Heimkehr ins Unbekannte Lina Meruane "Im Kopf werfe ich eine Münze: Falls mich eine Einladung nach Europa führt, werde ich die Reise auf eigene Faust gen Osten ausdehnen." Die Einladung kam, und die in New York lebende Chilenin Lina Meruane fuhr erstmals in die Heimat ihrer palästi­nen­sischen Großeltern, ins ­heutige Israel. Der Bericht über die Reisen in die eigene Vergangenheit ist ein gedankensprühender Kommentar zu einem zu­nehmend weltbewegenden Problem: Warum wird es immer komplizierter, die Fragen «Wo kommst du her? Wer bist du?» eindeutig zu beantworten? Ein Buch darüber, wer man zu sein glaubt, und welche politisch wirksamen Täuschungen damit verbunden sind. Lina Meruane Heimkehr ins Unbekannte Unterwegs nach Palästina Aus dem Spanischen von Susanne Lange Teil 1Rückverwandlung (#u29149618-f0bd-594f-acde-688a667d18b8) I. Der Verfall der Dinge (#u391440e4-10dd-4a57-8c4f-fbd8153d48a4) II. Ruf nach Palästina (#uddefad5f-f95d-434f-b817-841e3b3da112) III. Palästina in Fetzen (#uf4b6c373-bc6c-4992-bf41-7c17f48bf38d) Teil 2Gesichter in meinem Gesicht (#u13ca4912-d24e-548b-99b2-c7e0a42f88d3) I. Verkehrte Gesichter (#ubb9a82b3-8793-414b-964c-fd6c168b0fb7) II. Wir, die Deutschen (#ua91d0f3e-63d9-4880-9c76-c1b7134afd17) III. Where Are You From-From? (#uf910598b-1bb3-4630-97a8-4d1e4b76703a) IV. Totenmaske (#u47588e71-03d4-4f9f-9dbf-dd502f2d1d95) V. Eindeutige Beweise (#ue02bb7f9-5ede-4b7a-abbd-298272645576) VI. Gesichtsgeröll (#u557765b0-838f-4812-baf4-4ca5d4e9e387) Teil 1 Für meinen Vater, der sich weigert, zurückzukehren Für meine Freunde A und Z, die sich weigern, wegzugehen Das Schicksal der Palästinenser ist es gewissermaßen, nicht dort zu enden, wo sie hergekommen sind, sondern an einem unerwarteten Ort, weit weg. Edward Said I. Der Verfall der Dinge geliehene rückkünfte Zurückkehren. Immer wieder überfällt mich dieses Wort, wenn ich das Ziel Palästina erwäge. Eine Rückkehr, sage ich mir, wäre es nicht, höchstens der Besuch eines Landes, in dem ich nie gewesen bin, von dem ich kein eigenes Bild habe. Das Palästinensische war für mich immer nur Hintergrundgeräusch, eine Geschichte, mit der man eine gemeinsame Herkunft vor dem Aussterben bewahren will. Es wäre nicht meine Rückkunft. Es wäre eine geliehene, ein Zurückkehren anstelle eines anderen. Meines Großvaters. Meines Vaters. Aber mein Vater will keinen Fuß in die okkupierten Gebiete setzen. Er hatte sich der Grenze nur genähert. Hatte einmal von Kairo aus seine schon alten Augen ostwärts gewandt und sie für einen Moment auf dem fernen Punkt ruhen lassen, wo Palästina liegen musste. Wind wehte, filmreif erhob sich Sand, während Touristen mit ihren Turnschuhen, Bermudas und Rucksäcken an ihm vorbeizogen, gewürgt von ihren japanischen Kameras, in den schweißnassen Händen Plastiktüten mit Einkäufen. Touristen, umringt von Führern und Dolmetschern, denen sie keine Beachtung schenkten. Mein Vater reckte den Kopf über sie hinweg. Schickte den Blick zu diesem Stückchen Palästina, das am Rand von Ägypten klebte und sich fern anfühlte, fern von dem Bild, das er von Beit Jala hatte. Das hier war der ummauerte Gazastreifen, umkämpft, muslimisch, fremd. Einmal war mein Vater auch an der jordanischen Grenze gewesen; sein Blick umfasste die Wüste, durch die die Grenze verlief. Er hätte sich nur dem Übergang nähern müssen, aber seine großen Füße versanken im Treibsand der Unschlüssigkeit. Meine Mutter sah in seinem Zweifeln eine Chance, sie deutete mit ihrem kleinen, steif gereckten Zeigefinger in die Ferne, auf das weite Tal des Jordan, der dem Berg Nebo entspringt, auf all dies spärliche Wasser, das dem Christentum nach heilig sein soll, und bestand darauf, ins Westjordanland hinüberzugehen. Wir müssen dorthin, drängte sie, als wäre sie die Palästinenserin. Ein Bedürfnis, das meine Mutter nach all den gemeinsamen Jahren entwickelt hatte, eine weitere Stimme in diesem lauten Clan. Aber mein Vater machte kehrt und ging in die entgegengesetzte Richtung. Er würde sich nicht den willkürlichen Wartezeiten aussetzen, der peinlich genauen Durchsuchung seines Koffers, dem schikanösen Verhör an der israelischen Grenze und all den Kontrollpunkten. Er wollte nicht voll Argwohn behandelt, Fremder in einem Land genannt werden, das er als das seine betrachtet, denn dort steht noch immer sein Elternhaus. Drüben, auf der anderen Seite, befindet sich dieses Erbe, das niemand je in Besitz genommen hat. Vielleicht schreckt ihn der Gedanke, davorzustehen und keinen Schlüssel zu haben, an die Tür dieses Hauses zu klopfen, das leer ist von allem Eigenen und voll von Unbekannten. Bestimmt schreckt es ihn, durch Straßen zu gehen, die unter anderen Umständen sein Spielplatz hätten gewesen sein können. Die Qual, den früher freien Horizont von den gleichförmigen Häusern der Siedler verstellt zu sehen. Die Siedlungen und ihre Überwachungskameras. Die Soldaten mit ihren Stiefeln, ihren grünen Uniformen, ihren Gewehren. Den Stacheldraht und die Ruinen. Stämme uralter Olivenbäume, abgeholzt oder verstümmelt. Vielleicht wäre das Überschreiten dieser Grenze für ihn auch ein Verrat an seinem Vater, der sehr wohl versucht hatte, zurückzukehren. Einmal, vergebens. Der Sechstagekrieg verhinderte es. Er blieb auf den gekauften Flugtickets sitzen, mit einem Koffer voller Geschenke und dem Verdruss dieser katastrophalen Niederlage, die die Aneignung weiterer Palästinensergebiete bedeutete. Der Krieg hatte nicht einmal eine Woche gedauert, aber der Konflikt nahm unaufhaltsam seinen Lauf, und dann starb meine Großmutter: die einzige Gefährtin für eine Rückkehr. Dieser Verlust stürzte ihn plötzlich, unwiderruflich ins Alter. Ohne ein Zurück. Wie im Leben so vieler Palästinenser, die nicht mehr zurückkehren konnten oder wollten, sogar das arabische Wort für Rückkehr vergessen hatten; Palästinenser, die sich wie meine Großeltern schließlich als ganz normale Chilenen fühlten. Beide liegen nun in einem Familiengrab in Santiago, das ich seit der letzten Beerdigung nicht mehr besucht habe. Ob in den letzten dreißig Jahren jemand da war? Ich fürchte, nein. Ich fürchte sogar, frage aber nicht danach, dass niemand mir sagen könnte, wo genau auf dem Friedhof ihre Grabsteine zu finden sind. gültige übersetzung Unter welchen Vornamen hat man Abschied von ihnen genommen? Dem spanischen Salvador oder dem arabischen Isa, das Jesus bedeutet? Milade oder Maria? Meine Mutter fährt von ihrem Stuhl auf, ich ebenso, da ich zum ersten Mal diese Namen aus einer verlorenen Sprache höre. Mein Vater rutscht hin und her und versucht sich ins Gedächtnis zu rufen, welche in den Stein gehauen wurden. ein familienname als falsche fährte Zuerst gebe ich das Wort Meruane ein. Ich klicke auf die Lupe, und die Suche in der Datenbank beginnt. Als einziges Ergebnis bietet mir der Bildschirm einen Artikel aus einer britischen Zeitschrift. Sein Titel: »Die Sahara 1915«. Das Räderwerk der Fantasie läuft an. Ein Meruane-Forscher mit Feldflasche in der Wüste. Ein schwarzer Meruane, den es nach Palästina verschlagen hat (meine Erinnerung ruft Fotos von meinem Vater um die dreißig auf, kurzes krauses Haar, große Sonnenbrille über gebräunter Haut, dicke Lippen wie meine). Das afrikanische Missing Link in meinem Blut, denke ich. Aber zeitlich passt es nicht: Um 1915 herum war mein Großvater von der Levante aus nach Chile emigriert. Ich stürze mich dennoch in die Lektüre und verwickle mich in Beschreibungen einer Topographie, die der Bau einer Eisenbahnlinie zerstückelt und zerstört hat. Sechs algerische Oasen werden genannt, ausgetrocknete Flussbetten, öde Wüstengegenden, Flächen mit Salzkruste. Einige Zeilen weiter taucht endlich das Wort auf. Meruane: noch so ein ausgetrockneter Salzsee, der niemals von Bedeutung war und nun endgültig von der Landkarte verschwunden ist. vergegenwärtigen Sich das Vergangene zu vergegenwärtigen ist selbst für meinen Vater schwierig. Man hat ihm nicht genug erzählt, oder er hat nicht aufgepasst oder alles nur aus zweiter, dritter Hand erfahren. Oft überlässt er das Erzählen den Schwestern, die ihm noch geblieben sind. Deine Tanten wissen das bestimmt, sagt er und entledigt sich meiner Fragen; die wissen sicher mehr als ich, schickt er hinterher und stößt mich damit noch weiter weg, denn er befürchtet, dass die Zeit auch in seine Schwestern das Vergessen gepflanzt hat. Wenn ich mich an sie wende, ereifert sich meine Tante-die-Erstgeborene: Was denn, das hat dein Papa dir nicht erzählt? Am anderen Ende des Tischs zuckt mein Vater mit den Schultern. Liest du nicht Al Damir?, fährt dieselbe Tante fort, die mit dem besten Gedächtnis. Ich muss sie daran erinnern, dass ich Chile vor Jahren verlassen und keinen Zugang zu dieser Zeitschrift habe. Warum schickt sie dir dein Papa nicht? Jetzt zucke ich mit den Schultern. Der Vorwurf der Gleichgültigkeit hängt in der Luft. Ein Vorwurf gegen mich und meinen Vater, der allerdings, wie viele Landsleute seiner Generation, solidarische Bande zu Beit Jala aufrechterhält, auch wenn er sich niemals damit brüstet. Finanzielle Hilfen, die dort zusammengerechnet eine Schule mit dem Namen Chile ermöglichen. Es gibt einen Platz mit Namen Chile. Kinder, wahre Palästinenser, wenn es denn das wahre Palästinensische noch gibt. muslimischer aberglaube Das ist ein islamischer Aberglaube, sagt mir Asma, als ich sie in New York kennenlerne und ihr den chilenischen Teil unserer palästinensischen Geschichte erzähle. Was denn?, frage ich verwirrt und hebe im ansteigenden Lärm ringsum die Stimme. Nicht erzählen, was man aus Barmherzigkeit tut, das ist ein tief verwurzelter Brauch in der muslimischen Welt, antwortet sie. Es muss geheim bleiben, sonst verliert es seinen Wert. Aber mein Vater ist kein Muslim, sage ich zu Asma, die Muslimin ist. Mag sein, aber dein Vater hängt einem islamischen Aberglauben an, beharrt sie; wie mein Mann, fügt sie hinzu: Der ist Christ, aber auch voll von unserem Aberglauben. buchstaben, die niemand gesehen hat Eines Abends, bei einem meiner Chile-Besuche, schlage ich meinem Vater vor, sich zurückzuwenden. Die Orte aufzufrischen, die uns mit der Zeit ausgetrocknet sind. Orte, die wir nach und nach hinter uns gelassen haben, ohne zurückzublicken. Vor langer Zeit hatte er, wie zuvor seine Eltern ihre Geburtsstadt Beit Jala, die kleine Provinzstadt verlassen, in der er geboren worden war. Und wie sie bin auch ich immer weitergezogen, habe die Adressen gewechselt. Einmal war ich zu meinem Elternhaus in Santiago zurückgekehrt. Unter demselben Dach, wenn auch ohne Zwischenwände, befand sich nun ein Geschäft mit persischen Teppichen. Ich lüpfte eine Teppichecke nach der anderen, ohne jeden Anhaltspunkt, bis ich das untrügliche Zeichen fand, wo mein Bett gestanden hatte: eine Schrunde, im Laufe der Jahre von einem der Eisenfüße ins Parkett gegraben. Die Wand war nicht mehr da, von der ich das Gestell jeden Morgen hatte abrücken müssen, wenn ich das Bett machte. Aber auch diesen Laden gibt es nicht mehr, weder die Nachbarhäuser noch die Bäume oder die Gitter, die sie voneinander abgrenzten. Mehr als einmal bin ich auf der Suche nach meinem Haus daran vorbeigegangen. Kehren wir also zu seinem zurück, zu seinem alten Haus, das noch steht, sage ich zu meinem Vater, entstauben wir es und setzen einen Flicken auf unser Erinnerungsloch. Ich sage, dass ich von dem Haus in der Provinz kaum mehr als ein Beet vor Augen habe, am Zaun ein Hühnerstall mit rostigem Gitter, schon ohne Hühner, der Boden übersät mit Federn und Mais. Im Ohr habe ich noch das Geräusch eines offenen Wasserhahns. Auch von dem Innenhof mit Orangenbäumen weiß ich noch. Und von den Bodenfliesen in einem langen Flur. Einem schwarzen Klavier, das niemals gespielt wurde und das nun stumm im Wohnzimmer meiner Tante-der-Zweiten ruht. Von einem Schirmständer neben dem Dielenspiegel, der nach dem Tod meiner Tante-der-Letzten weiß Gott wo hingekommen ist. Im Gedächtnis sind noch das Holztor zum Gehweg und ein paar hochgeschossene kahle Bäume, die das Pflaster anhoben. Weiter hinten der Platz mit Bronzebrunnen und buschigen Südbuchen, Linden oder gar libanesischen Zedern, aus einer anderen Zeit. Ladenschilder mit palästinensischen Namen in lateinischen Buchstaben. Zurückkehren, sage ich, zu diesen Straßen und ihrem dörflichen Rhythmus, zu diesem Haus, seinem Haus, dem seiner Schwestern. Das Haus gehört seit Jahren nicht mehr uns, korrigiert mich mein Vater mit dem Rücken zu mir, während er sich seinen täglichen Kaffee kocht, mit dickem Kaffeesatz. Was noch im Haus war, ist verkauft worden, als dein Großpapa, sagt er und vermeidet es, den Satz zu beenden. Es wurde leer geräumt und vermietet, das Haus, und dann kam der Brand. Sie hatten auch den Eckladen aufgegeben, in dem mein Großvater Stoffe vom Meter verkauft hatte, aus den Textilfabriken der Yarurs und der Hirmas, sowie fertige Kleidung (von Hemden bis zu Unterhosen und Socken) und Schuhe aus den Fabriken in der Calle Independencia. Kaschmir Marke Bellavista Tomé und Seidenballen, fügt mein Vater hinzu, und der Kopf füllt sich mir mit Fasern und Gewebe, mit Farben. Aber es sind nur verknitterte Bilder übrig, die sich nicht mehr bügeln lassen. Die schwere Holzelle, die scharfe Schere, die den Stoffrand einschneidet, bevor die Hände ihn mit einem Ruck aufreißen, die ohnmächtigen Fäden auf der Theke, die rumpelnden Zahlen, zusammengerechnet auf der Registrierkasse aus dunklem Metall, die die Preise von Wolle, Bändern und Schnürsenkeln addierte oder sogar von den Matratzen, die auf dem Speicher lagen, wo mein Bruder-der-Ältere und ich, Die-Mittlere, einander auf Kopfkissen in durchsichtigen Plastikhüllen schubsten. Diesen Verfall der Dinge möchte ich aufhalten, sie wieder zum Leben erwecken, denke ich, aber bevor ich es meinem Vater sage, wirft er auf all das ersterbende Alte einen frischen Geruch. Das habe ich dir gar nicht erzählt, sagt er, den dampfenden Kaffee in der Hand. Die kleine Provinzstadt hat neulich ihre ersten Kaufleute geehrt. Darunter auch meinen Großvater. Sein Name steht auf dem Schild einer gerade eingeweihten Straße. Druckbuchstaben, die sich kein Meruane angesehen hat, noch nicht. Es gab keine Feierlichkeiten, kein Band wurde durchschnitten. Keine Fotos. Mein Vater ist sich nicht sicher, wo genau sein Nachname eingeprägt wurde, der auch der meine ist, unserer. Und vielleicht, weil ich Erklärungen, Einzelheiten verlange, weil ich die Brauen hebe oder überrascht zusammenziehe, willigt er schließlich ein, mich auf kurvenreichen, steilen Straßen Richtung Nordosten in die Vergangenheit zu chauffieren. Fahren wir, sagt er, und stürzt seinen Kaffee hinunter. Fahren wir, als begeisterte ihn die Vorstellung auf einmal und als müsste er das laut mit seiner sonst leisen Stimme betonen. Machen wir uns ans Zurückkehren, denke ich und notiere den Satz oder den Zweifel auf einem Zettel. hinten die anden Die schneebedeckten Berge der Cordillera am Horizont. Die dünnen Stämme der zurückgeschnittenen Reben bewegen sich in entgegengesetzte Richtung und rufen mir die Trance in Erinnerung, die diese Landschaft aus schnell vorüberziehenden Stöcken stets bei mir ausgelöst hatte. Ich kurbele das Fenster herunter, um mich mit wilder Luft anzufüllen, die meine Lungen reizt. Das Land zu atmen ist heute eine Form der Vergiftung. Eine weitere ist diese Fahrt zurück. Das Einfallen in eine Zeit, die es nicht mehr gibt. Das Hinausfallen aus der Gegenwart. Unserem Ausflug in dieses Tal fehlt jene Dramatik, die die Reise für die ersten Einwanderer besaß. Ich denke an ihre erwartungsvollen, aber vor allem mühseligen Fahrten, bei denen sie im Gegensatz zu den europäischen Einwanderern von keiner Regierung unterstützt wurden, mit keinerlei Hilfe rechnen konnten. Die Schiffe legten in Haifa ab, liefen unterwegs einen Hafen im Mittelmeer an (Genua oder Marseille), bevor sie nach Amerika weiterfuhren, die unteren Decks der dritten Klasse vollgestopft mit Arabern, Mäusen und hungrigen Kakerlaken. Diese fahrenden Araber waren orthodoxe Christen, die von den Türken verachtet wurden. Man betrachtete sie als Agenten des Westens, als Vorposten Europas, von feindlichen Nationen protegiert. Paradoxerweise verließen sie, diese Araber, ihre Länder mit einem osmanischen Pass, der es ihnen erlaubte, diesem Reich und einem Militärdienst in Kriegszeiten zu entfliehen, bei dem sie nur Kanonenfutter sein würden. Wer durchkam, entrann der Todesstrafe, aber nicht diesem Widerspruch: für immer den Beinamen Türke zu tragen. Der Name des Feindes prägte sich als ewiger Fluch auf die verschwommene Landkarte ihrer Einwanderung. Die Araber zogen andere Araber nach sich, nach Lateinamerika, nach Chile, und in erstaunlichen Mengen; an jedem Punkt dieses Tals zwischen den Cordilleras pflanzten sie die Legende, das neue Land habe eine syrische, libanesische oder palästinensische Seele, so dass man das gleiche Leben dort nachleben könne, wie es war und niemals mehr sein würde. Sie redeten sich ein, dass es ihre einzige Chance war. Inmitten von Gärten mit Aprikosen- und Olivenbäumen, später mit Avocados, Auberginen und Zucchini, die sie italienische Kürbisse nannten, und süßen Tomaten, so prall, dass sie zu bersten schienen. An den Abenden im Schutz der Weinreben, deren Blätter man von September an ernten musste, bevor der Herbst sie zu Pergament machte. Unter ein und derselben zersetzenden Sonne vermehrten sich die bereits zahlreichen Palästinenser, bis sie doppelt so viele waren wie die anderen Araber, die sich mit ihnen eingeschifft, mit ihnen Halt in Río de Janeiro gemacht und mit ihnen all die Monde über dem Meer hatten aufsteigen sehen, bis zur Ankunft in Buenos Aires, die mit ihnen auf Maultieren, von Treibern geführt, die Cordillera überquert hatten oder später in den Waggons der Transandenbahn, die inzwischen stillgelegt ist. liebespfeil eisenbahn Die heisere Dampfpfeife ist zum Schweigen gebracht worden, und die dicken schwarzen Rauchwolken der Lokomotiven haben sich zerstreut, aber die Geschichte von meinen Großeltern und dem Liebespfeil Eisenbahn hat überlebt. Meine Tanten haben dafür gesorgt, sie so weiterzugeben, wie sie sie von ihrer Mutter und voneinander gehört haben, all die Jahre lang. Die Geschichte kann sogar meine Mutter erzählen, lieber als die ihrer eigenen italienischen Verwandtschaft, die sich niemals durch Triumphe der Liebe ausgezeichnet hat. Meine Mutter und meine Tanten erzählen sie und manchmal sogar mein Vater, mit Varianten: dass beide aus Beit Jala stammten, wo sie sich nie begegnet waren, dass sie der gleichen Glaubensrichtung angehörten und sogar einen gemeinsamen Nachnamen hatten (mein Großvater war der Cousin seiner zukünftigen Schwiegermutter, sie hatte einen ausrangierten Meruane in ihrem Stammbaum), dass mein Großvater mit seinem künftigen Schwager in die Schule gegangen war und all das nicht gereicht hatte, um in den Clan aufgenommen zu werden. Meine Großmutter Milade oder Maria sollte einen aus dem engeren Kreis heiraten. Das Stammesgesetz (wie mein Vater es ausdrückte) sprach sich für einen der vielen Sabajs aus, ihre Nachbarn in Chile. Meine Großmutter hatte einen Bewerber, der zwar keine Reichtümer besaß, dafür jedoch mit etwas Land gesegnet war. Kurz bevor Maria meinen Großvater kennenlernte, schaffte sie sich diesen Sabaj vom Hals. Dieser Teil der Geschichte entzückt meine ledige Tante, meine Tante-die-Erstgeborene, die sich an dem Punkt vielleicht mit ihrer Mutter identifiziert: Milade oder Maria hielt es für angebracht, diesem Sabaj mitzuteilen, er sei zu alt für sie und außerdem hässlich, so hässlich, dass man einen Schreck bekomme, wenn man ihn bei helllichtem Tag sehe. Denken Sie nur, wie wird das erst sein, wenn ich Ihnen nachts begegne, sagte sie. Damit war das Werben beendet. Meine Großmutter blieb ledig, im beunruhigenden Alter von fünfundzwanzig Jahren. Bald ist der Zug abgefahren, sagten oder flüsterten die anderen. Aber sie stieg in letzter Minute in den Waggon, und aus eigener Überzeugung, wie ihre Kinder und meine Mutter beharrlich erzählen. Ausgerechnet auf einem Bahnsteig sahen sie sich zum ersten Mal. Auf dem nicht mehr existierenden Bahnhof von Llay-Llay. Sie stieg dort um nach Santiago, in Begleitung ihres Bruders, mit dem sie Geschenke für die Frauen der Familie kaufen musste, in die er hineinheiraten sollte. Dem Bruder war mein Großvater aufgefallen, als er aus dem Zug kam, um ebenfalls umzusteigen, allerdings war Isa oder Jesús oder Salvador in die entgegengesetzte Richtung unterwegs: nach Süden. Mein Großvater war so alt wie sie, oder sie war ihm um ein, zwei Jahre voraus oder auch nur einen Monat, das ließ sich niemals klären. Und er sollte behaupten, um die Sache noch zweifelhafter zu machen und sie zu ärgern, er habe meine Großmutter allein auf dem Bahnhof angetroffen, meine Großmutter mit ihrem langen krausen, geflochtenen Haar, in der Hand einen Weidenkorb, aus dem sie lauwarme Sandwichs anbot, im Pulk der anderen Verkäufer, die die Reisenden bedrängten. Großvater behauptete, Maria habe mit ihm geflirtet, ihm das Schinken- oder Mortadella-Brötchen für einen Sonderpreis angeboten, und so habe alles angefangen. Und mein Vater, wie zuvor der seine, lacht beim Erzählen. Er lacht schallend und für sich allein über diese Bosheit, die seine Mutter so wütend machte. Vielleicht fürchtete sie, jemand könnte diese Version ihrer Begegnung glauben. Und wenn schon, denke ich, mag sie doch eine Straßenverkäuferin gewesen sein wie so viele Araber damals. Da fällt mir auf, dass Schweigen eingetreten ist. Mein Vater ist es leid, die Geschichte zu wiederholen, die wir bereits kennen, oder er hat beim Fahren nichts weiter hinzuzufügen. Vielleicht lenkt ihn auch ein Straßenschild ab. Er verstummt, neben ihm meine Mutter, abwesend oder dösend, ihre nackten Füße auf dem Armaturenbrett. Meine Brüder sitzen neben mir, jeder blickt aus dem Fenster. Wir sitzen so wie immer, wenn wir zusammen sind, wie früher, bei unseren Ausflügen. Abgelenkt auf der kurvenreichen Straße, mit dem Kopf irgendwo anders. sprachen, die sich gabeln Weiter geht es, schweigend oder auf Spanisch, obwohl noch andere Sprachen in unserer Genealogie schlummern. Die arabischen Einwanderer machten sich das Spanische im gleichen Rhythmus zu eigen, in dem sie ihre Muttersprache verloren, behielten sie jedoch untereinander bei wie einen Geheimcode, der ihren Kindern verwehrt war: Sie verschluckten lieber ihre Zunge, bevor sie ihnen das Stigma einer zweitklassigen Staatsbürgerschaft vermachten. Diesen Akzent umgab ein auffälliger Schatten wie die Armut ihre verschlissenen Kleider. Beide musste man loswerden, und das war nicht schwer. Mit der neuen Kleidung hatten sie kaum Schwierigkeiten, denn ihr Stil glich dem der mitgebrachten. Kaum Schwierigkeiten hatten sie auch damit, ihren durchlässigen Sprachen das Spanische hinzuzufügen: Ihre Vorfahren hatten jahrhundertelang im Spanischen gewohnt, auf der Iberischen Halbinsel, hatten es arabisiert und mit der stummen Parenthese des eingeschobenen arabischen h und des vorangestellten, hallenden al- seine Seele erobert. Es jetzt zu sprechen, war eine andere Art der Rückkehr. Meine Großmutter, sagt mein Vater, hatte es gleich nach ihrer Ankunft erlernt, als Kind; mein Großvater dagegen hatte es erst mit elf, zwölf, vielleicht auch mit vierzehn angenommen. Mein Vater nutzt diesen Abzweig und erklärt, Salvadors Alter sei deshalb ungewiss, weil seine Geburtsurkunde beim Brand der palästinensischen Kirche verloren gegangen sei. (Noch ein Brand, notiere ich. Noch ein Verlust, der der Dokumente, die seinen Ursprung belegen.) Aber seine Mutter und seine Geschwister hätten das Jahr doch wissen müssen, führe ich ins Feld, hebe den Bleistift vom Papier, die Augen zu meinem Vater. Er verzieht die Lippen und beruft sich auf meine Tante-die-Zweite, die sich dieses Rätsel ebenfalls nicht erklären kann, es gar nicht versucht, sondern sagt, man habe damals die Kinder spät getauft, das Datum gefälscht, um den türkischen Militärdienst hinauszuschieben oder zu umgehen. Dann erfahre ich, dass nicht einmal klar ist, ob Isa mit seiner verwitweten Mutter eingetroffen war, einer Frau mit Namen Esther (und tiefblauen Augen, die niemand geerbt hat), oder ob sie mit seinen älteren Geschwistern bereits in Chile und er später mit Onkel und Tante nachgekommen war. Die Versionen widersprechen sich. Mein Vater sagt und verbürgt sich auch dafür nicht, mein Großvater habe dann im Süden gearbeitet, in der Mühle seiner älteren Brüder, während er seine dritte Sprache in Angriff nahm. Deutsch hatte er auf einer protestantischen Pfarrschule gelernt, denn damals hatte es viele Schulen europäischer Religionsgemeinschaften in Palästina gegeben. Szenen kommen mir in den Sinn: Mein Großvater, der im Laden La Florida mit einem Kunden auf Deutsch radebrecht, mein Großvater, der sich als Schreiber betätigt, als freiwilliger Vorleser für Landsleute ohne Schulbildung, die Familienbriefe aus der Levante bekamen. Er sagt, mein Vater: Ich sehe ihn noch vor mir, ein kleiner alter Mann aus der Kolonie, sehr weißhäutig, blond mit hellen Augen, der weder lesen noch schreiben konnte. Wenn er Briefe von seiner Familie erhielt, ging er zu meinem Vater, damit er sie ihm vorlas und beantwortete, und manchmal begleitete ich ihn in den Laden und staunte, wie er da von rechts nach links über das Blatt fuhr. Damals war es keine Tragödie, seinem Alphabet ein zweites hinzuzufügen, die Schreibrichtung zu ändern, die Syntax zu tauschen, den Tonfall zu modulieren, bis man den chilenischen Akzent perfektioniert hatte: Das Schild an dieser Weggabelung der Sprachen deutete in Richtung Fortschritt, und diesen Weg schlugen die Palästinenser ein. Sie ließen den fliegenden Handel hinter sich, und auch mein Großvater gab seine Fahrten durch den Süden auf, wo er den Stoffvertrieb eines gewissen Manzur vertreten hatte. Mein Vater betont, übergenau und überflüssig, da es nicht einmal mich interessiert, für ihn jedoch eine Frage der sozialen Stellung zu sein scheint: Mein Großvater sei kein fliegender Händler gewesen, sondern Vertreter. Das gab seiner prekären Stellung etwas Gewicht, so dass mein Großvater die Mühle und den Laden verlassen konnte, den er gemeinsam mit seinen älteren Brüdern in Toltén führte, einer Stadt, die zwanzig Jahre später ein Tsunami hinwegreißen sollte. (Noch ein Verschwinden, notiere ich, in dieser Saga der Verluste.) Es war dringend angebracht, sich im Landesinnern niederzulassen, damit die drei Töchter und die folgenden zwei Söhne eine bessere Ausbildung bekamen. Denn meine Großmutter, kultivierter oder zumindest eine Leserin, folgte dem Motto, Fortschritt beruhe auf Bildung. Sie war es, die darauf bestand, meine Tanten auf die Universität zu schicken, ihnen die Chancen zu geben, die sie als Schülerin einer Fachoberschule ohne Abschluss nie gehabt hatte. Sie war es, die verhinderte, dass mein Vater mit sechzehn den Laden übernahm, als mein Großvater, erschöpft von seinen vielen Unternehmungen, seinem einzigen Sohn die Geschäftsführung von La Florida übergeben wollte. Und sie setzte sich dafür ein, dass ihre Töchter außerhalb der Kolonie heiraten konnten. Dass sie sich mischten, ja, aber den Familiennamen beibehielten, als unlöschbares Zeichen der Zugehörigkeit. hinter geschlossener tür Sie ist abgeschlossen, und der Schlüssel ist nicht mehr in unserem Besitz. Mein Bruder-der-Jüngere blickt durchs Schlüsselloch und kann nichts erkennen. Es ist dunkel, sagt er. Wie im Grab, ergänze ich und denke an meinen Großvater in seinem. An sein hängendes Augenlid auf der linken Seite. An seine verschränkten Hände, die nicht mehr in die Hosentaschen tauchen und Mandeln verteilen. Ein schlichter Tod, ganz anders als bei seinem Cousin Chucre, der bestimmt hatte, bei seiner Totenwache solle Musik gespielt, um den Leichnam getanzt und opulentes Essen für alle aufgefahren werden, die sich von ihm verabschieden wollten. (Ich weiß nicht mehr, ob ich mich daran erinnere oder es mir nur vorstelle, dass seine Kinder geteilter Ansicht waren: Die einen legten die arabische Kassette ein, die anderen schalteten trauernd und vielleicht beschämt das Radio aus und ließen ihn in Grabesstille versinken.) Nach all den Familienbegräbnissen verschwimmt mir im Gedächtnis der Raum dieser Totenwachen. Ich sehe nichts, beharrt die Stimme meines Bruders-des-Jüngeren vor dem Schlüsselloch. Und vielleicht gibt es gar nichts zu sehen, denn zu dem Brand im Familienhaus war später ein Erdbeben gekommen, und man hatte es für unbewohnbar erklärt. Ich habe euch doch gesagt, es hat keinen Sinn, zurückzukehren, murmelt mein Vater. Und mit langen Schritten geht er über die Straße davon und lässt uns schnell hinter sich. Zurück bleibt das Holztor, das am Rand des Gehwegs noch bis zum nächsten Erdstoß aushält, während wir meinem Vater die Straße hinab folgen, die Augen starr auf das Pflaster gerichtet, als sähen wir zwischen den Linien der Pflastersteine die Zimmer mit den hohen Decken, könnten zwischen den Strichen die Küche im hinteren Teil finden, ihre Aluminiumtöpfe, den geblümten Kühlschrank, den meine Mutter mit ins Strandhaus genommen hatte, das uns auch nicht mehr gehört. Was mag wohl aus all dem geworden sein, aus den Laken, die an einer Leine im Garten hingen, aus dem winzigen Elfenbeinelefanten, von dem meine Tanten sagen, ich hätte ihn erfunden, weil sie sich nicht an ihn erinnern. Alles aus Palästina ist auf mysteriöse Weise verschwunden, während ich irgendwie die Zeit totgeschlagen habe, sage ich mir und gehe mit den anderen hinter meinem Vater her, ohne zu wissen, wohin. Er bleibt stehen, ganz plötzlich, und deutet auf seine erste Schule: von Nonnen geführt, sagt er, vielleicht noch heute. Eine Mädchenschule? Ja, und zum ersten Mal scheint er zu lächeln. Sie lag so nah, dass er allein zur Schule gehen konnte, aber er war immer mit einer seiner Schwestern gegangen: der Schwester-der-Dritten, die als Erste gestorben war, oder der Schwester-der-Vierten, die auch nicht mehr lebt. In dieser Stadt voller Palästinenser gab es doch sicher arabische Schulen, bemerke ich, aber er hört nicht oder weiß nicht oder will nicht antworten. Dann, als wachte er plötzlich auf, verneint er. Alle Schulen waren chilenisch, und dort wurde nur in der offiziellen Landessprache unterrichtet. Mein Vater lässt diese Vergangenheit hinter sich und klärt uns über seine nächste Schule auf: Internatsschüler in der Oberschule im Instituto Nacional Barros Arana. Die Wochenenden verbrachte er manchmal bei seinem Onkel Constantino, der in der Calle Juan Sabaj lebte. Überrascht erfahre ich, dass es in Santiago noch eine Straße mit einem Namen aus unserer Familie gibt. Dass diese Straße nach meinem Urgroßvater benannt wurde. Von den Onkeln meines Vaters angelegt, nachdem sie beschlossen hatten, das Grundstück in Ñuñoa zu teilen, dort Häuser zu bauen und von den Mieteinnahmen zu leben. Das Geschäft hat sich nicht gerechnet, sagt mein Vater, der später in einem dieser Häuser wohnen sollte, umgeben von Verwandten. Ich wundere mich, warum mein Vater und seine Schwestern, unter Palästinensern aufgewachsen, sich niemals in der Kolonie engagiert hatten. Warum sie nie Mitglieder im Estadio Palestino gewesen waren, gleich um die Ecke. Da musste man einen großen Schein hinblättern, den ich nicht hatte, entgegnet mein Vater, als ich ihn danach frage. Dort haben sich die wohlhabendsten Landsleute getroffen, und wir hatten nie eine besonders enge Beziehung zur Kolonie, über die Familie hinaus. Das erklärt einiges. Den Spardruck. Die Abneigung gegen Verschwendung. Einen gewissen Hang zur Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegenüber Besitz. Diesen feinen Unterschied, von dem nie die Rede gewesen war und der doch unter uns lebte wie ein Vogel, sage ich mir, obwohl mir dieses durch den Kopf flatternde Bild seltsam vorkommt. Warum ausgerechnet ein Vogel? Weil alles so flüchtig war? Ich bin mir nicht sicher und beschließe, die Idee schweben zu lassen, während ich mich hinsetze, die Speisekarte lese und dann auf einem recht fade gefüllten Weinblatt herumkaue, dort, in einem arabischen Restaurant in der chilenischen Provinz, wo wir zu Mittag essen. ein verwittertes schild Mein Vater fährt durch unbekannte Straßen, und mein Bruder-der-Jüngere spielt den Schlauen, zieht sein Handy hervor, schaltet das GPS ein und gibt Anweisungen. Anweisungen, die mein Vater nicht befolgt oder nicht beachtet, überzeugt, dass wir ans Ziel gelangen, wenn wir da vorne abbiegen. Wir biegen noch öfter ab. Es ist ein heruntergekommenes Viertel am Rand der kleinen Provinzstadt, in der mein Vater seit sechzig Jahren nicht mehr lebt. Immer weiter durch Straßen, von Wurzeln unterwandert, umkurven wir den heißen Schatten fast kahler Bäume. Mein Bruder gibt noch immer Anweisungen, das GPS spielt verrückt und führt uns in die Irre, bis mein Vater auf einmal den Wagen anhält. Nur die Klimaanlage läuft noch. Draußen bringt die Sonne das Pflaster zum Glühen. Steigt aus, befiehlt mein Vater, aber wir öffnen die Türen nicht, beugen uns aus dem Fenster, bevor wir den Fuß auf unbekanntes Terrain setzen. Ist das immer noch die Provinzstadt? Ist das die Straße, die unseren Namen trägt? Im Rückspiegel sehen wir die dunklen Augen meines Vaters und hören, wie er den Befehl wiederholt. Worauf wartet ihr? Denn da ist das schwarze, weiß umrandete Schild. Die Buchstaben, ebenfalls weiß, doch verwaschen, benennen keine Straße, höchstens eine Durchfahrt. Beim Anblick dieser Großbuchstaben auf dem windigen Metallschild, SALVADOR MERUANE, so blass, als hätte der Maler vergessen, sie nachzuziehen und mit schützendem Lack zu bestreichen, ärmlich wie die Zäune und die Häuser ringsum, kommt mir der Gedanke, dass SALVADOR den Isa verdeckt und dieser verwitterte MERUANE weniger Glück gehabt hat als der SABAJ auf dem Schild in Santiago. Wir blicken zwei Minuten auf den rostigen Namen, bis uns das Lächeln vor der Kamera gefriert. Mein Großvater, seine Vornamen oder sein Nachname, stehen da dürftig an der Grenze von etwas, was uns wie eine verlassene Siedlung vorkommt. Wir nehmen die Fotos in der Kamera mit, während das Auto wieder startet und das Schildchen im Staub zurücklässt. II. Ruf nach Palästina richtung: palästina Es ist keine Rückkehr, aber die Idee zu der Reise trägt dieses Wort im Gepäck. Mitsamt seinen Synonymen und einer Reihe von zufälligen Ereignissen stößt es mich in Richtung Palästina. Ihr erster Sendbote tritt wie folgt in Erscheinung: Ich steige in meinem New Yorker Viertel in eines der aberhundert Taxis, Gypsy genannt. Der Fahrer ist, wie mir scheint, ein Dominikaner oder Ecuadorianer, vielleicht auch ein Mexikaner aus Puebla, und ich bitte ihn auf Spanisch, mich zum Flughafen zu bringen. Aber in seiner Sprachmelodie schwingt ein anderer Akzent mit, der auch nicht nordamerikanisch ist. Ich spitze mein Ohr, mache zwischen den Silben eine arabische Modulation aus. Bevor ich frage und womöglich einen Fehler begehe, blicke ich auf das Namensschild an der Rückseite des Fahrersitzes: Der Name ist eindeutig, ein Name, der wie kein anderer mit dem palästinensischen Widerstand verbunden ist: Jaser. Araber woher, frage ich und erkenne im Rückspiegel die Augen meines Großvaters wieder. Er ist Palästinenser, aus einem Dorf nördlich von Jerusalem, das ich nicht kenne. In der Nähe von Ramallah, erklärt er. Ein Dorf der West Bank, sagt er auf Englisch, falls dieser Name mir geläufiger ist als Westjordanland. Das ist wohl nicht weit von Beit Jala, sage ich, und er entgegnet, von der Entfernung her gewiss nicht, aber von der Zeit, je nachdem, und er lässt den Satz in der Schwebe. Da erzähle ich ihm, dass ein Teil von mir von dort kommt. Ich frage, ob ihm mein Nachname etwas sagt, aber er hat ihn noch nie gehört. Ich nenne ihm weitere Namen aus der Kolonie und erkläre, in Chile lebe die größte palästinensische Gemeinde außerhalb der arabischen Welt. Die ersten Palästinenser seien aus vier christlichen Städten im Westjordanland ausgewandert. Ihre Angehörigen kämen immer noch nach Chile. Die letzten seien aus dem Irak geflohen. Jetzt sind es Muslime, wie Sie. Geflüchtete, die mein Land aufnimmt und die mit der Zeit womöglich einfach zu Chilenen werden. Wie ich. Von hinten sehe ich seinen Kopf nicken, aber bei meinem letzten Satz dreht Jaser sich um und verbessert mich. Sie sind eine Palästinenserin, Sie sind eine Exilierte. Sie kennen Ihr Land nicht?, fragt er, überrascht, aber nicht vorwurfsvoll. Sie sollten hinfahren, sagt er und animiert die Palästinenserin in mir mit seiner Sprachmelodie. Wohin reisen Sie jetzt?, und übergangslos wird er vertraulich und wirft mir ein dominikanisches oye! zu, hör mal, Spanien?, von Madrid aus ist es nicht weit zu uns. Circa fünf Flugstunden. Sie sollten hinfahren, beharrt er und wird rasch wieder formell, Sie werden Ihr Land lieben, und er wirbt für die Gründe einer Rückkehr. Nach Palästina zurückkehren, sage ich mir, während er spricht, und mich überfällt die Erkenntnis, dass mir dieses Ziel noch nie in den Sinn gekommen ist. Ich denke einen Moment darüber nach, während ich Jasers Visitenkarte einstecke. Aber als ich am Flughafen bin, verwerfe ich die Idee und die Karte. Hefte beides als seltsamen Zufall ab. post aus jaffa Und trotzdem geht mir Palästina nicht aus dem Kopf. Auch wenn ich in Madrid viel zu tun habe, drängen sich Jasers Worte beharrlich in meine Projekte: Palästina in eine Reihe über Orte aufzunehmen, die ich in einem kleinen unabhängigen Verlag herausgebe. Bei einem Schriftsteller, der dort lebt, einen Text in Auftrag geben – ein Abwälzen der Schuld, die plötzlich auf mir lastet. Der Name eines Bekannten-in-Jaffa fällt mir ein, ich fische nach seiner Mailadresse und unterbreite ihm den Vorschlag. Postwendend bekomme ich die Antwort. Der Schriftsteller nimmt das Angebot an, er habe die Gebiete für einige Zeit auf Eis gelegt, und seitdem er nicht mehr über die Region schreibe, lese ich auf dem Bildschirm, habe sich sein Blick auf den Konflikt verändert. »Und auch meine Art, zu erzählen.« Er sei sich »der Feinheiten bewusster geworden, und diese Feinheiten halte ich heute für wesentlich.« Vielleicht ein Tagebuch über sein Leben in Jaffa, schlägt er vor, und ich male mir aus, wie er mit sich selbst Form und Ton aushandelt, die dieser neue Text bekommen soll, male mir aus, wie er sich in die Aufgabe stürzt, das lange Schweigen aufzugeben. Dann spricht er ein Problem an, zu dem ich noch gar nicht gelangt war: die Notwendigkeit, schnell ein Gegenüber für diese Buchreihe zu finden, deren Titel immer vierhändig geschrieben werden, zwei Teile von einem Erzähler, zwei von einer Erzählerin. »Ich kenne keine Frau, die auf Spanisch über diese Region schreibt«, heißt es am Ende seiner Mail. Als ich die Nachricht gelesen habe, sehe ich, dass eine weitere von ihm wartet. »Kennst Du das Land Deiner Vorfahren?«, fragt er, und Jasers Satz kommt mir in den Sinn. »Willst Du nicht die palästinensische Partnerin für das Buch sein?« Gleich darauf kommt eine dritte Nachricht, in der er mir hastig erklärt, im Glauben, ich wäre noch bei seiner vorigen Mail, es sei eine teure Reise, das wisse er, aber er könne mir Unterkunft anbieten: »Auf Dich warten ein Sofa und zwei bezaubernde kleine Wesen, die Dich garantiert um sechs Uhr morgens wecken werden. Wenn Du wirklich kommst, erfinden wir uns ein ganz außergewöhnliches Konzept für das Buch. Sag einfach, wann es Dir passt.« Fahren oder nicht fahren, so wird meine Frage lauten. Fahren und schreiben oder nicht fahren und niemals mein Palästina Schrift werden lassen. wieder ramallah Ich kehre von der kurzen Europareise nach New York zurück und packe die Koffer für Chile. Wieder bestelle ich ein Taxi, und beim Einsteigen sieht mich derselbe Lampengeist vom letzten Mal an. Der Geist meines schlechten Gewissens oder meiner Wünsche, sage ich mir, auf einmal von abgedroschenen orientalischen Bildern befallen. Aberhundert Latino-Taxifahrer zirkulieren im Norden Manhattans, und ausgerechnet Jaser ist im Augenblick meines Anrufs am nächsten und holt mich ab. Und wohin geht es jetzt?, fragt er, als er den Koffer hebt und lächelt. Jetzt wirklich nach Palästina? So ähnlich, antworte ich und denke, dass Chile meine einzige Levante ist. Von meiner Familie aus Beit Jala sind nur noch ein, zwei Frauen übrig, die irgendwo drüben den Namen Meruane führen. Die übrigen Namensträger leben bei uns, über diese verrückte Geographie verteilt. Vielleicht haben auch Sie jemanden in Chile, sage ich und kurbele das Fenster herunter, aber Jaser hat niemanden dort. Seine Familie klammert sich an das Wenige, was sie noch hat, denn darum geht es heute, sagt er. Sich an das klammern, was von Palästina bleibt, damit es nicht verschwindet. Damit man es nicht verschwinden lässt, weil wir die Türen offen gelassen haben. Das ist der Moment des Bleibens, der Moment der Rückkehr. Aber Sie sind hier, wie ich, werfe ich ein. Jemand muss ihnen Geld schicken!, entgegnet er in seinem dominikanischen Spanisch voller Arabesken. Ich sehe die großen Augen im Rückspiegel, den Kopf, der sich umwendet, als das Auto vor der roten Ampel hält, die Hand, die mir Mandelkekse reicht, die ihm seine Frau für den langen Tag auf der Straße backt. Also, fragt er und schluckt mühsam den süßen Brei herunter, wann fahren Sie in unser Land? Im März, sage ich, um irgendetwas zu sagen, und obwohl ich kein Geld für diese Reise habe, male ich mir langsam aus, dass es die Wahrheit ist. santiago–jaffa: 23. januar Ich bin in Chile, schlage meinem Vater vor, vielleicht zum letzten Mal seine Heimatstadt in der Provinz zu besuchen, stelle ihm Fragen, mache Notizen, recherchiere im Internet, lese über die Geschichte der Einwanderung, strenge mein Gedächtnis an, verbinde Anekdoten. Ich bin in Chile, überschlage die Kosten der Palästinareise, die Rechnung geht nicht auf. Bei dieser Arithmetik bin ich gerade, als eine Mail des Romanciers-in-Jaffa ankommt, der mir mitteilt, er habe seine Meinung geändert. »Es tut mir so leid, dass ich Dir diese Nachricht schicken muss. Aber ich kann den Text nicht schreiben. In den letzten Monaten hat man hier zwei israelischen Staatsbürgern die Einreise verwehrt, als sie aus dem Ausland zurückkamen (ein Euphemismus, der besagt, dass sie abgeschoben worden sind). Beide waren Juden mütterlicherseits, rein jüdisch also, und beide hatten die Alija beantragt, das heißt, Mitglied des Staates Israel zu werden. Beiden wurden ›staatsfeindliche Aktivitäten‹ vorgeworfen, einem von ihnen ›Hochverrat‹. Sie hatten aber nur an linken Demonstrationen teilgenommen und mit NGOs zusammengearbeitet, die der palästinensischen Bevölkerung helfen. Einen von ihnen kenne ich. Meine Situation in Israel ist noch viel prekärer. Ich habe an vielen Demonstrationen gegen die Kriege der letzten Jahre teilgenommen (es gibt Fotos von mir, auf denen ich mit dem Finger Polizeikameras abschieße), außerdem hatte ich jahrelang schriftlich angeprangert, was mir an der israelischen Politik und der palästinensischen Innenpolitik fatal vorkam (die Seite wurde gesperrt, auf Druck der Presseabteilung der israelischen Botschaft). Meine Lage wird vollends prekär, weil ich hier zwar wegen der jüdischen Vorfahren meines Vaters leben darf und eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen habe, aber in Wirklichkeit hier lebe, weil ich mit einer muslimischen Palästinenserin verheiratet bin, was bedeutet, dass mich die Nachrichtendienste auf ihrem Radarschirm haben (das klingt nach Spionageroman, ist aber traurige Wirklichkeit in dieser Region, in der die Telefone der ›arabisch-israelischen‹ Bürger fast allesamt abgehört werden). Ein Text über Palästina berührt unweigerlich umstrittene Themen. Schon die Definition des Gebiets – wir haben darüber in einer Mail gesprochen – ist problematisch. Allein eine Stadt bei dem einen Namen zu nennen und nicht bei dem anderen, kommt in dieser Region einer Kriegserklärung gleich, und selbst wenn ich sie im Text nicht erwähnen würde, sondern nur das Westjordanland und Gaza, müsste ich dennoch von Sperranlagen, Siedlern und der Macht der israelischen Armee sprechen. Trotzdem hatte ich mir vorgenommen, das Risiko einzugehen und den Text zu schreiben; ich hatte schon ein Gerüst und ein paar Probeseiten und habe das Projekt einer Zeitschrift vorgeschlagen, mit der ich zusammenarbeite, aber es wäre vielleicht unverantwortlich. Das Risiko, von meiner Familie getrennt zu werden, ist zu groß, und ich bin dazu nicht bereit. Gestern Abend waren zwei israelische Freunde bei uns zum Essen, die sich für die Menschenrechte engagieren, und beide haben mir davon abgeraten. Niemals habe ich aus Gründen der Zensur schweigen müssen, aber ich glaube, ich habe keine Wahl. Ich umarme Dich und bitte um Entschuldigung für die vergeudete Zeit. Und natürlich bist Du immer willkommen. Hoffentlich kommst Du und lernst das Land Deiner Vorfahren kennen, es lohnt sich sehr, trotz allem.« jaffa–santiago: 24. januar Der Schriftsteller-in-Jaffa hält die Idee ganz und gar nicht für abwegig, durchzustreichen und mit schwarzen Balken zu arbeiten, anonym, ohne Unterschrift, aber er glaubt, »die geschwärzten Wörter unterstreichen die Unmöglichkeit, frei über Israel zu schreiben, und das erhöht wiederum die Möglichkeit, dass die Ultrazionisten den Autor unter ihre Kontrolle bringen und für eine Bestrafung sorgen wollen, sobald er entdeckt wird.« Dann hält er meinem Vorschlag ein weiteres Aber entgegen, und kein geringes: »Mich hatte vor allem interessiert, eine Bestandsaufnahme von meinem Leben hier zu machen. Über meine Herkunft zu reden und über meine Adoptivfamilie, die ich von Herzen liebe. Dort beginnen, bei meinem wirklichen Leben, meiner Identität in diesem Land. Wie schade, dass es nicht geht, aber es hilft nichts.« Das schreibt er, und mir ist, als hörte ich ihm dabei zu, wie er sich selbst von seiner Entscheidung überzeugen will, denn »für einen Lateinamerikaner, der in seinem Land in einer Zeit der Gewalt aufgewachsen ist und in einer Familie wie der meinen, ist das Risiko etwas Schreckliches, aber auch Anziehendes. Im Grunde ist ein Leben ohne Risiko kein Leben. Ich selbst habe darauf bestanden, den Text zu schreiben, und will es immer noch (ich hoffe, das werde ich in ein paar Jahren, wenn das Risiko nicht mehr existiert oder es mir egal ist). Ich weiß, früher oder später werde ich ihn schreiben, und die Zeit wird diesen Worten mehr Kraft verleihen.« jaffa–new york: 29. januar Nach Chile und einer weiteren Nachricht meinerseits, von unschlüssiger Hand geschrieben, erhalte ich wieder Post vom Schriftsteller-in-Jaffa, der mir einflüstern will, ich dürfe mir nichts von der komplexen Wirklichkeit entgehen lassen, in der die Palästinenser leben. »Du wirst sehen«, schreibt er und fügt hinzu: »Keine Armee, kein Überwachungsapparat kann die zahllosen menschlichen Regungen kontrollieren, und mögen auch viele leiden, dann leben sie wie alle hier so intensiv, wie sie nur können (und es gibt Musik, Essen, Sex, es gibt Ehen, Kinder, Scheidungen und alles Übrige auch). Das heißt, wir leben sehr gut. Nicht in diesem Rausch wie in meinem Land, wo das Leben manchmal zu sehr überschäumt (und auch der Tod), aber hier versteht man es ebenfalls – vor allem die Palästinenser –, zu leben und glücklich zu sein. Am Schreiben hindert mich, dass es in den letzten Jahren immer weniger Platz gibt für eine Meinung zwischen dem Wahnsinn der Hamas und dem Wahnsinn der israelischen Ultrarechten (wer sich vermittelnd äußert, wird unweigerlich in die eine extreme Ecke geschoben und aus der anderen angegriffen). Zum Glück ist die Wirklichkeit weitaus reicher und komplexer als diese Meinungen, und die Leute bleiben lebendig, unvorhersehbar, unkontrollierbar. Jetzt habe ich pathetisch herumdoziert, so ein Mist. Am besten, Du siehst es Dir selbst an. Wir erwarten Dich, wenn Du Dich zur Reise entschließt.« zehn jahre früher aufwachen Allmählich holen mich alte palästinensische Lockrufe ein. Das Telefonklingeln erwischte mich an der Wohnungstür, nicht meine Wohnung, sondern gemietet und nicht mal ganz. Damals hatte es gerade mal für ein Zimmer in einem irisch-russisch-libanesischen Viertel im Süden Brooklyns gereicht. Es war neun vorbei, wie ich an der Wanduhr sah, als ich zurück in die Küche ging und den Hörer abnahm. Der afroamerikanische Freund meiner Mitbewohnerin war dran. Bleib zu Hause, sagte er voller Sorge. Und bombardierte mich mit Nachrichten von einem Anschlag. Zwei Flugzeuge. Zwei enthauptete Türme. Ich war schon spät dran für meinen ersten Unterricht. Vielleicht war es auch sein Akzent oder meine Probleme mit dem Englischen, damals. Er musste es mir wiederholen. Der U-Bahn-Verkehr ist eingestellt, Bahnhöfe und Flughäfen sind gesperrt. Schalte den Fernseher an, wenn du mir nicht glaubst, und weck Niki, hol sie ans Telefon. Please. Auf dem Bildschirm wurde geschrien. Die Fernsehmoderatorinnen rangen um Fassung und riefen Gott an, als würden sie ihn verfluchen. Oh my God, riefen sie, während sie zusahen, wie sich Menschen ins Leere stürzten. Hand in Hand die einen, andere in einsamem Flug. Diese Bilder verschwanden bald, und der Bildschirm füllte sich mit anderen Nachrichten: offizielle Erklärungen, Videos, Schuhe zwischen Trümmern, während ich in einem kalten Kaffee rührte, den Niki auf dem Tisch hatte stehen lassen. Gemeinsam sahen wir, wie der erste Turm zu Staub wurde. Die Sicherheit brach in sich zusammen, und aus der dunklen Wolke erhob sich grenzenlose Paranoia. Zu dem Zeitpunkt gab es noch kein Bekennerschreiben, aber man mutmaßte bereits, »eine arabische Terroristengruppe« räche sich an einem Land, das stets die Sache Israels unterstützt hatte. Bilder von palästinensischen Kindern kamen herein, die auf der Straße den Anschlag feierten. Das Bild zeigte nur einen Ausschnitt. Man wusste nicht, was sie da betrachteten oder vor wem sie die Fäuste hoben. Es war eine kurze Sequenz, doch sie kam immer wieder, im Wechsel mit Einsturz und nochmaligem Einsturz der Türme. Die Kinder. Die Türme. Immer dieselben Kinder mit denselben erhobenen Händen, die Gesichter leuchtend, dazu eine Stimme im Off, die sie als Komplizen der ewigen Intifada bezeichnete. Die Kinder und der Einsturz, danach ein Jassir Arafat, dem damals noch drei Jahre zu leben blieben und der die Tragödie bedauerte. »I am shocked«, sagte er in bestürztem Englisch, aber sofort kamen wieder die Türme und die arabischen Kinder, um ihn Lügen zu strafen. Diese Kinder, verwandelt in frühreife Terroristen, waren die Sendboten von damals. Ich schrieb an dem Abend über sie, für eine chilenische Tageszeitung, von dem Bedürfnis getrieben, das alles schriftlich zu bezeugen. Jetzt blättere ich durch die Zeitungsausschnitte jener Jahre und lese, was ich über die Fernsehszene geschrieben, was ich im Laufe des Tages empfunden hatte. »Ich dachte an meine palästinensische Herkunft, inmitten dieser Schlacht, an meinen Nachnamen, an die Möglichkeit, verdächtig zu werden für eine Gemeinschaft von Individuen, die sich im Augenblick des Unheils zusammenschließen, ihr Recht einfordern und Sicherheit gegenüber diesem vermeintlichen Gegner verlangen. Denn man wird die suchen müssen, die für das Attentat verantwortlich sind, für das Flugzeug, muss die abertausend Zerstückelten und Verbrannten unter den Trümmern des Imperiums rächen.« Ich traue meinen Augen nicht. Ich bin dreißig, als ich das unterschreibe und mir als verschlüsselte Botschaft in die Zukunft schicke. Meine eigene Sendbotin. münze in der luft Im Geist werfe ich eine Münze: Wenn mich eine Einladung nach Europa führt, reise ich mit eigenen Mitteln weiter Richtung Osten. Die Münze dreht sich um sich selbst, während ich an all das denke, was ich subtrahieren muss: Die gescheiterte Rückkehr meiner Großeltern. Die Weigerung meines Vaters. Meine Unschlüssigkeit. Das Schweigen der Welt, während man den Palästinensern immer mehr Gebiete subtrahiert. All die Urteilssprüche, bei denen ihnen eine Stimme verwehrt wurde. Eine Geschichte voller Löcher, durch die Rückkehrer sickern und in der Bande und Leben gekappt werden. Zu dieser Subtraktion etwas summieren, sage ich mir. Nach Palästina zurückkehren. Zu mir zurückkehren. Ich werfe noch eine Münze in die Luft, und jetzt klingt sie nach Metall: In meinem Briefschlitz steckt eine Einladung, die mich nach London bringen wird. eine geschichte, verkleidet mit bäumen Hamza hatte sich in der ersten Seminarstunde als Jordanier vorgestellt, aber als er die Herkunft meines Nachnamens entdeckt, korrigiert er seine Geschichte: Ich bin auch Palästinenser, ein Palästinenser, der im Exil geboren wurde. Er lächelt, froh, eine Schicksalsgefährtin gefunden zu haben. Aber wie kommt es, dass Sie Palästina nicht kennen, wenn Sie doch einreisen dürften?, fragt er überrascht, sein Englisch so korrekt, dass es künstlich wirkt. Ein Englisch aus dem Buch. Ich sage, Palästina hat mir Sendboten geschickt, Lockvögel, Lockrufe und nun eine Einladung an einen Ort auf halber Strecke. Hamza sieht mich gespannt an, ohne zu begreifen, dass auch er nun ein solcher Sendbote ist und alles, was er sagt, ein Punkt in meinem Atlas. Ein Eintrag in meinem Notizbuch. Der Grund für eine Suche. Fahren Sie unbedingt nach Yalo, sagt Hamza noch; nach Yalo oder Yalu, fügt er hinzu. In der Umgebung von Ramla, der Stadt des Sandes. (Ich notiere Ramallah; später auf der Landkarte erkenne ich meinen Irrtum.) Hamza erzählt, aus Yalo sei die Familie seines Vaters im Krieg ausgewandert, der damals meinen Großvater daran gehindert hatte, nach Beit Jala zurückzukehren, 1967, als Israel die Gebiete annektiert hatte und aberhundert Palästinenser nach Jordanien geflohen waren. Die Familie seiner Mutter war schon zwanzig Jahre zuvor ins Exil gegangen, mit der ersten Fluchtwelle, und hatte niemals zurückkehren können. Hamza sagt das mit britischer Lässigkeit, auch wenn man zwischen den Silben den Dorn des Geflüchteten spürt, der diesen Status als Anspruch aufrechterhält. Hamza, Sohn und Enkel politischer Vertriebener, begeistert sich für meine Rückkehr, die seiner Familie seit ihrem Fortgang verwehrt ist; selbst Besuche waren ihnen nach der ersten Intifada Ende der Achtziger verboten. Beim ersten Aufstand war er noch nicht auf der Welt, trägt aber schon das Erbe eines Exils; er träumt, sagt er, da hilft nichts, von diesem so fremden und so eigenen Palästina. Ich will ihn fragen, welches Palästina er meint, welches Fleckchen dieses zerstückelten Landes. Was gibt es dort in Yalo oder Yalu?, frage ich stattdessen, weiß nicht, was sonst fragen. Nichts, sagt er, nur verstümmelte Biographien und geschliffene Mauern aus Stein. Wo einst sein Haus stand und das so vieler Nachbarn, befindet sich jetzt ein Nationalpark. Ein Park, sagt er, das heißt eine ökologische Schutzzone, in der die Palästinenser, selbst wenn sie zurückkehren dürften, nicht wieder bauen könnten. Ein Park, in dem die Geschichte mit Bäumen verkleidet wurde. Doch finden sich dort noch die Spuren der Räumungen, die Fundamente der fortgerissenen Häuser. Und die Olivenbäume, sagt Hamza, wachsen weiter, wo sie stehen, beladen ihre Äste mit Oliven, obwohl es niemanden gibt, der sie erntet. Dann geht der junge Fast-Palästinenser, und auch ich gehe an dem Abend nach Hause, suche auf dem Bildschirm nach diesem Stadtfriedhof, den im virtuellen Raum jemand als »Niemandsland« bezeichnet. Von wegen niemand, wird geantwortet, es sei palästinensisches Land, völkerrechtswidrig usurpiert, und ein anderer führt ins Feld, den Park habe eine wohlhabende kanadische Zionistengemeinde finanziert, in der Absicht, die Vergangenheit auszulöschen. Nach Yalo fahren und Hamzas verschwundenes Haus besuchen, denke ich und lasse im Geist Brände, Erdbeben, Überschwemmungen und andere Naturereignisse vorbeiziehen, Leitfaden der palästinensischen Verluste. Dieses Verschwinden geschah jedoch von Menschenhand. Das Zerstörungswerk geistert durch meine Fantasie, bis der Student eines Nachmittags wieder zu mir kommt. Er überbringt eine Nachricht seiner Mutter aus Jordanien. Die Empfehlung trägt einen Namen, den ich noch nie gehört habe und der auf Hamzas Lippen nach loos klingt oder vielleicht nach loss, das englische Wort für Verlust. Aber loos oder loss bezeichnet auf Arabisch eine rohe Mandel mit dicker grüner Samthaut, die man ungeschält isst, mit etwas Salz, vielleicht Olivenöl. Selbst mein Vater, ein großer Mandelesser wie zuvor schon sein Vater, kennt sie nicht, als ich ihn danach frage. Keine meiner Tanten kennt sie. Ich werde das Wort so niederschreiben, wie es im Mund des jungen Fast-Palästinensers klingt. Wochen später entdecke ich sie auf einem Markt in Bethlehem, auf einem Metallwägelchen, inmitten einer Gasse. Ich werde ein Päckchen dieser rauhen Mandeln kaufen und ihm als Geschenk mitbringen, ohne zu gestehen, dass ich sie einfach nicht hinunterschlucken konnte, diese dicke Frucht des Verlustes, von seiner Mutter empfohlen. winziges gepäck Für die Reise zu packen wird zu einem langen Abschied vom Gepäck. Tagelang liegt der offene Koffer vor mir, in den ich nach und nach meine Erinnerungen lege. Aber je näher das Datum rückt, desto mehr reduziert sich der Inhalt, damit Platz bleibt für die Ahnung von dem, was kommt. Ich nehme einen kleineren Koffer, werfe aber immer weiter Ballast ab, bis nur noch das Unerlässliche übrig ist, wenig Kleidung, das eine oder andere Geschenk, eine kurze Geschichte des Konflikts, die mir eine Freundin nach dem Einsturz der Türme geschenkt hatte. Ich sehe auf das Erscheinungsdatum. September 2002. Hinein kommen die Bücher, um die mich mein Freund-der-Schriftsteller gebeten hat. Hinein, aber gleich wieder heraus kommt ein Dokumentarfilm, den mir eine deutsche Frau geschickt hatte, die nicht nur in Beit Jala gelebt, sondern auch an der Chile-Schule unterrichtet hatte. Ich sehe mir die Amateurdokumentation noch einmal an und frage mich, ob mein Vater sich die Kopie angesehen hat, die ich ihm geschenkt habe. Ich fische die Mailadresse der Deutschen-Freundin-einer-Freundin heraus und schreibe ihr von meiner Reise. Sie antwortet nicht, und ich begreife, dass ich meinen winzigen Koffer schließen muss. who are you Das Datum der Londonreise rückt näher, und immer öfter befällt mich Schwindel beim Gedanken an den freien Fall ins Ungewisse. Meine Tante-die-Ältere lässt mir über meinen Vater ausrichten, ich solle die entfernten Tanten besuchen und ihnen Geschenke mitbringen. Solle Wolljacken kaufen oder ein Seidentaschentuch oder ein Portemonnaie, das meinen geschrumpften Koffer nicht belaste. Sie werde es mir später zurückzahlen. Heb die Rechnung auf, betont die überkorrekte Immigrantentochter, meine Tante-die-Erstgeborene. Und ich solle sie so bald wie möglich anrufen, lässt sie ebenfalls ausrichten. Mein Vater diktiert mir eine Telefonnummer und verlangt, peinlich genau, dass ich sie wiederhole. Langsam sage ich die Ziffern auf, und ein Gedanke kommt mir in die Quere: In welcher Sprache wir uns verständigen werden. Natürlich auf Spanisch, sagt mein Vater, Maryam hat ein paar Jahre in Südchile gelebt. Das ist lange her, erklärt er, aber ein wenig spricht sie noch. Ich lasse die Nummer zwei, drei Tage auf dem Tisch liegen. Die Frist läuft ab und lässt mir schließlich keine Wahl. Ich zwinge mich dazu, sie zu wählen und nach ihr zu fragen. Hallo, sage ich, Maryam? Maryam, höre ich am anderen Ende wie ein Echo, und dann einen langen Satz auf Arabisch, der eine Frage oder ein Totengesang sein könnte. Hallo, wiederhole ich, hello, noch einmal, English?, und ich versuche, marhaba zu sagen, aber meine Zunge verheddert sich. Ich wiederhole: Maryam. Am Apparat ist wohl die andere Schwester, die niemals Beit Jala verlassen hat, die nur Arabisch spricht, mir aber ein paar Brocken steifes Englisch hinwirft und mir zu verstehen gibt, zumindest entnehme ich das ihrem Phrasieren, Maryam sei zu Besuch bei einem kranken Verwandten und werde um die und die Uhrzeit oder am nächsten Tag zurück sein. Eine Pause, dann ein gedehntes who are you, und ich versuche zu erklären, wer ich zu sein glaube. Da entsteht Erregung in der Leitung, das Beben einer Zunge, die zu übersetzen versucht, was ich ihr da sage, und die unter dem Druck der Antwort etwas herausschreit, das einzige Wort, was sie zur Hand hat. Aaaaah!, family!, sagt sie, in heftigster Bewegung, family!, family!, und ich, die ich nichts weiter zu sagen weiß, entgegne yes, yes, und fange zu lachen an, denn dieses Wort tönt so laut und verwirrend, und zugleich liegt eine gewaltige Leere von Jahren und Meer darin, von möglicher Armut, doch bei jedem family, das sie ruft, muss ich mehr lachen, sage yes, family, yes, als hätte ich alle anderen Wörter vergessen. Und ich weiß nicht mehr, ob ich ihr in diesem telefonischen Pingpong gesagt habe oder ob sie verstanden hat, dass ich reisen werde oder zurückkehren, dass ich sie besuchen möchte. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». 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