Nachricht an den Großen Bären Eva Schörkhuber Geheime Papiere gegen den Faschismus. In naher Zukunft: Die Rechtspopulisten haben die Macht ergriffen, Europa ist in Zonen aufgeteilt, die Menschen sind angesichts des neuen faschistischen Regimes verängstigt. Während Claire hinter Barrikaden kämpft, sitzt ihre Freundin Su mit geheimen Papieren im Zug. Wenn es ihr gelingt, damit unbemerkt die Grenze zu passieren, ist es vielleicht noch nicht zu spät. Eva Schörkhuber erzählt in ihrem hypnotischen Roman von Mechanismen der Angst, von Formen des Widerstands, von Verzweiflung und der Hoffnung auf eine bessere Welt. Eva Schörkhuber Nachricht an den Großen Bären Roman Du wirst dich jetzt auf meine Stimme konzentrieren. Meine Stimme wird dir dabei helfen, weiter zu kommen. Sie wird dich auf eine Reise schicken. Sie wird dir zeigen, wie deine Welt in ein paar Jahren aussehen wird. Du wirst sehen, wie du dich dann verhalten wirst. Ich zähle jetzt von eins bis zehn. Wenn ich bei zehn angelangt bin, wirst du dich auf den Weg gemacht haben, um die Welt zu verändern. Ich sage: eins. Du konzentrierst dich ausschließlich auf meine Stimme und beginnst langsam, dich zu entspannen. Zwei. Deine Hände und deine Finger werden wärmer und schwerer. Drei. Die Wärme dehnt sich aus von deinen Händen über deine Arme, deine Schultern und deinen Nacken. Vier. Deine Füße und deine Beine werden schwerer. Fünf. Die Wärme dehnt sich in deinem ganzen Körper aus. Bei sechs möchte ich, dass du tiefer gehst. Ich sage nun: sechs. Dein ganzer warmer Körper beginnt zu sinken. Sieben. Du gehst tiefer und tiefer und tiefer. Acht. Mit jedem Atemzug gehst du tiefer. Neun. Du schwebst. Bei zehn wirst du in einem Zug sitzen, der gerade abfährt. Ich sage: zehn. Inhalt Nachricht an den Großen Bären (#u693051ac-279e-5c85-b5ee-d29ca53388da) KAPITEL I (#u693051ac-279e-5c85-b5ee-d29ca53388da) ZÄHNEKNIRSCHEN (#u90a6735f-ecb6-5f7a-968a-b7f426e7b73a) KAPITEL II. (#ub31a1fa1-acf3-5266-abe1-ca918aaf5a95) HABE ICH IHRE LETZTE FRAGE NUN BEANTWORTET? (#litres_trial_promo) KAPITEL III. (#litres_trial_promo) ECHOLOT (#litres_trial_promo) KAPITEL IV. (#litres_trial_promo) ROT IST EINE STUMME FARBE (#litres_trial_promo) KAPITEL V. (#litres_trial_promo) HIMMELSBESEN (#litres_trial_promo) KAPITEL VI. (#litres_trial_promo) DIE DICHTE DER ANGST (#litres_trial_promo) KAPITEL VII. (#litres_trial_promo) Nachricht an den Großen Bären I Nun, da ich mich auf den Weg gemacht habe, wird das alles hier ein Ende finden. Welches Ende, das wird sich zeigen, doch so weitergehen wie bisher wird es nicht. Bestimmt nicht. Unter den Rädern ächzen die Schienen. In meinem Kopf, auf meinen Armen und Beinen liegt die Schwere der vergangenen Monate. Bald schon werden wir Fahrt aufgenommen haben. Wir werden durch die Landschaft gleiten, kein Ächzen mehr, keine Schwere mehr. Nur der Leichtsinn des Unterwegs, des Unterwegs-Seins wird uns etwas benommen sein lassen. Ich trage nur wenig bei mir. Die weiche, schwarze Reisetasche auf der Gepäckablage über mir. Der graue Staubmantel, in dem meine Reisedokumente stecken, an dem Haken neben mir. Die Papiere habe ich gut verstaut. Ich habe sie zusammengerollt und während des Abreisegetümmels zwischen zwei der gepolsterten Sitze gesteckt. Wenn sie mich kontrollieren, werden sie nichts bei mir finden. Ich gehe davon aus, dass ich kontrolliert werde. Obwohl ich eine gänzlich unauffällige Person bin. Nahezu. Denn da gibt es diesen kleinen Leberfleck schräg über meinem rechten Mundwinkel. An ihm bleiben die Blicke der Menschen hängen, die sich fragen, ob er echt ist oder aufgemalt. Dieser kleine schwarze Punkt stiehlt meinem Gesicht etwas von seiner reinen Belanglosigkeit. Manche Frauen, mit denen ich auch körperlich verkehrt habe, wollten mir weismachen, dass ich schön sei. Manche Männer, mit denen ich nicht auf diese Weise verkehrt habe, auch. Ich bin überzeugt davon, dass sie sich getäuscht haben, dass sie sich haben täuschen lassen von der nahezu vollendeten Belanglosigkeit meines Gesichts. Meine Eltern haben immer behauptet, ich sähe meiner Großtante Paula ähnlich. Ich kenne sie aber nur von Bildern, von alten Schwarz-Weiß-Fotografien, auf denen sie jung ist und sehr bieder wirkt. Sie trägt das Haar streng zusammengebunden und lächelt gekünstelt. »Für den Fotografen« werden sie ihr damals gesagt haben, um ihr dieses schmale Lächeln zu entlocken. Ihr Gesicht ist platt und nichtssagend. Aber auch sie hat diesen Leberfleck über dem rechten Mundwinkel. Sie ist die Schwester meines Großvaters väterlicherseits, und sie lebt, soweit ich weiß, mit ihrem Mann in der kleinen Stadt, die auch an der Bahnstrecke liegt. Gesehen habe ich sie nie. Gehört von ihr habe ich so gut wie nichts. Ein alter, schäbiger Mantel des Schweigens liegt über dieser Familiengeschichte, und ich habe es aufgegeben, nachzufragen. Mein Vater weiß nichts oder will nichts wissen, und mein Großvater hat sich zeit seines Lebens geweigert, über seine Schwester zu sprechen. Der Schnellzug kriecht aus der Stadt, langsam wie eine Schnecke, die sich ihres alten, brüchigen Hauses entledigt, um ein neues zu suchen. Die Ränder der Stadt liegen in Trümmern. In den Vororten türmen sich auf den Straßen die Reste der Barrikaden, Sandsäcke, Holzpaletten. Möbelstücke liegen zerstreut, zerrissen und zerstückelt herum. Dass es so weit gekommen ist, überrascht mich auch heute noch. »Wehret den Anfängen« ist vor ein paar Jahren auf Transparenten gestanden, und ich habe gelacht über diesen historischen Kurzschluss, über diese so geschichtsbeflissen übertriebene Hysterie. Nun ja. Zwei Jahre später schon ist die Wahl annulliert worden. Alle darauffolgenden Wahlgänge sind wieder angefochten und aus immer fadenscheinigeren Gründen für ungültig erklärt worden. Ich kann sie nicht mehr alle aufzählen, die Vorwände, mit denen ein immer befangeneres Höchstgericht die Wahlergebnisse für null und nichtig befunden hat. Einmal sind es die Briefwahlen gewesen, einmal das Wahlalter, ein anderes Mal wiederum die angeblich getürkten Wahllisten und so weiter und sofort. Schließlich ist die Wahlbeteiligung auf unter zehn Prozent gesunken. Das hat das Höchstgericht zum Anlass genommen, keinen weiteren Wahltermin mehr festzulegen. Ah, wir erreichen die Stadtgrenze. Die Vorstadtruinen weichen den sanften, bewaldeten Hügeln. Ein erstes Aufatmen. Wir gewinnen an Fahrt. Ich hoffe, dass ich dieses Abteil ganz für mich behalten kann, dass kein Mensch neben mir oder gar mir gegenüber Platz nehmen wird. Diese Bahnabteile sind mir normalerweise zu eng. Oder zu intim, wie Claire vielleicht sagen würde. Aber nur hier sind die Polstersitze eng genug, um zwischen ihnen die Papierrollen zu verstecken. Und das ist schließlich meine Aufgabe. Ich strecke die Beine aus. Ich streife die Schuhe ab und lege die Füße auf den Sitz gegenüber. Nein, Entspannung verspüre ich noch keine. Eher eine tickende Unruhe, als hätte ich nur noch wenig Zeit, meine Gedanken zu ordnen und mir über die letzten Monate klar zu werden. Dabei weiß ich doch, dass diese Fahrt lange dauern wird, vielleicht sogar sehr lange, denn bis ich über die Grenze … Aber daran denke ich jetzt nicht. Ich sollte lieber versuchen … Aber nein, nicht doch: »Danke, nein, ich möchte keinen Tee«. Wie sie mich ansieht, diese Person, die ihren Service-Wagen durch die schmalen Gänge schiebt. Als stünde in meinem Gesicht etwas geschrieben, das sie zu entziffern versucht. Vielleicht ahnt sie – doch nein, Ahnung hat sie keine, und wissen kann sie schon gar nichts. Ich muss ruhig bleiben, den Umständen entsprechend gelassen. Es wird der Leberfleck über meinem Mundwinkel gewesen sein, der ihren Blick angezogen hat. Auch sie wird sich gefragt haben, ob er echt ist oder nicht. Ich darf die Nerven nicht verlieren. Nicht jetzt. Ich habe so lange schon durchgehalten, ich werde nicht jetzt, auf den letzten Kilometern dieses Weges versagen. Claire hat mir ihren Talisman überlassen, »für diese Reise«, hat sie gesagt und »bis zu unserem Wiedersehen«. Da habe ich geweint. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich wieder geweint. Ich habe gespürt, wie sich die Tränen ihren Weg aus den Augenwinkeln über meine Wangen und Nasenflügel bis zu den Lippen bahnen, langsam wie der erste Tautropfen, der über die rauen Eisblumen perlt. Von den Lippen hat Claire meine Tränen weggeküsst. Dann ist sie gegangen. In meinen Händen halte ich die kleine Feder. An ihren Enden ist sie schon etwas ausgefranst. Die schmale Außenfahne der Feder ist hellbraun, die breite Innenfahne weiß. »Eine Schwungfeder«, hat mir Claire erklärt, als ich ihren Talisman zum ersten Mal gesehen habe. »Sie bilden die Tragflächen der Flügel, schau so«, und dann ist sie mit ausgebreiteten Armen durch das Zimmer gesegelt. Ja, gesegelt ist sie, und ich habe später mit der Schwungfeder ihren Bauch berührt. Sie hat die immer bei sich getragen, diese Feder, zwischen den Seiten ihres Notizbuches verborgen. Ich trage die Feder nun in meiner Brusttasche. Wie ein vor mein Herz gespanntes Segel. Claire wollte nicht mitkommen. Sie wollte in der Stadt bleiben und kämpfen. »Du erledigst deine Sachen und ich die meinen, so einfach ist das.« So einfach ist das aber nicht gewesen, als ich verstanden habe, dass ihre Entscheidung gefallen ist, dass ich sie nicht mehr überreden kann. Ich habe ihr eine Szene gemacht, eine Szene, die ich heute bereue. Ich habe sogar versucht, ihr Angst zu machen. Ich habe ihr gesagt, dass immer weniger Leute bereit wären, im Stadtzentrum zu bleiben und zu kämpfen. Dass sich die meisten entweder zurückziehen würden in die ländlichen Gebiete oder sich der Meute anschließen. »Alleine, mutterseelenalleine wirst du dann dastehen in dieser Stadt, und sie werden herfallen über dich, sie werden dich fangen und zwingen, zu ihnen zu gehen, ihnen anzugehören, sie werden …« Claire hat ein Glas genommen und es gegen die Wand geschmettert. Dabei hat sie gelacht und gerufen: »Startschuss! Der Startschuss ist gefallen!« Und ich habe meinen ganzen Zorn einpacken können und laut auflachen müssen. »Ach du …« Ach Claire, du fehlst mir, ich habe Angst, Angst um dich, Angst um mich. Ich weiß dich in dieser Stadt, in der es – oh, wenn ich doch nur sagen könnte – nicht mit rechten Dingen zugeht, es geht mit allzu rechten Dingen zu, in dieser Stadt, und ich weiß nicht … »Verzeihen Sie, hier ist doch noch frei, nicht?« Wo kommt die denn her? Seit der Abfahrt hat es noch keinen Aufenthalt gegeben. Die Bahnhöfe in den Vororten werden nicht mehr angefahren. Die meisten Menschen, die dort gelebt haben, sind weggezogen. Sie sind ausgewandert, haben sich der Meute angeschlossen oder sind ins Stadtzentrum gegangen, um zu kämpfen. Diese Person hier muss durch den ganzen Zug gewandert sein, auf der Suche nach – oh nein, nicht auf der Suche nach mir! Ich muss mir wirklich Ruhe bewahren und einen klaren Kopf. »Ja, Sie sehen doch, ich bin allein im Abteil.« Sie zieht ihren Koffer herein. Uralt ist der, zerbeult und zerschlissen. Er sieht aus, als wäre er in aller Eile unter dem Bett hervorgezogen und mit allem Möglichen vollgestopft worden. Ein hastiger Aufbruch, ein Aufbruch Hals über Kopf. Irgendwie sieht sie dieser Service-Person ähnlich, die mir vorhin einen Tee verkaufen wollte. Nur dass sie statt der Uniform, die an Krankenhäuser oder Altenpflegeheime erinnert, einen karierten Mantel trägt und hautfarbene Strümpfe. Sie lässt sich auf den Sitz schräg gegenüber fallen und gürtet den Mantel auf. Ihre Bluse ist blütenweiß, der Rock graugrün. Dieses Gesicht, sie hat eines dieser alterslosen Gesichter, in denen weder Freude noch Leid ihre Spuren hinterlassen haben. Es ist glatt und freundlich. Ein Schwesterngesicht. Ja, sie hat ein Krankenschwesterngesicht. »Verzeihen Sie, wissen Sie vielleicht, wann wir in L. sein werden?« »Um 15.36 Uhr«, antworte ich kühl und kann nicht umhin, die Kette zu bemerken, die sich, ein schmales V, eng um ihren Hals legt. Feingliedrig ist sie, diese Kette, und an ihrem Ende, das in dem hohen Ausschnitt mündet, vermute ich ein kleines goldenes Kreuz. Etwas zerstreut wirkt diese Schwester. Ihre Hände wandern unruhig auf dem rauen Rockstoff auf und ab, als wollten sie ihn glattstreichen. Es ist mir immer schon schwergefallen, ein Gespräch anzuknüpfen. Tatsächlich interessiere ich mich kaum für die Menschen, denen ich zufällig begegne. Ich beobachte sie, mache mir aus ihren Gesten, aus ihren Bewegungen einen Reim und belasse es dabei. Die Geschichten, die sie von sich erzählen, sind meistens noch banaler, noch langweiliger als jene, die ich mir über sie zusammenreime. Wahrscheinlich ist diese Mitreisende gar keine Krankenschwester. Sie lebt ein todlangweiliges Altjungfernleben als Lehrerin. In der Stadt ist sie gewesen, um sich in einer der großen Bibliotheken noch, wie sie es bestimmt nennt, aktuelle Literatur zu besorgen für ihre Provinzschule. Die Ereignisse haben sie überrascht. Natürlich hat sie mitbekommen, wie es um das Land steht. Dass die Regierung dem Druck der Meute nicht standgehalten hat, dass sie sich abgesetzt hat, bevor sie noch hat abgesetzt werden können. Dass die neue Regierung die Stadt ihrem Schicksal überlässt. Sie wird aber auch gehört haben, dass es in der Stadt noch Infrastruktur gibt, dass manche inneren Stadtteile noch völlig intakt sind. »So schlimm kann es doch nicht sein«, wird sie sich gedacht und die Reise aus der Provinzstadt in die Hauptstadt unternommen haben. Ja, und dann wird sie bemerkt haben, dass es doch schon so schlimm ist. Dass sie jeden Tag mit Kontrollen und Überfällen der Meute zu rechnen hat, auch in den angeblich noch sicheren Stadtteilen. Dass sie den Straßenkämpfen selbst auf ihren Wegen in die Prunkbibliothek nicht mehr so einfach ausweichen kann. Dass es an manchen Tagen für einige Stunden kein Wasser gibt, da die Meute versucht, das trockenzulegen, was von der Stadt noch übrig geblieben ist. Sie wird das bemerkt und schließlich Hals über Kopf das billige Hotelzimmer, das sie sich geleistet hat für ihren Aufenthalt, verlassen haben. So oder so ähnlich wird das gewesen sein. Ich frage mich, wie viel die Menschen in der Provinz überhaupt davon mitbekommen, was sich in der Stadt abspielt. Ich weiß, dass es in manchen kleineren Städten, dass es sogar in manchen Dörfern zu Aufständen gekommen ist, als sich der hagere Wicht mit dem wässrigen Blick selbst zum Kanzler ernannt hat. Um Wahlen oder vergleichbare Kindereien ist es da natürlich nicht gegangen. Gewählt worden ist schon lange nicht mehr, und an die Macht des demos, des Volkes, an die glaubt heute nur noch die Meute, die sich ihr Volk zurechtlügt, zurechtbiegt, zurechtzüchtigt. Die Aufständischen in der Provinz haben vielmehr die letzte Konsequenz aus diesem Regierungswechsel gezogen, sie haben sich noch einmal gegen die Meute aufgelehnt, um vielleicht noch ein paar andere davon zu überzeugen, sich nicht der Meute anzuschließen, dem Angstmoloch zu widerstehen. Ich erinnere mich an den Bildzyklus, den Zora schon vor Jahren begonnen hat. Sie ist damals aus der Provinz in die Stadt gekommen, um sich, wie sie mir an diesem Abend, an dem ich sie bei Claire kennengelernt habe, erzählt hat, ein Bild von den kommenden, den ihrer Meinung nach damals schon kurz bevorstehenden Ereignissen zu machen. Nun, sie hat sich viele Bilder gemacht von der Angst, die sukzessive zu regieren begonnen hat. Zuerst sind ihre Bilder sehr subtil gewesen, üppige Stadtlandschaften, in denen kleine Risse zu sehen gewesen sind, Kakteen, die wie Mauerblümchen aus den Fassaden wachsen, Menschen mit durchsichtigen Kosmonautenhelmen, die sie wie umgestülpte Goldfischgläser über ihren Köpfen tragen, Straßenränder, die an manchen Stellen ausfransen wie alte Teppiche. Mit der Zeit sind Zoras Bilder kräftiger geworden, monströser. Zeitungsschlagzeilen, die sich wie eiserne Girlanden um die Köpfe und Körper der Menschen legen, Stacheldrähte, die vor den Fenstern, den Türen der Häuser wachsen, Armeen aus Thujenhecken, die stramm habt acht stehen vor ihren Obersten, den Hausherren und -herrinnen mit den vor Angst zerbeulten Gesichtern, Menschen in zerschlissener Kleidung, die auf offener Straße liegen und verbluten, ausgesaugt und ausgelaugt, mit den typischen Bisswunden an den Hälsen. Es sind immer die gleichen Stadtlandschaften gewesen, die sie gemalt hat. Doch diese Stadtlandschaften sind immer mehr vereinnahmt worden von den Auswüchsen der Angst, die sich in ihnen breitmacht. Die Stadt ist zu einem Angstmoloch geworden, in Zoras Bildern ebenso wie in einer Realität, die mir bis heute unwirklich, ja schleierhaft erscheint. Vielleicht ist das alles nur ein böser Traum, aus dem es ein Erwachen gibt, sobald der Schleier gelüftet, sobald die Leinwand zerrissen wird. Wir werden sehen … Auf dem letzten Bild des Zyklus’, das ich bei Zora wenige Tage vor meiner Abreise gesehen habe, ist die Stadt beinahe nicht mehr wiederzuerkennen. Die Stadtruinen sind überzogen mit pechschwarzem Tran, der aus den Fensterlöchern rinnt. Die Fenster sind Augen, die Augen wässrige Sümpfe, in denen die blaugrauen Adern wie Schlingpflanzen wuchern. Der Augentran liegt auf dem zerbröckelten Bauwerk, auf den Menschen, die gebückt, gedrungen zwischen den Ruinen umherschleichen. Augensplitter liegen auf dem aufgerissenen Asphalt. Die Stadt wirkt wie ein schwarzer, tausendäugiger Dschungel, aus dem es kein Entkommen, kein Entrinnen gibt. Als ich dieses Bild gesehen habe, haben meine Augen zu schmerzen begonnen. Die dicken, blaugrauen Adern in den Fensteraugen, die verkrüppelten Äste der Schlingpflanzen in den Augensümpfen haben mir auch körperlich zu schaffen gemacht. In dem Moment, als ich meine Augen schließen, vor Zoras letztem Bild verschließen wollte, ist eine Ratte durch das Atelier gehuscht. Zora hat gelacht und gemeint, ja ja, diese Ratte wohne hier, aber auch sie habe Angst vor ihren Bildern. »Haben Sie keine Angst?« Ich fahre hoch. Habe ich richtig gehört? Hat meine Mitreisende, diese Lehrerinnenschwester, tatsächlich das Wort an mich gerichtet? Hat sie mir diese Frage gestellt? Ich blicke sie an. Sie sieht mich an. Ihr Gesicht ist glatt und freundlich, ihr Blick unverbindlich. Kann sie Gedanken lesen, will sie wissen, ob ich Angst habe vor Ratten oder vor Zoras Bildern? »Wovor sollte ich Angst haben?« Meine Stimme ist belegt, sie klingt rostig. Sie sieht mich ruhig an. Nur um ihre Mundwinkel spielt ein leises, leicht spöttisches Lächeln, so scheint es mir, aber vielleicht täusche ich mich auch, vielleicht sind meine Nerven doch … »Na ja, in Zeiten wie diesen in Europa unterwegs zu sein. Und, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Sie sind doch auch eine zierliche, eine etwas fragile Person.« Ich bin verblüfft. Zum einen wegen ihrer Stimme, die viel tiefer ist, als ich es erwartet hätte. Zum anderen wegen ihrer Bemerkung. Sie ist allein von der Provinz in die Stadt gereist mit ihren Provinzlehrerinnenerfahrungen und fragt mich, ob ich Angst habe? Mich, die die letzten Jahre in der Stadt verbracht, mich, die sich entschlossen hat, diese Reise anzutreten, um die Dokumente zu übergeben? Ich schüttle unwillig den Kopf und sage: »Nein, ich habe keine Angst. Angst ist doch das größte Problem hier.« »Ja, da haben Sie recht, wir müssen immer schön schauen, dass es nur nichts zum Zähneklappern gibt. Das ist ungesund.« Ihre Stimme ist jetzt die einer besorgten Pflegerin. Mit ihren Sätzen scheint sie meinen Kopf tätscheln, über meine Wange streichen zu wollen. Sie kann sich diese Worte, diesen fadenscheinigen Trost sparen. Ich setze an, um ihr zu sagen, dass ich nicht empfänglich sei für radebrechende Ratschläge und dass sie mich nicht weiter mit übergriffigen Fragen behelligen soll. Ich setze aber wieder ab, als ich bemerke, dass sie sich von mir ab- und dem Fenster zugewandt hat. Ihr Blick streunt ins Leere und scheint sich irgendwo weit hinter dem Horizont zu verlieren. Ich behalte sie im Auge. Die so plötzlich aufgetauchte Frage, das seltsame, kurze Gespräch – vielleicht muss ich die Geschichte, die ich mir von ihr gemacht habe, noch einmal revidieren, vielleicht ist sie interessanter, als ich mir gedacht, als ich sie mir ausgedacht habe. Sie spielt zerstreut mit ihrer Halskette. Der Daumen und der Zeigefinger der rechten Hand gleiten das feingliedrige, schmale V an ihrem Hals auf und ab, auf und ab. Aus dem engen Ausschnitt ihrer blütenweißen Bluse rutscht die Kette mit dem Anhänger. Nein, es ist kein goldenes Kreuz, wie ich vermutet habe. Ein glattes, grellweißes kleines Rechteck baumelt vor den Knöpfen der Bluse, von der es sich kaum abhebt. Was ist das? Ein glattpolierter Quarzstein? Elfenbein? Ich fasse mir ein Herz: »Sie haben einen sehr schönen und ausgesprochen ungewöhnlichen Anhänger …« Sie sieht mich an. Sie lächelt und zeigt dabei ihre Zähne. Ihre Zähne sind blendend weiß und ebenmäßig. Ich überlege, wie sich eine Lehrerin oder eine Krankenschwester derart schöne Zähne leisten kann. Die Karies unserer Zeit hat den meisten Menschen zugesetzt. Die Fäulnis hat ihre Herzen und ihre Körper befallen. Bis auf die wenigen, die es sich gut gerichtet, die sich gut eingerichtet haben in diesen morschen Verhältnissen, verdienen alle im Schnitt um ein Drittel weniger als noch vor wenigen Jahren. Die Arbeitszeit hat sich verlängert. Schrittweise. Zuerst die damals noch so genannte Flexibilisierung. Dann die Zehnstundentage mit der Begründung, in der Wirtschaftskrise müssten alle etwas mehr anpacken. Dann der Zwölfstundentag. Ohne Begründung. Die Kürzungen der Sozialleistungen. Ein Arztbesuch pro Monat, chronisch Kranke müssen Kredite auf ihren Lohn aufnehmen. Die Reichen sind nicht besteuert worden. Sie haben geschröpft und abgeschöpft, während viele arbeitende Menschen die Schuld bei den Ausländern, bei den Ausländerinnen gesucht haben. Die nähmen ihnen die Arbeit weg. Die bräuchten so viele Extrazuwendungen, dass für sie, die Einheimischen, nichts mehr bliebe. Der Graben zwischen den Armen und den Reichen ist immer größer geworden, während sich eine Mehrheit auf einen Kampf der Kulturen eingeschworen hat. Die Meute, die sich damals gebildet hat, hat diesen Kampf vorangetrieben. Meldungen zum bevorstehenden Untergang des Abendlandes. Vorträge über die sogenannte Überfremdung. Schlagzeilen, in denen Andersgläubige und Anderssprachige pauschal verdächtigt und verurteilt werden. Aufenthaltsverbote in Freibädern und Parks. Brennende Unterkünfte. Die Einweisung in die Lagerzonen. Immer mehr Menschen haben sich mit diesen Methoden einverstanden erklärt. Immer mehr haben mitgemacht. Sie haben an den Fingernägeln gekaut aus Angst, aus Hunger, in ihren Mäulern sind die Zähne verfault, doch anstatt sich gegen diejenigen zu erheben, die sie ausbeuten, die sie schröpfen, haben sie sich gegen die noch Schwächeren gewandt. Und die damalige Regierung, die hat zugesehen, die hat die Hände in den Schoß gelegt und nichts gemacht. Vielleicht hat sie Däumchen gedreht oder sich gar die Hände gerieben, wer weiß das schon. Auf jeden Fall hat sie … oh nein, dieser Anhänger, dieser glatte und grellweiße Anhänger ist ein Zahn! Jetzt erkenne ich es. Um den Hals meiner Mitreisenden baumelt ein Zahn! Sie nimmt den Anhänger zwischen Daumen und Zeigefinger und hält ihn mir entgegen. Sie lacht. Ihre Zähne blenden mich. »Jetzt werden wir gleich in L. sein«, sagt sie und erhebt sich. Sie streicht den Rock glatt und schließt den Gürtel des Mantels. Sie nimmt den Griff des alten, zerbeulten Koffers und hievt ihn aus dem Abteil. Sehr schwer muss er sein, dieser Koffer. Ich sehe, wie sie ihn durch den Gang hin zum Ausstieg zerrt. Was hat sie in diesem Koffer? Warum hängt ein Zahn um ihren Hals? Ist in dem Koffer vielleicht ein totes Tier? Oder ein toter Mensch? Hat sie aus dieser Tier-, aus dieser Menschenleiche einen Zahn herausgebrochen? Ich fahre mit der Hand über mein Gesicht. Ein kalter Schweißfilm liegt auf meiner Stirn, auf meinen Schläfen. Ruhig muss ich bleiben. Ich darf nicht in Panik geraten. Ich darf keine Angst haben. Ich atme ein, ich atme aus. Es ist nur eine verrückte Frau, die mit zu viel Gepäck in die Stadt gefahren ist. Der Zahn ist nichts anderes als ein eigenwilliges Schmuckstück. Echt oder unecht, was geht mich das an. Meine Hände krampfen sich um die Armlehnen. Mein Atem will sich nicht beruhigen. Einatmen, ausatmen. Einatmen. Es ist nichts passiert. Ausatmen. Es ist eine seltsame Reisebekanntschaft, mehr nicht. Sie wird gleich aussteigen. Ich werde sie nie mehr wiedersehen. Ich greife mir an die Brust, ich spüre die Feder, Claires Talisman. Ich nehme die Feder in die Hand. Meine Hände zittern. Ich muss doch, ich muss doch wissen, was diese Person macht. Vielleicht ist sie eine Spionin, vielleicht sind sie mir schon auf den Fersen. Ich werde das Spiel umdrehen. Ich werde diese Frau verfolgen. Ich werde aus dem Zug steigen und sie beobachten. Ich werde sehen, wohin sie geht, ich werde feststellen, zu welchem Zweck und mit welchem Auftrag sie dorthin geht. Dann werde ich wissen, ob sie mich verfolgt hat, ob sie geschickt worden ist, um mich auszukundschaften. Ich erhebe mich. Nehme die Reisetasche von der Gepäckablage und schlüpfe in den Staubmantel. Was mache ich mit den Papieren? Vor den Abteilfenstern gehen Menschen vorbei Richtung Ausstieg. Ich muss schnell und sehr vorsichtig sein. Ich lasse mich noch einmal auf den Polstersitz fallen. Die Reisetasche stelle ich auf den Sitz neben mir. Ich beuge mich mit meinem ganzen Körper hinüber zu meiner Tasche und ziehe schnell die Papierrollen zwischen den Polstern hervor. Ich stecke sie in die Tasche. Die Räder ächzen, die Bremsen quietschen. Der Zug hält. Du wirst nun das Album Perpetuum Mobile von den Einstürzenden Neubauten abspielen. Du kannst dafür einen Plattenspieler, einen CD-Player oder dein Mobiltelefon benutzen. Du wirst die erste Nummer hören und zwischen den Zeitpunkten 2:22 und 2:41 innehalten. Du konzentrierst dich auf diese Textzeilen. Du hörst sie drei Mal. Beim dritten Mal wirst du sie schon mitsprechen können. Sage jetzt: Das Biest ist zwar noch nicht richtig wach, aber auch noch lange nicht hinüber, grad erst hat es sich hin und her gewälzt und im Schlaf mit den Zähnen geknirscht. Diese Textzeilen werden dir dabei helfen, dich auf die nächste Geschichte zu konzentrieren. Sie wird dich in jenen schattenhaften Bereich bringen, der zwischen deinen Träumen und deinen Erinnerungen liegt. Ich zähle jetzt bis zehn. Wenn ich bei zehn angelangt bin, wirst du dich in dem Aufenthaltsraum einer Seniorenresidenz befinden. Ich sage eins, und du steigst aus dem Zug. Zwei. Du atmest tief ein. Du spürst, wie durch deinen ganzen Körper frische, klare Kleinstadtluft zieht. Drei. Du atmest aus. Die Luft strömt aus deinen Armen und deinen Beinen. Vier. Deine Arme und deine Beine werden leicht. Fünf. Dein ganzer Körper wird federleicht. Sechs. Du schwebst. Sieben. Du schwebst über den Köpfen der Menschen, die sich vom Bahnhof weg in die kleine Stadt begeben. Bei acht möchte ich, dass du die Frau mit dem schweren Koffer siehst. Ich sage nun: acht. Du fliegst über der Frau und folgst ihr zu einem Gebäude, das nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt liegt. Neun. Du lässt die Frau im Gebäude verschwinden und blickst durch eines der großen Fenster. Bei zehn wirst du ein geräumiges Zimmer sehen, mit Tapeten und Ölbildern an den Wänden. An einem der altmodisch weiß-gold-verschnörkelten Tische werden vier Damen sitzen. Sie trinken Tee und unterhalten sich. Ich sage: zehn. ZÄHNEKNIRSCHEN »Vor drei Jahren hat es begonnen«, seufzt sie und stellt die Teetasse auf den Tisch. »Jede Nacht weckt mich sein Zähneknirschen mindestens einmal, so furchtbar ist dieses Geräusch.« »Ja, Paula, ich weiß.« Luise blickt sie über den Rand der Brille hinweg an. »Aber weißt du, er könnte etwas dagegen tun. Beim Zahnarzt gibt es diese Schutzvorrichtungen aus Plastik. Er legt sie vor dem Schlafengehen über seine Zähne, und fertig. Kein Knirschen mehr.« Paula schlägt sachte mit dem Teelöffel gegen die Porzellantasse: »Ja, ja. Er hat mir auch versprochen, zum Zahnarzt zu gehen. Aber …« »Nicht nachgeben, Paula, es ist ja zu euer beider Wohl.« Luise nimmt die Zuckerdose und lässt zwei Stück Zucker in die Tasse gleiten. »Dieser Leopold, ach wirklich!« Annemarie prüft mit den Fingerspitzen den Halt ihrer Frisur. »Immer noch so dickköpfig.« Paula und Luise wechseln Blicke. Durch das Fenster fällt die Spätnachmittagssonne in den Raum und spinnt honiggelbe Lichtfäden in die weißen Locken Annemaries. »Na, der soll froh sein, dass er noch Zähne hat zum Knirschen.« Helga schlägt ein Bein über das andere: »Meine Lieben, langsam wird es Zeit …«, sagt sie und legt die Karten auf den Tisch. Die frühen Abendstunden tröpfeln in die Porzellantassen und verdunsten darin. Vor dem Fenster vertieft sich der Himmel in einen satten Blauton. Aus den Stillleben an den Wänden ziehen sich die matten Orange- und Ockertöne zurück. Sie verdunkeln sich und gähnen braunschwarze Löcher in die Tapete. In den Gesichtern werden die Lichtkorridore schmaler, ihre Falten werfen immer längere Schatten. Die Tür geht auf, die Schwester kommt herein und schaltet das Licht an. Der Teppichboden verschluckt ihre schnellen Schritte. Sie zieht die Vorhänge vor das Fenster und knipst die Stehlampe neben dem Sofa an. Vor dem Tisch bleibt sie stehen. Sie stellt die Porzellantassen und die Zuckerdose auf den kleinen Wagen, sammelt die Teelöffel ein und arrangiert sie in einer der leeren Tassen zu einem silbernen Bouquet. »Meine Damen, langsam wird es Zeit …« Als Paula auf die Straße tritt, ist es beinahe schon ganz dunkel. Nur am Horizont balanciert noch ein schmaler, heller Lichtstreifen zwischen dem Nachthimmel und der in der Abenddämmerung versunkenen Stadt. »Gute Nacht, Paula, komm’ gut heim.« Helga sperrt das Auto auf. Luise lässt sich auf den Beifahrerinnensitz fallen. »Gute Nacht, bist nächste Woche! Kommt gut heim.« Paula atmet tief durch. Sie ist müde. Letzte Nacht hat sie wieder einige Stunden wach gelegen. Nein, dieses Zähneknirschen, sie hält es nicht mehr aus. Luise hat recht, Leopold muss endlich etwas dagegen unternehmen. Der Weg nach Hause erscheint ihr mühsam und anstrengend, obwohl sie nur zwei Straßen entfernt wohnt von der Residenz, in der Annemarie lebt und wohin sie allwöchentlich zum Kaffeekränzchen lädt. Niemand ist auf der Straße. Ein schmaler Schatten huscht vor Paulas Füßen über den Asphalt. Die geschmeidige Bewegung hinterlässt einen dunklen Fleck auf Paulas Netzhaut. Sie bleibt stehen und starrt in die trübe Dunkelheit der Vorgärten. Sie kann nicht sagen, ob es nun eine Katze oder ein Frettchen, ob das Tier braun, grau oder schwarz gewesen ist. Einige Meter von ihr entfernt raschelt es. Ein kurzes Aufbäumen gegen die nebelige Stille der Kleinstadt. Paula bekreuzigt sich und setzt ihren Weg fort. Die Straße, in die sie jetzt einbiegt, ist von Thujenhecken gesäumt. Paula greift in eine der Hecken. So schön dicht ist die, ob ihre jemals so kräftig werden wird? Thujenhecken geben ihr Sicherheit. Sie sind hoch und aufrichtig. Sie schützen vor neugierigen, vor zudringlichen Blicken und unerwarteten Begegnungen. Sie berührt noch die eine oder andere Hecke, bevor sie in ihre Straße einbiegt. In ihrer Straße gibt es viel weniger Thujenhecken. Ein paar Holzzäune, ein paar niedrige Buchenhecken. Einige Vorgärten liegen sogar offen da und setzen die Häuser schutzlos fremden Blicken aus. Von Paulas Haus aber ist von der Straße aus nichts zu sehen. Sie greift in ihre Thujenhecke, um sie mit der schönen, dichten zu vergleichen. Nein, sie muss den Vergleich nicht scheuen. Auch ihre Hecke ist dicht, blickdicht und hochgewachsen. In der Küche brennt Licht. Paula schließt die Tür auf, zieht die Sandalen aus, schlüpft in die Hausschuhe und betritt die Küche. »Guten Abend Leopold.« Leopold sitzt am Tisch und liest Zeitung. Vor ihm stehen eine Flasche Bier und ein Teller mit Wursthautresten. »Na, da bist du ja.« Er hebt den Kopf. Sein Blick fällt auf Paula und rinnt langsam über ihr Gesicht, ihre Bluse, ihre Hände. »Kein Kuchen heut’?« »Nein, Helga hat Zimtschnecken mitgebracht, aber nur vier Stück.« »Schade.« Sein Blick zieht sich von Paulas Händen zurück auf die Schlagzeilen. »Hast du’s schon gehört? Bei der Maria im Wirtshaus ist eingebrochen worden, das Geld ist weg und die Schank verwüstet. Die Zapfhähne sind abgerissen und die Bierflaschen zerschlagen. Sie vermuten …« Paula atmet tief aus und sagt: »Das kann ich mir schon denken. Das haben sie davon. Alles muss seine Grenze haben, auch das Mitleid …« Leopold sieht Paula an. »Aber die sind doch bei der Maria untergebracht, die werden nicht …« Paulas Blick fixiert einen Punkt an der Wand, knapp über Leopolds Kopf: »Die kommen mit nichts und erwarten sich alles. Dass wir ihnen alles geben, Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, und dann wollen sie auch noch, dass wir …« Leopold seufzt und schlägt die Zeitung zu. »Wie war’s heut’ bei der Annemarie?« Paula hebt die Schultern und lässt sie wieder fallen: »Wie immer.« Sie geht zur Anrichte und wischt mit dem Geschirrtuch ein paar Wassertropfen auf. »Leopold«, Paula nähert sich dem Tisch, »Leopold, können wir noch einmal über deine Zähne reden?« Er blickt sie an: »Ah ja, das wollte ich dir sagen. Ich bin heut’ beim Zahnarzt gewesen und hab’ mir das hier besorgt.« Aus der Tasche zieht er einen kleinen, halbrunden Behälter und klappt ihn auf. Darin liegt die Schutzvorrichtung aus Plastik, von der Luise heute Nachmittag gesprochen hat. »Na, langsam ist es auch Zeit geworden …« Luise sitzt auf ihrem Balkon und blickt auf das dunkle, gleichmäßig rauschende Flussband. Die Postkarte, die sie heute von ihrer Tochter bekommen hat: Irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Zu euphorisch ist sie gewesen, zu sehr ist sie ins Detail gegangen. Zwischen den genauen Schilderungen ihres Tagesablaufes, zwischen den Lobgesängen auf das Wetter, das Essen, die Menschen verbirgt sich doch etwas. Ihre Tochter, die sonst kaum Postkarten schreibt. Und wenn, dann verschickt sie nur knappe Grußbotschaften. Seltsam. Vielleicht ist sie aber auch wirklich begeistert von diesem Land, von diesem so fremden Land. Luise zieht an ihrer Zigarette. Dass Annemarie noch immer so tut, als wäre sie vertraut mit Leopold. Dabei ist das sechzig Jahre her, das mit dieser Jugendliebe. Obwohl – ein Traumpaar sind sie damals schon gewesen, die Annemarie und der Leopold. Sie haben wild und unkonventionell gelebt, sind gereist, haben auf Ehepapiere gepfiffen und so weiter. Nur dann, dann hat Annemarie beschlossen, auszuwandern. Sie wollte in die USA gehen, weil die dort ihrer Meinung nach schon viel weiter, viel aufgeschlossener waren als hier in Europa. So hat sie versucht, Leopold zu überreden, mitzukommen. Der aber hat Angst bekommen. Das ist ihm zu weit gegangen, das mit dem Auswandern in die USA, auf einen anderen Kontinent. Luise zieht fest an ihrer Zigarette, Rauchfahnen steigen aus ihrem Mund. Wie angespannt die Stimmung zwischen Annemarie und Leopold in dieser Zeit gewesen ist. Annemarie hat jede Gelegenheit genutzt, um das Leben in Amerika zu loben, um seine Vorzüge hervorzuheben, die Weite des Landes, den Lebensstandard. Leopold hingegen ist immer verschlossener geworden, immer gereizter. Schließlich ist Annemarie allein abgereist und Paula ist auf den Plan getreten. Ob sie zuvor schon in Leopold verliebt gewesen ist, das weiß Luise nicht. Auf jeden Fall ist Paula nach Annemaries Abreise öfter mitgefahren bei den Wochenendausflügen. Helga, Paula, Leopold und sie haben Ausflüge gemacht zu den Seen, in die Berge. Das sind so kurz nach dem Krieg die einzigen Möglichkeiten gewesen, hinauszukommen aus der Stadt, hinauszufahren aufs Land. Paula ist nie gerne gereist. Luise muss lächeln. Die Paula, denkt sie, die ist in ihrem Leben noch nie im Ausland gewesen, außer in Deutschland, aber damals … Auf jeden Fall hat sie immer gute Gründe dafür gefunden, warum sie in dieses oder jenes Land nicht reisen könne, klimatische Zumutungen, kulinarische Waghalsigkeiten, unzuverlässige Mentalitäten. Bei ihr hat der Leopold keine Angst haben müssen, dass sie je auswandern würde. Luise dämpft die Zigarette aus. Paula und Leopold haben geheiratet, und Annemarie ist viele Jahre später zurückgekommen, geschieden und voller Lebenserfahrung. Im Grunde ist Annemarie von ihnen allen am weitesten gekommen, sie hat am meisten erlebt. Warum sie dennoch zurückgekehrt ist in diese Kleinstadt, das weiß keine. Zumindest haben sie das noch nie zusammen besprochen, Annemarie, Helga, Paula und sie. Vielleicht ist das so wie bei den Lachsen, die nach einem aufregenden und wilden Leben viele, viele Kilometer zurücklegen, um an ihren Geburtsort zurückzukehren, um dort zu laichen und zu sterben. Das mit dem Laichen allerdings wird nichts mehr werden bei Annemarie, denkt Luise und lacht. Was, wenn sich ihre Tochter entschließen sollte, dort zu bleiben, in dem fremden Land? Wenn auch sie auswandern sollte? Würde sie versuchen, sie davon abzuhalten? Würde sie sie unterstützen? Würde sie sich darauf freuen, auf Besuch dorthin zu fahren? Luise zündet sich eine neue Zigarette an. Das Feuerzeug wirft eine kleine Flamme in die Dunkelheit, ein Aufflackern, ein Aufglimmen. Warum sollte sie dann nicht gleich zu ihrer Tochter in das fremde Land ziehen? Sie könnte doch auch auswandern. Dafür gibt es keine Altersbeschränkung, und wenn sie sich vorstellt, dass sie jetzt, in ihrem Alter noch ein neues Leben beginnen würde, das wäre … ja, das wäre auch eine Genugtuung. Annemarie hat es damals gewagt, auszuwandern, sie ist aber zurückgekommen und hängt immer noch an ihrem früheren Leben hier. Diese Bemerkungen, die sie immer wieder über Leopold fallen lässt, mit denen sie versucht, an eine alte, längst verjährte Vertrautheit anzuknüpfen, sie haben auch etwas Trauriges, etwas verbrämt Nostalgisches. Alte Liebe rostet schnell – das weiß sie, davon kann sie ein Lied singen. Dieses Lied möchte zwar niemand hören, aber es ist die Wahrheit, keine reine, sondern eine schmutzige, aber immerhin – eine Wahrheit. Zwei Schatten wachsen aus dem Schilfgeflecht am Flussufer. Es raschelt. Es knirscht. Wie die Zähne vom Leopold, denkt Luise und stellt sich vor, dass diese raschelnden und knirschenden Schatten ein Liebespaar sind, ein junges Liebespaar, das noch nicht verrostet, noch nicht eingerostet ist. Sie muss lachen. Der Zigarettenrauch fährt aus ihrer Nase. Sie muss husten. »Ein Drache bin ich, ein alter Drache.« Sie muss wieder lachen. Sie lehnt sich zurück. Schwer wiegen sie, die Augenlider, gleichmäßig rauscht es, das Wiegenlied. Und da Heidschi Bumbeidschi is kumma … vor vielen Jahren hat sie das ihrer Tochter vorgesungen, dieses schreckliche Wiegenlied, einfach so, weil auch ihre Mutter damals schon … is kumma, und hat ma des Biable mitgnumma, er hat ma’s mitgnumma und hat’s neamma bracht, drum winsch i meim Biable a recht guade Nacht … Kindesentführung durch einen Schlafgeist, oder ist es gar der Tod, der den einschlafenden Kindern in die Ohren gelegt wird? Der Heidschi-Bumbeidschi-Tod, der Freund Hain, der mit den Zähnen klappert, klapprig und elend dieser Tod mit seinem Grinsen, seinen Zahnreihen, seinen gebleckten Zähnen. Was denk’ ich da, so von den Zähnen, nein, vom Tod weg, alles denke ich weg, aber hier ist doch ein Zimmer, oder nein, ein Salon, und in dem steht Helga. Aus ihrem Mund wächst ein Schweif, ein Pferdeschweif, der kräuselt sich dem Boden zu. Eine Lockenkaskade, die zu Boden fällt, den Boden bedeckt. Auf dem rauen Holzboden bildet sich ein Haarnest, ein weißer Lockenkopf schraubt sich aus dem Boden, schnell, immer schneller – Annemarie, Annemarie, bist du das, dieser Kopf-Kreisel, der durch den Raum stiebt und tobt, wie aufgezogen und losgelassen, ein Haarwirbel, ein Locken-Taifun, aber Annemarie, Annemarie! Und dort auf dem Stuhl, da sitzt Paula. Gefaltet sind ihre Hände im Schoß, faltenlos glatt ist ihr Gesicht, sie aber ist uralt. Ihr Mund ist gespitzt, ein Kussmund, ein verdorrter Kussmund, der aus dem Gesicht fällt und auffliegt. Mit keiner Wimper zuckt die nun mundlose Paula, sie sitzt mit den Händen im Schoß gefaltet und wartet – worauf Paula, worauf?! In das faltenlos glatte Gesicht fräst sich ein Mund, von rechts nach links reißt das Wangenfleisch auf und macht der Mundhöhle Platz. In die Mundhöhle fallen die Zähne, Fallbeile sind es, die herabsausen, ihr Knirschen ist das Knirschen der Wirbel-, der Schädelknochen, die brechen und splittern. Paulas Zähne knirschen unermüdlich, zwischen ihnen hängen Knochensplitter und Fleischreste. Woher hast du das ganze Leben genommen? Paula, Paula, langsam wird es doch Zeit … Paula sitzt am Bettrand, ihre Hände liegen gefaltet im Schoß. Hinter ihrem Rücken hört sie, wie Leopold die Hausschuhe abstreift und die Bettdecke zurückschlägt. Schwer fällt der Körper auf das Bett. Paula spürt, wie sich die Matratze auf ihrer Seite hebt. Ein Knacken hört sie, es sind die alten Knochen, die zur Ruhe gebettet werden. Da ist noch ein anderes Geräusch, ein Klicken, ein Behälter schnappt auf und dann wieder zu. Und dann noch ein Schmatzen, ein gedämpftes Mahlen der Zähne. Leopold brummt »Gute Nacht« und knipst das Licht auf seiner Seite aus. Paula murmelt »Gute Nacht« und bleibt sitzen. Sie lässt die Hausschuhe von ihren Füßen gleiten. Unter ihren Fußsohlen kräuselt sich der blonde Bettvorleger. Im Schlafzimmer ist es angenehm kühl. Der dunkle Kleiderschrank und der gepolsterte Lehnstuhl werfen kompakte Schatten. Das alte, hölzerne Schaukelpferd zeigt im Halbdunkel seine Zähne. Auf und davon kann es nicht, nur taktvoll wippen. Die Porzellanfigur auf dem Nachtkästchen streckt ihren weißen Arm in die trockene, mehlige Luft. Zur fragilen Salzsäule ist sie erstarrt, die Primaballerina. Ihre Beine zittern nicht beim Spitzentanz, der Tüll ihres Rockes wogt nicht im Rhythmus des Balletts. Eingelassen in Porzellan sind die Bewegungen der Arme und Beine, der Schwung der Rockfalten. Glasiert die weiße Haut, der blaue Stoff, sie ringen nach Atem. Unter dem Lichtkegel der Nachttischlampe ruhen Paulas Hände auf dem weißen Stoff ihres Nachthemds. Knochige, von dünner, rot und blau marmorierter Haut umspannte Finger bilden ein schmales, ein andächtiges Zelt. Was ihr schon alles durch die Finger gegangen ist, denkt Paula und hebt die Hand zum Gruß. Im aschfahlen Dämmerlicht zittert ein ausgestreckter Arm wie ein knorriger Ast im reißenden Gebirgsbach. Hinter den halb gesenkten Augenlidern nimmt Paula Schritte vor sich wahr, hört ihr Knirschen im Kies. Ein Paar alter, abgewetzter Bergschuhe wühlt sich seinen Weg über die Schotterstraße. Sie kann kaum Schritt halten, sie hastet hinterher, keucht: »Warte, nicht so schnell.« Der Weg säumt eine Schlucht. Der zwischen den Steinwänden eingepferchte Bach schäumt. Leopold dreht sich um: »Woher hast du das ganze Leben genommen, Paula?« Sie versteht nicht, was er meint. Sie lebt, sie ist lebendig, sie ist mit ihm, sie ist da und will nicht weg. Immer mehr Schritte hört sie, immer mehr Füße wühlen sich ihren Weg über die Schotterstraße. Das Knirschen im Kies wird lauter. Eine Stimme ruft: »Und links, zwo, drei, vier …« Die vielen Schritte vereinigen sich zu einem einzigen lauten Stampfen. Da ist kein Knirschen, keine Unordnung mehr in den Bewegungen. Sie kann Schritt halten. Das Gehen bereitet ihr keine Mühe. Jede Bewegung sitzt. Da läuft sie nicht Gefahr … Paula schreckt auf. Da ist ein Geräusch gewesen, da, in ihrem Garten. Sie schlüpft in ihre Hausschuhe und geht zum Fenster. Die Straßenlaterne wirft blasse Lichtflecken in den Vorgarten. Scharfrandige Schatten fallen von der Hecke auf das Gras, malen schwarze Türme und Zinnen. Ein Rascheln, direkt unter dem Fenster. Paula hält den Atem an. Sind sie jetzt gekommen? Zuerst haben sie Marias Wirtshaus überfallen, und nun … Vor denen kann auch ihre schöne, blickdichte Thujenhecke sie nicht beschützen. Ein schmaler, schwarzer Schatten springt über den Rasen in die Hecke. Auf Paulas Netzhaut hinterlässt er einen dunklen Stern. Paula atmet auf, bekreuzigt sich. »Oh Herr, erlöse uns von dem Bösen, denn Dein Reich komme …«, Paula muss husten. Ihre Kehle ist trocken. Sie schleppt sich in die Küche. Ein Glas Wasser trägt sie ins Schlafzimmer und stellt es auf dem Nachtkästchen ab. Sie knipst das Licht aus und legt sich schlafen. Paula konzentriert sich auf den gleichmäßigen Atem Leopolds. Er schläft. Kein Zähneknirschen ist zu hören. Hoffentlich hält das. Sie würde so gern wieder eine Nacht durchschlafen. Wie schwarzer Velours legt sich die Nacht in Paulas Schlafzimmer über die Menschen und Gegenstände und lässt ihnen einen nur flachen Atem. Mit ihren seichten Atemzügen, dem leisen Krachen der Scharniere und Knochen stanzen die Menschen und Gegenstände kleine Löcher in den Stoff, aus dem die Nacht ist. Die Geräuschsterne funkeln in den Ohren Paulas. Sie hält kurz den Atem an, so schön sind sie. Auf dem schwarzen Lauschfirmament taucht ein neuer Stern auf. Er ist groß und grell. Er knirscht. Paula fährt herum. Das darf doch nicht wahr sein! Schon wieder! Der knirschende Stern wird größer. Er ist so grell, dass er die anderen Sterne übertönt. Er wächst weiter, er schwillt an. Dann explodiert er. In Paulas Ohren dröhnt das Knirschen unzähliger Zähne, unendliche Zahnreihen reiben sich und stoßen aneinander. Das dunkle Lauschfirmament wird blendend weiß. Paula kann die Ohren nicht schließen. Das Knirschen der Zähne zermalmt das Trommelfell, es gräbt sich in die Gehörgänge, die Ohrmuschel ist voll von brennendem Kalk. Paula hält sich die Ohren zu. Sie steht auf dem Appellplatz. Einer der Hunde beißt gerade einer Frau die Kehle durch. Sie kann die Schreie nicht hören. Sie nimmt ihre Reitgerte und schlägt auf eine der Frauen in der ersten Reihe ein. Die darf nicht schreien. Die ist noch nicht tot. Paula schreit. Die Frau liegt am Boden. Sie muss aufstehen und die Leiche wegtragen. Der Hund geht bei Fuß. Zwischen seinen Zähnen hängen Hautfetzen. Paula geht in die Wachstube und trinkt ein Glas Schnaps. Es ist Mittag. Zeit, zu essen. Die Kantine ist voll. Das Rindfleisch ist faserig, aber immerhin, sie haben noch Fleisch. Paula nimmt einen Zahnstocher, um das Fleisch zwischen den Zähnen zu entfernen. Sie stochert zwischen den Zähnen herum, gedankenverloren. Zwischen zwei Backenzähnen ist ein größerer Brocken hängengeblieben. Sie sticht hinein und zieht ihn heraus. Eine Erbse ist es, eine Erbse mit weißem Flaum. Schimmel, denkt Paula, doch der weiße Flaum wächst, er kräuselt sich über ihre Finger, die den Zahnstocher mit der aufgespießten Erbse halten. Die Locken fallen auf die Tischplatte. Die Erbse ist ein verschrumpelter Lockenkopf, der sich wild dreht. Der Kopf-Kreisel schraubt sich über den Zahnstocher hinaus und fällt auf den Tisch. Der Zahnstocher schnellt zurück wie ein Degen und springt in Paulas Mund. Er fährt zwischen die Zähne und hebelt sie aus. Ein Zahn nach dem anderen tröpfelt auf die Tischplatte. Die Zähne sind blutig. Fleischreste hängen an ihren Wurzeln, Knochensplitter rieseln herab. »Woher hast du das ganze Leben genommen?«, hört Paula Luise sagen und: »Langsam wird es doch Zeit.« »Wofür?« fragt Paula und stellt die Tasse auf den Tisch. Luise lässt Paulas Zähne in die Tasse gleiten und rührt um. »Aber weißt du, es ließe sich etwas dagegen tun …« Paula schlägt sachte mit dem Teelöffel gegen die Porzellantasse: »Nicht jetzt.« Annemarie prüft mit den Fingerspitzen den Halt ihrer Frisur. »Immer noch so dickköpfig.« Durch das Fenster fällt die Spätnachmittagssonne in den Raum und spinnt blutrote Lichtfäden in die weißen Locken Annemaries. »Dieser Rotbuschtee schmeckt ohne Zähne am besten.« Helga schlägt ein Bein über das andere und legt ihre Zähne auf den Tisch. In der bernsteinfarbenen Flüssigkeit versickern die frühen Abendstunden. Vor dem Fenster kräuseln sich die Wolken, tiefblau ist die Kopfhaut des Himmels. Der Wein und die Früchte der Stillleben verschwinden in den dunklen Mundhöhlen an den Wänden. Die Schatten in den Gesichtern werden länger. Die Schwester tritt ein und knipst die Stehlampe an. Unter ihren Schritten knirscht der Boden. »Meine Damen, langsam wird es Zeit«, sagt sie und räumt den Tisch ab. Sie stapelt die Tassen und Teller auf dem kleinen Wagen, sammelt die Zahnstocher ein und arrangiert sie in einer der leeren Tassen zu einem Bouquet. Sie nimmt die Zuckerdose und leert die verbliebenen Zähne auf den Boden. »Meine Damen, wir müssen immer schön schauen auf uns. Dass es nur nichts zum Zähneklappern gibt. Das ist ungesund.« Sie lacht und streicht sanft über Paulas Wange. Du wirst dich jetzt wieder auf meine Stimme konzentrieren. Meine Stimme wird dir dabei helfen, den Aufenthaltsraum der Seniorenresidenz zu verlassen, um weiter zu kommen. Sie wird dich aus den Untiefen deiner Traum-, deiner Erinnerungsfluchten führen in andere, noch tiefere Bereiche deiner Angst. Du wirst sehen, wie es dir dann ergehen wird. Ich zähle jetzt bis zehn. Wenn ich bei zehn angelangt bin, wirst du dich wieder auf den Weg gemacht haben, um die Welt zu verändern. Ich sage: eins. Du ziehst dich langsam von dem großen Fenster zurück. Zwei. Du wirfst einen letzten Blick in das geräumige Zimmer mit den schwarz klaffenden Mundhöhlen an den Wänden. Drei. Du fliegst zurück zum Bahnhof. Vier. Deine Hände und deine Finger werden wärmer und schwerer. Fünf. Die Wärme dehnt sich aus von deinen Händen über deine Arme, deine Schultern und deinen Nacken. Sechs. Deine Füße und deine Beine werden schwerer. Sieben. Du sinkst langsam. Acht. Du spürst wieder Boden unter deinen Füßen. Neun. Du nimmst deine weiche, schwarze Reisetasche und prüfst, ob mit deinen Papieren alles in Ordnung ist. Bei zehn wirst du in einem Zug sitzen, der aus der Kleinstadt hinausrollt. Ich sage: zehn. II. Wie flach die Welt geworden ist. Flach und rissig. Auf riesigen Schollen treiben wir voneinander fort. Wir umzäunen unsere Denk-, unsere Sehterritorien mit Worten aus Stacheldraht. Wir schießen aufeinander, nicht nur in Sätzen. Der Pulvergeruch betäubt unsere Sinne. Jeder Sicht-, jeder Perspektivenwechsel wird als Verrat geahndet. Alle müssen sich für eine Seite entscheiden. Der Horizont reicht gerade bis zum Rand der Scholle und keinen Schritt weiter. Es gibt keine Möglichkeit, einen anderen, einen etwas abseits gelegenen Standpunkt zu erreichen. Das Gelände ist vermint. Ich bin froh, dass sich wenigstens die Landschaft vor dem Zugfenster zu falten beginnt. Leichte Erhebungen, eine sanfte Hügellandschaft. Mitteleuropa hat das einmal geheißen. Aber Europa gibt es nicht mehr. Der Kontinent ist zerklüftet, auseinandergerissen. Die Schollen sind zu weit auseinandergedriftet. Als es begonnen hat vor wenigen Jahren, ist noch von einer Festung Europa die Rede gewesen. Oder es ist schon wieder von einer Festung Europa die Rede gewesen, trotz aller hehren Gründungs- und Absichtserklärungen. Die Menschen, die sich aus den südlichen und den östlichen Teilen der Welt auf den Weg gemacht haben, die aus den Bergen und den Wüsten, von den Seen und den Küsten gekommen sind auf der Flucht vor Hunger und Krieg, diese Menschen sind abgeprallt an den Festungsmauern, sie sind ertrunken, sie sind verhungert, sie sind verkommen in den Lagern. Europa hat gezittert vor ihnen und seine Außenmauern verstärkt. Noch mehr sind gekommen und noch mehr sind an den Mauern zerschellt. Einige von ihnen haben es trotzdem geschafft, an Land zu gehen, nach Europa zu kommen. Also hat Europa auch innerhalb des Kontinents Grenzen errichtet. Die Grenzen, die einige Jahre zuvor gefallen sind, sind wieder aufgetaucht. Und innerhalb dieser Grenzen, in den jeweiligen Ländern, hat es zu brodeln begonnen. Die Angst vor den Fremden, den Geflohenen, ist auch auf die ein bisschen weniger Fremden übergeschwappt, auf Menschen aus Nachbarländern, auf Menschen, die schon jahrzehntelang in derselben Straße wohnen, aber anders leben, anderes glauben, anders aussehen. Europa ist zerfallen. Der Versuch, Europa zu retten, hat den schleichenden Zerfallsprozess nur noch vorangetrieben. Den einzelnen Staaten sind immer umfassendere Rechte zugestanden worden: Sie konnten die gemeinsamen europäischen Rechtsbestände nach eigenem Gutdünken ändern, sie konnten sich stark, oh – sehr stark machen innerhalb der Grenzen, auf der jeweils eigenen Scholle. Allianzen zwischen den reicheren Ländern haben sich gebildet, innereuropäische Abkommen sind geschlossen worden, an denen sich die Stärkeren beteiligt haben. Sie haben die anderen, die schwächeren, die ärmeren Länder untereinander aufgeteilt. Zu deren eigenem Wohl – haben sie behauptet, doch sind es binneneuropäische Kolonien gewesen, die geschröpft, die ausgeschöpft worden sind bis zum letzten Blutstropfen. Diese Länder sind jetzt verwüstet. Sie sind zu den Zonen C und D geworden, in denen die großen Produktionsstätten und die Lager liegen. Menschenmaterial wird dort verwertet, wird dort ausgeschlachtet. Mit den staatlichen Abwrackprämien, die die Menschen erhalten, wenn sie in die Zonen C und D abgeschoben werden, können sie ihre Schulden bezahlen. Ich habe einmal einen Menschen getroffen, der aus der Zone D geflohen ist. Er hat sich zwischen den Achsen eines Militärlastwagens versteckt und ist so über die Grenze gekommen. In einem der großen Lager ist er interniert gewesen. Gemeinsam mit zwanzigtausend anderen hat er dort im Süden auf den Tod gewartet. Die sengende Sonne untertags, die klirrende Kälte nachts, die Menschen zusammengepfercht in Zelten hinter Stacheldraht. Alles ist ihnen verboten, es ist ihnen verboten zu schreiben, zu lesen, zu sprechen. Mit stierem Blick, gefangen im Kreislauf ihrer Gedanken schlagen sie die Zeit tot, die ihnen noch bleibt, jene Zeit, die sie untertags damit verbringen, die stupidesten Arbeiten zu verrichten, Schnürsenkel in Schuhe zu fädeln oder Etiketten auf Konservenbüchsen zu kleben. »Wir sind Vogelfreie, eingesperrt in einen riesigen Käfig, in dem wir uns gegenseitig zerfleischen«, hat er zu mir gesagt, der, der aus dem Lager entkommen ist. Ich habe ihn getroffen, als ich mit dem Fahrrad zu Zora ins Atelier gefahren bin. Ein Ordnungshüter hat mich damals aufgehalten. Er hat sich mir in den Weg gestellt, breitbeinig. Kalt und bohrend ist sein Blick gewesen. Gezwungen habe ich mich, seinem Blick standzuhalten. Ich habe mich mit dem Gedanken beruhigt, dass es wieder nur der kleine Leberfleck über meinem rechten Mundwinkel gewesen sein wird, der ihm aufgefallen, der ihm ins Auge gesprungen ist. »Es ziemt sich nicht für eine Frau, mit einer Stange zwischen den Beinen zu fahren«, hat er gesagt und die Hand gehoben, in der er den Schlagstock gehalten hat. Mit der anderen Hand hat er sich zwischen die Beine gegriffen und gemeint, dass das hier zwischen die Beine einer Frau gehöre und nicht eine Fahrradstange. Ich wollte ihm ins Gesicht spuken, ins Gesicht schlagen. Ich wollte ihm zwischen die Beine treten, seine Hoden wollte ich abschneiden und sie den verfluchten Habgeiern zum Fraß vorwerfen. Doch hinter ihm, mitten in meinem Blickfeld ist plötzlich eine zerlumpte Gestalt aufgetaucht. Sie hat die breite Krempe ihres graubraunen Schlapphutes ein Stück nach oben gezogen. Klare grüne Augen haben mich angesehen. Sie haben gelächelt. Die Gestalt hat ihren dunklen, dreckverkrusteten Mantel gelüftet. Unter dem Mantel hat sie ein Bild getragen, auf dem ein Ordnungshüter zu sehen gewesen ist. Seine Nase war plattgedrückt, und dicke Speichelfäden sind aus seinem Mund geronnen. Die Gesichtszüge aber sind die des Ordnungshüters gewesen, der vor mir gestanden ist. Auf dem Bild ist eine grüne Fahrradstange zwischen seinen Beinen gesteckt. Verzweifelt hat er vorne und hinten an der Stange gezerrt, doch die Stange ist unerbittlich gewesen. Ich habe das Bild betrachtet und vor mich hin gemurmelt: »Na, so ein Ständer.« Der Ordnungshüter hat mich verdutzt angesehen. »Was hast du gerade gesagt?« »Na, wenn Sie es mit einer Fahrradstange aufnehmen wollen …« Angestarrt hat er mich. Dann ist er rot geworden und schließlich unverrichteter Dinge davongestapft. Ich bin an die zerlumpte Gestalt herangetreten, um mich zu bedanken. Sie aber hat mich am Ärmel gepackt und in eine Seitengasse hineingezogen. »Psst, hier, hier können wir reden.« Sie hat ein Kellerfenster aufgestoßen und ist geschwind hindurchgeklettert. Ich hatte große Mühe, ihr durch das schmale Fenster zu folgen. In dem dunklen, feuchten Raum habe ich zunächst nichts erkennen können. Als sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben, habe ich bemerkt, dass wir uns in einem der Meute-Keller befinden. »Aber …« Mir ist übel geworden vor Angst. Sollte mich dieser Mensch vor dem Ordnungshüter gerettet haben, nur um mich dann der Meute auszuliefern, mich der Meute zum Fraß vorzuwerfen? »Keine Sorge …« Die klaren grünen Augen haben mich wieder angelächelt. »Das beste Versteck ist das, wo niemand mit dir rechnet und also niemand nach dir sucht. Und in meinem Fall …« In den Gesichtszügen dieses Menschen ist etwas gelegen, das mich an eine Zeit erinnert hat, in der von den Zonen, von der Meute und den Habgeiern noch keine Rede gewesen war, eine Zeit, in der wir noch eine Wahl gehabt haben und Europa noch nicht zerstört, zerklüftet, zerrissen gewesen ist. »… und in meinem Fall ist eben einer der Keller am sichersten.« Ich kann nicht sagen, wie alt er gewesen ist. Zerfurcht und alt ist sein Gesicht gewesen, jung und leuchtend seine Augen. »Hör gut zu, du musst vorsichtig sein. Du wirst dich bald auf den Weg machen und …« »Woher weißt du das?« »Ich sehe es. Deine Augen sind unruhig, sie schweifen ab, sie sind mit dem Kommenden beschäftigt, und nicht mehr mit dem, was unmittelbar vor ihnen liegt. Deine Bewegungen sind fahrig, sie werden erst wieder Ruhe finden, wenn du abgefahren sein wirst. Ich kenne das …« »Aber woher? Bist auch du …?« »Nein, ich bin abgeschoben worden. Ich habe die Arbeit verweigert. Ich wollte nicht mehr arbeiten. Also habe ich immer mehr Schulden gemacht. Immer wertloser bin ich geworden, und eines Tages ist der Bescheid in meinem Briefkasten gelegen. Die Abwrackprämie haben die Versicherungen und die Banken kassiert, wie üblich. In der Zone C habe ich genäht. Du weißt schon, im Akkord. Ich musste die Innennähte anfertigen und die Hosentaschen. Zwei lange, gerade Nähte und acht kleine, verwinkelte, die zeitraubend waren. Der Tagessatz lag bei fünfundneunzig Hosen. Ich habe ihn regelmäßig unterboten. Sie haben mich verwarnt. Ich habe doppelte Böden in die Taschen genäht und diese Hosen markiert. Ein kleines K, das ich auf die innere Naht gestickt habe, hat diese Hosen für unsere Leute erkennbar gemacht. Mussten sie bei den Kontrollen der Ordnungshüter, bei den Überfällen der Meute oder bei den Raubzügen der Habgeier ihre Taschen umdrehen, so gab es den doppelten Boden, in dem sie die Nachrichten und den Notgroschen verstecken konnten. Nach einiger Zeit aber haben sie in der Produktionsstätte meine Kassiberhosen entdeckt. Ich bin in die Zone D abgeschoben worden. Im Lager war ich einer der ganz wenigen A-Europäer. Ich wollte dort nicht verrecken. Also bin ich geflohen. Ich habe mich geschämt dafür, alleine zu gehen. Aber es war die einzige Möglichkeit. Ich habe einen der Wachmänner bestochen …« »Womit?«, habe ich atemlos gefragt. »Womit glaubst du?« »Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht …« »Er hat an Schlaflosigkeit gelitten. Sobald er eingeschlafen ist, hat er immer den gleichen Alptraum gehabt. Aus diesem Traum ist er hochgefahren und hat nicht mehr einschlafen können. Er hat sich nie an den ganzen Traum erinnern können, immer nur an Bruchstücke, an Bildfragmente und Wortfetzen. Ich habe ihm zuerst nur zugehört. Sprechen ist mir ja verboten gewesen. Dann hat er mich gebeten, ihm die Versatzstücke seines Traumes zu deuten. Ich habe ihm verständlich gemacht, dass mich das in Lebensgefahr bringen würde. Aber falls es mir gelingen sollte, durch meine Deutung seinen Traum zusammenzusetzen und ihn von seiner Schlaflosigkeit zu befreien, dann müsse er mir dabei helfen, aus dem Lager zu kommen. Er hat eingewilligt. Also haben wir unsere Traumsitzungen begonnen. Er hat mich unter verschiedenen Vorwänden immer wieder an den Rand des Lagergeländes geholt. Wir sind hinter den Aborten gestanden, und ich habe ihn aufgefordert, so genau wie möglich jene Traumfragmente zu erzählen, an die er sich erinnern konnte. So haben wir im Laufe einiger Monate seinen Traum zusammengebaut. Zuerst hat er sich nur an Formen erinnern können, an geometrische Formen, die in Auflösung begriffen waren. Ausgeleierte Kreise, an einem Schenkel aufgerissene Dreiecke, an einer Seite zerbeulte Vierecke. Stück für Stück haben wir diese Formen aneinandergereiht, so lange, bis wir schließlich eine Landkarte vor Augen hatten. Die ausgeleierten Kreise, die aufgerissenen Dreiecke und die zerbeulten Vierecke haben, zusammengefügt und ineinandergeschoben, die Karte Europas ergeben. Als wir diese Karte erstellt haben, hat er plötzlich begonnen, von Menschen zu träumen, von Menschen, deren Körper in Reagenzgläser eingelegt gewesen sind. Leblos und bleich sind sie in dem Konservierungsmittel geschwommen. Eines Nachts hat er die Gesichter dieser konservierten Menschen gesehen. Eine unsägliche Einsamkeit habe er in diesen Gesichtern wahrgenommen, hat er mir bei unserer Sitzung gesagt. Ich habe ihn gefragt, woran er denn diese Einsamkeit erkannt habe im Traum. Da hat er zu zittern begonnen. Es seien die Gesichter der Menschen gewesen, die er hier im Lager bewache, das habe er im Traum gespürt. Wir haben begonnen, die Menschen in den Reagenzgläsern auf dem Kontinent anzusiedeln, den wir zuvor aus den geometrischen Figuren gebaut haben. Nach ein paar Wochen sind die Menschen in den Reagenzgläsern aus seinem Traum verschwunden. Nun hat er sich daran erinnert, von Menschen geträumt zu haben, die auf dem Kontinent leben. In seinen Traumfragmenten hat er gesehen, wie sich diese Menschen gegenseitig bekämpfen und berauben. Mit großen spitzen Strohhalmen haben sie sich gegenseitig ausgesaugt. Die blutleeren Körper haben sie eingelegt und in lange Regalreihen gestellt. Dann haben sie begonnen, den Boden, auf dem sie stehen, auseinanderzunehmen. Sie haben große Stücke herausgebrochen und vor sich aufgestapelt. Sie haben das so lange betrieben, bis von der Bodenfläche nur noch wenig übrig gewesen ist. Die wenigen, die noch Boden unter den Füßen gehabt haben, sind auf den hohen Türmen gesessen, die sie aus den herausgebrochenen Flächen gebaut haben. Die anderen sind ins Bodenlose gestürzt. Als wir bei diesen Traumbildern angelangt waren, habe ich dem Wachmann gesagt, dass er die Geschichte Europas geträumt habe. Begonnen habe er in seinen Traumversatzstücken bei dem zerbrochenen, zerklüfteten Kontinent, auf dem wir heute leben. Und dann habe er diese Geschichte zurückgeträumt, bis an jenen Zeitpunkt zurück, an dem die Zerstörung unwiderruflich geworden sei. Nachdem ich ihm das gesagt habe, ist dieser Alptraum verschwunden. Er hat wieder ruhig schlafen können und mir dabei geholfen, mich zwischen den Achsen eines Militärlastwagens zu verstecken und so über die Grenze zu kommen.« »Und jetzt bist du hier …« »Ja, jetzt bin ich wieder hier.« »Ich habe noch nie davon gehört, dass es jemandem gelungen ist, aus der Zone D zu entkommen …« Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, habe ich ihn schon bereut. Er hat doch gesagt, dass er sich schämt … »Ja, davon ist nicht viel zu hören. Aber glaube mir, es sind mehr, als du dir denkst. Wenn sie unsereins schon nicht habhaft werden können, dann schweigen sie uns zumindest tot.« »Was machst du jetzt hier?« »Ich verstecke mich. Ich beobachte und versuche, Menschen wie dir zu helfen.« »Indem du sie zum Lachen bringst? Indem du sie schlagfertig werden lässt?« »Ja, genau. Ich beobachte die Ordnungshüter, die Habgeier und die Meute. Ich mache mir Bilder von ihnen und zeige sie euch, damit ihr wisst, mit wem ihr es zu tun habt, mit welch jämmerlichen und lächerlichen Gestalten. Dann können ihre Uniformen, ihre Waffen und Klauen euch nicht mehr so große Angst einjagen.« Er hat wieder seinen Mantel geöffnet. Im Halbdunkel des Kellers habe ich gesehen, dass in den Innentaschen des Mantels Papierrollen stecken. Viele Papierrollen. »Das sind die Bilder, die ich mir von ihnen mache. Schau …«, und er hat mir einige dieser Bilder gezeigt. Da sind Ordnungshüter zu sehen gewesen, die unbeholfen auf riesigen Weltkugeln balancieren; Habgeier, deren Krallen so schwer mit Gold beladen sind, dass sie in die Tiefe stürzen; Meuten, deren blankpolierte Schädel von Elsterschwärmen davongetragen werden. Auch den Ordnungshüter mit der Fahrradstange zwischen den Beinen habe ich mir noch einmal angesehen. »Wenn ich diese Bilder mache, denke ich auch an jene, die im Lager geblieben sind, die ich nicht habe mitnehmen können. Ich habe alleine fahren müssen …« »Das ist deine einzige Chance gewesen«, habe ich ihm gesagt und ihn gefragt, ob er mitkommen wolle zu Zora, in ihr Atelier. »Sie ist auch Malerin. Sie malt schon seit Jahren die Auswüchse der Angst in der Stadt. Ihre Bilder werden immer … immer …« Er hat mich angesehen und gelächelt: »Dunkler, sagen wir doch einfach – dunkler. Ich komme gerne mit zu Zora, ich möchte ihre Bilder sehen.« Ich habe ihm die Adresse von Zoras Atelier gegeben. Er könne nicht einfach durch die Straßen spazieren, hat er mir erklärt, er müsse andere Wege nehmen. Welche, das hat er mir nicht verraten, aber wir haben bei Zora einen sehr schönen Abend verbracht. Wir haben über Zoras und seine Bilder gesprochen und über Europa, über jenes Europa, an das wir uns – nein, nicht dunkel, sondern etwas heller noch – erinnern, und über das Europa, in dem wir heute leben, das dunkle, das zerklüftete, das zerrissene. Er hat von den Zonen C und D erzählt, von dem Lager, der Zwangsarbeit und der totgeschlagenen Zeit. Er hat gesagt: »Nicht nur in diesen Lagern sind wir Vogelfreie, eingesperrt in einen riesigen Käfig, in dem wir uns gegenseitig zerfleischen.« Seinen Namen hat er uns nicht nennen wollen. Er hat gemeint, wir müssten ihm einen Namen geben, bei jeder Begegnung einen neuen. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/eva-schorkhuber-22288639/nachricht-an-den-grossen-baren/) на ЛитРес. 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