Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt
Ulrike Schmitzer


Nominiert für die Hotlist 2014

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Mysteriös und verheißungsvoll: eine Frau auf dem Weg zum Mars.

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Mit einem Lexikon der Astronautenfehler.

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»Die Astronauten, sagte er, die Tür schon in der Hand, fühlen sich in der Schwerelosigkeit wie zu Hause. Sie können sich schon nach ein paar Tagen nicht einmal mehr daran erinnern, wie es war, als die Schwerkraft den Körper nach unten gezogen hat. Ins All zu gehen, ist wie zurückzukehren."














Ulrike Schmitzer




Es ist die

SCHWERKRAFT,

die uns umbringt


Roman







Mit Dank an Irini Athanassakis, von der die im Roman beschriebenen Kunstwerke stammen




INHALT


Kapitel 1 (#uc3bf02ce-a83d-4664-88c2-6522ed633f02)

Notiz 1 (#ue7bd0dbd-f024-4fc2-bf56-7fe787549508)

Kapitel 2 (#u96c41b86-a705-492e-839d-66ce7ab1ad68)

Notiz 2 (#ua3c758d0-c8e0-42a5-a190-1bc846a01e62)

Kapitel 3 (#u04bcfe34-abc7-4b88-8a75-bfe7e98384db)

Notiz 3 (#uade8f6a6-15d1-435a-96ad-d05bbfa39058)

Kapitel 4 (#u7faa4bba-b588-593a-a026-149fcf52b9cb)

Kapitel 5 (#u034ad494-f410-523d-b03b-54bc3b92cc2e)

Kapitel 6 (#u825e1248-8701-563c-9efc-a4aa0476e0a5)

Kapitel 7 (#u8582c604-9739-4ed5-a3dd-73451ea13e18)

Notiz 4 (#u4f61e41f-f7d3-42c0-a8df-2d6ee6eac6f3)

Kapitel 8 (#u586a7431-e4e0-586a-9668-2d028ac26073)

Kapitel 9 (#u8d7f6dde-608d-5fac-b7f4-402e1a05cc9e)

Kapitel 10 (#ub3e521bc-6bf6-5450-9ac6-3f98d764c6d6)

Kapitel 11 (#uf27377d5-7768-5896-bede-25ef4861176f)

Kapitel 12 (#u2314d637-c181-5685-a3c4-9e374e32629b)

Kapitel 13 (#u99e50a0a-c502-423c-89eb-a223591ad2cf)

Notiz 5 (#uf59d930b-7cd3-4783-875e-2f14d369ba1c)

Notiz 6 (#ub9105327-fbb0-4f84-9038-d5e72224ba19)

Kapitel 14 (#ub81af710-c268-5640-a16b-1b45a5dbe2b8)

Kapitel 15 (#u9d231408-0d92-409b-b905-f754da645c09)

Notiz 7 (#u49d6becf-60e2-4ca8-9086-0da67e893a08)

Kapitel 16 (#ud94484f5-b500-480e-8a0d-8a0b30b084d4)

Notiz 8 (#ud85c5764-ca36-474d-8d24-927fcf9d28e7)

Notiz 9 (#u7c96a699-c603-4f2d-894e-dd8dee03f1e1)

Notiz 10 (#u826941aa-07d7-4611-b844-147ce78d4248)

Kapitel 17 (#u39eed190-a0cd-5cf3-a2c4-7b51124c2ad9)

Kapitel 18 (#u7549e8bb-715a-5f45-9db6-9b1e596eb63b)

Kapitel 19 (#ufa47848e-8bbc-537e-9179-0a040e398ead)

Kapitel 20 (#u2b0d317d-749d-41da-be2e-d2eb7ecf23fb)

Notiz 11 (#u822f32a2-7649-4a1a-996f-1766d36a0875)

Kapitel 21 (#u498d4da5-34e8-4f46-ae5e-487593d17174)

Notiz 12 (#u29cfc15b-a07d-434e-8f8f-af6faa37fc35)

Kapitel 22 (#u2ae249df-2258-487f-bf40-39183ad0736a)

Notiz 13 (#u96aececf-388e-414c-b15a-b97c2cdcf6b8)

Kapitel 23 (#uec8e66f5-0865-5180-96a6-3fafe40a9584)

Kapitel 24 (#u0a821d12-0852-425c-beff-f21e47183464)

Notiz 14 (#u544ab7ba-326b-4984-8230-1f3227a5999d)

Kapitel 25 (#u57d55f6e-fb84-5ffc-937c-04207f30cfaf)

Kapitel 26 (#u0ce6246a-dc1d-558a-9814-2fc52030853a)

Kapitel 27 (#ucda22a13-43dc-5156-baba-57095e73e0c6)

Kapitel 28 (#u76fce4de-4b25-5341-a959-c3084abfdf0a)

Kapitel 29 (#u26e1beb0-c133-4223-b78b-11ed3cb18aec)

Notiz 15 (#u5060603d-0819-400b-8cd8-d36487f63030)

Notiz 16 (#ueddb4a78-7a62-442c-bce5-6971435083a7)

Kapitel 30 (#uc4ae1299-04bd-5343-a09e-d3ac56acbf60)

Kapitel 31 (#u32d5dc22-529f-5e91-822f-0d1f91f0f467)

Kapitel 32 (#ue8cf07da-7938-5a76-9fb7-393e9902ae64)

Kapitel 33 (#uc2070c69-dc5d-5110-801b-79d5ac01729a)

Kapitel 34 (#u6fcda84e-6e9a-54ac-accb-c3ed71938d3d)

Kapitel 35 (#u912b9a56-728b-548e-8fc2-7daa16ac3af2)

Kapitel 36 (#uba4174ca-1437-531e-9a31-5ba03b81f4d6)

Kapitel 37 (#u6280f198-0a61-5e54-88d6-18a000c4b377)

Kapitel 38 (#u2f5d2089-c149-5d1f-9485-41b48d4b70a4)

Kapitel 39 (#u5af4a177-79d7-5b9e-8d5f-e921df9485b8)

Kapitel 40 (#uf2e33ca9-b2f9-5e39-b448-f76452e7c2bd)

Kapitel 41 (#u160c1422-6f26-5704-9102-89cc35c3f1a4)

Kapitel 42 (#ub8601f47-8a1e-5a2c-bee6-1647ef5017c7)

Kapitel 43 (#u575fd35e-32f6-5c44-a7af-57ca23c99fee)

Kapitel 44 (#u2286eb41-7b35-5d42-8eff-e989d6616c75)

KIRAS LEXIKON DER ASTRONAUTEN-FEHLER (#u62333672-5a27-4695-abd9-625f99bbbfdb)

A (#u62333672-5a27-4695-abd9-625f99bbbfdb)

B (#u0230b056-1168-45d1-8d69-22bb192a4c6e)

C (#u34d84932-bac4-4488-a843-d47d359c40d3)

D (#u8a47cf41-3c8d-40c9-84cc-986b0c8a8e32)

F (#u7e971969-9512-4a8b-a3d5-8ded5d46ffcb)

G (#u8f6e9b9f-34d0-49ad-a3cb-1dd5425e8993)

I (#ue0855f58-f0b6-4951-bb9c-63d11fd7cc81)

K (#u88847ed5-105c-4436-a7aa-cfbc67de7d7c)

L (#u2388a2a3-e29e-4f84-909b-1cecb4a9426c)

M (#u716c999d-e220-4c9a-a977-f068de944e5c)

N (#u253d3256-81fe-406f-98c9-677df27d2fa3)

O (#u7c0fdd46-8641-44a6-aa3e-fd0f95a92015)

P (#u0b698aa7-85dc-4a7f-b8c0-186adf59c702)

R (#u5d6191f7-876f-4203-b161-bac633a0c23a)

S (#uc6800e74-e9f1-4271-bab7-7db635428953)

T (#u617598c7-aaab-4e1c-9963-6574a89b78fb)

V (#ube22c642-d274-4d55-9c75-d1eaf4b89678)

W (#u648144a1-ce05-4ff3-9630-0547b73fd518)

X (#uce93d871-111b-44f0-8ba1-ed2bb4e75337)





1


Die junge Frau neben mir kramt hektisch in ihrer Tasche, holt eine Digitalkamera hervor.

Sie beugt sich über mich und streckt die Hand mit der Kamera zum Zugfenster, hält sie gegen den Himmel. Sie drückt ab, wartet ein wenig, drückt wieder ab und immer wieder.

Entschuldigen Sie, sagt sie, während sie sich wieder in ihren Sitz zurücklehnt. Ich fotografiere Strommasten.

Sie sind Künstlerin, sage ich.

Nein, warum, fragt sie und sieht mir in die Augen. Das ist mein Hobby.

Fotografieren, frage ich vorsichtig.

Strommasten, sagt sie. Strommasten fotografieren. Sehen Sie nur, wie wunderschön die Bilder sind. Keines gleicht dem anderen. Die Bewegung zerreißt die Masten. Ich hab tausende Bilder, und jedes ist anders.

Wie lange machen Sie das schon, frage ich.

Ein paar Jahre, sagt sie, wann immer es geht. Aber so schön wie heute werden sie nur selten. Das Licht. Das Licht ist heute besonders schön.

Ja, das Licht ist heute schön, sage ich, und sie beugt sich wieder über mich.






Alle drei Monate fahre ich mit dem Zug ins Weltraumzentrum. Oft dauert es dort nur einen Tag, manchmal das ganze Wochenende. Sie sagen es mir vorher nie. Als ob das so schwierig wäre. Sie müssen es doch wissen. Ich hätte nicht unterschreiben müssen. Sie haben mich mehrmals kommen lassen, mich vielen Tests unterzogen, ein Jahr lang bin ich immer wieder befragt und untersucht worden, bevor ich unterschrieben habe. Die Unterschrift war letztlich ein Triumph, auch wenn sie erzwungen war. Sie haben mir so lange erzählt, dass sie mich nicht werden nehmen können, so lange, dass ich nur noch ein Ziel vor Augen hatte: Ich muss hinein. Ich habe mir keine Gedanken mehr gemacht, was es heißt, drinnen zu sein. Was es wirklich heißt, eine von ihnen zu sein.






Das ist unsere Weltraumarchitektin.

Er stellt sie mir mit einer kurzen Handbewegung vor, greift zum Handy, das gerade läutet.

Ihr kommt schon zurecht, sagt er schon mehr ins Handy als zu uns und verlässt den Raum.

Xenia, sagt sie und gibt mir ihre Hand.

Hallo, sage ich und vergesse mich vorzustellen. Xenia kann doch nicht ihr richtiger Name sein, denke ich und finde es kindisch, sich so zu nennen.

Sie haben vermutlich schon genug vom Testen, sagt sie freundlich, aber wir haben eine neue Versuchsreihe gestartet, für die Ihre Mitarbeit sehr wichtig ist.

Xenia hat glatte, schwarze Haare. Sie trägt ein rotes Designerkleid im Stil der 1990er-Jahre. Wir setzen uns an den grauen Tisch im Besprechungsraum.

Worum geht’s denn, frage ich.

Um Space-Design. Meine Aufgabe ist es, Ihnen allen den Flug und den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.

Sie klappt ihren Laptop auf und spielt mir ein paar Animationen vor.

Sehen Sie, sagt sie. Das Space-Bett. Die Astronauten beklagen sich, dass sie das Gefühl des Zudeckens vermissen. In der Schwerelosigkeit funktioniert das nicht.

Ich dachte, wir haben dann künstliche Schwerkraft, frage ich.

Da können wir noch nicht sicher sein, sagt sie.

Der Space-Chair – und das ist die Space-Dusche, sagt sie.

Eine Dusche soll das sein, frage ich.

Daran haben wir zehn Jahre gearbeitet, sagt sie. Der Duschkopf. Er sprüht und saugt das Wasser wieder ein. Und der Clou: Er reinigt es auch gleich.

Wir möchten gerne, dass Sie diese Geräte testen. In der Schwerelosigkeit.

Schon wieder ein Parabelflug, sage ich.

Anders wird es nicht gehen, sagt sie.

Ein Parabelflug, das heißt zwanzig, dreißig Mal im Sturzflug nach unten, das heißt zwanzig, dreißig Mal steil nach oben. Das heißt so lange rauf und runter, bis das Kotzen unvermeidbar ist.

Vierundvierzig, sagt sie. Sie haben schon vierundvierzig Parabelflüge absolviert.

Schon so viele, frage ich.

Das steht zumindest hier.

Wann soll es denn losgehen?

Morgen, sagt sie.

Morgen, wiederhole ich.

Meine Kollegin wird Sie noch in die Geräte einweisen und Ihnen alle Handgriffe erklären. Was ich von Ihnen will, sagt sie, ist eine detaillierte Kritik nach dem Flug. Wir haben 20 Testpersonen, und von Ihnen wird die Qualität der Ausstattung abhängen.

Worauf soll ich genau achten, frage ich. Und wie soll ich in der kurzen Zeit, in 20 Sekunden, im Space-Bett »testschlafen«?

Sie lacht.

Das ist wie einen Pyjama anprobieren, dafür müssen Sie auch nicht schlafen. Sie werden Designvariationen zum Testen bekommen. Die Details wird Ihnen meine Kollegin erklären. Wir sehen uns dann nach dem Parabelflug wieder, sagt sie.






Ich bin froh, dass es nicht wieder einer dieser psychologischen Tests ist. Sie haben mich stundenlang eingesperrt, unter Druck gesetzt, um zu sehen, wie ich reagiere. Sie haben mir nichts zu essen gegeben, mich ewig nicht schlafen lassen. Ich bin nicht in Tränen ausgebrochen. Sie haben mir unlösbare Aufgaben gegeben und mir gesagt, die anderen hätten das in einer Stunde gelöst. Sie haben mich gedemütigt. Ich bin nicht in Tränen ausgebrochen. Vielleicht war das falsch? Vielleicht beweist man damit, dass man eine Verbindung zu seiner Gefühlswelt hat? Wie verhält man sich am besten unter den Augen der Forscher? Ich hätte das sehr gerne einmal mit jemandem besprochen. Mit jemandem von innen. Sie achten aber darauf, dass wir keinen Kontakt untereinander haben. Ich kenne niemanden. Ich habe versucht, mir die Menschen auf dem Bahnhof einzuprägen. Sind es immer wieder dieselben, denen ich begegne? Die auch immer dann am Bahnhof sind, wenn ich dort bin, obwohl ich nie zur gleichen Zeit ankomme?

Das FBI ist auf meiner Seite, flüstert mir plötzlich eine Frau am Bahnhof ins Ohr. Das FBI. Sie packt mich am Ärmel, reißt mich fast um. Ich sehe ihr wirres Haar und die große Aktentasche, die sie vor dem Bauch trägt. Aufpassen, Österreich! Im dritten Bezirk ist schon die Atombombe. Sie dreht sich mit ihrer Tasche wie in einem Karussell, schreit 3-2-1, und mit einem lauten GO wirft sie die Tasche von sich. Niemand beachtet sie.




Notiz 1


Lisa Nowak veränderte alles. Die NASA-Astronautin hatte den Psychologen vorgeführt, dass sie absolut nichts über die Psyche ihrer Astronauten wissen. Im einen Moment noch die Vorzeige-Astronautin des Space Shuttles »Discovery«, eine Bordingenieurin auf der Internationalen Raumstation, zusammen mit dem deutschen Astronauten Thomas Reiter. Im nächsten Moment die liebeskranke Irre. Lisa Nowak. Mutter von drei Kindern. Verliebt in den Shuttle-Piloten Bill. Zwei Jahre jünger als sie. Die Liebe muss geheim bleiben, Nowak ist verheiratet. Doch Lisa findet heraus, dass Bill auch in E-Mail-Kontakt mit einer anderen Frau steht. Die Rivalin lebt 1.500 km von Houston/Texas entfernt, in Orlando/Florida. Nowak legt sich Perücke, Sonnenbrille, Trenchcoat zu, fährt nach Florida und verfolgt ihre Rivalin. Sprüht Pfefferspray durch den Schlitz in deren Autoscheibe. Die Rivalin kann fliehen, alarmiert die Polizei. Die Beamten finden Latexhandschuhe, eine Luftdruckpistole, ein Messer und einen Metallhammer in Lisa Nowaks Auto. Und von Lisa entwendete Liebesbriefe der Nebenbuhlerin an Bill. An »ihren« Bill. Eine Astronautin ist nicht wie andere Frauen: Nowak trägt Windeln, um auf der 1.500 Kilometer langen Autofahrt von Houston nach Orlando keine Pause einlegen zu müssen. So wie das Astronauten auch bei Starts und Landungen tun. Im Auto findet die Polizei noch ein chinesisches Glückskeks mit dem Orakel »Der kommende Monat bringt Veränderungen in Ihr Leben.« Darf eine Astronautin an Orakel glauben?





2


Ich sitze allein in dem kleinen Speiseraum im Trainingszentrum. Chinesisches Essen. Aber kein Glückskeks. Darf ich Sie einladen, hat er damals in der Kantine der Universität gefragt.

Wozu wollen Sie mich hier schon einladen, hätte ich am liebsten gesagt. Hier gibt es nur abgepacktes Essen und Getränke in Plastikflaschen. Ich kannte ihn nicht, auch nicht vom Sehen.

Nicht hier, sagte er, als ob er mich gehört hätte. Am Abend, in ein Restaurant.

Ich zuckte mit den Schultern.

Ich hätte nämlich ein Angebot für Sie. Ein wirklich einmaliges, ungewöhnliches Angebot, sagte er.

Ich brauche aber nichts, sagte ich.

Er sagte, sie würden mich schon länger beobachten. Sie hätten mich ausgewählt. Ich hätte Fähigkeiten, die sie brauchen würden. Und ich wäre allein. Sie würden mir die Chance geben, an etwas Einzigartigem teilzuhaben. Ich sollte ein Schläfer werden. Einer von Hunderten weltweit.

Was ist ein Schläfer, fragte ich und dachte sofort an 9/11 und an Spionage.

Ein Schläfer wird von uns vorbereitet und wartet auf den Tag, an dem er zum Einsatz kommt.

Und wann wird das sein?

Vielleicht in drei Jahren, vielleicht nie, sagte er. Vielleicht kommt erst die nächste Generation zum Einsatz.

Und was ist das nun für ein spannender Einsatz, fragte ich.

Ein Jahrhundertprojekt, sagte er. Ach, was sage ich, ein Jahrtausendprojekt!

Und was, fragte ich noch einmal.

Die Besiedelung des Mars.

Ich musste laut auflachen. Ich konnte mich vor Lachen nicht mehr halten. Ich verschluckte mich, hustete und bekam einen hochroten Kopf.

Beruhigen Sie sich, sagte er. Das ist kein Witz.

Sie wissen, wir bereiten schon seit Jahren die Besiedelung des Mars vor. Sie haben sicher in den Zeitungen davon gelesen. Von den ersten Mars-Sonden über die Mars-Rover bis hin zu den Mars-Robotern und schließlich die ersten Habitate, die wir hinuntergelassen haben.

Da ist doch alles schiefgegangen, sagte ich.

Wir hatten ein paar Startschwierigkeiten.

Startschwierigkeiten ist gut, sagte ich.

Es gibt Wasser auf dem Mars. Das war die Initialzündung für unser Projekt. Ohne Wasser wäre kein Leben auf dem Roten Planeten möglich.

Das ist sehr interessant, sagte ich mit übertrieben gespielter Langeweile.

Sie werden zu den ersten Siedlern auf dem Roten Planeten gehören, sagte er stolz.

Sie sagen das so bestimmt, sagte ich etwas irritiert.

Weil Sie keine Wahl haben, sagte er.

Und ob ich die habe, sagte ich. Ich stand auf und ging grußlos. Ich wusste damals schon, dass er recht hatte.






Hier, sagte er und deutete mit dem Zeigefinger auf die rechte Ecke des Vertrags. Und hier unterschreiben, sagte er und blätterte das dicke Konvolut bis ganz ans Ende durch. Auf der letzten Seite noch eine Unterschrift. So, sagte er, und dasselbe jetzt noch einmal. Als ich alles unterschrieben hatte, riss er mir den Vertrag unter der Hand weg. Ihre Kopie wird in Ihrem Safefach sicher verwahrt, sagte er. Er grinste. Mir kam es vor, als hätte ich soeben mein Todesurteil unterschrieben. Hatte ich im Grunde genommen auch. Ich würde sterben, um unsterblich zu werden. Ich würde Teil einer Gründungsgeschichte, eines Menschheitsmythos’ werden. Der Preis, den ich dafür zahlen würde, war hoch. Oder nicht? Was, wenn ich morgen einfach tot umfalle? Dann sterbe ich, ohne je etwas Großes gemacht zu haben. Ich könnte in die Wissenschaftsgeschichte eingehen. In einer Reihe stehen mit Walentina Tereschkowa, der ersten Frau im Weltall. Mein Leben wäre nicht umsonst gewesen. Vielleicht haben sie bis zu meinem Start einen wirksamen Strahlenschutz erfunden, vielleicht werde ich nicht an Krebs sterben und noch viele Jahre auf dem Mars leben können?






Leben Sie Ihr Leben, bis wir Sie holen, sagte er. Leben Sie einfach wie immer weiter. Vielleicht holen wir Sie ja nie. Nicht alle Schläfer werden zum Team gehören.

O.k., sagte ich. Das war vor zehn Jahren. Ich habe versucht, mein Leben zu leben. Doch wie kann ich eine Beziehung eingehen, die jederzeit abgebrochen werden kann? Wie kann ich ein Kind bekommen, wenn ich vielleicht bald weg muss? Sie leben ein sehr einsames, einfaches Leben. Das verringert Ihre Punktezahl, sagte er. Da sind andere sozial bessergestellt als Sie, sagte er. Da müssen Sie was tun, sonst fallen Sie zu weit zurück. Wir können doch nur sozial erfolgreiche Menschen auf dem Mars brauchen, sagte er. Sie haben die Anlagen dazu, sonst hätten wir Sie nicht ausgewählt. Aber Sie müssen auch was dafür tun, sagte er. Strengen Sie sich ein bisschen an, sagte er und klopfte mir ermutigend auf die Schulter. Er berührte mich sonst nie.

Sie sind eine hervorragende Wissenschaftlerin. Wir brauchen Ihre Expertise da oben. Denken Sie daran, sagte er.

Ich nickte nur, sah ihn zur Strafe aber nicht an. Ich halte diese Einsamkeit hier nicht mehr aus. Mein Leben ist eine einzige Isolationsstudie.






Wieder ein Test. Transhab, der Prototyp eines aufblasbaren Habitats. Es verändert sich nach Ihren Wünschen, wir müssen dafür Ihre Gehirnströme messen. Wenn Sie viel Platz brauchen, macht es Fläche frei, wenn Sie es lieber gemütlich haben wollen, zieht es sich zusammen. Wenn Sie Anregung brauchen und Kommunikation, ergreift Transhab die Initiative. Wir brauchen doch keine Depressiven da oben, nicht wahr, sagt er.

Das ist Constance, sagt er. Die Konstrukteurin. Sie werden von ihr noch eingewiesen. Eine viel beschäftigte Frau, sagt er. Eine Ehre, dass sie sich extra Zeit für Sie nimmt.

Aha, sage ich. Danke. Und danke, dass ich mir so viel Zeit nehmen darf, denke ich.

Ihr Vater, sagt er.

Was ist mit meinem Vater, frage ich.

Falls Sie noch Zweifel haben sollten, sagt er.

Sollte ich denn Zweifel haben, frage ich ihn.

Keineswegs, sagt er. Aber mir kam nur zu Ohren, dass Sie sich nicht voll in die Versuchsreihe einbringen.

Doch, ich bin hochmotiviert, sage ich. Aber was hat das mit meinem Vater zu tun?

Ihm soll doch die beste Pflege angedeihen, sagt er.

Angedeihen, sagt er. Was haben Sie denn mit meinem Vater zu tun, frage ich. Mein Vater wartet seit Monaten auf einen freien Platz in diesem speziellen Pflegeheim. Mir wurde nur gesagt, die Warteliste sei unglaublich lang.

Wartelisten sind kein Gesetzbuch, sagt er. Wir unterstützen Sie, wo es nur geht. Das sollten Sie nicht als selbstverständlich ansehen.

Das tu ich nicht, sage ich unterwürfig.

Na also, sagt er. Dann strengen Sie sich für uns alle ein bisschen mehr an.






Im Schlaflabor. Endlich eine angenehme Aufgabe.

In den nächsten Tagen, sagt er, ist Ihre einzige Aufgabe, sich hier zu entspannen. Schön, sage ich. Ich will motiviert erscheinen.

Auf dem Mond wäre der Rhythmus ein Problem: Dort ist es 14 Tage hell und 14 Tage Nacht. Aber auf dem Mars werden wir einen 24-Stunden-Rhythmus haben. Wenn ich aus dem Fenster sehen werde, werde ich zwei Monde sehen: Phobos und Deimos. Es ist nur ein winziges Detail, aber genau darauf freue ich mich schon.

Worum geht’s denn, frage ich ihn.

Wenn wir Ihnen das verraten, hat das Experiment keinen Sinn mehr, sagt er.

Drei Tage, frage ich.

Drei Tage, sagt er.

Mit Schrecken denke ich an die Bettruhe-Studie zurück. Drei Monate habe ich im Bett ausharren müssen. Mit Ihrem Arbeitgeber ist alles geklärt, hat er gesagt. Sie sind bei einer Studie unabkömmlich.

Stimmt ja auch, habe ich geantwortet.

Erst kommt der Schmerz in den Beinen, dann im Kreuz, dann schmerzen sogar die Haare, die ständig auf dem Polster aufliegen. Vierundzwanzig Stunden allein in einem kleinen Raum. Die Tür zum Gang offen. Gott sei Dank. Hektische Betriebsamkeit am Gang. Die Masseurin. Der Mann mit den Zeitungen und Büchern. Die Ärzte. Blutdruck, Fettgehalt, Zucker, Urin, alles automatisch, Datenleitung direkt ins Chefarztzimmer. Der Psychologe. Die Krankenschwester mit dem Essen, dem frischen Jogginganzug. Die Körperpflegerin. Die Fitnesstrainerin. Meine Übungen. Jeden Tag genau nach Plan. Geht es darum zu sehen, ob ich durchhalte? Ob ich durchdrehe? Ob ich hysterisch werde? Oder geht es darum, wie sehr mein Körper abbaut?

Im Bett. Das ist die einzige Möglichkeit für uns auf Erden, sagte er, dauerhaft Schwerelosigkeit zu simulieren. Am Anfang muss man sich ständig gegen den Drang wehren, sich aufzusetzen. Der Körper schreit danach, sich aufrichten zu dürfen. Nach ein paar Wochen hat er aufgegeben, zieht nicht mehr nach oben, drückt schwer ins Bett. Was habe ich mir alles vorgenommen. Drei Monate! Was man da alles erledigen kann. Ich habe mir die Klassiker, die seit Jahren unangetastet in meinem Regal stehen, mitgenommen. Tolstoi, Bernhard, Kafka, Mann. Endlich werde ich Zeit haben, alles zu lesen! Ich werde jeden Tag drei Stunden lesen, zwei Stunden meine Mails erledigen, zwei Stunden an neuen Projekten arbeiten. Ich werde mit tollen Ideen in die Arbeit zurückkommen. So war der Plan. Dann war alles anders. Die ersten Tage war ich zu aufgewühlt, um in Ruhe zu lesen. Dann dehnte sich die Schwere von meinem Körper in meinen Kopf aus. Ich nahm ein Buch zur Hand und verspürte keinen Drang, es zu lesen. Es war einerlei, was darin stand.

Sie lesen nicht, stellte der Psychologe fest.

Nein, sagte ich. Ich habe keine Lust.

Was denken Sie, warum Sie keine Lust haben, fragte der Psychologe.

Ich bin zu müde, sagte ich.

Müde wovon, fragte er.

Ich starrte nur in den Gang und gab ihm keine Antwort. Er machte sich Notizen.

Die Astronauten, sagte er, die Tür schon in der Hand, sagen, sie fühlen sich in der Schwerelosigkeit wie zu Hause. Sie können sich schon nach ein paar Tagen nicht einmal mehr daran erinnern, wie es war, als die Schwerkraft den Körper nach unten gezogen hat. Ins All zu gehen, ist wie zurückzukehren. Zurückzukehren zu einem ursprünglichen Zustand. Man schwebt wie ein Fötus im Bauch der Mutter. So ist die Schwerelosigkeit. Sagen sie.

In den folgenden Nächten schlief ich noch schlechter. Ich träumte davon, in einer riesigen Höhle zu schwimmen. Ich hatte Blei an den Armen hängen. Es zog mich aber nach oben, immer tiefer in die dunkle Welt. Alles stand auf dem Kopf, ich wusste, ich musste nach unten, unten gab es Sauerstoff. Ich bekam keine Luft mehr. Ich bäumte mich noch im Schlaf auf. Saß aufrecht im Bett. Darüber erschrak ich noch mehr als über meinen Traum.

Im zweiten Monat fühlte ich mich besser. Ich hatte eine seitliche Stellung entwickelt, in der ich bequem lesen konnte, ohne dass mir der Arm einschlief. Und ich konnte beim Lesen wieder Sinnzusammenhänge herstellen. Ich dachte natürlich auch darüber nach, was sie von mir wollten. Ob sie meine soziale Kompetenz, meine Kommunikationsfähigkeit testeten. Ich bemühte mich, Beziehungen zu einigen der Betreuer herzustellen. Verwickelte sie in Gespräche, heiterte sie auf, gab die Gutgelaunte. Möglicherweise war das aber gar nicht gewünscht. Vielleicht suchten sie Einzelkämpfer, die in jeder noch so belastenden Situation in sich ruhen und sich von niemandem beeinflussen lassen.

Seien Sie einfach Sie selbst, sagte er immer.

Doch wer bin ich selbst, fragte ich mich.

Im dritten Monat wurde ich euphorisch. Nur noch vier Wochen, nur noch drei Wochen, zwei Wochen. Der Countdown.

Was würden Sie sagen, fragte der Psychologe, wenn wir den Versuch noch zwei Monate fortsetzen?

Es war wie ein Stromschlag. Die Haut auf meinem Kopf brannte bis in den Nacken hinunter.

Kein Problem, sagte ich.

Danach durfte ich nach Hause fahren.

Im Schlaflabor wird sicher alles besser.

Ich brauchte Wochen, um wieder alle Muskeln unter Kontrolle zu bekommen. Gehen zu können fühlte sich unglaublich an. Im Sitzen zu trinken und zu urinieren. Den Wind in den Haaren und auf den Ohren zu spüren. Noch einmal würde ich eine Bettruhestudie nicht mitmachen.

Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt. Wir kämpfen unser ganzes Leben gegen sie an. Wenn wir geboren werden, kostet es uns enorme Kraft, unseren Kopf aufzurichten. Die Schwerkraft zieht uns wie Blei nach unten, wir bekommen zuerst Kreuzschmerzen, dann beginnt unsere Haut zu fallen, und schließlich schaffen wir es nicht mehr, lange Strecken zu gehen. Am Ende siegt die Schwerkraft, wir liegen im Bett und ergeben uns. Über alles denken wir nach, nur den größten Feind des Menschen scheinen wir vollkommen ausgeblendet zu haben. Die Schwerkraft ist es, die uns umbringt.

So muss sich Eva gefühlt haben. Sie war die erste Frau auf einem neuen Planeten. Vielleicht stimmt die Geschichte aus der Bibel, und Adam und Eva waren die ersten Siedler. Sie kamen von einem anderen Stern und sollten auf dem blauen Planeten eine neue Bevölkerung begründen. Die Bibel hat vielleicht nur etwas verkürzt, in Wirklichkeit war eine ganze Gruppe von Siedlern da. Wäre doch auch viel logischer. Nicht jeder kann von sich behaupten, er sei Eva. Ich könnte es von mir behaupten, aber erstens darf ich es niemandem sagen und zweitens interessiert es auch niemanden.




Notiz 2


Shannon Lucid war im ersten Astronautenteam der NASA, zu dem auch Frauen zugelassen wurden. Sie verbrachte insgesamt 188 Tage im All und hält damit den Rekord für Astronautinnen: Auf der russischen Raumstation MIR war sie mit zwei Männern, die beide Juri hießen. Juri und Juri mussten einen Außenbordeinsatz, einen sogenannten EVA machen. Shannon sollte alleine an Bord bleiben. Bevor die beiden Männer ins All ausstiegen, verdeckten sie mit einem roten Tuch alle Knöpfe im Kontrollzentrum, die Shannon Lucid absolut nicht berühren durfte, während sie draußen waren.





3


Der Flieger nach Moskau ist nicht voll, nur jeder zweite Sitzplatz ist besetzt. Die Frau am Gangplatz schaut dauernd zu mir her. Oder versucht sie aus dem Fenster zu schauen? Nein, ich habe mich nicht getäuscht. Sie fixiert mich und rückt einen Sitz näher. Ihre Lippen sind tiefrot gestrichen, ihr Lidschatten zu dunkel. Entschuldigung, sagt sie.

Ich drehe mich zu ihr, ohne mein Buch abzulegen und schaue langsam auf. Ist die Strahlung am Fenster größer, was glauben Sie, fragt sie mit aufgerissenen Augen.

Keine Ahnung, sage ich.

Diese Maschine ist Nummer eins auf der Liste der Abstürze, sagt sie.

Da kann ich Sie beruhigen, sage ich. Wenn Sie den Weg mit dem Auto zum Flughafen überlebt haben, haben Sie den gefährlichsten Teil der Strecke schon hinter sich. Das zeigen alle Statistiken.

Ach, sagt sie, das ist gut, und lehnt sich zurück. Doch dann fährt sie noch einmal hoch und sagt: Gilt das auch für den Weg vom Flughafen nach Hause?

Ich sehe sie an und sage nichts.






Am Flughafen steht ein Mann mit einem Schild, auf dem »Star City« und mein Name stehen. Sternenstädtchen. Ich folge ihm, ich bin allein. Ich hatte gehofft, diesmal jemanden kennenzulernen. Der Fahrer legt mein Gepäck in den Kofferraum. Er deutet es zumindest an. Er lässt mich den Koffer hochheben und hineinlegen, synchronisiert seine Bewegungen mit meinen, greift jedoch erst zu, als der Koffer nur noch hineingeschoben werden muss. Alter Taxifahrer-Trick, der funktioniert wohl überall, denke ich. Ich setze mich ins Auto, er kratzt das Eis weg, das sich in der kurzen Wartezeit auf der Windschutzscheibe gebildet hat. Dann fahren wir los. Er lächelt nicht, er spricht nicht. Wir verlassen die Stadt, nach rund 50 Kilometern fahren wir durch einen Wald, und plötzlich steht vor uns ein großes Tor. Wir sind da. Das Juri-Gagarin-Kosmonauten-Trainingszentrum. Der Fahrer zeigt einen Brief, die Soldaten beraten, bringen den Brief zurück und machen das Tor auf. Der Taxifahrer fährt langsam durch die Allee, biegt bei einem der Blocks ein und bleibt vor der Tür stehen. Er zeigt mit dem Finger zum Eingang, macht aber keine Anstalten aufzustehen. Ich steige aus und nehme meinen Koffer. Der Taxifahrer fährt weg.

Das ist also Star City. Das sagenumwobene Trainingszentrum. Und ich bin hier.

Challo, ruft eine Frau. Eine kleine, rundliche Frau mit blonder Kurzhaarfrisur und Stechschritt kommt aus dem Haus.

Challo, sagt sie und reicht mir die Hand. Willkommen in Swjosdny Gorodok. Ich bin Oberst Irina. Ich freue mich, dass Ihre Reise gut verlaufen ist.

Danke, sage ich. Ich freue mich, hier zu sein.

Hier werden Sie wohnen, sagt sie und winkt, dass ich ihr folgen soll.

Star City war lange eine geschlossene Stadt, heute leben und arbeiten rund 6.300 Menschen hier.

Sie wohnen im selben Haus wie Dennis Tito, der erste Tourist in der Geschichte der Raumfahrt. Ihr Training beginnt morgen. Wir dürfen keine Zeit verlieren, Ihr Aufenthalt ist sehr kurz.

Sind noch andere da, frage ich und weiß in dem Moment, dass es falsch war, das zu fragen.

Oberst Irina sieht mich scharf an und sagt, oberste Geheimhaltungsstufe. Sie wissen! Und schüttelt den Kopf.

Ich hole Sie morgen ab, 0600, sagt sie und geht. Mein Zimmer ist einfach, aber sehr sauber. Ich ziehe mich aus und lege mich ohne zu duschen sofort ins Bett. Ich drehe mich hin und her, sie haben mir nicht gesagt, was auf mich zukommt.






Als Oberst Irina an meiner Zimmertür klopft, sitze ich schon an dem kleinen Tisch und warte, bis sie kommt. Das war schon als Kind so. Immer wenn ich Angst vor dem nächsten Tag hatte, konnte und wollte ich nicht schlafen. Im Schlaf vergeht die Zeit so schnell, und ich wollte den Moment des Schreckens weit, ganz weit hinauszögern. Deshalb sitze ich schon seit vier Uhr im Finsteren an diesem Tisch.

Oberst Irina nickt zufrieden, Lächeln entkommt ihr keines. Ich folge ihr still. Wir verlassen das Gebäude und gehen ein Stück durch Star City in einen anderen Block. Oberst Irina öffnet Türen und wandert durch Gänge, ich bin mit zwei, drei Metern Abstand hinter ihr. Wir stehen vor einer riesigen Halle und schauen durch ein Fenster hinein.

Das ist die größte Zentrifuge der Welt, sagt Oberst Irina. Hier müssen alle Kosmonauten durch. Wenn es gesundheitliche Probleme gibt, werden sie hier aufgedeckt. Sie haben einen Termin um 1100. Bis dahin wird sie Doktor Morokov untersuchen und für die Zentrifuge vorbereiten.

Elf Uhr. Ich trage einen Kosmonautenanzug, meine Haare sind streng zusammengebunden. Unter dem Anzug bin ich an Dutzende Messgeräte angeschlossen, ich kann mich nicht bewegen, die Gurte sind fest angezogen. Die ersten Umdrehungen spüre ich ganz leicht, doch dann beginnt meine Haut aus dem Gesicht zu fliegen, meine Gedärme wandern aus meinem Körper und mein Herz setzt aus. Ich denke an ein Karussell auf dem Spielplatz bei meiner Großmutter. An das Gefühl, dass meine Beine abheben und die Büsche rundherum zu fliegen beginnen. Ich kreischte damals, bis mir die Kraft ausging. Doch das Karussell hielt nicht an, es drehte sich immer schneller und schneller. Meine Hand begann sich von der rostigen Stange zu lösen. Ich flog in hohem Bogen auf den Schotter und holte mir blutende Wunden. Wow, sagte ich damals und wollte es gleich noch einmal versuchen. Aber ich musste genäht werden, und dann waren die Ferientage bei meiner Großmutter vorbei. Nur nach innen schauen, sage ich mir. Bald ist es vorbei. Das haben schon 300 Kosmonauten vor dir ausgehalten. 300 hat Oberst Irina gesagt. 300 sind eigentlich nicht sehr viel. Zählen Sie, befiehlt mir eine Stimme. 300, 301, 302, 303 … meine Zunge ist ganz dick, es fällt mir schwer, deutlich zu sprechen, ich bekomme keine Luft. Wie lange das wohl dauert. Lösen Sie die Aufgaben, befiehlt die Stimme. Ich drücke die Tasten, die auf dem Monitor vor mir aufscheinen. Ich spüre meine Zähne, vielleicht fallen sie aus dem Gebiss, meine Augäpfel wollen aus den Augenhöhlen springen, wieso ist mitten in der Zentrifuge ein Strand, ein wunderschöner Sandstrand, ich atme auf, die Luft ist heiß und feucht, das kann nicht sein, nein, bleib doch, er verschwindet wieder, ganz langsam, meine Zähne kommen wieder zurück, meine Haut entspannt sich, die Zentrifuge wird langsamer. Ich versuche aufzustehen, ein Techniker sagt, ich soll noch sitzen bleiben, sie müssen mich erst abkabeln. Ein Mann bringt mich auf mein Zimmer. Ich schlafe erschöpft ein.

Oberst Irina holt mich ab. Wir müssen ein Stück durch Star City gehen.

Ein weißer Wagen fährt an uns vorbei, bremst, bleibt ein paar Meter vor uns stehen. Oberst Irina deutet mir, hier zu warten.

Sie läuft zum Auto, aus dessen Fenster ein winkender Arm hängt. Wie ein Winkerkrebs, denke ich.

Oberst Irina flirtet. Sie lacht und verbiegt ihren festen Soldatenkörper. Der Fahrer startet los, bleibt noch einmal stehen und fährt dann weiter.

Das war der erste Kommandant der Internationalen Raumstation, sagt sie und lächelt noch immer. Bill.

Wir gehen beim Juri-Gagarin-Denkmal vorbei. In Schrittstellung und in Arbeiterkluft steht er hier in Bronze gegossen. Ich wundere mich, dass er nicht im Kosmonautenanzug abgebildet wurde.

Wenn die Crew ins All fliegt, sagt Oberst Irina, dann legt sie Blumen zum Monument von Juri Gagarin und trägt sich in das Memorial Book ein.

Wenn die Kosmonauten zu spät zum Training kommen, sagt sie, müssen sie die ganzen 15 Kilometer rund um die Sternenstadt laufen.

Oberst Irina gibt sich Mühe, eine gute Fremdenführerin zu sein. Das Sternenstädtchen ist zu einem Dienstleistungszentrum geworden für die Raumfahrt. Es ist nur eine Frage des Preises, ob man hier trainieren und Tests machen kann. Doch die Sowjetzeiten sind noch in ihren Körper eingeschrieben. Der militärische Habitus und der Befehlston in ihrer Stimme tun sich noch schwer mit ihrer serviceorientierten Freundlichkeit.

Werde ich das Ergebnis des Zentrifugen-Tests erfahren, frage ich.

Ich bin nicht befugt, Ihnen das mitzuteilen, sagt Oberst Irina und beschleunigt ihren Schritt.

Wir gehen bei der Betriebskantine vorbei. Der Duft von Essen kriecht in meine Nase, mein Magen beginnt zu knurren. Sie führt mich in einen kleinen Gastraum, auf dem Tisch steht ein Teller mit dampfendem Essen.

In einer Stunde hole ich Sie wieder ab, sagt sie.

Nach zehn Minuten bin ich mit dem Essen fertig. Ich könnte noch einen Spaziergang machen, denke ich und will die Tür öffnen. Ich bin eingesperrt. Die Tür hat kein Schloss, sie muss automatisch versperrt worden sein. Jetzt erst bemerke ich, dass der Raum keine Fenster hat. Vielleicht ist das ja auch ein Test. Ich setze mich wieder und versuche ruhig zu bleiben. Was kann ich schon tun. Ich muss eine Dreiviertelstunde warten, dann wird sie mich holen. Ich lege mein Ohr an die Tür, kein einziges Geräusch ist zu hören.

Als Oberst Irina die Tür öffnet, sitze ich mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden und schlafe.

So, sagt sie nur. Ich springe auf.

Jetzt Belastungstests und morgen Tauchgang, sagt sie.

Die Belastungstests kenne ich schon, es sind dieselben wie zu Hause. Der erste von drei Tagen ist vorbei.

Als Oberst Irina am nächsten Tag um 6 Uhr in der Früh klopft, öffne ich ihr die Tür. Ich sage Guten Morgen.

Guten Morgen, erwidert sie. Heute Tauchgang.

Wir gehen wieder durch das Sternenstädtchen. Oberst Irina ist schweigsam. Sie bleibt vor einem Gebäude stehen und sagt, ich soll hineingehen. Sie muss weiter. Heute viel Ärger, sagt sie und erschrickt über ihre Offenheit.

Alles Gute, sage ich und gehe in das Haus.

Ein junger Mann will meinen Namen wissen und hakt ihn auf einer Liste ab. Ich muss irgendwie an diese Liste kommen. Das sind sie, alle Namen. Der Mann, keine 20 Jahre alt, muss meine Gedanken gelesen haben, denn sofort nimmt er die Liste, steckt sie in seine Uniform und knöpft die Brusttasche zu.

Ich bekomme einen Taucheranzug und muss mit einem Tauchoffizier drei Stunden Übungen im Trockenen machen, bevor er mich ins Wasser lässt. Ich soll eine Luftschleuse in die Internationale Raumstation ISS einbauen, in das 1:1-Modell unter Wasser. Das ist ziemlich absurd. Ich werde nie auf der ISS sein. Aber da alle Trainer mit einem derartigen Ernst bei der Sache sind, versuche ich, mein Bestes zu geben. Es sieht ganz einfach aus, unter Wasser dauert die Prozedur allerdings dreimal so lange wie beim Trockentraining. Der Tauchoffizier ist zufrieden mit mir, er klopft mir auf die Schulter, als ich aus dem Wasser steige. Ich lächle ihn an, er lächelt nicht zurück.

Die denken wohl, alle Frauen sind von Natur aus ungeschickt oder dumm. Das haben wir der Astronautin Heidemarie Stefanyshyn-Piper zu verdanken.




Notiz 3


Als Heidemarie Stefanyshyn-Piper ihren ersten Weltraumspaziergang auf der Internationalen Raumstation ISS machte, führte sie acht Stunden lang fehlerfrei Wartungsarbeiten durch, und dann verlor sie ihre Werkzeugtasche im All. Frauen und ihre Taschen, das war die Nachricht der Woche.






Als ich aus der Umkleide komme, sehe ich durch die Glasscheibe den jungen Mann, wie er gerade ins Wasser steigt, um ein paar Runden zu schwimmen. Der offizielle Teil dürfte für heute wohl abgeschlossen sein. Er taucht auf, atmet ein, taucht mit kräftigen Schwimmbewegungen wieder ab. Ich sehe mich um, niemand beobachtet mich. Ich öffne die Tür zur Männergarderobe, auf dem Schild steht etwas, das ich nicht verstehe. Das ist zumindest eine mögliche Ausrede, denke ich, und zugleich weiß ich, dass mir das niemand abkaufen wird. Ich muss die Liste haben. Der Umkleideraum ist leer. Ich muss weiter, in den zweiten Raum. Mein Herz pocht so laut in den Ohren, dass ich nicht hören könnte, wenn jemand zur Tür hereinkommt. Die Uniform liegt auf der Bank. Ich durchsuche sie, das Papier knistert. Ich entfalte das Papier. Alles auf Russisch. Was sonst. Und doch bin ich kurz geschockt. Ich kann das Alphabet, ein paar Wörter, gerade genug, um in der U-Bahn die Stationsnamen schnell genug lesen zu können, bevor sie weiterfährt. Und ich weiß, wie man »Wien« schreibt. Ich suche die Liste ab. Ich sehe russische Städte, japanische, arabische, und da: Wien. Hier steht Wien auf Russisch. BéНa. Mein Name und ein Name direkt daneben. Ich lese wie ein Volksschüler, einen Buchstaben nach dem anderen: Zoe Hauser.

Ich möchte die Liste am liebsten einstecken. Es sind 50 Namen. Ich habe noch nicht einmal das erste Drittel überflogen, als eine Tür zufällt. Es ist die äußere Garderobentür. Zwei Russen reden miteinander. Der eine lacht. Ich lege mich unter die Bank, ein witzloses Versteck, denn die Bank besteht aus Sprossen mit breiten Abständen. Ein Blick, und sie sehen mich. Aber es gibt kein besseres Versteck. Es ist dumm, sich zu verstecken, denke ich, damit ist die Ausrede hinfällig, dass ich mich in der Tür geirrt habe. Ich krieche wieder unter der Bank hervor. Die Männer bleiben im ersten Raum, die Tür fällt wieder zu. Ich stecke die Liste zurück in die Uniform und schleiche mich hinaus. Ich habe einen Namen. Das verschafft mir ein Hochgefühl. Ich bin nicht mehr allein.

Der dritte Tag. Oberst Irina klopft ein zweites Mal. Ich bin zu spät. Ein geringschätziger Blick erstickt mein Guten Morgen.

Cheute letzter Tag, sagt sie mit russischem Akzent. In Simulationsanlage.

Ich steige in das nachgebaute Raumschiff und warte. Ich muss das Raumschiff landen. Das liebe ich. Schon als Kind spielte ich im Urlaub in den Spielsalons an der Strandmeile mit Computersimulationen. Wo ist die Kanone, dachte ich. Erhöhte Aggressionsbereitschaft wäre sicher ein Grund, mich aus dem Programm auszuschließen. Ich hätte sie alle abgeknallt. Rundherum. Mit dem größten Vergnügen. Cheute letzter Tag, wiederhole ich wie einen Rap, während ich die Kiste in der vorgeschriebenen Zeit lande. In diesen Dingen bin ich wirklich talentiert. Sie sollten mich als Pilotin einsetzen.

Derselbe Taxifahrer steht vor der Tür. Noch einmal mache ich den Trick mit dem Koffer nicht mit. Ich lasse den Koffer an der Treppe stehen, er steigt seufzend aus und hievt ihn in den Kofferraum. Der Rückflug geht schnell. Ich kann es kaum erwarten, zu einem Internetanschluss zu kommen, um sie ausfindig zu machen.




4


Man sollte sie nicht unterschätzen. In Wien gibt es 12 Zoe Hauser. Vielleicht war es ein Umlaut. Und es gibt 9 Zoe Häuser. Das sind zu wenige, um die Hoffnung aufzugeben, und zu viele, um an sie heranzukommen. Was weiß ich über sie? Sie muss jung sein. Sie hat vermutlich keine Kinder. Ich glaube nicht, dass sie Frauen mit Kindern auswählen. Sie müsste ihre Kinder zurücklassen. Andererseits werden sie gebärfähige Frauen brauchen. Und was ist ein besserer Beweis für die Gebärfähigkeit, als Kinder zu haben? Ich drucke die Liste mit den Adressen aus und stecke sie ein.






Meine langen Abwesenheiten von der Arbeit sind immer schwieriger zu erklären. Zuerst haben sie mir Bescheinigungen vom Gericht ausgestellt, dass ich als Geschworene bereitzustehen habe. Ich darf nicht darüber sprechen, das hat jeder der Kollegen sofort akzeptiert. Wenn die dich mal in den Fängen haben, kommst du nicht mehr raus, sagten sie und meinten die Justiz. Schöffe, Geschworener. Das glaubt mir doch inzwischen keiner mehr, sagte ich nach zwei Jahren zu ihm, und er reagierte. Krankenstände, Arztbestätigungen. Meine Arbeit blieb liegen. Keine Laborarbeit, keine Studien, keine Publikationen.

Sie wollten mir die Leitung der Studie entziehen, die ich auf die Beine gestellt hatte.

Das ist mein Forschungsbereich, sagte ich zum Professor. Meine Expertise. Das Thema gibt es überhaupt nur, weil ich an der Uni bin. Ohne meine Initiative gäbe es keine Förderungen, sagte ich ihm.

Sie können weiter mitarbeiten, sagte der Professor. Ich werde den Kollegen Harreiter damit betrauen.

Harreiter, sagte ich, den habe ich ausgebildet. Der ist noch lange nicht so weit.

Das entscheide ich, sagte der Professor.

Mein Sessel war noch da, als ich an einem Sonntag in die Uni kam, aber Harreiter hatte demonstrativ sein Familienfoto auf meinen Schreibtisch gestellt. Ich ließ es in den Mistkübel fallen, es zerbrach. Meine Unterlagen holte ich aus einer Kiste, die in der Ecke stand.

Die Kollegen ignorierten mich. Wenn die Aufgaben für neue Studien verteilt wurden, hieß es nur, wer weiß, ob du dann überhaupt da bist. Ich konnte nicht einmal widersprechen, ich wusste es selbst nicht. Ich wurde nicht mehr auf Firmenfeiern eingeladen und nicht mehr gefragt, ob ich in die Kantine mitgehe. Wenn ich ein paar Tage nicht mehr in der Arbeit erschien, fragte niemand mehr, was ich gemacht habe. Ich war bald die Unsichtbare.






Nach der Arbeit fahre ich mit der Straßenbahn in die Lerchenfelder Straße. Entlang der Straße ist eine Allee, Sitzbänke überall zwischen den Baumreihen. Autos gibt es hier in der Innenstadt schon lange keine mehr. Die Mietpreise sind unerschwinglich. Aber wer sagt, dass sie nur arme Leute ausgesucht haben. Ich setze mich auf die Bank schräg vor dem Haus und warte. Ein paar Leute gehen aus und ein. Ich werde sie nicht erkennen. Ich gehe zur Tür, suche das Türschild. »Hauser« steht da. Die Haustür ist offen, ich gehe hinein bis an die Wohnungstüre und läute.

Aus der Wohnung höre ich Schritte näherkommen. Schlurfen. Kein gutes Zeichen, denke ich. Langsames Hantieren an den Schlüsseln. Die Tür geht nur einen Spaltbreit auf.

Ja, eine alte Frau sieht mich fragend an.

Frau Hauser, frage ich

Ja, sagt sie noch einmal.

Das tut mir leid, sage ich, da habe ich mich jetzt in der Tür geirrt.

Die alte Frau schließt die Tür ohne ein Wort.

Vor dem Haus hole ich die Liste aus der Jackentasche und hake die erste Adresse ab.

Arbeit macht frei, schreit ein Mann, der auf der Treppe zur U-Bahn sitzt. Arbeit macht frei! Er fixiert einzelne Passanten und brüllt ihnen entgegen. Nachdenken! Nachdenken! Arbeit macht frei!

Es ist schon finster, als ich aus der U-Bahn beim Westbahnhof steige. Es sind sehr viele Menschen unterwegs, sie rempeln mich an, steigen mir zwischen die Füße, drängen mich an die Hausmauer. Ich atme erleichtert auf, als ich endlich die Äußere Mariahilfer Straße erreicht habe. Nach zehn Minuten stehe ich vor dem Haus, das bei mir auf der Liste die Nummer zwei trägt. Ich läute. Niemand reagiert. Ich läute ein zweites Mal. Ich lehne mich an die Hausmauer und warte. Ich spiele im Geiste verschiedene Möglichkeiten durch, wie ich sie ansprechen und herausfinden könnte, ob sie Teil des Programms ist.

Ich bin ein Marsmensch. Sie auch?

Sagt Ihnen Star City zufällig etwas?

Phobos und Deimos? Wenn sie auf den Mars fliegen will, wird sie wohl die beiden Marsmonde kennen. Eine gute Frage, denke ich. Unverfänglich, aber direkt.

Endlich kommt jemand, ein Mann öffnet die Tür. In dem Moment geht das Licht im Stiegenhaus automatisch aus.

Herr Hauser, frage ich.

Ja, fragt er. Ich kann ihn kaum sehen, in der Wohnung ist es auch finster.

Was soll ich jetzt bloß sagen, warum habe ich denn überhaupt ihn gefragt?

Ist Zoe Ihre Frau?

Wer will das wissen, fragt er nicht unfreundlich.

Oh, entschuldigen Sie, sage ich. Ich warte auf Ihre Frau, ich muss sie dringend sprechen.

Und Sie sind, fragt er noch einmal und hält mir schon die Türe auf. Ich trete aus dem dunklen Stiegenhaus in seine Wohnung.

Elsa, sage ich. Elsa Noah.

Noah. Wenn er eingeweiht ist, wird er jetzt Verdacht schöpfen. Aber mir ist nichts anderes eingefallen. Ich ärgere mich, dass ich nicht besser vorbereitet bin.

Frau Noah, sagt er, dann kommen Sie einmal mit, meine Frau wird in einer Viertelstunde zu Hause sein. Ich mache Ihnen in der Zwischenzeit einen Kaffee. Beim Gehen macht er mit einer Handbewegung das Licht an.

Ich folge ihm in die kleine Küche, die wie aus der Zeit um 1900 wirkt, als die Küchen zugleich Badezimmer waren. Die Badewanne versteckt sich hinter einem schlampig zurückgeworfenen Duschvorhang.

Sie entschuldigen, sagt er. Aber wir haben zur Zeit etwas Chaos.

Er sieht mir erstmals in die Augen und erstarrt.

Was, frage ich.

Frau Noah, sagt er. Meine Frau wird Sie bestimmt sehen wollen.

Ich nicke.

Er starrt mich noch unverschämt lange an, dann verlässt er den Raum.

Ich sehe mich um, ob es Anzeichen für Kinder gibt. Spielsachen, Badeente, Kinderschuhe. Ich kann nichts entdecken.

Kaffee bekomme ich wohl eher keinen, denke ich, als er gerade wieder zurückkommt.

Es ist alles wie um die Jahrhundertwende, sagt er und fixiert mich wieder so eigenartig, aber meine Frau will nicht umbauen. Ihr gefällt das so. Und die anderen Zimmer sind sehr groß und haben viel Licht. Das braucht sie.

Ja, das verstehe ich, sehr nett, sage ich.

Sie entschuldigen mich kurz, sagt er, während er mir eine Tasse Kaffee aus der Maschine macht und hinstellt, aber ich muss noch rasch ein Telefonat führen.

Ich versuche mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Ich stelle mir vor, wie das Gespräch verlaufen wird.

Wir kennen uns nicht, oder, wird sie fragen.

Nein, Elsa, nein, werde ich sagen. Elsa Noah.

Sie wird meine Hand zum Gruß nehmen. Meine Hand wird zu schwitzen beginnen, und ich werde hoffen, dass sie sie endlich wieder loslässt.

Sagt Ihnen Phobos und Deimos etwas, werde ich vorsichtig fragen.

Sie wird überlegen.

Die griechischen Figuren oder Comicfiguren, oder sind das nicht irgendwelche Planeten? Keine Ahnung, was meinen Sie damit, wird sie fragen. Ihr Mann wird an der Türschwelle lehnen.

Sie wird mich erwartungsvoll ansehen.

Ich bin auf der Suche nach einer Zoe Hauser, werde ich sagen, die mit dem Weltraum zu tun hat. Könnte ich da bei Ihnen richtig sein?

Mit dem Weltraum? Sie wird lachen. Mit dem Weltraum habe ich nichts zu tun, ich habe genug Chaos auf dieser einen kleinen Welt!

Ich werde aufstehen und versuchen, ohne weitere Befragung aus der Wohnung zu kommen. Sie wird sagen, jetzt haben Sie nicht einmal Ihren Kaffee ausgetrunken.

Sie wird mich zur Tür bringen, und ihr Mann wird uns nur ein Stück im Flur begleiten.

Ja, dann, wird sie sagen, die Eingangstür öffnen und zu ihrem Mann zurücksehen, der gerade im Zimmer verschwindet, und mich in diesem Moment am Arm packen. Sie wird mir zuflüstern.

Morgen, Aida Stephansplatz, 8 Uhr, und dann wird sie ganz laut sagen: Viel Glück bei Ihrer Suche, auf Wiedersehen!

Und ich werde sie gefunden haben.

Der Kaffee ist schon kalt. Ich trinke den letzten Schluck aus, als es endlich an der Eingangstür klingelt. Ihr Mann macht auf und flüstert mit ihr. Sie öffnet langsam die Küchentür, als ob ein gefährlicher Hund in der Küche lauern würde. Ihr Kopf kommt zuerst durch die Tür, und jetzt weiß ich, warum mich ihr Mann so angestarrt hat. Sie sieht genauso aus wie ich. Sie ist ich.






Zu mir! Nur diese kleine Notiz auf meinem Schreibtisch. Der Professor will mich sehen. Er wird mir kündigen, denke ich.

Er gibt mir die Hand, das macht er sonst nie.

Es haben sich Veränderungen ergeben, sagt er.

Gute oder schlechte, frage ich.

Setzen Sie sich, sagt er und deutet auf die zerbeulte Ledercouch.

Ich habe meine Entscheidung noch einmal überdacht, sagt er. Sie werden die Leitung der Studie nicht abgeben. Ich werde vielmehr eine Assistentin für Sie einstellen, die Ihre Laborversuche abwickeln kann. Sie werden nur mehr die Interpretation der Daten übernehmen müssen.

Ja, sage ich.

Ich weiß nicht, wie Sie das gemacht haben, aber die Forschungsförderung ist an Ihre Person gekoppelt, die wollen nur Sie.

Aha, sage ich. Aber nicht Harreiter.

Und was mache ich jetzt mit Harreiter, fragt der Professor. Seine Beförderung liegt schon in der Lohnverrechnung. Wie sieht das denn aus. Sie bringen mich da ganz schön in Verlegenheit.

Nicht Harreiter, sage ich noch einmal, schüttle ihm die Hand und gehe.




5


Diese Tests werden Ihnen gefallen, sagt die Weltraumarchitektin.

Ich freue mich, sie nach acht Monaten jetzt wiederzusehen.

Sie werden heute unsere Haubenköche bewerten, sagt sie. Wir haben Spitzenköche eingeladen, schmackhafte Weltraumkost zuzubereiten. Ich hoffe, Sie haben Hunger mitgebracht.

Aber, will ich fragen, aber warum, doch sie redet weiter.

Ich werde Ihnen gleich erklären, warum ich die Studie betreue.

Ich nicke. Genau das wollte ich fragen.

Für die Reise zum Mars, sagt sie, kommen nur neun Zutaten in Frage. Alle Zutaten müssen in den Gewächshäusern der Mars-Kolonien gezüchtet werden können. Und sie müssen als Nebenprodukt noch Sauerstoff erzeugen. Die Konstruktion der Gewächshäuser ist die Aufgabe der Weltraumarchitektur.

Ich nicke wieder.

Sie bekommen als erstes drei Variationen von Marsbrot mit verschiedenen Aufstrichen.

Als Hauptmahlzeit servieren wir Variationen aus Kartoffeln, Soja, Spinat, Tomaten und so weiter, aber lesen Sie, hier steht alles. Ich möchte Sie bitten, die Tabelle rechts sorgfältig auszufüllen, damit wir exakte Testergebnisse bekommen.

Ich mag keine Tomaten, sage ich.

Die Weltraumarchitektin wird blass.

Mögen Sie keine Tomaten oder vertragen Sie keine Tomaten, fragt sie.

Ich mag sie nicht, sage ich. Ich habe keine Allergien.

Dann muss ich Sie bitten, sie trotzdem zu essen. Sie macht sich eine Notiz.

Das ist ärgerlich, sagt sie, und ich weiß nicht, ob sie damit mein Verhalten meint oder den Fehler in der Kommunikation. Denn diese Dinge wurde ich schon des Öfteren abgefragt. Das sollten sie eigentlich über mich wissen.

Dann wünsche ich guten Appetit, sagt sie freundlich.

Ich koste von überall nur ein wenig, und doch bin ich nach kurzer Zeit völlig satt. Das Essen ist pikant.

Nach dem letzten Gang kommt Xenia wieder.

Na, fragt sie, wie hat’s geschmeckt?

Wunderbar, sage ich, ganz toll, und reiche ihr die Zettel. Sie wirft einen Blick darauf und sieht, dass ich einige Menüs mit der schlechten Note vier bewertet habe.

Ausgezeichnet, sagt sie. Da haben Sie uns sehr geholfen.

Und die Gewürze, frage ich. Wo kommen die dann her?

Xenia grinst.

Salz und ein paar andere Gewürze werden Sie mitnehmen, sagt sie. Aber am besten stellen Sie sich schon auf vegetarische Kost um, denn Kuhställe werden mit Sicherheit keine auf dem Mars gebaut.

Wer kann das heute schon wissen, sage ich.

In der U-Bahn beobachte ich einen Mann, der nervös durch die Gänge geht und mit dem Fuß Zigarettenkippen und kleine Müllteile in die Ritzen zwischen den Bodenplatten schiebt. Alles klar, wiederholt er ständig. Alles klar. Passanten gehen ihm aus dem Weg, um ihn nicht bei seiner Arbeit zu behindern.




6


Es war unerträglich, in mein eigenes Gesicht zu sehen. Sie trägt die Haare ganz kurz, das steht uns gut.

Sie fragte nur: Wer sind Sie?

Keine Ahnung, sagte ich. Etwas Blöderes konnte man in so einer Situation wohl nicht sagen.

Was wollen Sie denn, fragte sie. Worum geht es denn?

Wegen Phobos und Deimos, sagte ich.

Das ergab keinen Sinn, und das merkte ich an ihrem Blick. Mein wunderbar vorbereiteter Dialog. Was redete ich denn. Ich bat sie, ob wir uns in drei Tagen um acht in der Aida am Stephansplatz treffen könnten. Sie sagte ja.

Ich kenne eine Frau, die sieht genauso aus wie du, hat immer wieder einmal jemand zu mir gesagt. Auf einem Fest, bei einem Kurs oder in einem Geschäft.

Ah, wirklich, sagt man doch in so einem Fall. Interessant, sagt man. Aber man findet es nicht wirklich interessant, weil man weiß, dass man einzigartig ist. Man weiß, dass man ganz anders aussieht. Wenn auch nicht für andere. Es gibt mich nur einmal, und alle, die das nicht merken, sind blind oder Idioten, dachte ich. Ich hätte nachfragen sollen, wer die andere ist. Ich kann mich erinnern, sogar nachgefragt zu haben. Die kenn’ ich nur vom Sehen von der Arbeit, die musst du doch schon mal gesehen haben … nichts als vage Behauptungen.

Ein Meer von Krapfen. Rotglasierte, goldene, gepunktete, gestreifte, grüne, Champagner-Krapfen, die Auslage ist voll von ihnen. Die Aida sperrt um 21 Uhr schon zu. Ich warte beim Eingang. Sie kommt zu spät. Ich warte. Sie kommt gar nicht. Es ist halb neun. Hab ich mich verhört? Oh Gott, vielleicht hat sie acht Uhr morgens verstanden?




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