Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)
Paul Scheerbart


Diese SF Sammlung wurde mit einem funktionalen Layout erstellt und sorgfältig formatiert.

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&quot;Am graden Rande einer halbrunden Steinebene stehen die blanken Maschinen; die Steinebene ist schwarz und ganz glatt wie ein Eismeer ohne Schnee. Und entsetzlich groß ist die halbrunde glatte Steinebene; um ihren krummen Rand hat sich ein hellgrauer Wolkenkranz gelegt; die Wolken sind stilisierte hellgraue Riesenrosen, die zu maßlos hohen Gebirgen wurden. Weiß ist der Himmel – wie Milch." (Die wilde Jagd)

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Paul Scheerbart (1863-1915), auch unter seinen Pseudonymen Kuno Küfer und Bruno Küfer bekannt, war ein deutscher Schriftsteller phantastischer Literatur und Zeichner.

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Inhalt:

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Lesabéndio (Asteroidenroman)

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Die wilde Jagd

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Die große Revolution (Mondroman)

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Liwûna und Kaidôh

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Immer mutig!

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Kometentanz

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Der Kaiser von Utopia

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Das große Licht

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Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

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Glasarchitektur

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Na prost!

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Platzende Kometen








Paul Scheerbart




Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)


Lesabéndio + Die große Revolution + Der Kaiser von Utopia + Platzende Kometen + Die wilde Jagd…






Books

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musaicumbooks@okpublishing.info (mailto:musaicumbooks@okpublishing.info)

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-7583-640-3




Inhaltsverzeichnis


Die wilde Jagd (#u4ef5c03a-26e6-5620-b1e4-7abd17c5e443)

Liwûna und Kaidôh (#uc8f0a6c4-0b8c-5b12-9fce-1f5dbdffa289)

Die große Revolution (#ued9c03e2-4d49-5193-bf5b-00240317b2d2)

Immer mutig! (#u94af3361-64c0-5d26-9119-54a63b11d984)

Kometentanz (#ua9371e18-22e9-5e36-84b0-6cbaa084b60d)

Der Kaiser von Utopia (#u9332628d-36a5-5964-9095-2c75e5b27fe6)

Das große Licht (#u07ec9984-3080-55a6-ac98-733fde1b03ca)

Lesabéndio (#u0305586d-d805-5162-b8a8-0c60ce97ac94)

Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß (#u56cbfc46-da7b-58b3-bcd9-51e8dcf453b1)

Glasarchitektur (#u663906d7-3a12-58ac-938c-e6f0d8336510)

Na prost! (#uceeadfc0-116a-5ebf-9acf-65a13d8e4aed)

Platzende Kometen (#udf132481-547e-5db9-bb34-b7fe70a492d4)




Die wilde Jagd


Inhaltsverzeichnis (#ubd2e4fd2-00f4-5166-ad89-e3c73231fef0)

GÖTTER! (#u9094b12d-bc37-55b0-9f16-23ed2ec58fa5)

EIER! (#u549ef95e-d709-5d3f-a441-efe23c0f3151)

LUST! (#u22e1bb47-d03a-5add-a052-a7c869c87a93)

THEATER (#u459cb024-c9de-5222-8618-efed5ba2ebe7)

JAMMER! (#ubde50c8f-5873-5fd3-8979-7e0eac92b4e9)

TEMPEL! (#ubc9e6b38-a314-594b-ba61-cf20b8d640ee)

RASEREI! (#u289be5e4-6f5d-550e-ae77-5d8f3a6a93c9)

VIKTORIA! (#u0facd2af-9528-5f03-acee-c6323681870e)




GÖTTER!


Inhaltsverzeichnis (#u4ef5c03a-26e6-5620-b1e4-7abd17c5e443)

Die schwarzen Diener gossen Öl in die vielen Maschinen.

Die schwarzen Diener krochen in unglaublich großen Scharen wie schwarze Salamander an den Maschinen hinauf und hinunter.

Die Öltonnen ragten übereinanderstehend zwischen den Maschinen wie stilisierte Berge in die Luft.

Die schwarzen Diener gossen auch die letzten Öltonnen vorsichtig in die starken Räderwerke hinein und atmeten dann erleichtert auf; sie hatten eine schwere Arbeit hinter sich.

»Jetzt«, flüsterten sie sich zu, »müssen die Geister gleich kommen.«

Andre jedoch sagten:

»Das Gewürm muß gleich kommen.«

Die Schwarzen warteten auf die Geister, die sich von ihren Sternen trennen wollten.

Diese Sterne waren sämtlich Kugelsterne.

Und die Geister, die oberhalb oder innerhalb dieser Kugelsterne lebten, wurden Wurmgeister genannt.

Die Wurmgeister, die sich von ihren Sternen trennen wollten, ließen jetzt auf sich warten.

Und die schwarzen Diener riefen empört: »Dieses Gewürm!«

Auf den Maschinen flackerte der Glanz schlafloser Nächte.

Am graden Rande einer halbrunden Steinebene stehen die blanken Maschinen; die Steinebene ist schwarz und ganz glatt wie ein Eismeer ohne Schnee.

Und entsetzlich groß ist die halbrunde glatte Steinebene; um ihren krummen Rand hat sich ein hellgrauer Wolkenkranz gelegt; die Wolken sind stilisierte hellgraue Riesenrosen, die zu maßlos hohen Gebirgen wurden.

Weiß ist der Himmel – wie Milch.

Und auf der schwarzen glatten Steinplatte spiegeln sich die Wolken und zwischen den Öltonnen die Maschinen, die mit der Kopfseite nach außen gerichtet sind und den ganzen graden Rand des Halbrunds bedecken.

Vor dem graden Rande versperren zarte, sich leicht bewegende Nebelschleier alle Aussicht.

Obwohl nun die Zahl der Maschinen eine ganz ungeheure ist, nehmen diese doch eben nur den graden Rand des Halbrunds in Anspruch. Wird die Maschinenreihe verglichen mit der ganz leeren halbrunden Steinebene, so werden die Maschinen so klein wie Kinderspielzeugund – und sie sind doch so groß.

Es sind eiserne Fahrzeuge am schwarzen schnurgraden Plattenrande – und sie haben ein abenteuerliches Aussehen – da gibt's Riesenkanonen, deren Stahlröhren so lang sind, daß man sagen möchte, sie seien viel länger als ein Jahrhundert – da gibt's Bahnzüge, die tausendmal länger sind, und Lokomotiven vorgespannt haben, deren Schornsteine Kirchtürmen ähneln.

Da gibt's schlanke Schlitten mit weiten Flügeln, die wie Wolken aufragen – da gibt's Stelzmaschinen, die auf hundert meilenlangen Stelzen stehen – da gibt's himmelhohe räderartige Maschinen, in deren Speichen lauter Körbe hängen – da gibt's geflügelte Riesenräder – da gibt's Korbketten, die an hohen Eisensäulen befestigt wurden und an beiden Enden Raketenapparate besitzen – da gibt's Luftschiffe mit Kanonen, die gefesselte Kugeln abschießen können; durch ihre Kugeln können sich die Luftschiffe sehr schnell fortreißen lassen; die Kugeln dür fen sich nur nicht losreißen.

Da gibt's – viel zu sehen!

Das ist ein gewaltiges Maschinenreich!

Und alle diese Maschinen sind bloß für das große Wettrennen gebaut, das jetzt gleich beginnen soll.

– – Auf der schwarzen Plattform entstanden jetzt viele runde Löcher und aus diesen runden Löchern stiegen jetzt langsam, steif und gespensterhaft viele Billionen Geister heraus.

Die Geister staken in perlgrauen unbestimmten Gewändern, und ihre Köpfe waren weiß wie Lilien; wie Standbilder stiegen sie empor.

Und die Löcher schlossen sich wieder.

Und die Geister schwebten langsam dicht über den schwarzen Fliesenboden zu den Maschinen hin.

Und die schwarzen Diener machen den Geistern Platz.

Die schwarzen Diener haben viele Schlangenbeine und viele dicke Köpfe, die Molchköpfen ähneln. Und ihr Rumpf ist wie ein schwarzer Sack, in dem sich durchscheinende rote Würfel balgen. Und ihre schwarzen Kopfhaare steher immer hoch empor wie Besen und steife Pinsel.

»Es ist alles vortrefflich eingeölt!« sagen die Diener unter devoten Bücklingen.

Und die Geister prüfen die Ölung und bewundern ihre Maschinen; die haben sie selbst in vielen schlaflosen Nächten unter dem schwarzen Fliesenboden erfunden und oben mit Hilfe der molchköpfigen Diener aufgebaut.

Nun verabschieden sich die Geister voneinander und steigen in ihre Bahnzüge und in ihre Maschinen hinein, denn es soll gar bald losgehen.

»Als Götter sehen wir uns wieder!«

Das rufen sie sich in vielen Sprachen lachend zu.

»Ist es wahr«, fragen da die Diener, »daß bloß die erste Million zu Göttern wird?«

»Gewiß«, erwidern die grauen Geister mit den lilienweißen Köpfen, »sonst wäre doch das ganze Wettrennen überflüssig. Wir sind ja zu Billionen hier. Nur die erste Million, die durch die Allee zuerst durchkommt, wird zu einer Million von Göttern.«

»Und ist es wahr«, fragen die Diener weiter, »daß Euch alle Mittel beim Weiterkommen erlaubt sind? Ist es wahr, daß Ihr unterwegs um die Plätze kämpfen dürft?«

»Ja, das haben wir schriftlich!« antworten die Geister in Chören, »sogar jede Gemeinheit und jede Niedertracht ist uns erlaubt.«

Das Stimmengewirr wird zum reinen Meergebrause, denn die Billionen Geister sprechen alle noch miteinander in unsäglich vielen Sprachen und nehmen auch freundlich von den Schwarzen Abschied, deren Zahl auch ins Billionenhafte steigt.

»Das Gewürm«, flüstern sich die Schwarzen zu, »ist so siegesgewiß, daß man beinahe neidisch werden könnte. Wenn sie früh genug durch die Sternallee durchkommen, werden diese Würmer selber zu Sternen – zu Kugelsternen. Und als Kugelsterne sind sie Götter. Dann gibt's wieder eine Million Götter mehr. Das muß herrlich sein, so als Gott weiterzuleben.«

Aber die Diener, die selbstredend ebenfalls ganz waschechte Geister sind, lächeln dabei – ihnen liegt eigentlich sehr wenig daran, zu Göttern zu werden; die Wurmgeister aber, die jetzt Götter werden wollen, sind sehr entwickelte Geister, die eine lange, lange Vergangenheit hinter sich haben – ein vielfaches Leben auf und in der Kugelsternen, die jetzt gleich zu sehen sein werden.

Die Nebelschleier, die vor dem graden Rande der halbrunden, von grauen Rosenwolken umrahmten Plattform alle Aussicht bislang versperrten – diese Nebelschleie zerfließen jetzt und gehen zur Seite.

Und eine Sternallee wird sichtbar.

Breit ist die Allee – rechts gehen Kugelsterne wie eine Perlenschnur in die Unendlichkeit – und links ist ebenfalls eine solche Sternperlenschnur. Die beiden Sternketten der Allee scheinen in der Ferne eine Spitze zu bilden.

»Die Allee ist natürlich keineswegs unendlich!« sagen die Geister in ihren Maschinen und in ihren Bahnzügen.

Zwischen den Kugelsternketten liegen die vielen Schienen, doch ist die Mitte der Allee ohne Schienen – in der Mitte befindet sich nur spiegelglatter schwarzer Steinboden – wie auf der Plattform, die als Ausgangspunkt des Rennens mit ihrem Wolkenrahmen sehr stattlich wirkt; die vielen grauen Riesenrosen sind noch größer geworden.

Aber die Kugelsterne überragen die Rosen um ein Beträchtliches; die Kugelsterne sind nur so weit ab, daß ihre Größe nicht so drückend empfunden wird.

Eine Götterallee ist diese Sternenallee, denn jeder Kugelstern ist wie gesagt ein Gott.

Und die Wurmgeister, die durch diese Allee durchkommen, werden wie gesagt selber Götter als selbständige Kugelsterne.

Aber es kann wie gesagt nur eine Million der Wurmgeister den Götterpreis erringen – daher das große Wettrennen, das jetzt sofort beginnen soll.

Der Himmel ist weiß wie Milch. Und die Kugelsterne sind grau wie die Wurmgeister.

Und es gibt einen furchtbaren Knall!

Und die Maschinen gehen alle los – im selben Augenblick!

Und ein einziger Jubelschrei durchgellt die Welt.

»Als Götter sehen wir uns wieder!«

Das haben die Wurmgeister auch den molchköpfigen Dienern zum Abschied zugerufen.

Die molchköpfigen Diener stehen jetzt ruhig auf dem graden Rande der Plattform zwischen den Öltonnen.

Die Maschinen sind schon weit fort.

Nur die großen Kanonen und ein paar hohe Eisensäulen sind zurückgeblieben. –

Und die Maschinen jagten dahin.

Das war ein Geknatter, als würde mit Billionen Peitschen geknallt.

Und die Geister machten einen Lärm – es hörte sich an, als würden Billionen Hunde geprügelt.

Wie ein heulender Sturmwind jagte das Geisterheer durch die Sternallee. Die Schienen bebten und zitterten, und alles rasselte, als sollten ganze Höllen zerrissen werden.

Ungeheure Dampfmassen blieben hinter einzelnen Maschinen zurück.

Der furchtbare Knall, der das Signal zum Losfahren bildete, war von den Kugelsternen erzeugt worden; auf den Kopfplatten der Kugelsterne hatte zu gleicher Zeit ein Vulkanausbruch stattgefunden.

Und nun lag oben auf jedem Kugelstern ein kleiner weißer Wolkenkranz – wie eine Krone aus weißen Perlen.

In der Mitte der Allee, wo der schwarze Steinboden spiegelglatt und geölt war, flogen die geflügelten Schlitten wie die Pfeile dahin; jeder Flügelschlag wurde mit stürmischem Halloh begrüßt.

Auf den Schienensträngen, die der Mitte am nächsten lagen, rollten die großen Kanonenkugeln – haushohe Bälle – viele durchsichtige Schalen drehten sich auf diesen Kugeln umeinander und bildeten eine sehr komplizierte Kugeloberfläche, so daß sehr viele Geister im Innern der Kugeln ruhig sitzen und hinausgucken konnten, trotzdem die Kugeln rasend rasch dahinrollten.

Die Lokomotiven mit den langen Bahnzügen machten einen mörderlichen Spektakel.

Auf der linken Seite der Allee hatte der Boden in beträchtlicher Breite ganz unebene Formation – da stolzierten die Stelzmaschinen neben den geflügelten Riesenrädern, die ihre Passagiere seitwärts an der verlängerten Achse trugen. Da stolperten auch höhere Radmaschinen herum, die ihre Geister in Speichenkörben trugen.

Und oben sausten fortwährend knallend die Kanonenluftschiffe durch die Luft – immer wieder schossen sie ihre Fesselkugeln ab und ließen sich von denen ruckweise vorwärts reißen, daß es beängstigend schien, dem zuzusehen.

Jedoch zwischen den Luftschiffen arbeiteten sich noch die großen Korbketten durch, die an beiden Enden Raketenapparate besaßen und sich immerzu in großen Bogen überschlugen; kaum hatten sie sich mit dem vorderen Ende in dem unebenen Bahnboden festgebohrt, so ging das hintere Ende los und flog im großen Bogen weiter wie ein geschleudertes Tau; die Raketenapparate, die gegen das Anprallen am unebenen Steinboden musterhaft geschützt waren, funktionierten tadellos.

Die Lokomotiven, die rechts und links am äußersten Rande der Rennbahn mit den längsten Wagenzügen dahinrasten, schossen öfters eine Harpune in die Kugelsterne und gewannen durch das Ziehen an der Harpune, wenn diese festsaß im Stern, einen erheblichen Vorsprung; losgemacht wurde die Harpune durch elektrisch entzündbare Platzapparate.

Die Rennbahn dröhnte wie ein Meer im Frühlingssturm.

Die geflügelten Schlitten und die Korbketten mit den Raketenapparaten hatten die Führung.

Und darob begann ein wildes Gefluche, denn nun wollte jeder mit diesen schnellsten Fahrzeugen fahren.

Viele verließen ihre sicheren Plätze, um auf einem Flügelschlitten schneller weiterzukommen.

Die Geister hatten – was gesagt sein muß – wohl die Fähigkeit zu schweben – aber ihnen lag trotzdem noch ihre volle Sternschwere auf den Schultern – so daß sämtliches Gewürm nicht schneller vorwärts kam als im früheren Leben – sonst hätte ja das Maschinenmaterial ein ganz anderes sein müssen.

Es wurde nun aus dem Platzwechsel ein erbitterter Kampf, in dem es wie in allen schwierigen Lebenslagen an lächerlichen Momenten nicht fehlte.

Ein Wurmgeist, namens Knipo, tut schrecklich empört, als er von einem Flügelschlitten heruntergeworfen wird.

»Unter welches rohe Volk bin ich geraten!« schreit er wütend, »Ihr wollt Götter werden? In Schweine müßtet Ihr verwandelt werden.«

Und der Knipo springt mit der ganzen Gewandtheit, die einem Wurmgeiste zu Gebote steht, auf eine jener haushohen Kugeln, die auf ihren besonderen Schienen dahinrollen. Aber die glatte Kugel rollt weiter, und der Springer bleibt mit flatternden Gewändern in der Luft zurück. Er faßt ein Tau, das von einem Luftschiffe herunterbaumelt, und will sich dran emporziehen – aber das Tau wird oben mit einer großen Schere abgeschnitten.

»Diese Tücke!« ruft der Knipo ärgerlich, während er das Tau zusammenballt, »beim Einsteigen und Abfahren ging alles ganz gemütlich zu – und jetzt benehmen sich diese Kerls wie die gemeinsten Raubtiere. Schöne Geister! Und die wollen Götter werden! Rabiates Gesindel!«

Die Korbketten mit den Raketenapparaten überholen währenddem sämtliche Flügelschlitten, und ein Mordsradau entsteht – besonders auf den geflügelten Rädern, deren Passagiere einen bequemen Uberblick genießen.

Knipo versucht es noch, sich auf eine Stelzmaschine zu schwingen, wird jedoch auch hier mit vielen anderen Geistern zugleich durch lange Stangen fortgetrieben; die meisten Geister wollten an den Stelzen emporklettern.

Die Stelzmaschinen kommen scheinbar ohne Anstrengung vorwärts und erinnern an laufende Kamele; nur haben die meisten Stelzmaschinen mehr als vier Beine. –

Diejenigen, die einen Platz auf den schnelleren Maschinen erobern wollten, wurden fast sämtlich zurückgedrängt und ließen sich schließlich in Scharen auf den Verdecken der längeren Bahnzüge nieder, wo sie sich ordentlich festhalten mußten in nicht grade beneidenswerter Lage.

Knipo rettete sich ebenfalls durch einen Sprung auf das Verdeck eines Bahnwagens und hatte da leider unter den Rauchwolken einer Radmaschine viel zu leiden, sah jedoch zu seiner Rechten einen langen Zug, dessen Lokomotive immer wieder eine Harpune in die Haut der dicken Kugelsterne schoß.

Die meisten Geister, die sich aus den vorderen Gefährten in die hinteren gedrängt sahen, beklagten sich nicht. Doch Knipo beklagte sich gar bitterlich, denn er hatte seinen festen Schlittenplatz durchaus nicht mit einem besseren Platze vertauschen wollen.

»Ich bin vergewaltigt worden!« schrie er, »glaubt man denn, ich hätte kein Recht, auch ein Stern zu werden: Ich will sogar ein Doppelstern werden – ja, das will ich! Ich will als Doppelgott weiterleben.«

Die andern Geister auf dem Verdeck des Zugwagens mußten trotz ihrer schwierigen Lage bei dem Worte »Doppelgott« laut losprusten.

Knipo jedoch rief sehr grimmig: »Ich erinnere mich jedenfalls ganz genau, daß ich das meiste zur Erfindung der Flügelschlitten beigetragen habe.«

Hiernach wurde die Aufmerksamkeit von dem Knipo abgelenkt; in einem Bahnzuge, der auf dem Nebengeleise mit ähnlicher Geschwindigkeit fuhr, wurde laut und heftig über transparente Empfindungen debattiert.

Mitten durch den furchtbaren Lärm der rasselnden Schienen drang vernehmlich die Stimme eines jungen Geistes herüber, der seiner abenteuerlichen Ideen wegen überall berüchtigt war: »Ihr könnt Euch ruhig Eure Geisterlunge ausschreien«, kreischte seine Stimme, »mir wird zu allen Zeiten bombenklar sein, daß ein Kugelstern anders empfindet als ein Wurm – Sterngeist und Wurmgeist sind zwei ganz verschiedene Weltsubjekte. Der Sterngeist hat eben lauter transparente Empfindungen und nicht Empfindungen, wie sie durch Wurmsinne erzeugt werden. Ein Stern hat nicht bloß viel mehr Sinnesorgane als ein Wurm – die Sinnesorgane eines Sterns sind auch qualitativ von denen eines Wurms verschieden. Aus diesem Grunde wollen wir ja Sterne werden, damit wir endlich mal rauskönnen aus unsrer alter Empfindungswelt. Als Wurm sehen wir immer nur mit unsern alten Augen – das, was wir eben sehen können; es ist nichts für uns dahinter. Als Stern aber haben wir hinter jedem Sinneseindruck noch eine ganze Portion weiterer Sinneseindrücke zu gleicher Zeit. So wie wir heute als Wurm im durchsichtigen bunten Glase nicht bloß dieses. sondern noch das, was dahinter ist, wahrnehmen könner – so werden wir später als Stern Ähnliches hinter aller Eindrücken haben – die Transparenz der Empfindungen wird in Permanenz erklärt werden – wir werden überal mit jedem Sinnesorgan, das astraler Natur ist, gleich noch weiter zu empfinden vermögen – gleichsam durch durchbrochene Wände durch – durch ein paar Dutzend transparenter Wände hindurch. Der Stern kommt eben in vielfacher Art hinter seine Sinneseindrücke – was uns noch nicht gelang – da ja für uns durchsichtige Glaswände immer nur einen einzigen Sinneseindruck bilden.«

Leider verschlang jetzt ein furchtbares Sturmgetöse – begleitet von schrillem Schienengeknack – die ganze Debatte.

Eine blendende Helligkeit drang aus der Höhe herunter auf die Rennbahn hernieder.

Eine Brillantensonne durchquerte funkelnd die Richtung der Götter-Allee; die Sonne schien hoch über den perlartigen Wolkenkronen.

Aber während die neue Sonne so viel Licht verbreitete, entdeckten die wettfahrenden Geister plötzlich unzählige feinste bunt glitzernde Spinngewebefäden, die die Geister mit den Kugelsternen verbanden; es waren gradezu unendlich viele Fäden da, von denen unzählige weit nach vorn mit den Schienen parallel gingen.

»Aha!« rief da der Knipo, »so sind wir also sämtlich doch noch mit unsern Sternen verbunden. Wie mich das freut!«

Die Brillantensonne verschwand jedoch bald hinter den Kugelsternen. Und mit der Sonne verschwanden auch die nie gezählten Spinngewebefäden.

Der Lärm der fahrenden Geister war plötzlich verstummt.

Indessen – Knipo fand bald seine Sprache wieder und sagte zu denen, die mit ihm zusammen auf dem Wagenverdeck lagen und sich immer noch krampfhaft an Ecken und Haken festhielten: »Meine Herren! Wovon ich immer überzeugt war, hat sich also plötzlich als unumstößliche Wahrheit erwiesen. Wir sind sämtlich noch mit den Sternen, von denen wir uns loslösen wollten, verbunden. Ja – das Eine gehört eben dem Anderen und umgekehrt! Bewundert meinen horrenden Tiefsinn! Es ist mir bei den Fäden, die uns festhalten, nicht recht begreiflich, wie wir jemals selbständige Sterne und Götter werden sollten. Ich sehe auch gar nicht ein, warum wir durchaus und durchum sogenannte Sterne und sogenannte Götter werden möchten. Ich habe den ganzen Selbständigkeitsrummel eigentlich bloß so mitgemacht wie eine Modesache. Schließlich muß doch jeder das bleiben, was er war – wenn er nicht aufhören will – zu sein.«

»So spring doch ab!« riefen da die andern.

»Ih nein!« erwiderte dazu Knipo lachend, »ich mache zunächst alles mal mit! Es kann ja niemand wissen, wo´s uns vergönnt sein dürfte, noch mal zu enden. Außerden möchte ich mal wo festen Fuß fassen; mich macht die Fußschonung der Geister zu empfindlich in der Sohle; ihr verdanken wir wohl die feinen Fäden, mit denen wir so fein angebunden sind.«

Die anderen Geister dachten voll Geringschätzung über Knipos schwach entwickelte Selbständigkeitssucht; sie schauten sich voll Sehnsucht die großen Kugelsterne an, neben denen sie vorüberfuhren.

Rechts und links schienen unendlich viele Kugelsterne die Allee zu bilden – aber es waren noch lange nicht unendlich viele – rechts stand bloß eine halbe Million – und links desgleichen. Die Geister erschraken nur, als sie bemerkten, daß jeder nächste Stern beträchtlich größer war als der vorhergegangene.

Die Wurmgeister sollten so groß werden wie die Sterne der Allee; jeder früher durchs Ziel schießende Wurmgeist mußte also größer werden als sein Nachfolger.

Danach mußte den Wurmgeistern, die jetzt im Schienengeklapper um die Wette dahinjagten wie hungrige Wölfe, noch viel mehr daran liegen, einander zuvorzukommen – die ganze zukünftige Größe stand ja auf dem Spiele – die Kugelsterngröße.

Es wurde den Wurmgeistern ganz schwül zu Mute, als sie sich dieser Einsicht nicht mehr verschließen konnten. – – – –

Und den Wurmgeistern ward die Fahrt sehr lang.

»Steigert Eure Kräfte!« riefen sie sich gegenseitig zur Ermunterung zu.

Aber ihre Kräfte ließen sich nicht mehr steigern.

Ein Kugelstern wurde nach dem andern genommen – doch die Kugelsterne wurden immer größer – und es dauerte immer länger, eh die Maschinen an einem der ungeheuren Sternleiber vorbeikamen.

Und es ergriff die armen Geister eine maßlose Ungeduld; auf ihren Schultern begann es zu prickeln – den Geistern ward es immer schwerer, die alte Sternschwere auf ihren Schultern zu ertragen.

Voll Sehnsucht starrten die Ungeduldigen zu den großen Kugelsternen hinüber.

»So sollen wir werden!«

»So sehen Götter aus!«

So sagten die Geister der Rennbahn.

Aber die Götter, die immer noch ihre Perlkronen aufhatten, bekamen allmählich Gesichter – ihnen wuchsen scharfe Augen und Nasen und Bärte – und um ihren Mund begann es zu zucken.

Und plötzlich lachten die Kugelsterne grell auf, daß die Wettfahrer zusammenschraken.

Und viele Geister sprangen ab von den Maschinen und blieben zurück, denn sie verzweifelten daran, zur richtigen Zeit durchzukommen.

Die Maschinen hatten nicht gelitten; die Flügelschlitter und die Korbketten, die sich immerzu überschlugen, behaupteten abwechselnd wie am Anfange die Führung – die Bahnzüge rasselten unaufhörlich weiter, daß die Funken nur so stoben – die Luftschiffe knallten auch jetz noch ihre Schüsse in die Alleeluft – die Stelzmaschinen trabten unermüdlich weit ausgreifend dahin, und die geflügelten Räder drehten sich polternd und schwankend wie bisher, und die durchsichtigen Kugeln, in denen so viele Geister saßen, rollten auf ihren Schienen so gleichmäßig weiter, als wenn nichts los wäre – und die Harpune tat ihre Schuldigkeit – und die Kühlapparate taten eben falls ihre Schuldigkeit. –

Trotz alledem waren die Geister müde geworden und wollten bald sämtlich nicht mehr weiter fahren.

»Es hat ja keinen Zweck!« riefen sie gähnend und händeringend und ohne jedwede Spannkraft.

Jahre hatten sie gebraucht, um bis zum siebenunddreißigsten Alleestern zu gelangen.

Und schneller fahren konnten sie nicht.

Da ging denn ein gellender Pfiff durch die lange, lange Allee.

Die Wurmgeister blickten erstaunt auf.

Die Gesichter der Kugelsterne wurden dunkler und dunkler und zuletzt ganz schwarz.

Und plötzlich machten alle Kugelsterne gleichzeitig eine halbe Wendung nach rechts – und die Rennbahn brach unter betäubendem Donnergeknarr durch und durch entzwei.

Sämtliche Maschinen fielen gleich mit durch und sanken in die Tiefe. Und die Wurmgeister fielen aus den Maschinen und Wagen raus nach oben, da das Eisen schwerer ist als der Geist; einzelne Maschinen ließen allerdings ihre Geister nicht los.

Und in diese große Katastrophe blendete eine zweite Brillantensonne hinein, die noch größer war als die erste.

Und abermals sahen die Geister unzählige glitzernde Spinngewebefäden, die nun alle nach oben zu den fortziehenden Kugelsternen hinaufführten.

Die Wurmgeister fielen immer tiefer – immer tiefer – hinab.

»Aha!« sagte Knipo, »unsre Sterne lassen uns nicht los!«

Und die unzähligen Spinngewebefäden glitzerten in unzähligen Farben.




EIER!


Inhaltsverzeichnis (#u4ef5c03a-26e6-5620-b1e4-7abd17c5e443)

Das wogte hin und her und schien los zu wollen und schien nicht los zu können.

»Das ist das alte Lied des Lebens – es kann sich alles nich loslösen von dem anderen – und es paßt alles nicht zusammen.«

So sprachen die Geister, während sie immer tiefer in den Nebeln der Welt versanken – in den Nebeln, die hin und her wogten und nicht fortkonnten.

Und während die Geister glaubten, wieder im Unergründlichen zu sein, zog alle Freude von ihnen fort.

Und es bildete sich eine harte Kruste um ihr ganze Wesen.

Und diese Kruste ward den Geistern sichtbar – aber sie konnten durch die Kruste durchsehen wie durch Glas.

Und es berührte die Geister nichts mehr; das ganz Durcheinander der Weltnebel ward ihnen zum Bilderspiel; die Glaskruste ließ nichts näher an die Geiste ran.

Mittlerweile wölbte sich eine jede Glaskruste und erhielt die Form von großen Eiern.

Als das die Geister bemerkten, sagten sie seufzend: »Na ja, nun dachten wir schon, bald mal Götter zu werden – und nun sind wir wieder bloß die reinen Eier. Aller Anfang ist schwer. Aber daß der Anfang immer wiederkehrt, ist noch schwerer zu ertragen.«

Müde bewegten sich die Nebelschleier.

Die Geister in ihrer Verkapselung sanken tiefer und stürzten in ein großes Meer. Es staken grade zehntausend Geister in den Glaseiern nicht mehr. –

Jetzt wirbeln die Wassermassen durcheinander – wie Viehherden, in die der Blitz schlug.

Und die zehntausend gehen unter in den aufgeregten Wassermassen und glauben, daß jetzt bald alles vorbei sein wird – das ganze lange Leben.

Aber die eiförmigen Glaskrusten halten auch das Wasser von den Geistern ab, daß sie ruhig weiterleben können, obschon sie sich nicht bewegen können – wie Gelähmte.

Die zehntausend bleiben leben, doch sie haben keine Freude am Lebenbleiben.

Die Glaseier sinken in ein helleres Wasserreich, in dem bandwurmlange dickköpfige Schlammschlangen umherschwimmen; die Schlangenkörper sind stellenweise von topasartig leuchtenden Gewändern umgeben, die sich zierlich aufbauschen und sich anschmiegen in gewundenen knittrigen Faltengebilden an die Schlangenhaut.

Die Faltengebilde, die knotenartig an vielen Stellen des Schlangenleibes haften, leuchten wie Topase, hinter denen Licht ist.

Die zehntausend wissen nicht mehr, ob sie steigen oder sinken.

Knipo, jener Geist, der nie recht weiß, ob er sich ärgert oder sich freut, befindet sich ebenfalls in einem Glasei.

Die Geister bemerken es schmerzlich, daß sie sich nicht bewegen können – die Glaskruste ist so fest – und schließt jetzt auch den Mund.

Verworrene dumpfe Töne dringen durchs Wasser – als kämen sie aus weiter Ferne.

Die Glaseier schwimmen so ruhig wie hohle Steine – die Schlammschlangen bleiben ziemlich weit ab – zu denen gesellen sich glatte Seestiere mit dicken gelben Augen und dicken gelben Entenfüßen; die Seestiere werden aber scheu und gehen auf die Schlangen wütend los und zerreißen mit ihren hakigen Hörnern die leuchtenden Topasgewänder, daß die Fetzen nur so rumwirbeln. –

Und Flundermänner bliesen dazu auf großen Panzerschnecken einen Parademarsch, der den Geistern sehr gedämpft und klimprig klang. Die Flundermänner hatten ganz lange steife Hälse und braune Würfelköpfe und Flunderleiber, die so schlapp wackelten wie faule Fische; die Würfelköpfe sahen dagegen so fieberhaft erregt aus, daß sie Angst einflößten.

Und umgestülpte graue Töpfe schwammen herzu; in den Töpfen staken am Schwanz festgebundene Aale; die Aale verursachten gleichsam als Klöppel einen dumpfen Glockenlärm, der die Nervosität ins Bestialische steigern konnte; mancher Topf ging durch einen Aalkopf entzwei, und die geborstenen Topftöne machten den gedämpften Glockenlärm so unheimlich wie blutbefleckte Leichen.

Und alte Priester fielen samt jungen Soldaten zwischen die kämpfenden Stiere und Schlangen, die gleich Platz machten; viele Töpfe wurden dadurch heftig zur Seite gegen die Flundermänner geschleudert, daß vielen von diesen der steife Hals durchbrach; viele braune Würfelköpfe sanken mit ihren Panzerschnecken am Munde rasch in die Tiefe.

Und stille Seesterne kreisten um die Soldaten und die Priester rum. Und die Seesterne machten einen so friedlichen Eindruck.

Knipo sagte: »Die Seesterne sind gut!«

Doch seine Stimme war nicht zu hören; die Glaskruste ließ die Geisterstimme nicht mehr durch, obwohl der greuliche Topflärm und das klimprige Trompeten der Flundermänner noch als dumpfe Radaumusik von den Geisterohren empfunden wurde.

»Was soll das?« fragten sich die Geister fortwährend – sie wurden ganz wirr im Kopf; es hob sich die Feierlichkeit der Priester so merkwürdig von dem trivialen Getue der Soldaten ab, und die stillen Seesterne bewahrten eine so unnatürliche Ruhe vor den grauen Töpfen.

Die Flundermänner bliesen unauflhörlich ihre zimperliche Marschmelodie, nach deren Takt die Schlangen und Stiere kämpften – so pausenlos, daß es einfach blödsinnig wirkte; daß die Töne nur gedämpft von den Geisterohren aufgenommen wurden, machte ihnen das wirre Lebensbild nicht sanfter.

Und die Fetzen der Topasgewänder leuchteten dazu, daß auf dem wüsten Gedränge ein durchdringender Glanz bebte, der so angriff – wie der Glanz gestorbener Träume, wenn er sich vermischt mit dem Glanz wahnsinniger Rauschgebilde, die so alt sind.

Die Glaseier warfen den Glanz heftig zurück, daß von den Geistern ein Licht ausging – wie von trunknen Todeswonnen.

Und dieser Glanz und dieses Licht krallte sich in diesen großen Wirrwarr mit Gespensterfingern so schmerzhaft tief hinein.

Bildschöne Kinder mit widerlichen gelben Weibermasken im Arme sanken auch in die glänzenden Wassermassen; jedes Kind sah so lustig aus wie ein Reiterleben.

Und ganz feine lange Säulen, die ziseliert und durchbrochene Arbeit waren, schwammen oben wie ein großer Heringsschwarm vorüber; fette Kröten krochen auf den Säulen auf und ab im gleichmäßigen langsamen Kriecherschritt.

Jede Säule war anders als die nächste und oft so köstlich wie ein flinkes Pferd.

»Was soll das?« fragten sich die Geister, während sie mit den Achseln zucken wollten.

Und große langsam sich bewegende Strudel entstanden die alles umeinander wirbelten und auch die lichtsprühenden Glaseier ergriffen und hineinzerrten in den seltsam glänzenden Wirrwarr, den keiner verstand.

Doch trotz allem Regelhohn bewegte sich alles so, daß die Geister weltferne Rhythmen zu fühlen glaubten.

Und Nixen sprangen plötzlich in das glanzumwirbelte Strudelreich.

Und die Nixen bewegten sich wie schlanke Tänzerinnen – und es zuckte so viel Spott durch ihre Bewegungen, die nur so leise an Tänze erinnerten.

Ihre Finger ahmten den Takt nach, in dem die Schlangen mit den Stieren kämpften, und die langen flossigen Fischbeine der Nixen bewegten sich, wie sich die Aale in den Töpfen bewegten. Und die anderen Bewegungsspiele in den Strudeln versuchten die Nixen ebenfalls nachzuahmen.

Und die Geister verstanden das Getue der Nixen nicht im mindesten.

Und die Geister konnten nicht fragen; das Eiglas verschloß ihnen den Mund.

Indessen – nun senkte sich in die Geister eine neue Neigung: sie wollten unwillkürlich tun, was die Nixen taten – – auch wie diese die Bewegungen, die sich in den gemächlich kreisenden Glanzstrudeln entfalteten, nachahmen.

Das ging nun zwar nicht – des Eiglases wegen – dafür ging jedoch was andres: sie konnten das Strudelreich, das jetzt nur noch ganz langsam kreiste, allmählich ein bißchen verstehen; es bewegte sich der ganze Krempel so wundervoll.

Und die Nixen lachten und sprachen, daß es dumpf hallte – wie in fernen Kellergewölben: »Ihr lacht Euch scheckig, wenn Ihr den ganzen verworrenen Hexensabbat des Lebens nur als Bewegungsspiel nehmt. Es macht irrsinnig, wenn man alles für tiefsinnig halten möchte. Das Tiefsinnige muß sich doch immer, um als solches zu gelten, aus einer Fülle von Flachsinnigem herausheben können. Darum laßt das Tiefsinnige seitwärts stehen und nehmt zunächst mal alles bloß als Bewegungsspiel, so werdet Ihr die Welt besser begreifen als bisher.«

Knipo wurde sehr ärgerlich.

» Hier baumelt ein Rettungsanker für die Flachköpfe!«

Also wollte er rufen, leider vermochte er nicht, sich hörbar zu machen.

Die Worte der Nixen, die sich jetzt ins dunkle Wasser zurückzogen, wirkten aber nach, und viele Geister gaben zu, daß das Reich der sinnverwaltenden Vernünftigkeit immer nur klein sein dürfte, denn wenn's überall zu sehen und zu haben wäre, so wär's doch gleich was Gewöhnliches.

»Das Gewöhnliche muß aber grundsätzlich vermieden werden!« sagten sie eifrig.

Und die Wassermassen wurden ruhig.

Und nun zog der Glanz fort aus dem ruhigen Wasserreich – und der Wirrwarr darinnen wurde grau und farblos – und die Gestalten schrumpften zusammen und sahen elend und ärmlich aus, obgleich sie sich im ganzen genommen lebhafter bewegten als bisher.

Und abermals erschienen die Nixen.

Und abermals ahmten die Nixen das Bewegungsspiel der Schlangen, Stiere, Soldaten, Aale und Priester – Töpfe, Seesterne, Flundermänner, Kinder, Säulen und Kröten nach.

Und die Geister verstanden das Nixenspiel; sie empfanden als richtig, daß auch der Reichtum an Glanz und Farbe nicht als solcher fühlbar werden könnte, wenn er überall zu sehen und zu haben wäre – und daß das Bewegungsspiel farbloser Massen nicht weniger reizend wirke – wie das der farbenreichen und glanzvollen.

»Im Farblosen«, wollte Knipo sagen, »wirken die Bewegungen als solche noch viel mehr.«

Und die Geister bedauerten, daß sie sich nicht so bewegen konnten wie die Nixen.

Die Geister hatten sich aber allmählich an den durchgerührten Lebenspunsch mit seinem Wirrsal gewöhnt und schwammen ganz munter drinnen herum.

»Man muß sich an die Welt nur gewöhnen – nur gewöhnen – und nicht immer höhnen.«

Diese Worte hätten sie gerne laut ausgesprochen.

Sie merkten aber währenddem, daß allmählich alles so recht schmutzig wurde – so recht unanständig – gemein und ekelhaft.

Trotzdem blieb das Bewegungsspiel so reizvoll wie bisher. Die Nixen riefen – in gedämpften Baßtönen: »Ja – ja – das Anständige muß auch seinen Hintergrund haben, sonst wird es gewöhnlich.«

Knipo fand, daß die Verworrenheit einen ganz neuen Reiz durch die schmutzigen Elemente erhielt; er hätte so gerne gesagt:

»Glaubt doch den Nixen nicht ein einziges Wort! Die Geschichte wird tatsächlich immer köstlicher, obgleich sie schmutziger wird. Der Schmutz macht ja das Bewegungsspiel so schrecklich reich, er braucht wirklich nicht entschuldigt zu werden.«

Die Nixen wurden nun leider so scheußlich schmutzig – so voll Schlamm und Unrat –, daß sie – scheinbar aus Scham – wieder im dunklen Wasser verschwanden.

Und die Geister bemerkten über sich ein helles weißes Licht.

Und sie kamen an die Oberfläche des Meeres – obgleich sie geglaubt hatten, daß sie immer tiefer runterkämen.

Das Meer war so weiß, als wäre weiße Kreide drin aufge löst.

Und der alte Himmel war gelb wie frische Butter.

Und die Geister stiegen in den Himmel empor wie Luftballons.

Und die Glaseier lösten sich oben auf und fielen tropfend in das Kreidemeer hinein – das Kreidemeer zischte. Und die zehntausend konnten sich wieder bewegen und atmeten auf.




LUST!


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Geister, die sich lange nicht bewegen konnten, bewegen sich wieder.

Und jetzt wollen sie wieder selbständig werden, um noch anders die Welt genießen zu können; nicht hoffen sie mehr, Götter zu werden – doch sie hoffen immer noch, was andres zu werden.

Und wenn sie was andres geworden sind, dann wollen sie erst mal wieder genießen – anders genießen – anders – eine andre Welt.

Alles Göttliche wird im fernen Hintergrunde auch immer wieder anders – bald größer und bald kleiner.

Und während sich die Geister recken und drehen und den Kopf nach allen Seiten biegen, sehen sie, wie im weiten gelben Himmel unzählige blutrote Sterne aufleuchten. Doch die blutroten Sterne stehen nicht still; sie fliegen herum, wie Fliegen im Sonnenschein hin und her zucken – und nur zuweilen fest bleiben in der Luft, um noch heftiger hin und her zu zucken.

Beim Anblick der zuckenden Sterne glauben die Geister, daß sie fühlen, wie ihre Selbständigkeit langsam aufkeimt, und ihnen wird so stolz zu Mute, als wenn sie flott in die Unsterblichkeit segeln dürften.

Die Geister gruppieren sich kegelförmig, so daß sie zusammen eine runde nach unten offene Tüte bilden. Hoch oben auf der Spitze steht Knipo.

Mattgrau sind die Geister, ihre Gewänder werden steif und kriegen grade regelmäßige Falten; die Köpfe heben sich höher, so daß die Hälse länger werden. Die Hälse werden sehr beweglich, und auf den Köpfen bilden sich glänzende Opalaugen, so daß die Geister viel mehr seher als bisher.

Die Geistertüte dreht sich – ganz langsam.

Und am gelben Himmel, in dem die blutroten Sterne immerzu hin und her zucken wie Fliegen im Sonnen schein, entwickelt sich ein buntes Lampenfest, was sehr seltsam wirkt, da's ganz hell bleibt.

Zunächst entstehen weiter unten ringsum in der Runde große hellblau leuchtende Pyramiden; sie bilden einen weit abstehenden Pyramidenkranz um den runden hohlen Fuß der Geistertüte.

Und über den hellblauen Pyramiden entstehen dunkelblaue Riesenoktaeder; diese bilden einen noch weiter abstehenden Kranz, der sich noch tiefer in den gelben Welthimmel hineinschiebt.

Und aus diesen unteren hellblau und dunkelblau leuchtenden Lampenkränzen schießen hellgrüne und dunkelgrüne Raketen hoch in die gelbe Himmelshöhe und bleiben und vereinen sich in einem dicken Punkte hoch, hoch über Knipos Kopf, daß die Geister die Empfindung haben, sich inmitten einer Kranzkrone zu befinden.

Und die hellblauen Pyramiden und die dunkelblauen Oktaeder drehen sich unten, und mit ihnen drehen sich die hellgrünen und dunkelgrünen Raketen. Die Raketen bestehen aber aus lauter leuchtenden kleinen Kugeln, die sich auch drehen und wie hellgrüne und dunkelgrün Perlen schimmern und spiegeln.

Zwischen den grünen Raketen zucken noch wie anfangs auf dem gelben Himmelsgrunde die blutroten Sterne wie Fliegen im Sonnenschein hin und her.

Und dieser sich drehende Raketenkorb verwirrt die Geister, die mit ihren Opalaugen in der Mitte stehen wie eine schlanke Kirchturmspitze.

Es ist aber sehr still im weiten All.

Und Knipos Stimme erschallt und sagt laut von oben herunter: »Wohl dem, der sich niemals wundert über die Wunder der Weltbewegung. Wohl dem, der ruhig alles hinnimmt wie ein Geschenk – und nicht mehr haben will. Und ich weiß, daß es Geister gibt, die so viel haben, daß sie gar nichts damit anzufangen wissen – und dennoch immer mehr haben wollen. Ich weiß das und wundre mich auch darüber nicht.«

Knipos Stimme hallt weithin – wie die Stimme eines Predigers in der Wüste.

Die Pyramiden, die Oktaeder und die Raketen bleiben wohl an ihrer Stelle – aber sie drehen sich ohne Unterlaß vor dem gelben von roten Sternen durchzuckten Himmel um sich selbst.

Und helle weiße Sporen, die Sicheln ähneln, springen überall aus den hellgrünen und dunkelgrünen Raketen heraus.

Und die weißen Lichtsicheln machen alles so furchtbar hell, daß die gelben, roten, blauen und grünen Farben fast dunkel erscheinen – und daß wieder die Spinngewebefäden, mit denen die Geister an ihre Sterne gebunden sind, sichtbar werden.

Die Fäden glitzern im hellen Licht und gehen nach allen Seiten durcheinander; sie gehen auch nach oben und nach unten – kreuz und quer.

Und die Fäden glitzern so perlmutterbunt im hellen weißen Sichellicht.

Und die Raketen recken sich höher und höher empor, daß sie auch zusammen einen runden Kegel bilden, dessen auch schlanke Spitze eine unermeßliche Höhe erreicht.

Und nun dreht sich dieser ganze Raketenkegel wie die Geistertüte langsam um sich selbst. Und dabei drehen sich auch noch die einzelnen Raketen um sich selbst, daß die weißen Lichtsicheln nur so blitzen.

Die blauen Pyramiden und Oktaeder drehen sich mit dem Raketenkegel mit und auch noch um sich selbst – um sich selbst drehen sie sich noch schneller als bisher.

Und alles dreht sich allmählich immer schneller, daß die Geister den gelben Himmel mit den roten Sternen bald nur noch als zuckende Streifen empfinden.

Und die Geister können dieses sich drehende Lichtspiel nicht verfolgen – trotzdem sie so viele Opalaugen haben.

Und sie wollen doch das farbige Lichtspiel – dieses himmlische Lampenfest – genießen – und sie können's doch nicht fassen – es geht ihnen alles um und um.

Und trotzdem erfüllt das Lampenfest die ganze Geistertüte mit wundersprühender Lust.

Und Knipos Stimme wird nochmals oben hörbar- sie sagt jetzt etwas hastig: »Grade das Verwirrende erzeugt doch den Gipfel aller Lebenslust. Grade dort, wo wir nicht mehr folgen können, fängt der große Rausch an, der uns ganz und gar durchglüht.«

Da fragt eine kleine wispernde Stimme aus der Geistertüte: »O Knipo, sage bloß, wo hast Du alle Deine Weisheit her?«

Knipo erwidert nach einer Pause melancholisch: »Das weiß ich nicht.«

Und dabei erinnert er sich an leuchtende Nixen und an ein Bahnwagenverdeck, an rasselnde Schienen und lachende Kugelsterne – aber seine frühere Zeit erscheint ihm ganz voller Nebel.

Leise fragt er: »Was war ich, als man von der großen Wettfahrt noch nichts wußte?«

Und wieder wispert's aus der Geistertüte heraus und spricht kichernd: »O Knipo, Du wirst wohl geölt haben – die Maschinen.«

»Nein«, tönt's von oben zurück, »ein schwarzer Diener war ich nicht. Ich glaube jetzt aber zu wissen, woher wir alle unsre Weisheit her haben: von den Sternen, an die wir immer noch gefesselt sind, müssen wir unsre Weisheit her haben.

»Haben wir«, fragt da wieder unten eine kichernde Stimme,» auch unsre Dummheit von den Sternen her?«

Und Knipo entgegnet zum zweiten Male melancholisch: »Das weiß ich nicht.«

Die Raketentüte dreht sich langsamer und wird wieder durchsichtig – und goldene und silberne Schlangen ringeln sich um die grünen Raketen und lassen sich herunter und schnappen nach den dunkelblauen Oktaedern und nach den hellblauen Pyramiden.

Und die Geister der Tüte erinnern sich an lauter verworrene Geschichten, die sie früher mal erlebt zu haben glauben – und die Geschichten ringeln sich wie Schlangen um ihren Hals – und die Luft wird ihnen verwirrend.

Und sie wollen das Verwirrende abschütteln und darum wieder selbständig werden, da sie glauben, daß die Selbständigkeit alles klar und übersichtlich machen müsse.

Und die Geister verfluchen die unzähligen Spinngewebefäden, die sie nicht zerreißen können – die so dehnbar sind – und die sich jetzt teilweise um die goldenen und silbernen Schlangen wickeln; währenddem fühlen die Geister, daß ihr Hals wieder frei wird und die Luft besser.

Doch Knipo wird höhnisch und ruft hart durch die stille Luft: »Wenn ich nicht irre, sind selbständige Leute gar nicht fähig, zu genießen. Jedenfalls kann die Selbständigkeit den Genuß nicht erhöhen. Der eigentliche Genuß beginnt immer erst da, wo die Klarheit aufhört – das ist nun mal meine Meinung. Wo aber die Klarheit aufhört kann von Selbständigkeit nicht mehr viel die Rede sein. Demnach bin ich wohl im Recht, wenn ich behaupte, daß die selbständige Herrlichkeit eine wenig erbauliche Sache ist.«

Da werden die Geister so wütend wie alte Hetären und reden alle übereinander weg wie Kinder, die aus der Schule kommen.

Schließlich bringt eine rauhe Stimme den Lärm zun Schweigen und sagt zornspritzend: »Knipo, Du erlaubs Dir da oben, lauter dummes Zeug zu reden und das für Weisheit zu erklären. Deine alte Manier! Aber wenn wir diese Lichteindrücke nicht in uns aufnehmen können werden wir sie nicht genießen. Was sollen wir mit der Verworrenheit anfangen? Was nützt es uns, wenn uns die ganze Welt ewig und immer als ein großes sinnloses Lichtspektakel erscheint?«

»Hoho!« ruft da Knipo hoch oben, »nur die Gebrechlichkeit unsrer Aufnahmefähigkeit ist der Grund aller Weltverworrenheit. An unsern Sinnen liegt es, daß uns die Welt so verworren erscheint – die Welt selbst ist es gar nicht.«

»Aha!« wispert da wieder eine kleine Stimme in der Geistertüte, »also haben wir doch Ursache zu wünschen, daß sich unsre Sinne verändern. Es muß wahrhaftig alles anders werden – vergöttlichen müssen sich unsre Sinne! Ich werde schon zufrieden sein, wenn bloß meine Sinne göttlich werden – ich selbst will schon ruhig bleiben, was ich bin.«

Das Lichtfest ist so still, obgleich sich die Raketentüte mit den Schlangen, Pyramiden und Oktaedern allmählich wieder schneller dreht.

Und Knipo sagt langsam: »Vielleicht sind unsre Sinne bloß deswegen so unvollkommen, damit wir nicht alles auf einmal aufnehmen. Wir müssen uns doch was für spätere Zeiten aufbewahren. Vielleicht werden unsre Sinne immer vollkommener. Die Weltbilder sollen uns wahrscheinlich erst allmählich in ihrer ganzen Großartigkeit zugänglich werden.«

Da lachen sehr viele Geister in der Tüte laut auf und schreien: »Das ist ja grade unsre Meinung schon seit Olims Zeiten! Deshalb wollen wir doch Götter werden!«

Und alle rufen zusammen mit ihrer ganzen Lunge: »Wenn wir doch erst Götter wären!«

»Wenn wir doch erst Götter wären!«

Knipo aber spricht ärgerlich: »Ihr scheint den Wert der Gegensätze nicht zu begreifen. Die besten Sinne sind für uns so gut wie wertlos, wenn wir nicht die weniger guten kennengelernt haben. Ihr wollt, daß alles gleich vollendet da sei – während doch die langsame Entwicklung zum immer Besseren viel köstlicher ist als das Beste ohne Gegensatz und ohne Entwicklungsfähigkeit.«

Die Geistertüte steht still – und die Raketentüte steht auch still.

Und die kleine wispernde Stimme ruft so laut, daß es energisch klingt: »Wir sind auf der wilden Jagd nach dem großen Diadem der Gottheit, und Knipo soll uns nicht in die Zügel fallen.«

Die weißen Lichtsicheln werden von den silbernen und goldenen Schlangen verschlungen.

Und es wird den Geistern vor ihren Opalaugen alles sehr dunkel.

Die Fäden verschwinden in ein paar Augenblicken.

Und die Raketentüte steigt mit den Schlangen, Oktaedern und Pyramiden hoch empor und wird bald unsichtbar oben in der dunkleren Höhe.

Der Himmel wird ganz schwarz in ein paar Augenblicken.

Jetzt aber leuchten die Geister selber und erschrecken, wie sie sich so leuchten sehen.




THEATER


Inhaltsverzeichnis (#u4ef5c03a-26e6-5620-b1e4-7abd17c5e443)

Geister, die lange zusammen waren, erkennen sich plötzlich nicht wieder; sie sind ganz verändert; ihr Rumpf ist fort, und ihr Kopf besteht nur noch aus zwei kleinen Ohren und unzähligen Opalaugen.

Eine schlanke Geistertüte von regelmäßiger Kegelform ist zu einer Opalaugentüte geworden.

Die Opalaugentüte leuchtet wie faules Holz; die Ohren der Geister ähneln dunklen Perlgebilden, die aber das gleißende Opalisieren der Geisteraugen nicht stören.

Vom Fuß der gleißenden Tüte, die wie die ungeheure Glanzspitze einer verborgenen Pickelhaube hoch in den dunklen Himmel emporragt, geht jetzt nach allen Seiten flach ansteigend ein grünes Moosland trichterförmig in die Höhe und bildet eine ungeheure runde flache Schale – eine grüne Mooslandschale –, in deren Mitte die Geisterspitze steht- wie der Schirmstock in einem umgekehrten offenen Regenschirm.

Doch die Mooslandschale ist nicht gewölbt.

Der Himmel, der so lange dunkel war, wird hell – weiße Wolken machen den Himmel hell –, der ganze Himmel besteht bald nur aus sehr hoch gestiegenen weißen Wolken, die klein aussehen – wie ganz kleine Lichtblüten.

Die Opalaugen der Geister sehen nach allen Seiten und sehen alles anders als sonst – sehen wie durch unzählige ganz feine durchsichtige Schleier, die von den Bildern der Welt nicht fortnehmen, sondern zutun.

Und ganz langsam dreht sich die spitze Tüte – die Drehung ist kaum merklich.

Und Riesenpilze wachsen aus dem Moosboden heraus.

Die Riesenpilze kriegen oben sehr dicke blaugraue Kopfe mit langen wächsernen Nasen. Und andere Pilze, die neben den bekopften wachsen, kriegen oben Hände mit dicken rosafarbigen Fingern. Und diese Finger legen sich an die wächsernen Nasen. Und da tun sich die breiten Mäuler der Pilzköpfe auf und reden unverständliche Worte.

Doch in der Mitte die Geister mit den feinen Perlenohren verstehen einzelne Sätze – so diese: »Der dicke Rausch hat uns geboren!«

»Wir sind die grandiosen Symbolika des Rausches.«

»Wir allein verstehen den Rausch, weil wir selber Rausch sind – und weil sich der Rausch nur selber verstehen kann.«

Und ihre Köpfe werden ganz unförmlich.

Ein grünlicher Schimmelpilz mit gelben Flecken, aus dessen Schädel spiralförmige, bleiartige Blätter herauswachsen, sagt bedächtig: »Gibt es eine berauschendere Sache als die vollkommene Rauschlosigkeit? Die könnte doch der Gipfel der Selbständigkeit sein! Ja! Es ist das nicht unmöglich!«

Und ein andrer Pilz, dessen Kopf wie ein altes verfallenes Felsentor aussieht, fragt leise: »Liebe Rauschbrüder, wißt Ihr vielleicht, ob wir im Streben nach dem Rausch mehr nach höherem Bewußtsein oder mehr nach Bewußtlosigkeit verlangen? Läge uns an dieser, so müßte uns die Selbständigkeit sehr egal sein. Andernfalls wär's vielleicht anders.«

Es ertönt keine Antwort.

Nach langer Pause spricht die klappernde Stimme eines schwarzen Keulenpilzes: »Denken wir nur, um berauscht zu werden? Oder – werden wir nur berauscht, um denken zu können?«

Und ein andrer Pilz, der blaue Krebsscheren statt der Haare auf dem Kopfe hat, sagt in langgezogenen Tönen, während seine Radaugen furchtbar rollen: »Wir sind heute wieder so recht nüchtern. Das macht wahrscheinlich das viele Denken. Wollen wir denn den Rausch begreifen? Der sieht ja täglich anders aus. Chamäleon!«

Und die Pilze schwanken und steigen mit ihren Fadenwurzeln aus dem Boden und gehen wackelnd hinauf zum fernen, fernen Mooslandsrande; mit den dünnen Wurzelbeinen kommen die Dicken nur langsam vorwärts.

Grüne Dämpfe steigen vorn auf.

Und die Pilze werden unsichtbar.

Ein Windzug – und die grünen Dämpfe sind fort.

Knirschend steigen aus dem Moosboden durchsichtige Kristallsäulen heraus.

Astartige Arme wachsen den Kristallsäulen; die Arme sind auch Kristall und haben keine Hände – an Stelle der Hände entstehen Kristallköpfe mit lauter rechteckigen Formen – auch die zwei Augen der Köpfe sind rechteckig.

Und die Kristallwesen unterhalten sich; es reden die sämtlichen Armköpfe einer Säule für gewöhnlich im Chore.

Die Geister der Tüte vernehmen die folgenden Reden und Gegenreden: »Meine Wenigkeit hat bislang erst zweitausend Entwicklungsprozesse durchgemacht. Aber ich würde nette Lügenmäuler haben, wenn ich behaupten möchte, ich hätte jemals in meinem langen Leben eine Ahnung davon gehabt, wohin mich diese ganze Entwicklung führen könnte.«

»Ist es denn nötig, daß die Endziele der Entwicklungsprozesse uns ganz klar wie Kristallsäulen vor Augen stehen? Ist es nicht genug, daß wir immer noch ein unbestimmtes Vergnügen daran finden, uns weiterzuentwickeln? Hätte die Entwicklung noch irgendwelchen feineren Reiz, wenn wir über die Endziele des ganzen Weltbestrebens völlig im klaren wären? Wären wir in diesem Falle nicht am Ende aller Weisheit und entwicklungsunfähig? Ist aber nicht grade die stete Entwicklungsfähigkeit die Krone der Lebenskraft und Lebenslust?«

»Alle diese köstlichen Fragen hindern uns nicht, Betrachtungen über die Entwicklung unsrer Kristallseelen auch fürderhin anzustellen. Für mich gibt es immer noch zwei Kardinalfragen: Entwickeln wir uns zur Selbständigkeit, wenn wir immerzu anders werden – oder entwickeln wir uns tatsächlich zu unbestimmbaren Größen? Nach meiner Meinung müßten wir bald so weit entwickelt sein, um eine dieser beiden Fragen ausmerzen zu können.«

Eine zitternde Stimme spricht nach einer Weile ganz allein: »Sind wir Geschöpfe, so gibt es auch Schöpfer, und sind wir selber Schöpfer, so müßten wir eigentlich mehr schaffen als bisher. Wir können auch schaffende Geschöpfe sein. Und wir können auch was andres schaffen – es brauchen nicht immer lebendige oder tote Geschöpfe zu sein. Wenn ich aber schaffen will – ganz gleich was –, so frage ich immer: was ist für die großen Schöpferstunden günstiger: der Wechsel der Lebensumstände oder die Gleichförmigkeit der Lebensumstände?«

In klingenden Chören tönt es zurück:

»Streben wir nach Ruhe oder nach Bewegung?«

»Wär's nicht besser, wenn ein Moment still stehen bliebe wie ein alter Träumer?«

Knirschend sinken die Kristallsäulen wieder in den Moosboden – und sind bald den Blicken der Opalaugen entzogen.

Und riesige Schachtelhalmwälder wachsen in der großen Moosschale rasch empor – und die Wälder biegen sich und rauschen.

Und es tönt aus den Wäldern ein schwerer Gesang.

Und dann rufen die Wälder seufzend: »O Nebulosa! O Nebulosa! Wo weilst Du? Weißt Du denn nicht mehr, daß wir so schrecklich unselbständig sind und die Gesellschaft so nötig haben?« Und blaue Wolken wirbeln aus den Wäldern heraus, die blauen Wolken steigen höher und vermischen sich da mit lilafarbigen und orangefarbigen.

Und diese bunten Wolken umschweben die Wipfel der sich biegenden, rauschenden Schachtelhalmwälder.

Und die Wolken sprechen, ohne daß die Geister Mund oder Nase sehen: »Wir haben nun über alles nachgedacht und freuen uns über unser Nichtwissen viel mehr als über unser Wissen.« Die Wolken steigen höher.

»O Nebulosa!« rufen die Wälder.

»Die Nebulosa«, tönt's nun von oben herunter, »ist ein einziges Wesen und besteht doch aus sehr, sehr vielen Wolken; die Nebulosa glaubt, daß es ihr gar nicht mehr behagen könnte, andre Wesen für klüger zu halten als sich selbst; die große Nebulosa, die eigentlich gar nichts weiß, will auch nichts mehr wissen – piept opp die olle Weisheitstinte.«

»Recht schade!« sagen die Schachtelhalmwälder, »wir hätten so gerne gewußt, was uns angenehmer sei – das Licht oder die Finsternis.«

Da blitzt es heftig in den bunten Wolken.

Aber die Wälder schweigen nicht; während die Schatten der Wolken über den Wipfeln hin und her huschen, fragen sie: »Zieht das Aufgeben des Ichgefühls Mangel an Bewußtseinsempfinden nach sich?«

Noch heftiger blitzt es in den Wolken.

»Sind wir lebenskräftiger«, fragen die Schachtelhalmwälder weiter, »wenn wir uns als ein Ich fühlen – oder wenn wir jedes Ichgefühl aus Hochachtung vor dem Ganzen, zu dem wir gehören könnten, unterdrücken?«

Da schlagen die Blitze in die Schachtelhalmwälder, daß die aufflammen und sich im nächsten Augenblick in Staub verwandeln.

Die blauen Wolken mit den lilafarbigen und orangefarbigen Flecken steigen hell blitzend immer höher und rufen aus der Höhe herunter: »Die Nebulosa verlacht das Ichgefühl – und vernichtet das Ichgefühl.«

Und oben verfliegen die bunten Wolken, so daß keine Spur von der Nebulosa übrigbleibt.

Wieder leuchten die kleinen weißen Wolken.

Den Geistern der Tüte treten Tränen in die bunten gleißenden Opalaugen, so daß sie funkeln wie Tautropfen im Sonnenglanz.

Und mit mächtigem Gepolter wachsen riesige rote Berge durch den Schachtelhalmwälderstaub.

Und die roten Berge sind von glitzernden Flüssen durchzogen, die sich wie seidene Bänder um die Gipfel der Berge schmiegen. Zinnoberrot sind die Berge – und die Flüsse so wie Silber – wie Quecksilber – auch so beweglich.

Und aus den roten Bergen werden große lachende Riesenköpfe, die sehr gutmütig schmunzeln.

Und die silbernen Flüsse umschlingen den breiten Hals der Bergriesen und gehen oben ins Haar der Bergriesen und bewegen sich wie flüssige Schlangen und flüstern schmeichelnde Worte ins Ohr der Bergriesen.

Und dann fangen die Flüsse zu fragen an wie gute Kinder – sie wollen so gerne was wissen – sie wollen was von den Göttern wissen.

»Ist die Zahl der Götter, die, wie wir wohl wissen, auch Sterne genannt werden, wirklich gar nicht auszusprechen ?«

Also fragen die schmeichelnden Schlangen, und die roten Riesen antworten: »Die Zahl der Götter ist nicht einmal auszudenken – es gibt gar nicht so viel Platz, um die Zahl aufzuschreiben- die Unendlichkeit ist für die Zahl viel zu klein – die Götter überragen alles.«

Da wundern sich die Flüsse sehr, und ihre Wasser umplätschern die Stirn der Riesen.

Aber die Flüsse sind neugierig; sie wollen noch mehr von den Göttern wissen.

»Können die Götter«, fragen die Neugierigen »wirklich machen, was sie wollen?«

»Ih, kein Bein!« erwidern schmunzelnd die Roten, »die Götter hängen wieder von andern Wesen ab, die viel größer sind als alle Sterne zusammen. Und diese Obergötter hängen wieder von Ober-Obergöttern ab usw. Alle haben immer noch einen Höheren über sich – es reißt gar nicht ab. Und dann sind alle – sowohl die einfachen Götter wie die oberen – durch unzählige dicke Taue aneinander gebunden – und hängen alle untereinander voneinander ab. Das alles solltet Ihr Euch mit Euern Eingeweiden in Euer Herz schreiben.«

Da zittern die Flüsse, denn sie können sich das alles gar nicht ordentlich ausmalen – so großartig erscheint es ihnen.

Sie wollen nun nur noch wissen, ob sich die Götter ebenfalls immer weiter entwickeln wie die Flüsse und Berge und all das Gewürm, das auf und in ihnen lebt.

Und zu dieser Frage nicken alle Bergriesen so kräftig mit den Köpfen, daß sich ihre Halsketten kaum festhalten können.

Und kopfnickend rutschen die roten Berge nach allen Seiten aufwärts bis in die weite Ferne zum Schalenrande, wo sie immer kleiner werden und schließlich so klein sind, daß die Opalaugen nichts mehr von den roten Bergen mit ihren neugierigen Flußketten bemerken.

Und die Opalaugen können so weit sehen – nach allen Seiten zu gleicher Zeit.

Schnee fällt aus den weißen Wolken – sehr viel Schnee, so daß die ganze Mooslandschale bis zum fernen Rande zum großen Schneetrichter wird.

Wie aller Schnee unten ist und die Opalaugen wieder weit herumblicken können nach allen Seiten, sehen sie einen dunkelgrünen Himmel und oben rings um den ganzen Schneetrichterrand große dunkelblaue Schmetterlinge mit goldenen Schnörkeln. Und alle diese Schmetterlinge sind aneinander gefesselt mit schweren eisernen Ketten, so daß sich die herrlichen Sammetfalter nicht bewegen können.

Die Schmetterlinge schreien: »Jetzt wollen wir uns eine Willensrichtung geben, denn das haben wir stets gewollt! Jetzt kann's losgehen!«

Es geht aber gar nichts los – die Schmetterlinge bilden ruhig weiter ihren Ring am Trichterrande.

Der Schnee schmilzt.

Und unter dumpfem Gepuff springen ringsum zackige alte Berge mit alten Burgen aus der immer noch sanft ansteigenden Mooslandschale, die jetzt wieder so dunkelgrün ist wie einst.

Und aus den Burgen springen Riesenfrösche heraus und tanzen.

Und die Berge mit den Burgen tanzen mit.

Ganze Wälder entstehen im Hintergrunde, ballen sich zusammen und tanzen mit.

Kornfelder und Fahrstraßen entstehen vorn und tanzen mit. Und die Riesenfrösche brüllen in mehrstimmigen Chören: »Wollen wir denn frei sein?«

»Wollen wir denn frei sein?«

Und das tanzende Schalenreich wird furchtbar hell – und die Opalaugen der Geister sehen unzählige dicke Strippen, an denen die ganze tanzende Gesellschaft hängt.

Oben im dunkelgrünen Himmel werden auch dicke Fäuste sichtbar, die die Strippen halten und regieren.

Plötzlich sausen unzählige breite Schwerter vom Himmel herunter und funkeln vor den Opalaugen so heftig hin und her, daß die Geister glauben, vor ihnen entwickle sich der große Kampf der Unsichtbaren, die alles an ihren Strippen lenken.

Und bei dem Schwertgefunkel ist das lustige Hampelmannreich mit den Riesenfröschen bald nicht mehr zu entdecken.

Die Geister der Tüte bedauern lebhaft, daß sie infolge Mundmangels nichts zu sagen vermögen; die Schauspiele, denen sie beiwohnen dürfen, haben etwas Beklemmendes für die Tüte.

Die blinkenden Schwerter hauen sich allmählich gegenseitig kaputt und fallen fort.

Und das Hampelmannreich kommt wieder zum Vorschein. Während der Schwerterfehde sind aber noch große blaue Meere zu den Bergen, Burgen, Fröschen, Fahrstraßen, Kornfeldern und Walddistrikten hinzugekommen.

Die Strippen sind nicht mehr zu sehen, doch die Hampelei nimmt ihren Fortgang – und zwar mit erheblichster Vehemenz.

Die Geister sehen nach allen Seiten und werden nicht klug aus diesem Getanze; alles drängt sich den blauen Meeren zu, die mächtig rauschen.

Die Geister horchen mit ihren Perlohren und verstehen nach und nach, was geredet wird.

Die Frösche sagen: »Wir sind die großen Fragezeichen, und jetzt soll der große Kampf um die erlösenden Sätze beginnen. Die erlösenden Sätze haben die großen Antworten in sich. Und die Meere haben alle beide in sich sowohl die Sätze wie die Antworten. Und diese beiden Dinge müssen wir den blauen schlauen Meeren entreißen. Das wird ein famoser Krieg!«

Und die Frösche springen in die blauen Meere hinein, daß es ein großes Geplumpse gibt.

Und dabei fragen diese Frösche lachend: »Was macht mehr Spaß als die Unwissenheit?«

»Fragen wir, um was zu wissen – oder fragen wir, um bloß zu wissen, daß das Wissen nur ein Wissen vom Nichtwissen ist?«

»Gibt uns das Wissen vom Nichtwissen nicht die größte Portion Selbstbewußtsein?«

Die Frösche tauchen unter; auf den dunkelblauen Meeren bildet sich viel weißer Schaum.

Und die Berge mit den Burgen drängen sich nun auch an die Meere und wollen ihnen ebenfalls erlösende Sätze abringen.

Die Meere werfen ihre donnernden Wogen den Bergen entgegen, daß der Schaum die Burgen bespritzt.

Und die Berge fragen ächzend: »Ist Denken mehr als Fragen?«

»Ist Denken und Fragen dasselbe?«

»Besteht unsre ganze Weisheit bloß aus großen Fragen?«

»Werden wir ewig bloß Fragezeichen sein?«

»Besteht vielleicht unser Glück bloß im Fragenkönnen?«

Und die Burgen fragen: »Gibt es eine Frage, die uns nüchtern machen kann?«

Die Meere ziehen, als wären sie verletzt, ihre blauen Fluten weit von den Bergen fort und bäumen sich hoch auf.

Und die Meere werden zu hohen Gebirgen.

Und jetzt gehen ihnen die Fahrstraßen nach und fragen heftig: »Wird uns das Außerunsseiende leichter bewußt als das sogenannte Ich?«

»Sind Welt und Ich bloß Traumspäße?«

»Ist überhaupt ein Wesen denkbar, das der Welt ins Herz sehen kann?«

Und wogende Kornfelder fragen: »Hat die Welt ein Herz?«

»Ist die Welt ein einziges Wesen – so wie ein Kornfeld?«

»Hat die Welt eine Haut?«

»Ist die Welt klüger als alles das, was in ihr lebt?«

»Kann ein Ding, das in der Welt lebt, mal ebenso klug oder ebenso dumm wie die ganze Welt werden?«

Die Wälder aber ballen sich wieder zusammen wie Igel und fragen knarrend: »Wenn wir fragen, ob wir selbst es sind, die da fragen – ist das denn wirklich die größte Frage?«

»Wenn wir fragen, ob wir selbst es sind, die da denken – ist das denn wirklich der größte Gedanke?«

Da spritzen die Meere ihre Fluten empor, daß es aussieht, als gingen Millionen Fontänen in die Höhe.

Und die Geister der Tüte vernehmen, wie die Meere ganz deutlich schimpfen und sagen: »Seid doch froh, daß Ihr so viel Vergnügen am Fragen findet. Ihr seid so naiv wie die patriotischen Krieger. Würden wir Euch Eure Fragen alle beantworten, so würdet Ihr nur auf neue Fragen sinnen müssen. Dieser Mühe sollt Ihr durch unser Schweigen überhoben sein.«

Da recken sich die Berge mit den Burgen, die Fahrstraßen und Kornfelder ganz hoch in die Höhe und wollen mit den Meeren kämpfen.

Aber den Meeren wachsen weiße Flügel in den Seiten.

Und die Riesenfrösche fliegen, während die weißen Flügel mächtig wachsen, in großen Bogen aus den blauen Fluten raus und fliegen mit solcher Wucht gegen die Berge und auf die Fahrstraßen, daß die lustigen Tiere platzen und elendiglich verrecken.

Und dann hauen die blauen Meere so heftig mit ihren weißen Flügeln um sich, daß die Berge zu Billionen Steinen zerschlagen werden, die die Frösche und Wälder, Fahrstraßen und Kornfelder ganz und gar überschütten, so daß die Mooslandschale von oben bis unten mit Steinen übersät ist, als hätte es Steine geschneit.

Und die blauen Meere erheben sich und fliegen mit ihren weißen Flügeln wie Riesenvögel hoch empor zum Himmel.

Und die geflügelten Meere, in deren Wasserleibe die Fische herumschwimmen und die Korallen wachsen und die Seesterne mit den Austern kämpfen – diese geflügelten Meere werfen große Schatten hinunter, die viel, viel größer sind als Billionen Meere zusammen.

Die Opalaugen der Geistertüte können bald gar nichts mehr erkennen – so dunkel sind die großen Meeresschatten.

Aber am fernen Rande der großen Schale, in deren Mitte die Tüte steckt, sehen die Opalaugen unheimliche Gespenster – die kriechen wie Spinnen über den Rand und kommen sachte heruntergekrochen.

Wie sie sich aber aufrichten, erschrecken die Geister der Tüte über die ungeheure Größe dieser Spinnen; sieben schrecklich lange Beine tragen einen Panzerrumpf; krinolinenartig stehen die Beine auf dem schrägen mit Steinen übersäten Boden der Schale.

Und der Panzerrumpf geht hoch in den Himmel hinauf, der jetzt so grau ist wie Blei und nicht sehr hell – und so seltsam gerippt erscheint, als gingen Röhren durch.

Die Gespenster haben oben einen ganz kleinen Kopf, in dem kaum die Augen zu unterscheiden sind.

Sieben riesig lange Arme haben die Riesenspinnen, und in sieben knolligen Fäusten halten sie den Griff eines rostigen Bratenmessers, das gefährlich aussieht.

Und diese unheimlichen Gesellen klettern einander auf die Schultern, und die obersten berühren mit ihren rostigen Bratenmessern den bleigrauen Himmel – und schneiden nun vorsichtig große siebeneckige Stücke aus dem Himmel raus.

Und durch die siebeneckigen Löcher können die Opalaugen in ein großes, buntes Sternenall sehen, in dem es sehr hell ist.

Und die Opalaugen sehen, daß da die bunten Sterne mit bunten langen Stricken aneinander gebunden sind, so daß dieser Sternhimmel wie ein alter Winkel aussieht, in dem unzählige Spinngewebefäden Wustnetze bilden.

Und die siebenbeinigen Gespenster steigen mit ihren Bleihimmelstücken herunter und wollen mit dem himmlischen Gut davongehen nach hinten zum fernen Rande, wo sie herkamen.

Aber die Bleihimmelstücke drehen sich den langen Kerlen aus den Händen raus und schweben wie fliegende Swift-lnseln empor und schweben in der Luft herum.

Die Siebenbeinigen stehen ganz ratlos da.

Plötzlich aber fallen die Bleihimmelstücke den Siebenbeinigen auf den Kopf und drücken den Rumpf mit solcher Gewalt durch, daß unten die langen Beine wie Glas zersplittern.

Die Bleihimmelstücke schlagen aber gleich mit den Panzerrümpfen so tiefe Löcher in die Mooslandschale, daß die auch auseinander berstet und in großen Stücken in eine unbekannte Tiefe fällt.

Die Opalaugentüte bricht dabei um und fällt den Bleihimmelstücken und den Mooslandschalenstücken nach.

Und die Geister lösen sich voneinander los und fallen in ein dunkles Luftreich, in dem sie sich wieder verwandeln und seltsame Blumengerüche empfinden.

In dem dunklen Luftreich duften unsichtbare Blumen so stark, daß die Geister an ferne Vergangenheit denken mussen – und sich plötzlich an ein langes, langes Leben erinnern.




JAMMER!


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Geister, die lange nichts von ihren Füßen wußten, fühlen wieder, daß sie Füße haben, und können wieder gehen.

Das ist aber keine Erlösung.

Das Gehen ist eine Qual.

Von vielen seltsamen Geruchsempfindungen werden unzählige Erinnerungen aufgeweckt; und die sind so lebhaft, da der Pfad, auf dem die Geister gehen, ganz dunkel ist wie ein vergessener Keller.

Und die Erinnerungen nagen an den Geistern und schwächen ihre Lebenskraft; lange vergangene Zeiten erscheinen den Wandernden nur als große Qualketten; betäubende Blumendüfte machen die Erinnerungsschwere noch fühlbarer.

Da zünden sich vorn und rechts und links kleine räuchernde Lampen an und beleuchten spärlich eine breite Steintreppe.

Trübselig ist die Beleuchtung – da brennen so die richtigen Tranfunzeln.

Den Geistern wird nicht besser, aber sie steigen die schlecht behauenen Steinstufen hinan – immer höher und höher, obschon keiner weiß, wohin die Treppe führt; oben ist wenig zu erkennen, da die Tranfunzeln ihr bißchen Licht bloß an die Seiten werfen.

Und während die Geister mühselig auf der breiten Steintreppe aufwärts steigen, werden sie von drückenden Empfindungen ganz und gar umgarnt, und ihre Gedanken gehen immer mehr nach jener Richtung hin, die dem Leben keinen Glanz läßt.

Und es kommt den Geistern ihr ganzes Leben so recht überflüssig vor. Und dann dauert's nicht lange, und alle erklären einstimmig: »Es ist ja doch alles Unsinn.«

Jedes Streben und jedes Zielsetzen wird als Albernheit bezeichnet. Die Resultatlosigkeit grinst die Geister plötzlich in allen Dingen an.

Und die penetrante Empfindung, daß alles resultatlos und als alberne Spinnerei verläuft, erstickt jeden frischen Ton, so daß die Geister – es sind immer noch zehntausend Mann – stumpfsinnig werden wie betrogene Gauner.

Nur Knipo hält sich noch mit zwei anderen Geistern etwas aufrecht.

Alles Glänzende, das die Vergangenheit bot, ist verblaßt, und nur das Trübe und Leere wirkt in den zehntausend fort.

Einige Geister fallen und bleiben auf den Steinstufen liegen; niemand kümmert sich darum.

Knipo sagt stöhnend: »Mir ist ja beinah so wie einem Arbeiter zumute, aber – hatte man nach der Arbeit nicht mal so'n frohes Gefühl?«

»Jawohl«, erwidert der gelbe Geist neben ihm, »die sogenannte Arbeit war immer eine etwas billige Nervenaufregung.«

Und alle fühlen, daß ihre Nerven nicht mehr in Erregung zu bringen sind; alle haben das Gefühl, daß ihre Empfindungsfähigkeit gebrochen und morsch ist- mit dem Lebenkönnen geht's bergab.

Und sie steigen weiter die Steinstufen hinauf und kommen oben auf einen breiten Absatz, der mit schwarzen Fliesen getäfelt ist.

Knipo rafft sich auf und sagt deutlich: »Ich gestehe, daß ich Eure Schmerzen eigentlich nicht verstehen kann, und empfinde großen Schmerz über meine Schmerzlosigkeit. Ich komme mir so unbedeutend vor.«

Und er lacht. Es lacht aber keiner mit.

Und auf vielen klapprigen Holztreppen steigen die Geister weiter empor. Da ist die Beleuchtung noch trübseliger. Katzenaugen glühen auf den Geländern der Holztreppen. Neben den Treppen rauschen alte Bäume mit trocknen Blättern; auf den Ästen der Bäume winden sich dicke gefleckte Schlangen, die den Geistern beleidigende Worte zuzischen.

Und die mürben Holzstufen knarren.

Auf sehr vielen Treppen geht's empor, so daß sich nur die Geister gegenseitig erkennen, die sich auf derselben Treppe befinden.

Nur noch zuweilen leuchtet eine alte Lampe, die kein ganzes Glas hat.

Das Treppensteigen wird so mühselig wie ein Künstlerleben.

Und jede Schlange spricht so beleidigend wie ein Kind.

Viele Geister setzen sich auf die Stufen hin und lassen alles über sich ergehen – und rühren kein Glied.

Und die Geister empfinden, daß sie gekränkt werden sollen.

Und sie fühlen plötzlich, daß unsichtbare Hände ihnen Ohrfeigen geben.

Und ein langer Wutschrei geht über alle Holztreppen.

Aber auch die Wut bricht gleich wieder zusammen; es bleibt nur noch ein stumpfes Gefühl zurück, das so träge macht – so schlampig; es brennen den Geistern die Fußsohlen und die blassen Wangen.

Ein alter Geist sagt traurig: »Unser Jammer ist wohl bloß eine Folge der Eitelkeit. Wären wir nicht so eitel, so wären wir nicht zu verwunden. Nur der Eitle lernt den wahren Jammer des Lebens kennen. Wer seine Natur stets mit Zärtlichkeit zu würdigen pflegt, wird immer verletzt und jammervoll sein. Wir durchleben bloß die Tragikomödie der Eitelkeit. Alle Tragik ist pure Eitelkeitssache.

«Da wird Knipo neben dem Alten furchtbar wütend und brüllt: »Das wollen wir uns doch nicht gefallen lassen!«

Und von den Geistern bleiben Hunderte auf den Holzstufen liegen; nur die Stärksten erreichen oben das Ziel – abermals einen breiten Absatz, der mit schwarzen Fliesen getäfelt ist.

Der gelbe Geist sagt zum Knipo: »So wehre dich doch! Sag mir nur, wie Du's machen möchtest.«

Knipo möchte Witze machen, doch sie sterben ihm zwischen den Zähnen.

»Jawohl«, sagt er schließlich, »ich glaub's schon, daß alles Verletztsein nur ein Verletztsein der Eitelkeit ist. Aber wahrlich – ich sage Euch: der Kern Eurer Eitelkeit ist nur Eure verdammte Selbständigkeitssucht.«

»Unsre!« setzt der gelbe Geist verbessernd hinzu.

Und unartikulierte Laute des Ekels werden überall gehört, die Geister empfinden nicht bloß Ekel vor dem Leben – sondern auch Ekel voreinander.

Und der Ekel ist so gräßlich intensiv.

Sie denken zuweilen an die Einsamkeit, aber sie sind zu schlapp, um sich an dem Gedanken aufzurichten – er kann ihnen nicht mehr zum lachenden Endziele werden.

Die Katzenaugen auf den Geländern leuchten unheimlich – aber sie reizen nicht mehr auf – und auch das beleidigende Gezische der Schlangen verhallt wirkungslos.

Nur unartikulierte Ekellaute kommen über die Lippen der Geister.

Knipo sagt zum Gelben, nachdem er lange geschwiegen hat: »Humor entsteht, wenn man sich mit einer Situation notgedrungen abfinden muß, ohne den Knoten zerhauen zu wollen oder zu können.«

Er kann sich aber mit der trübseligen Treppen-Situation nicht abfinden, und so entsteht auch kein Humor.

Der Gelbe spricht kein Wort.

Es ist ein Jammer!

Und nun geht's noch auf eisernen Wendeltreppen höher immer in der Runde herum- in Pfropfenzieherkurven.

Da haben die Geister wiederum alle den einen Gedanken:

»Es ist alles zwecklos und sinnlos!«

Jetzt kann aber keiner mehr liegen bleiben, da sämtliche Wendeltreppen so schmal sind, daß die armen Geister einzeln hintereinander gehen müssen.

Und auf den eisernen Geländern klettern langsam dicke Krokodile herunter; die Geländer sind breit.

Und der gelbe Geist sagt zum Knipo: »Wir sind geworfene Meteore – nicht fliegende –, in Schneckenlinien sollen wir aufwärts steigen.«

Aber die Krokodile bewegen sich so unheimlich, daß jetzt unartikulierte Entsetzenslaute auf allen Wendeltreppen hörbar werden.

Jedes Krokodil tut so aufgeregt wie ein irrsinniger Patriot – und schimpft auch so.

Es ist entsetzlich!

Jedes Krokodil redet nur von den peinlichen Momenten, an die kein Wurmgeist und kein Sterngeist erinnert sein mag. Und die Geister auf den Wendeltreppen werden innerlich überall da berührt, wo sie unter keinen Umständen berührt werden möchten.

Jedes Krokodil benimmt sich in seinen Reden so taktlos wie der Diplomat eines jungen Raubstaates. –

Und es entstand ein Licht neben den Wendeltreppen.

Und das Licht ging nach allen Seiten weit weg und wurde immer schwächer.

Und es kamen Schatten aus dem Lichte heraus – und das waren Geisterschatten –, Schatten von jenen Billionen Geistern, mit denen die auf den Wendeltreppen einst zusammen waren – zwischen rasselnden Schienen.

Und die Billionen Geister wurden erkennbar – und sie waren alle fröhlich; obgleich ihre Gesichter ganz im Schatten waren, bewegten sie sich doch so lebhaft, daß ihre Lebenskraft aller Welt offenbar wurde.

Die Billionen schienen einander gar nicht ähnlich zu sein; die seligen Scharen, die da in der Ferne plötzlich vorüberschwebten, bildeten nicht eine gleichartige Masse wie die zehntausend – jeder sah dort drüben anders aus als seine Nachbarn.

Und das wunderte die Trübseligen auf den Wendeltreppen.

Doch das ferne Licht zerging, und die befreundeten Billionen wurden rasch wieder unsichtbar. –

Und die Trübseligen kommen oben aus den Wendeltreppen langsam einzeln heraus – und stehen nun auf einer großen eisernen Plattform da, und von dieser eisernen können sie hinabsehen auf die tief unter ihnen liegenden Holztreppen und Steintreppen, die sich zusammen von den dunklen Felsen und Wäldern so abheben wie ein großes streifiges Leichentuch.

Bleierne Schwere fühlen die Geister in ihren Gliedern.

»Das ist die vermaledeite Sternschwere!« sagen sie traurig.

Viele wünschen sich den Tod.

Aber an Selbstmord denkt keiner.

Und der Gelbe wundert sich darüber.

Da bemerkt der Alte wehmütig: »Von unsrer Gesellschaft einen Mordsgedanken zu erwarten, find ich naiv. Diese Gesellschaft hat ja nicht mal mehr die Kraft, die ein zahmer Gedanke verlangt.«

Knipo jedoch flüstert mit einem Anfluge von Humor:

»Wenn das Leben keinen Zweck hat, so hat doch das Sterben erst recht keinen Zweck.«

»Ach ja«, ruft da der Gelbe sehr laut, »das Lebenlassen ist der Gipfel der Grausamkeit.«

Der Alte sagt still: » Die Todesstimmungen sind genauso vorübergehender Natur wie die Luststimmungen.«

Und auf Strickleitern soll's von neuem weiter in die Höhe gehen; eine unsichtbare Gewalt treibt dazu.

Dennoch mag keiner den Strickleitern nahe sein.

Und die Geister sehen da nach einer Weile molchartige Wesen auf- und abklettern.

Die Molchartigen haben einen bunt gefleckten Rücken und drei Büschel weißer Haare auf dem Kopfe, die wie drei große soeben gewaschene Pinsel in die Luft ragen.

Und über den Pinseln werden hellgrüne Wolkengebilde sichtbar, die an den Strickleitern auch auf- und absteigen, so daß man nicht weiß, ob die Wolken die Molche oder die Molche die Wolken zum Auf- und Absteigen zwingen.

Ein dickes, giftiges Krokodil sagt brummig: »Das sind die Hoffnungen, die immer einen Narren finden, der ihnen folgt.«

Ein altes Krokodil ruft zornig: »Quatsch doch nicht! Das sind die alten Narren, die ihre Hoffnung niemals fahrenlassen.«

Danach sprechen die Geister durcheinander: »Wären wir doch auch solche Narren!«

»Wenn wir nur einmal glauben könnten, daß wir in ferner Zukunft selbständige Weltenschöpfer werden könnten dann hätten wir doch eine Hoffnung.«

»Wir wären auch zufrieden, wenn wir bloß glauben würden, daß wir einstmals frei sein dürften.«

»Derartigen Glauben«, bemerkt Knipo, »haben wohl bloß noch die Säuglinge.«

»Ja«, ruft der Gelbe schmerzlich, »der Glaube würde uns eine Hoffnung gebären.«

»Gelber«, spricht zornig der Knipo, »willst Du uns etwa durch Geburtsphantasien wieder Lebensmut beibringen?«

Und der Alte schreit: »Die Sternschwere! Die Sternschwere! Wir sind immer noch festgebunden an unsern Stern.«

Es wird plötzlich furchtbar hell. Und die Geister sehen wieder die unzähligen Spinngewebefäden – aber sie gehen diesmal von einem Geist zum andern und dann die Wendeltreppe hinunter zu den Holz- und Steintreppen, auf denen noch die vielen Geister liegen, die da unten nicht weiter konnten.

Die Fäden glänzen nicht sehr, als wenn sie staubig wären. Und das Atmen wird so schwer.

Die Molche mit den grünen Wolken sind fort.

Die Strickleitern schwanken.

Alle Geister sind still und wollen sich nicht bewegen – wollen nicht weiter.

Das helle Licht erlischt.

Und es wird stockfinstre Nacht.

Und keiner denkt mehr daran, noch höher zu steigen.

Die Strickleitern schwanken und berühren sich, daß ein leises Geräusch entsteht – wie von nassen Peitschen, die trocknen sollen im Nachtwinde.




TEMPEL!


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Geister, die lange starr waren und nicht weiter konnten, bemerken wieder, wie sich was in ihnen bewegt; es durchrieselt sie eine feine Substanz, die so freudig macht.

Und gewaltige eiserne Flügeltüren knarren in ihren Angeln – und öffnen sich.

Und zehntausend Geister blicken in ein neues Reich, in dem ein stilles Licht so weich anschwillt wie warme Luft.

Und durch die vielen Flügeltüren werden die Geister hineingetragen in das neue Reich.

Die Geister bemerken, daß sie in kostbaren seidenen Sänften liegen; viel Elfenbeinschnitzerei ziert die Ränder der Sänften.

Und unsichtbare Hände tragen die Sänften durch die Luft, daß die Getragenen sich freuen.

In einem allmächtigen Saale sind die Geister; eine hohe Topaskuppel läßt gelbes Licht von oben herunter. Die dunkelgrünen Wände sind durchsichtig, und es sieht überall so aus, als bewege sich was hinter den Wänden – in dunklen gedämpften Farben.

Auch oben hinter der Topaskuppel scheint sich was zu bewegen – wie Wolken.

Und durch schimmernde Kristallpforten schweben die Sänften mit den Geistern in einen Saal, der beinahe ganz so wirkt, als wenn er aus Rubinglas bestünde – nur im oberen Teile sind verschiedene Luken mit türkisblauen Gläsern gefüllt-, und an den Wänden schimmert viel fein geschliffenes wasserhelles Kristall.

Und die Geister bemerken, daß die ganze Architektur durchsichtig ist – wie Glas; sie sind in den transparenten Tempelhallen, von denen sie oft gehört zu haben glauben; wie eine lange bekannte Sache kommt ihnen die transparente Architektur vor – und doch ist nur ein kleiner Teil von Glas – die größeren Wandteile bestehen aus anderen Stoffen.

Seltsame Musik dringt aus den Tiefen der rubinglasroten Tempelhalle herauf – es klingt, als käm's von unzähligen neuen Instrumenten.

Während die Geister verwundert horchen, sehen sie viele Kristallschalen an den Wänden, und in die Kristallschalen fallen Tropfen aus verschiedenen Höhen hinein. Und durch diese Tropfen bildet sich die neue Musik; es sind allerdings noch andere Töne dabei, die den Schalen nicht gut entspringen können – doch hierüber werden die Geister im nächsten Saale aufgeklärt.

Da setzen sich die Wände aus unzähligen Säulen verschiedenster Konstruktion zusammen – und die bilden kolossale Nischen. Hinten in den Nischen geht's fensterartig hinaus in ein weiteres Säulenreich; da draußen im Freien stehen durchsichtige Säulen, die farbige Lichtsäulen sind, mit großen Wassermassen in einem architektonischen Zusammenhange – bunte rauschende Wasserfälle und bunte durchsichtige Springbrunnen sind untereinander in ähnlichen Rhythmen gehalten wie die farbigen Lichtsäulen.

Diese Wassermassen in der Ferne machen auch eine Musik – und die steht mit der Tropfenmusik der Tempelhallen in einem musikalischen Zusammenhange.

Und zu der Wassermusik gesellt sich noch eine Windmusik, die in den durchbrochenen Wänden bald leiser und bald stärker auftönt und sich immer milde den Melodien und Harmonien der Wassertonwelt anschmiegt.

Die zehntausend schweben in der nächsten Galerie, die sehr lang ist, auch an großen transparenten Standbildern vorüber, deren Inneres wunderbar leuchtet- wie flüssiges Edelgestein. Diese abenteuerlichen Gestalten spotten jeder Beschreibung; die Geister glauben, daß diese Standbilder lebendige Götter sind, obgleich Knipo dieser Behauptung lächelnd widerspricht.

Nun geht's noch durch sehr, sehr viele Säle durch, und die Geister starren durch all die transparenten Wände durch – und sehen in eine Kaleidoskop-Architektur, in der die Farben so auf- und niederwogen wie die Regenbogenfarben in Seifenblasen.

Jede Säule ist, ob sie bunt, farbig oder wasserartig ist, durchsichtig wie Glas – und die Galerien sind ebenso und die Kuppeln auch – und die Wände auch.

Und alles ist so reich durch das, was hinter allem ist. Und wo durch eine Öffnung durchzusehen ist, da sehen die Geister immer wieder und wieder weitere transparente Architekturgebilde – und zwischen denselben Wasserwerke, die zumeist ebenfalls transparent wirken – und nur im Schaume was Kompaktes besitzen. Fernere Wasserstrahlen werden auch durch die Kuppelluken sichtbar, die hier und da offenstehen.

Oft sehen die Wandsteine so wie Sammet aus – und sind trotzdem durchsichtig.

Durch die stete Weiterbewegung der Sänften verändert sich die Wirkung dieser transparenten Tempelhallen in jedem Moment.

Diese Farben- und Bewegungsreize sind so groß an Zahl, daß einzelne Eindrücke von der Wirkung der ganzen rauschenden Bilderfülle keine Ahnung erzeugen.

Und die Wassermusik mit der Windmusik ist ebenso reich und überwältigend schon in wenigen Augenblikken, daß ans Ganze kaum zu denken ist.

Alles ist in seifenblasenartiger Bewegung, so daß die Geister annehmen, Lebendiges sei draußen hinter den Wänden – und die Bewohner dieser transparenten Räume seien ebenfalls draußen.

Und die zehntausend möchten so gern wissen, ob's Wurmgeister oder Sterngeister sind, die da draußen noch mehr Bewegung und Farbenspiel in die vielen Wände, Galerien und Säulen hineinzaubern.

Und die Götterbilder wirken so geheimnisvoll – mit ihren abenteuerlichen Gliedern, ihren durchsichtigen Prunkgewändern und ihren durchsichtigen Köpfen.

In der Tiefe sehen die Geister viele Kronen nebeneinander liegen und glauben daher, daß die Zahl der Standbilder in der Tiefe noch größer sei.

Der Weg durch die vielen Tempelhallen, in denen die Musik oft nur leise flüstert, als wenn sie verbergen und nicht verkünden möchte, geht bald rechts und bald links – oft in großen Bogen und auch im Zickzack – labyrinthisch.

Und dann sind die Sänften mitten in einem Raume, der viel größer ist als alle anderen zusammengenommen.

Die Musik tönt hier so leise wie stille Gebete, doch die Stimmen der Geister tönen sehr laut, so daß die meisten erschrecken, wie sie den lauten Ton ihrer Stimme vernehmen. Und so schweigen bald alle.

Der Knipo findet sich jedoch am schnellsten mit dem Schallwunder ab, und es überkommt ihn eine so große Redewut, daß er nicht mehr schweigen kann – und er redet – wie ein Erleuchteter – seine Stimme donnert durch den weiten Raum: »Wir wissen nicht, daß es eine Welt gibt, und trotzdem können unzählige Welten lebendig sein. Es können unzählige Welten schon tot sein – sie können auch noch geboren werden. Sie können auch nie geboren sein und dennoch lebendig sein. Was wissen wir, was Leben heißt! Können wir behaupten, daß wir leben? Es lebt der Baum ein andres Leben als der Stein. Mit dem Wort ›Leben‹ können wir jedesmal was andres meinen. Wir wissen aber nicht, was unser Leben heißt, und wissen nicht, was unser Sterben heißt. Wenn wir nun nicht wissen, ob wir leben oder sterben – tot oder lebendig sind – so muß es uns doch ziemlich gleichgültig sein, ob wir die Geister, die hier wohnen und doch nicht hier sind, für Wurmgeister oder für Sterngeister zu halten haben. Wenn wir so wenig mit unsern Worten anzufangen wissen, so dürfen wir doch nicht annehmen, daß das uns räumlich größer Erscheinende bedeutender ist als das uns räumlich kleiner Erscheinende. Vielleicht sind grade die Wurmgeister die wirklichen Götter. Was aber sind denn die Wurmgeister mehr, wenn sie sich Götter nennen dürfen? Stern und Wurm und Gott, Wurm und Gott und Stern – das sind doch schließlich bloß Worte! Laßt die Worte doch laufen – laßt sie ans Ende der Welt laufen – dann haben die Worte doch was zu tun und stiften kein Unheil.«

Laut dröhnten Knipos Worte durch den weiten transparenten Raum, der wie eine allmächtige Hohlkugel wirkte. Und die ganze Kugel war im Innern doch köstlich gegliedert.

Die Sänften schwebten auf und nieder, und die Geister reckten sich in den weichen seidenen Kissen. Ein Oben und Unten gab's für die Geister in diesem Hohlkugelraum nicht, so daß sie das herrliche Tempelgebiet nach allen Seiten durchschauen konnten.

Auch hier wirkte die reich mit Säulen, Nischen, Galerien und Luken durchbrochene Wandung durch die ins Jenseits führende Transparenz; hier hatten die Geister so recht die Empfindung, in einer ungeheuren Seifenblase herumzuschweben.

Aber es gibt verschiedene Seifenblasen, und die Kugel, in der Knipo so laut sprach, verdient nicht, daß man sie Seifenblase nennt.

Die Kugelwandung war vom Mittelpunkt so weit entfernt wie ein ferner, ferner Sternhimmel.

Auch diese Hohlkugel war ein Sinnbild der Unendlichkeit.

Und Knipo redete zum anderen Male: »Liebe Brüder! Es ist schon viele Billionen Jahre her – da erlebten wir was, worüber wir heute noch lachen könnten. Damals wollten wir mal unser liebes sogenanntes Ich erweitern und mit diesem Ich die ganze Welt durchdringen – und auch alles das, was nicht in der Welt ist. Nicht bloß selbständig wollten wir werden, wir wollten sogar weltumspannende Persönlichkeiten – ganze Allwesen – werden. Wie klein muß uns damals die Welt vorgekommen sein! Heute halten wir die Welt nicht für klein und nicht für groß – wohl aber für eine so übergewaltige Sache, daß wir uns belächeln müßten, wenn wir uns einbilden wollten, wir hätten heute schon ein Recht, uns über die Bedeutung dieser Allumfassenden ein Urteil zu bilden. Und daher wollen wir fürderhin nicht mehr bloß mit unserm Stern zusammen einen guten Ton zu bilden suchen – wir wollen mit dem uns Unbekannten auch einen guten Ton erzeugen. Wir wollen ruhig weiterschweben, ohne was zu wollen. Ich glaube, unsre Willenlosigkeit ist unsre ganze Stärke – obgleich diese Worte so alt klingen wie die Ruinen eines Götterlebens.«

Da rauschte wunderliche Musik durch viele Luken in die transparente Hohlkugel hinein, und die Sänften schwebten einer fernen Rosette zu.

Und viele Geister wiederholten Knipos Worte: »Ich glaube, unsre Willenlosigkeit ist unsre ganze Stärke!«

»Ja, ja!« rief Knipo »,wenn wir willenlos sind, so kann eine andre Kraft – ein Jenseitswille – in uns lebendig werden. Und es ist doch so seltsam, daß wir trotzdem unsre Selbständigkeitssucht für die Dauer nicht unterdrücken können.«

Rauschend klangen die Wassermelodien um Knipos Ohren – und er vergaß seine Rede.

Und die Geister schwebten durch die Rosette aus der Hohlkugel raus in andre Säle – wieder ging's teils im Zickzack, teils in großen Bogen weiter.

Und so gelangten die Geister nach langer, langer Zeit in den Zorntempel.

Dort wurde die Stimme der Geister gleich ganz rauh; kaum hatte Knipo ein paar Worte gesprochen, so merkte er schon den Hohn im Ton, daß er vor sich selbst zusammenschrak wie ein Verfolgter.

Im Zorntempel wurden alle sehr zornig – da sahen auch die Fenster wie rotglühende Augen herunter – und die durchsichtigen Säulen waren gewundene Schlangenund die Musik donnerte – und die Götterbilder ähnelten griffsicheren Raubtieren.

Und Knipo mußte wieder sprechen – und er sprach, als wenn ein Geist in ihn gefahren wäre, der ihm so lange fremd blieb, mit rauher bebender Stimme: »Das wahre Glück besteht nur in der langsamen rachsüchtigen tückischen Vernichtung alles dessen, was da lebt. Den einzigen Schmerz, den wir für den wahren halten müssen, bildet die Empfindung, daß es doch leblose Dinge geben dürfte, die wir vielleicht niemals vernichten könnten, da sie ja infolge ihrer Leblosigkeit auch unsterblich sein könnten.«

Ein wieherndes wahnsinniges Gelächter durchbraust den vieleckigen Zorntempel.

Und die Sänften drehen sich alle so fix um sich selbst, daß den Geistern ganz schwindlig wird.

Knipo brüllt aber aus vollem Halse: »Nur die Zerstörung kann die Entwicklung fördern.«

Eine Götterfratze tut ihren Rachen auf und spricht mit hohler Metallstimme: »Ich bin der gebändigte Tiefsinn dieser Welt – ich bin der Gott des unsterblichen Augenblicks.«

Da steigt den Geistern etwas Unbekanntes im Leibe empor und bleibt ihnen in der Kehle stecken – wie eine kalte Faust. Und sie fürchten sich.

Jetzt erhalten die roten Luken, die wie glühende Augen ins eckige Innere des Zorntempels hinunterglotzen, eine heftige Anziehungskraft.

Und im nächsten Augenblick sind alle zehntausend Geister draußen.

Und sie fliegen aus ihren Sänften raus auf ein schräges glattes Glasdach. –

Auf dem Glasdach genießen sie einen weiten Rundblick über die gesamten transparenten Tempel und Wasserwerke.

Die Sänften sind verschwunden.

Schräg ist das Glasdach, und die Geister rutschen langsam runter – doch sie sehen drüben eine große Kugel – einer bunten riesigen Seifenblase ist sie nicht unähnlich. Und von der Kugel gehen unten mehrere schlauchartige Gebilde heraus, von denen eines im nahen Zorntempel endigt. Und die Geister sehen auch die durchsichtigen Wasserwerke und hören die Musik, die jetzt so wenig durchsichtige Melodien hat.

Und die Geister sagen sich, daß die schlauchartigen Gebilde, die transparent sind und zur Mittelkugel führen, die Saalreihen vorstellen, die sie in den Sänften durchschwebten – und sie wundern sich, daß von den Bewohnern dieser Tempel auch draußen keine Spur zu entdecken ist.

Die Geister staunen alles an und rutschen auf dem schrägen glatten Glasdach immer weiter runter dem Rande zu.

Und schwarze ungeheure Kapuzen sinken hernieder und bedecken die Architektur nebst den Wasserwerken, der Krallenrand der Kapuzen hakt sich unten schnell fest und die Geister sehen nicht mehr die transparente Welt.

Alles Licht ist fort, und die Musik ist mit einem Male zu Ende.

Die Geister rutschen immer weiter – und fürchten sich – vor einem großen Fall.




RASEREI!


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Geister, die auf einem schrägen Glasdach immer weiter runterrutschen und in der Dunkelheit die große Angst vor dem Unbekannten empfinden, sehen in der Ferne weiße Punkte aufleuchten.

Die weißen Punkte werden größer, und die Geister erkennen, daß sich weiße Vögel ihnen nahen – leuchtende Vögel.

Die Vögel sind sehr groß, und in ihren großen Krallen haben sie große blanke Scheren. Molchköpfe haben die Vögel, und sie sagen zu den Geistern mit glucksender Stimme: »Wenn Ihr wollt, so könnt Ihr jetzt selbständig werden; mit unsern blanken Scheren können wir die Spinngewebefäden, die Euch an Eure Sterne fesseln, zerschneiden.«

Die Geister rufen natürlich: »Los! Los! Schneidet nur zu!« Da werden die Vögel so leuchtend hell, daß wieder die glitzernden Fäden zu sehen sind – und die werden dann gleich eifrig von den Vögeln entzweigeschnitten; die Scheren klappern wie in einem großen Friseurladen; es sind wohl einige hundert Scheren in Bewegung.

Und die Geister sind frei!

Und sie jauchzen und schweben gleich hoch in die Luft hinauf – und in die nächste Sternenwelt hinein.

Die Sternschwere ist fort, und die Geister sausen dahin wie flinke Kometen – nur noch flinker.

Alles Lästige ist fort.

Frei sind die Geister.

Und dahin schießen sie – bald so schnell wie Billionen Orkane zusammen.

Die Sterne flitzen nur so vorüber, daß die Geister bald gar nicht mehr sehen, an was für Sternen sie vorüberjagen.

Die Geister haben gar keine Zeit, sich das Aussehen der Sterne anzusehen – ob die eckig, rund oder schlauchförmig, scheibenartig oder wie Trichter sind – ist ja saumäßig piepe den freien Weltjägern, die nur empfinden wollen, daß sie frei sind – und hinschießen können, wohin's ihnen paßt.

Und sie wollen hinaus in die freiste Welt – dorthin, wo's keine Sternwelten mehr gibt.

Und die Sterne bilden für ein paar Augenblicke glitzernde Fäden rechts und links von den Geistern – so schnell schießen die dahin.

Und dann sind die Geister in einer Weltgegend, die frei von allen Sternen ist – alle großen Sternwelten zusammen bilden da bald bloß einen kleinen Lichtpunkt – und auch der verschwindet.

Und es ist finster, und Knipo wird zum Anführer der zehntausend ernannt.

Jetzt glauben die Geister, sie könnten aus einer Weltecke in die andre fahren; und sie setzen dem Knipo auseinander, daß er ihnen sämtliche Weltwunder zeigen müsse.

Knipo meint, er möchte wohl zunächst alle unsichtbaren Weltwunder sehen.

Doch auch die absoluteste Freiheit hat ihre Schranken – die Geister können das für sie Unsichtbare nicht erblicken.

Da schlägt Knipo vor, die großen bunten Gasräume zu besichtigen.

Und sie fliegen wieder raus aus der Finsternis – wieder an unzähligen Sternen vorüber, die ungeheure Polypen sind und grade die Absicht haben, sich gegenseitig die langen Beine auszureißen.

Wie die Polypen immerzu die Farben wechseln!

Aber die Geister haben keine Zeit, dem Spiele zuzuschauen – und an manchen anderen Sternschauspielen fliegen sie ebenso schnell vorüber, daß schließlich rechts und links von ihnen wiederum nur noch bunte Streifen aufflammen – so schnell rast die wilde Jagd dahin.

Und es durchrauscht die Geister eine wilde heiße Seligkeit – jetzt endlich können sie sich austoben – durch die ganze unendliche Welt durch – immerzu im rasenden Tempo durch und durch gehen – alles steht ihnen offen.

Und so kommen die Geister in die Gasräume- und da geht's aus grüner Luft in rote – und aus der roten in die bunten Lüfte – und aus den bunten in die weißen und gelben.

Aber es geht wieder so schnell, daß sie die einzelnen Gasräume nur ganz flüchtig kennenlernen – kaum bleiben ihnen Geruchserinnerungen haften. – – –

Und die hastigen Weltdurchstürmer empfinden ihre Freiheit nicht mehr als ein reines Glück – es geht alles zu schnell – und sie fragen sich schon, ob sie für solch freies Leben auch geschaffen sind – es wird ihnen bereits das Hastige, das naturgemäß in jeder Freiheit steckt, zu einer Art Qual.

Aber Knipo hat schon wieder einen Plan: er will die große Götterallee kennenlernen, von der er schon mal wo gehört haben will – da soll die kolossalste Bildhauerkunst zu sehen sein.

Und sie kommen auch dahin und erblicken dort unmäßig große Standbilder, von denen die Geister immer nur kleine Partien sehen. Ganz unmöglich erscheint es den Hastigen, sich auch nur eine ungefähre Vorstellung von dieser kosmischen Skulptur zu bilden; so viel Zeit lassen sie sich eben nicht.

Auch hier geht's wieder mit Blitzesschnelligkeit durch ach – viel schneller, als alle Blitze, die's geben könnte, zusammen – so schnell, daß selbst diese Götterbilder zu Lichtstreifen werden.

Und der gelbe Geist schreit plötzlich laut auf: »Sollten wir nicht unsre Kugelsterne unterschätzt haben?«

Die rasende Hast wirkt so zerstörend; feinere Genüsse dringen gar nicht durch. –

Und sie kommen zu den größten Riesen, die's in der Welt gibt.

Die Riesen schlafen grade und schnarchen; das Schnarchen hört sich wie ein wahnsinniges Orkangeheul an.

Die Geister bemerken mit den Augen nur gewaltig hohe steile Felsenwände, die Knipo für Fußsohlen halten will.....Die ganze Welt erscheint den zehntausend bloß ein großes Buch zu sein, in dem sie blättern, aber nicht lesen dürfen; nicht mal die Bilder können sie sich ansehen. –

Knipo kriegt den Einfall, daß sie sich neue Sinne besorgen müßten, um diesen vermaledeiten »Weltkrempel« besser durchschauen zu können.

Und hinter sechs luftleeren Räumen bekommen die Geister die neuen Sinne.

Indessen jetzt geht alles noch viel schneller als bisher; sie wissen nichts Rechtes mit den neuen Sinnen anzufangen, da sie doch nicht gelernt haben, mit ihnen umzugehen; sie lassen sich auch nicht die Zeit, die neuen Sinne zu schärfen und sich anzupassen.

Und so sind sie schließlich froh, wie sie ihre alten Sinne wieder haben.

Durch andre Verwandlungen werden die tollen Geister ebenfalls nicht klüger. –

»Sollte dieses Götterleben«, sagt Knipo in einer smaragdgrünen Weltecke, die dick wie Teer ist, »nicht ein wenig verfrüht in unserem Weltleben sein? Aus reiner Blasiertheit könnte ich beinahe wieder fesselsüchtig werden. Die Unbenutzbarkeit und die Unübersehbarkeit der neuen Geschichten hat mich so blasiert gemacht, daß ich mich demnächst für ein Steinwesen halten werde. Hol der Teufel dieses Götterleben!«

Man stutzt bei dem Worte »Teufel«, aber es erfolgt doch eine lebhafte Zustimmung im ganzen Zuge!

Es dauert nur nicht lange, so redet der gelbe Geist von der Fabrik neuer Weltkräfte mit einer hinreißenden Lebendigkeit.

»Da müssen wir mal hin!« ruft er aufgeregt, »alte Narren denken natürlich, die Schwerkraft und manche andre Kraft fülle die halbe Welt. Und dabei ist die halbe Welt noch weniger denkbar als die ganze. Die Kräfte reichen nicht so weit. Tatsache bleibt es jedenfalls, daß noch unsäglich viele neue Kräfte fabriziert werden – und für die muß doch Platz gemacht werden.«

Und die unternehmungslustigen Geister rasen durch Schlangen- und Trichtersterne durch – und kommen in die Fabrik.

Diese Fabrik ist nun leider so maßlos groß, daß die armen Geister gar nicht verstehen, was sie da sehen – ihre Eindrücke empfinden sie teils als fleckige, teils als strichförmige Feuergebilde – viel mehr unterscheiden sie nicht.

»Dies ist die unüberwindliche Raserei!« ruft der alte Geist.

Und keiner versteht, was der Alte damit sagen will – der aber redet weiter von der Vergänglichkeit aller Empfindungen. –

Und die zehntausend sehen plötzlich neben einem unendlich scheinenden Schornstein lange Geisterzüge vorbeischweben – und die sind ganz still – wie die Windstille nach dem Orkan.

»Es ist die schnelle Fahrt so anstrengend!«

Also rufen viele seufzend aus. –

Knipo will, wie sie aus der Fabrik nicht klug werden, die Weltenschöpfer kennenlernen, die ganz weit, weit hinten in der Unendlichkeit wohnen – in dieser Unendlichkeit in der niemand ein Ende findet – in keiner Richtung.

Und die zehntausend finden die Weltenschöpfer und sehen sie da sitzen und Sterne formen- wie große Töpfer so kommt's wenigstens den Geistern vor- sie wissen wohl, daß sie sich täuschen könnten – jedoch der Eindruck ist immerhin da.

Und die alleswollenden Geister möchten auch so gerne mal Sterne formen.

Ein Großer will's ihnen erlauben, wenn sie imstande sein sollten, eine neue Sternform zu erfinden, die's noch nicht gibt.

Aber sie können nichts Neues erfinden – das Neue ist so grauenhaft schwer auszudenken – läßt sich auch nicht so leicht entdecken. –

Da werden die Geister allmählich wütend und wollen auf einmal alles vernichten.

Jedoch selbst hier ist wieder ein Riegel vor die Türe der Freiheit geschoben: vernichten darf der, der nichts Neues machen kann, in keinem Fall.

»Verdammte Freiheit!« brüllen die Wütenden.

Und sie fliegen durch eine verzerrte Hohnwelt durch – in der alles Hohn ist – das absolute Karikaturenviertel!

Ein grausiges Gelächter durchbrüllt jenes Viertel fast unaufhörlich – nur wenn neue Sonnen kommen, wird's still.

Und alle merken hier, daß sie so roh geworden sind – so roh – wie Ungeheuer, die die unendliche Welt nur für ihre Speisekammer halten. –

Es ergreift die zehntausend Heimweh.

Und sie wollen durch den nächsten Symbolraum durch – auf dem kürzesten Wege – nach Hause. –

Der Symbolraum erscheint ihnen ganz leer – wie ein ausgeraubtes Haus, das zerfällt.

Eine zinnoberrote Eidechse von imposanter Gestalt springt aus einem meilenlangen Fenster, versperrt den Weg und sagt eifrig: »Vergeßt nicht, daß alle Sterne zusammengenommen und alles Denkbare zusammengenommen, so sehr wir's auch vergrößern mögen, der Unendlichkeit gegenüber immer wieder bloß einen mathematischen Punkt bilden – der alles hat – nur keine Ausdehnung.«

Die zinnoberrote Eidechse platzt und steigt als Feuerregen empor.

Und die Geister fühlen, daß sie noch nicht reif zur Freiheit sind.

Sie können das freie Leben nicht aushalten. –

Und in rasender Hast geht's zurück – durch all die vielen Weltgegenden zurück – zu jener kleinen Ecke, in der jene Kugelsterne leben, mit denen die gehetzten zehntausend einstmals zusammenhingen.

Und kaum sehen sie in der Ferne die Kugelsterne, so wird's auch gleich wieder sehr hell vor ihren Geisteraugen – und sie erblicken wieder mal nach langer, langer Zeit die Spinngewebefäden, die alle straffgespannt in parallelen Linien von den Geistern zu den Kugelsternen hinführen.

Die Scheren der weißen Vögel sind offenbar nicht scharf genug gewesen.

Molchgesichter gucken oben aus grauen Wolken herunter und schmunzeln.

Und die zehntausend fühlen wieder die alte Sternschwere auf ihren Schultern.

Und die Heimkehrenden atmen auf, als wären sie erlöst.




VIKTORIA!


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Und die Geister, die lange von ihren Sternen getrennt waren, sind wieder mit ihnen zusammen – und gehen auf ihnen herum – und freuen sich.

Aber ein ungeheurer Kanonendonner schallt ihnen jetzt entgegen.

Und die schwarzen Diener, die wie alle Molche gern überall herumklettern, kommen den Geistern entgegen und bitten sie, die Ehrenpforten zu durchschreiten, die extra zu ihrer Begrüßung erbaut sind.

Die Geister, die sich jetzt auf den verschiedenen Sternen also begrüßt sehen, werden verlegen.

Das Kanonengedonner wird immer stärker, daß die Ohren sausen.

Und die schwarzen Diener rufen mit ihren Molchmäulern: »Viktoria! Viktoria!«

Da fragen etliche Geister, was denn das Geschieße bedeuten soll.

Da antworten die Diener mit ihren Molchmäulern: »Wir glaubten, daß die Nerven der Herren Wurmgeister durch die lange Fahrt wohl so überreizt sein dürften, daß nur noch ein allgemeiner Kanonendonner eine wirkungsvolle Begrüßung abgehen könnte.«

Die Herren Wurmgeister hören zwischen dem Kanonendonner immerzu die Molchmäuler rufen: »Viktoria! Viktoria!«

Und dieser Empfang wird ihnen recht peinlich.

Doch sie nehmen auch diese etwas zweifelhafte Ovation ruhig hin und sind froh, daß sie endlich wieder zu Hause angelangt sind; vieles hat sich ja zu Hause verändert, doch die Hauptsache scheint intakt geblieben zu sein.

Bloß dieser Knipo ärgert sich über dieses Geschieße und über dieses Viktoriageschrei!

Er war auf seinem Stern der einzige Geist, der mal fort wollte – und zwar mehr der Mode denn der Neigung zur Freiheit wegen – und nun soll er sich diesen Empfang gefallen lassen! Er spricht zu den Schwarzen:

»Meine Herren! Mir ist niemals begreiflich gewesen, wozu dieser ganze Entwicklungsrummel, den ich mitzumachen die Ehre hatte, inszeniert wurde. Ich muß mir daher die Ehre, die Sie mir jetzt noch zum Schluß erweisen wollen, ganz ergebenst verbitten – denn ich habe nichts erobert und nichts profitiert, so daß Sie kein Recht haben, mich als heimkehrenden Helden zu feiern. Das ist ja veritabler Hohn von Ihnen!«

»Was?« schreien da die schwarzen Diener, »Sie wollen durch die lange Fahrt nichts profitiert haben? Sie sind ja ein ganz undenkbares Kamel, Herr Knipo! Erinnern Sie sich doch an die weißen Vögel, an die Leitern, auf denen wir Ihnen was vorkletterten, an die langbeinigen Geister, denen die Himmelsstücke auf den Kopf fielen – und an all die anderen großen Eindrücke, die auf Sie eingestürmt sind mit so großer Vehemenz. Dadurch soll Ihre werte Entwicklung nicht gefördert sein? Davon wollen Sie nichts profitiert haben? Aber Herr Knipo, sehen Sie jetzt nicht die Welt mit ganz andren Augen an? Sehen Sie sich doch mal um!«

Und Knipo, ein ehrlicher Mann, erinnert sich an alles und blickt sich um – und sieht seinen Stern ganz verändert – überall Architektur mit Türmen, Mauern und Balustraden.

Und Knipo empfindet, daß er auch ganz anders geworden ist – seine Gedanken sind andere, denn seine Erinnerungen sind andere.

Und Knipo stottert nach einiger Zeit: »Verzeihen Sie mir! Ich erkläre Ihnen, daß ich bittres Unrecht tat, als ich mein Schicksal tadelte! Die Entwicklungen, die ich durchmachen durfte, sind nicht ohne Einfluß auf mich geblieben. Es ist mir manches, was ich früher nur vom Hörensagen kannte, in Fleisch und Blut übergegangen; die letzten Worte verstehe ich natürlich nur bildlich.«

»Sehen Sie«, sagen da die Diener, »da können Sie also auf unserm Stern fürderhin ein wertvoller Entwicklungsfaktor werden. Jetzt können Sie mal treibende Kraft spielen. Sie werden unsern Spaß und unsern Ernst verstehen, wenn Sie über Ihre Erlebnisse ruhig nachdenken – und mit uns fördern wollen, was zum Besten unsres Sterns ist – dessen Diener wir doch alle sind. Einem Stern können nur die Leute etwas nützen, die sich Mühe gaben, sich zur Selbständigkeit zu entwickeln.«

Knipo steht ganz still und sieht die Schwarzen lange an – und die verbeugen sich – und einer von ihnen fragt höflich: »Wollen der Herr Knipo vielleicht göttlich verehrt werden? Wir sind allesamt gerne bereit, Ihnen göttliche Ehren zu erweisen – und die Leute, die hier auf diesem Sterne leben und uns nicht sehen können, würden auch sehr glücklich sein, wenn sie zu Ihnen so vertrauensvoll aufblicken dürften wie zu einem Gott. Die Bewohner unsres Sterns sehnen sich grade nach einem neuen Gott mehr denn je.«

Und Knipo erwidert einfach: »Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten, muß es aber ablehnen, eine Rolle zu spielen, die ich heute und morgen noch nicht ausfüllen kann.«

Und er dreht sich so einfach um wie ein Mann, der die gefährlichsten Leidenschaften endgültig überwunden hat.

Und während das Kanonengedonner ruhig seinen Fortgang nimmt, steigt Knipo langsam auf den nächsten Turm und wirft sich dort oben etwas ermüdet in den ersten besten Thronsessel. –

Und jetzt denkt er in seinem Thronsessel darüber nach, wie er wohl die Entwicklung seines Sterns fördern könnte.

Die andern Geister, die die lange Fahrt mitmachten, denken ein Ähnliches.

Aber von den Billionen Geistern, die ausfuhren, um das Diadem der Gottheit zu erobern, sind erst sehr wenige zurückgekehrt.

Knipo denkt an die lange Fahrt und ordnet seine Erinnerungen.

Und die anderen Geister, die mit Knipo so lange zusammen waren, tun ein Ähnliches.



ENDE




Liwûna und Kaidôh


Inhaltsverzeichnis (#ubd2e4fd2-00f4-5166-ad89-e3c73231fef0)

Es schneit Jasminblüten.

Und ich schwebe in dem Jasminblütenschnee ganz langsam, als hätte ich Zeit – viele tausend Jahre nur so hinzuschweben in duftenden Blüten. Betäubend ist der Duft und es ertönt unter mir lautes Gelächter – das wird immer stärker – so stark wie wildes Donnern.

Der lachende Donner wird aber bald schwächer und verhallt in der Tiefe.

Und ich höre nichts mehr von dem grossen Lachen.

Es verschwinden auch die Jasminblüten – die letzten fallen schnell hinunter.

Der Vollmond scheint mir ins Angesicht. Ich schwebe zwischen weissen, flockigen Wolken, die eben so vom Vollmonde beschienen sind wie mein Angesicht, höher und höher.

Es geht immerzu hinauf, und es geht so leicht; ich brauche nur die Fusszehen zu bewegen.

Der Mond wird kleiner und geht zur Seite als kleiner Stern.

Und dann sehe ich nur noch Sterne – über mir – unter mir – und überall.

Schwarz ist der Himmel, und die Sterne sind alle zu sehen – auch die kleineren.

Ich schwebe leicht durch die unzähligen schimmernden Sterne durch – weiter hinauf in die dunkleren Räume, in denen nicht mehr so viele Sterne leben.

Es ist da so kühl.

Und mir ist so, als schwebe was neben mir.

Es sind leichte, feine Gewänder – weisse – zarte.

Und ich frage leise:

»Wer ist bei mir?«

Und ich höre eine ferne Stimme sagen: »Dein Weib ist bei dir – die Frau, nach der du dich gesehnt hast, so lange, lange Zeit.«

Und ich antworte still:

»Ich erinnere mich gar nicht mehr, dass ich mich mal nach einem Weibe oder nach einer Frau gesehnt habe. Das hab ich wahrhaftig beinah vergessen.«

Im weiten, dunklen Himmel werden jetzt Farben wach.

Mit verwehten olivgrünen Wolkenschleiern beginnt es. Hinter den Schleiern entstehen dunkelgrüne Flecke, die rund werden und bald kleiner und bald grösser erscheinen. Und flockiges, rosa leuchtendes Gewölk sinkt von oben dazwischen und hängt bald wie zerzauste Watte da – so still wie alte Träume.

Aus allen Wolken fallen Bänder, die sich ringeln und immer dünner werden – so dünn wie Haare. Blond sind die Haare, sie verlieren allmählich das Krause und hängen sich in schlaffen Strähnen über die dunkelgrünen runden Scheiben, die starren Augen gleichen. Die olivgrünen Wolkenschleier schwanken, als wärens Schaukeln. Das rosa leuchtende Gewölk hängt dazwischen ganz ruhig. Die blonden Haare zittern vor den grünen Augen.

Neben mir sagt nun eine mir sehr bekannte Stimme:

»Weisst du immer noch nicht, wer bei dir ist? Blick mich doch einmal an!«

Ich drehe den Kopf und sehe eine Frau neben mir; sie hat grosse, meergrüne Augen. Ich weiss, wer es ist. Aber ich fühle keine Erregung; es wird nur noch stiller in mir.

Wir schweben oben durch das rosa leuchtende Gewölk zusammen empor – immer höher. Sie bleibt bei mir.

Und die Farben verschwinden unter uns.

»Ich bin nicht so, wie du denkst!« sagt sie da plötzlich.

Ich bewege heftig meine Fusszehen und fliege hinauf wie ein Pfeil; die Sterne sausen neben mir runter, als wenn sie fielen. Ich bin sehr ungeduldig.

Doch meine Begleiterin bleibt an meiner Seite. Ich fühls; es geht langsamer.

Aus dem nachtschwarzen Himmel tauchen abermals farbige Wolken heraus, diesmal sinds purpurrote und goldene Wolken; sie ziehen sich in langen Streifen rund um den Raum, sodass ich die Empfindung habe, in einem schwarz-roten-golden gestreiften Bienenkorbe emporzuschweben.

Ich drehe meinen Kopf meiner Begleiterin zu und sehe, dass sie anders aussieht. Ihr Gesicht ist mir allerdings wiederum sehr bekannt; heisse, braune Augen und rote Backen glühen mir wild entgegen.

Ich bewege wieder meine Zehen und schiesse oben aus dem Bienenkorbe raus.

Doch meine Begleiterin schwebt an mir vorbei, und ich erschrecke.

Sie ist jetzt so furchtbar gross und üppig wie eine Riesendame auf Jahrmärkten.

Sie schwebt dicht vor mir, und ich höre, wie sie leise sagt:

»So küss mich doch!«

Ihr Gesicht kann ich nicht sehen, ich sehe nur ihren breiten, weissen Nacken und zwei lange, braune Zöpfe, die auf einem gelben Seidenkleide hin- und herpendeln.

Ihr Kopf ist mit meinem Kopf in der gleichen Höhe, und ich komm ihrem Rücken ganz nahe und greife mit der Linken in ihren vollen Arm. Doch die Hand geht gleich durch ihren ganzen Leib, und die Riesendame lacht wie ein Kobold.

Und sie sagt lachend:

»Ich bin doch nicht aus Fleisch und Blut. Was fällt dir denn ein? Ich bin doch Liwûna. Und du bist doch Kaidôh. Weisst du das noch nicht?« Ich muss lächeln und erwidre traurig:

»Also Kaidôh bin ich? Na ja, ich ahnte ja stets, dass ich was andres sei.«

»Natürlich!« ruft sie, »sonst könntest du doch nicht so fein fliegen. Wir sind beide aus sehr feinem Stoff; Luft ist plump wie Blei dagegen. Pass auf, was deine lustige Liwûna machen kann.«

Dabei dreht sie sich um, zieht aus der Rocktasche ihres gelbseidenen Kleides zwei grosse Gewichte hervor, die viele Centner schwer zu sein scheinen, und hantelt mit den Centnergewichten, dass ihr die blauen Adern auf der Stirn und an den Schläfen anschwellen.

Ich frage sie, was das soll.

Da thun sich die Centnergewichte auf, und es fallen lauter Botokudenregimenter mit Schornsteinfegern untermischt aus den Gewichten heraus. Die Kerls sehen so klein und drollig aus, dass ich herzlich lachen muss.

»Gefall ich dir jetzt endlich?«

Also fragt sie nun sehr rauh.

Und ich muss noch mehr lachen, bewege aber gleichzeitig wieder meine Zehen, um höher zu kommen.

Die Riesendame verschwindet unten, und ich denke mir, dass sie nicht so schnell fliegen kann – da sie ja so dick ist. Doch ich irre mich, denn ich fühle sehr bald, trotzdem ich mit rasender Hast höher steige, ihre Nähe wie zuvor.

»Du entfliehst mir doch nicht!« flüstert sie hinter mir – mit einer ganz anderen Stimme.

Ich drehe mich rasch um und blicke in ein kleines, feines, sanftes Gesicht mit grauen Augen, die so ernst und milde glänzen – wie ein guter Geist.

Und sie flüstert:

»Ich will so sein, wie du es willst. Ist dir das noch immer nicht genug?«

Es liegt so viel Sehnsucht in diesen Worten, ich werde weich und sage sanft:

»So schaff mir neue Welten – ganz neue, die ich mir noch niemals ausgedacht habe und auch gar nicht ausdenken kann.«

Und ich höre die Liwûna erwidern:

»Liwûna thut alles.«

Und dann verlässt sie mich.

In der Ferne höre ich sie rufen:

»Kaidôh! Kaidôh!«

Es wird alles dunkel und zuletzt ganz schwarz vor meinen Augen.

Das Schwarze bleibt lange.

Allmählich wirds aber drüben an einer Stelle heller, und ich sehe einen Stern – der sieht aus wie ein riesiger Diamant mit tausend feingeschliffenen Ecken und Kanten.

Und der Sterndiamant dreht sich um sich selbst.

Und seine Farben brennen.

Mächtige, prächtige Lichtkegel in allen möglichen Farben drehen sich zuckend und zitternd durch die schwarze Nacht.

Und die Farben brennen sich mir ins Auge, dass ich geblendet werde.

Diamantenbrand!

Ein buntes, ecken- und kantenreiches Farbenfeuer mit glitzernden Flächen, die sich immerfort durcheinander schieben.

Und die spitzen Funken sind so grell.

Ich muss die Augen zumachen.

Ich halts nicht aus.

Ich fühle, dass Liwûna mich fortzieht – ich bewege krampfhaft die Zehen.

»Du kannst das nicht aushalten,« sagt sie mitleidig.

Und ich werde sehr unruhig; Angstgefühle klemmen mir die Brust zusammen.

»Ich kann das nicht aushalten,« spreche ich tonlos nach.

Wir schweben weiter. Ich kneife die Augen fest zu; sie thun mir weh. Und dann bitte ich die Liwûna, mir andre Welten zu zeigen, die ich wenigstens ansehen kann.

Sie redet mit sanfter Stimme lange Zeit auf mich ein, und ich wage es danach, wieder die Augen zu öffnen.

Ich schwebe in einem zerklüfteten, schwarzen Gebirge. Die steilen Felswände sind so hoch, dass ich oben Stein und Himmel nicht mehr unterscheiden kann. Der Himmel wird immer dunkler. Und unter uns ist alles sehr tief, und in der Tiefe ziehen sich graue Nebelstreifen wie Schlangen hin.

»Langsam!« ruft mir meine Begleiterin zu.

»Ich weiss,« fährt sie fort, »dass du etwas suchst, aber ich weiss auch, dass du noch nicht weisst, wie das aussieht, was du suchst.«

»Ja,« versetzte ich rauh, »ich weiss nicht, was ich suche. Dass ich aber etwas suche, das weiss ich. Ich suche?«

Es umweht mich kühlende Luft. Liwûna sehe ich nicht, ich fühle nur ihre Nähe – und das thut sehr wohl.

Da entdecke ich in der schwarzen Felsenwand einen Spalt, der hell ist. Ich nähere mich dem Spalt und blicke in ein grünes Wunderreich.

Lauter grüne Pilze! Sehr grosse Riesenpilze mit wunderlichen Pilzdächern – gezackten und gespreizten! Und auch viele kleinere Pilze in allen denkbaren Grüns. Viel giftiges und viel glänzendes Grün – helles und dunkles – totes Grün und ein Grün, das so voll echter Lebensgier ist. Diese grüne Welt kann ich ruhig anschauen. Das Auge wird beruhigt durch das viele Grün.

Kleine, weisse Elephanten mit hellgrünen Libellenflügeln fliegen emsig von Pilz zu Pilz. Und es strömt überall ein scharfes Licht aus dieser grünen Pilzenwelt. Die weissen, fliegenden Elephanten krümmen drollig ihre Rüssel, als wenn sie lachen möchten. Sie lachen aber nicht – ich kanns wenigstens nicht hören. Vielleicht lachen sie innerlich – wie die falschen Narren.

Ich wende mich ab und schwebe weiter durch eine grosse, schwarze Schlucht.

Die schwarzen Felsen sind nur ganz matt erleuchtet. Das Licht kommt aus der Tiefe, in der sich die grünen Nebel zusammenballen wie Fäuste. Oben sind keine Sterne. Der Himmel ist so schwarz wie die Felsen.

Ich möchte hinaus aus der schwarzen Schlucht. Liwûna will aber nicht. Sie hat jetzt ein so gelbes, glattes, hartes Antlitz, als wärs aus Elfenbein. Und sie zeigt mit der Rechten auf ein rundes Loch in der Felsenwand. Ich sehe durch und – wieder was andres.

Da drinnen ist alles bunt und glitzernd. Eine Glanzwelt! Blumen sinds nicht, Blätter auch nicht. Es sieht aus, als seien da Milliarden Schmetterlingsflügel durcheinander geschüttelt. Es sind aber keine Flügel, denn alles scheint sehr dick zu sein. Die blauen und roten Töne sind so verschiedenartig wie die violetten und gelben. Und sie sind gleissend hell wie durchsichtiges Email, das ich so liebe. Und die Muster sind zierlich verschnörkelt mit krummen Hörnern und gekräuselten Bändern. Goldene Riesenkäfer kriechen über die Emailwälder. Die Käfer kriechen bloss nicht.

»Suchst du immer noch?«

Also fragt neben mir die Liwûna.

Und ich weiss nicht, ob ich noch suche.

Mir ist wie in einem wirren Traume. Ich habe so viel vergessen, und ich möchte doch so viel behalten. Liwûna ruft drohend:

»Kaidôh! Kaidôh!«

Ich schrecke zusammen und taste mit den Händen um mich, doch ich fühle nichts. Auch der schwarze Stein lässt sich nicht anfühlen; die Hände gehen ohne Empfindung durch. Ich kehre der Glanzwelt den Rücken, bewege wieder die Zehen und schiesse in die Höhe – immer höher – aber aus der schwarzen Felsenschlucht komme ich nicht raus. Plötzlich giebts einen Krach, und auf allen Seiten fällt was runter, und ich habe das Gefühl, dass alle schwarzen Felsen in die Tiefe fallen.

Und ich blicke in eine Spiegelwelt.

Lauter Spiegelwände! Grade und krumme Spiegel – in verschiedenen Winkeln stehen sie zu einander. Oben sind auch Spiegel kantenreich durcheinander gestellt – unten nicht.

Ich sehe Liwûna in den Spiegeln viele tausendmal. Sie hat noch ihr Elfenbeingesicht – grüne Augen funkeln darin. Sie starrt mich an allen Ecken und Enden wie eine richtige Medusa an.

Neben der Liwûna erblicke ich ein anderes Wesen.

»Das ist Kaidôh!« sagt sie neben mir.

Kaidôh sieht ernst aus und hat eingefallene Augen, die grau sind, vergrämt und ruhelos umherschweifen wie die Augen der Diebe.

Kaidôh nickt der Liwûna zu und spricht zu ihr in all den tausend Spiegeln. Was spricht Kaidôh?

Seine Stimme tönt hell und splitternd – es ist aber nur eine einzige Stimme.

Er sagt langsam und hört sich dabei:

»Das Glück ist stets in dem Andern. Deswegen müssen wir der Andre werden. Wir müssen nach dem Andern suchen. Wenn wir suchen, ohne zu wissen, was wir wollen, so suchen wir immer ein Andres – das ist das Unbekannte – das Fremde – das ist es, was wir herbeisehnen. Und wir sehnen uns nach der grossen Ueberführung. Für gewöhnlich verstehen wir uns nicht. Es ist jedoch kein einfaches Hinübergehen – wir müssen hinübergeführt werden – ins Andre hinübergeführt werden – von dem Geist, der uns immer begleitet. Das Eigene müssen wir vergessen – aus uns herauskommen – nur dadurch kommen wir in uns hinein. Eine sehr drollige Geschichte – aber auch eine sehr ernste – so schauerlich ernst wie der Unsinn, der uns als Wahrheit erscheint. In den Spiegelwelten sehen wir die Wahrheit im Unsinn und auch den Unsinn in der Wahrheit. Alles ist verzerrt und verschoben – Fratzenreich! Aber so ist immer die Welt, wenn sie sich uns von sehr vielen Seiten zeigt. Wir müssen sie im ganzen fühlen – fühlen im ganzen.«

Liwûna führt den Kaidôh fort, streichelt seinen Kopf, der ihm weh thut – so furchtbar weh. Kaidôh weint – weint.

Liwûna weint mit – in allen Spiegeln.

Und sie führt ihren Kaidôh weiter durch die schwarze Schlucht, die wieder da ist – durch die schwarze Felsenschlucht, in der keine Sterne leben – in der nur ein graues Dämmerlicht heraufdringt aus der Tiefe – aus den Nebeln, die da leuchten.

Und die Liwûna führt ihren Kaidôh hinunter in das stille Nebelreich, in dem die grossen Schläfer träumend schlafen.

Das Reich der Schläfer ist sehr, sehr gross. Sie liegen unten unter den Nebeln mitten in der freien Luft – umhüllt von feinen, perlgrauen Schleiern. Die Nebel bilden den Himmel der Schläfer. Sie liegen neben-und untereinander – aber berühren thun sie sich nicht. Die Luft ist ihr Bettzeug. Die feinen, perlgrauen Schleier hängen schlaff wie die Zweige der Trauerbirken, einige Schleier zittern und bewegen sich, als würden die Körper von tiefen Seufzern durchzogen.

Es schlafen da Riesen und Zwerge und Wesen mit seltsamen Gliedern, Tiere mit tausend Köpfen und Kinder mit einem Kopf, der grösser ist, als ihr Leib. Alle schlafen und träumen – einzelne schnarchen ein bischen – doch nicht zu laut. Zuweilen bewegt sich ein Fuss oder ein Arm. Lange Haare hängen an manchem Haupt – und die Haare bewegen sich – ganz wenig im Takte, wie die langen Perpendikel alter Uhren. Es ist so still im Reiche der Schläfer.

Und die Liwûna erzählt ihrem Kaidôh von den Träumen der Schläfer, und sie führt ihn dorthin, wo Kinder und Knaben träumen. Und die Beiden legen sich über den Träumenden genau so in die Luft wie die Kinder und Knaben.

Und leise flüstert die Liwûna:

»Alle, die hier im Nebelreiche liegen, hatten soviel geträumt – ihr ganzes Leben hindurch. Im Traume schwebten sie durch viele Sonnen, Monde und Sterne. Dann aber kam eine Nacht, in der sie nicht mehr von all den Glanzwelten träumten. Ihre Freude am Traumleben war zerstört – von einer unsichtbaren Hand. Und die Nacht wurde finster. Sie lagen da in banger Pein, und ihnen wurde so schwer. Sie fürchteten sich auf einmal vor einer schweren Stunde; ihnen war so, als käme das grosse Schweigen heran. Und sie hatten Angst vor dem grossen Schweigen – Angst vor dem grossen Sterben. Und dann dachten sie an die ersten Jahre ihres Lebens – an Eltern, Freunde und Frauen – an Kinder und Greise – an alte Möbel und alte Stuben, die gar nicht mehr da waren, oder zerfielen, wie altes Gemäuer am Meeresstrande, wenn die grossen Wogen unaufhörlich gegenschlagen. Und die Gedanken an das Vergängliche machten so schwer; die schweren Hände wollten noch was greifen – aber sie wussten nicht, was. In der Finsternis nur bleiche Angst und Herzenskrampf.«

Und dem Kaidôh wird zu Mute, als träume er noch einmal einen langen Kindheitstraum; in dem Traume entwickelt sich alles sehr schnell, der Träumende wird älter und anders, und empfindet zugleich, dass er das Aelter- und Anderswerden nur träumt.

Und die Liwûna fährt leise fort:

»Und da packte die Traurigen, als die schweren Stunden allnächtlich wiederkehrten, ein neues Empfinden an. Sie näherten sich langsam dem grossen Geiste, der überall ist – auch in ihrer Brust. In seiner Nähe fanden sie ihre alte Traumruhe wieder, und sie vergassen ihre Angst und gaben sich in der geheimnisvollen Stille der Finsternis ganz dem Grossen hin, der keinen Namen hat – der das Ewige ist – der bleibt, wenn auch alles vergeht. Ging es dir nicht ähnlich, mein lieber Kaidôh?«

Ein paar Kinder öffnen unten ihre kleinen Fäuste und irren mit den kleinen Fingern durch die Luft.

Kaidôh träumt noch und empfindet das Verwirrende und Erschöpfende des Traumes; er möchte aufwachen, kann aber nicht – es liegt sich auch so gut und weich.

Es ist so still im Reiche der Schläfer. Kaidôh lächelt und nickt, er wundert sich, dass Liwûna so viel weiss, und während er von schwankenden Kornfeldern träumt, sagt er nachdenklich:

»Ja! Die Sehnsucht nach der zerstörten Vergangenheit ist die schwerste Sehnsucht; sie gebiert die bittersten Stunden der Wehmut. Und alles andre, was Liwûna sprach, stimmte gut zusammen – wusste sie noch von mehr?«

Seine ganze Vergangenheit zog vor ihm vorüber.

Ich weiss noch,« versetzte Liwûna schnell, »von deinem lautlosen Gebet.«

»Sei still!« sprach Kaidôh, »lass uns weiter schweben. Wir wissen nicht, ob wir die Schläfer stören – sie wollen doch weiter träumen.«

Und die Beiden erhoben sich, indem sie mit den Armen um sich griffen, reckten ihre Glieder und verliessen das Nebelreich – schwebten empor und weiter durch die schwarze Schlucht, in der die Dämmerung so schwer an den Steinen hing, wie die schweren Stunden, in denen alles zu Ende zu gehen scheint.

Kaidôh klagte über die Schwere.

Da wandte sich Liwûna zur Rechten und schwebte durch ein gewaltiges Felsenthor.

Kaidôh folgte.

Und blaues Licht umfloss die Beiden.

Das blaue Licht leuchtete wie Geisteraugen. Aber es umfloss nicht bloss Liwûna und Kaidôh – es hing sich auch an viele schwebende Köpfe, die wie blaue Schneeflocken aus der Lichthöhe herunterrieselten. Die schwebenden Köpfe waren auf der Schädelplatte sehr stark behaart, und alle hatten Vollbärte, die den ganzen Hals verdeckten. Und das blaue Licht hing an den Köpfen, als ob es sie herunterzöge.

Liwûna sagte, das wären lauter Denker – grosse Denker – weises Volk!

Und in den Haupthaaren der Denker fing es plötzlich zu brennen an; buttergelbe Flammen schlugen aus den Hirnschalen heraus, und durch die brennenden Haare entstand ein grosser Feuerregen – buttergelb war der. Liwûna schwebte mitten in den Feuerregen hinein; die gelben Funken rieselten knisternd um die perlgrauen Gewänder, die so dünn erschienen wie feinste Schleiergebilde.

Kaidôh erschrak; er glaubte, die Liwûna müsste gleich Feuer fangen und brennen wie die Hirnschalen der Denker.

Und besorgt flog der Erschrockene zu Hilfe.

Doch seine Freundin wandte sich lächelnd um und meinte lustig:

»So ganz gleichgültig scheine ich dir also nicht mehr zu sein. Das freut mich. Aber Angst brauchst du meinetwegen nicht auszustehen. Mir schadet das Feuer der Denker ebenso wenig wie dir. Warum wunderst du dich nicht, dass wir gar nicht Feuer fangen können?«

Kaidôh gab keine Antwort, und sie flogen rasch durch die brennenden Köpfe durch in ein grosses Blumenreich.

Berauschender Duft steigt da den Beiden in die Nase. Der Himmel ist hell und weiss wie Kreide. Doch unten blühen Riesenblumen – so hoch wie Berge – Blütenkelche so tief wie Thäler –Staubfäden wie schwankende Leuchttürme. An einer langen Mauer hängen Weintrauben, die so gross sind wie dicke Bündel aufgeblasener Luftballons.

Ringsum ein Urwald aus Riesenblumen!

Glockenblumen, die grossen Tempelhallen ähneln! Rosenstengel, die nicht von tausend Gorillas zu umspannen wären! Lilienkelche – so tief wie Kellergewölbe in alten Burgen.

Lauter farbenstrotzende Blumenwälder unter dem weissen Kreidehimmel! Sehr viele dicke Blumen haben Blütenblätter – die sind gemustert – wie zusammengeknotete Salamander und Schlangen. Manche Blüten bestehen aus riesenhaften Schmetterlingsflügeln – faltenreich geknillt, verbogen und verschoben sind die. Und alles ist schrecklich bunt und so sammetartig. Der Blütenstaub liegt an vielen Stellen so dick, dass er farbigen Schneemassen gleicht.

Eine Riesen-Gärtnerei!

Die schweben langsam über den grossen Blumen dahin und blicken immerzu staunend in die Tiefe.

Und erst nach geraumer Zeit brach Kaidôh das Schweigen.

»Früher,« bemerkte er, »kam mir die Welt fast immer drollig vor; ich musste über alles lachen. Und jetzt empfinde ich nicht den geringsten Lachreiz, obwohl diese Riesenblumen einen ernsten Eindruck kaum erzeugen. Wie kommt es, dass ich so wenig lache? Kannst du mir das erklären?«

Liwûna lächelte und sah recht zufrieden aus. Sie hatte jetzt hellbraune Augen und strohgelbe Haare. Sie erwiderte:

»Die Welt wäre sehr eintönig, wenn sie fortwährend drollig wirken wollte. Sei doch froh, dass sie dir mal anders kommt. Das Trübe ist so selten unerträglich, und es ist dabei so notwendig an der Pforte der Klarheit. Diese würde uns ohne jenes gar nicht als Klares zum Bewusstsein kommen. Und du weisst doch: nur das Klare lacht hell! Ich freue mich übrigens, dass du dich schon mit mir unterhalten magst. Aber das Lachen, von dem du vorhin sprachst, lernt man zumeist nur dann, wenn man lange Zeit von vielen verbissenen Möpsen umgeben ist – und das wird dann gar kein helles Lachen. Den Möpsen hab ich dich nun entführt – die siehst du nie mehr wieder – daher lachst du nicht mehr so – wie du's gewöhnt warst. Du hast es ja gar nicht nötig, über die Verbissenheit zu lachen; die liegt ja hinter dir.«

Liwûna lachte nach dieser Rede so laut und hell, dass aus allen Blütenkelchen ein tausendfaches Echo herausschallte. Das Echo war so fein und vielstimmig, dass die Beiden lange voll Entzücken dem Wohllaute lauschten. Und der stumpfe, weisse Kreidehimmel ward klarer.

Es tauchten unten aus der riesigen Blumenwelt alte Tempelruinen empor; sie gaben dem Gespräch eine andre Richtung.

»Sieh mal,« sagte Kaidôh, »hier entwickelt sich in mir wieder der Schmerz um die zerstörte Vergangenheit. Ich vermag es nicht, diesem Schmerze zu entfliehen. Es ist keine trübe Wehmut, die nur im eingebildeten Unmut weh thut – es ist echter, richtiger Schmerz.«

»Der wird dir wohl ganz dienlich sein.«

Also lautete Liwûnas Antwort.

Und Kaidôh hatte das Gefühl, als tasteten alle Weltwesen wie die Blinden in der Welt umher – alles schien ihm unsichere Tasterei zu sein.

Die Ruinen konnte er gar nicht überschauen – so gross waren sie. Sie waren auch stellenweise so überwuchert von Dorngestrüpp. Und er empfand es sehr schmerzlich, dass die Liwûna so schnell vor ihm weiterflog und sich gar nicht nach ihm umdrehte. Er hätte so gerne die Ruinen länger angesehen, um einen Ueberblick zu gewinnen. Es ging aber nicht; die Liwûna flog zu schnell.

Bald zogen auch weisse Wolken unter seinen Füssen vorüber und verhüllten die ganze Blumenwelt und alle Ruinen.

Als sich die weissen Wolken wieder auflösten, lagen mächtige schwarze Felsen unter ihnen. Und als sie nach oben blickten, waren auch oben schwarze Felsen.

Die beiden schwebten durch eine grosse schwarze Felsenhöhle, in der es immer dunkler wurde.

»Ein Blick in den Sternenraum,« rief Kaidôh, »ist doch das Grösste in dieser Welt. Warum, Liwûna, zeigst du mir keine Sternenwelten? Sind die alle zu gross für mich?«

Es wurde ganz dunkel. Und Liwûna war nicht mehr zu sehen. Sie rief aus weiter Ferne: »Kaidôh! Kaidôh!«

Das klang so voll Jubel, dass er gleich hinstürmte; er bewegte dabei so heftig die Fusszehen, dass sie ihm weh thaten.

Als er wieder die Nähe seiner Freundin fühlte, hörte er sie leise rufen:

»Duck dich, Kaidôh! Hier ist der Ausgang! Komm! Komm!«

Er folgte und sah plötzlich rauschende Lichtfülle und – unzählige funkelnde Sterne.

Und Kaidôh sah hinab – und unten glühten in grausiger Tiefe unzählige rote Sterne – die bewegten sich alle hin und her.

Und Kaidôh sah hinauf – und da drehten sich Sterne um sich selbst – die schimmerten so wie Perlen.

Und Kaidôh sah gradaus und rechts und links – und da wanden sich unzählige bunte Sterne durch den Raum – die hatten eckige kantige schlauchartige und linsenförmige Gestalt.

Und Kaidôh sah hinter sich und erblickte eine riesige schwarze Felswand – die ging nach oben, nach unten und nach allen Seiten der Fläche steil und grad als glatte Platte ins Unendliche.

Liwûna schwebte nicht weitab von Kaidôh. Beide liessen sich seitwärts wehen von einem sanften Himmelswinde.

»Jetzt kommt ein Stern ganz nahe vorbei!« rief die Liwûna.

Und es schwebte durch die Luft ein Stern heran, der wie ein plumpes Ungeheuer aussah – wie ein höckriger Schlauch. Eine ungeheure, unregelmässig nach allen Seiten aufgequollene Weltenmasse – mit kurzen bunten Rüsseln – bunten Raupen ähnlich! Wie Fühlhörner bewegten sich die Rüssel. Und dicke spitze Stachel bedeckten den ganzen Leib des Sterns. Einen Kopf hatte das Vieh nicht; wo man vorn den Kopf vermuten konnte, kam weisser Dampf aus vielen Löchern hervor. Aus einzelnen Rüsseln wirbelten ebenfalls weisse Dampfwolken nach allen Seiten. Der Dampf kam stossweisse und ging schnell auseinander.

Während das Ungeheuer vorüber flog, bewegten sich seine vielen Fühlhörner, die besonders auf den Höckern sassen, sehr heftig, als wenn sie die Nähe von feindlichen Wesen witterten.

Die plumpe Schlauchmasse, die sich in der Form immerfort veränderte und zuweilen einem zerknillten Kopfkissen ähnelte, drehte sich plötzlich um sich selbst und rollte sausend schnell davon, wobei sich viel weisser Dampf entwickelte, der wieder rasch auseinander ging.

Und Kaidôh wollte wieder seine Zehen bewegen – es gelang aber nicht.

Er blickte hinunter – und – oh! – seine Füsse waren so tief, dass er sie kaum noch zu erkennen vermochte.

Kaidôh war grösser geworden – und seine Füsse und seine Zehen ebenfalls.

Er musste laut auflachen.

Doch Liwûna rief heftig aus:

»Kaidôh! Das finde ich nicht hübsch, dass du über deine Grösse lachst! Du hast doch immer grösser werden wollen! Und jetzt, da du's bist, ist es dir wieder nicht recht? Ich glaube, du bist sehr undankbar und sehr launenhaft.«

»Ich lache doch,« erwiderte Kaidôh, »nur über die Grösse meiner Fusszehen, die ich jetzt gar nicht regieren kann.«

»Die brauchst du auch nicht zu regieren,« versetzte die Liwûna, »lass dich nur von den Wandwinden treiben.«

»Was sind Wandwinde?« fragte Kaidôh, »ich verstehe nicht, was du unter Wandwinden verstehst.«

»Thu doch nicht so,« gab da die Liwûna spitz zurück, »als ob du Alles verstehen möchtest. Ich kenne dich! Sei still! Es kommen neue Sterne.« Und die kamen auch näher – es waren lauter Glassterne.

Kaidôh brummte: »Sie wird dreist!«

Die Glassterne brummten ebenfalls – nur anders. Es waren nämlich viele hohle Sterne dabei mit Löchern, aus denen seltsame dumpfe Töne in die Weltlüfte drangen.

In den hohlen Sternen leuchtete ein grünes Licht, sodass sich die verschnörkelten Formen der Glasgebilde haarscharf vom schwarzen Welthintergrunde abhoben.

Manche Sterne ähnelten aufgeblasenen Fröschen, denen die Beine verloren gingen – und andere Sterne starren Tintenfischen. Dazwischen drehten sich helle regelrechte Kreisringe, in denen viele helle Farben schimmerten. Auch schwebten in der Nähe Würfel und Oktaeder, deren Flächen glitzerten, als wären sie mit Phosphor bestrichen.

Liwûna sagte leise:

»Glaube nicht, dass das Alles Glas ist. Es sieht nur so aus.«

Und Kaidôh sah Millionen kleiner Tiere auf den Glassternen hin- und herkrabbeln.

Einzelne der Sterne funkelten so stark, dass dem Kaidôh all die Farbenspiele durcheinander gingen. Er konnte oft nicht folgen.

Drollig wirkten grosse Ketten, deren Glieder aus vielen vielkantigen blauen Säulen bestanden.

Jedoch Kaidôh bemerkte bald, dass seine Augen immer stärker wurden. Er fühlte, dass er nicht blos grösser, sondern auch anders wurde. Leider wusste er nicht, ob er Grund habe, sich über das Anderswerden zu freuen. Liwûna schwebte weitab wie ein grosser grüner Schleierstern.

Und nun tauchten smaragdgrüne Balkensterne aus dem Dunkel heraus – die waren ganz mit grünen Wäldern bedeckt, die wie dunkles Moos auf den Balken sassen und wie Smaragde leuchteten. Kaidôh konnte erkennen, dass das grüne Licht unzähligen kleinen Häusern sein Dasein verdankte; die Häuser – die reinen Glühwürmer – lagen in den Wäldern so friedlich eingebettet – wie junge Katzen in Waschkörben – wenn es dunkelt und das Katzenauge funkelt.

Die grössten Balkensterne setzten sich aus sehr vielen Balken zusammen; die kleineren Balken waren fast alle in rechten Winkeln an die grösseren geleimt. Und die vielen rechten Winkel trugen so viel Berechnetes in sich, dass man glauben mochte, sehr fein ersonnene Weltwerkzeuge vor sich zu haben. Kaidôh dachte in dieser Richtung und meinte dann zu sich selber sprechend:

»Wozu ich mir über diese Sterne den Kopf zerbreche! Man kann sich noch so sehr verändern – Etwas bleibt doch immer in uns: jene Genuss hemmende Denkerei! Aber sie wird wohl nötig sein – sonst würde man wohl öfters vor purer Seligkeit platzen.«

Doch die Gedanken waren bald verscheucht. Raketensterne sausten vorüber – fix wie Kometen – zischend und rauschend.

Wie unheimliche Feuerspinnen kamen sie angerannt – in ihren Beinen züngelten zuckende Glutquallen. Bunte Augen sassen den Raketensternen auf den Zehen. Einige Sterne ähnelten glimmenden Knochengerüsten – und andre wilden Aalen.

Sodann prasselten Feuergarben aus den Sternleibern heraus; blaue und grüne Feuertropfen flogen hinunter und hinauf. Lange gewundene Feuersäulen – Riesenfinger – bogen sich hinüber zu den blauen und grünen Feuertropfen und durchstiessen die, sodass sie wie Ringe auf die roten Feuersäulenfinger hinaufglitten.

Kaidôh fuhr oft erschrocken in die Höhe, da ihm das feurige Spinnengebein recht nahe trat.

Eine ungeheure wie Quecksilber zitternde Feuerschlange schloss den raschelnden Zug.

Der letzten Schlange sassen auch ein paar grüne und blaue Feuerringe auf dem Leibe. Dieser Leib – rotglühendes Eisen – wand sich und zuckte, als läg er in heissen irrsinnigen Fieberkrämpfen.

»Wenn man die Welt,« flüsterte Kaidôh, »nicht mehr wiedererkennt – dann ist wirklich Alles anders. Und ich erkenne diese Welt nicht wieder, denn ich habe sie noch nie gesehen. Ich erkenne mich nun auch selber nicht mehr.«

»Du wolltest doch,« fiel da lebhaft die Liwûna ein, »unter allen Umständen das Andere. Ich fühlte sogar, dass du das wolltest. Jetzt hast du das Neue und das Andere – und jetzt ist es wiederum nicht recht. Ich werde deine Wünsche bald unbeachtet lassen, denn du willst offenbar noch Etwas, von dem man sich nicht einmal im Traume eine Vorstellung machen kann. Was du sagst und empfindest, ist gar nicht wichtig für dich. Deine Gelüste sind dir selber ein Rätsel. Kaidôh fühlt nur, dass er gar nichts fühlen kann.«

»Das mag stimmen!« brummte der grosse Kaidôh.

Aber zum Weiterreden kams nicht. Unter ihnen schwebten schon wieder neue Weltgebilde – die Schalensterne in allen möglichen Muschelformen mit krummen Schnäbeln.

In den Tiefen der vielen Schalen blitzte es wie von Brillantensplittern, und bei dem Blitzen bemerkte Kaidôh unter den krausen Rändern der Sterne ein tolles Weltgewürm, das grossen wackelnden Schornsteinen nicht unähnlich schien.

Und die Trompeten- und Trichtersterne gesellten sich mit den Schneckensternen auch zu den Weltschalen.

Das ward ein mächtiges Blasen und Brummen, Getute und Geschnarre und Gepfeife.

Wie Brummkreisel drehten sich die Trichter. Die Schnecken drehten sich ganz langsam – es waren nur die Gehäuse.

Und lange Glockenketten schaukelten und wackelten wie fliegende Guirlanden mitten durch, dass die andern Schalen ausbiegen mussten.

Das dumpfe Gebrumm der Glocken klang so alt, als stäken lauter längst verfallene Welten in den Glocken.

»Hörst du,« sprach Liwûna, »mit den Glockentönen steigt wieder eine alte Zeit in dir herauf. Ja, das Neue macht es nicht. Ich will dich verstehen. Dazu bin ich ja da.«

»Aber das Alte,« rief Kaidôh, »ist wieder so furchtbar schmerzhaft. Es lähmt die ganze Lebenskraft.«

»Es soll,« gab da leise seine Freundin zurück, »die Freuden dämpfen. Das Alte ist beim Weltgenuss so nötig wie das Gedankenspiel. Ist dir Beider Daseinsrecht nicht klar? Wenn dir die Erinnerungsschmerzen über den Kopf wachsen, dann musst du allerdings sterben. Das ist schon richtig. Doch mit jedem Tode sterben auch die Erinnerungen. Und ist das nicht auch gut? Wenn Etwas ganz stirbt – stirbt immer viel Schmerz zu gleicher Zeit mit. Ja – jedes Sterben ist eigentlich nur ein Sterben von Schmerzen.«

Kaidôh klatschte in die Hände und lachte, als verstände er auf einmal die ganze Welt von oben bis unten.

Und aus den Trichtern, Glocken, Schnecken, Muscheln und Trompeten scholl wieder ein tausendfaches Echo, das ein Weltlachen war, empor in den endlosen Raum. Das Echo hing blos nicht ordentlich zusammen – als wärs ein Echo von Liwûnas Worten.

Die Wandwinde bliesen gegen die beiden leichten Riesengeister an, dass sie weiterflogen.

Liwûnas Grösse entsprach der des Kaidôh, sodass dieser seine Begleiterin lange anschaute; eine so grosse Dame hatte er noch nie gesehen. Sie hatte langes pechschwarzes Haar mit einem Rubindiadem, ihr Gesicht war weiss wie Marmor, und aus den schwarzen Augen strömte ein grosser Glanz, der auch die nackten weissen Arme ganz hell machte. Oefters flackerten die grossen Augen, als rasten grosse Sonnen drinn.

Die Schatten der beiden Riesengeister gleiten auf der spiegelnden Wand wie zwei fliegende Pfeile dahin.

Und rasselnd steigen aus der Höhe abermals Sterne herunter – durchsichtige Mühlenräder sinds! Sie drehen sich und lassen alle die eine Seite sehen; die Scheibe ist erst eiförmig – dann rund – und zum Schluss wie am Anfange.

Und aus den Radreifen schlagen keilförmige Scheinwerfer raus – blaue, gelbe und orangefarbige – die drehen sich durch den ganzen Himmelsraum, als wärens Speichen von Riesenrädern – farbige Speichen. Und die Speichen drehen sich so schnell, dass Kaidôh dem flirrenden Farbenwirbel nicht mit den Augen folgen kann.

Er dreht sich um – und erblickt in der grossen schwarzen Felsenwand, die überall glatt wie ein Spiegel ist – das Spiegelbild der Rädersterne. Im schwarzen Spiegel sind die blauen gelben und orangefarbigen Streifen gedämpft. Kaidôh kann nun Alles von dem bewegten Farbenbilde in sich aufnehmen – die Helligkeit nimmt allmählich immer mehr ab.

Und dann wirds wieder stiller in der Spiegelwand – andre Sterne erscheinen – Blattlappengebilde, die an vielen Stellen phosphorescieren – was ganz unheimlich in der schwarzen Spiegelwand wirkt.

Liwûna und Kaidôh sprechen über die verschiedenen Arten der Schwärmerei in kurzen abgebrochenen Sätzen.

Und nun folgen noch mächtige Wassersterne, deren Wogen nach allen Seiten hoch in die Höhe gespritzt sind – man könnte sie für Zinngebilde halten. Die Wassersterne sind aber nicht alle so wie Zinn – sehr viele sind rot wie Blut – zwei ganz grosse sind wie Gold.

Die beiden Riesengeister sprechen gegen die Felsenwand, ohne sich umzudrehen, vom Müdewerden. Dazu haben sie aber keine Zeit, denn jetzt wirds ganz bunt im Felsenspiegel – als schwebten Millionen Laternen durchs grosse All.

Kaidôh wird neugierig und wendet endlich den Kopf.

»Die Rauschlust kommt immer wieder!« schreit er wild – denn er sieht jetzt nicht blos die bunten Laternen – er sieht alle Sterne, die bisher vorbeizogen, noch einmal – auf ein Mal.

Kaidôh ist abermals noch viel viel grösser geworden – er blickt jetzt in einen gewaltigen Sternwirbel und erkennt Alles.

Die Trichtersterne und die Wassersterne – die Raketensterne und alle die andern wirbeln da im Raume herum, als führe ein Sturm durch Sonnenstäubchen.

Jetzt kann sich Kaidôh nicht mehr halten, er bewegt seine Zehen und will hinein in das glänzende schauerliche Sternenmeer.

Und er kann seine Zehen wieder regieren.

Und er stürzt sich in den Sternwirbel – und schreit – und schreit!! Seine Brust dehnt sich weit aus, und ihm ist, als gingen all die vielen Millionen Sterne in seinen Leib.

Und er lacht wie ein Gott – und schreit – und schreit.

Liwûna kann ihm kaum folgen.

Und dem Kaidôh ist so, als setzten alle Sterne noch mehr Grösse an ihn ab – immer mehr – immer mehr!

Jetzt endlich fühlt er Welten in sich – Welten!

Und er bewegt die Zehen – und schiesst durch den Wirbel – und kreischt auf – in verrückter Seligkeit – und – und – weiss nichts mehr von sich. Liwûna folgt ihm mit gesenktem Haupt und führt ihn hinaus aus dem Sternwirbel in eine kühlere Weltgegend.

Und langsam wird alles anders.

Und mir ist so, als wenn ich langsam erwache – aus wirren wüsten Träumen, und ich frage leise:

»War ich Kaidôh?«

Liwûna – das ungeheure Riesenweib neben mir – lächelte und nickte – und sprach sanft:

»Du bist immer noch Kaidôh!«

Und ich bebte, als hätte sie mir was Furchtbares gesagt.

Wir schwebten wieder im stillen Raume – aber die Sterne waren nicht rund – sie waren alle feine kleine Striche – nur wenige dickere Striche – nur wenige dickere Striche sah ich.

Kühle Lüfte wehten um meine Stirn – und ich wurde wieder ruhiger.

Die feinen kleinen Striche – waren wie Blut – und der ganze Himmel schwarz – wie die Felsenrand – die weit hinter mir liegt.

Ich suche was mit der linken Hand.

Liwûna lächelt und sagt: »Du suchst wieder was!«

»Ich suche!« sage ich.

»Ich will noch mehr – noch Grösseres!« fahre ich fort.

Und Liwûna bittet ihren Kaidôh, weiter zu fliegen.

Er fliegt weiter.

Und wieder neue, wieder andre Wunderwelten thun sich vor ihm auf; die sind aber etwas kleiner – denn Kaidôh ist im Sternenwirbel noch mehr gewachsen – ins Ungeheuerliche hineingewachsen.

Dem Kaidôh ist so, als wäre er in ein grosses Schneegestöber geraten. Es sind aber nicht Schneeflocken, die ihn jetzt umschweben – es sind grosse Sternwolken aus Schnee- und Eisgestirnen.

Kaidôh bemerkt, dass faltige dunkelviolette Sammetkleider seinen riesigen Körper umflattern. Liwûnas Gewänder sind wie Goldschaum und flattern ebenfalls.

Die Schneesternlüfte sind so kühl und beruhigend – und Kaidôh bedarf der kühlen Ruhe – ihm ist noch immer so, als tobten grosse Sternscharen durch seine Adern – und durch alle seine Knochen.

Wie kleine weisse Federn schweben die Sterne dem unermesslichen Kaidôh um Kopf und Brust.

»Das sind,« sagt Liwûna, »sehr leichte Welten, denn sie sind alle sehr alt. Die Sterne fliegen zuweilen wie ein grosser Vogelschwarm in die Höhe, und dann kommt es dem Kaidôh so vor, als flögen ihm rasende Eisklumpen an der Nase und an den Ohren vorüber. Seine Augen sind aber so scharf, dass er die verschiedenen Formen der Schneesterne, wenn sie weiter weg sind, wohl unterscheiden kann; er sieht auch viele Tiere auf den Sternen. In den Schneesternen glänzt viel blankes Eis, und die Eissterne sind an den Krystallspitzen meist mit Schnee umzogen, als wären sie verschimmelt.

Die Sterne haben viele turmartige Auswüchse und Zacken und Zinnen und alle nur denkbaren Formen, die aber gewöhnlich regelmässig sind wie die Krystalle.

Alle Schneesterne und auch die Eissterne verstehen es ausgezeichnet, dem grossen Kaidôh auszubiegen, sodass er garnicht mit den Sternen in Berührung kommt. Der Schnee verbreitet ein mattes schweres Dämmerlicht. Kaidôh hat immerfort das Gefühl, etwas vergessen zu haben – und dieses Gefühl macht ihn immer erregter, sodass er ganz heftig wird.

Liwûna lacht dazu und fragt spöttisch:

»Was suchst du denn?«

»Ich weiss es eben nicht!« giebt Kaidôh zur Antwort.

Da fliegt die grosse Liwûna an ihren Kaidôh ganz nahe heran und flüstert mit leuchtenden Augen:

»Ich weiss, was du suchst – du suchst das Weib, das dein Weib sein kann.«

Kaidôh zittert, ballt die Faust und schlägt der Liwûna ins Gesicht.

Doch der Schlag geht natürlich wieder durch, ohne zu schaden. Und die Liwûna lacht, dass es durch die ganze Frostwelt schallt.

Danach spricht sie milde:

»Die Wut gegen Andre beruht immer auf einer Wut gegen uns selbst. Du bist wütend, weil du nicht weisst, was du willst. Du weisst eben nicht, was du suchst. Warum fragst du mich also nicht? Warum musst du gleich deine Wut an mir auslassen? Wüte doch gegen dich selbst!«

Ich schäme mich, denn die Worte trafen. Ich sage weich:

»Verzeih mir! Führe mich weiter durch das Labyrinth deiner Weisheit.

Ich folge geduldig und werde mich schon noch zurechtfinden.«

»Das wirst du!« sagt Liwûna.

Und wir verlassen die Sternwelten, in denen so viel Schnee ist, schweben in einen finsteren Raum und bleiben Seite an Seite.

Kaidôh hat eine merkwürdige Empfindung, als ob die Liwûna ohne jede Unterbrechung auf ihn einspräche, ihm die Rätsel aller Welten erklärte – doch in einer Sprache, die ihm vollkommen fremd ist.

Er horcht eifrig in die Finsternis hinein und möchte verstehen, was er da in seltsamen Lauten hört – doch ihm wird Alles immer unklarer; nur das Unklare wird ihm klar. Und das schmerzt so, dass er aufstöhnt.

Er möchte so gerne lachen über das Alles – vermag aber nicht zu lachen.

Nur Liwûna scheint neben ihm zu lachen – das nützt ihm leider Nichts.

Die Finsternis ist so schwarz, dass Nichts zu sehen ist – kein Stern – Nichts.

Liwûna sagt leise:

»Du willst grössere Welten sehen – suchst du die? Willst du selbst grösser werden?«

Kaidôh wacht auf – wie aus einem hässlichen Traume und ruft »Ja! Ja!« Doch er hat nicht das Gefühl, dass Liwûna das Richtige getroffen habe – er fühlt nur, dass er in der Finsternis noch grösser wird – und sieht in der Ferne ein schwaches Licht – das rasch heller und heller wird. Neuen Sternwelten kommen sie auch in der Finsternis näher.

Da wird Kaidôh grässlich heftig und so begehrlich – so gierig.

Ganz andre Sternwelten leben in dem neuen Licht – die sind die grössten – das Licht in der Ferne wird heller – da kommt aus der Finsternis ein Riesenleib hervor – und dieser Riesenleib besteht aus vielen Millionen bunter Sterne.

Der Riese hat Augen über den ganzen Leib und einen Kopf, der aus dunkelgrünen lodernden Flammenwelten besteht – Arme und Beine sind unzählig und wie flüssiges zitterndes Gold – auf dem Perlen herumschwimmen; diese Perlen rollen auf den goldenen Gliedern in ewiger Unruhe.

Kaidôh hemmt seinen Flug und starrt den Sternriesen an – das ist das grösste Weltwesen, das er jemals sah. Kaidôhs Augen rollen so wild wie die Perlen – wie die blauen und roten Augen auf dem Rumpf des gewaltigen Sternriesen.

»Wir wollen,« spricht Liwûna, »über den Sternriesen hinüberfliegen. Der Weg ist weit. Folge mir!«

Und Liwûna fliegt rauschend voran.

Kaidôh kriegt einen Schreck, als sähe er plötzlich in ein Jenseits.

Liwûnas Rücken gleicht ungeheuren Gebirgsmassen, die mit Schnee und Eis bedeckt sind; Millionen von Schneesternen schleppt sie auf ihrem Rücken mit; die goldenen Gewänder sind kaum zu sehen; die schwarzen Haarmassen ihres Hauptes flattern oben, und sie wendet oben ihren Kopf zurück, und Kaidôh erschrickt nochmals – das riesige Gesicht ist braun, und hellblaue Augen strahlen wie zwei Riesensonnen unter Augenbrauen, die endlosen Wäldern gleichen.

Kaidôh will seine Fusszehen bewegen – das geht aber nicht – er schwebt ohne jegliche Körperbewegung der Liwûna nach.

Und nach einer langen Zeit, in ders immerwährend höher geht, blickt er hinab und sieht unter sich das grüne Flammenhaupt des Sternriesen – unzählige grüne Schlangensonnen winden sich da durch einander, und grüne Flammen schlagen heraus und brennen.

Kaidôh hebt den Blick und bebt – Welten öffnen sich vor seinem Blick – Welten – wie sie nie ein Sterblicher geschaut hat.

Liwûna schwebt neben Kaidôh. Und die Augen der Beiden schweifen trunken nach allen Seiten.

Zwölf grosse Sternriesen ragen da im weiten grossen Halbkreise hoch auf in den weiten grossen Raum. Auf einer Bank, die auch einen Halbkreis bildet, sitzen die Sternriesen und bewegen sich nicht.

Und die Bank besteht aus unzähligen Brillantsternen – deren gleissende Farbenfeuer durch glitzernden Funkenregen durchsprühen und durchflackern – deren gleissende Farbenfeuer in langen Flammenkegeln tief aufglühen wie bunte Sammetblüten – deren gleissende Farbenfeuer mit heissem Strahlenglanz brennen.

Kaidôh wundert sich, dass sein Auge nicht erblindet; sein Auge ist wiederum anders geworden.

Und es sind so viele Brillantsonnen; die Rücklehne der Bank ist so hoch, dass sie oben fast endlos erscheint – eine im Halbkreise gebogene Riesenwand aus lauter Sonnen, die ungeheure sich langsam drehende Diamanten sind.

Und der Halbkreis ist so gross, dass die Wand nach allen Richtungen so weit entfernt erscheint. Ein Weltenrand!

Hoch oben bilden die blauen, roten und grünen und die andersfarbigen Farbenkegel ein bewegliches Dach; die bunten Kegel schieben und drängen sich durch- und über- und untereinander. Und die funkelnden Diamanten flimmern immerzu, denn die Sterne stehen nicht still. Das flackert. Das glüht. Das brennt.

Und auf der grossen Bank sitzen die Sternriesen – und die bewegen sich nicht.

»Dass sie sich nicht bewegen,« sagt die Liwûna, »kommt uns bloss so vor. Sie brauchen zu jeder Bewegung viele Tausend Sternjahre, und daher glauben wir, sie seien ohne Bewegung – wie totes Volk. Das ist natürlich ein grosser Irrtum! Wir dürfen nicht vergessen, dass alle Glieder der Sternriesen aus unzählbaren Sternen bestehen – lauter Sonnen sind – lauter grosse Sonnen mit vielen Millionen Monden. Die Sterne haben alle möglichen und denkbaren Formen – die können wir aber nicht mehr unterscheiden – die Entfernungen sind in dieser Gegend auch für grosse Riesen so entsetzlich gross.«

Liwûna sagt noch mehr, Kaidôh starrt mit offenem Munde die zwölf Riesen an. Er kann die grossen Gestalten gar nicht überschauen; wo ihnen der Kopf sitzt, weiss er nicht. Der Hauptteil des Rumpfes ist gross und breit und als solcher wohl zu erkennen. Aber jeder Rumpf sieht anders als der nächste aus; die meisten scheinen aus goldenen und silbernen Wolken zusammengesetzt zu sein. Es gehen aber überall so viele blaue und grüne Adern durch, und es sind überall so viele perlbunte und stechende Augen, dass Kaidôh nicht weiss, wie er die einzelnen Teile der Riesenkörper nennen soll. Die Gliedmassen ähneln wilden Korallengewächsen, und Flammenäste stehen dazwischen – und grüne Pyramiden sitzen oben auf steilen Schulterbergen – neben schwarzen Hörnern und glühenden Haaren und Kugelgewächsen und Würfelketten mit bunten Bändern und langen goldenen Schlangenarmen.

Die Zwölf sind furchtbare Ungeheuer, in denen Milliarden tollster Sonnen brennen. Und diese wilden Weltgestalten sitzen da zum Scheine so still, als wären sie versteinert.

Kaidôh starrt die Sternriesen an mit gierigen Augen; er möchte die zwölf Grossen festhalten und nicht mehr vergessen; er ärgert sich, dass er nicht unzählige Augen hat wie die zwölf Grossen.

»Ob sie auch Kleider haben?« fragt er leise.

Doch Liwûna hört nicht, sie bittet ihn, sich einmal umzudrehen.

Kaidôh thut es und schaut in einen dunklen Raum, in dem unzählige eckige Sterne funkeln, die stellenweise ganz dicht zusammen stehen – aus Sternwolken.

»Die Stemwolken,« bemerkt die Liwûna, »sind auch Sternriesen – die kommen langsam näher.«

Kaidôh zieht den Kopf ein, als fürchte er sich vor den grossen Weltgestalten. Er kommt sich so klein vor wie ein Wurm, obgleich er weiss, dass er viele Tausend Schneesterne auf seinem Rücken trägt wie die Liwûna. Er wendet sich wieder zur Diamantenbank und sucht die karminroten Streifen an den Riesenkörpern zu zählen und findet sehr viele, sie sitzen immer neben helllila eiförmigen Flecken. Er glaubt, das seien besondere Sinne und lässt das Zählen. Seine Gedanken verwirren sich, und er bittet die Liwûna, ihn weiter zu führen.

»Führe mich weiter,« sagt er, »durch das grosse Labyrinth deiner Weisheit – ich finde mich da nicht zurecht.«

Liwûna bedeutet ihm, dass sie gradeaus unter der Bank durchmüssten, oben hinüber ginge es nicht.

Und Zähne klappernd schwebt Kaidôh dahin.

Und nach langer Zeit nähern sie sich den unteren Gliedmassen der Riesen und sausen dann an ihnen vorbei unter die Bank.

Kaidôh fliegt mit gekrümmtem Rücken – wagt kaum um sich zu blicken.

Unter den grellsten Brillantsternen, die dicht unter der Bank wie gläserne Maschinen rasseln und rumoren, sieht Kaidôh nach unten und entdeckt in der Tiefe grosse halbkugelförmige Hügel. Die Halbkugeln haben Farbenringe am unteren Rande, um die Mitte sitzen Sterne in Zickzacklinien drauf; als wären Perlen draufgestickt – so wirkt es.

Kaidôh will wissen, was das ist.

Liwûna sagt:

»Das sind die Schlafmützen der grossen Riesen. Die Schlafmützen fliegen bei jeder Ratssitzung unter die Diamantenbank. Es sind sehr viele Schlafmützen – nicht etwa zwölf.«

»Ist das,« fragt Kaidôh, »auch wirklich wahr?«

»Jawohl,« erwidert seine Führerin, »glaubst du etwa die Riesen hätten den Schlaf nicht auch mal nötig? du weisst wohl garnicht, wie wichtig der Schlaf ist.«

Kaidôh wagt nicht weiter zu sprechen.

Und nach langer Zeit kommen sie auf der Rückseite der Bank wieder ins Freie – in eine wunderbare duftende frische Luft.

Die beiden sind in einem drolligen Walde.

Sie fliegen durch ein buntes Gewirr von gewaltigen Aesten. Und jeder Ast besteht wieder aus unzähligen Sternen, die sämtlich Linsenform zu haben scheinen. In der Tiefe ballen sich grosse Nebelhaufen zusammen, die lilafarbig leuchten. Kaidôh weiss nicht, ob die Nebel ebenfalls aus Sternen bestehen. Und beim Nachdenken wird ihm so anders zu Mute – er muss lachen – und er fragt lachend:

»Du, sind das wirklich Bäume?«

Liwûna giebt ihm zur Antwort: »Ja, ja – das werden wohl Bäume sein. Du kannst die Bäume auch für Riesen halten und die Riesen für Bäume. Mit deinem Wortschatz wirst du hier nicht viel ausrichten. Verstehen kannst du diese grossen Weltgestalten doch nicht – und wenn du noch viel mehr guten Willen – und wenn du noch tausendmal mehr Worte hättest. Gieb dir keine unnütze Mühe – mit Worten begreift man die Welt doch nicht. Wir wollen uns nichts vorflunkern. Sieh dir lieber die Formen der einzelnen Sterne an, aus denen sich diese sogenannten Aeste zusammensetzen. Die silbernen Aeste sind ganz mit Muschel- und Schneckensternen gefüllt.« Und Kaidôh sieht sich alles genau an, und dabei schweben sie nach und nach aus dem Astgewirre raus und in eine tiefere Gegend hinein. Da schiessen sie durch flockige Nebelmassen hinunter und erblicken plötzlich unter sich einen Sternriesen, der lang ausgestreckt daliegt und zu schlafen scheint.

Der Riese schläft auch wirklich, er besteht aus lauter Kugelsonnen, die fortwährend ihre Farbe verändern. Ein flirrendes Farbengewirr! Es kann ganz schwach machen. Es huscht oft noch ein Schattenspiel durch das Opalgeflitter.

Wie ein grosses Segelschiff, das strandete, liegt der grosse Riese da. Was Segeln ähnt, schwankt immer auf und nieder. Liwûna macht darauf aufmerksam, dass die Segel aus lauter Blattwelten bestehen, und dann flüstert sie geheimnisvoll:

»Lieber Kaidôh, dies ist ein ganz junger Riese, der noch sehr klein ist; er wird grade gewiegt. Die Wiege sehen wir nicht, denn sie ist viel zu gross. Aber siehst du da drüben den grossen roten Ball herniederschweben? Siehst du, dass da viele Millionen roter Sonnen drinn sind? Siehst du das?« Kaidôh bejaht die Frage, und Liwûna fährt fort:

»Das ist ein Blutstropfen von der Mutter des Riesen – die Mutter muss sich geschnitten haben – dort drüben die grossen Sternwolken gehören zum Leibe der Mutter. Doch stelle dir das Mütterliche ja nicht so einfach vor – ich will mich bloss kurz fassen. Na – diese Gesellschaft ist dir doch gross genug – nicht wahr, mein kleiner Kaidôh?«

Kaidôh bejaht auch diese Frage, schüttelt seinen violetten Sammtmantel, dass viele tausend Schneesterne rausfallen, und versucht, seine Zehen zu bewegen. Es gelingt ihm – und pfeilschnell gehts weiter – aber es geht ihm immer noch nicht schnell genug. Das Riesenland ist zu umfangreich. Nun sieht er unter sich ein langes, langes, goldenes Rohr – es besteht natürlich auch aus echten Sternen – aus lauter glitzernden, kantigen Sternen. Und er will wissen, was das ist.

»Das ist,« versetzt die Liwûna hastig, »die grosse Sturmmaschine. Wenn wir rasch an die Spitze des Rohrs gelangen, so können wir von der Sturmwolke gefasst werden – dann würden wir sehr schnell weiter kommen – was dir wohl sehr angenehm sein dürfte.«

Kaidôh nennt das Rohr eine Sternkanone. Sie schauen vorn an der Spitze in das Rohr hinein.

Indessen da giebts gleich einen donnernden Knall, und in einer brennenden Wolke sausen sie dahin, dass dem Kaidôh Hören und Sehen vergeht. Als ihm die Besinnung wiederkehrt, sieht er um sich alle Lüfte voll Wolken, und die Wolken jagen sich wie die Windhunde – es blitzt und donnert ohne Pausen – der Sturm heult und pfeift und knurrt und kreischt auf – Liwûnas goldene Gewänder flattern und rauschen und knallen und knirschen. Und dazu kracht es in einem zu, als gingen in jedem Augenblick viele tausend Welten platzend entzwei.

»Das sind,« erklärte die Liwûna, »die anderen Schüsse der Sturmmaschine. Durch diese Maschine wird die Luft der ganzen Gegend verbessert. Die Maschine gehört zu den berühmtesten Erfindungen des Sternriesenreichs.«

Und sie fliegen in Wirbelwinden – in Windhosen – selig dahin – wobei sie oft riesig rasch um sich selber gedreht werden.

Dem Kaidôh stockt beinahe der Atem. Der Weltendurchflieger weiss gar nicht mehr, wo er ist. Unter sich sieht er eine grosse, dunkelgrüne Fläche, die er für eine Wiese hält. Es ist aber, wie Liwûna erklärt, keine Wiese – sondern ein grosses, herrliches Meer, in dem ungezählte Billionen von Smaragdsternen das Wasser bilden.

Und aus dem sogenannten Meere ragen braune und türkisblaue Korallengebirge heraus. Das sind aber, wie Liwûna wieder erklärt, keine Gebirge – sondern Sternriesen, die wahrscheinlich baden.

Das Donnern hört sich wie die Brandung des Smaragdmeeres an, und die Blitze zucken wie Phosphorwolken – so schnell folgen sich die einzelnen Blitze.

Das Schiessen der Sturmmaschine will auch kein Ende nehmen.

Aber die Lüfte werden doch allmählich ruhiger; es geht ja so rasend schnell vorwärts.

Die Beiden steigen höher und höher wie Luftballons im Orkane, so dass das grüne Meer unten nach einer guten Weile nur noch wie ein zarter Schleier schimmert.

Und dann erblicken sie eine weite Pforte aus blauen Saphiren. Sie sehen vor sich nur die blaue Pforte, als ginge sie von einem Ende der Welt zum andern – sie bildet einen grossen Bogen; die Saphire sind ebenfalls Sternwelten.

Und sie fliegen durch die Pforte durch und in ein grosses Säulenreich hinein. Die Säulen sind so umfangreich, dass die Beiden lange fliegen müssen, um an einer Säule vorbeizukommen. Die Säulen sind alle aus einem festen Stück gearbeitet und sind nicht wieder bewegliche Sterne.

Aber die Sterne fehlen auch hier nicht ganz; an vielen Stellen befinden sich die Sterne auf der Rinde der Säulen – sitzen da so drauf wie Pilze auf altem Holz – wie Schimmel.

Die Säulen sind gelb und leuchten, obgleich sie nicht glänzen und auch nicht durchsichtig sind.

»Wir sind,« sagt Liwûna leise, »in den Vorhallen der Riesentempel.«

»Haben die Riesen,« fragt Kaidôh, »auch Tempel? Wozu haben sie die Tempel?«

Liwûna antwortet nicht, sie schweben schweigend neben dem blitzenden Sternschimmel weiter – langsam von einer gelben Säule zur andern.

Es herrscht ein ziemlich dumpfes Dämmerlicht im grossen Säulenreich; das Säulenlicht ist nicht sehr stark.

Leise sagt die grosse Liwûna:

»Du wolltest grössere Welten sehen. Waren dir nun die Welten, die ich dir zeigte, gross genug?«

Und Kaidôh erwidert feierlich: »Das waren sie.«

»Aber,« fährt Liwûna fort, »deine Antwort klingt so, als wenn du mit einem neuen Aber weiter sprechen wolltest. Hast du das, was du suchtest, immer noch nicht gefunden?«

Kaidôh schweigt lange, und Liwûna unterbricht das Schweigen mit diesen Worten:

»Lieber Kaidôh, du bist still, und dein Stillsein ist so beredt. Das Grosse allein macht es auch noch nicht – das willst du sagen. Ich verstehe dich, und ich freue mich, dass du immer noch suchst.«

Kaidôh versteht ihre Freude nicht und fragt müde: »Was soll ich denn thun?«

Da sagt sie:

»Du musst dir einen Schmerz bereiten: steige noch einmal hinab in die Abgründe deiner Vergangenheit. Denk an einen Kugelstern, der sich immer drehte und dir gar nicht gefallen wollte, da er nur einen einzigen Mond als Begleiter neben sich hatte. Du warst auf dem Stern anfangs ein Kind und noch nicht so gross wie jetzt – lange nicht so gross. Erinnerst du dich da vielleicht an einen roten Dornbusch, der vor einem alten Fenster blühte? Die roten Blüten dufteten dir oft wie Marzipan. Weisst du das noch?«

Kaidôh denkt nach und schüttelt den Kopf; zwar thut ers nicht, doch ist ihm so, als thäte ers.

Liwûna fährt fort:

»Du hast so vieles vergessen. Man möchte beinahe glauben: Leben sei Vergessen. Aber ich weiss, du erinnerst dich trotzdem an den roten Dornbusch; hinter dem Fenster, in das er hineinblühte, stand eine alte Kommode aus Eichenholz mit zwei grossen, schwarzen Knöpfen zum Aufziehen der mittleren Schublade – weisst du noch? Perlmutter sass an den Knöpfen. Und neben der Kommode knietest du öfters.«

Die Sanftredende hält inne, und Kaidôh stösst rauh hervor:

»Jetzt soll ich mich in diesen riesigen Säulenhallen an alte Kommoden mit grossen, schwarzen Knöpfen erinnern! Nun ja! Ich erinnere mich ganz deutlich!«

»Warum bist du so grimmig?« versetzt die Liwûna, »neben der Kommode warst du doch nie so grimmig. Du fühltest dich dort einem Heilande nahe, und es wurde zu Zeiten alles in dir still. Den Heiland hast du bald vergessen. Aber an die stillen Stunden vor dem roten Dornbusch hast du noch oft gedacht. Und du hast dich oft nach ähnlichen stillen Stunden gesehnt. Und die hast du nicht gefunden. Kaidôh! Höre doch! Weisst du nun, was du suchst?«

Kaidôh horcht hinein in die Tempelstille und hört das Echo seines Atems. Und dann hört er sich leise sagen:

»Stille Stunden such ich! Aber ich habe doch keinen Heiland mehr.« Hastig erwidert die Liwûna:

»Du musst eben einen neuen Heiland haben. Du wolltest immer grössere Welten sehen, und auch die grössten waren dir am Ende nicht gross genug. Dein neuer Heiland muss also grösser sein als alles Denkbare, nicht war? Und wer kann grösser als alles sein?«

»Nur der Geist,« antwortet Kaidôh, »der alles umschliesst – der alles selber ist – der Allgeist.«

Ein leises Summen wie von Bienen geht an Kaidôhs Ohren vorüber, die gelben Tempelsäulen leuchten, und er fährt leise fort:

»Sind das aber stille Stunden, wenn ich die Nähe des Allgeistes fühle – wenn ich mich in ihm fühle?«

Liwûna sagt nichts, er aber sagt laut:

»Nein! Das sind gewaltige Stunden. Ich glaube auch nicht, dass ich die stillen Stunden suche – ich suche die gewaltigen Stunden – in denen ich mich im Allgeist fühle – und den Allgeist in mir.«

Liwûna sagt wiederum nichts.

Und er fühlt plötzlich heisses Blut in seinen Adern, und ihm ist so, als ginge eine neue Kraft durch seine Sehnen, und er sieht schärfer gradaus, und er glaubt, dass jetzt ein andrer in ihm auflebe – der neue Heiland – der gewaltige Allgeist.

»Eine gewaltige Stunde!«

Also schreit er laut auf.

Und er will die Arme heben und Fäuste aus seinen Händen machen.

Und er kann nicht die Arme heben, und er kann nicht Fäuste aus seinen Händen machen.

»Deine Gliedmassen,« flüstert die Liwûna, »sind ja viel zu gross geworden. Du bemerktest wohl noch nicht, dass du vor der blauen Pforte noch ein gutes Stück gewachsen bist. Du brauchst jetzt sehr, sehr lange Zeit zu jeder Bewegung.«

Er murmelt:

»Das also nennt man Grösse!«

Er sieht scharf gradaus durch zwei gelbe Säulen durch in die Finsternis. Und in der Finsternis bewegt sich was. Und aus dem Bewegten schlagen hellblaue Flammen heraus. Und die Flammen bilden flackernde Buchstaben. Und Kaidôh kann die Flammenschrift lesen, obgleich ihm die Schrift ganz unbekannt ist. Und er liest:

»Bilde dir nicht zu viel ein! Der Geist des Alls, der mehr als alles Grosse ist, flüstert auch in dir. Aber er flüstert nur sehr wenig. Und das Wenige kannst du nicht einmal verstehen. Wer gleich den ganzen Allgeist in sich zu fühlen glaubt, stellt sich das Gewaltige allzu einfach vor; man könnte lächeln und lachen. Du kannst nur langsam fühlen, dass ein Allgeist da ist – mehr kannst du nicht. Sei still!«

Und die Schrift erlischt.

Und die Liwûna schwebt neben Kaidôh vorbei und aufwärts.

Und er sieht gewaltige Goldgebirge, in deren Thälern nur noch wenige Schneesterne schimmern – wie weisse Farbenreste.

Die Goldgebirge sind Liwûnas Gewänder.

Kaidôh steigt auch höher – und sieht in Liwûnas Antlitz – wie in eine grosse, bunte Landschaft – und in der funkeln zwei Augen ihn an – wie lichtbraune Sonnen aus Topasen. Und Liwûnas gewaltiger Mund öffnet sich. Und sie sagt, während es über die weiten Gefilde ihres Gesichtes zuckt:

»Du bist doch gar nicht ein bischen neugierig. Weisst du, wer ich bin? Du hast noch nie danach gefragt. Hast du mich nicht verstanden? Ich bin doch deine Sehnsucht. Ich bin deine Körper gewordene Sehnsucht – so viel wie ihr Spiegelbild.«

»Daher,« giebt Kaidôh zurück, »bist du wohl so fabelhaft gross. Jetzt merke ich erst, wie mächtig mein Verlangen ist – wie rasend gross meine Gier wurde – meine Gier – nach dem Gewaltigsten.«

Und er denkt, dass er über Liwûna lächeln könnte, doch er kanns nicht – die Gesichtsmuskeln gehorchen ihm ebenfalls nicht mehr – er ist ja so masslos gross geworden.

Er sagt sich, dass wahrhaft grosse Riesen das Lachen gar nicht nötig haben.

Und wenn man sich so was gesagt sein lässt, so ärgert man sich nicht mehr. Das hätte doch gar keinen Zweck.

Liwûna schwebt wieder an Kaidôhs Seite und macht ihm Enthüllungen; sie bietet ihm ein Spiegelbild von seiner Sehnsucht dar.

Er glaubt, er verstehe das alles, und hat eine Empfindung, als könnte er Liwûna durch und durch durchschauen. Dabei lernt er sich endlich selber kennen – bildet sich das wenigstens ein – glaubt, dass er nur das Gewaltige gesucht habe und klammert sich an dieses Wort, als wärs sein neuer Heiland.

Was doch so'n Wort macht!

»Ich suche die gewaltige Stunde!«

Mit diesen Worten schwebt Kaidôh gradezu weiter und müht sich ab, allmählich die Finger zu krümmen – was schrecklich langsam von statten geht.

Die Säulen sehen jetzt wolkig aus wie undurchsichtiger Bernstein, und blassrote Korallenketten, deren Glieder sehr unregelmässig sind, winden sich schraubenartig um die Bernstein-Säulen.

»Liwûna,« ruft Kaidôh, »du weisst, was ich will. Warum erfüllst du nicht meinen Wunsch?«

Die riesige Liwûna sagt müde:

»Diese Quälerei um des Gewaltigen willen! Als wenns nicht überall genug der Wunder gäbe! Als ob nur die schärfste Paprikatunke geniessbar wäre! Es giebt doch noch sanftere Tunken! O Kaidôh – deine nie gestillte Lustgier hat dich so überreizt, dass jetzt nur noch das Schärfste bei dir zieht.«

Kaidôh wird furchtbar heftig – es hilft ihm aber nichts – alle seine Muskeln gehorchen ihm nicht.

Sie fährt sanft fort:

»Sollten dir vielleicht die stillen Stunden der grenzenlosen Gedankenlosigkeit helfen können? Ja doch! Auf einen Punkt starren und sich durch nichts ablenken lassen – macht auch schon mal selig. Weise die Geschichte nicht so leichthin von der Hand. Die unbeirrte Beschaulichkeit, die alles Denken nur als Stimmungshebel und Stimmungshobel aufkommen lässt, hat schon manchen Masslosen erlöst. Sehr heldenhaft sieht die Sache freilich nicht aus – aber sie erfüllt doch ihren Zweck.«

Kaidôh wird noch wütender.

»So hat mich noch keiner verhöhnt!« brüllt er auf.

Sie aber sagt freundlich:

»Glaube mir nur: Kinder der Einsamkeit sind alle deine Wünsche. O Kaidôh – warum willst du bloss noch das Gewaltige?«

Kaidôhs Zorn verraucht. Der Riese sieht seine Liwûna neben sich schweben und weiss nicht, was er von ihren Worten halten soll.

»Scherze nicht!« spricht er feierlich, »Du weisst, dass ich nicht anders kann. Wenn du meine Sehnsucht bist, musst du mir eine gewaltige Stunde schaffen können. Ich verstehe nicht, warum der Weg zum Gewaltigen so schrecklich weit ist.«

Sie schweben still zusammen weiter – immer zwischen den undurchsichtigen Bernsteinsäulen – die unzählig sind, wie die Tropfen eines Meeres.

Und Liwûna sagt zögernd:

»In den Stunden des Lebens, die wir gewaltig nennen könnten, glauben wir oftmals, nahe daran zu sein, alle Rätsel der Welt mit einem Blick zu durchschauen. Es geht wohl was Grosses mit uns vor. Eine geheimnisvolle Macht scheint uns mit fernen Sternen zu verbinden – und uns auch hinter alle Sterne zu führen – und wir nehmen gern an, dass wir mehr sind, als sonst. Viele fasten und beten und kasteien sich, um zu solchen gewaltigen Stunden zu gelangen. Und die bleiben vielen dennoch fremd. Man muss sich eben führen lassen wie Kaidôh und warten können. Wäre der Weg zum Gewaltigen so bequem, so hätten wir gar kein Recht von einem 'Gewaltigen' zu reden – denn es würde bald was Alltägliches sein – und das Alltägliche ist nicht mehr gewaltig. Man muss sich also ruhig führen lassen von seiner Liwûna – eine Liwûna kann doch jeder haben – nicht wahr, mein lieber Kaidôh?«

Kaidôh empfindet so was wie Eifersucht, ihm kommt aber diese Empfindung gleich sehr lächerlich vor – er würde lachen – wenn er das noch könnte – er bemerkt in seiner Aufregung gar nicht, dass Liwûna nur von ihrer lieben Schwester sprach.

Der stürmische Kaidôh will bloss noch mehr wissen – mehr von der gewaltigen Stunde, in der nach seiner Meinung der gewaltige Geist, der alles umschliesst, im Innern des Empfänglichen für ein paar Augenblicke auflebt und das ganze Dasein verändert.

Die Liwûna sagt still:

»Du sollst mehr wissen. Dazu habe ich dich hierher geführt. Es giebt hier im Tempel noch so manche Flammenschrift. Blick nur scharf gradaus – auf einen Punkt – dann wirst du schon was sehen.«

Und Kaidôh thut unwillig, wie ihm geheissen wurde, und er sieht plötzlich eine Wand von rot glühendem Eisen.

Und in dem rot glühenden Eisen entsteht eine Schrift aus flimmernden Opalen. Kaidôh kanns lesen und liest:

»Es umrauscht dich ein wildes Meer, und tausend Stimmen schreien dir die Ohren voll, und du verstehst nicht, was sie sagen. Sie sagen, dass alles, was lebt, nur eines will: es soll nur wieder eine andere Seite des Daseins aufleuchten. Und das Dasein ist ein Brillant mit unzähligen Ecken und Kanten. Und alles, was lebt, steckt in den bunten Strahlen, die hinausleuchten in die tiefe Finsternis, in der alles, was lebt, aufflammen und vergehen soll. Es ist alles nur ein bunter Schein.«

Und Kaidôh sagt scharf:

»Es ist alles nur ein bunter Schein.«

Und die Schrift erlischt, und die glühende Eisenwand fällt in die Tiefe. Und dicht vor Kaidôhs Gesicht entstehen hampelnde Gliederpuppen aus hellgrünem Chrysolith – die bilden auch Buchstaben in der Luft – und bald steht da vor der Finsternis in hellgrüner Schrift:

»Wir möchten auch so gerne das Ganze umfassen, es ist nur so schwer. Wir denken daher in allem Ernste daran, uns mit einzelnen Teilen der Welt zu begnügen. Wir wissen allerdings, dass uns die Teile eines unendlichen Ganzen als solche ebenso unbegreiflich sind – wie dieses selbst. Indessen – du lieber Himmel! Halten wir, was wir gerade haben – obs nun Teile sind oder nicht. Man hat so doch immer noch etwas – wenigstens scheinbar! Es lebe die Kirsche!«

Und mit Geknatter zergeht das grüne Puppenvolk.

Kaidôh bedauert, dass er nicht mehr lachen kann – was doch so lustig war.

Und er blickt seiner Liwûna ins grosse Antlitz, und siehe! – ihr springen plötzlich die Zähne aus dem Munde heraus und bilden auf den roten Lippen eine weisse Glanzschrift – die da sagt:

»Du kannst aber den Grossen, der keinen Namen hat und viel grösser als alle Unendlichkeit ist, dennoch – fühlen. Es zuckt dir noch einmal eine Erkenntnis durch den ganzen Leib. Du wirst dann plötzlich nicht mehr hören und nicht mehr sehen wollen – denn du wirst zufrieden sein, als wenn du alles wüsstest. Und du wirst doch niemals sagen können, was du weisst und was du erkannt hast. Und es wird doch mehr als ein Traum sein. Und du wirst zufrieden bleiben – solange du dein Leben lebst.«

Und Liwûna verschluckt ihre Zähne.

Kaidôh sagt hastig: »So sollte es möglich sein? Unser Leben könnte schliesslich nur aus gewaltigen Stunden bestehen? Wenn das möglich ist, so soll es wirklich sein – ich wills!«

»Was schreist du so!« bemerkt kalt die Liwûna, deren Zähne wieder an der richtigen Stelle sind, »glaubst du vielleicht, dass es sehr geistreich wäre, wenn in unserem Leben eine Stunde der andern ähneln würde – wie ein Ei dem andern? Immer wieder neu und anders müssen alle Stunden sein – auch die gewaltigen Stunden.«

»Dann,» versetzt Kaidôh barsch, »muss auch eine Stunde gewaltiger als die andere sein, und es muss eine gewaltigste geben. Und welche Stunde könnte nun die gewaltigste sein? Doch nur die, in der das Einzelwesen mit dem Allwesen ganz und gar verbunden wird. Und die Stunde nennt man die Todesstund.«

Liwûna fragt sanft: »Suchtest du den Tod?«

Kaidôh hört nicht mehr – sein ganzes Wesen leuchtet auf in einem Gedanken – er denkt sich mit dem Geiste, der Alles ist und keinen Namen braucht, für ewig vereint.

Und alles, was den Kaidôh umgiebt, verliert jede Bedeutung für ihn – auch Liwûna verliert ihre Bedeutung für ihn.

Und sie fliegen in einen grossen Saal, in dem so viele duftende Rauchwolken sanft emporwirbeln, dass die Beiden von den Wänden nichts gewahr werden.

Sie sind in dem kleinen Saal des Schweigens, in dem jeder durch die duftenden Rauchwolken am Sprechen verhindert wird.

Sie fliegen lange Zeit, und Kaidôh versucht wiederum eine Faust zu machen.

Und nach langer Mühe gelingt es ihm, eine Faust zu machen – mit der rechten Hand – mit der linken gehts noch nicht.

Kaidôh freut sich und fühlt sich dem Herzen des Alls ganz nahe und möchte sprechen.

Er kann aber nicht sprechen – und fährt schweigend durch die Rauchwolken dahin wie ein Gewaltiger.

Und Liwûna findet einen Ausweg aus dem Saale des Schweigens. Und sie schweben bald in freier Luft unter einer weiten Kuppel, die ganz aus Glas besteht.

Kaidôh schreit:

»Führe mich in den Tod. Ich will das Gewaltigste. Ich will die Vereinigung mit dem Geiste, der alles ist.«

»Was weisst du;« versetzt die Liwûna, »von den gewaltigen Stunden des Lebens und des Sterbens!«

Und Kaidôh sieht seitwärts im dunkelvioletten Kuppelglase eine zitternde Schneeschrift – diese Worte:

»Wir wissen über Geburt und Tod so viel wie gar nichts und reden doch davon. Das ist die Macht des Unbekannten, die uns zum Reden reizt. Wer aber über Dinge redet, die er nicht kennt, wird leicht zum Schwätzer. O, hütet euch vor dem salbadrigen Geschwätz – wenns auch manchmal stürmisch klingt! Ihr könnt so leicht da drinnen kleben bleiben – wie die Fliege im Fliegenleim.«

Kaidôh will die Augenbrauen zusammenziehen und ein böses Gesicht machen; er hat ja noch nicht geschwatzt.

Während er ärgerlich sich abwendet und weiter möchte, schweben schaukelnde, bunte Laternen aus der Kuppelhöhe hernieder und bilden ein paar Beruhigungssätze.

Kaidôh buchstabiert und liest:

»Du brauchst keine Furcht vor dem Tode zu haben. Wer sich eins weiss mit dem Geiste des Alls, kann die Todesstunde nicht mehr fürchten, denn was sie auch bringen mag – sie bringt immer nur das, was der Geist, der alles ist, will. Das, was der Namenlose will, kann nicht unsre Sache sein. Wer sich, obschon er gar nichts weiss, mit dem Allgeist eins weiss, wird allzeit ganz ruhig sein – einverstanden mit allem, was geschieht. Todesfurcht kann nur der haben, der zu viel Freude an seiner Selbstherrlichkeit hatte.«

Kaidôh schreit wütend:

»Ich habe doch keine Furcht vor dem Tode! Ich habe doch Sehnsucht nach dem Tode!«

Schauerlich hallen diese Wutworte durch die grossen bunten Glasgewölbe. Die bunten Laternen brechen klirrend entzwei und sinken in die Tiefe, die grau ist wie ein Wolkenbett.

Hastig spricht Kaidôh zur Liwûna, deren Gesicht sehr rot wurde:

»Warum höre ich kein klares Wort über die Todesstunde? Warum nicht?«

»Gelieber,« entgegnet die Rote schnippisch, »was du bloss zu verlangen beliebst! Man hätte viel zu thun, wenn man alle denkbaren Möglichkeiten, die beim Tode und nach dem Tode eintreten könnten, erörtern wollte. Und man würde doch nie zum Stande kommen. Eine Formel, mit der man alles lösen kann, findet man nicht – in der gewaltigen Welt.«

Dem Kaidôh wird so traurig zu Mute. Er glaubt, dass man ihn absichtlich missversteht. Er möchte vor lauter Unruhe beinahe weinen – kanns aber nicht. Er ist ja viel zu gross zum Weinen. So schnell sind seine Thränendrüsen nicht in Bewegung zu versetzen. Es ist nur ein Wunder, dass er immer noch sprechen kann.

»Du hörst nicht mehr auf mich!« sagt er bitter.

»Du hörst auch nicht mehr auf mich!« sagt auch sie bitter.

Und während sie weiterziehen, sehen sie sich die mächtigen Bogen der reichgegliederten Glaskuppel an von der sie natürlich nur ein kleines Stück sehen können, das keinen Begriff vom Ganzen erzeugt.

Und schillernde Paradiesvögel setzen sich auf eine hohe türkisblaue Scheibe, und auch diese bunten kleinen Vögel, von denen Tausende da sind, bilden eine Schrift – in verschiedenen Absätzen.

Der oberste Absatz lautet:

»Mit dem Prophetentum ist die Sache immer man mau. Jeder Prophete wird so leicht zum Hallunken. Weil aber auch diese von den gewaltigsten Dingen sprechen, so soll man ja nicht glauben, dass alles Gewaltige bloss qualmender Mumpitz ist. Alles Ernste will auch sein Widerspiel in seinem Gegensatze haben. Und die Hallunken sind doch so – spassig.«

Die Paradiesvögel zwitschern mächtig.

Der unterste Absatz lautet:

»Da das, was in der einen Gegend lebt, gleichzeitig immer noch wo anders lebt, müssen wir annehmen, dass alles Leben niemals im Einzelnen erstickt werden kann – es wird immer noch wo anders sein.«

Kaidôh wendet sich wieder ärgerlich ab, da er nichts davon versteht doch die Liwûna spricht schnell:

»Kaidôh, in der Mitte steht doch noch ein sehr wichtiger Absatz.«

Da steht nämlich:

»Die Sternriesen haben noch keinen ihrer Brüder sterben sehen und glauben nicht mehr, dass sie sterben könnten. Sie halten daher den Tod nur für eine Wesensverwandlung, die bei sehr unentwickelten Lebewesen eine Berechtigung hat.«

Kaidôh staunt darüber und wird verwirrt.

»Sagtest du nicht,« fragt er, »dass wir im Todestempel der Sternriesen seien?«

»Das kann ich,« erwidert sie, »nicht gesagt haben, denn bei den Sternriesen spielt der Tod gar keine Rolle. Die grossen Sternriesen verändern sich, ohne dabei gleich zu sterben. Die Inschriften, die du kennen gelernt hast, sind nicht für die Sternriesen. Wir befinden uns hier immer noch in den äussersten Vorhallen. Du würdest viele Sternjahre brauchen, wenn du dir von der Tempeleinrichtung, die sich in ungeheuren Tiefen befindet, ein ungefähres Bild machen wolltest. Das Sinnbildliche würde dir zudem ganz unfassbar bleiben.

»Dann komm raus!« sagt Kaidôh.

Das geht aber nicht so geschwinde.

Die Liwûna fliegt mit ihrem Kaidôh durch ein Perlkettenfenster in einen andern Saal. Und in dem ist die Kuppel so himmelhoch, dass Kaidôh müde wird bei dem Gedanken, da oben durch zu müssen.

Es ist still und geheimnisvoll ringsum.

In dem Saale sind nur ein paar Lichter sichtbar – das sind grosse Sterne, die an fernen Säulen leuchten. Die Säulen sind als solche gar nicht wahrzunehmen, da ihr Umfang viel zu gross ist.

»Wir müssen immerzu emporsteigen!« sagt leise die Liwûna.

Und sie steigen immerzu empor.

Ihnen ist so, als schwebten sie zwischen grossen dunklen Blasen in die Höhe. Die Blasen haben weichgebogene Lappenform; goldbraune und dunkelviolette Wellen schwimmen auf der Blasenhaut hin und her – wie auf Seifenblasenhaut.

Es ist ziemlich dunkel ringsum.

An der einen Seite wirds aber immer heller, die Blasen verschwinden, und ein kirschrotes Licht leuchtet den Beiden ins Auge. Vor dem kirschroten Lichte, das in einem Nebensaale zu leuchten scheint, sehen sie eine lange Reihe von schwarzen Säulen, die wie Knochengerippe wirken und doch wieder Buchstaben sind.

Da steht geschrieben in schwarzer Riesenschrift auf kirschrotem Lichtgrunde:

»Glaube nicht, dass es immer gut ist, wenn du oft zur Besinnung kommst. Viele verlieren dadurch ihre ganze Kraft und ihr ganzes Lebensglück, selbst das Todesglück kann dabei in die Brüche gehen.«

Kaidôh sagt kalt:

»Diese Worte gehen mich gar nichts an.«

Das Licht verschwindet, und die Schrift ist nicht mehr zu sehen.

Die Beiden steigen höher, und abermals wird ein Nebensaal hell – der strahlt in citronengelbem Licht. Und schwarze Säulenlettern sagen davor:

»Unsres Lebens Anfang und Ende ist uns verschleiert, dass wir glauben können, es gäbe Beides nicht. Unser Leben soll wohl ein Sinnbild der Unendlichkeit und Ewigkeit sein. Wir können unser Leben auch ein unaufhörliches Sterben nennen – wir werden immerzu was anderes. Wir sollen uns eben immer inniger ins Ganze einschmiegen. Und wenn wir das thun, wird unser Leben aus lauter gewaltigen Stunden bestehen.«

Da geht ein Zittern durch Kaidôhs ganzen Körper, und er spricht leise wie zu sich selbst:

»Ich aber will den Abschluss – ganz eins will ich sein mit dem Geiste, der alles ist. Und so muss ich den Tod wollen – den Tod, der keine weitere Veränderung hinter sich zulässt.«

Mit einem krachenden Donnerschlag spritzt das citronengelbe Licht nach allen Seiten und verfliegt.

Es wird ganz finster, und dabei geht ein wimmernder Luftzug durch die Gewölbe. Der Luftzug dreht den Kaidôh um sich selbst und reisst ihn rasend rasch empor – immer höher – immer höher – dass ihm der Atem stockt – dass er denkt, die letzte Stunde seines Lebens sei gekommen – dass er aufjauchzt – und nun des grossen Augenblicks harrt – und die Augen weit aufreisst – um sehen zu können – mit einem Blick – das ganze All.

Und ein lilienweisses Licht springt auf und leuchtet auf allen Seiten. Und vor dem lilienweissen Licht steht in schwarzer Säulenschrift viele Male auf allen Seiten die grosse Frage:

»Was ist die Unendlichkeit?«

Und darunter steht:

»Kaum ein Finger des Unnennbaren.«

Und Liwûna schwebt mit ihrem Kaidôh durch einen goldenen Sternzackenkranz, der eine runde Oeffnung der grossen Tempelkuppel umsäumt, ins Freie hinaus – in einen braunen Nachthimmel, der mit weissen, schmalen, ovalen Sternen übersäet ist.

Draussen ist es kühl.

Und Kaidôh fühlt, dass ein starker Arm seinen ganzen Körper wagerecht legt, sodass er nicht mehr die weissen Sterne sieht – sondern nur noch die Kuppeln.

Die Liwûna neben ihm liegt auch wagerecht in der Luft mit dem Gesicht nach unten wie er.

Und so schweben sie empor rückwärts – also dass sie immer mehr von den Kuppeln und Dächern der Sternriesentempel sehen.

Die Beiden schwebten, während ihre Gewänder rauschten und knatterten, neben Türmen und Säulenhallen immer höher so schnell, als wenn die Beiden von Riesenmäulern, die oben Luft einsogen, hinaufgezogen würden.

Und dann liegt das ganze Tempelreich in aller seiner Herrlichkeit unter ihnen.

Kaidôh ist ganz berauscht von diesem gewaltigen Anblick.

In der Mitte thront ein Kuppeldach, das einer goldenen Riesenperle gleicht; das Gold windet sich in Schlangenlinien hin und her – gekörntes Gold, blankes Gold und getriebenes Gold.

»Das sind natürlich lauter bewegliche Sternriesen!« erklärt die Liwûna. Die Goldkuppel ist von hellblauen und dunkelblauen Zackenringen umrändert. Die Ränder sind aber breit.

Ein Kranz von kleineren spitzen Silbertürmen umzäunt die Zackenringe. Um diesen Mittelpunkt sind nun hellgrüne und dunkelgrüne Riesenwürfel herumgestreut – die liegen wie Steinfelder da – bilden aber gleichfalls einen regelrechten Ring – einen so breiten allerdings, dass es schwer fällt, ihn als solchen zu überschauen.

Und um die grünen spitzen- und kantengrossen Würfel hat sich ein breiter grüner Wolkenring gelagert. Der Wolkenring ist im Innern sehr unregelmässig und zeigt viele tiefe Thäler, in denen das Wolkengrün beinahe schwarz erscheint.

Und ganz breite funkelnde Glastürme ragen auf allen Seiten hinter den grauen Wolken in den Nachthimmel hinauf.

Und die Glastürme sind ganz hell, als wären sie sämtlich innerlich erleuchtet; an den vielen rechteckigen Kanten der Türme funkeln die Regenbogenfarben wie an Brillanten. Kaidôh kann nicht über die Türme hinüberschauen; sie steigen alle rechteckig als breite Massen auf, die sich oben nicht verjüngen; sie tragen auf ihrer ganz stumpfen Spitze auf ganz flachem Dach unzählige kleinere Türme, die wie Schornsteine aussehen und noch stärker funkeln, als die breiten rechteckigen Türme, die das Grundgemäuer bilden.

Kaidôh schwebt noch schneller aufwärts – immer höher und höher. Der Mittelpunkt – das sieht er nun ganz deutlich – leuchtet in seinem eigenen Licht. Die goldene Mittelkuppel leuchtet wie heftige Sonnen. Milder leuchten die blauen Zackenringe und ganz milde die grünen Würfel; die silbernen Türme zwischen beiden glimmen nur so wie Phosphor im Dunkeln. Die grauen Wolken erhalten ihre Helligkeit von den grünen Würfeln und den Glastürmen.

Die ungeheuren Lichtmassen erscheinen in ihrer Wirkung so klein, da die Entfernungen so furchtbar gross sind.

Und Kaidôh gelangt allmählich in so ferne Höhen, dass er auch über die Glastürme hinwegsehen kann.

Und hinter den Glastürmen sieht er nun einen runden Reifen von gewaltigen Pyramiden – ein Diadem von gelben Topasen und lilafarbigen Amethysten, die sich abwechselnd folgen. Das Pyramidendiadem liegt weit hinter den Glastürmen.

Und der Pyramidenring wird wieder von Perlenfeldern umrahmt. Es sind aber schwarze sehr höckrige Perlen, zwischen denen vereinzelt wie Thränentropfen kugelrunde rosafarbige Perlen schimmern.

Und Kaidôh schwebt noch höher und empfindet das Ganze als grossen Tortenstern.

Hinter den schwarzen und roten Perlen recken sich aber noch in der Runde in regelmässigen Abständen sieben weisse Zungen vor, deren lange lange Spitzen hoch aufragen – wie die Spitzen der Schnabelschuhe.

Die spitzen Zungen sind weiss wie weisser Sammet und übersäet von vielkantigen dunkelrot glühenden Granaten; das Weisse herrscht aber wie Schnee leuchtend vor – so viele Granaten sinds nicht.

Neben den Zungen ist tiefschwarze Nacht ohne Stern.

Ein siebenzackiger Tortenstern liegt unter Liwûna und Kaidôh.

Von den Glastürmen sind nur die Kappen der balkenförmigen kleineren Türme zu sehen – die sprühen aber ihr buntes Licht in Scheinwerfern durch das Wolkenreich, sodass das auch zuweilen ganz bunt wird – bunter als alles Andre.

Der Wolkenring wechselt jetzt immerzu die Farbe – öfters ist er schwarz und weiss gestreift.

Auf den Spitzen der sieben weissen Schnabelzacken sitzen wie feine hohe Federsträusse blutrote Kometenschweife.

Durch die hochaufragenden weissen Schnabelzungen mit den weit hinaus ins Weltall steigenden Blutkometen erhält das ganze Tempeldächerreich von oben gesehen die Form einer seltsamen Himmelsblüte.

»Du hast wohl schon,« sagt Liwûna, »ganz und gar vergessen, dass du das Gewaltigste suchtest – nicht so, Kaidôh? Du wolltest dich mal mit dem Unnennbaren, der alles ist, vereinen. Das liegt nun hinter dir, nicht wahr? Du musst nicht so masslos in deiner Gier sein. Verbinde dich doch mit dieser Himmelsblüte!«

Kaidôh sieht die Tempeldächer noch lange an, lässt das Gold und das Silber, das Blau und Grün, die Würfel, Perlen, Pyramiden, Kometen, Granaten und die Wolken mit den bunten Glaslichtern so recht fest in seinen Augen wirken und erwidert dann langsam:

»Diese Himmelsblüte ist ein grosses Glanzwunder – aber sie umschliesst nicht alles. Sie zeigt die Mannigfaltigkeit der Welt in sehr stark vereinfachter Form mit vereinfachtem Farbenspiel; durch Regelmässigkeit ist alles vereinfacht.«

»Die Welt ist,« spricht da hart die grosse Liwûna, »so entsetzlich grossartig, dass sie selbst von Sternriesen nur in einem vereinfachten Sinnbilde zu erfassen ist. Bedenke nur, was schon alles aus der blossen Vermischung von Farben und Formen entsteht.«

»Ich empfinde,« fährt nun Kaidôh fort, »diese Tempeldächer als Bestandteile von Häusern. Und alles Hausartige hat für mich etwas Schneckenartiges. Dass selbst Sternriesen noch des Hauses bedürfen, verkleinert sie in meinen Augen um ein ganz Beträchtliches. Ich liebe es – ganz frei im All zu sein – ohne beengende Kräfte, die uns doch bloss die Aussicht ins All – ins Ganze – versperrt. Ich will nun mal im Ganzen aufgehen – und nicht in neuen Kapseln. Und daher fürchte ich, dass ich selbst dann, wenn ich mich mit dieser Himmelsblüte unlöslich für ewig verbunden hätte, genau dieselbe Sehnsucht haben könnte – wie bisher.« Nach diesen Worten ist es still im weiten All.

Dann aber hört Kaidôh ein donnerndes Lachen neben sich.

Und er fragt verwundert: »Kann Liwûna lachen?«

Doch das Lachen tönt so laut, dass seine Worte von dem Lachen verschluckt werden.

Und während des fortwährenden Lachens neben sich wird die Himmelsblüte kleiner und kleiner – ziemlich rasch.

Kaidôh steigt noch schneller empor.

Ihm ist dabei so, als drückten tausend Bleiwelten auf seinen breiten Rücken.

Und bald ist die Himmelsblüte nur noch ein bunter funkelnder Lichtpunkt, der sich allerdings sehr scharf von den andern weissen Sternen, die schmale ovale Form haben, unterscheidet.

Das Gelächter verhallt nach allen Seiten – geht unter in fernen Echos – die so bellen – wie Hunde bellen.

»Ist das deine Sehnsucht, die da so bellt?«

Also fragt neben Kaidôh eine spitze Stimme, er sieht aber seine Liwûna nicht neben sich und fragt traurig:

»Ist Liwûna fort?«

Und er hört die spitze Stimme sagen:

»Die Liwûna ist doch deine Sehnsucht«.

Gleichzeitig merkt er einen Druck oben auf dem Kopf – und er fliegt mit dem Kopfe vorn gradaus wie eine Lanze.

So blitzschnell gehts, dass ihm viele Kopfhaare ausgerissen werden.

Die schmalen ovalen Sterne, die so weiss sind wie weisse Greisenhaare, fliegen klingend rechts und links an dem grossen Kaidôh vorbei – wie Schneeflocken im Sturm.

Und er kommt in ein andres Reich, in dem ganz andre Weltgebilde leben.

Die Luft ist da heiss und flimmert – als flatterten überall kleine weisse Flügel.

Die Helligkeit der ganzen Gegend nimmt immerfort ab und zu – ab und zu – als flackerten grosse Lichter kurz vorm Erlöschen noch einmal mit aller Wildheit rauf und runter – rauf und runter.

Es lebten in der heissen Luft lauter geflügelte Drachen mit weiss glühenden Lichtleibern. Die Drachen schwebten nur so schnell dahin – wie weisse Glanzlichter auf Wasserwellen. Die weissen Flügel zitterten und die weissen Lichtleiber ebenfalls – und zwar so heftig, als befänden sich die Lichtdrachen in zuckenden Lichtkrämpfen.

Ohn Unterlass ging ein zitterndes Wetterleuchten durch die heisse Luft. Zuweilen sahs aus, als bestünden die Tiere nur aus weissen Nordlichtern; weissglühende Strahlensplitter flogen wie Pfeile hin und her.

Zuweilen spannten sich zackige Regenbogen aus Gelb und Olivgrün durch die ganze Himmelsgegend; die vergingen immer wieder so schnell – wie sie vorkamen.

Und alle diese fabelhaften Gestalten, deren Formen sich fortwährend veränderten, hatten nichts Körperhaftes, denn sie gingen alle blitzschnell durch einander durch, ohne sich zu schaden – als wären die weissen Lichtgestalten nur Schattengeister.

Und Kaidôh sauste – immer mit dem Kopfe voran – durch diese zuckende Glanzwelt durch und kam in eine Feuerwelt hinein.

Da loderten tausend rote, blaue und grüne Flammen knisternd, knackend und knallend nach rechts und nach links. Und die bunten Funken stoben empor und wirbelten mit rasenden Feuerstürmen in Kaidôhs Gesicht, dass der zusammenschrak.

Ein blauer Funkenpolyp tanzte wie ein Hampelmann dem grossen Kaidôh voran, als wenn er ihm den Weg durch das Flammenreich weisen wollte. Der blaue Funkenpolyp sprach in knirschenden Lauten, während ihm immer mehr blaue, Funken sprühende Glieder aus Brust und Hinterkopf herauswuchsen:

»Fürchte dich nicht, mein tapfrer Kaidôh? Ich bin deine tapfre Liwûna und führe dich! Ich bin ja immer dein Führer gewesen. Gefällt es dir hier? Ist dir diese Feuerwelt masslos genug? Du bist ja immer die verkörperte Masslosigkeit gewesen – demzufolge musst du dich doch hier wie zu Hause fühlen.«

Und der Funkenpolyp platzte knisternd auseinander und ging auf in der Flammenwelt.

Doch die Flammen wurden plötzlich alle blau.

Und Liwûna rief:

»Siehst du nicht, dass ich jetzt grösser geworden bin? Ich bin jetzt eine blaue Feuerwolke.«

Und die Feuerwolke ballte sich zusammen und erhielt die Form eines Igels; die blauen Stachel waren Stichflammen.

Die Flammenstachel leuchteten wie brennender Schwefel.

Der Igel sagte:

»Jetzt bin ich aufgegangen in dieser Feuerwelt. Das ist so gut wie ein Tod und eine Auferstehung. Das ist ein Beitrag zur Geschichte vom seligen Ende. Es kommt immer noch was nach. Man vereint sich nicht so ohne weiteres mit dem grossen Ganzen; man vereint sich immer bloss mit dem Grösseren und wird dann was Andres. So bin ich jetzt ein blauer Feuerigel geworden. So kann sich deine Sehnsucht verwandeln, die mal vor langer, langer Zeit einem Weibe nicht ganz unähnlich sah. Und deine Sehnsucht wird sich noch recht oft verwandeln. Und jedes weitere Ende wird auch gleich wieder ein seliger Anfang sein. Es ist eben alles endlos in der endlosen Welt – auch die Anzahl der Verwandlungsgeschichten, in denen sich das ganze Leben offenbart. Wie also sollte es eine endgültige Vereinigung mit dem All geben? Es giebt eben unendlich viele Vereinigungen mit immer grösseren Stücken vom All. Die Stücke werden aber nicht einmal die Unendlichkeit ausfüllen – in der giebts schon kein Ende. Entschuldige, dass ich beim Reden auch kein Ende finden konnte.«

Mit diesen Worten sank der blaue Feuerigel, während seine blauen Flammenstachel glitzerten wie lachende Email-Gesichter, in die Tiefe.

Und Kaidôh flog, als wäre durch den Fall ein luftleeres Weltloch geschaffen, so schnell mit dem Kopfe gradaus und im Bogen hinunter, dass ihm Hören und Sehen verging und er zu sterben vermeinte.

Er aber war bloss in eine märchenhafte Gaswelt geraten und kam gar bald wieder zu sich.

Er hatte jedoch die Empfindung, in der Gaswelt auf dem Kopfe zu stehen oder mit dem Kopfe vorn runterzufallen; begreiflicher Weise fühlte er sich dadurch sehr beunruhigt.

Er versuchte, die Arme, die immer noch steif an seinen beiden Körperseiten hafteten, abzuschieben; seine beiden Fäuste waren noch immer fest zusammengeballt.

Das Abschieben der Arme schien allmählich zu gelingen.

Unzählige bunt schillernde Blasen flogen um Kaidôhs Kopf, und die Form der Blasen veränderte sich unablässig; bald waren sie schlauchartig, bald kantig, bald becherförmig und bald wie Fliederblüten.

Kaidôh konnte den ewigen Verwandlungen nicht mehr folgen.

Die Gasmassen gingen immer durch einander durch, ohne dass ihre Art dabei beeinflusst wurde.

Kaidôh sagte: »Das sind wohl gar keine Gasmassen.«

Oft schossen alle diese Welten in einen helleren Mittelpunkt und bildeten da ein funkelndes Kaleidoskop, das dann plötzlich wieder mit dumpfem Gepuff auseinanderflog.

Und unzählige Kometen, die aus festeren Luftstoffen zu bestehen schienen, schwirrten ausserdem noch überall durch.

Die Kometenschweife waren häufig so lang, dass sie die ganze Gegend als Glanzstriche durchquerten.

Ein paar sehr heftige Kometen drehten sich so rasch um sich selbst, dass sie währenddem grossen Lichtscheiten glichen und für Augenblicke alle Aussicht versperrten.

Und Kaidôh flog kopfüber durch alle diese Welten durch und glaubte, in einen endlosen Abgrund gestürzt zu sein; es gab gar kein Halten.

Da dringt ein Flüstern an sein Ohr, und er hört wieder die Liwûna sagen:

»Jetzt bin ich eine geflügelte Eidechse und durchsichtig wie reines Wasser.«

Und er sieht die Eidechse vor sich – durchsichtig ist sie wie Wasser – ihre Flügel aber sind so fein und zart, dass sie nur so wie Schatten hin- und herpendeln – wie ganz hellgraue Schatten.

Und die Liwûna sagt leise, während sie mit einem ihrer kühlen Molchfinger Kaidôhs Ohr berührt:

»Sieh da drüben das grosse Heer von himbeerroten Gasbällen – die sind drollig! Die werden dir was erzählen. Höre nur zu. Du wirst sie verstehen!«

Und Kaidôh hört, wie sie ganz deutlich im Chore sagen, während kleinere himbeerrote Bälle aus ihren Vulkanen herausspringen:

»Wir lassen immerfort neue Weltbälle entstehen. Aber untergehen thun die nicht. Sie verwandeln sich wohl – das bringt sie aber nicht um. Der Tod ist uns gänzlich unbekannt. Wir müssen uns sehr wundern, dass die Artveränderung in anderen Weltwinkeln durch das sogenannte Sterben vor sich geht. Wir kennen so was gar nicht. Und daher haben wir auch nicht die geringste Sehnsucht nach einer Auflösung. Die Veränderung unsres Wesens geht ja immerzu vor sich – sogar ohne unser Zuthun. Das Erzeugen neuer Weltgestalten ist uns schrecklich geläufig – aber das Vernichten und Vernichtetwerden wird uns wohl für alle Zukunft ein Rätsel bleiben. Es schadet das nicht. Es giebt ja so viele Rätsel.«

»Da hörst du es!« ruft die Eidechse vor Kaidôhs Augen.

Die himbeerroten Gasbälle, aus denen fortdauernd kleinere Gasbälle vorspringen, rollen puffend und piepsend an Kaidôh vorüber; und eine Kometenjagd schiesst ihnen nach. Die Kometen ähneln schaumartigen Silberkronen und sausen bald so schnell dahin, dass Kaidôh schliesslich den ganzen Himmel nur mit dickeren und dünneren Silberstreifen durchzogen sieht.

Liwûnas Eidechsenleib reckt sich und schrumpft zusammen – ihre Flügel sind bei dem scharfen Silberlicht unsichtbar geworden.

Die Kometen sind jedoch nach kurzer Frist verschwunden, und Kaidôh stürzt weiter kopfüber in einen riesigen Trichter, dessen Wanderungen aus ungezählten krallenartigen Gaspolypen bestehen – das sind unheimliche krötenbunte Sternwelten mit sehr vielen Radaugen, deren Speichen wie Phosphorquellen gleissen.

Kaidôh stürzt immer mit dem Kopfe voran nach unten und sieht, dass lange, zappelnde Polypenarme ihn umhalsen, und fühlt sich um sich selbst gedreht, grässlich rasch, und glaubt wieder, seine Todesstunde sei gekommen.

Und er will noch sehen, und er will noch hören.

Er sieht aber nur, dass alle diese Gaswelten mit den krötenbunten, zappelnden Krallen auf ihn eindringen, dass er glaubt, ersticken zu müssen. Und er hört in seinen Ohren eine fremde Stimme – die tönt wie lauter kleine Silberglocken:

»Leben heisst: vorhersterben. Sterben heisst: vorherleben.«

»Was vorherleben?« fragt Kaidôh.

»Das nächste!« tönt es wider.

Kaidôh denkt, ein Ungeheuer naht.

Er sieht was auf seiner Nase – ein dickes, schwarzes Tier ist es – mit zwei langen durchsichtigen Hörnern.

Das Tier sagt:

»Ich bin Liwûna! Und ich werde dich wieder in die richtige Lage bringen. Ich kann mich auch in kleinere Weltstücke verwandeln. Ich kann alles. Erkennst du nun, wie vielgestaltig deine Sehnsucht ist? Deine Sehnsucht ist wirklich nicht in einem fort sehr gross. Bilde dir das nicht ein. Ich werde nun zur Dampfwolke werden. Pass auf!«

Und Kaidôh sieht und fühlt plötzlich lauter heissen, weissen Dampf um sich. Er bemerkt, dass seine Fäuste schon weitab von seinen Körperseiten sind.

Und er nimmt wahr, dass seine Beine mit grosser Schnelligkeit durch die Welt fliegen, während sein Kopf stille steht.

Und der grosse Kaidôh hat die Empfindung, seinen Kopf wieder oben zu haben.

Und da sieht er ganz vergnügt in die Dampfwolken, die auf und abwirbeln – und Liwûna sind – was ihm unbegreiflich zu sein scheint.

»Sollte meine Sehnsucht ebenfalls unbegreiflich sein?«

Also fragt er sich selbst.

Und er hört aus den Wolken ein tausendstimmiges 'Ja!' erschallen.

»Das klingt ja so,« ruft er nun erstaunt, »als wenn Liwûna aus unzähligen Wesen bestände. Ist meine Liwûna in der Mehrzahl da?«

Und wiederum tönt ihm das tausendstimmige 'Ja!' um die Ohren.

»Was ist verständlich in dieser Welt?«

Also fragte flüsternd Kaidôh – der Riese. Und es wurde so kalt in dem weissen, heissen Dampf, und er sagte zusammenschauernd:

»Nur Narren denken über alles nach.«

Er wollte nicht mehr nachdenken.

Die Dampfwolken verzogen sich langsam, und ein gelbes, grelles Licht drang körperhaft wie Wasser von allen Seiten rieselnd auf ihn ein.

Und er fühlte wieder wohlthuende Wärme. Weiche Tropfen betupften seine Haut, sodass er wieder staunte – denn er hatte lange nicht so deutlich seine Haut empfunden.

»Du bist mitten in einer grossen Gassonne.«

So rief ihm zischend wieder mal eine Stimme zu, die er einmal gehört hatte.

Und er sah einen Schlangenkopf vor sich – der sprach kalt und lachend:

»Liwûna ist zur Knotenschlange geworden.«

Und er fühlte, wie ihr hellgrüner, ungeheurer Schlangenleib mit den vielen Knoten sich um alle seine Glieder wand und nur die Arme und den Kopf freiliess.

In Liwûnas hellgrünem Schlangengesicht war die Schlangenhaut so fein, dass Kaidôh die schwarzen Adern deutlich unter der Haut sehen konnte; er sah in den Adern das schwarze Blut dahinströmen wie wilde Wasserfälle; er unterschied sogar weisse Schaummassen in den schwarzen Fluten. Die Schlange sagte ruhig:

»Du hast gehört und hast gesehen, dass ich in sehr vielen Gestalten dir erscheinen kann. Ich kann dir in unendlich vielen Gestalten erscheinen. Wenn deine Liwûna das schon kann, denkst du da, dass grosse Sterne das nicht auch können? O ja – sie können das. Jedes Stück Welt erscheint anderen Sinnen anders. Da das Erscheinen aber ein Sein ist, so ist jedes Stück Welt auch immer wieder etwas andres, in jedem Augenblick – zu gleicher Zeit das Eine und auch alles Andre – alles, was es scheinen oder sein kann – ist es auch immer. Und was vom Stück gilt, wird wohl vom Ganzen erst recht gelten. Auch der Allgeist ist nur in unendlich grosser Mehrzahl zu denken. Und mit einem so unbegreiflich grossen Geiste willst du dich vereinen? Weisst du, wie dein massloser Wunsch zu behandeln ist? Ich dächte, Du könntest dir die Frage selber beantworten.«

Kaidôh sah, dass Liwûnas Schlangengesicht immer wilder blickte, ihre zwei grossen Augen wurden ganz weiss und traten weit vor. Die schwarzen Adern schwollen heftig an. Und der Riese Kaidôh hatte ein Gefühl, als würde ihm der ganze Rumpf durch den Schlangenleib vom Kopf getrennt – er fühlte seinen Rumpf nicht mehr – und glaubte, nur noch Kopf zu sein und weiter nichts.

Und ihm gingen die Gedanken ganz und gar durcheinander, und es befiel ihn plötzlich eine zuckende Angst – Angst vor dem Wahnsinn.

Und er rief laut:

»Liwûna! Liwûna! Ich will nicht mehr das Ganze. Es ist zu gross. Es ist zu viel. Ich will nur einen Teil – nur ein Stück von der Welt. Ich will nicht mehr das Gewaltigste.«

»Was willst du also?« fragte die Liwûna rauh.

»Ich will,« erwiderte der Kaidôh scheu, »eine vereinfachte Welt. Und mit der will ich zusammen eins werden.«

Und Kaidôh fühlte wieder seinen Rumpf unter sich – aber seine Fäuste schienen ihm noch weiter entfernt zu sein – seine Arme standen steif im rechten Winkel zum Körper.

»Eine einfache, gewaltige Stunde!«

Also schrie Kaidôh in grässlicher Angst.

Und die Kartenschlange verschwand.

Alles wurde dunkel.

»Ich will sterben,« flüsterte der grosse Riese, »denn das Leben ist zu schwer zu ertragen. Der rasende Wirrwarr ist zu gross. Man verliert zu oft den Kopf, und alles wird sinnlos. Und ich sehne mich doch nur nach der gewaltigen Stunde – und die finde ich doch nur – wenn ich sterbe.«

Seine letzten beiden Worte klangen dumpf hallend durch die Finsternis, und ferne Echos riefen höhnisch zurück:

»Ich sterbe! Ich sterbe!«

Und er fliegt lange dahin, ohne jeden Gedanken – in der Finsternis.

Dann aber fühlt er, dass er nur mit Mühe weiter kann. Er muss stehen bleiben.

Er versucht, die Fäuste aufzumachen und die Finger auszuspreizen, als wenn er Halt suchen möchte – da er ja keinen Boden unter den Füssen fühlt.

Und er kann die Fäuste aufmachen; es geht so ganz allmählich.

Und ihm ist so, als hänge er in der Finsternis.

Und er weiss nicht, wo er ist.

»Ich wusste,« sagt er, »allerdings niemals, wo ich war. Das weiss ja keiner. Daran muss man sich gewöhnen.«

Winde pfeifen um seine Ohren.

Und bald braust ein Sturm heulend durch die finstre Welt.

Es dröhnt in der Ferne, als würden gewaltige Schlachten geschlagen, und es knattert, als platzten grosse Granitsterne entzwei. Und dazu pfeift es gellend in keifenden, hohen Tönen. Und es knallt und faucht und stöhnt und rasselt. Und es knistert, als flögen brennende Funken durchs All. Und dann bricht was Grosses zusammen, dass Milliarden Scheiben durcheinander splittern.

Und bei alledem ist es stockfinster.

Und dem Kaidôh wird das Sturmgetöse unerträglich, er ruft weich:

»Liwûna! Das ist zu viel. Mach den Sturm einfacher! Mach ihn zur Musik mit Melodien, denen ich folgen kann.«

Und der Sturm wird zur Musik mit langen, weichen Tönen.

Unzählige Geigen erklingen und wiegen sich und schaukeln sich und schwirren, und die Töne dehnen sich aus und schwellen an und jubeln auf und klagen und summen und ziehen wieder hinaus in die Ferne in langen Zügen – in die Unendlichkeit hinein.

Und Kaidôh wird von so vielen Empfindungen bestürmt, dass er sie nicht auseinanderhalten kann, und unter dem Wirrwarr der Empfindungen ebenso leidet wie unter dem rasenden Sturmgepolter.

Der grosse Riese glaubt, die Musik wolle die Unendlichkeit auflösen, er aber kann alles Unendliche nicht mehr ertragen. Er flüstert wieder wie zu sich selbst: »Auch das ist zu schwer für mich!«

Und dann sagt er, wie die Geigenwinde immer weiter anschwellen und ihn immer weiter fortzuziehen suchen: »Liwûna, gieb Worte dazu!«

In der dunklen Ferne sieht er einen langen, dünnen Stab – gebildet aus lauter blutroten Rubinen – auf-und niedersteigen – auf- und niedersteigen – wie ein Taktstock.

»Das ist ein Scepter!« hört er die Liwûna neben sich sagen.

Er wundert sich nicht, dass sie das neben ihm sagt, während doch das Scepter so weit weg ist. Er will nur noch Worte hören.

Und er hört Worte.

Viele Männerstimmen singen.

Das Erste versteht er nicht – es ist ein vielstimmiger Gesang – und sehr gedämpft ist er.

Wie sie aber lauter singen, versteht er – diese Verse:

Wir mussten neulich so furchtbar lachen:

Ein Alter sprach so voll Herzeleid;

Er wollte die herrlichsten Verse machen

Zum Lobe der tiefen Unendlichkeit.

Ihm aber gelang nicht das kleinste Gedicht,

Und dazu schnitt er noch ein Gesicht,

Als wenn die Unendlichkeit böse wär.

Ach Alter, wo kamst du eigentlich her?

Mach dir doch nicht das Leben so schwer.

Was machst du bloss für Sachen?

Man muss ja so furchtbar lachen.

Die Geigen summen weiter, doch die Töne schliessen sich nicht mehr zu Melodien zusammen.

Liwûna sagt:

»Du hörst nur Kopfnaturen in der Finsternis.«

Kaidôh denkt an die schlafenden Sternriesen und findet es seltsam, dass er selbst so lange ohne Schlaf durch die Welt schwebte. Er vergleicht das Sterben mit dem Einschlafen, wird aber durch ein Trompetengeschmetter aufgestört. Helle Hörnerklänge jubeln dazwischen. Die Geigen sind nicht mehr zu hören.

Mit einem Male wirds still, und tiefe Männerstimmen sprechen im Chor:

Diese ganze Welt ist nur sein Alltagsmantel,

Und wir alle sind nur schlechter Zwirn.

Tausend Echos hallen die Worte auf allen Seiten wider. Und es erklingen helle Glocken in einer lustigen Klimpermelodie. Dem Kaidôh kommt das Geklinge so bekannt vor. Tiefe Frauenstimmen singen dazu:

Du kannst die ganze Welt verstehen,

Wenn du vermagst, sie schweigend anzusehen.

Doch rufst du dabei mal: Ich habs!

So kriegst du einen derben Weltenklaps.

Kaidôh will lächeln, denn er sieht ja nichts.

Er bleibt finster.

Die Glocken verstummen.

Eine tiefe Bassstimme, die so knarrt, spricht vertraulich in Kaidôhs nächster Nähe:

Umfangreich sind die Weltengräber,

Aber wen verblüfft das noch?

Jeder schneidige Alldurchstreber

Findet unten doch ein Loch

In dem grossen Grabestrichter.

Es bleibt nach diesen Worten ein fernes Brummen, wie von Bienenschwärmen in der Finsternis, und Kaidôh denkt wieder an den Schlaf und möchte träumen. Und er träumt von weiten Wunderländern, die er noch nie gesehen hat, und ihm ist plötzlich so, als offenbare sich ihm plötzlich das ganze Allwesen, und es durchrauscht ihn; es wird ihm alles so klar – traumklar.

Da weckt den Träumer ein zwitscherndes Flötengedudel, und lachende Kinderstimmen singen zu den Flötentönen:

Gross ist das Weltensein!

Alles gehört hinein.

Gestern noch kam ein Kind,

Schrie wie ein wilder Wind,

Pries den ganzen Weltenlauf,

Blies sich dabei drollig auf,

That, als läge jede Note

Fein seciert auf seiner Pfote,

Und sprach von einem Wunderland,

Das allen Wesen unbekannt,

Als wärs fürwahr sein Vaterland.

Wir sagten: So – so – so!

Du bist recht zauberfroh!

Und das Jenseits war seine Mütze,

Das Bekannte nannte er Pfütze.

Kindchen, lass das Schreien bleiben,

Sonst wird dich ein Floh vertreiben.

Und die Flöten dudeln – und entfernen sich nach allen Richtungen. Es steckte eine Marschmelodie in den Versen.

»Köpfe können doch nicht marschieren!« sagt Kaidôh.

Er wagt es nicht, noch einmal zu träumen.

Tiefe Frauenstimmen sprechen im Chore:

Dunkel bleibt uns immer was.

Doch es giebt ein Träumen

Ueber allen Räumen.

Nachdem die Echos auch diese Worte lange nachgehallt haben, ist das Bienengebrumm abermals zu hören.

Es wird etwas heller.

Dumpfe Pauken dröhnen in der Ferne, und Trommeln rasseln wie Ketten,

und zu dem Getöse singen viele Stimmen schreiend durcheinander:

Jede tolle Narrenpein

Wird ja wohl notwendig sein.

Diese Verse werden siebenmal wiederholt, und die Stimmen – es sind lauter Knabenstimmen – schreien jedesmal lauter, sodass der Gesang schliesslich zum Gekreisch wird, das schliesslich in Gewimmer umkippt und dann plötzlich weg ist.

Und nun wirds allmählich hell.

Und Mondlicht umfliesst den grossen Kaidôh.

Es wird so still, dass Kaidôh sein Herz klopfen hört.

Mit weit ausgebreiteten Armen dreht sich der Riese langsam um sich selbst.

Und er sieht in der Runde in sieben tiefe Schluchten, in denen Nebelschatten geisterhaft auf und nieder gleiten. Im Mondenschein glänzen die Nebel wie bewegte Schleiergebilde – wie geisterhafte Rauchgewänder.

Hier ist alles so ruhig wie auf einem Friedhof.

Zwischen den Schluchten liegen grosse Bergnasen im hellen Mondenschein – Gletscher, die aus unzähligen Sternen bestehen.

»Ich fürchte vielleicht doch nur das Stille!« flüstert Kaidôh, und seine Augen irren über die Mondscheinpracht, und er geht auf in dieser Glanzwelt, in der die Geheimnisse des ganzen Alls zu schlummern scheinen. Er vergisst sein ganzes Leben.

Und nach einer Weile spricht er fragend:

»Die gewaltigen Stunden des Lebens – sollten sie immer stille Stunden sein?«

Die Bergnasen sind ihm so nahe.

Und nun sieht er die Gletscher in zitterndem Zauberschein – so glanzreich.

»Irrsinnige Schönheit!« flüstert er zaghaft.

Und er wagt nicht zu atmen. Er dreht sich langsam, ohne es zu wollen.

Und seine Augen verlieren sich in den glänzenden Gletschern, die hoch aufragen – und seine Augen verlieren sich in den Schluchten, die tief hineingehen in Nebelreiche.

Und aus den Nebeln der sieben Schluchten kommen nun sieben grosse Walfische – sie schwimmen in den Nebeln, als wären sie im Wasser.

Schwarz und weiss schachbrettartig karriert ist das Fell der Walfische.

Wie sie mit den grossen dicken Köpfen aus den Schluchten heraus sind, heben sie die Schwänze hinten hoch auf, sodass ihre Leiber krummen Schwertern nicht so unähnlich sehen.

Und nun sprechen die Walfische im Chore, während sich Kaidôh noch immer langsam mit ausgebreiteten Armen um sich selber dreht:

Ja, nun wollen wir singen das lange Lied,

Das so still wie ein Schwan durch das Weltmeer zieht,

Unser Lied von der sternraumentrannten Zeit

Mit der weithinflammenden Ewigkeit.

Das klang so dunkel und schwer, als hätten die grossen Tiere grosses Leid zu tragen.

Nach einer längeren Pause, in der sich Kaidôh nicht mehr dreht, flüstern die Tiere – geheimnisvoll wie Mondscheinnebel:

Morgen, Heute, Gestern

Sind drei liebe Schwestern,

Aber nicht die Ewigkeit.

Wir aber wollten zum Herzen des Lichts

Und da die Ewigkeit umfassen.

Urplötzlich aber begriffen wir nichts

Und mussten alles Denken lassen.

Der Riese horcht und schaut die Tiere lange an, deren weisse Hautquadrate heftig leuchten im Mondenlicht, während die schwarzen dunkler sind als alles andere.

Sodann spricht ein Walfisch allein – seine Stimme dröhnt so wie tausend rauhe Bässe:

Als langes wüstes Träumen

Erschien uns alles Leben.

Stumpf wie altes Weltgewürm

Schwammen wir nun ohne Worte

Durch den langen Himmelsraum,

Kamen so an eine Pforte,

Deren weite Schallgewölbe

Auf Säulen ruhten, die aus Glas bestanden

Und blitzten, dass wirs überall empfanden.

Als wir nun sehr bald bemerkten,

Dass die Schläge sich verstärkten,

Riss uns die Geduld – wir schimpften;

Unsre dicken Walfischfelle brannten.

Nach diesen sehr kräftig gesprochenen Versen räusperten sich die Wale, wackelten bedächtig mit den hinten hoch aufragenden Schwanzflossen hin und her und sprachen – abermals im Chore:

Und mit vielen Donnerworten,

Die wir itzo singen werden,

Brüllten uns die Säulen an.

Dröhnend sprach hiernach der Walfisch mit der rauhen Bassstimme:

Es sangen die Säulen!

Und im mächtigsten Posaunentone sangen die Walfische, was die Säulen gesungen hatten:

Also scheuert Ihr nicht ab

Eure Weltnatur.

Diese Pforte sei für euch

Starres Sinnbild nur

Und ein Jenseitsgruss.

Denn hier geht es zu den Weltgesichtern,

Die auch hinter allen Räumen lachen,

Und auch hinter allen Farbenlichtern

Leben aus den Sehnsuchtsträumen machen.

Zwar zu der Jenseitsherrlichkeit

Kommt ganz allein die Weltenzeit.

Die geht so leicht durch diese Pforte

Und weilt an manchem Wunderorte;

Sie hängt beinah an jeder Weltallsfalte,

Nicht nur an der, die sich mit Sternen schaukelt;

Sie ging nach vielen Seiten,

Ohne zu verschwinden,

Und pflegte fortzuschreiten,

Ohne wegzugehen.

Die in Räumen sich befinden,

Werden niemals das verstehen.

Es schwebt die leichte Unbekannte

Nicht über dem ganzen Allgewande,

Doch hat sie viel davon gesehen.

Wollt ihr das Ganze sehen, seht ihr nichts.

Wollt ihr das Ganze hören, hört ihr nichts.

Ihr schwimmt im räumlichen Faltenschoss

Und wisst von Formen und Farben bloss.

Und die andren Höhen, Weiten und Tiefen,

Die im Allgewande wachten und schliefen

Und weder Höhen, noch Weiten, noch Tiefen sind –

Für euch sind sie nicht da.

Ihr wisst nicht, was geschah.

Was wisst ihr von dem Ganzen?

Mit dem könnt ihr nicht tanzen.

Doch hier vor unsrer Säulenpforte

Entwickelt sich ein Ahnungsspiel

Von andrer Sinne Sehnsuchtsziel.

Atmet doch in jedem Augenblick

Noch manches andre Weltgeschick,

Das weder Lichter noch Schatten kennt

Und nicht vom Einen zum Andern rennt.

Und jede selige Stunde

Wird von dem Ahnungsspiel durchglänzt,

Dass eure Sehnsuchtsallkunde

Sich licht- und schattenlos ergänzt.

Ja, nur Zeit und Ewigkeit

Stehn mit einem Bein in andren Sphären,

Des Gewürmes Wenigkeit

Soll in Sehnsucht sich verzehren

Und ein Ahnungsspiel gebären.

Diese Pforte sei für euch

Starres Sinnbild nur

Und ein Jenseitsgruss

Von der Allnatur

Mit den Faltengebilden

Aus den Rauschglanzgefilden.

Nach diesem langen Gesange rufen die Wale sämtlich, als wär ihnen ein Stein vom Herzen gefallen:

Schluss!

Es steckte viel Trutzigkeit in diesem kleinen Wort.

Und die sieben Wale im karrierten Fell kommen mit ihren dicken Köpfen dem Kaidôh in Brusthöhe ziemlich nahe, sodass die Köpfe einen Kranz um sei nen Oberkörper bilden. Während sich nun Kaidôh mit ausgebreiteten Armen um sich selber dreht, streichen seine Hände, ohne dass ers will, über die Köpfe der Wale.

Und die Wale sinken nach dieser Berührung langsam in die Tiefe, in der ein blutrotes Rubinmeer funkelt. Die blutroten Rubinen sind natürlich lauter grosse Sterne.

Kaidôh kann nicht den Kopf bewegen und sieht so nichts von dem Meere. Er hört nur unten die Wale noch einmal singen.

Der Gesang klingt so lächelnd.

Die Wale singen:

Nun schwimmen wir wieder ohne Begehren,

Wir ahnen der Welten Sehnsuchtsziel –

Und wollen uns gar nichts weiter erklären,

Wir bleiben beim grossen Ahnungsspiel.

Und thun wir auch manchen Skorpionen leid,

Wir sind doch die Weisen – im Narrenkleid.

Es hallt lange in den Schluchten nach.

Die Wale tauchen im Rubinmeere unter, und klatschend schlagen die Rubinwogen über den schwarz und weiss karrierten Leibern zusammen. Ein Brausen steigt empor und weckt in den Schluchten dumpfes Donnergetöse.

Kaidôh reisst weit seine beiden Augen auf, dass sie leuchten wie Phosphorsonnen und aussehen, als sähen sie Unsägliches.

Der Mondschein zergeht. Oben im Himmel erscheinen viele Sterne. Und ganz hinten über den sieben Schluchten erscheinen sieben ungeheure Sternriesen mit Raketenarmen und unzähligen Köpfen, die goldene Hörner haben, und bunte Brillantenaugen. Die Leiber der Riesen sind goldene und silberne Astknorren, um die sich Opalschlangen winden. Und alles funkelt und glitzert. Die blauen und roten und grünen Sternfarben brennen gewaltig in die Nacht hinauf.

Die Bergnasen und die Schluchten sind dunkelbraun und nicht sehr hell. Kaidôh sagt leise: »Nun will ich das Letzte!«

Da spricht der Sternriese, der zuerst erschien:

Ja! Wir Grossen preisen nie das Letzte,

Denn das Letzte giebt es nicht.

Wen das Unbegreifliche verletzte,

War noch nie ein Rauschgedicht.

Kaidôh versucht, seine Arme zu heben, und will damit sagen, dass er auch das Unbegreifliche empfangen wolle mit weit offenen Armen.

»Es muss aber doch einen Abschluss geben!« ruft er heftig beim Armheben aus.

Und der zweite Sternriese erwidert ihm:

Das Unaufhörliche durchlacht auch diesen Raum,

Und nur ein Farbenspiel ist jeder Todestraum.

Kaidôh bemerkt, dass die Sternriesen ganz einfach sprechen – trotz ihrer vielgestaltigen Körper. Und er fühlt, dass ihm die einfache Sprache der Sternriesen so wohl thut – er wollte ja das Einfache.

Nun wird ihm die ganze Welt immer einfacher.

Und er will nur noch das, was doch geschieht.

In seiner Nähe weilt wieder seine Liwûna. Wohl sieht er sie nicht, jedoch er fühlt sie wie einen kühlen Luftzug, und sie spricht feierlich: »Jetzt kann ich dich verlassen.«

Und sie thut, wie sie sagte.

In der Ferne hört er sie noch einmal in schweren Tönen rufen:

»Kaidôh! Kaidôh!«

Er will sie noch einmal sehen und ruft:

»Liwûna!«

Indessen – nur Echos antworten in der Ferne.

Wie die Echos nur noch ganz schwach aus der weiten Ferne über die Berge herübertönen, spricht Kaidôh still zu sich selbst:

»Ist Liwûna ein Echo geworden? Ein Allecho? Ein Sehnsuchtsallecho?«

Und er denkt über die Sehnsucht nach und möchte wissen, ob ihre Macht so weit reicht wie Zeit und Ewigkeit.

Und der dritte Sternriese giebt ihm Antwort – in leichten Worten – diesen:

Nur wo immer viele Dinge

Gründlich sich verändern sollen,

Fühlt die Sehnsucht sich zu Hause.

Ist der Wandel der Erscheinung

Gründlich eingeleitet worden,

Macht die Sehnsucht, dass sie fortkommt.

Kaidôh hebt seine Arme höher und versucht, die Finger noch immer weiter auszuspreizen – ihm ist, als würden sie immer länger.

Und er fühlt sich so frei.

Er spricht nach ein paar stillen Augenblicken hart und deutlich:

»Der Schatten ist fort. Nun ist alles einfach. Ich bin allein.«

Und der zweite Sternriese flüstert, dass es zischt:

Doch glaube nicht,

Dass dies das Letzte sei.

Dem Letzten folgt

Noch immer mancherlei.

Aus den Schluchten dringen Töne an sein Ohr, die er nicht versteht – sie sprechen von Tod und Einsamkeit – von rasendem Rausch und festlichem Zusammenbruch. Und die Töne stören den grossen Kaidôh; er empfindet, dass er bereits in seiner gewaltigen Stunde lebt – und er empfindet gleichzeitig schmerzlich, dass dem Gewaltigen noch etwas fehlt – dass es noch nicht voll ist – dass ers noch nicht vollendet nennen kann.

Er hebt die Arme höher und höher.

Es wird heller auf den Bergnasen und in den Schluchten, die den grossen Kaidôh wie Radspeichen anmuten.

Und der fünfte Sternriese brüllt heftig:

Es giebt auch keine vollendeten Sachen;

Die Kugeln drehen sich zu viel,

Die Weisen müssen zu viel lachen.

Ein Ahnungsspiel entwickelt sich vor Kaidôhs Augen; er bildet sich ein, Geister zu bemerken und diese Geister mit Sinnen wahrzunehmen, die er bislang nicht gekannt und nicht besessen hat. Und er hat die Ueberzeugung, tiefer ins All blicken zu können, und es durchzuckt ihn: er erkennt in der Tiefe des Alls einen grossen Riesen, der ganz allein da sitzt und sich nicht rührt. Und er hält diesen einsamen Riesen für die grosse Ruhe, die da kommen soll in dem Reich, das weder Licht noch Schatten kennt. Und er bildet sich trotz allem wiederum ein, das Ganze verstanden zu haben.

»Er ist allein und ruhig!« sagt Kaidôh.

Aber der sechste Sternriese brüllt wie ein Donnerwetter:

Auch in jenem Jenseits,

Das wir hinter Licht und Schatten wissen,

Ist die grosse Welt kein Ruhekissen;

Das Unaufhörliche kann nie vollendet sein.

Durch Schlaf und Tod gehts nur zu neuer Lebenspein

– Aber auch zu neuer Lebenslust –

Kaidôh hebt die Arme ganz hoch, dass sich seine Hände hoch überm Kopfe beinahe berühren.

Er wartet auf einen Augenblick, der gewaltiger ist als alle andern.

Die Sternriesen verblassen allmählich.

Die Bergnasen kommen noch näher.

Der siebente Sternriese spricht – mit abgewendeter Stimme:

Wo du auch hinüberfliehst,

Niemals kommst du an das letzte Ziel;

Preise jede Welt und auch die Sterne.

Alles, was du hier so siehst,

Ist ja nur ein feines Lichterspiel,

Eine grosse Wunderweltlaterne.

Und Kaidôh fühlt, während die Bergnasen immer näher und näher kommen – auf seinen Fingerspitzen und auf seiner Kopfhaut einen scharfen Druck.

Und er fühlt Boden unter seinen Füssen.

Rauschende Lichtfülle bricht hernieder und macht die Bergnasen und die Schluchten ganz hell – so hell, wie's tausend Sonnen kaum vermögen. Kaidôh ist nicht geblendet: er sieht seine Welt in einem neuen Licht.

Die Bergnasen sind keine Gletscher mehr, es sind bunte Fliesenterrassen mit bunten Wasserfällen und bunten Springbrunnen, mit Blumenhecken und spiegelnden Teichen, mit Turmkanten, Galerien, Säulenhallen und blanken Treppen.

Ein glänzendes Fliesenreich!

Da sind keine Häuser, die Kaidôh nicht mag, da sie an schwerfällige Schnecken und Schildkröten erinnern.

Und doch bildet das Ganze ein grosses Bauwerk mit sieben Terrassennasen und mit sieben Terrassenschluchten.

Und Kaidôh jauchtzt.

Diese Welt ist einfach.

Mit dieser einfachen, glänzenden Terrassenwelt kann er sich verbinden – mit all den bunten Fliesen, die so einfach sind, kann er Eines werden. Und er wirft den Kopf ins Genick – das geht langsam nur – doch es geht.

Die Sternriesen sind unsichtbar.

Der Himmel ist dunkelblau und so voll leuchtender Strahlenglut – wie ein ewiges Rauschdach.

Und Kaidôh sieht oben aus seinen Fingerspitzen weisse Flammen herausflackern.

Und er fühlt, dass seine Hände brennen.

Und er jauchzt.

Er fühlt seine Hände nicht mehr – er fühlt Fliesenterrassen.

Und seine Arme brennen.

Und es brennt seine Stirn – und er sieht nicht mehr mit seinen alten, grossen Augen.

Unter seinen Füssen fühlt der brennende Kaidôh Eiseskälte – das Rubinmeer ist gefroren.

Weisse Flammen lodern um Kaidôhs ganzen Leib.

Aber nun beginnt ein neues Sehen und ein neues Fühlen für den grossen, lodernden Kaidôh – er sieht mit Fliesenaugen in die hohe Welt – und er fühlt mit den sieben Terrassennasen.

Während sein Riesenleib in hell blitzenden weissen Lichtflammen verbrennt, verbindet er sich mit den sieben Terrassennasen und mit den sieben Terrassenschluchten.

Und er schaut anders in die hohe Welt – als ein buntes, einfaches Fliesenrad.

Und die Eiseskälte unter seinen Füssen zerfliesst – er geht ganz auf in dieser vereinfachten Welt.

Die Bergnasen mit den Schluchten erwachen zu einem neuen Leben – und ihnen ist so, als hätten sie lange geträumt.

Und das ganze Rad dreht sich und funkelt – und schwankt nun mit den sieben Sternriesen zusammen hin und her – hin und her – hin und her.

Das ganze Rad dreht sich und funkelt.

Die Sternriesen drehen sich langsam mit und funkeln auch.

Und das Rad schwankt mit den sieben Sternriesen zusammen hin und her und schwebt dann so weit hinüber in die Nacht hinein, dass die ganze lichtrauschende Weltblüte bald so klein erscheint – –.

- Ende -




Die große Revolution


Inhaltsverzeichnis (#ubd2e4fd2-00f4-5166-ad89-e3c73231fef0)

Auf dem Monde wars Nacht.

Und die dicke Luft war ganz still.

Und die Goldkäfer saßen auf den dunklen Moosfeldern und leuchteten - so wie die Sterne am schwarzen Himmel leuchteten.

Von der Erde war nur ein Viertel als Halbkreis zu sehen.

Und fünf Mondmänner schwebten über den Moosfeldern und leuchteten auch - aber so wie Kugeln von Phosphor.

Und der Mondmann, der voranflog, wurde plötzlich so rot wie eine feurige Kohle, und da flogen die vier anderen Mondmänner an seine Seite und wurden ganz allmählich ebenfalls so rot.

Durch dieses Rotwerden sagten sich die Mondleute, daß sie bereit wären, miteinander zu sprechen.

Und der Mondmann, der zuerst rot wurde, sprach jetzt langsam und nachdenklich:

»Der Stern, mit dem wir leben, unser guter Mond, will ein großes Auge haben - und wenns möglich wäre - schließlich ein großes Auge sein - bloß noch ein einziges Auge sein - ganz Auge sein.«

Die Mondleute hatten, wenn sie in der Luft schwebten, unten Kugelgestalt, und aus der ragte oben ein kleiner Brustrumpf mit einem Rübenkopf und zwei Armen heraus.

Und mit den siebenfingrigen Händen, die unten an den Armen hingen, klatschte jetzt jeder der fünf Mondmänner auf seinen Ballonbauch, daß es dumpf dröhnte - wie von Pauken.

Mit diesen Tönen tat die Mondbevölkerung ihr Wohlbehagen und ihre Heiterkeit kund.

Rasibéff, der Mondmann, der seiner feurigen Gesinnung wegen seit Jahrhunderten bekannt war, rief nun hell in die Nachtluft:

»Was der große Mafikâsu soeben gesagt hat- das gibt unserm Streben das Rückgrat. Wir wollen, was unser Stern will. Und wenn unser Wille der Wille unsres Sterns ist, so muß dieser Wille alle Mondvölker mitreißen - und wir müssen in unserm Monde ein Fernrohr bauen, wies der Mond nicht größer haben kann - ein Fernrohr von der Größe des Monddurchmessers.«

Wenn die Mondleute ihren Rumpf vorbeugten und über ihren Ballonbauch rüber nach unten blickten, so kam ihnen das Bild der dunklen Mondoberfläche fast ebenso wie das Bild des Himmels mit den Sternen vor, da die Goldkäfer unten auch so still leuchteten wie oben die großen Weltgestalten im unendlichen Raum.

Die fünf Mondmänner beugten sich jetzt sämtlich vorne über und flogen danach viel schneller als bisher mit dem Rübenkopfe voran dem nächsten Krater zu.

Die Rübenköpfe hatten oben einen Kranz von Fühlhörnern, die sich beim Fliegen nach allen Richtungen vorreckten und dadurch kronenartig wirkten; die Fühlhörner witterten wie feine Geruchsorgane alle Dinge, an denen man sich stoßen kann.

Da sprach Zikáll, der Mann der Wissenschaft:

»Jedenfalls bezweifle ich, daß der Mond seinen Willen mit unsrer Beihilfe durchsetzen möchte. Wenn der Mond wirklich auf der anderen Seite ein Organ haben will, das unsrem Auge entspricht, so braucht er dazu nicht die Beihilfe der kleinen Mondleute. Wissenschaftlich nicht zu begründende Aussprüche wie die vom Mondauge sollten bei der Agitation nicht gebraucht werden. Wenn wir sagen, daß wir ein großes Fernrohr haben wollen, dessen Länge die des Monddurchmessers erreichen soll, so haben wir damit nach meiner Meinung genug gesagt. Die großen Worte haben immer einen kleinen Spaßgehalt in sich. Die großen Worte sind der Tatenlust zuwider.«

Die Sterne des Himmels funkelten jetzt, und die beiden hellblauen Augen des großen Mafikâsu, der zuerst gesprochen hatte, funkelten ebenfalls, und er sagte nun, während er langsamer flog:

»Jedenfalls freue ich mich, daß der große Zikáll die Herstellung des großen Fernrohrs, das so lang wie der Monddurchmesser werden soll, nicht für eine Unmöglichkeit erklärt. Und da Zikáll nicht will, daß ich das Wort Mondauge gebrauche, so will ich das Wort vermeiden, obschon ich doch bemerken muß, daß die Sterne öfters grade die kleinsten Lebewesen zur Durchführung ihrer großen astralen Absichten benutzen.« Hierauf sagte der Zikáll sehr rasch:

»Es fragt sich übrigens, ob unser Stern, der Mond selber, durch das große Fernrohr sieht - wenn wir, die Mondmänner, da durchsehen.«

»Das«, versetzte Mafikâsu, »fragt sich wohl. Aber wir wollen nicht vergessen, daß wir das große Fernrohr nur dann durchdringen werden, wenns unserm Monde nicht unbequem ist. Wir wollen nicht den Respekt vor dem Ganzen vergessen.«

Nach diesen Worten hatten die fünf den Krater, dem sie zuflogen, erreicht und ließen sich nun oben am Rande des Kraters auf fünf freien Natursäulen nieder; die Mondmänner setzten sich auf die Säulen, indem sie ihren Ballonbauch zusammenzogen und daraus eine Art Raupenfuß machten; die dicke gummiartige Hautmasse des Bauches umschloß muskulös den ganzen Kopf der Säule, so daß das Sitzen recht bequem war und auch so aussah.

Die Mondmänner glühten immer noch wie rote Kohlen, nur die Rübenköpfe und die Hände phosphorescierten silberartig, und die zehn Augen flimmerten in hellblauen Farbtönen.

Nun ergriff der weitsichtige Loso das Wort:

»Ja!« rief er, »wir verstehen den großen Mafikâsu vollkommen. Alles geht gegen die Erdbeobachtung. Die Mondleute, die das große Fernrohr haben wollen, haben eine große Abneigung gegen den Stern, der uns am nächsten steht - gegen die große Erde. Wir sollen gezwungen werden, die Erdbeobachtung aufzugeben. Wir sollen uns fürderhin nur noch mit den weiterab befindlichen Sternen - mit dem entfernteren Weltenraume - beschäftigen. Das ist es, worauf alles hinausläuft.«

In der Ebene, die sich unten vor dem Krater weit ausdehnte - da glitzerten jetzt die Goldkäfer - und oben am Himmel glitzerten die goldenen Sterne; die Luft machte die Lichteffekte oft anders.

Der heftige Rasibéff, der immer röter wurde als alle anderen, sagte leise:

»Loso dürfte nicht so ganz unrecht haben.«

Der weitsichtige Loso sprach noch einmal - sehr eindringlich - also:

»Auf der Mondseite, die stets der Erde zugekehrt ist, haben wir heute im ganzen ungefähr zehntausend Fernrohre. Unsre Krater haben sich doch recht brauchbar gezeigt; wenn auch die Beweglichkeit des einzelnen Rohres nicht allzu groß ist, so ergänzen sich doch die verschiedenen Krater untereinander so gut, daß wir zufrieden sein können. Jedes Fernrohr sitzt in seinem Krater so naturgemäß drinnen, daß es uns beinahe schon unnatürlich erscheint, wenn wir einen Krater erblicken, in dem sich kein Fernrohr befindet - obschon wir wissen, daß auf zehn Krater nur einer mit Fernrohr kommt, während neun noch ohne Fernrohr sind. Wenn wir nun die Absicht hätten, unsre sämtlichen Krater mit Fernrohren zu versehen, so würde ich diese Absicht nur loben, denn die Arbeit, die uns dadurch aufgebürdet wäre, müßten wir für klein ansehen gegen die Arbeit, die uns das große Fernrohr, das Monddurchmesserlänge haben soll, verursacht. Unsre Fabrikleiter sprechen da doch von einer Arbeit, die Jahrhunderte in Anspruch nehmen könnte. Demnach sage ich klar und deutlich: Lieber neunzigtausend großartige Kraterfernrohre als das eine einzige Riesenteleskop mit einer Monddurchmesserlänge! Das ist meine Meinung! Und von der werde ich vorläufig nicht abgehen!«

Uber die Ebene schwebten jetzt große Scharen silbern phosphorescierender Mondleute vorüber, die verglichen mit den Goldkäfern in der Tiefe Silberkäfern nicht unähnlich sahen. Wie silberne Sterne zogen die Mondleute in der Ferne vorüber; runde Ballonbäuche hatten alle Mondleute ohne Ausnahme - und auch alle Mondkäfer.

Zikáll, der Mann der Wissenschaft, sagte leise:

»Was mehr Arbeit machen würde - das eine große oder neunzigtausend kleine Teleskope - das dürfte wohl schwer zu entscheiden sein. Es käme doch nebenbei noch darauf an, welche Größe die kleinen Teleskope erreichen sollen. Wir haben in den letzten Jahrhunderten jedes neue Fernrohr immer ein wenig größer gebaut als das vordem fertiggestellte; wenn wir also die Größe bei den neuen neunzigtausend so weiter steigern, so könnte das letzte vielleicht viel größer werden als das eine große, das die Länge des Monddurchmessers doch nicht überragen darf.« Jetzt lachte Rasibéff.

Und die anderen lachten ebenfalls.

Aber der fünfte Mondmann, der bislang geschwiegen hatte und Knéppara hieß, sprach nun folgendermaßen:

»Das kommt davon, wenn man über eine Sache mit Leidenschaft redet. Man schweift ab und gibt schließlich nur Gelegenheit zum Lachen. Das Wichtigste wird dabei regelmäßig vergessen. Ihr denkt gar nicht mehr daran, welchen Umfang die Beobachtung der Erde erreicht hat. Das ist doch die Hauptsache! Ich leite die Beobachtung an neunhundert Teleskopen, und der liebe Loso leitet die Beobachtung an vierhundertunddreißig Teleskopen. Und diese dreizehnhundertunddreißig Teleskope sind nur auf die Erde gerichtet - seit Jahrhunderten! Und viele hundert andrer Teleskope sind ebenfalls nur auf die Erde gerichtet, so daß man wohl sagen kann: Die Hälfte der Mondbevölkerung beschäftigt sich ausschließlich nur mit der Erde.«

»Die Rechnung stimmt nicht«, rief da heftig der Rasibéff, »mehr als zwei Drittel der Mondbevölkerung beschäftigt sich mit der Erde.«

»Nun - wenns so ist«, fuhr der mächtige Knéppara fort, »dann spricht ja das noch besser für uns. Dann begreife ich aber nicht, wie Ihr die Erdfreunde dazu bestimmen wollt, ihre Tätigkeit, die ihnen Jahrhunderte lang so viel Freude bereitete, plötzlich an den Nagel zu hängen. Die Mehrzahl ist doch gegen Euch. Es war doch wahrlich keine Kleinigkeit, das Leben der Erdbewohner genauer kennenzulernen. Wir sind doch schon in der Lage, das zu lesen, was sie drucken lassen. Das hat Mühe gekostet - denn wir haben ihre Sprache mit dem Ohre niemals vernommen. Wir sehen, welche Anstrengungen die Erdleute machen, nach allen Seiten weiterzukommen. Wir sehen, wie sie den ganzen Erdball mit eisernen Schienen umspannen und alles außerdem noch mit Drahtnetzen umspinnen. Die Beobachtung dieser energischen Völkerscharen sollen wir plötzlich aufgeben, um nach den entferntesten Sternen zu greifen? Ich muß feierlich erklären, daß ich die himmelstürmenden Ziele für himmelschreienden Leichtsinn halte - und werde, solange ich noch Einfluß besitze, die Weltfreunde bekämpfen und mit allen Mitteln die Arbeiten der Erdfreunde zu schützen wissen.«

Loso hatte während dieser Rede seine rote Farbe verloren, Knéppara verlor sie jetzt auch - und dadurch deuteten die beiden an, daß sie das Gespräch abzubrechen wünschten.

Mafikâsu sagte nur noch ernst, während er noch röter wurde:

»Ich weiß, daß Knéppara und Loso unsre mächtigsten Gegner sind. Und die Weltfreunde wissen, daß sie keinen kleinen Kampf zu kämpfen haben - und daß sie den nicht mehr vermeiden können.«

Zikáll, der Mann der Wissenschaft, hatte nur noch rote Punkte auf seinem Phosphorleibe.

Und als die beiden Erdfreunde, Knéppara und Loso, fragten, ob Zikáll mitkäme - zum Zackenkrater- da zergingen die roten Punkte auf Zikálls Haut.

Und Zikáll begleitete die beiden Erdfreunde.

Die drei Herren wünschten den Zurückbleibenden freundlich: »Guten Abend!«

Und gleich nach der Erwiderung dieses Grußes war der große Mafikâsu mit seinem Apostel Rasibéff allein.

»Glaubst Du«, fragte hastig der Apostel, »daß der Zikáll den Erdfreunden treu bleiben wird?«

»Das glaube ich keineswegs!« versetzte der große Mafikâsu gelassen.

Jetzt schwebten in nächster Nähe viele andere Mondleute vorüber.

Und nach einigen Augenblicken gesellten sich drei von diesen zu den beiden glühenden Weltfreunden.

Diese drei sagten ebenfalls freundlich: »Guten Abend!«

Und dabei setzten sie sich auf die Säulen, auf denen noch vor kurzem die drei anderen saßen.

»Pflastermann!« rief Mafikâsu lächelnd, »wo willst Du hin?«

Der Pflastermann erwiderte ebenfalls lächelnd:

»Die Herren Nadûke und Klámbatsch, die hier neben mir sitzen, wollen ihrem Leben ein Ende machen, da sie müde geworden sind. Wir wollen morgen in den Todesgrotten sein.«

Ich spreche«, sagte Mafikâsu rasch, »den beiden Herren meinen herzlichsten Glückwunsch aus. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich die Herren begleiten dürfte.«

»Bist Du«, fragte der Pflastermann, »auch schon müde geworden?«

»Das nicht«, versetzte Mafikâsu, »aber ich hoffe, in den Todesgrotten neue Freunde zu finden.«

»Aha!« rief Nadûke, »er hat seine Idee vom großen Fernrohr noch nicht aufgegeben.«

»Ich gab niemals«, erwiderteMafi, »das, was ich anfing, auf. Wir haben übrigens ein neues Agitationsmittel gefunden.«

»Laß hören!« sagte Klámbatsch darauf.

Die Müden wurden aber nicht rot - auch der Pflastermann wurde nicht rot.

Aber das wirkte nach dem Gesagten nicht abstoßend.

Mafikâsu glühte jetzt noch heftiger als bisher- so wie glühendes Eisen.

Und er sprach leise und eindringlich:

»Ihr wißt, es gibt drüben auf der anderen Seite des Mondes, die von der Erde und von uns niemals gesehen wurde, keine Luft. Wir können da nicht fliegen. Wir können schon hier nicht sehr hoch steigen - dort aber könnten wir nicht einmal auf den Händen kriechen. Nun ist es aber ein par Freunden der Weltsache gelungen, am Rande ein paar kurze Strecken mit Luftschläuchen auf Schienen in dem unbekannten Lande vorzudringen. Und da haben die Mutigen gefunden, daß dort der Boden überall aus durchsichtigen Glassteinen besteht. Und von diesen Glassteinen haben sie etliche mitgebracht. Und Rasibéff trägt nun immer welche bei sich. Daß die ganze andre Mondseite sich nur aus solchen durchsichtigen Glassteinen zusammensetzt - daran glaube ich. Nun besteht unsre Mondhälte fast nur aus großen und kleinen Grotten - darum dürften in der anderen Mondhälfte auch Grotten sein. Die müssen aber infolge der durchsichtigen Glasoberfläche Licht von außen bekommen. Da müssen eben wundervolle bunte Lichtgrotten sein - mit vollem Sonnenlicht. Ist das nicht großartig? Schon allein dieser Lichtgrotten wegen müssen wir den alten Mond im Mittelpunkte durchbohren. Vom Mittelpunkte aus müssen wir ja ganz bequem in die sonnigen Lichtgrotten hineinkommen; diese könnten auch in der Nacht sehr seltsam wirken. Wenn das große Teleskop nicht mehr ziehen will, so ziehen vielleicht die Glassteine.«

»Und hier sind die Glassteine!« rief der ebenfalls glühende Rasibéff.

Während dieser aus seinem Rucksacke kleine bunte leuchtende und funkelnde und glitzernde Steine hervorholte, liefen die beiden Müden und der Pflastermann rosarot an.

Die Steine gingen von Hand zu Hand, und verschiedene funkelten im Sternenlicht- wie Brillanten.

Und Rasibéff sagte erklärend:

»Es sind auch wirkliche Brillanten unter den Steinen - daher das Funkeln - das bleibt auch im Dunkeln.«

Nachdem die drei die Steine vielfach untersucht und bewundert hatten, verabschiedete sich der Rasibéff und flog rasch davon; er hatte noch viel vor.

Indessen stiegen die vier andern, während sie lebhaft über die Existenz und über die Bewohnbarkeit der Lichtgrotten ihre Meinungen äußerten, langsam mit ihrem Ballonleibe, der sich durch einen Atemzug wieder füllte, empor - und schwebten über den Kraterrand.

Im Krater wars dunkel.

Und oben zogen die vier ihren Ballonleib wieder zusammen - und stürzten sich kopfüber in die Tiefe.

Die Mondleute brauchten keine leuchtenden Wegweiser, denn sie waren ja selber fliegende Lampions, die alles hell machten.

Und mit ihren Fühlhörnern, die jetzt steif wie ein Hörnerschmuck aus ihrem Rübenkopfe herausragten, konnten sie noch besser als mit den Augen alles Hindernde von ferne bemerken.

Und sie sausten - hinab.

Und unten im Krater gings durch und dann rechts und dann links.

Und ein großes Grottenreich tat sich vor den vieren auf. Und da flogen sie hinein.

Den Felsenwänden entströmte ein veilchenblaues Licht, das auch die Mondleute veilchenblau machte.

Die Ballonbäuche wurden hier, wenn die Mondleute langsamer schweben wollten, lange nicht so weit aufgeblasen als auf der Oberfläche des Mondes, da die Luft in den Grotten dicker und schwerer ist.

In stillen blauen Nischen saßen andre Mondmänner auf seltsam geformten Alabastersäulen - und ruhten sich aus und dachten an die Erde und an die große unendliche Welt.

Und alles war sehr ruhig und - veilchenblau.

Und die vier schwebten hinaus und weiter durch eine langgestreckte schwarze Grotte, deren Wände stellenweise als ganz glatte Flächen spiegelten. Die vier konnten sich in den schwarzen Spiegeln deutlich sehen, da die Körper der Mondleute in dunkleren Räumen noch heftiger leuchten; wie ferne Gespenster zogen die Spiegelbilder rechts und links dahin.

Und aus den schwarzen Grotten gings in die hellen Bernsteingrotten, die mit dem Nebelkrater in Verbindung stehen.

Hier gings lebhafter zu.

Viele Mondleute sausten scharenweise aus dem großen Nebelkrater heraus - in die sehr tief gelegenen Bernsteingrotten hinunter - mit Glasplatten und Messinginstrumenten, Papierrollen und Beleuchtungsgeräten, mit Röhren und Schrauben, mit Chemikalien in flüssigem und festem Zustande, mit Kapseln und Schläuchen, Büchern und Handwerkszeug; verschiedene von diesen Sachen wurden immer zusammen von mehreren Leuten auf flachen Schalen aus Gummihäuten getragen.

Andre Mondleute schwebten wieder scharenweise mit Aluminium-Fässern, Eisendrähten und Kupferstangen nach oben dem breiten Kraterloche zu, in das die Schlußapparate des kolossalen Fernrohrs wie mit langen Fühlhörnern sich hinunterreckten.

»Mafikâsu! Mafikâsu!« ertönte es da von allen Seiten. Und der so Begrüßte wurde nun von vielen angesprochen, so daß er und seine drei Begleiter langsamer schweben mußten.

Und im Fluge hörte der Führer der Weltfreunde ein paar Dutzend Neuigkeiten.

»Du hast recht«, rief ein sehr korpulenter Mondmann dem Mafikâsu zu, »Deine Gedanken sind stets ganz außerordentlich praktisch. Wir sind Deinem Rate gefolgt und haben die Aufnahmebedingungen an unserm Rohr erleichtert und infolgedessen zweihundert Mann auf unsre Seite gezogen. Zweihundert Weltfreunde gibts jetzt wieder mehr.«

Der Korpulente sauste so schnell wie ein Stück Gold mit schlappem Bauch in die Tiefe.

»Wird hier«, fragte Nadûke, »die Erde gar nicht mehr beobachtet?«

»Längst nicht mehr!« erwiderte der Pflastermann, »man merkt, daß Nadûke müde geworden ist; den Nebelkrater hätte so leicht keiner vergessen.«

Und Klambatsch sagte lächelnd:

»So hat mein Gedächtnis noch nicht gelitten. Und ich sehne mich doch auch nach dem Tode. Nadûke weiß nicht mehr, daß im Nebelkrater nur noch Nebelflecke beobachtet werden. So was!«

Wie in einem Bienenkorbe wogte es in der Tiefe des Kraters auf und ab - und die Stimmen der geschäftigen Mondleute summten und brummten durcheinander; jeder hatte da seine bestimmten Obliegenheiten am Rohre - wie in den Salpeterkörben die blauen Käfer, die auf dem Monde Bienen heißen und den Moossamen zerreißen.

Ein Teil der Mondleute war an den photographischen Apparaten tätig- ein andrer sorgte dafür, daß sich die Bewegung des Rohres stets in der gewünschten Weise vollzogeinzelne saßen abseits und rechneten - sehr viele hatten nur die verschiedenen Putzapparate zu beobachten und zu regulieren - und die komplizierte Beleuchtung nahm ebenfalls viele Hände und Köpfe in Anspruch.

»Jetzt«, sagte Nadûke, der sich aufmerksam das ganze Treiben am Rohre angesehen hatte, »erinnere ich mich, und ich möchte nur wissen, ob hier auch noch das Farben- und Wärme-Spektrum untersucht wird.«

»Das ist aufgegeben!« erwiderte der Pflastermann.

Und die vier flogen schneller.

Der Pflastermann fuhr leise fort:

»Der Nadûke darf nicht vergessen, daß er sterben will. Die lebhafte Beteiligung an den Ereignissen unsrer Zeit ist den Müden nicht mehr erlaubt. Wer dem angenehmen Tode ins Auge blickt, soll nicht mehr so lebhaft sein.«

»Na«, versetzte der Mafi, »so lebhaft ist der Nadûke doch nicht.«

Schweigend schwebten die vier in die große Lesegrotte der Bibliothek. Da waren alle Wände weiß wie Schnee und leuchteten wie sonnenheller Tag. Hundert Ecken hatte die Grotte. Und die Mondleute saßen auf weißen Säulen, die überall in ziemlich gleicher Höhe vor den Wänden aus der Tiefe emporragten. In Nischen, die sich dicht hinter den Säulen in die Wände hineinwölbten, lagen dicke Bücher und Mappenwerke, vor denen die Mondleute - blätternd, lesend und schreibend - sich eifrig beschäftigten mit dem, was auf fernen Nebelflecken sich ereignete.

Aufgestapelt waren die gesammelten Bücher und Mappenwerke in langen schmalen Seitengrotten, zu denen die Eingänge tiefer lagen; wie Radspeichen den Mittelpunkt des Rades umgeben, so reihten sich die Seitengrotten um die große Lesegrotte.

Sehr still wars in dieser großen weißen Lesegrotte; die vier wurden kaum bemerkt, da hier die meisten Mondleute weitab saßen und ihr Gesicht den Wandnischen zugekehrt hatten.

Wer die Beobachtungen am Nebelkrater regelmäßig verfolgen wollte, hatte mehr zu tun als an den anderen Kratern dafür gehörten aber auch die Entdeckungen, die in den ferner gelegenen Nebelflecken gemacht wurden, zu den interessantesten der ganzen Welt- es wurden nicht bloß Tausende von Momentbildern vervielfältigt - es drehte sich auch um geistreiche Auslegung, Klarlegung und Kombination der gevvonnenen Bilder- so daß in diesen Bibliotheksräumen immerzu neue Bücher entstanden.

Während die Erdbeobachtung ganz deutliche Bilder vom Kleinsten lieferte - selbst solche von Schriftzügen und Druckwerken - hatte die Nebelbeobachtung natürlich nur mit beträchtlichen Größenverhältnissen zu rechnen.

Die Bibliothek des Nebelkraters wurde von den Erdfreunden, die zum Teil viel größere Bibliotheksräume besaßen, die ›Hypothesen-Bibliothek‹ genannt.

Der Pflastermann sagte hier zum Mafikâsu:

»Es ist doch nicht richtig, daß über diese Bibliothek gespottet wird. Die Erdfreunde lernen nur Wesen kennen, die so groß wie wir selber sind. Aber die Weltfreunde lernen doch Wesen kennen, die millionenmal größer - die billionen- und trillionenmal größer sind als wir! Daß das Kennenlernen derartiger Wesen viel wichtiger ist als die Beschäftigung mit kleinen Erdmännern, die uns in so mancher Beziehung ähnlich sind - das muß doch jedem sonnenklar sein.«

»Natürlich«, versetzte Mafikâsu, »wir werden daher ganz bestimmt als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen. Jetzt heißt es aber: mit allen Mitteln und allen Kräften die große Revolution vorbereiten! Unsre Gegner werden nicht untätig sein sie werden den Mondleuten die große Arbeit wie ein Gespenst aufputzen. Wir aber werden mit dem, was nach der Arbeit kommt - hinreißen. Mit besonnener Ruhe müssen wir vorgehen. Ubrigens - daß uns die Erdmänner in der Rumpf-, Arm- und Kopfbildung äußerlich ähnlich sind, sollte man nicht für so wichtig halten.«

Die vier hatten währenddem längst die weiße Lesegrotte des Nebelkraters verlassen - sie schwebten jetzt durch die langen Smaragdgalerien, die in einer Schraubenlinie immer tiefer ins Innere des Mondes führten. Wundervoll wirkte hier der kugelrunde rote Leib des Mafikâsu - zwischen den grünen Smaragdwänden - wie ein schwebender großer roter GummiLall.

Und unten in den tiefen grauen Bleigrotten, in denen nur riesige Tag- und Stundenverkünder ein weißes Licht ausstrahl ten, da zogen die vier ihre kugelrunden Leiber ganz zusammen, daß sie wie leere Beutel aussahen.

Und so stürzten sie sich wieder kopfüber in die Tiefe - und kamen so in immer tiefere Grotten, in denen violette, braune und orangefarbige Felsenwände nur ein schwaches Dämmerungslicht verbreiteten; scharfe Kanten sah man hier selten im Gestein.

So gings tiefer und tiefer - hinab - zum Mittelpunkte des Mondes - zu den stillen Todesgrotten.

Aber der Weg war weit, und die Stundenverkünder ließen sich oft hören.

Durch die zinnoberroten Badegrotten, in denen die runzliche Haut der Mondleute durch eine Art Schwitzkur renoviert wird, gelangten die vier in die herrlichen Rauchergrotten wo die Raucher so langsam und ruhig umherschwebten, als ginge wirklich gar nichts vor in den großen weiten Sternallwelten; die wurden hier oftmals ganz und gar vergessen.

Diese Rauchergrotten waren allen Mondleuten sehr wohl bekannt- und wurden immer Beruhigungstempel genannt und gehörten zum Herrlichsten, was es im Innern des Mondes gab; hier wuchsen jene köstlichen Blumen, die in ein paar Sekunden eine halbe Meile groß werden konnten.

Diese Blumen, die in allen Farben irisieren und opalisieren, sind hauchartig dünne Fächergebilde und kolossalen bunten Eisblumen ähnlich; aber die Blumen in den Rauchergrotten sind nicht einseitig- sie können sich nach allen Seiten entfalten - werden weite Spitzenblüten und Strahlendüten mit Schaumranken und haarfeinen Adern, die sich kräuseln - zitternd und glühend.

Jeder Mondmann hatte in seinem Rucksack, der am Rumpfgurte hing und gewöhnlich hinten auf dem Ballonleibe lag, seine kleine dicke Stein-Pfeife, in deren Kopf ein seltsamer Schwamm stak - dieser Schwamm wurde sofort glühend, so bald er mit einer Schaumranke der großen Duftblumen in Berührung kam - und dann ließ sich der Schwamm rauchen.

In den glühenden Schwamm zog die ganze Biume hinein, so daß diese verging wie eine Vision.

Und so rauchte der Mondmann meilenhohe Blumen, die so fein sind, daß sie von den zartesten Händen nicht zu bemerken wären.

Duftende irisierende Rauchwolken wirbeln aus der dicken Stein-Pfeife des rauchenden Mondmannes heraus. Und der Rauch ist so bunt - wie Regenbogen, die sich schlängeln und sich umschlingen, und wie Opalgeflimmer, das wie Schnee herumrieselt - so daß man im Rauche noch die Blumen er kennt.

Mafikâsu steckte sich jetzt auch seine Pfeife an, und seine drei Begleiter folgten seinem Beispiel.

Und ein langes Lächeln floß über das Gesicht des müden Nadûke,und er sagte zum Klambatsch:

»Ein langes Leben zieht an mir vorbei - steigt so schnell auf - wie da drüben die knisternden Blumen.«

Und drüben wuchsen wieder neue Blumenwälder aus der Tiefe empor.

Die Zapfengrotten, in denen die Raucher dahinschwebten, waren sämtlich dunkelbraun und spendeten kein Licht; die Blumen leuchteten hier viel feiner als alle Wände - und auch viel feiner als die Mondmänner selher - da das Blumenlicht immer wieder wie Opalgeflitter aufflatterte und dann irisierend in Schlangenlinien dahinzog und zitterte.

Es war so - denn nicht alle Teile der Blumen spendeten Licht-, als wenn die Raucher eigentlich nur dieses Licht in den Blumen rauchten, da der Rauch beinahe ganz so aussah wie dieses Blumenlicht; die Farbenspiele des Rauches waren nur gedämpfter und zuweilen etwas trübe.

Große Scharen von Mondleuten zogen an den vieren rauchend vorüber, und die großen Blumen, die in ein paar Sekunden eine halbe Meile groß werden können, wuchsen immer wieder von neuem - knisternd.

Und die vier schwebten durch eine Nischenpforte und schossen wieder kopfüber in schier unüberschaubare meilentiefe Grotten hinein, die teilweise ihr Licht nur von herumschwirrenden Käfern empfingen; nicht alle Felsenwände im Mondinnern haben Leuchtkraft; doch die dunkeln Felsen wirken fast immer wie Sammet.

Und nun flogen die vier in das Reich der großen Fabrikgrotten, allwo blaue und grüne und rote Flammen, ohne Rauch zu erzeugen, um die glatten spiegelnden Felsenwände flackerten. Hier hörte man fortwährend ein großes Hammern, Klirren, Klappern, Rollen und Stampfen; an neuen Teleskopen und an neuen Utensilien und Apparaten ward ohn Unterlaß in den Fabrikgrotten gearbeitet.

»Es geht doch«, sagte der Pflastermann, »niemals so schnell, als man denkt.«

Die Stundenverkünder zeigten den Herren an, daß sie schon länger als hundert Stunden unterwegs waren.

Bald war ein halber Mondtag dahin.

So schnell konnte man die Todesgrotten nicht erreichen, wenn man auch noch so fix hinunterstürzte.

In den Delikatessgrotten machten die vier noch einmal Rast. Dort leuchteten die dicken Lüfte selber in den verschiedensten Farben und in verschiedener Lichtstärke.

Diese Luft einzuatmen, war den Mondleuten ein ganz besonderes Vergnügen; diese dicken leuchtenden bunten Lüfte bildeten lauter Luftdelikatessen.

Brummkäfer waren immer in Menge da.

Aber lange hält es der Mondmann in dieser prickelnden Atmosphäre nicht aus; wohl lebt der Mann mit dem Luftleibe nur von der Luft- aber ihm ist die leuchtende Luft nicht unentbehrlich - die ist nur sone Art Sonntagsscherz.

Nachdem Mafi und seine drei Begleiter sich genügend in der Lichtluft erquickt hatten, sausten sie weiter hinab - ihrem Ziele zu.

Und zweihundert Stunden später waren sie endlich unten nicht weitab vom Mittelpunkte des Mondes - in den Todesgrotten.

Da sitzen die Mondleute nicht auf Säulen, denn da sind keine Säulen.

Die Wände steigen in Terrassen empor.

Und auf den Terrassen liegen die Mondleute; sie haben ihren Kopf in eine Hand gestützt, der Ballonleib liegt glatt wie ein dickes Fell auf dem Stein - und auch unter dem Arm, dessen Hand den Kopf stützt.

Ein leises Flüstern läßt sich auf den Terrassen vernehmen.

Und von allen Seiten fliegen eilig die Gehilfen des Pflastermannes herbei und wollen die drei Herren zur Ruhe bringen.

Mafikâsu schüttelt lächelnd mit dem Kopfe, und der Pflastermann sagt leise:

»Nur diese beiden, die Herren Nadûke und Klambatsch, wollen ihrem Leben ein Ende machen. Gebt den Herren einen Platz mit interessanter Perspektive; sie haben in den Zinnkratern große Arbeiten vollbracht - von vielen Mondleuten sind sie als Führer anerkannt worden.« Und die Gehilfen, lauter gute sehr freundliche Mondleute, die ihr Amt sich selber wählten, bringen Nadûke und Klambatsch in eine entfernte Terrassenecke, die sich unter einer weiten Kuppelöffnung hinzieht, durch die man hoch hinaufblicken kann - durch kanten- und seitenreiche Lichtgrotten durch; fast sieben Meilen lang ist die Perspektive von einzelnen Punkten aus.

Mafikâsu schwebt mit dem Pflastermann neben der reich gegliederten Horn-Terrasse dahin, und beide überschauen die langen Reihen der Sterbenden, die leise flüstern.

Die Sterbenden sprechen aber nicht zueinander - sie sprechen zu sich selber.

Und dennoch sinds nicht Monologe, die flüsternd über ihre Lippen kommen.

Das Sterben auf dem Monde ist nicht so wie das Sterben auf der Erde.

Wer auf dem Monde müde wird, fühlt bald in der dem Rumpfe naheliegenden Ballonhaut einen Schmerz. Und wer diesen Schmerz fühlt, schwebt hinab zu den Todesgrotten und läßt sich dort ein Pflaster auf den oberen Teil der Ballonhaut legen. Und das Pflaster lindert den Schmerz. Und aus der vordem schmerzenden Stelle wächst ein andrer Rumpf heraus, der anfänglich ganz klein wie ein Pilz ist - aber in Bälde Kopf und Armbildung zeigt.

Und während der alte Rumpf immer mehr zusammenschrumpft, entwickelt sich der neue Rumpf - genau in den Formen des alten; der neue hat nur anfänglich eine nicht so runzelreiche Haut.

Und der alte Kopf spricht zu seinem neuen Kopf - wie ein Vater zu seinem Kinde.

Und so geht der Geist des Vaters langsam in den des Sohnes über.

Und es ist eigentlich kein Tod - es ist nur eine Wiedergeburt.

Und es ist wundersam, zu sehen, wie das Alte in das Neue übergeht.

Und es ist wundersam, zu hören, wie das alte Ich zu seinem neuen Ich spricht und ihm alles erklärt, was es auf dem Monde wissen muß.

Und so lange spricht der alte Kopf - bis der neue genauso klug und ebenso weit ist wie der alte.

Und es ist so, als wenn sich Doppelgänger miteinander unterhalten.

Und es ist ein vollkommenes Aufgehen des Alten - im Neuen.

Und es stirbt eigentlich nur die Haut des Alten - die schließlich vergeht - wie eine Blume vergeht - in den Rauchergrotten.

Mafikâsu hält an in der Luft und horcht und hört, was ein Sterbender zu seinem neuen Leben sagt.

Der Pflastermann schwebt weiter durch eine Bogenpforte durch.

»Es wird sich«, sagt der alte Kopf zu seinem neuen, »vieles ereignen, was Unruhe auf dem Mond erzeugen muß. Vielen Mondleuten genügt das Leben nicht mehr, das sie führen; sie wollen die Fülle ihrer Weltbilder noch vergrößern; sie wollen noch mehr anschauen können als bisher. Die große Revolution, die uns eine Abkehr von der Betrachtung der Erde bringen wird, kommt. Aber bei allen revolutionären Bewegungen dürfen wir nie vergessen, daß uns nur die reine absichtslose Anschauung das Glück schaffen kann. Wir müssen immer ganz ruhig auch die unruhigen Bilder nur als Bilder auf uns wirken lassen - wie ein großes Bilderspiel, dem wir ohne Absicht als ferne Zuschauer zuschauen dürfen. Wenn uns das, was für uns in und auf den Sternen sichtbar wird, nicht mehr unterhaltend genug erscheint, so dürfen wir ja vvohl danach streben, durch bessere Vergrößerungsgläser tiefer in diese Lebensspiele der Sterne zu dringen. Aber vergessen dürfen wir dabei nie, daß dieses Mehrhabenwollen eine Gefahr in sich birgt. Wir könnten so leicht von der sich selber genug gebenden, alle Absicht verschmähenden Betrachtung der Welt abgelenkt werden und in der zerstreuenden Tätigkeit mehr erblicken als in der sammelnden Anschauung. Ich fühle, daß Du mich verstehst; Du wirst so leben, wie ich gelebt habe.

Und ich fühle, daß ich in Dir lebe und leben werde. Aber behalte das eine: Geh überall mit, wenn die Neuerungsstürme kommen - widersetze Dich nicht - doch bleibe stets in allen Phasen der Entwicklung mit dem momentan Daseienden im Einklange - daß Du immer Dich ganz behalten kannst - in den Bildern, die Du hast.«

Mafikâsu hörte das und zitterte und wurde glühendrot, doch gleich darauf wurde er wieder silbern wie sonst - und dann kam ein grünlicher Ton in seine Hände - und als der Führer der Weltfreunde das bemerkte, erschrak er heftig - denn die grüne Farbe am Leibe der Mondleute bedeutet Ärger und Stimmungen, deren sich jeder Mondmann schämt.

Und Mafikâsu ließ den Kopf sinken und schwebte langsam weiter.

In den großen Todesgrotten wars immer sehr still, und das leise Flüstern auf den Terrassen machte die Stille noch empfindlicher.

Hoch oben in den meilenhohen dunklen Deckengewölben glitzerten Goldmassen, als wärens Sterne am dunklen Himmel.

Und die Wände mit ihren Zacken und Torbögen waren alle dunkelviolett und so wie von Sammet, und auf den glatten Bodenflächen der Terrassen flimmerte es - wie von dunklen Perlen.

Und auf diesen Terrassen mit dem dunklen Perlenglanz lagen die alten Mondleute bequem auf der Seite - den Kopf in der Hand - die runzliche Ballonhaut ihres Leibes war ihnen zum Diwan geworden.

Und vor ihnen wuchs - hellblau geisterhaft leuchtend - der Rumpf ihres neuen Ichs aus ihrem Leibe heraus.

Die Neuen waren immer hellblau - so lange die Alten noch da waren.

Und die Sterbenden konnten, während sie bequem auf der einen Seite ihrer Ballonhaut lagen, auf der anderen Seite ihr neues Leben wachsen sehen- und sprechen hören.

Und das Alte und das Neue war so freundlich zueinander, daß es einfach rührend erschien.

Und die Hellblauen wuchsen langsam und stetig, und die Alten schrumpften im selben Maße zusammen.

»Die Anschauung!« flüsterte ein Hellblauer.

Und ein andrer sagte leise:

»Der Einklang mit dem Daseienden!«

Und ein Dritter sagte:

»Stetes Zusammenklingen mit dem, was wir haben!«

Und ein Vierter sprach ganz weich:

»Stetes Zusammenklingen mit dem Ganzen; alle Mondleute müssen zusammen ein Wesen bilden.«

Und ein Fünfter rief leise lachend:

»Die Welt muß in uns hinein - mit allem!«

Und so sagten alle sehr oft nur das, was sie für schrecklich wichtig hielten.

Die grüne Farbe des Leibes war den neugeborenen Mondleuten noch ganz unbekannt.

Aber das Gedächtnis des neuen Mondmannes ward sehr bald so reich und vollständig - wie das Gedächtnis des alten wenn dieser ganz weg war.

So wurde das Leben erhalten - in den heiligen Hallen der Wiedergeburt - tief unten in der Nähe des Mittelpunktes.

In die dunkelvioletten stillen Todesgrotten zogen die Mondleute müde hinein - und kamen verjüngt und lebensfrisch wieder raus.

Während Mafikâsu neben den Terrassen, die im Zickzack weiterführten, dahinschwebte und sich den Neugeborenen, die schon fortkonnten, zu nähern suchte - währenddem konnte man in den tiefergelegenen Partien der Todesgrotten ein leises Klopfen und Hämmern vernehmen - Mafikâsus Freunde suchten da unten eifrig Zugänge zu neuen Höhlen auf.

Verschiedene neue Höhlen, in die die Mondleute nur auf den Händen gehend hineingelangten - wobei sie irdischen Vögeln ähnelten, wenn die auf der Erdoberfläche gehen - verschiedene neue Höhlen waren schon weiterab in anderen Regionen entdeckt worden. Aber seit fünfzig Jahren hatten die Entdeckungen aufgehört - und wie oft sie auch da unten hämmerten und klopften - es klang an keiner Stelle hohl - es gelang nicht - auch unter den Todesgrotten kam man schlechterdings nicht weiter.

Und das machte die Mondleute da unten sehr traurig, denn danach ließ sich das große Fernrohr, das die Länge des Monddurchmessers erreichen sollte, nur nach kolossalen Bohrarbeiten durchbringen.

Und zu den Bohrarbeiten mußten alle Mondleute ohne Ausnahme hinzugezogen werden. Und das hielt sehr schwer.

Für die Bohrarbeiten ließen sich die beschaulich lebenden Mondleute nicht so leicht begeistern.

Ein halbes Jahr später saß Mafikâsu im Ratskrater, und die großen Erdfreunde Knéppara und Loso waren ebenfalls da.

Man sprach über die Erde.

Schließlich sagte Mafikâsu nach all den langen Reden kurz und feierlich:

»Ich möchte nicht mehr ein einziges Wort gegen die Erdbetrachtung sagen, wenn wir bemerken würden, daß die Erdmänner ganz ernsthaft darangingen, ihre bunt gefärbten Kriegsheere abzuschaffen, und nicht mehr daran dächten, sich in Masse gegenseitig umzubringen.«

Es wurde sehr still im Ratskrater- die hundert Ratsherren hielten sämtlich den Atem an.

Dann bemerkte nach einer guten Weile Knéppara, der Erdfreund, leise:

»Die Existenz dieser kostümierten Massenmörder ist auch uns ein Dorn im Auge.«

Nach diesen Worten ließ sich wieder ein leises Atmen in der Versammlung vernehmen.

»Ich möchte«, fuhr nun Mafikâsu mit klarer weithin hallender Stimme fort, »den Erdmännern genau fünfzig Jahre Zeit geben - und die Annahme oder Ablehnung der von mir geplanten Bohrarbeiten von der Weiterexistenz dieser irdischen Kriegsheere abhängig machen. Werden diese in fünfzig Jahren mindestens zur Hälfte abgeschafft, so wird von dem großen Fernrohr, das die Länge des Monddurchmessers haben soll, niemals mehr die Rede sein.«

Wieder wird es sehr still im Ratskrater - noch stiller als vor hin.

Und dann sagt der Erdfreund Loso leise:

»Dieser Vorschlag kommt uns doch etwas unerwartet. Ich wäre beinahe nicht abgeneigt, auf diese Sache einzugehen doch möchte ich zunächst Knépparas Meinung hören.«

Es entsteht jetzt eine allgemeine Bewegung.

Die hundert Ratsherren, die alljährlich und zuweilen auch öfter im Ratskrater über die allgemeinen Angelegenheiten der Mondvölker sich beraten und schließlich für alle Beschlüsse fassen, sitzen in drei weiten Kreisen auf Amethystsäulen, die von der Natur gebildet sind und sehr tief hinuntergehen; der mittlere Säulenring ist höher als der innere, und der äußere höher als der mittlere. Hinter dem äußeren Säulenringe, den fernen Wänden zu, liegen hohe kantige Klötze von Bergkrystall wild durcheinander, als wären sie mal runtergefallen; auf diesen Krystallklötzen sitzen Tausende von Zuhörern, die Stimme im Rate der Hundert nicht haben.

Der obere Teil der kuppelförmigen Ratsgrotte besteht wie die Wände ebenfalls aus Bergkrystall, der das Sonnenlicht teilweise durchläßt.

Die Ratsgrotte ist die einzige Grotte, die Sonnenlicht von den Wänden empfängt; sie erhält von diesem aber noch mehr durch das Kraterloch, das sich oben in der Mitte der Kuppel öffnet und die Amethystsäulenringe ganz ausgiebig mit Licht versieht.

Die Ratssitzungen finden immer nur statt, wenn draußen die Sonne scheint.

Da saßen nun die hundert Ratsherren auf ihren Amethystsäulen und sprachen eifrig miteinander, sie erhoben sich auch zuweilen und wechselten die Plätze, und sehr viele Ratsherren wurden glühendrot bei der lebhaften Unterhaltung.

Wenn die Ballonbäuche anschwellten und sich dadurch die Rümpfe höher aufreckten - so sah das immer- besonders bei roten Leibern - sehr erregt aus - geschah jedoch nur aus Bequemlichkeitsrücksichten, um dem Nachbarn bei der Unterhaltung näher zu sein.

Der Platzwechsel geschah ganz zwanglos - und wirkte sogar sehr elegant, wenn sich der Ballonleib beim Niederlassen so weich zusammenzog und sich so wellig um den unregelmäßigen Krystallkopf der Amethystsäule schmiegte - es lag so was Weichumfassendes in diesem Platznehmen.

Und nun hob Knéppara seine zarte Rechte mit den sieben Fingern empor - und die sieben Finger wurden rot - und flatterten in der Luft herum.

Und der ganze Knéppara wurde rot und blies seinen Ballonleib auf, so daß sich sein Rumpf hoch aufreckte. Da wußten alle, daß Knéppara sprechen wollte.

Und es ward wieder still in der großen Ratsgrotte - und das Tageslicht kam von oben aus dem Krater ganz hell herunter und überstrahlte die Fühlhörner auf den Köpfen der Ratsherren.

Der Phosphorglanz des Körpers verschwand im Tageslicht - die Körper wurden perlgrau - flimmerten auch mal so ein bißchen wie Perlen - doch nur matt und nicht lange.

Die Mondleute, die da rot waren wie glühendes Eisen, bliebens auch im Tageslicht.

Die Zuhörer in den Nischen und auf den Klötzen von Bergkrystall saßen wie Steinfiguren da - unbeweglich und farblos.

Die Ratsherren hatten jetzt alle eine flimmernde bunte Haut - und nur der Knéppara, der reden wollte, hatte eine rote Haut.

Und der weise Knéppara sprach:

»Nach den Worten des großen Mafikâsu hätte man glauben können, wir seien nur Erdfreunde, um die kleinen Erdmänner zu beobachten. So aber ist dem doch nicht. Wir denken doch nicht daran, die Erdmänner mit den Mondmännern zu vergleichen. Wir denken auch nicht daran, die Erdmänner zu den Mondmännern in ein gegensätzliches Verhältnis zu bringen. So viel Ehre tun wir den Erdmännern, diesen simplen Beinkreaturen, gar nicht an. Was uns zur steten Beobachtug der Erde reizt, hat natürlich andre Gründe. Uns interessiert in erster Linie der Stern Erde als Ganzes. Und wenn wir den Erdmännern bei Beobachtung der Erde eine größere Aufmerksamkeit widmen - so geschieht das nur, weil der von uns so genannte Erdmann die größten Arbeiten bei Entwicklung der Erdoberfläche vollbringt. Wir sehen, wie der Erdmann Schienennetze und Drahtnetze um den Erdball spinnt, wir sehen auch den Erdmann große Steinmassen an vielen Punkten der Erde zusammentragen und auftürmen und in diesen Steinmassen eine Überfülle von Licht zur Nachtzeit erzeugen. Aber all diese Tätigkeit des Erdmanns genügt nicht, um ihn mit einer höheren Stufe von Geistern zu vergleichen. Dem nach können wir vorläufig noch nicht verlangen, daß der Erdmann seinen niedrigen Mordinstinkten entsagen soll - er gehört zur Klasse der sogenannten Bestien, und wir haben kein Recht, von diesen mehr zu verlangen, als ihre jämmerliche Gewalts-Natur leisten kann.«

Die Zuhörer an den Krystallwänden ringsum sahen sich nach dieser Rede bedeutungsvoll an und gaben sich viele Zeichen der Zustimmung; nur einzelne schüttelten den Kopf.

Unter den Zuhörern waren alle Rassen der Mondbevölkerung vertreten. Die Rassen unterschieden sich vornehmlich durch die Zahl der Finger und durch die Länge der Arme. Es gab Mondmänner mit drei Fingern und auch solche mit vier oder fünf oder sechs oder sieben Fingern an jeder Hand, und die Länge der Arme brachte noch weitere nationale Unter schiede hervor.

Zu jedem Krater gehörte gewöhnlich eine ganz bestimmte Rasse, was jedoch nicht ausschloß, daß an größeren Kraterteleskopen auch Mondmänner der verschiedensten Rassen tätig waren. Irgendein inneres Widerstreben gegen Vertreter anderer Rassen war seit Jahrtausenden unbekannt, da die Gestalt der Gliedmaßen auf die Ausgestaltung der Geistesstruktur nur einen untergeordneten Einfluß hatte.

Nach einer längeren Pause, in der eine Unterhaltung in den drei Ringen nicht stattfand, nahm wieder Mafikâsu das Wort und sprach - langsam - und still:

»Die Beschäftigung mit den Erdmännern scheint mir doch nicht ohne Selbstzweck zu sein. In den Bibliotheken, die der Erdbeobachtung angehören, befinden sich nun bereits Millionen von Büchern und Mappenwerken, in denen nur Lebensmomente der Erdmänner fixiert wurden. Wir wissen, daß die Erdmänner auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe stehen; sie bedürfen noch fester Nahrung - sie ernähren sich dadurch, daß sie verwandte Lebewesen als Leichen in ihren Körper stopfen und da vermodern lassen. Wir nennen das den Bestienzustand. Die Erdmänner sind aber viel schlimmer als die gewöhnlichen Bestien - sie richten einzelne ihrer Stammesgenossen dazu ab, andre Stammesgenossen durch Schuß-, Schlag- und Sprengwaffen zu töten, um ihnen das, was sich diese ihre Brüder geschaffen haben, fortzunehmen. Das sind saubere Brüder! Knéppara sprach von kostümierten Massenmördern. Ja - wie soll ich das verstehen? Will uns Knéppara dadurch beweisen, daß er die Erdmänner gründlichst verachtet? Die Bibliotheken mit den Millionen Büchern und Mappenwerken, deren ich vorhin Erwähnung tat, sprechen doch eine andere Sprache. Ich halte es doch für bedenklich, wenn die harmonisch gebildeten Mondmänner solchen gemeinen Kreaturen, die ganze Scharen ihrer Stammesgenossen zu Massenmördern abrichten, noch immer ein so großes Interesse entgegenbringen, daß viele Tausende von neuen Büchern alljährlich nur mit den Taten dieser Bestienvölker erfüllet werden. Ich glaube nicht daran, daß diese Beschäftigung nur ein Mittel zu hciheren astralen Zwecken sein könnte. Ich kann nicht daran glauben. Wir sollten doch den Lebewesen, die höher stehen als wir, das größere Interesse entgegenbringen. «

Mafikâsu schwieg, und ein leises Beifallsmurmeln ging an den Krystallwänden durch die Reihen der Zuhörer.

In den drei Amethystringen bewegte sich niemand; man erwartete, daß Knéppara nochmals sprechen würde.

Und Knéppara sprach - nach einer guten Weile - also:

»Da der Stern Erde nicht durchsichtig ist, wie es vielleicht die Rückseite unseres Mondes sein könnte, so müssen wir uns mit dem Studium der Oberfläche des Erdballs begnügen. Ich wüßte aber nicht, wie man dabei das höchst bewegte Leben der Erdmänner übersehen möchte. Daß die Lebensverhältnisse auf der Erdoberfläche sich nicht im Stadium einer höheren Entwicklung befinden, ist uns doch sehr wohl bekannt. Von der rauhen Schale kann man aber nicht so ohne weiteres auf die Beschaffenheit des Kernes schließen. Wir beschäftigen uns mit der Schale - nur in der Hoffnung, daß sie uns mal einen Einblick ins Innere der Erde gewähren könnte.«

»Dazu also«, rief nun der Mafikâsu laut, »die kolossale Arbeit? Dazu? Bloß um mal ins Innere sehen zu können? Oh! Oh! Ich glaube, es ist nicht richtig, die Sterne mit den Nüssen zu vergleichen, die ja wohl zuweilen auf unsern Moosfeldern wachsen. Wenn unsre Nüsse platzen, verbreiten sie ja wohl einen angenehmen Duft. Aber die Sterne - wenn die platzen! Das ist doch nicht so einfach. Ich bin der Meinung, daß der Stern Erde in einem Zustande sich befindet, der uns nicht interessieren kann, da unser Mond in diesem Zustande vor vielen Millionen Jahren war. Und was so viel jünger ist, kann nicht interessanter als das Ältere sein. Ich halte den Stern Erde auch im Innern für unentwickelt. Der Kern ist noch lange nicht reif, und die Schale platzt noch lange nicht. Und darum sollten wir das Studium dieses Sterns aufgeben und unsern Blick auf jene Sterne richten, die den Mond an Großartigkeit und Vortrefflichkeit überragen.«

Da lief der große Knéppara ganz grün an, ohne es zu bemerken - so sehr ärgerte er sich über Mafi's Worte.

Und die anderen neunundneunzig Ratsherren erschraken über die grüne Haut des ärgerlichen Knéppara und gerieten in die peinlichste Verwirrung.

Aber der große Knéppara nahm das alles nicht wahr, richtete sich hoch auf, daß sein Leib beinahe Kugelform erhielt, und sprach mit flatternden Händen und Armen in heiserem Tone:

»Wenn die Weltfreunde den Stern Erde angreifen - in dieser Weise - dann muß ich den großen Weltfreunden doch auch ein offenes Wort sagen: Dieses Streben nach immer neuen Genüssen und nach immer neuen Welten hat durchaus den Charakter der Unersättlichkeit - und nicht den der Beschaulichkeit. Und so bin ich der Uberzeugung, daß sich die Weltfreunde in einem überreizten Zustande befinden.«

Knéppara hielt inne, denn er bemerkte, daß seine Hände noch grüne Flecken zeigten - zwar fuhr er gleich wieder fort in seiner Rede - doch jetzt klangen seine Worte plötzlich leise - wie aus weiter Ferne.

»Solche unbefriedigten Zustände«, sagte er, »sind den Erdmännern sehr genau bekannt. Die Erdmänner leiden unter einer unersättlichen Gier nach immer neuen Reizen, wenn ihr Sexualsystem überreizt worden ist. In solchen Zuständen will auch der Erdmann in andere Welten hinein -und würde so den Weltfreunden bei uns sehr gut gefallen. Ich tue daher wohl nicht Unrecht, wenn ich unsre Weltfreunde mal mit den überreizten Erdmännern vergleiche. Wohl haben wir Mondleute ein so primitives dualistisches Sexualsystem, wies die Erdmänner kennen, nicht mehr- aber ich weiß nicht, ob ich in dieser Gier nach den neuen Welten und nach dem großen Fernrohr, das die Länge des ganzen Monddurchmessers wirklich erreichen soll - nicht atavistische Empfindungen wittern dürfte. Jedenfalls gebe ich den Weltfreunden in jedem Falle zu bedenken, daß sie durch ihre Agitation fürs große Rohr die Begehrlichkeit der Mondvölker in gefahrdrohender Weise aufreizen und das beglückende Aufgehen in der Anschauungsfreude verletzend bedrängen. Ich bitte um Verzeihung, daß ich vorhin grün wurde. Ich fühle, daß alles, was die Erdfreunde auf dem Monde schufen und sammelten, in leichtsinniger Weise vernichtet werden könnte - und das erregt in mir Furchtgefühle, die mir zeitweise leider unmoglich machen, die Vergrünung meines Korpers zu verhindern.«

Nach diesen Worten legte sich eine bleierne Stille auf die Versammelten - auch an den Wänden bei den Zuhörern schien alles versteinert zu sein - die Mondleute saßen wie Puppen da und bewegten nicht ein Fühlhorn.

Alle dachten über das, was Knéppara gesagt hatte, furchtbar eifrig nach.

Man glaubte allgemein, der große Mafikâsu würde noch einmal das Wort ergreifen.

Aber das geschah nicht so, wie mans dachte.

Mafikâsu sagte nur leise, nachdem es fast eine Stunde ganz still gewesen war:

»Ich bitte, über meinen Antrag abzustimmen. Wir wollen die Entscheidung über die Bohrarbeiten und über das große Fernrohr von der Weiterentwicklung des erdmännischen Kriegswesens abhängig machen. Werden die großen Heereskörper, die in dieser Größe noch keine hundert Jahre alt sind, in den nächsten fünfzig Jahren sichtbarlich verringert, so daß nach fünfzig Jahren nur noch die Hälfte der momentan vorhandenen Soldaten da ist- so verzichten die Weltfreunde auf das große Fernrohr und auf sämtliche Bohrarbeiten für alle Zeiten endgültig.«

»Ist es«, fragte da ein Erdfreund, »auch sicher, daß wir die Zahl derer, die zu Heereszwecken auf Erden kostümiert sind, jeder Zeit genau zählen können?«

»Das läßt sich machen! « erklärte der weitsichtige Loso, »die Erdmänner im Kriegskostüm heben sich täglich so lebhaft von der Landschaft ab, daß wir höchstens die Kranken übersehen könnten. Wir haben aber überall die Zähllisten und viele kriegswissenschaftliche Werke seitenweise photographiert, so daß uns nicht einmal die kranken Kriegsmänner entwischen dürften.«

Hierauf gaben sich die Ratsherren gegenseitig durch Handbewegungen zu verstehen, daß sie geneigt seien, die Abstimmung vorzunehmen.

Und wies nun wieder ganz still wurde, fingen einzelne Mondmänner an, allmählich glühendrot zu werden, während andere allmählich dunkelgrau wurden und jeden Farbenton verloren.

Die Roten sagten durch ihr Rot, daß sie den Antrag annehmen möchten, die Grauen sagten durch ihr Grau ein entschiedenes Nein.

Und als nun die Roten gezählt wurden, warens nur dreiundzwanzig Rote - und es hätten fünfundsiebzig Rote gewesen sein müssen, wenn Mafikâsus Antrag angenommen sein sollte.

Mafikâsu lächelte.

Und die hundert Ratsherren bliesen ihren Ballonbauch auf und stiegen langsam höher - schwebten durchs Kraterloch empor - in den hellen Sonnenschein.

Rasibéff, der unter den Zuhörern war, schoß eilig auf Mafikâsu zu und lächelte ebenfalls.

Die Weltfreunde waren mit der Abstimmung gar nicht unzufrieden.

Während nun die Weltfreunde gar nicht unzufrieden waren und dem Gange der Ereignisse mit ruhiger Zuversicht entgegenblickten, bemächtigte sich der Erdfreunde eine ganz außergewöhnliche Erregung.

Und nach Verlauf einiger Mondtage waren Tausende von Erdfreunden von ihrer ›Sache‹ dermaßen begeistert, daß man bei ihnen von ruhiger Anschauungsfreude kaum noch Spuren wahrnahm.

Die Weltfreunde sahen sich plötzlich einer gradezu schwungvollen Gegenagitation gegenüber.

Zunächst versuchten die an den Zinnkratern tätigen Mondleute bessere Photographien von den Gesichtern der Erdmänner zu verbreiten; es wurde sehr eifrig überall erklärt, daß die bislang bekannt gewordenen Gesichter der Erdmänner keinen Schluß auf die Allgemeinheit der erdmännischen Gesichtsbildung zulassen.

Der in allen photographischen Fragen maßgebende Ratsherr Loso äußerte sich zu dieser Angelegenheit in einem Rundschreiben folgendermaßen:

Wir können vom Monde aus naturgemäß nur selten das freie Gesicht des Erdmannes sehen - hauptsächlich nur dann, wenn dieser auf dem Rücken auf freiem Felde daliegt und schläft. Wir wissen nun aber, daß diese Schlafenden zumeist ›obdachlos‹ sind, welches Wort auf Erden soviel wie ›gemeingefährlich‹ bedeutet. Diese Obdachlosen, die von den Erdmannern auch ›Stromer‹ genannt werden, haben Gesichter, die uns ein ganz falsches Bild von der Beschaffenheit der erdmännischen Gesichtsbildung geben. Wir veröffentlichen daher zunächst zweitausend Erdmannsgesichter, deren Bildung nicht als eine einfach-bestialische bezeichnet werden kann. Es zeigt sich in diesen neu herausgegebenen Photographien eine immerhin so ansprechende Gemütsart, daß wir das Stromerantlitz schlechterdings als Ausnahme behandeln müssen. Vorstehendes bitten wir gütigst zu berücksichtigen und danach die Vorstellungen vom Wesen des Erdmannes zu modifizieren.

Gleichzeitig veröffentlichte Knéppara, der sich immer noch sehr aufgeregt benahm, ein anderes Rundschreiben, das diesen Wortlaut hatte:

Die Kraterteleskope der Erdfreunde haben infolge ihrer beispiellosen Vergrößerungskraft in der letzten Zeit eine so kolossale Fülle von Beobachtungsmaterial geliefert, daß es momentan bereits schwer ist, das Wichtige vom Nebensächlichen zu trennen. Wohl gehören die Erdmänner im allgemeinen zu den niedrigen Lebewesen, die nur durch Abtöten und Runterschlucken andrer noch niedriger stehender Lebewesen ihre Existenz verlängern können - andrerseits muß es aber nach den photographischen Buchseiten, die für uns jetzt endlich lesbar geworden sind, auch Erdmänner geben, die von der Welt mehr als das Eß- und Trinkbare wahrnehmen. Diese Erdmänner, die bedeutender sind, heben sich deutlich aus den abstoßenden Volksmassen heraus; die Galerie dieser alleinstehenden Erdmänner verspricht, eine sehr interessante zu werden. Während die Mondmänner infolge ihrer vollendeten Natur, die sich ohne weiteres durch bloße Luftzufuhr am Leben erhält, in den Hauptzügen ziemlich gleichartig sind, ist die so heftig nach Erhaltung ringende Lebensart auf der Erde imstande, einen viel größeren Reichtum an Entwicklungsformen zu äußern. Die allgemeine Verachtung, die wir bislang dem Erdmann entgegenbrachten, scheint denn doch in mancher Hinsicht eine durchaus gerechtfertigte nicht zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Erdleute infolge der mangelhaften Beschaffenheit ihrer Natur sehr oft darüber nachdenken, wie sie wohl ihr klägliches Leben verbessern könnten. Und bei diesem Nachdenken kommen Dinge zum Vorschein, die die Erdleute mit dem Namen ›Kunst‹ belegen. Wir haben dieses Wort ›Kunst‹ bereits seit Jahrtausenden vergessen, da unsre mangellose Lebensweise uns nicht nahelegt, ein besseres Leben, das wir nicht zu einem wirklich für uns daseienden machen können, auszudenken und auszumalen. Jedoch die Erdleute erregen immer wieder ihre Phantasie und schaffen sich eine andere bessere Welt in dieser. Wohl tun das nur die feineren Erdleute - aber diese müssen doch da sein - sonst könnten wir auf der Erde nicht Malereien, Steinbauten, Standbilder, Dichtungen und Musikwerke in so großer Zahl entdecken und photographieren. Vielleicht können wir später mal aus dem Zusammenwirken der verschiedenen irdischen Künstlerindividualitaten, zu denen wir auch gar nicht unkluge Denker, die nur über die Welt nachdenken, ohne was wie wir von ihr zu sehen, zu rechnen haben, einen vernünftigen Schluß ziehen - auf die Gesamtnatur des Sterns, der fur uns Erde heißt und doch auch als Stern sehr interessant sein muß. Zu diesem Behuf erscheint uns eine Weiterarbeit an dem uns vorliegenden riesenhaften photo graphischen Material, das uns von allen Erdteilen Millionen von Bildern liefert, durchaus erforderlich. Durch Jahrtausende beobachten wir bereits die Erde, und unsre Apparate sind mit der Zeit vollkommen geworden. Die Einschränkung der Arbeiten an den Teleskopen, die ständig auf die Erde gerichtet werden, erscheint uns grade jetzt in absehbarer Frist nicht für angänglich. Wir bitten die Mondvölker alle ohne Ausnahme, das hiermit Gesagte gütigst in Erwägung zu ziehen und danach die Tagesfragen sachgemäß zu beurteilen.

Nun - diese beiden Rundschreiben gaben einen sehr großen Gesprächsstoff ab, so daß ein Mondmann, der bloß silbern phosphorescierte und keine Spur Röte am Körper zeigte, bald so seltsam auffiel wie ein pechschwarzer Komet.

Jetzt wurden von den Mondleuten infolge des lebhafteren Verkehrs auch wieder jene Krater aufgesucht, in denen sich beim Luftwechsel zu bestimmten Zeiten herrliche Töne hören ließen - die oft wie große Orchestermassen in klangvoll rauschendem Melodienfluß das Ohr mit Entzücken erfüllten - wie Töne aus fernen Geisterwelten.

In der Nähe dieser Musikkrater wurde von der Kunst der Erdmänner oft in sehr erregten Worten gesprochen. Und mancher Mondmann hielt es gar nicht für einen Vorzug im Mondleben, daß in ihm alles Herrliche auch ohne Zutun der Mondmänner da war - während auf der Erde die verschiedenen Erdmänner sich eigene, nur ihnen selbst gehörende Welten erschaffen konnten.

Der Weltfreund Rasibéff gab sich große Mühe, klarzulegen, daß in den Mondteleskopen eben unzählige Welten da seien und daß die doch besser seien als die zusammengedachten das Zusammendenken sei für die Kreaturen doch mehr Quälerei als Vergnügen - und das große Teleskop von Monddurchmesserlänge werde eben mehr Welten sichtbar machen - als Millionen Erdleute ausdenken könnten.

»Die Kunst der Erdmänner brauchen wir eben nicht mehr.«

Das erklärte Rasibéff immerzu; er behauptete auch, daß die grandiose Kratermusik nie und nimmer von den kleinen Instrumenten der Erdleute nachzumachen sei.

Die Konzerte, die die Krater zum besten gaben, ließen allerdings an Vielseitigkeit nichts zu wünschen übrig, da die natürliche Konstruktion der porosen Kraterwände alle denkbaren Varianten auch zur Ausführung brachte. Es war eben überflüssig, die natürlichen Kompositionen zu überbieten; sie überboten sich ja von selber immerfort.

Die Mondleute konnten eigentlich, wenn sie fein ihre Ohren spitzten, überall auf der Oberfläche die feinste Musik vernehmen, die Goldkäfer trugen ebenfalls, wenn die Sonne nicht schien, das ihre zu der Musik bei; die Goldkäfer warfen sehr oft einen drolligen Glanzkitzel in die Tonwelten hinein - etwas Lächelndes stak in den oft zitternden Stimmen dieser Goldkäfer- als wüßten sie was von den fernsten Sternen.

Es gab Krater, die nur durch gewaltig komplizierte Harmonien immer wieder neue ergreifende Stimmungen im Zubehör auslösten; andere Krater wirkten wieder nur durch Melodien.

Rasibéff wurde gar nicht müde, die unzähligen Vorzüge der Mondmusik an allen Ecken und Kanten auseinanderzusetzen, die irdische Kunst war nach seiner Meinung wirklich nur ein Notbehelf.

Die Agitation der Erdfreunde wurde durch Rasibéffs Eifer bedrängt - gleichzeitig aber auch aufgestachelt - zu noch größerer Energie.

An einem stillen Abend nach langen Reden am Schwammkrater schwebt Rasibéff hoch über den Moosfeldern ins Dunklere, blickt stolz zum großen Himmel auf, in dem die unzähligen Sternwelten funkeln und glühen - auf schwarzem Grunde.

Unten am Horizonte sieht Rasibéff auch die Erde als große karminrote Scheibe - und er wendet sich ab - und wird grün vor Ärger - und schüttelt sich, als er das bemerkt - und blickt scheu um sich - und sieht unter sich die unzähligen Goldkäfer, die die Oberfläche des Mondes ebenso erscheinen lassen, wie ein Himmel mit Sternwelten in Augen ohne Fernrohr aus sieht, so daß Rasibéff plötzlich glaubt, mitten unter unzähligen Sternen zu schweben und ihnen ganz nahe zu sein.

Und der Weltfreund steigt auf wie ein rotglühender Feuerball und möchte aus der Atmosphäre raus - und wird oben grün, wie er fühlt, daß er nicht höher kann.

»Die Vollkommenheit unsres Lebens«, sagt er heftig, »ist nur dann da, wenn wir aus unsrer Luft nicht rauswollen.«

Währenddem wird unten in den Rauchergrotten, wo die kolossalen Fächerblumen nach allen Seiten immerzu wachsen und zerfallen, von der Bedeutung der erdmännischen Individualität gesprochen.

Und Knépparas Rundschreiben wird heftig angegriffen.

Der sonst so ruhige wissenschaftlich denkende Zikáll, der für gewöhnlich nur mit chemischen Kochtöpfen beschäftigt ist, hält eine lange Rede, in der er zum Schlusse sagt:

»Darüber wollen wir uns doch ja nicht täuschen: daß die weisen Erdmänner auch alle Tage ein paar Bestienzüge in ihren Charakter schmieren - das macht diesen nicht reicher. Die Mondleute unterscheiden sich auch voneinander- aber sie können doch nicht interessanter werden dadurch, daß sie in atavistischer Weise Bestienzüge in ihren Charakter schmieren. Knéppara ist so nervös geworden, daß er schon ganz ungereimte Sachen redet. Wenn die Opposition doch bloß nicht immer gleich zu weit gehen möchte!«

Zikáll trifft drei Tage später in den dampfenden Bädergrotten, in denen man auch Wolken studieren kann wie bei den Rauchern, den schwitzenden Rasibéff.

Und dem Rasibéff sagt der Zikáll:

»Mein Freund! Daß wir auf der Mondoberfläche weder Wolken noch Nebel haben - das ist ein Mangel auf dem Monde - daher müssen wir uns immer noch eifrig um die Erde kümmern, weil da Wolken und Nebel in Hülle und Fülle zu haben sind.«

»Oho!« erwidert Rasibéff, »in diesem herrlichen Schwitzbade, in dem ich jetzt rotglühend herumschwebe, sehe ich Nebel und Wolken genug- vollauf genug.«

Der Zikáll lacht und ruft:

»Also in dieser Beziehung bist Du wieder sehr anspruchslos. «

Kopfschüttelnd schwebt der große Mann der Wissenschaft weiter - um seine chemischen Kochtöpfe wiederzusehen.

Rasibéff aber empfindet in seinen Fühlhörnern auf dem Kopfe ein leises Zucken - und das bedeutet, daß Mafikâsu seinen Rasibéff sprechen möchte; mit den Fühlhörnern stellen sich leicht elektrische Verbindungen zwischen den Mondleuten her.

Gleich fliegt der Rasibéff auf und läßt sich von seinen Fühlhörnern leiten und kommt durch den Porphyrkrater an die Oberfläche des Mondes, die im hellen Sonnenscheine daliegt - wie ein Funkenreich; das Glitzern der Moosfelder sieht umherspringenden Funken gleich.

Und Mafikâsu schwebt über den Funken und lacht und trommelt lustig auf seinem Ballonbauch, kommt auf seinen Rasibéff zu und stößt so feste mit seiner großen Luftblase gegen die seines Freundes, daß es knallt.

Rasibéff wundert sich über diesen ungewöhnlichen Empfang, aber der große Mafikâsu ruft immer noch lachend:

»Heute, lieber Rasibéff, mußt Du mir erlauben, daß ich mit Dir spaße. Steige auf mit mir in die Sonnenluft - so hoch wir können. Oben will ich Dir ein paar Scherzfragen vorlegen, die Du mir ganz richtig beantworten sollst.«

Und sie stiegen empor in die sonnige Luft - und sahen hinauf in den moosgrünen Himmel und hinunter auf die dunkelgrünen Moosfelder und auf die kleinen Krater, die zwischen den Moosfeldern lagen.

Sehr hoch stiegen die beiden nicht, denn den Mondleuten ist das nicht vergönnt, da die Luftschicht sich nur an den hohen Bergen höher hebt.

Und oben fragte der große Mafikâsu, während er melodiös trommelte, seinen großen Apostel Rasi: »Sage mal, was sind das da für Krater, die da unter diesem moosgrünen Himmel zwischen den moosgrünen Moosfeldern liegen?«

Rasibéff sah seinen großen Meister lachend an und sagte mit ausgestreckten Armen:

»Das da unten sind die berühmten Messingkrater, in denen die großen Teleskope des großen Loso stecken, der nur die Erde betrachten läßt, weil auf der Erde die interessanten Erdwürmer herumkrabbeln, die ihresgleichen in der ganzen Welt nicht haben.«

»Gut, mein Sohn!« versetzte der Mafi, »nun sage mir auch, was die gleißenden Streifen bedeuten, die wie Radspeichen von den Kratern aus strahlenförmig nach allen Seiten gehen. Na?«

Der Rasi hoh seine Arme zum grünen Himmel empor, drehte sich ein paarmal blitzschnell um sich selbst und sagte:

»Das sind die Glasfenster von Loso's Photographiegrotten. Unter den Glasfenstern sind die drolligen Photographien vom Erdball am Tage so hell, daß man sie mit Bequemlichkeit bearbeiten und betrachten kann.«

Die beiden sahen sich jetzt lange an, und ihre Fühlhörner auf dem Kopfe zitterten und wurden rot.

Die beiden Mondmänner wurden auch im runzlichen Gesichte rot - und dann im Rumpf - und dann auch im Ballonbauch.

Das stach aus dem grünen Himmel fein raus.

Und Mafi sagte:

»Kannst Du Dir bei den Glasfenstern nichts denken, lieber Rasi ?«

»lch denke«, versetzte dieser, »an die andre Seite des Mondes, von der die Erdmänner noch niemals was gesehen haben - und wir auch nicht viel.«

»Nun also«, versetzte der Mafi,« so wisse, daß ichs für richtig halte, unsere Agitation vorläufig nur um die Glassteine der anderen Mondseite zu konzentrieren. Loso braucht noch mehr Glas für seine Photographien, und demnach wird er geneigt sein, für einen abermaligen Versuch, in das Jenseitsland des Mondes zu dringen, seine Stimme abzugeben.«

Da lachte der Rasi, und der Mafi lachte ebenso. Und sie schwebten - eifrig ihren Plan besprechend - in den nächsten Krater hinein und hinunter- im blitzschnellen Fluge - mit schlappem Leibe - durch die Delikatessgrotten durch - in das große Fabrikreich des Mondinnern, allwo die roten grünen und blauen Flammen rauchlos über den Schornsteinen und an den Wänden hin und her flackerten.

Hier unten wurden gleich die Mondleute, die an den eisernen Röhren arbeiteten, mit dem neuen Plane bekanntgemacht.

Und es entstand eine allgemeine Bewegung unter diesen Fabrikarbeitern, denn die gehörten sämtlich zur Weltpartei und wünschten sehnlichst die Zeit herbei, in der das große Fernrohr in Arbeit genommen werden mußte - solche Riesenarbeiten machten ja den Fabrikarbeitern immensen Spaß.

Allen leuchtete es ein, daß eine Expedition zur Erforschung der Glasseite wohl die Zustimmung des hohen Rates erlangen könnte - und daß mit dieser Zustimmung schon viel gewonnen sei - für die Weltpartei.

Kaum jedoch war man darüber einig, so kamen Boten von allen Seiten rotglühend herangeflogen und erzählten, daß an den Randgebieten des Mondes, die zur Jenseitsseite hinüberführen, neue Blumen entstanden seien, die blitzschnell - viel schneller als die Blumen in den Rauchergrotten - aus den Moosfeldern herausstiegen und ebenso blitzschnell wieder zusammenbrächen unter seltsam pfeifenden Tönen.

»Das ist«, rief da donnernd der große Mafikâsu, »die Sprache des Mondes selbst. Der Mond selbst will unsre Expedition. Er ruft uns. Wir müssen ihm folgen! Auf! Weltfreunde! Wir müssen siegen!«

Und eine schwärmerische Stimmung bemächtigte sich in wenigen Stunden der gesamten Mondbevölkerung - an allen Kratern - in allen Parteilagern.

»Diese Blitzblumen kamen zur rechten Zeit!«

Also rief der wild herumjagende Rasibéff.

Und jetzt wurde - es war überraschend - die Partei der Weltfreunde - ohne jede weitere Anstrengung- in jeder Stunde größer und stärker.

Die Erdfreunde konnten sich plötzlich gar nicht mehr Gehör verschaffen.

Selbst die Sterbenden in den Todesgrotten hörten von den großen neuen Blitzblumen - und die Ruhe ward dadurch auf den stillen Terrassen - an den dunkelvioletten Wänden - vielfach gestört.

Die Mondleute flogen in hellen roten Scharen zur Jenseitsseite des Mondes - und staunten in den Randgebieten das große Wunder an.

Uberall zuckten in den Randgebieten riesenhafte bunte Blumen wie Blitze aus den Moosfeldern heraus - und sanken blitzschnell wieder in sich zusammen - wie elektrisches Feuerwerk.

Das Pfeifen hörte sich wie ferne hastige Stimmen an - als sprächen wilde Geister von der anderen Seite des großen Mondes.

Rauchen ließen sich diese Blumen nicht.

Und durch die Mondmänner wuchsen sie, ohne eine Empfindung zu erzeugen, blitzschnell durch.

Und die Mondleute schwebten nun in so großen Scharen zu den neuen Blitzblumen, daß es nachts oft so aussah, als ginge ein elektrischer Funkenregen übers kraterreiche Mondgefilde.

Knéppara freute sich über diese elektrische Blütenpracht, die in ihrer ganzen Herrlichkeit nur in dunkler Nacht zu sehen war, keineswegs.

»Mafikâsu«, sagte er, »hat ein unbegreifliches Glück. Bei dieser Aufregung der Mondvölker ist es ganz sicher, daß die Expedition nach der andren Seite des Mondes nicht verschoben werden wird.«

»Das ist auch«, rief der große Loso dazwischen, »nicht beklagenswert. denn wir werden so mehr Glas bekommen, und ich muß gestehen, daß wir noch sehr viel Glas gebrauchen können; unsre Vorräte gehen durch das ewige Photographieren doch allmählich zur Neige - und wir brauchen auch Grotten mit Oberlicht. Bei Leib-, Wand- und Goldkäferlicht kann man nicht viel sehen - wenigstens nicht genug.«

»Du wirst also«, versetzte Knéppara, »für die Expedition Deine Stimme abgeben - nicht wahr?«

»Ohne Zweifel!« rief der große Loso.

Und Knéppara wurde wieder ein bißchen grün und schwebte in schmerzlichster Verfassung mit seinem Ballonbauch in den großen Lesesaal der Erdfreunde hinein.

Der große Lesesaal war jetzt nur so schlecht besucht wie die kleinsten Lesesäle; von den Blitzblumen ließen sich auch die Erdfreunde in großen Scharen hinauslocken.

Die weißwandigen hellen Lesesäle waren sämtlich bodenlos, so daß die Lesenden und Schreibenden an vielen Stellen bequem übereinander sitzen konnten; an den Wänden stiegen steile Terrassen mit Sitzsäulen empor.

Die meisten Grottensäle im Innern des Mondes gestatteten nicht, daß man sich unten auf dem Grunde niederlassen konnte, da sich da zumeist glibbrige Pilze angesiedelt hatten.

In dem großen Lesesaale, in dem sich jetzt der Knéppara niederließ, brachte ein Inspektor zwei neue Folianten herbei, in denen sich der Abdruck einiger Zeitungsseiten befand, die man in der letzten Nacht photographiert hatte; es waren das wieder Zeitungsseiten, die von den Erdmännern herrührten.

Der Inspektor zeigte dem Knéppara eine recht merkwürdige Stelle in diesem Abdruck - da stand klar und deutlich:

Wir leben auf der Erde in einem aufgeklärten Jahrhundert. Unsre Technik macht täglich die bedeutsamsten Fortschritte. Nur unsre moralischen Anschauungen wollen sich immer noch nicht weiter entwickeln. Die Völker kleben noch an unzähligen Vorurteilen - eines der größten ist aber, daß wir uns scheuen, das Fleisch frisch getöteter gesunder Menschen zu verspeisen. Ein lächerliches Vorurteil! In den vielen blutigen Kriegen, die wir jetzt gegen die wilden Völker und gegeneinander führen, werden so viele Menschen getötet, die, trotz dem sie ganz gesund vor ihrem Tode waren, nach Empfang der Todeswunde ohne weiteres in die bereitgehaltenen Erdgräber geworfen werden und dort verfaulen müssen. Wir sind der Ansicht, daß ein derartiges Wegwerfen gesunder Fleischmassen ein himmelschreiendes Unrecht gegen unsre oft in sozialer Not befindlichen Volksmassen ist. Es wäre doch viel praktischer, das frische Fleisch der gefallenen Feinde sofort auf die Märkte der Sieger zu schicken und dort zweckentsprechend zu verkaufen. Wir sind der Überzeugung, daß dabei ein gutes Stück Geld verdient werden kann, da Menschenfleisch bekanntlich als Nahrungsmittel den allerersten Rang einnimmt; das Fleisch der Auster steht an Nährwert und Wohlgeschmack dem des Menschen in jeder Hinsicht nach. Es ist doch geradezu albern, eine derartige Delikatesse, der wir auf Erden schlechterdings nichts an die Seite setzen können, einfach abzulehnen - aus ›moralischen‹ Rücksichten - weils mal zufälligerweise bei uns nicht usuell ist! Diese Sitte! Na - wir haben durchaus keine Veranlassung, diese Sitte fürderhin zu schonen. Mit Hilfe unsrer vortrefflichen Waffen können wir in einer Sekunde Tausende von gesunden Wilden niederschießen und kurz und klein schlagen. Wenn wir uns nicht genieren, dieses zu tun, so brauchen wir uns auch nicht zu genieren, die Getöteten zu verspeisen. Das bringt doch das ewige Kriegsleben einfach so mit sich. Auch bei den immer häufiger werdenden Revolutionen hätten wirs doch wahrlich nicht nötig, die Erschossenen in die Erde zu verscharren. Wer sich gegen die Obrigkeit auflehnt, darf nach menschlichem Rechtsgefühl wohl auch von den Inhabern der Machtstellen verspeist werden; das kann das Ansehen einer jeden Regierung nur vermehren. Der gebratene oder geräucherte Revolutionär wird zu allen Zeiten einen ganz besonderen Leckerbissen abgeben. Es erscheint daher notwendig, unsre Gesetze entsprechend dem oben Mitgeteilten umzuformen, damit der Vergeudung gesunder Fleischmassen ein für alle Mal ein Ende gemacht werde. Der Mensch gehört dem Menschen und nicht den Würmern. Fort mit der Gefühlsduselei! Die schickt sich nicht für unser aufgeklärtes Jahrhundert. Wer Menschen totmacht, kann sie auch aufessen. Wozu sich genieren? Wenn das eine nicht strafbar unsern Gesetzgebern erscheint - so kanns das andere doch auch nicht sein. Wir verstehen es, trefflich mit unsern durchschlagenden Waffen umzugehen - lernen wirs auch, mit unsern Zähnen so trefflich umzugehen. Wir dürfen annehmen, daß uns unsre Köche das Fleisch unsrer Feinde in sehr appetitlicher Zubereitung vorsetzen werden; unsre moderne Küche ist doch zu allem fähig. Und was für Preise werden gezahlt werden für die ›feindlichen‹ Delikatessen! Da wird mancher Lebemann feste sein Portemonnaie rühren! Das vergesse man nicht! Da lassen sich feine Geschäfte machen! Wir werden uns doch all die fetten Bissen nicht wegschnappen lassen - von den Würmern. Nochmals sagen wir: Fort mit der Gefühlsduselei! Sie führt zu nichts und verweichlicht nur die kriegerische Manneskraft unsrer stets kampfbereiten mut- und glorreichen europäischen Nationen, die allen ihren Glanz der Entwicklung ihrer schneidigen, allzeit schlagfertigen Volksheere verdanken.

Nachdem Knéppara diesen Zeitungserguß gelesen, sah er lange den Inspektor an - und der Inspektor sah den Knéppara an -- dann sagte dieser: »Ist das tatsächlich photographiert worden? Ist das tatsächlich...?«

Er konnte nicht weiter - er wurde einfach smaragdgrün - und leuchtete, wie ein Glühwurm auf der Erde leuchtet - in stillen Sommernächten.

Und die Lesenden und Schreibenden im Lesesaal blickten sehr erstaunt auf und schnttelten mißbilligend den Kopf, als sie ihren großen Knéppara wieder mal so grün sahen.

Der Inspektor reichte den Folianten mit den Zeitungsabdrücken herum.

Und die Mondleute, die sämtlich Erdfreunde waren, erschraken über diese die Erdmänner so kompromittierende Stelle. Inzwischen wurde langsam Knéppara wieder so silbern phosphorescierend wie sonst.

Als ers aber ganz war, rief er alle Mondleute, die sich im Lesesaale befanden, zusammen und ließ die kompromittierende Stelle in den Zeitungsabdrücken von dem Inspektor laut und deutlich vorlesen.

Nach der Vorlesung ergriff der weise Knéppara feierlich das Wort und sagte kurz das Folgende:

»Meine Herren! Für die Erdmänner spricht diese Stelle - nicht gegen die Erdmänner. Ohne weiteres werden Sie erken nen, daß dieser Artikel eine Satire auf das allgemeine Kriegs wesen ist. Man hat es auf der Erde dick bekommen, Millio nen von kostümierten Massenmördern dick zu füttern - und Herr Mafikâsu täte nicht klug daran, wenn er nochmals sei nen neulich vorgebrachten Antrag wiederholen möchte; der liebe Mafi könnte eklig reinfallen dabei - in fünfzig Jahren werden auf der Erde sogenannte ›stehende‹ Kriegsheere überhaupt nicht mehr existieren - das sagt Knéppara.«

Sagt es und schwebt lächelnd nach oben - durchs Eingangsloch durch - in den hellen Sonnenschein hinauf.

Der Himmel ist dunkelgrün und wie von Sammet.

Und Knéppara glänzt wie gleißendes Silber, während die Sonne wie gleißendes Gold glänzt.

Lächelnd schwebt der Führer der Erdfreunde weiter - über die kleineren Krater weg, die sich in der Nähe des großen Lesesaals befinden.

Und so kommt der unverzagte Führer zum hohen Sichelkrater, in dem das längste Teleskop der Erdfreunde verborgen ist.

Und oben am Kraterrande, der sichelförmig nur die eine Seite des Kraters abschließt, sitzt Zikáll, der Mann der Wissenschaft.

Und Knéppara setzt sich neben Zikáll. Beide schauen lange Zeit schweigend in den Kraterschlund, in dessen Mitte die große Linse des Teleskops wie ein Riesenauge glänzt.

Dann sagt Knéppara, ohne zu erröten:

»Wie denkst Du über die Blitzblumen?«

Zikáll verzieht sein hohes Rübengesicht in viele Falten, daß der Phosphor nur so glitzert, läßt die Fühlhörner seines ziemlich spitzen Schädels in der Luft herumschwirren - und sagt langsam:

»Mafi hat Glück. Er will in der nächsten Woche eine außerordentliche Sitzung der Ratsherren zusammenberufen und dann beantragen, sofort eine Expedition nach der anderen Seite auszurüsten. Und diese Expediton wird den Stein ins Rollen bringen.«

»Wir müssen«, erwidert ruhig der Knéppara, »die Ausrüstung der Expedition verhindern.«

»Das wird«, sagt Zikáll, »sehr schwer halten, denn Loso ist mit allen seinen Freunden auf Mafis Seite - und ich bins auch.«

»Warum Du?« fragt Knéppara.

»Weil ich«, erwidert der Zikáll, »sehr gerne wissen möchte, ob sich auf der Jenseitsseite das Glas in größerer Linsenform zeigt.«

»Und wenn das wäre?« fragte Knéppara wieder.

»Wenn das wäre«, antwortet leise der Mann der Wissenschaft, »so könnte ich daran glauben, daß die Mitte der Jenseitsseite eine kolossale Linse besitzt mit einem Durchmesser von vielen Meilen.«

»Und wenn«, fragt abermals der Knéppara, »auch dieses wäre?«

»Dann«, ruft Zikáll, »hat Mafikâsu mich zum besten Freunde gewonnen, denn dann ist die Hauptschwierigkeit bei dem großen Fernrohre, das die Länge des Monddurchmessers erreichen soll, behoben - denn dann brauchten wir die Hauptlinse für das große Rohr nicht mehr zu schleifen.«

Abermals wird Knéppara smaragdgrün - bemerkt es, bläht seinen Leib auf und steigt rasch empor in den grünen Himmel, in dem der grüne Mondmann nach ein paar Augenblikken unsichtbar ist.

Zikáll schüttelt den Kopf. Währenddem schwebte Mafi mit seinem Freunde Rasi in den Randgebieten herum, hinter denen das Jenseitsland der anderen Mondseite anfängt.

Und überall sprachen die beiden Weltfreunde mit Begeisterung von den herrlichen Glasgefilden des Jenseits.

Und bald hatten alle Mondleute eine große Sehnsucht nach jenen Glasgefilden, und die Expedition schien durchaus gesichert zu sein.

Die Blitzblumen nahmen unterdessen immer größere Formen an und wuchsen jetzt auch am hellen Tage in den sammetgrünen Himmel hinein.

Und die Mondleute glaubten, daß diese Blumen eine große Blumensprache sprächen.

Und die Weltfreunde deuteten diese Sprache natürlich zu ihren Gunsten.

»Der Mond selber«, sagten sie, »will, daß wir seine Glasgefilde näher kennenlernen, denn sonst würden die Blumen nicht so glasartig wirken.«

Das Glasartige und Durchsichtige, das jetzt den Blumen vielfach eigen war, schien nun allerdings die Meinung der Weltfreunde nur zu bestätigen.

Oft flatterten die riesigen steifen Blätter der Blitzblumen wie kolossale irdische Libellenflügel in der Luft herum.

Nur ein paar Sekunden lebten die geisterhaften Blumen aber sie ließen sich doch photographieren.

In den Photographien konnte man erst die ganze Farbenpracht und die entzückende Aderzeichnung der Blattwandungen erkennen und genießen.

Vor dem grünen Tageshimmel zeigten sich oft schneeweiße undurchsichtige Blüten, die immer meilenhoch sich entfalteten, und zuweilen oben noch die prächtigsten gelben und blauen Bandmuster zeigten, während die unteren Teile der Blüten gar nicht mehr da waren.

Nur selten wirkten diese Lichtgeburten wolkenartig; dazu hatte die Blattbildung zu viele Teile, die sich wie Scheiben aus dünnstem Glase ankrystallisierten.

Wären die Mondleute nicht durch die Blumen in den Rauchergrotten an derartige Erscheinungen gewöhnt gewesen, sie hätten sich gar nicht beruhigen können.

Verblüffend kams den Mondleuten nur vor, wenn die Blumen zuweilen durch ihren Körper gingen, ohne daß sie eine Gefühlsempfindung in ihren Leibern bemerkten.

Zikáll erklärte, daß mans hier mit Erscheinungen zu tun hätte, die denen der Elektrizität verwandt seien, aber mit diesen nicht identificiert werden dürften.

Die Männer der Wissenschaft erklärten die Blitzblumen für die reinen Problemblumen.

Ganz famos wirkte das Pfeifen, wenn die Blumen in der Luft zergingen.

In einer Nacht, in der die Erde unsichtbar blieb, erreichte die Lichtstärke der Erscheinungen ihren Hohepunkt; ein ganz kunterbuntes Mustergewirre, das wohl nur durch farbige Gläser, die in der Luft durcheinander schweben, vorstellbar zu machen wäre, bedeckte plötzlich den Himmel - und dann schossen gelbe Strahlen durch - und dann bildeten sich oben schillernde Seifenblasen, die ineinander übergingen, wobei sich grüne Wolkenblitze durchschlängelten, nach denen sich ein leises Knirschen vernehmbar machte - wie von nagenden Zähnen.

An den photographischen Apparaten wurde unausgesetzt fieberhaft gearbeitet.

Und die Mondleute an den Apparaten empfanden es immer wieder als Wohltat, wenn die Farbenspiele dieser Blitzblumen mal aussetzten oder sich in matteren Lichtflächen verteilten.

Als man sich an diese Blitzwelt ein wenig gewöhnt hatte, sprachen die Weltfreunde wieder mit verdoppeltem Eifer von den Glasgefilden, wobei sie eifrig die Glassteine, die früher im Jenseits gesammelt wurden, herumzeigten.

»Dort drüben«, sagte Zikáll, »werden wir natürlich nicht leben konnen - wenigstens auf der Oberfläche nicht - das schließt aber gar nicht aus, daß wir Eingänge finden, die uns in die herrlichsten Glasgrotten führen, in denen wir farbiges Tageslicht von oben empfangen - und Luft von unten.«

Zikáll trat jetzt für die Weltfreunde sehr lebhaft ein, und als er mal gefragt wurde, wie er sich denn die Expedition ins Jenseits vorstelle, gab er umständlich Antwort.

»Wir bauen«, sagte der Mann der Wissenschaft «einen großen Motor-Wagen mit mehreren Abteilungen, füllen das Innere mit einer genügenden Masse bester Luft, setzen ein paar Mondleute hinein und lassen sie einfach losfahren. Damit den Leuten nichts passiert, werden wir den Wagen mit langen Draht-Seilen versehen und diese am Rande in den Händen behalten. Der Wagen muß auf allen Seite kleine, aber sehr starke Glasfenster und auch auf allen Seiten Räder besitzen, damit ein gelegentliches Umkippen keinen weiteren Aufenthalt verursacht. Die Mondleute, die im Wagen sind, können uns dann telegraphisch von dem, was sie sehen und entdecken, in Kenntnis setzen. Es wäre wohl praktisch, eine größere Anzahl solcher Motor-Wagen loszulassen - und im Innern des einzelnen nicht mehr als zwei Mondleute unterzubringen, damit die Luft möglichst lange reicht. Es wird sich ja darum handeln, ob wir die Wagenkasten, die wohl Tonnen- oder Röhrenform haben müssen, so luftdicht herstellen können, daß ein längerer Aufenthalt in den Kasten möglich wird. Jedenfalls kann jeder Wagen noch einige Luftschläuche und für den Notfall auch Nasenschläuche mitführen. Ich muß mich übrigens sehr wundern, daß wir das alles nicht schon längst getan haben. Ein paar Meilen können wir auf die angedeutete Weise immerhin vordringen.«

Nach diesen Worten des großen Zikáll, die vor einem großem Publikum gesprochen wurden, zweifelte bald keiner mehr an dem Zustandekommen der Expedition.

Mafikâsu aber wich nicht mehr von Zikálls Seite. Und als dieser erst seine Vermutung von der meilengroßen Glaslinse, die im Zentrum des Jenseits sitzen sollte, bekannt werden ließ- da konnte der Mafi vor Entzücken gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Hypothese von der großen Zentrallinse des Jenseits nach allen Richtungen.

Und Zikáll galt nun als einer der ersten Weltfreunde. Rasibéff jedoch ergriff die Idee noch von einer ganz anderen Seite.

»Wenn«, sagte er zu Zikáll und Mafi, »die Existenz-Möglichkeit einer großen Glaslinse auf der anderen Seite des Mondes bereits als Wahrscheinlichkeit behandelt wird, so möchte ich da noch ganz was andres sagen. Ich möchte fragen: Woher wissen wir denn, daß die andre Seite des Mondes eine Halbkugel ist wie diese Seite? Was wir bisher Mittelpunkt des Mondes nannten, ist doch nur durch einseitige Rechnungen zu dieser Ehre gekommen.«

Zikáll horchte, nickte und ließ wieder tausend Falten sein Gesicht durchzucken, daß der Phosphor nur so glitzerte.

Rasi jedoch fuhr eifrig fort:

»Könnte die andre Seite nicht eine fast horizontale Ebene sein? Könnte der ganze Mond nicht ein Halbkugel sein? Die Experimente mit dem Pendel haben doch Resultate nicht geliefert. Es ist doch immer noch möglich, daß die Todesgrotten dem freien Weltraume ganz nahe sind. Hohlräume finden wir doch da unten nicht mehr.«

Alle, die das hörten, schwiegen lange und dachten lange darüber nach.

Die Männer der Wissenschaft mußten dann manches spitze Wort hinnehmen; sie waren glücklicherweise an die spitzen Worte gewöhnt.

Rasibéffs Idee trug jedenfalls dazu bei, der Expedition ein so wichtiges Ansehen zu geben, daß ein Aufschieben der Geschichte sehr bald nicht mehr anging.

Als daher die hundert Ratsherren bei der nächsten Ratssitzung wieder auf ihren Amethystsäulen saßen, da war allen klar, daß der Sieg dieses Mal auf Seiten Mafikâsus sein würde.

Und als nun Mafi rot wurde und seinen schon längst bekannten Antrag vorbringen wollte, da wurden alle diejenigen, die mit der Expedition einverstanden waren, auch gleich rot.

Und Mafi zählte siebenundachtzig Freunde der Expedition.

Mafi hatte gesiegt.

Zikáll wurde mit der Herstellung der Motor-Wagen beauftragt. Und alles war gespannt.

In den Fabrikgrotten wurde nun gearbeitet, daß die Funken nur so stoben; die Arbeit an den zur Expedition nötigen Motor-Wagen, Maschinen und Drahtmassen schritt rüstig fort.

Währenddem nahte jedoch für die Weltfreunde jene große Zeit, in der wieder mal der Lanzen-Nebel beobachtet werden mußte; die Ereignisse der letzten Zeit hatten den berühmten Lanzen-Nebel in den Hintergrund gedrängt.

Als nun den Teleskopen der Weltfreunde die richtige Stellung für die Beobachtung des berühmten Nebels, der alle zwanzig Jahre äußerst interessante Erscheinungen zeigte, gegeben werden sollte, da erinnerte man sich plötzlich an eine ganze Reihe von neuen photographischen Apparaten, deren Fertigstellung öfters aufgeschoben war. Und die Weltfreunde wurden sehr unruhig und schickten Abgesandte in die Fabrikgrotten.

Aber dort wurde jetzt bloß für die Expedition gearbeitet - und die photographischen Apparate, die tausend Aufnahmen in der Sekunde ermöglichen sollten, lagen sämtlich unvollendet in der Ecke. Und es stellte sich bald heraus, daß nicht ein einziger der großen komplizierten Apparate bei der nächsten Beobachtung des Lanzen-Nebels in Gebrauch gestellt werden konnte.

Diese Entdeckung brachte im Lager der Weltfreunde eine große Trauerstimmung hervor; die Veränderungen im Lanzen-Nebel gingen alle zwanzig Jahre mit so blitzartiger Geschwindigkeit vor sich, daß die Blitzblumen dagegen die reinen Schnecken waren; andere Apparate kamen nicht in Betracht, da der kosmische Vorgang kaum eine halbe Minute in Anspruch nahm und das Auge nicht genügte.

So mußte denn abermals auf eine photographische Fixierung der Phänomene im Lanzen-Nebel verzichtet werden.

Der Lanzen-Nebel warf alle Vorstellungen, die man bisher vom Werte der Zeit gehabt hatte, einfach um; eine derartig rapide Entwicklungsgeschichte hielt man vordem in einem Sternhaufen mit Millionen größter Sonnen nie für möglich; die Sache überstieg auch das keckste Fassungsvermögen um ein Beträchtliches.

Dieses Mal war wenigstens die Stellung des Nebels eine sehr günstige; es ließen sich nicht weniger als siebzehn Teleskope in die Beobachtungslage bringen, was zum Teil nicht kleine Schwierigkeiten bereitete, da die meisten Teleskope ziemlich tief in den Kratern staken.

Als nun die Zeit herangekommen war, saßen die Weltfreunde in den Beobachtungsräumen dicht gedrängt zusammen; es konnten außer den Führern nur diejenigen dem Schauspiele folgen, die das Los begünstigt hatte; und für die andern gabs nicht einmal wie sonst eine Entschädigung durch Photographien.

Mafikâsu saß in der entscheidenden Nacht mit Rasibéff und elf anderen Weltfreunden im Beobachtungsraume des siebenten Kraters der Granitgebirge vor einem großen magischen Spiegel - und starrte mit brennender Aufmerksamkeit hinein.

In demselben Raume befanden sich noch fünf kleinere Spiegel, die ebenfalls magische genannt wurden. Und vor jedem Spiegel saßen immer dreizehn Mondleute; es war in dem kleinen Raume für mehr Personen nicht Platz.

Alle Anwesenden verhielten sich so still, daß man den Fall einer Träne gehört hätte.

Und was jetzt in den magischen Spiegeln sichtbar ward, das ging so schnell vorüber, daß es den Augen der Mondleute nur stückweise zur Empfindung kam.

Die konzentrierte Aufmerksamkeit war demzufolge eine beispiellose; sämtliche Mondleute, die beobachten durften, hatten sich auf diese paar Momente besonders vorbereitet.

Die Führer hielten es zumeist für gut, vorher längere Zeit zu schlafen, was der Mondmann immer kann, wenn ers grade will; traumlos ist der Schlaf.

Andre Mondleute hielten es für richtiger, recht lange vorher die Lichtluft der Delikatessgrotten einzuatmen und dann Schwitzbäder zu nehmen. Mancher pflegte sich durch längeren Flug in den obersten Schichten der außerhalb befindlichen sogenannten Krustenluft auf die anstrengende halbe Minute vorzubereiten.

Und - die berühmte halbe Minute kam.

Im magischen Spiegel, vor dem Mafi und Rasi saßen, erschien der Lanzen-Nebel als ganz stille kugelrunde Wolkenmasse.

Aber was jetzt folgte, übertraf alle Erwartungen, da die Erscheinungen dieses Mal einen ganz andern Charakter trugen als sonst.

Vor zwanzigJahren hatte sich die Wolke blitzschnell in eine Reihe von Säulen verwandelt, und diese Säulen hatten sich gleich nachher wieder in einen Würfel verwandelt. Und dieses Spiel hatte sich unter Funkenbildung gleich wiederholt und dann mit unregelmäßigen Wolken umhüllt, die sich schließlich wieder zur alten Kugelform zusammenballten.

In den früheren Perioden wars wohl immer etwas anders gewesen, doch blieben die Entwicklungsphasen in einer bestimmten Linie - die Säulen bogen sich mal oben hakenförmig um - der Würfel wurde mal zum Balken oder zum Ellipsoid - aber markantere Novitäten brachen in der Linie nicht durch - der Rahmen schien immer gegeben zu sein.

Ganz anders jetzt!

Haarfeine Blitzlinien schlagen plötzlich aus der Kugelwolke heraus - und die kraus aufgestiegenen Linien bleiben und werden dicker - und die Wolke verschwindet.

Es ist zu erkennen, daß die Linien allmählich so werden, wie die Milchstraßen sind.

Der Lanzen-Nebel ist außerordentlich weit entfernt - und dieses rasche Entstehen von lauter Sonnen ist den Mondleuten ganz was Neues und setzt sie in großes Erstaunen.

Eine Sekunde später stehen aber die Blitzlinien alle grade wie Säulen - das Ganze sieht aus wie ein Nadelball, dessen Spitzen in einer Kugeloberfläche liegen.

Und mit einem Ruck werden diese Säulen, in denen doch unzählige Sonnen glühen, nach allen Richtungen rausgeschleudert, kippen um, schaukeln hin und her und schweben auf und ab und stellen sich nach und nach dicht nebeneinander in einer Reihe auf wie Soldaten auf den Exerzierplätzen der Erdballkruste.

Diese Parade-Erscheinung, die den Namen ›Lanzen-Nebel‹ hervorrief, ist schon von früherher bekannt, - auch die nun folgende, in der sich die Säulen zusammenziehen und eine Art Balken bilden.

Während aber sonst der Würfel oder der Balken einen opalisierenden Farbenglanz empfing, wirkt dieses Mal alles wie Gold - und es ist deutlich zu erkennen, daß auch noch der Balken aus lauter Sonnen besteht.

Vom querliegenden Balken lösen sich jetzt rechts und links die äußersten Seitensäulen los und steigen nach oben, krümmen sich oben nach außen und schießen kreisförmig herum, und die Schnelligkeit ihrer Bewegung wird gleich so stark, daß rechts und links vom Rechteck nur noch zwei goldene Kreislinien zu sehen sind.

Die Mondleute glühen vor Aufregung, man hört ihr heftiges Atmen.

Und mit kaleidoskopartigem Ruck verwandelt sich dieses Bild in ein Rad mit tausend Speichen, dem der Reifen fehlt.

Dieses reifenlose goldene Rad steht ganz still und fängt an zu zittern.

Und dann heben sich die Speichen langsam vom Mittelpunkt ab nach allen Seiten, so daß ein rundes leeres Loch in der Mitte bleibt, das bald wolkenartig opalisiert.

Und im nächsten Moment sieht der Lanzen-Nebel wie eine Schießscheibe aus mit lauter bunten Ringen.

Und plötzlich verwandelt sich das Ganze abermals mit einem einzigen Ruck in einen querliegenden goldenen Balken; in dem lassen sich aber einzelne Kugelsonnen nicht mehr erkennen; die Kugelform der Sonnen scheint sich in Krystallformationen umgebildet zu haben.

Doch kaum erholen sich die Mondleute bei diesem Anblick, so lösen sich auch schon regelmäßige goldene Würfel von dem Balken los; der ganze Balken verwandelt sich in Würfel, die sich langsam drehen und hin und her schweben, ohne sich zu stoßen.

Und dann werden die Würfel schneeweiß und schießen in den Mittelpunkt des Ganzen, daß alles sich entzweischlägt.

Und gleich darauf ist wieder die alte kugelrunde Wolkenmasse da.

Das Schauspiel hatte nur einen Zeitraum von sechsundzwanzig Sekunden in Anspruch genommen.

Die siebzehn Teleskope geben sich die verabredeten Zeichen, und die Führer sprechen durch die Schalltrichter.

Sofort werden die Berichte aufgesetzt und miteinander verglichen.

Die Berichte werden denen, die in die magischen Spiegel nicht hineinsehen durften, gleich bekanntgegeben.

Und bald wissen alle Mondvölker, was im Lanzen-Nebel los war.

Mafikâsu beruft eine allgemeine Versammlung in den großen Schallsaal.

Der große Mafi glüht wie eine Bombe und will so rasch wie möglich seine Meinungen über die neuesten Ereignisse zum besten geben.

Und an die hunderttausend Mondleute versammeln sich im großen Schallsaal, dessen Deckengewölbe ziemlich glatt sind.

Ringsum an den Wänden lassen sich die Mondleute auf den Vorsprungen nieder, so daß bald alle Wände des runden Saales ganz mit Mondleuten bedeckt sind.

Die Mondleute erleuchten den Saal durch das Phosphorlicht, das ihre Leiber ausstrahlen. Ein Saal, dessen Wände aus lauter aufeinandergestellten Schneemännern zu bestehen scheinen.

Und Mafi erhält das große Sprechrohr, das einer Posaune ähnelt.

Und der große Weltfreund hängt sich an der Decke in einen schaukelnden eisernen Ring, beugt den Rumpf nach unten und redet nun durch das Sprechrohr hinunter zu den Versammelten; wie ein Posaunenengel schaukelt der große Mafi da oben in seinem Ring an der Decke - das Folgende redet er:

»Die Ereignisse der letzten Nacht sind so kolossale gewesen, daß es mir nötig erscheint, sofort an dieser Stelle das zu sagen, was nach meiner Meinung hier das Wichtigste ist.«

Alle Mondleute, die versammelt sind, halten beide Hände muschelförmig an den Ohren, um besser hören zu können.

Mafi fährt fort: »Wir haben einen Blick in kosmische Verhältnisse getan, die unserm Vorstellungsvermögen kaum näherzubringen sind. Der berühmte Lanzen-Nebel, der alle zwanzig Jahre nur einmal aufwacht und dann während einer knappen halben Minute ein furchtbar intensives Leben führt, ist uns sowas Neues und Unheimliches, daß wir fürchten müssen, unser bißchen Verstand zu verlieren, wenn wir versuchen wollten, darüber ins klare zu kommen. Eines aber scheint uns durch dieses kosmische Wunder begreiflich zu werden: Wir sehen, daß sich diese Sternmasse gewöhnlich als etwas Einheitliches und Ganzes präsentiert. Und mit fabelhafter Geschwindigkeit gelingt es diesem Ganzen, sich plÖtzlich in Millionen - ja wohl auch in Billionen und mehr Teile zu teilen. Hieraus erkennen wir, daß dieser Nebelfleck noch mehr als ein Doppelleben führen kann - er kann plötzlich ein trillionenfaches Leben führen. Vielleicht ist die Zahl seiner Teilwesen so groß, daß Zahlen dafür nicht mehr denkbar sind. Hier bietet sich uns die höchst komplizierte Natur der astralen Lebewesen in den allergrößten Dimensionen dar. Während wir früher schon das Verhältnis der Teilwesen zum Ganzen für kompliziert genug hielten, sehen wir jetzt ganz deutlich, daß es darüber hinaus noch ganz andre Komplikationen gibt, die noch viel knotenreichere Rätsel aufgeben; eine Masse von ungeheurer Ausdehnung, die plötzlich in ein paar Atemzügen große Sonnensysteme aus sich erzeugt, die nur ein paar Sekunden existieren - das schafft uns ja einen ganz neuen Begriff vom Wert und Wesen der Sonnensysteme - die sind wahrscheinlich ganz nebensächliche Begleiterscheinungen von ganz andren Lebensäußerungen, die uns nicht einmal in Lichteffekten bemerkbar werden. Der Lanzen-Nebel könnte uns vielleicht die wichtigsten Aufschlüsse über kosmische Lebensverhältnisse geben. Und wir hätten nicht bloß zu beklagen, daß die neuen photographischen Apparate nicht rechtzeitig fertig wurden - wir hätten noch viel mehr zu beklagen, daß uns nicht viel, viel größere Teleskope zur Verfügung stehen. Ich erhebe daher noch einmal meine Stimme und bitte die Versammelten, mit Ernst und Eifer an das große Teleskop der Zukunft zu denken, das, wie jeder weiß, die Länge des Monddurchmessers erhalten soll. Nach den ungeheuren unbegreiflichen Wundern, von denen wir in dieser Nacht kleine Bilder in unsern magischen Spiegeln sahen, wird jeder sicherlich die Sehnsucht haben, bald mehr sehen zu können - mehr von der ungeheuren, ergreifenden, erdrückenden und erhebenden Grandiosität der herrlichen Welt, die sich unsern Sinnen zu öffnen vermag- wenn wir die richtigen Vergrößerungsgläser besitzen! Vergeßt das nicht - und wir wissen vielleicht in tausend Jahren mehr von der großen Weltnatur.«

Mafi steckte das Sprechrohr in den Ring und schwebte langsam hinunter als großer roter Glutball - im Schallsaal war die Luft sehr dünn.

Und von den Wänden lösten sich die hunderttausend Zuhörer los und flogen wie Schneegestöber durcheinander.

Viele stießen dumpf mit ihren Ballonbäuchen zusammen, und dazu trommelten alle auf ihrer straffen Ballonhaut, so daß eine Trommelmusik entstand, die sich harmonisch zu mächtigen Tonmassen entwickelte, deren melodiöse Ansätze immer wieder von prasselndem und rauschendem Wirbel zerrissen wurden.

Rasibéff flog an Mafikâsus Seite - und von allen Seiten begrüßte man die beiden mit erhobenen Händen und flatternden Fingern, so daß die Trommelmusik plötzlich gedämpft erklang.

»Der Mafi hat«, sagte draußen der Zikáll, »mehr Glück als Verstand! So was von Erfolg ist noch nicht dagewesen. Und der Mafi tut nichts dazu; er redet nur vor Aufregung eine ausschweifende Rede und triumphiert trotzdem. Knéppara kann einpacken. Die Revolutionspartei siegt.«

Nun verbreitete sich in den nächsten Tagen die Nachricht, daß die Motor-Wagen mit allem Zubehör in den Fabrikgrotten fertiggestellt seien.

Der Expedition stand also nichts mehr im Wege.

Und die Mondmänner trugen die Motor-Wagen wie Triumph-Wagen an den Mondrand.

Es streckten sich so viele Hände hilfsbereit aus, daß immer an die zehntausend Mann einen Wagen an Stangen und Strikken tragen konnten.

Es sah sehr lustig aus, wie die kugelrunden, rotglühenden Mondleute mit den großen Tonnen über die Krater des Mondes dahinschwebten - mitten im grellsten Sonnenschein im sammetgrünen Himmel.

Es stellte sich sehr bald heraus, daß sämtliche Mondvölker vollzählig an dem Rande, der zum Jenseits führte, versammelt waren.

Selbst Knéppara war mitgekommen.

Und nun begann das Aufstellen der Wagen und das Erwärmen der Maschinen und das Aufwickeln der Drahtmassen.

Und dann kam das Abschiednehmen derer, die hineinfahren wollten ins unbekannte gläserne Land.

Und dann wurden die Wagen probeweise losgelassen.

Und dann wurden die kleinen Reparaturen vorgenommen.

Und dann gings endlich wirklich los.

Die Glasfenster in den Wagen funkelten im Sonnenschein. Und Räder waren an allen Seiten der großen Tonnen, so daß die ganz gemütlich umfallen konnten; das schadete nichts.

Mafi saß mit Zikáll, Knéppara mit seinem Inspektor zusammen, und der große Loso fuhr ganz allein in einer kleineren Tonne.

Und am Rande sahen die Mondvölker den funkelnden, wackelnden, aber ziemlich schnell weiterfahrenden Tonnen mit Begeisterung nach.

Man hatte bei der großen Aufregung gar nicht bemerkt, daß die bunten Blitzblumen in der letzten Zeit nur noch ganz vereinzelt gesehen wurden; ihre Größe hatte allmählich sehr abgenommen.

Aber nach der Abfahrt der Wagen, deren Zahl sich auf fünfzig belief, ließen sich die Blitzblumen ganz und gar nicht mehr sehen; Rasibéff wars, der hierauf zuerst aufmerksam machte und diese Tatsache selbstverständlich als ein für die Weltfreunde sehr erfreuliches Zeichen betrachtete.

Und nun leitete Rasibéff mit den Weltfreunden eine ganz energische Agitation ein; er wollte besonders die von den fünfzig Wagen einlaufenden Telegramme für die Zwecke der Weltfreunde benutzen; Knéppara war ja nicht da, und seine Abwesenheit mußte doch benutzt werden.

Die Telegramme ließen natürlich nicht lange auf sich warten; es wurden beim Telegraphieren zumeist die Drahtseile benutzt, an denen die Wagen gefesselt waren; die Wagenführer bedienten sich auch der Schalltrichter - doch nicht zu oft.

Zunächst enthielten die Nachrichten begeisterte Schilderungen von den wundervollen Glassteinen.

Es ist unglaublich, telegraphierte der große Erd- und Glasfreund Loso, was für wundervolle Glassorten hier überall zu sehen sind. Uber die einfachen Farbenwunder, die von der Luftgrenze aus sichtbar sind, brauche ich ja Weiteres nicht zu sagen. Aber das Herrlichste entfalten nun die weiten Platten und Ebenen, die von verschiedenen Farben koloriert sind Eisflächen unter buntem Himmel geben kaum eine Ahnung; die Eisflächen, die wir auf der Mondoberfläche zeitweise sehen können, zeigen sich ja nur noch in der Umgebung des Kupferkraters und sind viel zu klein. Hier aber ist alles im größten Stile da: weiße Felder mit unzähligen gelben und schwarzen Flecken - in graden Linien blau gestreifte Purpurgebirge - und ganz bunt gestreifte in herrlich geschwungenen Linien! Oft hängen grüne und perlartig schimmernde Glaskugeln wie die Trauben blühender Moosarten hoch oben an den steilen Gebirgsrändern. Und die Glaskugeln schimmern! Was haben die Mondleute versäumt, daß sie erst jetzt eine Expedition aussandten! Der Himmel ist hier am Tage grau und nachts braun; die Sterne sind wie drüben bei Euch.

Es fiel dem Rasibéff und seinen Freunden natürlich nicht schwer, dieses Telegramm im weltfreundlichen Sinne zu verwerten. Wenn die jenseitige Mondhälfte so großartig war, so mußte es doch bald wie ein großes Unrecht aussehen, wenn man immer noch zögern wollte, die großen Bohrarbeiten im Mittelpunkte des Mondes in Angriff zu nehmen.

Und nun liefen gleichzeitig von zwanzig Seiten Telegramme ein mit Berichten von großen herrlichen Höhlen, die man unter dem durchsichtigen Glase entdeckt hatte.

Diese Höhlen wurden von den Wagenführern in ganz sinnverwirrenden Worten geschildert.

Und so lief immer mehr Wasser auf die Mühle der Weltfreunde, obschon das Wasser auf dem Monde sehr knapp war.

Und es gab bald keinen Erdfreund mehr, der nicht ein paar Dutzend Male seine Partei für verloren gehalten hätte.

Zikáll telegraphierte, er bemerke mit Staunen, daß kaum der vierte Teil der von ihm gesehenen Glasmassen undurchsichtig sei.

Und die anderen Wagenführer bestätigten das.

Hieraus folgt, sagte Zikáll, daß die Glasgrotten am Tage einfach taghell erleuchtet sein müssen - selbst noch in sehr großen Tiefen - da ja sogar das undurchsichtige Glas das Licht noch immer in großer Fülle durchläßt - während andrerseits die durchsichtigen Glasmassen die Stärke des Tageslichtes noch vervielfältigen können.

Rasibéff geriet ganz außer sich, als er diese Äußerungen des großen Zikáll zu Gesichte bekam.

»Unter diesen Umständen«, rief der Pflastermann, der jetzt in den Todesgrotten nicht viel zu tun hatte, »ist es beinahe zu leicht, für die Weltfreunde Partei zu nehmen. Wenn die Sache derartige Fortschritte macht, so wird ein Widerspruch bald schwer werden. Knéppara hat einen großen Fehler begangen, daß er durch sein Fernsein dem Rasibéff die Arbeit so leicht machte. «

Die nun folgenden Telegramme schlugen aber dem Faß einfach den Boden aus; viele Führer der Erdfreunde, die sonst nie den Kopf verloren, erklärten feierlichst, daß sie jetzt ihre Sache aufgäben.

Vom siebzehnten Wagen lag folgender Bericht vor:

Heute ist ein Rubin mit einem Durchmesser von einer halben Meile in Sicht gekommen. Der Farbenbrand der einen Ecke hat eine Lichtstärke, die fünfzigmal die der Sonne übertrifft. Ich halte mit meinem Wagen an und notiere genau die Effekte, die der Farbenbrand des großen Rubins auf der Umgegend erzeugt; die Reflexbilder sind in folge der Mondbewegung in jedem Augenblick andre. Ein paar Hauptmomente werde ich photographieren.

Und ähnliche Telegramme folgten von allen Seiten, so daß diejenigen Mondleute, die nach der Abfahrt der Wagen zu ihren Teleskopen zurückgekehrt waren, diese von neuem verließen und sich in hellen Scharen zur Luftgrenze begaben, um die neuen Telegramme noch schneller kennenzulernen - obgleich das eigentlich kaum möglich erschien, da die Telegramme stets ohne Aufenthalt weitergegeben und überall in jedem Krater gleichzeitig lesbar wurden.

Doch die Ungeduld tut oftmals Dinge, die gar nicht getan zu werden brauchen - und dennoch so gerne getan werden, obschon jeder weiß, daß sie ganz unnütz sind.

Die allgemeine Erregung steigerte sich von Stunde zu Stunde derart, daß mancher vorsichtige Mondmann sagte:

»Kinder! Wenn das so weiter geht, so fürchte ich, daß uns bald die Bäuche platzen - vor lauter Spannung.«

Und Mafikâsu telegraphierte:

Ich sehe heute durch mein Fernrohr einen Diamantengletscher - in Bewegung. Dieses Schauspiel zu beschreiben, ist mir unmöglich, da mein Begleiter mir keinen Augenblick Ruhe läßt. Zikáll interessiert sich für den in Bewegung befindlichen Diamantengletscher nicht im mindesten. Und ich klage hiermit Zikáll an, daß er nicht mit mir zusammenhält.

Dieses Telegramm brachte eine kleine Verwirrung hervor, da man durchaus nicht wußte, was denn den Zikáll bewegen sollte, derartig rücksichtslos zu sein; die Sache sah unbegreiflich aus. Und alle warteten auf Zikálls Erklärung. Und die ließ auch nicht lange auf sich warten.

Zikáll telegraphierte sehr hastig und mit orthographischen Fehlern:

Mache die Entdeckung, daß eine größere Anzahl seeartiger Glasebenen ausgesprochenen Linsencharakter trägt. Ich halte es für wahrscheinlich, daß wir im Mittelpunkte der Glasseite eine kolossale Glaslinse entdecken werden, die wir zu Teleskopzwecken im Naturzustande wohl benutzen könnten. Die Glaslinsen, die ich sehe, werden immer größer. Die Erbauer des großen Telesko ps, das die Länge des Monddurchmessers haben soll, können sich freuen.

Nun - über diese Nachricht freuten sich die Weltfreunde ganz gehörig- und mancher Erdfreund desgleichen.

Und alle lachten, daß sich Zikáll in seinem Eifer gar nicht entschuldigte.

Und die beiden großen Führer und Ratsherren erhielten ein paar Tausend Glückwunschtelegramme - und die machten ihnen in ihrer Tonnen-Droschke so viel Spaß, daß sie nahe dran waren, umzukehren.

Sie kehrten aber noch nicht um.

Loso, der allein fuhr, dachte ebenfalls darüber nach, ob es nicht bald Zeit sei, heimzukehren.

Er tat es aber ebenfalls nicht, denn die enfernteren Ebenen, die er durch das vordere runde Fenster seiner Tonne sah, reizten ihn immer mehr und mehr.

»Oh, wie viele Glasfenster«, rief er leise, »lassen sich aus allen diesen Glasfeldern herstellen! Unsre Museen können sämtlich Tageslicht bekommen. Doch siehe - was ist denn das?«

Der Loso setzte noch einmal die Fensterbürsten in Bewegung die draußen flink rauf- und runterflogen, sobald auf den dicken Knopf nebenan gedrückt wurde.

Und dann putzte der Loso nochmals seine Vergrößerungsgläser und das lange Fernrohr - und sah dann mit allen seinen Instrumenten hintereinander in die Ferne.

Und in der Ferne sah er nun große Würfelgebirge - blaue und blanke, die funkelten. Doch diese fernen übereinanderliegenden Würfel gingen so steil in die Höhe, daß die Tonnenwagen da ganz bestimmt nicht rauf kommen konnten.

Und der große Loso telegraphierte: Hohe Würfelgebirge uersperren mir infamerweise den Weg. So weit ich sehen kann, ist weder rechts noch links daran herumzukommen. Ich werde bis dichte ranfahren und dann kehrtmachen. Ich bitte die Monduölker, auf der Bauchtrommel einen neuen Wirbel einzuüben, damit wir bei unsrer Rückkehr richtig geehret werden.

Dieselben Würfelgebirge, die ein paar hundert Meilen lang waren, bewegten noch zehn andre Tonnenwagen zur Umkehr.

Andre Wagen - zwanzig Stück - hatten ein andres Pech: Sie gerieten auf so spiegelglatte Glasebenen, daß die Räder sich bald drehten, ohne die Wagen weiterzubringen. Es kam den Wagenführern so vor, als wenn die Glasflächen eingeölt seien. Da es nun einfach nicht mehr vorwärts ging, mußten sich die Herren zurückziehen lassen, was auch mit Hilfe der Drahtseile ganz gut gelang.

Doch nachdem diese zwanzig Wagen wieder auf ein befahrbares Pflaster gelangt waren, gaben es die Wagenführer auf, die Expedition seitwärts weiter auszudehnen.

So kams, daß bald dreißig Wagen wieder in die dicke Luft des Mondes gelangten und allda sehr feierlich mit neuem Bauchgetrommel, das sich wie irdisches Vogelgezwitscher anhören sollte, begrüßt wurden.

Knéppara war mit seinem Wagen in eine tiefe Schlucht geraten; er hoffte, daß er da unten eine Öffnung finden könnte, um dadurch ins Innere des Mondes zu gelangen. Doch diese Hoffnung erwies sich als eine trügerische.

Da sich Knéppara mit Hilfe der Drahtseile zurückziehen lassen mußte und dieses Zurückziehen nur sehr langsam ausgeführt werden konnte, so hatte der große Knéppara leider von der Expedition am wenigsten, da sein Horizont in der Tiefe zu lange beschränkt war.

Es stellte sich bald heraus, daß von sämtlichen Wagen nicht eine einzige Öffnung in der Glasdecke wahrgenommen wurde; auch in den kraterartigen Glasbergen, auf die einzelne Wagen hinaufgefahren waren, ließ sich von Öffnungen nichts entdecken - das Innere der Krater war stets von Glas ausgefüllt - was sich durchweg seeartig ausnahm.

Der eine Wagen, der von einem ziemlich tollkühnen Weltfreunde geführt wurde, fuhr sogar auf einen solchen Glassee hinauf und brach nicht ein.

Die Wagen hatte man so gebaut, daß sich die Räder, die zu den Reifen rechtwinklig standen, mit Leichtigkeit einziehen ließen; beim Runterfahren konnten daher die Tonnen gelegentlich seitwärts wie ganz gewöhnliche Tonnen an den Abhängen runterrollen - dabei mußten jedoch die Drahtseile sehr rasch gedreht werden - mit welchem Umstande die Maschinenbauer wohlweislich gerechnet hatten - die Drahtseile drehten sich in der Tonne beim Seitwärtsrollen von selbst.

Bei diesem gefährlich aussehenden Hinabfahren bliesen die Insassen der Gefährte ihren Bauch etwas auf und steckten den Kopf einfach in die Bauchhaut hinein - und zwar so tief, daß der Rumpf auch gleich von der dicken Bauchhaut umschlossen wurde; dieses Verfahren schützte gegen jeden Stoß ganz ausgezeichnet; der Mondmann wurde dabei zum unempfindlichen Gummiball.

Es war nun schon ein gutes halbes Jahr seit Abgang der Expedition verflossen - und nur noch siebzehn Wagen befanden sich unterwegs.

Da kam ein Telegramm von Mafikâsu und Zikáll an - das lautete einfach:

Drahtseile verlängern. Wir müssen weiter. Die übrigen Wagen können samtlich zurückgezogen werden.

Das Telegramm rief eine allgemeine Neugierde wach - und den sechzehn anderen noch auf der Fahrt befindlichen Wagen wurde die Geschichte sofort mitgeteilt.

Und die Sechzehn kehrten sofort um.

Und nun konzentrierte sich das ganze Interesse der Mondvölker nur noch um den einen Wagen, in dem Mafikâsu und Zikáll dahinfuhren.

Und sie fuhren immer weiter und ließen die Mondvölker beinah fünfzehnhundert Stunden ohne Nachricht.

Dann aber kams!

Zikáll telegraphierte:

Wir sind jetzt soweit gekommen, daß wir endlich sagen können, was wir entdeckt haben: Nach den bisherigen Bodenmessungen und nach der Zeigerstellung unsres kombinierten Radpendels müssen wir erklären, daß wir dem Mittelpunkte unsres Sterns itzo näher sind als auf jedem anderen Teile der uns bekannten Mondoberfläche. Und hieraus geht hervor, daß wir uns den Mond fürderhin nicht mehr als Kugel vorzustellen haben; die Glasseite des Mondes hat einen großen Riesenkrater in der Mitte. Wenn wir nicht irren, befinden wir uns auf dem Rande des großen Riesenkraters. Wir werden diesen Rand nicht durchfahren können - dazu sind die Terrainschwierigkeiten zu groß. Aber - zu bezweifeln ist nicht mehr, daß der mittlere Teil der hinteren Seite unsres Mondes von einer kolossalen Glaslinse ausgefüllt sein muß. Und diese viele Meilen breite Glaslinse wird ebenso wasserklar sein wie die der kleineren Krater, von denen wir fünf genau untersucht haben. Die außerordentlich wilde Natur der Glasgebirge, in denen wir hier umherfahren, gestattet uns nicht, weiter vorzudringen. Aber dem Mittelpunkte des Mondes sind wir näher denn sonst - und das genügt ja, wenn wir beweisen wollen, daß die Glasseite lange nicht so viel Ausbauchung besitzt- wie die Halbkugelform der vorderen Mondseite. Die hintere Seite ist eben so eingedrückt worden, daß der ganze Mond eine Art Mützenform erhielt; auch ein etwas angezogener Mondmannsbauch ist dem Bilde unsres Sterns ähnlich. Leider kommen wir schlechterdings nicht weiter - auch die besten Fahrzeuge würden hier nichts nützen. Die steilen senkrechten Felswände aus purem Glas mehren sich - und der Boden wird so ölig, daß wir uns ganz verwundert fragen, wie es möglich war - so weit zu kommen. Das ist das reine Wunder!

Und Mafikâsu telegraphierte:

Derjenige Monddurchmesser, der für das große Fernrohr jetzt ganz allein in Betracht kommt, ist also kürzer, als wir dachten. Und da wir jetzt doch die Rückseite des Mondes näher kennenlernen müssen, so lassen sich die Bohrarbeiten im großen Stil nicht mehr aufschieben.

Als diese Telegramme der liebe Rasi las - da weinte er vor Freude.

»Auf der Glasseite lassen sich eben Bohrarbeiten nicht ausführen - dazu fehlt uns eben die Luft. Und wollten wir einen Wagen glatt anlegen auf eine glatte Fläche und dann durch den Wagenboden durch gleich hineinbohren ins Glas - so wäre das doch zu umständlich, da ja der Wagen der Bohrma schinen wegen so groß sein müßte, daß es schwerfallen I dürfte, ihn weiter ins Glasland hineinzuschaffen; die glatten I Flächen sind nicht gleich am Luftrande da.«

Also sprach Zikáll, nachdem er mit Mafi seine Mondvölker wiedergesehen hatte.

Das war ein Wiedersehen gewesen!

Zittern vor Freude taten die Weltfreunde und glühen taten sie, daß der grüne Himmel beinahe ganz rot wurde - denn die Mondleute waren doch in so großen Scharen an den Luftrand eflogen, daß die Atmosphäre an der Stelle, an der der letzte der fünfzig Wagen zurückkehrte, von oben bis unten und nach allen Seiten ganz und gar mit Mondleuten angefüllt erschien.

Das war ein herzerquickender Anblick gewesen für die beiden großen Mondmänner, die in ihrer Tonne am Fenster saßen; die Fenster hatte man der Sicherheit wegen sämtlich durch Drahtnetze geschützt, so daß die drinnen Sitzenden von außen nicht gesehen werden konnten.

Und so wurde das Wiedersehen der beiden großen Entdekker für alle Mondvölker ein ganz plötzliches.

Mafikâsu und Zikáll schwebten nun im Mittelpunkte der Tagesinteressen.

Und alle Mondvölker lauschten nun tagelang den Worten der beiden - wie Offenbarungen.

Und dem Knéppara mit seinen Erdfreunden, soweit sie ihm noch treu bleiben mochten, fiel es sehr sauer, sich Gehör zu verschaffen.

Die Mondmänner vernachlässigten ihre gewohnte Tätigkeit an den Kraterteleskopen und interessierten sich bloß noch für die neu entdeckte Mützengestalt des Mondes - und besonders für die große natürliche Glaslinse, die in der Mitte der Glasseite sitzen sollte.

Die Versammlungen in den großen und kleinen Versammlungsgrotten folgten einander immerzu; es riß gar nicht ab.

Indessen - Knéppara sprach in einer dieser Versammlungen ein paar Worte, die nicht unbeachtet bleiben konnten. Knépp sagte:

»Ich halte mich doch für verpflichtet, die Mondleute vor voreiligen Handlungen, so gut ichs kann, zu warnen. Wir alle wissen, daß Meteore auf der von uns bewohnten Mondseite sehr selten herunterfallen. Jedoch gleichzeitig wissen wir, daß die Meteore in die Luft der Erde zu Tausenden hineinfliegen. Nun ist die Erde durch eir.en anderthalb Meilen breiten Luftgürtel geschützt. Hätte die Erde nur so wenig Luft an ihrer Oberfläche wie der Mond auf der von uns bewohnten Seite, so wäre alles, was die Erdmänner geschaffen haben, längst von den Meteoren kurz und klein geschlagen.«

»Das würde nicht sehr zu bedauern sein!« rief da ein Mondmann aus.

Doch der Knéppara fuhr fort:

»Es ist nicht unsre Aufgabe, über Dinge, die auf andern Sternen vorgehen, unser Mißfallen oder unser Frohlocken zu äußern. Und ich verstehe nicht, wie ein Mondmann, der doch der Welt gegenüber immer nur unbeteiligter Zuschauer bleibt, eine derartige Bemerkung machen kann.«

»Ein Erdmann sprach wohl aus ihm!« rief da eine Stimme aus dem Hintergrunde.

Es trat eine Pause ein. Knéppara trommelte nervös auf seinem Ballonbauch, und ein paar Weltfreunde baten, den Redner doch nicht mehr zu unterbrechen.

Und da sagte dieser leise und eindringlich:

»Da nun aber auf der Glasseite des Mondes gar keine Luft ist und dort auch keine Erde die Meteore ablenkt, so muß doch die natürliche Linse, die für das große Teleskop benutzt werden soll, mit Meteoren einfach gespickt sein.«

Nun - diese Bemerkung zog. Und die Freunde des großen Teleskops wußten lange nicht, was sie sagen sollten.

Wohl meinten einige, daß die Existenz der natürlichen Linse ja noch gar nicht bewiesen sei. Und andere behaupteten, das große Fernrohr ließe sich auch, ohne die Naturlinse zu beachten, mit einer Kunstlinse herstellen, da ja Glas in genügender Menge vorhanden sei.

Aber die Verstimmung blieb, denn die Gefährlichkeit der Meteore erschien allen als nicht zu leugnende Tatsache.

Dieser Knéppara war ein zu verachtender Gegner in keinem Fall.

Doch da ergriff zur rechten Zeit wieder der große Zikáll das Wort und äußerte sich in einer Drucksache folgendermaßen:

Die Bewegungen der meisten Meteore, die in unserem Sonnensysteme herumschwirren, schließen sich im großen und ganzen den Bewegungen der Planeten und Monde an und umkreisen mit diesen - wenn auch in komplizierteren Kurven - unsre Sonne so gut wie wir. Und das hat zur Folge, daß alle Meteore nicht in senkrechten, sondern nur in sehr schragen Linien auf die größeren Sterne und Monde fallen. Nun ist aber ohne Frage die natürliche Linse, die wir inmitten der Glasgefilde vermuten, ziemlich tiefliegend - und vielleicht nicht allzufern von den Todesgrotten. Was will denn da der Knéppara? Die Linse ist doch durch die höheren Gebirge, von denen sie kraterartig auf allen Seiten umgeben ist, genü gend geschützt. Wir müssen doch annehmen, daß diese Ge birge, die die Spiegelfläche der Linse umschließen, diese Linse viele Meilen hoch überragen. Ja - es ist nicht unwahrschein lich, daß sich d ie Linse in einem Loche befindet, das mehr als hundert Meilen tief ist. Wir sind durchaus nicht berechtigt, anzunehmen, daß die Meteore der großen Linse gefährlich geworden seien; alle Kreaturen - und auch die Sterne - pfle gen ihre empfindlichen Organe an geschützten Stellen zu ha ben. Vergessen wir nicht, wie gut unsre Augen geschützt sind. Unsre Fühlhörner sind so empfind lich, daß wir jedem Meteor aus dem Wege gehen müssen - und da sollte der große Mond Organe haben, die jeder dumme Meteor zertrümmern kann? Das ist doch wohl nicht anzunehmen.

Die Mondvölker atmeten auf nach dieser Rede.

Und es dauerte nicht lange, so wurde auf Beschluß aller cine große Ratssitzung anberaumt, in der endlich über das Schicksal der großen Bohrarbeiten endgültig beraten werden sollte.

Um dem Knéppara nicht Zeit zu lassen, weitere störende Bemerkungen zu machen, hielten es die Weltfreunde für gut, die Ratssitzung womöglich sofort abzuhalten.

Und das ging auch.

Und dann saßen die hundert Ratsherren wieder auf ihren Amethystsäulen und dachten nach über ihr zukünftiges Leben.

Und an den Wänden aus Bergkrystall lagerten die Völker des Mondes in großen Scharen.

Und da nicht alle in der Ratsgrotte Platz hatten, so ließen sich auch viele oben und auf dem Rande des Kraters nieder. Und auch die äußeren Seiten des Kraters wurden dicht besetzt.

Und alle diese Volksmassen, in denen alle Nationalitäten vertreten waren, saßen mäuschenstille da, so daß man kaum ihr Atmen hörte.

Und neunundneunzig Ratsherren sahen schweigend und erwartungsvoll den großen Herrn Knéppara an.

Und nach einem langen Schweigen sprach der Knéppara also:

»Die Erdmänner haben für uns eine außerordentliche Bedeutung gewonnen. Es ist mir und meinen Freunden verdacht worden, daß wir uns mit so viel Eifer um die Erdmänner kümmern, obschon wir wissen, daß sie niedrigstehende, beklagenswerte Geschöpfe sind, die einer Entwicklungsstufe angehören, die wir auf dem Monde so lange hinter uns haben, daß wir uns ihrer gar nicht mehr zu erinnern vermögen, obschon wir an schlechtem Gedächtnis wahrlich nicht leiden. Es wird namentlich mir persönlich vorgeworfen, daß ich mich von dem ekelhaften Auf- und Ableben der Erdkreaturen nicht unangenehm berührt fühle. Nun möchte ich bitten, die Objektivität des Zuschauers nicht für Urteilslosigkeit zu halten - und auch nicht mit Unempfindlichkeit zu identificieren. So was mutete doch sonst ein Mondmann dem andern nicht zu. Ich gestehe, daß mich das ganze Leben der Erdmänner in all seiner viehisch fressenden Rohheit ebenso abstößt, wie es jeden Weltfreund abstößt. Andrerseits bin ich aber doch der Uberzeugung, daß selbst unter so niedrigstehenden Kreaturen bereits einzelne sein können, deren Gesellschaft uns vielleicht nicht so furchtbar unangenehm sein würde. Und diese paar besseren Erdleute, deren Zahl naturgemäß sehr winzig ist, veranlassen mich, die Sache der Erdfreunde nochmals zu verteidigen. Ich weiß, es wird mir der Kampf wahrlich nicht leicht gemacht. Ich strebe auch nicht mehr danach, als ein Sieger aus diesem Kampfe hervorzugehen. Ich will nur retten, was noch zu retten ist. Unter den neuesten photographischen Aufnahmen, die uns von wolkenlosen Stellen der Erde so genaue Bilder geben, daß wir auf ihnen Bücher zu lesen vermögen, fand ich auch ein paar Druckseiten - auf denen wörtlich das Folgende stand:

Wir können auf der Erde nur dann erträgliche Zustände haben, wenn wir den für unsre Kultur blamablen Militarismus zerbrechen. Das ist aber nur möglich, wenn wir eine im großen Stile veranstaltete Agitation arrangieren, die eine an Ekel streifende Abneigung gegen alles Soldatenwesen erzeugt. Diese Agitation muß mit allen Mitteln - und besonders durch rücksichtslosen Spott - die Abneigung der Volksmassen gegen alles Soldatenwesen großziehen. Es muß so weit kommen, daß man im Soldaten die Wurzel alles irdischen Ubels sieht. Es muß zum guten Tone gehören, vom Soldaten mit derselben Entrüstung zu sprechen, mit der man bislang vom gemeinen Raubmörder sprach. Um diese Stimmung zu erzeugen, ist zunächst die gesamte Tagespresse, das gesamte Schulwesen und auch das Bekleidungswesen in diesem Sinne zu beeinflussen. Man muß die Tageszeitungen, die ohne lebhaftes Bedauern, dem sich gelegentlich Worte des Abscheus beizumischen haben, von Militär- und Kriegsangelegenheiten sprechen, bekämpfen und isolieren durch Bevorzugung der Tageszeitungen, die tagtäglich gegen die stehenden lleere zu Felde ziehen; würde es gelingen, die Halfte der Tagespresse zu überzeugten Gegnern des Militarismus zu machen, so hätte die Friedenspartei leichte Arbeit. Andrerseits ist aber nicht zu vergessen, daß bereits das Schulwesen durch regulä res Umgehen und Übergehen aller kriegerischen und militaristischen Dinge ganz Außerordentliches leisten könnte; hier könnte die Geistlichkeit das erste Wort sprechen. Den Künst lern jedoch fällt die Aufgabe zu, durch Verspottung aller Uni formgeschichten den Geschmack im Bekleidungswesen derart zu fördern, daß es jedermann für ungebildet ansehen muß, wenn er sich so kleidet wie sein lieber Nachbar; dann wird jede Uniform bald wie eine Karikatur wirken und Lachreiz erwecken. Ist erst die allgemeine Stimmung energisch gegen alles Soldatentum aufgebracht - so werden die Regierungen der einzelnen Staaten sehr bald gezwungen sein, sich so weit zu einigen, daß dem Willen der Völker Rechnung getragen werden kann. Man vergesse nicht, was ein einziger Mann vermag, der über die Waffen eines allzeit schlagfertigen Spottes verfügt. Und diese Waffen des Spottes müssen den Völkern in die Hand gedrückt werden. Spöttisch lachende Völker werden unwiderstehlich sein.

Hiermit schließt der erdmännische Autor noch nicht ab - er gibt noch manchen Fingerzeig über den Spottkampf im allgemeinen und deckt einzelne Stellen auf, in denen sich der Spott leicht festbeißen kann. Aber aus dem, was ich vorlas, werden die Mondvölker entnehmen, daß es doch einzelnen Erdmännern sehr wohl darum zu tun ist, die ekelhaften Zustände im Erdendasein ein wenig zu mildern. Jedenfalls gibt man sich da unten doch Mühe - aufzusteigen - wenn auch die Intelligenz in den Maßen vorläufig nicht sehr hoch anzuschlagen ist. Uns kann es selbstverständlich von unsrem Zuschauerstandpunkt aus ganz gleich bleiben, ob die Erdmänner sich gegenseitig totschießen oder umarmen. Aber da mit so viel gutem Willen Kämpfe vorbereitet werden, die auf der Erde mindestens eine ebenso große Revolution erzeugen müssen wie auf dem Monde die Bohrarbeiten fürs große Teleskop - so hätte ichs doch gerne, wenn die beiden Revolutionen in einen gewissen Zusammenhang gebracht würden. Man vergesse nicht, wie bewunderungswürdig die gute Laune ist, mit der da unten so entsetzlichen lächerlichen Ubelständen zu Leibe gegangen wird. Und so sage ich denn im Namen der Erdfreunde: Wenn die Friedensfreunde auf der Erde nicht siegen, so sind die Erdfreunde des Mondes bereit, an den Bohrarbeiten sämtlich teilzunehmen; wenn nach fünfzig Jahren nicht ein einziger Staat auf der Erde, der augenblicklich noch die allgemeine Wehrpflicht anerkennt, diese abgeschafft hat- so könnten die Bohrarbeiten auf dem Monde sofort beginnen.«

Knéppara schweigt.

Und alle denken über das Gesagte nach.

»Es ist«, sagt dann nach langer Pause der weise Zikáll, »sehr interessant, solche Lebewesen, die ihr Unglück mit Laune und sogenanntem Humor bekämpfen wollen, kennenzulernen. Da wir das Unglück nicht kennen, brauchen wir allerdings keinen Humor. Aber ich kann nicht bestreiten, daß ich mich für den erdmännischen Humor interessiere; ich bin neugierig, ob der auf Erden siegen wird - und darum würde ich gern für Knépparas Antrag stimmen.«

»Es sieht mir nur«, sagt da langsam der Mafikâsu, »so wie Leichtsinn aus, wenn wir die Herstellung unseres großen Fernrohrs von dem Benehmen der Erdmänner abhängig machen, die doch dadurch, daß sie ihr Leben nur durch Vernichtung andrer Lebewesen erhalten, uns so fern stehen, daß ich nicht begreife, wie man die kleinen Revolutionen auf der Erdoberfläche mit der großen Revolution des Mondes in einen ideelichen Zusammenhang bringen kann.«

Da werden sehr viele Ratsherren plötzlich rot, und der l.oso sagt eifrig: »Aber Mafikâsu! Hast Du denn ganz vergessen, daß Du vor nicht gar zu langer Zeit einen Antrag bei uns eingebracht hast, der dem des Knéppara verflucht ähnlich sieht?«

»Und glaubst Du denn«, ruft nun Knéppara heftig, »daß die Art, in der die Kreaturen der Erde zu leben aufhören, für diese so furchtbar unpassend ist? Ich dächte, solange sich ein Stern noch nicht in beruhigtem Zustande befindet - solange kann ihm gar nicht daran liegen, daß seine Kreaturen leben bleiben. Und wissen wir denn, was es mit dem Sterben auf der Erde auf sich hat? Wir haben nur die Bilder davon, die unser Auge uns gibt. Sprechen wir doch nicht zu viel über die ›niedrige‹ Stufe des Sterns Erde! Vielleicht steht der Stern Erde unter den astralen Lebewesen viel höher als der Stern Mond; denn was auf der Oberfläche der Erde vor sich geht, könnte doch für den Kern gar nicht maßgebend sein; es fragt sich sehr, ob ein Stern auch von den Würmern, die auf seiner Oberfläche herumkrabbeln, ein vollkommenes Dasein verlangen muß; von astraler Moral haben wir doch keine Vorstellung. Es ist doch möglich, daß jemand nicht viel auf die Vollkommenheit seiner Haut gibt - wenn er sich innerlich vollkommen fühlt. Wir Mondleute müssen doch auch sagen, daß unsre faltenreiche haarlose Haut nicht eine vollkommene Sache ist; es ist doch schon etwas Unvollkommenes, wenn man, wie bei uns, aus dem Aussehen der Haut sofort auf das Innere schließen kann - so daß niemand seine Empfindungen zu verbergen vermag.«

Da lachten alle Mondleute.

Und ihre Falten im Gesichte flimmerten, als wären sie aus gummiartigem Opal. Und die blauen Augen der Mondleute leuchteten, und ihre Fühlhörner zitterten auf ihren Köpfen.

Dann aber sagte Mafikâsu leise:

»Wenn nach fünfzig Jahren nicht drei Staaten auf der Erde, die augenblicklich noch die allgemeine Wehrpflicht in den sogenannten europäischen Uniformskostümen anerkennen, diese allgemeine Wehrpflicht in ihren drei Staaten abgeschafft haben - so könnten die Bohrarbeiten auf dem Monde beginnen. Möchte Knéppara seinen Antrag nicht in diesem Wortlaute formulieren?«

Es wurde wieder mäuschenstill in der Ratshalle, so daß man nicht das Atmen hörte.

Auch die Völkerscharen, die an den Wänden aus Bergkrystall und oben im Trichter und auf der Außenseite des Kraters versammelt waren, sprachen kein Wort.

Die telegraphischen Tafeln waren überall so angebracht, daß die Reden, die die Ratsherren auf ihren Amethystsäulen hielten, überall sofort verständlich wurden; die Apparate machten ohne weiteres aus allen Worten auf den telegraphischen Tafeln große Schriftzeichen, die jeder Mondmann leicht mit seinem Fernglas lesen konnte; die Farbe der Ratsherren war auf den Tafeln unten in Punkten sichtbar.

Lange Zeit währte die Ruhe im Ratskrater.

Die hundert Ratsherren zitterten nicht mit den Fühlhör nern, blickten auch nicht mit den Augen nach rechts und nach links, sie blickten vor sich runter in die tiefe Tiefe; die Herren dachten eifrig über das Gesagte nach.

Und nach anderthalb Stunden sagte Knéppara leise: »Ja!«

Da atmeten die Ratsherren ganz tief auf - so daß ein kleiner Wirbelwind im Krater entstand.

Und dann sagte Loso leise: »Wir wollen abstimmen.«

Und alle hundert Ratsherren waren in den nächsten fünf Minuten rot; sie warens nicht auf einmal geworden - aber sie wurdens doch nach und nach sämtlich.

Und ein unbeschreiblicher Jubel durchbrauste den großen Ratskrater, daß die schlanken Amethystsäulen bebten.

Nun ward es wieder ruhiger auf der bemoosten Seite des Mondgestirns, und die lauten heftigen Reden der Mondleute verstummten allmählich.

Von den Blitzblumen war nicht mehr die leiseste Spur zu bemerken, sie kamen wie der Blitz und verschwanden auch so.

Die fünfzig Tonnenwagen wurden wieder ins Innere des Mondes gebracht und in der Nähe der Fabrikgrotten aufbewahrt; die Wagen sollten eigentlich verbessert werden, gerieten aber bald in Vergessenheit.

Nach all der großen Erregung kam jetzt eine Zeit der Abspannung.

Und es wurden sehr viele Mondleute müde.

Und der Pflastermann hatte mit seinen Gehilfen viel zu tun.

Und die hohen violetten Hallen der Todesgrotten bevölkerten sich immer mehr und mehr.

Oben an den Kratern wurde jetzt die Erde mit größtem Eifer beobachtet, und die Museen, in denen sich die Photographien der Erdbilder befanden, wurden überall durch Inanspruchnahme andrer Grotten erweitert.

Und bei dieser Erweiterung wurde viel Glas von der Jenseitsseite des Mondes geholt; in den Fabrikgrotten hatten die Erdfreunde zu diesem Zwecke eine kolossale Maschine hergestellt.

Der Pflastermann wunderte sich über die große Arbeit, die diese Maschine verursacht hatte und sagte mal zum Loso, dem großen Glasfreunde:

»Ist es nicht verwunderlich, daß die Erdfreunde so viel Scharfsinn und so viel Arbeit aufwenden, bloß um ja nicht die alte Erde aus dem Auge zu lassen? Und ist es andrerseits nicht wieder verwunderlich, daß sie der Arbeit, die das große Fern rohr verlangt, so ängstlich aus dem Wege zu gehen trachten ? Wie reimt sich das?«

»Lieber Pflastermann«, versetzte da der Loso, «die Geschichte nimmst Du nicht so ganz richtig. Die Erdfreunde gehen den großen Arbeiten durchaus nicht aus dem Wege. Wer das Gegenteil behauptet, kennt uns nicht. Bedenke mal bloß, was das für Mühe gekostet hat, die einzelnen Sprachen der Erdvölker zu entziffern! Das war keine kleine Arbeit - wahrhaftig nicht! Und sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Was den Knéppara und mich veranlaßt, soviel gegen das große Fernrohr zu reden - das ist doch nicht Arbeitsscheu. Wir wollen bloß nicht in unsren Arbeiten, die noch viele Lücken aufweisen, gestört werden. Schließlich hoffen wir, in den fünfzig Jahren, die wir Vorsprung gewonnen haben, so viel zusammenzubringen, daß wir uns ein bißchen verschnaufen können. Die Erdfreunde arbeiten heute mehr denn je. Es sieht uns eben so aus, als ob jetzt auf der Erde jeden Tag Wunder passieren könnten. « »Hm!« sagte da der Pflastermann »auf dem Monde siehts mir jetzt auch so aus, als ob alle Tage Wunder passieren könnten.«

»Wie«, fragte Loso, »meinst Du das? Ich dächte, es wären jetzt bald genug Wunder bei uns passiert. Mafikâsus Erfolge - der Lanzen-Nebel - die Blitzblumen - der Diamantengletscher- der große Rubin - ist das nicht schon alles, was sein kann?«

»lch glaube« flüsterte der Pflastermann geheimnisvoll, »es ereignen sich noch mehr. Wenn Du in die Todesgrotten mitkommen möchtest, so würdest Du was erleben. Ich habe die Sache nun schon sehr lange geheimgehalten, da ich glaubte, auf dem Monde sei schon genug Erregungsstoff da.«

Na - Loso begleitete gleich den Pflastermann.

Und in den Todesgrotten fanden sie in einem stillen dunklen Winkel den gelehrten Zikáll, der neben den Herren Nadûke und Klambátsch saß.

Zikáll sagte gleich:

»So was ist noch nicht vorgekommen. Die Herren sitzen nun bereits über zwei Jahre, und die Neubildung in der linken Ballonseite zeigt sich nicht. Dafür zeigen sich andre Erscheinungen. Wartet ein wenig - die Geschichte muß gleich wieder losgehn.«

Und kaum hatte er das gesagt, so entstand ein seltsames dunkelblaues Licht in den Körpern des Nadûke und Klambátsch ZU gleicher Zeit. Und jedes der beiden dunkelblauen Lichter irrte in dem Leibe herum und sprang dann wie eine Leuchtkugel raus und tanzte in der Luft auf und ab wie ein Irrwisch. Und plötzlich zerspritzten die beiden tanzenden Lichter- und die blauen Lichtteilchen waren gleich wie dünne weiße Schlangen - die sich in der Luft hin und her schlängelten - und dann langsam nach allen Seiten zerrieselten - wobei es zuweilen so aussah - als wenn Schneeflocken herumflögen.

»Was ist denn das?« rief der Loso, als es vorbei war.

»Wir müßten die Sache«, sagte der Pflastermann, »eigentlich bekanntmachen. Mich hält nur eine Ahnung zurück. Diese Lichterscheinungen haben sich beinahe schon hundertmal gezeigt. Die beiden Herren wissen nichts davon. Aber nach jeder Lichterscheinung habe ich den Körper der beiden ein wenig verändert gefunden. Die Sache spielt schon viel länger als zwei Jahre - es sind bald vier. Wenn bei andern das Herauswachsen des neuen Rumpfes ein halbes Jahr dauert so ist das schon lange. Wir wollen nun noch einmal ganz genau nachsehen.«

Der Pflastermann löste ein paar Pflaster vom Bauche des schlafenden Herrn Nadûke ab - und wurde dabei sehr rot, um besser sehen zu können.

Und mit einem Male fing der Pflastermann furchtbar zu lachen an. Zikáll und Loso wußten zuerst nicht, was das Lachen bedeuten sollte.

Doch sie solltens bald erfahren.

Sie flogen näher, betrachteten den Bauch des Sterbenden sehr aufmerksam - und sahen nun - zwei ganz winzig kleine Köpfe nebeneinander in Nadûkes linker Ballonseite.

Der Pflastermann lachte noch immer.

Aber die Herren Zikáll und Loso schlugen entsetzt die Hände überm Kopfe zusammen und rissen den Mund weit auf.

»Das bedeutet ja«, rief Loso, als erwiederzu sich kam, »daß jetzt zwei Nadûkes entstehen.«

»Das bedeutet es!« sagte der Pflastermann ernst, » jetzt weiß ichs genau; nun können wir von dem unerhörten Wunder allen Mondvölkern Nachricht geben. Ich war bis heute meiner Sache noch nicht ganz gewiß; ich kann mich auf die Feinfühligkeit meiner Finger nicht mehr so recht verlassen; ich glaube, ich werde auch bald müde.«

»Wie steht es aber«, fragte Zikáll, »mit dem Herrn Klambátsch? «

Der Pflastermann nahm auch dem Klambátsch ein paar Pflaster ab - und da waren ebenfalls zwei Köpfchen in der Ballonhaut zu sehen.

Die beiden Sterbenden wurden wieder in die bequemste Lage gebracht, und dann flogen die drei, die das Wunder gesehen hatten, sehr rasch davon.

Und bald wußten alle Mondvölker, daß es demnächst zwei Nadûkes und zwei Klambátsche geben würde.

Und diese Nachricht brachte alle Mondvölker in ein paar Augenblicken ganz aus Rand und Band.

Die Erregung wurde im Handumdrehen so furchtbar, daß alle Führer und alle Ratsherren in größter Eile durch die Lüfte sausten - ohne zu wissen - wohin.

Alle Mondleute waren glühendrot und rangen die Hände.

Und an den Kratern wimmelten die Völker durcheinander - als wenn ein großes Feuer- Funken sprühte.

Und sie flogen in die Todesgrotten und flogen wieder in die Fabrikgrotten - und dann wieder nach oben - und wußten nicht- was sie eigentlich wollten.

Es war eine Aufregung!

Nicht zu sagen!

Und das Merkwürdige an der ganzen Geschichte war, daß alle Mondmänner nicht wußten, ob sie sich über dieses Wunder freuen - oder ob sies für ein Unglück halten sollten.

Die Trubelstimmung währte ohne Unterbrechung volle vierundzwanzig Stunden.

Dann aber kamen die hundert Ratsherren im Ratskrater zusammen und beschlossen, sich gegenseitig ihre Meinungen über dieses eigenartige Naturereignis mitzuteilen.

Und da saßen sie denn wieder mal auf ihren langen schlanken Amethystsäulen - und die Völker ringsum lauschten wieder.

Aber in dieser außerordentlichen Sitzung waren die Herren Ratsherren sämtlich rot wie glühendes Eisen.

Und keiner hatte lachende Gedanken, denn wenn die Sache eine Zukunft hatte...

»Sollen wir«, sprach Zikáll, »annehmen, daß wir nun fürderhin immer gleich mit zwei Schädeln denken werden? Müssen wir nicht befürchten, daß sich unsre Zahl verdoppeln könnte?«

»Und werden wir da«, meinte der große Loso, »nicht schließlich genötigt sein, eine neue Ratsgrotte zu suchen? Ist es nicht nötig, unter den obwaltenden Verhältnissen zweihundert Ratsherren zu wählen? Daß wir uns, wenn sich jeder von uns in zwei Teile spaltet, diese beiden Teile als gleichdenkend vorstellen können, das können wir uns doch nicht denken.«

Ohne diese Worte zu beachten, sprachen nun die andern.

Und alle sprachen - hintereinander - ohne Rücksicht auf die Vorredner - in langen wohlgesetzten Reden.

Und alle hatten plötzlich so viel zu sagen - daß es auf die zuhörenden Mondvölker ganz schrecklich wirkte - denn so viele Meinungen hatten sie noch niemals in einer einzigen Ratssitzung vernommen.

Sonst wars in den Ratssitzungen immer so einfach zugegangenman war ja vorher immer schon einig gewesen - wer sprechen sollte - im Auftrage der anderen.

Und jetzt sprachen alle Hundert.

Das war neu.

Die Namen der Herren Nadûke und Klambátsch wurden in den Reden an die hunderttausend Mal gebraucht; diese beiden Herren, die an Ruhm ihr Lebtag kaum mal dachten, hatten jetzt einen unheimlichen Ruhm; Gepenster könnten keinen haben, der unheimlicher wäre.

Und es empfanden bald alle Ratsherren, daß sich eine große Verwirrung ihrer bemächtigt habe.

Zum Schlusse sprach Knéppara ein erlösendes Wort:

»Liebe Freunde«, sagte er, »ich glaube, daß alle Reden vorläufig recht überflüssig sind, denn wir müssen doch zunächst mal abwarten und erst wissen, ob sich derartige Doppel-Geburten wiederholen werden. Es ist doch nicht so ohne weiteres anzunehmen, daß wir nun gleich sämtlich dazu verurteilt seien, in zwei Köpfen und zwei Leibern weiterzuleben. Ich glaube, wir täten gut, unsre Sitzung so lange zu vertagen, bis sich die Doppel-Geburten in größerer Zahl zeigen. Die Herren Nadûke und Klambátsch dürfen uns doch nicht vollständig aus der Fassung bringen. Wir haben in letzter Zeit doch wahrlich schon Dinge vertragen, die schwerer sind - Dinge, die noch tiefer in unsre Lebensverhältnisse einschneiden - obschon ich zugebe, daß uns dieses Ereignis in unsern Todesgrotten nicht ohne Grund im ersten Augenblick - ein wenig verwirrte.«

Nach diesen Worten beschlossen die Ratsherren, die Sitzung zu vertagen.

Das ging allerdings nicht so schnell - denn es sprachen noch sehr viele Mondleute, die sonst jahrhundertelang kein Wort geredet hatten, zum zweiten und dritten Mal.

Schließlich aber trennten sich die Ratsherren trotzalledem allerdings mit schwerem Herzen - denn die Aussicht, nächstens immerzu einen gleichberechtigten Namensbruder und Leibbruder neben sich zu sehen und neben sich zu hören - erschien keinem Mondmann als etwas Angenehmes - obwohl wieder viele der Meinung waren, daß diese neue Form der Lebensäußerung sicherlich mindestens so interessant sei - wie die Ereignisse im Lanzen-Nebel.

Nun- darüber ließ sich streiten.

Und das wurde auch reichlich getan.

Langsam - sehr langsam ging die Beruhigung der Mondvölker vor sich.

Die Herren Nadûke und Klambátsch kamen schließlich tatsächlich als vier Mondleute an die Oberfläche.

Und dieses verdoppelte Erscheinen machte wieder alle Völker rot; jeder Mondmann wollte nun was andres von den vieren erfahren.

Da gab es gleich ganze Labyrinthe von Fragen.

Und so hatten sowohl Nadûke I wie Nadûke II - wie auch Klambátsch I und Klambátsch II so viel zu antworten, daß ihnen bald das Antworten unmöglich wurde.

Und die vier ließen sich zusammen in einer einsamen Höhle am Zackenfall nieder und baten die Neugierigen herzlichst, vorläufig bloß fern zu bleiben - ganz fern.

Es ließ sich auf diese Weise nicht einmal feststellen, ob die Zweiten genauso dachten wie die Ersten; das wußten sie eben wie so vieles andre selber noch nicht.

Nun ereignete es sich währenddem, daß beinahe sämtliche Führer zu gleicher Zeit schrecklich müde wurden und - ohne es eigentlich zu wollen - genötigt waren, die Todesgrotten aufzusuchen.

Da bemächtigte sich der Mondvölker natürlich abermals eine Panik - denn nun fragte es sich ja - ob sie fürderhin von Doppelwesen regiert werden würden.

Die Geschichte wurde schwierig und gab jetzt auch denen einen tüchtigen Stoß, die schon was vertragen konnten.

Die ganze Beschaulichkeit ging in die Brüche.

Rasibéff war ebenfalls unter den Müden - und er war der erste, bei dem sich die blauen Lichterscheinungen zeigten.

Als es nun klar wurde, daß auch Rasibéff fürderhin in zwei Köpfen und in zwei Rümpfen und in zwei Ballonbäuchen weiterleben mußte - da wußten die Mondmänner nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand.

Anfänglich glaubte der Pflastermann, der jetzt selbstverständlich das erste Wort in allen Mondangelegenheiten hatte, es sei nicht unwahrscheinlich, daß die Ballonbäuche zusammen einen bilden könnten.

Dieses bewahrheitete sich glücklicherweise nicht; aber die Furcht vor einer derartigen Mißgeburt hatte nur noch wenig Eindruck auf die Mondvölker gemacht - sie waren schon ganz abgestumpft durch all das Unerwartete.

Beruhigend wirkte dann, als bei Mafikâsu und Knéppara alles normal verlief.

Und dann kam auch Zikáll wieder so aus den Todesgrotten heraus, wie er hineingeflogen war.

Und dann ereignete sich kein weiterer Fall, der zu Bedenken Anlaß bot.

Die Doppelgänger vermehrten sich nicht mehr.

Und die Furcht vor dem Doppelgängertum, die dem Mondmannsverstande schädlich zu werden drohte, löste sich langsam auf - und zerrann.

Und bald hatten sich die Mondleute an ihre drei Doppelmänner gewöhnt.

Es scheint eben sämtlichen Lebewesen des Weltraums gemeinsam zu sein, daß sie sich an alles Wunderbare sehr rasch gewöhnen und es dann so behandeln wie all die anderen bekannten Wunderdinge der Gewöhnlichkeit.

Und es wunderte sich nach einem Jahre kein Mondmann mehr, wenn Nadûke I eine ganz andre Meinung äußerte als Nadûke II - es wunderte sich auch über die Rasibéffs keiner mehr, wenn die beiden regelmäßig dasselbe sagten - und zwar wörtlich.

Klambátsch I war ein eifriger Erdfreund - und Klambátsch II konnte sich nur für die verschiedenen Glassorten begeistern und befand sich infolgedessen gewöhnlich in der Nähe des großen Loso.

Nach zehn Jahren dachten die Mondleute gar nicht mehr an die drei Uberzähligen.

Die große Wette jedoch - die hatte keiner vergessen.

Und so kam es, daß selbst die Weltfreunde viel öfter über das Militärwesen der Erdbewohner redeten - als über die große Welt.

Das machte natürlich die Führer der Weltfreunde sehr ungeduldig, besonders beklagten sich die Rasibéffs über diese zeitraubende Beschäftigung mit den alten irdischen Wurmverhältnissen.

Die Rasibéffs hatten auch allen Grund, über die kostümierten Massenmörder des Erdballs nicht freundlich zu reden denn es zeigten sich an verschiedenen Stellen des Himmels so merkwürdige Phänomene, daß wahrlich jeder Weltfreund vollauf ZU tun hatte; das photographische Material war oftmals neu zu ordnen und von verschiedenen Gesichtspunkten aus den früher entdeckten Phänomenen anzugliedern.

Ganze Sternhaufen waren neuerdings entdeckt worden, von denen sämtliche Sternkarten keine Spur verrieten. Und man gelangte bald zu der Einsicht, daß diese neuen Sternhaufen zu den wandelnden gehörten.

»Abermals«, sagte Mafi, » ein Beweis, wie nötig wir das größere Fernrohr gebrauchen. Wir sehen allnächtlich den großen Himmel mit einer ganz erklecklichen Anzahl von Fernrohren an und bemerken plötzlich, daß wir unzählige Sterne, die in Haufen immerzu da sind, doch nicht bemerken, da sie ein bißchen weiterab liegen. Die Existenz von wandelnden Sternhaufen ist bisher stets bestritten worden, und nun zeigen sich solche Wandelsternhaufen plötzlich zu gleicher Zeit an fünf Stellen.«

Es waren nämlich solche wandelnden Sternhaufen gleich zeitig an fünf räumlich weit voneinander getrennten Stellen des Himmels entdeckt worden. »Was«, bemerkte Zikáll, »die Meteore in unserm Sonnensysteme sind, das sind die wandelnden Sternhaufen in unserm Raum.«

Verblüffend wirkte die ungeheure Schnelligkeit, mit der die Sternhaufen dahinzogen - sie bewegten sich alle in denselben spiralförmigen Kurven und wurden dabei bald größer und bald kleiner.

Wie kantige Glasstücke sahen die neuen Sterne aus, sie wechselten unablässig die Farben; in welchen Verhältnissen die Sterne in den einzelnen Haufen zueinander standen, ließ sich bei der großen Entfernung nicht konstatieren.

Dagegen bemerkten die Mondleute, daß altbekannte Nebelflecke, die allgemein für Milchstraßensysteme angesehen wurden, sehr rasch ihren Standpunkt beim Herannahen der wandelnden Sternhaufen veränderten.

Es wurde hierbei berechnet, daß die Nebelflecke, die auswichen, in ein paar Sekunden viele Trillionen von Sternweiten weiterschwebten, während die wandelnden Haufen selbstverständlich noch viel schneller waren.

Und die Mondleute nennen erst die Strecke von tausend Billionen Meilen - eine Sternweite.

»Man sollte«, bemerkte Zikáll, »wahrlich glauben, daß derartige Veränderungen im Weltraume den ganzen Tanz der Sterne verwirren müßten. Und dennoch sehen wir, daß dieser Ortswechsel der Nebelflecke die Nachbargebiete ganz kalt läßt; es muß doch sehr viel Raum in der Unendlichkeit vorhanden sein - das empfindet man sonst gar nicht so deutlich. «

»Hieraus schließe ich«, sagte Nadûke II, »daß wir uns selber im Raume - mit unserm ganzen Milchstraßensystem zusammen - sehr schnell hin und her bewegen. Ich bin der Meinung, daß wir uns ebenfalls in einem wandelnden Sternhaufen befinden. «

Das Wort erzeugte eine heftige Debatte, denn Nadûke I widersprach dieser Ansicht durchaus. Und es stritten sich bald an die hundert Gelehrte über die große Frage, ob sich der Mond in einem wandelnden oder in einem stillsitzenden Sternhaufen befindet.

Zu Resultaten führte diese Debatte vorläufig noch nicht.

Die Erdfreunde entdeckten währenddem etwas Neues auf der Erdoberfläche.

Die Erdmänner, die in den Kostümen des allgemeinen Söldnertums staken und zusammen die herrlichen Volksheere repräsentierten, hatten plötzlich ganz andre Kostüme an.

Das war folgendermaßen gekommen:

Da von seiten der Künstler Jahre hindurch behauptet wurde, daß die Soldatenkostüme künstlerisch nicht befriedigen könnten, da alles Uniforme den Reichtum der Natur zerbreche- so waren die Künstler - man staune! - aufgefordert worden, künstlerische Kostüme zu zeichnen und zu kolorieren. Und nach einzelnen dieser künstlerischen Arbeiten stellten danach die Armeeverwaltungen neue Uniformen in Massen her; es wurde dabei viel über das Wort ›Uniform‹ geredet, ohne dem Prinzip, dem man doch zu Leibe wollte, wehe zu tun - die Erdmänner leisteten dabei etwas im wohlgefügten oratorischen Satzbau.

Da sah man denn bald die Soldaten mit stilvoller Ornamentstickerei an den Armen und am Halse - auf dem Kopf, auf dem Rücken und auf der Brust - besonders aber an den Beinen.

Der sonst so schweigsame Klambátsch I sagte dazu mal lächelnd:

»Diese Erdmänner schämen sich gar nicht, daß sie Beine haben.«

Aber nicht nur der Ornamentschmuck machte die Uniformen neu und eigenartig - auch die Farbenkomposition wies viel größeren Reichtum auf und wirkte besonders auf der Rückenpartie der Offiziere sehr stimmungsvoll - im Geschmack alter Glasmalerei - worüber alle Glasfreunde auf dem Monde ganz entzweigingen vor Entzücken.

Über die neuen Uniformen sagte eine erdmännische Tageszeitung, die grundsätzlich für die Erhaltung der bestehenden Zustände mit Feuereifer eintrat, folgende Worte, die im Zinnoberkrater photographiert worden waren:

Es wird, sagte das Blatt wörtlich, heutzutage vieles umgestoßen. Das liegt bedauerlicherweise daran, daß wir alles immer wieder in neuer Form haben wollen. Und deshalb soll man stets den Dingen, die erhalten bleiben sollen, ein neues Kleid verschaffen; manches kann eben im alten Kleide nicht weiterleben und muß deshalb ein neues haben. So gings auch bei unsern braven Vaterlandsverteidigern. Das Interesse an der Wehrkraft unsrer Land- und Seetruppen, das schon durch Verweichlichung der Gesinnung arg zurückging, hat durch die neue Uniformierung einen neuen starken Impuls erhalten. Die Soldaten werden den Künstlern von Herzen dankbar sein für die schönen Röcke und Hosen, die vom Genius der Kunst entworfen wurden. Die Soldaten werden es gerne vergessen, daß die Künstler an fänglich nur deshalb gegen die alten Uniformen eiferten, um dadurch an dem Fundamente unsres Heerwesens zu rütteln. Es ist anders gekommen. Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.

»Da ist ja«, sagt Knéppara, »recht viel Aussicht vorhanden, daß die Heere der Erdmänner abgeschafft werden.«

»Humor, der nicht verstanden wird«, meinte Klambátsch I, »kann natürlich keine Wirkung ausüben.«

Die Freunde des Sterns Erde lächelten schmerzlich und besahen sich ihre feinen Hände, was die Mondleute immer dann tun, wenn eine intensive Abneigung gegen eine störende Geschichte in ihnen aufsteigt.

Doch die Zeit ging dahin - im Fluge.

Und zwanzig Jahre nach der großen Ratssitzung, in der das erdmännische Soldatentum so wichtig gemacht wurde, hatte man wieder mal ein anderes Bild vom Erdball; der sah jetzt so aus, als wenn endlich alles gründlich verrevolutioniert werden sollte.

Knéppara sagte feierlich:

»Es können sich Wunder auf der Erde ereignen! Photographieren wir besonders die Tageszeitungen!«

Das geschah denn auch.

Aber dabei kam was Schönes zutage.

Bekanntlich war es die Absicht der irdischen Friedensfreunde schon vor zwanzig Jahren gewesen, die Tagespresse auf ihre Seite zu ziehen; diejenigen Zeitungen, die von den Friedensfreunden tüchtig bezahlt bekamen, taten natürlich alles mögliche für die Verbreitung der Friedensideen - aber die andern Zeitungen, die nach ihrer Meinung nicht genug für ihren Schlund kriegen konnten, taten bald alles mögliche zur Verbreitung der Kriegsideen - und verstanden es, ihre Leser durch kriegerische Alarmartikel und tägliche Mordsgeschichten so zu verrohen, daß es in kurzem gradezu als Vaterlandsverrat betrachtet wurde, wenn jemand seine Kinder nicht schon im zarten Alter von zehn Jahren militärisch drillen ließ - wofür es viele staatliche Erziehungsanstalten gab, die das Drillen ganz umsonst besorgten.

Und so erfuhr der Militarismus auch durch die Tagespresse nur eine Steigerung seiner Kraft, was allerdings zur Folge hatte, daß die Erdleute überall geneigt waren, große Revolutionen zu arrangieren.

Und so wurde manches anders - ganze Reihen von Potentaten wurden abgeschafft - aber die stehenden Heere wurden keineswegs abgeschafft.

Die von den Regierungen gut bezahlte Tagespresse sorgte dafür, daß das Interesse am Heerwesen nicht wieder erschlaffte. Aller Hohn und Spott von seiten der Friedenspartei nutzte gar nichts; die Soldaten lachten die Friedensleute einfach aus und drückten ihnen öfters die Hände und sagten freundlich:

»Ihr habt das meiste zu unserm Wohlsein beigetragen. Wenn Ihr nicht so viel auf das Soldatenwesen geschimpft hättet, so lebten wir heute noch so schlecht wie die armen Stiefelputzer, die vor zwanzig Jahren dienten. Jetzt leben wir einen Herrentag!«

»Sehr gut!« sagte Loso, als er das in den hellen Museumsgrotten las,» wir werden sicherlich siegen; ein Wunder kann sich ja, wie Knéppara sehr richtig äußerte, immer noch ereignen. Verlieren wir nur den Mut nicht; die Erdmänner verlieren ihn auch nicht.«

Und als nun dreißig Jahre nach der entscheidenden Ratssitzung ins Land gegangen waren, da fiel es allen Erdfreunden sehr sauer, noch fürderhin auf Abschaffung des irdischen Militarismus zu hoffen; grade die Bekämpfung des Militarismus von seiten einzelner Erdmänner hatte diesen erst recht stark gemacht- und es machte sich auf Erden schließlich die Meinung geltend, daß grade die Bekämpfer des Soldatentums die gemeingefährlichsten Leute seien.

Und dieses letztere stimmte - denn eine Sache, gegen die man kämpft, beeinflußt das innere Wesen des Kämpfenden im Sinne der bekämpften Sache; der Kampf gegen die Roheit verroht mehr als jeder andre Kampf; die Bekämpfer des Verbrechertums werden die größten Verbrecher; und der Kampf gegen die Verrücktheit macht selbst das bißchen reine Vernunft in uns zu einer ganz verrückten Sache.

Das Uniformwesen aber nahm auf Erden immer mehr überhand, und es war tatsächlich herzlich langweilig, diese wohlbewaffneten Erdvölker, die sich ewig und immer nur an die Gurgel packen wollten, noch länger anzusehen - statt anzuspeien.

Und viele Mondmänner bedauerten bereits, daß das große Fernrohr den dummen Erdmännern eine so große Wichtigkeit verliehen hatte.

»Die Erde«, sagte Knéppara, »ist tatsächlich ein langweiliger unsympathischer Stern.«

Dieses Bekenntnis machte natürlich großes Aufsehen.

Und viele Weltfreunde bedauerten jetzt lebhaft, daß der Beschluß der Ratssitzung unveränderliche Gültigkeit behielt.

Alle wurden von großer Ungeduld gepeinigt; die Weltfreunde sehnten sich nach dem großen Rohre, und die Erdfreunde hatten an dem durchweg ekelhaften Gebaren der Erdvölker keine Freude mehr, da alle Hoffnung auf ein Besserwerden der irdischen Zustände wie eine Albernheit aussah.

Und die Weltfreunde machten am Himmel so viele neue Entdeckungen, die immer wieder die Sehnsucht nach dem großen Teleskope fast ins Krankhafte steigerten.

Auf einer nicht allzu weit entfernten Kreisring-Sonne hatte man große Lebewesen entdeckt, die bei den kolossalsten Temperaturen ganz friedlich und ohne Kämpfe nebeneinander lebten.

»Es ist«, sagte Zikáll, »ein großer Irrtum, wenn man annimmt, daß friedlose kriegerische Zustände auf sehr vielen Sternen zu finden seien. Es ist doch ein bodenloser Stumpfsinn, wenn man sich ein erhöhtes heftiges Pulsieren des Lebens immer als Begleiterscheinung von Kampf und Vernichtung denkt. Zustände, wie wir sie auf der Erde kennenlernen, gibt es wohl noch an verschiedenen Punkten des uns bekannten Weltenraums - aber diese Unglücksstätten sind irdischen Pestbeulen vergleichbar - seltsame Ausnahmezustände - einfache Abnormitäten.«

»Daher habe ich mich«, versetzte Knéppara, »auch so leidenschaftlich mit der Erde beschäftigt. Ich will doch hinter die Ursache kommen, der derartig abnorme kranke Zustände ihr Dasein verdanken - so was muß doch Gründe haben. Es muß doch was dahinter stecken.«

Mafikâsu sagte da errötend:

»Ich kann mir nicht denken, daß Lebewesen, die sich gegenseitig töten und verspeisen, irgendeine Spur von höheren Zwecken verfolgen könnten. Es gibt im Weltraum ohne Frage unsäglich viele Kreaturen, deren Erhaltung nicht beabsichtigt werden kann; daß aber was hinter solchen Mistexistenzen stecken könnte - das will mir gar nicht recht einleuchten; wir sehen doch, daß die Gestorbenen da unten nicht wiederkommen.

« Knéppara lächelte und sagte still:

»Vielleicht ist all das Leben, das wir auf der Erdoberfläche wahrnehmen, nur ein Scheinleben, das ein andres Leben, das unter jenem steckt, verdecken und vielleicht auch schützen soll. Vielleicht führen die Erdmänner schon ein ganz andres Leben in ihrem Schlafe. Vielleicht wissen sie noch gar nicht, daß sie ein Doppelleben führen. Vielleicht geht schon etwas andres in ihnen vor, wenn sie das tun, was wir da unten sehen. Das Doppelleben der Erdmänner kann auch noch viel komplizierter sein. Was sie Traumleben nennen, könnte vielleicht bloß ein Teil ihres andren Lebens sein. Die Mondmänner leben nicht im Schlafe - aber die Erdmänner müssens doch; sie reden doch genug von Dingen, die ihnen im Schlafe kommen - und die sie Träume nennen. Wir Mondleute kennen ja so was nicht. Vielleicht empfinden die Erdleute in ihrem Traumleben die feineren Ätherwellen eines besseren vollkommenen Lebens. Wir brauchen das Traumleben wohl nicht- weil wir in unsrer Leibfassung schon das Vollkommene haben - und daher kennen wir auch das bessere l.eben der Erdmänner nicht - diese haben dafür wohl noch keine Worte gefunden.«

»Das erinnert mich«, sagte Mafikâsu nach langer langer Pause, »an eine neue Art von Kometen, die wir in einem sehr hellen Nebelflecke beobachtet haben. Da entstehen aus einem Kometen, der Glaskörper hat, in einem Augenblicke mehrere, und die kreisen dann umeinander und können sich jederzeit wieder vereinen. Ich bin überhaupt der Meinung, daß so einfache Lebewesen, wie es die Mondmänner sind, nur sehr selten im Raume zu finden sein dürften. Ich nehme wenigstens an, daß wir, wenn wir von unsrem Verhältnis zu unsrem Stern absehen, einfach sind und nicht ein Doppelleben führen. «

»Vergessen wir nicht«, sagte Zikáll, »daß wir zwei Rasibéffs und zwei Nadûkes und zwei Klambátsche haben. Und es wäre wohl sehr wichtig, zu hören, was diese drei oder sechs Personen zu dem, was Mafi meinte, sagen.«

Und man unterhielt sich am nächsten Morgen mit den beiden Rasibéffs - und zwar mit jedem einzeln:

Und es war merkwürdig, daß beide die Empfindung hatten, ihr andres Ich sei sowohl in ihnen - wie auch so außerhalb ihrer Natur, daß es sie immer ganz umschlossen hielte.

Dasselbe sagten auch die beiden Nadûkes und die beiden Klambátsche.

Aber alle sechs fühlten sich, obgleich ihnen das Verhältnis zu ihrem Nebenmann sehr geheimnisvoll erschien, trotzdem als einfach Naturen; sie empfanden ihr andres Ich zuweilen nur als eine Art Brusterweiterung.

Als nur noch zehn Jahre bis zur Entscheidung hin waren, da machte der große Loso eine Entdeckung, die den Mondvölkern mal wieder einen fürchterlichen Stoß gab:

Loso hatte einfach in einem photographierten irdischen Amtsblatte die Nachricht gelesen, daß ein Staat der Erdmänner, der über hundert Jahre die allgemeine Wehrpflicht anerkannte, diese ganz einfach abgeschafft habe - da seine Regierungsmänner überzeugt waren, daß sie in absehbarer Zeit von feindlichen Nachbarn nicht angegriffen werden könnten.

Weshalb dieser alte Militärstaat seine Stellung auf Erden für so unantastbar hielt - das stand in dem Amtsblatt nicht drin aber ein Staat hatte den Militarismus tatsächlich abgeschafft - das genügte ja.

Und Knéppara konnte lächelnd sagen:

»Es gibt eben überall Wunder - nicht bloß in der weiten Ferne. «

Die Mondleute konnten sich von ihrem Schreck nicht so rasch erholen.

Knéppara lächelte.

Es lächelten aber nicht viele mit ihm.

Die Sache kam so überraschend; man hatte gar nicht mehr erwartet, daß ein Staat der Erdmänner die bunten Röcke der Massenmörder an den Nagel hängen könnte.

Und nun wars doch so gekommen.

Die Weltfreunde priesen Mafikâsus Vorsicht, der damals vor vierzig Jahren verlangt hatte, daß die Gegner des großen Fernrohrs erst dann ihren Willen haben sollten, wenn drei Staaten das stehende Heer abgeschafft hätten.

Nun waren aber noch zehn Jahre hin bis zur großen Entscheidungsstunde.

Bis dahin konnten zwei weitere Staaten ihre jetzt von den meisten Mondleuten gefürchteten friedensfreundlichen Reformpläne doch noch durchsetzen.

Somit schwoll die Beunruhigung immer mehr an.

Und während nun alles für die Freunde des großen Fernrohrs auf dem Spiele stand, geschahen am Himmel abermals neue Wunder.

Ein ziemlich ferner Stern, den man nur mit dem Teleskope des Bleikraters sehen konnte, hatte seine Form verändert und wurde zum Stäbchen, und dieses Stäbchen wurde immer größer und größer - als wenn sich der Stern wie ein Stock, dessen Knopf man bisher nur gesehen, aufrichtete.

Wie gerne hätten alle Weltfreunde jetzt wieder das große Fernrohr gehabt!

Die Erdfreunde waren mit den Jahren auch schon Freunde des großen Rohrs geworden, denn die Beobachtung der dummen Erdmänner machte auf die Dauer wirklich keinen Spaß.

Die große Revolution auf der Erde konnte dergroßen Revolution auf dem Monde das Genick brechen - das sahen alle ein.

Und da wurde denn die Spannung auf dem Monde fast ermüdend; alle Teleskope, die die Erde beobachteten, wurden von zahllosen Mondleuten immerzu umlagert - denn jeder wollte in die Zukunft schauen und erfahren, ob noch andre Staaten auf Erden soldatenmüde werden könnten.

Im Laufe der Jahre hatte sich der irdische Militarismus ganz erheblich vergrößert - fast verzehnfacht.

Und das war dadurch gekommen, daß viele Staaten, die so lange kein stehendes Heer gehabt hatten, dieses einführten.

Diese neuen Militärstaaten kamen nun nicht für den Mond in Frage.

Aber durch diese neuen Militärstaaten waren einzelne der alten arg in den Hintergrund gedrängt worden, und es durfte sich niemand wundern, wenn von diesen alten verdrängten Militärstaaten einzelne ihre ganze Rüstung fallenließen, sobald sie annehmen konnten, daß allein die Zwietracht der Nachbarn ihnen etwas Unantastbares verleihe.

Das machte die Mondvölker bitter und gereizt.

Es fehlte nicht an Stimmen, die diese ganze Wettgeschichte für bodenlosen Leichtsinn erklärten und die Schuld natürlich den Ratsherren in den Ballonbauch schoben.

Der Unmut wuchs.

Knéppara hörte manches böse Wort.

Mafikâsu mußte ebenfalls viel hinnehmen.

Man sah immer öfter - einen Mondmann grün anlaufen.

Obgleich sich nun jeder Mondmann der grünen Hautfarbe schämte und gegen jede Ärgerstimmung nach Kräften ankämpfte, so durfte doch nicht geleugnet werden, daß die grüne Farbe am Leibe gar nicht mehr so großen Schrecken erregte und auch gar nicht mehr so furchtbar unangenehm berührte - wie früher.

Und während all dieser Unruhen, die überall ein gewisses Revolutionsparfüm erzeugten, geschahen am Himmel unaufhörlich weitere Zeichen und Wunder.

Aus dem gelben Nebelfleck der sechsten Region löste sich eine große durchsichtige Scheibe los, die allmählich rund wurde und Karminfarbe erhielt.

Und diese runde Scheibe vergrößerte sich und schwebte langsam durch den Hintergrund des Raumes.

Und die Sterne, die sich hinter der karminroten Scheibe befanden, erschienen im Roten als blaue Punkte und zitterten als solche heftig hin und her - die Sterne vor der roten Scheibe blieben in ihrer zumeist goldenen Naturfarbe unbeweglich.

Und dieses Farbenspiel von Rot, Blau und Gold wirkte in den Teleskopen entzückend, obgleich es dem bloßen Auge selbst in der Nacht vollkommen unsichtbar blieb.

Herrlich sah hinter der roten Scheibe der Stockstern aus, der als schnurgrade blaue Linie die rote Scheibe scheinbar in zwei Hälften zerschnitt.

Man denke sich eine große karminrote Scheibe übersät mit blauen und goldenen Sternen und durchschnitten von einer blauen Linie, die sich rechts und links als Goldlinie fortsetzt.

Die ersten Mondmänner der Wissenschaft konnten sich nicht an eine diesem Scheibengebilde analoge Erscheinung erinnern, und über Natur und Bestimmung dieses astralen Lebewesens ließen sich nicht einmal Hypothesen konstruieren; jeder feste Stützpunkt fehlte, ein größeres Teleskop hätte hier sicherlich sofort aufklärend gewirkt.

Die Stimmung der Mondmänner ward eine recht verdrießliche. Doch es blieb ihnen nicht viel Zeit, über die unglückliche Lage der Verhältnisse lange nachzudenken.

Im Bleikrater wird abermals eine äußerst interessante Entdeckung gemacht; man beobachtet eines Abends zwei kleine Nebelflecke und bemerkt, daß sie sich einander mit rasender Geschwindigkeit nähern. Die Sache sieht gleich beängstigend aus.

Die beiden Nebelflecke bleiben plötzlich dicht nebeneinander stehen, und Wolken - violette Wolken - dampfen aus den Nebeln empor. Und zu gleicher Zeit werden die Sterne der Umgegend brandrot.

Und aus den Wolken schießen riesige Blumen heraus, die an die Blitzblumen erinnern; tausend Adern durchschlängeln diese Blumen, und die Adern bekommen dicke Köpfe und Gliedmaßen, die Händen ähneln - und die Hände des einen Flecks schlingen sich um die Hände des andern Flecks und scheinen miteinander zu ringen.

Und unten aus den Nebelflecken fliegen fortwährend Sterne heraus - wie Kugeln; und die Kugeln aus dem einen Fleck gehen in den andern Fleck hinein.

Und dieses Schauspiel währt volle drei Jahre - und währenddem erhalten all die brandroten Sterne der Umgegend langsam andre Formen.

Die Mondleute erklären anfänglich dieses großartige Weltschauspiel für einen Kampf, aber Zikáll bemerkt sehr richtig, daß es sehr einseitig wäre, astrale Verbindungen und Entwicklungen aus feindseligen Empfindungen heraus zu erklären; es sei doch eine primitive Vorstellung vom kosmischen Reichtum, wenn man annehmen wollte, daß astrale Lebewesen immer bloß wie die Würmer der Erde zwischen Ab- und Zuneigung herumpendeln müßten.

Die Zahl der photographischen Aufnahmen von diesen beiden aneinandergeratenen Nebelflecken, die fürs bloße Auge zusammen bloß einen einfachen Stern siebenter Größe bilden, wächst ins Ungeheuerliche.

Die Erde wird währenddem beinahe vergessen.

Im vierten Jahre des Weltwunders schlagen plötzlich Flammen aus den beiden Flecken heraus, und die Flammen nehmen die Gestalt riesiger bunter Scheinwerfer an.

Und dann werden die beiden Nebelflecke immer kleiner, und schließlich entdecken die Mondleute, daß die Scheinwerfer aus unzähligen kleinen Sternen bestehen, die in Gasform hinausfliegen ins All - und im Hintergrunde des Weltraums allmählich verschwinden.

Und dann werden die Nebelflecke ganz unsichtbar - und die Scheinwerfer verblassen.

Und darüber sind abermals drei Jahre verflossen, so daß noch vier Jahre bis zu der großen Entscheidungsstunde hin sind.

Viele Mondleute erinnern sich anfänglich gar nicht, worüber die Entscheidungsstunde entscheiden soll; ein Rausch hat alle gepackt, und sie können sich, als von dem großen Weltschauspiel schlechterdings nichts mehr zu entdecken ist, in die alten Verhältnisse von Mond und Erde gar nicht zurückfinden.

Jetzt aber macht sich die Erde in recht unangenehmer Art bemerkbar; ein zweiter Staat dieser Erdmänner hat sein stehendes Heer abgeschafft.

Und dieser zweite Staat zählt mit.

Und das wirkt - als käme plötzlich eiskalte Ätherluft in die alten Mondkrater hinein.

Der Weltrausch ist mit einem Male verflogen.

Den Mondvölkern ist so zumute, als wäre jetzt alles zu Ende, und in leidenschaftlichen Reden bricht ein Grimm durch ---

»Man hätte nicht Rücksicht nehmen sollen - auf Knéppara und Mafikâsu - man hätte niemals die Entwicklung des Mondes von der Entwicklung der lächerlichen Erdvölker abhängig machen sollen.«

In dieser und ähnlicher Tonart sprechen jetzt Unzählige.

Einzelne Mondleute schlagen vor, den Ratsherren und Führern auseinanderzusetzen, daß die Beschlüsse im Ratskrater Gültigkeit nicht mehr besäßen.

Die Ratsherren und Führer boten alles auf, die ergrimmten Völker zu beschwichtigen, und erklärten, daß man das Weitere erst abwarten müsse - noch sei ja nicht alles verloren.

Die Weltfreunde wollten die großen Bohrarbeiten beginnen - ohne jede weitere Rücksicht - auch ohne die Hilfe der Erdfreunde.

Es schien eine ganz neue unerwartete Revolution im Anzuge zu sein.

Da traten aber die Führer und Ratsherren sehr energisch auf und erklärten, daß sie allen Arbeiten geschlossen fernbleiben würden, falls man die Unantastbarkeit der Ratsversammlungsbeschlüsse in Frage stellen sollte.

Das half denn doch.

Die Volksmassen sahen bald ein, daß sie allein ohne Führer und Ratsherren kein neues Teleskop erbauen könnten - geschweige denn das große mit der Monddurchmesserlänge.

»Mit Gewalt ist auf dem Monde nichts zu machen!« riefen die beiden Rasibéffs.

Knéppara ließ sich nicht sehen.

Und Zikáll erklärte in der großen Versammlungsgrotte:

»Die große Revolution, die auf dem Monde stattfinden soll, wird niemals eine von den Massen dirigierte Revolution sein. Von derartigen Revolutionen träumen wohl zuweilen die Erdmänner, uns aber ziemt solch ein kopfloses Vorgehen nicht. Wir habens doch nicht nötig, uns gegenseitig an die Kehle zu packen. Warten wir erst ruhig ab, ob auch der dritte Staat der Erdleute die Waffen an den Nagel hängt.«

Und die Mondvölker warteten dieses ab - allerdings in einer Stimmung, die allmählich den Führern und den Männern der Wissenschaft recht unbequem wurde.

Glücklicherweise trat ein neues Wunder am Himmel hervor.

Wiederum war das Teleskop des Bleikraters zuerst in der Lage, das neue Wunder als solches zu erkennen.

Die Sterne des Himmels erhielten sämtlich einen neuen Glanz - selbst die Erde schien anders zu leuchten.

Es war so, als wenn sich über die ganze Welt ein zarter opalisierender Schleier gebreitet hätte.

Auch dieses Phänomen ließ sich mit bloßem Auge nicht wahrnehmen - so zart war es.

Aber es existierte; nach und nach konnten es siebenundzwanzig Teleskope konstatieren.

Zikáll gab eine Erklärung der rätselhaften Erscheinung.

»Wir gehen eben«, sagte er lächelnd, »mit unsrem Sternhaufen durch eine andere Weltgegend durch, in der es andre astrale Wesen gibt, die feiner sind als unser grobkörniges Sonnensystem. Wir werden dem flimmernden Gassterne, in dem wir uns befinden, wahrscheinlich als Fremdkörper etwas lästig fallen, und es ist möglich, daß der Feine den Groben wieder abstößt. Es läßt sich aber auch denken, daß der Grobe so grob ist, daß er dem Feinen gar nicht zum Bewußtsein kommt. Warten wir ab, ob uns die Welt fürderhin nur noch in Opalgeflimmer erscheinen soll - oder ob sie wieder so wird, wie sie für uns so lange war. Warten wir auch das ab - wir sind doch ans Abwarten gewöhnt. Jedenfalls könnten wir, wenn wir das große Rohr erst hätten, nach meiner Meinung bald konstatieren, daß wir im Jahre mindestens durch sechs derartiger feiner astraler Weltwesen durchgehen, ohne was Weiteres davon gewahr zu werden. Unser Wahrnehmungsvermögen ist überhaupt sehr beschränkt, solange wir nicht sensiblere Instrumente besitzen, die leider fürs Auge größer sein müssen als unsre alten.«

Die Erscheinung verschwand, als nur noch ein einziges Jahr bis zur Entscheidung hin war.

Und da wandte sich denn wieder das ganze Interesse den militärischen Verhältnissen der Erdvölker zu.

Die Mondleute lachten recht viel und auch recht herzlich darüber, daß sie einer so untergeordneten nebensächlichen Angelegenheit so viel Aufmerksamkeit entgegenbrachten aber es ward ihnen auch recht unheimlich bei der Affaire zumute.

Die einmal durch derartige Wettspiele erledigten Ratsfragen durften nach uralten Satzungen nie wieder aufs Tapet gebracht werden.

An ein Umstoßen dieser alten Satzungen war von seiten der Führer und Ratsherren gar nicht zu denken. Und gegen deren Willen ließ sich einfach nichts machen, da die stets geschlossen vorgingen.

So hing denn alles davon ab, ob der dritte Staat der Erdmänner die bunte Kriegsrüstung auszog oder nicht.

Langsam nahte der Tag der Entscheidung.

Die Todesgrotten waren von allen verlassen, da sich diejenigen, die ihre Wiedergeburt erwarteten, so rechtzeitig unten eingefunden hatten, daß sie die große Entscheidungsstunde oben miterleben konnten.

Zwei tolle Meteore wurden nun noch entdeckt - und zwar grade an den Teleskopen, die den Erdball beobachteten.

Es waren Gasmeteore, die zwischen Mond und Erde schwebten und immerzu wie Doppelsterne umeinander kreisten, bis sie plötzlich zusammenfielen und dabei einen großartigen Funkenregen in violetten und zinnoberroten Farben nach allen Seiten verstreuten - von den Funken flogen sehr viele zur Erde und beinahe ebensoviele zum Monde - die meisten zergingen im Äther - ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen.

Dieses kleine lustige Schauspiel erheiterte die erregten Beobachter auf dem Monde ganz außerordentlich, da es auch in den kleinen Ferngläsern, die die Mondleute stets in ihrem Rucksacke haben, sichtbar war.

In der letzten Nacht, als der Mond für die Erde ganz dunkel wurde, leuchteten die Goldkäfer auf den knisternden Moosfeldern viel heftiger als sonst.

Die Mondleute umlagerten die Krater, in denen die Erdfreunde die Erde beobachteten - und unaufhörlich wurde der Inhalt der letzten Photographien bekanntgegeben.

Und die Hände der Mondleute zitterten.

Jetzt mußte sich endlich das Schicksal der großen Revolution entscheiden.

Und da zuckten die Mondvölker plötzlich zusammen - und blitzschnell verbreitete sich die Kunde, daß ein dritter Staat der Erdmänner seine stehenden Heere abgeschafft hätte.

Mafikâsu griff krampfhaft mit beiden Händen in die Luft und flog wie eine Leuchtkugel empor.

Zikáll schrie auf - und lachte - und ließ den Kopf sinken.

Die beiden Rasibéffs verzerrten ihre Gesichter und wurden grün.

Eine maßlose Wut bemächtigte sich der Weltfreunde, die in ein paar Augenblicken sämtlich grün wurden - und wie sinnlos durch die Lüfte flogen - wobei die aufgequollenen Bäuche dröhnend aneinanderstießen.

Die dumpfen Paukentöne durchdröhnten das ganze Land.

Und die Goldkäfer flogen auch alle empor und schwirrten um die Köpfe der grünen Mondmänner rum.

Und die Ratsherren wußten nicht, was sie tun sollten.

Und die Führer riefen wütend:

»Ruhe! Ruhe!«

Und das half nichts.

Da schwebte aus dem Bleikrater der große Knéppara heraus - der rot war - wie ein Feuerball.

Und Knéppara erschrak, als er so viele grüne Mondmänner sah.

Und die Grünen glaubten, Knéppara wolle sich triumphierend zeigen.

Und die Grünen brüllten vor Wut- und grüne elektrische Funken sprangen blitzend aus ihren Leibern.

Aber Knéppara schrie jetzt, während er hoch über dem Bleikrater schwebte:

Die Weltfreunde haben gesiegt! Ich verkünde meinen Gegnern, daß die Beobachtung der Erde zu Ende ist. Htirt mich doch! Ich habe ja die Wette verloren. Hört doch!«

Da sahen sich die Grünen erschrocken an, doch der Rote fuhr fort:

»Der dritte Staat zählt ja nicht mit - der Staat existierte ja vor fünfzig Jahren noch gar nicht. Ich freue mich von ganzem Herzen, daß die Erdfreunde die Wette verloren haben. Es lebe die große Revolution! Es lebe das große Teleskop! Seid froh! Werdet wieder rot!«

Und - da ging ein Schauer durch die Lande.

Und ein unbeschreiblicher Jubel brach nach diesen Worten los.

Und die Grünen waren im Handumdrehen alle rot - alle rot.

Wie das aussah!

Erst bildete sich ein roter Ring um den Bleikrater.

Der Bleikrater lag in der Mitte der bewohnten Mondseite. Und dann wurde der runde rote Ring, der aus lauter Mondleuten bestand, gleichmäßig nach allen Seiten immer breiter und breiter - wellenförmig- als wär ein Stein in ein Wasser gefallen, das rot werden kann - in ein grünes Wasser - denn vordem waren die Mondleute alle noch grün.

Und dann war nach ein paar Augenblicken die ganze Halbkugel rot - wie ein Feuermeer.

Und der Jubel rauschte nur so durch die dicke Luft.

Die Goldkäfer umschwirrten nun die Köpfe der Roten - wie sie vorhin die der Grünen, die nicht mehr da waren, umschwirrt hatten.

Und wie Goldstaub funkelten die Goldkäfer in dem roten Feuermeer. Die Seligkeit ward zur Raserei.

Und alle flogen jetzt auf den Bleikrater zu, so daß es aussah, als wenn ein kuppelförmiges rotes Pilztier seinen Krinolinenleib aufzöge und zu einer dicken Kugelmasse würde.

Und diese rotglühende Kugelmasse, zu der aus allen Kratern immer mehr Mondleute kamen, fing an sich zu drehen.

Und dann umkreiste diese rote Masse den Bleikrater siebenmal - langsam und feierlich.

Und Knéppara schwebte oben hoch überm Bleikrater, der jetzt gar nicht zu sehen war, mit Mafi, Zikáll und den Rasibéffs in der Mitte.

Und alle schrien und lärmten.

Und dann ward es ganz still.

Und dann schlugen sich alle auf den Ballonbauch - daß das Gedröhne so furchtbar wurde - wie ein einziger anhaltender Donnerton.

Und es durchdröhnte die Luft dieser einzige gewaltige Paukendonnerton sieben Stunden lang.

Danach wards abermals still.

Und dann löste sich die rote Masse auf - und die kleinen Mondmänner sprühten wie die Funken eines großen Feuers umher - die einen flogen zu den Sternen empor - die andern hinunter in die Krater.

Und die Freude war groß.

Die Freude rüttelte alles auf und wirbelte dann alles durcheinander.

Und nun ward die große Revolution auf dem Monde mit einem Schlage zum Ereignis; die hundert Ratsherren beschlossen, den Führern der Fabrikgrotten unumschränkte Machtbefugnisse über sämtliche Mondvölker zu verleihen.

Und die Führer der Fabrikgrotten geboten - alle Tätigkeit an den verschiedenen Kraterteleskopen, in den Museen und Bibliotheken - sofort einzustellen.

Und die große Bohrtätigkeit begann.

Da viele Maschinen in der Nähe der Todesgrotten angeschraubt wurden, so mußten diese durch schalldämpfende Portieren aus Moosfaserstoffen an allen Seiten abgeschlossen werden; es wurden nach den Aufregungen der letzten Zeit sehr viele Mondleute müde; doch mit diesem Umstande war gerechnet worden.

Über hundert Jahre nahm nun die große Bohrtätigkeit sämtliche Mondmänner ganz und gar in Anspruch.

Es war nur Maschinenarbeit - doch die Maschinen mußten hergestellt, transportiert und bedient werden; die Stützvorrichtungen und Berechnungen nahmen auch viele Hände und Köpfe in Anspruch.

Aber schließlich ward es Licht.

Und man gelangte in eine große große Glasgrotte, durch deren bunte farbenglühende Nischen und Wände das Sonnenlicht drang- wie ein stilles Abendlied am Flötenkrater.

Nach weiteren hundert Jahren hatte man eine ganze Anzahl weiterer Glasgrotten kennengelernt.

Des Staunens und Bewunderns war kein Ende - denn jede Grotte hatte ein neues komplizierteres Farbenwunder gezeigt.

Und je weiter man vordrang- um so heller und strahlender wurden die Grotten.

Und die Luft ließ nichts zu wünschen übrig.

Die unausgesetzte Arbeit spannte die Mondvölker derartig ab, daß sie sich, als dreihundert Jahre nach der Revolution verflossen waren, ganz gleichgültig allen ferneren Ereignissen gegenüber verhielten.

Selbst die wundervollen bunten Licht-, Glanz-, Brand- und Farbeneffekte der immer wieder neu wirkenden Glasgrotten vermochten eine bemerkenswerte Erregung nicht mehr hervorzurufen.

Die Leiter der Fabrikgrotten verfolgten mit zäher Unerbittlichkeit ihre Ziele.

Und als nun die müden Arbeiter endlich nach vierhundert Jahren die große natürliche Linse, von der Zikáll so viel geredet hatte, erblickten - da ging bloß noch ein langer Seufzer durch das Innere des Mondes.

Und die Hälfte der Arbeiter schwebte traurig zu den Todesgrotten, um durch eine neue Wiedergeburt wieder lebensfähig zu werden.

Zikáll hatte also recht gehabt - die große Naturlinse, die einen Durchmesser von mehreren Meilen besaß, war in der Mitte der gläsernen Mondseite entdeckt worden.

Aber es kam noch mehr.

Bald entdeckte man auch in anderen Grotten, die an der Oberfläche lagen, große Glaslinsen, die sich ebenfalls für Riesenteleskope eigneten.

Und da beschlossen denn die hundert Ratsherren, deren Zahl immer wieder, wenn einzelne müde geworden waren, aus den Führern ergänzt wurde, auch diese kleinen Naturlinsen zu Teleskopzwecken zu verwerten.

Die Grotte mit der großen Mittellinse war im Innern eine Rubingrotte und bestand aus lauter kolossalen roten Brillanten, die schreckliche Brandglut ausströmten, so daß man bei Tageslicht nicht lange dort sein konnte.

Überhaupt: sämtliche Grotten, die an der Oberfläche lagen, zeigten sehr viele Brillanten und Edelsteine in unsäglich vielen neuen Farben und Kristallformationen, so daß es eine große Freude war, in diesen Brillanten-Grotten zu weilen.

In den Glaslinsen zeigte sich glücklicher- und seltsamerweise kein einziger Brillant - während doch das Innere der Glasgrotten so viele aufwies; die Linsen waren sämtlich wasserklar und auch von Meteoren nicht beschädigt.

Die natürlichen Glassäulen und die herrlichen Nischen, Galerien und Schluchten aus Glasgebilden und edelsten Steinen wirkten allmählich durch all den blitzenden, funkelnden und brennenden Reichtum der immer wieder neuen Formen- und Farbenkompositionen - wiederbelebend auf die ermüdeten Mondvölker - wie frischer Blütenduft wirkte das neue Grottenreich.

Und dann wurden die Teleskope zusammengebaut- sowohl das mittlere große - wie auch zwölf seitwärts stehende kleinere, die allerdings recht beträchtliche Dimensionen durchquerten - und zum großen Rohr in demselben Verhältnisse standen - wie in einem aufgespannten Regenschirm die spannenden Querstangen zum Stock.

Die Zwischenlinsen, die geschliffen werden mußten, machten die meiste Arbeit - mancher Mondmannsmund lernte das Seufzen dabei.

Jedes der dreizehn Rohre führte zunächst in den Ausgangspunkt der Bohrarbeiten, den man früher für den Mittelpunkt des Mondes gehalten hatte. Und von diesem Punkte aus ging das mittlere Riesenrohr stockgrade nach der Mondseite, die der Erde zugewandt ist - bis in den Bleikrater, der das Zentrum der bewohnten Halbkugeloberfläche bildet.

Man denke sich einen Regenschirm aufgespannt - und die Vorstellung wird komplett sein; nur vergesse man nicht, daß das Schirmtuch der Glasseite entspricht.

Diese riesenhaften Teleskope sollten so eingerichtet werden, daß Beobachtungen und photographische Aufnahmen an verschiedenen Stellen des großen Rohres möglich wurden; vom Bleikrater bis zu den Todesgrotten schuf man sieben undzwanzig Rohrstationen mit kompliziertesten Apparaten.

Auch ganz neue Apparate zur Beobachtung der Licht- und Wärmespektren wurden in den Fabrikgrotten hergestellt.

Das Gehämmer und Geklopfe ward vonJahrzuJahr stärker.

Die Metalle klangen oft melodisch zusammen - doch nur selten.

Vom Bleikrater bis zur großen Linse warens gute tausend Meilen.

Die ungeheure Arbeit wirkte nach und nach ganz eigenartig auf die Gemütsverfassung der armen Mondmänner ein; die waren an eine derartig ununterbrochene Handtätigkeit gar nicht gewöhnt - es bildete sich viel Horn in den Handflächen.

Die Krater, in denen früher so regelmäßig Beobachtungen des Himmels und der Erde stattgefunden hatten, standen nun schon jahrhundertelang in stiller Einsamkeit da.

Niemand fand die Zeit, die alten Räume, an die sich so viele Erinnerungen knüpften, wieder mal aufzusuchen.

Und am Himmel und auf der Erde konnten die kolossalsten Wunder geschehen - die Mondleute bemerkten davon nichts.

Selbstverständlich hatte man die alten zurückgesetzten Apparate so sorgsam umwickelt und eingepackt, daß sie Schaden nicht leiden konnten.

Auch die Museen und Bibliotheken liefen nicht Gefahr, zu verderben - dafür war gesorgt.

Aber für die Köpfe der Mondleute war weniger gesorgt worden.

Die Führer der Fabrikgrotten nutzten ihre Machtstellung ganz rücksichtslos aus - und gestatteten keine andre Beschäftigung den Mondleuten - als die an dem großen Werke.

Und bald warens volle tausend Jahre, daß die Mondleute so unablässig arbeiteten.

Die Zeit war vergangen - man wußte nicht wie.

Aber da kam es einigen Ratsherren - und besonders dem Knéppara - so vor, als müßte nun notwendigerweise die große Arbeit mal unterbrochen werden.

»Das furchtbarste Gefängnis«, sagte er in der Ratsversammlung, »kann nicht einen so verheerenden Einfluß ausüben - als diese ständige mechanische Tätigkeit. Ich habe diese schlimmen Folgen der großen Arbeit damals vor tausend Jahren vorausgesehen und gefürchtet. Aber Ihr wolltet nicht hören.«

Und Knéppara schlug vor - zehn Jahre zu ruhen.

Auf den Amethystsäulen fand danach wieder eine Abstimmung statt.

Zuhörer wie sonst waren in der Ratsgrotte diesmal nicht da.

Und der Knéppara wurde wieder überstimmt; die Führer der Fabrikgrotten waren der Uberzeugung, daß in guten drei Jahrhunderten alles fertig sein würde - man müßte fest bleiben.

Knéppara setzte es danach bloß durch, daß einzelne Arbeiter jährlich fünfhundert Stunden von der Arbeit befreit werden konnten.

»Ihr seid grausam!« sagte Knéppara - und bat, ihn sofort fünfhundert Stunden hindurch allein zu lassen.

Dem Knéppara ward die Bitte selbstverständlich gewährt; dabei versicherten aber die Führer der Fabrikgrotten mit erhobenen Händen, daß sie nach bestem Wissen und Gewissen handelten - ein Nachlassen in der Arbeit setze das ganze große Unternehmen den größten Gefahren aus.

Und danach suchten sich wieder die Ratsherren durch die kolossalen Weltbilder, die ihnen später beschert werden würden, zu berauschen.

»Dieser Zukunftsrausch«, sagte Zikáll, »hat uns bereits tausend Jahre aufrechterhalten - er wird uns auch über die nächsten drei Jahrhunderte hinweghelfen.«

Und mit diesem Troste flogen die Herren vom Ratskrater wieder eilig davon und nahmen die ihnen zugewiesene Arbeit von neuem in Angriff.

Knéppara aber saß nun hoch oben am Rande des Zinnkraters und starrte die volle, rotglühende Scheibe des Erdgestirns an, das die Moosfelder des Mondes mit weichem Licht erfüllte.

»Diese Erdmänner!« sagte er leise in Gedanken zu den Nachtwinden"wer hätte das vor tausend Jahren gedacht! Heute kümmert sich keiner mehr um die Erdmänner. Wir wissen gar nicht, was sie tun; sie können bereits sämtlich ausgestorben sein - sie können sich auch heute noch gegenseitig totschießen - sie können sich auch gegenseitig aufessen - und dabei ruhig weiterleben - ein anderes Leben. Wer kann das wissen? Wir jagen einem größeren Ziele zu. Und es werden noch drei Jahrhunderte vergehen - bis wir wieder was von dem Leben der Erdmänner erfahren. Vielleicht haben auch sie eine große Revolution erlebt. Vielleicht können wirs nach drei Jahrhunderten gar nicht mehr konstatieren, ob die Erdmänner eine große Revolution erlebten - oder nicht. Vielleicht sind die Folgen der großen Revolution schon wieder verweht. Es ist doch traurig, daß ich von alledem nichts weiß.«

Goldkäfer schwirrten um Knépparas Kopf.

Feine Musik tönte aus dem Zinnkrater heraus - so wie von fernen fernen Gesängen, die weder traurig noch heiter sind.

Die Sterne funkelten.

Und die Erde glühte.

Als dreizehnhundert Jahre nach der großen Revolution auf dem Monde verflossen waren - da saßen alle Mondleute an ihrem neuen großen Riesen-Fernrohr - und sahen die große Welt ganz in der Nähe.

Und was die Mondleute sahen, berauschte sie so, daß sie ganz kopflos wurden - und anfingen, wirre Reden zu führen.

Das schlug dem Faß den Boden aus.

Das war mehr als großartig.

Das spottete jeder Beschreibung.

Das ging über die Hutschnur.

So gewaltig hatte sich keiner die Welt vorgestellt.

Jetzt erst gingen den Mondleuten die Augen auf.

Und die Augen wurden ihnen feucht, und sie fingen an zu weinen - laut zu weinen - vor übergroßer Seligkeit.

Und jetzt bedauerten sie nicht mehr, daß sie ausgeschlagene dreizehn Jahrhunderte rastlos gearbeitet hatten, ohne Auge für die Welt zu haben.

Jetzt durften sie dafür um so mehr Auge für die Welt haben; jetzt konnten sie wieder leben - wie früher - und noch anders.

Und der große Mafikâsu, umgeben von seinen beiden Rasibéffs, hielt eine lange Rede, in der er unter anderem auch bemerkte:

»Wenn die Erde durch den Bleikrater durchsehen könnte, so würde der Mond bloß das Fernglas der Erde sein. Der Mond aber ist jetzt ganz Auge. Das wollte er immer sein - das sagte ich schon vor zwei Jahrtausenden. Vielleicht bilden jetzt Erde und Mond zusammen bloß einen Stern - dann wäre der Mond das große Sehorgan dieses Doppelsterns - und die Erde wäre dann bloß eine Art Ballonbauch. Vielleicht steckt grade in diesem Umstande das Motiv für die schwache Entwicklungsfähigkeit des Sterns Erde. Nun, meine verehrten Weltfreunde, ob dem so ist, wie ich sagte - oder ob dem nicht so ist - das kann uns ja eigentlich ganz gleich bleiben. Aber eines wollen wir heute nicht vergessen: Wir blicken heute die Welt mit den Naturlinsen des Mondes an, und uns muß zum Bewußtsein kommen, daß wir mit denselben Organen die Welt anblicken - mit denen unser Stern die Welt anblickt. Wir sind dadurch mit unserm Stern eins geworden - einig. Und weil wir so ganz eins und einig sind mit unserm lieben Monde - deshalb sind wir so glücklich. Dieses wollen wir nicht vergessen.«

Da ward es still am großen Rohr - und Mafis Worte, die er im Mittelpunkte des Mondes gesprochen hatte, gingen am langen Fernrohr und an den zwölf kürzeren, die zu den kleineren Naturlinsen führten, immerzu auf und ab.

Und die Mondleute begriffen plötzlich, daß sie mit ihrem Stern zusammen ein einziges einiges Wesen bildeten.

Und die Mondleute trommelten nicht auf ihren Ballonbäuchen - sie brachten ihre feierliche Stimmung durch ein langes großes Schweigen zum Ausdruck.

Die Todesgrotten waren jetzt wieder ganz leer, da jeder dabei sein wollte - wenns losging.

Die Benutzung der neuen Apparate begann an allen Punkten zu gleicher Zeit.

Und das war ein großer Augenblick.

Und die Mondleute fühlten, daß sie jetzt viel mehr waren als früher; sie hatten es so weit gebracht, daß es ihnen vorkam, als wären sie viel zu weit gekommen.

Und diese Erkenntnis hob ihre Brust und machte, daß ihre hellblauen Augen leuchteten - und daß ihre Leiber wieder so rot wurden wie glühende Kohlen.

Und was die Mondleute nun durch ihre neuen Apparate sahen - das wirkte so überwältigend, daß den roten Weltbetrachtern anfänglich ganz der Atem wegblieb.

Das kribbelte und wibbelte auf den nächsten Fixsternen von unzählbaren Geschöpfen: da gabs solche, deren Leiber so dünn wie feinste Haare waren - und andre Wesen wieder, die meilenbreite Leiber hatten. Auch solche Geschöpfe gabs, die sich unsichtbar machen konnten - auch solche, die bald klein und bald groß aussahen - auch solche, die mit ihrem Stern fest zusammenhingen, so daß jeder Wurm-Kopf seinen Stern für seinen Unterleib halten konnte.

Und wie sahen erst die Sterne selber aus, die jetzt so zu sehen waren, als schwebten sie ganz dicht neben dem Monde dahin!

In den Nebelflecken gabs eine solche Fülle von neuen nie geahnten Sternformen --

Unzählige Dinge harrten der Aufklärung.

Zunächst wußte niemand, wie er sich dieser Fülle von neuen Erscheinungen gegenüber benehmen sollte.

Es war wirklich zu viel auf einmal.

Und nun wurden auf Knépparas Bitten auch die alten kleinen Kraterteleskope wieder instand gesetzt; sie hatten in den dreizehnhundert Jahren nur wenig gelitten.

Und die alten Museen und Bibliotheken wurden ebenfalls wieder geöffnet; da zeigte sich aber, daß manche Photographie infolge schlechter Verpackung vollkommen verblaßt erschien; auch verschiedene Papierqualitäten hatten sich nicht bewährt.

Doch diese Verluste wurden nicht zu hoch angeschlagen.

Mit großer Neugier ließ Knéppara eine Reihe von Teleskopen auf die Erde richten; er wollte doch zu gerne wissen, was aus den Erdmännern geworden sei.

Und bald wußten die Mondleute, daß die Erdleute nur noch ganz kleine Soldatenscharen unterhielten, die nicht mehr zu großen Kriegen, sondern nur noch zum Schutze gegen die Verrückten, deren es auf Erden nicht wenig gab, gehalten wurden.

»Es ist doch«, bemerkte der eine Klambátsch, »sehr seltsam, daß die Erde so viele Wesen leben läßt, die eigentlich infolge Mangels an Vernünftigkeit nur zerstörend wirken.«

»Der Stern Erde«, bemerkte Knéppara, »gehört zu den ganz abnormen Sternen, die vielleicht in der Welt nur den Beweis erbringen sollen, daß die große Welt auch imstande ist, die größten Dummheiten zu machen - daher das schnelle Absterben der irdischen Kreatur! Von diesem Standpunkte aus war auch das frühere Kriegswesen der Erdleute durchaus entschuldbar. Man sieht nicht ein, warum Kreaturen, die so unvollkommen sind, so ötepetöte mit ihrem Leben umgehen sollen. Das ganze Mordsleben auf Erden erzeugt, wenn mans ohne Mitgefühl von oben herab betrachtet, durchaus komische Effekte. Und wir haben daher wohl ein Recht, den Stern Erde zu den komischen Sternen zu rechnen. Dieser Umstand erklärt wohl mein Interesse für die Erde - mehr als alles andre. Ich liebte wohl unbewußt nur das Komische an ihr. Der Erde würde doch sehr viel fehlen, wenn ihr die lächerlichen Seiten fehlen sollten!«

Und diese Worte des weisen Knéppara erhielten durch die weitere Beobachtung der Erde noch eine ganz besondere Bedeutung; es stellte sich nämlich heraus, daß die Erdleute ihr Gesellschaftsleben recht merkwürdig entwickelt hatten.

Während man früher auf Erden fortwährend von Krieg und Militarismus sprach, lenkte man jetzt alle Aufmerksamkeit auf die Ausbildung der feinsten gesellschaftlichen Umgangsform und schuf dabei ein derartig umständliches Zeremoniell, daß die ganze Jugendzeit der Erdmänner nur mit Erlernung der verschiedenen Anstandsregeln verbracht wurde. Im reiferen Alter gings dann an die praktische Verwertung der erlernten Regeln. Und wer im späteren Alter die Geschichte noch nicht ordentlich kapiert hatte, wurde unter militärischer Bedeckung in eine sogenannte Fortbildungsschule gesandt.

Und die Mondmänner konstatierten bald, daß die Erdmänner jetzt mindestens ebenso lebhaft zu bedauern wären - wie vor dreizehnhundert Jahren.

»Wenn dieses Zeremoniell«, sagte Knéppara, »nicht ein Beweis mehr ist, daß diese Erde zu den komischen Sternen gehört, so weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll. Trotz aller Unappetitlichkeit hat dieser Stern doch so viel Drolliges, daß man ihm beinahe gut sein könnte.«

Die Mondleute lachten herzlich, als sie diese neuen Nachrichten vom Stern Erde kennenlernten.

Traten sich die Erdmänner früher mit Mordsinstrumenten zu nahe, so suchten sie jetzt das Sichzunahetreten durch so viel Zeremoniell zu verhindern - daß der jetzige Zustand mit allen seinen Umständen eigentlich ebenfalls einem permanenten Kriegszustande gleichkam, obschon jeder sich hütete, loszuschlagen.

Loso, der sich meist in den bunten Glasgrotten auflhielt, bemerkte sehr richtig:

»Die Erdmänner wollen den Bewohnern andrer Sterne nur was zum Lachen geben. Wir sollten den Erdmännern für ihre Absicht, die anderen Sternbewohner erheitern zu wollen, dankbar sein. Es wäre schade, wenn wir die Erdmänner nicht gelegentlich ebenfalls beobachten wollten. Wers will, sollte jedenfalls nicht gehindert werden.«

Und es wurden diejenigen, die gelegentlich die Erde beobachten wollten, nicht daran gehindert, aber allzuviel warens nicht.

Der Pflastermann sagte gelegentlich mal:

»Es scheint mir, daß wir gar kein Recht haben, die Organismen der Erdoberfläche für Dinge zu halten, die zur Erde gehören. Es wäre doch möglich, daß die Erde ihre ersten Organismen durch Meteore empfangen hätte. So was sagte schon ein Erdmann. Und wenn dem so wäre, so hätten wir in allen Pflanzen und Tieren der Erdoberfläche nur Fremdkörper zu erblicken, um die sich der Stern Erde gar nicht kümmert - die er einfach duldet, da er weiß, daß sie durch seine Haut nicht durchkönnen.«

Diese Worte gefielen dem Knéppara und dem Zikáll ganz außerordentlich; die Mondvölker aber ließen sich nicht die Zeit, diesen Gedankengang zu verfolgen.

Die kolossalen Ereignisse, die man jetzt durch die neuen Teleskope mit ihren großen Naturglaslinsen im Weltenraume beobachten konnte, nahmen doch alle Aufmerksamkeit fast ganz und gar in Anspruch.

Jetzt erst bemerkte man den überschäumenden, vernichten den Reichtum der Welt - wieviel auch ›zwischen‹ den Sternen war.

Es zeigten sich nicht bloß Kreaturen, die aus so feinen Stoffen bestanden, daß die Luft dagegen wie Goldklumpen wirkte - es zeigten sich auch Eisgeschöpfe und Feuergeschöpfe.

Ganz was Natürliches war es, daß mehrere Sterne ineinander lebten.

Überhaupt: die Einfachheit des Lebens war nur sehr selten zu entdecken - fast alles hatte im Laufe der Zeit sehr komplizierte Formen angenommen.

Und es bedurfte schon eines großen Aufwandes von Scharfsinn, wenn einzelne Erscheinungen ein wenig aufgehellt werden sollten; die neuen Spektralapparate bewährten sich oft ganz gut.

Doch vieles blieb unverständlich.

Gleichzeitig wurde aber eine ganze Reihe von Instrumenten erfunden, mit denen eine Messung neuer Kräfte, die weder zur Wärme noch zur Elektrizität Beziehungen hatten, vorgenommen werden konnte.

Es bot sich überhaupt so viel Neues den Blicken dar, daß es einfach überwältigte und hinriß.

Ganz deutlich wars zu erkennen, daß die Anziehungskraft in den weiteren Fernen des Weltraums nicht mehr existierte und Wärme und Kälte auch nicht.

Die Formen der großen Sterne setzten immer wieder in Erstaunen.

Und die Zahl der Sterne!

Die Zahl konnte auf der ganzen Mondoberfläche nicht geschrieben werden - das war bald sonnenklar.

Die nahe Sonne verblüffte ganz besonders.

Ein derartig mannigfaltiges Leben hatte niemand in der Sonnenglut geahnt.

Das kribbelte und wibbelte.

Und die neuen Museen mit den Welt-Photographien füllten sich immer mehr.

Und jetzt empfanden die Mondleute eine ganz neue Lebenslust in sich.

Und es dauerte sehr lange Zeit, bis einer müde wurde; die Todesgrotten standen anfangs ganz leer.

Und dann lernten die Mondleute, wie sich die Sterne gegenseitig verständigten - und lernten dadurch verschiedene Sternsprachen kennen.

Und das riß hin - mit Gewalt.

Und es zeigten sich Sterne, die mit gewaltigen Sprachorganen einen ungeheuren Lärm machen konnten - und die Stärke dieses Lärms konnte gemessen werden - mit ganz neuen Apparaten!

Es war allen so, als tauchten sie tief tief in das ganze große Weltleben hinein.

Astrale Gestalten sausten oft wie Kometen mit komischen Gliedern durch die nächsten Planeten durch und blieben auch in diesen sichtbar; diese astralen Gestalten bestanden aus ganz besonderen Stoffen, die nur von besonderen Apparaten bemerkt und fixiert werden konnten.

Oft war allen so, als gingen sie unter in all diesem Reichtum - als würden sie verschlungen von der ungeheuren Lebensfülle.

Und zuweilen kams selbst den Führern so vor, als wärs denn doch zu viel.

Das kribbelte und wibbelte überall!

Und die Fülle der neuen Erscheinungen nahm immer mehr zu.

Es war immer mehr - immer mehr - zu sehen und anzustaunen - und zu erklären.

Und die Mondmänner starrten in das Weltleben hinein und waren ganz Auge- ganz Auge.

Und der große Mond wars auch.

»Das kann«, rief Mafikâsu, »niemals aufhören. Und so ist unsre Freude an dieser großen Welt unzerstörbar.«

Die Mondmänner waren selig.

Ihr Stern, der große Mond, drehte sich immerzu weiter um jenen drolligen Stern, der Erde hieß und ein komischer Stern blieb sein ganzes Leben hindurch - in jedem Jahrtausend ohne müde zu werden.

Die Mondleute wurden zuweilen recht müde - aber wenn sies wurden, so schwebten sie zum Pflastermann in die Todesgrotten - und aus denen kamen sie immer wieder mit neuen Lebenskräften heraus.

Und die große Welt blieb voll Lebensrausch - unaufhörlich.

Auch die große Welt schien niemals müde zu werden - immer wieder und wieder neue große Wunder zu offenbaren.

Und die Mondleute lebten in dem unaufhörlichen Leben der Welt - so als wäre das ihr Mondmannsleben.

- Ende -




Immer mutig!


Inhaltsverzeichnis (#ubd2e4fd2-00f4-5166-ad89-e3c73231fef0)

Lichtwunder (#u6e97d1bf-9430-52cb-a94e-713ce6d7b015)

Die wilde Kralle (#u923fb408-9622-522b-befd-4fc5bbd72a51)

Er hatte ... (#u357c6238-d43d-5164-8fd6-5e69f4a9c939)

Der große Kampf (#ufc7f026f-316b-53cd-a628-6531c0a6338c)

Die Kummerlotte (#uffd4b0f8-a009-5690-9569-0f5f6166c2c4)

Noahs Glück (#u8f1b1ef7-05b0-5af7-87e2-a334e6f0d89c)

Nebelsterne (#uf3e6666f-56df-5cd0-9476-1c75a4e75649)

Groß! (#u7f7a1d36-6181-5043-8a23-7bc139eb06ab)

Das harte Rot (#u156aae5e-4a89-550f-bf53-c4212b3db955)

Freunde (#ubb6af74c-bfac-5756-8190-99919ecb9a1b)

Der Weg zur Schlachtbank (#u8947170a-00e9-50b5-88cc-0fa625cf4f6c)

Das neue Leben (#uf02bed7b-9512-5a5b-aef2-ca080f70d6c4)

Wir maken Allens dot! (#u467fe193-3ecd-58cb-8b34-e0dda406a53d)

St. Georg (#u4527c153-6fe9-519c-9e9d-58f33f6c86ee)

Der Mönch (#u6b28e0f8-2b1d-5217-ac31-c0f9d677822f)

Der tote Palast (#u5bde6870-cb16-5839-8b4e-86226898aafb)

Heiliger Klimbim (#u54e0347b-cd58-57b7-8331-170162584e70)

Der grimmige Igel (#u9ee03969-de96-5560-8ae8-8e5e1744357b)

Weltprotz (#ue0a122cf-1e01-5590-bb58-a539ce644dc7)

Ein stiller Abend (#ue96028e1-c474-52c0-b98b-7c1f9d628d8f)

Zahlenglück (#uad8c7bf8-d8f6-5ef2-bac8-f03636d6e4f9)

Der Revolutionär (#u3486c7ab-2c35-5ff6-9337-6663682a2427)

Der höfliche Eremit (#u0a35f68b-6025-571f-8857-fc0c4dc28fcd)

Parademarsch (#u9a13b2da-7a7e-590c-911b-c019378cca81)

Meerglück (#u2737defe-2e61-5154-90e2-1177f62860ab)

Die drei Denkmäler (#u24c54c85-88b1-526f-b059-db8ea6e2f022)

Stille Nacht (#u542fef4c-288e-5789-889a-a4ae98d56801)

Die Nußbaumtorte (#u149b6657-d076-5791-8992-428f9439f041)

Der alte Mörder (#ubd51aeb3-1650-5668-924c-8ae35c4b3165)

Trauermarsch (#ue4c0ddc4-bcca-553e-91d3-e675bfdb32c3)

Zwei Knaben gingen ... (#u070cb232-f5d4-5c28-bf46-438e8f6a3601)

Der Wurm (#ue17dd0f4-579c-5563-b3f8-1063995c116d)

Herbstmorgen (#u34e8d008-b667-53c5-b568-776f23500d0d)

Menschenliebe (#uff2048a5-2817-565a-8cb7-acf83e7205c6)

Die gebratene Ameise (#u8d3a52b3-d0e5-5913-b4ae-08767cb59f74)

Die Helden (#u378e8994-c2c2-53c9-b9b5-60b001835d6d)

Schlechtes Publikum! (#u72fdfb79-22bb-52c4-b33e-e8bfb62de742)

Katta-Kottu (#ub4dfefa5-084f-5a29-8195-87dcf47a0713)

Adlerflug (#u6138aee0-b8f8-5852-894a-53af9f640988)

Der Todesrausch (#u1daaa84e-ec3c-58a3-8df3-190425ba6b4b)

Gerettet! (#ub993d182-744e-5322-a8c7-dcf2dac9510c)

Fritz, der Schweinejunge (#u163338a9-efea-58a9-8efc-ec2b85a79a83)

Zwei Weltenschöpfer (#u2ede63c9-dc13-57b6-a42f-48d48f3dffdb)

Die Welt von Eisen (#ub0f2a3e9-8c03-5e7a-ad2f-eb8aeaaa1c00)

Krebsrot (#ua5f9c33e-6538-5649-bade-903950a0f954)

Der Radaubengel (#ua3fbaf14-7701-571d-9a0f-cd3290070ea3)

Mein Großvater (#u441bb141-b48d-5e0e-9994-ae5cb066cd2d)

Sonnenschein (#ua53492a3-efec-5574-8784-3961f876474f)

Weisheit aus der Kreidezeit (#u680e5a68-1b66-59d6-af44-51394207a266)

Die Befreiung (#u11666332-93b3-5368-b7bc-9bb6dce27063)

Meine Tinte ist meine Tinte (#u67787cec-baa6-5900-9ce8-5379997df560)

Die siebzehn Spitzen oder Das Quadrat des Ellipsoids (#u965f6f52-a30b-553d-986b-0f19efc43dc9)

Das neue Konzerthaus (#ud3ae4934-7ded-5822-a1f2-b3e3c6e29ad2)

Die Butterblume (#u406e4e73-6c5f-5a4f-a2d1-ea910ae49c9f)

Das Knäblein (#u37cc54eb-8594-550e-8282-f06218cb1e50)

Mensch und Tier (#ube5b383c-68cc-520f-bd10-a44518976a6d)

Kuddel-Muddel oder die vielen Rosinen (#u1e301938-5ca5-57f9-9ea0-4fdaebf18b54)

Zart! (#u9c6b1584-2483-5367-a5ce-685349620608)

Leichte Bilder (#ucf0419bd-f011-56f0-b773-49d95977d00e)

Das Märchen vom blauen Hund (#u7802a8a1-eee4-546a-ab4d-92a51c0cfda6)

Der lachende Wolf (#u3b927643-68ca-5f0e-af40-7a313430b674)

Die Roseninsel - Ein Klexmärchen (#u8eff0920-b17c-52c8-9f6a-76b4513e2d52)

Silentium! (#u5b0f000c-f9f3-52e7-8bd3-bc1753e9e660)

Ich lass' Dich nicht los! (#u36642f86-7f2f-5683-9f17-bcdc99747956)

Tief! (#u6318f596-9aeb-5366-a2c4-3b112c2c469f)

Nackte Kultur (#u5b62c17f-25da-549d-bb7b-0a7b4bfe5421)

Heiße Luft (#u3d77de49-101c-5ac7-88f6-744babe7f011)

Lika (#uf5bbef98-9878-5bec-afee-811db2f0772f)

Flausen (#u5faab85e-1dc9-51ac-a28c-84bdf54a0dd0)

Die neuen Storchnester (#u2e116c37-50cf-5aea-b119-d2af7596e269)

Die wilde Hummel (#u30f2eb20-9e5c-5241-b1b2-4ef092539df2)

General von Bax (#uff3a7a82-696f-57ab-8d37-8b8755d0dbf9)

Narr Nero (#u820cbdba-aeae-50d2-940b-bc21da1f9cb0)

Der Triumphator (#u179c9232-9f8a-541d-9c6d-a8977017661a)

Der galante Räuber oder Die angenehme Manier (#ue4ff4e8f-0d35-568e-b937-9fceabce3720)

Die Güter der Erde (#u3d5d0479-f1b7-5035-aa78-a1e40bd20daf)

Die Türklinke (#u6799341c-3181-509c-be58-9f5ee224fea4)

Lachende Giraffen (#u144ac5b4-8bc6-504c-90e7-6379bf8d4d09)

Zu Hause! (#u3693c18e-8643-546f-90ab-ccb2a74a1669)

Kirowátti (#ua8dbc43d-5e2a-50f9-a175-eb72cd96d0b4)

Die blaue Blume (#ud88465c0-4ea4-50f5-8e08-85ab7b0a9a5f)

Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen (#uff262dda-5b61-5185-8537-5e6255a9fb67)


Ich hatte mich verstiegen.

Und das kam mir so selbstverständlich vor.

So mußte es kommen.

Jetzt konnte ich nicht mehr weiter; rauf ging's nicht mehr und runter auch nicht.

Allerdings – runter wär's wohl gegangen – runterkommen kann man immer.

Aber die Sache hatte einen Haken.

Neben mir ging's hinunter in die Tiefe – da hätte ich mich kopfüber hineinstürzen können – doch bei dem Sturz wäre mir wohl der Atem vergangen – und mein Körper wäre wohl zu Brei geworden.

Ich befand mich in einem Gebirge, das aus hartem Stein bestand.

Es tat mir schon leid, daß ich so rücksichtslos immer höher gestiegen war.

Ich starrte die glatte Felswand vor mir nicht sehr geistreich an; in die grausige Tiefe wagte ich nicht hinabzublicken, denn ich glaubte, nicht ganz schwindelfest zu sein.

Und siehe, da hob sich vor mir in der glatten Felswand eine Platte heraus und schob sich zur Seite, und ich erblickte in der entstandenen Öffnung ein kleines Nilpferd, das kaum halb so groß war als ich selbst.

»Na, Onkelchen,« sagte das Nilpferd, »wohin willst Du?«

»Ich habe mich verstiegen!« erwiderte ich traurig.

»Das merkt'n Pferd!« rief da das Nilpferdchen. »Tritt nur näher! Oder – willst Du abstürzen?«

»Nein! Nein!« sagte ich schnell.

Und ich folgte dem kleinen Tier, das eine Lampe anzündete und mich durch einen Felsengang führte ... Nach ein paar Augenblicken stand ich in einem sauberen Felsensaal.

Oben in den hohen, schwarzen Gewölben brannten weiße Ampeln aus Milchglas; Birnenform hatten die Ampeln – die Stengel hingen unten als dicke Schnüre.

Jetzt erst bemerkte ich, daß das kleine Nilpferd, das wie ein Mensch auf den Hinterbeinen ging, einen dunkelblauen Flanellrock anhatte; der ließ nur den Kopf und die vier Füße frei.

»Nimm Platz!« sagte das Nilpferd, und es setzte sich auf einen Schaukelstuhl. Ich setzte mich neben dem großen grünen Ofen auf eine Holzbank.

Eine dunkelgraue Plüschdecke war über den ganzen Fußboden gespannt.

Von Möbeln sah man nicht viel; es schien eine Art Empfangsraum zu sein.

Es war mir aber außerordentlich gleichgültig, wo ich mich befand; ich war müde und abgespannt und durchaus nicht froh über meine Rettung.

»Dir ist wohl nicht ganz wohl!« sagte das Nilpferdchen nach einer Weile.

Und ich erwiderte hastig:

»Wenn das nicht stimmt – dann weiß ich nicht mehr, wie viel drei mal drei ist.«

»Die Antwort,« flüsterte mein Retter, »ist von einer geradezu seltsamen Bestimmtheit.«

Ich starrte den hohen, grünen Ofen an und war stumm wie ein Stockfisch.

Wir hörten im Hintergrunde langsam eine große Uhr ticken und rührten uns nicht.

So mochten wir wohl eine gute halbe Stunde gesessen haben, als das Nilpferdchen leise fragte:

»Hast Du vielleicht ein Manuskript bei Dir, das recht traurig stimmt? Du hast doch sonst immer Manuskripte bei Dir.«

Ich drehte den Kopf langsam um, sah das Nilpferdchen groß an und sagte unsicher:

»Woher weißt Du denn, daß ich sonst immer Manuskripte bei mir habe? Ich muß mich doch wundern.«

Da sprang das Nilpferdchen von seinem Schaukelstuhl auf und hopste im Felsensaal herum und rief laut:

»Er muß sich doch wundern! Er muß sich doch wundern! Daß ein redendes Nilpferdchen ihn gerettet hat – das wundert ihn nicht. Aber daß das Tierchen so viel weiß – das wundert ihn.«

Und dann sprang das kleine Vieh ganz dicht an meine Seite und sprach im tiefsten Baß:

»Ich freue mich ganz eklig, daß Du Dich noch wunderst. Leute, die sich noch wundern können, sind noch nicht ganz tot. Und daß Du noch nicht ganz tot bist, das ist sehr gut. Denn – wärest Du ganz tot, so hätte ich's bedauern müssen, Dich gerettet zu haben; Leichen rettet man doch nicht.«

Ich blickte dem Nilpferdchen ins Gesicht und wunderte mich jetzt, daß es so gut reden konnte. Und ich fragte leise und höflich:

»Was soll ich tun?«

»Gib mir,« antwortete das Tier, »eine Geschichte zu lesen, die recht traurig stimmt.«

Da suchte ich denn in meinen Taschen und blätterte in allen meinen Sachen, schüttelte oft den Kopf und gab dem freundlichen Nilpferd schließlich eine Geschichte, die mir in diesem Falle zu passen schien.

Das kleine Tier setzte sich eine blaue Brille auf, ging mit meinen Blättern wieder zum Schaukelstuhl, ließ sich auf diesem vorsichtig nieder und las:




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