzogen. Später wird er als Gregor der Erleuchter, der Apostel der Armenier, bekannt werden. Auch der Sohn Khosrovs, Trdat III. oder Trdat IV.1, wurde außer Landes gebracht. Durch römischen2 Einfluss erhielt Trdat unter der Herrschaft des römischen Kaisers Diocletian den armenischen Thron zurück. Die römische Politik beeinflusste die armenische entscheidend. Kaiser Diocletian verfolgte Christen und ebenso wurden Christen in Armenien verfolgt und umgebracht. Doch als sich in Rom unter Kaiser Konstantin die Haltung gegenüber den Christen änderte, änderte auch König Trdat seinen Kurs. Diese Problematik ist mit einer Legende3 verknüpft, die von der Ermordung 33 nach Armenien geflüchteter Jungfrauen handelt. Angeblich hat es sich folgendermaßen zugetragen: König Trdat verliebte sich in die schöne Nonne Hripʿsimeankʿ. Er begehrte sie zur Frau, doch sie wollte keinen „Heiden“ ehelichen. Daraufhin ließ der König Hripʿsimeankʿ sowie weitere Jungfrauen aus ihrem Orden ermorden. Damit nahm, der Geschichte nach, die Christenverfolgung in Armenien ihren Lauf. Trdat aber wurde sehr krank und verwandelte sich in ein Wildschwein. Seine Schwester Khosroviducht hatte eine Vision, dass nur Gregor, der Sohn des Anak, ihn retten könnte. Gregor befand sich zu dieser Zeit bereits seit einiger Zeit im Kerker, weil er als Christ erkannt worden war. Nun wurde er herausgeholt, bekehrte und heilte den König und das Christentum hielt als anerkannte Religion Einzug in Armenien. Wie viel Wahrheit in dieser Legende steckt, kann man heute nicht mehr genau sagen. Interessant sind aber zwei Dinge: Zunächst wird mit der Bekehrung des armenischen Königs direkt ein christliches Grundprinzip demonstriert, i.e. das Vergeben. Trdat und Gregor sind eigentlich aufgrund ihrer Herkunftsverhältnisse Feinde, doch durch die Heilung und Bekehrung überwinden sie dies. Gregor wird danach geistliches Oberhaupt Armeniens. Somit arbeiten Gregor und Trdat Hand in Hand. Hinsichtlich der Wahrheit ist bei Deschner (1996) zu lesen, dass Gregor um 280 das Christentum verkündete und „… [d]abei gewann er Einfluß auf König Trdats Schwester Chosroviducht und zuletzt auf den König …“.4 Der zweite interessante Punkt ist die neue Religion. Armenien war lange Zeit geteilt, so dass ein Teil des Landes iranisch und der andere griechisch geprägt war. Das Volk besaß also keine einheitliche Religion. Durch die Einführung des Christentums als Staatsreligion wird das Volk auch im Geiste geeint. Zugleich wurde dadurch politisch eine neue Zeit eingeleitet. Eine andere Meinung vertritt Deschner (1996). Er sieht den Übertritt der Armenier zur christlichen Religion in der Feindschaft mit den Persern begründet. Er schreibt: „… Das Motiv für den Übertritt des Königs und damit für die Christianisierung des Volkes war nichts andres als der Argwohn, die Feindschaft gegen Persien. …“5 So hat das armenische Volk die neue Religion nicht aus eigenem Entschluss angenommen. Vielmehr befahl König Trdat dem Volk Christen zu werden, wie er auch. Im Zuge dessen wurde Armenien das erste Land, das das Christentum als Staatsreligion eingeführt hat. I.4 Theoretische Grundlagen In diesem Kapitel werden die zugrunde gelegten Theorien erläutert, die anschließend in Kapitel II und III angewendet werden, wobei beide Kapitel ineinander greifen sowie aufeinander aufbauen. In Kapitel II erfolgt eine Beschreibung und Untersuchung des Artikels nach grammatiktheoretischen Grundsätzen, die sich besonders in der finalen Analyse auf das Prinzipien- und Parameter-Framework stützen (vgl. Kap. II.10). Dieses Framework bildet auch den Ausgangspunkt der syntaktischen Analyse. Ausgehend von der Erforschung grammatischer Kategorien und Funktionen wurden innerhalb der generativen Grammatik verschiedene Hypothesen zur Erklärung von Serialisierungen und syntaktischer Besonderheiten entwickelt. Dazu gehören u.a. die Rektions- und Bindungstheorie oder die DP-Analyse1, die zur Erforschung des definiten Artikels als maßgebliche Basis dient (vgl. Kap. III). Mittels dieser Analyse können syntaktische Zusammenhänge sichtbar gemacht und somit Serialisierungen sowie unmarkierte Strukturen im Nominalbereich leichter gedeutet werden. Phänomene, wie mehrere Artikel in einer Phrase, können ebenfalls durch diesen syntaktischen Ansatz erklärt werden. Im Folgenden werden zunächst die für diese Arbeit wichtigen Grundlagen des Prinzipien- und Parameter-Frameworks dargelegt (Kap. I.4.1), anschließend die DP-Hypothese sowie weitere Theorien, Termini und Begriffe der generativen Grammatik, die zum Verständnis der Untersuchung essentiell sind (vgl. Kap. I.4.2). I.4.1 Zum Prinzipien- und Parameter-Framework Das Prinzipien- und Parameter-Framework ist eine Grammatiktheorie, die auf Chomsky (1981, 1982) zurückgeht und sprachübergreifend den Aufbau von natürlichen Sprachen beschreibt.1 Nach dieser Theorie gibt es Prinzipien und Parameter, die zusammengenommen eine spezifische Sprache konstituieren. Prinzipien sind universelle Regeln, Grundsätze, Merkmale etc., die in jeder Sprache Geltung haben, d.h. es handelt sich um obligatorische Gesetzmäßigkeiten, die eine Sprache determinieren. Die Prinzipien bilden also die Grundlagen der sog. Universalgrammatik. Parameter sind demgegenüber Features, die ein sprachliches Element zusätzlich aufweisen kann und die die speziellen Besonderheiten einer Sprache formen. Das Prinzipien- und Parameter-Framework geht von funktionalen und lexikalischen Kategorien aus. Lexikalische Kategorien sind uniform, d.h. sie gelten sprachübergreifend und erfassen die deskriptiven Elemente einer Sprache wie Verben, Adjektive etc. Funktionale Kategorien sind sprachspezifisch und konzentrieren sich auf grammatische Merkmale und Aufgaben sprachlicher Elemente. In diese Gruppe gehören alle sprachlichen Elemente ohne beschreibenden Inhalt, also Artikel, Präpositionen usw.2 Im Prinzipien- und Parameter-Framework spielen die sog. Adäquatheitsbestimmungen eine wichtige Rolle. Diese sind Beobachtungs-, Beschreibungs- und Erklärungsadäquatheit. Ein Erklärungsmodell muss beobachtungsadäquat sein, d.h. es muss Regeln formulieren, die zur Erzeugung ausschließlich grammatisch korrekter Strukturen führen und dabei alle Möglichkeiten zur Bildung von Phrasen einer Sprache berücksichtigen. Aus der Beobachtungsadäquatheit resultiert Beschreibungsadäquatheit. Sie ist gegeben, wenn die erste Bestimmung erfüllt ist und wenn die aufgestellten Regeln richtige Strukturbeschreibungen erzielen. Erklärungsadäquatheit schließlich ergibt sich aus der Beschreibungsadäquatheit, d.h. Erklärungsadäquatheit liegt vor, wenn die beschriebenen Regeln mit den Prämissen der universellen Grammatik harmonieren. Ziel ist es also, einfache und anwendungsbezogene Hypothesen folgerichtig für natürliche Sprachen zu erarbeiten, um die Annahme einer Universalgrammatik zu stützen. Prinzipien repräsentieren dabei die allgemeingültigen Regeln und Parameter die einzelsprachlichen Variationen. Somit legt das Prinzipien- und Parameter-Framework eine Sprache nicht auf eine syntaktische Struktur fest, sondern ermöglicht einerseits die Erklärung sowohl markierter als auch unmarkierter Serialisierungen und andererseits die Analyse grammatischer Elemente, die zwar in verschiedenen Sprachen vorkommen, im Vergleich jedoch Funktionsvariationen aufweisen. In Kapitel II wird ebenfalls nach den Adäquatheitsbestimmungen gearbeitet. Zunächst werden die erhobenen sprachlichen Daten ausgewertet und Regelmäßigkeiten sowie Unregelmäßigkeiten abgeleitet. Anhand dieser Beobachtungen und den daraus resultierenden Beschreibungen der Untersuchungssprachen kann im Fazit des Kapitels II die Kategorie Artikel angemessen erklärt werden. In Kapitel II wird das Prinzipien- und Parameter-Framework zur Erklärung der Kategorie Artikel adaptiert. Nach den Gesichtspunkten dieser Theorie gilt der Artikel eigentlich als funktionale Kategorie und somit als parametrische Größe. Doch in dieser Arbeit wird aufgrund des Sprachvergleichs angenommen, dass eine funktionale Kategorie ebenfalls in Prinzipien und Parameter untergliedert werden kann. Durch dieses Vorgehen wird die Definition der Kategorie Artikel am Ende des Kapitels II deutlich konkretisiert, wobei universelle Merkmale von optionalen unterschieden werden können. Ferner stellt das Prinzipien- und Parameter-Framework die Grundzüge der syntaktischen Theorie, die in Kapitel III Anwendung findet, dar. Die Theorie nimmt Strukturbeschreibungen an, die „… die phonetischen, semantischen und syntaktischen Eigenschaften eines sprachlichen Ausdrucks spezifizieren. …“3 Diese Strukturbeschreibungen stellen also dar, wie ein sprachlicher Ausdruck insgesamt zustande kommt, d.h. die unterschiedlichen Kategorien eines Lexikons werden durch die genannten Merkmale repräsentiert. Des Weiteren werden die sprachlichen Ausdrücke durch vier Repräsentationsebenen erfasst, i.e. die phonetische Form PF, die logische Form LF, die D-Struktur (von engl. deep-structure) sowie die S-Struktur (von engl. surface-structure). Die phonetische und logische Form betreffen die Lautproduktion und die Lautrezeption. Somit reflektieren die beiden Level die Erzeugung sprachlicher Ausdrücke. Die D-Struktur dagegen steht in direkter Relation zum Lexikon und repräsentiert die „… s-selektionalen Eigenschaften der lexikalischen Elemente …“.4 In der D-Struktur werden die jeweiligen Ausdrücke aus dem Lexikon projiziert. S-selektional bezieht sich dabei auf die Selektionsbedingungen der Oberflächenstruktur, i.e. die Regel zur Generierung wohlgeformter Ausdrücke. Die S-Struktur ist somit das intermediäre Level, das die drei genannten Repräsentationsebenen in Bezug zueinander stellt und auf welchen die Ableitungsprozesse zur Erzeugung sprachlicher Ausdrücke stattfindet. Die S-Struktur ist also die vermittelnde Ebene. Für die vorliegende Untersuchung sind vorrangig die Repräsentationsebenen D- und S-Struktur relevant, da hier einerseits die strukturellen Bestimmungen reflektiert und andererseits die Anforderungen des Lexikons dargestellt werden. Zudem konzentriert sich die Analyse auf syntaktische Prozesse und Strukturen. Die phonetische und logische Form hingegen beziehen sich auf die Fähigkeit eines Sprechers, sprachliche Ausdrücke erfolgreich hervorzubringen, was im Rahmen dieser Analyse vernachlässigt werden kann. Die syntaktische Analyse findet also auf der D-Struktur statt, wobei nach Transformationsprozessen aus der D- die S-Struktur resultiert. Die Theorie, nach der die syntaktische Analyse erfolgt, baut letztlich auf den Annahmen des Prinzipien- und Parameter-Frameworks auf und entwickelt dieses weiter. Die entsprechende, grundlegende Darstellung erfolgt im nächsten Kapitel. I.4.2 Erläuterungen der Grundlagen der syntaktischen Analyse In diesem Abschnitt werden die Grundlagen der syntaktischen Analyse, die in Kapitel III angewandt wird, beschrieben. Maßgeblich stützt sich diese Arbeit auf die DP-Analyse, welche durch Operationen und Grundsätze des minimalistischen Programms erweitert wird. Zusätzlich müssen Hypothesen des Government-and-Binding berücksichtigt und erfüllt werden. Die DP-Hypothese basiert auf Abneys (1987) Ansatz und modifiziert die ältere NP- oder Standard-Analyse ausgehend von der X-bar-Theorie. In der X-bar-Theorie werden syntaktische Funktionen von sprachlichen Einheiten in Bezug zu einem regierenden Kopf analysiert. Die Bestandteile einer sprachlichen Einheit bzw. Konstruktion werden Konstituenten genannt. Der Terminus Konstituente leitet sich von dem lateinischen Begriff constituens ‚die (miteinander) etwas Aufstellende‘ ab. Eine Konstituente ist also selbst eine sprachliche Einheit, die Teil eines übergeordneten Komplexes ist. Die Größe einer Konstituente kann von einem Morphem bis zu einem Syntagma reichen. Klenk (2003) fasst dies wie folgt zusammen: „… Unter einer Konstituente eines Ausdrucks A versteht man einen Ausdruck B, der Teil von A ist. B kann dabei wiederum aus mehreren Konstituenten bestehen. …“1 Synonym wird für komplexe Konstruktionen auch der Terminus Phrase verwendet. Der Begriff Phrase leitet sich von gr. φράσις ‚Ausdruck‘ ab. Es handelt sich hierbei um eine zusammenhängende Gruppe von Konstituenten, die eine syntaktische Einheit bilden. Aber auch ein einzelnes Element kann als Phrase bezeichnet werden, z.B. ein Nomen als Nominalphrase, kurz NP. Der Ausdruck komplexe Phrase beschreibt eine Phrase, die zusätzliche Modifikatoren enthält, bspw. eine NP mit Numerale und attributiven Adjektiven. Maximale Phrasen sind diejenigen, die durch keine weitere Phrase dominiert werden. Ein wichtiges Charakteristikum ist, dass jede Phrase einen Kopf besitzt. Der Kopf ist das zentrale Element, i.e. der Kern der Phrase. Der Kopf vererbt bzw. projiziert morphosyntaktische und flexionsmorphologische Merkmale. Ferner wird der Begriff Konfiguration verwendet. Dieser Terminus stammt eigentlich aus der Semantik und bezeichnet „… eine[] geordnete[] Menge von semantischen Merkmalen. …“2 Doch im Folgenden wird mit dem Begriff eine Konstruktion oder Phrase benannt, die beispielhaft auf eine bestimmte Zusammensetzung von Elementen verweist, die nicht nur semantisch, sondern auch syntaktisch eine Einheit bilden. Diese Definition des Terminus ist auf die Herkunft des Begriffes Konfiguration von lat. configuratio ‚gleichförmige Bildungsweise‘ zurückzuführen. Der Begriff impliziert also, „… dass […] Satzglieder im Prinzip gleich aufgebaut sind und daher nach dem gleichen Modell analysiert werden können, z.B. bei stetiger Zweiteilung der Struktur durch eine binäre Verzweigung. …“3 Die binäre Verzweigung ist ein Grundprinzip der in dieser Arbeit angesetzten strukturellen Analyse. Nach der X-bar-Theorie projiziert nun jeder Kopf X° eine komplexere syntaktische Einheit XP, die maximale Projektion oder Phrase genannt wird. Eine Phrase verfügt nach der X-bar-Theorie grundlegend über folgende Struktur: Diese Basis-Baumstruktur verfügt über mehrere Projektionsebenen, in denen verschiedene Positionen oder Knoten einer Phrase in einem Abhängigkeitsverhältnis dargestellt werden, wobei jede Phrase ausgehend von der Kopfposition organisiert ist. Dieser Knoten X° regiert die maximale Projektion, XP, und projiziert seine Eigenschaften oder Features an dominierende Knoten. Die Komplementposition ist der Schwesterknoten des Kopfes und ist eine von diesem geforderte Ergänzung, i.e. obligatorische Konstituente. Ein Adjunkt ist demgegenüber eine nicht geforderte Ergänzung, d.h. eine optionale Modifikation des Kopfes. Während es pro Phrase nur eine Komplement-Position gibt, kann die Adjunkt-Position rekursiv angesetzt werden. Schließlich verfügt jeder Strukturbaum über eine Spezifiziererposition Spez,XP, in der weitere Argumente bzw. Modifikatoren des Kopfes generiert werden können. Entsprechend der grammatischen und syntaktischen Funktionen werden die projizierenden, sprachlichen Einheiten in verschiedene Kategorien gegliedert. In der DP-Analyse werden grundlegend lexikalische und funktionale Kategorien angenommen. Lexikalische Einheiten implizieren deskriptiven Inhalt, d.h. sie generieren bedeutungstragende Morpheme. Funktionale Kategorien hingegen repräsentieren grammatische Eigenschaften und haben keinen beschreibenden Gehalt, sondern binden lexikalische Konstituenten bzw. selegieren diese. Morphologisch sind funktionale Elemente abhängig von lexikalischen und nicht von diesen zu trennen, wobei sie phonologisch nicht ausgedrückt sein müssen. Sie dienen der Strukturierung von Phrasen, d.h. sie transportieren abstrakte Inhalte, wie Direktionalität, Referenz, Definitheit etc., sie koordinieren Konstituenten und betten diese in einen sprachlichen sowie außersprachlichen Kontext ein.4 Funktionale Kategorien gelten als universal innerhalb der generativen Grammatik, d.h. funktionale Kategorien kommen in allen Sprachen vor, auch wenn sie nicht offen realisiert werden. Die DP-Analyse erhält ihren Namen von einer funktionalen Kategorie, der Determinansphrase. Eine DP ist eine maximale Projektion der Kategorie D. Die DP kann sowohl transitiv als auch intransitiv realisiert werden. Eine intransitive Phrase besitzt kein Komplement, während eine transitive DP obligatorisch eine Ergänzung fordert. Die vorliegende Arbeit untersucht lediglich Formen der transitiven Realisierung. In diesem Fall ist die DP syntaktisch abhängig von einer lexikalischen Kategorie, i.e. der NP. Obligatorisch selegiert eine DP, deren Kopf ein Determinans bildet, eine NP, die durch ein Nomen repräsentiert wird. D weist der NP einerseits die entsprechenden Agreement-Merkmale zu und andererseits verwandelt es den nominalen Ausdruck in eine referentielle Einheit. Determinantien sind also [+referentiell], d.h. sie sind Suchanweisung an den Hörer, einen passenden Referenten zu finden. Diese Suchanweisung kann durch Adjektive, Partizipien, Relativsätze, Genitivattribute etc. unterstützt werden. Doch die Hauptfunktion von D ist die Markierung von Definitheit, i.e. der Referent der Phrase ist als einzigartig, bekannt und konkret zu analysieren. D verfügt also über die Feature [+definit], [+referentiell], [+AGR].5 Insgesamt umfasst die Kategorie D morphologisch-syntaktische und semantische Aspekte. Ferner gilt die DP als universal, d.h. sie wird für jede natürliche Sprache angenommen. Demnach hat eine DP sprachübergreifend die gleiche Struktur. Grundsätzlich gilt: Als Komplement selegiert jede DP eine NP. Zudem sind Determinantien nicht rekursiv, d.h. pro DP wird nur ein entsprechendes Morphem geduldet. Die Kategorie D macht aus der NP einen referentiellen Ausdruck. Konstituenten referentieller Ausdrücke müssen in einer Koreferenzbeziehung stehen, die durch Merkmalskongruenz erzielt wird.6 Diese Theorie nennt sich Government-and-Binding oder auch Bindungstheorie. Dieses Framework restringiert Bewegungsoperationen innerhalb einer Phrasenstruktur. Demnach kann eine Konstituente aus einer Kopfposition ausschließlich in einer Kopfposition landen, wobei das bewegte Element seine Spur k-kommandieren muss. Die Operation K-Kommando etabliert entweder eine Bindung zwischen einer Spur und der dazugehörigen verschobenen Konstituente oder zwischen zwei Konstituenten. K-Kommando ist gegeben, wenn ein Knoten α einen Knoten β nicht dominiert, aber der Knoten, der α direkt dominiert, auch β dominiert. Das bedeutet, dass K-Kommando nur zwischen Schwesterknoten möglich ist. Diese Operation findet hinsichtlich der inneren Struktur einer komplexen DP frequent Anwendung, da die verschiedenen Konstituenten innerhalb eines Ausdrucks gebunden sein müssen. Durch K-Kommando wird auch der Skopus einer Konstituente reglementiert. Skopus ist der Geltungs- oder Bezugsbereich einer Konstituente, in dem sie auf andere Konstituenten wirken kann. Der Terminus leitet sich von gr. σκοπός ‚Zielpunkt‘ her. Das Skopus-Prinzip klärt den Wirkungsbereich eines Elements auf dem Level der Syntax. Das Skopus-Prinzip besagt, dass ein Element A über ein Element B Skopus hat, wenn Element A Element B k-kommandiert oder sich das Element B nicht in einer Kopf-Position (Ā-Position) befindet. Dieses Prinzip wird auch in der Analyse in Kapitel III berücksichtigt. Neben limitierten Landepositionen werden Bewegungsoperationen auch durch Grenzknoten oder Barrieren eingeschränkt. Barrieren blockieren diese Prozesse, denn eine Konstituente darf nicht über mehr als einen Grenzknoten angehoben werden. Als Barrieren gelten die DP und die IP, wobei die IP in verbalen Ausdrücken Anwendung findet und in dieser Arbeit demzufolge vernachlässigt wird. Dieses Prinzip wird Subjazenz-Bedingung genannt. Schließlich gilt für Bewegungsprozesse, dass diese nur erfolgen, wenn ein entsprechender Grund bzw. eine Motivation vorliegt. Dies ist im Last Resort-Prinzip verankert, das Grewendorf (2002) wie folgt formuliert: „… Bewegung ist nur zulässig, wenn sie der Überprüfung von Merkmalen dient. …“7 Eine Konstituente wird demnach nur in eine andere Position verschoben, um entweder gewisse Feature der jeweiligen Kategorien zu überprüfen oder um selbst Merkmale zu erhalten. Bewegungen können also nicht frei durchgeführt werden, sondern unterliegen den genannten Beschränkungen. Sind die Feature des jeweiligen Elements überprüft, ist eine weitere Bewegung ausgeschlossen, da keine Motivation mehr vorliegt. Die Operation des Last Resort stammt aus dem Framework des Minimalismus. Das minimalistische Programm ist eine jüngere Entwicklung der generativen Linguistik und beruht auf folgenden Grundsätzen, die in dieser Arbeit ebenfalls angewandt werden: Aussagen über eine Sprache müssen grundsätzlich simpel und allgemein möglich sein. Alle Repräsentations- und Ableitungsprozesse sollen so ökonomisch wie möglich gestaltet sein. Dabei sind redundante oder überflüssige Elemente zu vermeiden, d.h. jedes Element übernimmt eine Funktion und muss interpretierbar sein. Diese Prinzipien spiegelt das Last Resort wider, denn anhand dieser Bedingung werden unnötige Anhebungen unterbunden und es ist generell auf alle Sprachen anwendbar. Ferner definiert der Minimalismus die Knoten der X-bar Struktur als „… the locus of Feature Bundles of various kinds …“.8 Auch davon wird in dieser Arbeit ausgegangen. Anhand der Merkmale können grammatische Eigenschaften, aber auch Wortstellungsvariationen anhand eines Strukturbaumes erklärt werden. Zudem motivieren Merkmale gewisser Knoten Bewegungen, wie in Kapitel III zur Analyse der Phrasen gezeigt wird. Des Weiteren werden die Operationen Merkmalsüberprüfung, Agree und Feature Sharing aus dem minimalistischen Programm übernommen. Merkmalsüberprüfung wird nach Grewendorf (2002) definiert und bedeutet, „… dass ein Element mit zu überprüfenden Merkmalen in die Überprüfungsdomäne eines funktionalen Kopfes mit entsprechenden Merkmalen bewegt wird …“.9 Die jeweilige Konstituente wird also zur Sättigung entsprechender Feature bewegt. Die Überprüfungsdomäne umfasst die Kopf- und Spezifiziererposition sowie Adjunktionen. Die Komplementposition ist ausgeschlossen. Die Operation Agree oder dt. Übereinstimmung ist eine Weiterentwicklung der Merkmalsüberprüfung. Während Merkmalsüberprüfung immer eine Bewegung impliziert, kann Agree auch ohne Bewegungsprozess auskommen. Die Operation stellt „… zwischen den Merkmalen eines lexikalischen Elements α und einem Merkmal F in einer eingeschränkten Domäne eine Relation (Kongruenz, Kasus-„Überprüfung“) …“10 her, wobei eine Kongruenzbeziehung vorgesehen ist. Feature Sharing schließlich betrifft ebenfalls die Überprüfung und Übertragung von Merkmalen. Hierbei wird über Agree zunächst eine Relation zwischen verschiedenen Knoten hergestellt, wobei ein Knoten bereits über das zu übertragende Merkmal verfügen muss. Durch die Etablierung einer Agree-Sequenz kann das entsprechende Feature an andere Knoten übergehen. In Kapitel III wird auf diese Operationen detaillierter eingegangen, ferner wird gezeigt werden, dass ihre Annahme notwendig ist, um adäquate Analysestrategien für die Untersuchungssprachen vorlegen zu können. Hinsichtlich des Strukturaufbaus verzichtet der Minimalismus jedoch im Allgemeinen auf Projektionsebenen, Knoten etc. und arbeitet stattdessen mit einem „… mengentheoretischen Algorithmus und operiert allein auf lexikalischen Merkmalen. …“11 Diese Arbeit jedoch untersucht funktionale Kategorien, wobei lexikalische Eigenschaften in den Hintergrund rücken, und arbeitet mit Strukturbäumen. Der Vorteil dieser Diagramme ist die Sichtbarmachung syntaktischer Abhängigkeiten der einzelnen Konstituenten. Die lineare Anordnung der Elemente einer Phrase kann so dargestellt werden. Eine Phrase ist somit eine Konfiguration aus Konstituenten, die in einer bestimmten Weise platziert werden. Dabei bedingt die Funktion die Position des jeweiligen Elementes in der Phrase. Ferner wird eine grundlegende DP-Struktur angestrebt, anhand derer die vier Untersuchungssprachen einheitlich generiert werden können. Diese Struktur setzt sich aus Prinzipien und Parametern zusammen. Als Prinzip gelten diejenigen Kategorien, die in jeder Sprache obligatorisch sind, i.e. die DP und die NP. Welche Kategorien die Parameter stellen, wird noch zu analysieren sein. Damit geht der Vorteil einher, dass die DP-Analyse die Annahme vieler verschiedener Positionen bietet, denn die Untersuchungssprachen weisen komplexe Phrasen auf, die sich aus unterschiedlichen Konstituenten zusammensetzen. Eine DP muss neben einem Artikel und einem Substantiv auch Platz für diverse Pronomen, Adjektive, Numeralia, Genitivattribute etc. enthalten können. Es wird angenommen, dass eine DP verschiedene funktionale Kategorien selegieren kann. Funktionale Kategorien werden vornehmlich generiert, wenn sie projizieren bzw. durch phonologisches Material besetzt sind. Aufgrund des Universalitätsanspruchs der generativen Grammatik müssen alle natürlichen Sprachen anhand einer Hypothese generierbar sein. Eine adäquate Analyse muss simpel sein und sich an der Funktion der Konstituenten orientieren. I.5 Erläuterungen zu grundlegenden sprachlichen Konzepten Eine Untersuchung des bestimmten Artikels muss die Kategorie der Definitheit in besonderem Maße einbeziehen, da dies ein wichtiges Merkmal eines Artikels ist. Daher ist zunächst zu erläutern, wie dieses Konzept in der vorliegenden Arbeit klassifiziert wird. Im Allgemeinen bedeutet Definitheit, dass sprachliche Elemente auf spezifische und identifizierbare Entitäten verweisen. Schon diese knappe Definition macht deutlich, dass Definitheit in verschiedene Unterscheidungsbereiche gegliedert werden kann, u.a. in Referenz, Deixis und Beschreibung durch Identifizierbarkeit. Einerseits wird das Bezeichnete durch den sprachlichen Ausdruck beschrieben und so für einen Hörer oder Leser zuordenbar.1 Andererseits zeigt die Phrase sprachlich auf das Genannte, was durch die Konzepte Referenz und Deixis grammatisch ausgedrückt wird. Das Konzept der Deixis interagiert zwar mit Definitheit, ist aber weitaus komplexer. Artikel sind in der Regel schwache Deiktika, doch der armenische Artikel gilt als stark deiktisch und reflektiert ein ausgebautes deiktisches System, das sich durch eine Dreiteilung auszeichnet, die sowohl in der personalen als auch in der objektalen Dimension operiert. Aus diesem Grund ist das Kapitel in zwei Unterabschnitte gegliedert, die die Grundlagen einerseits zur Definitheit und andererseits zur Deixis einführend darlegen. I.5.1 Zur Definitheit und Referenz Definitheit1 ist die grammatische Kennzeichnung einer Entität als bekannt, wodurch sie in der Welt des Sprechers lokalisierbar wird. Der Terminus definit bedeutet ‚begrenzt‘, d.h. ein definiter Ausdruck sorgt dafür, dass das Bezeichnete durch eine sprachliche Eingrenzung für den Hörer oder Leser konkret bestimmbar wird. Somit referiert das sprachliche Element auf die außersprachliche Welt des Sprechers und Hörers. Dieses Phänomen nennt sich Referenz und wird mit Blühdorn (1995) wie folgt definiert: Sie ist ein „… irgendwie geartete[r] Bezug sprachlicher Zeichen auf Bestandteile der Außenwelt …“.2 Das so Bezeichnete wird Referent genannt. In einem nominalen Ausdruck, der sich aus einem Artikel und einem Nomen zusammensetzt, benennt das regierende Nomen einen Gegenstand oder Zustand etc. in der Welt des Sprechers und der Artikel deutet in dessen Richtung. Erfolgreiches Referieren „… hängt vom Grad der Bekanntschaft zwischen Sprecher und Hörer, von ihrem Vorwissen, auch vom situativen Kontext (z.B. davon, was vorher Gesprächsthema war) ab. …“3 Das gemeinsame Wissen zwischen Sprecher und Hörer ist also in jeder sprachlichen Handlung entscheidend. Dabei erfüllt der Artikel eine koordinative Aufgabe, denn der Artikel liefert „… Hinweise auf die Art des Wissens, das zur Referentenbestimmung erforderlich ist. …“4 Ein referentieller Ausdruck ist in der Regel eine Phrase oder ein Satz, einzelne Wörter verfügen nur selten über diese Funktion. So macht ein Artikel aus einem Substantiv erst einen referierenden Ausdruck. Wird eine referentielle Phrase zusätzlich als definit markiert, dann handelt es sich um etwas, das entweder zuvor bereits erwähnt wurde oder für die Gesprächsteilnehmer allgemein bekannt sein dürfte. Der Referent der Phrase kann somit vom Hörer eindeutig identifiziert und zugeordnet werden. Ein definiter, referentieller Ausdruck verweist nicht nur sprachlich in die Richtung des Bezeichneten, sondern es handelt sich um etwas ganz konkret Bestimmbares. Das sprachliche Herausgreifen einer spezifischen Entität aus einer beliebigen Menge an möglichen Referenten wird semantische Determination genannt. Darüber hinaus besitzt Determination auch eine morphologisch-syntaktische Seite. Determination etabliert eine Relation zwischen dem Nomen und der Kategorie D, i.e. setzt NP und DP in einen Bezug. In der DP werden Definitheitsmarker erzeugt, die den funktionalen Kern der Phrase bilden, dessen Aufgabe es ist, die AGR-Merkmale der Phrase auszulösen. Zudem selegiert die DP das jeweilige Nomen und erscheint mit diesem kongruent, wenn es sich um eine Sprache handelt, in der Determinantien flektieren. Ferner ist es sprachspezifisch, ob Definitheit phonologisch oder morphologisch realisiert wird. In der Regel fungiert ein definiter Artikel als default-Definitheitsmarker. Definitheitsmarkierung ist zwar die Hauptfunktion eines bestimmten Artikels, ist aber nicht allein auf diese grammatische Kategorie beschränkt, denn Pronomina oder attributive Elemente können ebenfalls zur Determination eingesetzt werden. So erhält bspw. ein Nomen, das durch ein Possessivpronomen oder ein Genitivattribut spezifiziert wird, einen gewissen Grad an Definitheit. Nomina, die durch weitere Elemente näher bestimmt werden, so dass ihre Referenz stärker markiert wird, werden also auch in gewisser Weise als [+definit] markiert. Gerade in alten Sprachen ist diese Überlegung wichtig, da diese einen Artikel, der in erster Linie Definitheit darlegt, erst ausbilden oder noch nicht besitzen. Dennoch sind diese Sprachen auch in der Lage Definitheit auszudrücken. Eine Phrase ist immer dann definit, wenn der Hörer/Leser einen passenden Referenten ermitteln kann, sei es durch Weltwissen oder durch spezifizierende Elemente. Ferner ist für artikellose Sprachen, wie bspw. Latein, Löbels (1990) Vorschlag interessant. Demnach ist Definitheit in artikellosen Sprachen den Nomina inhärent. In ihrem Lexikoneintrag ist das Merkmal [+determiniert] verankert. Der Ausgangspunkt für diese Annahme ist das Beispiel lat. cani, das „… sowohl als ‚dem Hund‘ (d.h. definit) als auch als ‚einem Hund‘ (d.h. indefinit) interpretierbar [ist] …“.5 Die Interpretation von definit oder indefinit ist folglich kontextabhängig. Nur wenn ein Nomen nicht inhärent [+determiniert] ist, muss ein Marker genutzt werden, um Definitheit zu markieren. Pérennec (1993) kritisiert allerdings an Löbels Vorschlag, dass „… [d]ie kontextuellen Einwirkungen […] bei diesem Modell nicht berücksichtigt werden […] können. …“6 Dies ist ein Problem, denn ist ein Wort als [+determiniert] im Lexikon verankert, scheint es nicht möglich, es ohne Weiteres als indeterminiert zu interpretieren. Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich jedoch auf Definitheit in Phrasen aus bestimmtem Artikel und Bezugswort, d.h. das grammatische Konzept wird vorrangig im Hinblick auf die zu analysierende Klasse respiziert. Definitheit in artikellosen Sprachen wird hier nicht weiter berücksichtigt. I.5.2 Zum Konzept der Deixis Deixis bedeutet sprachliches Zeigen. Sprachliche Ausdrücke, die eine weisende Funktion haben, werden Deiktika genannt. Deiktische Morpheme verweisen auf außersprachliche Elemente, sogenannte Referenten oder Denotate1, und setzen diese in einen Bezug zum Sprecher. Jeder Sprecher ordnet die Welt aus seiner Sicht und „… [überträgt] seine Perspektive in die Sprache […] …“.2 Dieser subjektive Ausgangspunkt, der stets reflexiv wirkt, heißt Origo. Die Origo wird durch die Position des Sprechers im Raum-Zeit-Gefüge definiert, d.h. sie ist für jeden Sprecher individuell. In Blühdorns (1995) Worten ist die Origo der unmarkierte Nullpunkt, d.h., man kann sich die Origo als Nullpunkt in einem Koordinatensystem vorstellen, von dem aus die Welt und die bezeichneten Denotate geordnet und beschrieben werden.3 Aber Deixis gibt nie einen exakten Ort an, sie weist nur in Richtung des Denotats. Dabei kann sie unterschiedliche Entfernungsstufen markieren. In der Theorie der Deixis spricht man von origoinklusiv und origoexklusiv. Ein Referent in der Nähe der Origo ist origoinklusiv, während ein entferntes Denotat origoexklusiv ist. Ferner wird das Konzept Deixis in verschiedene Dimensionen untergliedert, z.B. in personale oder objektale.4 Anhand der Kategorie Dimension werden die Eigenschaften des Referenten beschrieben. Die personale Dimension kennzeichnet die Kommunikationsrollen Sprecher und Hörer, d.h. die personale Dimension schließt nur die erste und zweite Person ein. Die dritte Person dagegen wird der objektalen Dimension zugewiesen. Diese bestimmt alle denotierbaren Elemente, die keine Kommunikationsrolle besitzen. Laut Diewald (1991) sind in dieser Gruppe, neben dem Personalpronomen der dritten Person, die Demonstrativpronomina sowie der definite Artikel versammelt. Ihnen ist gemeinsam, dass sie (im Gegensatz zu den Personalpronomen der ersten und zweiten Person) Genus unterscheiden und „… einen echten […], nicht nur einen morphologischen Plural auf[weisen]. …“5 Festzuhalten ist, dass die objektale Dimension keine Gesprächspartner denotiert, sondern nur auf Referenten, die nicht aktiv an einer Kommunikationssituation teilnehmen, verweist. Deixis ist immer reflexiv. Es gehört zu den Aufgaben der Deiktika, diese Relation zu gewährleisten. Es gibt schwache und starke Deiktika. Bei den erstgenannten ist die reflexive Funktion nur schwach ausgebildet, da das Deiktikon keine Suchanweisung nach einem Rückbezugselement vermittelt, d.h. der Rückbezug zur Origo ist defektiv bzw. unvollständig. Der deutsche Artikel, der den schwachen Deiktika zugeordnet wird, verdeutlicht dies gut. In dt. der Hund wird durch den Artikel auf einen bestimmten Hund referiert, aber die Phrase enthält keinen Hinweis auf die Origo. Heißt es aber dt. der Hund hier, wird eine Origo offenbar, d.h. der Hörer muss einen Rückbezug zum Sprecher herstellen. Dt. hier ist also ein starkes Deiktikon. Starke Deiktika können erfragt werden (vgl. dt. Wo ist der Hund? – Hier.). Ferner können Deiktika nach Entfernungsstufen gegliedert werden. So setzt Brugmann (1904) vier Entfernungsstufen an. Diese heißen Dér-Deixis, Ich-Deixis, Du-Deixis und Jener-Deixis.6 Die Dér-Deixis markiert eine kurze/kleine Entfernung. Sie ist diejenige Zeigart, die am häufigsten in den Einzelsprachen anzutreffen ist. Sie steht im Gegensatz zur Ich-Deixis, in der der Sprecher von sich selbst bzw. von Dingen in direktem Bezug zu sich selbst spricht. Dadurch ist die Ich-Deixis in der Zeit, in der sich der Sprecher befindet, verankert. Sowohl Dér- als auch Ich-Deixis stehen, laut Brugmann (1904), der Opposition von Nähe und Ferne gleichgültig gegenüber. Später in seinem Werk schreibt Brugmann (1904) jedoch, dass sich mit der Ich-Deixis „… leicht der Begriff des Nahen …“7 verbinden lässt. Hier wird angenommen, dass Ich-Deixis Nähe impliziert, da sie nur auf Elemente referiert, die entweder lokal betrachtet nah zum Sprecher liegen, sich also in seinem Sichtfeld befinden, oder auf Umstände, die den Sprecher direkt betreffen. Zugleich kann eine Opposition von Nähe und Ferne der Theorie der Deixis nur inhärent sein, wenn es verschiedene Zeigarten gibt, die auf unterschiedliche Distanzstufen referieren. Du-Deixis ist eine Unterart der Dér-Deixis. Gleichzeitig ist sie das Pendant zur Ich-Deixis, d.h. sie tritt nur in Sprachen auf, die auch Ich-Deixis kennen. Jener-Deixis schließlich verweist auf etwas entfernt Liegendes, stellt also Ferndeixis dar. Dabei gehen räumliche und zeitliche Distanz Hand in Hand. So kann der Verweis auf etwas Entferntes sowohl etwas in der räumlichen Ausdehnung entferntes sein, aber auch etwas, das in der Zeit weit zurückliegt. Als Grundbedeutung gibt Brugmann (1904) „… ‚der übernächste, der vorletzte, vorvorige‘ …“8 an. Dabei kann diese Art der Deixis auch anaphorische Verwendung finden. Eine Gemeinsamkeit der Dér- und der Jener-Deixis ist, dass sie auf Personen im Sinne von „der Bekannte“ verweisen können. Die betreffende Person muss allerdings allgemein bekannt sein. Da sich die vorliegende Arbeit mit überlieferten Texten beschäftigt, erfolgt ein kurzer Verweis auf die Textdeixis. Ehlich (1983) macht darauf aufmerksam, dass sich die Kommunikationssituation bei Texten ändert. So schreibt er, dass es zwei verschiedene Situationen in der „Sprechhandlung“ gibt. Zunächst findet eine Sprechhandlung statt, in der der Text niedergeschrieben wird, aber zu diesem Zeitpunkt ist kein Kommunikationspartner vorhanden. Ehlich (1983) nennt das „… Situationen der Sprechhandlung ohne den End-Adressaten …“.9 Später, wenn der Text gelesen wird, ist der End-Adressat zur Stelle, aber der Produzent, i.e. der Schreiber, ist abwesend. Nach Ehlich (1983) ist das „… eine zweite Sprechsituation ohne den ursprünglichen Sprecher …“.10 Die Kommunikationssituation ist in Texten also verschoben. In dem untersuchten Material trifft dies zu, da sich der heutige Leser in der zweiten Situation befindet. Die Autoren der Texte setzen natürlich entsprechendes Welt- und Allgemeinwissen des Lesers voraus. Allerdings unterscheidet sich dies erheblich bei einem heutigen Leser im Gegensatz zu einem Leser zur Zeit der jeweiligen Werke. Ein heutiger Rezipient der Texte muss sich mitunter erst Hintergrundwissen aneignen, bevor er jeden Verweis in den Werken versteht. Deiktische Verweise in Texten sollen dem Leser, ebenso wie in einer Gesprächssituation, bei der Orientierung helfen. Sie können Relationen zwischen Phrasen innerhalb des Textes, aber auch zwischen verschiedenen Texten herstellen. Matrëngas Werk bspw. ist ein Katechismus, der mitunter Bezug nimmt auf bestimmte Gebete, die im christlichen Glauben verankert sind. Matrënga geht somit davon aus, dass sein Leser diese kennt, d.h. er referiert auf andere Texte. Bei der Rezeption von Texten liegt zwar keine Kommunikationssituation wie in einem Gespräch vor, dennoch spielen Deiktika eine wichtige Rolle. Speziell der Artikel ist ein vielseitiges deiktisches Mittel, das im Folgenden im Detail untersucht wird. I.6 Der Artikel in den Untersuchungssprachen Um den Artikel adäquat untersuchen zu können, muss zunächst eine Arbeitsdefinition formuliert werden, die im Laufe der Analyse spezifiziert werden kann.1 Daher werden in diesem Kapitel zunächst die grundlegenden Merkmale der Kategorie Artikel vorgestellt und beschrieben. Diese reichen von semantischen bis hin zu pragmatischen Aspekten, wobei letztere in der allgemeinen Darstellung zwar berücksichtigt, aber in der anschließenden Analyse vernachlässigt werden, da dort grammatische und syntaktische Eigenschaften im Fokus stehen. Nach der sprachübergreifenden Darstellung des Artikels erfolgt die Erläuterung der einzelsprachlichen Artikeltypen. Diese konzentriert sich bereits vorrangig auf grammatische Eigenschaften und Funktionen des jeweiligen Artikels in der entsprechenden Untersuchungssprache. Spezielle Merkmale, die nicht zu den gut untersuchten Funktionen der Artikel zählen, werden teils erst im Verlauf der Arbeit anhand entsprechender Belegstellen herausgearbeitet. Hier geht es darum einen Überblick zu vermitteln. Zudem wird an dieser Stelle zunächst angenommen, dass die fraglichen Morpheme alle Artikel sind. Ob dies wirklich zutrifft und alle Artikeltypen der Untersuchungssprachen tatsächlich als Artikel und somit als Determinantien klassifiziert werden können, wird im Kapitel II erforscht. I.6.1 Zur Kategorie Artikel allgemein Der Terminus Artikel leitet sich von dem lateinischen Wort articulus her und bedeutet ‚Gelenkchen‘. Der lateinische Ausdruck ist eine „Übersetzung“ des griechischen grammatischen Begriffs gr. ἄρθρον ‚Glied, Gelenk‘, der schon seit dem 4. Jh. v. Chr. im Gebrauch ist. Im Allgemeinen wird der Artikel als Begleiter des Nomens beschrieben. Ein Artikel kann als freies oder gebundenes Morphem auftreten. Dabei ist er immer phonologisch sowie morphologisch abhängig vom Kopfnomen, d.h. er kann nicht ohne Bezugselement stehen. Die Kategorie Artikel gliedert sich in definiten, indefiniten und Nullartikel. Der Nullartikel ist in der Oberflächenstruktur der Sprache nicht zu sehen, dennoch modifiziert er eine Phrase. Das bedeutet, auch wenn in einer nominalen Phrase kein Artikel zu sehen ist, wird mitunter angenommen, dass ein Nullartikel vorhanden ist und z.B. Kasusmarkierung auslöst. Allerdings ist der Nullartikel umstritten. Während Engel (2004) bspw. den Nullartikel befürwortet1, sprechen andere Forscher stattdessen von Artikellosigkeit. Pérennec (1993) fasst dies im Bezug auf den Artikel in Texten wie folgt zusammen: „… Auf der Ebene des Textes aber kann nur von einer Opposition zwischen Artikelsetzung und Artikellosigkeit die Rede sein, wobei Artikellosigkeit nicht mit einem Nullzeichen gleichgesetzt wird, sondern die Entbehrlichkeit jedes expliziten Determinans anzeigt. …“2 Für die vorliegende Arbeit ist das Vorkommen des Artikels innerhalb von Texten von vorrangigem Interesse, da von den alten Sprachen natürlich keine gesprochenen Zeugnisse existieren. Aufgrund des Fokus der Untersuchung kann hier nicht entschieden werden, ob die Annahme eines Nullartikels sinnvoll ist oder nicht. Ich gehe von Pérennecs (1993) eben genanntem Fazit aus und bespreche den Nullartikel nicht weiter.3 Ferner herrscht in den Grammatiken der deutschen Sprache Uneinigkeit darüber, wie der Artikel einzuordnen ist. Einige Forscher sprechen von Artikelwörtern, wozu neben dem Artikel auch Possessiva zählen. Per definitionem darf aber maximal ein Artikelwort vor einem Nomen stehen.4 Doch in einigen Sprachen können Possessivpronomina mit einem bestimmten Artikel in einer Phrase vorkommen, d.h. sie teilen das gleiche Kopfnomen. Daher wird die Klassifikation Artikelwörter abgelehnt. Engel (2004) nimmt eine Klasse Determinative an. Ein Determinativ ist ein „… obligatorischer Satellit des Nomens …“.5 Diese Kategorie umfasst neben dem Artikel auch Possessiva, Demonstrativa/Definita, Indefinita, Negativa und Interrogativa. Noch weiter gefasst ist der Begriff Determinierer6 oder Determinator.7 Neben Artikel und Pronomina werden auch quantifizierende Elemente in diese Klasse gerechnet. In dieser Untersuchung werden Pronomina jedoch als deklinierbare Wörter, die in der Regel anstelle einer Nominalgruppe auftreten, verstanden. Ein Artikel kann demgegenüber nicht ohne ein Bezugswort stehen. Zudem kann ein Artikel ein flektierendes oder invariables Morphem sein. Somit wird von einer Zuordnung des Artikels zu den Pronomina abgesehen. Quantifizierer übernehmen eine gänzlich andere Funktion als Artikel. Sie dienen der Mengen- und Größenangabe, während der bestimmte Artikel vorrangig Definitheit markiert. So wird weder mit der Kategorie Determinativ noch mit der Klasse Determinierer gearbeitet, da beide zu unscharf definiert sind. Denn dann, wie Vater (1979) erläutert, müssten auch Adjektive in die Klasse der Determinative eingeordnet werden. Schließlich sind sie ebenfalls verbindliche Begleiter von Nomina und bestimmen diese näher.8 Diese Kritik kann auch am Begriff Determinierer vorgenommen werden. In dieser Arbeit ist der definite Artikel als Determinans klassifiziert. Ein Determinans wird als funktionales Element definiert, das die Komplement-NP beeinflusst (vgl. Kap. I.4.2). Zu dieser Kategorie zählen neben dem Artikel auch Demonstrativa. Determinantien können sowohl transitiv als auch intransitiv sein. Wenn sie transitiv sind, haben sie ein nominales Komplement. Erscheinen sie aber intransitiv, dann weisen sie kein Komplement auf, sondern sind pronominal. Possessiva gehören nicht in diese Kategorie, da sie in der Funktion als Pro-Form einen Genitiv substituieren können, d.h. sie anaphorisieren. In dt. sein Bleistift ersetzt das Possessivum dt. sein z.B. einen Eigennamen im Genitiv, wie dt. Peters Bleistift. Auch Olsen (1991) ordnet die Possessiva nicht den Determinantien zu. Sie schreibt: „… Possession ist eine zweistellige Relation, die zwischen einem Besitzer und einem zweiten Objekt besteht. …“9 Wenn ein Possessivum den Platz des Determinans einnehmen würde, könnte es diese zweistellige Relation nicht mehr deutlich ausdrücken. Die Possessiva können schon allein aus dem Grund nicht zu den Determinantien gerechnet werden, weil sie in einigen Sprachen gleichzeitig mit einem Determinans auftreten können. Schließlich lässt die Struktur der Determinansphrase nur jeweils ein Determinans zu. Während das Nomen das lexikalische Material stellt, ist ein Artikel semantisch leer. Er besitzt keinen deskriptiven Inhalt, sondern ist ein grammatisches Mittel, das der Determination dient, i.e. er ist ein funktionales Element. Ein bestimmter Artikel hat die Aufgabe, eine Nominalphrase als [+definit] zu markieren, d.h. im Falle des Artikels, dass das Nomen, das er begleitet, für etwas Konkretes steht (vgl. Kap. I.5.1). Der Artikel erfüllt demnach die Funktion, Bekanntes gegen Unbekanntes abzugrenzen, oder in anderen Worten: Identifizierbarkeit gegenüber Unidentifizierbarkeit auszudrücken. Wird ein Element als bekannt markiert, dann handelt es sich um etwas, das entweder bereits erwähnt wurde oder allgemein bekannt sein dürfte.10 Definitheit zeigt also an, „… dass der Referent eindeutig (direkt oder indirekt) identifizierbar ist …“11, was die Einzigartigkeit des Bezeichneten impliziert. So grenzt der Artikel einen festgelegten Teil aus einer größeren Menge ab. Die Markierung indefinit dagegen wird verwendet, wenn es sich um ein „… beliebiges Element einer Menge …“12 handelt. Die Phrase dt. ein Haus besagt bspw., dass es sich in der jeweiligen Kommunikationssituation um irgendein Haus handelt (dt. Haus ist also als unbekannt markiert), während die Phrase dt. das Haus ein bestimmtes Haus meint. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Wissen, das Sprecher und Hörer miteinander teilen. Ein Sprecher wird den Definitartikel nur dann wählen, wenn er davon ausgeht, dass der Hörer weiß, worum es sich handelt, bzw. ist der Hörer angehalten, eine Determinansphrase mit definitem Artikel anders zu deuten als eine Phrase mit indefinitem Artikel. Hierfür muss vorausgesetzt sein, dass Hörer und Sprecher über gemeinsames Weltwissen bzgl. der jeweiligen Bestandteile der Phrase verfügen. In einem Text kann die Verwendung eines definiten Artikels eine Anweisung sein „… im umgebenden Text nach Bezugselementen zu suchen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Textdeixis. …“13 Der Artikel besitzt also auch weisende bzw. zeigende Eigenschaften, i.e. ein Artikel ist schwach deiktisch. Die Deixis erfüllt die Aufgabe, Beziehungen zwischen Objekten herzustellen. Da die zeigende Funktion nicht so stark ausgeprägt ist wie bei einem Demonstrativpronomen, wird hier zwischen starker und schwacher Deixis unterschieden. Des Weiteren etabliert ein bestimmter Artikel eine referentielle Relation, d.h. durch die Kombination des Artikels mit einem Bezugswort wird sprachlich auf nichtsprachliche Elemente, die in der Welt des Sprechers existieren, verwiesen. Diese Elemente können durch einen Leser oder Hörer eindeutig identifiziert werden. Dabei erfüllt der Artikel eine koordinative Aufgabe, da er der Ermittlung des korrekten Referenten dienlich ist. Der definite Artikel verfügt also über das Merkmal [+referenzfähig]. Referenz wird in der Regel immer durch eine Phrase ausgedrückt, nur selten durch eine einzelne Konstituente. Der bestimmte Artikel macht demnach aus einem Nomen eine referentielle Einheit, wobei durch Definitheit der Phrase eine eindeutige Referenzbeziehung etabliert wird. Hawkins (1978) differenziert verschiedene Typen referentieller Verwendungen des definiten Artikels.14 Ein bestimmter Artikel kann anaphorisch operieren, d.h. er ist als Anweisung an den Hörer/Leser, im vorausgegangenen Kontext nach einem passenden Referenten zu suchen, zu interpretieren. Der Referent wurde demnach kürzlich erwähnt und ein anaphorisch verwendeter Artikel verweist auf diesen, i.e. etabliert eine referentielle Relation und markiert die Einzigartigkeit des Denotats. Die zweite Verwendung des definiten Artikels nennt Hawkins (1978) the visible situation use. Hierbei muss die Einzigartigkeit des Benannten gegeben sein, d.h. Sprecher und Hörer können den richtigen Referenten eindeutig identifizieren. In diesem Sinne gilt der Referent als sichtbar für Hörer und Sprecher. Davon unterscheidet Hawkins the immediate situation use. Hierbei muss das Denotat in der unmittelbaren Kommunikationssituation existieren, jedoch nicht zwangsweise für Sprecher und Hörer sichtbar sein. In einer konkreten Kommunikationssituation kann der Sprecher bspw. auf einen Gegenstand, der nicht im direkten Sichtfeld der Kommunikationspartner ist, erfolgreich verweisen, wenn beide Gesprächsteilnehmer von der Existenz des Objekts wissen. Eine weitere Verwendung des definiten Artikels beschreibt Hawkins (1978) als larger situation use. Hierbei referiert der Artikel auf Denotate in größeren oder umfangreicheren Situationen. Damit ist gemeint, dass der Referent nicht in der unmittelbaren Kommunikationssituation anwesend oder sichtbar ist. Es kann sprachlich auf Konzepte, Begriffe, Gegenstände etc. Bezug genommen werden, die im Weltwissen der Gesprächsteilnehmer verankert sind. Voraussetzung ist, dass Sprecher und Hörer beide über das entsprechende Wissen verfügen und der Hörer den richtigen Referenten lokalisieren bzw. zuordnen kann. Die bisher vorgestellten referentiellen Verwendungen des definiten Artikels beziehen sich vorrangig auf tatsächliche Gesprächssituationen, selten auf Texte. In textueller Kommunikation spricht Hawkins (1978) von einer assoziativen anaphorischen Verwendung des Artikels, welche die häufigste ist. Hierbei kann eine Phrase ein komplexes Set an daraus folgenden Assoziationen des Sprechers etablieren. Ist die Rede bspw. von einem Haus, kann der Sprecher/Autor im folgenden definite Phrasen wie die Fenster oder das Dach verwenden, ohne sie vorher einführen zu müssen, da dem Hörer/Leser klar ist, dass diese zu dem genannten Haus gehören. Ein sprachlicher Ausdruck kann somit die Verwendung weiterer definiter Phrasen gewährleisten, wobei auch hier der Sprecher/Autor und der Hörer/Leser über gemeinsames Weltwissen verfügen müssen. Eine weitere Anwendungsmöglichkeit des Artikels ist the unfamiliar use. Hierbei ist die Verwendung des Artikels weder situationsabhängig noch assoziativ angelegt, sondern der Artikel führt einen bisher nicht genannten Referenten ein, der in der Regel durch attributive Elemente, z.B. einen Relativsatz oder ein Genitivattribut, so spezifiziert wird, dass die Phrase als [+definit] interpretiert werden kann. Die Verwendungen des Artikels bei Hawkins beziehen sich auf Anwendung in Kommunikationssituationen, d.h. sein Ansatz ist pragmatisch orientiert.15 Hawkins’ (1978) Darstellung der Verwendung des definiten Artikels unterstreicht insgesamt, dass die Verwendung eines definiten Artikels immer eine Suchanweisung nach dem passenden, einzigartigen Referenten ist, was die referentielle Hauptfunktion eines definiten Artikels beschreibt. Insgesamt muss stets Eindeutigkeit des Denotats und dessen korrekte Zuordnung möglich sein, i.e. der Referent muss identifizierbar und lokalisierbar sein, wenn anhand des definiten Artikels in Kommunikations-situationen, d.h. in Gesprächen ebenso wie in Texten, erfolgreich referiert werden soll. Semantische Determination ist als Abgrenzung zu verstehen, wobei ein konkreter Referent von anderen möglichen Denotaten unterschieden wird. Dennoch liegt die Funktion eines Artikels nicht nur vorrangig in der semantischen Determination. So weist Bisle-Müller (1991) bspw. darauf hin, dass der definite Artikel nicht vordergründig der Hervorhebung dient, „… sondern [er] wird gerade da verwendet, wo auf selbstverständliche Weise definit referiert wird. …“16 Dies mag in erster Linie für das Deutsche zutreffen, da man hier die Verwendung des definiten und indefiniten Artikels als selbstverständlich auffassen kann. Aber in den alten Sprachen existiert noch kein indefiniter Artikel und auch der definite Artikel ist im definiten Kontext noch nicht obligatorisch. Nach der DP-Analyse ist die wichtigste Eigenschaft der Kategorie D, den Kasus der NP auszulösen. Ein Determinans ist ein funktionales Element, d.h. es ist für die grammatischen Merkmale der Nominalphrase verantwortlich. Dazu zählen Lizenzierung von Spezifizierern und Markierung der Kongruenzmerkmale. Mit Lizenzierung eines Spezifizierers ist gemeint, dass D einem möglichen Possessor Kasus zuweist. D verfügt also über das Merkmal [POSS]. Der Begriff Kongruenzmerkmale spricht die Eigenschaft der Kategorie D an, Kasus, Numerus und Genus den ihr untergeordneten Elementen zuzuweisen. Kurz spricht man von AGR bzw. Agreement-Merkmalen. Das Genus ist entweder bereits im Lexikon des Komplements enthalten und wird von D übernommen oder in intransitiver Realisierung verfügt D selbst über dieses Merkmal. Für das Merkmal Numerus sind sowohl die im Lexikon verankerten Eigenschaften des Komplements als auch distributionelle und syntaktische Regeln konstitutiv. Im Gegensatz dazu ist das Merkmal Kasus „… eindeutig nicht vom Lexikoneintrag eines Nomens abhängig …“.17 Weiter heißt es bei Löbel (1990): „… Kasus wird einer DP von außen zugewiesen, d.h. dieses Merkmal ist nicht intern, sondern extern bedingt und muß in jedem Fall realisiert sein, da es bekanntlich eine DP ohne Kasus nicht geben darf. …“18 Felix (1990) schreibt, dass die Merkmale Kasus, Numerus und Genus in den indogermanischen Sprachen normalerweise anhand der Nominalflexion ausgedrückt werden.19 Dies ist auch bei den Untersuchungssprachen der Fall, bis auf Armenisch, das kein Genus besitzt. Diese Funktion wird syntaktische Determination genannt. Die Markierung von Phrasen als [+definit], i.e. das Bestimmen eines konkreten Referenten, wurde als semantische Determination bezeichnet. Die Hauptfunktion eines Artikels bzw. eines Determinans ist es also, semantisch und syntaktisch zu determinieren. Als Arbeitsdefinition ist also festzuhalten, dass ein definiter Artikel ein Determinans ist, i.e. ein obligatorischer Begleiter eines Bezugselementes, von welchem er abhängig ist und das er selbst selegiert. Ein Artikel hat keinen deskriptiven Inhalt, sondern ist ein rein funktionales Element. Er ist referenzfähig und markiert Definitheit, was schwache deiktische Eigenschaften impliziert. Zudem löst er die Agreement-Merkmale der NP aus und übernimmt koordinative Funktionen, wobei pro DP nur ein Artikel erlaubt ist. I.6.2 Zum griechischen Artikel Der definite Artikel des Griechischen gr. ὁ, ἡ, τό ‚der, die, das‘ ist ein präponiertes, freistehendes Element, das flektiert und somit kongruent zu seinem Bezugswort erscheint. Wie im Deutschen wird dem Genus des Bezugswortes entsprechend die jeweilige Form verwendet. Das Morphem hat sich im klassischen Griechischen zum definiten Artikel entwickelt. In der Zeit des homerischen Griechisch fungierten gr. ὁ, ἡ, τό noch als Demonstrativpronomen. Im Allgemeinen erfüllt der griechische definite Artikel drei Funktionen. Die Hauptaufgabe ist es, den Referenten der Phrase als bekannt und identifizierbar zu markieren; vgl. (1) gr. 2.1.1 Darüber hinaus kann der griechische Artikel generell auftreten und macht dabei „… eine Person oder Sache zum Vertreter einer ganzen Gattung …“1; vgl. (2) gr. 2.2.6 Die dritte Aufgabe liegt darin, Phrasen zu substantivieren, wobei der Artikel jedes beliebige Element nominalisieren kann; vgl. (3) gr. 2.1.9 In jeder dieser Funktionen ist der Artikel referenzfähig und determiniert das jeweilige Substantiv oder nominalisierte Elemente, i.e. markiert die Definitheit der Phrase. Die referentiellen Eigenschaften des griechischen Artikels werden mit Bakker (2009) folgendermaßen zusammengefasst: „… the article marks an object or person as a particular individual […], as distinct […], or as known/present to the mind […]. …“2 Griechische Phrasen, die nicht referieren, stehen in der Regel ohne Artikel, d.h. durch die Anwendung des Artikels wird eine Referenzbeziehung etabliert und der Hörer/Leser erhält eine Suchanweisung, eine Relation zu einem passenden Referenten herzustellen. Dies impliziert ferner, dass der Artikel ein abhängiges Morphem ist, das nie ohne Bezugswort steht, wobei er konsequent den linken Rand der Phrase besetzt.3 Der Artikel des klassischen Griechischen kann insgesamt als prototypischer definiter Artikel gelten. I.6.3 Zum albanischen Artikel Das Albanische weist laut den Grammatiken zwei Artikel auf, einen präponierten und einen postponierten. Beide Elemente teilen die gleiche phonologische Gestalt und flektieren. Unterschiedlich ist jedoch ihre Position sowie ihre Funktion. Der postponierte Artikel wird als definiter Artikel klassifiziert, d.h. seine Hauptfunktion liegt in der Determination.1 Aufgrund seiner enklitischen Natur und seiner Funktion als Definitheitsmarker kann der bestimmte Artikel nicht isoliert stehen; vgl. (4) alb. BUZ Kap4/fol9v.29 In den Balkansprachen findet sich häufiger die Nachstellung des definiten Artikels. So verfügen bspw. auch das Rumänische und Bulgarische über einen postpositiven definiten Artikel. Hierbei handelt es sich um ein Phänomen des Balkansprachbundes. Zu diesem zählen neben dem Albanischen, Rumänischen und Bulgarischen u.a. auch das Mazedonische und Serbische. Die Balkansprachen teilen aufgrund gemeinsamer Einflüsse einige sprachliche Besonderheiten. Neben dem nachgestellten Artikel gehören bspw. auch das Fehlen des Infinitivs oder der Kasussynkretismus von Genitiv und Dativ dazu. Der sog. freistehende Artikel des Albanischen ist in der Regel kein Definitheitsmarker, obwohl in den Grammatiken vorrangig der Terminus verwendet wird. So spricht Demiraj (1993) vom freistehenden Artikel und Buchholz/Fiedler (1987), Pekmezi (1908) sowie Matzinger (2006) vom präpositiven bzw. vorangestellten Artikel.2 Daneben finden auch die Bezeichnungen Gelenksartikel oder attributiver Artikel Anwendung. Mann (1977) klassifiziert den Artikel als connecting particle und Kallulli (1999), die sich allerdings mit dem modernen Albanischen beschäftigt, beschreibt ihn als AGR-Marker.3 Hendriks (1982), der ebenfalls das moderne Albanische untersucht, bezeichnet den sog. freistehenden Artikel je nach Funktion als adjektivische Partikel oder connective.4 Vorerst wird provisorisch vom sog. freistehenden Artikel gesprochen. Der sog. freistehende Artikel übernimmt für einen typischen Artikel eine unübliche Funktion. Er schließt Genitivattribute an das regierende Substantiv an und tritt dabei in dessen Kasus; vgl. (5) alb. MAT 17v.10–11 Da das Morphem in dieser Funktion zwei Nomen verbindet, nennt ihn Hendriks (1982) connective. Daneben kommt der sog. freistehende Artikel im Altalbanischen, wie im modernen Albanischen, als obligatorisches Wortbildungselement bei einer Klasse von Adjektiven vor, i.e. den Artikel-Adjektiven oder nach Hendriks (1982) Partikel-Adjektiven; vgl. (6) alb. MAT 13v.5 Ferner tritt der sog. freistehende Artikel als Wortbildungselement bei Numeralia sowie bei einigen Pronomina in Erscheinung; vgl. (7) alb. BUZ Kap4/fol9v.48 Im Hinblick auf den sog. freistehenden Artikel bei den Artikel-Adjektiven wird mit Demiraj (1993) und Matzinger (2006) angenommen, dass der sog. freistehende Artikel nach dem Wegfall der Kongruenzmorpheme bei den Adjektiven diese Aufgabe übernahm.5 Dies kann auch für die Pronomina angenommen werden, da dort in der Regel nur der sog. freistehende Artikel die AGR-Merkmale anzeigt. Der sog. freistehende Artikel ist also ein obligatorisches Element gewisser Lexeme. Seine Hauptfunktion liegt in der Realisierung der Agreement-Merkmale, denn das zweite Element bei den Artikel-Adjektiven und den Pronomina ist nicht in der Lage Kasus, Numerus oder Genus anzuzeigen. Durch die Markierung wird eine Kongruenzbeziehung zu anderen Konstituenten etabliert. Somit kann der sog. freistehende Artikel Elemente verbinden oder Attribute an übergeordnete Nomen anschließen. In dieser Hinsicht erfüllt er eine syntaktische Aufgabe. Zudem ist das Morphem ein morphologisches Element mit wortbildender Funktion. Er erscheint bei den Artikel-Adjektiven, bei Ordinalia, bei den Possessiva, bei dem Demonstrativum alb. i tillë ‚solcher‘, bei dem Relativpronomen i cili ‚welcher‘ sowie bei gewissen Substantiven. Schließlich bildet noch das Indefinitpronomen alb. tjetër ‚andere‘ den Plural mit dem sog. freistehenden Artikel, i.e. mask. të tjerë, fem. të tjera. Auch bei dem Interrogativum alb. i sati ‚der wievielte?‘ ist der sog. freistehende Artikel Wortbildungselement. Alb. i sa-t-i enthält zudem auch den enklitischen Artikel und das Adjektivsuffix alb. -t(ë). Daneben finden sich das Adjektivsuffix und der sog. freistehende Artikel auch als Teil des Interrogativums alb. i sej-të ‚woraus‘ wieder. Auch in Kombination mit Genitivattributen ist der sog. freistehende Artikel obligatorisch. Hier dient er der Unterscheidung des Genitivs vom Dativ, da beide Kasus im Altalbanischen zusammengefallen sind. Bemerkenswert ist, dass der sog. freistehende Artikel stets vor dem Genitivattribut steht, aber kongruent zum regierenden Nomen ist; vgl. (8) alb. BUZ Kap1/fol9.9 Der sog. freistehende Artikel übernimmt daher eine morphosyntaktische Funktion, da er die Bezüge innerhalb der Phrase anzeigt. Dadurch, dass er die AGR-Merkmale des regierenden Substantivs annimmt, stellt er einen syntaktischen Bezug zwischen Bezugswort und Genitivattribut her. In jeder Funktion ist der sog. freistehende Artikel stets ein gebundenes Morphem, das nicht ohne Bezugselement stehen kann. Je nach dem ob der sog. freistehende Artikel in definiter oder indefiniter Umgebungen steht, zeigt er andere Kasusformen; vgl. Tabelle 1: Kasusformen des sog. freistehenden Artikels Artikel-Adjektive, Artikel-Pronomina sowie Numeralia in Verbindung mit dem sog. freistehenden Artikel erscheinen gleichermaßen in definiten und indefiniten Umgebungen.8 Das zeigt, dass der sog. freistehende Artikel das typische Merkmal eines Artikels, i.e. Markierung von Definitheit, nicht erfüllt. Aufgrund mangelnder Definitheitsmarkierung ist der sog. freistehende Artikel nicht in der gleichen Weise referenzfähig wie ein typischer Artikel. Referenz wurde definiert als sprachlicher Bezug auf außersprachliche Elemente. Der sog. freistehende Artikel erfüllt in erster Linie grammatische oder wortbildende Funktionen und stellt Bezüge zwischen den Konstituenten her statt außersprachliche Referenzbezüge. Aber in den Phrasen, in denen er Definitheit reflektiert, kann erwogen werden, ob dem sog. freistehenden Artikel aufgrund dessen eine schwache Referenzfähigkeit zugesprochen werden kann. In der Forschung ist nicht abschließend geklärt, ob der sog. freistehende Artikel ursprünglich die Funktion eines bestimmten Artikels innehatte. Phonologisch ist er, wie die definiten Artikel in den indogermanischen Sprachen generell, aus dem idg. Pronomen *so/to- herzuleiten. Auch hinsichtlich des enklitischen Artikels wird von pronominalem Ursprung ausgegangen. Ein gemeinsamer Ursprung wird u.a. angenommen, da beide Typen ähnliche Kasusformen aufweisen.9 Gemeinsam haben der enklitische und der sog. freistehende Artikel ferner, dass sie beide abhängige Morpheme sind, die nicht ohne Bezugswort stehen können. Der sog. freistehende Artikel hebt sich aber funktional deutlich von einem „echten“ Artikel ab und es ist davon abzusehen, ihn als solchen zu klassifizieren. Da die Funktion des sog. freistehenden Artikels nicht in der Markierung von Definitheit und Referenz verankert ist, wird er im Folgenden als AGR-Marker bezeichnet. Als morphologisches Element der Artikel-Adjektive, einiger Pronomina etc. wird er ferner als Teil des entsprechenden Wortes analysiert und nicht getrennt von diesem untersucht. Von der Bezeichnung verbindende Partikel möchte ich auch absehen, da der Terminus Partikel impliziert, dass das jeweilige Element nicht flektiert. Aber es ist gerade eine zentrale Eigenschaft des Morphems, die morphologischen Merkmale auszudrücken. Der enklitische Artikel hingegen wird als definiter Artikel behandelt. I.6.4 Zum altnordischen Artikel Das Altnordische verfügt über einen freistehenden, präponierten und einen enklitischen, postponierten Artikel. Beide Varianten flektierten hinsichtlich Kasus, Numerus und Genus. Der vorangestellte Artikel lautet mask. inn1, fem. in, neutr. it. Er entwickelte sich im 13 Jh. aus dem Demonstrativum anord. hinn ‚jener, der andere‘. Der postponierte Artikel gleicht dem präponierten, von welchem er abgeleitet wurde.2 In der Forschung wird angenommen, dass es zunächst nur den freistehenden Artikel gab, welcher später an das Substantiv postponiert wurde. Im Zuge der Suffigierung verlor der Artikel den anlautenden Vokal, den er als freistehende Form noch besitzt. Der freistehende und der suffixale Artikel stehen in der Regel nicht gemeinsam in einer Phrase, d.h. entweder determiniert der vorangestellte oder der nachgestellte.3 Der suffixale Artikel wird stets an ein Substantiv postponiert, wenn dieses ohne attributives Adjektiv steht. Dabei flektiert sowohl das Substantiv als auch der enklitische Artikel; vgl. (9) anord. 7.36.19 Der präponierte Artikel steht immer, wenn ein Substantiv durch ein attributives Adjektiv modifiziert wird. Dabei steht der Artikel stets vor dem Adjektiv; vgl. (10) anord. 18.58.20–21 Die altnordischen Adjektive verfügen über eine starke und eine schwache Flexion. Treten sie kombiniert mit einem freistehenden Artikel auf, flektieren sie, wie im Deutschen, immer schwach. Der freistehende Artikel des Altnordischen erscheint nie vor einem Substantiv, er kann nur vor einem schwachen Adjektiv stehen. In wenigen Fällen ist er auch vor Kardinalia zu finden. Der enklitische Artikel hingegen wird immer mit einem Substantiv, das grundsätzlich stark flektiert, ohne attributives Adjektiv kombiniert. Dies legt die Vermutung nahe, dass es etwas mit der „Schwere“ der Elemente zu tun haben könnte. Der enklitische Artikel kann als syntaktisch leicht interpretiert werden, da er sonst nicht an andere Elemente antreten könnte. In der Regel tritt er an Substantive an, die somit als schwer gelten können. Die altnordischen Adjektive müssen demgegenüber leicht sein und benötigen einen schweren Artikel als Ausgleich. Eine Ausnahme hierzu bilden lediglich Pronominaladjektive. Diese besitzen ausschließlich die starke Flexion. Daher erscheint statt des freistehenden der enklitische Artikel am Substantiv; vgl. (11) anord. 2.26.20 Des Weiteren wird der präponierte Artikel verwendet, wenn ein Adjektiv substantiviert wird. Auch hier flektiert das Adjektiv schwach; vgl. (12) anord. 2.26.14 Der Artikel dient, wie man am letzten Beleg sieht, dazu, etwas von etwas anderem oder jemanden von einem zweiten zu unterscheiden. Dies gilt besonders für die altnordische Prosa.4 Diese Art der Unterscheidung wird ebenso in Phrasen mit Numerale deutlich; vgl. (13) anord. 9.40.13 Der definite Artikel kann ferner mit einem Demonstrativpronomen kombiniert werden. Wie das Beispiel zeigt, kongruieren alle Elemente der Phrase; vgl. (14) anord. 9.41.21 Heusler (1967) schreibt zu derartigen Fällen, dass „… die erbliche Deixis des enn durch sá aufgefrischt wird; …“5 Es liegt also eine Verstärkung der Deixis vor. Gleichzeitig könnte dies daraufhin deuten, dass der Artikel bereits anfängt, die Funktion der ererbten Deixis, wie Heusler (1967) sagt, einzubüßen. Möglich sind auch Phrasen aus dem Demonstrativpronomen und dem postponierten Artikel. In der Saga wurde ein derartiger Beleg jedoch nicht gefunden. Die Hauptfunktion der altnordischen Artikel liegt also nicht (mehr) in der Markierung von Deixis, sondern in der Determination, die nur schwache Deixis impliziert. Der Artikel kreiert somit eine referentielle Einheit, die auf etwas eindeutig Identifizierbares verweist. In den modernen skandinavischen Sprachen kann der enklitische Artikel optional gesetzt werden, wenn eine generische Lesart der Subjekts-DP vorliegt. Doch wenn nur eine spezifische, i.e. referentielle Lesart der Subjekts-DP möglich ist, muss der enklitische obligatorisch verwendet werden.6 Die Funktion des postponierten Artikels liegt also in der individuellen Referenz. Die Funktion des freistehenden Artikels liegt darin, die Referenz des Bezugswortes überhaupt zu ermöglichen. Diese Charakteristik der modernen Sprachen kann ebenso für das Altnordische angenommen werden. Zur Frequenz der Verwendung ist abschließend zu sagen, dass der Artikel im Altnordischen eher selten genutzt wird. So fehlt er auch oft an Nomen, die etwas Bekanntes denotieren. Der bestimmte Artikel ist im Altnordischen demnach noch kein obligatorischer Marker der DP, sondern noch in seiner Entwicklung begriffen. I.6.5 Zum armenischen Artikel Der altarmenische Artikel besitzt die Formen arm. -s, -d und -n. Es handelt sich hierbei um enklitische Morpheme, die stets an ihr Bezugswort suffigiert werden. Der Artikel ist in seiner Form unveränderlich. Er wird also nicht dekliniert und kann demnach weder Kasus noch Numerus anzeigen.1 Innerhalb des Armenischen leitet sich der Artikel von den drei Demonstrativstämmen (-)s(-), (-)d(-) und (-)n(-) ab. Mittels dieser Stämme werden nicht nur der enklitische Marker, sondern auch die adnominalen Demonstrativpronomina (arm. ays, ayd, ayn ‚der dort, jener‘), die anaphorischen Demonstrativa (arm. sa, da, na ‚er, der, jener‘), die Identitätspronomina (arm. soyn, doyn, noyn ‚derselbe‘) und schließlich das Korrelativ (arm. ayspisi, aydpisi, aynpisi ‚solcher‘) gebildet. Syntaktisch erfüllen die Pronomina und der Artikel allerdings verschiedene Aufgaben. Die Hauptfunktion des armenischen Artikels liegt nicht in der Markierung von Definitheit, sondern in der Kennzeichnung der Deixis. Das Armenische besitzt ein ausgebautes deiktisches System, das zwischen personaler und objektaler Deixis sowie verschiedenen Entfernungsstufen differenziert, repräsentiert durch die Stämme (-)s(-), (-)d(-) und (-)n(-). Arm. -s referiert auf die erste Person und transportiert die Bedeutung ‚hier, bei mir‘, arm. -d auf die zweite Person (‚dort, bei dir‘) und arm. -n auf die dritte Person; vgl. (15) arm. 15.2 (16) arm. 11.3 (17) arm. 3.2 Arm. -n ist die neutrale Form (‚das‘), die stets ferndeiktisch zu verstehen ist. Es verweist auf etwas, das weder in der Nähe des Sprechers, noch in der Nähe des Hörers ist, sondern entfernt von beiden liegt. Dabei kann es sich sowohl um zeitliche als auch um lokale Ferne handeln. Arm. -n beschreibt eine Position im Raum, wobei nicht exakt festgelegt ist, wo sich das jeweilige Denotat befindet. Am häufigsten taucht dieser Artikel in erzählenden Texten auf. Klein (1996a) hält die neutrale deiktische und anaphorische Funktion für die wichtigste Eigenschaft von arm. -n.2 Des Weiteren nutzt das Armenische die Stämme (-)s(-), (-)d(-) und (-)n(-) um zu markieren, was direkte und was indirekte Rede im Text ist. Dabei ist besonders der Kontrast zwischen arm. -s und arm. -n ausschlaggebend. Arm. -s gilt als markiert, im Gegensatz zu unmarkiertem -n. Arm. -s bezeichnet stets direkte Rede, -n dagegen indirekte Rede. Dabei entsteht eine Opposition zwischen nah (-s) und fern (-n). Mit nah kann schon der textlich näher stehende Referent gemeint sein. Wenn der Erzähler bspw. über sich selbst spricht, wird er arm. -s wählen, redet er aber über etwas oder jemanden, das/der aus irgendeinem Grund (lokaler oder auch geistiger Natur) entfernt ist, wird er arm. -n gebrauchen. Oder der Sprecher redet über verschiedene Personen, dann kann arm. -n die Funktion annehmen, sich auf den zuvor Genannten (im Sinne von weiter vorn im Text erwähnt) zu beziehen, während arm. -s auf den zuletzt Genannten (im Sinne von erst kürzlich im Text genannt) referiert. Nach Klein (1996a) kann die s-Deixis mit Aktualität, Fokus und Belebung assoziiert werden. Als Anapher findet arm. -s nur selten Anwendung.3 Der Artikel arm. -d referiert auf die zweite Person. In einer Kommunikationssituation wird der Gesprächspartner durch diesen Artikel markiert, gleichgültig ob es sich um eine einzelne Person oder eine Gruppe handelt. Für arm. -d gibt es drei Verwendungsfelder: Zum einen kommen d-Formen natürlich häufig in einem Kontext vor, in dem die zweite Person bereits angegeben ist, z.B. durch ein Pronomen, ein Verb oder einen Vokativ. Arm. -d wird vorzugsweise mit dem Vokativ kombiniert, was logisch erscheint, da es die Anrede verstärkt. Aber auch eine Verbform in der zweiten Person kann ausreichen, um eine d-Form hervorzurufen. Darüber hinaus kommt arm. -d in Phrasen vor, in denen die zweite Person noch nicht ausreichend gekennzeichnet ist. Die entsprechende Markierung übernimmt dann der Artikel. Klein (1996a) schreibt, dass die d-Form aufgrund ihrer interaktiven Funktion einen affektbetonten Wert (affective value) besitzt. Eine weitere Anwendung des Artikels arm. -d ist, dass er gebraucht werden kann, um pejorative Gefühle, wie Hohn oder Spott, bzgl. des Referenten auszudrücken. Die d-Deixis impliziert dabei einen negativen Wert und soll emotionale Distanzierung vermitteln. Die Abgrenzung muss allerdings nicht immer feindlicher Natur sein. In der Mehrzahl der Beispiele jedoch soll die d-Deixis in einer Sprechaktsituation eine negative Stellungnahme darstellen, während die s-Deixis eine positive Einstellung transportieren soll.4 Auch die Entfernungsstufen origoinklusiv und origoexklusiv lassen sich auf den altarmenischen Artikel anwenden (vgl. Kap. I.5.2). Arm. -s ist origoinklusiv, während arm. -n Origoexklusivität impliziert. Arm. -d ist ebenfalls als origoexklusiv zu betrachten, da sich der Artikel auf die zweite Person bezieht, die zwar in der Umgebung des Sprechers sein muss, aber trotzdem nicht in direkten Bezug zum Sprecher steht. Zur Untermauerung dieser Klassifikation lässt sich Diewalds (1991) Einordnung der personalen Deiktika dt. ich und du heranziehen. Das Pronomen der ersten Person ist natürlich origoinklusiv, da es auf den Sprecher selbst verweist. Das Deiktikon dt. du klassifiziert Diewald (1991) als origoexklusiv, weil es auf den Hörer referiert, der sich außerhalb der Origo befindet. Eine weitere Unterteilung der personalen Deiktika, die man bei Diewald (1991) findet, ist die Unterscheidung von Person und Nicht-Person. Dabei bezieht sich die Eigenschaft Person auf die Kommunikationsrollen, i.e. Sprecher und Hörer. In diese Kategorie sind arm. -s und -d einzuordnen. Die Kategorie Nicht-Person beschreibt im Gegensatz dazu „… alle durch Nominalphrasen denotierbaren Entitäten …“5, die nicht die Gesprächspartner sind. Diese Rolle erfüllt arm. -n. Die Morpheme arm. -s und -d sind also mit der personalen Dimension verknüpft, da sie stets eine Relation zu einer Person etablieren. Arm. -n hingegen operiert in der objektalen Dimension. Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass hier diejenigen Deiktika versammelt sind, die keine Gesprächsrollen denotieren. Vielmehr gehören die Referenten, über die gesprochen wird, in diese Kategorie. Daher ist anzunehmen, dass arm. -n, das sich bekanntermaßen auf die dritte Person bezieht, der objektalen Dimension zugewiesen werden muss, da es auf Elemente referiert, die keine Kommunikationsteilnehmer sind. Als neutraler Artikel referiert es auf Gesprächsgegenstände, Personen, Orte etc. Dem altarmenischen Artikel ist, wie bereits mehrfach erwähnt, die Funktion Deixis auszudrücken inhärent, so dass er immer weisend wirkt. Er wird gesetzt, um einen Referenten zu markieren und eine Relation zu Sprecher oder Hörer herzustellen. Dadurch, dass er diese doppelte Relation kreiert, ähnelt er stark der oben beschriebenen Funktion der Possessivpronomina, die ebenfalls eine zweifache Relation, zwischen Objekt und Besitzer, darstellen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass sich die deiktische Funktion des altarmenischen Artikels im modernen Ostarmenisch zu einer possessiven Funktion entwickelt hat; vgl. z.B. altarm. town-s ‚das Haus‘ vs. ostarm. town-s ‚mein Haus‘.6 Vermutlich konnte der Artikel im Armenischen diese possessive Funktion ausbilden, weil er nicht als Definitheitsmarker notwendig war. Die armenischen Morpheme arm. -s, -d und -n sind aufgrund ihrer enklitischen Natur abhängige Elemente, aber im Gegensatz zu den Artikeln der anderen Untersuchungssprachen sind sie nicht auf Substantive beschränkt. Stattdessen können sie an Adjektive, Adverbien, Zahlwörter, Verben und sogar Negationen postponiert werden; vgl. (18) arm. 14.1 Vermutlich übernimmt der Artikel in Beleg (18) die Funktion den Autor zu markieren, da dies keine Personalendung leistet. Die armenischen Morpheme können also eine Erweiterung des Subjekts darstellen. Der armenische Artikel sorgt also nicht in erster Linie dafür, dass eine Konstituente als definit markiert wird, wie es eigentlich die Hauptaufgabe eines definiten Artikels ist. Aber er spezifiziert Phrasen und setzt sie entweder zu den Gesprächspartnern oder zu einem kürzlich genannten bzw. bereits bekannten Referenten in Beziehung. Das armenische Morphem wirkt demnach identifizierend. So tritt der Artikel an kein Wort, das nicht in irgendeiner Weise als bekannt betrachtet wird, sei es, weil es kurz zuvor erwähnt wurde oder sei es, weil es als bekannt vorausgesetzt werden kann. Oder aber die Aufmerksamkeit des Lesers soll durch die Anfügung des Artikels auf das jeweilige Wort gelenkt werden. Identifizierbarkeit auszudrücken ist erwiesenermaßen nicht die Hauptaufgabe des armenischen Artikels, jedoch beinhaltet seine Verwendung stets einen Hinweis darauf. Lamberterie (1997) schreibt, dass die enklitischen Partikeln (-s, -d, -n) eine Relation zwischen Wörtern aufzeigen. Auf der einen Seite stehen die Wörter, die durch den Artikel determiniert sind, und auf der anderen Seite die Personen (entweder die, die spricht (-s), die, die angesprochen wird (-d), oder die Person bzw. der Gegenstand, der sich außerhalb des Dialogs befindet (-n)).7 Festzuhalten ist, dass der armenische Artikel fakultativ verwendet wird und dass er bzgl. der semantischen Determination entbehrlich ist. Insgesamt besitzt er vier Funktionen: lokale, deiktische, anaphorische und spezialisierende. In seiner spezialisierenden Funktion steht er dem Typus Artikel, der der Definitheitsmarkierung von Nomina dient, nahe. In seiner anaphorischen Eigenschaft erinnert er an Pronomina. Der lokale und deiktische Charakterzug scheinen einzigartig zu sein. II. Untersuchung der Belegstellen In diesem Kapitel werden die Belegstellen geordnet nach den Konstituenten untersucht, i.e. einfache DPn, DPn mit Pronomen, DPn mit Adjektiven etc. Der Fokus liegt dabei stets auf dem Artikel. Die DPn sind so organisiert, dass die Phrasen mit jedem Kapitel komplexer werden. Die einfachen DPn umfassen nur Beispiele mit Artikel und Bezugswort. Anschließend werden substantivierte Elemente besprochen. Diese verhalten sich im Allgemeinen zwar wie Substantive, doch in der syntaktischen Analyse in Kapitel III werden die Differenzen deutlich, da nominalisierte Elemente auf andere Weise generiert werden müssen als Substantive. Im nächsten Punkt werden Konstellationen mit Pronomen erläutert, danach Phrasen mit attributiven Adjektiven usw. Dieses Vorgehen erleichtert den Überblick über alle Belegstellen. Ferner kann durch diese Gliederung untersucht werden, ob spezifizierende Konstituenten die Verwendung des Artikels beeinflussen können. Die einzelnen Untersuchungssprachen werden zunächst separat analysiert. Die so erzielten Ergebnisse werden in einem Zwischenfazit am Ende jedes Kapitels verglichen. Es wird allerdings nicht jedes Beispiel gesondert erwähnt, vielmehr werden die verschiedenen Phrasentypen vorgestellt und ihre grammatischen Eigenschaften erklärt. Auf Typisches wird hingewiesen und auf Besonderheiten detailliert eingegangen. Von speziellem Interesse sind die Wortstellungsmuster der einzelnen Phrasentypen. Durch den Vergleich der einzelsprachlichen Belegstellen werden allgemeine Serialisierungen herausgearbeitet, die mit abstrakten Bezeichnungen wie „Art“ für Artikel oder „BW“ für Bezugselement operieren.1 Die Wortstellungsmuster entsprechen etwa einem mathematischen Term. Dies dient dazu, dass jedes Serialisierungsphänomen mit Artikel gesondert erklärt werden kann. Durch die Wortstellungsmuster kann man die Positionen der einzelnen Konstituenten innerhalb der Phrase analysieren und feststellen, in welchen Positionen der Artikel auftreten kann. Dies wiederum wird in Kapitel III wichtig sein, um herauszufinden, wo der Artikel innerhalb der DP abgeleitet werden kann. Da der Artikel mit dem Feature Definitheit verknüpft ist, kann dadurch auch eine Position für Definitheit in der DP wahrscheinlich gemacht werden. Wenn eine komplexe Phrase vorliegt und analysiert werden soll, kann man aus den entsprechenden Kapiteln die Einzelkomponenten auswählen und zu einer komplexen Analysestruktur zusammensetzen. Ferner wird anhand der Wortstellungsmuster erklärt, in welcher Relation der Artikel zum Bezugswort steht und ob sich seine Stellung verändert, wenn eine weitere Konstituente wie ein Possessivpronomen, ein Adjektiv etc. hinzukommt. Die abstrahierten Muster sollen die Stellungsmöglichkeiten des Artikels herausstellen und veranschaulichen, welche Positionen eine DP je nach Untersuchungssprache besitzen muss. Zudem hilft es, die Serialisierung im Bezug auf die Artikelsetzung hin zu analysieren, um daraus Regeln zur Verwendung des Artikels ableiten zu können. Der Artikel steht in einer speziellen Relation zur Serialisierung. So sind Calboli (1978 [1979]) und Leiss (2000) der Ansicht, dass der Artikel aus einer Notwendigkeit der Wortstellung heraus entstanden ist. Die Beziehung zwischen Artikel und Satzbau ist mit der referentiellen Kennzeichnung der Nomina verknüpft und die Entwicklung des Artikels evoziert einen Wandel des Satzbaus. So besitzen die alten Sprachstufen des Lateinischen und Griechischen noch keinen Artikel, aber dafür Konstruktionen wie den A.c.I. Nach Calboli (1978 [1979]) begünstigt das Fehlen des Artikels die Akkusativ-mit-Infinitiv-Bildung. Durch den Ausbau der Quantifizierung durch den Artikel werden Konstruktionen wie der A.c.I zurückgedrängt. Des Weiteren gibt es Sprachen, wie das Italienische, in denen auf den definiten Artikel verzichtet werden kann, wenn ein Attribut2 eine Phrase ausreichend als [+definit] markiert.3 Leiss (2000) sieht im Altnordischen eine Verknüpfung zwischen Artikel und Satzbau. Zum einen stellt sie fest, dass der definite Artikel im Altnordischen gehäuft in Zusammenhang mit dem historischen Präsens auftritt. Leiss (2000) schreibt: „… Das deutet darauf hin, daß die ursprüngliche Funktion des bestimmten Artikels im Altisländischen darin bestand, den Vergangenheitsbezug und damit gleichzeitig die perfektive Aspektbedeutung des „historischen Präsens“ zu sichern. …“4 Der definite Artikel des Altnordischen unterstützt also die Perfektivierung des Verbs. Zudem fehlt der altnordische Artikel in syntaktisch definiter Umgebung. Aber er wird verwendet, wenn die syntaktische Umgebung nicht definit ist, aber als solche markiert werden soll. Calboli (1978 [1979]) und Leiss (2000) vermuten, dass es Relationen zwischen Syntax und Artikel gibt. Beide haben den Fokus allerdings auf komplexe Sätze gerichtet. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich demgegenüber auf die innere Struktur der DP und fragt, ob es dort Wechselbeziehungen zwischen Serialisierung und Artikel gibt. Damit sind zum einen wiederkehrende oder feste Serialisierungsmuster gemeint und zum anderen, ob der Artikel vielleicht die Elemente innerhalb der DP in irgendeiner Form beeinflusst oder ob die anderen Elemente eine Auswirkung auf den Artikel haben. Hierzu ist es essentiell den Terminus Grundwortstellung oder auch default mode zu definieren. Die Grundwortstellung ist die am häufigsten genutzte Serialisierung bzw. das in der jeweiligen Sprache bevorzugt genutzte Schema. Diese unmarkierte Wortstellung hilft die Grundstruktur der DP für die Untersuchungssprachen herauszuarbeiten. So schreibt auch Delsing (1993): „… This basic word order constitutes the basis of the noun phrase structure …“.5 Es wird angenommen, dass es in den Untersuchungssprachen bevorzugte Serialisierungen gibt, die als default mode definiert werden können. Im Folgenden wird untersucht, inwiefern Basiswortstellungen in den Untersuchungssprachen nachgewiesen werden können. In den Wortstellungsmustern werden die Belege abstrakt dargestellt und man kann gewisse Regelmäßigkeiten in der Verwendung des Artikels erkennen. Mitunter kann man auch Vermutungen aufstellen, an welche Bedingungen die Setzung des definiten Artikels geknüpft sein mag. Weiterhin ist es leichter die Sprachen miteinander zu vergleichen, wenn man mit Schemata arbeitet. Natürlich muss klar sein, dass man keine unumstößlichen Regeln oder gar feststehende Gesetze formulieren kann. Dennoch kann man sich dem annähern. In Kapitel III dient die Grundwortstellung schließlich dazu, die DP-Analyse abstrakter durchzuführen. Das Wissen, welche Phrasen typische Strukturen aufweisen und welche als Sonderfälle bzw. markierte Stellungen gelten müssen, ist unabdingbar für eine erfolgreiche syntaktische Analyse.6 Neben der Serialisierung werden auch die divergierenden Funktionen, die ein Artikel übernehmen kann, gesammelt, ausgewertet und verglichen. Dies betrifft u.a. Phänomene wie Referenz, Deixis, doppelte Definitheit oder Determiner Spreading. Das Kapitel endet mit einer Zusammenfassung und Auswertung der Serialisierungsmöglichkeiten, der Merkmale und Funktionen und einer Analyse des Konzepts Artikel, das sich aus obligatorischen und optionalen Merkmalen konstituiert. Die Untersuchung der Belegstellen bildet die Vorarbeit und Grundlage für die syntaktische Analyse in Kapitel III. II.1 Einfache DPn Unter einer einfachen DP wird eine Phrase verstanden, die sich aus einem definiten Artikel und einem Substantiv zusammensetzt.1 In einer einfachen DP besteht keine obligatorische Abhängigkeit zu einer übergeordneten Konstituente.2 Im Gegensatz dazu sind Genitivattribute bspw. abhängig von einer regierenden DP. Zudem enthält die einfache DP keine ihr untergeordneten, abhängigen Nominalgruppen. Komplexe DPn besitzen demgegenüber subordinierte Nominalgruppen. Das bedeutet, dass auch diejenigen Phrasen, die zusätzlich zu Artikel und Bezugswort noch ein Pronomen oder attributives Adjektiv enthalten, als einfach gelten.3 In diesem Kapitel werden jedoch nur alle Phrasen aus Artikel und Bezugselement als einfache Phrasen adressiert. Während in den folgenden Kapiteln hinsichtlich der Belegstellen die verschiedenen Attribute, so auch Relativsätze, miteinbezogen werden, unterbleibt dies bei den einfachen DPn. Einerseits liegen auch ohne die Phrasen mit Relativsätzen ausreichend Daten vor und andererseits verhalten sich die einfachen DPn, die in Relativsätzen verbaut sind, nicht anders als die hier versammelten. Bei den Belegstellen insgesamt ist es gleichgültig, ob die Phrase in Subjekts- oder Objektsposition steht. Des Weiteren können die Substantive sowohl Konkreta, Abstrakta oder Kollelktiva sein. Bei beiden Faktoren konnte kein Einfluss auf die Artikelsetzung nachgewiesen werden. Die Referenz dagegen ist eine Funktion, die die Setzung eines Artikels hervorruft. Zur Definition des Terminus Referenz wurde bereits im Kapitel I.5 gesagt, dass sie ein sprachlicher Bezug auf außersprachliche Objekte, in der Welt des Sprechers sind, ist. Das Merkmal Definitheit ermöglicht zu referieren. Es „… [dient] der Identifizierung eines Referenten im Kontext …“.4 Der Referent ist in definitem Kontext eindeutig bestimmbar. Speziell der definite Artikel ist mit konkreter Referenz verknüpft, da ihm das Merkmal [+definit] inhärent ist. Es ist davon auszugehen, dass die Referenz einer DP die Artikelsetzung bzw. die Wahl eines Artikels beeinflusst. Im Allgemeinen können Nominalphrasen generell drei Arten von Referenz ausdrücken, i.e. Einzigartigkeit, Spezifität sowie Zählbarkeit. Statt von Spezifität spricht Vangsnes (1999) auch von Diskursanaphorik. Diese referentielle Eigenschaft wird durch den definiten Artikel ausgedrückt, Einzigartigkeit durch Quantifizierer und Zählbarkeit durch Numeralia. Vangsnes (1999) beschreibt die Eigenschaften der Referenz folgendermaßen: „… When a noun phrase is uniquely referring the speaker assumes that the referent for the noun phrase is identifiable for the listener, and when a noun phrase is specifically referring the speaker has a certain individual in mind. …“5 Der Unterschied zwischen Einzigartigkeit und Spezifität liegt also darin, dass bei Einzigartigkeit zwar ein passender Referent gefunden werden kann, dieser aber nicht definit und somit konkret bestimmbar sein muss; vgl. dt. Alle Zwerge trauern um Schneewittchen. In dem Satz dt. Alle Zwerge trauern um Schneewittchen ist das Subjekt nicht [+definit], weil es nicht durch einen Artikel determiniert wird. Aber durch den Quantifikator dt. alle heben sich die bezeichneten Referenten ab. Spezifität dagegen ist durch Definitheit gekennzeichnet. Über die Spezifität heißt es weiter bei Vangsnes (1999): „… a noun phrase is specific when the speaker assumes that there is a relation between the noun phrase expression and actual entities. …“6 Diese Relation wird durch den definiten Artikel hergestellt. Gleichzeitig kommt dabei die deiktische Funktion eines Determinans zum Tragen, d.h. ein Artikel verweist bzw. zeigt sprachlich in die Richtung seines Denotats. Zur Zählbarkeit schreibt Vangsnes (1999): „… A noun phrase is countable when it denotes a referent which consists of one or more individualized referents, i.e. a set. …“7 Hinsichtlich der DPn aus Artikel und Substantiv in den alten Sprachen kommt nur die Kategorie Numerus in Frage, i.e. Singular, Dual, Plural. Den Dual haben die Untersuchungssprachen nur noch in Resten bewahrt. An den entsprechenden Stellen wird auf diese drei Eigenschaften der Referenz zurückzukommen sein. Doch im Fokus steht die spezifische Referenz, die der Artikel kreiert. Hierbei sind noch zwei andere Klassifizierungen wichtig: die Untergliederung in generische vs. individuelle Referenz und in deiktische vs. anaphorische Referenz. Referiert eine DP generisch, dann bezieht sie sich auf eine Gruppe bzw. steht ein Einzelbegriff für eine Gruppe oder Gattung; vgl. dt. der Löwe ist ein Säugetier.8 Das Substantiv ist also allgemein aufzufassen. In diesem Fall liegt kein durch den Kontext gegebener Diskursreferent vor. Lyons (1999) schreibt, dass die Gliederung generisch vs. nicht-generisch unabhängig von der Definitheit ist, aber mit dieser interagiert. Weiter heißt es: „… Generics are typically definite in form in some languages, but not in others. …“9 Generische Phrasen drücken Allgemeines bzw. Verallgemeinerungen aus. Ferner können zählbare und Massennomina gleichermaßen generische Phrasen erzeugen. Bei individueller Referenz nimmt die Phrase demgegenüber Bezug auf ein Einzelobjekt oder eine Person; vgl. dt. der Löwe hat sich den Magen verdorben. Bei Delsing (1993) findet man schließlich die Unterscheidung zwischen deiktischer und anaphorischer Referenz. Deiktische Referenz liegt vor, wenn der Referent bekannt ist. Anaphorische Referenz bezieht sich auf einen kürzlich genannten Referenten.10 Im Folgenden wird untersucht, ob bzw. inwiefern diese Modi der Referenz in den Untersuchungssprachen zum Ausdruck kommen. Die verschiedenen Klassifizierungen der Referenz haben alle gemeinsam, dass die Referenz stets kontextabhängig ist. Die DPn werden hier (weitgehend) ohne Kontext angegeben, aber für die Ermittlung der Referenz einer Phrase war es natürlich unabdingbar den Kontext zu berücksichtigen. II.1.1 Griechisch Im Griechischen ist zweifelsohne die Serialisierung Art+BW der default mode; vgl. (19) gr. 2.5.29 (20) gr. 2.4.14 In einer einfachen, griechischen Phrase können im untersuchten Korpus bis zu zwei Partikeln stehen, ganz gleich welche Konstituenten noch in der DP vorkommen; vgl. (20).1 Die Partikeln stehen in der Regel nach dem Determinans. Ausnahmen liegen vor, wenn die DP einer anderen Phrase wie z.B. einer anderen DP oder einer PP untergeordnet ist. Ferner kann eine Partikel auch vor der DP erscheinen; vgl. (21) gr. 2.1.12 Aus den Daten können die Wortstellungen Art+BW, Art+Part+BW, Art+Part+Part+BW sowie Art+BW+Verb abstrahiert werden. Partikeln sind im Folgenden nicht von Interesse und bleiben unberücksichtigt, auch in den Serialisierungsmustern wird auf sie verzichtet. Zum einen beeinflussen sie den Artikel nicht und zum anderen ist ihre syntaktische Analyse noch ein relativ ungeklärtes Phänomen. Die Verwendung des griechischen Artikels hängt von der Referenz ab. So muss zwischen generischer vs. individueller und andererseits zwischen deiktischer vs. anaphorischer Referenz differenziert werden. Generische Lesart liegt vor, wenn sich die Phrase auf eine Gattung oder eine Gruppe bezieht; vgl. (22) gr. 2.1.10 Im Griechischen werden generische Phrasen ebenso wie nicht-generische determiniert. Bei individueller Referenz bezieht sich die DP auf ein Einzelobjekt oder eine Einzelperson; vgl. (23) gr. 2.1.13, 2.1.22 (24) gr. 2.1.1 Die Phrase (24) befindet sich im ersten Paragraphen des zweiten Buches der Anabasis. Da Artaxerxes schon im ersten Buch erwähnt wurde, könnte man die Phrase auch als anaphorisch referierend interpretieren. Artaxerxes wird jedoch am Ende des ersten Buches nicht mehr erwähnt, so dass der anaphorische Bezug mehrere Passagen überbrücken müsste. Daher wird für das Beispiel (24) deiktische Referenz angenommen. Anaphorische Referenz ist anzusetzen, wenn die Ausgangsphrase, auf die verwiesen wird, im Text in der Nähe der betreffenden DP steht; vgl. (25) gr. 2.1.8, 2.1.9, 2.1.10 (2x), 2.1.17, 2.1.18, 2.1.19, 2.1.20 (2x), 2.2.8, 2.2.21, 2.3.1 In gr. 2.1.8 referiert die Phrase (25) noch deiktisch, da dort das Gespräch darüber, dass die Griechen ihre Waffen an die Perser abgeben sollen, beginnt. In den folgenden Versen kann der Artikel dann anaphorisch interpretiert werden, da immer noch von den gleichen Waffen die Rede ist. Welche Art der Referenz vorliegt, muss also jeweils durch den entsprechenden Kontext festgestellt werden. Der Artikel ist hierbei keine Hilfe, da das Griechische nur einen Artikel besitzt und dieser bei jeder Art der Referenz gesetzt wird. II.1.2 Albanisch Im Albanischen übernimmt vorrangig der enklitische Artikel die Funktion der Determination; vgl. (26) alb. MAT 11.2, MAT 12v.1, MAT 12v.3 (27) alb. BUZ Kap1/fol9.42, BUZ Kap3/fol9v.10, BUZ Kap4/fol9v.48, BUZ Kap4/fol9v.79, BUZ Kap4/fol9v.85 Bei Pekmezi (1908) heißt es: „… Dem deutschen bestimmten Artikel entsprechend bildet das Albanesische eine bestimmte Form des Substantivs durch Anfügung eines postpositiven Artikels. …“1 Der suffixale Artikel des Albanischen markiert also in gleicher Weise Definitheit wie bspw. der deutsche Artikel. Hingegen ist die Verwendung des sog. freistehenden Artikels des Albanischen als Definitheitsmarker restringiert. Laut Buchholz/Fiedler (1987) determiniert er ausschließlich alte Verwandtschaftsbezeichnungen wie alb. atë ‚Vater‘ oder alb. ëmë ‚Mutter‘, Heiligennamen und das Nomen alb. zot ‚Gott, Herr‘2; vgl. (28) alb. BUZ Kap4/fol9v.39: alb. zot ‚Gott‘ (29) alb. BUZ Kap4/fol9v.775: Verwandtschaftsbezeichnung (30) alb. MAT 22v.1, MAT 22v.10: Heiligenname Im modernen Albanischen wird der freistehende Artikel obligatorisch vor Verwandtschaftsbezeichnungen.6 Es ist anzunehmen, dass die Entwicklung dahingehend im Altalbanischen einsetzt, denn der Artikel ist im Altalbanischen noch nicht zwingend erforderlich bei Verwandtschaftsbezeichnungen; vgl. (31) alb. BUZ Kap1/fol9.29, BUZ Kap4/fol9v.78 In Phrasen wie (32) kann spekuliert werden, ob der sog. freistehende Artikel die Determination, die durch den enklitischen Artikel ausgedrückt wird, verstärkt; vgl. (32) alb. MAT 14.5, MAT 14.12 Demiraj (1993) sieht davon ab, dass der sog. freistehende Artikel hier eine determinierende Funktion ausübt, da Verwandtschaftsbezeichnungen im Falle von Definitheit mit einem enklitischen Artikel versehen werden. Stattdessen impliziert der sog. freistehende Artikel in derartigen Belegen eine gewisse possessive Nuance, d.h. er übernimmt die Funktion eines Possessivums der 3. Person. Diese Funktion ist auf Verwandtschaftsbezeichnung beschränkt. Insgesamt gelten der Ursprung sowie die Funktion des sog. freistehenden Artikels vor Verwandtschaftsbezeichnungen als unklar. Mann (1977) spricht von einer hypokoristischen oder persönlichen Partikel.8 Der Terminus Partikel wird den Eigenschaften des Elements allerdings nicht gerecht, da eine Partikel nicht flektiert. Das vorliegende Element zeigt jedoch Kongruenz-Merkmale. Im Altalbanischen liegt also eine Opposition Verwandtschaftsbezeichnung mit freistehendem Artikel vs. Verwandtschaftsbezeichnung ohne freistehenden Artikel vor. Es wird mit Buchholz/Fiedler (1987) angenommen, dass der freistehende Artikel hier zur Determination eingesetzt wird.9 Somit wird der sog. freistehende Artikel vor Verwandtschaftsnamen als Artikel, i.e. Art., glossiert. Dennoch bleibt es fraglich, ob der freistehende Artikel in Beispiel (29) eine determinierende Funktion ausübt oder ob hier die Entwicklung einsetzt, dass der freistehende Artikel obligatorisch vor Verwandtschaftsbezeichnungen wird. Die Hauptfunktion des sog. freistehenden Artikels besteht in der Kennzeichnung von Agreement. Als Agreement-Marker setzt der sog. freistehende Artikel Konstituenten in Bezug zu anderen. Definitheit spielt dabei keine Rolle; vgl. (33) alb. MAT 9.2, MAT 10v.3 Alb. dashurë in (33) ist eine Partizipialableitung auf alb. -rë zu alb. do ‚lieben; wollen‘. Der sog. freihstehende Artikel fungiert als Wortbildungselement, d.h. der sog. freistehende Artikel und das substantivierte Partizip bilden eine Einheit und sind in dieser Form lexikalisiert. Der sog. freistehende Artikel zeigt an, dass es sich um eine Ableitung handelt. Als Wortbildungselement kommt er auch bei den substantivierten Artikel-Adjektiven11 vor; vgl. (34) alb. BUZ Kap4/fol9v.74, BUZ Kap4/fol9v.78 In (34) liegt eine Nominalisierung vom Artikel-Adjektiv alb. i dërejtë ‚richtig, gerecht, korrekt‘ vor. Ferner wird die Phrase durch einen enklitischen Artikel determiniert. In den meisten einfachen Konfigurationen mit sog. freistehendem Artikel liegt ein abgeleitetes Substantiv vor. Der sog. freistehende Artikel gibt somit einen Hinweis darauf, dass ein Kategoriewechsel stattgefunden hat. Ferner findet sich der sog. freistehende Artikel häufig bei Lehnwörtern; vgl. (35) alb. MAT 8.7, MAT 8v.1 Alb. i krështē ‚Christ‘ ist eine Ableitung von lat. christianus ‚Christ‘. Der sog. freistehende Artikel determiniert nicht. Die Konfiguration könnte auch in indefinitem Kontext vorkommen. Es wird vielmehr vermutet, dass der sog. freistehende Artikel das Lehnwort in die Kategorie der albanischen Nomina eingliedert, d.h. er markiert, dass das entsprechende Element [+nominal] ist. Viele Derivationen sind im Altalbanischen bereits ins Lexikon aufgenommen worden. Der sog. freistehende Artikel und das nominale Element bilden eine syntaktische und semantische Einheit. Da der sog. freistehende Artikel in dieser Funktion nichts mit einem Artikel zu tun hat, ist die Bezeichnung Artikel irreführend. Mann (1977) spricht von einer verbindenden Partikel (connecting particle).12 Doch da das verbindende Element flektiert, ist diese Bezeichnung unzutreffend. Hendriks (1982) spricht von einem Konnektor (connective).13 Konnektoren bezeichnen Wörter oder Morpheme, die syntaktische Einheiten in eine Relation zueinander setzen. Die syntaktischen Einheiten, die koordiniert werden, sind üblicherweise Teilsätze. Typische Konnektoren sind z.B. Konjunktionen. Somit impliziert der Terminus Konnektor die Vorstellung, dass das betreffende Element auf Satzebene operiert. Somit erfasst der Begriff auch nicht den Charakter des sog. freistehenden Artikels. Campos (2009) bezeichnet den sog. freistehenden Artikel als adjektivischen Artikel und nimmt an, dass es sich hinsichtlich der Funktion um ein Agreement-Morphem handelt.14 Die entscheidende Funktion des Elements ist die Markierung der Kongruenzmerkmale. Daher wird der sog. freistehende Artikel in der dargelegten Funktion als Agreement-Marker definiert, i.e. AgrM.15 Nur wenn der sog. freistehende Artikel determiniert, wird er im Folgenden als Artikel bezeichnet. Es gibt also eine Differenz zwischen: freistehender Artikel vs. Agreement-Marker. Daher wird hier nicht mit Buchholz/Fiedler (1987) argumentiert, dass es sich um einen Artikel in Beispiel (28) handelt. Die determinierende Funktion ist zwar denkbar, aber nicht als sicher festzustellen. Hier wird angenommen, dass es sich in derartigen Belegen um einen Agreement-Marker handelt. Daher ist die Glossierung von oben zu revidieren; vgl. (37) alb. BUZ Kap4/fol9v.39 Das Substantiv alb. zotynë/inëzot ‚Gott‘ wurde weder bei Buzuku noch bei Matrënga mit enklitischem Artikel gefunden, wobei alb. zot durchaus mit enklitischem Artikel vorkommt; vgl. (38) alb. BUZ Kap1/fol9.12–13 Da im Text ohne Zweifel vom Gott des Christentums die Rede ist, muss im Beleg (38) individuelle Referenz angenommen werden. Einerseits können Heiligennamen zwar determiniert werden, aber andererseits ist die Bezeichnung für Gott im christlichen Kontext immer definit. Des Weiteren flektiert alb. zotynë ‚Gott‘ nicht, wie Beispiel (37) gezeigt hat. Daher ist der sog. freistehende Artikel erforderlich, um die AGR-Merkmale auszudrücken. Aber es kann keine Wortbildungsfunktion nachgewiesen werden, denn alb. zotynë ‚Gott‘ kann auch ohne den sog. freistehenden Artikel stehen; vgl. (39) alb. BUZ Kap2/fol9.87–88 (40) alb. MAT 5.4 Fehlt der sog. freistehende Artikel, flektiert das Substantiv alb. zotynë ‚Gott‘. Dieses setzt sich aus dem Possessivpronomen und dem Wort alb. zot ‚Herr‘ zusammen. Wie die Belege demonstrieren, befindet sich das Pronomen im Anlaut, wenn es flektiert, denn das Albanische bevorzugt die Agreement-Markierungen möglichst linksperipher. Erscheint jedoch der Agreement-Marker, befindet sich das Pronomen im Auslaut und flektiert nicht. Beleg (40) widerspricht dieser Annahme nicht, denn hier handelt es sich nicht um den Agreement-Marker, sondern um einen Genitiv-Marker. Dessen Aufgabe ist es, ein Genitivattribut an das Regens anzuschließen, indem es dessen Kasus annimmt (vgl. Kap. II.5.2). Im Albanischen muss der sog. freistehende Artikel also differenziert analysiert werden, d.h. es werden zwei Morpheme angesetzt: ein Definitheits- und ein Agreement-Marker. Ferner sind Regelmäßigkeiten der Artikelsetzung in Relation zum Merkmal Referenz festzustellen. Um individuell zu referieren, wird in erster Linie der enklitische Artikel gesetzt; vgl. (36) alb. BUZ Kap1/fol9.14–15 In wenigen Fällen wird die Determination bei individueller referentieller Lesart durch das Auftreten des freistehenden Artikels verstärkt; vgl. Beispiel (32) oben. Für die albanischen Phrasen aus Artikel und Substantiv ist zusammenfassend festzuhalten, dass der enklitische Artikel bei individueller Referenz Anwendung findet. Ein Beispiel für generische Referenz liegt nicht vor. Die Basiswortstellung für einfache DPn ist das Muster BW-Art. Diese Serialisierung zeigt die Mehrzahl der untersuchten Belegstellen aus Artikel und Substantiv. Aufgrund von Belegstellen wie (32) muss auch die Serialisierung Art+BW-Art angesetzt werden, obgleich sie nicht als default mode interpretiert werden kann, da dem freistehenden Artikel nur in wenigen Fällen eine determinierende Funktion zugesprochen wird. Wenn der sog. freistehende Artikel eine wortbildende Funktion einnimmt, wird er als Agreement-Marker definiert und nicht als separate Konstituente gewertet, da er ein Teil des entsprechenden Wortes ist. In den Glossierungen der Belegstellen wird die Abkürzung AgrM verwendet. Nur wenn der sog. freistehende Artikel determiniert, wird er als Artikel bezeichnet und in der Glossierung als Art gekennzeichnet. In sehr seltenen Fällen trifft man auf das Wortstellungsmuster Art+BW, wie oben in Beispiel (29). II.1.3 Altnordisch Im Altnordischen determiniert stets der suffixale Artikel das Substantiv, i.e. BW-Art. Diesem Muster folgen alle Belegstellen ausnahmslos; vgl. (41) anord. 5.32.3 Insgesamt wird der Artikel in Kombination mit einem Substantiv allerdings nicht sehr frequent genutzt. Heusler (1967) schreibt, dass „… bestimmte und unbestimmte Formen […] oft gleichbedeutend durcheinander [gehen] …“.1 Bei Gattungsbegriffen, „…. Völker- und Gruppennamen, Titel[n], Ausdrücke[n] für ‚Erde, Himmel‘ u.ä., für Zeiten (Wochentage, Jahres- und Tageszeiten), Begriffe wie ‚Glaube, Gesetz, Allding‘ …“2 bleibt der Artikel in der Regel aus. Jedoch findet der enklitische Artikel Anwendung in Verbindung mit dem Vokativ sowie Eigennamen; vgl. (42) anord. 9.40.4 Im Altnordischen wird also nur der enklitische Artikel mit einem Substantiv kombiniert. Dabei kann dieser individuell referieren; vgl. (43) anord. 5.30.22, 7.33.26, 15.53.10 Der enklitische Artikel des Altnordischen kann auch generisch referieren; vgl. (44) anord. 13.48.21 Julien (2003) formuliert bzgl. der modernen skandinavischen Sprachen, dass bei generischer Lesart ein suffigierter Artikel optional ist. Liegt demgegenüber aber individuelle Referenz vor, dann ist er obligatorisch.3 Im Altnordischen ist der Artikel in keiner der beiden Konstellationen obligatorisch. Aber grundsätzlich kann er sowohl bei generischer als auch individueller Lesart vorkommen. Deiktische Referenz ist im Altnordischen ebenfalls möglich; vgl. (45) anord. 14.51.9 Im Text wurden zuvor keine Geldmittel erwähnt, daher kann keine anaphorische Relation vorliegen, nur deiktische. Ferner kann anaphorische Referenz ebenso vorkommen; vgl. (43) oben und (46) anord. 5.30.22, 15.53.6, 15.53.8 (47) anord. 5.31.2, 5.31.3, 5.31.22, 5.31.24, 5.31.13 In der altnordischen Geschichte geht es um das Pferd Freyfaxi. Dabei wird das Nomen anord. hestr ‚Hengst‘ immer wieder aufgegriffen und durch den Artikel determiniert. Dies zeigt dem Leser an, dass es sich um einen zuvor erwähnten Referenten handelt. Die modernen skandinavischen Sprachen haben den enklitischen Artikel bewahrt. Im Allgemeinen wird dort der enklitische Artikel an eine NP angefügt, wenn diese einen konkreten Diskurs-Referenten bezeichnet. Aber in den nord-nordöstlichen schwedischen Dialekten4 kann der suffixale Artikel auch an Substantive postponiert sein, die weder individuell sind, noch vom Hörer/Leser problemlos identifiziert werden können. Dabei handelt es sich gewöhnlich um Massennomina im Singular oder um zählbare Nomina im Plural. Dies kann auch im Altnordischen beobachtet werden. In (48) liegt ein Massennomen im Singular mit einem enklitischen Artikel vor; vgl. (48) anord. 6.32.24, 15.52.11 Aber auch Massennomina im Plural mit suffixalem Artikel sind möglich; vgl. (44) oben. Ein Beispiel für ein zählbares Nomen im Plural ist (49); vgl. (49) anord. 15.52.21 Plural- und Massennomina verfügen über eine kumulative Referenz. Laut Vangsnes (1999) trägt der enklitische Artikel in derartigen Fällen das Feature [Masse] neben den Merkmalen [Deixis] und [Totalität]. In anderen Worten, es ist dem enklitischen Artikel möglich, Massennomina und zählbare Pluralnomina zu determinieren, da er das Feature [Masse] besitzt.5 II.1.4 Armenisch Im Armenischen alternieren die deiktischen Varianten des Artikels. Arm. -n fungiert als neutraler Artikel; vgl. (17) arm. 3.2 Daneben kann arm. -n auch anaphorisch referieren; vgl. Die drei Belegstellen kommen in unmittelbarer Nähe vor und beziehen sich alle auf den gleichen König. Zuvor wurde der ‚König der Armenier‘ erwähnt (vgl. (53) arm. 29.1 tʿagawor-n Hayocʿ ‚der König der Armenier‘), auf den die angeführten Beispiele anaphorisch referieren. Durch die dem Artikel inhärente Deixis referieren arm. -s und -d stets individuell, da sie auf bestimmte Personen, i.e. erste bzw. zweite Person, verweisen; vgl. Um generisch zu referieren, wird der Artikel arm. -n genutzt; vgl. (55) arm. 34.2 Natürlich kann arm. -n ebenfalls einen individuellen Bezug herstellen; vgl. (52) arm. 31.3 Laut Müth (2011) wird der armenische Artikel nicht bei generischer Lesart verwendet.1 Besonders die Artikel arm. -s und -d erlauben aufgrund der inhärenten Deixis keine generische Lesart; vgl. die oben genannten Belege (54) und (16). Durch den Bezug zur ersten bzw. zweiten Person referieren Phrasen mit diesen Artikeln ausschließlich individuell. Daneben gibt es jedoch Beispiele mit arm. -n, die eine generische Interpretation zulassen; vgl. Beide Belege referieren auf Gruppen. Laut Müth (2011) kann der armenische Artikel nicht zur Referenz auf ethnische oder kategoriale Gruppen genutzt werden. Die Beispiele scheinen dem allerdings zu widersprechen, da hier kategoriale Gruppen denotiert werden. Müth (2011) stützt ihre Untersuchung auf das Neue Testament und findet ihre Hypothese dort bestätigt. Ihre Belegstellen zeigen auch, dass es nicht daher rührt, dass das armenische Neue Testament Übersetzungsliteratur ist. Während das Armenische dort auf Artikel bei generischer Referenz verzichtet, setzt das Griechische, das Müth (2011) zum Vergleich heranzieht, bei generischer Lesart konsequent den Artikel. Auch bei Agatʿangełos lassen sich Beispiele für die generische Lesart ohne Artikel anbringen; vgl. (58) arm. 30.2 Arm. tʿagaworacʿ ‚Könige‘ bezieht sich auf Herrscher generell und nicht auf einen Bestimmten, daher bleibt der Artikel aus. Dennoch kann man für Agatʿangełos nicht verallgemeinernd annehmen, dass der Artikel arm. -n nur bei individueller Lesart vorkommt. Für die Artikel arm. -s und -d hingegen lässt sich diese Regel postulieren. Ferner schlägt Müth (2011) vor, das Vorkommen des armenischen Artikels im Bezug zum Akkusativmarker arm. z- zu untersuchen. Unter den monadischen DPn ohne weitere Attribute kann diesbezüglich bei Agatʿangełos keine Korrelation festgestellt werden, da nur wenige Kopfnomen einen Marker tragen; vgl. Tabelle 2: Distribution der armenischen Marker in DPn mit Artikel In der Tabelle wurde neben dem Akkusativmarker arm. z- auch der Ablativmarker arm. y- berücksichtigt. Die Beispiele zeigen, dass der Artikel stehen kann, wenn einer der Marker vorhanden ist, aber er kann ebenfalls stehen, wenn ein Marker fehlt; vgl. Die Belegstellen (60) und (59) stimmen sogar im Kasus überein, der einzige Unterschied liegt darin, dass in (60) der Marker arm. y- erscheint. In den Beispielen (50), (51) und (52) oben liegen hingegen verschiedene Kasusformen vor. Weder Akkusativ- noch Ablativ-Marker haben also Einfluss auf die Artikelsetzung oder die syntaktische Struktur der einfachen DP. In den Wortstellungsmustern wird daher nicht gesondert vermerkt, ob ein Marker vorliegt oder nicht, da es grundsätzlich möglich, aber nicht obligatorisch ist. Als Serialisierungsmuster wird resümierend für das Armenische BW-Art abstrahiert. II.1.5 Zwischenfazit Die Untersuchungssprachen weisen präponierte, freistehende sowie postponierte, enklitische Artikel auf. Das Griechische jedoch besitzt nur einen freistehenden Artikel. Dieser erscheint ausnahmslos vor dem Substantiv. Demgegenüber zeigt das Armenische einen suffixalen Artikel, der an das Bezugswort angefügt werden kann, aber nicht obligatorisch ist. Das Altnordische und das Albanische besitzen jeweils einen freistehenden sowie einen enklitischen Artikel. Während im Altnordischen ausschließlich der suffixale Artikel mit einem Kopfnomen vorkommt, kann im Albanischen in seltenen Fällen auch der freistehende Artikel vorkommen. Der enklitische Artikel des Albanischen determiniert vornehmlich. Die Verwendung des freistehenden Artikels als Definitheitsmarker hingegen ist restringiert auf alte Verwandtschafts- und Heiligennamen. Daneben verfügt das Albanische über einen Agreement-Marker, der zwar die gleiche morphologische Gestalt wie der Artikel hat, aber divergierende Funktionen. Der Marker fungiert bspw. als Wortbildungselement. Das Serialisierungsmuster BW-Art gilt für das Albanische, Altnordische und Armenische. Im Albanischen können zudem auch die Wortstellungen Art+BW-Art sowie Art+BW vorkommen. Der griechische und der altnordische Artikel sind nicht auf eine bestimmte referentielle Lesart festgelegt, d.h. sie treten gleichermaßen bei generischer, individueller, anaphorischer und deiktischer Referenz auf. Der enklitische Artikel des Albanischen dagegen wurde nur bei individueller Referenz festgestellt, wobei ggf. der freistehende Artikel zusätzlich gesetzt werden kann. Im Armenischen schließlich muss zwischen den Artikelvarianten differenziert werden. Individuelle Lesart ist bei allen drei Varianten möglich, doch bei generischer Referenz ist ausschließlich arm. -n in wenigen Fällen verwendbar. Zusätzlich kann arm.-n anaphorisch referieren. Generell herrscht Kongruenz zwischen dem Substantiv und dem Artikel in einfachen DPn, zumindest im Griechischen und Altnordischen. Der Artikel des Armenischen ist unveränderlich, daher ist Kongruenz ausgeschlossen. Im Albanischen sprechen Grammatiken mitunter von der definiten Deklination, wenn der Artikel an ein Substantiv postponiert ist. Dies bedeutet nicht, dass der Wortkörper des Nomens undekliniert bleibt, wenn der Artikel auftritt. Hier wird der enklitische Artikel nicht als bestimmte Art der Flexion verstanden, sondern als determinierendes Morphem definiert. Ferner gibt es ein paar wenige Substantive wie alb. zot ‚Herr‘, die grundsätzlich keine Agreement-Markierungen haben. Um die Angabe der Kongruenz-Merkmale dennoch zu gewährleisten, erscheint der Agreement-Marker und übernimmt die vakante Funktion. Abschließend ist festzuhalten, dass der freistehende Artikel des Griechischen sowie die enklitischen Artikel des Albanischen und des Altnordischen Phrasen als [+definit] kennzeichnen. Die Hauptfunktion des armenischen Artikels hingegen ist die inhärente Deixis. So unterscheiden die armenischen Artikel-Varianten zwischen Ich-, Du- und Dér-Deixis. Dieses Feature ermöglicht allerdings die Determination. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pauline-weiss/die-innere-struktur-der-dp-in-den-altindogermanischen-artike/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.