Analytisch orientierte Literaturwissenschaft Rolf Breuer Der Band versammelt Essays und Aufsätze in deutscher und in englischer Sprache, darunter drei bisher unveröffentlichte Beiträge. Der Obertitel zeigt den gemeinsamen methodischen Nenner der Arbeiten an: sprachliche Klarheit, begriffliche Klärungen, rationale Argumentation, Verzicht auf Wortspiele und Hypostasierung von Metaphern, der Versuch, die innere Logik der sprachlichen Kunstwerke herauszuarbeiten. Mit diesen Mitteln einer analytisch orientierten Literaturwissenschaft widmet sich der Autor kulturpolitischen und kulturhistorischen Themen sowie Studien zu Formen von Meta-Literatur, bezogen vor allem auf Jane Austen und Lord Byron. Schließlich legt der Beckett-Experte Breuer fünf neuere Arbeiten über den irischen Nobelpreisträger vor: vergleichende Studien zu anderen Autoren (Flann O'Brien, Peter Ustinov, Peter Handke), die Einordnung Becketts in die Literaturgeschichte (Modernismus oder Postmoderne), die Gestaltung von absence présente in ausgewählten Werken sowie einen biographischen Essay über Begegnungen mit berühmten Beckett-Forschern. Rolf Breuer Analytisch orientierte Literaturwissenschaft Essays und Aufsätze Narr Francke Attempto Verlag Tübingen © 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen www.narr.de (http://www.narr.de) • info@narr.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. ISBN 978-3-7720-8697-7 (Print) ISBN 978-3-7720-0210-6 (ePub) Vorwort Der vorliegende Band versammelt dreizehn Aufsätze und Essays der letzten Jahre, einige unveröffentlicht, andere verstreut und zum Teil an entlegenen Orten publiziert. Alle betreffen vier Themenbereiche: (1) Kulturpolitik, Kulturgeschichte und Literaturtheorie, (2) verschiedene Formen von Folgeromanen und literarischen Adaptionen, (3) irische Literatur (in englischer Sprache) und speziell (4) Samuel Beckett. Wenn es in den Artikeln zu Beckett Wiederholungen gibt, so ist zu bedenken, dass sie als eigenständige Aufsätze konzipiert sind, nicht als Buchkapitel. Die ursprünglichen Publikationsorte der bereits veröffentlichten Essays sind am Ende des Bandes verzeichnet. Den Inhabern der Rechte danke ich für die Erlaubnis zum Wiederabdruck. Der Obertitel der Sammlung verweist auf den gemeinsamen philosophischen und methodischen Nenner der Aufsätze und meiner Arbeit als Literaturwissenschaftler allgemein. Das analytisch soll anzeigen, dass es mir – in der Tradition der Analytischen Philosophie – auf begriffliche Klärung ankommt, auf Klarheit des Ausdrucks, rationale Argumentation, Akzeptanz des Fallibilismus, auf den Verzicht auf Wortspiele und auf den Verzicht, Metaphern zu hypostasieren, auf die Differenzierung von Objekt- und Beschreibungssprache. Ein wichtiges Ziel ist mir dabei die Herausarbeitung der inneren Logik der diskutierten Werke.1 Orientiert heißt es, weil ich keineswegs alle Theorien und Interessen der Analytischen Philosophie teile – oder verstehe. (Zum Beispiel neige ich einem lebensweltlichen erkenntnistheoretischen Realismus zu.) Auch die Überschrift Theorie und Praxis hätte gepasst, mit der Betonung auf dem und, da in den Aufsätzen stets eine Verbindung von Literaturtheorie und interpretatorischer Praxis angestrebt wird. Letztlich schien die Formel aber zu abgegriffen. Viele der Arbeiten sind − direkt oder indirekt − aus meinen Paderborner Oberseminaren hervorgegangen. Ich danke den Teilnehmern2 von über 25 Jahren für die anregenden Diskussionen und ihre Freundschaft und Verbundenheit. Das Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Paderborn hat mir einen Druckkostenzuschuss gewährt, eine Geste, die ich sehr zu schätzen weiß. Die Grundlage des Umschlagbildes ist ein Aquarell von Stephan Rothe (Augsburg): Baum und Spiegelbild. Für ihre große Hilfe bei der Erstellung der Druckvorlage danke ich Serap Cɪǧ. Bei der Herstellung des Bandes waren dreizehn Texte sehr verschiedener Herkunft zusammenzufügen. Mit großer Aufmerksamkeit und liebenswürdiger Langmut hat mich meine Lektorin, Dr. Valeska Lembke, auf zahlreiche Ungereimtheiten und Versehen hingewiesen. Ihr schulde ich besonderen Dank. Paderborn, im Juli 2019 I Kulturpolitik, Literaturtheorie, Kulturgeschichte Lob der Distanz Ein kulturpolitischer Essay Anders als in den Naturwissenschaften müssen die Forscher und Interpreten in den Geisteswissenschaften ihrem Gegenstand mit Einfühlung und menschlichem Interesse begegnen, sonst können sie nicht verstehen, was sie erforschen und deuten wollen. Ebenso wichtig jedoch ist eine gewisse Distanz zwischen Forscher und Gegenstand, sonst können die Forscher nicht kritisieren, was sie vorfinden und zu verstehen suchen, und ohne Distanz zum Gegenstand dürfte es ihnen auch schwerfallen, sich selbst, ihre Vorannahmen, ihre Methode, ihr Erkenntnisinteresse zu reflektieren. Nur wenn diese Bedingungen gegeben sind, kann man von Wissenschaftlern sprechen, in Unterscheidung von Künstlern, Interessenvertretern, Politikern oder Gläubigen. Nun hat sich aber in den letzten Jahrzehnten in den Geisteswissenschaften – und vor allem in ihren Leitdisziplinen – eine Entwicklung angebahnt, die dieses aufklärerisch-romantische Gleichgewicht von kritischer Energie und Empathie deutlich zu stören beginnt. Einflussreiche Theoretiker vertreten einen erkenntnistheoretischen Subjektivismus und nehmen an, dass jeder Wissenschaftler die zu erkennende Wirklichkeit nach seinem Bild konstruiert. Wenn das so ist, dann gibt es zwischen Subjekt und Objekt der Erkenntnis natürlich keine Distanz. Die Sprache der Beschreibung und Interpretation der „Tatsachen“ erlangt in dieser Sicht der Dinge eine überragende Bedeutung, weil die Wirklichkeit, die die Forscher in früheren, naiveren Zeiten zu beobachten und deuten glaubten, tatsächlich nur ein sprachliches Konstrukt ist, ähnlich den Fiktionen der Dichter. Vielleicht klingt das dramatischer als sich die tägliche Wissenschaftspraxis realiter darstellt. Die meisten Literaturwissenschaftler, Historiker oder Soziologen interviewen weiterhin Gesprächspartner, durchsuchen Archive nach Quellen, entziffern alte Handschriften, versuchen, Fälschungen aufzudecken, verlässliche Editionen zu machen, das Werk eines Autors zu verstehen usw. In der Theorie jedoch dominiert der Subjektivismus die Debatten zu einem erheblichen Ausmaß, vor allem in den USA, aber ebenfalls in Großbritannien und zunehmend auch in Deutschland. Da mag es angebracht sein, wieder einmal eine Lanze für die alte Tugend der Distanz zu brechen. Advokaten der These, dass Subjekt und Objekt in den Geisteswissenschaften zusammenfallen, finden sich im Moment allerorten, vor allem in den Fächern, die durch die schiere Größe ihrer Repräsentanz an den Universitäten den Ton angeben: Psychologie, Soziologie, Geschichte, Literaturwissenschaft. So verschieden die Dinge im einzelnen auch liegen, viele Vertreter dieser Fächer stimmen in der Annahme überein, die jeweilige Realität – sei es die psychologische, die gesellschaftliche, die historische oder die literarische – werde von den Forschern bei ihren Untersuchungen erzeugt und existiere unabhängig von ihnen nicht. In der Geschichtswissenschaft beispielsweise lautet die These: Der Historiker wählt aus der überwältigenden Fülle der Daten aus, er gliedert, er tönt die Fakten durch narrative Strukturen, er gibt den Tatsachen Sinn, er schafft „seinen“ Nero, „sein“ Heiliges Römisches Reich, „seine“ Entdeckung Amerikas, nicht viel anders oder sogar genau wie Stendhal seinen Julien Sorel, Karl May seinen Wilden Westen, Shakespeare seine Entstehungsgeschichte einer Eifersucht erschafften: Das interpretierende Subjekt schafft das Objekt nach seinem Bilde. Ein noch größeres Einfallstor für den erkenntnistheoretischen Subjektivismus und Nihilismus sind die Literaturwissenschaft und ihr nahestehende Disziplinen wie Women’s Studies, Black Studies oder Gay and Lesbian Studies. Nur Frauen können Frauen verstehen, nur Homosexuelle Homosexuelle. Nur das Objekt der Erkenntnis kann sein Subjekt sein. Immer wieder läuft die Theorie auf die Identifizierung von Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozess hinaus. Selbstverständlich ist diese Position nicht einfach falsch, sondern im Gegenteil in vielen Fällen richtig, in anderen partiell richtig. In einer naturwissenschaftlich dominierten Epoche geisteswissenschaftlicher Theoriebildung könnte ich mit Überzeugung ein Lob der Empathie verfassen. Aber das ist nicht das Gebot der Stunde, und so möchte ich zeigen, wie nützlich ein Wissenschaftsverständnis ist, das in den Geisteswissenschaften auch zergliedernde Analyse, begriffliche Differenzierung, das Auseinanderhalten der logischen Ebenen von Theorie und Praxis, von Beobachter und Beobachtetem, von Kommentar und Kommentiertem achtet, das neben der Empathie auch die Distanz zwischen Forschern und ihrem Gegenstand zu schätzen weiß. Subjektivismus und Distanzlosigkeit in den Geisteswissenschaften sind keine Neuheit. Von der nationalistischen Geschichtsschreibung deutscher Historiker bis zur misogynen Psychologie männlicher Psychologen ist die Liste der pro domo argumentierenden Wissenschaftler endlos. Bisher jedoch musste die subjektivistische Praxis unter dem Deckmantel Objektivität operieren, denn nur so waren die Argumente für die Menschen überzeugend „wissenschaftlich“. Und wenn katholische Theologie nur von katholischen Theologen gelehrt werden darf, die mit der Missio des Bischofs ausgestattet sind, dann ist das eben Dogmatik und nicht Wissenschaft. Es blieb dem „Poststrukturalismus“ vorbehalten, dass sich wohlbestallte Wissenschaftler offen zum Prinzip der Subjektivität bekennen können, sie sogar zum Signum einer auf der Höhe der zeitgenössischen Einsichten stehenden Wissenschaftlichkeit zu machen wagen. Die philosophische Begründung stammt weitgehend aus Paris, die Praxis aus den USA. Dort wurden von Schwarzen Black Studies, von Feministinnen Women’s Studies, von Homosexuellen Gay and Lesbian Studies zur Selbstverständigung sowie zur Formulierung und Durchsetzung politischer Ziele etabliert, und dabei konnte man kritische Distanz zur je eigenen Sache und Person natürlich nicht brauchen. Für die Vereinigten Staaten als junge und zunehmend multirassische, multikulturelle, multisprachliche Gesellschaft ist die Entwicklung verständlich, vielleicht sogar eine notwendige Etappe in der Entwicklung ihrer Geisteswissenschaften und ihres Bildungssystems. Man holt dort unter den Gegebenheiten des Landes nach, was Europa bei der Herausbildung seiner Nationalstaaten, seiner Religionen und Kulturen – mehr schlecht als recht – vorgeführt hat. Die Frage ist aber, ob die starke Wirkung aus den USA zurück nach Europa wünschenswert sein kann, denn hier ist die praktische Entwicklung in den letzten fünfzig Jahren nach fürchterlichen rassistischen, chauvinistischen und nicht zuletzt religiösen Bürgerkriegen endlich in Richtung auf ein ausgewogeneres Verhältnis von Betroffenheit (Selbstgerechtigkeit) und Distanz (Fremdgerechtigkeit) in den Geisteswissenschaften gegangen, nachdem die entsprechenden Theorien schon lange bereitstanden. Dabei ist die Emanzipation der Frauen und der Schwarzen sowie die Legalisierung der Homosexualität als Fortsetzung des Programms der Aufklärung und der Demokratie begrüßenswert; schließlich sind Aufklärung, Demokratie, Gewaltenteilung, Rationalität, Kritik, Meinungsfreiheit gerade der Impetus für meine Kritik am drohenden Verlust des Prinzips Distanz in den Geisteswissenschaften, zumindest in der Theorie der Geisteswissenschaften. In dieser Hinsicht ist Mangel an Distanz zum Gegenstand und zu sich selbst, auch wenn er politisch aufklärerische Ziele fördern soll, antiaufklärerisch und vordemokratisch. Und außerdem wird eine linke Identitätspolitik im Gewand von Wissenschaft den Fluch einer rechten Identitätspolitik wieder salonfähig machen: Nationalismus, Ethnozentrismus usw. Wir sind alle immer Angehörige von Gruppen innerhalb größerer Populationen, wenn man will also von Minderheiten: Menschen, Deutsche, Erwachsene, Linkshänder, Führerscheinbesitzer, Gärtner, Krebskranke usw. Und in die geisteswissenschaftliche Forschung kann, ja muss der lebensweltliche Kontext eingehen. Es darf nur nicht so weit kommen, dass man nur als Gruppenangehöriger forscht, beziehungsweise dass man seine Ergebnisse als prinzipiell überlegen ansieht, weil man dem Text gegenüber ein privilegiertes Verhältnis zu haben glaubt. Eine Theorie der Frauenforschung, die beansprucht, nur Frauen könnten Frauen verstehen, vielleicht sogar nur lesbische Frauen („Frauen-Frauen“), lässt sich leicht ad absurdum führen. Wenn die These nämlich stimmte, dann müsste es auch so sein, dass nur eine Mutter eine Mutter versteht, nur ein Rentner einen Rentner, nur ein Moslem einen Moslem, und dann natürlich weiter nur ein moslemischer Rentner einen moslemischen Rentner usw. Letztlich könnte jeder nur sich selbst verstehen, und tatsächlich ist auch schon so argumentiert worden: die Sprache sei ein Gefängnis, und jeder sitze als Monade ohne die Möglichkeit der Verständigung (und des Verstehens) in seiner jeweiligen Zelle. Aber erstens ist das eine selbstzerstörerische Argumentation, denn wie sollte jemand, der glaubt, dass man sich nicht verständigen kann, jemand anderem verständlich machen wollen, dass man sich nicht verständlich machen kann? Und zweitens ist die These, dass wir uns (alle immer) nicht verstehen, völlig unplausibel. Nicht als ob gegenseitiges Verständnis immer ganz einfach wäre, im Gegenteil. Deswegen ist der Philosophie von den großen Anwälten der Klarheit die Rolle zugewiesen worden, „die Herrschaft des Wortes über den menschlichen Geist zu brechen“ (Frege), „die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“ zu bekämpfen (Wittgenstein). Und auch die Fachwissenschaften sind unter anderem dafür da. Wenn aber die Gefängnismetapher („the prison-house of language“) stimmte, dann wären die Mauern überall anzunehmen, ja wir wären die Mauern, wir wären Mauern. Im Gegensatz zu Gefängnisinsassen sind Gefängnisse jedoch frei, womit ich nur sagen will, dass es töricht ist, dialektische Verhältnisse wie das zwischen Freiheit und Gefangensein oder Subjekt und Objekt zugunsten nur einer Komponente zu radikalisieren. So töricht aber auch die These ist, wir könnten uns untereinander nicht verstehen, sie hat im Moment Konjunktur, vielleicht weil viele Gruppen, die eine Sache zu vertreten haben, glauben, es sei für die Durchsetzung ihrer Sache vorteilhaft, wenn man bei Dissens sagen kann, die Gegenseite verstehe einen eben nicht, könne einen auch gar nicht verstehen, weil sie ein Mann, ein Weißer, ein Intellektueller, kinderlos, alt, kein Alkoholiker usw. sei. Für das Verstehen ist es häufig jedoch gerade hilfreich, nicht persönlich betroffen, nicht nah zur Sache zu sein. Manche Details sieht man besser aus der Nähe, manche Strukturen besser aus der Ferne. Welcher Regisseur lässt einen Dementen einen Dementen spielen, welcher Richter verlässt sich allein auf die Aussagen des Angeklagten? Dass ein Forscher über magische Vorstellungen der Azande eine Zeitlang bei den Azande lebt und sich erzählen lässt, warum nach ihrer Meinung Orakel und Magie wirken, ist klar. Zugleich muss sich der Forscher aber die Distanz des Fremden bewahren, denn sonst kann er die magischen Vorstellungen ja nicht mehr mit anderen Praktiken der Wirklichkeitsbewältigung vergleichen. Charakteristischerweise hat kein Azande seinen Orakelglauben kritisch reflektiert, sondern Evans-Pritchard, und wir können daher nicht wünschen, er wäre ein Azande gewesen oder geworden. Das hat unter anderem damit zu tun, dass kritische Wissenschaft in der Lage ist, nicht nur andere Verfahren zu reflektieren, sondern auch sich selbst. Dass es dabei prinzipielle Grenzen der Reflexionsfähigkeit gibt, ist unbestritten, aber die Grenzen sind doch deutlich weiter hinausgeschoben als in unkritischen Verfahren. Politisch sieht die Sache allerdings anders aus. Niemand wird den in einer Gewerkschaft organisierten Arbeitern theoretisch bestreiten wollen, dass sie berechtigt sind, ihre Interessen selbst zu definieren und zu vertreten, ebenso bei Lesbierinnen oder bei der Standesorganisation der Makler. Die Möglichkeit, die eigenen Interessen zu vertreten, sei es als Gruppe oder als Individuum, gehört sogar ganz elementar zur Demokratie, im Unterschied zu einer paternalistischen oder gar diktatorischen Gesellschaftsverfassung. Aber Interessenvertretung ist eben gerade nicht Wissenschaft, und insofern gehört – da auch Wissenschaftler sich ihre Interessenvertretungen geschaffen haben – die Kontrolle der Wissenschaftler durch die Gesellschaft der Laien zum Prinzip der Demokratie. Nun können Feministinnen einwenden, dass Männer früher aber kaum Frauenforschung betrieben hätten, dass Männer – charakteristischerweise oder zufälligerweise – die Leistungen von Frauen vernachlässigt hätten, und Gleiches gilt für andere Gruppen, die als Gruppen oder Individuen von der Gleichberechtigung und Macht ausgeschlossen waren oder sind. Das ist richtig, aber auch hier zeigt sich, dass kritische Wissenschaftlichkeit viel flexibler reagiert als unkritische Verfahren: denn nach nur einigen Jahrzehnten gibt es die Fächer allenthalben. Nur ist es so, dass die Vertreter der neuen Disziplinen diese nicht zuletzt deshalb durchgesetzt haben, um – bewaffnet mit der Theorie, dass nur die Objekte der Forschung ihre Subjekte sein können – den jeweiligen Gruppenmitgliedern die Türen zu Karrieren zu öffnen. Weil jedem männlichen Nachwuchsforscher klar ist, dass Women’s Studies für Frauen reserviert sind, um den Anteil von Frauen an der Professorenschaft zu erhöhen, dass er also niemals eine Chance auf eine Stelle haben wird, vermeidet er das Fach. So entstehen Wissenschaftsghettos und Anhänger der Theorie, dass sich Menschengruppen untereinander nicht verstehen können. Man kann auch einwenden, dass Wissenschaft nicht so hehr sei, wie es oben geschienen haben könnte, nämlich allein oder vornehmlich der Wahrheitssuche gewidmet, während Interessenvertretung in den Niederungen der Alltagspraxis angesiedelt sei. Auch wissenschaftliche Forschung selbst – nicht nur Standespolitik der Wissenschaftler – geht in der Tat unter erkenntnisleitenden Interessen vor sich, ist also immer auch Interessenvertretung, ganz deutlich in der ingenieurswissenschaftlichen Drittmittelforschung, aber auch in den Geisteswissenschaften, was man schon daran zu erkennen vermag, dass jede Seite in jedem pädagogischen Richtungskampf einen Professor mobilisieren kann, dass für jede Feier, für jeden Festtag positive und negative Reden aus der Feder von Wissenschaftlern zu haben sind, für jedes psychologisch strittige Gerichtsverfahren konträre Gutachten. Die Antwort darauf kann nur sein: Gerade weil alle Wissenschaft – wie jede menschliche Tätigkeit – interessengeleitet ist, muss sie im Prinzip kritisch sein, und das heißt unter anderem, sie muss allen offenstehen, die sich äußern wollen und können. Gerade weil Wissenschaft nicht nur, vielleicht nicht einmal überwiegend rational geleitet ist, müssen sich Wissenschaftler gegenseitig kontrollieren können. Eine Theorie, die das prinzipiell bestreitet, ist wissenschaftsfeindlich und demokratiefeindlich. Die Behauptung, nur Frauen könnten Frauen verstehen usw., lautet in nur leicht verschobener Akzentuierung: Bei einer Aussage kommt es weniger auf den Inhalt an und mehr darauf, wer sie macht. Das ist keineswegs völlig falsch. Wenn mir mein Hausarzt sagt, ich hätte Pocken, nicht Windpocken, so reagiere ich anders, als wenn mir das mein kleiner Sohn sagt. Wenn ein jüdischer Dramatiker das Thema Hitler als Farce auf die Bühne bringt, so ist das etwas anderes, als wenn es ein Deutscher tut. Wenn ein berühmter Musikwissenschaftler einen Vortrag über Beethoven ankündigt, gehe ich wahrscheinlich eher hin, als wenn es der mir unbekannte Musiklehrer des Nachbardorfes tut. Vertrauen ist auch in den Wissenschaften wichtig, jedenfalls in praxi, weil sonst jeder vor lauter Nachprüfen bisheriger Ergebnisse nie über den Stand der vorigen Generation hinauskäme. Aber prinzipiell lautet die Devise: Traue niemandem, und schon gar nicht dem, der methodisch von Vertrauen redet! Aussagen müssen so gemacht sein, dass sie überprüfbar sind, und natürlich kommt es letztlich doch auf die Aussagen an und nicht auf den, der sie macht, denn sonst würde man das Kriterium der Wahrheit durch das der Betroffenheit ersetzen. Wahrhaftigkeit ist nicht gleich Wahrheit. Statt Nachprüfbarkeit hätte man das Kriterium der Autorität. Wieder ergibt sich, dass die poststrukturalistische Theorie des Vorrangs des Subjekts vor dem Objekt in Wirklichkeit vormodern ist. Politisch steht sie auf dem Stand einer aristokratisch-paternalistischen Gesellschaft, in der die Besten wissen, was gut und richtig ist. „Quod licet Jovi, non licet bovi“ ist jedenfalls nicht das Motto der Wissenschaften im Zeitalter der pluralistischen Demokratie. (Das heißt übrigens nicht, dass Wissenschaft demokratisch wäre, sondern nur, dass beiden Institutionen das Prinzip des Misstrauens beziehungsweise des Fallibilismus zentral ist.) Auch die Literaturtheorie kennt ähnliche Tendenzen, vor allem im Zusammenhang mit der Frage nach dem ontologischen Status von Literatur und nach dem Ort seiner Bedeutung. Die früheren Literaturtheoretiker waren meist die Autoren selbst, und bezeichnenderweise vertraten sie eine autorenzentrierte Theorie der Bedeutung: die Autorenintention ist die Bedeutung. Nachdem die heutigen Literaturwissenschaften längst professionalisiert sind, ist die Kluft zwischen Autor und Kritiker so tief geworden, dass viele Theoretiker der Ansicht sind, der Leser-Kritiker generiere im Akt des Lesens die Bedeutung des Texts, das Subjekt erzeuge das Objekt. Waren die Literaturwissenschaftler im Zeitalter der Dominanz der Autoren meist Philologen, also Diener der Autorenintention, oft wohl auch mehr Museumswärter als echte Vermittler, so wären die Kritiker heute gern Autoren, wie wir es aus der Welt der Bühne mit dem Phänomen des „Regietheaters“ kennen. Die frühere historisierende Methode droht einer präsentistischen Methode Platz zu machen. Auch hier muss man wiederholen, dass die These, der Rezipient gebe einem Zeichen erst seine Bedeutung, nicht gänzlich falsch ist. In der Tat wird in Alltagskommunikation und im Kunstwerk die Autorenintention in dem Maße weniger wichtig, in dem der Text von uns weiter entfernt ist, sei es zeitlich, sei es geographisch. Die Autorenintention ist entscheidend für meine Reaktion (Interpretation), wenn ich direkt angesprochen bin, etwa wenn ich auf der Straße angerempelt werde und wissen möchte, ob das Absicht war oder Versehen. Sie ist wichtig, aber nicht allesentscheidend, wenn ich mich angesprochen fühlen darf oder muss, aber nur indirekt, etwa bei der Lektüre eines Artikels über männliches Sexualverhalten im viktorianischen England. Im Falle jedoch einer alten Tontafel mit Rechtsvorschriften für Priester aus dem Zweistromland fühle ich mich nicht mehr angesprochen, und insofern sind mir die Intention des Verfassers und damit der ganze Text gleichgültig (außer als Dokument, wenn ich Spezialist für die Sache bin). Man könnte sagen, dass ein Text mit zunehmender Entfernung von mir zum bloßen Naturereignis wird, Intention als Kategorie also entfällt. Borges hat in seiner Kurzgeschichte Die Bibliothek von Babel so etwas wie eine Illustration des Sachverhalts geschaffen. Der Inhalt der Bücher dieser Bibliothek besteht aus allen möglichen Kombinationen von 25 Zeichen. Jedes der Bücher hat Platz für zirka 1,3 Millionen Zeichen, was bedeutet, dass es 25 verschiedene Bücher gibt, darunter eines, das nur aus a’s besteht, darunter aber auch eines, das den Text von Kants Kritik der reinen Vernunft enthält, eines, das eine Grammatik der litauischen Sprache enthält usw. Hier haben wir Texte vor uns, bei denen es keinerlei Autorenintention gibt, bei denen die Last der Aufgabe, einen Text mit Bedeutung zu versehen, tatsächlich ganz beim Leser-Bibliothekar liegt. Von praktischer Bedeutung ist der Fall jedoch nicht, denn selbst wenn das ganze Universum mit Büchern vollgepackt wäre, ergäbe das bei einem Liter Volumen pro Buch und einem Weltall von zehn Milliarden Lichtjahren Kantenlänge nur eine Bibliothek mit zirka 10 Bänden (ohne Regale!) Und so viel Impraktikabilität schlägt sogar noch auf die Theorie durch: Eine solche Bibliothek kann es nicht geben, weil man nicht genug Atome im ganzen Weltall auch nur für die Druckerschwärze hätte, vom Papier ganz zu schweigen. Aber auch rein prinzipiell: Wie sollte man Kants Kritik finden, wenn man kein Kant ist und nicht weiß, wonach man suchen soll? Und wenn man ein Kant ist, dann spart es viel Zeit, die Kritik zu denken, anstatt sie unter 25 Büchern zu suchen. Der vielberedete „Tod des Autors“ ist letztlich nur eine hintergründige Paradoxie, die die Dialektik des Verstehensprozesses zwischen Sender und Rezipient außer Acht lässt. Tatsächlich besteht unsere Kommunikation überwiegend aus direkter Interaktion, und jede vernünftige Bedeutungstheorie wird daher intentional sein (und ist es in der Fachphilosophie auch). Bei Kunstwerken liegt die Sache etwas anders, allerdings nicht diametral entgegengesetzt. Und zwar liegt ein Unterschied darin, dass man bei den Werken, über die man spricht, offenbar davon ausgeht, dass es lohnt, sie dem Verschwinden im Abgrund der Zeit zu entreißen, weil sie unersetzlich sind, was so viel heißt wie: sie sind durch leichter zugängliche Werke der Gegenwart nicht zu ersetzen. Bei Alltagskommunikation trifft das fast nie zu. Wie soll man die unersetzlichen Werke der Literatur aber verständlich erhalten? Man kann nicht beim Autor nachfragen, was er meinte, und es wäre auch gar nicht sinnvoll, denn man ist nicht direkt von ihm angesprochen. Insofern hat der „Dekonstruktionismus“ recht, wenn er zeigen möchte, dass die Werke für die heutigen Leser oft eine andere Bedeutung haben als der Autor vermutlich beabsichtigte. Das ist sogar eine ganz alte Einsicht, denn die Verfahren der Literaturwissenschaft sind entwickelt worden, weil die Autorenintention oft nicht (mehr) eindeutig zutage liegt, das Werk also zum Problem geworden, andererseits interessant geblieben ist. Kunstwerke sind, gerade wenn sie interessant sind, reicher als der Autor wusste, und das gilt sogar bei Alltagskommunikation, wo ebenfalls jede Äußerung mehr sagt als gemeint ist. Nur darf das Fremde, das Unzugängliche, die Distanz eben gerade nicht eingeebnet werden, denn warum sollte ich Shakespeare lesen, wenn ich doch immer nur wieder mich selbst auffände? All die Hilfstätigkeiten und Hilfswissenschaften – Handschriftenkunde, Archivstudien, Kenntnisse der Periode, des Autors, der Gattungskonventionen usw. – ergäben keinen Sinn, wenn wirklich der Interpret oder auch nur kollektive Verstehenstraditionen die Bedeutung des Werks (ganz) erschüfen. Ein weiteres Beispiel für die in bestimmten Kreisen so beliebte Einebnung der Distanz zwischen Subjekt und Objekt in der Literaturwissenschaft ist die Theorie, Literatur und Literaturtheorie beziehungsweise Literaturkritik hätten denselben ontologischen Status und seien ununterscheidbar. Auch diese These ist nicht ganz falsch. Angesichts einer humorlosen Abhandlung über den Witz oder einer trockenen Statistik über die Liebe unter Jugendlichen heute hat sicher schon mancher die Grenzen einer naturwissenschaftlich distanzierenden Geisteswissenschaft gespürt. In diesem Sinne sagte Friedrich Schlegel, Poesie könne nur durch Poesie kritisiert werden. Für das Verhältnis zwischen Beobachter und Welt ist die These (aus dem Neuplatonismus stammend) vielleicht am schönsten in Goethes Xenie ausgedrückt: „Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, / Die Sonne könnt’ es nie erblicken“. Aber selbst ein philosophischer Laie erkennt schnell, dass das nur ziemlich vage stimmen kann. Augenhaft muss Goethes Auge auch gewesen sein, denn um die Aussage machen zu können, dass Augen sonnenhaft sind, um die Sonne erblicken zu können, musste er vorher Augen erblickt haben, was nach seiner Aussage nur gelingt, wenn sie – auch – augenhaft sind. Wie alles andere, was Augen sonst noch sehen können, müssten Augen aber auch sein. Man erkennt, dass die Aussage letztlich ziemlich nichtssagend ist. Tatsächlich ist es mit unseren Augen so, dass sie besonders gut in dem Bereich der elektromagnetischen Wellen sehen können, in dem die Sonne besonders intensiv abstrahlt. Unsere Augen sind entstanden unter dem jahrmillionenlangen Einfluss des Lichts der Sonne. Wenn man das auf das Verhältnis zwischen Sprache und besprochener Welt übertragen darf, so heißt es: Von der Objektsprache (Dichtung) muss ein Einfluss ausgehen auf die Beschreibungssprache (Literaturwissenschaft), sonst kann diese jener nicht gerecht werden. Aber die Beschreibungssprache braucht nicht zu werden wie die Objektsprache – sie darf es sogar nicht, denn die Sonne kann sich ja gerade nicht sehen (und sogar das Auge kann sich selbst nicht sehen). Und: Die Sonne ist das Primäre, das Auge das Sekundäre. Nun wird in der Praxis meistens nicht so heiß gegessen wie in der Theorie gekocht. Noch habe ich keine Dissertation gesehen, die ich für einen Roman hätte halten können, auch wenn die Wissenschaftsprosa mancher neuerer Autoren nicht dem Ideal durchsichtiger Klärung von Sachverhalten folgt, sondern Eigenwert zu beanspruchen scheint. Aber ich habe immerhin schon eine Habilitationsschrift in der Hand gehabt, deren Verfasserin sich weigerte, in der Bibliographie zwischen Primär- und Sekundärliteratur zu unterscheiden, weil das nicht auf der Höhe der Theorie gewesen wäre, und das in einer Arbeit, die bisher vernachlässigte und in Vergessenheit geratene Romane erschließen will, wo also jeder Leser gerne auf einen Blick sehen würde, welche Romane denn da wiederentdeckt werden. Da die Theorie aber besagt, dass es keine Wahrheit gibt, Tarskis Differenzierung zwischen Objektsprache und Metasprache aber getroffen wurde, um Aussagen Wahrheit zusprechen zu können, ist es tatsächlich widerspruchsfrei, nicht zwischen logischen Ebenen zu unterscheiden. Da kann man dann nur sagen: Hat es auch Methode, so ist es doch Wahnsinn. Und man sieht, wie wichtig der Grundsatz der Fremdkontrolle ist, denn Auswüchse wie diese sind nur in einer Situation des Ingroup-Provinzialismus verstehbar. Und wieder zeigt sich das Autoritäre der Theorie, Literatur und Literaturwissenschaft seien ununterscheidbar. Eine Studie, die durch ihren Stil verlangt, dass sich der Leser ganz auf sie einlassen muss, um sie nachvollziehen zu können – etwas, das das Kunstwerk verlangen darf –, will nicht durch Argumente einen freien Leser überzeugen, sondern durch imperiale Gesten beeindrucken. Der Ornithologe will fliegen. Im Zusammenhang der Theorie, Literatur und Literaturwissenschaft seien untrennbar, wird auf Einwände hin gelegentlich geantwortet, die traditionelle Differenzierung zwischen den logischen Ebenen des Kommentierten und des Kommentars sei vielleicht bei traditioneller Literatur angebracht gewesen, etwa bei realistischen Romanen des vorigen Jahrhunderts, die ihrerseits von einer objektivistischen Konzeption der Wirklichkeit, vom Glauben an Wahrheit, vom Gedanken an die Trennung von Subjekt und Objekt usw. durchdrungen seien; sie sei aber auf jeden Fall unangebracht bei literarischen Werken, die selbst die Trennung von Subjekt und Objekt der Beschreibung in Frage stellen. Tatsächlich gibt es ja seit einigen Jahrzehnten, vor allem im angelsächsischen Sprachraum, eine umfangreiche Tradition von Erzählliteratur dieser Art. Meta-Literatur ist ein Beispiel, also Literatur, deren Gegenstand die Niederschrift des Werks selbst ist, etwa Becketts Malone stirbt. Sodann gibt es Romane, die wie Literaturkritik aussehen, etwa Julian Barnes’ Flauberts Papagei. Und schließlich gibt es eine Vielzahl fiktiver Autobiographien und Biographien, bei denen die Darstellung objektiv gegebener Realität und fiktionale Dichtung ineinander übergehen, früh schon Virginia Woolfs Orlando und kürzlich Robert Nyes Memoirs of Lord Byron oder Peter Ackroyds Chatterton. Solche Literatur kann in Beziehung gesetzt werden zu der zunehmenden Tendenz des allgegenwärtigen Mediums Fernsehen, die Trennung zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen. Man denke nur an die stufenlose Linie vom traditionellen Spielfilm über den nachgestellten Kriminalfall bis hin zu Reality-TV und Kriegsberichterstattung aus dem Hotelfenster heraus, und das Ganze vielleicht noch dauernd von Werbespots und Videoclips unterbrochen, und man wird einsehen, dass die alte Differenzierung mit bloß zwei Kategorien (real oder fiktiv) zu grobschlächtig ist. Aber gerade wenn es für die Menschen de facto immer schwieriger wird zu unterscheiden, muss die begriffliche Differenzierung umso sorgfältiger sein. Bei zunehmender Brutalität an den Schulen sagt der Pädagoge ja auch nicht: Dann geben wir eben die Unterscheidung von Gewalt und Friedfertigkeit auf! Natürlich muss das Handwerkszeug der Literaturwissenschaft, die Begrifflichkeit usw. angesichts neuer Gattungen und Gattungsmischungen geschärft und erweitert werden, aber deswegen müssen nicht etwa die Kategorien aufgeweicht werden. Einen Prozess der Aufweichung von Objekten kann ich gerade nur mit einer harten Sprache feststellen, einen geschichtlichen Entwicklungsprozess nur mit statischen Begriffen. Außerdem scheint die Theorie auch hier weiter zu sein als die Praxis. Die fernseherfahrenen Kinder der Gegenwart jedenfalls unterscheiden in ihren Reaktionen (zum Beispiel im Grad ihrer Angst) deutlich zwischen Realität und Fiktion auf dem Bildschirm. Schon Aristoteles baute seine Funktionsbestimmung der Tragödie darauf auf, dass der Zuschauer auf eine auf der Bühne gespielte Gewalttat anders reagiert als auf eine vor unseren Augen auf der Straße. Es braucht den Theoretiker oder Interpreten auch nicht zu beirren, dass ein Autor wie beispielsweise Ackroyd offenbar selbst an die neuen Theorien glaubt, die er seinen Romanen zugrunde legt, und sie nicht etwa nur als Spielvorlage betrachtet. Wie man im Sommer 1993 in der Times lesen konnte, hält Ackroyd Einsteins Relativitätstheorie – ganz im Sinn poststrukturalistischer Wissenschaftssoziologie – für einen Mythos. Naturwissenschaftliche Theorien sind gewiss Modelle, aber deswegen noch keine Fiktionen im Sinne von Dichtungen. Und so hat auch trotz manch kühner allgemeiner Meta-Theorie noch kein Wissenschaftssoziologe ernstlich konkret gesagt, wieso das heliozentrische Weltbild oder die Theorie Harveys vom Blutkreislauf nur fiktionale Erzählungen sein sollen. Als Dichter darf Ackroyd das natürlich denken, und man kann ihn trotzdem schätzen, so wie man ja auch kein mittelalterlicher Katholik sein muss, um Dantes Göttliche Komödie zu bewundern, kein Anhänger der höfischen Liebe, um Chaucers Troilus und Criseyde zu lieben. (Allerdings darf man Dantes oder Chaucers Weltbild auch nicht absurd oder verächtlich finden, sonst wird einem die nötige Empathie fehlen.) Man könnte sogar argumentieren, dass Literatur gerade da ihre ureigenste Provinz hat, wo sie interessante Gedankenspiele vorführt, die in der Wirklichkeit unmöglich sind, sei es praktisch wie oben bei Borges, sei es logisch wie in Wells’ Zeitmaschine. Einige Geschichtstheoretiker behaupten, Geschichtsschreibung sei Fiktion, habe denselben ontologischen Status wie Dichtung. So hat man im Gefolge von Hayden Whites Thesen argumentiert, dass es keine historischen Tatsachen gebe, sondern dass die Geschichtsschreibung die Tatsachen erschaffe. Der Historiker konstruiere Geschichte, ganz wie der Romancier, der seine literarische Welt im Schreiben entwirft.1 Tatsächlich geht der Historiker bei seiner Rekonstruktion der Geschichte von einem gewissen Vorverständnis aus, muss entscheiden, was (ihm) wichtig ist und was nicht, muss das Material ordnen, muss Kausalbeziehungen herstellen, dem Verlauf der Ereignisse Bedeutung geben, nicht im Sinn eines höheren Ziels, aber doch in dem Sinn, dass wir bei aller zwischenmenschlichen Kommunikation ständig interpretieren, wie uns das Handeln anderer betreffen mag, wie es aufzufassen ist, ob beispielsweise als Bedrohung, als Angeberei oder als gutgemeint. Der Historiker ist zwar ein Spezialist für bestimmte öffentliche Bereiche menschlichen Handelns, vor allem in der Vergangenheit, und er arbeitet seine Darstellung und Deutung genauer aus, geht methodischer vor, macht seine Vorannahmen transparent usw., aber prinzipiell verschieden von der alltäglichen Erklärungsarbeit des Menschen ist sein Tun nicht. So lautet die These der Subjektivisten im Grunde: Alle Denk- und Sprachtätigkeit der Menschen, ob Wissenschaft, Alltag oder Dichtung, ist ontologisch gleich. Die Geschichtskonstruktionen oder -rekonstruktionen erfolgen durch Versprachlichung (daher die poststrukturalistische These, alles sei Sprache, alles sei Text), und zwar in Form von Erzählungen, womit die narrativen Verfahren ins Spiel kommen: Erzählstandpunkt, Metapher, Vergleich, Beispiel, Litotes usw. Da auch die Dichter so vorgehen (ihre Welt besteht nur aus der Sprache, die sie konstruiert), seien Geschichtsschreibung und Dichtung auch in diesem Sinne ontologisch gleich. Richtig ist zwar, dass in früherer, dem naturwissenschaftlichen Objektivitätsideal verpflichteter Geisteswissenschaft viele Historiker ernstlich glaubten, ihre Geschichtsschreibung stelle alles so dar, wie es wirklich gewesen sei. Und richtig ist, dass zum Beispiel Vorannahmen die Darstellung der „Tatsachen“ einfärben, sogar bestimmen können, etwa im Fall, dass jemand den Eindruck gewonnen hat, das Dritte Reich sei als Tragödie (für Deutschland) aufzufassen, das heißt, als schuldhaft-unverschuldetes Verhängnis, woraufhin er die ungeheure Fülle des Materials auf diese Vorannahme hin auswählen und interpretieren wird. Wenn aber in der bisherigen Theorie, der ich zuneige, zwischen fiktionalen und diskursiv-expositorischen Textsorten differenziert wird, dann nicht deshalb, weil die eine narrative Elemente enthielte und die andere nicht, denn in der Tat enthalten beide narrative Elemente; vielmehr differenziert man deshalb, weil fiktionale Texte zu anderen Fragen einladen als expositorische. Während man bei wissenschaftlichen und alltäglich-diskursiven Texten trotz der erzählerischen Elemente letztlich nach Informationsgehalt, Plausibilität und Wahrheit fragt, interessiert man sich bei fiktionalen Texten für die Kühnheit der Metaphern, für die rhetorische Brillanz, für magisch-rituelle Qualitäten wie Reim, Metrum und Rhythmus, für den architektonischen Bau, für die Übereinstimmung von Form und Inhalt usw. In Molières Der Bürger als Edelmann erfährt der neureiche Monsieur Jourdain von seinem schmeichlerischen Rhetoriklehrer, dass er Prosa spricht, wenn er spricht, und ist freudig angetan von dieser Auszeichnung. Er kann aber natürlich gar nicht anders als Prosa sprechen, wenn er den Mund auftut, und so ist es auch mit den Historikern, mit uns allen: Wir sind noch keine Dichter, weil wir bei einer Dienstbesprechung oder einem Brief an die Versicherung narrative Verfahren benützen. Vornehmer ausgedrückt: Erzählstrukturen sind kein Differenzmerkmal zwischen geisteswissenschaftlicher Forschung und fiktionalen Texten; vielmehr ist Fiktionalität, zumindest zu einem erheblichen Teil, eine pragmatische Kategorie. Wir behandeln fiktionale Texte anders als diskursive, und man kann auch durchaus einen fiktional gemeinten Text (etwa einen historischen Roman) wie einen diskursiven behandeln und einen diskursiven (Gibbons Geschichte des Verfalls und Untergang des Römischen Reichs beispielsweise) wie einen fiktionalen. Nun haben die Thesen der subjektivistischen Geschichtstheoretiker zwar viel Aufmerksamkeit erregt, sind aber von den Praktikern unter den Historikern ziemlich überwiegend ignoriert oder abgelehnt worden. Viele Literaturwissenschaftler jedoch haben die Auffassung, Geschichte sei nicht Rekonstruktion von Wirklichkeit, sondern vom Historiker konstruierter Text, begrüßt, und psychologisch kann man die Attraktivität der konstruktivistischen Theorien ja auch gut verstehen, würden sie doch die Literaturwissenschaft zur zentralen geisteswissenschaftlichen Disziplin machen. Tatsächlich aber können Menschen sehr gut unterscheiden zwischen Sinneseindrücken oder Erinnerungen an Sinneseindrücke auf der einen Seite und Phantasien oder Erinnerungen an Phantasien auf der anderen Seite. Vermutlich ist es ein Selektionsvorteil, wenn man das kann, und deshalb gibt es dazu auch einen Forschungszweig (Self-Awareness Studies, Reality Control Studies). Aber von seiten vieler Romanciers und Dramatiker scheint es Schützenhilfe für die Poststrukturalisten zu geben. Der von manchen als faction bezeichnete, zwischen fiction und fact angesiedelte Roman beispielsweise ist oft als Indiz für die Auflösung der Differenz Kunst / Leben beziehungsweise der Textsorten Fiktion / expositorische Texte gedeutet worden. (Und auch in den anderen Künsten gibt es vergleichbare Tendenzen, von Warhol bis zu konkreter Musik.) Das Thema kann hier nicht ernstlich erörtert werden, aber so viel ist klar: Wenn sich die Objekte (in diesem Fall die Gattungen oder Textsorten) mischen, wenn sie vielleicht sogar zu etwas Neuem fusionieren, dann müssen sich deshalb keineswegs die Kategorien der Beschreibung mischen, dürfen es sogar nicht. Das wäre das Ende der analytischen Chemie, wenn sich, weil Wasserstoff und Sauerstoff eine Verbindung zu H O eingehen, auch die chemischen Bezeichnungen zu etwas Neuem verbinden müssten. In der Kunst und natürlich auch im Spaß kann man das alles machen, aber das hat nichts mit ontologischen oder erkenntnistheoretischen Notwendigkeiten zu tun und braucht nicht, ja darf nicht auf die Literaturwissenschaft abfärben. Sie ist eine Wissenschaft und muss insofern zu ihrem Gegenstand in einer gewissen kritischen Distanz mit analytischem Auflösevermögen verbleiben. Das Bekenntnis zu radikaler Subjektivität, die Annäherung der Geisteswissenschaften an die Künste, des Subjekts an das Objekt, führt zu Selbstgerechtigkeit, Kritikunfähigkeit und Narzissmus. From Theories of Deviation to Theories of Fictionality: The Definition of Literature This essay focuses on the various ways in which literature has been differentiated from non-literature. The criteria of differentiation show themselves to be quite heterogeneous, even incommensurable. Older – essentialist – theories, based on epic and lyric poetry, distinguished between poetic and non-poetic forms of language. Later – relational – theories, often based on the novel, have argued that it is the reference of language to reality that distinguishes fiction from non-fiction. Still more recent theories, accompanied by new forms of literature, see the difference in the eye of the beholder or, rather, reader – and this is a pragmatic criterion of differentiation. Since each perspective yields valuable insights, the question is how the three criteria – essentialist, relational and pragmatic – relate to one another. 1. Language and form as the distinguishing criterion of poetry Until the 18 century, epic poetry and certain types of poems – ode, elegy, nature poetry – were the key genres of literature. A poet striving for honour and glory had to excel in these genres, in which Homer and Vergil were considered to be the greatest models, with Dante, Camões, Milton and others as the respective national examples. These epic poems, odes, sonnets, and epistles differed from discursive texts – historiography, homilies, philosophical treatises, laws, or everyday speech etc. – in their use of language, namely in such deviations from everyday speech as verse, metre, rhyme, poetic diction with liberties in vocabulary (archaisms, for instance) and syntax (a freer order of words). Such poetic text-types with their ritualistic and magical elements corresponded to the world-view of pre-modern times. In a magical conception of language, the speaker is understood to act upon the world in a direct way. Speaking of the devil may make him appear. Ritualistic language usage – as in litanies – points to the fact that sometimes it is not so much the information that counts, but rather the way in which the message is conveyed. This is the original, and proper, province of literature, not only in text-types like charms that are expressly magical, but more generally in all forms of poetry with devices like alliteration and rhythm, metaphor and simile, invocation, burden etc. When more rational, critical conceptions of language superseded these older conceptions, poetry became the reserve of such ancient language usage. Imagery and all rhetorical and formal devices of more modern literary works of art became, as it were, the vanishing grade (“Schwundstufe”) of the former magical practices. As a consequence, poetry became the realm of speech where deviation from the norms of discursive speech is constitutive, and, again as a consequence, deviation from the norms of everyday and discursive usage of language became the decisive criterion of poetics. 2. The reference of language to reality and reader-expectation as the new criteria in defining fictional texts The situation changed with the rise of the novel to the position of literary key genre, if only slowly because at first the new genre had no aesthetic prestige. (This paper will confine itself to prose narratives, but a similar case could be made for drama.) The novel came along like everyday speech, without rhetorical ornamentation and it claimed to be the depiction of real events. An arbitrarily chosen passage taken out of context could not be recognised as poetic, and it was not meant to. The development from epic poem to prose novel is connected with the rise of the bourgeoisie to the position of the economically and, later, politically dominant social class. Concomitant with this political and social revolution was a change in values: from a heroic and aristocratic ideal of life to an unheroic and bourgeois lifestyle, from an emphasis on the public sphere to an emphasis on privacy, from a cyclical conception of time to a conception of time as linear and with an open future, from an oral culture to a civilisation based mainly on writing and reading, and, in this process, the conception of language and speech changed dramatically, roughly speaking: from poetry to prose. The rise of the natural sciences played an important role, too. The elimination of God and teleology from the understanding of nature in physics, geology, biology etc. was accompanied by a purification of the language of the natural sciences. Nature was no longer regarded as a book, the meaning of which had to be interpreted, but was taken as pure facticity without meaning. The importance of the subject of perception and cognition was, accordingly, reduced, first-person sentences were given up in favour of passive constructions, finite verb-forms given up in favour of nominal constructions; all of this stresses the results rather than the research. Furthermore, rhetorical devices like metaphors, irony, hyperbole etc. are avoided and literal expressions are favoured in order not to draw the reader’s attention to the writer and not to give a chance to a subjective colouring of data, argumentation and conclusions. (The fear is that in being forced to accept the language of a researcher, one is forced to accept ideas that make sense only in the idosyncratic mode of speaking of the writer.) Two other famous attempts to purify language of being affected by the object discussed is the introduction of distinctions between logical planes by Bertrand Russell and between semantic planes by Alfred Tarski; according to these distinctions, a statement may not refer at the same time to the facts of the case and to its own truth value. (An example is the ancient Liar Paradox, where a statement is made about a Cretan and, at the same time, about the truth value of the statement itself.) Thus, the language of science attempts, as much as possible, and in direct opposition to the language of poetry, to avoid the subjective colouring of results. It also, and more generally, denies any direct association with the objects discussed, because, if there were an iconic connexion between object and language, the definition of the object, the collection of data, the results of the argumentation would be influenced by the language used; language might even construe the problem which it then must clarify. (At this point, I will not discuss the question of whether this programme is fully possible.) The rise of the novel belongs to this context. If the language of poetry can be defined by deviation from the norm of everyday speech and discursive statements, then linguistic non-deviation from the norm is equivalent to non-poetry, and the novel, therefore, appears as a discursive text, particularly close to the genre of historiography. Whoever wanted to present a story as history had to forego deviations of language, style, and form. Thus, the modern (realistic) novel belongs to the great movement of disenchantment of the world in Western civilisation since the Renaissance. Defoe’s Robinson Crusoe, often called the first modern novel, presents itself as the unadorned autobiographical report of a castaway; Goethe’s epistolary novel, Die Leiden des jungen Werthers, presents itself as the authentic collection of letters between two lovers and their circle of friends. Single passages here and elsewhere in novels cannot be recognised as part of a work of art – with exceptions, it must be admitted: Fielding’s narrator in Tom Jones reveals himself as the creator and legislator of the world of his hero and, thus, reveals the novel as a novel; the grammar of Jane Austen’s passages of free indirect style is clearly not in the way of everyday speech. (The genre of the romance is a different matter: Gothic Novel, Science Fiction, Fantasy etc. are in another literary tradition than the novel.) As a consequence, the traditional characteristics lost their importance as the defining criteria of literary works of art. Verse, rhyme or dense imagery which had determined a text as a work of art, showed themselves as mere decoration, as externals. (The case is similar to that of discarding the ancient definition of fish as animals living in water, in favour of a less superficial definition where, for instance, whales and dolphins are grouped as mammals.) This meant that the relationship between text and reality became the decisive distinguishing mark between discursive texts and literary works of art, now called fictional texts. Broadly speaking, discursive texts refer to a reality existing or presupposed as existing independently of them; their function lies in the description, explanation, elucidation, and criticism of this reality. Fictional texts, in contrast to that, create the world which they seem to describe in the very act of description. And if explanations or argumentations appear in a novel – speech acts typical of discursive texts – then this argumentation is ‘only’ the representation of an argumentation, at least as long as the reader or hearer takes the fiction as fiction. This last remark reminds one of the role the recipient plays in the act of reading. Readers or hearers react differently to what they think is a discursive text than when they think it is a fictional text. When a theatre-goer begins to understand Iago’s treachery, he normally does not jump onto the stage to warn Othello. The appropriate mode of reception of a work of fiction is, in the famous words of S. T. Coleridge, “willing suspension of disbelief” (Biographia Literaria, Chapter XIV), in other words, the suspension of such critical questions as we normally pose, concerning a discursive text. Most importantly, we suspend our awareness that fictional worlds are worlds that exist only because their existence has been declared by the text, and this is, of course, a petitio principii. We accept the fictional world as it is presented to us, and it is only from there that we proceed with our critical questions. 3. Results and consequences Let us now review our results on a more abstract level. Lyric poetry and epic poetry are recognisable as different from discursive speech by their form, respectively by their deviation from the form of discursive speech. Their poetic character is a property of the works themselves, and thus the distinguishing mark is an ‘essential’ criterion, and the theory is ‘essentialist’. “Willing suspension of disbelief” is the appropriate mode of reception, but it is not a necessary element of the definition and is, therefore, normally neglected. In contrast, modern types of prose narrative – the novel, but other realistic subgenres, too, the short story, for instance – are not defined by their language, and their “literariness” or “poeticity” is not necessarily recognisable in the text itself. Its distinguishing mark is its fictional status, that is, its special relationship to reality. This criterion is ‘relational’ because it is a relation between objects, not a property of an object. The mode of reception, “willing suspension of disbelief”, is a constitutive element in the framework of this definition and, thus, appears for the first time as a problem. A mode of reception, however, is a ‘pragmatic’ category. Thus, there is a combination of two defining categories, one relational, the other pragmatic. Each alone is insufficient as a definition. If the pragmatic category alone sufficed, the definition of what a work of art is would be entirely a matter of subjective choice. This would clearly not be a useful definition. Most people, in fact, agree in most cases on whether a text is fictional or not. However, there are cases where one can disagree or where, in one context, one can take a text as fiction and, in another, as a report. Historical novels are obvious examples. The categorisation of a literary work of art as fiction is, thus, much more complex than the traditional categorisation as ‘poetry’, because two categories are involved. It is also more difficult, because relational and pragmatic categories are less definite than essential properties. But this is not all. Even when a work of art is defined by its fictionality, a certain share of essential properties remain: a great portion of dialogue, for instance, points to the fictionality of a text and is not expected in a work of astronomy or economics, and the same is true for interior monologue, irony of the narrator, structural symmetries etc. There seems to exist a certain affinity between fiction and certain forms of speech felt to be ‘poetical’. All in all, then, fictionality is a hybrid category: chiefly relational, but requiring, even promoting, a special way of reception, and with an affinity to certain forms of expression. (This also explains why the craftsman-like aspect of literature no longer plays an important role. Fictionality has nothing to do with aesthetic quality. ‘Ugly’ fiction is fiction, too, third-rate fiction is fiction, too.) Arranged in the form of two tables: I II This survey shows why it is so difficult to differentiate between fiction and discursive texts, between novel and historiography, ultimately between art and life. The distinguishing criteria are quite different, even heterogeneous, perhaps incommensurable.To take an example, a novel is different from a work of historiography in three ways, distinguished by three characteristics: (1) by the (relational) criterion of the relation of its language to reality, (2) by remains of the (essentialist) criterion of certain modes of expression, and (3) by the (pragmatic) criterion of certain modes of reception. A definition by three distinguishing marks as heterogeneous as these is a difficult matter. Apples and oranges are famously difficult to compare, but what about comparing apples and distances and main clauses? Is one of the above-mentioned criteria – essentialist, relational, pragmatic – more decisive than the others? What about Erasmus Darwin’s The Botanic Garden: is its literary form as epic poem more important than its non-fictional aspect as discursive text? What about Jonathan Swift’s Modest Proposal: is its non-fictional form as discursive text more important than its ‘poetical’ aspects (irony of the author, the author speaking through a persona)? I hope to have shown that there is no general answer to all possible cases. Each case is an individual case. One can use a cannon as a seat and a chair as a weapon. However, it still makes sense to speak of a cannon as a weapon and of a chair as a seat. Die Entwicklung des geschichtlichen Denkens Vorbemerkung In der etwa hundertjährigen Geschichte der Entdeckung der Geschichtlichkeit der Welt spielen England und Schottland in mancher Hinsicht eine Vorreiterrolle, beginnend mit dem kleinen Traktat des anglikanischen Bischofs Richard Hurd bis hin zu der epochemachenden Abstammungslehre von Charles Darwin, und so mag es angemessen sein, dass sich ein Anglist des großen Themas annimmt. 1. Vor der Entwicklung des historischen Bewusstseins Die Entdeckung, dass viele Dinge und Phänomene, die man bislang für unwandelbar gehalten hatte, tatsächlich der Veränderung unterliegen, geschichtlich geworden sind, hat natürlich mit der zunehmenden Beschleunigung aller Lebensvorgänge seit dem Beginn der Neuzeit zu tun. Früher, im Mittelalter, verliefen die Veränderungen so langsam, dass sie im Laufe eines Menschenlebens kaum bemerkbar waren, seien es Änderungen der Sprechweise, der Kleidungsvorschriften, der Regierungsformen, der Sitten, der Gefühle. So lag es nahe anzunehmen, die Welt sei unwandelbar. Auf den Morgen folgen Mittag, Abend und Nacht und dann wieder ein Morgen. Auf Ostern folgen Pfingsten und das Kirchenjahr, auf den Sommer folgen der Herbst und dann wieder ein neues Jahr. Auf Geburt folgen Taufe und Heirat, Alter und Tod, davor aber Geburt der Kinder, deren Taufe, Heirat usw.: alles Kreisläufe des ewig Gleichen. Dann, so um die Mitte des 18. Jahrhunderts, holte das Denken die Veränderungen der Wirklichkeit seit etwa 1500 ein. Damals wurde zum ersten Mal die Zeitlichkeit der Welt systematisch bedacht. Dass es bereits in der Antike eine blühende Geschichtsschreibung gab, spricht nicht gegen diese Behauptung. Mit Bewusstsein der Zeitlichkeit oder gar mit Geschichtsbewusstsein ist mehr gemeint als die Kenntnis der historischen Fakten, mehr auch als die Reflexion auf die Prinzipien der geschichtlichen Entwicklung, auf den Sinn der Geschichte. Vielmehr ist historisches Bewusstsein das Verständnis seiner selbst und der Welt, in der man lebt, als geschichtlich geworden. Die Begriffe Vergangenheit und Gegenwart werden dabei zu Komplementärbegriffen. Geschichte gilt einerseits nicht mehr naiv als zurückliegende Gegenwart, aber auch andererseits nicht mehr antiquarisch als von der Gegenwart wie durch einen Abgrund getrennt; vielmehr gilt Geschichte als Spannungsverhältnis zwischen Gegenwart und Vergangenheit, wobei die Vergangenheit vor allem wegen ihres Bezugs zur Gegenwart interessiert und die Gegenwart nicht zuletzt in ihrem Bezug zur Vergangenheit verständlich erscheint. Wenn, so sagt Hans-Georg Gadamer in seinem Buch Wahrheit und Methode, etwa Herodot oder Plutarch das Auf und Ab der menschlichen Geschichte durchaus zu beschreiben wussten, dann doch, ohne auf die Geschichte der eigenen Gegenwart und die Geschichtlichkeit des menschlichen Daseins schlechthin zu reflektieren.1 Diese naive Distanzlosigkeit gegenüber der Geschichte zeigt sich am sinnfälligsten vielleicht in Gemälden des Mittelalters und der Renaissance. Ein Beispiel ist etwa die Miniatur „Die Anbetung der Heiligen Drei Könige“ der Brüder Limburg aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry (geschaffen von 1413 bis 1416).2 Die Kunsthistoriker heben durchaus hervor, wie sorgfältig die Brüder Limburg exotisches Kolorit anbrachten, wie ihre Malerei die durch die Kreuzzüge erweiterten Kenntnisse ethnischer und kultureller Verschiedenheit an den Tag legt.3 Und doch ist Melchior, der des Jesuskindes Füße küsst, wie der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos gekleidet; die Gefolgsleute der drei Könige tragen Turbane, als seien sie bereits Muslime; die Frauen hinter Maria gleichen hochmittelalterlichen Zofen; und über dem Geschehen des Jahres Eins erhebt sich die Silhouette des gotischen Bourges, der Hauptstadt des Berry, mit der Grosse Tour, der mächtigen Kathedrale und der Turmspitze der Sainte Chapelle. Aber – um in die Literatur und in eine spätere Zeit zu wechseln – noch die Anachronismen William Shakespeares sind berühmt. Da gibt es Hinweise auf Aristoteles in Troilus and Cressida, das doch zur Zeit des Trojanischen Krieges spielt; in Coriolanus, angesiedelt im alten Rom, wird auf die Rosenkriege und auf Brillen angespielt; und in anderen Stücken gibt es im antiken Rom und Ephesus sowie in Altbritannien läutende Glocken, die doch eine Erfindung des 14. Jahrhunderts sind. Selbstverständlich ist das für die Kunst Shakespeares gleichgültig, ja bei genauerem Durchdenken der Sache ist der Anachronismus-Vorwurf sogar geradezu abgründig: man bedenke bloß, dass der wichtigste, weil ganze Werke durchwirkende Anachronismus bei Shakespeare der Gebrauch der frühneuenglischen Sprache durch alte Griechen, Römer und Ägypter ist … Und auch das Wort von der naiven Distanzlosigkeit der Brüder Limburg gegenüber der Vergangenheit ist nicht als Vorwurf oder gar als ästhetische Kritik gemeint. Ein solcher Vorwurf wäre seinerseits wieder unhistorisch, denn die anachronistische Darstellung der Geburt des Heilands kann interpretiert werden als Zeichen von deren Singularität und Geschichtsenthobenheit. Ist der Anachronismus-Vorwurf letztlich ästhetisch töricht, so ist jedoch interessant, dass er – mitsamt dem Begriff Anachronismus selbst – charakteristischerweise zur Zeit der verschiedenen europäischen Neo-Klassiken bzw. Klassizismen entsteht. In dieser Kulturepoche wird die früher weithin herrschende Distanzlosigkeit gegenüber der Vergangenheit abgelöst durch eine Verabsolutierung der Gesetze und Regeln der Vergangenheit, sprich der antiken Kultur. Vor allem im Bereich der Literatur werden Homer und Vergil, Pindar und Horaz, Sophokles und Seneca zur Norm. Will man die naive Distanzlosigkeit des europäischen Mittelalters und der englischen Renaissance im Umgang mit der Geschichte mit großen Worten belegen, so könnte man von falscher „Aktualisierung“ und von „Präsentismus“ sprechen; im Fall der gelehrten oder kleinmütigen Verabsolutierung der Antike in der Klassizistik müsste man von „antiquarischem Akademismus“ reden. Beide Richtungen werden der Dialektik von Geschichte und Gegenwart nicht gerecht. Die Herausbildung des Verständnisses dieser Dialektik soll nun im folgenden nachgezeichnet werden, notwendigerweise in Auswahl4 und in aller Kürze. Es gibt jedoch Wissenschaftstheoretiker, die diesen Prozess die tiefgreifendste Umwandlung im menschlichen Denken überhaupt nennen.5 2. Richard Hurd und die Historisierung des ästhetischen Geschmacks Das Prinzip des historischen Denkens wurde anhand von Kunstwerken entdeckt, und die Entdeckung verbreitete sich von dort aus in den gesamten Bereich der Geisteswissenschaften, schließlich auch in wichtige Bereiche der Naturwissenschaften hinein. Wir Deutschen sind geneigt, die Entdeckung Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) zuzuschreiben, und wenn der Vorgang symbolisch auf einen Moment zusammengezogen werden sollte, dann würden wir wahrscheinlich Goethes Begeisterung für das Straßburger Münster 1770 nennen, als er, in den Worten Friedrich Meineckes, „das Eigengesetz und den Eigenwert der Gotik entdeckt hat.“6 Tatsächlich jedoch war es ein Engländer, der in einer bei uns fast unbekannten Schrift zehn Jahre zuvor zum ersten Mal die Kunstwerke der Gotik und des Mittelalters aus sich heraus zu begreifen unternahm und damit die historische Perspektive in die Literaturwissenschaft und in die Wissenschaften allgemein einführte: Bischof Richard Hurd (1720-1808) in seinen Letters of Chivalry and Romance (1762), einem Traktat in Form von zwölf Briefen an einen nicht näher bezeichneten Freund.7 – Hurd setzt ein mit der Frage, ob die (von der Aufklärung inaugurierte bzw. geförderte) abschätzige Bewertung des „gotischen“ Mittelalters gerechtfertigt sei. (Allein aus dem – sachlich ja ganz unzutreffenden – Wort gotisch geht schon hervor, dass man sich diese Zeiten barbarisch und unzivilisiert vorstellte.) Wenn man nämlich genauer hinschaue, so Hurd, dann erkenne man auch in diesen auf den ersten Blick so fremden Kulturleistungen Sinn und Zusammenhang. So lässt sich nach Hurd das zunächst tatsächlich fremd anmutende Ritterwesen mit seinen seltsamen Turnieren vor dem Hintergrund der damaligen Feudalordnung sehr wohl verstehen. In derselben Weise der Ableitung des kulturellen Überbaus von der materiellen Basis erklärt er im weiteren das, was wir das ‚ritterliche Tugendsystem‘ nennen würden: den Kreuzzugsgedanken und die höfische Liebe vor allem. Sodann vergleicht Hurd die Taten der fahrenden Ritter mit denen der Helden Homers, angesichts der Wertschätzung des antiken Griechenlands ein brisanter und herausfordernder Gedanke, der das Mittelalter in den Augen seiner aufgeklärten Zeitgenossen gewissermaßen salonfähig machen sollte. Wenn man, so argumentiert der Bischof, über die Riesen und Drachen der mittelalterlichen Literatur hochmütig lächelt, warum dann nicht auch über Homers Götter und Halbgötter? Und wo wirklich Unterschiede zwischen den antiken Heroen und den mittelalterlichen Rittern bestehen, wie zum Beispiel in der Religion und im Kampfverhalten, da erklärt Hurd diese Differenzen mit den unterschiedlichen sozio-politischen Bedingungen der beiden Zeitalter. Dann folgt eine Erörterung von Dichtern wie Homer, Shakespeare, Ariost, Tasso, Spenser und Milton, wobei Hurd auch hier versucht, diese von einem „aufgeklärten“ klassizistischen Standpunkt aus gering geachteten Dichter als große Künstler aufzuwerten; ja, er geht sogar noch weiter und legt dar, dass gotisch geradezu ein Synonym für poetisch ist und dass die genannten Autoren in einem höheren Sinn poetisch sind als die kanonischen Autoren des klassizistischen Geschmacks. Um zusammenzufassen: Alles, was existiert, hat Eigenwert und darf unsere volle Aufmerksamkeit verlangen; dabei bilden die materiellen Bedingungen, aus denen eine Sache entstand, die Grundlage der Deutung; die Kunstwerke der früheren Zeiten, hier speziell des Mittelalters und der Renaissance, folgen eigenen Gesetzen und dürfen nicht mit fremder Elle, sondern müssen mit ihrem eigenen Maßstab gemessen werden; und: es gibt keine allgemein verbindlichen „klassischen“ Maßstäbe. Natürlich war diese Sicht nicht völlig neu. „Wir wissen“, schreibt Arnold Hauser, daß die Aufklärung nicht nur Historiker wie Montesquieu, Hume, Gibbon, Vico, Winckelmann und Herder aufwies und im Gegensatz zur offenbarungsmäßigen Erklärung der Kulturwerte ihren historischen Ursprung betonte, sondern dass sie auch schon eine Ahnung von der Relativität dieser Werte hatte.8 Und dennoch, so fährt Hauser fort, sei das 18. Jahrhundert unhistorisch gewesen, weil es die Natur der historischen Entwicklung verkannte und sie als eine gradlinige Kontinuität auffasste. Die Idee, dass die Natur des menschlichen Geistes, der politischen Institutionen, des Rechts, der Sprache, der Religion und der Kunst nur aus ihrer Geschichte verständlich sei, und dass das geschichtliche Leben die Sphäre darstelle, in der diese Gebilde am unmittelbarsten, reinsten, wesenhaftesten in Erscheinung treten, wäre vor der Romantik einfach undenkbar gewesen.9 Dann freilich setzt die Entwicklung mit Macht ein und erfasst in kurzer Zeit die ganze schöne Literatur, die Literaturwissenschaft und – natürlich – die Historiographie. Und wieder ist es England, das zumeist die ersten Schritte tut, wenn die Höhepunkte später auch überwiegend in Deutschland gesetzt werden. Die Literaturgeschichtsschreibung etwa beginnt mit der epochemachenden History of English Poetry (1774-81) von Thomas Warton (1728-90). Und in der Literatur selbst erlangte beispielsweise die noch junge und umstrittene Gattung des Romans Weltgeltung durch die „historischen Romane“ von Walter Scott (1771-1832). Angeregt durch die sich rapide vermehrenden antiquarischen und historiographischen Studien im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts und durch eine Vielzahl erster tastender Versuche solcher historischer Romane ab etwa 1790 schuf Scott mit Waverley (1812) das Muster der neuen Gattung.10 Hier wurde zum ersten Mal erfolgreich versucht, in einer neuen Gattung zwischen Roman und Geschichtsschreibung die Dialektik von Vergangenheit und Gegenwart darzustellen, die Vergangenheit in Bezug auf die Gegenwart zu deuten. 3. Jean-Jacques Rousseau und die Entdeckung der Entwicklung des Menschen aus dem Kind Gleichzeitig mit der Entdeckung der Geschichtlichkeit des ästhetischen Geschmacks, der Kunstwerke und im besonderen der Literatur wurde die „Geschichtlichkeit“ des menschlichen Lebens entdeckt, insofern als die Eigengesetzlichkeit der einzelnen Altersstufen, vor allem der Kindheit und des Jugendalters, entdeckt wurde, eine Entdeckung, die gleichbedeutend war mit der Etablierung der neuzeitlichen Pädagogik und die den Weg ebnete für die Psychologie, speziell für die Seelen-„Archäologie“, die spätere Psycho-Analyse. Die epochemachende Schrift ist Jean-Jacques Rousseaus (1712-78) Emile ou de l’éducation von 1762,11 erschienen also im selben Jahr wie Hurds Letters. Dieser pädagogische Roman ist die Übertragung des Entwicklungsgedankens im ganz wörtlichen Sinn von evolutio auf den Menschen (genauer: auf das Kind und den Heranwachsenden): Rousseaus Erziehungsmethode lässt das im Kind vorhandene „natürliche“ Potential sich „auswickeln“. Rousseau nennt diese Methode „éducation négative“ (im Zweiten Buch des Emile) und meint damit eine Erziehung, die störende zivilisatorische Einflüsse fernhält, damit der Keim wachsen kann, wie es seiner Natur entspricht. Im Grunde also wird Emile nicht erzogen, sondern wächst nach seinem Gesetz. Im Suchen nach den echten Bedürfnissen fand Rousseau, dass sich das System der Bedürfnisse im Ablauf des natürlichen Wachstums verändere: das Kind habe andere als der Knabe, der Knabe andere als der Jüngling und dieser andere als der Mann. Jede Stufe aber müsse nach ihrem Eigengesetz leben und sich entfalten, weil sonst die nächstfolgende sich nicht naturgemäß richtig werde entfalten können.12 Parallel also zur Entdeckung der Eigenart und des Eigenwertes des Mittelalters gegenüber der antiken Klassik durch Hurd entdeckt Rousseau Eigenart und Eigenwert des Kindesalters gegenüber der – sozusagen „klassischen“ – Erwachsenenwelt und historisiert damit das menschliche Leben. In den Worten von Rudolf Lasshahn: Erst die Kontinuität der eigenen Erfahrungen, das Bewußtsein von eigenen Erlebnissen, die Einbeziehung dessen, was man einmal war, auch die Kontinuität mit den Handlungen in zurückliegenden Jahren konstituiert das Selbst.13 Parallel zum Anachronismus bei Shakespeare und den Brüdern Limburg verstand man vor Rousseau und den zeitgenössischen Pädagogen Kinder als kleine Erwachsene, deren Kleidung beispielsweise auf zahllosen Illustrationen wie die Kleidung der Erwachsenen aussieht, nur eben kleiner. Die entgegengesetzte Entwicklung ist mit Freud erreicht, bei dem das Kind sozusagen der Vater des Menschen ist – um eine Formulierung aus William Wordsworths „Immortality Ode“ aufzugreifen –, wenn auch vor allem seiner Neurosen und Pathologien. 4. Das Alter des Kosmos und der Erde (James Usher, Georges Buffon, Immanuel Kant und Charles Lyell) Natürlich begannen Kosmologie und Geologie nicht erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts. So eindrucksvoll aber die Arbeit der früheren Wissenschaftler und Philosophen auch ist:14 Die Bestimmung des Alters der Welt und des zeitlichen Ablaufs der erdgeschichtlichen Formationsfolgen blieb so lange unmöglich, wie man im Prokrustesbett der von der Bibel gesetzten Zeitspanne verblieb. Das waren ungefähr 6000 Jahre.15 Den Höhepunkt der Berechnung aufgrund der Angaben im Alten Testament stellt James Usher (1580-1656) dar, anglikanischer Erzbischof in Irland; er schrieb in den Annals of the World (1658): die Schöpfung fell upon the entrance of the night preceding the twenty third day of Octob. in the year of the Julian Calendar, 710,16 also auf 6 Uhr abends am 22.10.4004 v. Chr. Das änderte sich um dieselbe Zeit, in der Hurd, Rousseau und die anderen bereits genannten Autoren schrieben. Georges Buffon (1707-88) setzte 1749 in seiner Théorie de la Terre das Alter der Erde erstmals dramatisch höher an. Die von ihm öffentlich genannte Zahl von 70.000 Jahren war allerdings immer noch geleitet von religiöser Rücksichtnahme; privat gab Buffon zu, dass auch diese Zahl noch viel zu niedrig angesetzt sei. Endlich, bereits im 19. Jahrhundert, gelangte die Geologie zu Vorstellungen, wie wir sie heute von der Erdgeschichte haben. Der Name, der hier in erster Linie genannt werden muss, ist Charles Lyell (1797-1875), Schotte und mit mehreren Büchern um die Mitte des 19. Jahrhunderts Begründer der modernen Geologie. Er revolutionierte die Ideen über das Alter der Erde, indem er die alten Katastrophen-Szenarien (Neptunismus oder Vulkanismus) ersetzte durch die Vorstellung eines allmählichen Entwicklungsprozesses,17 übrigens zum Teil bereits beeinflusst von Darwins Origin of Species. Parallel verlief die Entwicklung der Kosmologie. Der erste, der Zeitspannen in Betracht zog, die der Wirklichkeit nahekamen, war Immanuel Kant (1724-1804). In seiner Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels … (1755) beschrieb er die gesamte Naturordnung nicht als etwas zur Zeit der Schöpfung Vollendetes, sondern als etwas, das noch immer im Entstehen begriffen sei. Diese allmähliche Bildung der Ordnung aus dem Chaos brauchte ganz offensichtlich bisher unvorstellbare Zeiträume, und Kant spricht denn auch von Hunderten von Millionen Jahren. Allerdings blieb seine Schrift bis ins 19. Jahrhundert fast unbeachtet, und vieles war tatsächlich eher Spekulation als gesicherte Erkenntnis und gehört insofern zur Vorgeschichte der wissenschaftlichen Kosmologie. Gleichwohl ist Kants Buch von erstaunlicher Kühnheit und prophetischer Weitsicht. Er erkannte, dass viele bisher als Sterne oder Nebel angesehene Objekte am nächtlichen Himmel vielleicht keine Sterne innerhalb der gerade erst18 als Galaxie erkannten Milchstraße sind, sondern selbst Galaxien, nur sehr weit entfernt. 5. Die Entdeckung der Geschichtlichkeit der Sprachen (Friedrich Schlegel, Franz Bopp, Jacob Grimm) Die Sprachwissenschaft ist eine weitere Disziplin, die in dem Zeitraum zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts die Geschichtlichkeit ihres Gegenstands erkannte, nämlich die der menschlichen Sprache, die vorher als unwandelbar gegolten hatte. (Man erinnere sich an die verschiedenen Experimente um herauszufinden, welche Sprache Adam und Eva im Paradies gesprochen hatten, und dabei ging man selbstverständlich davon aus, dass das eine bekannte Sprache sein müsse, vielleicht Hebräisch.) Genauer betrachtet lassen sich bei der Entwicklung der Sprachwissenschaft zwei große Richtungen unterscheiden, die damals entstanden: eine mehr sprachphilosophische, die zur allgemeinen Sprachwissenschaft führt und die uns hier nicht interessiert, sowie eine sprachhistorische, die zu den Einzeldisziplinen Germanistik, Romanistik usw. führt.19 Diese eigentliche Sprachwissenschaft – die erste institutionalisierte Sprachwissenschaft im modernen Sinn der Wortes Wissenschaft überhaupt – ist diachronisch ausgerichtet. Nach einigen Anfängen im 18. Jahrhundert20 beginnt diese vergleichende und historische Sprachwissenschaft mit Friedrich Schlegel (1772-1829), Franz Bopp (1791-1867) sowie Jacob Grimm (1785-1863) und ihren berühmten einschlägigen Werken aus den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts.21 Das Ziel dieser Sprachwissenschaft ist die Erforschung genetischer Sprachverwandtschaften. Den Sprachwissenschaftlern fiel auf, wie ähnlich sich die grundlegenden Wörter in bestimmten Sprachen sind: beispielsweise drei oder ist oder Bruder. Noch wichtiger sind jedoch die Übereinstimmungen der grammatischen Strukturen. Als Ergebnis zahlreicher Detailstudien wurde deutlich, dass die meisten zwischen Island und Indien gesprochenen Sprachen „verwandt“ sind, zu einer großen „Sprachfamilie“ gehören. Diese Sprachengruppe nannte man Indogermanisch oder Indoeuropäisch. Ihre Verwandtschaft ergibt sich aus der weitgehenden Übereinstimmung in der gesamten formalen Struktur, d.h. in der Flexion der Nomina und Verba, in der Wortbildung, im Wortschatz, im Lautstand und in der Syntax. Da die Ähnlichkeiten der Sprachen immer größer werden, je weiter man im Vergleich zurückgeht, nahm man an, dass es eine gemeinsame Ursprache gegeben habe, das Urindogermanische. Heute nimmt man an, dass die Indogermanen ursprünglich in Mitteleuropa oder in Osteuropa lokalisiert waren und sich im 4. Jahrtausend von dort ausbreiteten. Nun sind die Ausdrücke verwandt und Sprachfamilie allerdings nur metaphorisch zu verstehen, denn natürlich kann eine Sprache nicht eigentlich von einer anderen „abstammen“, da sie ja nichts Konkretes und unabhängig von den Sprechenden Bestehendes ist. „Verwandte Sprachen sind in Wirklichkeit ein und dieselbe Sprache, die im Laufe der Zeiten im Munde der Sprechenden vielfach verändert wurde.“22 Im Grunde also erkannte man, dass Sprachen sich verändern, historische Gebilde sind, auch wenn sich bei weiteren Forschungen zeigte, dass die Entwicklung komplizierter verlief als man zuerst glaubte. 6. Die Entdeckung gesellschaftlichen Wandels: Die Historiographie Der eine oder andere wird sich vielleicht gefragt haben, wo denn die Geschichtsschreibung selbst bleibt, die historische Disziplin par excellence, hier verstanden als die Wissenschaft von der Geschichte der menschlichen Gesellschaft (eingeschlossen Politik, Krieg, Kultur). Tatsächlich begann die Entdeckung der Geschichtlichkeit der Welt nicht auf dem Felde der menschlichen Gesellschaft. Bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts hinein war man sich weitgehend nicht klar, „welch tiefe Spuren die Zeit im menschlichen Leben und Wirken hinterlassen hatte.“23 Vor allem aber entnahmen frühere Geschichtstheorien – etwa die christliche Auffassung von der Heilsgeschichte – ihre Kategorien zum Verständnis der Zeitläufe nicht diesen selbst. Geschichte ist aber nicht verständlich aus dem Studium der Bibel, sondern nur aus ihr selbst: und diese reflexive Formulierung ist beabsichtigt, denn, wie die Doppeldeutigkeit des Wortes Geschichte anzeigt, ist Geschichte sowohl Geschehen wie auch Beschreibung (und damit Verstehen) des Geschehens. Als Vorläufer einer solchen von historischem Bewusstsein getragenen Geschichtsphilosophie ist Giambattista Vico (1668-1744) zu nennen. Und dann muss Herder mit seinen vier Bänden Ideen zur Philospohie der Geschichte der Menschheit (1784-91) erwähnt werden; hier wird zum ersten Mal versucht, Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte zusammen zu sehen, womit eine Tradition begründet wird, die dann von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), Auguste Comte (1798-1857) und Karl Marx (1818-83) fortgeführt wurde. Ihre Sicht der Geschichte war jedoch noch weitgehend theologisch: säkularisierter Rest der christlichen Idee der Heilsgeschichte. Erst die moderne „bürgerliche“ Geschichtswissenschaft seit Leopold von Ranke (1795-1886) und seiner Geschichte der germanischen und romanischen Völker von 1494 bis 1535 (1824) glaubt nicht länger, den Gang der Geschichte, ihre Richtung zu kennen, und schreibt Geschichte nicht mehr im Sinne eines solchen Vor-Urteils (wenn auch Ranke als konservativ eingestellter Katholik glaubte, dass es in Gott einen Sinn gebe, nur eben uns unerkennbar.) 7. Die Einführung der Zeit in die Physik: Die Thermodynamik Auf diese Art war um die Mitte des 19. Jahrhunderts geschichtliches Denken in viele Wissenschaften eingedrungen. Eine große Ausnahme jedoch gab es und zwar diejenige Wissenschaft, die die fortgeschrittenste war und das Modell für Wissenschaftlichkeit abgab: die Physik. Und es ist auch schwer einzusehen, wie die Wissenschaft von den beobachtbaren Naturvorgängen und ihren Gesetzmäßigkeiten historisiert sollte werden können, läuft doch der Begriff der Gesetzmäßigkeit auf zeitlose Gültigkeit hinaus. Zwar hat sich auch in der Physik vieles, das einst als unwandelbar galt – etwa das Molekül –, als der Veränderung unterworfen herausgestellt, aber der Kernbereich – die Naturgesetze – eben nicht. Ihre bis dahin höchste Ausprägung hatte die Physik in der klassischen Mechanik von Isaac Newton (1643-1727) gefunden, dem System der Naturbeschreibung auf der Basis der Gravitationskräfte. Nach dieser Auffassung ist die Welt eine Maschine, und daher spricht man von „mechanistischem“ Denken. Die Zukunft ist durch die Gegenwart bzw. jeden beliebigen Moment der Vergangenheit determiniert. Die klassische Mechanik ist zwar nicht „statisch“, denn sie untersucht ja nicht zuletzt die Bewegungen von Körpern unter dem Einfluss von Gravitationskräften, aber in dieser sogenannten klassischen „Dynamik“ ist die Zeit lediglich ein geometrischer Parameter. Vergangenheit und Zukunft spielen ein und dieselbe Rolle. Insofern kennt dieses Weltbild keine qualitativen und keine unvorhersehbaren Veränderungen, kein echtes ,Werdenʻ. Das änderte sich mit der Formulierung des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, der den Begriff der Evolution in die Physik einführte.24 Dieser Zweite Hauptsatz wurde 1850 von Rudolf Clausius (1822-88) aufgestellt. Die Fassung, die für die Zwecke dieser Argumentation am besten geeignet ist, besagt, dass Wärme von selbst nur von höherer zu niederer Temperatur übergeht. Man kann den Zweiten Hauptsatz auch den Satz von der Vermehrung der Entropie nennen; er besagt dann, „daß bei einem in einem abgeschlossenen System ablaufenden natürlichen (irreversiblen) Prozeß Zustände wachsender Wahrscheinlichkeit durchlaufen werden, bis der Prozeß schließlich im Gleichgewicht, dem Zustand maximaler Wahrscheinlichkeit, endet.“25 Das bedeutet, dass einige Gesetze der Thermodynamik nicht symmetrisch gegenüber Zeitumkehr sind. Zukunft und Vergangenheit spielen verschiedene Rollen. Das Naturgeschehen hat einen Zeitsinn. Bringt man beispielsweise zwei Körper mit verschiedenen Temperaturen in enge Berührung, so stellt sich nach einer bestimmten Zeit ein thermisches Gleichgewicht her; das Umgekehrte hat man noch nie beobachtet. Wenn eine Porzellantasse auf den Küchenboden fällt, zerbricht sie – jedenfalls meistens; das Umgekehrte, dass sich nämlich ein Scherbenhaufen spontan zu einer Tasse zusammenfügt, hat man noch nie beobachtet. Man spricht hier von „irreversiblen Prozessen“, und der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik drückt die Tatsache aus, dass irreversible Prozesse eine Richtung der Zeit einführen. Und ohne die Richtung der Zeit einzuführen, kann man keine Prozesse, die eine Entwicklung einschließen, auf nicht-triviale Weise beschreiben. Damit erhalten die Phänomene der unbelebten Natur eine geschichtliche Dimension, erhält der Begriff der Entwicklung einen Sinn auch in der Welt von Masse und Energie. 8. Der Weg zu Darwins Abstammungslehre (Carl von Linné, Johann Wolfgang von Goethe, Erasmus Darwin, Jean-Baptiste de Lamarck, Charles Darwin) Ansätze zu einem geschichtlichen Denken in der Biologie gibt es seit alters her, aber stets nur als unsystematische Ahnungen. Normalerweise ging man von der Konstanz der Arten aus, und dieses statische Denken in der Biologie feierte im Zeitalter der Aufklärung gerade noch einmal einen großen Triumph, und zwar im Werk Carl von Linnés (1707-78),26 dem wir das System der Benennung der Pflanzen und Tiere und überhaupt die Systematisierung der Vielfalt der Lebewesen verdanken, eine Taxonomie, die von der Unveränderlichkeit der Arten ausgeht.27 Dann aber setzte sich immer unabweisbarer der Gedanke durch, dass auch die Lebewesen geschichtlich geworden sind, wie der Kosmos und die Erde. Goethes Idee der „Ur-Pflanze“28 gehört hierhin, betrifft allerdings eher die Veränderungen beim Wachstum der einzelnen Pflanzenart, ähnlich wie Rousseaus Denken die Entwicklung des einzelnen Menschen vom Säugling über das Kind zum Erwachsenen. Auch Erasmus Darwins (1731-1802) Zoonomia or the Laws of Organic Life (1794-96) ist zu erwähnen,29 worin bereits vieles angedeutet ist, was der berühmte Enkel dann, auf breite Datenbasis gestützt, zu einer systematischen Theorie ausführen sollte. Der erste, der eine echte – wenn auch falsche – Evolutionstheorie aufstellte, war Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829). Seine Philosophie zoologique von 1809 – zu ihrer Zeit übrigens fast gänzlich ignoriert – leitet die Historisierung der Natur ein.30 Lamarcks Evolutionstheorie ist jedoch keine Deszendenztheorie;31 vielmehr findet nach Lamarck die spontane Urzeugung von Leben aus unbelebter Materie immer wieder statt, und diejenigen Arten, deren Urzeugung am längsten zurückliegt, entfalten sich zu den höchsten Individuen. In dieser Sicht ist der Mensch die älteste Spezies; die Würmer etwa gehören zu den jüngsten Arten, was man daran erkennt, dass sie noch nicht Zeit genug hatten, sich weiterzuentwickeln! Eine echte Deszendenztheorie – und damit die Vollendung der Historisierung der belebten Natur – ist dann die Evolutionstheorie von Charles Darwin (1809-1882), vorgelegt in dem Werk On the Origin of Species by Means of Natural Selection …, 1859 publiziert, aber schon seit 1837 in den Grundgedanken konzipiert.32 Mit dieser Deszendenztheorie, die hier nicht vorgestellt zu werden braucht, ist die Biologie – auch – eine historische Wissenschaft. Mit Darwins Evolutionstheorie ist der Höhepunkt der Historisierung der Welt und ihrer Phänomene zwischen circa 1760 und 1860 erreicht – Höhepunkt insofern, als diese Theorie von allen Historisierungen die größten Auswirkungen auf das Weltbild der Menschen hatte. Deswegen kam sie ja auch relativ spät: sie steht dem Wortlaut der Heiligen Schrift entgegen; sie machte die Annahme eines Schöpfergottes unnötig oder verschob den Schöpfungsakt mindestens in den fast unendlich weit entfernten Moment des Urknalls; mit anderen Worten: Sie eliminiert die Teleologie aus den Naturwissenschaften, also die These, dass alles auf ein Ziel hin – von Gott – eingerichtet sei; und sie nimmt dem Menschen seine besondere Stellung im Reich des Lebendigen. So nannte Sigmund Freud Darwins Abstammungslehre eine der großen „Kränkungen“ des Menschen durch wissenschaftliche Erkenntnis in den Jahrhunderten seit Beginn der Neuzeit: Er ist nur mehr ein hochentwickeltes Tier.33 Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/rolf-breuer-22284615/analytisch-orientierte-literaturwissenschaft/) на ЛитРес. 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